No Saint – Teuflische Verführung

Nathalie gähnte und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Laut ihrer inneren Uhr war es jetzt ungefähr zwei Uhr morgens, aber auf Langstreckenflügen dehnte sich die Zeit immer wie ein ausgeleiertes Haargummi. Sie musste noch vierzig Minuten durchhalten, dann würde ihre Kollegin Barbara sie ablösen, und Nathalie dürfte für ein paar Stunden in die Crew Quarters, um ein wenig zu schlafen. Es waren zwar nur schmale Schlafnischen hinter Vorhängen, ganz hinten im Flugzeug angebracht, und so richtig zur Ruhe kam sie selten, vor allem, wenn mal wieder ein Kollege schnarchte, aber sie war gerade so müde, dass ihr das auch schon egal war. Wenigstens schliefen die Gäste schon alle tief und fest und keiner kam auf die Idee, nach ihr zu klingeln.

Überhaupt waren die Gäste in der First seit vielen Stunden erstaunlich ruhig, sie hatten sogar ihr Abendessen abbestellt. Seit Stunden war das Licht aus, und das einzige, was sie hören konnte, war ein gedämpftes Geräusch, so, als würde jemand murmeln. Wahrscheinlich hatte das Riesenküken einen Drink zu viel gehabt und redete jetzt im Schlaf …

Nathalie fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Die trockene Luft im Flugzeug machte ihr auch nach vielen Dienstjahren noch zu schaffen. Gedankenverloren wühlte sie in ihrer kleinen Handgepäcktasche, auf der Suche nach Lippenbalsam. Ihre Finger stießen gegen kühles Glas. Sie stutzte kurz, dann fiel es ihr wieder ein. Richtig, sie hatte ja für ihre kleine Nichte Vera Sand aus Kalifornien mitgebracht! Bei dem Gedanken an die Achtjährige musste sie lächeln. Das Wandregal über ihrem Bett war vollgestellt mit Marmeladengläsern, die mit Sand und Steinen gefüllt waren. „Meine Tante ist die Beste, sie bringt mir die ganze Welt mit nach Hause!“, freute sie sich immer über die Mitbringsel.

Nathalie zog das Glas vorsichtig aus der Tasche und drehte es in ihrer Hand. Dann passierte es.

Es begann mit einem dumpfen Ton, so tief, dass Nathalie ihn eher in der Magengrube spürte, als ihn zu hören. Glas splitterte. Sie hörte sich selbst scharf einatmen. Und dann stand er plötzlich vor ihr.

Ein Mann, gute 1,90 Meter groß, erschien plötzlich in ihrer Galley. Im ersten Moment sah Nathalie nur seinen Bauchnabel und die rötliche Haut, die sich über die wohlgeformten Muskeln spannte. Kein Krebsrot wie bei einem fiesen Sonnenbrand, sondern ein Dunkelrot, wie guter Wein. Fassungslos wanderte ihr Blick weiter hinauf. Dunkle Augen blickten ihr entgegen, die genauso entsetzt zurückstarrten. Kurzgeschorene Locken umrahmten ein ovales Gesicht mit einer kühnen Stirn, und darauf waren … Hörner! Kleine, spitze Hörner!

Nathalie senkte den Blick. Hörner?! Wie kann das …

Sie brachte den Gedanken nicht zu Ende, denn sie hatte gerade den Lendenschurz bemerkt, den der Mann – oder was auch immer er war – trug. Nur diesen Lendenschurz, sonst nichts.

Im nächsten Moment war der Lendenschurz verschwunden, und der Fremde mit ihm. Nathalie riss den Kopf herum und sah gerade noch, wie die rote Gestalt hinter einer Falttür verschwand. Die Toilette!

Nathalie dachte nicht nach, sie rannte einfach hinterher und stieß die Tür auf. Das Licht ging in dem Moment an, in dem sie den winzigen Raum betrat. Panisch sah sie sich um.

Nichts. Niemand war da. Aber das war doch unmöglich!

„Hallo? Ich weiß, dass Sie hier sind!“, zischte Nathalie. Ihre Stimme klang lange nicht so selbstsicher wie ihre Worte. Sie fuhr sich verwirrt durch die Haare. Ihr Blick glitt nach rechts, zum Spiegel. Bin ich jetzt völlig übergeschnappt?, fragte sie ihr Spiegelbild wortlos.

Ein lautes Poltern ließ sie zusammenzucken. Jemand riss die Falttür grob auf. Das Riesenküken stand vor ihr und starrte sie an, als wäre sie gerade nackt aus einer Torte gesprungen.

„Was machen Sie denn hier?“, polterte er sofort los.

Ich arbeite hier, du Nobelpreisgewinner, wäre ihr beinahe über die Lippen gerutscht.

„Sir, diese Toilette ist gerade nicht, ähm, benutzbar. Entschuldigung. Nehmen Sie doch einfach die andere auf der gegenüberliegenden Seite, in Ordnung? Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Der Mann kam noch einen Schritt auf sie zu. Beinahe hätte sich Nathalie auf die Toilette setzen müssen.

„Ist hier jemand?“, fragte der Mann und sah sich hektisch in dem winzigen Waschraum um.

„Sir, diese Toilette ist wirklich nur für eine Person ausgelegt. Wenn ich Sie bitten darf …“

„Reginald, bitte“, sagte eine Stimme. Das Riesenküken machte einen Schritt zurück und gab den Blick auf den freundlichen Herrn frei, der ihr vorhin den Handkuss gegeben hatte, Mister Edwards.

„Was geht hier vor?“, fragte er.

„Alles in Ordnung“, sagte Nathalie schnell. „Ich muss Sie nur leider bitten, die andere Toilette zu benutzen. Wir arbeiten daran, diese hier so schnell wie möglich wieder zur Verfügung zu stellen.“

„Vielen Dank, junge Frau, exzellenter Service wie immer. Ah, da wäre noch eine Kleinigkeit – sind Sie zufällig in der letzten halben Stunde einem jungen Mann begegnet?“

„Ähm … wie meinen Sie das?“, fragte Nathalie ausweichend. Einen halbnackten Adonis mit Hörnern habe ich gesehen, bevor er spurlos auf dieser Toilette verschwunden ist. Meinten Sie zufällig den?, schoss es ihr durch den Kopf.

„Ach, nicht so wichtig“, sagte Mister Edwards freundlich, aber seine Augen musterten sie prüfend. Der Blick erinnerte Nathalie an ihren alten Klassenvorstand.

„Aber wenn Sie jemanden sehen sollten, wären Sie so freundlich, mir Bescheid zu sagen? Soweit ich weiß, befindet er sich hier an Bord. Seine Hautfarbe dürfte etwas … ungewöhnlich sein.“

Nathalie schluckte. Ihre Gedanken überschlugen sich förmlich. Hatte sie sich das doch nicht alles nur eingebildet? War wirklich gerade ein Mann mit rötlichem Hautton einfach so in ihrem Flugzeug aufgetaucht? Und Mister Edwards wusste irgendwie davon?

Sie schüttelte sich unwillkürlich. „Natürlich, Sir. Ich gebe Ihnen Bescheid. Haben Sie denn eine Idee, in welcher Klasse dieser Passagier sitzt? Vielleicht könnte ich kurz die Kollegen fragen. Bei knapp dreihundert Passagieren könnte das allerdings schwierig werden.“

Mister Edwards winkte ab. „Keine Umstände, Madam. Es ist nicht so wichtig. Entschuldigen Sie bitte diesen Vorfall. Wir werden uns jetzt wieder auf unsere Plätze begeben, dann können Sie sich auch einmal ein wenig ausruhen. Auf Wiedersehen.“

Nathalie sah zu, wie die beiden Herren hinter dem Vorhang verschwanden. Dann griff sie nach der Tür, schloss sie zu und ließ sich mit einem Seufzer auf den Klodeckel sinken.

Was zur Hölle war das bitte?!

Eine Stimme im Abfallkorb sagte: „Danke.“

„Bitte“, sagte Nathalie automatisch, bevor es sie wie ein Blitz durchfuhr.

„Habe ich gerade mit dem Mülleimer geredet?“, flüsterte sie heiser.

„Nein, mit mir“, sagte der Mülleimer. Oder die Stimme daraus.

Nathalie schloss die Augen und ließ sich mit einem Seufzen gegen die Wand sinken. Das war’s. Jetzt bin ich vollkommen übergeschnappt.


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Susanne Halbeisen schreibt romantische Fantasy für junge und junggebliebene LeserInnen. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Mein Leben mit Anna von Ikea – Junggesellenabschied

Es hat schon mancher seine Ehe bereut – den Junggesellenabschied jedoch nur sehr wenige.

Unbekannt, kennt aber offensichtlich nicht Matthias Käfer

 

1

 

Ich blicke auf vier nackte Brüste.

Obwohl ich gerade aufgewacht bin und mein Kopf sich anfühlt, als befände sich darin ein aktives Braunkohleabbaugebiet, weiß ich ganz bestimmt, dass meine Verlobte Anna keine vier, sondern nur zwei Brüste hat.

Nein, ich sehe nicht doppelt, auch wenn neben mir zwei nackte Frauen schlafen, die aussehen wie Zwillingsschwestern.

Wie asiatische Zwillingsschwestern, um genau zu sein. Aber ich sehe das Bett nur einmal, und auch alles andere in diesem riesigen Raum.

Er ist vollgestellt mit irgendwelchen afrikanischen Holzfiguren, zwei Schaufensterpuppen, die mit Graffiti beschmiert sind und einem Pappaufsteller von George Clooney, an dessen Ohr ein Hamster knabbert. Rechts und links davon stehen ein paar ausgeschaltete Scheinwerfer, dahinter liegt ein großer Kühlschrank auf dem Boden, die Innenseite aufgeklappt.

Ich reibe mir die Augen, blicke an mir herab und stelle erstaunt fest, dass ich nackt bin. Irritiert schaue ich wieder zu den beiden schlafenden asiatischen Zwillingen; ihr Unterkörper ist von einer roten Decke verhüllt. Neben ihnen liegen mehrere benutzte Kondome. Sofort muss ich an das Versprechen denken, welches ich Anna gegeben habe.

Ich habe geschworen, ihr immer treu zu sein.

Ich richte mich auf und merke sofort, dass mir nicht nur der Schädel, sondern auch mein Hintern wehtut.

Erinnerungsfetzen ziehen vorüber, hastig lupfe ich die Decke über den Unterkörpern der Zwillinge.

»Verdammte Hamsterkacke!« Schnell ziehe ich die Decke wieder zurück.

Im nächsten Moment knarrt die Tür, sie wird aufgerissen und ein mir völlig unbekannter Mann torkelt volltrunken in das Zimmer. Er trägt eine blonde Fönfrisur, die aussieht wie ein aufgeplatztes Sofakissen. Schließlich bleibt er vor dem offenen, umgekippten Kühlschrank stehen und kotzt ansatzlos in das Gemüsefach.

Dann erst sieht er mich, wischt sich den Mund ab und hebt den Arm zum Gruß, als sei er die englische Königin. »War eine geile Party, oder?« Er torkelt zu mir und reicht mir einen zerknüllten Zettel. »Das ist die Kopie, die du … hicks … haben wolltest.«

Ich reibe mir die Stirn, hinter der immer noch alles dröhnt. »Kopie von was?«

Der blonde Mann mit der Sofakissenfrisur schwankt noch ein wenig herum, bevor er endlich antwortet. »Von dem Brief, den du gestern Abend … hicks … geschrieben hast.«

Ich falte den Zettel auseinander, die krakelige Schrift kenne ich nur zu gut. Es ist meine.

 

Liebe Alexa,

Du bist die Frau meines Lebens!

Bevor ich dich kennengelernt habe, wusste ich gar nicht, was Liebe ist. Alle anderen Frauen verblassen neben Dir.

Was immer auch passiert, eines darfst du nie vergessen:

Ich liebe Dich.

Dein Matthias

 

Geschockt starre ich auf den Namen in der obersten Zeile. »Alexa?«, rufe ich.

»Hallo, Matthias«, antwortet eine Frauenstimme. »Soll ich dir noch mal den Maiskolben grillen, du böser Delfin?«

 

 

 

 

 

24 Stunden früher

 

 

Viele Häschen sind des Junggesellen Tod.

Kuno Klaboschke, deutscher Gebrauchsphilosoph.

 

2

 

Diese verdammte Schnake hat mich schon in der Nacht genervt, doch anstatt sich im Schlafzimmer mit prallgefülltem Bauch auszuruhen, schwirrt sie jetzt auch noch in der Küche um uns herum.

Ich blicke ihr missmutig nach, Anna ignoriert sie und der Ober-Öko Morten hat sie wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, denn sie ist kein Wal, den er retten könnte. »Warum feiert ihr schon euren Junggesellenabschied, wenn ihr noch nicht mal den Hochzeitstermin kennt?«, fragt er, richtet seinen grauen Pferdeschwanz und rollt seine Bibel zusammen, also das Greenpeace Magazin.

Morten ist der beste Freund von Anna, arbeitet bei Greenpeace als Aktivist und ist das wandelnde Weltgewissen.

Jedenfalls, wenn es um Anna und mich geht.

Plötzlich zischt es und das zusammengerollte Greenpeace Magazin knallt so laut auf unseren Küchentisch, dass ich hochschrecke.

»Morten!«, ruft Anna.

»Damit rechnet keine Schnake.« Morten lächelt triumphierend und entsorgt sie ökologisch korrekt im Bio-Abfall. »Es mag hinterhältig sein, aber es ist effizient.«

»Schnaken können nicht lesen«, widerspreche ich. »Es ist ihnen ziemlich egal, ob du sie mit der AUTO BILD oder dem Greenpeace Magazin erschlägst.«

Morten zuckt mit den Schultern und deutet auf das Rückcover. »Ich hab sie jedenfalls erwischt.« Er beißt in sein Stückchen Tigerkaka – also Marmorkuchen – und lächelt. »Wer sich immer nur total korrekt verhält, wird irgendwann verrückt. Mückenjagd ist meine Art des Frustabbaus.« Er bemerkt unseren irritierten Blick und zuckt entschuldigend mit den Schultern. »Außerdem hat diese Mückenplage, die Schweden jeden Sommer heimsucht, ihre natürliche Ausprägung weit überschritten.«

»Es ist Mitte März«, sage ich. »Kalendarisch ist das nicht mal Frühling.«

»Ich sag ja, die Mückenplage hat ihre natürliche Ausprägung überschritten.« Morten winkt ab, mustert Anna und mich. »Jetzt aber wieder zu euch. Findet ihr das eine gute Idee mit dem Junggesellenabschied? Das ist doch wieder so eine Tradition, die aus den USA kommt. In Deutschland und in Schweden feiert man eigentlich Polterabend am Vorabend der Hochzeit.«

»Und zerbricht dabei Kloschüsseln im Vorgarten der Braut«, sage ich. »Das wäre mir ja vielleicht egal, wenn wir nicht schon zusammenwohnen würden.« Ich grinse, doch niemand lacht.

»Das war ein Scherz«, erkläre ich schnell. »Die Eheleute müssen das ganze Porzellan ohnehin gemeinsam beseitigen, als erste Prüfung.« Ich blicke Morten an. »Aber denk doch mal an die Umweltfolgen.«

Morten seufzt. »In allem was ich tue, denke ich ständig an die Umweltfolgen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mir das auf den Sack geht.«

»Dann genieß den Junggesellenabschied doch einfach«, sage ich. »Du bist schließlich auch eingeladen.«

»Aber warum ist alles so kurzfristig?« Morten schaut uns fragend an. »Ich habe erst vor einer Woche die Einladung bekommen.« Er deutet auf seine Uhr. »Und in einer halben Stunde geht es schon los.«

»Ist es echt schon so spät?« Gestresst blicke ich auf mein Handy. Warum hat sich die verdammte Hamstersitterin noch nicht gemeldet?

»Also ich weiß schon seit über einem Monat, dass wir dieses Wochenende wegfliegen«, antwortet Anna. »Meine Trauzeugin Isabella hat sich tierisch ins Zeug gelegt.«

Morten seufzt. »Will sie jetzt kompensieren, dass sie dich fünfzehn Jahre nicht gesehen hat?«

»Sie ist nun mal in die USA ausgewandert«, entgegnet Anna. »Aber sie war sofort Feuer und Flamme und hat alles organisiert.«

»Mein Chef Kemal hat ein wenig Anlaufzeit gebraucht«, antworte ich. »Aber jetzt ist alles vorbereitet, oder?«

Morten nickt vorsichtig. »Ich verstehe immer noch nicht, dass dein Chef deinen Junggesellenabschied plant.«

»Er ist auch mein Freund«, antworte ich. »Außerdem kümmert er sich besser um meinen Junggesellenabschied, als dass er wieder irgendein Produkt erfindet, das am Ende niemand braucht. Ich sag nur: Dönereis.«

»Und wo fliegt ihr hin?«, fragt Morten und schaut Anna an. Klar, wo wir Männer hinfliegen, weiß er schließlich.

Im Gegensatz zu mir.

»Ich habe keine Ahnung.« Anna lächelt gespannt. »Ich weiß nur, dass wir morgen Abend gegen achtzehn Uhr wieder in Göteborg landen, eine Viertelstunde vor euch. Wenn alles klappt, sehen wir uns in nicht mal sechsunddreißig Stunden am Flughafen wieder.« Anna blickt mich verliebt an und ich gebe ihr einen Kuss.

Ich habe Anna in meiner alten Heimat bei IKEA kennengelernt. Nach einigen Verwechslungen mit der virtuellen Assistentin Anna von IKEA, sind wir schließlich ein Paar geworden, ich bin von Ludwigshafen-Oggersheim in die Göteborger Altstadt gezogen und habe Anna an Weihnachten einen Heiratsantrag gemacht.

Den sie freudestrahlend angenommen hat.

Vorher ist es zwar zu ein paar Komplikationen und Missverständnissen gekommen, aber die sind jetzt alle Geschichte.

Ich muss wieder an Weihnachten denken, es war wirklich schön, aber arschkalt.

Schweden eben.

Außerdem habe ich an Weihnachten noch George Clooney den Zweiten geschenkt bekommen, einen Hamster, der friedlich in der Wühlecke seines Indoorspielplatzes schläft. Den habe ich ihm eigenhändig gebaut. Und zwar ohne das Holz abzufackeln, an der falschen Stelle zu zersägen oder sonst etwas kaputt zu machen.

Okay, ich hab mit dem Hammer dreimal auf meinen Finger, statt auf den Nagel gehauen, aber für jemanden wie mich, der ein mehrfaches Diplom in Schusseligkeit besitzt, war der Bau des Hamsterspielplatzes eine Meisterleistung.

»Und wo fliegen wir hin?«, frage ich Morten. Hier herrscht immer noch tiefster Winter, schließlich ist März. Heute Morgen habe ich gesehen, wie ein Schneeglöckchen seinen Kopf aus dem Eis gereckt hat und sofort von der Kälte massakriert wurde.

Okay, kann auch sein, dass ich das geträumt hab, weil Anna mir in der Nacht manchmal die Decke wegzieht, aber ich hoffe inständig, dass wir in die Sonne fliegen.

Also nicht direkt in die Sonne, Mallorca würde mir schon reichen.

»Du weißt doch, ich musste hoch und heilig versprechen, nichts zu verraten«, sagt Morten. »Davon abgesehen war ich schon fast überall auf der Welt, aber an dem Ort noch nie. Also lasse ich mich genauso überraschen wie du.«


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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer, Musikpro- duzent und manchmal Weltreisender. Wahrend in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist es ihm in seinen absurd-komischen Romanen trotz mehrfacher Versuche noch nicht gelungen, jemanden umzubringen.
In seiner erfolgreichen Thriller-Trilogie REMEXAN, REDUX und REAKTOR ermittelt der charismatische Kommissar Erik Lindberg gemeinsam mit seinem Team. Drei packende, für sich stehende, aber doch miteinander verwobene Fälle, die in Basel auf ihre Auflösung warten.

Geheimnisvolle Liebe

Er mag mich, er mag mich nicht

Lustlos stocherte Nessa in der Plastikschale. Prüfend hob sie mit der Wegwerfgabel etwas von der weiß-grau-braunen Mischung hoch und roch daran.

„Was soll das sein?“, fragte Gloria, die kleine Stupsnase gerümpft.

„Leider nicht die Karottendiät“, knurrte Nessa.

Vicky schälte eine Banane und biss ab. „Karottendiät?“

Nessa strich über ihre runden, breiten Hüften. „Die leckerste Diät, die ich kenne.“

„Und wie geht die?“, wollte Gloria wissen.

„Du darfst alles essen, außer Karotten!“ Nessa lachte tief und klopfte sich auf den Speckbauch.

„Im Ernst. Was isst du da?“ Gloria deutete auf die körnige Masse auf Nessas Gabel.

„Von meiner Mutter. Ist so ein Abnehmzeug. Hat angeblich keine Kalorien.“

„Sei nicht böse, aber das sieht aus wie Holzspäne mit Weichspüler“, meinte Gloria.

„So schmeckt es auch“, sagte Nessa.

Die drei Freundinnen hockten auf der Kiste, in der der Hausmeister die Gartengeräte aufbewahrte. Von hier hatten sie das Treiben auf dem Schulhof gut im Blick.

„Seht mal, wer da steht!“, rief Gloria und wedelte aufgeregt mit den Fingern. Vicky und Nessa folgten ihrem Blick. Sofort wurde Vicky verlegen.

„Dein Marco!“, trällerte Gloria und stieß Vicky mit dem Ellbogen in die Seite.

„Er ist nicht MEIN Marco, sondern nur unser Nachbar“, sagte Vicky abwehrend.

Marco war eine Klasse über ihnen, etwas kräftiger gebaut und ständig damit beschäftigt, sein Hemd in die Hose zu stecken. So auch in diesem Moment.

„Dein Nachbar, der tierisch in dich verknallt ist und ausgezeichnet kochen kann!“, neckte Gloria weiter.

„Was hast’n zurückgeschrieben?“, fragte Nessa Vicky.

„ICH muss zurückschreiben“, stellte Gloria sofort klar. „Es ist MEIN Fall. Ich habe ihn entgegengenommen.“ Sie musterte Vicky von der Seite. „Du musst mir nur noch sagen, WAS die Wahnsinnsengel Marco antworten sollen?“

Vicky grinste vor sich hin. „Hätte nie gedacht, dass auch zu uns Anfragen kommen.“

Nessa fand nichts dabei. „Warum nicht? Weiß ja keiner, dass wir dieWilden Wahnsinnsengel sind.“

„Stimmt! Auf jeden Fall ist unsere Wer-ist-in-wen-verknallt-Agentur zum Renner geworden“, erklärte Gloria zufrieden. „Es spricht sich herum, dass wir gut sind. Wir kriegen schon Anfragen aus anderen Schulen. Ein paar ganz Verzweifelte haben uns sogar Geld geboten.“

Was als Schulprojekt begonnen hatte, war für die drei zu einem Hobby geworden, das sie mehr als auf Trab hielt.

Gloria öffnete ihre große Umhängetasche und zog ihr kleines Notebook heraus. Sie klappte den Mini-Computer auf. „Internetzugang, wo man auch ist, ideal für unsere Arbeit!“ Trotz ihrer langen, lackierten Fingernägel hatte sie keine Mühe, die Tasten zu treffen.

Pling! machte der Computer beim Hochfahren.

„Jetzt bin ich bei Marcos Eintrag“, verkündete sie wenig später. Halblaut las sie vor: „Sie ist sehr nett. Ich möchte wissen, ob sie mich mag. Einfach so, wenigstens. Also wie einen Kumpel. Es geht um Vicky Cassady. Könnt ihr das herausfinden? Wäre stark. Marco.“

„Und? Ist er ein Kumpel?“ Nessa sah in Marcos Richtung. Er lachte mit den anderen Jungen und zog seine Hose etwas höher.

„Irgendwie schon …“, begann Vicky.

Sofort tippte Gloria los.

„He, warte!“, bremste Vicky sie.

„Er sieht aus wie ein Bobtail“, kicherte Gloria. Sie ahmte den treuherzigen Blick der wuscheligen Hunde nach und zog sich die blonden Locken in die Stirn.

„Und er kann wirklich richtig gut kochen?“, hakte Nessa nach.

„Göttlich“, schwärmte Gloria und warf Kusshändchen in die Luft.

„Dann wäre er was für mich!“ Nessa schloss die Dose mit dem unappetitlichen Zeug und ließ sie in ihrem Rucksack verschwinden.

„Also, bitte um eine klare Auskunft über deine Meinung zu Marco“, drängte Gloria Vicky.

„Morgen, okay? Wir machen das morgen“, vertröstete Vicky sie.

Gloria verdrehte die Augen. „Schätzchen, das sagst du seit mehr als einer Woche.“

Pling! machte der Mini-Laptop wieder. Gloria las, was auf dem Bildschirm stand. Sie klappte den Computer zu und schenkte Vicky einen mitfühlenden Blick. „Hat sich schon erledigt.“

„Was?“

„Marco.“

Nessa sprang von der Kiste. „Wieso?“

„Er hat eine weitere Nachricht geschickt. Gestern Abend. Ist erst jetzt gekommen.“

„Und was schreibt er?“, wollte Vicky wissen.

„Bis heute nichts von euch gehört. Das ist Antwort genug. Danke. Keine Nachricht an mich. Würde mich nur deprimieren“, zitierte Gloria.

„Das passiert, wenn man sich zu lange bitten lässt“, meinte sie fachmännisch.

Vickys Gefühle schwankten zwischen ein wenig gekränkt und ein wenig erleichtert. Es wäre bestimmt schwierig, wenn Marco sich ernsthaft in sie verliebt hätte. Sie mochte ihn irgendwie. Aber eben nur als Kumpel …

„Morgen Nachmittag müssen wir unbedingt ein Wilde-Wahnsinnsengel-Treffen machen.“ Gloria schulterte ihre Tasche. „Es steht eine Menge an. Bei mir oder bei euch?“

„Bei mir gibt’s nichts zu essen und nur Wasser zu trinken“, erklärte Nessa. „Meine Mutter hat alles entfernt, was mich in Versuchung führen könnte.“

Gloria klopfte Nessa auf die Schulter. „Dann bei mir. Verhungern kann man bei uns bestimmt nicht.“

Eine unausweichliche Wahrheit

„Alles gut, es ist alles gut!“

Vicky war tot. Sie war überzeugt davon, gestorben zu sein.

„Sonnenschein, was ist denn nur mit dir?“

Über sich bemerkte Vicky die Gestalt ihrer Mutter. Ihre Hand lag angenehm kühl auf Vickys Stirn.

An der Zimmerdecke schimmerte das orangefarbene Licht der Straßenlaterne.

Heftig atmend setzte sich Vicky auf. Sie war wieder nass geschwitzt. Derselbe Albtraum.

Vicky in der Luft über der Straße, mehrere Meter vom Schuldach entfernt.

Vicky, die wieder menschliche Gestalt annahm, deren Gewicht sie nach unten zog.

Vicky, die Nessa gerettet hatte und mit ihrem Leben dafür bezahlen sollte.

„Du hast geträumt“, sagte Pru Cassady und schüttelte das Kissen auf. „Ich muss endlich ein paar Traumfänger über dein Bett hängen.“

Vicky lächelte müde. Ob die kleinen Netze der Indianer mit den Perlen und Federn helfen würden? Wohl kaum.

„Ich hol dir ein Glas Milch.“ Pru verließ das Zimmer.

Vickys Gedanken schweiften wieder zu IHM. White, der nur von Zeit zu Zeit auftauchte, und den Vicky nur sehen konnte, wenn sie selbst Engelsgestalt angenommen hatte.

Allein das Bild seiner dunklen Augen ließ Vicky schaudern. Es war kein Schaudern aus Angst oder Abscheu. Sie sehnte sich unendlich nach White. Sie sehnte sich nach seinem Blick und dem sanften, liebevollen Lächeln, das er gezeigt hatte, als er mit ihr tanzen wollte.

Vicky kannte auch sein anderes Lächeln. Das Lächeln in dem etwas Überlegenes, Spöttisches lag.

Vickys ganzer Körper tat auf einmal weh. Von allen Seiten zog und zerrte etwas an ihr.

Pru kehrte mit dem Glas Milch zurück und setzte sich zu ihr auf das Bett.

„Es geht um die Liebe“, sagte sie auf eine sehr unaufdringliche Art.

Vicky lehnte ihren Kopf an Prus Schulter.

„Mam, wann weiß man, dass man wirklich verliebt ist?“

Pru lächelte vor sich hin. „Oft spricht man von Schmetterlingen im Bauch. Aber die kenne ich nicht. Bei mir ist es immer ein Verlangen, eine Sehnsucht, ein tiefer Wunsch, jemanden zu sehen, mit ihm zu sprechen und ihn zu berühren.“ Sie streckte die Hand aus, als wäre da jemand, auf den das zutraf.

„Ist das Liebe?“

„Nein, das ist Verliebtheit. Die geht meist schnell vorbei und es bleibt nur eine zarte Erinnerung. Nur manchmal entfaltet sie sich wie eine Knospe zur vollen Blüte, das ist dann Liebe.“

Insgeheim dachte Vicky, dass es das Beste wäre, wenn sie nur verliebt wäre. Es würde vergehen, nicht bleiben. Es konnte gar nicht bleiben, da sie niemals zusammenkommen durften.

Mit einem tiefen Seufzer schloss Vicky die Augen. Sie fühlte sich auf einmal so unendlich müde. Es war einfach zu viel, was sie in den vergangenen Wochen erlebt hatte. Ihre Welt war nicht mehr wie früher.

Nachdem Pru ihr noch einmal über die feuchten Haare gestreichelt hatte, verließ sie das Zimmer. Die Tür blieb einen kleinen Spalt offen. Das hatte Vicky immer beruhigt, als sie ein kleines Mädchen war.

Die Augen geschlossen lag Vicky da und lauschte den Geräuschen der Nacht. An einem nahen Tümpel quakten ein paar Kröten, ein Motorrad knatterte sehr weit entfernt.

In ihr stieg ein Gedanke auf und formte sich schließlich zu einer Wahrheit.

Damals auf dem Schuldach hatte White sie gerettet! Statt Nessas Leben zu nehmen, hatte er Vicky gewinnen lassen. Und sie sogar zurück auf das Dach getragen.

Anders konnte es nicht gewesen sein. Es war die einzige Möglichkeit.

„Also liebt er mich auch“, flüsterte Vicky in die Nacht. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen und vertrieb den Schmerz.

Blumen im Wind

Nach der Schule hatte Vicky ein Ziel, zu dem sie allein gehen wollte. Sie nahm ihre kleine Schwester Sally als Vorwand und behauptete, sie vom Kindergarten abholen zu müssen.

„Heute Nachmittag bei mir!“, erinnerte Gloria.

Nessa presste die Hand auf ihren Bauch. „Ich halte es nicht mehr aus. Meine Mam lässt mich verhungern.“

„Dann iss doch“, schlug Gloria vor.

„Ich muss jede Woche auf die Waage. Wenn ich nicht zehn Kilo abnehme, will sie mir alles Mögliche streichen!“

„Ich muss los, Sally wartet!“, log Vicky, trat in die Pedale und winkte zum Abschied.

Ziemlich außer Atem erreichte sie den schmalen Durchgang zum alten Park. Sie stellte das Fahrrad ab und lief zur eingefallenen Mauer. Als sie darüber kletterte, stolperte sie und fiel hin.

Sie war aufgeregt.

Bienen summten um die lila Blüten, die zwischen den langen Grashalmen hervorlugten.

„Hallo Azrael“, sagte sie sanft und streichelte ihm über den Kopf.

Er öffnete die Augen. Sie strahlten wunderbar blau. Er schien sich ehrlich zu freuen, sie zu sehen.

„He, so bald schon wieder bei mir?“, fragte er halb im Scherz.

„Ich wollte dich sehen.“ Vicky hatte kein gutes Gefühl. Schon zum zweiten Mal in nur einer Stunde sagte sie nicht die Wahrheit.

„Bei mir hier hat sich nicht viel ereignet“, begann Azrael zu plaudern. „Ein paar Ameisen auf meinem rechten Fuß, Feuerwanzen auf meinem Flügel. Zwei Vögel sind auf meinem Kopf gelandet. Ich hatte schon befürchtet, sie würden etwas fallen lassen. Zum Glück haben sie mich verschont. Das war bisher mein Tag. Und bei dir?“

„Ach, Schule und so. Das Übliche. Und Wilde Wahnsinnsengel. Läuft gut. Hält uns auf Trab.“

„Gut.“

„Wir machen eine Klassenfahrt. Ich werde nicht da sein, drei Tage lang.“

„Danke, dass du mir das mitteilst.“

„Und wenn dann in der Stadt etwas geschieht? Wenn ich gebraucht werde? Was ist dann?“

Azrael lächelte. „Mach dir keine Sorgen. Du musst immer nur dort eingreifen, wo du gerade bist.“

„Dann hab ich ja fast Ferien“, versuchte Vicky einen Scherz. „Auf Klassenfahrt kommt bestimmt niemand in Lebensgefahr.“

„Engel haben niemals Ferien!“, sagte Azrael.

„Ja, ja!“ Vicky verscheuchte eine lästige Fliege. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf den Steinsockel.

„Was ist los? Was hast du auf dem Herzen?“, wollte Azrael wissen. Er hob fragend die Augenbrauen. „Sag es mir! Du weißt, wir können über alles reden. Wirklich alles. Das Schicksal hat uns zusammengeschweißt. Für eine längere Weile jedenfalls.“

„Vielleicht sogar für immer?“ Die Vorstellung erschreckte Vicky.

„Ich weiß es nicht.“

Noch immer kämpfte Vicky mit sich selbst. Irgendetwas hielt sie zurück, Azrael zu sagen, was ihr in der Nacht klar geworden war. Aber sie musste es loswerden.

„Du und White …“, begann sie.

Azraels Augen zuckten sofort zu ihr. „Woher hast du diesen Namen?“ Er klang aufgebracht.

„Er hat ihn mir gesagt!“

„Du spricht mit ihm?“

„Er hat …“ Sie brach ab.

„Was?“

„Seid ihr schon lange Feinde? Du und White? Das Leben und der Tod?“

„Er will das Gegenteil von dem, was ich will“, antwortete Azrael knapp.

Eine Pause trat ein. „Wie oft hast du schon mit ihm gesprochen?“, wollte er schließlich wissen.

„Nicht oft“, sagte Vicky ausweichend. Die dritte Lüge.

„Du spielst mit dem Feuer“, warnte Azrael. Er war abweisend und streng, nicht wie ein Freund, eher wie ein Lehrer.

„Ich kann auf mich aufpassen“, versicherte Vicky.

„Das glaube ich nicht. Du magst ihn doch, nicht wahr? Du verheimlichst mir etwas.“

Das war Vicky zu viel. Sie sprang auf. „Ist das jetzt ein Verhör?“

„Ich muss es wissen, Vicky! Du bringst dich in Gefahr und mich auch. Du hast meinen steinernen Körper zerstört.

Jetzt zerstöre nicht auch noch den Rest! Wir sind beide verloren, wenn er siegt.“

„Er wird nicht siegen. Vielleicht will er gar nicht siegen!“

Feindselig starrte Vicky auf den dunklen Steinkopf mit den edlen Gesichtszügen hinab.

„Du hast dich verliebt!“ Azrael war fassungslos.

„Nein!“, schrie Vicky. „Du bist nur eifersüchtig.“

„Auch ohne die Kraft, die jetzt in dir wohnt, kann ich mehr sehen, als dir vielleicht lieb ist. Er hat dich in seinen Bann geschlagen.“

„Du redest, als wäre er ein Hexenmeister.“

„Er ist verführerisch, und er versteht es, dir das Gefühl zu geben, er sei dein Freund.“

Hilflos ließ Vicky sich wieder niedersinken.

„So ist es nicht“, sagte sie schwach. Es klang nicht einmal in ihren Ohren überzeugend.

„Es ist genau so“, entgegnete Azrael kühl.

„Und selbst wenn? Was soll ich machen?“

„Du musst akzeptieren, dass er dein Feind ist. Der Feind des Lebens!“ Azrael sprach hart. Jedes seiner Worte war wie ein Paukenschlag.

„Und du bist doch eifersüchtig. Gib es zu!“, platzte es aus Vicky heraus.

Auf einmal wurden Azraels Augen müde. „Engel lieben einfach anders“, sagte er.

„Wie? Wie lieben sie?“

So hilflos hatte sich Vicky schon lange nicht gefühlt.

„Halte dich von ihm fern!“, warnte Azrael erneut.

„Er war es! Er hat mich davor bewahrt abzustürzen“, schleuderte Vicky ihm entgegen. „Ich bin mir sicher. Weil es gar nicht anders sein kann! White hat darauf verzichtet zu nehmen. Zuerst bei Nessa, dann bei mir. Es stimmt nicht, was du über ihn sagst.“

Sie wollte nur noch weg. Vicky sprang auf und ging ein paar Schritte nach hinten.

„Du bist blind. Blind vor Verliebtheit“, warf Azrael ihr vor.

„Ich muss gehen. Bis irgendwann, Azrael!“

Vicky lief zu ihrem Fahrrad zurück. Ihr Gesicht brannte, ihre Augen tränten und im Mund hatte sie einen bitteren Geschmack.

Azrael war Vickys erste große Liebe gewesen. Die Statue natürlich, nicht der Engel im Innern. Azrael hatte sie immer angezogen.

Jetzt nicht mehr. Jetzt stieß er sie ab.

Im schmalen Durchgang blieb sie stehen. Die Sommerhitze stand zwischen den hohen Mauern.

Hier war sie White einmal begegnet. War er vielleicht in der Nähe? Solange sie ihre menschliche Gestalt hatte, konnte sie ihn nicht sehen.

„White?“, flüsterte sie fragend. „White, bist du hier? Bitte, gib mir ein Zeichen!“

Auf der Straße bellte ein Hund. Zwei Kinder liefen vorbei. Hinter ihr spielte irgendwo in einem Haus ein Radio ziemlich laut.

Von White nichts. Gar nichts.

Vielleicht würde sie ihn sehen, wenn sie ihre Engelsgestalt annahm. Doch das funktionierte nur, wenn sie jemandem helfen musste.

Gab es jemanden, dem sie jetzt helfen konnte?

Nessa fiel ihr ein! Nessa und ihr ewiger Kampf gegen die überflüssigen Pfunde. Vicky schloss die Augen und dachte fest an die Freundin, ihre üppige Figur und den watschelnden Gang. Sie würde ihr helfen, sagte sich Vicky lautlos vor.

Eine sanfte, kribbelnde Welle erfasste ihren Körper. Sie begann am Scheitel und ging dann langsam nach unten bis in die Zehen.

Auf einmal fühlte sie eine innerliche Leichtigkeit. Ihre Haut erschien ihr nur noch wie eine Hülle aus unsichtbarem Licht, stark und schützend, aber eigentlich nicht vorhanden.

Als sie nach dem Fahrrad griff, glitt ihre Hand hindurch.

Es hatte geklappt!

Suchend sah sie erneut den schmalen Weg hinauf zum Park. Aber nichts. Kein White.

Als Vicky sich umwandte, stand sie einem Mädchen gegenüber. Sie war höchstens drei Schritte von ihr entfernt. Bis zu der Stelle, an der der Durchgang auf die Straße stieß, lagen viele Meter. Sie konnte nicht so schnell gelaufen sein. Unmöglich!

„Wer bist du?“, stieß Vicky hervor.

Lächelnd neigte das Mädchen den Kopf zur Seite. Seine kleinen, dünnen Locken wippten auf und nieder.

„Wer bist du?“, wiederholte Vicky atemlos.

„Deine Freundin“, antwortete das Mädchen. Es strich an seinem kurzen Kleid herab und umspielte mit den Fingern die aufgestickten bunten Blumen. Etwas Leichtes, Luftiges ging von ihr aus. Nicht nur der Blumen wegen erinnerte sie auf seltsame Weise an eine Sommerwiese.

Vicky streckte ihren Arm vor. Sie wollte testen, ob ihr Gegenüber echt war und kniff zu.

„Aua!“, beschwerte sich das Mädchen.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Vicky. Sie war völlig verwirrt.

Die andere war zart und kleiner als Vicky, aber wahrscheinlich etwas älter.

„Ich komme, um dich zu warnen“, sagte das Mädchen eindringlich.


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Lucy May lebt in London und ist eine begeisterte Fußgängerin und Radfahrerin. Menschen, Gebäude, Denkmäler und Tiere, die sie unterwegs sieht, bringen sie auf Ideen. Sie arbeitet einen Teil der Woche in der Online-Redaktion eines Lifestyle-Magazins. An den übrigen Tagen schreibt sie an ihren Büchern, oft in einem winzigen Cottage am Meer in Margate/Kent. Ihr Freund und ihr Kater Prince sind immer dabei.

Bedrohliches Flüstern

Nur nicht rot werden

„Ich muss nach Hause. Sonst krieg ich Ärger.“ Vicky seufzte bedauernd. „Ich würde viel lieber bei dir bleiben.“

„Wieso?“ Er musterte sie mit seinen strahlend blauen Augen.

„Weil ich …“ Vicky stockte und spürte, wie ihre Wangen zu glühen anfingen. Bestimmt wurde sie gerade knallrot, und das war fast noch peinlicher, als seine Frage zu beantworten.

War ihre Röte nicht schon Antwort genug?

Um von ihrem Gesicht abzulenken, tat sie, als müsse sie ihre Frisur bändigen und spielte mit den kurzen Haaren, die wild vom Kopf abstanden.

„Möchtest du nicht zu deinen Freundinnen?“, fragte er sie. Seine Stimme konnte so wunderbar sanft klingen.

„Nessa und Gloria habe ich heute ohnehin schon dreimal gesehen: In der Schule, dann beim Treffen für den Schulball und später waren sie noch bei mir. Wegen den Wilden Wahnsinnsengeln.“

„Mit wem wird Gloria auf den Schulball gehen?“

Vicky lachte. „Mit Mike, Mister Einstein Junior. Er redet ständig über Physik, Matheformeln und Computer. Gloria findet das aufregend, obwohl sie kein Wort versteht.“

Er lächelte. Gloria hatte er noch nicht oft gesehen, aber von Anfang an gemocht. Sie war immer so unbefangen undfröhlich.

„Und Nessa?“

„Ach, Nessa …“ Vicky, die mit verschlungenen Beinen im Gras saß, streckte sich. „Nessa macht es den Jungen nicht gerade leicht. Ich glaube, sie wirkt ein bisschen abschreckend auf die meisten.“

Das lag weniger an Nessas molliger Fülle als an ihrer Art. Sie nahm kein Blatt vor den Mund und sagte jedem, was sie gerade dachte. Besonders schonungslos konnte sie sein, wenn sie mal wieder wegen einer Diät nur an Karotten- und Gurkensticks knabberte.

Sein Blick bekam etwas Prüfendes. „Und du?“

Zum zweiten Mal wurde Vicky rot.

Gute Frage. Mit wem würde sie den Schulball am Samtag besuchen? Da gab es Ronaldo aus der 10c, der sich für Vicky interessierte. Er hatte sich bei den Wilden Wahnsinnsengeln nach ihr erkundigt, aber sie hatte keine rechte Lust.

Der Grund war ER. Vicky konnte nicht anders. Sie musste an ihn denken. Immer wenn sie die Augen schloss, sah sie ihn: das gewellte dunkle Haar, die leicht gebräunte Haut, das offene weiße Baumwollhemd und das schwarze Jackett, das er über der Schulter trug, lässig an einem Finger aufgehängt. Sie glaubte, seinen feinen Duft noch immer in der Nase zu haben: frisch und würzig wie eine Meeresprise.

„Hallo, ich bin noch da“, brachte sich Vickys Gesprächspartner in Erinnerung.

Vicky riss sich aus der Tagträumerei. „Ja? Ja, was?“

„Sag schon! Mit wem gehst du zum Schulball?“

„Ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Gibt es so viele Bewerber?“

Vicky lachte auf. Bewerber! Wie das klang. In Wahrheit gab es keinen einzigen, der wirklich in Betracht kam. Das war ihr größtes Problem. Der, an den sie gerade hatte denken müssen, war vielleicht sogar ganz nah und trotzdem unerreichbar.

Sie fühlte sich so schäbig, weil sie an einen Jungen dachte, mit einem zweiten redete und nach einem dritten suchte.

„Vicky? Verheimlichst du mir etwas?“

„Nein“, sagte sie schnell. Sie schrie es fast, als hätte er sie irgendwie ertappt. Jetzt nur nicht schon wieder erröten!

„Es ist verführerisch, mit dem Feuer zu spielen“, fuhr er warnend fort. „Und es ist so leicht, sich zu verbrennen.“

Stärker als je zuvor fühlte Vicky, wie zerrissen sie war. Denn im Augenblick hatte sie wirklich nur den Wunsch, hier im Moos neben ihm liegen zu bleiben, seine kühle Wange zu berühren, über sein Haar zu streichen. Aber nur heimlich und ganz leicht.

In seiner Nähe fühlte sie sich sicher. Nach all den Veränderungen und Entwicklungen in letzter Zeit sehnte sie sich nach Sicherheit und Ruhe. Sie war dreizehn und schon mehr als genug mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Was kürzlich dazugekommen war, überforderte sie einfach.

„Was hast du heute noch vor?“, wollte er wissen.

„Nichts Spezielles. Nur nach Hause gehen und vielleicht ein bisschen mit Mimutschka reden. Sie hat einen Großauftrag für Wassermelonengesichtscreme und ihre selbst gemachte Seife bekommen. Seitdem riecht es in unserem Haus überall nach Wassermelone, und in der Küche stehen große Töpfe, in denen Seife kocht.“

Eine Weile schwiegen sie beide. In den Baumkronen über ihnen gaben ein paar Vögel ein entspanntes kleines Nachtkonzert.

„Es ist Zeit, für dich aufzubrechen!“

„Schickst du mich fort?“

„Du musst heim. Es ist fast neun Uhr.“

Die Sommernacht war nicht nur warm, sondern auch hell. Sie hatte Vicky die Zeit vergessen lassen.

Vicky küsste ihre Fingerspitzen und berührte mit ihnen sanft seine Stirn. Nachdem sie aufgestanden war und die Beine ausgeschüttelt hatte, sah sie noch einmal zu ihm. Er zwinkerte ihr zu und lächelte auf seine stille Art. Sie erwiderte sein Lächeln, drehte sich dann mit einem Ruck um und verließ den kleinen Park, der früher einmal ein Friedhof gewesen war.

Er blieb zurück.

Sein Kopf ruhte auf einem Kissen aus Moos. Der Körper lag einen ganzen Schritt entfernt, gestützt auf einen Flügel, der aus dem Schulterblatt wuchs. Der andere Flügel war wie der Kopf abgebrochen. Verstreut auf dem Boden lagen auch die Arme und Beine in Trümmern.

Das jungenhafte Gesicht der Statue, das weich und lebendig war, solange Vicky sich in der Nähe befand, wurde zu einer harten, matt glänzenden Oberfläche. Die vor wenigen Momenten noch so lebhaften Züge erstarrten. Die dunklen Lider hatten sich über den blauen Augen geschlossen.

Er war die gestürzte und zerbrochene schwarze Marmorstatue von Azrael, dem Engel, der das Lebensbuch hütete. Oft wurde er als Engel des Todes bezeichnet, doch diese Bezeichnung tat ihm unrecht.

Im schwarzen Stein hatte sich ein echter Engel versteckt. Azrael persönlich. Sein überirdisches Wesen befand sich noch immer in den zerbrochenen Teilen der Skulptur. Seine Engelskraft aber hatte er verloren. An jemand anderen.

Neue und alte Bekannte

Fest in die Pedale tretend, radelte Vicky die Hauptstraße hinauf. Es war nicht sehr weit bis zu dem kleinen Haus in der Gartensiedlung, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Sally wohnte.

Auf den Straßen waren noch viele Fußgänger und Autos unterwegs. Der laue Sommerabend versetzte die Menschen in eine fröhliche, beschwingte Stimmung. Vor den Cafes saßen viele Leute mit kühlen Getränken in der Hand. Es wurde gelacht und geredet, und da und dort küssten sich die Frischverliebten, die erst im Frühling zusammengefunden hatten.

Bin ich in ihn verliebt? Bin ich in Azrael verliebt?, überlegte Vicky.

Nein! Sie wollte unbedingt, dass die Antwort ein klares und ausdrückliches Nein war. Alles andere machte keinen Sinn. Es wäre eine völlig unmögliche Liebe.

Vicky reckte das Gesicht in den Fahrtwind, der es angenehm kühlte.

Zwischen den Gästen der Bar Italia mit der rot-grün-weißen Neonschrift über dem Eingang war ein junger Mann aufgetaucht.

Er war weder aus dem Lokal noch von der Straße gekommen. Ein hohes Glas Tonicwasser in der Hand, schob er sich zwischen zwei Frauen durch.

Die in den hochhackigen Sandalen stieß ihre Freundin, eine wilde Rotblonde, an.

„Was sagst du zu dem Typ?“

Die Rotblonde schüttelte ihre Mähne.

„Noch nie hier gesehen. Süß.“

„Eingebildet.“

„Könnte auch schüchtern sein.“ Der Rotblonden gefiel es, wie er mit den Fingern sein gewelltes Haar nach hinten strich.

„Dieses Lächeln ist gefährlich.“ Sehr gekonnt machte es die Frau in den hohen Schuhen nach. „Es sagt: Komm mir nicht zu nahe. Aber genau das will man auf einmal. Man wird ganz verrückt auf solche Typen. Das wissen sie und genießen es.“

„Du solltest ein Lexikon über Männer verfassen“, riet ihre Freundin.

Übermütig lachten die beiden.

Der Mann schlenderte die Straße hinauf zur Seitengasse, in die Vicky eingebogen war. Sein weißes Baumwollhemd trug er locker über der schwarzen Hose. Das Jackett schwang er in einer Hand. Er pfiff eine wehmütige Melodie vor sich hin.

Tadelnd schüttelte er den Kopf. Ein Jogger, der mit seinem braun gefleckten Terrier eine große Runde um den Block drehte, hörte ihn leise vor sich hin sagen: „Vicky, Vicky … du hättest mich nicht zurückweisen sollen. Oh nein.“

Es roch nach frisch gegossenen Gärten und gegrillten Würstchen. Der Weg hier war leicht abschüssig. Vicky ließ ihr Fahrrad das letzte Stück zum Haus einfach ausrollen.

Vor dem Gartentor des Nachbarhauses parkte noch immer der Möbeltransporter, den Vicky schon mittags dort gesehen hatte. Das Haus war erst vor zwei Wochen verkauft worden, und die neuen Nachbarn zogen bereits ein.

Eine sehr dünne, fast weißhaarige Frau hob mit überraschender Kraft ein Nachtschränkchen von der Ladefläche.

„Abend!“, rief Vicky ihr zu und winkte.

„Hallo, guten Abend!“ Die Frau lächelte freundlich und winkte zurück.

Aus dem Inneren des Möbelwagens tauchte ein Hüne von Mann auf, bekleidet mit blauen Arbeitslatzhosen, ohne T-Shirt darunter. Er kratzte seine haarige Brust und warf Vicky einen prüfenden Blick zu.

Vicky bremste und stieg ab. Sie schob das Rad zu dem großen Auto.

„Ich bin Vicky! Vicky Cassady.“ Sie deutete mit dem Kopf auf das Backsteinhaus mit den bunten Fensterrahmen. Jeder war in einer anderen Farbe gestrichen. Ihre Mutter wollte damit Farbe auch in graue Tage bringen. „Wir sind Nachbarn.“

Die Frau wischte eine Hand an den Hosenbeinen des Mannes ab und reichte sie Vicky zur Begrüßung. „Freut mich. Nancy! Nancy Sayer und das ist mein Mann Bill.“

Der Hüne nickte grüßend und säuberte seine Rechte auf die gleiche Art wie seine Frau.

„Dann bist du die Tochter der Giftmischerin?“, platzte es aus Mr Sayer heraus.

Seine Frau warf die Arme in die Luft. „Was habe ich nur für einen Rüpel als Mann?“ Zu Vicky sagte sie: „Entschuldige, Bill ist nicht immer so. Aber oft.“

„Ist doch wahr! Hat sogar der Makler gesagt, der uns das Haus verkauft hat“, verteidigte sich Mr Sayer.

Vicky grinste schief und nickte dann mit ernster Miene. „Sie haben schon recht. Wenn Sie in der Nacht Schreie aus unserem Haus hören, kümmern Sie sich nicht darum. Nur wenn am Morgen grünes Wasser aus Ihrem Hahn fließt, sollten Sie es besser nicht trinken. Dann ist bei Mimutschka wieder einmal etwas schiefgegangen. Aber es sind keine richtigen Gifte.“

Mrs Sayer kratzte sich ratlos am Kopf, während ihr Mann mit offenem Mund zuhörte.

„Richtige Gifte töten. Mimutschkas Gifte verursachen nur Veränderungen. Sie können zum Beispiel gelbe Augen bekommen. Oder ein Finger fällt Ihnen ab. Ganz selten auch mal ein Ohr.“

„Du machst einen Scherz?“, fragte Mrs Sayer vorsichtig. So ganz sicher schien sie sich aber nicht zu sein.

Vicky lachte los. „Natürlich ist das ein Scherz. Mimutschka macht Kosmetika. Sehr edel. Alles nur natürliche Zutaten und nicht an Tieren getestet. Riecht gut und macht wunderschön.“

Die neue Nachbarin tastete ihr Gesicht ab. „Ich werde sie um ein paar Proben bitten. Nach dem Umzug kann ich so was gebrauchen.“

„Für mich bist du immer meine Königin!“ Ihr Mann schmatzte ihr einen herzhaften Kuss auf die Wange. Beide lachten.

„Jetzt aber weiter!“, trieb er seine Frau an.

„Haben Sie Hunger? Bei uns ist bestimmt was übrig geblieben“, bot Vicky an.

„Du bist ein Engel“, rief Mrs Sayer begeistert.

Vicky lächelte betreten. Das war ihr wunder Punkt. Obwohl Mrs Sayer absolut nichts wissen konnte. Trotzdem.

Hastig verabschiedete sie sich und schob das Fahrrad in den Garten. Als sie die Haustür öffnete, schlug ihr schon ein starker Wassermelonenduft entgegen. Sie fand ihre Mutter in der Küche, wo sie pinkfarbene Hautcreme mit einem Spachtel in kleine Tiegel abfüllte.

„Hallo Mimutschka. Haben wir etwas Essbares für die neuen Nachbarn?“

Pru Cassady deutete mit einem Löffel, von dem rosa Creme tropfte, auf drei Schüsseln. In einer waren leicht angetrocknete Spaghetti, in der zweiten ein köstliches Ragout aus Tomaten und Auberginen und in der dritten war Salat. Die Nudeln hatten einen Spritzer Melonengesichtscreme abbekommen, der aber sofort verschwand, als Vicky Nudeln und Soße zusammenmischte.

„Ich bring das nur schnell zu den Sayers“, rief sie. Ihre Mutter hatte nichts dagegen.

Das Ehepaar war nicht mehr zu sehen, aber die Eingangstür stand offen.

„Hallo, ich bin’s, Vicky!“, rief sie in die noch kahle Diele.

Von oben kam jemand heruntergetrampelt. Es war ein Junge in Vickys Alter, nicht ganz schlank, die Shorts auf Halbmast und den Oberkörper in einem ausgeleierten T-Shirt. Als er Vicky gegenüberstand, wirkte er verlegen.

„Für euch!“, sagte sie und streckte ihm die beiden Schüsseln entgegen.

„Hi!“, grüßte er, lehnte sich gegen das Treppengeländer, rutschte aber ab und stürzte nach vorne. Vicky wollte ihn

auffangen und vergaß dabei die Schüsseln in ihren Händen. So schwappte einen gute Portion Spaghetti mit Soße auf das Shirt des Jungen.

Vicky musste lachen. Sie konnte nicht anders.

Der Junge blickte an sich herunter und dann zu Vicky.

„Ich … ich bin so ein Tollpatsch“, sagte er entschuldigend.

„Kann doch jedem passieren“, meinte Vicky locker. „Wie heißt du?“

„Marco!“

„Ich bin Vicky!“

Insgeheim dachte Vicky, dass sich Marco ein bisschen wie die Marionette bewegte, die ihre kleine Schwester Sally geschenkt bekommen hatte. Bei der machten die Arme und Beine auch immer, was sie wollten. Vickys Blick fiel in die halb leere Schüssel mit den Nudeln.

„Das wird nicht mehr für alle reichen. Was werdet ihr jetzt essen?“

Marco machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach. Die Mikrowelle funktioniert schon. Ich mach uns schnell irgendwas.“

„Du kannst kochen?“

„Ich koche fast jeden Tag für Mam, Dad und mich.“

„Für mich auch einmal?“

Marco sah schüchtern auf seine Schuhe, die ein paar rote Tomatenspritzer abbekommen hatten.

„Wenn du möchtest. Dauert aber noch, bis wir halbwegs eingerichtet sind.“

„Ich wohne noch länger nebenan.“

Sie lachten beide.

Völlig unvermittelt fragte Vicky: „Suchst du vielleicht ein Mädchen?“

Marco verschluckte sich und hustete heftig. Vicky wurde schnell klar, warum. Er musste denken, dass sie ihn anbaggern wollte.

Himmel, war das peinlich!

„He, nein. Ich … ich bin versorgt“, sagte sie lachend. „Ich habe einen Freund.“ Das war zwar gelogen, aber das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden.

Nachdem der Hustenanfall überstanden war, fragte Marco: „Wieso … wieso wolltest du das dann wissen?“

Vicky versuchte, so arglos wie möglich zu klingen. „Ach, nur weil … nur weil es da in unserer Stadt diese Website gibt: www.wildewahnsinnsengel.com. Die finden heraus, wer in wen verliebt ist oder nicht. Man muss nur eine E-Mail schicken.“

Marco verzog das Gesicht. „Klingt schräg. Eigentlich bescheuert. Ich würde dort nie hinschreiben.“

Damit hatte er den ersten Minuspunkt bei Vicky gesammelt. Weniger, weil er sich nicht an die Wilden Wahnsinnsengel wenden würde, als wegen der Bezeichnung „bescheuert“. Damit traf er ohne es zu wissen Vicky ganz persönlich.

Die Idee zu den Wilden Wahnsinnsengeln war von Gloria, Nessa und ihr, und sie waren auch die Wilden Wahnsinnsengel.

„Nicht so wichtig, vergiss es. Vicky winkte ab. „Ich muss dann mal …“

Von oben kam Mrs Sayer herunter. „Unser Engel“, sagte sie lachend. „Ich habe Hunger wie ein Rudel Wölfe.“

Mrs Sayer nahm Vicky die Schüsseln ab und begann, mit den Fingern einzelne Nudeln herauszuangeln. Sie legte den Kopf nach hinten und ließ die baumelnden Spaghetti in ihrem weit geöffneten Mund verschwinden.

„Besonders gut“, lobte Mrs Sayer kauend. „Schmecken ein bisschen nach Wassermelone. Ungewöhnlich, aber echt lecker.“

Liebes- und andere Angelegenheiten

Vicky konnte nicht einschlafen. In ihrem Kopf sprangen die Gedanken herum wie ein Eimer Pingpongbälle, den jemand in eine leere Turnhalle geleert hatte. Nachdem sie sich erfolglos eine halbe Stunde von einer Seite auf die andere gewälzt hatte, stand sie wieder auf.

Durch das Fenster strich eine warme Sommernachtsbrise, die die himmelblauen Vorhänge sanft bewegte. Der kupferfarbene Lichtschimmer der Straßenbeleuchtung fiel auf Vickys Schreibtisch direkt unter dem Fenster. Dort lagen schon die Bücher und Hefte für den nächsten Schultag und daneben ein paar lose Seiten. Vicky nahm sie in die Hand und blätterte sie durch. Gähnend ließ sie sich auf ihren Stuhl aus Naturholz sinken, der herrlich knarrte und ächzte. Sie las, was auf der ersten Seite stand.

Hallo Wahnsinnsengel, ich habe schon von euch gehört. Ihr habt meiner Freundin Lou geholfen. Sie wollte immer mit Paul gehen. Aber sie dachte, er wollte lieber mit Angela gehen. Wie habt ihr herausgefunden, dass er doch mit Lou gehen will? Und wie habt ihr es geschafft, dass er sie sogar zum Schulball eingeladen hat? Wie macht ihr das? Das würde mich schon interessieren.
Ich habe nämlich ein Problem, das noch viel schlimmer ist. Vielleicht könnt ihr mir helfen. Aber zuerst muss ich mehr über euch wissen. Ich kann doch nicht einfach nur an jemanden schreiben, der sich „Wilde Wahnsinnsengel“ nennt. Schließlich geht es um etwas, das mir echt wichtig ist und mein Herz richtig wehtun lässt. Also schreibt mir was über euch. Dann erfahrt ihr mehr über mich und mein Problem.

Die Nachricht war nicht unterschrieben, und die E-Mail-Adresse des Absenders enthielt keinen Namen.

Vicky wedelte mit dem Blatt. Irgendetwas gefiel ihr an dieser Zuschrift nicht. Sie fand es besser, nicht zu antworten. Gloria war anderer Meinung. Nessa hatte die Absenderin kurzerhand als „Wichtigtuerin“ und „Klugscheißerin“ abgestempelt.

Niemand an der Schule durfte je erfahren, dass hinter den Wilden Wahnsinnsengeln Vicky und ihre Freundinnen steckten. Sonst war es ihnen nicht mehr möglich, heimlich Nachforschungen zu betreiben, wer gerade in wen verliebt war. Die Wilden Wahnsinnsengel waren eine Art Detektivagentur in Liebesangelegenheiten. Schließlich war nichts peinlicher, als einen Jungen oder ein Mädchen anzuquatschen und sich eine herbe Abfuhr abzuholen.

Dank der Wilden Wahnsinnsengel gehörten solche schrecklichen Situationen der Vergangenheit an.

Vicky, die keinen eigenen Computer besaß, sortierte das oberste Blatt nach unten. Die Mails bekam sie immer ausgedruckt von Gloria, denn in der Villa der Familie Tenner gab es mindestens sieben topmoderne Computer mit Druckern und allem, was dazu gehörte. Vicky nahm sich die nächste Seite vor und begann zu lesen.

Hallo Wahnsinnsengel,
bei mir geht es um etwas anderes. Seit dem Sandkasten ist Laureen aus der siebten meine beste Freundin. Seit zehn Tagen redet sie nicht mehr mit mir. Rufe ich sie an, legt sie auf. Spreche ich sie in der Klasse oder auf dem Gang an, tut sie, als wäre ich Luft. Ich habe ihr drei E-Mails geschickt. Sie hat sie alle unbeantwortet zurückgeschickt. Dann habe ich ihr einen Brief geschrieben. Der lag ungeöffnet wieder auf meinem Platz. Wieso tut sie das? Mich macht es krank, dass sie mich so behandelt. Es ist so unfair und gemein. Bitte findet heraus, warum sie mich auf einmal hasst. Natty

Natty tat Vicky leid. Wenn die beste Freundin auf einmal nichts mehr von einem wissen wollte, war das so schlimm wie Mückenstiche auf dem Rücken, wo man sich nicht kratzen konnte. Aber wie sollte Vicky den Grund herausfinden?

Sie musste herzhaft gähnen. Mit einem Mal überkam sie eine Müdigkeit, die ihre Augenlider schwer werden ließ. Vicky legte sich auf ihr Bett und die dünne Decke über ihre nackten Füße. Auf dem Rücken liegend, schloss sie die Augen. Rund um sie herum herrschte Dunkelheit. Sie atmete ruhig ein und aus.

Aus dem tiefen Grau kam ER ihr auf einmal entgegen. Er bewegte sich wie in Zeitlupe. Sein Gang war entschlossen und trotzdem locker. In seinen dunklen Augen lag etwas Siegessicheres, als wollte er sagen: Wehr dich nicht! Es hat keinen Sinn.

Mit einem unterdrückten Aufschrei richtete sich Vicky auf. Sie starrte in das nächtliche Zimmer, aus dem langsam die Umrisse der Möbelstücke auftauchten. Erst jetzt bemerkte Vicky, dass sie keuchte wie nach einem 100-Meter- Lauf.

Sie war nur kurz eingenickt. Vielleicht hatte sie ein paar Minuten geschlafen, aber bestimmt nicht mehr. Noch immer außer Atem, nahm sie ihre Armbanduhr vom Nachtschrank. Die Zeiger und Stundenstriche leuchteten im Dunklen.

Verwundert legte Vicky die Uhr zurück. Es war bereits vier am Morgen.

Was konnte sie tun? Mit wem sollte sie über ihn sprechen? Sie fühlte sich so zerrissen. Auf der einen Seite wollte sie ihn unbedingt wiedersehen. Auf der anderen schrie alles in ihr: Tu es nicht! Es kann dein Ende sein.

Er war ihr Feind! Gewann er, verlor sie. Bekam er die Oberhand, würde sie für immer bleiben, was sie bis jetzt nur zur Hälfte war: ein Engel.


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