Mordsmäßig angefressen

Kapitel 2

„Ihr habt was?“

„Einen Mord beobachtet“, wiederholte Finn, und hätte er seine Augen noch weiter aufgerissen, wären sie ihm vermutlich aus dem Kopf gesprungen.

Emily zog eine Grimasse und stellte sich wieder vor ihn. „Also, eigentlich haben wir die Tat an sich nicht gesehen, aber wir haben beobachtet, wie sie die Leiche weggeschafft haben.“
Ungläubig öffnete ich den Mund, bevor ich wiederholte: „Ihr habt was?“

Finn wechselte einen Blick mit meiner Schwester, bevor er laut hörbar murmelte: „Ich glaube, Josh hat ihr das Gehirn rausgevögelt.“

„Ich hätte meine Kamera einschalten sollen“, meinte Emmi verärgert. „Ihr Gesichtsausdruck ist Gold wert.“

Ich ignorierte beide Kommentare. „Sagt mir, dass das ein Scherz ist“, stieß ich hervor.

„Kein Scherz, dein Gesicht ist zum Schießen! Ich schwör –“

„Das mit dem Mord, Emily!“

„Oh, das. Nein, das ist unser voller Ernst“, stellte sie klar und hielt mir ihren Finger ins Gesicht, um besagte Ernsthaftigkeit noch einmal zu verdeutlichen. „Wir haben die Leiche genau gesehen! Na ja, also nicht genau, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass da Blut auf den Boden getropft ist.“ Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Obwohl es schon sehr dunkel war und die Gestalten etwas weiter weg … aber ich gucke Fernsehen! Ich weiß doch, wie es aussieht, wenn man einen toten Körper in einen Teppich einwickelt.“

„Es war kein Teppich“, sagte Finn und schüttelte den Kopf. „Es war eine Decke.“

„Du warst doch komplett high!“, meinte Emily und zeigte ihm den Vogel. „Es war ein Teppich und er war rot. Oder blau. Vielleicht auch gelb, aber das hätte auch das Licht der Laterne sein können.“

„Ich war nicht high! Wir haben erst danach einen geraucht, aber du hast, während wir da waren, immer nur diese schwarz-weißen Pferde angestarrt. Du hast der Leiche nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.“

Zebras, Finn! Sie heißen Zebras. Und du vergisst, dass ich die scheiß Kamera gehalten habe, ich habe genau …“

„Leute!“, unterbrach ich sie laut, bevor noch mein Gehirn platzte. „Ihr redet wirres Zeug. Was habt ihr wo und wann gesehen? Und warum geht ihr damit nicht zu Josh?“

Finn kratzte sich am Kopf. „Nun, es gibt da ein paar Kleinigkeiten, die die Sache verkomplizieren“, gab er zu.

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Weil sie illegal sind“, erklärte er irritiert, so als hätte mir das klar sein müssen.

„Nur ein bisschen illegal“, meinte Emmi, eine Hand auf ihre Brust gelegt. „Du hattest immerhin einen Schlüssel, Finn.“

„Einen Schlüssel, den ich geklaut habe“, gab er zu bedenken.

„Geliehen“, korrigierte Emily ihn.
„Ich habe ihn verloren, ich kann ihn nicht mehr zurückgeben.“

Emily machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Gedanke zählt, Finn!“

Ach du liebe Güte. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und winkte meinem ruhigen Nachmittag hinterher, den ich hastig hinter der drohenden Katastrophe verschwinden sehen konnte.

„Kommt einfach rein“, seufzte ich, packte beide an den Schultern und schob sie zum Eingang, bevor ich um sie herumging und die Tür aufsperrte. „Ihr werdet mir das Ganze von Anfang an erzählen müssen.“

„Eigentlich ist das alles sowieso deine Schuld, Lou“, sagte Emmi vorwurfsvoll, während wir in das kühle Treppenhaus traten. „Wir sind nur deinetwegen in den Zoo eingebrochen!“

„Ihr habt was getan?“ Meine Stimme hallte laut von den gekachelten Wänden wider, und ungläubig wandte ich mich zu ihr um.

„Pscht“, machte Finn und sah mich tadelnd an. „Willst du, dass wir in den Knast kommen?“

Keine Ahnung. Darüber würde ich genauer nachdenken müssen.

„Wir wollten auch gar nicht lange bleiben“, verteidigte sich Emily und lief die Stufen hoch. „Nur ein halbes Stündchen, um genug Material zu bekommen. Und Finn macht da doch sowieso gerade sein Praktikum. Es war also nicht total illegal.“

„Emily, ich glaube, du solltest das Wort illegal noch einmal im Duden nachschlagen, dir scheint dessen Bedeutung nämlich entfallen zu sein!“, fuhr ich sie an. „Was denkt ihr euch dabei, in eine öffentliche Einrichtung einzubrechen?“

„Musst du gerade sagen“, meinte Emily feindselig und blieb vor meiner Wohnungstür stehen. „Du verschaffst dir doch andauernd irgendwo widerrechtlich Zutritt!“

Ja, natürlich. Aber doch nur, um dem Allgemeinwohl zu dienen – und meine Neugierde zu befriedigen. Außerdem log ich mir den Weg durch eine verschlossene Tür. Ich musste keine Schlüssel stehlen. Es war also etwas vollkommen anderes!

„Es ist doch auch nicht wichtig, was wir getan haben“, versuchte Finn die Wogen zu glätten, während ich etwas zu energisch die Tür aufschloss, sodass das Holz bedrohlich knarzte. „Wichtig ist, was wir gesehen haben.“

Oh, da war ich anderer Meinung, aber ich wusste es besser, als auf taube Ohren einzureden. „Was zum Teufel wolltet ihr überhaupt dort?“, wollte ich wissen und stieß die Tür auf.

„Hab ich doch gesagt“, meinte Emily augenverdrehend. „Unser Plan war es, Material zu sammeln!“

Sprach sie absichtlich in Rätseln oder hatte das viele Gras, das sie rauchte, ihr nun endgültig die Fähigkeit genommen, zusammenhängende Sätze zu formulieren? „Material für was, Emmi?“, fragte ich ungeduldig, während ich die beiden kriminellen Unschuldsengel in meine Wohnung schubste und die Tür schloss. Twinky, mein verhaltensgestörter Kater, kam mir entgegen, grüßte mich mit einem lauten Maunzen und ließ sich dann auf den Rücken fallen, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Finn war nur allzu bereit, der Bitte nachzukommen, während ich meine Schwester fordernd ansah.

„Na, Videomaterial für ‚Das geheime Leben der Louisa Manu‘ natürlich“, meinte sie kopfschüttelnd. „Gott, Finn hat recht. Der viele Sex, den du zurzeit bekommst, vernebelt dein Gehirn. Du warst doch mal halbwegs klug.“

Das geheime Leben der Louisa Manu? Ich hatte inständig gehofft, dass sie ihre Idee, eine Art YouTube-Serie über mein Leben zu führen, wieder vergessen hatte. Das erste Video, das sie online gestellt hatte, war furchtbar gewesen! Und es existierte nur noch, weil es absurderweise tatsächlich den Umsatz meines Blumenladens gesteigert hatte. Aber das hieß nicht, dass ich heiß darauf war, mich erneut im Internet lächerlich zu machen! Das bewerkstelligte ich im realen Leben nämlich schon zur Genüge.

„Was hat ein Zoo denn bitte mit meinem Leben zu tun?“, wollte ich irritiert wissen.

Emmi zuckte die Achseln, warf ihr frisch blondiertes Haar über die Schulter und durchquerte mein Wohnzimmer, um sich auf die Couch fallen zu lassen. „Ich wollte dich mit einem Elefanten im Porzellanladen vergleichen und dachte mir, dass es doch ganz cool wäre, das mit einem echten Elefanten zu verbildlichen. Und bei Nacht wirkt das alles so viel dramatischer. Aber der Elefant war nicht sonderlich artistisch und das Porzellan ist immer gleich zerbrochen, sobald wir es über den Zaun geworfen haben, also …“ Sie hob enttäuscht die Schultern.

„Wow“, sagte ich trocken. „Du schmeichelst mir, Emily.“

Meine Schwester klimperte mit den Wimpern. „Ich schäme mich für nichts.“

Das war mir klar. Es war ihre Superkraft.

„Lou …“, unterbrach Finn meine Gedanken. Er strich Twinky ein letztes Mal über den Bauch und stellte sich dann neben mich.

„Ja?“, fragte ich.

„Du hast eine Gurke gefüllt mit Blumen auf deinem Tisch stehen.“

„Ich weiß“, meinte ich erschöpft. „Das hält sie länger frisch.“

„Ach so“, sagte Finn, nickte und ließ sich neben Emily auf die Couch sinken. „Ich dachte, es wäre vielleicht ein Versehen oder so was.“

„Du dachtest, ich hätte aus Versehen Blumen in eine ausgehöhlte Gurke gesteckt?“, hakte ich nach. Nur um sicher zu gehen.

Finn zuckte die Schultern. „Na ja, du hast ganz offensichtlich einen an der Klatsche. So unwahrscheinlich ist das also gar nicht.“

Ich verengte die Augen. „Finn, darf ich dir einen Tipp geben? Für die Zukunft? Wenn du Hilfe von jemandem willst, bezeichne ihn nicht als bekloppt.“

Für einige Sekunden schien er angestrengt über diesen Vorschlag nachzudenken, bevor er nickte. „Okay. Wäre vielleicht mal ein neuer Ansatzpunkt. Aber ich dachte, du stehst drauf, ein bisschen verrückt zu sein. Ich meine, Josh steht drauf, oder nicht?“

Das wurde ja immer besser.

Ich presste die Lippen aufeinander und verengte die Augen, doch bevor ich wütend werden konnte, fiel mir Emmi in die unausgesprochenen Worte.

„Jetzt reg dich nicht darüber auf, Lou. Er hat dich doch quasi als etwas Besonderes bezeichnet und jeder Mensch möchte doch besonders sein, oder nicht?“, sagte sie. „Aber zurück zum wirklich wichtigen Thema: Unsere Filmerei im Zoo wurde am Ende von zwei Gestalten unterbrochen, die eine Leiche weggetragen haben.“

„Schön.“ Ich versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Was für Gestalten waren das?“

„Keine Ahnung. Männer, glaube ich.“

„Oder Frauen“, warf Finn ein.

„Vielleicht war es auch ein Mann und eine Frau. Die eine Gestalt war größer als die andere.“

„Seid ihr sicher, dass es nicht auch zwei Menschenaffen gewesen sein könnten? Ihr wart immerhin im Zoo“, sagte ich trocken.

„Ja, jetzt wo du es sagst“, meinte Finn und nickte. „Wenn sie die richtig gut dressiert hätten … dann wäre das unglaublich klug, oder? Menschenaffen zu benutzen, um eine Leiche wegzukarren? Ihre Fingerabdrücke würde doch nie jemand testen!“

„Das war ein Witz, Finn!“

„Oh.“ Er wirkte beinahe enttäuscht.

Emmi seufzte laut. „Sie kamen auf jeden Fall aus Richtung des Löwengeheges“, erklärte sie, öffnete ihre Handtasche und holte ein silbrig glänzendes Objekt daraus hervor. „Des Löwengeheges, Lou! Sie haben die Leiche bestimmt von den Riesenkatzen zerstückeln lassen. Aber warum machst du dir nicht einfach selbst ein Bild“, schlug sie vor und hielt mir die Kamera hin. „Wir haben das Ganze aufgenommen.“

Meine Augenbrauen flogen in die Höhe und sofort griff ich nach dem Gerät. „Ihr habt es gefilmt? Warum sagst du das nicht gleich?“

„Du warst zu sehr damit beschäftigt, uns dafür anzupflaumen, dass wir etwas Illegales getan haben“, stellte Emily weise fest. „Dabei tun wir das alles nur zu deinem Besten!“

Mhm, schon klar. Sie schadete meinem Ruf, damit mein Laden besser lief. Welch ein schönes Verkaufskonzept.

Ich beschloss, über Emmis verblendete Sicht der Dinge hinwegzusehen, klappte stattdessen die Kamera auf, ließ mich auf den Boden sinken und rief das letzte Video ab.

Das erste Bild zeigte zwei paar Füße und ein verdrecktes 1-Cent-Stück, auf dem man die Zahl kaum erkennen konnte. Inspirierendes Stillleben.

„Ist das Ding an?“, konnte man Emilys Stimme im Hintergrund vernehmen, bevor die Linse nach oben schwenkte und einen fast vollkommen schwarzen Hintergrund einfing.

„Du bist die Regisseurin“, hörte ich Finns gedämpfte Stimme. „Du musst doch wissen, ob die Kamera an ist!“

„Keine Ahnung, ich kann nichts sehen. Außerdem blendet mich dieses rotblinkende Licht total.“

Das Kamerabild wackelte, schwenkte von einer Richtung zur anderen. Straßenlaternen blitzten kurzzeitig auf, nur um dann wieder zu verwischen, bis man schließlich einen schwach beleuchteten Felsen erkennen konnte, neben dem ein dunkles Holzgerüst stand. Die Kamera wackelte stetig weiter, sodass mir beinahe schlecht wurde, während Emmi auf dem Video nuschelte: „Wo sind die ganzen Pavians … oder heißt es Paviane? Pavia? Von denen hätte ich auch gerne eine Aufnahme. Lou und das Wort Affe gehen ja quasi Hand in Hand.“

Ich nahm den Blick kurz von dem kleinen Bildschirm, um Emily und Finn zuckersüß anzulächeln. „Sagt mal“, begann ich langsam und sah zurück zu den immer noch stark schwankenden Aufnahmen, „wart ihr besoffen, als ihr das gedreht habt?“
Stille.
Meine Augen wurden groß und ungläubig öffnete ich den Mund. „Oh mein Gott! Ihr wart wirklich besoffen? Wie soll ich auch nur ein Wort glauben, das aus eurem Mund kommt, wenn eure Wahrnehmung an diesem Abend einen Dreck wert war?“
„Alkoholisiert macht der Zoo nun mal mehr Spaß“, erklärte Emily neunmalklug. „Aber wir haben kaum drei Flaschen Wein getrunken – und Bloody Marys sind ja quasi Gemüse, also … Wir wissen, was wir gesehen haben, Lou. Guck hin, gleich kommt die Leiche!“

Augenverdrehend blickte ich wieder auf das verdunkelte Display, auf dem das Bild so unkontrolliert von einer Seite zur anderen schwankte, dass man das Gefühl bekam, die Kamera sei auf dem Rücken eines tollwütigen Welpen angebracht worden.

„Ey, Emmi, was meinst du: Sind diese Pferde schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen?“

„Es sind Zebras, Finn!“
„Weiß ich doch, aber die Frage ist –“

„Pscht.“

Ein paar Sekunden lang hielt die Kamera still. Sie war in die Ferne gerichtet, und unter einer schwach leuchtenden Straßenlaterne konnte man ein paar hohe Bäume und Zäune erahnen. Doch sie waren viel zu weit entfernt, als dass man sie einem Gehege hätte zuordnen können.

„Hörst du das auch?“, flüsterte Emily zu genau dem Zeitpunkt, als man in den Tiefen der Schatten eine Bewegung wahrnehmen konnte. Da waren tatsächlich zwei Gestalten, die etwas Längliches trugen. Doch sie waren zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Außerdem wichen sie geschickt den Lichtkegeln aus, die die Lampen warfen. Sie trugen Kappen und dunkle Kleidung. Aber dem, was sie schleppten, konnte man weder eine Farbe noch eine genaue Form zuordnen. Das Geschehen war zu weit entfernt, der Weg viel zu düster und die Kamera besaß gefühlte minus sechs Megapixel.

„Das ist voll die Leiche“, hörte man Finn zischen, bevor ein Ruck die Kamera erfasste. Er hatte offensichtlich an Emilys Arm gerissen. Emmi quietschte leise im Hintergrund, bevor ihre hastigen Schritte durch die Lautsprecher drangen. Die Gestalten waren längst nicht mehr zu erkennen, stattdessen sah man mehrere Glasfassaden, das Holzgerüst von vorhin und dann den Boden. Den Boden. Den Boden. Das glitzernde Eichenblatt des Cent-Stücks. Den Boden. Und dann wurde der Bildschirm schwarz.

Ich ließ die Kamera sinken und hob langsam den Blick zu Emily und Finn, die mich erwartungsvoll ansahen.
„Und?“, wollte meine Schwester wissen, während sie mit dem Fuß nervös auf- und abwippte.

Ich räusperte mich. „Lasst mich nur noch mal kurz zusammenfassen: Ihr seid illegal in den Zoo eingebrochen, habt euch ordentlich betrunken und dann im Stockdunkeln beobachtet, wie zwei vermummte Gestalten, die vielleicht männlich waren oder aber auch weiblich oder aber auch zwei sehr große Affen, ein leichenförmiges Etwas weggeschafft haben? War das bevor oder nachdem ihr einen Joint geraucht habt?“

„Davor!“, sagte Emily triumphierend.
„Na, wenn es davor war, dann ist ja alles geklärt. Dann versteh ich gar nicht, warum ihr damit nicht zu Josh oder gleich zum FBI gegangen seid.“

„Weil Josh uns nicht geglaubt hätte und es das FBI nur in Amerika gibt“, sagte Finn dümmlich.
„Oh mein Gott, Finn, das weiß ich!“, fuhr ich ihn an. „Denn dieses Video beweist gar nichts. Außer, dass ihr eine stete Kameraführung für unnötig haltet, ihr nicht die Einzigen wart, die nachts im Zoo umhergewandert sind, und du wirklich lernen solltest, was ein Zebra ist, wenn du als Tierpfleger arbeiten willst!“

„Zebras sind auch nur Pferde, die sich für was Besseres halten“, belehrte mich Finn bissig. „Und es war eine beschissene Leiche, die sie da getragen haben, Lou! Ich weiß, wie die aussehen. Das Ding, was sie geschleppt haben, war schwer und länglich – und was sonst sollte man nachts beseitigen, wenn nicht eine Leiche? Es ergibt absolut Sinn.“

„Der Gegenstand, den sie getragen haben, hätte alles sein können, Finn!“

„Ach ja? Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel …“ Ich verstummte, überlegte, öffnete den Mund – doch mir wollte partout nichts einfallen. „Keine Ahnung!“, kapitulierte ich schließlich. „Aber die Polizei wird aufgrund dieses Videos und den Zeugenaussagen von zwei betrunkenen Verbrechern nicht den ganzen Zoo umgraben.“

„Natürlich nicht“, meinte Emmi und nickte. „Deswegen sind wir ja auch zu dir gekommen.“

„Puh, okay … ich könnte sicherlich einige Überzeugungsarbeit bei Josh leisten, sodass er zumindest mal beim Zoo vorbeifährt, aber –“

„Gott, nein!“, rief Finn sofort und Panik spiegelte sich in seinen Augen wider. „Josh darf nie erfahren, dass ich irgendwo eingebrochen bin! Er würde mich direkt beschuldigen, eine Straftat begangen zu haben.“

„Ihr habt ja auch eine Straftat –“

„Meine Güte, seit wann bist du eine solche Spielverderberin?“, unterbrach Emily mich schnaubend. „Du schläfst mit einem Bullen, nicht mit einem Gesetzbuch. Wir haben nichts Schlimmes getan. Die Tiere haben sich über unseren Besuch gefreut. Also, komm drüber hinweg, dass ich dich als Elefant bezeichnet habe, und konzentrier dich! Wir wollen nicht, dass du mit der Polizei redest, wir wollen, dass du dein Blumendetektivin-Ding abziehst.“

Prustend schüttelte ich den Kopf. „Ich bin in Rente, Emmi. Der Laden läuft gut, ich brauche keine weitere Aufmerksamkeit.“ Außerdem war nach allem, was ich wusste, überhaupt kein Mord geschehen.

„Als ob du des Marketingeffektes wegen auf deine bekloppten Mörderjagden gegangen bist“, sagte Emmi und zeigte mir den Vogel. „Du liebst es, im Dreck anderer zu wühlen. Das ist deine große Leidenschaft. Du bist eine … Menschengärtnerin!“

Ich verdrehte die Augen. „Netter Neologismus, aber ihr habt überhaupt keine Anhaltspunkte. Selbst wenn ich nicht in Rente wäre – es gäbe nichts, was ich tun könnte. Es gibt ja nicht einmal eine Leiche.“

„Nur, weil du die Leiche nicht gesehen hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt“, sagte Finn ernst. „Komm schon, Lou. Vielleicht ist es wirklich nichts. Vielleicht haben unsere Augen uns einen Streich gespielt. Aber was, wenn nicht?“ Dramatisch riss er die Augen auf, bevor er langsam und mit eindrucksvoll tiefer Stimme hinzufügte: „Was … wenn nicht?“

Ich seufzte schwer und sah zwischen meiner Schwester und Mister Clooney hin und her.

Was wäre schon dabei, wenn ich mal beim Zoo vorbeisah? Das Einzige, was mich davon abhielt, war Rispos düstere Miene, die mir augenblicklich in den Kopf sprang, sobald ich daran dachte, wie ich ihm erzählte, dass ich einem möglichen Mordfall nachging. Schon wieder.

Es lief gut zwischen uns. Absurd gut! Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Und wenn ich meine Nase erneut in fremde Angelegenheiten steckte … würde das Josh überhaupt nicht gefallen. Meine von Gott gegebene Fähigkeit, mithilfe von glücklichen Zufällen Mordfälle zu lösen, hatte er bisher weder als legitimes Hobby noch als Marketingmittel anerkannt. Vielmehr war er sehr vorsichtig damit geworden, was er mir über die Fälle erzählte, die er bearbeitete. So als könne ich jederzeit aufspringen und mich auf die Suche nach dem Mörder begeben. Worüber ich zugegebenermaßen schon mehr als einmal nachgedacht hatte. Doch das musste er ja nicht wissen.

Andererseits: Ich würde in den Zoo gehen und mich ein wenig umgucken. Das war wahrlich kein Staatsschutzdelikt. Es erinnerte eher an einen Waldspaziergang. Und der war ja wohl völlig harmlos! Und wenn Emily und Finn dann aufhören würden, mich zu nerven …

„Okay, ich mach’s“, sagte ich, gab Emily die Kamera zurück und stand auf. „Ich fahr morgen mal beim Zoo vorbei und sehe mich um. Aber mehr tue nicht. Also versprecht euch nicht zu viel davon.“

Emmi lächelte breit. „Danke!“, sagte sie. „Ich passe währenddessen auch auf den Laden auf. Ich traue der neuen Mitarbeiterin nicht.“

Ja, da hatten wir etwas gemeinsam. Rebecca, das Mädchen, das ich als Ersatz für Trudi eingestellt hatte, war mir nicht geheuer. Sie war eine ausgebildete Floristin, unfassbar pünktlich und effizient, räumte die Dinge immer an ihren angestammten Platz zurück und verhielt sich allseits höflich. Es war offensichtlich, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte.

„Bei deinem Glück findest du die Leiche innerhalb von zwanzig Minuten. Wahrscheinlich noch mit einer pinken Schleife verziert“, sagte Finn begeistert. „Am besten gehst du morgens. Ich habe die Spätschicht und muss als Praktikant erst um eins antanzen. Du kannst es wie einen Zufall aussehen lassen, damit das Ganze nicht mit Emmi und mir in Verbindung gebracht werden und Joshi mir nichts vorwerfen kann!“ Hörte sich für mich nach einem bombensicheren Plan an. „Versprichst du, Josh nichts von dem Einbruch zu sagen? Bitte?“

Ich pustete mir unsicher die Haare aus der Stirn, nickte jedoch. „Jaja, ist schon gut. Ich verrate nichts.“

Erleichtert nickte Finn. „Okay, super. Apropos Joshi: Jetzt, da du tatsächlich großen Einfluss auf ihn hast, müssen wir planen, wie wir diesen Umstand zu unser beider Nutzen verwenden können.“

„Unser beider Nutzen?“, wollte ich skeptisch wissen.

„Natürlich. Ich habe schließlich dazu beigetragen, dass ihr jetzt zusammen seid, und möchte entlohnt werden!“

„Aha. Stand das im Kleingedruckten des Vertrages, den du mir nie vorgelegt hast? Und wie genau hast du uns zusammengebracht?“

„Nun, ich war es, der vorgeschlagen hat, du sollst wieder mit ihm schlafen – und du hast ja auch auf mich gehört, oder?“, meinte er scheinheilig.

Ich schnaubte. „Du schuldest mir neunzig Euro, Finn, meine Entlohnung ist, dass ich dir noch zwei Wochen gebe, bis du sie mir zurückzahlen musst.“

Er zog eine Grimasse. „Schön, einen Versuch war es wert. Komm, Emmi, wir gehen.“

Emily nickte grinsend. „Danke, Loubalou, aber tu überrascht, wenn du die Leiche findest.“

Das würde mir nicht schwerfallen, denn ich war ziemlich sicher, dass keine Leiche existierte. „Sag mal, Finn“, sagte ich, als ich ihnen die Tür aufhielt. „Warum bist du eigentlich nicht beim Flughafen? Wolltet ihr nicht alle zusammen Mo abholen?“

Finn blinzelte, runzelte die Stirn und schlug sich dann mit der Hand dagegen. „Scheiße! Ich wusste, dass ich was vergessen habe.“ Fluchend rannte er mit Emmi im Schlepptau die Treppe hinunter.

Kopfschüttelnd sah ich ihnen hinterher. Immer, wenn ich fürchtete, ich wäre verpeilt und durcheinander, dachte ich an die beiden – und fühlte mich wie die ordentlichste, strukturierteste Person, die diese Welt zu bieten hatte.


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Hier geht’s zum ersten Fall, zum zweiten Fall und zum dritten Fall für die Ermittlerin wider Willen Louisa Manu.

Baseball Love – Homebase fürs Herz

Stuttgart, April 2018. Manche töpfern gerne. Manche kochen 5-Sterne-Menüs. Andere gehen segeln oder sammeln Münzen. Saskia Louis schreibt und das seit der vierten Klasse. Ob Kurzgeschichten, Songtexte oder Romane im Fantasy-, Krimi-oder Romance-Genre – Schreiben ist ihre Passion. Dafür wird unterwegs zum Festhalten ihrer Ideen alles genommen, was sich irgendwie zum Schreiben eignen könnte: Ganz egal was grad zur Hand ist – Servietten, Flyer oder Toilettenpapier …

Nach ihrer vierbändigen Fantasy-Reihe Das Geheimnis der Götter dürfen sich die Fans der erfolgreichen Chick-Lit-Reihe Baseball Love auf eine Fortsetzung freuen. Im Mai erscheint der sechste Band Homebase fürs Herz, in dem erneut ein Paar die Liebe findet, wenn auch – wie wohl fast immer im Leben – auf Umwegen: Cole Panther möchte eine Ehefrau finden. Jetzt, wo er die Entscheidung einmal getroffen hat, soll alles stressfrei, unkompliziert und natürlich schnell gehen. Seine Zukünftige muss nur ein paar simple Kriterien erfüllen: Sie sollte aus gutem Hause stammen, niedrige Erwartungen an ein gemeinsames Leben stellen – und auf das Wörtchen Liebe verzichten können. Denn Emotionen sind anstrengend und Cole hat genug damit zu tun, seine entfremdete Familie zusammenzuhalten. Tatsächlich wäre es ihm lieber, wenn jemand die lästige Aufgabe, eine Lebenspartnerin zu finden, für ihn übernehmen könnte …

Aber PR-Agentin Savannah wird ihrem Boss bestimmt keine Ehefrau suchen! Ihr eigenes Privatleben ist schon stressig genug. Seit ihrer Kindheit ist sie auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich zu Hause fühlt, und sie hat keine Zeit, sich durch einen reichen Egomanen von ihrem Ziel ablenken zu lassen. Sie braucht jemanden, der ihr beibringt, zu vertrauen. Nicht etwa eine neue Aufgabe. Aber andererseits könnte es eine Menge Spaß machen, Cole Panthers Privatleben durcheinanderzubringen …

Download Pressemitteilung: PM 2018_04 dp_Digital Publishers_Homebase

Saskia Louis – Homebase fürs Herz

Cole Panther, der neue Besitzer der Baseball-Mannschaft Delphies, möchte eine Ehefrau finden – und zwar möglichst stressfrei, möglichst unkompliziert und möglichst schnell. Für den erfolgreichen Businessmann sollte das kein Problem sein – besonders nicht mithilfe der Unterstützung seiner PR-Agentin. Doch Savannah wird ihrem Boss bestimmt keine Ehefrau suchen! Die neue turbulente Liebesgeschichte erscheint im Mai 2018 bei dp DGITAL PUBLISHERS und führt die erfolgreiche BaseballLove-Romanwelt weiter.

Homebase fürs Herz

Kapitel 1

 

Savannah Thomas war ein geduldiger Mensch.

Sie hielt es bis zu drei Stunden in Telefonwarteschlangen aus. Sie fädelte in Seelenruhe den dicksten Bindfaden durch das dünnste Nadelöhr. Sie hörte Mrs. Bernard, ihrer dementen Nachbarin, täglich bei derselben Geschichte zu. Sie erklärte Jake Braker, dem notorischen Womanizer der Delphies, immer wieder aufs Neue, wie man ein Kondom benutzte, aus Angst, er könne an einer Geschlechtskrankheit verrecken. Und erst letztens hatte sie ihre Q-tips gezählt und zu einem wackeligen Haus zusammengeklebt, als nichts Gutes im Fernsehen gekommen war.

Aber auch Savannah hatte Grenzen. Und eine davon war, wie es so wollte, eine Frau, die sich seit einer geschlagenen halben Stunde nicht abwimmeln ließ, sich anhörte, als habe sie ein weinendes Kind verschluckt und nicht einmal ihren Vornamen kannte!

„… und er sagte doch, dass er sich melden würde!“

„Tatsächlich.“ Savannah bohrte die Spitze ihres Bleistifts so fest in die Schreibtischplatte, dass sie darin stecken blieb.

„Ja!“ Das hysterische Schluchzen der Frau wurde lauter und Savannah sah sich dazu gezwungen, den Hörer von ihrem Ohr wegzuhalten.

„Ich meine, wir haben uns geküsst, ist das denn gar nichts wert?“

„Ich weiß nicht, kommt auf den Kuss an, würde ich sagen.“

„Er war spektakulär! Aber alles, was er mir gegeben hat, ist diese Nummer. Und da müssen Sie doch verstehen, wie mich das aus der Bahn wirft, wenn am anderen Ende eine Frau abhebt. Ich wusste ja nicht, dass Sie seine Assistentin sind.“

„Ich bin nicht seine Assistentin“, stellte Savannah klar und hörte sich dabei womöglich wie ein Hund an, dem sein Knochen weggenommen wurde. Tatsächlich hielt sie es auch nicht für ausgeschlossen, dass sie heute noch jemanden biss, denn Cole Panther hatte ihre Nummer an einen wildfremden Menschen weitergegeben! Schon wieder! Das war das vierte Mal diese Woche. Und es war erst Mittwoch!

„Aber Sie sagten doch, dass Sie für ihn arb-“

„Ja, ich arbeite in seiner Organisation, aber nicht als seine Assistentin“, erklärte sie abgehackt und riss den Bleistift mit Gewalt wieder aus dem Holz. Er brach entzwei und rollte in den Stapel Haftnotizzettel, der den größten Teil ihrer Arbeitsfläche bedeckte.

„Ach so.“ Eine kurze, nachdenkliche Stille folgte, bevor die Frau schniefend fragte: „Aber warum gibt er mir denn dann Ihre Nummer?“

Weil er ein verdammter Feigling ist, der sich nicht mit seinen billigen Verflossenen herumärgern will!

„Er muss wohl die hinteren Ziffern vertauscht haben.“

Hatte er nicht.

„Das ist mein Arbeitshandy.“

War es nicht.

„Und die Nummern der Delphies-Organisation unterscheiden sich nur in ihren letzten Zahlen.“

Taten sie nicht.

„Oh, also meinen Sie, es war ein Versehen?“

Um Gottes willen, nein! Cole Panther tat nie etwas aus Versehen. Denn das könnte ja Spaß machen – und Spaß zerknitterte seinen Anzug.

„Vielleicht könnten Sie mit ihm reden und meine Nummer weiterleiten?“

Savannah biss die Zähne zusammen und stand von ihrem Stuhl auf. „Oh ja, ich rede mit ihm“, versprach sie gepresst und stieß mit ihrer freien Hand die Bürotür auf.

„Das wäre wunderbar.“ Die Frau hatte aufgehört zu schluchzen, was Savannahs Ohren ungemein freute. „Ich würde ihn wirklich gerne wiedersehen. Er war so charmant.“

Mit welchem Cole Panther war die Frau nur ausgegangen? Es gab neunundneunzig Worte, mit denen Savannah Cole Panther beschrieben hätte. Charmant war keines davon. Aber das erste war Arsch und das zweite Loch.

„Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er mich mag“, plapperte die Frau munter weiter.

Savannah verdrehte die Augen, während sie in langen Schritten die Distanz zum Fahrstuhl überwand, hineintrat und auf den Knopf für das oberste Stockwerk drückte. Auch das bezweifelte sie, denn Cole Panther mochte keine Menschen. Es war ihr schleierhaft, warum er überhaupt mit Frauen ausging, wo sie ihn doch allesamt nur zu nerven schienen.

Die Fahrstuhltüren schlossen sich und sie hoffte schon, dass die Verbindung abbrach, aber natürlich hatte sie selbst in der blechernen Büchse Empfang. Gott, sie hätte ja aufgelegt, aber sie war PR-Beraterin und die konnten es sich nicht leisten, einen schlechten Ruf zu haben.

„Er hat mir so viele Komplimente gemacht, den ganzen Abend über. Glauben Sie, er wird noch einmal mit mir ausgehen?“

Super. Genau die Frage, die Savannah nicht hatte hören wollen. Sie hätte die Frau anlügen können, aber sie brachte es einfach nicht übers Herz. Es war ja nicht ihre Schuld, dass Cole Panther ein kaltherziger Bastard war.

„Wissen Sie, ich würde mir nicht allzu große Hoffnungen machen. Mister Panther ist einfach sehr beschäftigt“, sagte Savannah und hatte Mühe dabei, ihre Zähne auseinanderzureißen. „Er … hat zurzeit mit einer schlimmen Geschlechtskrankheit zu kämpfen und erst letzte Woche Hämorriden entfernt bekommen. Nehmen Sie es ihm nicht übel. Er nimmt ständig Schmerzmittel und weiß einfach nicht mehr, was er tut. Er hat gestern sogar seine Haartransplantation vergessen, dabei steht der Termin seit Monaten fest. Ich fürchte, seine gesundheitlichen und beruflichen Verpflichtungen lassen eine Beziehung zurzeit einfach nicht zu.“

So, jetzt fühlte sie sich besser. Wenn Cole je wieder mit Miss Heulsuse sprach, würde sie in die Hölle kommen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das passierte, lag ungefähr bei minus dreitausend Prozent. Savannah machte sich also keine Sorgen.

„Oh, aber warum meldet er sich dann bei einer Dating Seite an?“

Dating Seite?

Savannahs Kinnlade klappte herunter. Cole Panther bei einer Online-Partnervermittlung? Das passte ungefähr so gut wie … ein Haifisch in ein Goldfischglas, die Nazis auf die helle Seite des Mondes oder Donald Trump in einen Friseursalon.

„Ich hab‘ absolut keine Ahnung“, sagte Savannah wahrheitsgemäß. „Keinen blassen Schimmer.“

Mit einem Ping öffneten sich die Fahrstuhltüren. Savannah war so verdattert über die Information, die sie soeben erhalten hatte, dass sie sich mehrere Minuten lang nicht bewegte. Erst als die Türen sich bereits wieder schlossen und die Frau am Telefon Anstalten machte, das Gespräch fortzusetzen, erwachte sie wieder zum Leben.
Eine Dating Seite – das erklärte einiges! Definitiv schon mal die Tatsache, dass sie in den letzten drei Tagen Anrufe von vier heulenden Frauen hatte entgegennehmen müssen, die ihr versicherten, dass Cole Panther die Liebe ihres Lebens sei. Wieso außerdem die halbe Organisation bei ihr durchklingelte, um Nachrichten für Panther Junior zu hinterlassen, war Savannah dennoch schleierhaft.

„Ja, na gut“, wiederholte Savannah, trat aus dem Fahrstuhl und wandte sich nach rechts, zu dem riesigen gläsernen Büro, das einen Ausblick auf das dahinterliegende Baseballstadion gab. „Sie entschuldigen mich, ich habe jetzt einen wichtigen Termin.“

„Oh, natürlich. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Savannah antwortete nicht, sondern legte einfach auf. Sie beschleunigte ihren Schritt, froh darüber, dass sie ihre Schuhe heute ausnahmsweise mal anbehalten hatte. Mit der einen Hand stopfte sie das Handy in ihre Blazertasche, mit der anderen stieß sie ohne Ankündigung die Glastür auf. Sie war wohl etwas zu energisch gewesen, denn die Tür knallte mit einem zufriedenstellenden Klirren gegen die dahinterliegende Glaswand.

Cole Panther saß tief in den Chefsessel gelehnt, die langen Beine ausgestreckt, das Telefon an sein Ohr geklemmt, hinter seinem Schreibtisch. Seine hellblaue Krawatte saß makellos, die schwarzen Haare hielt er für vierhundert Dollar im Monat kurzgeschnitten – Gott bewahre, sie könnten seinen Hemdkragen beschmutzen! – und seinen Dreitagebart stutzte er auf eine respektable, gepflegte Länge. Mit der freien Hand machte er sich Notizen auf einem Block, der mittig auf dem ebenfalls gläsernen und penibel ordentlich gehaltenen Schreibtisch lag. Seine eisblauen Augen fixierten sie fragend, während er unbeirrt weiterredete.

„… drüber gesprochen, Miles. Ich habe das Budget selbst überprüft und bin bereit, bis zu zwei Millionen Dollar nach oben zu gehen. Weiter nicht.“

Savannah funkelte ihn an, überwand die restliche Distanz und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Ja, sie wusste, dass Cole Panther ihr Vorgesetzter war.

Ja, sie wusste, dass er milliardenschwer war.

Ja, sie wusste, dass viele Leute Angst vor ihm hatten.

Aber sie wusste auch, dass Höflichkeit einen im Leben nicht weiterbrachte. Wenn man sich einschüchtern ließ und sich nicht verteidigte, dann war es schwer, aus dem Muster auszubrechen. Und sie würde sich nie wieder herumschubsen lassen.

„Ich bin nicht deine verdammte Assistentin!“, zischte sie.

Cole hob eine Augenbraue, zog ein Taschentuch aus seiner Anzugtasche hervor und wischte langsam den Fettfleck von seiner Arbeitsfläche, den Savannahs Faust dort hinterlassen hatte, während er gelassen in den Hörer sprach.

„Mich interessiert der Weg nicht. Mich interessieren Ergebnisse. Und wenn Sie mich diesmal enttäuschen, Miles, dann werde ich Sie vielleicht aus der Gleichung nehmen müssen. Es ist Ihr verdammter Job, den Preis auf eine respektable Größe zu drücken, die abschließenden Verhandlungen führe dann ich.“

Savannah riss ihm das Taschentuch aus der Hand und ließ es auf den Boden fallen.

„Ich bin nicht deine Assistentin!“, wiederholte sie laut. „Hast du mich verstanden? Würdest du also in Gottes Namen damit aufhören, deinen Freundinnen meine Telefonnummer zu geben?“

Cole hob einen Finger in ihr Gesicht und wandte seinen Kopf ab, während er weiter in den Hörer sprach.

„Sie hören mir jetzt mal zu! Es ist mir egal, wie viele Kinder Ihre Frau bekommen hat. Es ist mir egal, dass Sie sich Mühe geben. Ich will Jimmy Rodriguez und Sie sind dafür verantwortlich, dass ich ihn bekomme! Und wenn das nicht passiert, werde ich sehr ungehalten.“

„Cole“, sagte Savannah ernst und schlug seinen Finger weg.

Aus dem Finger wurde die ganze Hand und aus Savannahs anfänglichem Unmut wurde Wut.

„Cole!“, sagte sie lauter. „Ich möchte, dass du mir sofort versprichst, nie wieder meine Nummer an eines deiner Bimbos weiterzugeben! Und wenn du das Telefonat jetzt nicht beendest, werde ich deine Privatnummer auf Facebook posten.“

Cole Panther seufzte laut, ließ die Hand sinken und sagte ins Telefon: „Entschuldigen Sie mich, Miles, ich werde gerade von einer Frau angeschrien … nein, machen Sie sich eher um ihren Job Sorgen. Das mit den schreienden Frauen passiert mir öfter. Also – leiten Sie es einfach in die Wege.“

Er legte auf, faltete die Hände auf dem Schreibtisch und sah sie frostig an. „Ich hätte dir nie meinen Vornamen anbieten dürfen“, stellte er schließlich nachdenklich fest. „Offensichtlich lässt dich dieser Umstand vergessen, dass ich dein Boss bin.“

Savannah schnaubte und verschränkte die Arme. „Du hättest mir deinen Vornamen und deinen erstgeborenen Sohn anbieten müssen, für all das, was ich für dich tue – gleichwohl nichts davon in meinen Aufgabenbereich fällt.“

„Setz dich doch, Savannah“, sagte er ungerührt und deutete auf den Stuhl zu ihrer Rechten. „Ich habe das Gefühl, dass dieses Gespräch länger dauern wird.“

„Das muss es nicht, wenn du einfach meine Privatnummer aus deinem Speicher löschst – wie bist du da überhaupt drangekommen?“

„Sie steht in deiner Personalakte. Und warum sitzt du immer noch nicht?“

Sie ließ sich auf den Stuhl sinken und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Ich sage es jetzt zum letzten Mal: Ich bin nicht deine Assistentin, Cole!“

Cole runzelte die Stirn. „Wer ist es dann?“

„Keine Ahnung. Wo ist die Blondine, die bis gestern noch am Schreibtisch vor deinem Büro saß?“ Savannah wandte sich um und sah durch die Glastür auf den leeren Arbeitsplatz.

„Die habe ich gefeuert. Hing dauernd bei Facebook rum.“

„Nun, dann hast du keine Assistentin“, sagte Savannah schlicht.

„Richtig. Und aus genau diesem Grund brauche ich dich.“ Er sprach, als würde er einer Siebenjährigen erklären, dass es den Weihnachtsmann nicht gab.

Genervt presste Savannah die Lippen aufeinander. „Ich bin PR-Beraterin, keine Sekretärin.“

„Wenn ich mich nicht irre“, meinte er langsam und ließ die Fingerkuppen auf den Tisch tippen, „dann warst du die letzten Tage beides.“

„Ja, weil du einfach allen meine Telefonnummer gibst, meine private noch dazu! Aber das muss aufhören. Ich habe einen anderen Job. Dann musst du eben ohne Hilfe auskommen.“
„Aber ich bin der Chef der gesamten Organisation. Mir gehört das Team.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. „Wie kann ich da keine Assistentin haben?“

„Weil du so unerträglich bist, dass du alle vergraulst!“, fuhr Savannah ihn an.

Das verleitete Cole doch tatsächlich zu einem Lächeln. „Weißt du eigentlich, wie oft ich jeden anderen schon dafür gefeuert hätte, wie du mit mir redest?“

Oh, bitte. Welch eine leere Drohung. Er konnte sie nicht feuern. Er wäre aufgeschmissen ohne sie! Sie war nun einmal die Beste und das wusste er.

Sie verdrehte die Augen und Coles Lächeln wurde breiter.

„Du erinnerst dich aber schon daran, dass ich deinen Gehaltscheck unterschreibe, oder?“, fragte er interessiert. „Du scheinst diesen Umstand in der letzten Woche erschreckend oft vergessen zu haben.“

„Ja, du hast recht. Du unterschreibst meinen Gehaltscheck. Den als PR-Beraterin, nicht als Assistentin!“

Seufzend lehnte Cole sich im Sessel zurück. „Aber du scheinst zusammen mit Sam die einzige kompetente Person in dieser Institution zu sein.“

„Na, dann frag doch Sam, ob er für dich mit deinen Betthäschen Schluss macht! Ich wette, das kann er ganz wunderbar.“

Cole schüttelte den Kopf. „Nein, er ist zu weich. Er kann den armen Frauen nicht das Herz brechen. Du hingegen …“

„Sag mal, was an den Worten Ich bin nicht deine Assistentin verstehst du nicht?“, fragte Savannah fassungslos. „Wie kann es sein, dass wir immer noch darüber diskutieren?“

Sie wusste ja, dass Cole Panther es gewöhnt war, seinen Willen zu bekommen. Dennoch musste er doch langsam dazulernen. Er arbeitete immerhin seit einem Jahr mit ihr zusammen und sollte sich außerdem noch daran erinnern können, was mit seinem Anzug geschehen war, als er sie gebeten hatte, ihn aus der Reinigung abzuholen. Savannah war geübt darin, sich gegen ältere, größere, stärkere, einflussreichere Menschen zu behaupten. Herrgott, sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, sich gegen Menschen durchzusetzen, die sie von Ort zu Ort hatten schieben wollen. Und verdammt sei sie, sich von Cole Panthers Autorität überrollen zu lassen – die er zugegebenermaßen in Massen besaß. Alles an ihm war eindrucksvoll, kühl und berechnend. Nur, weil sie diesen Umstand ignorierte, hieß das noch lange nicht, dass sie sich dessen nicht bewusst war!

„In Ordnung. Reden wir darüber.“ Cole legte die Hände auf den Tisch und bedachte sie mit einem abschätzenden Blick. Die Art von Blick, die er aufsetzte, sobald er in Verhandlungen trat. Der Blick, der ihn zu einem der verdammt besten Anwälte der Stadt gemacht hatte, bevor er den Chefposten der Delphies, Philadelphias Baseballmannschaft, übernommen hatte. Der Blick, der keine Widerrede zuließ.

„Du sagst, ich unterschreibe nur deinen Gehaltscheck als PR-Beraterin – ich sage, fügen wir noch einen für dich als meine Assistentin hinzu.“

Savannah schnaubte. „Für kein Geld der Welt würde ich-“

„Ich gebe dir dreißigtausend Dollar für die nächsten zwei Monate.“

Savannah riss die Augen auf und fiel beinahe vom Stuhl. War das sein Ernst?

„Das ist mein voller Ernst“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Sie starrte ihn an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und stellte dann verblüfft fest: „Meine Güte, du bist ja richtig verzweifelt.“

 


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Asche des Krieges

Stuttgart, März 2018. „Ich hatte die Idee auf einer Achterbahn.“ Für ihre vierteilige Fantasy-Saga Das Geheimnis der Götter hat Saskia Louis hunderte Ideen zusammengetragen und so zusammengesetzt, dass sie am Ende ein Bild ergeben: „Ich habe die ganze Geschichte von hinten aufgerollt und alles vom Ende aus entwickelt. Das war für mich eine schöne neue Herausforderung!“ Sie ist fasziniert: „Im Fantasy-Genre träumt man von dem, was nie passieren wird, aber umso fantastischer ist.“
Die ersten drei Bände der vierteiligen Saga Das Geheimnis der Götter sind bereits im Handel erhältlich. Band 4, Asche des Krieges, erscheint jetzt im April und stellt die Protagonistin Nym vor eine neue Herausforderung.

Zum Inhalt: Nym weiß nichts mehr. Auf der Suche nach Antworten begibt sie sich in die Tiefen der Kreisberge und muss schon bald erkennen, dass in einer Welt aus Lügen nichts ist wie es scheint. Und je mehr sie sich in die Geheimnisse der Götter verstrickt, desto deutlicher wird, dass sie die Macht von verlorenen Erinnerungen unterschätzt hat. Während Vea eine Rebellion lostritt und in Bistaye erbitterte Machtkämpfe ausbrechen, ist nur eines gewiss: Im Krieg gegen die Götter kann es keine Gewinner geben …

Download Pressemitteilung: PM 03-2018_dp_Digital Publishers_GDG Asche des Krieges

Nym ist auf der Suche nach Antworten – und begibt sich erneut in Gefahr. Auch wenn sie zuerst keine Ahnung hatte, warum sie eine so gute Kämpferin ist, wer sie umbringen will oder wie ihr richtiger Name lautet – inzwischen weiß sie, wer sie ist.