Vegas, Vidi, Non Vici – das Leben ist kein Triathlon

Stuttgart, Juni 2018. Am Anfang war das Licht. Dann kam Ibiza-Paul. Und dann war er auch schon tot. Er hinterlässt Thomas und Christian ein Millionenerbe – unter der Bedingung, dass sie den Las-Vegas-Triathlon gewinnen. So beginnt für das Autorenduo Thomas Kowa und Christian Purwien die Fortsetzung der Geschichte, die in Pommes! Porno! Popstar! ihren erfolgreichen Anfang nahm. Warum sie gerade Las Vegas als Ort für die Handlung des neuen Buches gewählt haben?

„Wir haben uns gefragt, was ist noch schlimmer als Ibiza. Spontan fiel uns da nur ein Ort ein: Las Vegas, eindeutig die schlimmste Stadt, wenn man ohne Geld dort klarkommen muss. Es blieb uns nichts anderes übrig, als dorthin zu fahren, uns ein paar Aufgaben zu stellen und zu schauen, was passiert. Aus dem Resultat haben wir dann Vegas, vidi, non vici geschrieben“, erklärt Thomas Kowa. Auch zu diesem Roman wird parallel wieder eigene Musik veröffentlicht. „Ein Elvis-Imitationswettbewerb muss gewonnen werden, wir müssen die Hymne für das Hard-Rock-Hotel schreiben und am Schluss auf einer Hochzeit singen …“, fasst Christian Purwien die Rolle der Musik im Buch zusammen. Drei EPs – in Las Vegas aufgenommen – mit den schönen Titeln Drei 80s, Drei Disko und Drei Vegas erscheinen zeitgleich mit dem Roman.

Download Pressemitteilung: PM 06-2018_dp_Digital Publishers_Vegas Vidi Non Vici

Ein Millionen-Testament, zwei erfolglose Typen und drei Challenges – mitten in der Sin City Las Vegas. Ab Juni 2018 ist das E-Book im Handel erhältlich. Parallel zum Roman werden drei Musik-EPs veröffentlicht.

Thomas Kowa und Christian Purwien über ihr neues E-Book

Worum geht es in eurem neuen Buch Vegas! Vidi! Non vici?

Thomas: Am Anfang war das Licht. Dann kam Ibiza Peter. Und dann war er auch schon tot. Und dann beginnt unsere Geschichte.

Christian: Jedenfalls hat uns Ibiza-Peter ein Millionenerbe hinterlassen, allerdings unter einer Bedingung: Wir müssen den Las Vegas Triathlon gewinnen. Ahnungslos wie wir waren, machten wir uns auf in die Stadt der Träume und gescheiterte Existenzen und das, obwohl Thomas spielsüchtig ist …

Thomas: Du hast vergessen, zu erwähnen, dass du geglaubt hast, der verstorbene Zwillingsbruder von Elvis zu sein.

Christian: Und du hast vergessen, zu erwähnen, wie es dazu kam, und wer daran schuld war!

Thomas: Nee, hab ich nicht vergessen, steht ja alles im Buch. Also einfach lesen, dann erfahrt ihr, wie das alles war.

 

Wie seid ihr auf die zündende Idee zu eurer Fortsetzung von Pommes! Porno! Popstar! gekommen?

Thomas: Wir haben uns gefragt, was ist noch schlimmer als Ibiza. Spontan fiel uns da nur ein Ort ein: Las Vegas.

Christian: Wobei Ibiza ganz schön sein könnte, wenn man denn Geld hätte, im richtigen Hotel wohnen würde…

Thomas: Tja, und weil die schlimmste Stadt ohne Geld eindeutig Las Vegas ist, blieb uns nichts anderes übrig, als dorthin zu fahren. Dort haben wir uns ein paar Aufgaben gestellt und geschaut, was passiert. Aus dem Resultat plus exakt 3,7 Prozent Lügen haben wir dann Vegas, Vidi, Non Vici geschrieben.

Christian: Bist du dir sicher, dass das Verhältnis Lüge/Wahrheit nicht umgekehrt war?

Thomas: Das ist so sicher wie das Amen in der Moschee.

 

Was würde Elvis zu eurem Roman sagen?

Christian: Wahrscheinlich gar nichts, weil sein Manager Colonel Parker das Buch sofort verboten hätte. Der hat ja selbst an I-hate-Elvis-Stickern mitverdient.

Thomas: Ich bin ja nicht so realitätsaffin wie Christian, insofern glaube ich schon, dass Elvis ganz lässig auf das Buch reagiert hätte und einfach nur sagen würde: »Wop-bop-a-loombop-a-boom-bam-boom.«

 

Habt ihr schon ein neues Reiseziel ins Auge gefasst?

Thomas: Oh ja, wir sind aber noch in Verhandlungen mit unseren Geldbeuteln und es sieht schlecht aus.

Christian: Für die Geldbeutel.

Thomas: Es wird uns also noch weiter weg tragen, nur wohin, dass erfährt ihr dann, wenn Teil 3 erscheint. Ich sag nur: Hunde, wollt ihr ewig leben!

Christian: Manno! Jetzt hast du verraten, dass es nach China geht.

Thomas: Hab ich nicht. Das warst du. Ich hab nur eine Anspielung für Hochintelligente gemacht.

Christian: Gut, im Verhältnis zu dir ist ja quasi selbst ein Stein …

Thomas: Hast du vergessen, dass ich gegen Buddha im Schach gewonnen hab?

Christian: Aber nur, weil du ihm die Regeln falsch erklärt hast.

 

Wart ihr für eure Recherche zum ersten Mal in Las Vegas?

Thomas: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich vorher schon zweimal in Las Vegas war, was nun wirklich für ein ganzes Leben reicht. Ich wäre ja auch lieber auf die Seychellen geflogen und hätte mir die Sonne auf den Bürzel scheinen lassen, aber das wäre ein ziemlich langweiliges Buch geworden. Also mussten wir dahin, wo es wehtut.

Christian: Wenn das so ist, hätten wir auch gleich in Dortmund bleiben können. Ich kenne da in paar Ecken, wenn du da mit dem Schalke-Trikot auftauchst…

Thomas: Es ging weniger um körperliche Schmerzen, sondern eher um seelische.

Christian: Da kennen Schalke Fans sich auch ganz gut mit aus. Wie auch immer, ich würde das im übrigen gar nicht Recherche nennen, sondern #LebenamLimit.

 

Was ist besonders faszinierend an dieser Stadt?

Christian: Wenn man Tripadvisor fragt, ist die größte Sehenswürdigkeit in Las Vegas ein Schießstand, in dem man den Zweiten Weltkrieg nachspielen kann. Und das ist ausnahmsweise kein Witz.

Thomas: Wie das so abläuft, sieht man dann in unserer Webserie, die zum Buch erscheinen wird.

Christian: Besonders faszinierend fand ich auch die ganzen Idioten, die an den Automaten sitzen und glauben…

Thomas: Machst du doch jetzt über mich lustig oder was? Ich hätte beinah den Jackpot geknackt! Wenn du nicht die ganzen Songs hättest aufnehmen wollen, die ohnehin kein Mensch kauft, dann wäre ich jetzt Multimilliardär!

Christian: Mit fünfundzwanzig Cent Einsatz?

Thomas: Sei doch nicht immer so realitätsfixiert. Ich kann jederzeit ein Buch schreiben, in dem das klappen würde.

Christian: Bei uns ging es jedenfalls anders aus, aber ohne der Geschichte vorgreifen zu wollen, kann ich jetzt schon sagen, dass ich nicht mal meinen Koffer ausgepackt hatte, da waren wir schon pleite.

 

In Vegas, vidi, non vici haben diesmal Gott und Satan beide etwas zu sagen. Welcher von euch beiden war denn für die Kommentare von Gott verantwortlich und welcher für die Kommentare des Teufels?

Thomas: Ich würde mir natürlich nie anmaßen, für Gott zu sprechen, er hat all seine Kommentare also selbst verfasst.

Christian: Und Satan und Buddha auch. Wobei ich total überrascht war, wie schlechtgelaunt Buddha war. Dagegen ist Satan echt ein sympathischer Typ.

 

Stichwort Musik: Ihr habt auch wieder ein Album, das ihr parallel zum Roman veröffentlicht. Welche Rolle spielt die Musik denn im Buch?

Thomas: Keine.

Christian: Außer, dass ich einen Elvis-Imitationswettbewerb gewinnen muss, wir die Hymne für das Hard-Rock-Hotel schreiben und am Schluss auf einer Hochzeit singen. Außerdem unterbrichst du ständig die Handlung des Buches, um die Leser darüber zu informieren, welch ach so tollen Songs wir in Vegas aufgenommen haben.

Thomas: Welche Handlung?

Christian: Woher soll ich das wissen? Bist du der Schriftsteller oder ich? Auf alle Fälle haben wir drei EPs in Las Vegas aufgenommen, mit den schönen Titeln Drei 80s, Drei Disko und Drei Vegas. Die alle echt gut geworden sind, also jedenfalls wenn man bedenkt, dass sie von uns stammen.

 

Welche Schauspieler würden euch bei einer Verfilmung spielen?

Thomas: Danny DeVito, Telly Savalas und Vin Diesel.

Christian: Das sind drei Schauspieler, wir sind aber nur zu zweit.

Thomas: Ich möchte ja auch, dass alle drei mich spielen.

Christian: Und Telly Savalas holst du dann aus seinem Grab, oder was?

SATAN: Danny DeVito ist übrigens auch schon tot.

Thomas: Echt? Das hab ich gar nicht mitbekommen.

SATAN: Bis eben hat er auch noch gelebt, aber als ihr den Namen gesagt habt, dachte ich »Uups, den hatte ich glatt vergessen«. Also danke noch mal. War echt total lieb von euch, dass ihr mich an ihn erinnert habt.

Christian: Ich sag ja, der Typ ist echt ein netter Kerl…klar jeder hat seine Fehler.

Thomas: Du willst dich doch nur einschleimen, damit du den wärmsten Platz in der Hölle bekommst.

Christian: Ich frier halt immer so leicht.

 

Habt ihr noch ein gutes Schlusswort für uns?

Christian: Ja, kauft bloß nicht das Buch und die drei EPs, sonst geht es weiter und ich muss mit Thomas nach China.

Thomas: Die einzige Chance, dass diese Serie vorzeitig endet, ist dass jeder das Buch und die EPs kauft. Oder glaubst du, ich mach noch einen Strich, wenn sich erst mal die Millionen auf meinem Konto zwängen?

Christian: Das Angebot hätte Dieter Bohlen in den 80ern machen sollen. Kauft dieses Album und ich höre auf. Gott, was wäre der Welt erspart geblieben!

GOTT: Was hab ich damit zu tun?

Satan: Nichts, kannst wieder die nächsten zweitausend Jahre weiterschlafen. So, und jetzt kauft Buch und Musik, dann bekommt ihr in der Hölle einen Platz neben Marylin Monroe. Ungelogen.

Thomas Kowa, Christian Purwien – Vegas, vidi, non vici

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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer und Musikproduzent. Während in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist es ihm in seinen humorvollen Liebesgeschichten Mein Leben mit Anna von IKEA und Weihnachten mit Anna von IKEA noch nicht gelungen, jemanden umzubringen. Und auch in Pommes! Porno! Popstar! und Vegas, vidi, non vici hat er niemanden umgebracht.

Christian Purwien veröffentlichte unzählige Alben und Beitrage auf mehr als hundert CDs, seine Coverversion des 80er Klassikers Send me an angel enterte die deutschen Single-Charts. Für seine letzte CD arbeitete er mit Joachim Witt und Andreas Fröhlich zusammen, letzterer besser bekannt als Bob Andrews von den drei Fragezeichen.

Vegas, vidi, non vinci

Vorwort
(von Gott)

Liebe Gläubige, nicht ganz so liebes Geschlecht, welches ich aus der Rippe geschnitzt habe, elendiges sonstiges Gewürm!

Ich muss eindringlich vor diesem Buch warnen, denn darin sterben weniger Leute als in der Bibel, ja, es gibt nicht mal einen ordentlichen Religionskrieg oder eine anständige Opferszene.

Stattdessen geht es nur um Musik, die mir nicht huldigt, um Sodom und Gomorrha (oder wie man heute dazu sagt: Las Vegas) und um zwei Typen, die sich selbst nicht ernst nehmen.

Ich spreche daher eine klare Nichtkaufempfehlung aus! Leider hab ich keinen Amazon-Account, sonst würde ich dafür glatt Null Sterne geben, und zwar solche, die ich selbst ans Firmament gehängt und in etwa so verhunzt habe wie diesen Planeten, auf dem ihr herumkreucht.

Kurz und gut: Jeder, der dieses Buch liest, kommt in die Hölle*.

Gott

*IM HIMMEL IST ES EH TOTAL LANGWEILIG. ODER WOLLT IHR DEN REST EURES LEBENS MIT TOTAL NAIVEN, TOTAL SPIESSIGEN UND TOTAL VERKLEMMTEN EUNUCHEN ZUBRINGEN? EBEN … ALSO LEST RUHIG WEITER UND SAGT WILLKOMMEN ZU MEINER WELT.

SATAN.

 

  

Alle großen Dinge beginnen mit Gotteslästerung.
George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker

01 Mannheim, noch 4 Tage, 4 Stunden, 4 Minuten bis zum Weltuntergang

»Ibiza-Paul ist tot.«

»Was?« Geschockt blickte ich mein Telefon an. Ibiza-Paul! Unser treuer Freund, Hobby-Spanier und Weltrekordhalter im Bier-Schnorren war tot? Tränen sammelten sich in meinen Augen, ich schniefte, brachte vor Ergriffenheit kein Wort mehr heraus.

»Ich weiß, es ist furchtbar«, sagte Christian. »Sein Notar hat mich gerade angerufen. Wegen des Testaments.«

Kaum hatte Christian das letzte Wort ausgesprochen, war ich nicht mehr ganz so betrübt. Irgendwann muss man schließlich mit dem Trauern aufhören. Warum also nicht gleich?*

 

*Zur Entschuldigung von Thomas muss ich sagen, dass wir uns seit Jahren am untersten Ende der Einkommensskala befinden, weit abgeschlagen hinter McDonald’s-Aushilfen, Zalando-Packern und Ein-Euro-Jobbern. Denn Thomas ist Schriftsteller ohne Bestseller und ich habe alle drei Monate eine neue Geschäftsidee, mit der ich regelmäßig scheitere. Momentan bin ich Videoproduzent und Drohnen-Filmer, eigentlich eine zeitgemäße Idee, aber seit man Videodrohnen in jedem Kaugummiautomaten kaufen kann, steht auf meinem Frühstückstisch nicht mal mehr abgelaufene Margarine. Kurz und gut, wir drehen beide jeden Cent viermal um und geben ihn dann doch nicht aus. Ibiza-Paul hingegen war mehrfacher Millionär. Gewesen.

Ich bin übrigens Christian Purwien, der Typ, der alles kommentiert, korrigiert und konterkariert, was Thomas so von sich gibt.

 

Sollte Ibiza-Paul tatsächlich in seiner letzten Stunde an uns gedacht haben? Er hatte sicher eine Menge Freunde gehabt und so würden wir wahrscheinlich nur einen klitzekleinen Teil seines Vermögens bekommen, zum Beispiel seine Pfandflaschensammlung. Aber selbst die würde für uns ausreichen, um die nächsten Monate zu überleben.

»Wir sind Alleinerben!«, platzte Christian mitten in meine Überlegungen hinein. Mir fiel der Telefonhörer aus der Hand. Ja richtig, Telefonhörer, das Handy hatte ich abgeschafft, seit man mit den Dingern alles konnte, nur nicht mehr telefonieren.

Jedenfalls nicht ohne Informatikstudium.

»… Bedingung«, hörte ich nur noch, als ich den Hörer wieder aufgehoben hatte.

»Alleinerben?«, fragte ich. »Hatte er denn keine Frau oder Kinder?«

»Eltern hat er keine mehr, Geschwister auch nicht, ebenso wenig Kinder. Und er hat nie geheiratet.«

»Aber was ist mit Gertrud? Die beiden haben sich doch in Ibiza kennengelernt?*«

 

*Bevor ihr dumm fragt was da ablief, kauft euch besser Pommes! Porno! Popstar! Von mir aus ladet es auch illegal im Internet runter, aber beschwert euch dann nicht, wenn ihr nach eurem Ableben in der Download-Hölle landet und euch ein Zimmer mit Death-Metal-Enthusiasten, Hobby-Rappern und Paulo-Coelho-Esoterikerinnen teilen müsst, während über die festinstallierten Zimmerboxen sämtliche von euch illegal heruntergeladenen Tracks und Bücher zu hören sind, natürlich gleichzeitig. Selbstverständlich ist der Lautstärkeregler defekt. Wäre es sonst die Hölle?

Nein, es hilft auch nicht, Vegetarier zu sein und zu glauben, damit auf dieser Welt genug Gutes getan zu haben, um der Strafe zu entgehen. Im Gegenteil, Satan hat sich für euch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Wurstwasserboarding.

 

»Das lief anfangs super mit Gertrud«, seufzte Christian. »Aber dann hat Ibiza-Paul sie überredet, in einen Swingerclub mitzugehen und am Ende hat sie den Club mit einem anderen Typen verlassen. Seitdem haben sie sich nicht wiedergesehen.«

»Und was ist mit entfernten Angehörigen? Irgendein Halbneffe oder so?«

»Sind nicht erbberechtigt«, antwortete Christian und klang dabei, als würde er die Becker-Faust machen. »Weil es ein Testament gibt. Laut Notar wollte Ibiza-Paul sein Vermögen nämlich für einen guten Zweck verwenden.«

»Und da hat er an uns gedacht?« Erneut blickte ich ungläubig mein Telefon an. Wir waren zwar arm, aber nicht bedürftig, außerdem lebten wir in einem der reichsten Länder der Welt, waren Weltmeister nicht nur im Fußball, sondern auch im Meckern.

»Deswegen die Bedingung«, sagte Christian.

»Äh, welche Bedingung denn?«

»Wir müssen einen Triathlon absolvieren. Und wir müssen gleich los.«

»Was?« Seit ich letztes Jahr gelesen hatte, dass Sport besser gegen Krankheiten hilft als die meisten Medikamente, war ich zwar ein ganz passabler Jogger, und Radfahren konnte ich auch ohne Stützräder. Aber das nützte alles nichts, wenn ich schon nach einem Meter absoff. »Ich kann nicht schwimmen«, piepste ich kleinlaut.

»Das musst du auch nicht. Es ist ein spezieller Triathlon. Und wir sind wie geschaffen dafür.«

»Ausgerechnet wir?« Ich überlegte, was unsere Stärken waren, mir fielen jedoch nur unsere Schwächen* ein.

 

*Falls sich das bei euch exakt umgekehrt verhält, leidet ihr wahrscheinlich an Wahrnehmungsverschiebung und seid Politiker, CEO einer Investmentbank oder Lance Armstrong.

 

»Das einzige Problem ist, wir fliegen morgen früh und der Triathlon findet im Land des Bösen statt.«

Da ich ein so freischaffender wie erfolgloser Schriftsteller war, stellte Ersteres kein Problem dar. Aber das Land des Bösen machte mir Gedanken. »Wo müssen wir hin? Iran, Irak, Afghanistan?«

»Ganz falsch.«

»Nordkorea, Russland, Libyen?«

»Nö.«

»Holland?«, wagte ich einen letzten Versuch, den nur Fußballfans nachvollziehen können.

»Nein«, antwortete Christian. »Die Vereinigten Staaten von …«

»Amerika«, fiel ich ihm schockiert ins Wort.

Und Christian sagte nur: »Yeah. God’s own country.«

»Ist mir doch egal, wessen Land das ist«, schrie ich. »Ich flieg da nie mehr hin!«

 

 

Gott ist meine Lieblings-Science-Fiction-Figur.
Homer Simpson, Comicfigur

02 Mannheim, noch 4 Tage, 4 Stunden, 1 Minute bis zum Weltuntergang

 »Warum das denn?«, fragte Christian. »Hast du nicht mal in Hollywood gelebt? Nachdem der Song deiner Anfängerband bei Desperate Housewives gelaufen ist?«

»Genau deswegen fliege ich da nicht mehr hin.«

»Es geht um mehrere Millionen!«

»Mir egal.«

»Was ist denn damals genau passiert?«, fragte Christian.      Ich seufzte. »Unser Song lief in der Auftaktfolge der sechsten Staffel, in einer Disco, die als the hottest thing ever angekündigt war. Der Song knallt in voller Lautstärke aus den Boxen, alle machen Party und am Ende kommt Eva Longoria auf die Tanzfläche. Nachdem ich das gesehen hatte, dachte ich, wir würden jetzt berühmt und bin Hals über Kopf nach Hollywood gezogen.«

»Also war das in etwa so wie bei diesen naiven Models, die glauben, sie werden berühmt, weil sie bei sich im Dorf ein Fotoshooting für den lokalen Supermarkt machen durften – und am Ende landen sie auf dem Strich?«, fragte Christian.

»So in etwa, nur wird jede Folge von Desperate Housewives weltweit von über hundert Millionen Zuschauern gesehen, also dachte ich, da kann man drauf aufbauen.«

»Hundert Millionen?« Christian verschluckte sich beinahe.

»Exakt«, sagte ich. »Also bin ich in die Staaten und hab unsere Songs allen möglichen Hollywood-Produzenten angeboten.«

»Und?«

»Alle fanden es great und amazing, aber keiner wollte einen Deal mit mir machen. Die haben mich mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit am ausgestreckten Finger verhungern lassen. Nach drei Monaten war ich total verschuldet und musste ins Gefängnis. Gleich am ersten Abend dort ist mir in der Dusche die Seife runtergefallen …«

»Ach du liebe Scheiße. Und dann?«

»Hab ich das Shampoo genommen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber ich geh trotzdem nicht mehr nach Amerika. Da gibt’s nur ungesundes Essen, die Musik ist eine Katastrophe und die Politik inzwischen auch.«

»Stimmt alles, aber besuch eine deutsche Autobahnraststätte, hör dir Bushido an und über die AfD reden wir besser gar nicht erst. Und auch nicht über diesen österreichischen Maler, von dem die Amerikaner uns befreit haben.*«

 

*Interessanterweise haben die Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg in jedem Krieg genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie eigentlich wollten. Und zwar unabhängig davon, ob sie den Krieg gewonnen oder verloren haben. Kann es ein besseres Argument für Pazifismus geben?

 

»Hm«, sagte ich, was auch ziemlich genau das war, was ich dachte.

»Mensch, Thomas, wir können Millionen erben!«, rief Christian ins Telefon. »Doch das Beste ist, du weißt noch gar nicht, wo der Triathlon stattfindet!« Er holte tief Luft. »Nämlich in … Täteretä! … Las Vegas!«

In dem Moment wurde mir schwarz vor Augen. »Ich … kann … nicht«, stammelte ich.

»Wie bitte?« Christian schnaufte aufgeregt ins Telefon. »Der Notar von Ibiza-Paul hat alles schon gebucht, morgen früh fliegen wir. Stell dir vor, er hätte uns nach Alaska geschickt, oder nach Texas. Aber wir dürfen nach Las Vegas! Wenn schon USA, dann richtig!«

»Aber das ist genau das Problem, ich kann nicht nach Vegas.«

»Jetzt komm mir nicht mit deiner USA-Allergie, irgendeiner Wüstenkrankheit oder deiner Angst vor Spülwürmern. Das ist unsere Chance!«

»Das heißt Spulwurm«, sagte ich. »Schließlich bekommt man die nicht vom Geschirrspülen. Außerdem hilft mein neues Desinfektionsspray gegen die Dinger. Seit ich das benutze, bin ich quasi angstfrei. Also meistens.«

»Und wo ist dann das Problem?«

Ich biss mir auf die Lippen.

»Thomas, was ist das Problem?«, fragte Christian wieder. »Das ist nur für ein langes Wochenende. Wir fliegen da morgen früh hin, machen den Triathlon und fliegen wieder zurück. Mensch, denk doch an das ganze Geld!«

»Da denke ich lieber nicht dran.«

»Was?«

»Ich … ich bin spielsüchtig.«

»Nur weil du ab und an einen Nachmittag mit Tetris verdaddelst, bist du doch nicht spielsüchtig!«

»Automaten, Poker, das volle Programm«, antwortete ich. »In meiner Jugend, mit fünfzehn, hab ich angefangen, mit siebzehn wollte ich aufhören, mit dreißig hab ich es endlich geschafft. Wenn ich jetzt nach Vegas gehe, fängt alles wieder von vorne an.«

Stille lag in der Leitung, ich hörte nichts, außer einem geplatzten Traum. Christian tat mir leid.

»Verstehe ich«, sagte er schließlich, doch er klang so resigniert, wie in dem Moment, als wir die erste Verkaufsabrechnung unserer letzten CD erhalten hatten. »Ist nicht meine erste Pleite und ich hatte eh diese tolle Geschäftsidee mit dem Montagsbrötchen-Lieferservice.«

Man musste keine Betriebswirtschaft studiert haben oder Lobbyist der FDP sein, um zu wissen, wie das enden würde.

Also tat Christian mir noch mehr leid.

Und ich mir auch, irgendwie.

Ich schloss die Augen. War es nicht an der Zeit, meine Ängste zu überwinden? Musste Christian nur wegen mir auf diese riesige Chance verzichten? Und noch viel wichtiger, musste ich, auch nur wegen mir, auf diese riesige Chance verzichten?

»War schön, mit dir geredet zu haben«, sagte Christian. »Ich leg dann mal …«

»Ich bin dabei!«, rief ich. »Du nimmst einfach all unser Geld und wir fliegen dahin. Was kann dann schon passieren*?«

 

*Eine Strategie, die vor fünfzig Jahren ohne Kreditkarten, Handyzahlung und bargeldlose Spielautomaten sicher noch funktioniert hätte, aber heute … na ja, ich will der Geschichte nicht vorgreifen.

 

 

Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher.
Adolf Hitler, größter Dummkopf aller Zeiten

03 Mannheim, noch 4 Tage, 3 Stunden, 52 Minuten bis zum Weltuntergang

 

»Super«, sagte Christian und klang wieder wie das euphorische Stehaufmännchen, das ich kannte. »Eines solltest du noch wissen: Eine der Bedingungen ist, dass wir in Vegas nicht zocken.«

»Auch nicht ein kleines bisschen?«

»Wenn wir das Hotel nicht mehr zahlen können, dann ist es vorbei. Als Beweis müssen wir dem Testamentsvollstrecker die bezahlte Rechnung des Hotels vorlegen, das er für uns gebucht hat. Das heißt: nicht zocken, kein Geld verprassen, kein Luxus.«

»Wir sollen das Hotel bezahlen? Und wie sollen wir in die USA kommen und wovon leben? Ich bin pleite und du stehst wahrscheinlich wieder kurz vor dem-«

»Die Flüge sind gebucht und bezahlt, für das Hotel und die sonstigen Ausgaben bekommen wir ein großzügiges Taschengeld: tausend Dollar pro Person. Das Geld finden wir in einem Schließfach am Flughafenbahnhof in Frankfurt.« Christian räusperte sich umständlich, was nie ein gutes Zeichen war. »Und nein, ich stehe nicht vor dem Konkurs.«

»Nicht? Na, dann ist ja gut.«

»Ich hab ihn schon hinter mir. Aber egal, denn die restlichen Bedingungen sind total einfach zu erfüllen.«

»Und was hat das jetzt mit einem Triathlon zu tun?«

»Es ist eben ein Vegas-Triathlon, und der besteht aus Zocken, Show und Heiraten.« Christian räusperte sich schon wieder umständlich. »Zocken hab ich schon erklärt, am besten überlässt du das Finanzielle einfach mir.«

»Und was ist mit der Show?«

»In Vegas gibt es einen riesigen Elvis-Imitatoren-Wettbewerb. Ibiza-Paul hat die Startgebühr schon bezahlt und wir müssen nur noch gewinnen. Am besten, das überlässt du auch mir.«

Ein nachvollziehbarer Vorschlag, denn im Gegensatz zu mir konnte Christian singen. Er sah zwar nicht aus wie Elvis, aber im Grunde traf das auf niemanden zu, der nicht seit gut vierzig Jahren die Radieschen von unten anknabberte. Und als Toter* singt es sich ohnehin eher schlecht.

 

*Auch Zombies sind nicht unbedingt für ihre Gesangskünste bekannt, sieht man mal von David Hasselhoff ab.

 

»Und was ist die dritte Bedingung?«, fragte ich. »Soll einer von uns etwa heiraten?«

»Viel einfacher«, antwortete Christian. »Ibiza-Pauls große Liebe heiratet in Las Vegas und wir müssen vor Ort Trauzeuge spielen. Da gäbe es auch eine Aufgabe für dich.«

»Welche denn?«

Jetzt räusperte sich Christian noch umständlicher als zuvor. »Wir müssen die Eheringe besorgen, und sie müssen der Braut gefallen. Wie schwer kann das schon sein?«


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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer und Musikproduzent. Während in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist Vegas, vidi, non vici schon der fünfte Roman, für den er niemanden umgebracht hat.

Christian Purwien veröffentlichte unzählige Alben und Beitrage auf mehr als hundert CDs, seine Coverversion des 80er Klassikers „Send me an angel“ enterte die deutschen Single-Charts. Für seine letzte CD arbeitete er mit Joachim Witt und Andreas Fröhlich zusammen, letzterer besser bekannt als Bob Andrews von den Drei Fragezeichen.

Thomas Kowa und Christian Purwien im Interview zu Pommes! Porno! Popstar!

Pommes! Porno! Popstar!

Mit Kommentaren von Christian Purwien und Gott

Ich würde auch fünf Kilogramm Hackfleisch in die Charts kriegen.

Dieter Bohlen

1. Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:01

Als Christian mich anrief, befand ich mich im Zustand fortgeschrittener Verwesung. Pardon, ich meine natürlich Verwirrung. Denn ich lag jenseits der zivilisierten Welt auf ein paar löchrigen Holzbrettern und träumte von endlosen Stränden, romantischen Sonnenuntergängen und explodierenden Atomkraftwerken.

»Lange nichts mehr von dir gehört«, sagte Cristian. »Wie geht’s dir so?«

»Hrmpf«, war alles, was ich von mir geben konnte, denn ich befand mich am anderen Ende der Welt, es war mitten in der Nacht und ich hatte schon seit Tagen nicht mehr mit einem Menschen gesprochen.

»Erinnerst du dich noch an die Bürgschaft für die Pommesbude, die du mir gegeben hast?« Christian klang so unschuldig wie ein Dreijähriger, der den Weihnachtsbaum abgefackelt hat, samt elterlichem Haus und dem als Weihnachtsgeschenk verpackten Hamster.

Schlagartig war ich hellwach. »Ja klar«, antwortete ich und richtete mich auf. »Toplage, fast keine Miete, super Kunden, die besten Pommes des Ruhrgebiets. Ein idiotensicheres Geschäft, bei dem nichts schiefgehen kann, selbst dann nicht, wenn die Welt untergeht.«

»Tja.« Christian räusperte sich umständlich. »Es ist schiefgegangen.«

»Was?!«

»Ich bin pleite und muss die Kredite zurückzahlen – in einer Woche.«

Ich zwickte mich in den Arm, ins Bein und dort, wo es besonders wehtut, doch ich war tatsächlich wach. »Was denn für Kredite? Ich hab doch nur für einen gebürgt.«

Wieder räusperte Christian sich umständlich. »Das ist ja das Problem«, sagte er. »Deinen Kredit kann ich nicht zahlen und den von den Hells Angels auch nicht.«

»Du hast dir Geld von den Hells Angels geliehen?« Ich war versucht, mich schon wieder zu zwicken. »Warum das denn?«

»Ich hatte mich an geldgeile Betrüger ohne Moral und Ethik ausgeliefert …«

»Ich kenne die Hells Angels«, unterbrach ich ihn.

»Aber offensichtlich nicht die Deutsche Bank«, widersprach Christian. »Die haben nämlich meine ganzen Einkünfte mit der Pommesbude an der Börse verzockt, und als ich am Jahresende von der Steuer überrascht wurde, haben sie mir, weil der DAX doch gerade so viele Chancen biete, doppelt so viel wie nötig geliehen. Und das haben sie dann auch verzockt. Anschließend bin ich zu den Hells Angels, weil ich dachte, schlimmer kann es nicht kommen.«

Ein erneutes umständliches Räuspern von Christian verriet mir, dass es sehr wohl schlimmer gekommen war. »Was passiert, wenn du den Kredit nicht zurückzahlst?«, fragte ich. »Pfänden sie dir dann die Pommesbude?«

»Das haben sie schon lange.« Er seufzte. »Am Ende hab ich noch alles versucht, sogar siebzehn Sorten Currywurst angeboten, aber es hat nichts genutzt. Die letzten sechs Monate hab ich gleichzeitig als Chauffeur, Bäcker und Musikjournalist gearbeitet, aber die drei Jobs haben gerade mal ausgereicht, um die Zinsen zu zahlen. Jetzt hat das Musikmagazin dicht gemacht und ich kann mich nicht arbeitslos melden, weil ich ja noch zwei Jobs hab. Und von meinem schlimmsten Nebenjob hab ich noch gar nichts erzählt.«

»Und jetzt?«

»Muss ich innerhalb einer Woche einhunderttausend Euro für die Hells Angels auftreiben.« Christian war eigentlich ein unkaputtbares Stehaufmännchen, doch jetzt gerade flatterte seine Stimme bedenklich, trotz der ganzen Räusperei. »Sonst bin ich erledigt. Und du auch.«

»Wieso ich?«

»Die Deutsche Bank will noch mal so viel Geld. Aber da die einen im Gegensatz zu den Hells Angels nicht umbringen, muss ich erst mal die Rocker zufriedenstellen. Und du als Bürge die Deutsche Bank. Das Geld bekommst du natürlich von mir wieder, sobald ich es irgendwann hab.«

»Und das sagst du mir jetzt? Mitten in der Nacht, eine Woche vor Ablauf der Frist?«

»Sorry, ich dachte, ich kann das Problem selbst lösen. Ich wollte dich da nicht mit reinziehen. Aber …« Christians Stimme hellte sich auf. »Ich hab mir seit Tagen den Kopf zerbrochen und einen Ausweg gefunden.«

»Was für einen Ausweg?«, fragte ich. »Banküberfall? Räuberische Erpressung? Drogenschmuggel?«

»Wir haben es schon mal gemacht«, sagte Christian. »Aber dieses Mal machen wir es richtig. Und kassieren ordentlich ab.«

 

Es gibt nicht Schlimmeres als einen brillanten Anfang.

Pablo Picasso

2. Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:03 

Offensichtlich streben Mobilfunkbetreiber eine höhere Rendite an als Drogendealer. Jedenfalls kostet ein Telefonat ins Ausland mit dem Handy mehr als eine gepflegte Überdosis.

Besonders absurd ist allerdings, dass man selbst dann zahlen muss, wenn man angerufen wird. Und doppelt zu kassieren, das haben nicht einmal die Herren Energieversorger hinbekommen, die ja sonst keine Gelegenheit auslassen, ihre Kunden abzuzocken.

Und so war das Guthaben meines Prepaidhandys genau in dem Moment aufgebraucht, in dem Christian mir seinen Plan offenbaren wollte.

Wie sollte ich mein Guthaben an diesem Ort, mitten in der Wildnis, wieder aufladen?

Die lokale Bevölkerung, die man mit viel gutem Willen gerade noch so als Menschen bezeichnen konnte, sprach ein Idiom, welches sich auf eine abstruse Art nach Deutsch anhörte, aber damit in etwa so verwandt war, wie Mini-Me mit Arnold Schwarzenegger.

So konnte ich mich mit den Ureinwohnern ausschließlich per Handzeichen verständigen.

Davon abgesehen war dieses Volk so verschlagen, dass es einer von ihnen fertiggebracht hatte, sich eines fremden Landes zu bemächtigen, dieses Land flugs mit dem eigenen zu vereinen und dann einen Krieg mit der halben Welt anzuzetteln. Als der Krieg verloren ging, wusch unser kleines Volk seine Hände in Unschuld, denn sie hätten das Morden ja nicht angefangen, wären selbst auch überfallen worden und im Übrigen schon immer neutral gewesen.

Ich hatte meine Heimat nur deshalb verlassen, weil man mir ein Stipendium als Stadtschreiber von Dalaas in eben jenem Land angeboten hatte. Das war zwar schlechter bezahlt als ein Praktikum bei der Müllabfuhr, aber als Schriftsteller ist man dergleichen ja gewohnt.

Nur meiner Erbtante Walburga war es zu verdanken, dass ich bisher nicht verhungert war. Ihre Milz hatte sich vor zwei Jahren nämlich entschieden, die Radieschen lieber von unten zu betrachten. Und den Rest des Körpers mitgenommen.

Dank der Milz hatte ich bei sparsamstem Lebenswandel für die nächsten 5 Jahre, 3 Monate, 27 Tage, 8 Stunden, 14 Minuten und 23 Sekunden ausgesorgt. So verkündete es jedenfalls der Countdown auf meinem Laptop, der angab, wann meine Geldbestände das Zeitliche segnen würden. Ursprünglich hatte ich den Countdown als Motivationshilfe installiert, aber in letzter Zeit war mir der Verdacht gekommen, dass er der wahre Grund für meine seit zwei Jahren andauernde Schreibblockade war.

Ich tippte den neuen Stand meines durch die Bürgschaft erdrosselten Vermögens in meinen Laptop. Sofort sprang der Countdown auf eine neue Anzeige.

Und mir wurde schwarz vor Augen.

In nicht mal einer Woche war ich pleite!

Und wem hatte ich das zu verdanken?

Christian Purwien*, dem Mann, der sich nur von Pommes ernährte. Und auch wie eine aussah.

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*Das bin übrigens ich. Und weil Schriftsteller die Realität immer ein wenig zurechtbiegen, biege ich sie mit meinen Kommentaren wieder zurück.

       Die Bemerkung zu meiner Pommesvorliebe stimmt allerdings, jedenfalls, wenn es die eigenen sind. Es ist nämlich ein Einfaches, ein Neun-Gänge-Menü für irgendwelche dahergelaufenen Gourmets zusammenzukloppen, jedoch eine große Kunst, die perfekten Pommes zu kredenzen.

       Das fängt mit der idealen Kartoffelsorte an, geht weiter mit dem eigens dafür komponierten Fett, das natürlich exakt auf die Edelstahl-Fritteuse abgestimmt sein muss und endet noch lange nicht beim handgeschöpften Meersalz. Und von der obligatorischen Rot-Weiß-Soße will ich gar nicht erst reden. Und wenn dann noch ein ordentlicher Apachenpimmel* dazukommt, ist der kulinarische Hochgenuss perfekt.

       *Für alle, die nicht im Ruhrpott sozialisiert wurden, ein Apachenpimmel ist eine Currywurst, natürlich mit roter Haut. Und ja, der Begriff ist nicht politisch korrekt. Aber wenn ich mir in meiner Pommesbude vor jeder Bestellung erst das Parteibuch hätte zeigen lassen, wäre ich schon vor drei Jahren Pleite gegangen.

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Christian und ich hatten uns vor Jahren aus den Augen verloren. Jetzt rief er mich an, und stürzte mich in eine Finanzkrise, die ich nicht wie ein Politiker bis zur nächsten Wahl aussitzen konnte.

Doch als Erstes musste ich den Kontakt wiederherstellen. Ich nahm mein Mobiltelefon, ein Prepaidhandy. Damit steht man in der Mobilfunkhierarchie auf der Stufe, bei der nicht mehr von Kunden gesprochen wird, sondern von Umsatzverhinderern. Diese bedrängt man so lange mit Vertragsangeboten, bis sie entweder entnervt eines unterschreiben oder zum nächsten Anbieter wechseln, um dort exakt das Gleiche zu erleben.

Im Menü meines Handys stand, um im Ausland mein Konto wieder aufzuladen, müsse ich nur meinen Provider anrufen oder ihm eine SMS schicken.

Nur wie sollte ich das ohne Guthaben machen?

Also blieb mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was in den letzten fünf Jahren wahrscheinlich kein einziger Hotelgast weltweit mehr getan hatte: Ich schnappte mir das Zimmertelefon und wählte eine Nummer außerhalb des Hotels.

Zu meiner Überraschung tutete es und Christian nahm ab.

 

Ich schreibe gerade ein Buch.

Die Seitennummerierung habe ich schon fertig.

Steven Wright, amerikanischer Comedian

3. Dalaas, Dienstag, 21.06., 03:06

Leider kann ich mich an den Inhalt des Telefonats nur noch bruchstückhaft erinnern, da es

  1. a) mitten in der Nacht war,
  2. b) eine Kakerlakenfamilie auf mein Bett stieg, und ich
  3. c) sofort nach dem Telefonat zwischen der Panik vor einer Privatpleite und diesem Millionen-Dollar-Traum schwankte, der einem Geld, Gold und ein sorgenfreies Leben verspricht. Ein toller Traum! Nur leider führt er nach dem Aufwachen wegen dieser blöden Sache namens Realität zu einer schockbedingten partiellen Amnesie.

Dennoch versuche ich hier, das Telefonat zu rekonstruieren*:

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*Auf Anfrage kann eine Abschrift beim deutschen Innenminister angefordert werden, der den ganzen Scheiß, den die Leute so von sich geben, aus unerfindlichen Gründen auch noch speichert.

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»Du hast einen Plan?«, fragte ich. Wahrscheinlich war das Telefonat mit dem Hoteltelefon noch teurer als mit dem Handy und so versuchte ich, mich kurzzufassen.

»Wo bist du eigentlich?«, gegenfragte Christian.

»Am anderen Ende der Welt«, antwortete ich.

»Wo denn? Australien, Neuseeland, Hawaii?«

»Nicht mal in der Nähe davon«, seufzte ich. »Kennst du Dalaas?«

»Dallas? Was machst du denn in Texas?«

»Nicht Dallas, sondern Dalaas. Das liegt bei Bludenz.«

»Hä? Wo ist das? Irgendwo in Indien? Bangladesch? Burma?«

»Viel schlimmer«, stöhnte ich auf. »Österreich.«

Christian lachte. »Und was machst du da?«

»Ich bin momentan der Stadtschreiber von Dalaas.« Ich seufzte erneut. »Auch wenn es hier absolut nichts aufzuschreiben gibt.«

»Na umso besser.«

»Umso besser? Ich dachte, ich könnte mit dem Job meiner Schreibblockade entkommen. Aber die war schneller als ich und ist schon hier.« Ich stöhnte wieder auf und seufzte gleich noch mal. »Meine Schreibblockade ist inzwischen höher als der Hoover-Staudamm. Ich bin jetzt drei Wochen in Dalaas und hab nur einen einzigen Satz aufs Papier gebracht.«

»Und wie heißt der?«

»Mir fällt nichts ein.«

Christian schluckte. »Österreich ist ja auch viel zu langweilig. Und nicht weit genug weg.«

»Nicht weit genug weg?«, wiederholte ich. »Das sind dreihundertvierundneunzig Kilometer und achthundertdreiundachtzig Meter von daheim. Und die Zentimeter nicht mal mitgerechnet!«

In diesem Moment überlegte sich Christian wahrscheinlich aufzulegen, doch die Drohungen der Hells Angels hielten ihn davon ab. Oder war es dieser Traum von Geld, Gold und dem faltenfreien Leben? »Also, ich hab da eine geile Idee, die kann gar nicht schiefgehen«, sagte er stattdessen.

Er wusste eben noch immer, wie ich zu überreden war.

Christian sagte nur ein einziges Wort, doch ich konnte seine Begeisterung durch das Telefon spüren. »Rehberg.«

In dem Moment wusste ich, was er wollte.

Denn ich wollte es auch.

Nein, das ist keine Geschichte über ein frühes, spätes oder verspätetes Coming-out. Zumal ich ebenfalls Purwien heißen würde, wenn meine Urgroßmutter nach der Geburt meines Großvaters nicht den Namen ihres zweiten Mannes angenommen hätte, weil der erste keinen Job und nur ein Hobby hatte: Saufen*.

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*In meiner Familie wird die Geschichte übrigens genau umgekehrt erzählt. Wahrscheinlich kippten sich beide Familienteile damals gerne einen hinter die Binde, natürlich nur aus Trost, weil es damals keine Demokratie gab, keine Gewaltenteilung und keine selbstklebenden Briefmarken.

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Christian und ich sind also quasi miteinander verwandt. Doch das hier ist kein monumentales Familienepos, sondern eine Geschichte über Jungs, die durch Vortäuschung von Kunst Plattenfirmen dazu bringen wollen, ihnen Geld für das zu bezahlen, was man so Leben nennt.

Bisher waren wir damit nur mittelmäßig erfolgreich gewesen. Wobei man das Wörtchen mittelmäßig auch durch mäßigwenig oder gar nicht ersetzen könnte. Wie auch immer man das Debakel nennen wollte, wir konnten uns dadurch immerhin als verkannte Künstler fühlen.

Leider wurde mir die Gnade der frühen Geburt nicht zuteil, stattdessen bin ich ein Kind der Computergeneration. Meine größte Leistung auf der Bühne ist es daher, mich an einem Keyboard festzuhalten und ein paar Knöpfe zu drehen, ohne umzufallen.

Christian hingegen ist der geborene Performer und reißt jedes Publikum mit. Wenn es sein muss, auch in den Abgrund. Doch auch seine Fähigkeiten am Keyboard sind denen einer Bisamratte, die sich aus Versehen auf eine Bühne verlaufen hat, nur marginal überlegen.

Wir waren also Musiker, ohne Musiker zu sein.

Irgendwie hatten wir es in den 90ern trotzdem geschafft, ein paar Songs zu schreiben und eine Plattenfirma zu finden, die das alles auch noch bezahlte.

Oder zumindest anfangs so tat.

Um das Album aufzunehmen, fuhren wir damals fünfundzwanzig Stunden nonstop nach Südfrankreich und zwar in ein Kaff, das so abgelegen war, dass der nächste Supermarkt eine Dreiviertelstunde entfernt lag.

Wie wir schnell feststellten, unterscheidet sich das Supermarktsortiment in Frankreich grundsätzlich von dem in Deutschland. So ist die Käseauswahl in Frankreich ungefähr vierzigmal so groß, stinkt aber achttausendmal schlimmer. Gesundes, nahrhaftes Roggenbrot sucht man dort vergebens, aber Baguettes gibt es dort in so vielen Varianten, dass man glatt glauben könnte, die Franzosen hätten das Zeug erfunden.

Außerdem gab es einen ganzen Trakt, in dem als Wein getarnter Essig rumstand, doch vernünftiges Bier suchte man vergebens. Es gab nur alkoholfreies, aber dazu später* mehr.

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*Ich finde, das kann man sofort erzählen: Thomas hat damals nämlich in völliger Unkenntnis der französischen Sprache alkoholfreies Bier gekauft, weil er dachte, ’sans alcohol‘ hieße, das Bier enthalte ‚heiligen‘ Alkohol. Er behauptete, es würde so genannt, weil es in einem Kloster gebraut würde, aber nicht von faltigen Mönchen, sondern von unbefleckten Nonnen. Als ich ihn über den Fehler aufklärte, beteuerte er, das Zeug habe ihn besoffen gemacht. Aber man muss im Leben auch verzeihen können und so wärme ich die Geschichte nur noch jedes zweite Mal auf, wenn wir uns sehen.

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Abgesehen davon, dass Christian damals beinahe verhaftet worden wäre, als er in dem Supermarkt nach Kippen fragte, verlief der Einkauf erfolgreich. Doch wir waren ja keine Frauen, ergo nicht zum Shoppen nach Frankreich gekommen, sondern um mit unserer musikalischen Karriere durchzustarten.

Okay, vielleicht wäre es zielführender gewesen zu shoppen, doch das konnten wir damals ja nicht wissen, jung und unbedarft wie wir waren. Und so nahmen wir aus völliger Selbstüberschätzung unserer beschränkten Möglichkeiten innerhalb nur einer Woche ein ganzes Album auf.

Das auch noch geil klang.

Jedenfalls für unsere Verhältnisse.

Christian steuerte die Texte bei*, ich die Songs und unser gemeinsamer Freund René die gute Laune.

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*Außerdem ging eine Ameisenstraße mitten über mein Bett, weswegen ich die meiste Zeit damit beschäftigt war, Verkehrspolizist für die Kerle zu spielen, beziehungsweise, sie zu überreden, einen anderen Weg einzuschlagen.

Wenn andere Leute Flöhe dressieren, wäre es ja wohl ein Witz, wenn das nicht auch mit Ameisen funktioniert, dachte ich mir, und irrte mich.

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Andy, der vierte Mann im Bunde, der Einzige von uns, der wirklich Keyboard spielen konnte, hatte überraschend daheim bleiben müssen, weil er Menstruationsbeschwerden hatte, oder einer seiner Synthesizer, so genau weiß ich das nach all den Jahren nicht mehr.

Deshalb frag ich mich auch heute immer noch, wie ich die Songs komponiert habe, denn unser damaliger Computer, ein Atari ST, hatte weniger Rechenpower, als eine dieser Glückwunschkarten, die beim Öffnen ‚Happy Birthday‘ tröten. Ein Megabyte Arbeitsspeicher, damals unvorstellbar und heute nur noch drei Stellen hinter dem Komma. Trotzdem half mir der Computer, all die Töne in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Damals, nach dem ersten Anhören wussten wir sofort, es war ein Geniestreich! Die Krönung unseres Werkes! Die Songs lagen vor uns wie pures Gold. Uns war sofort klar, es würde eines der am meist unterschätzten Alben der Popgeschichte werden.

So kam es auch.

Oder hat hier jemand schon mal von Rehberg* gehört?

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*Damit sich das ändert, haben wir einen Track von Rehberg neu aufgenommen, mit dem unschuldigen Titel ‚Blut‘. Tja, damals waren wir eben noch ein wenig düsterer drauf.

Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.

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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer und Musikproduzent. Während in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist Pommes! Porno! Popstar! der zweite Roman, für den er niemanden umgebracht hat.

Christian Purwien veröffentlichte unzählige Alben und Beitrage auf mehr als hundert CDs, seine Coverversion des 80er Klassikers „Send me an angel“ enterte die deutschen Single-Charts. Für seine letzte CD arbeitete er mit Joachim Witt und Andreas Fröhlich zusammen, letzterer besser bekannt als Bob Andrews von den Drei Fragezeichen.

Thomas Kowa und Christian Purwien im Interview zu Pommes! Porno! Popstar!