Highland Bride – Auf der Flucht mit einem Highlander

Prolog

Im Jahr unseres Herrn 1509

 

„Ich sage, wir stürmen Firthport und bringen meinen Sohn nach Hause.“ Dugald MacAulays Augen loderten, als er das Wort an den gesamten Raum richtete.

„Ihr wisst also, wo man ihn festhält?“ Roman Forbes blieb sitzen, so still wie der Wolf, nach dem er benannt war.

„Nay, das weiß ich nicht, aber ich bin nicht so närrisch, dass ich meinen eigenen Erstgeborenen nicht finde. Und wenn die Forbes zu ängstlich sind, um mich zu begleiten, gehen ich und die meinen alleine.“

„Eure anderen Söhne.“ Leith Forbes nickte, während er sich erhob. Er war ein großer Mann, sogar noch einflussreicher als an dem Tag, an dem er Lord seines Clans geworden war. „Sie sind ein mutiges Paar.“

„Aye.“ Roderic saß Roman gegenüber, am anderen Ende des auf Böcken stehenden Tisches. Das Feuer in der großen Halle leuchtete hell und ließ sein goldenes Haar schimmern, sodass er wie der Gegenpol seines dunkelhaarigen Bruders Leith aussah. „Sie hätten keine Angst, mit Euch die Grenze zu überqueren. Aye.“ Auch er schüttelte den Kopf. „Sie hätten keine Angst davor, für ihre Sippe zu sterben. Und wer weiß? Vielleicht werden sie nicht beide getötet. Einer könnte mit nur ein paar Wunden überleben. Fiona“, sagte er und wandte sich zur rothaarigen Frau am Feuer.

„Bereite deine Kräuter vor. Mutige Männer werden sterben, weil ihr Bruder von der Liebe heimgesucht wurde.“

„Liebe!“, tobte Dugald und sein Gesicht wurde rot. „David liebt keine englische Hure. Es ist eher so, dass diese Gottlose ihn dahin führte, von wo ihn sein Kopf fernhielt. Glaubt nicht, dass ich so töricht bin, eure Absichten nicht zu verstehen. Ihr wollt mich von meinem Kurs abbringen, meine Ziele verbiegen, mich überzeugen, dass es Worten bedarf, wo Waffen gebraucht werden. Ihr Forbes, ihr schließt bedeutsame Bündnisse, aber was bringt ein Bündnis, wenn ihr zu schwach zum Kämpfen seid, wenn ein Kampf ansteht?“

„Steht ein Kampf an, Dugald?“, fragte Leith und sah den Cousin seiner Frau an. „Firthport ist weit entfernt und gut befestigt. Wollt ihr die gesamte Stadt herausfordern?“

„Nay!“, sagte MacAulay und ergriff das Heft seines Schwertes. „Ich fordere lediglich Harrington heraus, und jene, die sich mit ihm verbünden. Fürwahr, ich werde ihn an einer Wand aufspießen für die Lügen, die er über den Namen meiner Familie ausgespien hat.“

„Euer Sohn hat den Ring, den er genommen haben soll, nicht gestohlen.“ Fiona erhob sich langsam von ihrem Platz an der Feuerstelle. Sie hielt einen Säugling an ihrer Schulter, ging auf die Mutter des Kindes zu und gab es mit einem leisen Wort des Rates an sie ab. „Wir wissen, dass er nicht stiehlt“, sagte sie, als sie sich den Männern näherte. „Aber können wir uns sicher sein, dass er nicht liebt?“

„Es ist möglich, dass er sein Herz an eine Engländerin verloren hat“, stimmte Leith zu und warf seiner Frau, mit der er achtzehn Jahre verheiratet war, einen sanften Blick zu. „Solche Dinge passieren, wie wir wissen. Und wie würde Euer David sich fühlen, wenn Ihr den Vater der Frau tötet, die sein Herz erobert hat?“

„Oh Gott“, ächzte Dugald und rieb sich vor Frust energisch das Gesicht. „Gegen euch alle komme ich nicht an. Und ich schätze, ihr habt recht. So wie ich Harrington kenne, ist es ein Glücksfall, dass mein David noch heil und unversehrt ist.“

„Ihr kennt ihn gut?“ Roman sprach wieder, erfasste Informationen, dachte nach, plante. Seine Pflegeeltern hatten ihn nicht einfach aus Einsamkeit heimgerufen. Er war zum Advokaten ausgebildet worden. Diplomatie war seine Stärke. Dies war lediglich eines der vielen Highland-Probleme, die er lösen sollte. Aber Fiona und Leith waren auch ohne seinen Rat ein formidables Paar. Es gab nur wenige, die sowohl ihrer Logik als auch ihrer Weisheit widerstehen konnten.

„Es ist lange her, als Harringtons erste Frau noch lebte, da war er eine Art Freund meines alten Lairds. Ich war damals nicht mehr als ein Knabe, aber ich kenne ihn gut genug, um zu sagen, dass er ein schwarzherziger Teufel ist, der seine eigenen Kinder abschlachten würde, um seine Ziele zu erreichen. Fürwahr, einige sagen, eben das habe er getan“, schwor Dugald.

„Eine Halskette ist ein kleiner Preis für das Leben eines Kindes“, sagte Fiona und ließ ihren warmen Blick auf Roman ruhen. Sie hatte ihn Sohn genannt, lange bevor sie ihre eigenen zur Welt gebracht hatte, lange bevor er der Wolf genannt wurde.

Dugald seufzte. „Aye“, sagte er und hievte einen kleinen Lederbeutel hoch. „Es ist nichts als Tand in einem Beutel, schätze ich. Dennoch …“ Er leerte den Inhalt der mit einer Kordel verschlossenen Börse in seine Hand aus. Edelsteine leuchteten so hell wie die Hoffnung in seiner Handfläche. „Das war die Halskette, die der alte MacAulay seiner Braut gab. Sie hätte schon vor Jahren Eure sein sollen, Lady Fiona.“

„Sie gehört zu Euch in die Feste der MacAulays“, sagte Fiona. „Aber wäre sie mein Eigen gewesen, würde ich sie euch jetzt mit Freude zurückgeben.“

„Eure Großzügigkeit wurde nicht übertrieben, Lady“, sagte Dugald. „Dennoch, ich bin abgeneigt, auf Harringtons Forderungen einzugehen und sie für die Rückkehr meines Sohns herzugeben, der sich nie nach Firthport hätte begeben dürfen.“

„Es ist ein prächtiges Stück“, gab Roderic zu. „Wer bringt es nach England?“

„Es ist meine eigene Pflicht und …“, begann Dugald, doch Leith hob seine Hand, um ihn zu unterbrechen.

„Visionen von Harrington, aufgespießt an einer Wand, könnten meinen Schlaf stören.“

Dugald öffnete seinen Mund, so als wolle er sprechen, machte aber eine Pause und kicherte schließlich.

„Ihr sagt, ich solle nicht gehen?“

Leith zuckte mit den Achseln. „Ich sage, es gibt in dieser Sache Männer mit kühlerem Kopf.“

Dugald wandte seinen Blick von Laird Leith zu Roman. „Hattet Ihr dabei zufälligerweise an jemand Bestimmtes gedacht, Forbes?“

„Ich weiß, du denkst, ich mache nie Fehler, Bruder“, sagte Roderic und zog sämtliche Blicke auf sich. „Aber ich fürchte, ich bin nicht der rechte Mann für dieses …“

Leith unterbrach ihn mit einem Schnauben. „Als ob ich dich bitten würde, deine Flame zu verlassen, während sie kurz vor der Geburt eures dritten Kindes steht. Ich habe ja gerade einmal vermocht, dich einen Tag von ihrer Seite fernzuhalten.“

Roderic kicherte. „Wenn ich nicht der Mann aller Männer sein soll …“ Er blickte Roman kurz an, als sei er verwirrt. „… wer könnte es dann sein? Hawk könnte selbstverständlich gehen, aber er wird erst in ein paar Wochen aus Frankreich zurückkehren. Colin ist in den Norden gereist. Arthur, aber nay, er erholt sich noch. Graham, der ist bloß ein Knabe. Andrew …“ Er schüttelte seinen Kopf. „Es sieht so aus, als müssten wir eine der Frauen schicken. Roman, sattle ein Pferd, es scheint, als würde deine Mutter reiten …“

„Mich deucht, Eure Scharfzüngigkeit wird mit dem Alter schwächer“, sagte Roman und durchbohrte seinen Onkel mit einem finsteren Blick. Doch dieser düstere Ausdruck brachte Roderic lediglich zum Lachen.

„Du bist der Mann für diese Aufgabe, Roman, und das weißt du nur zu gut“, sagte er. „Aber du solltest lernen zu lächeln, nicht dass die Engländer denken, alle Schotten seien so mürrisch.“

„Der Wolf lächelt nicht“, sagte Dugald, „aber er ist weise, und vielleicht sieht er an der Ergreifung meines Sohnes wenig, das ihn erheitert.“

„Und vielleicht hat er noch nicht die Frau getroffen, die ihm zeigt, dass diese Welt kein so ernster Ort ist“, gab Roderic zurück und beäugte Roman genau.

„Täuschen mich meine Erinnerungen, oder ist Eure eigene sanftmütige Lady zwei Wochen vor Eurer Hochzeit mit einem Messer auf Euch losgegangen?“

Roderic kicherte und rieb seine Brust, als ob ihm eine alte Wunde zusetzte. „Wenn du in die Jahre gekommen bist, Bursche, lernst du, dass die Narben die Erinnerungen nur süßer machen.“

Leith lachte und zog Fiona in seine Umarmung. Roman betrachtete sie. Sie waren seine gewählten Eltern, auch wenn sie nicht seine richtigen waren. Er würde sie nicht enttäuschen.

„Würdet Ihr mich gern an Eurer statt gehen lassen, Laird MacAulay?“, fragte Roman mit feierlichem Tonfall.

Dugald atmete leise aus und spießte Roman mit seinem Blick auf. „Laird Leith rät dagegen, dass ich selbst gehe, und ich fürchte, er hat recht. Mein Gemüt würde nur Schwierigkeiten machen. Aber Ihr …“ Er machte eine Pause. „Wenn der Wolf der Highlands meinen Sohn nicht lebend zurückbringen kann, gibt es niemanden, der es vermag.“

 

Kapitel 1

 

„Betty, Liebes, gib mir etwas Warmes, das mich an dich erinnert.“ Der Seemann trug das typische Seefahrergewand. Er war jung. Er hielt das Handgelenk der Maid mit starker Hand, obwohl seine Worte etwas undeutlich waren.

Die Schankmaid stand regungslos da und hielt immer noch einen Krug Glühwein.

Auch Roman Forbes blieb unbeweglich und beurteilte das Drama vor sich. Er betrachtete das Gesicht der Maid und dachte, sie würde sich vielleicht zurückziehen, aber stattdessen zuckte sie die Schultern und ging näher auf den Seemann zu.

„Du willst also etwas Warmes?“, fragte sie. Ihre Stimme war rauchig und tief, ihr Ausschnitt genauso tief, und der Schwung ihrer vollen Hüften gleichermaßen anzüglich. Die Beine des Seemanns fielen auseinander, als sie mühelos dazwischen glitt, um sich auf seinen Schoß zu setzen.

„Ich würde dir liebend gern etwas geben, das dich an mich erinnert“, sagte sie. Indem sie sich leicht nach vorne lehnte, erlaubte sie dem gesamten Raum einen großzügigen Blick auf ihre Reize. Volle, blasse Brüste, die drohten, sich über den Rand ihres eng geschnürten Mieders zu ergießen. Der Seemann schluckte und vermochte nicht, seinen Blick von den sanften Hügeln vor sich abzuwenden.

„Aber ich bin eine geschäftige Frau, mein Schöner“, sagte die Maid, während sie ihr Knie näher an den Scheitelpunkt der Beine ihres Eroberers gleiten ließ.

„Ich werde …“ Die Stimme des Seemanns klang in der plötzlichen Stille grell. „Ich werde dich dafür belohnen“, sagte er und schaffte es, eine Münze aus dem Beutel zu ziehen, den er an seiner Seite trug. Sie zwinkerte verschlagen im Schein der Talgkerzen.

„Ahh“, summte die Maid, während sie die Münze betrachtete. „Du hast also einen Anreiz mitgebracht, nicht wahr, Liebchen?“, fragte sie, lehnte sich noch näher und legte ihm eine Hand auf die Brust.

„Aye“, antwortete er, „und mein Geld und meine …“ Er warf seinen aufmerksamen Kameraden einen Blick zu und schaffte es, zu grinsen, auch wenn es wackelig war. „Meine Fähigkeiten sind gut.“

„Ich bin sicher, das sind sie“, sagte die Maid und ließ ihre Hand langsam seine Brust heruntergleiten. „Und ich kriege diese glitzernde Münze nur für ein bisschen … Wärme?“ Ihre Finger streiften seine Bauchgegend, wo Schnüre seine Kniehose mit dem offenen Wams verbanden.

Der Seemann sog Luft durch die Zähne ein, wie ein Mann, der auf Verzückung oder Pein vorbereitet ist. Selbst von Romans Position aus, einige Yards entfernt, konnte er sehen, wie der Bursche bei der kühnen Berührung der Hand der Maid erblasste. „Du bekommst die Münze … und mehr“, schwor er.

„Wie kann ich da ablehnen?“ Sie lehnte sich noch weiter vor, bis ihre Brüste nur noch einige Zoll vom Gesicht des Seemanns entfernt waren. Der Kerl bekam große Augen. Sein Grinsen fror auf seinen Lippen ein. Nicht ein einziger Mann im Red Fox atmete. Dann griff die Maid die Oberseite der Kniehose des Seemanns, zog daran und schüttete den Inhalt des Krugs auf seine Weichteile.

Es gab einen Moment benommener Stille, bevor der Seemann sich mit einem Schrei in die Luft stieß. Betty jedoch war bereits hinfort getanzt, die versprochene Münze zwischen ihren Fingern.

Die gesamte Schänke explodierte vor Gelächter.

„War das warm genug für dich, Jimmy?“, rief ein Mann.

„Das ist mehr Hitze, als ich von ihr bekommen habe“, rief ein anderer.

„Würdest du für eine Münze auf meinem Schoß sitzen, Betty, Liebes?“

Der Seemann verlangsamte sein wildes Hüpfen lange genug, um sie anzustarren, sein Mund und seine Augen noch vor Erstaunen aufgerissen.

Die Schänke wurde still.

Die Maid lächelte und hielt die Münze in die Luft. „Das ist der geltende Preis für ein bisschen Wärme“, scherzte sie.

Niemand regte sich. In der Stille ließ Roman eine Hand zu dem nadelspitzen Dolch im Strumpfband nahe seinem Knie gleiten. Er konnte keinen Ärger gebrauchen. Nicht jetzt. Aber der verletzte Stolz eines Mannes war ein genauso guter Vorwand für Ärger wie jeder andere.

Nichtsdestoweniger schnitt der Seemann schließlich eine Grimasse und zuckte mit verlegenem Ausdruck mit den Achseln. „Die Aussicht war die Münze durchaus wert“, sagte er und setzte sich wieder, wenn auch etwas vorsichtig.

Von der Menge ging Anerkennung aus. Es gab Jubel, einige Klapse auf die Schulter des Burschen und mehr als nur ein paar Pfiffe der Wertschätzung für die kostenlose Unterhaltung, die gerade geboten worden war.

Roman beruhigte sich unwesentlich und ließ seine Klinge wieder an ihren Platz gleiten. Das Mädel hatte den Seemann also überlistet und war den Konsequenzen entkommen. Es war gut, schließlich empfand er nicht den Wunsch, die Maid zu verteidigen und eine Schlägerei mit diesen Engländern anzufangen.

Seine Aufgabe war leicht. Er musste nicht mehr tun, als die Halskette an Lord Harrington auszuhändigen und dafür zu sorgen, dass David MacAulay sicher nach Hause zurückkehrte. Mit Glück wäre seine Mission vollendet, lange bevor sein Freund Hawk aus Frankreich zurückgekehrt und nach England geschickt worden wäre, um ihm beizustehen.

Vielleicht blieb sogar noch Zeit, noch einmal hier vorbeizuschauen, für einen Becher Ale und einen weiteren flüchtigen Blick auf die schöne Betty. Romans Blick folgte ihr, während sie sich zur Schankraumtür wandte, nur ein paar Fuß von seinem Tisch entfernt. Ihre Hüften schwangen dramatisch, während sie sich durch die Menge bewegte. Es waren volle Hüften, unter einer eng verschnürten Taille und breiten, hervorquellenden Brüsten. Seltsam, für gewöhnlich bevorzugte er eine schlankere Figur. Aber sie zog ihn an. Vielleicht war es ihr freches Auftreten. Oder vielleicht waren es ihre …

„Titten!“, sagte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. „Bei Gott, ich gäbe den Sold eines halben Jahres, um ihre Titten in die Hände zu kriegen.“

Dalbert Harrington – der einzige Sohn des Viscounts. Roman hatte Anweisungen erhalten, ihn hier zu treffen, und hatte ihn vom ersten Moment an, der keine Stunde her war, nicht leiden können. Es dauerte nicht lange, bis seine Gefühle zu Hass wurden. Aber eine solche Empfindung würde seiner Sache kaum dienlich sein, das wusste er, also nickte er, als würde er zustimmen, und nippte an seinem Whisky.

„Vielleicht wäre es am besten, wenn ich die Ware heute Abend Eurem Vater übergeben würde“, sagte er. Dalbert war für einen Moment still. Dann lachte er und warf seinen blonden Kopf zurück, um die vom Rauch verdunkelten Balken anzuheulen. „Christus, Mann“, sagte er und richtete sich auf. „Du hast gerade die besten Titten außerhalb von London gesehen und alles, wovon du reden kannst, sind Waren? Ich wusste nicht, dass ihr Schotten so ein steifer Haufen seid. Oder sollte ich sagen schlaffer Haufen?“ Er lachte über diese Doppeldeutigkeit, dann kippte er eine ordentliche Menge seines Getränks in sich hinein, ehe er wieder kicherte. „Du solltest mich mal in London besuchen kommen. Die Huren da würden dich auflockern.“

Roman lächelte. Er war Diplomat in einem fremden Land. Besonnen, gescheit, geachtet. Er würde den Bastard nicht schlagen. Noch nicht.

„Ich weiß Euer Angebot zu schätzen“, sagte er in weiterhin ausgeglichenem Ton. „Aber fürs Erste halte ich es für das Beste, wenn wir das bevorstehende Geschäft besprechen. Ich bin gekommen, wie erbeten. Und weil die Situation delikat ist, denke ich, dass es das Beste ist …“

„Delikat!“, krächzte Dalbert und packte die Tischkante plötzlich mit Klauenfingern. „Dein Straßenköterfreund hat meine Schwester gefickt und dann ihren Ring gestohlen!“

Roman blieb absolut regungslos, wartete und zwang sein eigenes Gemüt zur Unterwerfung. Dalbert Harrington konnte durchaus Freunde in dieser rauen Menge haben, dachte er. Freunde, die dem Edelmann zur Hilfe eilen würden, falls die Sache aus dem Ruder liefe.

Aber die anderen Gäste schienen auf ihre eigenen Gespräche konzentriert.

„Die Umstände tun mir wirklich leid“, sagte Roman sanft, und weder verleugnete, noch bestätigte er so Dalberts Anschuldigungen. „Auch dem Vater des Burschen.“

„Umstände! Wenn es nach mir ginge, würde ich mich um die … Umstände kümmern.“ Er verengte seine Augen, kicherte und trank erneut. „Aber Vater ist empfindlich, was Kastration anbelangt.“ Starke Worte, aber Roman spürte, dass Dalbert sich lediglich aufplusterte. Er wirkte ruhiger, als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und einen weiteren Schluck Ale nahm.

Ihre Blicke trafen sich. Roman blieb milde, ballte aber unter dem Tisch die Fäuste. Nichts würde sich besser anfühlen, als dem Engländer die Zähne einzuschlagen. Aber er wagte nicht, seine Wut zur Schau zu tragen. Jetzt nicht, überhaupt nicht.

Mühsam senkte er seinen Blick und zuckte mit den Schultern, als ob die Sache nicht mehr in seiner Hand lag. Aber er fragte sich, wie viele schottische Mädels von Engländern vergewaltigt worden waren. Wie viele ungewollte Kinder waren von noblen Ärschen wie dem Sohn des Viscounts gezeugt worden? Freilich, die Barbarei der Engländer entschuldigte nicht die Taten eines Schotten, aber wenn er David auch nur etwas kannte, hatte der Bursche sich nicht gegen ihren Willen an dem Mädchen vergriffen. Nicht David MacAulay. Freilich, er war vielleicht etwas anmaßend und aufgeblasen, aber er war nicht grausam.

„Euer Vater hat mit dem Laird der MacAulays eine Vereinbarung getroffen“, sagte Roman und legte sanft einen Lederbeutel auf dem Tisch zwischen ihn ab. „Ich bin lediglich gekommen, um den erbetenen Gegenstand zu übergeben.“

„Gegenstand! Wohl eher eine verdammte Hurengebühr!“, sagte Dalbert mit einem Schnauben. Er trank seinen Drink aus und lachte. „Denk drüber nach. Christine, der Liebling meines Vaters. Nicht besser als eine Hure. Nicht besser als …“ Die Schankraumtür schwang wieder auf. Betty eilte heraus, in jeder Hand einen Krug. Dalbert wandte seinen Spott auf das Mädchen. „Nicht besser als sie“, sagte er.

Roman warf der Schankmaid einen Blick zu. Wenn die junge Betty Dalberts Geringschätzung verdient hatte, war sie vielleicht ein Mädel, für das es sich lohnte …

Das scharfe Stechen einer Vorahnung zog Romans Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch. Er streckte instinktiv die Hand aus, aber Dalbert hatte den Beutel bereits geschnappt und drehte ihn um.

Die Halskette purzelte heraus und lag auf dem rauen Tisch wie eine Göttin auf einem bescheidenen Bett aus Farnkraut. Funkelndes Licht in blau und weiß glitzerte durch den Raum.

„Heiliger Jesus!“, keuchte jemand.

„Guter Gott!“, sagte Dalbert und streckte eine Hand aus, um einen mitternachtsblauen Saphir zu berühren. Roman aber hob die Halskette hoch und ließ sie im Handumdrehen unter dem Tisch verschwinden, ehe Harringtons Finger sie berührten. Die Edelsteine lagen kalt in seiner Handfläche. Er verstärkte seinen Griff und verfluchte sich dafür, ein unvorsichtiger Narr zu sein.

„Guter Gott“, wiederholte Dalbert. Seine Stimme war belegt. „Vater sagte, es wäre ein Stück, das schön genug ist, um dem Ring seiner Mutter zu entsprechen, aber ich wusste nicht …“ Seine Stimme erstarb.

Roman spürte, wie ihn hundert Augen beobachteten. Verdammnis! Es wäre ein Wunder, wenn er die Nacht überlebte.

Er könnte sein Messer ziehen und sich zum Eingang begeben, oder er könnte die Edelsteine und die Verantwortung an Dalbert Harrington abgeben.

Es war wieder still in der Schänke.

„Es scheint, Euer Vater dachte, dieses kleine Schmuckstück könne die Mitgift Eurer Schwester versüßen“, sagte Roman leise.

Dalbert lachte. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. „Jeder Mann wäre glücklich, es zu kriegen. Sie, meine ich“, korrigierte er und lachte wieder. „Aber ich muss schon sagen, Schotte, du bist in einem zu üblen Teil der Stadt, um solche Steine mit dir herumzutragen. Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich sie meinem Vater selbst übergeben würde.“

Roman achte sorgfältig darauf, dass seine Stimme fest und sein Körper entspannt waren. Jetzt war nicht der Augenblick, um törichte Fehler zu begehen. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe MacAulay gesagt, dass ich Lord Harrington die Edelsteine persönlich in die Hand geben werde, ehe ich den Burschen zurück in sein Heimatland bringe.“

„Also vertraust du mir nicht?“, fragte Dalbert. Seine Stimme klang ungezwungen, aber seine Augen war zu hell.

Er war berauscht und sprunghaft. Roman zwang seine Muskeln, sich noch etwas mehr zu entspannen. Vorsichtige Handhabung war notwendig, wenn er wünschte, einmal mehr das Licht des Tages zu sehen.

„Ich habe es einem Freund geschworen, und ich bin ehrverpflichtet, den Schwur einzuhalten“, sagte Roman. „Ich bin sicher, Ihr versteht etwas von Ehre.“

Obwohl Roman sein Bestes versucht hatte, seine Stimme nicht sarkastisch klingen zu lassen, nahm Dalbert seinen Becher, hielt ihn fest umklammert und murmelte etwas Unverständliches. Roman erwog, seine versteckte Klinge zu ziehen, dann verwarf er diesen Gedanken. Er konnte nicht das Risiko eingehen, diesem Mann einen Schnitt zu verpassen. Falls Dalbert angriff, würde Roman ihn aus dem Gleichgewicht bringen und …

„Nun, Liebchens“, sagte eine rauchige Stimme. „Wir wollen keinen Ärger zwischen Freunden im Red Fox.“

Roman sah, wie Dalberts Züge sich etwas entspannten, als seine Aufmerksamkeit abgelenkt wurde.

„Nun, ich würde dir sicher keinen Ärger machen wollen“, sagte Dalbert. „Wer bin ich, den Plänen meines Vaters im Weg zu stehen? Eigentlich möchte ich gerne beweisen, dass es keinen Unmut gibt“, sagte er, stand schnell auf und streckte einen Arm aus, um ihn der Schankmaid um die Hüfte zu legen.

„Nun, Betty“, summte er, ohne seinen Blick von Roman abzuwenden. „Was hältst du davon, dabei zu helfen, Frieden zwischen unserem und seinem Land zu schaffen? Du kannst bei dem Handel sogar ein bisschen zusätzliche Münze machen. Bist du an Geld interessiert?“

„Bin ich immer, Liebchen“, sagte sie und neigte ihr schönes Gesicht dem Engländer zu. Ihre schlaffe, weiße Bundhaube bauschte sich hinter ihrem Kopf auf.

„Dann lasst uns alle Freunde sein“, sagte Dalbert und drehte sich, um an ihr herunterzublicken.

„Ich bin gesellig, Chief, aber wie ich vorhin sagte, ich bin eine geschäftige Frau.“

„Sicher nicht zu geschäftig, um zusätzliche Münzen zu verdienen“, sagte er, drückte etwas fester und zog mit einem Finger eine Spur auf ihrer halbnackten Schulter.

„Zusätzliche Münzen sind stets willkommen“, stimmte sie zu. „Dennoch, ein Mädchen muss seine Arbeit behalten. Und der alte Bart neigt dazu, sauer zu werden, wenn ich die Schänke verlasse, ehe meine Schicht vorbei ist.“

„Du hast selbst gesagt, dass du hier keinen Ärger willst“, erinnerte Dalbert sie und ließ einen Finger über ihr Schlüsselbein gleiten. Sie versteifte sich etwas, zog sich aber nicht zurück. „Ich denke, du solltest zu unserem Nachbarn hier freundlich sein.“ Er lehnte sich näher und küsste die Stelle, wo eben noch sein Finger gewesen waren. „Auch der Schotte fühlt sich gesellig. Tatsächlich hat er dir den ganzen Abend hinterhergegeifert. Hat gesagt, er könnte ein Stück süße, englische Torte vertragen. Was sagst du?“, fragte er, ohne seinen Blick von den Brüsten der Maid zu nehmen. „Bist du bereit, etwas von deinen Gaben mit unserem Gast zu teilen?“

„Ich bin sehr fürs Teilen“, sagte Betty. „Also sag ich Euch was, mein Lord, ich hole euch ein paar Drinks aufs Haus.“ Sie versuchte, zu entwischen, aber Dalbert packte sie lediglich fester.

„Der Schotte hier kann es sich offensichtlich leisten, einen guten Preis für die Arbeit einer Nacht zu zahlen“, sagte Dalbert. „Die Wahrheit ist, einer dieser Steine wäre schon eine Riesensumme wert. Zur Hölle, da müssen hundert Steine drin sein. Wer würde einen vermissen? Aber wenn er zu geizig ist, um zu zahlen, gebe ich dir das Doppelte deines üblichen Lohns, nur um ihm zu zeigen, dass es keinen Unmut gibt. Was sagst du, Schotte?“

Unter dem Tisch verstaute Roman die Halskette in dem zeremoniellen Sporran, der von seiner Hüfte hing. Es war ein albernes Ding. Mit Pferdehaar und Silber verziert, wäre es in einem Kampf hinderlich. Er sehnte sich nach seinem brauchbaren Beutel, den er zum Bergsteigen verwendete. Aber es war zu spät, um sich jetzt um seine Ausrüstung zu sorgen. Er erhob sich langsam. Dalbert Harrington war nicht einfach ein Narr. Er war ein reicher, betrunkener Narr, und deswegen war er gefährlich.

„Vielleicht traust du mir nicht, was die Halskette betrifft“, sagte Harrington mit einem anzüglichen Lächeln. „Aber hier kannst du mir vertrauen, Schotte. Du wirst kein erstklassigeres Stück Fleisch finden als unsere Betty hier. Also nimmst du mein Angebot an oder muss ich zu meinem Vater zurückkehren und ihm sagen, dass du dich für zu gut hieltest, um dich mit unseresgleichen abzugeben?“

Roman blieb still, hielt seinen Ausdruck nichtssagend und seine Augen ruhig. Er hatte Harrington bereits beleidigt. Er konnte es sich nicht leisten, die Sache noch schlimmer zu machen, nicht während es um David MacAulays Leben ging. Also hob er seine Brauen, als überdenke er die Angelegenheit. Auch er konnte dieses Spiel spielen.

„Was sagst du, Mädel?“, fragte er die Maid sanft. „Bist du an dem Angebot interessiert?“

Er sah, wie sie ihr Kinn hob, sah, wie sich ihre Augen mit Erwartung und mehr füllten. „Das hängt“, sagte sie, „ab von der Größe deiner …“ Sie zog ihren Arm aus Dalberts Griff und sprach weiter. „Steine.“

Man hätte eine fallende Stecknadel aus dreißig Yards Entfernung hören können.

Dalbert kicherte.

„Ich habe vorhin keinen guten Blick darauf werfen können“, fügte sie hinzu und trat von Harrington weg. „Magst du sie zeigen, sodass wir sie alle sehen können?“

Roman erkannte Geringschätzung, wenn er sie hörte. Und er hörte sie jetzt. Aber er nickte einmal, als Zugeständnis ihrer Scharfsinnigkeit. „Wir Schotten sind für gewöhnlich zurückhaltender mit dieser Art Zurschaustellung“, sagte er und ließ seinen Blick auf ihre Brüste gleiten, ehe er ihn langsam wieder hob und in ihr Gesicht sah. „Aber ich versichere dir, du wärest nicht enttäuscht.“

„Ich fürchte, das habe ich schon mal gehört, Chief“, sagte sie. Obwohl ihre Wangen eine leichte Spur von rosa zeigten, lehnte sie sich vor und zeigte ihr Dekolleté. „Aber wenn es um harte Fakten ging, war ich enttäuscht.“

Ihre Blicke trafen sich und hielten stand.

„Dann warst du mit den falschen Männern zusammen“, sagte er leise.

Sie hob ihre Brauen und ließ schlanke Finger von ihrem Dekolleté bis zu ihrem Hals hinauffliegen. „Und du denkst, du könntest mich befriedigen?“

„Das verspreche ich“, sagte er.

Sie kam näher. Ihre Hüften schwangen, als hätten sie ein Eigenleben. „Nun denn, Liebchen“, summte sie und lehnte sich so weit vor, dass ihre Lippen nur einige Zoll von seinen entfernt waren. „Ich bin interessiert …“

Es war lediglich ein Spiel, das er spielte, um Dalbert Harrington zufriedenzustellen, versicherte Roman sich selbst. Aber gegen seinen Willen und wider besseres Wissen, blieb ihm der Atem im Halse stecken. Unter dem Gewicht seines Leder-Sporrans spürte er, wie sein eigenes Interesse zum Leben erwachte. Er war ein Narr, rügte er sich. Aber er war auch ein Mann, mit den Schwächen eines Mannes.

Betty lehnte sich noch näher. Sie roch nicht, wie er erwartet hatte, nach Schweiß und verdorbenem Ale. Stattdessen füllte das Aroma von süßem Lavendel seine Nüstern. Er hob seine Hand, wollte ihr Gesicht berühren. Aber plötzlich schlug sie sie nieder.

„Ich bin an deinen Juwelen interessiert, Schotte. Aber nur an denen in deinem Beutel, nicht an denen in deinem Rock“, sagte sie.

Dalbert warf seinen Kopf zurück und lachte schallend. Die Spannung war dahin. Andere fielen ins Gelächter ein. Dalbert ließ sich mitten in dem Lärm in seinen Stuhl fallen.

Die Schankmaid wandte sich zum Gehen, aber Roman fing ihre Hand mit einem vorsichtigen Griff. Sie schwang zurück in seine Richtung. Ihre Blicke prallten aufeinander. Ihre Augen waren so blau wie die kostbaren Juwelen, die er gerade in seinem Sporran untergebracht hatte.

„Vielleicht ein andermal“, sagte Roman leise. Wenn er es versuchte, brachte er es fertig, ihr dankbar zu sein, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte, die Spannung im Raum aufzulösen. Wenigstens war die Straffheit in seinen Lenden eine weniger gefährliche Situation. „Wenn wir kein Publikum haben.“

Er hörte sie einatmen. „Du willst Gesellschaft, Schotte?“, fragte sie. „Es heißt, Pete Langer hat eine Herde feiner Schafe. Du könntest wählerisch sein.“

Auf der anderen Seite des Raumes erhob sich eine verstohlene Gestalt. Kalte Finger der Besorgnis glitten Romans Wirbelsäule hinauf, als er sich umdrehte, um nachzusehen. Wer war er? Vielleicht jemand, der ging, um den Diebstahl der Halskette zu planen? Aber es war bereits zu spät, um den Mann zu erkennen, denn die Tür schloss sich hinter ihm. „Also die Schafe“, sagte er und drehte sich wieder zur Maid. „Aber du weißt nicht, was du verpasst.“

Betty lächelte. „Ich versichere dir, ich weiß es, Schotte“, sagte sie und ließ ihren Blick in der Mitte seines Körpers herunterfliegen, über seine Brust, seinen Bauch, den Sporran, der seine Juwelen verbarg. „Aber ich werde nicht lange darauf verzichten.“

 

Kapitel 2

 

Eine Stunde nach seinem Treffen mit Betty verließ Roman die Schänke. Dalbert hatte dafür gesorgt, dass sein Krug stets voll blieb, und obwohl Roman trank, war er nicht närrisch genug, betrunken zu werden. Die Aufgabe, die er vor sich hatte, verlangte all seine Sinne; viel zu viele zwielichtige Charaktere wussten jetzt von den Juwelen, die er bei sich trug.

Firthport war eine Grenzstadt und eine Hafenstadt, rau, unvorhersehbar, tödlich. Irgendwo in weiter Ferne lachte eine Frau. Das Geräusch hing gespenstisch in der Nachtluft und schwebte bis zu einer dunklen Gestalt, die eine entfernte Gasse entlangeilte.

Der junge Mann sah sich rasch um. Heute Nacht war er John Marrow, ein beleibter, etwas betrunkener Geschäftsmann, der sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.

Das Queen’s Head erschien im Halbdunkel. Es war ein langes Gebäude, das aus grauem Stein und Stroh bestand. Ein schmales Band aus Rauch wand sich aus dem Schornstein in den Nachthimmel.

Marrow trat auf die Tür zu, kontrollierte einmal die Klinke und klopfte dann laut an die festen Bretter. „Aufmachen!“

Von innen begrüßte ihn Stille. Er klopfte noch einmal. „Aufmachen, sage ich.“

Noch immer keine Antwort.

„Wen glaubt Ihr, schließt Ihr hier …“

Die Tür öffnete sich. Ein Mann stand auf der anderen Seite, hielt eine einzelne Kerze und schimpfte. Er war groß, Deutscher und roch sehr deutlich nach Kümmel.

„Wer glaubt Ihr, seid Ihr?“, knurrte er.

„Oh!“ Marrow rülpste und taumelte einen Schritt zurück. „Da seid ihr ja, LaFleur! Wurde auch Zeit.“

„Wer zur Hölle seid Ihr?“

„Ich bin Marrow. John Marrow. Ein schöner Gastwirt seid Ihr, zu vergessen …“ Er rülpste wieder. „Eure eigenen Gäste zu vergessen.“

„Ihr seid betrunken“, sagte der Wirt. „Und Ihr seid keiner meiner Gäste.“

Marrow bäumte sich beleidigt auf. „Ich bin anderer Ansicht. Wie Ihr sicher wisst, LeFleur, steige ich jeden Monat im Queen’s Arms ab, wenn ich komme … “

„Ich bin nicht LeFleur. Ich bin Krahn, und dies ist nicht das Queen’s Arms. Es ist das Queen’s Head.“

Marrow fiel die Kinnlade herunter. Für einen Moment kämpfte er mit seinem Hut, als versuche er, die Krempe anzuheben, um einen besseren Blick auf das Gesicht des Gastwirts zu erhaschen. Aber der Hut gewann den Kampf und blieb fest an Ort und Stelle, tief über seinen Augen, und bedeckte seine eigenen Gesichtszüge. „Das Queen’s Head?“, fragte er und klang verwirrt, während er erneut rückwärts taumelte. „Das Queen’s Head. Oh! Head! Nun, verdammt sei ich, wenn ich nicht ständig diese verdammten königlichen Körperteile durcheinanderbringe.“ Er lachte lärmend über seinen eigenen Witz. Der Ausdruck des Wirts blieb mürrisch.

Marrow jedoch war von dessen fehlendem Humor unbeeindruckt. Er klopfte dem Gastwirt auf die Schulter. Es war, wie er feststellte, eine große Schulter, schwer von Muskeln und Knochen. „Ja, nun. Ein feines Etablissement habt Ihr hier. Und nah bei. Vermietet Ihr womöglich Zimmer, guter Mann?“

Überraschenderweise brachte der Gastwirt es fertig, noch mürrischer dreinzublicken. Das tat er eine Weile, dann sprach er schließlich. „Ich habe drei, die ich vermiete. Aber nur eins ist frei.“

„Entzückend.“

„Und Ihr zahlt im Voraus“, fügte er hinzu, ohne zu versuchen, irgendwelche Vorurteile zu verbergen, die er pflegen mochte.

Marrow nickte und kippte dabei fast vornüber. „Was immer Ihr sagt, guter Mann“, sagte er, und nachdem er seinen Beutel durchwühlt hatte, förderte er endlich eine Münze zutage.

Der Gastwirt nahm sie mit einem griesgrämigen Nicken, bedeutete Marrow, einzutreten und schloss die Tür hinter ihm.

Die Steinstufen waren unregelmäßig und schmal. Marrow schaffte es, sie nach nur ein paar Fehlversuchen zu erobern. Sie endeten auf einem schmalen Treppenabsatz, der zu drei Lattentüren führte.

Krahn schob eine von ihnen auf.

Marrow trat ein. „Ahh. Ein herrliches Zimmer.“ Es hatte ein einzelnes Fenster, schmal, aber weit genug, um sich im Notfall durchzuquetschen. „Ein hübsches Zimmer, aber es zeigt nicht nach Norden.“

Die Brauen des Wirts konnten sich überraschend tief absenken. „Wovon quatscht Ihr da?“

„Ich schlafe stets im Nordzimmer.“ Marrow rülpste wieder. „Bringt Glück.“

„Hier jedenfalls nicht. Das Nordzimmer ist belegt, und wenn ihr den Schotten aufweckt, setze ich Euch eigenhändig auf die Straße“, sagte er und lehnte sich aggressiv vor.

Marrow wich zurück und hielt eine Hand hoch. „Habe ich Norden gesagt?“, quietschte er. „Ich meinte …“ Er ließ seinen Kopf wackeln, als ob sich der Raum plötzlich zu drehen begonnen hätte. „Dieses hier wird …“ Sein Kopf wackelte heftiger. Er taumelte Richtung Bett. „Perfekt“, sagte er und krachte mit dem Gesicht nach vorne auf die Matratze.

Einen Moment lang betrachte der Wirt ihn still, dann sagte er: „Aye, wird es“, und schloss hinter sich die Tür.

 

Roman ging schnell und leise durch die Nacht. Im Schatten eines Fachwerkgebäudes blieb er stehen, hielt den Atem an und horchte, ob ihm irgendjemand folgte. Er hörte kein derartiges Geräusch, aber das musste nicht heißen, dass er allein war. Zwanzig Augen hatte die Juwelen gesehen, die er in seinem Sporran aufbewahrte.

Während er die Straße weiter hinunterstrich, verfluchte Roman sich dafür, ein Narr zu sein. Es sah ihm nicht ähnlich, abgelenkt zu sein. Aber diese Frau namens Betty hatte etwas an sich, etwas, das ihn anzog. Dennoch, er wusste es besser, als seine Konzentration von einer Maid beeinflussen zu lassen. Vielleicht war es einfach nur Müdigkeit gewesen, die ihn seine Konzentration hatte verlieren lassen, denn er war in der Tat erschöpft. Todmüde. Firthport war nicht anders als andere Städte, die er kannte. Es gab Verzweiflung hier, einen Unterton des Bösen, das ihn auslaugte. Aber er würde bald nach Hause zurückkehren. Er würde nur diese Nacht bleiben müssen, dann am Morgen die Halskette bei Harrington abliefern. Am folgenden Abend würde er zum wohltuenden Frieden der Highlands zurückkehren.

Zuerst aber musste er die Nacht überleben.

Das Queen’s Head tauchte im Nebel auf. Für einen kurzen Augenblick hielt Roman inne, um nochmals nachzudenken. Gab es etwas Unheilvolles dort oder sah er Gespenster, wo keine waren? Vielleicht sollte er zu einer anderen Gastwirtschaft gehen. Aber nein. Er traf die Entscheidung sehr schnell. Je eher er den neugierigen Augen entkam, desto besser.

Herr Krahn öffnete die Tür nach Romans zweitem Klopfen. Die schmale Treppe, die er nach oben lief, schien übermäßig steil. Roman öffnete die Tür und polterte in sein gemietetes Zimmer. Müdigkeit überschwemmte ihn, wie ein reißender Strom, aber diese Nacht würde er nicht schlafen, das war zu riskant. Nein, heute Nacht würde er wachsam bleiben und die Juwelen beschützen.

Mitternacht war lange verstrichen. Roman ging auf und ab. Der Boden unter seinen nackten Füßen war kühl. Der leuchtendrote, zeremonielle Tartan, den er getragen hatte, lag als Haufen neben dem Bett. Nicht weit davon entfernt lagen seine Tunika und sein Schuhwerk aufgestapelt. Abgesehen vom Amulett, das er um seinen Hals trug, und dem Sporran, der von seinen Schultern hing, war er nackt. Dennoch half die Luft vom geöffneten Fenster nicht besonders dabei, ihn zu erquicken.

Er ging wieder auf und ab, sang in Gälisch und versuchte nachzudenken – über David, der ihn brauchte, über MacAulay, der ihm vertraute, Lady Fiona, die an ihn glaubte.

Er würde sie nicht enttäuschen. Die Kerze ging stotternd aus. Dunkelheit schwappte herein, schwer und feucht vor stinkenden Erinnerungen.

Er würde sie nicht enttäuschen, wiederholte er. Er war ein Forbes – der Sohn von Fiona und Leith. Aber er war nicht wirklich von Fionas Blut. Seine Schritte wurden langsamer. Das Blut von Dermid floss in seinen Adern. Dermid! Das Gesicht des Mannes tauchte in seinen Gedanken auf wie eine alte Narbe. Roman zuckte, für einen Augenblick sicher, dass er mit ihm im Zimmer war. Er hörte sein eigenes kindliches, angsterfülltes Wimmern. Oder kam das Geräusch von woanders her? Er konnte es nicht sagen. Für einen Moment war er in die Zeit zurückgeworfen, in der er jung und hilflos war, abgesehen von Dermid allein in der Welt, einem Mann, der böse, unaussprechliche Geheimnisse hütete.

Er musste fliehen. Aber … Nein. Roman schüttelte den Kopf. Dermid war tot. Es gab hier keine Gefahr, und er war er ein Erwachsener, der eine heilige Aufgabe auszuführen hatte. Er durfte nicht versagen. Die Halskette musste an Harrington übergeben werden. David MacAulay musste in sein Heimatland zurückgebracht werden.

Aber wie sollte er das ohne Schlaf fertigbringen? Das Bett rief nach ihm. Er musste sich für eine Weile hinsetzen oder er würde scheitern. Aber er würde nicht schlafen. Die Strohmatratze klagte unter ihm, als er sich auf die Kante niederließ. Er würde sich für einen Moment ausruhen. Nur sitzen.

Erinnerungen drängten wieder auf ihn ein. Dunkel, hässlich. Er drängte sie zurück. Er war Roman vom großen Clan der Forbes, vertrauter Freund, respektierter Diplomat. Er war nicht böse. Noch war er schwach. Aber die Dunkelheit lachte und schloss ihn ein wie der Tod.

Roman erwachte mit einem Zucken. Er fühlte sich seltsam schwer, aber schaffte es, sich aufzusetzen. Er hatte einen schweren Kopf. Und er war nackt und …

„Er ist wach!“

„Ja, dann schlag ihn, du Depp!“

Etwas schwang auf ihn zu.

Roman duckte sich instinktiv. Die Wirklichkeit kam zurück, als der Knüppel durch die Luft zischte, aber er hatte keine Zeit, für diesen Beinahe-Zusammenstoß dankbar zu sein, denn jemand stürzte auf ihn los. Er sprang zur Seite. Ein Blitzen von Stahl rauschte durch die Nacht.

„Hol ihn dir!“

Jemand griff nach ihm. Er holte wild aus. Seine Faust verschmolz mit einem Schädel. Ein Mann grunzte und fiel um.

„Schlag ihm den Schädel ein!“, krächzte jemand.

Aber Roman hatte sich bereits auf den nächsten Mann gestürzt. Er traf ihn genau in der Mitte und trieb ihn zu Boden. Selbst in der Dunkelheit konnte er die Klinge sehen. Roman griff nach dem Handgelenk des Schurken und schleuderte es nach unten. Knöchel krachten auf Holz. Ein Schrei vor Schmerz und Wut durchschnitt die Nacht. Roman erhob sich und holte noch einmal aus. Knorpel krachte! Der Körper unter ihm wurde schlaff.

Etwas quietschte hinter ihm. Roman schwang sich herum und stütze sich mit dem Rücken auf dem Boden ab. Ein Körper flog auf ihn zu. Indem er seine Füße aufwärts stieß, verband sich Roman mit der Körpermitte seines Angreifers und schleuderte ihn über seinen Kopf.

Die Wand hallte nach vom Einschlag.

„Ich hab es! Lasst uns von hier verschwinden!“, krächzte eine Stimme aus der gegenüberliegenden Ecke. „Acre? Blacks?“, sagte er zögernd.

Niemand antwortete.

Roman erhob sich langsam. „Sieht so aus, als wärst du alleine, Bursche“, sagte er und machte einen Schritt auf die schemenhafte Gestalt zu.

„Ich äh …“ In der Stimme des Mannes lag ein Quietschen. „Ich hab es nicht böse gemeint.“

„Dann gib mir den Sporran und ich tu dir nichts Böses.“

„Ja, sicher, ich …“, sagte er und sprang.

Das Gewicht seines Angreifers warf Roman zu Boden. Eine Klinge blitzte auf und rauschte abwärts. Roman warf sich zur Seite. Das Messer zischte an seinem Kopf vorbei und stach ins Holz darunter. Mehr Aufschub brauchte Roman nicht. Er ließ seinen Arm zur Seite sausen und ließ seine Faust auf das Ohr des Schufts krachen. Nur einen Augenblick später saß Roman Rittlings auf ihm, bereit, ein weiteres Mal zuzuschlagen. Aber das musste er gar nicht, denn es schien, als wären alle drei seiner nächtlichen Besucher bewusstlos.

Keuchend glitt Roman von dem schlaffen Körper und stolperte durch den Raum. Sein Sporran lag dort, wo der Dieb ihn hatte fallen lassen. Er tauchte seine Hand hinein. Keine Halskette. Er fischte wild darin herum und fluchte. Immer noch keine Juwelen.

Mit einer raschen Bewegung riss er die Tür auf und stürzte die Treppe hinunter, in seiner Hand der Sporran.

Die Überreste eines Feuers glommen in der Feuerstelle. Er eilte durch den Raum, fachte das Feuer an und schüttete den Inhalt des Beutels aus, nachdem er den Schürhaken weggeschleudert hatte. Keine Halskette!

Er erhob sich mit einem Knurren und rannte die Treppe hinauf. Zurück in seinem gemieteten Zimmer, durchwühlte er die Kleider der Diebe. Immer noch nichts.

Nachdem er sein Plaid wiedergefunden hatte, wickelte er es sich rasch um die Hüfte. Der nächstgelegene Mann stöhnte. Roman packte ihn am Hemd und lehnte sich in sein Gesicht. „Wo ist sie?“, fragte er sanft.

Als keine Antwort kam, schleppte er den Mann die Treppe runter und warf ihn vor dem Feuer ab.

Er sackte zu Boden und ächzte beim Aufprall.

Während er sich auf seinen nackten Fersen niederließ, beobachtete Roman, wie sein Gefangener wach wurde. Er hatte strähniges, fettiges Haar und eine Narbe, die ihm durch die rechte Augenbraue die Wange hinunterlief. Er zuckte, als er zu Bewusstsein kam.

„Wo ist sie?“, fragte Roman erneut, genauso sanft, und achtete sorgfältig darauf, jedes Wort deutlich auszusprechen.

Der Dieb zuckte zusammen und duckte sich weg. „Was? Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

„Die Halskette. Wo ist sie?“

„Ich weiß nichts von irgendeiner Halskette.“

Roman streckte seine Hand aus. Der Dieb duckte sich weg, aber Roman berührte ihn nicht. „Was hältst du von Schürhaken, Bursche?“, fragte er und brachte die Metallstange langsam nach vorne. „Kennst du dich damit aus?“

„Ich habe sie nicht genommen!“, quietschte der Dieb. „Ich habe sie nicht genommen.“

„Wo ist sie dann?“

„Ich weiß nicht … Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

Mit einem Ruck stieß Roman das scharfe Ende des Schürhakens am Gesicht des Mannes vorbei und ins Feuer hinter ihm. „Denk scharf nach“, schlug er leise vor.

Der Dieb schluckte und starrte zur Seite in die glühenden Reisigbündel. „Ich habe sie nicht genommen“, flüsterte er.

Roman nickte in Richtung der aus dem Sporran ausgeschütteten Gegenstände. „Warum ist sie dann nicht da?“, fragte er und griff nach dem Schürhaken. Das Ende glühte in entzückendem Orange.

„Ist nicht da?“, flüsterte er Dieb. „Aber uns wurde gesagt, sie wäre im Beutel.“ Er versteifte sich plötzlich. „Der Schatten! Er war vor uns hier.“

Roman ließ sich einen Zoll zurückfallen. „Was?“

„Nicht schon wieder! Jesus! Ich bin so gut wie tot. Dagger wird mich umbringen.“

„Wovon redest du?“

„Der Schatten“, stöhnte er. „Verdammt sei seine Seele. Er hat es schon wieder getan.“

„Wer ist …“, begann Roman, aber ein Keuchen hinter ihm unterbrach ihn.

Immer noch in der Hocke, drehte Roman sich auf den Fersen um. Herr Krahn stand in der Türöffnung und hielt einen Knüppel, der so dick war wie sein Arm. Hinter ihm gaffte eine Frau, die erhobene Kerze tauchte ihre geweiteten Augen und ihre Leinenmütze in schlichte Erleichterung.

„Was zur Hölle geht hier vor?“, knurrte ihr Ehemann.

Roman knirschte mit den Zähnen. Fürwahr, was zur Hölle? „Wer oder was ist der Schatten?“

„Der Schatten?“ Der große Mann ließ seinen Knüppel sinken. Seine Frau schlängelte sich einen knappen Schritt seitwärts, ihre Augen immer noch so rund wie Orangen. „Was soll das alles hier?“

„Ich wurde beraubt“, sagte Roman.

„Er wird mir die Kehle durchschneiden“, stöhnte der Dieb.

„Der Schatten?“ Der große Wirt ging mit einem finsteren Blick voran. Seine Frau kam mit ihm und starrte. „Hier? In meinem Haus?“

„War hier und ist wieder verschwunden, wie ein Geist“, flüsterte der Dieb. „Verdammt sei er. Er muss sie bereits genommen haben, bevor wir kamen. Hat sich selbst in Rauch verwandelt und ist den Schornstein runter. Oder hat sich wie eine Schlange unter der Tür hindurch geschlängelt.“

„Habt Ihr von diesem ‚Schatten‘ gehört?“, fragte Roman und sah den Wirt an.

„Ich habe Geschichten gehört, wie jeder andere. Aber ob sie wahr sind …?“ Der große Mann zuckte die Achseln.

„Oh, sie sind wahr. Es gibt ihn wirklich“, flüsterte der Dieb. „Er ist aber kein Mensch.“

Roman drehte sich wieder zu dem Mann am Boden um. „Wer ist der Schatten?“

Der Dieb zuckte mit den Schultern. „Er ist niemand. Oder er ist alle. Er ist nirgendwo. Aber er ist überall. Ich muss von hier weg. Muss von hier weg.“ Er ließ seine Augen wild umherschweifen.

„Woher soll er gewusst haben, dass ich die Halskette habe?“, fragte Roman und versuchte, den Mann zurück in die Realität zu holen.

„Wie?“ Er lachte, aber der Klang war schrill. „Der Schatten weiß alles über jeden. Er weiß es einfach.“

Roman machte ein finsteres Gesicht. „Wer ist er? Wie sieht er aus?“

„Er sieht aus wie ein alter Mann. Ein Säugling. Eine Rauchwolke.“

Einen Fluch erstickend, erhob Roman sich. „Wer war in diesem Haus, während ich heute Nacht hier war?“, fragte er, als er sich zu dem Paar beim Eingang umdrehte.

Der Wirt schüttelte den Kopf. „Nur ein junges Paar, sie und ihr Kleines. Aber ich kenne sie gut. Dann war da noch dieser junge Narr, der kurz vor Euch ankam. Er war im gegenüberliegenden Zimmer. Marrow war sein Name. John Marrow. Aber er war zu betrunken, um …“

Verdammnis hallte in Romans Gedanken. Er ergriff die Kerze der Frau, dann nahm er drei Stufen auf einmal. Die Brettertür krachte auf und gab den Blick auf ein leeres Zimmer frei. Roman fluchte in stillem Ernst, dann wandte er sich zu dem Paar, das ihm die Treppe hinauf gefolgt war. „Wie sah er aus?“

„Er … Er …“ Herr Krahn blickte finster drein, während er das Zimmer musterte. Im Bett war nicht geschlafen worden. Nichts war am falschen Platz. „Er war ein korpulenter Mann. Mittelmäßig groß … Denke ich. Er hat mich geweckt. Ich …“

„Welche Farbe hatte sein Haar? Was hatte er an?“

„Er trug einen Hut. Er hat sein Gesicht bedeckt. Er war ganz dunkel gekleidet. Er hatte mich gerade aufgeweckt. Ich konnte nicht viel sehen.“

Roman holte tief Luft und beruhigte sein Gemüt. Jetzt war nicht die Zeit, die Kontrolle zu verlieren. „Erzählt mir vom Schatten“, sagte er gleichmäßig.

Krahn zog seine großen Schultern zurück und senkte seine Brauen. „Der Schatten“, murmelte er, als ob er erst jetzt den Vorfall mit dem Namen in Verbindung brachte. „Es heißt, er sei der Geist eines alten Bettlers, der in der Laurel Street lebte.“

Die Ehefrau hielt sich neben ihrem Gatten zurück. „Manche sagen, er nimmt von den Reichen und gibt denen, die in Not sind.“

„Nun, ich bin in Not“, sagte Roman mit tiefer Stimme und ballte seine Fäuste. Der Wirt hob seinen Knüppel. Seine Frau duckte sich hinter seinem Rücken, aber Roman schritt an den beiden vorbei in sein eigenes gemietetes Zimmer.

Er brauchte nur einige Augenblicke, die beiden anderen Schurken zu wecken und zu befragen. Aber trotz seiner Drohungen und ihrer offensichtlichen Furcht erzählten sie ihm nicht mehr als das, was er bereits wusste. Wenn die Halskette fort war, war der Schatten vor ihnen da gewesen.

Roman richtete sich auf und spürte, wie Wut seinen Körper durchflutete, als er Richtung Treppe ging.

„Wo … wo geht Ihr hin?“, fragte die Frau.

„Einen Schatten fangen“, sagte Roman und schritt in die Nacht hinein.

***


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

Das E-Book kaufen.

Lois Greiman schreibt historische sowie zeitgenössische Romantik und humorvolle Chick-Lit. Die Autorin und passionierte Reiterin lebt auf einem kleinen Pferdehof und veröffentlichte bereits über dreißig Romane, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden.

Emma Finch über ihren spannenden neuen Roman


Worum geht es in deinem Buch
Die Spur der Kristalle?

In meinem Roman geht es um die junge Lehrerin Caitlyn Brown, deren Leben genauso normal erscheint wie ihr Nachname: Sie lebt in einer Kleinstadt im südenglischen Surrey zusammen mit ihrem Vater Richard, ihrem Bruder Henry und dessen Frau. Ihre Mutter starb zehn Jahre zuvor an Krebs.

Autorin Emma FinchObwohl es eine seltsame Häufung sonderbarer Ereignisse in den Sommerferien ist, erkennt sie zunächst keinen Zusammenhang zwischen der denkwürdigen Begegnung mit einem Mann im schwarzen Anzug, dem plötzlichen Todesfall mitten im Londoner Hyde Park und dem  Päckchen ohne Absender, das ihr während eines Kurztrips zugestellt wird.

Das ist natürlich nur der Anfang einer Reihe von Begebenheiten, die sie auf die walisische Insel Anglesey, ins Britische Museum, in den Snowdonia Nationalpark und ins Back Country führen. Außerdem hat nicht nur ihr neuer Chef Leichen im Keller, sondern auch ihr Pate, der Duke of Anglesey, hütet brisante Geheimnisse.
So dauert es eine Weile, bis sie die Teile wie Puzzlestücke zusammensetzt, und erkennt, dass nicht der Zufall und erst recht nicht sie selbst die Spielregeln bestimmen. Erst, als sie durch alte, in Sütterlin geschriebene Briefe mehr über das Schicksal ihrer deutschen Großmutter und deren Familie erfährt, begreift sie, dass sie Teil eines größeren Plans ist, der es in sich hat …

 

Was brachte dich auf die Idee zur Geschichte?

Als erstes gab es den „Mann im schwarzen Anzug“ in meinem Kopf, der auf einer belebten Straße mit einer Frau zusammenstößt. Irgendwie war mir klar, dass diese Begegnung kein Zufall ist, und da man als Autorin notorisch neugierig ist, habe ich die zwei sehr gründlich im Auge behalten.

 

Woher kommt deine Faszination für geheimnisvolle Geschichten?

Brief Konrad an Karo vergilbt - pingErbgut, nehme ich an. Meine Oma hat mir früher jedes Mal, wenn ich bei ihr übernachten durfte, spannende und manchmal auch unheimliche oder mysteriöse Geschichten erzählt. Sie wohnte im Wald und wenn wir abends in ihrem riesigen Bett mitten zwischen den dicken Federbetten lagen und draußen die Bäume rauschten, rutschte ich immer tiefer zwischen die Kissen. Aber wehe, sie hörte auf zu erzählen oder vertröstete mich, ich musste doch wissen, wie es weitergeht!

Irgendwann habe ich angefangen, mir selbst Geschichten zu den Geschichten auszudenken oder Geschichten weiterzuspinnen, die ich gelesen hatte. Bis ich begonnen habe, die dann auch aufzuschreiben hat es aber sehr lange gedauert, denn irgendwie war ich immer der Meinung, das machen nur andere.

Bis heute liebe ich Geschichten mit vielschichtigen Geheimnissen und Verwicklungen und interessanten Figuren.

 

Was war für dich die größte Herausforderung beim Schreiben?

Die größte Herausforderung war und ist jedes Mal aufs Neue, die Ideen zu der Geschichte, die sich ja wie im echten Leben mehrdimensional in Raum und Zeit abspielt, in eine sinnvolle Erzählreihenfolge zu bringen, die zwischen zwei Buchdeckel passt. Ideen neigen ja auch häufig dazu, nicht in passender Reihenfolge aufzutauchen, sodass man nicht nur ständig ein Auge auf die logischen Zusammenhänge haben, sondern den Plot auch flexibel anpassen muss. Meine LeserInnen möchten ja verstehen, worum es geht und nicht mit Fragezeichen im Gesicht dasitzen.

Außerdem finde ich manchmal schwierig zu entscheiden, was wirklich wichtig für die Geschichte ist und was man auslassen kann. Manche Szenen, die ich mir ausdenke, passen leider nicht wirklich zum Plot. Manchmal kann man sie umschreiben und trotzdem verwenden, andere sollten dann doch besser ausgelassen werden. Diese Entscheidung zu treffen ist gar nicht so leicht.

 

Hast du eine Fortsetzung geplant?

Die ist in Arbeit und erscheint Ende des Jahres. Ich kann die arme Caitlyn ja nicht einfach an der Klippe hängen lassen …

  

Welche der Schauplätze hast du schon selbst bereist?

In Südengland und London bin ich bereits gewesen und habe dort viele Inspirationen gefunden. Wales und Anglesey stehen in jedem Fall auch noch auf meiner Liste, doch leider hat meine Zeit bisher noch nicht dafür gereicht.

Pottenstein kenne ich auch, da ich in Franken lebe und dann kenne ich natürlich meine Heimatstadt Dortmund wie meine Westentasche.

Ach ja und nicht zu vergessen die Ysgol Glasmaris – die gibt es zwar nicht wirklich, aber wem das Kloster Maulbronn ein Begriff ist, der wird viele Gemeinsamkeiten entdecken. Auf meiner Homepage gibt es auch ein paar Bilder dazu.

 

Wie sahen deine Recherchen zum Roman aus?

Wie immer, wenn ich recherchiere, surfe ich zunächst mit unterschiedlichen Ideen kreuz und quer durchs Internet, lasse mich inspirieren und lese dann gezielt nach, was ich für geeignet halte.

Zu verschiedenen Themen suche ich mir natürlich auch Experten, denn Lesen alleine bildet zwar, aber ein guter Rat oder Hinweis sind Gold wert. So hat mir eine Kunsthistorikerin den Grundriss des Internats auf Grundlage der Klosteranlage in Maulbronn entworfen und mir außerdem eine wunderbare Ausstellung im Britischen Museum konzipiert, die genau zum Plot passt. Es hat viel Spaß gemacht, mit ihr Ideen-Ping-Pong zu spielen.

Tatsächlich beschreibe ich auch ein paar Dinge im Roman, die echt sind. Liese, die Kuh, beispielsweise und Prinz, der Spitz, die gab es wirklich und ebenso den tragischen Unfall der kleinen Elisabeth, die nur drei Jahre alt wurde. Außerdem habe ich die Erlebnisse verschiedener mir bekannter Personen als Impulse für Ereignisse und Figuren des Romans genommen.

Gründliche Recherche ist schließlich das Salz in der Buchstabensuppe eines Romans.

 

Mit welcher Figur aus Spur der Kristalle würdest du gern mal für einen Tag tauschen?

Oh je, das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, ich würde mit allen Hauptfiguren gerne einmal für einen Tag tauschen. Beinahe jede(r) von ihnen hat nämlich Geheimnisse, die sie selbst mir noch nicht verraten haben und die würde ich doch ganz gerne mal kennen.

Aber wenn ich mich nur für eine entscheiden sollte, dann wäre es Emrys, der Duke of Anglesey. Selbstverständlich kennt er die Queen persönlich und wer würde der nicht mal gerne einen informellen Besuch zum Cream tea abstatten? Scones, clotted cream und Erdbeermarmelade inklusive. Milk in first or tea in first?

 

Und mit welcher Figur würdest du auf keinen Fall tauschen wollen?

Spoiler! Daher nur so viel: Mit dem/den Antagonisten. Auf keinen Fall! Nicht mal für eine Minute.

 

Was hast du bisher veröffentlicht?

Neben rund einem Dutzend krimineller Kurzgeschichten habe ich unter meinem richtigen Namen Sabine Fink drei Regionalkrimis um die Erlanger Kommissarin Maria Ammon und ihre kölsche „Azubine“ Michelle Schmitz geschrieben.

In „Kainszeichen“, in dem Maria allerdings noch nicht die Hauptfigur ist, geht es um Bausünden, die den Bauleiter das Leben kosten, als er ihnen auf die Spur kommt. Als seine Verlobte zufällig auf Ungereimtheiten im Zusammenhang mit seinem Tod stößt, und die Bauunternehmer, ein Brüderpaar, damit konfrontiert, gerät sie selbst in Lebensgefahr.

Der Feind deines Feindes ist dein Freund – das ist das Motto von „Judasbrut“, in dem nicht nur die Erlanger Bergkirchweih in Gefahr ist. Maria und Michelle haben bei dieser Geschichte alle Hände voll zu tun, herauszufinden wer Feind und wer Freund ist – und wer Verräter.

In „Dreikampf“ wird der Triathlon im fränkischen Roth von Todesfällen überschattet, bei deren Aufklärung Maria nicht nur ziemlich langen Atem beweisen muss, sondern selbst auf eine Weise involviert wird, die ihr ziemlich an die Substanz geht.

  

Welches Buch liest du gerade?

Ich lese gerade den Thriller „City of endless night“ aus der Agent-Pendergast-Reihe des amerikanischen Autorenduos Douglas Preston und Lincoln Child.

Da ich mich nie mit dem Genre beschäftigen kann, in dem ich auch schreibe, halte ich mich wieder einmal im literarischen Ausland auf.

Das E-Book kaufen.

Emma Finch wurde Ende der 60er am Rande des Ruhrgebiets geboren. Bereits in der Schule schlüpfte sie gern in andere Rollen, doch anstatt Theater spielt sie seit einigen Jahren mit den Figuren in ihrem Kopf. Während ausgedehnter Wanderungen vermischt sie Realität und Fiktion zu spannenden Plots und würzt sie mit einem Schuss Romantik. Beruf und Freizeit führten sie schon kreuz und quer durch die Weltgeschichte.
Besonders gern lässt sich sich von der wildromantischen Landschaft des Vereinigen Königreichs inspirieren. Wenn sie nicht auf Reisen ist, lebt sie mit Familie und Hund in Mittelfranken und schreibt unter ihrem richtigen Namen Sabine Fink Regionalkrimis um die Erlanger Kommissarin Maria Ammon und mörderische Kurzgeschichten.

Dorothea Stiller über ihren neuen Liebesroman

Dorothea Stiller AutorinWorum geht es in deinem Buch Lehrstunden des Herzens?

Es geht um eine junge Frau, die in einer Welt voll rigider sozialer Regeln und Zwänge ihren Weg geht und um ihr persönliches Glück und ihre Liebe kämpft.
Durch einen schweren Schicksalsschlag sehen Clara und ihre Schwester sich von der Mittellosigkeit bedroht und sollen möglichst schnell unter die Haube gebracht werden. Als eine Verwandte die beiden Mädchen den Brüdern Sir Nicholas und Captain Laurence Harding vorstellt, geraten die beiden Schwestern zwischen die Fronten in einem intriganten Spiel.

So kommt es, dass Clara zum wiederholten Male einen Heiratsantrag ablehnt und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen muss, indem sie auf Lynham Hall als Gouvernante für die Töchter des Earls of Wiltmore arbeitet. Doch ihr Leben verkompliziert sich noch weiter, als sie im Garten des Anwesens wortwörtlich über einen attraktiven Fremden stolpert.

Was hat dich zu dieser Liebesgeschichte bewegt?

Ich habe Anglistik und Germanistik studiert und schon im Studium haben die Romane von Jane Austen und die Zeit der Regentschaft im England des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Sense and Sensibility (Sinn und Sinnlichkeit) habe ich gelesen, als ich ein Jahr als Assistant Teacher in England verbracht habe. Es war eines von vielen Büchern, das im Bücherschrank in meinem Zimmer im Haus der Gastfamilie stand. Die habe ich nach und nach alle verschlungen. Und dann noch der unvergessene Alan Rickman als Colonel Brandon in der Verfilmung von Ang Lee mit Emma Thompson, Kate Winslet und Hugh Grant … da war es um mich geschehen.
Mich fasziniert diese Zeit, da sie eine Zeit der schnellen Wandlung und Entwicklungen ist. Zwar geprägt durch strenge gesellschaftliche Normen und Zwänge, doch begriffen im Aufbruch in die Moderne. Eine Zeit, in der Frauen nicht viel zu lachen hatten, doch in der sich auch langsam die Frauenbewegung entwickelte. Und natürlich auf der anderen Seite auch eine Zeit der Galanterie, ohne moderne Technik und die Hektik, die wir heute kennen. Für mich – ebenso wie die viktorianische Ära – eine faszinierende geschichtliche Epoche. Schon lange wollte ich einen Roman schreiben, der in dieser Zeit spielt, und habe mich dann einfach mal getraut und mir etwas überlegt, wobei ich mich an klassischen Vorbildern orientiert habe.

Wie lange hat die Arbeit an dem Roman gedauert?

So etwa drei Monate. So genau kann ich das immer gar nicht sagen, weil ich oft an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite.

AutorenkatzeHast du ein besonderes Schreib-Ritual?

Wenn ich diszipliniert bin, stehe ich morgens früh auf, mache Frühstück für die Kids, schmiere das Schulbrot für den Großen und schreibe dann ein wenig. Dann gehe ich laufen und wenn die Kinder aus dem Haus sind, setze ich mich mit dem Laptop an den Esstisch und schreibe.
Jetzt durfte ich längere Zeit keinen Sport machen und bin erstmal aus dem Tritt. Da muss ich mich mal wieder am Riemen reißen, um wieder in die Routine zu kommen. Da bekommt man nämlich mehr geschafft.
Was für mich dazugehört, ist immer ein schönes heißes Getränk, meistens Kaffee, aber auch gerne Tee aus einer meiner zahlreichen Tassen.

 Wie sieht dein Schreibtisch aus, wenn du gerade mitten in der Arbeit an einem Manuskript steckst?

 Ich schreibe am Laptop und sitze dann im Wohnzimmer an unserem Esstisch. Da ist es dann meistens eher chaotisch. Ich versuche, mich öfter dazu zu bringen, im eigentlichen Arbeitszimmer zu schreiben und dann auch auf den großen Bildschirm umzustellen, aber da ist der innere Schweinehund meistens stärker. Oft sitze ich auch auf dem Sofa mit dem Laptop auf den Knien.

 Gibt es reale Vorbilder für deine Figuren?

In diesem Falle nicht. Allerdings suche ich mir zu den Hauptfiguren meistens Fotos heraus, damit ich eine genauere Vorstellung von ihrem Aussehen habe.

Was ist die größte Stärke von Clara, deiner Hauptfigur?

 Ich denke, ihre Intelligenz und ihre Integrität. Sie ist gebildet und literarisch interessiert. Sie lässt sich nicht so schnell zu etwas bewegen, das gegen ihre Überzeugungen spricht. Lieber nimmt sie Schwierigkeiten und Umwege in Kauf.

Und was ist ihre größte Schwäche?

 Sie versucht, es allen recht zu machen und gerät dabei zwischen die Fronten. Und natürlich funkt ihr auch das dumme Herz immer wieder dazwischen und sie tut der Liebe willen Dinge, die vielleicht nicht gerade opportun oder vernünftig sind.

 Der Roman spielt im England des frühen 19. Jahrhunderts. Wie hast du dich beim Schreiben in diese Zeit versetzt?

Dorothea Stiller im InterviewIch habe viel aus der Zeit und über die Zeit gelesen und recherchiert. Und wie gesagt habe ich mich mit Regency und viktorianischer Zeit auch schon im Studium auseinandergesetzt. Ich muss immer aufpassen, dass ich mich bei der Recherche nicht verzettle, denn man kann so viel Interessantes lesen – zum Beispiel über die spannende Frage: „Was haben die gemacht, wenn sie bei einer Abendgesellschaft mal aufs Klo mussten?“ oder „Welche Spiele haben Kinder zu der Zeit gespielt?“ und so weiter.

Würdest du selbst gern einmal ins 19. Jahrhundert zurückreisen?

 Ja. Aber nur, wenn ich wieder in meine eigene Zeit zurückreisen könnte. Unter den gesellschaftlichen Bedingungen als Frau zu leben würde mich frustrieren.

Wie sehr haben die Klassiker von Jane Austen dich beim Schreiben geprägt?

 Ich habe alle gelesen und/oder als Verfilmung gesehen. Beim Schreiben habe ich mich daran orientiert, aber versucht, eine modernere Erzählweise zu verwenden. Jane Austens auktoriale Erzählweise, bei der sie die gesellschaftlichen Gepflogenheiten so herrlich ironisch kommentiert, kann ich natürlich nicht imitieren, also versuche ich es gar nicht erst. Beim Erzählen bin ich also näher an den Personen geblieben und habe alles aus Claras Perspektive betrachtet.

Ist eine Fortsetzung geplant?

 Jain. Derzeit arbeite ich an einem zweiten Regency-Roman (und ein dritter ist geplant), allerdings ist es nicht direkt eine Fortsetzung. Die neue Geschichte spielt drei Jahre nach Lehrstunden des Herzens. Die Leser werden Lady Beresford wiederbegegnen. Doch die muss in dieser Geschichte nicht nur ein junges Mädchen möglichst erfolgreich unter die Haube bringen, sondern wird dabei noch zur unfreiwilligen Ermittlerin in einem verzwickten Mordfall. Es ist also keine direkte Fortsetzung, sondern eher ein Spin-Off.

 Was hast du bisher veröffentlicht?

Ich habe bisher drei zeitgenössische Liebesromane veröffentlicht, die wohl am ehesten unter den Begriff „Chicklit“ passen – also humorvolle und romatische Geschichten aus dem Alltagswahnsinn einer Frau.
(Conny und die Sache mit dem Hausfrauenporno, Einmal, keinmal, immer wieder und Love on Air – Verliebt in London – alle erschienen bei Forever by Ullstein). Außerdem habe ich einen Kurzroman geschrieben, der auf der Isle of Mull spielt und eine Mischung aus Mystery und Liebesgeschichte ist (Das Geheimnis der schottischen Insel – Kindle Singles).
Unter meinem offenen Pseudonym Katharina Stiller schreibe ich für Kinder und Jugendliche. Mein Roman Schicksal, Traumprinz und das große Glück ist im Frühjahr 2017 bei Kosmos erschienen. Meine England-Geschichte Herzschmerz und Pommes Frites mit Essig habe ich 2016 im Selfpublishing veröffentlicht und weitere Projekte sind in der Pipeline.

Was und wo ich unter meinem geschlossenen Pseudonym schreibe, das verrate ich natürlich nicht. 😉

 

Das E-Book kaufen.

Dorothea Stiller machte ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche mit Kurzgeschichten und Fan-Fiction. Ihr Debütroman Conny und die Sache mit dem Hausfrauenporno, eine romantische Komödie erschien 2014 bei Forever by Ullstein. Es folgten weitere romantische Komödien sowie ein Jugendbuch für Mädchen im Kosmos-Verlag. Ihre große Liebe gilt der englischen Sprache und Literatur. Seit über 25 Jahren beschäftigt sich die Autorin auch mit Tarot und seinen vielfältigen Anwendungen, speziell für kreative Prozesse. Am liebsten schreibt die Westfälin bei einer schönen Tasse Kaffee. Deswegen hat sie einen kleinen Tassen-Tick und hat einige hübsche oder originelle Exemplare angesammelt.

Homebase fürs Herz

Kapitel 1

 

Savannah Thomas war ein geduldiger Mensch.

Sie hielt es bis zu drei Stunden in Telefonwarteschlangen aus. Sie fädelte in Seelenruhe den dicksten Bindfaden durch das dünnste Nadelöhr. Sie hörte Mrs. Bernard, ihrer dementen Nachbarin, täglich bei derselben Geschichte zu. Sie erklärte Jake Braker, dem notorischen Womanizer der Delphies, immer wieder aufs Neue, wie man ein Kondom benutzte, aus Angst, er könne an einer Geschlechtskrankheit verrecken. Und erst letztens hatte sie ihre Q-tips gezählt und zu einem wackeligen Haus zusammengeklebt, als nichts Gutes im Fernsehen gekommen war.

Aber auch Savannah hatte Grenzen. Und eine davon war, wie es so wollte, eine Frau, die sich seit einer geschlagenen halben Stunde nicht abwimmeln ließ, sich anhörte, als habe sie ein weinendes Kind verschluckt und nicht einmal ihren Vornamen kannte!

„… und er sagte doch, dass er sich melden würde!“

„Tatsächlich.“ Savannah bohrte die Spitze ihres Bleistifts so fest in die Schreibtischplatte, dass sie darin stecken blieb.

„Ja!“ Das hysterische Schluchzen der Frau wurde lauter und Savannah sah sich dazu gezwungen, den Hörer von ihrem Ohr wegzuhalten.

„Ich meine, wir haben uns geküsst, ist das denn gar nichts wert?“

„Ich weiß nicht, kommt auf den Kuss an, würde ich sagen.“

„Er war spektakulär! Aber alles, was er mir gegeben hat, ist diese Nummer. Und da müssen Sie doch verstehen, wie mich das aus der Bahn wirft, wenn am anderen Ende eine Frau abhebt. Ich wusste ja nicht, dass Sie seine Assistentin sind.“

„Ich bin nicht seine Assistentin“, stellte Savannah klar und hörte sich dabei womöglich wie ein Hund an, dem sein Knochen weggenommen wurde. Tatsächlich hielt sie es auch nicht für ausgeschlossen, dass sie heute noch jemanden biss, denn Cole Panther hatte ihre Nummer an einen wildfremden Menschen weitergegeben! Schon wieder! Das war das vierte Mal diese Woche. Und es war erst Mittwoch!

„Aber Sie sagten doch, dass Sie für ihn arb-“

„Ja, ich arbeite in seiner Organisation, aber nicht als seine Assistentin“, erklärte sie abgehackt und riss den Bleistift mit Gewalt wieder aus dem Holz. Er brach entzwei und rollte in den Stapel Haftnotizzettel, der den größten Teil ihrer Arbeitsfläche bedeckte.

„Ach so.“ Eine kurze, nachdenkliche Stille folgte, bevor die Frau schniefend fragte: „Aber warum gibt er mir denn dann Ihre Nummer?“

Weil er ein verdammter Feigling ist, der sich nicht mit seinen billigen Verflossenen herumärgern will!

„Er muss wohl die hinteren Ziffern vertauscht haben.“

Hatte er nicht.

„Das ist mein Arbeitshandy.“

War es nicht.

„Und die Nummern der Delphies-Organisation unterscheiden sich nur in ihren letzten Zahlen.“

Taten sie nicht.

„Oh, also meinen Sie, es war ein Versehen?“

Um Gottes willen, nein! Cole Panther tat nie etwas aus Versehen. Denn das könnte ja Spaß machen – und Spaß zerknitterte seinen Anzug.

„Vielleicht könnten Sie mit ihm reden und meine Nummer weiterleiten?“

Savannah biss die Zähne zusammen und stand von ihrem Stuhl auf. „Oh ja, ich rede mit ihm“, versprach sie gepresst und stieß mit ihrer freien Hand die Bürotür auf.

„Das wäre wunderbar.“ Die Frau hatte aufgehört zu schluchzen, was Savannahs Ohren ungemein freute. „Ich würde ihn wirklich gerne wiedersehen. Er war so charmant.“

Mit welchem Cole Panther war die Frau nur ausgegangen? Es gab neunundneunzig Worte, mit denen Savannah Cole Panther beschrieben hätte. Charmant war keines davon. Aber das erste war Arsch und das zweite Loch.

„Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er mich mag“, plapperte die Frau munter weiter.

Savannah verdrehte die Augen, während sie in langen Schritten die Distanz zum Fahrstuhl überwand, hineintrat und auf den Knopf für das oberste Stockwerk drückte. Auch das bezweifelte sie, denn Cole Panther mochte keine Menschen. Es war ihr schleierhaft, warum er überhaupt mit Frauen ausging, wo sie ihn doch allesamt nur zu nerven schienen.

Die Fahrstuhltüren schlossen sich und sie hoffte schon, dass die Verbindung abbrach, aber natürlich hatte sie selbst in der blechernen Büchse Empfang. Gott, sie hätte ja aufgelegt, aber sie war PR-Beraterin und die konnten es sich nicht leisten, einen schlechten Ruf zu haben.

„Er hat mir so viele Komplimente gemacht, den ganzen Abend über. Glauben Sie, er wird noch einmal mit mir ausgehen?“

Super. Genau die Frage, die Savannah nicht hatte hören wollen. Sie hätte die Frau anlügen können, aber sie brachte es einfach nicht übers Herz. Es war ja nicht ihre Schuld, dass Cole Panther ein kaltherziger Bastard war.

„Wissen Sie, ich würde mir nicht allzu große Hoffnungen machen. Mister Panther ist einfach sehr beschäftigt“, sagte Savannah und hatte Mühe dabei, ihre Zähne auseinanderzureißen. „Er … hat zurzeit mit einer schlimmen Geschlechtskrankheit zu kämpfen und erst letzte Woche Hämorriden entfernt bekommen. Nehmen Sie es ihm nicht übel. Er nimmt ständig Schmerzmittel und weiß einfach nicht mehr, was er tut. Er hat gestern sogar seine Haartransplantation vergessen, dabei steht der Termin seit Monaten fest. Ich fürchte, seine gesundheitlichen und beruflichen Verpflichtungen lassen eine Beziehung zurzeit einfach nicht zu.“

So, jetzt fühlte sie sich besser. Wenn Cole je wieder mit Miss Heulsuse sprach, würde sie in die Hölle kommen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das passierte, lag ungefähr bei minus dreitausend Prozent. Savannah machte sich also keine Sorgen.

„Oh, aber warum meldet er sich dann bei einer Dating Seite an?“

Dating Seite?

Savannahs Kinnlade klappte herunter. Cole Panther bei einer Online-Partnervermittlung? Das passte ungefähr so gut wie … ein Haifisch in ein Goldfischglas, die Nazis auf die helle Seite des Mondes oder Donald Trump in einen Friseursalon.

„Ich hab‘ absolut keine Ahnung“, sagte Savannah wahrheitsgemäß. „Keinen blassen Schimmer.“

Mit einem Ping öffneten sich die Fahrstuhltüren. Savannah war so verdattert über die Information, die sie soeben erhalten hatte, dass sie sich mehrere Minuten lang nicht bewegte. Erst als die Türen sich bereits wieder schlossen und die Frau am Telefon Anstalten machte, das Gespräch fortzusetzen, erwachte sie wieder zum Leben.
Eine Dating Seite – das erklärte einiges! Definitiv schon mal die Tatsache, dass sie in den letzten drei Tagen Anrufe von vier heulenden Frauen hatte entgegennehmen müssen, die ihr versicherten, dass Cole Panther die Liebe ihres Lebens sei. Wieso außerdem die halbe Organisation bei ihr durchklingelte, um Nachrichten für Panther Junior zu hinterlassen, war Savannah dennoch schleierhaft.

„Ja, na gut“, wiederholte Savannah, trat aus dem Fahrstuhl und wandte sich nach rechts, zu dem riesigen gläsernen Büro, das einen Ausblick auf das dahinterliegende Baseballstadion gab. „Sie entschuldigen mich, ich habe jetzt einen wichtigen Termin.“

„Oh, natürlich. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Savannah antwortete nicht, sondern legte einfach auf. Sie beschleunigte ihren Schritt, froh darüber, dass sie ihre Schuhe heute ausnahmsweise mal anbehalten hatte. Mit der einen Hand stopfte sie das Handy in ihre Blazertasche, mit der anderen stieß sie ohne Ankündigung die Glastür auf. Sie war wohl etwas zu energisch gewesen, denn die Tür knallte mit einem zufriedenstellenden Klirren gegen die dahinterliegende Glaswand.

Cole Panther saß tief in den Chefsessel gelehnt, die langen Beine ausgestreckt, das Telefon an sein Ohr geklemmt, hinter seinem Schreibtisch. Seine hellblaue Krawatte saß makellos, die schwarzen Haare hielt er für vierhundert Dollar im Monat kurzgeschnitten – Gott bewahre, sie könnten seinen Hemdkragen beschmutzen! – und seinen Dreitagebart stutzte er auf eine respektable, gepflegte Länge. Mit der freien Hand machte er sich Notizen auf einem Block, der mittig auf dem ebenfalls gläsernen und penibel ordentlich gehaltenen Schreibtisch lag. Seine eisblauen Augen fixierten sie fragend, während er unbeirrt weiterredete.

„… drüber gesprochen, Miles. Ich habe das Budget selbst überprüft und bin bereit, bis zu zwei Millionen Dollar nach oben zu gehen. Weiter nicht.“

Savannah funkelte ihn an, überwand die restliche Distanz und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Ja, sie wusste, dass Cole Panther ihr Vorgesetzter war.

Ja, sie wusste, dass er milliardenschwer war.

Ja, sie wusste, dass viele Leute Angst vor ihm hatten.

Aber sie wusste auch, dass Höflichkeit einen im Leben nicht weiterbrachte. Wenn man sich einschüchtern ließ und sich nicht verteidigte, dann war es schwer, aus dem Muster auszubrechen. Und sie würde sich nie wieder herumschubsen lassen.

„Ich bin nicht deine verdammte Assistentin!“, zischte sie.

Cole hob eine Augenbraue, zog ein Taschentuch aus seiner Anzugtasche hervor und wischte langsam den Fettfleck von seiner Arbeitsfläche, den Savannahs Faust dort hinterlassen hatte, während er gelassen in den Hörer sprach.

„Mich interessiert der Weg nicht. Mich interessieren Ergebnisse. Und wenn Sie mich diesmal enttäuschen, Miles, dann werde ich Sie vielleicht aus der Gleichung nehmen müssen. Es ist Ihr verdammter Job, den Preis auf eine respektable Größe zu drücken, die abschließenden Verhandlungen führe dann ich.“

Savannah riss ihm das Taschentuch aus der Hand und ließ es auf den Boden fallen.

„Ich bin nicht deine Assistentin!“, wiederholte sie laut. „Hast du mich verstanden? Würdest du also in Gottes Namen damit aufhören, deinen Freundinnen meine Telefonnummer zu geben?“

Cole hob einen Finger in ihr Gesicht und wandte seinen Kopf ab, während er weiter in den Hörer sprach.

„Sie hören mir jetzt mal zu! Es ist mir egal, wie viele Kinder Ihre Frau bekommen hat. Es ist mir egal, dass Sie sich Mühe geben. Ich will Jimmy Rodriguez und Sie sind dafür verantwortlich, dass ich ihn bekomme! Und wenn das nicht passiert, werde ich sehr ungehalten.“

„Cole“, sagte Savannah ernst und schlug seinen Finger weg.

Aus dem Finger wurde die ganze Hand und aus Savannahs anfänglichem Unmut wurde Wut.

„Cole!“, sagte sie lauter. „Ich möchte, dass du mir sofort versprichst, nie wieder meine Nummer an eines deiner Bimbos weiterzugeben! Und wenn du das Telefonat jetzt nicht beendest, werde ich deine Privatnummer auf Facebook posten.“

Cole Panther seufzte laut, ließ die Hand sinken und sagte ins Telefon: „Entschuldigen Sie mich, Miles, ich werde gerade von einer Frau angeschrien … nein, machen Sie sich eher um ihren Job Sorgen. Das mit den schreienden Frauen passiert mir öfter. Also – leiten Sie es einfach in die Wege.“

Er legte auf, faltete die Hände auf dem Schreibtisch und sah sie frostig an. „Ich hätte dir nie meinen Vornamen anbieten dürfen“, stellte er schließlich nachdenklich fest. „Offensichtlich lässt dich dieser Umstand vergessen, dass ich dein Boss bin.“

Savannah schnaubte und verschränkte die Arme. „Du hättest mir deinen Vornamen und deinen erstgeborenen Sohn anbieten müssen, für all das, was ich für dich tue – gleichwohl nichts davon in meinen Aufgabenbereich fällt.“

„Setz dich doch, Savannah“, sagte er ungerührt und deutete auf den Stuhl zu ihrer Rechten. „Ich habe das Gefühl, dass dieses Gespräch länger dauern wird.“

„Das muss es nicht, wenn du einfach meine Privatnummer aus deinem Speicher löschst – wie bist du da überhaupt drangekommen?“

„Sie steht in deiner Personalakte. Und warum sitzt du immer noch nicht?“

Sie ließ sich auf den Stuhl sinken und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. „Ich sage es jetzt zum letzten Mal: Ich bin nicht deine Assistentin, Cole!“

Cole runzelte die Stirn. „Wer ist es dann?“

„Keine Ahnung. Wo ist die Blondine, die bis gestern noch am Schreibtisch vor deinem Büro saß?“ Savannah wandte sich um und sah durch die Glastür auf den leeren Arbeitsplatz.

„Die habe ich gefeuert. Hing dauernd bei Facebook rum.“

„Nun, dann hast du keine Assistentin“, sagte Savannah schlicht.

„Richtig. Und aus genau diesem Grund brauche ich dich.“ Er sprach, als würde er einer Siebenjährigen erklären, dass es den Weihnachtsmann nicht gab.

Genervt presste Savannah die Lippen aufeinander. „Ich bin PR-Beraterin, keine Sekretärin.“

„Wenn ich mich nicht irre“, meinte er langsam und ließ die Fingerkuppen auf den Tisch tippen, „dann warst du die letzten Tage beides.“

„Ja, weil du einfach allen meine Telefonnummer gibst, meine private noch dazu! Aber das muss aufhören. Ich habe einen anderen Job. Dann musst du eben ohne Hilfe auskommen.“
„Aber ich bin der Chef der gesamten Organisation. Mir gehört das Team.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. „Wie kann ich da keine Assistentin haben?“

„Weil du so unerträglich bist, dass du alle vergraulst!“, fuhr Savannah ihn an.

Das verleitete Cole doch tatsächlich zu einem Lächeln. „Weißt du eigentlich, wie oft ich jeden anderen schon dafür gefeuert hätte, wie du mit mir redest?“

Oh, bitte. Welch eine leere Drohung. Er konnte sie nicht feuern. Er wäre aufgeschmissen ohne sie! Sie war nun einmal die Beste und das wusste er.

Sie verdrehte die Augen und Coles Lächeln wurde breiter.

„Du erinnerst dich aber schon daran, dass ich deinen Gehaltscheck unterschreibe, oder?“, fragte er interessiert. „Du scheinst diesen Umstand in der letzten Woche erschreckend oft vergessen zu haben.“

„Ja, du hast recht. Du unterschreibst meinen Gehaltscheck. Den als PR-Beraterin, nicht als Assistentin!“

Seufzend lehnte Cole sich im Sessel zurück. „Aber du scheinst zusammen mit Sam die einzige kompetente Person in dieser Institution zu sein.“

„Na, dann frag doch Sam, ob er für dich mit deinen Betthäschen Schluss macht! Ich wette, das kann er ganz wunderbar.“

Cole schüttelte den Kopf. „Nein, er ist zu weich. Er kann den armen Frauen nicht das Herz brechen. Du hingegen …“

„Sag mal, was an den Worten Ich bin nicht deine Assistentin verstehst du nicht?“, fragte Savannah fassungslos. „Wie kann es sein, dass wir immer noch darüber diskutieren?“

Sie wusste ja, dass Cole Panther es gewöhnt war, seinen Willen zu bekommen. Dennoch musste er doch langsam dazulernen. Er arbeitete immerhin seit einem Jahr mit ihr zusammen und sollte sich außerdem noch daran erinnern können, was mit seinem Anzug geschehen war, als er sie gebeten hatte, ihn aus der Reinigung abzuholen. Savannah war geübt darin, sich gegen ältere, größere, stärkere, einflussreichere Menschen zu behaupten. Herrgott, sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, sich gegen Menschen durchzusetzen, die sie von Ort zu Ort hatten schieben wollen. Und verdammt sei sie, sich von Cole Panthers Autorität überrollen zu lassen – die er zugegebenermaßen in Massen besaß. Alles an ihm war eindrucksvoll, kühl und berechnend. Nur, weil sie diesen Umstand ignorierte, hieß das noch lange nicht, dass sie sich dessen nicht bewusst war!

„In Ordnung. Reden wir darüber.“ Cole legte die Hände auf den Tisch und bedachte sie mit einem abschätzenden Blick. Die Art von Blick, die er aufsetzte, sobald er in Verhandlungen trat. Der Blick, der ihn zu einem der verdammt besten Anwälte der Stadt gemacht hatte, bevor er den Chefposten der Delphies, Philadelphias Baseballmannschaft, übernommen hatte. Der Blick, der keine Widerrede zuließ.

„Du sagst, ich unterschreibe nur deinen Gehaltscheck als PR-Beraterin – ich sage, fügen wir noch einen für dich als meine Assistentin hinzu.“

Savannah schnaubte. „Für kein Geld der Welt würde ich-“

„Ich gebe dir dreißigtausend Dollar für die nächsten zwei Monate.“

Savannah riss die Augen auf und fiel beinahe vom Stuhl. War das sein Ernst?

„Das ist mein voller Ernst“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Sie starrte ihn an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und stellte dann verblüfft fest: „Meine Güte, du bist ja richtig verzweifelt.“

 


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.

Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

 

Das E-Book kaufen.

Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.