Eine verhängnisvolle Versuchung

1. Kapitel

 

London

April 1870

 

»Ich werde nicht gehen!« Sie wand sich in seinem Griff. »Ich hab es dir gesagt! Lass mich los!«

Er hatte es satt, ständig Auseinandersetzungen mit ihr zu führen. Manchmal kam es ihm vor, als habe er in den letzten siebzehn Jahren nichts anderes getan.

»Du gehst«, knurrte er, seine tiefe Stimme war drohend leise. So drohend, dass der neben dem Vierspänner wartende Lakai eine steife Haltung annahm und den Blick verängstigt abwandte. »Werd ich nicht«, rief sie und versuchte abermals, ihr Handgelenk aus seinem Griff zu befreien. In letzter Zeit war sie wendig wie eine Katze geworden. Er konnte ihren schmalen, seidenumhüllten Arm kaum halten. »Ich sagte, lass mich los

Er seufzte schwer. Schon wieder dieses Theater. Nun gut, er hätte es wissen sollen; alles hatte darauf hingedeutet. Vor einer Stunde, als er seinen Krawattenknoten vor dem Spiegel neu band – Duncan war zwar ein wahrhaft vorbildlicher Kammerdiener, doch je älter er wurde, desto störrischer wurde er auch: Kleinere Veränderungen der Herrenmode schienen ihn nur noch zu ärgern. Er knotete die Krawatte seines Brotgebers seit zwanzig Jahren in der gleichen Art und Weise, womit er Burke zwang, sich heimlich zurückzuziehen, das Werk seines Kammerdieners aufzulösen und neu zu binden –, in diesem Moment jedenfalls, war Miss Pitt ohne Anmeldung und noch dazu in einem Zustand höchster Erregung in sein Ankleidezimmer gestürmt.

»Mylord«, rief die alte Frau schluchzend. Tränen schossen ihre fülligen Wangen herab. »Sie ist unmöglich! Unmöglich, hören Sie? Kein Mensch – niemand – muss sich eine solche Misshandlung gefallen lassen …«

Sie presste eine zitternde Hand an die Lippen und floh aus dem Zimmer. Burke war nicht ganz sicher, aber es hatte den Anschein, dass Miss Pitt soeben gekündigt hatte. Seufzend löste er die Krawatte. Es machte nun keinen Sinn mehr, gut aussehen zu wollen. Er würde heute Abend nicht, wie ursprünglich geplant, die Gesellschaft der unnachahmlichen Sara Woodhart genießen. Nein, jetzt hieß es, die Rolle der unglücklichen Miss Pitt zu übernehmen und Isabel zu Lady Peagroves Tanzgesellschaft zu begleiten.

Zum Teufel damit.

Mittlerweile krümmte sich das Biest und versuchte ihn zu beißen – tatsächlich, zu beißen! –, um seinen Griff zu lockern. Er hoffte inständig, dass die Nachbarn nicht zusahen. Diese öffentlichen Zurschaustellungen ihres Temperaments wurden immer peinlicher. Vor ein paar Jahren, als sie jünger gewesen war, und kleiner, hatte er es als weniger schlimm empfunden, – aber jetzt …

Nun ja, jetzt sehnte er sich immer öfter nach einer Pfeife und dem gemütlichen Kaminfeuer in seiner Bibliothek.

Sogar mehr als nach der Gesellschaft der geschätzten Mrs Woodhart.

Guter Gott! Wie schrecklich! Konnte das wahr sein? Wurde er wirklich alt? Duncan jedenfalls hatte das bereits angedeutet, sogar mehr als einmal. Natürlich nicht mit Worten. Ein guter Kammerdiener würde niemals etwas anderes sagen, als dass sein Herr in den besten Jahren sei. Aber erst gestern hatte der Kerl die Frechheit besessen, ihm eine Flanellweste herauszulegen. Flanell! Als ob Burke demnächst siebenundfünfzig würde, statt sich dem noch relativ jugendlichen Alter von siebenunddreißig Jahren zu nähern. Als sei er gebrechlich und nicht in erstklassiger körperlicher Verfassung, wie er schließlich wusste. Eine Tatsache, derer ihn viele der attraktivsten Frauen Londons, inklusive der anspruchsvollen Mrs Woodhart, versichert hatten. Duncan hatte eine Lektion erteilt bekommen, so viel war sicher.

So, wie jetzt Isabel eine bekommen würde. Er ließ nicht mit sich spaßen, besonders nicht, wenn es zu ihrem eigenen Besten war.

»Und ich«, er beugte sich herab und warf sie gekonnt, mit einer Leichtigkeit, die von Übung zeugte, wie einen Sack Getreide über die Schulter, »sage, dass du gehst.«

Isabel gab ein Gekreische von sich, das durch den dichten gelben Nebel hallte, der sich wie ein Vorhang über die Park Lane gelegt hatte (wahrscheinlich über ganz London, wie er sein Glück einschätzte). Es würde Stunden dauern, bis sie sich durch den aufgrund des Nebels stockenden Verkehr zum Haus der Peagroves gekämpft hätten. Das fehlte ihm gerade noch, dieser dicke, erstickende Nebel, zusätzlich zu Isabels Hysterie. Das Einzige, was er in diesem Moment noch besser gebrauchen könnte, war eine Kugel im Kopf. Oder eine Klinge im Herzen.

Einen Moment später schien es, als sollte sein zweiter Wunsch erfüllt werden. Nur dass der Eindringling, der wie aus dem Nichts aus dem Nebel auftauchte, statt einer Klinge die Spitze eines Regenschirms in Richtung seines Herzens stieß.

Oder eben dahin, wo sein Herz sein sollte, falls er – was Isabel gerade aus vollsten Lungen lauthals bestritt – überhaupt eins besaß.

»Verzeihung, Madam«, sagte Burke ruhig zu der Besitzerin des Schirms – sehr ruhig sogar, bemerkte er stolz, zumal er den Ruf hatte heißblütig zu sein. »Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, dieses Ding fortzunehmen? Es behindert mich auf dem Weg zu der Kutsche, die dort wartet.«

»Noch einen Schritt«, sagte die Schirmbesitzerin mit einer Stimme, die für ein Wesen von solch … na ja … winzigem Ausmaß verblüffend hart klang, »und ich werde Ihre Chancen auf einen Erben ernsthaft gefährden.« Burke warf seinem Lakaien einen Blick zu. War es Einbildung oder wurde er gerade vor seiner eigenen Türschwelle, noch dazu auf der Park Lane, der exklusivsten Straße Londons, angepöbelt – und das von einer völlig Fremden? Was es noch schlimmer machte: Von einer jungen Frau, genau von der Sorte, die er auf gesellschaftlichen Anlässen so gewissenhaft mied.

Wer konnte ihm das auch vorhalten? Er fand es immer recht beunruhigend, wenn mitten in der Unterhaltung mit einer dieser Kreaturen – die sich zugegebenermaßen meist sowieso nicht gerade brillant auf die Kunst der Konversation verstanden – deren schwer juwelenbehängte Mutter wie im Sturzflug aus dem Nichts herabstieß, um ihren kleinen Liebling höflich, aber bestimmt aus seiner Reichweite zu entfernen.

Hier jedoch war weit und breit keine juwelenbehängte Mama. Diese junge Frau war allein. Überraschend allein, zumal in einer solch düsteren Nacht, wie er sie lange nicht mehr erlebt hatte. Wo war ihre Anstandsdame? Ohne Zweifel sollte eine so junge Frau eine haben, wenn auch nur um sie davon abzuhalten, einen Gentleman wie ihn mit dem spitzen Ende ihres Schirms zu bedrohen – wie es ihre Angewohnheit zu sein schien.

Was sollte er jetzt tun? Wäre sie ein Mann, hätte Burke ihn mit einem Schlag niedergestreckt, wäre über den reglosen Körper gestiegen und hätte seinen Weg fortgesetzt. Falls notwendig, hätte er ihn auch herausgefordert, um ihm mit großem Vergnügen – entsprechend seiner momentanen Stimmung – eine Kugel in den Kopf zu jagen. Aber sie war kein Mann. Sogar für eine Frau war sie ziemlich klein. Er hätte sie mit Leichtigkeit aus dem Weg heben können, aber eine Frau auf diese Art anzufassen – besonders eine in diesem jugendlichen Alter – konnte zu ungeahntem Ärger führen. Was also sollte er tun?

Perry, dem Burke dummerweise einen Hilfe suchenden Blick zugeworfen hatte, konnte nicht mit der kleinsten Unterstützung aufwarten. Er starrte auch bloß auf die junge Frau, wobei seine vorstehenden Augen fast herauszufallen drohten. Und das nicht einmal wegen der Schirmspitze, die sie vor seinem Herrn schwenkte, sondern beim Anblick ihrer sehr schlanken Fesseln, deutlich sichtbar unter dem durch die Fechterstellung leicht hochgerutschten Rocksaum.

Dämlicher Junge. Morgen würde sich Burke darum kümmern, dass er gefeuert wurde.

»Lassen Sie sie runter«, sagte die junge Frau. »Sofort.«

»Passen Sie mal auf«, hörte Burke sich sagen und klang wesentlich vernünftiger, als ihm zumute war. »Stoßen sie nicht dauernd mit diesem Ding nach mir. Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin, zufälligerweise …«

»Ich gebe keinen Pfifferling darauf, wer Sie zufälligerweise sind«, unterbrach ihn die junge Dame ziemlich frech. »Sie setzen dieses Mädchen jetzt ab und dürfen sich glücklich schätzen, wenn ich nicht den Wachmann rufe. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich das nicht tun sollte. So etwas Würdeloses habe ich im Leben noch nicht gesehen, ein Mann Ihres Alters, der ein nicht halb so altes Mädchen misshandelt!«

»Misshandeln?« Burke ließ seine Last vor Überraschung beinahe fallen. »Von allen denkbaren Unverschämtheiten! Glauben Sie ernsthaft …«

Isabel, die sich seit dem Auftauchen der schirmbewehrten Furie verdächtig ruhig verhalten hatte, hob ihr verschleiertes Haupt, und eine klagende Stimme – ganz entgegen ihrem sonst so selbstsicheren Tonfall – sagte: »Oh, bitte, helfen Sie mir, Miss. Er tut mir furchtbar weh!«

Das Schirmende bohrte sich in seinen Rockaufschlag, die Metallspitze pikste das Fleisch knapp oberhalb der Herzgegend. Die junge Frau machte sich nicht einmal mehr die Mühe, Burke selbst anzusprechen, sondern drehte den Kopf und sagte zu dem Lakaien: »Stehen Sie nicht einfach so da, Sie ignoranter Idiot, laufen Sie und holen Sie einen Wachmann!«

Perry fiel die Kinnlade herab. Burke musste verärgert mit ansehen, wie sich seines Lakaien Gesicht verzerrte, er mit sich kämpfte, hin– und hergerissen zwischen der Loyalität zu seinem Arbeitgeber und dem Drang, dem entschlossenen Kommandoton des Mädchens zu gehorchen.

»A-aber«, stammelte der idiotische Junge. »Er wird mich rauswerfen, Miss, wenn ich das tue …«

»Rauswerfen?« Die ohnehin schon lächerlich großen, grauen Augen weiteten sich wütend. »Das würden Sie doch wohl vorziehen, nicht wahr, statt wegen Komplizenschaft bei einer Entführung im Gefängnis zu landen?«

Perry wand sich. »Nein, Miss, aber …«

Länger konnte Isabel nicht an sich halten. Burke fühlte sie auf seiner Schulter zittern. Selbst das Walknochenkorsett konnte die wilden Zuckungen ihres Bauchs nicht unterdrücken, als das Lachen aus ihr hervorplatzte.

Doch für das Mädchen mit dem spitzen Schirm klang das Lachen wie Schluchzer. Er sah, wie sich ihr blasses Gesicht, gerahmt von einem ehemals sicher teuren, nunmehr aus der Mode gekommenen Häubchen, verhärtete. Sie riss den Arm zurück, zweifellos, wie es schien, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

Er griff nach dem letzten Strohhalm.

»Sehen Sie«, sagte er, schwang Isabel von der Schulter und stellte sie, nicht gerade sanft, neben sich auf die Füße. Dabei ließ er wohlweislich ihr Handgelenk nicht los, – er war ja nicht dumm – um sie von ihrem neuesten Trick abzuhalten, ins Dunkel der Nacht zu entwischen. »Zwar weiß ich nicht, warum ich hier so rüde verleumdet werde – und das ausgerechnet noch vor meiner eigenen Türschwelle –, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, Ihnen zu versichern, dass diese Situation in jeder Hinsicht ehrenhaft ist. Diese junge Frau ist zufällig meine Tochter.«

Der Schirm bewegte sich nicht. Nicht einen Zentimeter.

»Gute Geschichte«, sagte seine Besitzerin trocken.

Burke sah sich nach Wurfgegenständen um. Er befürchtete ernsthaft, gleich einen Schlaganfall zu erleiden. Womit hatte er das bloß verdient? Alles, was er wollte – alles, was er jemals gewollt hatte –, war, Isabel mit einem anständigen Kerl zu verheiraten, der sie nicht schlagen würde und nicht das Geld durchbrachte, was er ihr zugedacht hatte, sodass er – endlich – frei war, einen netten Abend mit einer angenehmen Frau wie Sara Woodhart zu verbringen. Oder mit einem Buch. Ja, einfach nur mit einem Buch vor einem schönen, prasselnden Kaminfeuer. War das wirklich zu viel verlangt?

Offensichtlich schon, solange schirmschwenkende Verrückte die Straßen von London unsicher machten.

Perry öffnete den Mund und sagte – vielleicht zum ersten Mal in seinem beschränkten Leben – etwas wirklich Nützliches. Und zwar: »Ehm, Miss? Sie – die junge Dame – istseine Tochter.«

Isabel, die mit einem Kicheranfall kämpfte, seit Burke sie auf den Boden gestellt hatte, konnte sich nicht länger beherrschen. Ihr schallendes Gelächter war wahrscheinlich auf der ganzen Straße zu hören.

»Oh«, rief sie fröhlich, »es tut mir wirklich leid! Aber das war sogenial, wie Sie Papa mit dem Regenschirm bedroht haben. Ich konnte nicht anders.«

Der Schirm wich ein Stück. Nur ein bisschen, aber merklich.
»Wenn er Ihr Vater ist«, die schmalen Augenbrauen zogen sich unter den dunkelblonden Ponyfransen verständnislos zusammen, »warum, in Gottes Namen, haben Sie so geschrien?«

»Nun ja!« Isabel verdrehte die Augen, als wäre die Antwort offensichtlich. »Weil er darauf besteht, dass ich zu Peagroves Tanzgesellschaft gehe.«

Zu Burkes absoluter Fassungslosigkeit akzeptierte die junge Frau – diese völlig Fremde, diese Verrückte – die Aussage als vollkommen normal. Wie vom Donner gerührt sah er zu, wie sich die Schirmspitze von seiner Herzgegend aus senkte, bis sie auf dem Boden stand.

»Um Gottes willen«, sagte die Frau. »Da können Sie natürlich auf keinen Fall hingehen.«

Isabel streckte die Hand vor und zog eher brutal als verspielt an Burkes Ärmel. »Siehst du, Papa? Ich hab’s dir gesagt!«

Burke war sich jetzt ganz sicher, dass er einem Schlaganfall erliegen würde. Er verstand überhaupt nichts mehr. Vor ein paar Sekunden noch hatte die junge Frau, die vor ihm stand, die Polizei holen wollen. Jetzt diskutierte sie in aller Ruhe gesellschaftliche Aktivitäten mit seiner Tochter, als hätten sie sich zum gemeinsamen Klatsch im Hutgeschäft getroffen und stünden nicht – abends um neun Uhr am nebeligsten Frühlingsabend, den er je erlebt hatte – mitten auf der Park Lane.

»Es ist ein einziges Gedränge«, versicherte die junge Frau seiner Tochter. »Lady Peagrove lädt doppelt so viele Leute ein, wie in ihr Haus passen. Es ist ein Albtraum, auch nur in die Nähe zu kommen. Und niemand, der wirklich bedeutend ist, geht hin. Nur Möchtegerne und Verwandte vom Land, mehr nicht.«

»Ich wusstees.« Isabel stampfte mit ihrem zierlichen Schuh auf, verursachte jedoch nicht das leiseste Geräusch auf dem weichen Teppich, den Perry ausgelegt hatte, damit ihre Schleppe beim Einstieg in die Kutsche nicht den Straßenschlamm mitnähme. »Ich hab’s ihm gesagt. Aber er will ja nicht auf mich hören.«

Burke wurde bewusst, dass man über ihn sprach, als sei er gar nicht anwesend, und wurde immer wütender. »Er hört ja nur auf Miss Pitt«, fuhr Isabel fort. »Und Miss Pitt hat die völlig absurde Idee, dass man unbedingt zu Peagroves gehen muss.«

»Wer ist Miss Pitt?«, fragte die Fremde dreist.

Bevor Burke ein Wort sagen konnte, antwortete Isabel: »Och, sie war meine Anstandsdame. Bis sie vor einer Stunde gekündigt hat, jedenfalls.«

»Anstandsdame? Warum um Gottes willen müssen Sie denn eine Anstandsdame haben?«

»Wenn Sie es unbedingt wissen müssen«, antwortete Burke säuerlich, »weil ihre Mutter tot ist. Deshalb. Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden, Madam …«

»Ha!«, unterbrach Isabel. »Das ist nicht alles, Papa.« Der Fremden vertraute sie an: »Mama ist tatsächlich tot, aber in Wahrheit stellt er Anstandsdamen für mich ein, weil erkeine Lust hat, mit mir irgendwo hinzugehen. Erwill ja all seine Zeit mit Mrs Woodhart verbringen …«

Burkes Griff um Isabels Arm wurde fester. »Perry«, sagte er, »die Tür, bitte.«

Der Lakai, der der Unterhaltung staunend und mit größerer Aufmerksamkeit gefolgt war, als er sie jemals bei Burkes Anweisungen an den Tag legte, erschrak, so plötzlich angesprochen zu werden. »M-mylord?«, stammelte er.

Burke fragte sich, ob es wohl als brutal angesehen würde, wenn er Perrys Hosenboden einen schwungvollen Tritt versetzte. Würde es wohl, entschied er.

»Die Tür«, knurrte er. »Von der Kutsche. Öffne sie. Jetzt
Der arme Lakai beeilte sich, der Anordnung seines Herrn Folge zu leisten. In der Zwischenzeit plauderte Isabel eifrig weiter, was Burke fast zur Raserei brachte.

»Oh«, sagte sie gerade, »ich habe immer und immer wieder gesagt, zu Lady Ashfort muss man gehen, aber hören sie etwa auf mich? Kein Stück. Es war ja wohl nicht verwunderlich, dass ich zu Miss Pitt unhöflich werden musste. Ich meine, wenn keiner auf einen hört …«

»Oh, ist Lady Ashforts Ball heute?« Die junge Dame stand so nonchalant auf den Griff ihres Schirms gelehnt, als sei er ein Croquet–Hammer und sie stünden auf einer Sommerwiese beim Freundschaftsspiel. »Tja, damit ist es dann wohl entschieden. Lady Ashfort darf man einfach nicht verpassen.«

»Ja, aber das Ganze ist eine Verschwörung, verstehen Sie, um mich von dem Mann fernzuhalten, den ich liebe …«

»In die Kutsche«, unterbrach Burke eisern. Er war stolz auf sich. Er hatte sie noch nicht mit Fußtritten in die Kutsche befördert, was sein erster Impuls gewesen war. Er lernte langsam, sein Temperament zu beherrschen. Und bei Gott, es hatte in den letzten paar Wochen arge Versuchungen gegeben. Aber er hielt sich unter Kontrolle. Wenn sie es nur schaffen würden, dieser redseligen jungen Frau und ihrem Schirm, ohne Blutvergießen zu entkommen, wäre er schon froh.

»Aber Papa.« Isabel sah ihn mit großen Augen an. »Ich dachte, du hättest die Dame gehört. Peagroves Tanzgesellschaft ist einfach nicht …«

»Steig in die Kutsche!«, brüllte Burke.

Isabel stolperte einen Schritt zurück, aber er war schneller. Er fing sie ein und schubste sie – ganz sanft allerdings; selbst die Xanthippe mit dem Regenschirm würde zugeben müssen, dass es wirklich sanft war – in die Kutsche. Sobald das letzte Stück Schleppe verstaut war, drehte er sich um und sagte zu der höchst erstaunten jungen Lady, die auf der Straße stand: »Guten Abend.«

Damit verschwand er in der Kutsche und bellte dem Kutscher zu, er möge sich sputen, was dieser eiligst tat.

Isabel, die sich auf dem Sitz gegenüber erholte, sagte: »Also wirklich, Papa! Es gab keinen Grund, so unhöflich zu sein!«

»Unhöflich!« Er stieß ein tonloses Lachen aus. »Das gefällt mir! Wahrscheinlich war es reine Höflichkeit, dass mich eine völlig Fremde mit ihrem Regenschirm bedroht und die Polizei holen will, als ob ich irgendein entlaufener Sträfling wäre.«

»Sie war keine völlig Fremde«, sagte Isabel und ordnete die endlosen Meter weißer Seide, aus denen ihr Rock bestand. »Sie heißt Miss Mayhew. Ich habe sie schon öfter gesehen, hier und dort auf der Straße.«

»Um Gottes willen.« Burke starrte seine Tochter fassungslos an. »Diese Kreatur wohnt auf der Park Lane? Ich kenne keine Mayhews. Zu wem gehört sie?«

»Zu den Sledges. Sie ist die Gouvernante von diesen verrückten kleinen Jungen.«

»Oh«, meinte Burke etwas besänftigt. Kein Wunder, dass er sie nicht erkannt hatte. Na ja, wenigstens dafür konnte man dankbar sein. Die Frau war bloß eine Gouvernante, sie würde nicht überall in der Nachbarschaft herumerzählen, dass Burke Traherne, dritter Marquis von Wingate, nicht mit seiner dickköpfigen Tochter zurechtkam.

Jedenfalls würde ihr niemand von Bedeutung zuhören. Mit leicht beleidigtem Unterton wollte er jedoch wissen: »Wenn du sie schon öfter gesehen hast, warum zum Teufel, wusste sie nicht, dass du meine Tochter bist? Warum dachte sie, ich wollte dich entführen?«

»Sie hat gerade erst angefangen, dort zu arbeiten«, sagte Isabel und zog sich die Handschuhe an. »Und außerdem, wann sollte sie dich schon sehen? Auf jeden Fall nicht in der Kirche, weil du nach einer Samstagnacht normalerweise erst im Morgengrauen ins Bett gehst.«

Im Licht der Öllampe, die in der Kutsche hing, warf er ihr einen wütenden Blick zu. Es schien ihm nicht angebracht, dass eine Tochter in so vertrauensseligem Ton zu ihrem Vater sprach. Das kam wohl davon, vermutete er, wenn man so jung heiratete. Sein Vater hatte ihn gewarnt. Und er hatte recht behalten. Andere Männer, die – anders als er – mit dem Heiraten gewartet hatten, bis sie die Zwanzig längst überschritten hatten, hatten keine Töchter, die sich ihnen gegenüber einen so leichtfertigen Tonfall anmaßten. Das nahm Burke jedenfalls an. Wegen seiner nicht eben tadellosen Vergangenheit – und dem daher angekratzten Ruf – hatte er nicht allzu viele Bekannte.

Doch er ging davon aus, wenn er männliche Freunde hätte, und die hätten zufällig Töchter, dann wären diese Töchter anmutige, sanftmütige Geschöpfe, Töchter, wie er sie sich immer gewünscht hatte. Diese zügellose Kreatur hingegen hatte bis vor eineinhalb Monaten ein teures Seminar für feine Damen besucht und sprach seitdem beim Dinner in dieser unhöflichen Manier mit ihm.

»Isabel«, er sprach so gleichmütig wie möglich, »was hast du mit Miss Pitt gemacht?«

Isabel musterte interessiert die Decke der Kutsche. »Falls die Kutsche bei Peagroves hält, bin ich weg. Ich warne dich im Voraus.«

»Isabel«, sagte er wieder mit solcher Geduld, dass er sich selbst bewunderte. »Miss Pitt ist die fünfte Anstandsdame, die ich in der gleichen Anzahl von Wochen für dich angestellt habe. Würdest du mir bitte erklären, was du an ihr so inakzeptabel fandest? Sie hatte so gute Zeugnisse. Lady Chittenhouse meinte …«

»Lady Chittenhouse.« Isabels Ekel war offensichtlich. »Was weiß denn die? Keine ihrer Töchter hätte jemals eine Anstandsdame gebraucht. Kein halbwegs vernünftiger Mann würde sich einer von denen auch nur nähern. Solche miserablen Teints habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Man sollte meinen, sie hätten noch nie was von Seife gehört. Es ist ein Wunder, dass überhaupt eine von ihnen verheiratet ist.«

Burke ignorierte das. »Lady Chittenhouse«, fuhr er fort, »hat einen glühenden Empfehlungsbrief für Miss Pitt geschrieben …«

»Ach, hat sie das? Hat sie zufällig auch erwähnt, dass Miss Pitt – abgesehen davon, dass sie mit ihrem ständigen Geschwätz von ihren wertvollen Nichten und Neffen tödlich langweilig ist – dazu neigt, beim Sprechen zu spucken, besonders wenn sie versucht, mir meine – wie sie es nennt – Wildheit auszutreiben? Hat sie das auch geschrieben?«

»Wenn du Miss Pitt derart ungeeignet fandest«, Burke sprach so sanft er konnte, wobei zu berücksichtigen ist, dass er sie am liebsten erwürgt hätte, »warum bist du dann nicht zu mir gekommen und hast mich gebeten, jemand anderen einzustellen?«

»Weil ich wusste, dass du bestimmt jemand noch Schlimmeres findest.« Sie sah aus dem Fenster in die Nebelschleier auf der Straße. »Wenn du wenigstens mich mit den Kandidatinnen sprechen lassen würdest …«

Burke musste über ihren angestrengt beiläufigen Ton schmunzeln. »Und wen würdest du als geeignete Anstandsdame bezeichnen? Jemanden wie diese Miss Mayhew wahrscheinlich, das würde mich nicht wundern.«

»Was ist denn falsch an Miss Mayhew?«, fragte Isabel herausfordernd. »Wenigstens ist sie nicht so unangenehm anzusehen wie diese schreckliche alte Miss Pitt!«

»Du brauchst nicht eine, die angenehm aussieht«, knurrte Burke, »du brauchst jemand Strenges, eine, die dich davon abhält, hinter diesem erbärmlichen Saunders–Jungen herzurennen …«

Sobald diese Worte seine Lippen verließen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Plötzlich brach auf dem gegenüberliegenden Sitz ein Sturm los.

»Geoffrey ist nicht erbärmlich!«, rief Isabel. »Was du auch merken würdest, Papa, wenn du dir nur einen Moment Zeit nähmest, ihn kennenzulernen …«

Burke verdrehte die Augen und wandte den Blick aus dem Fenster. Unglücklicherweise steckten sie schon im Verkehr fest, und die Kutsche war umlagert von Menschen, die Blumen und bunte Bänder verkauften, von Bettlern und Prostituierten … das übliche Gesindel, welches man abends in den Londoner Straßen sah. Die Fenster waren geschlossen, sodass niemand hineinreichen konnte, aber Burke konnte ihre Hände deutlich sehen, leere Handflächen, ihnen entgegengestreckt, dreckig, gezeichnet von Arbeit und einem harten Leben. Er konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. So hatte er sich seinen Abend wirklich nicht vorgestellt. Um diese Uhrzeit wollte er eigentlich in seiner Loge im Theater sitzen. Jetzt konnte er froh sein, wenn er dort war, bevor Sara durch den Bühnenausgang schlüpfte, mitten in die Menge, die jeden Abend dort wartete, um ihr unerreichtes Talent zu verehren …

Das dachte siezumindest. Burke wusste genau, was sie verehrten, und das hatte recht wenig mit ihrem Talent zu tun.

»Ich muss Mr Saunders nicht erst kennen lernen, Isabel«, sagte Burke wiederum mit mehr Gelassenheit, als er empfand. »Siehst du, ich weiß schon alles, was es über ihn zu wissen gibt, und ich kann nur sagen: Der Tag, an dem dieser Laffe vor unserer Tür steht, ist der Tag, an dem er Blei zu schmecken bekommt.«

»Papa!« Isabel sog den Atem ein und schluchzte. »Wenn du nur zuhören würdest …«

»Ich habe mir dein endloses Geschwätz über Geoffrey Saunders lang genug angehört«, sagte Burke. »Ich will seinen Namen aus deinem Mund nicht mehr hören.« So. Das klang unerbittlich, nach strengem Verbot, so wie Väter sich eben anzuhören hatten. »Und jetzt gehen wir zu Peagroves, weil ich zufällig weiß, dass Mr Saunders dort nicht eingeladen ist.«

Isabel schluchzte erneut, diesmal noch lauter, und sagte in einer Stimme, die ihre tragische Verletztheit offenbarte: »Du meinst, du gehst zu Peagroves. Ich gehe zu Lady Ashfort!«

Und bevor er es kommen sah, hatte sich Isabel gegen die Kutschentür geworfen, schwang sie auf und wand sich in einer solch dramatischen Geste hinaus, dass selbst die unvergleichliche Sara Woodhart vor Neid erblasst wäre.

Burke, plötzlich so allein in der Kutsche, seufzte. Gott bewahre ihn vor jungen und verliebten Frauen. So hatte er den Abend nichtgeplant. Er stülpte sich den Hut auf und hievte sich aus der offenstehenden Tür auf die vor Menschen wimmelnde Straße, um seinem Kind zu folgen.

 

2. Kapitel

 

Der Hitzeschwall vom Feuer des großen Küchenofens war nicht das Einzige, was Kate Mayhew begrüßte, als sie durch die Tür schlüpfte; Posie, die Dienstmagd, stürzte ihr gleichermaßen entgegen, ein wahrer Wirbelsturm mit spitzenbesetztem Petticoat und rosigen Wangen.

»Oh, Miss«, rief Posie und eilte schnell an die Seite des älteren Mädchens, bevor diese auch nur die Tür schließen konnte. »Stellen Sie sich vor … Das erraten Sie nie!«

»Henry hat schon wieder eine Schlange in die Bademanteltasche seines Vaters getan«, sagte Kate, während sie sich die Handschuhe von den Fingern streifte.

»Nein …«

Kate öffnete die Knöpfe ihres pelzbesetzten Umhangs. »Jonathan hat zu seiner Mutter wieder dieses Wort gesagt.«

»Welches Wort, Miss?«

»Du weißt welches. Das mit anfängt.«

»Oh nein, Miss, nichts dergleichen. Es geht um jemanden, der im vorderen Salon sitzt und auf Sie wartet.«

»Wenn es Seine Lordschaft ist, so will ich das doch schwer hoffen.« Kate löste die Bänder ihres Häubchens und hängte es auf einen Holzhaken neben der Tür. »Er sollte mich bei der Matinee treffen und ich habe eine Stunde lang die gesamte Umgebung abgesucht.«

»Er sagt, er müsse wohl zur falschen Kirche gegangen sein.« Posie blieb in Kates Spur, als diese sich einen Weg durch die Küche bahnte.

»Der alte Nörgelbuff ist komplett aus dem Häuschen. Und der Master ist auch völlig daneben. Er rennt vor der Salontür auf und ab, als wolle er den Fußboden abtragen, und überlegt verzweifelt, was er sagen soll, wenn er rein geht.«

Kate blieb vor einem Spiegel am Fuß der Treppe stehen. Er hing dort, damit die Mägde ihre Kopfbedeckungen zurechtrücken konnten, bevor sie durch die gepolsterte Tür gingen und sich den Blicken im restlichen Haus preisgaben. Sie versuchte vergeblich, die Haarsträhnen zu bändigen, die ihr in die Stirn gefallen waren. Sie befand es für unnötig, sich in die Wangen zu kneifen, um sie rosig schimmern zu lassen. Das hatte schon die kühle Frühlingsbrise besorgt. Aber ihre Nase glänzte ein wenig. Eine Fingerspitze Mehl aus dem Sack in der Speisekammer, gut eingerieben, löste das Problem auf erstaunliche Weise.

»Armer Freddy«, sagte Kate. »Wie lange ist er schon hier?«

»Fast so lange, wie Sie weg waren.« Posie stand an Kates rechter Seite und sprach zu deren Spiegelbild.

»Oh je«, seufzte Kate. »Ist Mrs Sledge sauer?«

»Natürlich nicht! Sie wird sich morgen aufführen wie eine Maikönigin, wenn die Ladys vom missionarischen Nähzirkel fragen, wem die Kutsche vor der Tür gehörte, und sie antworten kann, es war der Earl von Palmer.«

»Der gekommen ist, um die Gouvernante ihrer Kinder zu besuchen?« Kate richtete die Brosche, die den Spitzenkragen der Bluse zusammenhielt. »Wohl kaum.«

»Daswird sie natürlich nicht sagen. Sie wird es klingen lassen, als wäre er ihretwegen hier gewesen …« Die gepolsterte Tür flog auf, und Phillips, der Butler, erschien am Kopf der Treppe.

Beide Mädchen erschraken. Posie war im Nu an dem großen Holztisch, auf dem ein Sortiment von Kupfertöpfen stand, und begann hastig zu polieren.

Kate hatte weniger Glück. Sie hatte in der Küche keinerlei Pflichten zu erledigen, und – nach Meinung des Butlers – dort auch überhaupt nichts zu suchen.

Angesichts dieser Unverschämtheit also sprach Phillips, die schmale Stiege herabkommend: »Miss Mayhew, ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass es sicherlich nicht den Erwartungen des Masters entspricht, wenn Sie den Dienstboteneingang benutzen. Als Gouvernante der Kinder ist es durchaus angemessen, dass Sie die Haustür nehmen.«

Kate öffnete den Mund und wollte dem Butler fröhlich mitteilen, dass sie den Dienstboteneingang dem Haupteingang vorzog, hauptsächlich weil – sie wäre jedoch nicht dumm genug, das laut zu sagen – sie dann meist vermeiden konnte, ihm über den Weg zu laufen. Dazu kam sie jedoch nicht; er sprach einfach weiter.

»Und wenn Sie in diesem Falle die angemessene Tür benutzt hätten«, fuhr er mit – wie Kate bemerkte – kaum unterdrücktem Zorn fort, »hätten Sie wohl wahrgenommen, dass Seine Lordschaft, der Earl von Palmer, seit fast zwei Stunden im vorderen Salon auf Sie wartet.«

»Oh, Mr Phillips«, entgegnete Kate, »es tut mir wirklich leid, Lord Palmer wollte mich heute auf einer Matinee treffen, aber wir haben uns wohl verpasst. Ich kann gar nicht beschreiben, wie …«

»In der Zukunft, Miss Mayhew«, Phillips‚ Stimme klang emotionslos wie die eines Automaten, »wenn Sie wieder Persönlichkeiten von Stand und Rang in dieses Haus einladen: Wären Sie wohl so gut, mich vorher zu informieren? Dann könnte ich nämlich den guten Brandy rechtzeitig dekantieren, um den entscheidenden feinen Unterschied zu erzielen.«

Kate erkannte, dass Phillips außer sich war. Zwar schrie er weder, noch warf er mit Sachen um sich, – ein Mann mit seiner Erfahrung würde sich zu einem solchen Gefühlsausbruch niemals hinreißen lassen – doch die Abwesenheit jeglicher Modulation in seiner Stimme zeigte Kate, wie wütend er war, fast rasend … Und das nur, weil er gezwungen gewesen war, einem Earl einen unzulänglichen Brandy zu servieren. Einem Butler von PhillipsStand war es zuzutrauen, dass er eine solche Schmach nie verwinden würde.

Außerdem würde er Kate diesen Fauxpas niemals verzeihen. Nein, mit ihnen beiden war’s das jetzt wohl. Die Tatsache, dass sie eine Katze mit ins Haus gebracht hatte, war für ihn schon eine unverzeihliche Zumutung gewesen. Katzen waren in Phillips Augen dreckige Kreaturen, höchstens für die Rattenjagd im Keller gut. Aber jetzt hatte sie ihn auch noch gedemütigt. Eigentlich konnte sie sich direkt nach einer neuen Stellung umsehen.

»Ehrlich, Mr Phillips«, begann Kate im Wissen um die Zwecklosigkeit ihres Bemühens, aber dennoch entschlossen, es mit Zugeständnissen zu versuchen, »hätte ich irgendeine Ahnung gehabt, ich hätte …«

»Bei mir müssen Sie sich nicht entschuldigen«, sagte der Butler steif. »Es ist der Master, der mit seinem Latein am Ende ist. Er hat sich bemüht, den Earl zu unterhalten, während Sie stundenlang weg waren.«

Kate verzog das Gesicht. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass Freddy so hirnlos war, sich eine einfache Adresse nicht merken zu können. Und es war auch nicht ihr Fehler, dass er beschlossen hatte, sich in Sledges Salon niederzulassen, um auf sie zu warten. Und wie konnte Phillips es wagen, mit seinem »während Sie stundenlang weg waren« anzudeuten, dass sie sich sinnlos herumgetrieben hatte; es war schließlich ihr freier Abend. Und an ihrem einzigen freien Abend sollte es ihr wohl gestattet sein …

Aber es hatte keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Nicht mit jemandem wie Mr Phillips.

Ihre Röcke anhebend, begann Kate, die Treppe zur gepolsterten Tür zu erklimmen. Sie musste in dem engen Treppenhaus an Phillips vorbeistreifen, aber er ignorierte sie steinern. Das war auch gut so, dachte sie, denn hätte er auch nur ein weiteres Wort gesagt … Sie war in der Laune, etwas Unbesonnenes zu tun. Sie würde dem Ekel sagen, dass sie genau wusste, dass er den guten Claret mit einem minderwertigen Brandy vertauschte und seinem Arbeitgeber dennoch die Rechnung für den teuren präsentierte.

Oder, noch schlimmer, sie würde ihn in den krampfhaft eingezogenen Bauch piksen – eine Angewohnheit, die ihre jungen Schützlinge schon imitierten.

Wie Posie schon gesagt hatte, war Mr Sledge dabei, den orientalischen Läufer vor dem Salon abzutragen. Als er Kates Schritt erkannte, blickte er auf und trat rasch an ihre Seite.

»Oh, Miss Mayhew, ich bin so froh, dass Sie wieder da sind«, brach es aus ihm hervor. »Der Earl — der Earl von Palmer, wissen Sie. Er ist hier drinnen und wartet auf Sie. Ich habe ihm die Zeitung gebracht. Ich hatte sie noch nicht weggeworfen, wissen Sie. Ich dachte, das würde ihm gefallen.«

Kate lächelte zu ihrem Arbeitgeber empor. Cyrus Sledge war – trotz seines verunglückten Namens – kein schlechter Mann. Er war bloß eine etwas trübe Tasse; er hatte eine hässliche Cousine geheiratet, ohne auch nur zu ahnen, dass sie eines Tages ein Vermögen erben würde. Jenes Vermögen, dem nun nicht nur Kate ihren Lohn zu verdanken hatte, sondern auch ein Haufen Missionare und Hunderte Eingeborene in Papua–Neuguinea ihre Schuhe und ihre Bibelexemplare.

»Ich habe mir überlegt«, flüsterte Mr Sledge, »ich könnte doch Seiner Lordschaft eines von Reverend Billings‘ Traktaten geben, wissen Sie, über die Mission. Glauben Sie, er wäre daran interessiert, Miss Mayhew? Ich habe nämlich festgestellt, dass viele der feinsten jungen Männer des Landes nicht viel Interesse für diejenigen aufbringen, die mit weniger Glück gesegnet sind. Sie haben nur die Jagd und das Theater im Kopf. Ich frage mich oft, ob es daran liegt, dass sie zu wenig wissen. Ihr Bewusstsein ist einfach nicht für die Tatsache erweckt worden, wie schlecht es den Papua–Neuguineern geht, so ganz ohne Jagd und Theater, ganz zu schweigen von einer angemessenen Würdigung Gottes …«

Kate nickte. »Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Mr Sledge. Das nächste Mal, wenn Seine Lordschaft vorbeischaut, müssen Sie unbedingt mit ihm darüber sprechen. Ich denke, er wird sehrfasziniert sein.«

Das gewöhnlich recht fahle Gesicht Mr Sledges wurde rot vor Freude. »Glauben Sie wirklich, Miss Mayhew? Bestimmt?«

»Ganz sicher.« Kate nahm seinen Arm und führte ihn von der Salontür weg. »Ich denke sogar, Sie und Mrs Sledge sollten einen Stapel der Traktate von Reverend Billings für Freddy – ich meine natürlich, für Seine Lordschaft – zusammenstellen, damit er sie noch heute Abend lesen kann. Und wenn er das nächste Mal kommt, können Sie beide ein kleines Quiz mit ihm darüber veranstalten.«

Mr Sledge schnappte nach Luft. »Großartige Idee! Ich werde sofort Mrs Sledge Bescheid sagen. Wir haben ein paar wunderbare neue Ausgaben, wussten Sie schon, Miss Mayhew? Alles über die abstoßenden Umstände, unter denen die durchschnittliche Einwohnerin von Papua–Neuguinea gebärt, und wie Reverend Billings sich fieberhaft für die Verbesserung der Bedingungen eingesetzt hat …«

»Oh«, sagte Kate. »Das ist genau das Richtige für Seine Lordschaft.«

Mr Sledge eilte von dannen, eifrig die Hände reibend. Kate unterdrückte ihr Lachen, warf die Salontür auf und sagte: »Tja, Freddy, nun bist du dran. Mr Sledge sucht seine Traktate raus, auch die übers Gebären.«

Der große, blonde Mann, der vor dem Kaminfeuer stand, drehte sich schuldbewusst um. Kate entdeckte den Grund dafür schnell. Er hatte die Zeitungen ihres Arbeitgebers bestens zum Zeitvertreib genutzt, indem er sie Stück für Stück zu kleinen Kugeln knüllte, die er dann ins Feuer schnipste. Sie flammten auf, bevor der Sog sie den Kamin hinaufbeförderte. Auf diese Weise hatte er sich durch die Gesellschaftsseiten gearbeitet und begann gerade mit dem Wirtschaftsteil, als Kate eintrat.

»Also wirklich, Freddy«, sagte sie beim Anblick der traurigen Überreste der Zeitung, die Phillips erst am Morgen sorgfältig mit einem heißen Bügeleisen bearbeitet hatte, um die noch feuchte Druckerschwärze zu trocknen. »Du bist schlimmer als Jonathan Sledge und der ist fünf Jahre alt.«

Frederick Bishop, der neunte Earl von Palmer, streckte sein markantes Kinn vor und sagte: »Tja, Kate, es hat ja auch ewig gedauert, bis du hier warst. Ich musste mich doch irgendwie beschäftigen.«

»Es würde dir wohl nie einfallen, eine Zeitung vielleicht mal zu lesen«, sagte sie und beugte sich herab, um den Haufen zerknüllter Druckerzeugnisse zu glätten. »Zerfetzen, klar, aber nur nicht ansehen.«

»Was gibt’s da schon zu lesen?«, wollte Freddy wissen. »Bloß langweiliges Zeug über den Ärger in Indien, was weiß ich. Viel wichtiger, Kate, was hat dich so lang aufgehalten? Stunde um Stunde warte ich hier schon. Ich war bei dieser Kirche und da gab es kein Konzert. Da war nur die Frau des Vikars, ein schreckliches, gemeines Wesen, die für irgendein Festival verdorrte Zweige an einer Mauer aufhängte. Sie war völlig unverschämt, als ich fragte, wann Mahler gespielt wird. Wenn ich so darüber nachdenke, sah sie selbst aus wie ein verdorrter Zweig.«

»Du bist schon wieder zur falschen Kirche gegangen. Und es war nicht Mahler, sondern Bach.« Kate ließ sich auf einen der harten, formell wirkenden Stühle der Sledges sinken. »Die Polonaise war wunderbar.«

»Zum Teufel mit der Polonaise«, sagte der Earl von Palmer wütend.

»Also wirklich, Freddy«, lachte Kate.

»Ist mir egal«, Freddy fläzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. »Ich habe das Konzert verpasst, und jetzt ist es zu spät, dich zum Abendessen auszuführen. Die dämlichen Sledges werden sich bald zur Ruhe begeben und dann musst du auch gehen. Und du hast erst nächste Woche wieder einen freien Abend. Also, zum Teufel mit der Polonaise!«

Kate lachte wieder. »Du bist selber schuld, weißt du? Wann wirst du endlich anfangen, dir Adressen zu notieren, um sie zu behalten?«

»Wenn du aufhörtest, so ein Dickkopf zu sein, und mich heiraten würdest, bräuchte ich mir keine Adressen aufzuschreiben – du wärst ja immer da, mich zu erinnern«, sagte Freddy in einem Anflug von Gerissenheit.

»Tja«, sagte sie fröhlich, »du fängst das ja sehr geschickt an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in London ein Mädchen gibt, das einem Mann widerstehen kann, der sie als Dickkopf beschimpft.«

Freddy zupfte an einem Ende seines dicken, goldfarbenen Schnurrbartes. »Du weißt, was ich meine. Warum musst du so störrisch sein?«

»Ich bin nicht störrisch, Freddy«, meinte Kate. »Du weißt, dass ich dich gern habe. Aber nicht so, wie eine Ehefrau ihren Mann gernhaben sollte. Ich meine – ich bin nicht verliebtin dich.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Freddy. »Du warst noch nie verliebt.«

»Nein«, gab Kate ehrlich zu. »Aber ich habe schon sehr viel in Büchern darüber gelesen, und …«

Freddy machte ein unhöfliches Geräusch. »Du und deine Bücher!«

»Du solltest mal versuchen, eins zu lesen«, sagte Kate in mildem Tonfall. »Es könnte dir gefallen.«

»Das bezweifle ich. Und überhaupt, wozu ist es wichtig, dass du in mich verliebt bist? Ich bin in dich verliebt, das ist es, was zählt. Und du könntest schließlich immer noch lernen, mich zu lieben«, sprach er, langsam warm geworden. »Ehefrauen machen das ständig. Und du bist bestimmt besser darin als die meisten Frauen meiner Freunde. Du hast eine schnelle Auffassungsgabe. Zum Beispiel haben alle gesagt, dass du keine fünf Minuten als Gouvernante überstehst, und sieh mal, wie gut du es hinbekommen hast.«

»Werhat gesagt, ich überstehe keine fünf Minuten?«, verlangte Kate zu wissen, aber der Earl winkte ihre beleidigte Frage mit einer Handbewegung ab.

»Ich kann sehr liebenswert sein, musst du wissen«, teilte er ihr mit. »Virginia Chittenhouse war im letzten Frühling verrückt nach mir. Ich versichere dir, sie hat jämmerlich geheult, als ich ihr erklärte, dass mein Herz auf immer dir gehört, obwohl du außer deinem Namen keinen Pfifferling mehr hast und obwohl du dir in deinem fortgeschrittenen Alter eine beißend scharfe Zunge zugelegt hast.«

»Du hättest Virginia Chittenhouse nicht abwimmeln sollen«, sagte Kate, immer noch indigniert. »Sie hat wohl kaum eine beißend scharfe Zunge, und soweit ich weiß, ist sie gerade zu fünfzigtausend Pfund gekommen.«

Der Earl von Palmer stand auf und machte eine dramatische Geste. »Ich brauche keine fünfzigtausend Pfund! Ich brauche dich, Kate Mayhew!«

Kate beschlich ein Verdacht. »Wie viele Gläser hast du von Mr Sledges Brandy konsumiert, während du auf mich gewartet hast, Freddy?«

»Du musst sofort diese Gouvernanten-Sklaverei aufgeben und mit mir nach Paris durchbrennen«, erklärte Freddy.

»Mein Gott, Freddy, wir würden uns an die Kehle gehen, noch bevor wir in Calais ankommen, und das weißt du. Ich hoffe ernsthaft, dass du betrunken bist. Es ist die einzige logische Erklärung für dieses extrem unpassende Verhalten.«

Der Earl sank resigniert auf seinen Stuhl zurück. »Ich bin nicht betrunken. Ich bin bloß vor Langeweile fast verrückt geworden, als ich auf dich gewartet habe. Dieser Dummkopf Sledge kam alle fünf Minuten rein, um zu fragen, ob ich etwas brauche. Er hat versucht, sich mit mir über irgendein poppendes neues Guinness zu unterhalten.«

»Papua-Neuguinea«, korrigierte Kate ihn lächelnd.

Freddy machte eine wegwerfende Geste. »Was auch immer. Wo bist du gewesen, Kate? Das Konzert sollte um neun Uhr zu Ende sein.«

»Ich bin so schnell zurückgekommen, wie es möglich war. Ich musste den Omnibus nehmen, weil mir ja der Luxus deiner Kutsche versagt geblieben ist. Schließlich bist du nicht aufgetaucht.« Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu und wollte weiteren Heiratsanträgen aus dem Weg gehen, indem sie noch hinzufügte: »Oh, das habe ich fast vergessen, ich bin auf dem Heimweg in eine außergewöhnliche Szene hineingeplatzt. Direkt hier draußen – mitten auf der Park Lane – habe ich gesehen, wie sich ein Mann eine junge Frau über die Schulter warf und versuchte, sie in eine vierspännige Kutsche zu stecken.«

Der Earl von Palmer rutschte auf seinem Stuhl herum und sein trotziger Gesichtsausdruck verdunkelte sich. »Das hast du dir jetzt ausgedacht. Du willst mich nur vom Heiratsthema abbringen. Nun, Kate, das wird dir nicht gelingen. Dieses Mal bin ich fest entschlossen. Ich habe es sogar meiner Mutter erzählt. Sie war nicht gerade begeistert, aber sie sagte, wenn ich unbedingt eine Dummheit begehen will, könne sie mich nicht davon abhalten.«

Kate beschloss, den letzten Satz zu ignorieren. »Ich schwöre dir, es ist die Wahrheit. Es war absolut unglaublich. Ich musste den Kerl mit der Spitze meines Regenschirms bedrohen, damit er sie absetzte.«

Freddy blinzelte. »War es ein Araber?«

»Ganz bestimmt nicht. Er war ein Gentleman – wenigstens gab er das vor. Er war jedenfalls so angezogen, in Abendgarderobe, und er hatte einen Haufen unterbelichteter Lakaien um sich. Er war ziemlich groß, mit sehr breiten Schultern und wilden dunklen Haaren und einem olivfarbenen Teint …«

»Ein Araber!«, rief Freddy aufgeregt.

»Oh, Freddy, er war kein Araber.«

»Woher willst du das wissen? Es könnte einer gewesen sein.«

»Erstens hat er in perfektem Queens–Englisch mit mir geredet, ohne eine Spur von Akzent. Und zweitens, einer seiner idiotischen Diener hat ihn ›Mylord‹ genannt. Und er hatte die außergewöhnlichsten grünen Augen, die ich je gesehen habe. Araber haben dunkle Augen. Seine waren hell, fast glühend, wie die einer Katze.«

Freddys Kiefermuskulatur spannte sich an. »Na, du hast ihn dir ja genauestens angesehen.«

»Natürlich habe ich das! Er stand bloß einen guten Meter von mir entfernt und so dicht war der Nebel auch wieder nicht. Außerdem kam Licht aus dem Haus.«

»Welches Haus?«

»Keine zwei Türen weiter.« Kate zeigte in Richtung der Wand links von ihnen.

Der Earl von Palmer entspannte sich sichtlich. »Oh«, sagte er und rollte die Augen, »Traherne

»Wie bitte?«

»Traherne. Er hat das Haus des alten Kellog für diese Saison gemietet. Es ist die erste für seine Tochter.«

»Ja, es hat sich herausgestellt, dass das Mädchen, das er so abscheulich behandelt hat, seine Tochter ist. Eine recht dickköpfige junge Person.«

»Isabel«, meinte Freddy und unterdrückte ein Gähnen. »Ja, ich habe sie schon öfter hier und dort gesehen. Offensichtlich ist sie genauso wild wie ihr Vater. Letztens hat sie eine öffentliche Szene veranstaltet, als sie sich in der Oper diesem mittellosen zweiten Sohn irgendeines Niemands an den Hals geworfen hat. Es war unerträglich peinlich, selbst für einen so abgestumpften Beobachter menschlichen Verhaltens wie mich. Kein Wunder, dass ihr Vater da manchmal etwas härter vorgeht.«

Kate runzelte die Brauen. »Traherne? Ich habe noch nie von einem Lord Traherne gehört. Ich habe mich länger nicht mehr in Gesellschaftskreisen bewegt, ich weiß, aber …«

»Nicht Traherne. Wingate. Burke Traherne ist der zweite Marquis von Wingate. Oder der dritte, was auch immer. Wie man sich das alles merken soll, habe ich immer noch nicht …«

»Wingate? Klingt vertraut.«

»Tja, das sollte es auch. Der Mann hat einen ziemlichen Skandal verursacht – obwohl du damals vermutlich noch zur Schule gingst. Ich war auf Eton. Ich kann mich erinnern, wie unser beider Eltern sich beim Dinner darüber unterhalten haben. Na ja, solche Sachen machen halt immer die Runde …«

»Was für Sachen?« Kate konnte Klatsch nicht leiden; sie hatte seinerzeit mehr als genug für die Klatschsucht der Gesellschaft herhalten müssen. Dennoch, diese Augen waren nicht leicht zu vergessen.

»Die Wingate–Scheidung. Man hat damals monatelang über nichts anderes gesprochen. Die Zeitungen waren voll davon …« Freddy verzog das Gesicht. »Nicht, dass ich sie lese, aber man kann schließlich nicht umhin, die Schlagzeilen zu sehen, wenn man sie zerreißt, nicht wahr?«

»Scheidung?« Kate schüttelte den Kopf. »Nein. Du musst etwas verwechselt haben. Die junge Dame – Isabel – sagte mir, ihre Mutter sei tot.«

»Ist sie auch. Starb ohne einen Penny auf dem Kontinent, nachdem Traherne damit fertig war, sie und ihren Liebhaber vor die Gerichte zu schleifen.«

»Liebhaber?« Kate riss die Augen auf. Sie konnte nicht anders. »Freddy!«

»Oh ja, es war ein ordentlicher Skandal«, sagte Freddy zufrieden. »War in einem absurd jugendlichen Alter, als er geheiratet hat, dieser Traherne, eine Liebesheirat, mit der einzigen Tochter des Duke of Wallace. Elisabeth hieß sie, glaube ich. Jedenfalls stellte sich heraus, dass es nur von seiner Seite eine Liebesheirat war. Noch nicht einmal ein Jahr nach Isabels Geburt erwischte Traherne sie – Elisabeth natürlich – in voller Aktion mit irgendeinem irischen Dichter oder so, in seinem eigenen Haus – Trahernes Haus natürlich – bei einem Ball, den sie gaben. Er warf den Kerl aus dem Fenster im zweiten Stock, soweit ich weiß, und ist am nächsten Tag direkt zum Anwalt gesaust.«

Kate schnappte nach Luft. »Oh Gott. Ist er gestorben?«

»Traherne? Natürlich nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass er es ist, den du heute Abend gesehen hast. Er hat sich seit damals sehr zurückgezogen, verständlicherweise – eine Gastgeberin, die auf sich hält, würde ihn sowieso nicht einladen. Aber ich schätze, ihm ist klar geworden, dass er sich jetzt wieder in der Gesellschaft blicken lassen muss, wenn er diese kleine Höllenbraut jemals unter die Haube bringen will.«

Kate atmete tief durch, um nicht die Geduld zu verlieren. Ihre lange Bekanntschaft mit dem Earl von Palmer hatte sie besser für eine Laufbahn als Lehrerin qualifiziert, als das eine formale Ausbildung vermocht hätte.

»Ich meinte«, sagte sie ruhig, »ist der Liebhaber seiner Frau gestorben, als Lord Wingate ihn aus dem Fenster warf?«

»Ach so«, meinte Freddy. »Nö, gar nicht. Er hat sich erholt und die Frau geheiratet, nachdem die Scheidung durch war. Natürlich konnte sich keiner der beiden mehr in England blicken lassen. Niemand wollte noch mit ihnen zu tun haben, nicht einmal ihre eigenen Familien.«

»Und das Kind?«

»Das Kind? Du meinst Isabel? Na ja, Traherne hat sie aufgezogen, natürlich. Du kannst doch nicht glauben, dass er das seiner Frau überlassen hätte. Das heißt, seiner Exfrau. Ich glaube nicht, dass sie ihr Kind jemals wiedergesehen hat. Das wird er schon zu verhindern gewusst haben. Vor Kurzem erst gab es noch einen kleinen Aufruhr, weil der alte Wallace – der Vater von Elisabeth – seine Enkeltochter sehen wollte und Traherne es verboten hat. Sehr hässlich, das Ganze, muss ich sagen.«

»Absolut.« Kate verzog angeekelt das Gesicht.

»Eine wirklich schreckliche Geschichte.«

»Es wird noch schlimmer«, sagte Freddy freudig.

»Besten Dank, ich will’s gar nicht hören.« Kate hob abwehrend die Hand.

»Aber es ist wirklich gut, ich bin sicher, es wird dir gefallen, Katie.«

Sie senkte die Hand und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. »Du weißt, ich hasse Klatsch, Freddy. Erst recht, wenn es um die sogenannte feine Gesellschaft geht. Nichts langweilt mich mehr als die Zwiste und Zänkereien derer, die über absurden Reichtum verfügen.«

Freddy grinste erfreut. »Oh, führen wir jetzt eine Diskussion? Ich liebe es, mit dir zu diskutieren, Katie. Es ist wie in alten Zeiten.«

Kate sah ihn zornig an. »Nein, das ist es nicht. Weil es nichts zu diskutieren gibt. Es gibt bei diesem Thema keine zwei möglichen Standpunkte. Mir wird schlecht, wenn ich höre, wie wohlhabende, gebildete Menschen unfähig sind, sich besser zu benehmen als … als Straßenköter!«

»Das ist aber ein bisschen hart für den armen Traherne«, wies Freddy sie zurecht. »Wie ich gehört habe, hat er sich niemals vom Betrug seiner Frau erholt. Er ist zu einem kalten, verbitterten Schatten seines vormals lebhaften und lebensfrohen Wesens geworden.«

»Für mich sah er aber extrem lebhaft aus«, sagte Kate und dachte daran, mit welcher Leichtigkeit er sich seine Tochter über die Schulter geworfen hatte – die schließlich kein Fliegengewicht war, denn sie war einige Zoll größer als Kate und sicher um etliche Pfund schwerer.

»Oh, Mangel an weiblicher Gesellschaft hat er nicht«, versicherte Freddy. »Wie ich so mitbekommen habe, ist seine neueste Flamme Sara Woodhart. Ich hab dir doch von ihr erzählt, ich habe sie letzten Monat in Macbeth gesehen.«

Kate trennte sich von der Erinnerung an die kraftvolle Figur des Marquis und sagte: »Stimmt. Seine Tochter hat etwas von einer Mrs Woodhart erwähnt, mit der ihr Vater jetzt lieber zusammen sei, statt von Ball zu Ball hinter ihr herzutrotten.«

»Deswegen hat er ja auch eine Kompanie von Anstandsdamen für sie angestellt, die auf sie aufpassen sollen. Was scheinbar nicht so gut klappt, wie ich beobachtet habe.«

Kate schüttelte den Kopf. »Er sollte wieder heiraten. Langfristig wäre das billiger für ihn. Und ich bin sicher, dass sich in der Horde der Gesellschaftsdämchen dieser Saison eine finden würde, die dumm oder gierig genug ist, seine Tändeleien mit geistlosen Schauspielerinnen zu tolerieren.«

»Nur dass er der Ehe auf immer abgeschworen hat. Das weiß auch jeder. Er sagt, die Ehe habe sein Leben ruiniert und das werde er bestimmt nicht noch einmal mitmachen, besten Dank.«

»Oh«, sprach Kate mit wissendem Blick. »Wie originell. Ein reicher, gut aussehender Adliger, der der Ehe abgeschworen hat. Da ist doch sicherlich jede infrage kommende junge Dame in London ganz wild darauf, ihn davon wieder abzubringen.«

»Ha, siehst du?« Freddy grinste breit, lehnte sich vor und tätschelte ihre Hand. »Das war doch gar nicht so schlecht, oder? Du warst ganz gut. Ich bin ausgenommen stolz auf dich.«

Nachdem sie ihn zuerst verstört angeblinzelt hatte, verstand sie. Sie ballte die Hand, die er getätschelt hatte, zur Faust und sprang vom Stuhl auf.

»Das war nicht fair.« Sie drehte den Kopf von ihm weg und nahm eine steife Haltung ein.

»Doch, natürlich.« Freddy schien ihre Verärgerung nicht zu bemerken. Er gähnte und streckte sich vor dem Feuer. »Es war eine schöne Klatschrunde. Ich fühle mich wirklich wie in alten Zeiten.«

»Hör auf«, sagte Kate in Richtung Wand. Sie sprach so leise, dass er aufsah und erst jetzt merkte, dass sie aufgestanden war. Er sah sie verwundert an. »Es kann nie mehr so sein wie früher. Das weißt du doch.«

»Also Katie«, Freddy starrte, leicht alarmiert, auf ihren Rücken. »Jetzt fang nicht an, alles wieder auseinanderzunehmen …«

»Freddy? Wie sollte ich das nicht tun?« Ihre Stimme war fest, ohne das kleinste Zittern.

»Katie«, sagte der Earl sanft. »Tu’s nicht.«

»Ich kann nichts dagegen machen. Ich denke ständig daran. Vorgestern habe ich sogar …«

»Hast du sogar was?«, fragte Freddy.

»Oh.« Sie schüttelte den Kopf. Als sie sich wieder zu ihm drehte, schienen ihre Augen unnatürlich hell. »Nichts.«

»Kate.« Seine Stimme klang ernst; der neckende Tonfall war verschwunden. »Sag’s mir.«

Sie zuckte die Schultern und konnte ihn nicht ansehen: »Ich dachte, ich hätte ihn wiedergesehen.«

Er blinzelte. »Dachtest, du hättest wen gesehen?«

»Daniel Craven.« Die Worte, die von ihren Lippen kamen, klangen schwer; jede Silbe wie ein Ziegelstein, der zu Boden fällt. »Ich dachte, ich hätte Daniel Craven gesehen.«

Freddy war schon aufgesprungen, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Er kam zu ihr und nahm ihre Hand in seine. »Kate«, sagte er sanft. »Wir haben darüber schon so oft gesprochen.«

»Ich weiß«, sagte sie. Ihr Blick war auf den Teppich geheftet. »Ich weiß. Aber ich kann nichts dafür. Ich habe ihn gesehen, Freddy.«

»Du hast jemanden gesehen, der ihm ähnlich sieht. Das ist alles.«

»Nein

Kate entzog ihm ihre Hand, ging zum nächsten Fenster und teilte die Samtvorhänge. Blinden Auges sah sie auf die nebelverhangene Straße.

»Er war es«, sagte sie. »Ich weiß, dass er es war. Und obendrein, Freddy, ist er mir auch noch gefolgt.«

»Er ist dir gefolgt?« Freddy eilte an ihre Seite. »Wohin ist er dir gefolgt?«

»Genau hierhin, auf die Park Lane. Ich war mit den Jungen unterwegs …«

»Daniel Craven«, meinte Freddy skeptisch. »Daniel Craven, den niemand seit sieben Jahren in London gesehen hat, ist dir ausgerechnet diese Straße entlang gefolgt?«

»Es ist mir bewusst, dass das absurd klingt.« Kate ließ den Vorhang zurück vor das Fenster fallen und drehte sich wieder dem Feuer zu. »Du denkst, dass ich verrückt bin. Vielleicht bin ich es ja auch …«

Sichtlich besorgt betrachtete Freddy sie. »Nicht, dass ich dir nicht glaube, Kate. Es ist nur …«

Sie stand inmitten des Feuerscheins und nestelte an der Lehne ihres Stuhls herum. »Es ist nur was?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Na ja, und wenn es wirklich Daniel Craven war. Du kannst doch nicht immer noch glauben, dass er etwas mit dem Tod deiner Eltern zu tun hat, oder? Ich dachte, wir hätten das geklärt. Was stellst du dir denn vor?« Er schüttelte den Kopf. »Dass er nach sieben Jahren zurückgekommen ist, um dich auch noch zu erledigen?«

Kate schob das Kinn vor. »Ja. Genau das habe ich gedacht. Es tut mir leid, falls du das albern findest.«

»Nun komm schon, Kate«, rief Freddy. »Sieh mich nicht so an. Du weißt doch, es gibt nichts auf der Welt, wirklich gar nichts, was ich nicht für dich tun würde. Aber diese Spinnerei über Daniel – du weißt, was die Leute damals darüber gesagt haben.«

Mit verdüsterter Miene ließ sich Kate wieder auf ihren Stuhl sinken. »Natürlich weiß ich das noch. Alle dachten, ich hätte es mir ausgedacht. Ich hatte vergessen, dass du einer von ihnen warst«, fügte sie voller Bitterkeit hinzu.

»Kate, also wirklich«, sagte er in sanft rügendem Tonfall. »Du hast schon immer sehr viel Fantasie gehabt. Das ist auch gar nicht schlimm, im Gegenteil. Ich bin sicher, bei deinen kleinen Schützlingen ist es sehr nützlich, aber …«

»Schon gut.« Kate senkte müde die Lider. »Schon gut. Ich kann Daniel Craven gar nicht gesehen haben. Ich werde es nicht wieder erwähnen. Aber was dich betrifft … du musst damit aufhören, mir Anträge zu machen. Ich kann es nicht mehr ertragen. Wirklich nicht. Ich meine, abgesehen davon, dass ich nicht in dich verliebt bin, will ich nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben …«

»Diese Leute«, echote Freddy. »Die feine Gesellschaft, meinst du?«

»Ich habe nie irgendetwas Feines an ihnen entdeckt«, sagte Kate steif. »Oder etwas Freundliches und Zuvorkommendes. Mein Gott, Freddy, ich bin ziemlich sicher, dass mich Cyrus Sledges Papua–Neuguineer mit mehr Mitgefühl behandelt hätten, als deine Mutter oder diese ganzen Leute, die vorgaben, meine Freunde zu sein, es jemalsgetan haben. Ich würde eine Gesellschaft, die nichts Besseres zu tun weiß, als über mich zu tuscheln, ja, mich für das verantwortlich zu machen, was mein Vater getan hat, wohl kaum als fein oder höflich bezeichnen …«

»Zur Hölle!«

Diesmal war es der Earl, der durch den Raum streifte, die Fäuste in den Hosentaschen geballt. »Ich bin gekommen, um dich auszuführen und dir einen schönen Abend zu machen, Kate«, erklärte er. Er stand hinter einem Tisch voller ausgestopfter Vögel unter halbrunden Glasbehältern. »Du solltest vergessen können, wenigstens für eine kurze Zeit. Wie kommt es nur, dass, je mehr ich versuche, dich abzulenken, wir es immer wieder schaffen, bei diesem Thema zu landen?«

Kate drehte sich auf dem harten Stuhl herum, um ihn anzusehen. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. »Wie das kommt? Freddy, sieh dich doch um! Wir sitzen hier im Salon anderer Leute, weil ich keinen eigenen mehr habe und mich aus Angst vor dem, was deine Mutter sagen könnte, nicht in deinen wagen würde. Freddy, ich bin der lebende Beweis dafür, dass die Götter die Sünden der Väter auf die Kinder übertragen …«

»Ich dachte«, unterbrach Freddy, »dass du die Bibel nicht leiden kannst. Du hast immer gesagt, es gäbe zu wenig weibliche Rollen, als dass sie interessant sein könnte …«

»Das war kein Bibelzitat, Freddy, das war Euripides. Hast du denn niemalsin der Schule aufgepasst?«

Freddy ignorierte die Frage. »Mir ist danach, irgendetwas zu zertrümmern«, erklärte er laut.

»Na dann«, sagte Kate, »gehst du wohl besser. Ich kann es mir nicht leisten, entlassen zu werden. Die Sledges sind zwar zum Gähnen langweilig, aber wenigstens sind sie freundlich, was ich lange nicht von allen meinen vergangenen Arbeitgebern sagen kann.«

»Zur Hölle«, sagte Freddy wieder und wandte sich gerade zum Gehen, als sich der Türknopf drehte und ein sehr nervös wirkender Cyrus Sledge den Kopf hereinsteckte.

»Oh, mein lieber Lord Palmer«, sagte er und wedelte mit einer Hand voll Pamphlete, »ich sehe, Sie wollen gehen. Bevor Sie das tun, bitte, nehmen Sie einige dieser Traktate. Wenn Sie möchten, meine ich. Sie erleuchten vorzüglich ein Thema, von dem ich sicher bin, dass es einen jungen Mann wie Sie faszinieren wird. Das unglückselige Schicksal der Papua–Neuguineer …«

Der Gesichtsausdruck des Earls sagte Kate, dass ihr Brotgeber besser daran täte, die Traktate bis zum nächsten Mal aufzusparen. Sie beeilte sich, aufzustehen und ihm das zu Bewusstsein zu bringen.

»Oh, Mr Sledge«, sagte sie. »Lord Palmer geht es nicht so gut. Er hat ein wenig Kopfschmerzen. Vielleicht ein anderes Mal …«

»Kopfschmerzen?« Cyrus Sledge maß die robuste Erscheinung des Earls mit einem schiefen Blick. »Wissen Sie, wie die Papua–Neuguineer Kopfschmerzen kurieren, Sir? Sie kauen eine bestimmte Baumrinde, spucken die vorverdauten Stücke in ein großes Lehmgefäß mit einem Deckel von mastoider Form, dessen Inhalt einige Tage in der Hitze fermentiert …«

»Kate«, sagte Freddy mit erstickter Stimme.

Kate legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. »Es ist alles in Ordnung, Freddy«, sagte sie sanft. »Wenn Sie mich entschuldigen, Mr Sledge, ich bringe Seine Lordschaft nur kurz zur Tür.«

»Er hat ›mastoid‹ gesagt, Kate«, zischte Freddy, während sie ihn zur Tür lotste, wo Phillips bereits mit Hut, Stock und Umhang des Earls wartete. »Er hat ›mastoid‹ gesagt!«

»Es ist nicht, was du denkst, Freddy. ›Mastoid‹ heißt ›warzenartig‹. Das ist alles.«

»Oh.« Erleichtert ließ Freddy den Butler den Umhang um seine Schultern drapieren. »Ich dachte … ich dachte …«

»Ich weiß, was du dachtest«, sagte Kate. »Denk nicht mehr dran.« Sie reichte ihm Stock und Handschuhe, während er seine Kopfbedeckung fest auf das kurze blonde Haar drückte. »Ich sehe dich nächste Woche. Hol mich um sieben Uhr ab.«

Freddy nickte. »Ja, das ist wohl besser. Es klappt ja doch nicht, wenn wir versuchen, uns irgendwo zu treffen.«

»Nein«, stimmte sie zu. »Nicht, wenn du nie daran denkst, eine Adresse zu notieren. Gute Nacht, FrBalustrade im ersten Stock und fragte mit trällernder Stimme: »Hat er die Traktate mitgenommen, mein Liebster?«

Cyrus Sledge sah bedrückt auf die Pamphlete herab, die er in der Hand hielt. »Nein, mein Liebling«, rief er traurig zurück, »hat er nicht.«

Angesichts dieser Enttäuschung konnte Kate nicht anders, als zu behaupten: »Doch, hat er wohl. Als Sie nicht hingeschaut haben, habe ich ein paar von denen, die auf dem Tischchen beim Eingang lagen, in die Tasche Seiner Lordschaft gesteckt.«

Mrs Sledge sog hörbar den Atem ein. »Dann wird er sie wahrscheinlich noch heute Abend finden, wenn er sich auskleidet!«

Kate schaffte es auf bewundernswerte Weise, ein unbewegtes Gesicht zu machen. »Das ist höchstwahrscheinlich, Madam«, sagte sie.

»Und er wird sie noch lesen, bevor er schlafen geht.« Mr Sledge war glücklich. »Und wenn er eingeschlafen ist, wird Seine Lordschaft von den Papua–Neuguineern träumen! Meinen Sie nicht, Miss Mayhew?«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass er von etwas anderem träumen kann«, sagte Kate ehrlich, »wenn er die Traktate gelesen hat.«

Die Sledges zogen sich in ihr Gemach zurück, wobei sie sich gegenseitig beglückwünschten, einen neuen Anhänger des wundertätigen Reverend Billings geworben zu haben. Damit ließen sie Kate mit Butler Phillips allein zurück.

»Miss Mayhew«, sprach Mr Phillips, während er die Vordertür abschloss.

»Ja, Mr Phillips?«, antwortete Kate vorsichtig.

»Am früheren Abend, als wir unten ein paar Worte wechselten …«

Sie konnte es kaum fassen, war er tatsächlich im Begriff, sich für seine Unverschämtheiten zu entschuldigen? Misstrauisch fragte sie: »Ja, Mr Phillips?«

»… habe ich vergessen, etwas zu erwähnen.« Er drehte sich um und sah sie an. »Könnten Sie in Zukunft dafür sorgen, dass diese Kreatur, die Sie besitzen, auf Ihr eigenes Zimmer beschränkt bleibt? Heute Morgen habe ich einen Haarballen in einem meiner Schuhe entdeckt.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und steuerte die gepolsterte Tür an.

Kate fühlte sich plötzlich sehr müde. Sie lehnte sich gegen die Wand. Gut, dachte sie bei sich. Ab jetzt würde sie sich an ihren freien Abenden nur noch in ihrem Zimmer einschließen, allein mit einem Buch.


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Patricia Cabot ist das Pseudonym der amerikanischen Autorin Meg Cabot, die in Bloomington, Indiana geboren ist. Ihre über 80 Romane und Jugendbücher haben sich weltweit über fünfundzwanzig Millionen Mal verkauft, darunter mehrere internationale Bestseller. Meg Cabot lebt mit ihrem Mann und mehreren Katzen in Key West.

Der Myrtenzweig

Eins

Mittwoch, 9. März 1814 – London, King Street

 

Martin Reynolds trat auf der Stelle und rieb sich die behandschuhten Hände. Sein Atem zauberte weiße Wölkchen in die Nachtluft, und trotz des wollenen Garrick-Mantels war es erbärmlich kalt. Eine Fahrt noch, dann würde er Feierabend machen und sich zuhause vor dem Ofen die vereisten Glieder wärmen.

»Verrücktes Wetter!«, fluchte er, und sein Kollege, dessen Droschke hinter der seinen wartete, murmelte Zustimmung. Der Frost hatte England seit Ende Dezember fest in den klammen Fingern und wollte dem Frühling nicht weichen. Anfang Februar war die Themse so fest zugefroren gewesen, dass ein viertägiger Frostjahrmarkt auf dem Eis gefeiert worden war. Unterhalb der Blackfriars Bridge hatte man sogar einen Elefanten über das Eis geführt. Und was die Kälte anging, war der März kaum besser.

Reynolds hob erwartungsvoll den Kopf, als sich die Türen öffneten und er vom Eingang her laute Stimmen vernahm. Es schien ein kleines Handgemenge zu geben und dann erschien, begleitet von zwei Angestellten des Clubs, ein Gentleman in einem modischen blauen Reitermantel und hohem schwarzem Wellingtonhut. Gesprächsfetzen wehten zu Reynolds herüber.

»… keinen Tropfen! Das habe ich Ihnen doch schon mehrfach gesagt.«

Dabei klang der Mann alles andere als nüchtern. Reynolds‘ Kollege zog die Schultern hoch und grinste.

»Deine Fuhre! Den überlasse ich dir gern, Kumpel.«

»Lach du nur. Dafür bin ich schneller wieder daheim und wärm‘ mir den Hintern am Feuer!« Reynolds lachte und öffnete den Schlag.

»Seien Sie so gut, und bringen Sie meinen Freund in die Harley Street, Nummer 51, Seymour House. Ich würde gern einen Skandal vermeiden. Sehr verbunden.«

Ein weiterer Gentleman war hinter dem leicht schwankenden Herrn mit dem Wellington aufgetaucht und hatte Reynolds einige Münzen in die Manteltasche gesteckt. Er klopfte zur Bekräftigung noch einmal kurz darauf und überließ Martin Reynolds den schwankenden Fahrgast.

»Kommen Sie Sir, ich helfe Ihnen.« Er fasste den Herrn leicht am Ellenbogen und dirigierte ihn zum Einstieg der Kutsche.

»Fassen Sie mich nicht an, Mann!« Der Gentleman schwang herum, um Reynolds beiseite zu stoßen. Doch er verlor dabei fast das Gleichgewicht, und der Droschkenkutscher musste ihn stützen.

»Ich sagte, Sie sollen mich loslassen, Sie Trottel! Ich will sofort wieder hinein. Ich lasse mich doch nicht einfach vor die Tür setzen.«

Reynolds seufzte und knirschte mit den Zähnen. Nur nicht unhöflich werden zu den feinen Herrschaften, egal wie unmöglich die sich aufführten.

»Sir, wir bitten Sie noch einmal höflich zu gehen, sonst müssen wir einen Konstabler bemühen«, sprang nun einer der livrierten Angestellten Reynolds bei.

»Idioten! Gelumpe!«, stieß der Gentleman im blauen Mantel hervor, ließ sich dann aber doch von Reynolds in die Kutsche helfen.

Es kam nicht selten vor, dass Reynolds renitente Herren fahren musste, die zu tief ins Glas geschaut hatten, doch vor dem renommierten Almack’s Club hatte er heute Abend nicht damit gerechnet. Schließlich wurde Alkohol dort aus Prinzip nicht ausgeschenkt. Darüber wachten die gestrengen Patronessen mit Argusaugen.

Mussten verflucht traurige und steife Veranstaltungen sein, so ohne einen anständigen Tropfen, dachte Reynolds. Kein Wunder also, dass so mancher Gentleman die Gelegenheit nutzte, bereits vor dem Besuch im Almack’s zu zechen. Dieser Geselle hier schien es allerdings übertrieben zu haben, was vermutlich der Grund für seinen Rauswurf war. Na ja, ihm sollte es recht sein. Verrückte feine Pinkel! Auf die Art und Weise kam er wenigstens schneller ins Warme. Er schüttelte den Kopf, band die Pferde los und kletterte auf den Kutschbock.

Er schnalzte kurz mit der Zunge und ließ die Peitsche knallen, dann rumpelte seine Droschke in die eiskalte Märznacht davon.

Reynolds bog in die Duke Street ein. Sein Weg führte ihn über Piccadilly und Bond Street nordwärts in Richtung Regent’s Park. Nicht einmal eine Viertelstunde später erreichte er sein Ziel. Die Kälte war ihm in die Knochen gekrochen, und trotz des Schals fühlte sich sein Gesicht an wie zu einer Maske erstarrt. Doch das warme Herdfeuer und der wohlverdiente Feierabend waren nun in greifbare Nähe gerückt. Als er vom Bock kletterte, sah er bereits einen livrierten Diener auf die Kutsche zueilen. Der Schlag wurde geöffnet. Als sich nichts regte, steckte der Diener den Kopf ins Innere der Kutsche.

»Mr Seymour? Sir?«

Reynolds sah, wie der Diener auf den Tritt stieg. Ungeduldig rieb er die Hände zusammen. Offenbar war sein Fahrgast eingeschlafen, denn er hörte jetzt, wie der Diener versuchte, ihn zu wecken.

»Mr Seymour? Sir, wachen Sie auf.«

Stille. Dann plötzlich ein Schrei.

»O Gott! Blut! Das ist Blut! Er ist tot!«

Reynolds fuhr zusammen. Hatte er sich verhört? Blut? Aber wie konnte so etwas sein? Er griff die Laterne vom Bock und machte einen unsicheren Schritt auf die Kutsche zu, als der Diener bereits heraustaumelte. Martin Reynolds schlug die Hand vor den Mund. »Guter Gott, Sie sehen ja fürchterlich aus, Mann!«

Reynolds machte einen Schritt auf ihn zu, doch der Mann wandte sich ab und hob abwehrend die Hände.

»Rühren Sie mich nicht an, Sie Ungeheuer! Sie haben Mr Seymour umgebracht!« Laut hallte die Stimme des Dieners von den Häuserfassaden wider.

»Aber, ich verstehe nicht …«, stammelte Reynolds. Doch der Mann in der Livree rief laut um Hilfe und lief kopflos in Richtung Dienstboteneingang davon.

Reynolds umklammerte den Griff der Laterne und öffnete den Schlag. Die flackernde Lichtquelle über den Kopf gehoben, setzte er einen zittrigen Fuß auf den Tritt und spähte ins Innere. Der süßliche Messinggeruch, der ihm entgegenschlug, war überwältigend. Reynolds schluckte und hielt die Laterne höher, um etwas erkennen zu können. Schlaff hing Seymour in seinem Sitz. Der Oberkörper war zur Seite gesunken und lehnte gegen die Seitenwand. Mitten auf seiner Brust sah Reynolds einen dunklen Fleck. Dort war der Stoff des Mantels zerfetzt und durch das Loch konnte man den darunterliegenden Stoff des Hemdes sehen – vollkommen rot getränkt. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sein Herz habe vergessen zu schlagen.

Gedanken rasten durch seinen Kopf. Wer konnte seinen Fahrgast angegriffen und tödlich verletzt haben? Es war doch niemand bei ihm gewesen – und er hatte nirgends angehalten. Und wenn ihn jemand erdolcht hatte: Wo war dann die Waffe? Der Diener hatte nichts in der Hand gehabt. Im Lampenschein konnte er Seymours wächsern bleiches Gesicht erkennen. Wären nicht die unnatürliche Pose und das Blut gewesen, hätte man meinen können, er schliefe. Nichts an seinen Gesichtszügen verriet den Schrecken eines Angriffs.

Hinter sich hörte Reynolds vielstimmiges Rufen und eilige Schritte, die auf dem Pflaster hallten. Er wollte die Lampe herunternehmen und aus der Kutsche klettern, als ihr Schein etwas Ungewöhnliches erfasste. Er runzelte die Stirn. Unterhalb des Blutflecks, auf der Brust des Toten, lag etwas. Reynolds griff danach. Mit spitzen Fingern hob er es auf und drehte es, um es zu betrachten. Es war irgendeine Art von Zweig. Die kräftigen, glänzenden Blätter erinnerten an Lorbeer. Doch die weißen Blüten sahen keiner Pflanze ähnlich, die Reynolds je gesehen hatte. Gerade als er den Zweig wieder ablegen wollte, wurde der Schlag weiter aufgerissen. Kräftige Arme packten den verdatterten Droschkenkutscher und zerrten ihn aus dem Fond.

»Das ist der Bursche! Der hat ihn auf dem Gewissen. Lasst ihn nicht entkommen!«

 

Zwei

Montag, 14. März 1814 – Stadthaus von Lord und Lady Beresford am Grosvenor Square, London

 

»O Archie, will denn der Frühling dieses Jahr überhaupt nicht mehr kommen?«

Dorothy Beresford stand am Fenster und warf einen wehmütigen Blick auf die Bäume und Sträucher, die in ihrem Frostgewand kaum vermuten ließen, dass es bereits März war.

»Zuerst dieser fürchterliche Nebel um die Weihnachtstage und seit Januar diese Kälte! Als ob sich alles verschworen hätte, mir die Freude an London zu verderben. Man mag ja kaum vor die Tür gehen, geschweige denn eine Ausfahrt im Park wagen.«

Lord Beresford ergriff beide Hände seiner Gattin und küsste sie liebevoll.

»Wenn ich könnte, würde ich die Sonne nur für dich strahlen lassen, mein Juwel. Doch leider liegt die Gestaltung des Wetters außerhalb meines Einflussbereichs.«

»Ach, du nun wieder!« Lady Beresford lachte laut und knuffte ihren Gatten wenig damenhaft in die Seite. Immerhin hatte dieser scherzhafte Austausch ihre Laune umgehend gebessert, was allerdings keine große Leistung war, denn Dorothy Beresford neigte nicht gerade zur Melancholie. Die Marchioness hatte ein sonniges Gemüt. Das spiegelte sich in ihrem gesamten Erscheinungsbild wider, von den goldblonden Locken über ihre strahlend blauen Augen, bis hin zu ihren, von einer gewissen Liebe zu weltlichen Genüssen zeugenden, weiblichen Rundungen.

Letztere hatte die Natur allerdings vorteilhaft zu verteilen gewusst, so dass Dorothy Beresford – oder Dotty, wie Verwandte und Freunde sie zu nennen pflegten – auch mit mittlerweile vierunddreißig Jahren noch die Blicke auf sich zog.

Ihrem unverstellt fröhlichen Wesen und dieser natürlichen Schönheit war es zu danken, dass Dotty nach einer Zeit der Schicksalsschläge recht spät im Leben noch ihr Glück in der Ehe mit seiner Lordschaft, dem Marquess, gefunden hatte. Obwohl deutlich außerhalb Dottys gesellschaftlicher Griffweite, war ihre Verbindung mit Archibald Beresford eines jener Bündnisse, die im Himmel geschmiedet worden sein mussten. Das jedenfalls behauptete Dotty.

»Ah! Heiße Schokolade! Wilkins, Sie sind ein wahres Wunder«, rief die Marchioness erfreut, als das Frühstück serviert wurde. »Nichts weckt die Lebensgeister und wärmt das Herz schneller als eine Tasse heiße Schokolade.«

Der Anflug eines Lächelns erschien auf dem Gesicht des Butlers, als er sich verneigte.

»Vielen Dank, Mylady. Man tut, was man kann.«

Lady Beresford lächelte Wilkins zu, nahm ein Brötchen, bestrich es mit Butter und Marmelade, während der Marquess zur Zeitung griff, die der Butler bereitgelegt hatte.

»Ich weiß nicht, was schlimmer ist – die Kälte oder eingesperrt zu sein, was sie zweifellos mit sich bringt«, sinnierte Dotty. »Deshalb habe ich beschlossen, heute dem Frost zu trotzen und tapfer meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.«

Lord Beresford senkte die Zeitung und schenkte seiner Frau ein wissendes Lächeln.

»Sprich, die Langeweile siegt über dein Bedürfnis nach Behaglichkeit und Wärme.«

»Mach dich nicht lustig über mich. Du hast leicht reden. Manchmal wünschte ich mir, ein Mann zu sein.«

Lord Beresford zog die Augenbrauen hoch.

»Ein Mann? Aber warum das denn, mein Täubchen?«

»Nun, ich bin der Überzeugung, dass ihr das weit aufregendere Leben habt. Ihr geht hinaus in die Welt, ihr bestimmt die Politik – und damit den Lauf der Geschichte. Es erscheint mir ein größeres Abenteuer, mit weit mehr Gravitas, als das Leben einer Frau, die es mit dem Pflegen sozialer Kontakte, der Leitung eines Haushalts und Handarbeit verbringen muss.«

Archibald Beresford faltete seine Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Lächelnd ergriff er die Hand seiner Gattin.

»Ich verrate dir ein Geheimnis, meine Liebe. Es gibt auf dieser Welt nichts Langweiligeres als eine Parlamentssitzung. Endlose Reden, viel Geschwafel und wenig Ergebnis.«

Dorothy Beresford lachte.

»Du übertreibst. Und doch würde ich gerne einmal Mäuschen spielen, vor allem in den Clubs in St James’s. Ich würde Karten spielen, dicke Zigarren rauchen, kluge Gespräche führen und Brandy trinken. Vielleicht gibt es auch einen handfesten Streit oder eine Rauferei mit aufgekrempelten Hemdsärmeln! Ach, ich stelle mir das aufregend vor!« Sie schlug die Hand vor den Mund. »Herrje, war es ungehörig von mir, so etwas zu sagen?«

Archibald Beresford zwinkerte Dotty zu und drückte ihre Hand.

»Das war es, Täubchen, aber wir werden es niemandem verraten. Ich für meinen Teil bin froh, dass du kein Mann geworden bist. Im Übrigen ist die Wahrheit weit weniger aufregend als deine Vorstellung.« Er zog die Hand seiner Gattin an die Lippen und küsste sie sanft.

»Das sagt ihr Gentlemen, um unsere Neugier zu besänftigen. Ihr gaukelt uns vor, es sei alles schrecklich uninteressant, um die Wahrheit zu verschleiern. Ich bleibe dabei – als Mann hätte ich das aufregendere Leben«, konterte Lady Beresford mit einem schalkhaften Lächeln.

»Dabei vergisst du, welchen wichtigen Beitrag ihr Frauen zum Erhalt der Kultur, der Gesellschaft und überhaupt der gesamten Menschheit leistet. Was wären wir ohne euch? Die Menschheit würde noch immer in Höhlen hausen, gäbe es nicht eure ordnende Hand und Erziehung zur Tugend.«

Lady Beresford schmunzelte.

»Wenn du es sagst. Dann werde ich jetzt meine ordnende Hand und weiblichen Tugenden der gehobenen Gesellschaft Londons andienen und meine dringend nötigen Besuche nicht länger aufschieben.«

Nachdem sie das Frühstück beendet hatte, ließ sich Lady Beresford den pelzverbrämten Mantel, den wärmenden Muff und die neue Samttoque mit den Federn und dem Pelzbesatz bringen. Wie sehnte Dotty die Zeit herbei, in der man nur mit einer leichten Stola im offenen Wagen durch den Hyde Park würde fahren können.

»Herrje, Reynolds! Passen Sie doch auf!«, herrschte sie ihre Kammerdienerin an, als die gerade die Toque mit Hutnadeln auf der aufwändigen Coiffure befestigte. »Schon beim Anziehen haben Sie mich zweimal gepikt. Man könnte meinen, Sie haben es auf mich abgesehen. Habe ich Ihnen etwas getan?«

Zu ihrem Entsetzen schluchzte die Gute hörbar auf und rang die Hände.

»Bitte verzeihen Sie, Mylady! Es tut mir furchtbar leid. Ich bin nur … ich fürchte, ich bin nicht recht bei der Sache.« Mit dem Handrücken wischte sie eilig zwei kleine Tränen von ihrer Wange.

Lady Beresford runzelte die Stirn. Reynolds hatte seit Jahren ohne zu klagen ihren Dienst getan. Es bestürzte die Dame des Hauses, diese treue Seele mit ihrer Unbeherrschtheit zum Weinen gebracht zu haben.

»Nein, Sie müssen mir verzeihen, Reynolds«, beruhigte sie die Angestellte. Kurzerhand schlüpfte Dorothy wieder aus dem Mantel. »Die gehobene Gesellschaft wird noch einen Tag auf meine ordnende Hand verzichten können. Ich werde keine Ruhe finden, bis Sie mir erzählt haben, was Ihnen auf der Seele liegt. Es ist unverzeihlich, dass ich Sie mit meiner Ungeduld heute Morgen so getroffen habe.«

»Ich habe ja auch keinen Grund zur Klage, Mylady. Sie und seine Lordschaft sind immer gut zu mir.« Wieder schluchzte Miss Reynolds auf, und ihr war anzusehen, dass sie nur mit Mühe weitere Tränen unterdrückte.

»Sie werden mir jetzt auf der Stelle in den privaten Salon folgen. Wilkins wird uns Tee bringen, und dann erzählen Sie mir, was Sie bedrückt. Ich wäre untröstlich, sollten ich oder etwas, das ich sagte, der Grund für Ihren Kummer sein.«

»O nein, Mylady! Nein! Das dürfen Sie nicht denken«, wehrte Reynolds ab. »Es ist wegen … es ist wegen meines Bruders.«


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Dorothea Stiller, Jahrgang 1974, arbeitet als Lehrerin für Deutsch und Englisch und schreibt, wann immer sie dazu Zeit findet. Die verheiratete Mutter von zwei kleinen Kindern lebt mit ihrer Familie und Katze Schnappi am Rande des Ruhrgebiets, fühlt sich aber auch in Großbritannien zuhause, wo sie ein Jahr als Assistant Teacher verbrachte. Die Autorin liebt Finnland, Desert Rock und ist ein Serien-Junkie.

J. C. Philipp über ihr neues E-Book und die unglaubliche Geschichte dahinter

Das Erbe von Broom Park beginnt mit der jungen Fischerstochter Hazel MacAllan, die an der schottischen Westküste zwischen Oban und Ballachulish lebt. Zu dem Buch gibt es eine sehr romantische Geschichte, die die Liebesgeschichte des Romans umso schöner macht.

Die Autorin J. C. Philipp erzählt:

Vor einigen Jahren hatten mein Mann und ich eine Ehekrise. Wir machten Trennung auf Probe und ich suchte im Internet nach Ablenkung bei einer Partnerbörse. Ich nannte mich selbst „Hazel“. Nach einiger Zeit fing ich an mit einem Kerl zu chatten, der sich „Glen Coe“ nannte. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten und verstanden uns blendend. Er erzählte von Problemen mit seiner Ex-Frau und seinem schwierigen Job und ich von meinen Problemen. Nach zwei Monaten verabredeten wir uns zu einem Blind-Date. Er schrieb mir vorher „ich sollte auf alles gefasst sein“. Darauf was passierte war ich dann nicht gefasst. Vor mir stand mein Mann. Inzwischen sind wir 25 Jahre verheiratet und haben 2017 in Schottland, in Ballachulish, unser Eheversprechen erneuert. Daher hat das Buch für uns beide eine große Bedeutung. 

 


 

Worum geht es in deinem Buch Das Erbe von Broom Park?

Das werde ich hier nicht alles verraten. Das wäre als würde man im Buch die letzte Seite zuerst lesen.  Nur so viel: Es ist ein historischer Roman der 1813 beginnt. Die Heldin ist eine junge Schottin, die sich in einen Mann verliebt, den sie nicht haben kann. Das Schicksal führt sie von der Westküste nach Edinburgh und schließlich nach Indien. Sie findet ihre große Liebe. Es dauert aber lange, bis sie das erkennt.

 

Was war der Moment, in dem dir klar wurde, dass du diese Geschichte aufschreiben wolltest?

Nach meinem ersten Roman (von 1998) der in Wales spielt, wollte ich irgendwann eine neue Geschichte schreiben, die in Schottland spielt. Das war noch weit vor dem großen Schottlandroman-Hype.

 

Ein schottisches Herrenhaus, ein verfallener Ballsaal, eine Plantage in Indien – deine Schauplätze sind sehr bildgewaltig. Entspringt das alles deiner Fantasie?

Ja, die ist nämlich blühend. Die Inspiration dazu ziehe ich aus meinen Reiseerfahrungen in bisher 40 Länder. Darunter auch nach Schottland, England, Wales und Irland.  Es sind sowohl die traumhaften Landschaften als auch die kulturellen und architektonischen Schönheiten, wie Schlösser, Herrenhäuser, Parks und Gärten, Museen und Tempel, die sich mir auf ewig eingeprägt haben.

 

Hast du die Erzählung schon im Voraus geplant oder hast du dich beim Schreiben von deiner Intuition leiten lassen?

Teile waren geplant, wie z.B. die Plantage. Vieles ergibt sich aber erst, wenn ich schreibe einfach so oder wird aufgrund von weiteren Erkenntnissen angepasst.  Eigentlich wollte ich die Heldin in die Karibik schicken … Indien passte aber besser in die Zeit und gab mehr, bisher noch nicht erzählte Historie, um etwas daraus zu machen.

 

Deine Hauptfigur Hazel hat ein sehr bewegtes Leben. Wie bewahrt sie sich auch in schwierigen Zeiten ihre Hoffnung?

Sie ist einfach eine Kämpferin, die nicht aufgibt. Sie verspricht ihrer Mutter stark zu sein und dieses Versprechen hält sie.

 

Welcher Satz aus dem Buch ist dein „Lieblingssatz“?

Oh je … da muss ich jetzt aber mal überlegen. Ich denke der letzte Satz im Buch, der am Anfang auch schon mal vorkommt. Wenn man das Licht in Schottland mal erlebt hat, dann vergisst man das nie wieder.

 

An welchen Schauplätzen des Romans bist du selbst schon gewesen?

In Schottland an allen. Meine Eltern sind früher fast jedes Jahr zum Angeln hingefahren und ich musste mit. Sie hatten einen Freund – Douglas – der hatte ein Haus im Broom ParkDrive in Lesmahagow und ein Ferienhaus in Ballachulish in dem wir ein paarmal Gäste waren. Ich liebe Glen Coe und kenn es noch, als die Straße einspurig mit Ausweichplätzen war und kaum Touristen unterwegs waren. Auch in Edinburgh war ich und bis hoch an die Nordküste. Mein Mann teil inzwischen meine Liebe für Schottland.

 

Wie sahen deine Recherchen dazu aus?

Reisen nach Schottland. Viel über die Geschichte Europas lesen zu der Zeit in der das Buch spielt. Über die Zeit zwischen 1800 und 1850 hatte ich schon für mein erstes Buch viel gelesen und damals noch in der Bibliothek gestöbert. Vieles recherchiere ich natürlich auch im Internet. Ich hatte vorher noch nie von den Pindari gehört und ich glaube, dass über den Pindari War kaum etwas bekannt ist.

 

Wie lange hat die Arbeit an Das Erbe von Broom Parkgedauert?

Zu lange. Das Buch ist schon einige Jahre fertig. Ich war nur, nachdem der Verlag für mein erstes Buch aufgelöst wurde und es kaum Exemplare gab, etwas frustriert. Ich hab es immer vor mir her geschoben, einen neuen Verlag zu suchen, da es beim ersten Mal ein echter Kampf war.
Im August 2017 haben mein Mann und ich dann anlässlich unserer Silberhochzeit noch einmal geheiratet: In Schottland, in Ballachulish. Er im Kilt, ich in Weiß. Sehr romantisch.Dort zu sein, hat dann den letzten Kick gegeben, das Buch nochmal zu überarbeiten und es endlich einem Verlag anzubieten. Ich habe mich dann ganz bewusst für eine Veröffentlichung als E-Book entschieden.

 

Hast du eine Fortsetzung geplant?

Oh ja!  Die Recherchen dazu laufen schon.

 

Was hast du bisher veröffentlicht?

Im Jahr 1998 erschien mein erster Roman Chestnuthill – Das Haus auf dem Kastanienhügel als gedruckte Ausgabe. Leider war der Verlag sehr klein und wurde später aufgelöst. Ich habe die Rechte zurückerhalten und hoffe auf eine Neuauflage einer überarbeiteten Version als E-Book.

 

Welches Buch liest du gerade?

Zur Zeit lese ich einige historische Romane, um zu sehen, was auf dem Markt derzeit im Angebot ist und wie da der Stil ist.
Rein zum Genusslesen waren das letzte die Krimis Friesen Lohn und Friesen Klinik von Stefan Wollschläger, die in Ostfriesland spielen. Ich lese gerne Roman oder Krimis, die in den Gegenden oder Ländern spielen, in denen ich mich grade aufhalte und ich war da grade eine Woche in Ostfriesland.

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J. C. Philipp wurde 1966 im Taunus geboren. Sie wuchs in einem überaus reiselustigen Elternhaus auf und besuchte, seit sie 10 Jahre alt war, unter anderem regelmäßig Schottland, England und Wales. Inzwischen hat sie 39 Länder bereist und spricht 5 Sprachen. Ihren ersten Roman, Chestnut Hill, begann sie noch während der Schulzeit. Schreiben ist für sie Entspannung und Arbeit zugleich. Sie legt Wert darauf, nach entsprechender Recherche, viele belegte Geschichtsdaten in ihre Romane einzuarbeiten. Mit ihrem Mann und ihren Haustieren lebt die begeisterte Reiterin im Taunus in einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus.

Das Herz eines Gentleman

Kapitel 1

VERMÄCHTNIS UND VORZUG

„Jo“, rief Eleanor und brachte mit ihrer hohen Stimme die brüchigen Wände unseres kleinen Hauses zum Beben. „Jo, komm schnell!“

Meine Schwester war gekonnt darin, die kleinsten Nichtigkeiten in fulminante Dramen zu verwandeln, die sicher am West End das Publikum begeistern könnten, zu Hause jedoch für wenig mehr als Unmut sorgten. Sie tat dies bevorzugt nach der Mittagszeit, denn dann stand ihre quietschende Stimme in besonders starkem Kontrast zur idyllischen Ruhe. Man war gut beraten, eine Diskussion mit ihr zu meiden, da ihre Ausführungen sowohl einen Reichtum an Ressourcen als auch eine Armut an Logik aufwiesen. Alles was blieb, war, sich zu verstecken und das Ende des Sturmes abzuwarten.

Mein liebstes Versteck war in der Welt von Charles Dickens. Ich kannte jeden seiner Romane auswendig. Die Sätze bildeten sich in meinen Gedanken, noch bevor meine Augen über die Buchstaben wanderten. Jedoch waren auch tausend Seiten der eloquentesten Geschichten nicht Festung genug, um meine Schwester fernzuhalten.

Eleanor stürmte das kleine Schlafzimmer, als sei es die Bastille und sie selbst La Liberté, Anführerin der Französischen Revolution. Mit der Ausnahme, dass ihr Kleid, wenn auch alt und abgetragen, nicht in Fetzen gerissen war. Anstatt einer dreifarbigen Flagge waren es ihre Ärmel, die wutentbrannt durch die Lüfte schlugen. Ihr Kopf war rot bis in den Haaransatz. Näher betrachtet, erinnerte meine kleine Schwester eher an ein ausgebüxtes Huhn als an ein berühmtes Gemälde.

„Schnell!“, forderte Sie und ergriff meinen Arm. Im Galopp stürmten wir die knarrende Treppe hinunter und machten erst in der Küche halt. Dort ließ sie von mir ab und ich wurde in ein Aroma aus Speisen gehüllt. Der kleine Raum war stets zu heiß, da das winzige Fenster nicht groß genug war, um die Wärme und die Gerüche nach dem Kochen herausziehen zu lassen. Es wirkte fast so, als wären wir reich und könnten uns eine Vielzahl an Lebensmitteln leisten. Eleanor zeigte mit einem zitternden Finger auf genau dieses winzige Fenster: „Siehst du die gigantische Spinne?“

„Nein.“

„Dort über dem Rahmen ist sie.“

Vom Küchenschrank entnahm ich eine Lupe, die einst unserem Vater gehört hatte, und richtete diese gemäß Eleanors Weisung: „Ach, da!“

„Töte sie, Jo, bitte. Ich wollte grade die Katze füttern, als die blöde Spinne angriff!“

Sie warf ihre langen Wimpern auf und schaute mich mit großen, tränengefüllten Augen an. Sie war es gewohnt, durch Tränen alles zu erreichen.

Einen Moment lang erschien es mir unheimlich verlockend, meine Finger um ihren zierlichen, kleinen Hals zu legen. Allerdings wurde mir seit frühester Kindheit nahegelegt, meine Schwester und all ihre unerträglichen Launen von ganzem Herzen zu lieben. Laut Darwin war es noch nicht einmal ihre Schuld, dass sie so unausstehlich sein konnte. Es waren lediglich Züge, welche sie von unseren Eltern geerbt hatte. Auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, dass Vater oder Mutter beim Anblick eines kleinen Insekts solche Ausbrüche an den Tag gelegt hatten. Als ich so darüber nachdachte, musste ich mir eingestehen, dass meine Erinnerung an die beiden im Allgemeinen stark beeinträchtigt war. Denn die vergangenen drei Monate waren so schmerzlich in meinem Gedächtnis verankert, dass mir die Kraft fehlte, an ihnen vorbeizukommen, um der schönen Erinnerungen zu gedenken. Alles, was früher war, schien im Nebel zu versinken. Eleanor völlig außer sich zu sehen, wirkte hingegen alltäglich und normal. Dafür war ich ihr fast schon dankbar.

Nach einem tiefen Seufzer stieg ich auf den hölzernen Tisch, dessen Beine allesamt von verschiedener Länge waren. Ich streckte meine Hand der Spinne entgegen und ließ sie auf meinen Finger krabbeln.

Eleanor kreischte und lief auf die andere Seite der Küche, anstatt mich zu halten, während der Tisch mit jeder meiner Bewegung in eine andere Richtung lehnte. Mit einem lauten Knall sprang ich auf den braungekachelten Boden, öffnete die Hintertür und ließ die Spinne über die rostige Reling entkommen.

Erst jetzt verstummte Eleanors Geschrei.

Die großen, grünen Blätter der Bäume rings um unser Haus raschelten, als wollten sie mir zu meiner Heldentat applaudieren. Eine frische Frühlingsbrise umgab mich, gefolgt von magischer Stille. Ich kletterte auf den nächstgelegenen Baum, so hoch wie nur irgend möglich, bevor Eleanor die Möglichkeit hatte, mir weitere Aufgaben aufzubürden. Sie würde niemals auf einen Baum steigen, wegen der vielen Käfer und Insekten, die man dort antraf.

Hoch über dem Dach unseres kleinen Regency Landhauses, welches die Seeluft über viele Jahre hinweg mit Rissen dekoriert hatte, nahm ich meine Reise durch Dickens London wieder auf. Doch obwohl Amy Dorrit und Authur Clennam faszinierende Weggefährten waren, gelang es mir nicht, meine Gedanken auf sie zu richten. Zu viele Sorgen taten sich plötzlich in mir auf. Ich schloss meine Augen für einen Moment, um mich zu sammeln.

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht auf Bäumen schlafen sollst?“, donnerte Elizabeths wütende Stimme. Sogar in ihrem Ärger klang meine ältere Schwester so schön wie sie aussah. „Du könntest fallen und dich arg verletzen.“

In nicht allzu ferner Vergangenheit wäre diese Beobachtung von Vater belächelt worden. Er hätte darauf bestanden, dass ich mich unmöglich verletzen könnte, da ich wie eine Katze immer auf meinen Füßen landete.

Er und Mutter fehlten mir sehr.

Ich kletterte zu meiner Schwester hinab und folgte ihr ins Haus. Elizabeth war wesentlich früher als erwartet heimgekehrt und obwohl sie sich mit der gewohnten Anmut hielt und die Kopfbedeckung und Handschuhe mit natürlicher Eleganz ablegte, übersah ich ihre rotglühenden, verärgerten Wangen nicht. Sie schritt auf und ab, während sie die Ankunft ihres Publikums in der Küche erwartete.

Ebenso wie meine jüngere Schwester war auch meine ältere geradezu abhängig von Aufmerksamkeit, die jedoch eine Seltenheit auf der Isle of Wight war. Für Letzteres war die kleine Population der südlichsten Insel Englands verantwortlich.

Da meine beiden Schwestern bereits genug Aufregung für Drei verbreiteten, hielt ich mich größtenteils im Hintergrund. Schließlich war eine gewisse Launenhaftigkeit entzückend an einer hübschen Dame, hässlich jedoch an einer unscheinbaren.

Eleanor ließ nicht lange auf sich warten und kam aufgeregt in die Küche gelaufen. Das laute Getrampel ihrer kleinen Füße ließ mich fürchten, die Wände könnten einstürzen. Sie hielt jedoch inne, als sie die Falten auf Elizabeths Stirn bemerkte.

„Es ist unfassbar“, sprach diese mit bebender Stimme.

Eleanor fühlte sich sofort angesprochen. Sie hatte stets große Angst, den Missmut unserer älteren Schwester auf sich zu ziehen, da Elizabeth eine Autorität ausstrahlte, von der ich nur träumen konnte.

„Er erteilte mir eine Absage mit der Begründung, ich sei eine Frau. Ich konnte gerade noch meine Fassung bewahren“, gestand Elizabeth und blickte von mir zu Eleanor und wieder zurück. In unseren Gesichtern suchte sie Zuspruch. Doch während ich es jederzeit mit einer Spinne aufnehmen konnte, war das Gegenteil der Fall, wenn es um die Emotionen meiner älteren Schwester ging.

Auch Eleanor fühlte sich der Situation nicht gewachsen und versteckte sich hinter mir. Mit ihrer kleinen, verschwitzten Hand griff sie nach der meinen und erinnerte mich daran, wie jung sie noch war.

Tränen glänzten in Elizabeths Augen – nicht etwa, weil sie fürchtete, ihre Familie im Stich gelassen zu haben, sondern wegen der Erniedrigung, die die Ablehnung ihrer Person in sich barg. Kraftlos sank sie in einen Stuhl und lehnte sich gegen den wackeligen Tisch.

Als Älteste von drei Schwestern hatte Elizabeth es am schwersten, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Sie war die Tochter eines Gentlemans und dazu noch wahnsinnig schön. Daher empfand sie sich selbst als Lady und erwartete, entsprechend behandelt zu werden. Tatsächlich war sie sehr talentiert – sei es ihr Klavierspiel, die Beherrschung der französischen Sprache oder der geschickte Umgang mit Nadel und Faden. Wenn ich jedoch eines hervorheben müsste, so wäre es die Tatsache, dass sie ihren Stolz abgelegt und sich um eine Anstellung als Vorleserin bei einem älteren Herren bemüht hatte. Er war erst vor Kurzem in unsere Gegend gezogen. Gerüchten zufolge war er fast völlig blind und taub, sein Alter lag zwischen 120 und 170 (hier schieden sich die Gemüter), aufgrund dessen fühlte er sich einsam und suchte verzweifelt nach Gesellschaft, lehnte aber alle Anwärter ab.

„Es gibt doch sonst niemanden in der Umgebung, der sich eine Gouvernante oder Begleiterin leisten könnte. Ich werde wohl bald weggehen müssen, um anderswo ein Einkommen zu bestreiten.“

Ihre Worte waren so verzweifelt wie ihr Gesichtsausdruck. Sie würde nicht den geringsten Gefallen daran finden, ihre Familie zu verlassen. Wütend und traurig zugleich verschränkte meine Schwester die Arme. Dabei verfing sich ihr Fingernagel an einem losen Faden. Dies verstärkte ihren Ärger, zumal sie schon oft erwähnt hatte, dass genau dieses Kleid zu tragen eine Schande wäre, da es längst aus der Mode gekommen war. Nun war es auch noch kaputt. Die Falten auf Elizabeths Stirn wurden immer tiefer.

Erst vor Kurzem wäre ein Leben in Armut für uns undenkbar gewesen. Nun war es jedoch Realität. Zuvor hatten wir auch keinen extravaganten Luxus genossen, durchaus jedoch die Mittel gehabt, uns kleine Wünsche zu erfüllen. An Kleidern, Büchern und Essen hatte es uns früher nie gemangelt. Dies hatte sich alles im letzten Winter geändert. Es war ein harter Winter gewesen.

Ich wollte etwas Tröstendes sagen, doch mir fiel nichts ein, was ich nicht schon dutzendfach geäußert hatte in den vergangenen Wochen. „Alles wird gut.“ – nichts war gut und würde es auch nicht plötzlich werden; „Wir haben uns.“ – zumindest das, was von uns geblieben war; „Wir werden es schon schaffen.“ – ganz eindeutig war dies nicht der Fall; „Es ist noch nicht alles verloren.“ – vielleicht nicht alles, aber doch so gut wie. Ich fürchtete, dass, wenn ich auch nur einen dieser Sätze zum Besten gab, mich meine Schwestern mit einem stumpfen, rostigen Messer attackieren würden. Das gesamte Silberbesteck war nämlich schon verkauft.

„Es ist undenkbar, dass eine von uns weggehen sollte, ohne vorher geheiratet zu haben“, sagte Eleanor. Ihre Vorstellung war es immer gewesen, dass ein hübscher und selbstverständlich reicher Jüngling auf seinem hohen Ross herbeigeritten kommen würde, um um ihre Hand anzuhalten. Ohne Frage würde sie die Erfüllung all seiner Träume verkörpern.

Es brachte mich fast zum Weinen und auch Elizabeth war bereits den Tränen nahe. Die Anspannung war so spürbar, dass sie kaum noch Luft zum Atmen ließ. Ich ertrug es nicht. Ohne weiter nachzudenken, schnappte ich die Schere vom Tisch und schnitt mir durch meine dunklen Haare. Die langen Strähnen segelten zu Boden. Meinen Schwestern stockte der Atem.

„Elizabeth“, forderte ich mit gezwungener Leichtigkeit, „hast du dem Herrn etwa verschwiegen, dass Du einen Bruder hast?“

 

Kapitel 2

EIGENART UND EHRGEIZ

„Kein Mann dieser Welt wird dich zur Frau nehmen, wenn das herauskommt!“, verkündete Eleanor.

„Einen Mann zu finden, ist jetzt nicht meine größte Sorge“, entgegnete ich prompt. Dies war nicht die Zeit, noch mehr Probleme aufzuzählen, sondern das größte zu lösen.

Die sonst so wortgewandte Elizabeth war völlig erschüttert. Wenn ich wartete, bis sie sich erholte, würde sie mit Sicherheit etwas sagen, was meine Überzeugung zerschmettern würde. Daher verließ ich schnellen Schrittes die Küche und stieg die Treppen hinauf, bis ich ganz oben auf dem Dachboden war.

Umgeben von Staub und Spinnweben verliefen schwere Holzbalken wie ein großes Kreuz über meinem Kopf. Der Geruch vergangener und vergessener Jahre lag in der Luft. Hier oben war kaum Platz. Bis auf einen alten Spiegel und eine große Truhe passte nichts mehr hinein. Das rostige Schloss der Truhe gab knarrend nach und knallte laut gegen die Wand, als ich die Klappe öffnete. Eine Staubwolke schoss wie dichter Nebel nach oben und brachte mich zum Husten.

Hektisch suchte ich durch den Inhalt der Truhe. Wie eigenartig, dass nach vielen Monaten Vaters Kleidung noch immer seinen Geruch trug. Ich entnahm ein beige-braunes Hemd, das einst weiß gewesen war, und ein dunkelgrünes Paar Hosen. Ich zog mein schweres, schwarzes Kleid, das Korsett und den Unterrock aus. An ihrer statt kleidete ich mich mit Vaters alter Garderobe. Die Sachen waren zu groß, doch viel leichter als die meinen – es war ein befreiendes Gefühl. Anschließend griff ich nach dem nächstbesten Jackett und Zylinder. Ich krempelte die Ärmel so hoch wie möglich, da die gepolsterten Schultern fast bis zu meinen Ellenbogen reichten.

„Das erlaube ich nicht!“

Elizabeths plötzliches Erscheinen jagte mir einen Schrecken ein. Ihr Gesicht ragte durch das viereckige Loch im Boden. Der Zorn in ihren Augen erleuchtete den dunklen Raum. Sie bestieg die Leiter und baute sich vor mir auf. Der Spiegel in der Ecke zeigte den Unterschied zwischen meiner Schwester und mir auf deutlichste Weise. Denn während ihr das Seidenkleid trotz seines Alters gut stand, und sie es allein durch ihre Haltung elegant wirken ließ, war ich noch unscheinbarer denn je – mit kurzen Haaren und gekleidet in Vaters Hosen. Das Bild, was der Spiegel von mir malte, wirkte falsch. Doch auch Kleider hatten noch nie gut an mir ausgesehen.

„Wurde ich heute denn noch nicht genug erniedrigt? Will mich nun meine eigene Schwester lächerlich machen?“, forderte sie.

„Dir zu schaden, Elizabeth, ist das Letzte, was ich möchte“, sagte ich leise. Meine Worte brachten sie zum Weinen. Sie schluchzte und schrie. Doch das hinderte mich nicht daran, das Haus zu verlassen. Sie folgte mir bis zur Tür, doch keinen Schritt weiter. Von dort rief sie mir verletzende Worte nach, als sei all unser Leid durch mein Verschulden entstanden. Ihre Stimme war wie ein Dolch in meinem Rücken, der mich anspornte, noch schneller und weiter zu laufen.

Ich rannte den gesamten Weg und staunte, wie viel agiler meine Bewegungen waren, jetzt wo ich meinen Rock für ein Paar Hosen eingetauscht hatte. Zwar rutschten die Hosenträger ständig von meinen Schultern, doch auch dieser Umstand verlangsamte mich kaum. Meine braunen Lederstiefel, die sonst vom Rock verdeckt waren, hasteten nun in Freiheit durch das kleine Waldstück, entlang einer staubigen Straße aus Kies und über die Wiese, auf der wir als Kinder gespielt hatten.

Alles war so schnell vonstatten gegangen, dass ich keine Zeit gehabt hatte, über mein Handeln nachzudenken. Doch jetzt, da einzig in der Ferne die Wellen gegen die Klippen schlugen und mich sonst nichts als Stille umgab, lauschte ich den Zweifeln, die stetig lauter wurden. Ich zog den Hut tiefer über mein Gesicht. Irgendwie würde es schon werden.

Ein Landhaus erstreckte sich über einem der Hügel. Die gelben Ziegel, von Efeuranken umgeben, ragten zu einem von weichem Moos bedeckten Dach. In den Fenstern spiegelte sich der endlose, blaue Himmel. Das Haus war lange Zeit unbewohnt gewesen, doch anders als das unsere hatte es sich dem Alterungsprozess nicht hingegeben. Stattdessen hatte es sich lediglich der Umgebung angepasst und schmückte durch seine Präsenz die Landschaft aus grünen Wiesen und vereinzelten hohen Bäumen. Trotz der malerischen Idylle, die sich vor mir erstreckte, spürte ich, wie die Anspannung langsam ihre knochigen Finger um meinen Hals legte.

Vielleicht war ich zu voreilig gewesen und der Wunsch, meiner Familie zu helfen, hatte meinen Verstand übermannt. Wie schrecklich peinlich es doch sein würde, wenn der alte Mann meine Verkleidung sofort durchschaute. Gerüchte verbreiteten sich in Windeseile auf Wight. Wir würden zum Gespött der Insel werden. Doch Vater hatte einst gesagt, es wäre besser, sein Bestes zu geben und zu versagen, als gar nicht erst den Versuch zu wagen.

Meine Füße erreichten die Tür schneller als meine Gedanken. Hitzige Panik stieg in mir auf. Ich fürchtete, dass mein Herzschlag das Klopfen übertönen könnte. Keines der beiden Geräusche schien Beachtung zu finden.

Ein starker Wind kam vom Meer und stieß still und leise die Tür auf. Ein langer Korridor erstreckte sich vor mir und lief in das grelle Licht eines gegenüberliegenden, hohen Fensters.

„Einen wunderschönen Nachmittag wünsche ich“, bibberte meine Stimme durch den Eingang.

Lediglich der Wind antwortete mir, als er mich in das Landhaus schubste.

„Ich bin gekommen, um mich auf die ausgeschriebene Stelle zu bewerben“, meine Worte verschwanden in der Ferne des breiten Flurs.

Ein Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing horizontal in dem goldenen Blumenbeet der detailreichen Tapete. Der güldene Glanz meiner Umgebung beleuchtete mich wie eine Abstrusität auf einem Jahrmarkt. In Vaters alter Kleidung schien ich zu ertrinken, so groß wirkte diese an meiner kleinen Statur. Erschrockene Augen blickten mich an. Der krumme Haarschnitt ließ die kurzen Strähnen in alle Richtungen zeigen. Ich konnte nicht beurteilen, ob ich einem Jungen ähnelte, doch ich wirkte ganz sicher nicht wie ein Mädchen.

Der breite Korridor führte in ein riesiges Wohnzimmer. Die weiten Fenster fingen das Bild des Sonnenuntergangs in seiner vollen Pracht ein. Ein orangener Schimmer lag über der majestätischen Einrichtung, von der nicht ein Möbelstück zum anderen passte. In der überfüllten Stube wirkte alles so fremd, dass es mich nicht wundern würde, wenn keine zwei Stühle auf dem gleichen Kontinent gezimmert worden waren.

Zwischen den zahlreichen Statuen, Vasen und exotischen Kunstgegenständen, war es das gigantische Ölgemälde über dem Kaminsims, das meine Aufmerksamkeit in seinen Bann zog. Ein kleiner Junge in einem Anzug aus dem letzten Jahrhundert hatte stolzen Hauptes Model für den Künstler gestanden. Warme, braune Augen blickten sanft auf den roten Sessel im Raum. Seinem Blick folgend merkte ich mit einem Schrecken, dass ein Mann darin döste. Vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt. Sein Kopf hob sich und sank mit jedem Mal tiefer. Bald würde seine Nasenspitze die Königin berühren. Ich atmete tief ein und räusperte mich.

„Guten Abend, Sir“, sprach ich drei Mal mit zunehmender Intensität, bis das silberne Haupt sich endlich erhob.

Ein wilder Schrei ertönte tief aus seiner Lunge und er sprang mir entgegen. Erschrocken wich ich zurück und stolperte in die zahlreichen Arme einer indischen Statue. Im Eifer des Gefechts fing ich an, eine unverständliche Erklärung zu stottern. Anstatt mich zu verneigen, wollte ich einen Knicks vollführen, bemerkte meinen Fehler jedoch und änderte die Bewegung. Dabei verfing ich mich an der viel zu langen Hose. Um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, ruderte ich mit den Armen und stieß dabei eine Vase um. Bevor das wertvolle Stück in tausend Teile bersten konnte, fing ich es auf, fiel dabei jedoch selbst zu Boden und landete auf dem erhabenen Perserteppich.

Schallendes Gelächter brachte die Wände zum Erbeben. Der alte Mann lies sich zurück in den Sessel fallen. Er lachte und lachte. Sogar als ich wieder auf beiden Beinen stand und die Vase wieder sicher auf ihrem Podest war, schien seine Belustigung auf meine Kosten kein Ende zu nehmen. Meine Wangen glühten.

„Ich bin gekommen, um mich zu bewerben“, sprach ich unsicher. „Meine Schwester war zuvor bereits hier gewesen, doch sie entsprach nicht-“

„Tatsache!“, rief er. „Wie bezaubernd sie war. Sehr liebes Mädchen. Es ist eine Schande, dass ich so ein sturer alter Esel bin“, lächelte er freudig, als wäre er stolz darauf.

Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte und entschied mich, weiterhin wie ein Trottel dreinzuschauen – zumindest das gelang mir vortrefflich.

„Was soll’s“, murmelte der Gentleman. „Komm her, mein Junge. Lass mich dich betrachten.“

Zwischen uns war kein großer Abstand, dennoch machte ich einen Schritt nach vorne.

Seine sanfte, große Hand fuhr durch den weichen Bart aus feinem Silber, dann bildete sich eine Falte auf seiner runden Stirn.

Eine große, polierte Uhr aus dunklem Holz stand hinter ihm und wurde mit jedem Tick-Tack lauter. Sein prüfender Blick machte mich mit jeder verstreichenden Sekunde nervöser.

Zu guter Letzt zuckten seine Mundwinkel zu einem Lächeln und formten die Augen zu großen Halbkreisen. Er lehnte sich zurück in den tiefen, roten Sessel, dessen reicher Seidenstoff mit ungewöhnlichen Ornamenten geschmückt war. Dann hob der alte Mann seine Hand.

„Nimm Platz, mein Junge“, er zeigte auf den gegenüberliegenden Sessel. Mit steifen Bewegungen setzte ich mich an den Rand der samtigen Kissen. Ich fürchtete, von ihnen verschlungen zu werden wie ein kleines Insekt von einer exotischen Blume.

„Wie alt bist Du, Kind?“

„Siebzehn, Sir.“

„Unmöglich, das kann nicht sein. Du bist nicht älter als zwölf, dreizehn vielleicht?“

„Jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich tatsächlich grade erst dreizehn geworden.“

Er lachte herzlich und ich war kurz davor, dasselbe zu tun, hielt es aber für weiser, mich zu beherrschen.

„Magst Du Schach?“

„Ja, sehr“, antwortete ich, schwieg für einen Moment und fügte dann hinzu: „Wenn ich auch noch nie gespielt habe.“

„Dann werde ich es dir beibringen“, verkündete er mit so viel Elan, dass ich zu hoffen wagte, ihn ausgetrickst zu haben. Ich entspannte mich ein bisschen und fokussierte mich vollends auf die Erklärung der Regeln. Eine Eigenart störte mich dabei. Obwohl die Königin die mächtigste Figur war, drehte sich das gesamte Spiel um den schwachen König. Die Falten auf meiner Stirn ließ ich wie tiefste Konzentration wirken.

Am Ende der einstündigen Partie verkündete der alte Mann, dass er müde war. Das wunderte mich nicht, denn er hatte das gesamte Spiel mit sich selbst gespielt. Keiner meiner Züge schien seinen hohen Anforderungen zu entsprechen und er verbesserte jeden einzelnen, was ihm viel Spaß gemacht zu haben schien.

„Es war mir eine Freude“, sagte er mit reger Höflichkeit.

Ich stand auf, um zu gehen, rührte mich aber nicht vom Fleck. Ich wollte unbedingt fragen, ob er es in Erwägung ziehen würde, mich für ihn arbeiten zu lassen, doch ich bekam kein Wort heraus. Stattdessen drehte ich Vaters Zylinder in meinen Händen.

„Ach“, der alte Mann hob einen Finger. Schwerfällig erhob er sich von seinem Thron und ging langsam zu einem weißen Schrank, der wie für Versailles bestimmt wirkte. Papier raschelte in seinen Händen. Als er sich wieder zu mir drehte, reichte er mir zwanzig Pfund Sterling. Ich starrte ihn ungläubig an.

„Hätten Sie gerne, dass ich eine Besorgung tätige?“, fragte ich, überrascht darüber, mit so einer großen Summe anvertraut zu werden, wo wir uns doch grade erst begegnet waren.

„Deine Schwester erwähnte dieses und jenes, daher denke ich, Du könntest es gebrauchen.“

„Nicht doch, ich-“, winkte ich ab.

„Keine Widerworte“, sagte er streng.

„Aber …“

„Nimm es, andernfalls brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen“, die Freundlichkeit hatte seine Stimme gänzlich verlassen. Es lief mir kalt den Rücken runter.

Ich nahm das Geld und stopfte es in meine Tasche. Das wertvolle Stück Papier brannte ein Loch aus Schuldgefühlen in meine Hose.

„Bis morgen. Ich erwarte dich pünktlich um zehn“, sagte er.

Ein heller, sommerlicher Abendhimmel erstreckte sich über mir, als ich mich nach Hause aufmachte.

 

Kapitel 3

WUNSCH UND WILLE

Daheim fand ich meine Schwestern im Wohnzimmer auf. Es wirkte noch kleiner und heruntergekommener nach der exzentrischen Extravaganz, die ich beim Alten erlebt hatte. Doch keine noch so exotische Kunst kam an Elizabeths Glanz heran, besonders wenn sie wütend war, denn dann war sie am allerschönsten. Ihre Augenbrauen waren hoch emporgehoben, die Lippen schmollten leicht und sie saß gerade wie eine Kerze. Ihre gesamte Aufmerksamkeit war auf ihre Näharbeit gerichtet.

„Ich bin wieder da“, sagte ich und wagte mich nicht über den Eingang hinaus. Den Zylinder drehte ich in meinen Händen. Dies schien eine Gewohnheit zu werden.

Eleanor sah mich scharf an und imitierte die Pose unserer älteren Schwester. Jedoch übertrieb sie es und wirkte, als würde sie von Schmerzen geplagt werden.

„Möchte jemand Tee?“, fragte ich.

Mein Mund war trocken und ich wollte sehr gerne eine Tasse. Niemand schenkte mir Beachtung. Elizabeth war wie eine elegante, kalte Statue aus der Sammlung des alten Mannes. Und so ging ich allein in die Küche.

„Es lief gut“, berichtete ich der leeren Küche.

„Freut mich zu hören“, hörte ich Vaters Antwort, wenn ich ihn auch nicht sehen konnte.

„War sie sehr wütend, nachdem ich rüber gegangen bin?“, fragte ich ihn.

„Du liebe Güte, sie tobte und tobte bis kurz vor deiner Ankunft. Und was für Worte sie benutzt hat! Es brachte mich selbst in meinem Grab noch zum Zucken“, scherzte er und brachte mich so zum Lachen.

„Bist du völlig verrückt geworden?“, donnerte Elizabeth mit heiserer Stimme – ihre Heiserkeit belegte Vaters Beobachtungen.

Ich wollte ihre Frage nicht bejahen, doch auch Lügen lag mir fern, daher wiederholte ich nur, dass alles gutgegangen war.

„Wir haben Schach gespielt“, erzählte ich, „und dann“, die Kehle schnürte sich mir zu, „gab er mir zwanzig Pfund.“

„Zwanzig Pfund?“, stieß Elizabeth mit so hoher Stimme hervor, dass der Riss in meiner Tasse tiefer wurde.

„Du hast das Geld abgelehnt, nicht wahr?“

Ich blickte zu Elizabeth und dann zur Seite.

„Jo“, sagte sie mit Nachdruck und stützte sich mit der offenen Handfläche gegen den Tisch. Dieser neigte sich und katapultierte dabei fast meine Tasse gegen die Wand. „Jo, Du hast es nicht angenommen, richtig?“

„Ich habe es versucht, aber …“, ich fing die Teetasse mit beiden Händen auf, als Elizabeth nun auch ihre zweite Hand gegen den Tisch stützte und mir so noch dichter kam.

„Wie kannst Du nur?“, zitterte sie.

Ich starrte wortlos auf meine Hände. Die Tatsache, dass mein Wohltäter ihr größter Feind zu sein schien, machte die Situation nur noch unangenehmer.

„Wir sind eine respektierte Familie. Wir benötigen keine Spenden, wir sind keine Bettler, Jo.“

„Noch nicht,“ murmelte ich.

Eine Feuersbrunst loderte in ihren Augen.

„Ich habe dich nicht großgezogen, damit du … Almosen entgegennimmst“, dieses Wort auszusprechen, stellte ihre Beherrschung auf eine harte Probe. „Wenn du Geld annimmst, muss es für ehrliche und harte Arbeit sein.“

Beim Versuch, ihrem wütenden Blick zu entkommen, sah ich an mir herunter. Das große Hemd, das mir von den Schultern rutschte, die Träger, die nicht hielten, die Hosen, die mir genauso wenig passten, wie ein Sattel einer Kuh passen würde. Wenn auch nicht ehrlich, so war es auf jeden Fall harte Arbeit.

„Du wirst es morgen zurückgeben, hast du mich verstanden?“

„Ich behalte es und es gibt nichts, was Du dagegen tun kannst“, widersprach ich eisern und rannte die Treppen hinauf. Die Tür schlug ich hinter mir zu. Auf meinem Bett lag noch immer „Little Dorrit“. Es war das letzte Buch, das Vater mir geschenkt hatte. Sogar Little Dorrit hätte gewollt, dass ich das Geld zurückgab. Doch niemand könnte mich davon überzeugen. Die Summe bedeutete dem alten Mann nichts, für uns war sie jedoch die Welt. Sicherlich würde sogar Little Dorrit das verstehen. Ich legte das Buch auf meinen Schoß, als die Tür aufsprang. Ich war geladen wie eine Pistole. Wütende Worte waren meine Munition. Doch es war lediglich Eleanor, die eintrat.

„Du bist wahrlich sehr stur, Joanna Ryde“, sagte sie und setzte sich neben mich auf das Bett.

„Das ist eine Familieneigenschaft.“

„Das ist es wirklich“, sie hielt inne und ich versuchte, zu beurteilen, in welche Richtung das Gespräch sich entfalten würde. Es überraschte mich, dass sie noch nicht begonnen hatte, mich mit Anschuldigungen zu überhäufen, die sie bei Elizabeth aufgeschnappt hatte.

„Kann ich es sehen, Jo?“

Ich sah sie verwundert an.

„Das … Geld“, flüsterte sie verschwörerisch.

Ich zog es aus meiner Tasche. Es war nicht mehr so glatt wie einst. Sie nahm die zwanzig Pfund in die Hand. Ihre Wangen gewannen an Farbe. Die Augen funkelten.

„Wie schön es doch ist! Ist es nicht wunderschön, Jo?“, sie schien verzaubert vom Anblick des zerknitterten Papiers. „Haben Zahlen je so entzückend ausgeschaut?“

„Nicht, dass ich wüsste“, gestand ich fasziniert von der Faszination meiner Schwester.

„Was meinst du, wie viele Kleider können wir uns davon kaufen? Und wie viele Orangen?“

„Wir werden es nicht für unnützes Zeug ausgeben“, ich schnappte ihr das Geld aus der Hand.

„Lass es mich noch länger anschauen“, gab sie weinerlich von sich.

Ich hielt es hoch, ließ sie es aber nicht nehmen, aus Angst sie könnte es ausgeben, wenn ich nur blinzelte.

„Ich bin nicht stolz, dass du es genommen hast“, verkündete Eleanor, „aber ich bin doch froh, dass wir es nun haben.“

„Wirklich?“, fragte ich skeptisch und bereit, anzugreifen, sollte sie mich kritisieren.

Sie lächelte und ihre Gesichtszüge erstrahlten in einer Schönheit, die Elizabeths glich.

„Nichtsdestotrotz bin ich von der ganzen Sache nicht begeistert. Das alles wirkt irgendwie wahnsinnig gefährlich. Und Elizabeth ist ganz klar dagegen“, gestand sie und erinnerte mich daran, wie clever sie doch war, wenn sie sich die Mühe machte. „Ich hoffe, du musst das nicht allzu lange tun.“

„Es macht mir gar nicht so viel aus.“

Sie fuhr mir durch das kurze Haar, strahlte mich an und sagte, dass sie mich liebte. Meine Schultern entspannten sich zum ersten Mal am heutigen Tag und plötzlich überkam mich die Müdigkeit. Ich legte meinen Kopf auf ihren Schoß. Während sie diesen streichelte und leise eine Melodie summte, die unsere Mutter uns einst vorgesungen hatte, schlief ich langsam ein.

Elizabeth und ich waren uns ähnlicher, als wir bereit waren, zuzugeben. Auch wenn ich niemals so beherrscht oder elegant und hübsch wie sie sein könnte. Die Intensität meiner Bewunderung glich ihrer Abneigung gegenüber meinen Methoden, Probleme zu lösen.

Beim Frühstück ignorierte sie mich daher gänzlich. Sie hob ihre Brauen, schmollte und saß kerzengerade. Es hielt mich nicht davon ab, meiner neuen Arbeit nachzugehen. Der alte Mann begrüßte mich, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Er verfügte ansonsten aber über keine Bediensteten. Seine Speisen brachte ihm der Sohn des einzigen Gaststättenbesitzers in der Gegend. Ich kannte den Jungen und versteckte mich immer, wenn er kam. Alle zwei Wochen kam eine Magd, um die Wäsche zu waschen. Eine weitere Person war damit beauftragt, in regelmäßigen Abständen das Haus zu putzen.

Darüber hinaus war der Alte durchaus eigenständig und bestand darauf, alles, was er konnte, auch selbst zu machen.

Mir gegenüber begegnete er vom ersten Tage an mit der größten Fürsorge und Hingabe. So erlaubte er nicht, dass meine Tasse lange leer blieb, denn in seinem Vorrat befand sich eine Vielzahl der vortrefflichsten Teesorten aus Japan und China, die alle probiert werden mussten. Als wir zu Mittag aßen, erforderte es einer fundierten Rechtfertigung meinerseits, um einen Nachschlag zu verweigern. Darüber hinaus waren immer Früchte für mich auf dem Wohnzimmertisch hinterlegt. Der alte Mann war der Auffassung, sie könnten mir helfen, über meine mickrige Größe hinauszuwachsen.

Noch viel wichtiger war jedoch die Tatsache, dass er unbeschreiblich viele Interessensbereiche hatte und gewillt war, mich in jedem einzelnen von ihnen zu unterrichten. Er selbst war ein Gelehrter, der sein gesamtes Leben und Einkommen der Akquise von Wissen gewidmet hatte, anstatt diese für Nichtigkeiten zu verschwenden. Wenn auch das Haus von den eigenartigsten Dingen okkupiert war. Als ich ihm dies mitteilte, lachte er und bestand darauf, dass er in dem kleinen Haus die Schönheit der Welt eingefangen hatte. Da er überall in der Welt gewesen war, konnte das nur stimmen. Wie sehr ich ihn um seine Freiheit und das grenzenlose Wissen beneidete.

Vater, und später Elizabeth, hatten mir die Grundlagen der Mathematik, Französisch und Latein beigebracht. Ich selbst hatte jedes Buch, das ich finden konnte, verschlungen. Das alles wurde jedoch bei Weitem übertroffen durch die neuen Einsichten, die ich an meinem Arbeitsplatz erlangte. Die Bildung, die mir zuteil wurde, übertraf all meine Vorstellungen. Ich lernte philosophische Theorien kennen, erfuhr tiefere Einblicke in historische und politische Kontexte, erweiterte meinen wissenschaftlichen Horizont, besonders in Bezug auf Darwins Erkenntnisse, erlangte ein vortreffliches Verständnis über das britische Recht, erlernte die nötigen Fertigkeiten, um ein Schiff zu navigieren (theoretisch zumindest), und las großartige Romane aus der Bibliothek des alten Mannes, die sich über den gesamten ersten Stock erstreckte. Es gab mir das Gefühl, mit der Kraft meiner Gedanken alles erreichen zu können. Dies ging sogar so weit, dass ich daran dachte, Anwalt zu werden. Auch dem alten Mann sprach diese Vorstellung sehr zu.

Er war genauso dankbar für einen engagierten Lehrling, wie ich für einen leidenschaftlichen Lehrmeister. Er wurde zu dem besten Freund, den ich jemals gehabt hatte, und wuchs mir sehr ans Herz. Ich war sicher, er fühlte genauso. Bald schon wurde das Heim des Alten mein zweites Zuhause.

Meine Schwestern hingegen verstanden meinen Enthusiasmus nicht, doch auch sie gewöhnten sich nach einem Jahr an mein Doppelleben.

Nach und nach wurde der Drang, mich mit Vater und Mutter zu unterhalten, geringer, doch es verging nicht ein Tag, an dem ich nicht an sie dachte.

„Elizabeth, wusstest Du schon? Jo möchte Anwalt werden“, machte sich Eleanor lauthals über mich lustig, als wir unser Sonntagsdinner genossen – eines, dass nur der Großzügigkeit meines Lehrmeisters geschuldet war. Das Gehalt, welches er mir zahlte, war enorm. Elizabeth war sogar drauf und dran eine Bedienstete zu engagieren, wogegen ich mich sehr stark sträubte. Meine Auffassung war, dass wir so viel wie möglich sparen mussten, solange wir das konnten.

„Ich behaupte ja nicht, dass meine Entscheidung feststeht. Ich könnte mir auch gut eine Karriere als Ingenieur vorstellen, oder aber als medizinischer Wissenschaftler. Ich möchte mich nicht zu vorschnell festlegen“, vertraute ich mich meinen Schwestern an, unter der Illusion, es könnte sie interessieren.

„Du kannst gar kein Anwalt oder medizinischer Ingenieur werden, oder was es auch immer ist“, wandte Eleanor ein. „Nur weil du einen alten, blinden und tauben Herrn hinters Licht führst, heißt das nicht, dass dir das auch mit dem Rest der Welt gelingt. Wie stellst du dir das überhaupt vor? Willst du für immer ein Mann sein?“, kicherte sie.

Wie sehr ich sie doch an ihren Haaren ziehen wollte, die zusammengebunden waren mit einer neuen Schleife, derer das verwöhnte Gör sich erst neulich bereichert hatte. Meine Ausführungen hatte sie sofort abgewiesen, ohne auch nur darüber nachzudenken.

„Zuerst einmal ist der Alte nicht blind und taub – zumindest noch nicht. Und zweitens scheinst Du die Vorzüge, die meine Verkleidung in sich birgt, doch sehr zu mögen.“

Elizabeth erlaubte ihr, zu viel Geld für unnötiges Zeug auszugeben. Eleanors Blick auf die Welt war eingeschränkt, denn außer französischer Mode schien sie nichts weiter zu interessieren.

„Solltest Du es bevorzugen, wieder so arm wie eine Kirchenmaus zu sein, trage ich morgen ein Kleid zur Arbeit.“

Eleanor schmollte daraufhin. Sie würde genauso wenig arm sein wollen, wie ich meine Beziehung zum alten Mann nicht auf die Probe stellen wollte. Für alle Fälle trug ich nun Hosen zu jeder Tageszeit. Auch wenn der alte Mann nie sein Haus verließ und ich auch nur zu ihm oder wieder nach Hause ging, so wollte ich doch sicher sein. Außerdem wollte ich mich selbst nicht verwirren. Elizabeth hatte allerdings die Auffassung, dass es dafür bereits zu spät war. Es war ihr Wunsch gewesen, dass ich meine Ausgänge auf die nötigsten beschränkte, um die Familie nicht zu blamieren. Mir war es recht. Wozu sollte ich irgendwo anders, als zum alten Mann gehen wollen? Mit ihm konnte ich über alles reden. Sogar alltägliche Dinge machte er zu tiefgründigen Konversationen. Er unterbrach mich nie, wenn ich sprach, und nahm sich Zeit, seine Antwort zu überdenken, um meinem Anliegen den größtmöglichen Respekt entgegenzubringen. Zu Hause hingegen musste ich schreien und toben, um überhaupt wahrgenommen zu werden – dies tat ich allerdings noch seltener als früher, da meine Schwestern von meinem Standpunkt zu überzeugen, lange keine Priorität mehr für mich hatte. Mir war aber bewusst, dass meine Familie mich mehr liebte, als mich irgendjemand jemals lieben könnte. Auch das wusste ich zu schätzen.

***

Eines Tages unterhielten Methusalem und ich uns über ein ganz anderes Thema als sonst. Es begann damit, dass ich ihn fragte, ob er nicht mit meinen Schwestern und mir zu Abend essen würde. Elizabeth hatte mich gezwungen, diese Einladung zu überbringen. Ihre Meinung vom Alten war proportional zu unseren Finanzen gestiegen. Plötzlich hatte sie sich sehr unhöflich gefühlt, ihn nie eingeladen zu haben. Sie bereitete ein vortreffliches Mahl zu – eines das viel zu teuer war – und putzte das Haus, und tat eine Menge unnötiger Dinge, denn ich war mir sicher, er würde ablehnen.

Der alte Mann verließ sein Haus nur, wenn es keine andere Möglichkeit gab. Dies lag daran, dass er die Geborgenheit seines Heims allem anderen vorzog. Zumal es draußen nichts gab, was ihn reizte. Auf unserer kleinen Insel konnte man keine überragenden Gesprächspartner finden und keine überraschenden Sehenswürdigkeiten entdecken, wenn man bereits die gesamte Welt bereist hatte.

Es war die Ruhe, die er schätzte. Er mochte es, von der Gesellschaft unbeachtet zu bleiben. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass er an genug Bällen und Veranstaltungen teilgenommen hatte im Laufe seines langen und ereignisreichen Lebens. In seinem Alter gab es kaum Vorzüge, die man aus solchen Aktivitäten ziehen konnte. Seinen Selbstgenügsam bewunderte ich. Zur gleichen Zeit war ich aber auch dankbar, dass er für mich eine Ausnahme machte.

Als ich ihn endlich bezüglich des Dinners fragte, lehnte er umgehend ab.

„Diese Dinge sind nichts für mich, Junge. All die aufgesetzten, höflichen Unterhaltungen, die man aufrechterhalten muss, obwohl allen Parteien klar ist, dass niemand diese genießt. Darüber hinaus könnte ich einen Raum voller Frauen nicht ertragen. Ich bin bei Weitem zu alt, um Gefallen an ihnen zu finden.“

Genau diese Antwort hatte ich erwartet und doch sprach er etwas an, wonach ich schon lange hatte fragen wollen. „Wie kommt es, dass du Frauen so feindlich gegenüber stehst? Angenommen, ich sei eine Frau, würdest du es bevorzugen, nie meine Bekanntschaft gemacht zu haben?“

„Du könntest weder das Eine noch das Andere sein und würdest dennoch genauso entzückend lästig bleiben“, lachte er. „Ich würde es allerdings bevorzugen, wenn du es mir nicht verrietest, solltest du doch ein Mädchen sein. Es wäre schrecklich, wenn meine Meinung, dass Männer die bessere Gesellschaft sind, widerlegt werden würde.“

Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob er schon längst alles über mich wusste. Es würde zu ihm passen, die ganze Zeit einfach mitzuspielen. So exzentrisch wie er war, würde es mich nicht wundern, wenn er sich jeden Abend in den Schlaf lachte. Doch auch das könnte ich ihm nicht übel nehmen. Im Gegenteil. Ich war erleichtert, dass es für ihn keine Rolle spielte.

„Aber warum ist die Gesellschaft von Frauen so unerträglich  für dich?“, erfragte ich weiter, obwohl ich merkte, dass ich mich auf dünnem Eis befand.

Er seufzte. Einen Seufzer gab er nur selten von sich. Es hieß meistens, dass sein Körper sich nicht so bewegte, wie er es wollte und dabei wehtat oder – und das war schlimmer – er erinnerte sich an etwas Schmerzhaftes.

„Du musst wissen, mein Junge, ich bin nicht alt geboren. Das ist ein Status, den ich im Laufe der Jahre erlangt habe. Davor aber war ich ein junger Mann. Einige sahen sogar eine gewisse Schönheit in mir – wobei ich sicher bin, dass Schönheit eine Eigenschaft ist, die jedem zugesprochen wird, der sich angemessen kleidet und ein gewisses Einkommen vorzuweisen hat. Wo auch immer ich hinging, folgte mir ein Schwarm Damen. Jede von ihnen bezaubernder als die nächste. Auch ich war zu der Zeit nichts weiter als ein Mann und genoss die Aufmerksamkeit und die neidischen Blicke. Doch verfügte ich über genug Verständnis diesen Dingen gegenüber, um zu begreifen, dass sie in mir das Geld sahen, nicht das Wissen der Bücher, die ich gelesen hatte. Ich nahm vorlieb damit, sie mit meinen Gesprächen zu langweilen. Ich sah zu, wie sie vor Leid zergingen, doch den Kampf um meine Gunst nicht aufgaben. Die Jahre strichen ins Land. Jahre wurden zu Jahrzehnten. Die Damen, die mich umgaben, sanken in ihrer Zahl. Ich musste das Feld räumen für jüngere Herren, die deutlich entschiedener vorgingen. Sie wählten die hübscheste oder diejenige mit der angesehensten Familie.

Noch bevor ich fünfzig war, ließen sie mich alle in Frieden. Ich lernte Bälle und dergleichen als das anzusehen, was diese wirklich waren. Präsentationen von Dummheit und Reichtum.

Erst als ich nach Indien reiste, fand ich die wahre Liebe – oder wie du es auch immer nennen möchtest. Sie war das außergewöhnlichste Geschöpf, das ich je erblickt hatte. Ihre dunkle Haut leuchtete im Glanz der östlichen Sonne wie die Juwelen in Königin Viktorias Krone. Ihre strahlenden Gewänder fingen meinen Blick, noch bevor mein Schiff am Dock angelegt hatte. Ihr Englisch war gebrochen, doch es klang wie Poesie für die Ohren eines dummen Mannes wie mir. Ich verstand nie, wie es dazu kam, doch auch sie lernte mich genauso sehr zu lieben wie ich sie.

Wir mussten uns im Geheimen treffen, denn sie war bereits einem anderen versprochen. Ein solches Versprechen zu brechen, konnte schreckliche Konsequenzen für sie haben. Es war mein fester Entschluss, sie mit mir nach London zu nehmen. Wir planten unsere Flucht und ich zählte die Sekunden bis sie endlich mein sein würde. Zur verabredeten Zeit setzten wir Segel und kurz vor Abfahrt sollte sie auf das Schiff kommen.

Ich erwartete sie sehnsüchtig. Doch sie kam nicht. Ich bat den Kapitän zu warten. Er war mein Freund. Er ließ mich gewähren. Es verging eine Stunde, dann zwei. Als unser Zeitfenster sich schloss, stieg ich an Bord des Schiffes. Ich stellte mir vor, welches Leid ihr womöglich widerfahren war, als sie versucht hatte, sich zu mir zu begeben. Als das Schiff den Hafen verließ, war ich drauf und dran gewesen, in das Wasser zu springen. In mir tobte einzig der Gedanke, sie beschützen zu müssen. Doch dann sah ich sie am Dock. Sie trug alte Fetzen als Verkleidung. Wir waren weit weg, doch ich konnte die Tränen auf ihren Wangen im Licht der untergehenden Sonne glitzern sehen. Sie schüttelte ihren Kopf leicht und ich wusste, sie hatte sich gegen mich und für ihre Familie entschieden. Und wer könnte es ihr verübeln, nicht mit einem Mann, den sie nur wenige Wochen kannte, mit in ein kaltes, fremdes Land zu fliehen, das so anders war als die Welt, die sie kannte?

Ich konnte nur mir selbst die Schuld an der Miesere geben und sie noch mehr lieben, dafür dass sie so ein weises, perfektes Wesen war. Ich hatte sie nicht verdient. Das ist der Grund, warum ich eine Abneigung gegen Frauen hege. Der Schmerz, sie zu verlieren, wenn man sie erst einmal in sein Herz geschlossen hat, ist viel schlimmer, als die Freude, sie zu halten, je gut sein kann.“

Als der alte Mann seine Erzählung beendete, blieben wir beide eine lange Zeit still. Mich hatte das Gewicht seiner Worte nahezu erdrückt. Die Art und Weise, in der er von seiner Geliebten gesprochen hatte, ließ mich für einen kurzen Moment einen Bruchteil des jungen Mannes erkennen, der er einst gewesen war. Mutig und unerschrocken, arrogant und verwöhnt. Er hatte alles gehabt, bis auf diese eine Person, die er für den Rest seines Lebens nicht vergessen konnte. Diese Erfahrung definierte ihn wohl mehr, als ich begreifen konnte.

„Du hast doch sonst so viel zu sagen. Sind dir die Worte im Hals steckengeblieben?“, zog er mich auf. Es schien ihm schon besser zu gehen.

„Ja, Sir“, gab ich zu. Ich konnte nicht leugnen, was für einen starken Eindruck seine Geschichte auf mich gemacht hatte. „Ich hoffe, ich werde mich niemals verlieben.“

Er lachte herzlich: „Wenn die Zeit kommt, wirst du genau das tun, mein Junge. Und die andere Person wird genauso dümmlich und gewöhnlich sein wie du.“

„Na, zumindest hoffe ich doch sehr, dass die Person nicht so lahm und langweilig sein wird, wie du“, konterte ich.

„Die Person wird noch viel langweiliger sein als ich und hässlich dazu. Aber du wirst sie lieben, weil du so trottelig und ehrlich bist, wie nur irgend möglich.“

Ich sagte nichts weiter, weil ich nicht gewinnen konnte und weil eine Beleidigung vom Alten wie eine Lobeshymne klang. Bald schon bat er mich, zu gehen. Er wirkte erschöpfter als sonst.

Zu Hause wurden mir die Leviten gelesen dafür, dass ich alleine heimgekehrt war. Doch ich war bei Weitem zu melancholisch, um mich provozieren zu lassen.

Meine Schwestern hatten alle Zimmer blank poliert. Ich erkannte das Haus kaum wieder. Es war nirgends auch nur ein Staubkorn aufzufinden, überall aber waren frische Blumen. Der Braten, die Stampfkartoffeln, das verschiedene gekochte Gemüse, die Zwiebelsuppe und die Soße rochen unfassbar köstlich. So ein Abendessen hatten wir lange nicht mehr gehabt, das letzte Mal war wohl zu Weihnachten gewesen. Ich wollte nicht wissen, was das alles gekostet hatte und ich konnte es kaum erwarten, alles zu verschlingen.

Die Enttäuschung war vergessen, sobald wir uns zu Tisch setzten. Elizabeth erzählte eine lustige Geschichte vom Markt und Eleanor lachte so sehr darüber, dass sie nahezu an den gestampften Kartoffeln erstickte. Solche Momente waren es, die mich die Leere von Vaters und Mutters Stühlen besonders spüren ließen. Sogar nach all der Zeit, fühlte es sich so an, als würden sie bald durch die Tür kommen und für jede von uns liebevolle Worte finden.

Die Vergangenheit war ein nachtragendes Biest. Sie schlich sich an wie ein Schatten. Doch ich war stärker und gestand es mir jeden Tag aufs Neue ein, wenn ich hinausging, um einem neuen Morgen zu begegnen. Es gab viel zu viel, wofür ich dankbar sein musste. Da konnte ich gar nicht traurig sein. Ich liebte meine nervtötenden, wundervollen Schwestern, und meinen Freund, den alten, grimmigen Mann. Ich liebte das Wissen, das er mir schenkte und ich liebte es, Hosen zu tragen. Ich liebte es, mich von Eleanor ärgern zu lassen und Elizabeths Geschimpfe darüber, dass ich mich nicht wie eine Dame benahm. Es erfühlte mich mit Freude, wenn die beiden trotz allem darüber lachten, wenn ich ein weiteres von Vaters Kleidungsstücken änderte, damit es mir passte.

Wie schön es doch wäre, wenn alles für immer so bliebe.

Der Sommer ging langsam zu Ende und der Herbst wurde immer präsenter in der farblichen Veränderung der Vegetation unserer Insel. Ich lief durch einen Teppich gelber und brauner Blätter, was die Straße zu einem knisternden Orchester machte. Mit jedem Schritt trat ich die Blätter hoch und sah zu, wie sie zu Boden sanken.

Meine Laune war heute besonders gut, da Methusalem mir eine Revanche versprochen hatte. Ich hatte drei Partien Schach hintereinander verloren, was mich langsam aber sicher wütend machte. Denn es schien so, als ob mein Lehrer sich nun endlich nicht mehr zurückhielt im Spiel. Das hieß, dass meine vorigen Siege bedeutungslos waren. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn man mich gewinnen ließ. Wenn ich gewann, dann weil ich besser war, nicht weil jemand Mitleid mit meinen mangelhaften Fähigkeiten hatte.

Heute jedoch würde der Alte mir unterliegen, denn ich hatte die gesamte letzte Nacht über einer neuen Strategie meditiert. Das Haus betrat ich wie immer mit einem lauten und fröhlichen „Guten Tag, Sir!“. Auf diese Weise ließ ich ihn wissen, dass ich da war. Auf eine Antwort wartete ich nicht und rannte ins Wohnzimmer, um die Schachfiguren aufzustellen. Als ich fertig war, setzte ich mich in den großen Sessel ohne Angst, von diesem verschlungen zu werden, da ich kein armseliges Insekt mehr war. Die hölzerne Standuhr tickte meine Geduld herunter, während ich wartete und wartete.

Er lag in seinem enormen Bett unter einer farbenfrohen, indischen Seidendecke. Dickes, schwarzes Holz mit Schnitzereien exotischer Vögel mit gesenkten Schnäbeln trugen die Matratze. Eine gigantische verfärbte Karte bedeckte nahezu die gesamte Wand über seinem Kopf. Jade-Elefanten standen mit trauernden Köpfen auf dem Nachttisch. Eine große, blaue Vase mit Malereien goldener Schiffe, dessen Flaggen auf halbmast wehten, war daneben.

Seine Haut war blasser als sonst und der Oberkörper bewegungslos, da die Lunge keine Luft mehr brauchte. Ich berührte seine Hand. Sie war steif und kalt.

„Ich habe eine neue Strategie, um dich beim Schach zu besiegen“, sagte ich leise. Die Tatsache, dass der alte Mann nicht antwortete, machte mich wütend. Was für ein unhöflicher alter Mann.

„Gegen wen soll ich denn nun Schach spielen? Mit wem soll ich über Dinge reden, die sonst niemanden interessieren?“, schrie ich, bis meine Stimme heiser wurde, und selbst dann konnte ich nicht aufhören. „Wer soll mir Platos Schriften näherbringen und wem soll ich Shakespeare vorlesen? Ich bin nicht so wohlhabend wie du, Methusalem. Wie kannst du nur? Komm gefälligst zurück und beende zumindest unsere Schachpartie!“

Tränen konnten meine Trauer nicht ausdrücken, daher weigerte ich mich, sie fließen zu lassen. Trockenes Schluchzen ließ mir den Atem stocken. Die letzten Worte, die der Alte an mich gerichtet hatte, hallten in meinen Gedanken wider: „Der Schmerz, sie zu verlieren, wenn man sie erst einmal in sein Herz geschlossen hat, ist viel schlimmer, als die Freude, sie zu halten, je gut sein kann.“ Es brach mir das Herz. Mir war aufgefallen, dass seine Gesundheit sich verschlechtert hatte, doch hatte ich nicht erwartet, dass er so schnell von mir gehen würde. Er hatte nie etwas erwähnt.

Den gesamten restlichen Tag verbrachte ich am Strand, bis meine Hände und Füße taub vor Kälte waren. Als ich nach Hause kam, ging ich umgehend zu Bett. Am nächsten Tag spazierte ich um die Wiesen und Felder, bis die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwand. Erst am dritten Tag erzählte ich meinen Schwestern, was sich ereignet hatte. Ihre Reaktionen waren erschreckend reserviert.

„Mein herzliches Beileid“, sagte Elizabeth und streichelte meine Hand.

„Er war einhundertundsiebzig Jahre alt, was hast du erwartet?“, merkte Eleanor an, ohne sich die Mühe zu machen, Mitgefühl auch nur vorzutäuschen.

Daraufhin führten die beiden eine hitzige Diskussion darüber, wer von uns eine Anstellung als Gouvernante suchen müsste. Da Eleanor zu jung war und Elizabeth sehr hübsch, weswegen es wahrscheinlicher war, dass sie vorteilhaft heiratete, entschieden sie, mich fortzuschicken. Ich ging nach oben mit der Intention, eine Woche lang mein Bett nicht zu verlassen. Der Verlust des alten Mannes hatte eine Kluft in mein Leben gerissen. Meine Schwestern konnten mich auch auf den Mond schicken – es war mir gleich. Doch bevor die Woche endete, kam ein Mr Davenport zu Besuch. Sein Schnurrbart hatte eine faszinierende Frisur – die Enden waren zu perfekten runden Kringeln gedreht. Ich hatte kaum Zeit, ihn richtig zu begutachten, da er mir einen Brief reichte und breit grinste, als ich diesen öffnete.

 

Verehrter Mr. Ryde,

 Dass du diesen Brief in Händen hältst, kann nur bedeuten, dass mein rechtlicher Berater, Mr Davenport, dich aufgesucht hat – es bedeutet ebenso, dass Nun, lass uns nicht über Dinge grübeln, die nicht mehr zu ändern sind, sondern viel lieber nach vorn schauen. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich dir so viel ich nur konnte beigebracht. Doch für einen jungen Mann mit deinem Elan und Talent gibt es noch so viel mehr zu lernen. Da ich nun nicht mehr in der Lage bin, dieser Aufgabe gerecht zu werden, habe ich mit Mr Davenports Hilfe Vorkehrungen getroffen, um deine Annahme am Oliver Kenwood Internat für Jungen gewährleisten zu können. Du wirst möglicherweise ein oder zwei Wochen nach Beginn des zweiten Jahres anfangen, doch ich bin sicher, dass dich das nicht behindern wird und du dort Großes erreichen wirst.

In der Zeit, in der du deine akademische Karriere verfolgst, bekommst du 150 Pfund im Jahr. Auch diesbezüglich habe ich Vorkehrungen getroffen.

Solltest du nach wie vor Anwalt, Arzt oder Ingenieur werden wollen, so wird die Schule, die ich gewählt habe, dir Wege und Möglichkeiten eröffnen. Und nun wisch dir deine Rotznase ab und packe deinen Koffer.

 Hab keine Furcht vor Größe,

 Anthony Sears


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Anna Jane Greenville faszinierte das Erzählen von Geschichten schon immer. Sie liebt romantische, abenteuerliche, moderne und klassische Romane und kann ganze Tage in Buchläden verbringen. Ihre literarischen Einflüsse sind unter anderem ihre Lieblingsautoren Charles Dickens, Jane Austen, Johnston McCulley, Rainbow Rowell und Nick Hornby.