Fluch der Ewigkeit

Kapitel 1

»Wenn ich am Kopfende des Bettes stehe, wird der Kranke nicht mehr genesen. Siehst du mich aber am Fußende stehen, so wird der Kranke gesund, so schwer sein Leiden auch sein mag.«

Die Herrin des Todes und ihr Patensohn

Märchen aus Frankreich

 

10 Jahre später

 

Frau Melzer würde nicht durchkommen, das wusste Verena gleich. Ihre Aura blutete ins Nirgendwo, rötliche Fäden faserten von ihrem inneren Licht ab und verblassten. So sah es kurz vor dem Ende immer aus, wenn die Lebenskraft eines älteren Patienten derart abgenommen hatte, dass sie sich schließlich wie ein ausbrennendes Feuer selbst verzehrte.

Bei der Übergabe an das Pflegepersonal der Frühschicht verschwieg Verena diese Beobachtungen und wies nur auf den schlechten Allgemeinzustand der alten Dame hin. Puls, Blutdruck … Werte, die jede erfahrene Schwester und jeder Mediziner deuten konnten.

Ehe sie den Raum verließ, bettete Verena Frau Melzers Kopf höher, damit ihr der Speichel nicht aus dem Mundwinkel lief. Natalie Melzer legte großen Wert auf ihr Erscheinungsbild und ausgesuchte Kleidung. Einige Kolleginnen lästerten hinter vorgehaltener Hand darüber.

Verena schluckte. Sie spürte, wie sich ihr Kehlkopf verkantete. Dem Tod eines anderen machtlos ins Auge zu sehen war nie leicht. Noch drei Stunden, vielleicht vier, dann wäre es zu Ende. Mit Anbruch des neuen Tages würde ein altes Leben erlöschen.

Verena seufzte und dachte, wie gut es war, dass das erst nach ihrer Schicht passierte. Sie hatte mit ihren Ahnungen bezüglich der Todeszeit oft bis auf die Stunde genau richtig gelegen. Seither tuschelte man über sie im Schwesternzimmer. Todesengel. Verenas Gabe war anderen Menschen unheimlich. Daher teilte sie ihr Wissen nur, sofern noch Hoffnung für einen Patienten bestand und sein Überleben daran hing, dass er rasch die nötige Versorgung bekam. Es war zermürbend genug, Revierkämpfe mit den Ärzten auszufechten, von denen einige es nicht schätzten, wenn eine Pflegekraft nach Höherem strebte. Falls sie je laut aussprach, wie sie ihr befremdliches Wissen gewann, würde man Verena in eine Klinik ganz anderer Art einweisen.

 

Verena hängte den Schwesternkittel in den Schrank, wickelte sich den blaugrünen Schal um den Hals und schlüpfte in ihren grauen Wollmantel. Sie machte sich auf den Weg ans andere Ende der Stadt. Nach Hause, endlich.

Es war noch dunkel draußen. Die frische Morgenluft legte sich wie ein Eispanzer auf ihr seit dem Autounfall lädiertes Knie. Die Kälte schien dort kleine Kristalle zu bilden, die bei rau über den Knochen schmirgelten. Der Schmerz sickerte bei jedem Schritt tiefer ins Gewebe.

Verena erreichte rechtzeitig den Bus und döste neben schläfrigen Frühaufstehern ihrem Bett entgegen. Das war für sie ein gewaltiger Fortschritt. Nur Dank einer langjährigen Verhaltenstherapie hatte Verena gelernt, die tägliche Fahrt in einem geschlossenen Fahrzeug angstfrei zu überstehen. Da Verena Autofahrten hasste, besaß sie weder Führerschein noch Auto und war auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

Zuhause würde sie noch die Kapitel über Gefäßkrankheiten memorieren und endlich in die Kissen sinken. Sie hoffte auf einen ruhigen Vormittag, damit sie neue Kraft schöpfen konnte und für die Vorlesung fit war. Wenigstens begannen bald die Semesterferien, dann wurden Klausuren geschrieben.

Die Welt war für Nachtarbeiter schlecht eingerichtet. Oder passten Leute wie sie einfach nicht hierher?

Verena wollte den Anflug von Selbstmitleid schon als melodramatisch abtun, ehrlich betrachtet, fühlte sie sich aber oft wie ein absonderlicher Einzelkämpfer.

Wenn sie sich dagegen die glatte Karriere von Oberarzt Karden ansah! Der war in den Fußstapfen seines Vaters leicht durchs Medizinstudium gelangt. Verena würde gerne gönnerhafte Platzhirsche wie ihn sehen, wie sie neben der Arbeit in der Klinik noch ein Studium bewältigten.

Dr. Karden hatte Verena heute zu Beginn ihrer Schicht gerügt, weil sie so müde aussah. »Bei Ihnen weiß man ja nie, ob Sie in ein Bett auf Station gehören oder ins Schwesternzimmer. Sie wissen, ich bewundere Leute, die mehr aus ihrem Leben machen wollen, Frau Seiler. Aber sind Sie den Belastungen durch ein Studium wirklich gewachsen?«

Dieser falsche Kerl! In Wahrheit hatte er Verena auf dem Kieker, seit durchgesickert war, dass sie sich weiterbildete, um eines Tages Ärztin zu werden.

So sehr sie Kardens Jovialität auch verabscheute, sie konnte es sich nicht leisten, ihn zum Feind zu haben. Deshalb behielt sie ihre Meinung für sich. Wegen ihrer Gabe war Verschwiegenheit für Verena ohnehin zur zweiten Natur geworden.

 

Mit asthmatischem Keuchen stieß der Bus die Tür auf, die Verena in den jungen Tag entließ. Vorsichtig, um nicht zu stolpern, setzte sie die Füße auf die Stufen des Ausstiegs.

Ein Stück weiter breiteten sich die nebelumflorten Wiesen des Blankenrainer Parks mit dem kleinen Waldstück aus. Ein erleuchteter Fußgängerweg, Promenade genannt, führte um den Park herum. Ein Kaninchen hoppelte übers morgengraufahle Grün, und seine Fährte zog einen silbrigen Streifen ins nasse Gras. Es war gesund und trächtig, wie das warme Orange um sein Fell verriet, das typisch für wachsendes Leben war.

Die Auren von Tieren waren einfach zu lesen und für Verena auf Anhieb zu erfassen, aber in denen von Menschen konnte sie sich verlieren. Deshalb hatte sie gelernt, ihren zusätzlichen Sinn die meiste Zeit zurückzunehmen und die Informationen auszublenden, damit sie nicht von der Fülle an Eindrücken erschlagen wurde.

Verena träumte einen süßen Moment lang, dem Kaninchen übers Grün hinterherzujagen, nur ein paar sorglose Minuten. Aber das Knie tat nach der ereignisreichen Nachtwache weh.

Sie seufzte und rückte den Schulterriemen der Tasche zurecht, ehe sie auf die Promenade einschwenkte.

Die Gegend erschien zu dieser frühen Stunde wie ausgestorben und die Laternen am Weg unterstrichen das übrige Dunkel. Verena ertappte sich dabei, wie sie beim Gähnen die Augen immer ein wenig länger geschlossen hielt. Als es in den Holunderbüschen raschelte, die den Pfad einfassten, wurde Verena stocksteif. Dann zwitscherte eine Amsel ihr Morgenlied. Verena atmete auf und setzte ihren Weg fort.

Der Pfad rückte näher an den Wald. Verena fröstelte und beeilte sich. Aber ausgerechnet an dieser Stelle hatte jemand ein Trinkgelage veranstaltet. Verena musste Glasscherben und Bierflaschen auf dem Boden ausweichen. Das brachte sie direkt an das Drängelgitter heran, das Radfahrern den Zugang zum Park erschweren sollte.

Prompt verhakte sich ihre Tasche an einer Metallstrebe des Gitters und sprang auf. Der Riemen spannte sich und Verena geriet aus dem Gleichgewicht. Sie prallte mit dem Hüftknochen gegen die Eisenstange. Au, verdammt!

Sie befreite die Tasche und merkte, wie ihr Atem schneller ging, wie immer, wenn sie sich gefangen glaubte. Bei dem Gitter verschmolzen die Lichtkreise zweier Laternen und leuchteten jede Einzelheit aus. Verena konnte bis in den Wald sehen und bemerkte dort einen seltsamen Ast. Sie erstarrte, und ihr Herz jagte los. Das war kein Holzstück, das da aus dem kahlen Rhododendron ragte, sondern ein menschlicher Arm!

»Hallo?« Brauchte jemand Hilfe? Instinkt und Pflicht stritten kurz miteinander, dann machte Verena widerstrebend ein paar Schritte darauf zu. Ihre Sneaker sanken in die feuchte Wiese ein. Nach einigen Metern blieb sie stehen. Kein Zweifel, dort lag ein Arm.

Eine leise Stimme in ihrem Inneren wollte ihr weismachen, es sei nur der Teil einer Schaufensterpuppe, die Spaßvögel am Waldrand versteckt hatten. Aber Verenas Gabe enthüllte die grausige Wahrheit. Im Zwielicht erkannte sie deutlich die olivgrüne Aura von frischen Leichenteilen. Tiefer im Gebüsch schimmerte ein Torso. Und dahinter schien ein Fuß …

Verena schluckte, um den Kloß im Hals loszuwerden. Sie hatte in der Klinik eine Menge Tote gesehen, und im Studium beim Präp-Kurs einen Leichnam seziert. Meistens sahen Verstorbene entspannt aus – gelöst und irgendwie entrückt, nicht nur für ihre geschärften Sinne. Das hier aber war vollkommen anders. Die Körperteile lagen zwischen den Bäumen und Büschen verstreut wie Glieder einer zerrissenen Puppe.

Kam das Keuchen von ihr?

Ihre besondere Wahrnehmung suchte die fehlenden Stücke, die zuvor ein lebendes Wesen gebildet hatten. Ein Rest ihres Bewusstseins registrierte, wie sich die feuchte Luft auf ihrem Mantelkragen niederschlug, und versuchte, den stechenden Geruch nach Fäkalien und Blut auszublenden.

Etwas knackte tiefer im Gesträuch. Verena zuckte zusammen. Ihr Blick blieb an einer Schleifspur auf der taugetränkten Wiese hängen. Dunkle Abdrücke im Schrittabstand. Die einzelne Fährte endete an einem Gebüsch.

Die Erkenntnis traf Verena wie ein Schlag: Es führte keine zweite Fußspur zurück. Der Mörder lauerte vielleicht noch hier irgendwo.

»Oh Gott!« Ihr Magen zog sich zusammen. Sie war allein mit einer Bestie in Menschengestalt! Verena wünschte sich in den Kaninchenkörper: flink davonspringen und Deckung suchen.

Sie drehte um, steif und wie vor den Kopf geschlagen. So schnell es das marode Knie erlaubte, eilte sie zum Weg zurück, während sie gleichzeitig nach ihrem Telefon tastete. Vergeblich. Hatte sie das Handy etwa beim Drängelgitter verloren? Immer wieder verhakte sich ihr Fuß im feuchten Gras, aber jedes Knistern von altem Laub und dünnen Zweigen trieb sie vorwärts. Kein Gedanke mehr an Zuhause. Sie musste fort, unter Menschen, sich in Sicherheit bringen … Die Überlegungen wirbelten durch ihren Kopf, und sie konnte kaum Schritt halten mit diesem Karussell.

Vor dem Verlassen der Parkanlage warf sie einen Blick über die Schulter zurück. Da schälte sich eine Silhouette aus den Büschen. Ehe Verena genauer hinsehen konnte, trugen ihre Füße sie wie von selbst zwischen parkende Autos hindurch und über die Straße. Als sie sich das nächste Mal gehetzt umdrehte, war auch die Gestalt untergetaucht.

Gepresst stieß Verena den Atem aus. Sie eilte weiter, fort vom Park. Sie hielt nicht mehr an, um sich umzusehen, aber sie richtete all ihre Sinne hinter sich. Ihre Schritte dröhnten auf dem Asphalt, doch da war ein fremdes Schlurfen. Verenas Hand schloss sich um eine kleine Dose mit Pfefferspray. Die andere suchte immer noch das Handy. Mist!

Ein Stück die Straße hinunter lag ein Kiosk, der möglicherweise schon geöffnet hatte! Ein Stück hinter ihr schlug etwas gegen eine Stoßstange. Im Vorbeihetzen schaute Verena in den spiegelnden Autoscheiben nach ihrem Verfolger. Ein vager Umriss zeichnete sich im Glas ab. Blaue Blitze zuckten um die Gestalt. Unwillkürlich versuchte Verena, die Aura zu deuten und übersah dadurch die Bordsteinkante. Als sie das steife Bein zu hart aufsetzte, drang der Stoß bis in den Kiefer. Schlagartig wechselte das Knie vom Sand-im-Gelenk-Gefühl zur Phase Glassplitter über.

Verena zischte schmerzerfüllt. Ihre Finger stahlen sich automatisch zu der wehen Stelle. Eine Sekunde verharrte sie, die Hand schützend um die Kniescheibe gelegt. Sie spähte zurück, dann nach links und rechts.

Aber da war nur Dämmerung, in die sich allmählich der Sonnenaufgang schlich. Verena hatte die Gestalt aus den Augen verloren. Auf dem Bürgersteig konnte sich kein Angreifer verbergen, und vor ihr lag die Straße offen.

Wo versteckst du dich?

Die Ampel an der nächsten Kreuzung schaltete von Rot auf Grün. Das fahle Leuchten erinnerte Verena an die Aura der zerfetzten Leiche, und sie unterdrückte ein Würgen. Sie hastete weiter, an einem Abbruchhaus vorbei und schließlich um eine Ecke. Nirgendwo ein Licht, alle Leute schliefen noch.

»Internationale Presse« stand in abblätternden Buchstaben an der Wand des Kiosks am Ende der Straße, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Der Rollladen über dem Tresen war geschlossen. Auf dem Bordstein vor dem Geschäft lag ein aufgeplatztes Zeitungspaket. »Lumpensammler-Morde ohne jede Spur«, überflog Verena im Vorbeihasten.

Hier würde sie keine Hilfe finden. Sie war auf sich allein gestellt.

Wieder nahm sie hinter sich eine flüchtige Bewegung wahr, mehr das Huschen eines Tieres als eines Menschen. In der Ferne ratterte ein Zug durch den anbrechenden Tag. Neuer Plan! Verena lenkte ihre Schritte zum Bahnhof. Höchstens fünf Minuten Gehweg. Selbst wenn kein Zug fuhr, wartete dort zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Taxi. Verena biss die Zähne zusammen. Im Eilschritt überquerte sie das Kopfsteinpflaster.

Sie entfernte sich immer weiter von ihrer Wohnung, doch das war ihr recht. Verena konnte nicht riskieren, den Verfolger zu ihrem Zuhause zu führen. Allmählich geriet sie außer Atem. Zu den Stichen im Knie, die in rascherer Folge durch das Gelenk schossen, kam ein dumpfes Drücken im rechten Fuß, den der Unfall zehn Jahre zuvor zerschmettert hatte. Es fühlte sich jetzt an, als stecke er in einem viel zu engen Schuh.

Verena sog tief die Morgenluft ein. Sie hatte wie durch ein Wunder das Unglück überlebt, das ihr die Familie genommen hatte, und sich zurück ins Leben gekämpft. Sie hatte die Unterbringung bei den strengen Pflegeeltern überstanden. Die Angst, dass man sie wegen ihrer Gabe für einen Freak hielt, ertragen — eine Angst, die bisher jede Beziehung zerstört hatte. Und sie würde auch die Begegnung mit dem Lumpensammler für sich entscheiden – denn wer sonst könnte für die Leiche im Park verantwortlich sein?

Eine Woge von Energie beflügelte sie.

Zum Bahnhof ging es rechts. Verena bog ab und erkannte noch im selben Moment ihren Fehler.

Zierkirschen säumten die Straße zum Bahnhof. Blankenrain war stolz auf diese Alleen. Sie boten im Sommer viele schattige Parkplätze. Aber im Augenblick waren all die Bäume für Verena finstere Säulen, hinter denen sich wer-weiß-was in die Schatten schmiegen konnte. War der Verfolger überhaupt noch an ihr dran oder hatte sie ihn abgeschüttelt?

Wie zur Antwort stürzte etwas um und rollte scheppernd durch den grauen Morgen. Sie riskierte einen Blick: Eine Mülltonne. Die kippten nicht von alleine um. Verena ballte die Fäuste. Sie durfte um keinen Preis umkehren, sonst lief sie dem Mörder direkt in die Arme.

Kurzentschlossen hinkte sie auf den Mittelstreifen, um so viel Abstand wie möglich zu den düsteren Straßenrändern zu gewinnen.

Ängstlich schaute sie sich um. Ihr Verfolger duckte sich weg, aber für einen Augenblick konnte sie ihn deutlich erkennen. Kein streunender Hund, sondern ein Zweibeiner. Bis auf die bläulichen Funken erschien seine Aura matt und kränklich.

Verena lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie legte trotz des wummernden Knies noch einen Schritt zu. Das wunde Gelenk rieb aufeinander, darunter schien rohes Fleisch zu liegen. Der Fußknochen fühlte sich an, als würde er durchbrechen. Sie hielt das Tempo und setzte den Fuß mit der Außenkante auf, um beides zu entlasten. Die halbe Strecke zum Bahnhof war geschafft. Aber die Zeit rannte ihr davon und der Verfolger kam näher.

Zuerst war das Pfefferspray dran, um den Angreifer zu verwirren. Dann musste sie improvisieren: Schlüsselbund, Fingernägel. Dabei konnte ihr Wissen über verwundbare Stellen am menschlichen Körper nützlich sein.

Verena bereitete sich auf eine Konfrontation vor, als sie ein unerwarteter Schwall süßer Aromen einhüllte.

Natürlich. Es machte in Verenas Kopf regelrecht Klack!, und sie drehte sich auf dem gesunden Bein geschmeidig um.

Ein Durchgang führte in den Hinterhof einer Bäckerei und von da aus direkt in die Backstube. Wie Verenas Nase zweifelsfrei feststellte, arbeitete dort zu so früher Stunde bereits jemand.

Ihre Schritte verstummten wie abgeschnitten, während sie sich über den unbefestigten Boden zur Tür vorkämpfte. Sie keuchte auf, als ein federnder Ast ihren Nacken berührte und ihr Herzschlag trieb sie weiter, auf die Tür und den Lichtstreifen am Ende des Durchlasses zu.

Verena machte sich nicht die Mühe zu klopfen, sondern drehte den Knauf und trat ins helle, warme Licht. Drei mehlbestäubte Angestellte sahen sie verblüfft an.

»Ich brauche Hilfe«, erklärte sie atemlos. »Es ist ein Notfall!«

 

Kapitel 2

 

Gazette: Blutbad im Park

 

Küstennachrichten: Lumpensammler schlägt wieder zu

 

Hernberger Rundschau: Rätselhafte Mordserie geht weiter

 

Blankenrain — In den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages entdeckte die 23-jährige Verena S. im Stadtpark von Blankenrain den grausam zugerichteten Körper eines Helmstädter Geschäftsmannes. Die Polizei schließt einen Zusammenhang zu den anderen Morden im Landkreis (wir berichteten) nicht aus.

Sucht der wegen seiner angeblich abgerissenen Erscheinung im Volksmund Lumpensammler genannte Serienmörder nun auch im beschaulichen Blankenrain nach Opfern?

Über die genauen Hintergründe der Tat gibt es noch keine Informationen. Wir ermitteln in alle Richtungen, so der Polizeipräsident.

 

Gazette: Ihm (Rainer D.) konnte auch Schwester Verena nicht mehr helfen

 

Abendbote: Nachtschwester findet zerstückelte Leiche

 

Wie erst nach Redaktionsschluss bekannt wurde, arbeitet Verena S., die gestern früh auf dem Heimweg wortwörtlich über eine Leiche stolperte, als Krankenschwester in der Klinik von Blankenrain. Nachdem sie auf die Überreste von Rainer D. stieß, rief sie, eigenen Angaben zufolge, umgehend die Polizei. Trotz eingeleiteter Großfahndung konnte im Park niemand angetroffen werden. Lesen Sie weiter im Innenteil.

 

Gazette: Nichts Neues im Park-Mord

 

Die Behörden wissen auch nach drei Tagen nichts Neues mehr zu berichten. Langsam erkaltet die Spur. Verena S., die angeblich so couragierte Krankenschwester, weigert sich mit der Presse zu sprechen. Hat sie etwas zu verbergen? Oder hat die junge Frau mehr gesehen, als sie zugeben möchte? In unserem Interview mit Bäckermeister Horn erfahren wir, wie er die Nacht des Mordes erlebte …

 

Ein leises Klirren. Verena, die sich hinter einer Zeitung auf dem Sofa vergraben hatte, schreckte hoch.

»Scht, alles in Ordnung«, meinte Martina. Sie stellte die Porzellantasse auf dem Glastisch ab und hinterließ eine mittlere Überschwemmung. »Ich dachte mir, eine Tasse Tee wäre jetzt genau das Richtige für dich.«

»Danke, Tina!«

»Ich verstehe nicht, wieso du dir das antust.« Tina wies auf den mit Zeitungen übersäten Tisch. »Die schreiben jeden Tag mehr Unfug über dich. Nun haben sie sogar ein Foto von dir aufgetrieben. Nicht mal ein Schmeichelhaftes.«

»Das war gestern schon bei Facebook.« Verena zuckte die Achseln. »Von den lieben Kolleginnen geteilt.« Auf ihr Handy, das sie in jener Nacht so verzweifelt gesucht hatte, war sie schließlich ganz unten in der Tasche gestoßen. Nun war der Akku so gut wie leer, weil sie sich die Unruhe vertrieben hatte, indem sie jede aktuelle Mitteilung online verfolgte.

»Nun lass doch mal gut sein. Denk an was Schönes!«

»Irgendwie muss ich mich ja beschäftigen«, erklärte Verena. »Die Klinik hat mich freigestellt. Ab nächster Woche sind Semesterferien, aber zum Lernen hab ich echt grade keinen Kopf. Eigentlich will ich von der Sache nichts mehr hören. Aber das ist wie mit einem lockeren Zahn. Man wackelt und wackelt mit der Zunge …«

»Die verbreiten nur Gerüchte, weil es über den Lumpensammler sonst nichts zu berichten gibt. Wenn du die Gazette zusammenrollst, kannst du glatt Blutwurst daraus machen.«

»Ja, bei dem Schmalzanteil in der Promi-Parade sogar eine recht gehaltvolle.«

Sie lachten. Verena, die bislang ihre Finger an der Tasse gewärmt hatte, zog Tina jetzt neben sich auf das Sofa. Die Freundin erstrahlte regelrecht in einem gelben Licht, das Verena als gesund zu deuten gelernt hatte.

»Danke«, wiederholte sie, »für die Einladung, ein paar Tage bei dir zu verbringen, bis das Schlimmste vorbei ist.«

»Na hör mal!«, wehrte Tina ab. »Das war selbstverständlich. Du hast doch sonst niemanden. Und die Polizei wollte dich ja nicht in Schutzhaft nehmen.«

»Schutzverwahrung«, sagte Verena mit gespieltem Vorwurf. »Tja, leider bin ich keine Kronzeugin aus einem amerikanischen Krimi. Ich hatte halt nur das Pech …«

»… über eine Leiche zu stolpern«, zitierte Tina. »Stell dir den Rummel vor, wenn du zu Hause geblieben wärst.«

»Ich will dich da nicht reinziehen. Es könnte gefährlich werden.«

In den Zeitungen war ein Phantombild des Verdächtigen abgedruckt, das kaum mehr hergab als ein paar glühende Augen in einer Kapuze, die in einen zerfetzten, weiten Mantel überging.

Verena nickte in Richtung des Bilds. »Der sieht alles andere als freundlich aus.«

Jetzt war es Tina, die empört dreinblickte. »Hey, du hast doch ausgesagt, dass du niemanden gesehen hast. Außerdem ist dieser Lumpensammler nur hinter Männern her.« Tina befreite sich aus Verenas Griff und deutete in den Raum. »Und, sind hier irgendwelche Männer? Unter dem Tisch? Im Schrank? Oder etwa im Schlafzimmer?«

Tina sah einen Moment lang traurig aus. Das gelbe Licht um sie flackerte. Dann stemmte sie eine Hand in die mollige Hüfte. »Da ist es doch gut, dass ich keinen Lover hab. Wir beide sind völlig sicher.«

Verena schluckte. In Wahrheit hatte sie bei der Polizei ausgesagt, dass ihr jemand gefolgt war, den sie für den Mörder hielt. Die Beamten hatten sie jedoch angewiesen, aus ermittlungstechnischen Gründen über dieses Detail zu schweigen. Sogar Tina gegenüber. Man hatte ihr angeboten, sie unter Polizeischutz zu stellen. Aber der Gedanke an eine Zelle im Polizeirevier oder das wochenlange Eingesperrtsein in der eigenen Wohnung, war Verena unerträglich.

Lieber verkroch sie sich bei ihrer einzigen Freundin und schaute mit ihr jeden Abend romantische BBC-Kostümfilme auf Netflix.

In einem jedoch lag Tina goldrichtig: Die vier bisherigen Opfer des Lumpensammlers waren allesamt Männer und ungefähr doppelt so alt wie sie gewesen. Angeblich folgten Serienmörder doch einem festen Schema. Trotzdem wurde Verena das unheimliche Gefühl nicht los, dass mehr hinter den Morden steckte. Vor allem, weil eine Aura, wie die ihres Verfolgers, ihr nie zuvor untergekommen war.

Eine wachsende Unrast verdrängte die Erinnerung. Sich im winzigen Appartement ihrer Freundin zu verstecken, war eine Sache. Den ganzen Tag wie eine Klette an Tina zu kleben, eine andere. Weil sie Verena nicht alleine lassen wollte, hatte Tina alle Verabredungen abgesagt. Verenas Lust auf neue Kontakte hielt sich in Grenzen, vor allem, wo ihr Bild gerade durch die Presse geisterte.

»Heut Abend gehe ich arbeiten!«, verkündete Verena. Es wurde Zeit, dass sie auf andere Gedanken kam.

»Hast du dir das gut überlegt?«

Verena lächelte. Normalerweise war sie die Besonnenere. »Natürlich. Außerdem ist mein Handy-Ladegerät noch in der Klinik.«

»Dann fahre ich dich hin. Und zurück nimmst du ein Taxi!«

Tina fuhr so übervorsichtig, dass Verena sich in ihrem Auto halbwegs sicher fühlte. »Ja, Mama

Sie lachten beide. Die Stimmen fingen sich unter der Decke und hallten von den Wänden wieder. Das Echo klang eigenartig dünn, als spotte jemand über sie. Beinahe hätte Verena sich umgedreht, um zu sehen, ob irgendwer hereingekommen war. Plötzlich war ihr nicht mehr zum Lachen zumute.

 

 

Verena zog den Pullover aus. Sie hängte das Mobiltelefon ans Ladegerät und streifte den Schwesternkittel über. Endlich wieder auf Station. Es roch nach Desinfektionsmitteln, Plastik von den Abdeckhauben der Abendbrotteller, dazu ein Hauch von Schweiß und krankem Mensch. Der vertraute Krankenhausmief. Während der Nachtschicht herrschte in der Klinik eine eigentümliche, fast beruhigende Atmosphäre, als färbe der Schlaf der Patienten auf das Personal ab. Und Ruhe war genau das Richtige für ihre überreizten Nerven.

Verena ging zum Schwesternzimmer, einer Insel des Lichts inmitten abgedunkelter Zimmer. Bestimmt würde sie eine Kollegin antreffen. Tatsächlich blickten Mila und Katja überrascht hoch, als sie eintrat. Ärzte pflegten anzuklopfen, ehe sie das Refugium betraten.

»Sieh an, unsere Berühmtheit«, bemerkte Katja spitz. »Aus dem Rampenlicht zurück an die Bettpfanne.«

»Verena, was tust du denn hier?«, fragte Mila. »Wir haben das von dir gehört.« Ihre Haut zeigte für Verenas zusätzlichen Sinn einen Grauschleier. Mila musste gerade aus der Raucherpause gekommen sein, weil der Graustich sich einige ungetrübte Atemzüge später bereits auflöste.

»Ich wollte mich nützlich machen. Mir fällt die Decke auf den Kopf«, erklärte Verena.

»Wir haben hier alles im Griff!«, betonte Katja und schob das gebrauchte Geschirr zusammen. »Aber der Warteraum der Ambulanz ist voll.«

Mila nickte. »Es gab einen Notfall auf der U6, und mit nur einem verantwortlichen Arzt auf Station stapeln sich die Patienten. Willst du vorher noch ein Tässchen?«

Verena schüttelte den Kopf. »Danke, ich mach mich gleich auf den Weg.« Blauer Dunst und schwarzer Kaffee, das trug die Pfleger durch jede Nachtschicht. Sie wollte nicht wissen, was manche der Ärzte einwarfen, um die anstrengenden Dienste durchzustehen. Bereitschaftsdienste, Rufdienste, oder wie jetzt die Verantwortung für eine ganze Station und die Notaufnahme, forderten ihren Tribut.

Verena würde nie verstehen, wieso ausgerechnet Leute im Medizinbetrieb derart Raubbau am eigenen Körper betrieben. Vielleicht fühlten sie sich durch den Kontakt zu Krankheit und Tod vor Schaden gefeit. Oder sie waren einfach abgebrühter.

Im Wartebereich eine Treppe tiefer empfing Verena starker Alkoholgeruch, und das war gewiss kein Desinfektionsmittel. Die Stuhlreihen der Ambulanz bildeten ein U, in einer Glaskabine am offenen Ende des Hufeisens nahm ihre Kollegin Gerti Personalien und Krankengeschichten auf. Zwei Männer sahen aus, als hätten sie mit Brauereipferden gerauft. Ein älterer Herr saß mit seiner Tochter oder Schwiegertochter daneben und schnaufte. Für Verenas inneres Auge wirkten die Beschwerden seiner verschleppten Bronchitis nicht sonderlich gefährlich. Ein wenig abseits wartete eine Frau. Sie hielt sich den linken Arm, gebrochen war er allerdings nicht.

Verenas sechster Sinn lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Pärchen, von dem der Alkoholgeruch stammte. Der Mann hockte ungelenk auf dem für ihn viel zu niedrigen Stuhl und schob die Beine ruhelos vor und zurück. Doch es war seine Partnerin, die Verena beunruhigte — ihre Aura, die einen gesunden Menschen sonst wie ein Strahlenkranz im Gegenlicht umflorte, war verschoben. Die Linie um ihren Körper wies in Schädelhöhe einen feinen Riss auf.

Beim Anblick von Verenas Kittel wetterte der Betrunkene los. »Wo bleibt denn der verdammte Doktor? Wir warten schon über eine Stunde!« Verena musste jemanden auf den kritischen Zustand der Frau aufmerksam machen. Um den Mann nicht noch mehr aufzubringen, schlüpfte sie rasch in die Kabine.

»Hallo!«

Gertis Augen weiteten sich überrascht. »Verena! Oh Mann, gut, dass du da bist. Ich mach mir Sorgen, dass der Kerl gleich randaliert. Heute Abend stürmen die Leute hier rein, als gäbe es Freibier.«

Prompt kam Bewegung in die Menge. Köpfe ruckten hoch, Körper spannten sich. »Herr Doktor!«, rief der Betrunkene mit schwerer Zunge und kämpfte sich auf die Füße. »Kommen se schnell. Meine Frau ist die Treppe runtergefallen und jetzt hat se wahnsinnige Schmerzen.«

»Immer mit der Ruhe«, drang eine Stimme vom Gang, die leider sehr nach Dr. Karden klang. »Ich seh mir eben die Papiere an.« Der Arzt öffnete die Tür zum Glaskasten, doch der Betrunkene war überraschend flink. Noch ehe Karden in das Büro schlüpfen konnte, hatte der Mann ihn schon am Kittel gepackt.

»Es is dringend, Herr Doktor. Die wird verrückt vor Kopfweh.«

Verenas Blick flog zu der benommenen Frau. Sie kauerte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihrem Stuhl, und der Riss in der Aura war in dem kurzen Moment, seit Verena die Ambulanz betreten hatte, länger geworden. Wütend pulsierte ein rötliches Strahlen um die Fissur.

Eine abwehrende Geste von Dr. Karden lenkte Verenas Aufmerksamkeit wieder auf die Männer in der offenen Kabinentür. »Wenn Sie ausfallend werden, helfen Sie Ihrer Frau auch nicht«, bemerkte er gerade und griff nach den Krankenblättern. Die Hand des Betrunkenen glitt vom steif gestärkten Arztkittel wie ein totes Gewicht. »Ich mein doch nur – tun se was!«, sagte er hilflos.

Karden wich vor der feuchten Aussprache des Mannes zurück. Er wäre beinahe in Verena gelaufen, ohne sie wahrzunehmen. »Wir kümmern uns gleich darum. Aber es gibt dringendere Fälle, Herr …«

»Noviak.«

Erst mal abwiegeln. Das war typisch Karden. Verena äugte noch einmal zu der Verletzten hinüber. Der aufgelösten Frau liefen die Tränen herunter und Verzweiflung und Schmerzen sprachen aus ihrer gesamten Haltung. Verena wusste, dass die lautesten Patienten nicht immer die dringensten Fälle waren, sondern oft umgekehrt. Sie räusperte sich leise.

»Soll ich alles zum Röntgen vorbereiten?« Sie bemühte sich um einen neutralen Tonfall, um nicht eigenmächtig zu erscheinen. Sonst musste am Ende die Patientin unter ihrem Vorpreschen leiden. Karden war in diesen Dingen eigen und brachte es fertig, das genaue Gegenteil des Vorgeschlagenen zu tun, nur um zu zeigen, wer das Sagen hatte.

Der Arzt blickte Verena an, als sähe er ein Gespenst. »Frau Seiler«, sagte er mit gespitzten Lippen. »Was machen Sie denn hier?«

»Ich bin eingesprungen, weil so viel los war!«

Kardens Blick sengte eine Brandspur durch den Raum, und Gerti schüttelte rasch abwehrend den Kopf. »Ich hab niemanden angefordert!« Entschuldigend sah Gerti Verena unter niedergeschlagenen Lidern an.

Nun genoss Verena Dr. Kardens ungeteilte Aufmerksamkeit. »Sie haben keine Berechtigung mehr, hier zu sein, Frau Seiler. Das wissen Sie doch.«

So schlimm konnte es wohl kaum sein, wenn sie mal freiwillig zum Dienst erschien. Bei Kardens nächsten Worten jedoch wurde Verena zunächst heiß und dann eiskalt.

»Seit Sie in diese unselige Mordgeschichte verwickelt wurden, geht hier alles drunter und drüber«, sagte er, als wäre sie mit Absicht einem Mörder in die Quere gekommen.

Verena fühlte, wie sie errötete. »Wenn ich erklären …«

»Wir müssen schließlich an die Patienten denken, Frau Seiler. Deren Wohl ist oberstes Gebot, das verstehen Sie gewiss.« Er hob die linke Hand, spreizte Daumen und Mittelfinger und strich sich geziert die Brauen glatt. »Ihre Anwesenheit stört entschieden die betrieblichen Abläufe. Obwohl wir Sie freigestellt haben, wimmelt es tagsüber von Reportern. Dies ist eine Klinik und kein Hühnerhof. Gestern erst ist ein aufdringlicher Boulevard-Schnüffler bis ins Schwesternzimmer vorgedrungen. Hat Fragen gestellt, über Sie.«

Verena war sprachlos über so viel Dreistigkeit. Aber was konnte sie dafür?

Karden blinzelte. »Ich bedauere, dass Sie es auf diesem Wege erfahren …«

Gar nichts tut dir leid, dachte Verena. Sie ahnte, worauf das alles hinauslief, fand vor Empörung jedoch keine Worte.

Der Arzt bürstete ein Staubkorn von seinem Ärmel. »Sie verstehen sicher unsere Lage. Der Betriebsrat hat der Kündigung zugestimmt. Da Sie nur über die Zeitarbeit angestellt sind, ging das fix. Das entsprechende Schreiben hätte längst …«

Verena schluckte. Natürlich. Ein Brief der Vermittlerfirma wäre an ihre Postadresse gegangen. Und die Sendungen der vergangenen Tage hatte sie noch nicht abgeholt, weil sie keine Verbindung von ihrem Zuhause zu Tinas Wohnung herstellen wollte. Außer Rechnungen und Werbebriefen bekam sie sowieso nie Post, und die konnten, weiß Gott, warten.

»Ihren Resturlaub bekommen Sie voll ausbezahlt. Ich bin sicher, eine andere Institution …«

Verena hasste sich selbst für das, was sie nun tun musste. Sie musste betteln. Und das ausgerechnet bei Karden. »Aber ich bin auf die Stelle angewiesen, um mir das Studium zu finanzieren. Wenn ich jetzt nach einem neuen Job suchen muss, kann ich die Klausuren vergessen.« Sie brauchte die Semesterferien zum Lernen und Geld verdienen. Und nun sollte sie sich in der knappen Zeit die Hacken bei der Arbeitssuche ablaufen. Das war unfair!

»Die Entscheidung habe nicht ich gefällt«, stellte Karden klar. »Entschuldigen Sie mich nun, es warten Patienten!« Er hob die Krankenblätter wie einen Schild vor die Brust.

Verena warf einen letzten Blick auf die zusammengesunkene Frau im Warteraum. Sie hörte ihr Weinen bis hierher.

»Gut, ich verschwinde«, sagte Verena. »Nur eins noch: Wir waren fachlich nicht immer einer Meinung, Doktor. Aber bitte sehen Sie sich Frau Noviak genauer an. Ich vermute, sie hat eine schwere Gehirnerschütterung, vielleicht sogar einen Schädelbruch.«

Kardens Mund verzog sich abschätzig. »Wer saufen kann, der muss auch die Folgen tragen. Im Übrigen bin ich ausgebildeter Arzt mit Berufserfahrung, und Sie nur eine Pflegekraft. Von einem fachlichen Austausch auf gleichem Niveau kann also keine Rede sein.«

In Verena kochte es. Ihr Kreislauf hatte auf heiß geschaltet. Die Magensäure brannte bis an ihrem Gaumen. Befeuert von gerechtem Zorn stieß Verena nur einen Satz hervor: »Wir werden ja sehen, was die Presse zu Ihrer Behandlung von Notfällen sagt.«

»Passen Sie auf. Wenn ich wollte, setzten Sie keinen Fuß mehr in ein deutsches Krankenhaus. Dann können Sie Ihr Glück im Ausland versuchen Haben wir uns verstanden, Frau Seiler?«

Verena versteifte sich. Ihr wurde noch heißer. Die Wände des gläsernen Kastens rückten näher und näher. Sie spürte, wie ihre Stirn feucht wurde, und hörte ihr Herz pochen. Karden beäugte sie misstrauisch. Er kannte die Anzeichen einer Panikattacke. »Ich hoffe, Sie machen mir hier jetzt keine Szene. Also gut …« Er winkte Gerti. »Bringen Sie die Patientin zum Röntgen. Und Ihnen noch einen schönen Abend, Frau Seiler.«

Verena eilte aus der Glaskabine, ehe ihr die Kehle zu eng für den nächsten Atemzug wurde. Sie unterdrückte ein Würgen, obwohl die Übelkeit sich mit Krakenarmen in ihrem Unterleib ausbreitete. Verena flüchtete in den Flur und vorbei an den Türreihen durch die schmale Pforte, vor der sich die Nikotinabhängigen trafen.

An der frischen Luft ging es ihr gleich ein wenig besser. Sie brauchte Bewegung, wollte sich die Wut aus dem Leib rennen. Wild rauschte das Blut durch ihre Adern.

Verenas Zukunft stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Wie sollte sie das alles bewältigen? Sie geriet regelmäßig mit Ärzten aneinander, weil ihre Gabe ihr Einblicke verschaffte, die genauere Diagnosen ermöglichte als ein MRT. Aber sie hatte sich auch einen zuverlässigen Ruf als Pflegekraft erworben. Nun war sie binnen kürzester Zeit zu trauriger Berühmtheit ganz anderer Art gelangt. Der Vernichtungsschlag aus dieser Richtung kam unerwartet!

Sie ballte die Fäuste. Verfluchte Klatschpresse! Verdammter Lumpensammler. Hätte sie den Toten bloß nie entdeckt! Verena schluckte und fühlte sich scheußlich egozentrisch, weil sie ihre eigenen Probleme höher stufte als den schrecklichen Mord. Aber das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Und die anstehenden Klausuren waren einfach zu wichtig, um sie auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die kühle Nachtbrise klärte ihre Gedanken und trieb die drückenden Sorgen auseinander wie Regenwolken. Sie ging weiter, langsamer jetzt, über den erleuchteten Gehweg, vorbei am Parkplatz, der außerhalb der Besuchszeiten verlassen dalag.

Die Lichter des Klinikkomplexes verschwanden hinter ihr und endlich drang eine Wahrnehmung durch Verenas abflauende Panik. Sie hörte Tritte von schweren Schuhen. Sofort schlug ihr das Herz bis zum Hals. Ihr Verfolger? Instinktiv lief sie schneller. Aus purer Gewohnheit hatte Verena bei ihrem aufgebrachten Abgang den gewohnten, kürzeren Weg an der dunklen Cafeteria vorbei zur Bushaltestelle eingeschlagen. Die offene Haltestelle war alles andere als eine Zuflucht und im hellen Schwesternkittel war Verena leicht auszumachende Beute.

Sie zwang sich stehenzubleiben. Die Schritte verklangen augenblicklich. Verena ging ein Stück weiter. Wie ein schleppendes Echo kehrten die Fußtritte zurück.

Jemand war hinter ihr her. Und das Handy hing noch am Ladegerät neben ihrem Spind. Verfluchte Scheiße, wenn etwas schiefging, dann gründlich!

Verena blickte sich hektisch um, konnte in der Dunkelheit aber niemanden ausmachen. Das Geräusch verstummte.

»Hallo?«, fragte sie in die Schwärze hinein, weil sie sich nicht grundlos ängstigen wollte. Vielleicht war es nur ein Pfleger. Ein einsamer Spaziergänger – oder Reporter. Wo blieb die Meute, wenn man sie mal brauchte? »Suchen Sie mich?« Ihre Stimme trug weit in der Nachtluft.

Es kam keine Antwort, nur ein leises Rascheln, als hätte sich jemand tiefer in ein Gebüsch gedrückt. Wer immer da war, zog es vor zu schweigen.

Verena sammelte alle Kräfte. Also gut.

Den Lauten nach zu urteilen, war der Verfolger mindestens zehn Meter zurück. Verena knöpfte im Gehen hastig den Kittel auf. Hinter den vorspringenden Ästen der ausladenden Kiefer vor ihr würde der Unbekannte sie einen Moment lang aus den Augen verlieren. Eine bessere Gelegenheit gab es kaum. Verena zog den Kittel aus. Sie hängte das helle Oberteil in eine Berberitze am Weg. Dann schlug sie sich seitlich in die Büsche.

Für denjenigen hinter ihr sah es hoffentlich so aus, als wäre sie erneut stehengeblieben.

In Wahrheit huschte Verena geduckt in Deckung der Anpflanzungen über den Rasen zurück Richtung Klinik. Immer wieder stoppte sie und sicherte nach allen Seiten. Der Kittel hing wie ein Gespenst zwischen den dornigen Zweigen.

Verena hatte endlich die Cafeteria erreicht, als sie sich ein letztes Mal umsah. An der Stelle, wo sie den Kittel zurückgelassen hatte, nahm sie eine schattenhafte Gestalt wahr. Wild flatterten die Ärmel des Kleidungsstücks, und es sah beinahe aus, als tanze der Verfolger damit … Verena riss sich von dem Anblick los und steuerte direkt auf das Pförtnerhäuschen zu, das 24 Stunden am Tag besetzt war. Den Rest ihrer Sachen konnte sie morgen bei Tageslicht abholen. Jetzt würde sie beim Pförtner die Polizei alarmieren und sich ein Taxi bestellen.


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Linda Budinger wollte Schriftstellerin werden, seit sie lesen konnte, und war wild entschlossen, Kindheit und Jugend mit dem Sammeln literarisch verwertbarer Erfahrungen in Theorie und Praxis zu verbringen. Tatsächlich ist ihr Werk daher ähnlich vielseitig wie ihre (Lese-)Interessen.

Raiko Oldenettel über seinen historischen Thriller Die Leichenzeichnerin

Worum geht es in deinem historischen Thriller Die Leichenzeichnerin?

Das kommt auf den Leser an. An der Oberfläche geht es sicherlich um den Ersten Weltkrieg, die Rolle einer Künstlerin in der angebrochenen Weimarer Republik, um Ehre, trockenes Brot und auch um Verlust. Aber es geht auch tiefer hinein in die Ohnmacht nach der deutschen Niederlage, die Verbitterung in den Herzen der Hinterbliebenen, um einen Zwischenzustand bei Leben und Tod, der die ganze Gesellschaft zu der Zeit ergriffen haben mochte. Sprich: Das volle Paket der ersten Zwischenkriegsjahre. Dort hinein habe ich Minna ersonnen.

 

Wie würdest du Minna, die Hauptfigur, beschreiben?

Minna ist für mich ein Sinnbild des Jahrhundertwechsels. Eine junge Frau, die sich von den Regeln ihres strengen Elternhauses loslöst, sich als Künstlerin beweisen möchte und Berlin für sich im Alleingang erobert. Sie ist mutig, ein wenig vorlaut, aber immer mit vollem Herzen dabei. Mit ihr könnte ich über Nitzsche und Freud streiten, aber auch eine Kneipenrunde durch die Gassen machen.

 

Du schreibst düster und stimmungsvoll – wie erweckst du die besondere Atmosphäre deines Romans zum Leben?

Beim Schreiben ist mir der Abstand wichtig, auch zu mir selbst. Die meisten Romane schreibe ich in einer Art andauernder Trance, aus der ich mit einer gewissen Scheu erwache. Ist das gut? Habe ich das so richtig eingefangen? Je länger ich in diesem Zustand bin, je dunkler es draußen wird, desto eher fange ich auch die urmenschlichen Gedanken von Angst und Schrecken ein, die ich so gerne an meine Figuren weitergeben möchte.

 

Wie hast du dich beim Recherchieren und Schreiben in die turbulente Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückversetzt?

Das habe ich wahrscheinlich nicht aktiv getan, sondern Jahre vorher durch mein Studium mitbekommen. Ein besonderes Kapitel war für mich seit jeher die Beschreibungen der männlichen Künstler an der Front des Ersten Weltkriegs. Otto Dix, Max Beckmann, Franz Marc und August Macke – ihre schriftlichen und skizzierten Bilder von den neuen Ereignissen eines völlig industrialisierten Krieges waren albtraumhafter, aber lehrreicher Stoff. Insgesamt habe ich mich mehr als zehn Monate am Stück mit den Tagebüchern, Tageszeitungen und Bildern auseinandergesetzt, um ihr Handeln und Denken zu verstehen. Das Jahr darauf, 1919, war für mich ein gefühltes und kein erklärtes. Ich bewegte mich also intuitiv vorwärts, in eine ruinöse Situation hinein.

 

Was macht für dich das Jahr 1919 in Deutschland aus? Welche Ereignisse, welche Stimmung prägt dieses Jahr?

Zweifelsfrei ist es die Politik, die den Ton in der Zeit angab. Für mich jedoch kommt immer nur ein Ereignis auf Platz Eins: Die Spanische Grippe. Eine Pandemie, die im Buch einen prominenten Platz bekommt und die in ihren Ausmaßen heute nur wenigen bekannt ist. Verständlicherweise steht der Erste Weltkrieg als mehrjähriger Krieg mit traurigen Verlusten aller Beteiligten über dieser. Nur, wie kann es sein, dass unser kollektives Gedächtnis den Tod von 50 Millionen Leuten zwischen 1918 und 1920 so runterspielt? Ist es, weil eben ein Krieg vorherrschte und danach noch einer? Ist es, weil es so schnell ging und die Krankheit ein Mysterium bleibt? Die Besonderheit der Spanischen Grippe, dass eben Männer zwischen 20 und 40 Jahren ihr am häufigsten zum Opfer fielen, macht sie für mich auf makabre Weise interessant. Mein Dank gilt hier der verstorbenen Größe Oliver Sacks, ohne den ich niemals davon gehört hätte.

 

Minna ist fasziniert von toten Körpern und bannt sie auf Papier. Wie kamst du auf diese ungewöhnliche Idee?

Mit siebzehn Jahren besuchte ich, damals noch von der Idee selbst Künstler zu werden beseelt, die anatomische Wachs-Ausstellung im La Specola in Florenz. Seitdem lässt mich die Verschränkung von Medizin und Kunst irgendwie nicht mehr los. Ästhetik und Tod, Tabus und Regelkorsett – als ich Minna das erste Mal vor Augen hatte, war sie für mich eine Grenzgängerin, die ihren Kollegen die Schau stehlen wollte. Aber das reichte mir nicht. Minna brachte ein dunkles Geheimnis mit sich, das sie wahrscheinlich in besseren Kreisen angekommen Kopf und Kragen kosten würde. Dieses Geheimnis teilten zunächst nur wir beide und das macht natürlich paranoid. Ein wunderbares Gefühl, um ihr bei ihrem ungewöhnlichen Handwerk beizuwohnen.

 

Wie lange hast du an Die Leichenzeichnerin gearbeitet?

Ungefähr anderthalb Jahre. Mit Auf und Abs, Hin und Hers, dem Üblichen und dem Besonderen.

 

Sind die Schauplätze deines Romans fiktiv? Oder sind reale Schauplätze dabei und hast du diese auch besucht?

Keiner meiner Orte ist real, bis auf eben Berlin. Das gesamte Breitbachtal ist für mich ein Destillat aus meinen kindlich-jugendlichen Faszination von Wäldern und Bergen, einer Prise erwachsener Angst vor engstirnigen und überstolzen Menschen, sowie den Erinnerungen der Künstler, von denen ich so viel las.

 

An welchem Ort oder an welchen Orten ist der Roman entstanden?

Die Idee des Romans war letztlich aus meiner Arbeit an einem Katalog für eine Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld geboren. Mit aller Macht haben mir die Biographien der Künstlerinnen für „Einfühlung und Abstraktion: Die Moderne der Frauen in Deutschland“ vor Augen gehalten, wie blind ich bis dahin gewesen war. Hatte ich die Männer im Vordergrund, eben an der Front, unter die Lupe genommen, wusste ich nur wenig über die Künstlerinnen zwischen 1900 und 1930. Die Biographien sind atemberaubend. Das Schicksal kann so viele Wege gehen. Mit Paula Modersohn-Becker, Hannah Höch, Jeanne Mammen, Gabriele Münter … ich könnte so viele nennen und werde es hoffentlich noch tun. Geschrieben habe ich stets an nur einem Platz: Meinem Schreibtisch. Kataloge, Notizbücher und Zeichenstifte in Reichweite.

 

Zu guter Letzt: Hast du eine Fortsetzung geplant?

Das kommt auf Minna an. Wenn sie eines Tages bei gewitterschwerem Wetter an die Schranken meines Verstandes anklopft und mir von einem grausamen Verbrechen erzählt, das nur unserer Aufklärung harrt, würde ich ihr unbesehen hinaus in den Regen folgen …

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Raiko Oldenettel wurde 1986 in Ostfriesland geboren und wuchs inmitten friedlicher Natur und weiter Strecken auf. Mit dem Studium verschlug es ihn fernab der Heimat nach Trier und durch die Fächerwahl Japanologie und Kunstgeschichte noch ferner nach Tokyo, wo er für ein Jahr lebte. Seit seiner frühen Jugend begleiten ihn das Schreiben und Erfinden neuer Welten, angestachelt durch das Bücherregal seiner Eltern. Zwischen Fantasy, Krimi und Science-Fiction pendelnd entstanden so seine ersten Werke. Derzeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in Bielefeld, wo er mit seiner kleinen Autorenfamilie den Zauber des Schreibens und Lesens weiterträgt.

Niemand wird dich hören

Stuttgart, Juni 2018Eva Geßner schreibt seit ihrer Kindheit. Auf die Frage nach einem Schlüsselerlebnis, mit dem die Leidenschaft des Geschichtenerzählens für sie ihren Anfang nahm, nennt sie den Plot und die Bilder von Jeff Waynes War of the worlds. Diese hatten sie als 10-Jährige so verängstigt, dass ihr Vater zur Beruhigung schnell eine Gegengeschichte mit freundlichen Außerirdischen erfand. Vater und Tochter spannen diese zusammen weiter und schrieben sie auf. Die daraus entstandene Freude am Schreiben begleitet sie bis heute: „Ich hatte schon lange vor, ein Buch zu schreiben. Seit der Uni. Aber da ich zwischen fünf und sieben Uhr morgens nicht kreativ sein kann, wurde jahrelang nichts draus.“ Nun aber ist es gelungen und der entstandene Thriller Niemand wird dich hören überzeugt mit konsequent aufgebauter Spannung und abgründigen Charakteren.

Download Pressemitteilung: PM 06-2018_dp_Digital Publishers_Niemand wird dich hören

Jahrelang hat sie sich nicht an den Tod ihrer Schwester erinnert. Jahrelang hat sie keine Fragen gestellt. Doch nun wird sie in ihren Albträumen verfolgt. Der packende Thriller von Eva Geßner blickt tief in die Abgründe der menschlichen Psyche und fesselt die Leser ab Mitte Juni 2018 bei dp DIGITAL PUBLISHERS. 

Eva Geßner über ihr neues E-Book

Worum geht es in deinem Buch Niemand wird dich hören?

Es geht um Vergangenheitsbewältigung und darum, dass Verbrechen und Traumata nicht nur ein Leben, sondern gleich das mehrerer Generationen in einer Familie zerstören und beeinflussen können. Und nicht nur innerhalb der Familie. Im Roman beeinflussen die Verbrechen der Elterngeneration ja auch Außenstehende, wie den Kommissar oder die Sekretärin.

Mir war es aber wichtig, trotz allem einen Ausweg anzubieten und aufzuzeigen, dass es gelingen kann Geheimnisse und Lügenkonstrukte aufzudecken, egal wie lange sie schon schwelen. Das hilft dann zwar den Opfern von damals nicht mehr unbedingt, aber für das eigene Leben hat es eine enorme Bedeutung, endlich die Wahrheit zu kennen.

 

Auf dem Cover sehen wir einen blauen Schmetterling. Hat er für die Geschichte eine besondere Bedeutung?

Ja klar, aber das wird nicht verraten!

 

Wahrheit und Lüge sind tragende Themen in deinem Buch. Kann man diese überhaupt klar voneinander trennen?

Nein, kann man nicht. Bei Nachrichten zum Beispiel ist es immer wieder schwierig, die Fakten von den Fakes zu trennen, zumal letztere ja auch zu einem bestimmten Zweck in die Welt gesetzt werden. Das gleiche erlebe ich auch im Privaten, wenn Wahrheiten vertuscht oder gebeugt werden, um selber in einem besseren Licht dazustehen. Im schlimmsten Fall werden absichtlich Lügen verbreitet, um jemandem zu schaden. Da den Überblick zu behalten ist oft schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Nicht einmal auf sein eigenes Gedächtnis kann man sich verlassen, das ist ein sehr unpräziser Begleiter.

Dabei lehrt die Erfahrung, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu verschleiern oder zu manipulieren. Meistens kommt die Wahrheit ja doch ans Licht, wenn auch vielleicht mit erheblicher Verspätung. Es spielt auch keine Rolle ob wir von politischen Machenschaften, Wirtschaftskriminalität oder Missbrauch sprechen. Irgendwann kommt der Moment, an dem jemand sein Schweigen bricht oder sich plötzlich wieder erinnert und dann fliegt einem der ganze Mist um die Ohren. Die #metoo Debatte veranschaulicht das gerade sehr deutlich.

 

Ist es für dich wichtig, aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben? Und welche Vorteile bringt das in einem Thriller mit sich?

Die unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich automatisch aus zwei verschiedenen Handlungssträngen. Da wird abwechselnd mal aus der einen, mal aus der anderen Handlung erzählt und die Cliffhanger, die entstehen, wenn man den Strang wechselt, erzeugen den Spannungsbogen. Ich fand es interessant so zu arbeiten und Kapitel hin und her zu schieben, damit noch mehr Spannung entsteht.

 

In deiner Geschichte mischen sich Elemente aus Krimi und Psychothriller. Wie gelingt da die perfekte Mischung?

In Niemand wird dich hören hat sich eine Mischung mehr oder weniger von selbst ergeben, weil die beiden Handlungsstränge so unterschiedlich sind. Auf der einen Seite habe wir die Thrillerebene von Anna und ihrem Familiendrama, das psychologisch hinterfragt und aufgearbeitet werden muss. Und auf der anderen Seite eine Kriminalgeschichte mit Kommissaren, einem Wirtschaftsverbrecher, einer Leiche. Also eher das klassische „Who done it.“

Aber ob das gelungen ist, können eigentlich nur die Leser beantworten.

 

Ihre Träume geben Anna, der Protagonistin in Niemand wird dich hören, den Anstoß, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Hast du Recherchen zum Thema Träume betrieben?

Ich habe ein paar Bücher und Artikel zum Thema Träume, Symbole und Traumdeutung gelesen. Allerdings ist Annas Traum völlig frei erfunden und assoziiert. Ich glaube, das nennt man dann künstlerische Freiheit :).

 

Es sind keine leichten Themen, über die du schreibst. Legst du beim Schreiben manchmal bewusst eine Pause ein, wenn das Romangeschehen zu düster wird?

Ja, das kommt vor. Vor allem die Recherchen zum Thema Kindesmissbrauch waren erdrückend. Manchmal hatte ich tagelang schlechte Laune und war unglaublich wütend. In solchen Phasen habe ich eher lustigere Szenen, wie die mit den beiden Drohnen-Typen geschrieben, um mich selber wieder aufzuheitern.

 

Gibt es noch etwas, dass du deinen Lesern ans Herz legen möchtest?

Wenn ihr nach Köln kommt, geht ins Durst. Vorausgesetzt ihr mögt dunkle Kneipen mit guter Musik und gutem Whisky.

 

Hast du schon neue Schreibprojekte geplant?

Ja, definitiv. In Planung ist ein Krimi, der 1918 in Köln spielen soll. Ich habe Geschichte studiert und seit einiger Zeit große Lust, endlich wieder mit historischen Themen zu arbeiten.

Außerdem trage ich mich mit dem Gedanken die Protagonisten aus Niemand wird dich hören in ein neues Abenteuer zu schicken.

 

Und welches Buch liest du gerade?

Ich lese gerade den Roman 2666 von Roberto Bolano. Das Schauspielhaus Köln hatte dazu eine zwölfstündige Inszenierung, an der ich leider nicht teilnehmen konnte. Aber der Plot hat mich so fasziniert, dass ich mir das Buch kurzerhand gekauft habe.

Außerdem ist mir vor ein paar Tagen wieder mal Pu der Bär in die Hände gefallen. Immer wieder ein großer Spaß.

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Eva Geßner wurde 1968 im Rheinland geboren und wohnt in Köln. Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie bereits als 10-Jährige. Der Plot und die Bilder von Jeff Waynes „War of the worlds“ hatten sie so verängstigt, dass ihr Vater kurzerhand eine Gegengeschichte mit freundlichen Außerirdischen erfand, die die beiden zusammen weitergesponnen und aufgeschrieben haben.