Verlieben verboten

1
A wie Ankunft

Ganz ruhig, ich habe keinen Grund, nervös zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich zitternd in meinem Mini vor einem Gefängnis sitze, in das ich gleich eingesperrt werde.

Nein, es handelt sich nur um ein Haus. Und ich liebe dieses Haus, den Kontrast zwischen seinen himbeerroten Holzbalken und der sandfarbenen Fassade. Vor den Fenstern hängen Großpapas handgeschmiedete Blumengefäße, aus denen sich Großmamas bunte Zauberglöckchen ergießen. Wie jeden Sommer tanzen Zitronenfalter auf den Blüten in der Morgensonne.

Leider wohnt meine Mutter mit ihren beiden Töchtern darin, meinen Schwestern also. Stiefschwestern, um genau zu sein.

Ein Fluchtinstinkt zwingt meine Vernunft in die Knie und meine Füße streiten sich darum, welcher zuerst auf das Gaspedal treten darf. Sie wollen hier schnellstmöglich wieder verschwinden. Auch meine Hände mischen mit. Hektisch stecke ich den Autoschlüssel zurück in die Zündung.

Ich bin so was von feige.

»Kann ich Ihnen helfen?« Ein fremdes Männergesicht mit schokobraunen Wuschelhaaren taucht im geöffneten Fenster der Fahrertür auf. Vor Schreck drehe ich am Schlüssel, was der Motor mit Geheul beantwortet. Mein rechter Fuß malträtiert nervös das Gaspedal und erhöht den Lärm nicht unbeträchtlich.

Mein Auto springt nach vorn und der Mann zur Seite.

Für einen Moment überlege ich, unerkannt zu türmen. Ich könnte lügen, ich hätte mich verfahren. Doch noch ehe ich mit diesem Gedanken fertig bin, wird ein Fenster in der zweiten Etage der alten Gutsvilla aufgerissen.

»Lucinda Lynette! Wer auch sonst!« Die Stimme meiner Mutter nimmt es locker mit dem Röhren des Minis auf. Ihr Drillton passt so gar nicht zu ihrer aparten Erscheinung.

Okay, unerkannt zu türmen, erledigt sich gerade, jetzt bleibt mir nur noch, zu türmen.

Ich würge den Motor ab. Bleiben wäre vernünftiger. Und bin ich nicht die Vernunft in Person? Ich schnalle mich stets an, bevor ich mein Auto starte, und ich trage einen Helm, wenn ich Fahrrad fahre. Zumindest mit meinem Rennrad, mein altes Damenrad für zwischendurch zählt nicht so richtig. Schließlich passt meine meist hochgesteckte Lockenflut nicht unter den Helm. Aber wenn es eine Helmpflicht gäbe, würde ich mich natürlich daran halten.

Der Fremde öffnet die Fahrertür und wartet, dass ich aussteige. Nun gut, ich bin erwachsen, ich bin selbstständig und ich weiß, was ich kann.

Hilfe, ich will nicht! Denn ich weiß genauso gut, was ich nicht kann: Ich kann mich nicht mit meiner Mutter und meinen Stiefschwestern innerhalb eines Bundeslandes aufhalten.

»Komm endlich!«, fordert meine Mutter. »Es gibt genug für dich zu erledigen!«

Ungelenk wie eine Marionette kraxele ich aus dem Auto und versuche es bei dem Fremden mit einem Lächeln. Meine Gesichtsfarbe toppt mit Sicherheit das Chilirot des Minis.

»Sie sind also Lucinda.« Sein Grübchenlächeln heizt meinem Teint noch mehr ein. Das sind nur die Nerven, beruhige ich mich selbst. Und diese moosgrünen Augen!

»Cinda«, murmele ich.

»Und Herr Priens«, fährt die Stimme meiner Mutter auf uns herab, »wenn Sie sich bitte in das Arbeitszimmer meines Schwiegervaters begeben würden? Sie haben dort einen Termin. Jetzt!«

Rumms. Das Fenster knallt zu und ein paar rote Zauberglöckchenblüten aus dem Blumenkasten davor rieseln herab.

Der Gerügte schiebt den Ärmel seines weißen Hemdes ein wenig nach oben, blickt auf seine Armbanduhr und verzieht den Mund. »Ich fürchte, Ihre Mutter hat recht.« Er reicht mir seine Hand und sieht zu mir herunter. Normalerweise bin ich die Große, aber bei ihm könnte ich sogar meine höchsten High Heels tragen, ohne wie eine Giraffe zu wirken, die mit dem Zoowärter kuschelt. »Sie bleiben hoffentlich, nachdem ich schon so wagemutig Ihren Fluchtversuch vereitelt habe.« Seine Augen unter den dunklen Wimpern glitzern und verhindern, dass sich mein hüpfendes Herz beruhigt.

»Wenn ich schon mal hier bin …«, stammele ich.

Zögernd lässt er meine Hand los. »Wir sehen uns später?«

»Sicher.« Oh toll, sicher, mehr fällt mir nicht ein? Innerlich klatsche ich mir mit der Hand gegen die Stirn. »Ich meine, natürlich gern.« Klasse, ich werde immer eloquenter.

Sein Lächeln verstärkt sich und zaubert ihm ein weiteres Grübchen ins Gesicht. Er nickt mir zum Abschied zu und läuft ein paar Schritte rückwärts, dabei streicht er sich eine Schokohaarsträhne aus der Stirn, wendet sich um und verschwindet durch den Haupteingang ins Haus.

Wer ist er nur?

Ein neuer Angestellter, ein neuer Sommelier, der Sohn des Bürgermeisters, ein Prinz?

Der rüde Ton meiner Mutter scheint ihn nicht zu stören oder er hat sich schon daran gewöhnt. Obwohl – ich habe mich in siebenundzwanzig Jahren noch nicht daran gewöhnt. Aber möglicherweise bin ich ja nur zu empfindlich und ein klitzekleines bisschen voreingenommen.

Vielleicht wird es ja gar nicht sooo schlimm. Immerhin feiern wir die siebzigsten Geburtstage meiner Großeltern. Zu dem großen Galaessen und dem anschließenden Ball am Sonntag werden viele Gäste auf dem Weingut von Grafenberg erwartet. Darunter Politiker und Weingourmets, deren Geldbeutel mindestens den Umfang des Weihnachtsmannsackes haben, und nicht zu vergessen die A-, B- und C-Promis. Die zu umgarnen – ob sie wollen oder nicht – zählt zu den Hobbys meiner Mutter und meiner Stiefschwestern. Das sollte die drei genug von mir ablenken.

Schwungvoll öffne ich den Kofferraum, um mein Gepäck auszuladen.

Da kommt es bereits schlimmer.

In ungebührendem Abstand zu mir bremst ein Auto und die aufgewirbelten Kieselsteine spritzen gegen meine nackten Beine. Aus der fahrenden Flunder, in die laut Fahrzeugschein sicher nur ein Fahrer, ein halber Beifahrer und eine XXS-Luxushandtasche passen, entfalten sich meine beiden Stiefschwestern.

Wie immer, wenn wir uns eine Weile nicht gesehen haben, kann ich kaum glauben, dass die beiden Schwestern sind. Zumindest äußerlich lässt nichts auf ihren gemeinsamen Genpool schließen. Mozartkugel versus Zuckerstange – mit angeklebten Macadamianüssen.

»Da bist du ja endlich!« Asta, die älteste von uns, zuppelt an dem Riesenausschnitt ihres Oberteiles, das kaum bis zu ihrem solariumbraunen Bauchnabel reicht. Dann streicht sie sich ihre blondgefärbten Spaghettihaare glatt. »Die Schneiderin hat totalen Mist gebaut. Sieh zu, dass du mein Kleid bis heute Abend wieder in Ordnung bringst.« Sie stapft auf dreizehn Zentimeter hohen Designerabsätzen in Richtung Haus. Wie kann sie solch schönen Schuhen nur so viel Gewalt antun!

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, rufe ich ihr nach. »Und natürlich kümmere ich mich gerne um deine Robe.«

Ricarda zieht aus ihrer Umhängetasche in der Größe eines Kinderzeltes einen Strohhut und setzt ihn sich auf ihren erdbraunen Schopf. Das ist wahrscheinlich die beste Lösung, denn ihr neuer Bob betont exakt die Konturen ihres vollmondrunden Gesichtes.

Sie nickt mir huldvoll zu. »An meinem Kleid sind bei der Anprobe ein paar Nähte aufgeplatzt. Wehe, das passiert mir wieder!« Ein zweites Nicken, dann watschelt Ricarda an mir vorbei zum Haus. Der Hosenstoff rund um ihren Kugelpo dehnt sich dabei bis zum Äußersten.

»Dann solltest du anstatt Kakaobohnen lieber grüne Bohnen mampfen«, murmele ich für Ricarda unhörbar.

Warum tue ich mir das an? Nach all den Jahren attackieren sie mich noch genauso wie früher.

Ich trete von einem Bein auf das andere und starre in den geöffneten Kofferraum. Klappe zuschmeißen und nach Hause fahren oder Koffer rausholen und bleiben?

Für einen Moment schließe ich die Augen. Der Wind raschelt neben mir durch die Blätter des Kastanienbaumes, der die Gutsvilla überragt. Die Sonne wärmt meinen Nacken und ich rieche den erdigen Duft der Weinberge um mich herum. Unzählige Male habe ich als Kind mit meinem Großpapa die langen Gänge zwischen den Spalieren durchstreift. Noch heute kann er die Geschichte jedes einzelnen Rebstockes erzählen.

An diesem Wochenende geht es um den Ehrentag meiner Großeltern – eigentlich Stiefgroßeltern, aber das spielt keine Rolle. Die beiden wurden am selben Tag geboren und sind nicht nur in dieser Hinsicht ein außergewöhnliches Paar.

Ich werde es mir nicht nehmen lassen, mit ihnen zu feiern. Mein Großpapa und meine Großmama sind meine wahre Familie, die anderen sind mir egal, sind mir egal, sind mir egal.

Ach, wem erzähle ich das. Sie sind mir nicht egal.

Aber ich könnte so tun als ob.

 

2
S wie Staub

Ich stelle die beiden Rollkoffer vor meinem Zimmer im Flur ab. Hier könnte man ohne Teller vom Boden essen, wenn man dabei nicht krümeln würde, genau wie im Rest des Hauses. Dafür sorgt meine Mutter als Dirigentin von einem halben Dutzend Haussklaven, ich meine natürlich: Hausangestellten.

Langsam betrete ich meine alte Stube unter dem Dach. Mein Bett gegenüber der Tür, Großpapas Lesesessel unter dem Dachflächenfenster, mein Nähtisch neben dem Kleiderschrank – es sieht alles unverändert aus. Nur die Staubschichten erinnern daran, wie lange ich schon nicht mehr hier gewesen bin. Vor neun Jahren habe ich meine Möbel mit Laken abgedeckt; das war drei Tage nach meinem Abitur und der Tag, an dem ich quer durch das Land nach Berlin geflohen bin, um Modedesign zu studieren.

Ich entferne ein angegrautes Laken von meinem Nähtisch und der Staub, den ich dabei aufwirbele, vernebelt mir die Sicht. Ich muss niesen, einmal, zweimal, dreimal.

Auf Zehenspitzen stemme ich meine ausgestreckten Arme gegen den Querriegel des Dachflächenfensters und nach zwei erfolglosen Versuchen gelingt es mir, das Riesending hochzudrücken. Das Sonnenlicht flutet herein und bahnt sich seinen Weg durch die tanzenden Staubflocken, dabei erreicht es auch die versteckteste Ecke meines Minizimmers. Interessanterweise scheint selbst an trüben Tagen in meinem Zimmer die Sonne und dennoch bleibt es immer angenehm warm, genau so, wie ich es gerne mag.

Ich liebe das alte Weingut und ich fühlte mich in meinem kleinen Reich unter dem Dach immer geborgen – wenn mich meine Verwandtinnen ersten und zweiten Grades nicht gerade aufstöberten. Was gnädigerweise selten passierte, denn zwischen ihnen und mir befinden sich zwei mal zwei Treppen mit je zwölf Stufen.

Dennoch gehöre ich nicht hierher. Ich habe noch nie hierhergehört. Kurz nach der Hochzeit meiner Mutter mit meinem Stiefvater Frank wurden Asta und Ricarda eingeschult, zwei Jahre später auch ich, allerdings in einem Internat, etwa zwei Stunden von Grafenburg entfernt. Während meiner Grundschulzeit fuhr ich an den Wochenenden mit dem Zug nach Hause, doch im Laufe der Jahre wurden die Besuche weniger, bis ich irgendwann nur noch in den Ferien und zu den Geburtstagen meiner Großeltern heimkehrte.

Dafür besuchten die beiden mich regelmäßig und manchmal blieb einer von ihnen sogar für ein paar Tage bei mir. Diese Tage hüte ich in meiner Erinnerungsschatzkiste. Und noch heute füge ich ihr wertvolle Tage hinzu.

»Hier sieht es ja aus!« Ich wirbele herum und stehe Asta gegenüber, die pikiert ihre Nase rümpft. Wie immer hat sie sich nicht mit Anklopfen aufgehalten und wie immer sehe ich darüber hinweg, zumindest äußerlich. Innerlich lodern ein paar Flämmchen in mir auf. »Du solltest wirklich schneller aufräumen. Mein Kleid kannst du schlecht in diesem Dreckzimmer fertig nähen.«

Mit einem pinken Kleidersack auf dem Arm dreht sie sich um sich selbst und hinterlässt dabei eine Spur in dem Staub auf den Holzdielen. Sie hat ihre High Heels gegen Cowboyboots getauscht. Schwitzt sie sich darin nicht ihre Füße käsig?

»Dann hilf mir doch«, schlage ich ihr vor.

»Sei nicht albern.« Asta zwirbelt eine ihrer Wasserstoffsträhnen und lugt in meinen Kleiderschrank. Doch auch darin stapeln sich Wollmäuse. Da Asta partout keinen Platz für ihr Kleid findet, verlässt sie mein Zimmer wieder. Einzig der Geruch ihres Zuckerparfums bleibt im Raum kleben. »Ich komme in einer Stunde zurück, sieh zu, dass du dann fertig bist«, ruft sie mir aus dem Flur noch zu.

Na, das wollen wir doch mal sehen. Ich werde ihr Kleid kreuz und quer zunähen. Die Zeiten, in denen sie mich hin und her gescheucht hat, sind vorbei, jetzt bin ich erwachsen, jawohl, ich bin eine erwachsene, selbstbewusste Geschäftsfrau.

»Und denk dran«, Asta steckt noch einmal ihre teure Nase in mein Zimmer. »Die Großeltern legen viel Wert auf unser Familienessen heute Abend. Großvaters Herz hüpft in letzter Zeit öfter mal außer Takt. Du solltest besser nichts machen, was ihn aufregt.«

»Großpapa ist krank?« Mein starker Bärengroßpapa? Doch Asta feixt nur und verschwindet – und die erwachsene, selbstbewusste Geschäftsfrau verschwindet mit ihr.

Mein Magen gefriert zu einem Eisklumpen. Ich muss mich zwingen, Asta hinterherzulaufen. Im Flur stoße ich mit unserer Hausdame zusammen – nur gut, dass sie so weich gepolstert ist.

»Cindalein«, begrüßt sie mich und drückt mich an sich, schiebt mich wieder weg, runzelt die Stirn und umarmt mich erneut. Ich verschwinde fast in ihrer walkürenhaften Umarmung. »Ich will dir rasch helfen, dein Zimmer zu richten. Eigentlich wollte ich längst hier sein, aber ich musste einiges anstellen, um der jungen Frau von Grafenberg zu entwischen. Grade bin ich im Keller, um die Weinflaschen abzustauben. Als ob ich je ein Körnchen Staub an die guten Flaschen lassen würde!« Sie malt bei dem Wort ‚bin’ Anführungsstriche in die Luft und schüttelt den Kopf, sodass ihre silbernen Löckchen hin und her schwingen. »Und danach bekommst du einen schönen Braten von mir, mit ordentlich Specksoße. Du bist zu dünn!« Ja, ja, wie immer.

»Das ist nett, Hilla, danke. Aber ich muss erst mal zu Großpapa.«

»Die alten Herrschaften von Grafenberg sind nicht im Haus, Schätzelchen.« Hilla streicht sich ihre schwanenweiße Spitzenschürze glatt und geht an mir vorbei in meine Stube.

»Er hat doch eine Besprechung in seinem Arbeitszimmer?« Ich laufe ihr hinterher.

»Da findet ein Treffen mit dem Gutsverwalter statt, aber ohne den alten Herrn von Grafenberg. Er und die alte Frau von Grafenberg sind in die Stadt gefahren, sie haben einen Termin in der Klinik.«

Es stimmt also, was Asta gesagt hat. Für einen Moment lehne ich mich an die Zimmerwand, da meine Knie nicht mehr den Rest meines Körpers tragen wollen. Mein Magen schrumpft auf Linsengröße und mein Herz verhundertfacht sein Gewicht.

»Ach Schätzelchen.« Hilla streicht mir über die Wange, ihre rauen Hände riechen vertraut nach Weinbeeren. »So schlimm ist es schon nicht. Heute Abend zu eurem großen Familienessen seht ihr euch dann.«

Ich nicke steif und richte mich auf. Wie ich meinen Großpapa kenne, wissen die Angestellten nichts von seinen Gesundheitsproblemen. Also atme ich tief durch und ziehe meine Mundwinkel nach oben.

»Danke für deine Hilfe«, flüstere ich und beginne mit ihr, mein Zimmer wieder bewohnbar zu machen.

Ich hänge gerade das letzte Teil meiner Garderobe in den blitzsauberen Kleiderschrank, als Asta und Ricarda mein Zimmer stürmen. Beide werfen sie ihren Kleidersack auf mein Bett.

»Was ist das?« Asta drängt sich neben mich, ich ziehe gerade noch rechtzeitig meinen Fuß zur Seite, bevor sie ihn mit ihren Stöckelschuhen durchbohren kann. Wechselt sie eigentlich stündlich ihre Schuhe? Vielleicht nach einer Schuhuhr?

Asta reißt einen Kleiderbügel von der Stange und betrachtet mein silbernes Kleid durch ihre wasserblauen Kontaktlinsen. Das echte Braun darunter lässt ihre Augen immer ein wenig fleckig wirken.

»Mein Kleid für den Geburtstagsball übermorgen.«

»Wo hast du das her?«

»Aus meiner Boutique natürlich.« Woher auch sonst. Schließlich lebe ich davon, Kleider zu entwerfen, und ich bin stolz darauf, sie selbst zu nähen.

Vor zwei Jahren habe ich mein eigenes Geschäft in Berlin eröffnet, mit meinen eigenen Kleiderkollektionen. Ich spüre, was in den Kleiderschränken der Frauen fehlt, damit sie sich gut angezogen, weiblich und schön fühlen. Diese Begabung beschert mir einen treuen Kundinnenstamm. Es erfüllt mich mit tiefer Befriedigung, wie die Frauen strahlen, wenn sie bei mir IHR Kleid finden. Und es ist für jede etwas dabei, egal ob Apfelpo, Wespentaille oder Schwimmerschultern.

»In das Kleid passt doch keine richtige Frau rein«, urteilt Asta und lässt es samt Bügel fallen. »Ups. Na macht nichts, bügeln gehört bekanntlich zu deinen Stärken.« Und da ein Schlag für Asta nicht ausreicht, stöckelt sie mit ihren Pfennigabsätzen noch einmal ordentlich darüber. Mit verschränkten Armen lehnt sie sich dann an meine Kommode neben dem Bett.

Wut schießt mit Schallgeschwindigkeit durch meinen Körper und entzündet ein Feuer. Ich meine fast, den Brandgeruch riechen zu können. Wie kann sie es nur wagen, mein Kleid so zu behandeln? Falsch – wie kann sie es nur wagen, mich so zu behandeln?

Normalerweise weiche ich jeglichem Streit aus, denn Streit verursacht mir körperliche Schmerzen, von meinen Haarwurzeln bis zu meinen lackierten Fußnägeln. Doch dieses Mal verbrennt die Hitze in mir den Schmerz.

Nach drei großen Schritten stehe ich vor Asta und richte mich vor ihr zu meiner vollen Größe auf. Trotz des Duells meiner nackten Füße gegen ihre High Heels sehe ich ihr direkt in die Augen.

»Ach, Ricarda«, wendet sich Asta an ihre Schwester, die derweil mit einem Schokokeks mein Bett vollkrümelt. »Findest du es nicht niedlich, wie sehr sich Großvater und Großmutter auf unser Familienessen freuen? Wir alle mal wieder zusammen, an einem Tisch, friedlich miteinander vereint. Wer weiß schon, ob es nicht das letzte Mal sein wird.« Astas Blick schmerzt mich, als würde sie Messer nach mir werfen – und sie trifft.

Das Feuer in mir erstickt augenblicklich.

Wieso hält meine Wut nicht ein Mal so lange an, wie ich brauche, um einen Streit für mich zu entscheiden? Ich hasse es, dass ich Streit so hasse. Vielleicht zeigt sich hierbei das Erbe meines namenlosen Vaters. Immerhin verließ er meine Mutter kommentarlos, wenige Minuten nachdem sie ihm von ihrem Verdacht erzählte, sie könnte schwanger sein. So kann man Streitereien auch aus dem Weg gehen.

Ich gehe von Asta weg und hebe mein Ballkleid vom Boden auf, langsam glätte ich die Atlasseide, die sich wie geschmolzenes Silber über meinen Arm ergießt. Zart streiche ich über die Kristallranken, mit denen ich das enge, schulterfreie Oberteil bestickt habe, und ziehe es über einen Samtbügel. Die kleine Schleppe lege ich über einen zweiten Bügel und hänge beide zurück in den Schrank. In dreifacher Zeitlupe schließe ich die Türen. Erst dann habe ich mich beruhigt und die Tränen der Wut über mich selbst weggeblinzelt.

Ich drehe mich zu meinen Stiefschwestern um. Ricarda pickt sich die Kekskrümel von ihren Händen und Asta lehnt weiterhin an der Kommode, ihr Grinsen reicht von hier bis nach Eastwick. »Was kann ich für euch tun?« Und ich tue es nicht für euch, sondern für meinen kranken Großpapa. Aber das werde ich euch nicht auf die Nase heften. Meine Herzfrequenz gleicht noch immer der eines Kolibris.

Asta schnappt sich ihren pinken Kleidersack vom Bett, dabei rutscht Ricardas hinunter. Ohne sich darum zu scheren, drückt sie mir ihren in die Arme. »Die dumme Schneidertrine hat mein Kleid völlig vermurkst. Es ist viel zu lang und der Ausschnitt ist winzig. Ich will, dass mein Dekolleté zur Geltung kommt.« Asta ruckelt an ihrem XXL-Busen. »Schließlich wird an unserem Essen das wichtigste Mitglied meiner zukünftigen Familie teilnehmen.« Bei dem Wort Glied zwinkert sie ihrer Schwester zu. Wieder ziert ein Teufelsgrinsen ihr überschminktes Gesicht, ehe es sich zu einer Grimasse verzieht. »Mist, wäre ich bloß noch schnell nach Paris geflogen, aber nein, ich war leider unpässlich.«

»Dann hättest du deine Brust-OP lieber nach den Geburtstagen durchgeführt.« Ricarda legt ihren Kleidersack zurück auf das Bett und streicht sich über ihre Brust. »Mein Busen sitzt perfekt.«

»Du mit deinen runden Dingern«, schießt Asta zurück. »Die taugen höchstens zum Milchgeben. Meine Mädels und ich, wir beschäftigen uns mit anderen Dingen.« Asta schleckt sich mit ihrer spitzen Zunge über die Lippen. Ich muss mich schütteln und Ricarda verdreht die Augen.

»Also gut«, räuspere ich mich. »Kürzen und Ausschnitt vergrößern, das wird eine Weile dauern.«

»Und vergiss nicht mein Kleid, die Nähte sind echt Schrott«, mümmelt Ricarda, die sich doch tatsächlich aus ihrer Hosentasche einen Schokoriegel gezerrt hat.

»Warum hast du dich nicht für eine Nummer größer entschieden? Dann hätten die Nähte sicher gehalten.«

»Ich trage genau die Nummer, die mir passt. Wenn ihr Schneiderinnen immer alles so eng nähen müsst, ist das euer Pech.« Und schon landet der nächste Haps in ihrem Mäulchen.

»Tja, meine Liebe, die stärksten Nähte halten nicht aus, was Schokolade schafft«, murmele ich.

»Wie bitte?« Ricarda hört für einen Moment auf zu kauen, während Asta gehässig lacht. Wobei sie bei dem Thema nichts zu lachen hat, schließlich lebt sie in einer Art Dauerdiät, die sie lediglich für Orgien mit Gummibärchengästen unterbricht, so zwei-, dreimal in der Woche. Das war schon während unserer Teenagerzeit ein offenes Geheimnis und daran hat sich bis heute nichts geändert, wie mir Hilla lachend erzählt hat.

»Da seid ihr ja!« Meine Mutter rauscht in das Zimmer mit drei weiteren Kleidersäcken in den Armen. Ihr französischer blonder Zopf windet sich an ihrem Hals entlang über die Schulter bis zum ersten Knopf ihrer Kostümjacke. Wer braucht schon Schmuck, wenn er solch eine Haarpracht sein Eigen nennt? Ein zartes Honigaroma verbreitet sich im Raum. Die Luft fühlt sich plötzlich so aufgeladen an, wie in den Minuten vor dem ersten Blitzschlag eines Sommergewitters. Feine Gänsehaut überzieht meine Arme und die Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Ich kann Gewitter überhaupt, absolut und gar nicht leiden!

»Soeben sind unsere Ballkleider aus Paris eingetroffen«, donnert sie auch schon los. »Da François leider nicht persönlich Maß nehmen konnte, wird Lucinda Lynette die notwendigen Anpassungen vornehmen.«

Meine Mutter fordert mich mit einem Kopfnicken auf, ihr die Kleidersäcke abzunehmen. Sie öffnet meinen Kleiderschrank, nimmt nacheinander die Hälfte der Kleiderbügel mit meinen Sachen von der Stange und schmeißt sie über den Nähtisch. Die restlichen Bügel schiebt sie zusammen, nimmt mir ihre Kleidersäcke wieder ab und hängt sie hinein. Dann sieht sie mich heute zum ersten Mal direkt an. Wie ein Spiegelbild stehen wir uns gegenüber – nur glänzt ihre Seite makellos und meine wirkt verschmiert.

»Wie du aussiehst! Deine Haare sind völlig eingestaubt! Und selbst dein Gesicht ist fleckig. Ich hoffe nur, in deinem Schneiderladen in Berlin wühlst du nicht ebenso in der Kaminasche. Ich muss mich wirklich für dich schämen. Wag es nicht, so verdreckt unsere Kleider in Ordnung zu bringen. Geh und wasch dich! Wir kommen gegen fünf zurück, das sollte wohl genügen, die Kleider meiner Mädchen zu richten. Dann probieren Asta Aimée und Ricarda Romainé die Ballkleider an und wir besprechen die Änderungen.«

Jeder Satz meiner Mutter knallt wie ein Peitschenhieb auf mich herab und ich stehe einfach nur da, erdulde die Schmerzen und warte auf das Ende ihrer Tirade. Anschließend nehme ich dies alles und stopfe es in die hinterste Ecke meines Gedächtnisses. Schnell schiebe ich meine Erinnerungsschatzkiste davor.

Nur leider wird es immer enger in meiner Kopfrumpelkammer.

»Und ihr«, wendet sie sich schließlich an meine Stiefschwestern, »kommt mit mir.«

Ricarda hangelt sich vom Bett, Kekskrümel bleiben dort zurück, wo ihr Po eine Kuhle in meine Decke gedrückt hat. Sie folgt mit Asta meiner Mutter bei Fuß. Erhobenen Hauptes verlassen sie mein Zimmer und ich beginne langsam wieder zu atmen.

 

3
C wie Café au sommeil

Das Bad grenzt an mein Zimmer. Früher musste ich eine Etage nach unten, wenn ich auf die Toilette oder mich waschen wollte. Doch meine Großeltern haben mir ein eigenes Bad einbauen lassen. Eigentlich sollte ich wie meine Geschwister und meine Mutter in der dritten Etage wohnen, das hätte aber einen größeren Umbau bedeutet und ich wollte meinen Großeltern die Zankerei mit meiner Mutter ersparen. Ich war ja kaum anwesend auf dem Gut. So versicherte ich meiner Großmama glaubhaft, wie wohl ich mich in meiner kleinen Stube unter dem Dach fühlte. Außerdem verbrachte ich die meiste Zeit ohnehin in den Zimmern meiner Großeltern.

Frustriert stütze ich mich auf dem Waschbecken ab und starre mein Spiegelbild an. Normalerweise strahlen meine Haare karamellblond, doch jetzt gerade sehen sie gräulich aus. Ich löse die Spange an meinem Hinterkopf und meine herabfallenden Locken wirbeln erneut Staub auf. Selbst meine Augen, die meine Großmama mit Kornblumen vergleicht, wirken gräulich.

Ich muss wieder niesen und beschließe, für eine Weile unter der Dusche abzutauchen.

Ich habe keinen Grund, Astas und Ricardas Kleider für heute Abend zu ändern. Dieser ungeheuerliche Gedanke setzt sich während des Duschens in meinem Kopf fest.

Und nun, mit frisch gewaschenen Haaren und einem sauberen Sommerkleidchen, fällt mir auch kein Gegenargument ein. Na ja, fast keins. Meine Stiefschwestern und meine Mutter würden mir die Hölle heiß machen, allein davon schleicht schon Übelkeit in mir herum.

Unschlüssig stehe ich vor den beiden Kleidersäcken, die ich an die Hakenleiste neben der Zimmertür gehängt habe. Was sie sich wohl ausgesucht haben? Bestimmt exquisite Stoffe, denn das können sie wirklich gut. Seidenduchesse? Kaschmir? Moiré?

Meine Finger nesteln an dem Reißverschluss von Astas Kleidersack herum. Nur ein winziges Blickchen?

Ich pfeife anerkennend. Pantherschwarzer Brokat quillt hervor – und um der Schneiderin zu ihrem Recht zu verhelfen: Das Kleid wurde erstklassig genäht.

Wenn ich den Ausschnitt diagonal vergrößern würde, könnte ich … Halt! Stopp!

Allerdings würde meine Weigerung nur für Unruhe beim Abendessen sorgen. Großpapa würde versuchen zu schlichten und sich grämen. Das will ich nicht. Außerdem empfinde ich nähen nicht als Arbeit, also warum sollte ich die Kleider nicht anpassen? Keine Übelkeit, kein Streit und dazu Wahnsinnsstoffe. Eigentlich mache ich das doch nur für mich!

Das Surren der Nähmaschine verstummt und ich durchtrenne den letzten Faden. Fertig.

Zufrieden wende ich Astas Kleid hin und her. Wie sie es wollte, habe ich den Brokatstoff gekürzt. Aus dem kleinen Schwarzen wurde ein winziges Schwarzes. Der Ausschnitt ist vorschriftsgemäß vergrößert und durch die Brüsseler Spitze, die ich an die Ränder genäht habe, fließt der Stoff und müsste Astas Riesendekolleté immer an genau der richtigen Stelle abdecken. Schließlich soll niemand seinen Appetit verlieren. Auch wenn Asta anscheinend für jemanden der Appetitanreger sein will. Was hatte sie doch gleich gesagt? Ihre zukünftige Familie würde heute Abend mit uns essen? Wen sie wohl damit meint?

Bei dem Gedanken an das Abendessen in ein paar Stunden knurrt mein Magen schon jetzt fordernd. Ich durchforste meinen Essensrucksack mit der Survival-Nahrung nach einem nachmittäglichen Menü: eine Handvoll Gummibärchen, zwei Riegel Pfefferminzschokolade und einen dunklen Schaumkuss richte ich auf meinem Teller mit den bunt aufgemalten Cupcakes an. Und fürs Gewissen lege ich noch einen Apfel dazu.

Über meinen Lesesessel hinweg klettere ich durch das Fenster hinaus und rutsche ein wenig auf dem Dach hinunter bis zu einem kleinen Vorsprung. Von hier oben überblicke ich den Vorplatz des Hauses mit der gewundenen Auffahrt, die Sonne scheint mir dabei warm auf die Nase und ein Sommerlüftchen streicht durch meine Haare. Die Weinberge des Gutes Grafenberg erstrecken sich bis zum Horizont, wo in der Ferne die Grafenburg thront. Die Großeltern meines Großpapas ließen die alte Burg einst in ein Museum umbauen, nachdem sie sich hier in dem komfortableren Gutshaus niedergelassen hatten.

Stück für Stück schleckere ich meine Süßigkeiten, wohl wissend, dass ich hineingehen müsste, denn es ist bereits kurz nach fünf. Ich zucke mit den Schultern, meine Stiefschwestern werden schon nach mir kreischen, wenn sie nach ihren Kleidern verlangen.

Vor meiner Abreise haben mich meine Freundinnen zu Hause ermahnt. Allen voran Viktoria, die toughe Unternehmensberaterin: »Sobald sie unverschämt zu dir werden, stell dich aufrecht vor sie, blicke ihnen in die Augen und sage ‚Nein’. Egal was sie von dir wollen. Kein ‚Nein, danke’ und schon gar kein ‚Nein, vielleicht’!« Worauf Rosanna, unsere Romantikerin, widersprach: »Sie haben sich ganz sicher geändert, sie sind jetzt reif und erwachsen. Vielleicht werden sie sich sogar bei dir entschuldigen. Du schaffst das.« Augenrollen von Viktoria. Zu guter Letzt zwinkerte mir Felina zweimal zu und hinterließ nach ihrer Umarmung ein wenig Orchideenstaub auf meiner Bluse. Dabei umschwirrte uns ein Aurorafalter. »Hör auf deinen Herzenswunsch.«

Statt meines Herzenswunsches höre ich vom Eingang unter mir Stimmen. Neugierig beuge ich mich nach vorn. Seite an Seite läuft der Fremde von heute Morgen mit Merle, Großpapas Sekretärin, zu ihrem weißen Corsa. Er öffnet ihr die Fahrertür und sie steigt ein.

Wer ist er nur? Wenn er ein Kunde wäre, würde Merle ihn begleiten und nicht andersrum.

Während er sich zu Merle hinunterbeugt, streicht er sich seine Wuschelhaare nach hinten. Eine sinnlose Geste, denn sie fallen ihm gleich wieder zurück in die Stirn.

Wie es sich wohl anfühlt, ihm seine Haare zu zausen?

Die beiden lachen, ich kann nur leider nicht verstehen worüber. Ich habe Merle noch nie so herzhaft lachen hören, sie ist immer so furchtbar ernst – wie eine Gouvernante aus früheren Zeiten. Unter ihrem strengen Blick heftet sogar mein Großpapa gelegentlich seine herumflatternden Dokumente ab.

Ich rutsche noch ein wenig näher an den Rand des Dachvorsprungs. Und das war es. Mein geliebter bunter Cupcaketeller mit dem halben Schaumkuss darauf segelt durch die Luft und landet klirrend, in mehrere Teile zersprungen, auf dem Kies.

Merle steigt wieder aus ihrem Auto und sieht mit offenem Mund zu mir hoch. Ihr Begleiter sieht ebenfalls hoch, grinst jedoch bei meinem Anblick, als würde ich allein zu seinem Vergnügen Teller vom Dach schmeißen.

»Brauchen Sie Hilfe, Fräulein Cinda? Ich rufe die Feuerwehr. Halten Sie sich gut fest.« Merle wühlt in ihrer Handtasche, doch der Fremde legt ihr beruhigend seine Hand auf den Arm.

»Ich denke, sie kommt allein klar«, sagt er lauter als nötig zu ihr und wendet sich dann an mich. »Sie finden den Rückweg sicherlich allein, Fräulein Cinda?«

Nein, nein, nein! Ich träume bestimmt nur. Ich bin doch sonst nicht so ungeschickt! Zumindest nicht so doll.

»Cinda!«, kreischt nun auch noch Asta aus dem Fenster über mir. Hätte ich mich heute Morgen bloß weiter schlafend gestellt, als mich der Wecker aus dem Schlaf riss.

Tippelschritt für Tippelschritt klettere ich zurück in Richtung Dachflächenfenster, fest entschlossen, in dieser Tragikomödie nicht noch eine Zugabe zum Besten zu geben. Irgendwie juckt es mich am Rücken, genau dort, wo ich Merles Blick und den ihres Begleiters vermute.

Verschwitzt lasse ich mich schließlich in den Sessel unter dem Fenster plumpsen. Den Flecken auf meinem lichtgelben Kleid nach zu urteilen, ist das Dach alles andere als sauber. Dazu haben sich ein paar Strähnen aus meinem Pferdeschwanz gelöst und hängen mir ins Gesicht. Mit klebrigen Schaumkussfingern klemme ich sie zurück in die Spange.

Vor mir stehen aufgereiht meine Mutter, Ricarda und Asta. Ich bin mir sicher, meine Mutter würde ihre Stirn runzeln, wenn sie sich nicht wegen ihrer nicht vorhandenen Falten zusammenreißen würde. Asta mustert mich mit ihrem Grinsen à la Diabolik und Ricarda knetet nervös ihre Finger. Vermutlich fehlt ihr das übliche Schokoladenspielzeug in den Händen.

»Lucinda Lynette!«, tönt meine Mutter, »manchmal frage ich mich wirklich, ob du meine Tochter bist.«

Wenn es nach mir ginge … So schnell, wie der Gedanke in meinem Kopf aufflackert, so schnell erwürge ich ihn. Ich bin nicht ihretwegen hier, ermahne ich mich und entspanne meine Hände, die ich zu Fäusten balle.

»Ich gehe mir die Hände waschen. Dort neben der Tür hängen eure Kleider.« Rasch stehe ich auf und laufe an ihnen vorbei ins Bad.

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Ich weiß, ich habe die Kleider tadellos umgearbeitet, dennoch richte ich mein Schutzschild gegen ihr Gemoser neu aus.

»Deine Nähte waren auch schon mal gerader«, brummelt Asta dann auch sogleich, als ich zurückkomme, und hält sich ihr Minikleidchen an den Körper. »Für heute Abend muss es wohl genügen.«

Ricarda streicht über die dreieckigen Seidenstücke, mit denen ich ihren Rock gerettet habe. Das Kleid entspricht nun eher ihrer natürlichen Kleidergröße.

»Und ich passe doch in eine Zweiundvierzig«, murmelt sie.

Meine Mutter breitet indessen die drei Ballkleider für die große Geburtstagsfeier übermorgen auf meinem Bett aus.

Nur – leider kann man nicht direkt von Kleidern sprechen. Ich sehe lediglich einzelne Stoffbahnen, die stellenweise lose mit einem Faden zusammenheften. Hier liegen zweifelsohne wunderbare Stoffe, aber eben nur Stoffe und keine Kleider.

»Das schaffe ich nicht bis zum Ball.«

»Sei nicht albern«, schnappt meine Mutter. »Du sollst nichts weiter tun als drei Kleider ein wenig anpassen. Heute Abend kannst du noch genug erledigen und dann steht dir morgen der ganze Tag zur Verfügung und übermorgen auch.«

»Ich bin aber hier, um Zeit mit meinen Großeltern zu verbringen.« Tränen steigen mir in die Augen. Oh bitte nicht, bitte nicht vor meiner Mutter.

»Du siehst sie nachher beim Abendessen. Außerdem weihen sie morgen im Burgmuseum einen umgestalteten Trakt ein und an ihrem Geburtstag kümmern sie sich um ihre Gäste.« Die Stimme meiner Mutter klirrt so eisig, dass die Tränen in meinen Augen gefrieren.

Doch das schmerzt mich nicht am meisten, ich habe gelernt, mit ihrem Eisatem umzugehen. Vielmehr sticht mich die Tatsache, dass meine Großeltern sich keine Zeit für mich nehmen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ob Großpapa kränker ist, als ich denke? Vor Sorge balle ich meine Hände wieder zu Fäusten.

»Mutter, was …«

Sie fällt mir in den Satz. »Hör auf zu heulen und passe die Kleider an.«

Es bringt nichts, sie würde mir eh nicht die Wahrheit über Großpapa sagen. In ein paar Stunden sehe ich ihn wieder, dann werde ich alles erfahren. Bis dahin halte ich auch noch durch. Ergeben greife ich deshalb nach meinem Maßband.

»Ich benötige nur deine Maße, Mutter. Astas und Ricardas habe ich noch von ihren Kleidern von vorhin.« Meine Stimme scheint einer Fünfjährigen zu gehören, die gerade in die dunkle Nacht ausgesperrt wird.

»Meine Maße sind seit deiner Geburt unverändert, du kennst sie«, spuckt sie mir entgegen. Sie winkt ihre Stieftöchter zu sich und rauscht mit ihnen aus dem Zimmer.

Eine Sturmflut aus Müdigkeit fegt über mich hinweg und ich rolle mich auf meinem Bett ein. Meine Mutter wird mir meine Geburt nie verzeihen. Sie war erst siebzehn und stand in Paris am Anfang einer beispiellosen Modelkarriere. Mit mir in ihrem dicken Bauch wurde sie fallengelassen. Sowohl von den Luxusdesignern als auch von ihrem Modelfreund, der nichts mehr mit ihr und diesem Balg in ihr zu tun haben wollte. Ihre eigenen Eltern hatten ihr schon vorher die Tür gewiesen. Nämlich als sie Ambitionen zeigte, als Model zu arbeiten, anstatt wie geplant auf die Haushaltsschule zu gehen und anschließend den ihr versprochenen Burschen aus dem Dorf zu heiraten. Ich glaube, da wo meine Mutter herkommt, ticken noch Analoguhren. Einer meiner Theorien zufolge wurzeln unsere aufwendigen Namen in diesem Dorf. Denn dort gibt es nur Lauras und Annas und Ritas und Danielas und das kam für meine Frankreich liebende Mutter nicht infrage, selbst wenn es nur der Name für mich war. Sogar Astas und Ricardas Namen wurden von meiner Mutter neu definiert – obwohl sie nicht einmal ihre leiblichen Töchter sind!

Am liebsten würde ich mich in den Schlaf sinken lassen. Doch wenn ich nicht gleich mit den Kleidern anfange, schaffe ich es nicht mehr. Außerdem will ich das Abendessen nicht versäumen.

Was ich jetzt brauche, kann mir nur ein Kaffee geben, ein großer Kaffee, ein doppelter großer Kaffee.

In der Gutsküche wirbeln die Köche für das abendliche Menü, während Hilla das makellose Silberbesteck poliert.

»Ich brüh dir frischen Kaffee, Schätzelchen.« Hilla nimmt mir den Becher aus der Hand, in den ich mir aus der Thermoskanne einschenken wollte, und drückt mir stattdessen ein Schmalzbrot in die Hand. »Der Kaffee ist noch von heut Morgen. Ich hab für dich eine besondere Bohne von einer kleinen Rösterei in Süditalien. Ich bring ihn dir hoch. Eine kleine Pause von dem Bienenstock hier kommt mir grad recht.« Dankbar nehme ich Hillas Angebot an und ein wenig froher gestimmt verlasse ich die Küche, um weiterzunähen.

»Hier, dein Kaffeezeug.« Asta steht mit einem Tablett in meiner Zimmertür. Ich knie gerade auf dem Boden, um ein Schnittmuster zu zeichnen. »Lass Hilla ihre Arbeit machen und belästige sie nicht mit deiner Koffeinsucht.« Sie knallt das Tablett mit der dampfenden Tasse auf die Kommode und stolziert aus dem Zimmer.

Was war das denn? Noch nie ist Asta zu mir gekommen, ohne etwas von mir zu wollen, und noch nie hat sie mir etwas gebracht.

Aber egal. Vielleicht wollte sie nur wegen der Kleider spionieren. Sie könnte mich ja dabei erwischen, wie ich faul im Bett liege und mein Tagewerk verschlafe.

Ich muss über mich selbst grinsen. Asta, Ricarda und meine Mutter sorgen schon dafür, dass mir nicht langweilig wird, dieses Spiel betreiben sie mit dem größten Eifer. Aber ich bin ja auch eine dankbare Zielscheibe!

Nun verkrümelt sich mein Grinsen. Ich halte einfach zu gerne die zweite Wange hin. Vielleicht habe ich ja eine Art Aschenputtelgen in mir? Ich kann gar nicht anders auf die äußeren Umstände reagieren. Immer das liebe Mädchen, das sorgfältig die Linsen aus der Asche aufliest. Nur dass meine Linsen die Stoffe sind und meine Asche die Nähmaschine.

Oder ich bin einfach nur feige.

Der verführerische Kaffeeduft bannt erfreulicherweise meine Gedanken. Gemütlich setze ich mich im Schneidersitz auf das Bett und halte die Tasse eine Weile einfach nur in den Händen, um das Aroma in all seiner Vielfalt zu genießen. Schluck für Schluck trinke ich dann die herbe Flüssigkeit.

Nach der Hälfte des Kaffees legt die Tasse an Gewicht zu. Und nach weiteren zwei, drei Schlucken entgleitet sie meinen Händen.


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Nadin Hardwiger wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.

Grabesschuld

Prolog

Es regnete seit Tagen. Ein kühler Herbstwind peitschte mit einem monotonen, trommelnden Geräusch dicke Regentropfen gegen das Fenster. Der hochgewachsene Mann hockte vorgebeugt in seinem speckigen Fernsehsessel im unbeleuchteten Wohnzimmer seiner kleinen Mietwohnung und rauchte. Nachdenklich drehte er den Joint in seiner rechten Hand und starrte ins Leere. Die einzige Lichtquelle im Raum war das blaue Licht des Fernsehers, der ohne Ton lief. Kurze Bildsequenzen und wechselnde Kamerapositionen sorgten für einen hektischen, flackernden Lichtschein. Das Programm interessierte den Mann nicht. Er nahm einen tiefen Zug von seinem Joint, blies den würzigen Rauch an die vergilbte Zimmerdecke und wandte den Blick träge hinüber zum Fenster. Es sah aus, als wolle er durch einen Wasserfall hinaus in die Nacht blicken. Das Licht der Straßenlaterne vor dem Haus warf einen hellgrauen Streifen auf den Boden des karg eingerichteten Wohnzimmers.

Herbst, dachte er fröstelnd. Das ist also der Herbst.

Er nahm noch einen tiefen Zug. Das Papier am Anfang der selbst gedrehten Zigarette glimmte sekundenlang auf wie ein zorniges Glühwürmchen. Er paffte genüsslich. Schwer hing die süßliche Dunstwolke im Raum und umhüllte seine massige Gestalt wie eine neblige Glocke.

Jetzt blickte er zum Fernseher und schüttelte verächtlich den Kopf. Ein so oberflächliches Medium, das vierundzwanzig Stunden am Tag das Leben aus zweiter Hand bot. Leerlauf fürs Gehirn. Leben aus der Konserve – diktiert von profilierungsgeilen Redakteuren irgendwelcher drittklassigen Magazine. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und stierte auf den kleinen Wohnzimmertisch. Die einst glänzende Glasplatte war staubblind. Das Kondenswasser von gekühlten Bierdosen hatte unansehnliche, klebrige Kränze auf dem Tisch hinterlassen. Die leeren Dosen hatte er in der Faust zusammengedrückt und auf den Tisch geworfen, wo sie scheppernd den kläglichen Rest ihres Inhaltes auf der Tischplatte verteilt hatten. Inzwischen war er bei der dritten Literdose angekommen. Sein Kopf war wie leer gefegt, und das war auch gut so. In einer Woche würde er die Bude räumen müssen. Räumen, weil er mit der Miete mehr als drei Monate im Rückstand war. Gestern hatte er die Kündigung seines Vermieters im Briefkasten gehabt. Renoviert und besenrein solle er die Wohnung hinterlassen.

Er würde dem Kerl eins scheißen, dachte er verächtlich und war froh, dass die Stadtwerke ihm noch nicht den Strom abgedreht hatten. Die Rechnung kam bestimmt auch noch, aber dann würde er hier schon nicht mehr wohnen.

Er beugte sich vor und griff nach der großen Bierdose, nahm einen tiefen Schluck, rülpste laut und dachte über sein beschissenes Leben nach. Arbeitslos. Hartz IV, Behördenärger am laufenden Band. Sie hatten ihm vor einem Monat einen Job in Neuss angeboten. Als Erntehelfer. Hatte jemand auf dem Amt vielleicht berücksichtigt, dass er nach einem Bandscheibenvorfall krankgeschrieben worden war und ein ärztliches Attest eingereicht hatte? Nein, natürlich nicht. Und außerdem hatte er kein Auto, mit dem er täglich an den Niederrhein hätte fahren können. Das heißt, den alten Passat besaß er ja noch. Aber die Kiste war seit einem halben Jahr TÜV-überfällig und nicht mehr verkehrssicher.

Nachdem er den Job in Neuss abgesagt hatte, hatten sie ihm die Zahlungen gestrichen. Er war wegen chronischem Pech und einem schweren Rückenleiden durch das soziale Netz gefallen. Niemand kam für seine Miete auf. Niemand unterstützte ihn, wenn er nachts schlaflos und hungrig in das schmierige Bett kroch und die Decke bis zum Gesicht zog. Niemand war da für ihn. Karin, seine Freundin, war jetzt seine Exfreundin. Sie hatte ihn mit seinem besten Freund betrogen, ihn als Versager beschimpft und war aus der ehemals gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Das Einzige, was ihm geblieben war, waren ein paar lausige Euro für Bier und Gras. Drogen, die er sich täglich gönnte, um sein beschissenes Leben ertragen zu können. Er hatte gebettelt, überall versucht an Geld zu kommen, um seinen Lebensunterhalt auch weiterhin bestreiten zu können. Als Arbeitsloser gab es Mittel und Wege, an Geld zu kommen. Nicht nur vom Arbeitsamt und der Arge. Soziale Einrichtungen, Freunde, Familie. Alle hatten ihn ausgelacht. Niemand hatte ihm auch nur einen einzigen Cent gegeben.

Doch damit war Schluss jetzt. Seine Zeit war gekommen. Es war die Zeit der Abrechnung. Lange hatte er an seinem Rachefeldzug gebastelt, jedes Detail bis ins Letzte überlegt und durchdacht. Und ab morgen würden die Uhren anders gehen. Er würde abrechnen. Vielleicht würden sie ihn endlich verstehen, wenn er ein Zeichen gesetzt hatte.

Seine Finger zitterten, als er den Stummel der Zigarette im Ascher ausdrückte und die Bierdose leerte, bevor er sie zusammenpresste wie ein wehrloses Tier, das gefangen war in seiner Hand. Er feuerte das dünne, zerknüllte Weißblech auf den Glastisch, wo es scheppernd einige Drehungen vollführte. Morgen würde sein neues Leben beginnen, dachte er, als er sich mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen schwer von Alkohol und Drogen erhob und ins Schlafzimmer kroch. Als hätte man bei ihm einen Schalter umgelegt, fiel er in das vom Vortag ungemachte Bett und schlief auf der Stelle ein.

Samstag

19.15 Uhr.
Kirche Herz Jesu.
Elberfeld.

Nachdem der letzte Besucher der Samstags-Messe gegangen war, erhob sich Klaus Gerber von seinem Hocker hinter der Orgel. Obwohl er die abendliche Messe sehr liebte, war er heute froh, dass der Gottesdienst zu Ende war. Während des abendlichen Orgelspiels hatte er wieder diesen Schmerz in der Brust verspürt. Das Stechen wurde schlimmer, und er fürchtete, bald nicht mehr an einem Besuch bei Dr. Bespin, seinem Hausarzt, vorbeizukommen. Irgendetwas schien mit seinem Herzen nicht in Ordnung zu sein.

Doch jetzt verwarf er den Gedanken schnell wieder und widmete sich seiner Arbeit. Der Küster schaltete das mächtige Musikinstrument ab. Seine Hände glitten liebevoll über das Holz. Bei der Orgel handelte es sich um ein ganz besonderes Instrument, denn der Kern des Klangwerks stammte aus einer lutherischen Kreuzkirche, während das prächtige Gehäuse aus einer alten Kirche in Holland kam. Eine Orgelbaufirma aus Höxter hatte aus beiden Komponenten dieses beeindruckende Instrument geschaffen, das auf den Wuppertaler Orgeltagen immer wieder Beachtung unter den Musikfreunden fand. Dem Küster war es eine Ehre, auf diesem besonderen Musikinstrument spielen zu dürfen.

Gerber atmete tief durch und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Viertel nach sieben. Pünktlich zur Tagesschau würde er zu Hause sein, dachte er zufrieden und verließ seinen Platz an der Orgel.

Pfarrer Tütering, der die Abendmesse gehalten hatte, war recht eilig in die Sakristei verschwunden, um sich umzuziehen. Er hatte noch etwas vor heute Abend. Den Messdienern hatte er mit einem schelmischen Augenzwinkern gestanden, noch ein Date zu haben.

Der Küster mochte „seinen“ Pfarrer. Schon seit elf Jahren arbeiteten sie zusammen und waren, wie Hans Tütering es immer nannte, so etwas wie ein Dream-Team. Gerber hatte keine Probleme mit der humorvollen und weltoffenen Art des katholischen Geistlichen – im Gegenteil: Tütering hatte bei seinem Amtsantritt frischen Wind in die etwas angestaubte Gemeinde gebracht. Die Gemeindemitglieder mochten ihn.

Gerber zupfte die Gestecke der Blumenschalen zurecht und steckte neue Kerzen in die eisernen Halter, während draußen ein kalter Herbststurm um die dicken Mauern der Kirche fegte. Regen prasselte gegen die kunstvoll verzierten Fenster. Der Küster erschauderte und freute sich auf einen heißen Tee, den er sich zu Hause zubereiten würde. Doch zunächst gab es noch einiges zu tun. Er wollte die Kirche für den morgigen Gottesdienst herrichten.

Gerber durchquerte das Schiff der Kirche. Hohl klangen seine Schritte von der kuppelförmigen Decke zurück. Er liebte diese Stille nach dem Gottesdienst. Zeit, ein paar Gedanken mit Gott auszutauschen. In aller Stille. Der untersetzte Mann mit dem silbrig schimmernden Haarkranz war fast siebzig Jahre alt, aber er fühlte sich mindestens zehn Jahre jünger, und er war sicher, dass er das „dem da oben“ zu verdanken hatte. Nach dem Tod seiner Frau Luise vor zwölf Jahren hatte sich der rüstige alte Herr noch einmal ins Arbeitsleben gestürzt. Obwohl es eine Altersgrenze auch für Gemeindemitglieder gab, hatte er seinen Vertrag auch nach dem fünfundsechzigsten Lebensjahr jährlich verlängern lassen. Mit einem nachdenklichen Lächeln auf den schmalen Lippen dachte er an seine Ehe. Relativ spät hatten die beiden noch ein Kind bekommen, doch die Tochter ging längst eigene Wege, und mit der christlichen Lebensweise der Eltern hatte sie nichts zu tun. So war es gekommen, dass der Kontakt zwischen Tochter und Vater fast eingeschlafen war. Sie sahen sich nur wenige Male im Jahr. Obwohl Klaus Gerber nach dem Tod seiner Frau versucht hatte, die Beziehung zwischen Vater und Tochter aufzufrischen, hatte er längst bemerkt, dass die Tochter Wert darauf legte, ein eigenes Leben zu führen. So ging Gerber total in seiner Arbeit als Gemeindeküster auf – mittlerweile seit fast drei Jahrzehnten. An die wohlverdiente Rente verschenkte er keinen Gedanken. Herz Jesu, die Kirchengemeinde Elberfeld, war ihm ans Herz gewachsen.

Vor dem geschmückten Altar bekreuzigte sich Gerber und kniete sich auf eines der dünnen Kissen. Er schloss die Augen, faltete die Hände und war ins Gebet versunken, als hinter ihm die schwere Kirchentür mit einem dumpfen Knall zufiel. Doch Gerber blickte nicht auf. Vermutlich hatte eine der alten Damen, die zur Messe gekommen waren, ihren Regenschirm vergessen und war nun zurückgekommen, um ihn zu holen. Dann würde sie sicherlich auch wieder verschwinden.

Der süßliche Geruch von Weihrauch hing in der Luft. Durch die gesenkten Augenlider erkannte Gerber das Flackern der Kerzen. Von hinten näherten sich Schritte. Es waren keine klackernden Frauenschuhe. Gerber vermutete weiche, flache Sohlen. Gummisohlen, die jetzt leise quietschten. Gut, dann war es eben ein älterer Herr, der noch einmal zurück zur Kirche gekommen war. Gerber betete weiter.

Die Schritte näherten sich zielstrebig und schnell.

„Sind Sie der Küster?“ Eine männliche Stimme.

„Der bin ich“, nickte Gerber und unterbrach das Gebet nun doch. Er stemmte sich in die Höhe. Ein Ächzen kam über seine dünnen Lippen. Die verdammten Knochen wollten schon nicht mehr so wie er, doch davon ließ er sich nicht erschüttern. Während er sich noch einmal bekreuzigte, drehte er sich zu dem Fremden um. Er kannte den Mann nicht aus dem Gottesdienst und nicht aus der Gemeinde. Und ein zufällig vorbeikommender Besucher, der sich das Gotteshaus nur einmal aus Neugier ansehen wollte, trat anders auf. Dieser Mann, Gerber schätzte ihn auf Mitte dreißig, hatte eindeutig andere Absichten. Er schien etwas Bestimmtes im Schilde zu führen. „Was kann ich für Sie …“

Das „tun“ verschluckte Gerber, als er in die brünierte Mündung einer Waffe blickte. Sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Es dauerte einen Augenblick, bis der alte Mann überhaupt registriert hatte, dass er mit einer Schusswaffe bedroht wurde. Danach wurde ihm innerhalb einer Sekunde erst eiskalt, dann heiß. Winzige Schweißperlen standen auf seiner hohen Stirn. Er machte einen Schritt nach hinten, doch aus der Schusslinie brachte ihn dieser einzige Schritt noch lange nicht.

„Was … was haben Sie vor?“, krächzte er und spürte schon wieder diesen verdammten Schmerz in der Brust. Die Pumpe würde ihn doch wohl jetzt nicht im Stich lassen, durchzuckte es ihn. Längst schon hätte er Dr. Bespin einen Besuch abstatten müssen. Ausgerechnet jetzt spürte er diesen Schmerz wieder. Übelkeit lähmte seinen Körper. Seine Augen weiteten sich, und er griff sich ans Herz. „Bitte“, keuchte er. „Helfen Sie mir!“

Doch der Fremde lachte nur. „Ich möchte nicht, dass Sie sich quälen müssen“, spottete er. „Das, was man Tieren ermöglicht, sollte man keinem Menschen vorenthalten. Oder was halten Sie von aktiver Euthanasie? Sie, als gläubiger Katholik?“ Mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen entsicherte er die Pistole. „Das sind Sie doch, oder? Ein gläubiger Katholik?“

Gerber nickte mit panisch aufgerissenen Augen und brachte nur einen kehligen Laut über die Lippen. Der stechende Schmerz in der Herzgegend schien seinen Brustkorb zu zerreißen. Gerber hatte keine Ahnung von Waffen, er wusste nur, dass sie tödlich waren. Und an einen Scherz mit einer Schreckschusspistole, den sich der Fremde hier mit ihm erlaubte, glaubte der sonst so optimistische Gerber nicht. Er fand nicht mehr viel Zeit zum Überlegen. Der Küster fühlte den Schmerz, der nun seinen ganzen Körper zu lähmen schien. Er ging stöhnend in die Knie. Sein Mund war trocken, er versuchte vergeblich zu schlucken. Ihm war, als schnüre sich die Kehle zu.

Seinem Gegenüber schien zu gefallen, was er sah. Mit einem schnellen Satz war der Fremde über ihm. Breitbeinig stand er über seinem Gesicht und zielte mit der Pistole auf den Küster. „Das war es dann also für dich, alter Mann.“ Der Fremde kicherte wie im Wahn. Dann deutete er mit dem Kinn auf den festlich geschmückten Altar. „Ich scheiß auf euren scheinheiligen Verein. Das Feiern wird euch schon noch vergehen!“ Diese Worte hatte er dem Küster ins Gesicht gespien. Blinde Wut lag in seinen kalten, emotionslosen Augen. Ohne Gerbers Antwort abzuwarten, betätigte er den Abzug und schoss.

Das Letzte, was Klaus Gerber sah, war das Mündungsfeuer der kleinen Pistole. Seltsamerweise, so dachte er im Moment seines Todes, peitschte kein Schuss durch das Kirchenschiff. Es machte nur einmal kurz „Plopp“, dann bäumte sich Gerbers Körper ein letztes Mal auf. Er würde nicht pünktlich zur Tagesschau zu Hause sein heute.

Ohne große Eile ließ der Mann die warme Pistole in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwinden. Er blickte auf den toten Küster herab und zog verächtlich die Oberlippe hoch. Sekundenlang stand er einfach da und betrachtete mit einem zufriedenen Grinsen sein Werk. Gerber lag ihm zu Füßen, die Augen im Moment des Todes weit aufgerissen, der Mund stand einen Spaltbreit auf, so, als wollte er im Augenblick des Todes noch um Hilfe rufen.

Ein erhebendes Gefühl beschlich ihn. Ein paar Mal atmete er tief durch. Der Geruch des Weihrauchs begann ihn zu nerven. Diese Kirche hatte etwas Beklemmendes an sich. Das hatte er damals schon so gehasst. Plötzlich wurde er von einer inneren Unruhe getrieben. Er ging neben dem Toten in die Knie und durchsuchte die Taschen seines dunklen Jacketts. In der rechten Jackentasche klimperte es verräterisch. Schon hatte er gefunden, wonach er suchte: den Schlüsselbund. Wie er vermutet hatte, war es ein recht dickes Exemplar. Neben einem Autoschlüssel befanden sich noch knapp zehn weitere Schlüssel an dem Bund. Das braune Ledermäppchen war verschlissen und unansehnlich, doch das sollte ihn nicht weiter stören. Er erhob sich schnell. Jetzt bekam er von dem verdammten Weihrauch auch noch Kopfschmerzen. Es wurde höchste Zeit, dass er verschwand. Er musste dringend an die frische Luft. Es gab viel zu tun, und der Tod des Küsters war nur der erste Streich seines Plans gewesen.

Eilig ließ er den dicken Schlüsselbund des Küsters in der Tasche seiner Jeansjacke verschwinden. Eins nach dem anderen, mahnte er sich zur Ruhe. Zunächst einmal musste er die Waffe verschwinden lassen. Und auch dafür hatte er schon einen genialen Plan.

Als er wenig später die Kirche verließ, prasselte ihm der Regen ins erhitzte Gesicht. Doch das störte ihn nicht. Er grinste überheblich. Er fühlte sich gut. Der aufgestaute Druck der letzten Wochen und Monate hatte endlich nachgelassen. Er hatte nicht geraucht und nicht getrunken und fühlte sich frisch wie schon lange nicht mehr. Es war, als hätte sich tief in ihm ein Ventil geöffnet und alle Aggressionen abgelassen. Tief atmete er durch und genoss die kühle Herbstluft. Obwohl der Regen seine Kleidung binnen weniger Minuten durchnässt hatte, war das Grinsen auf seinem Gesicht wie festgemeißelt. In der Jackentasche fühlte er den Schlüsselbund des Küsters. Sein Heiligtum. Er hatte es geschafft, und dafür den Tod eines alten, einsamen Mannes nur allzu gern in Kauf genommen.

Sein Blick glitt über die Fassaden der umliegenden Altbauhäuser. Niemand schien etwas von seiner Aktion bemerkt zu haben. Zügig, aber nicht eilig, marschierte er die Ludwigstraße hinunter, passierte die Luther’sche Kirche und hatte schon bald die viel befahrene Gathe erreicht. Er hasste volle Straßen, hasste Menschenmengen. Er mied Stellen, wo sich andere Leute besonders gern aufhielten. Schnell stoppte er sich ein Taxi, nannte dem türkisch aussehenden Fahrer die Adresse und ließ sich entspannt in die Polster der Sitzbank im Fond des Daimler zurücksinken. Während der Fahrer ihn durch die Dunkelheit chauffierte, schloss er entspannt die Augen. Ihm ging es gut. Noch hatte er sein Ziel nicht erreicht, aber der Druck hatte erst mal ein wenig nachgelassen. Und er war noch nicht fertig mit seiner Mission. Noch lange nicht …

19.55 Uhr.
In einem Supermarkt.
Am Uellendahl.

Wache Augen in einem runzeligen Gesicht. Die Rentnerin betrachtete in aller Ruhe die Auslagen im Kassenbereich des Supermarktes. Gerda Friedrichs liebte es, spät abends noch einzukaufen. Da herrschte in dem großen Lebensmittelladen nicht mehr viel Betrieb. Hektik hatte sie jahrzehntelang gehabt. Die Weichspülermusik aus den Lautsprechern schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen – die Melodie hatte die alte Dame in einen wahren Konsumrausch versetzt. „Easy listening“ nannte man das Neudeutsch.

Mit einem verzückten Lächeln auf den faltigen Wangen betrachtete sie die Dinge, die man bewusst im Kassenbereich aufgestellt hatte. Es gab DVDs zum Sonderpreis, ein neues Duschgel, Katzenfutter mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und die neue Bier-Cola-Kombination einer Brauerei. Das nannte man moderne Verkaufspsychologie. Dinge, die kein Kunde sonst je kaufen würde, fanden kurz vor der Kasse reißenden Absatz. Hier, so hieß es, wurde die Kundschaft von einer Art Torschlusspanik überfallen und warf alles in den Einkaufswagen, was sich ihr in die Quere stellte.

Mit einem versonnenen Grienen auf den runzeligen Lippen beförderte Gerda Friedrichs eine Dose Katzenfutter in den Korb. Dann fuhr sie ihren Wagen an das Förderband der Kasse. „Ist für die Katze meiner Nachbarin“, murmelte sie, als müsse sie ihren Kauf begründen.

Susanne Mallmann, die Kassiererin, nickte verständnisvoll und nahm einen Schluck aus ihrer Mineralwasserflasche. Ihr Rücken schmerzte. Seit drei Stunden schon saß sie an der Kasse und wartete vergeblich auf ihre Ablösung. Und von der Marktleitung ließ sich niemand mehr blicken. Kurz nach acht Uhr abends, eine Stunde noch, dann hatte auch sie Feierabend.

„Was man nicht im Kopf hat“, murmelte die Rentnerin entschuldigend und deutete auf die Wurst, den Käse und das Brot. „Und morgen ist doch Sonntag. Ich muss regelmäßig essen, wissen Sie, ich bin doch Diabetikerin.“

„Dafür sind wir doch extra lange für Sie da“, lächelte Susanne freundlich und begann mit dem Kassieren. Ihre Schulter schmerzte. Das kam vom monotonen Vorziehen der Ware, die tagtäglich auf dem Band landete. Immer die gleiche Bewegung, oft von morgens bis abends. Als sie an ihren Feierabend dachte, beschlich sie ein Gefühl von Leere. Was bedeutete es schon, nach Hause in die leere Wohnung zu kommen? Niemand wartete auf sie. Jörg war vor sechs Wochen ausgezogen. Das, was einst als innige Liebe angefangen hatte, war immer mehr abgeebbt und schließlich in eine Art Hassliebe umgeschlagen. Er hatte sie ständig betrogen und alles auch noch verleugnet, als sie ihn darauf angesprochen hatte. Obwohl sie Beweise für seine ständigen Seitensprünge hatte, weigerte er sich vehement, ihr reinen Wein einzuschenken. Erst als er mit Susannes bester Freundin Heike im Bett gelandet war, hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Susanne hatte Jörg aus der Wohnung geworfen und Heike die Freundschaft gekündigt. Eine Welt war für sie zusammengebrochen, doch inzwischen hatte sie den Verlust von Jörg überwunden. Wenn da nur nicht diese Einsamkeit wäre …

Susanne hatte sich anderweitig orientiert und sich geschworen, es fortan wie die Männer zu machen. Frei nach dem Motto „Andere Mütter haben auch hübsche Söhne“ hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit von einem Abenteuer ins nächste gestürzt. Vielleicht hatte sie auch einfach das Bedürfnis, Jörg etwas heimzuzahlen. Susanne wusste es nicht. Ihre Freundin Jenny behauptete seitdem, dass Susanne nymphoman veranlagt sei. Und vielleicht hatte sie gar nicht mal unrecht damit, denn Susanne genoss ihr Liebesleben seit der Trennung von Jörg in vollen Zügen. Sie schämte sich nicht für ihr triebhaftes Verhalten, aber sie hasste das Gefühl der Einsamkeit, das sie immer häufiger beschlich.

Mechanisch wie ein Roboter hatte Susanne die alte Dame abgefertigt und nannte ihr nun die Summe. Sie versuchte, die Erinnerung an ihre gestrandete Beziehung zu verdrängen. „Vierzehn achtundneunzig macht das, bitte.“

Während die Rentnerin ihre letzten Einkäufe in den Wagen warf, zupfte sie ein ledernes Portemonnaie hervor. Den schwarzen Krückstock hängte sie an das Gitter des Einkaufswagens. „Warten Sie, junge Frau, ich hab es auch passend.“

Es schien die alte Dame nicht zu stören, dass sich trotz der späten Stunde schon eine Schlange an Susannes Kasse gebildet hatte. In aller Ruhe suchte sie nach dem Kleingeld in ihrer Geldbörse.

„Sehen Sie“, sagte sie dann mit einem gewinnenden Lächeln und legte Susanne die abgezählten Kupfermünzen in die Hand.

„Vielen Dank“, erwiderte Susanne und ließ das Geld in der Lade ihrer Kasse verschwinden. Sie wünschte Gerda Friedrichs ein schönes Wochenende.

Kurz nur dachte sie noch einmal an die leere Wohnung, die auf sie wartete, bis sich der nächste Kunde vor ihr aufbaute. Er war in ihrem Alter, fast zwei Meter groß und korpulent. Aber nicht fett. Etwas Sympathisches war in seinem Gesicht. Seit ein paar Wochen kam er fast täglich in den Supermarkt. Vermutlich war er neu in der Gegend. Und egal wie voll es an ihrer Kasse auch war – der Typ stellte sich immer nur an ihrer Kasse an, nicht an eine der anderen, auch wenn dort weniger Betrieb herrschte. Er kaufte immer nur das Nötigste, um den nächsten Tag zu überleben. Scheinbar war er Single, denn Familienväter kaufen nicht jeden Tag ein. Und Familienväter kaufen keinen Alkohol. Zumindest nicht in diesen Mengen. Seine Kleidung war nass. Scheinbar regnete es draußen immer noch. Susanne graute es vor dem Heimweg, denn ein Auto besaß sie nicht.

„’n Abend“, wünschte der Kunde nun.

„Wohl noch Durst?“, erwiderte Susanne lächelnd und zog die beiden Weinflaschen und das Sixpack Bier über den Preisscanner.

„Klar, ist doch Wochenende.“ Wieder lächelte er sie freundlich an. „Da braucht man ein Herrenhandtäschchen.“ Er zwinkerte vergnügt und zeigte auf das Sixpack Bier. Susanne war fasziniert von seinem Lächeln. Es war jungenhaft und erfrischend, auch frech, aber nicht anzüglich. Täuschte sie sich, oder reihte er sich seit Tagen absichtlich an ihrer Kasse ein? Seine runden Backen hatten Grübchen, die sein jungenhaftes Aussehen noch unterstrichen. Unter der nassen Jacke sah sie ein Kapuzenshirt und modische Jeans.

„Und das alles ist für dich … ähm … für Sie?“, stammelte Susanne und wurde prompt rot.

Der Kunde lachte. „Bleib ruhig beim Du. Wir sind doch keine alten Leute. Ja, ist alles für mich. Oder möchtest du vielleicht mit mir trinken?“

Oh, durchzuckte es Susanne, so weit ist er ja noch nie gegangen. Sie spürte, wie ihr das Blut bis unter die Haarspitzen schoss. „Gern, aber was sage ich meinem Mann und meinem Sohn?“ Sie log immer, wenn ihr ein Kunde zu aufdringlich wurde. So konnte sie die meisten Männer auf Distanz halten. Susanne hielt bei ihrem Spiel mit dem Feuer immer gern die Zügel in der Hand und bestimmte stets die Richtung. Hinter ihm stand kein weiterer Kunde, der sie belauschen könnte, und auch der Marktleiter war bereits vor Stunden in seinem Büro verschwunden. Sie waren ungestört.

„Die beiden müssen ja nicht alles wissen“, konterte der Kunde mit einem gewinnenden Grinsen. Er zwinkerte Susanne zu. „Ich bin der Bert – ja, lach ruhig. Bert, wie der aus der Sesamstraße. Na ja, eigentlich Berthold, aber das klingt so opamäßig. Und du? Hast du auch einen Namen? Ich meine, wir sehen uns doch fast täglich.“

„Ernie“, kam es prompt über Susannes Lippen. „Nenn mich Ernie.“ Sie kicherte übermütig.

Der junge Mann lachte. „Gern … Ernie.“ Rasch zog er die Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans und reichte Susanne einen Schein, den sie schnell wechselte. Als sie ihm die Münzen aushändigte, berührten sich kurz ihre Hände. Prompt durchzuckte ein angenehmer Stromschlag Susannes Hand. Sie erschauderte und lugte so unauffällig wie möglich in Berts Portemonnaie. Wie sie erfreut und mit geübtem Blick feststellte, befand sich darin nicht das Foto einer jungen Frau. War er Single?

Bert gefiel ihr … sollte sie?

Nein, dachte sie. Es kann nicht gut sein, etwas mit einem Kunden anzufangen, der fast täglich hier im Supermarkt auftaucht. Sicherlich, am Tag traten zig gut aussehende Männer zu ihr an die Kasse, und sie hätte schon gern öfters mal mit dem Feuer gespielt. Aber ihre Neigungen lebte sie ausschließlich im Privatleben aus. Möglichkeiten, Männer kennenzulernen gab es genug, dem Internet sei Dank. Und heute Abend war sie mit Jenny zu einem Frauenabend in der Börse verabredet. Dort fand, wie jeden Monat, die sogenannte Ü30-Party statt. Sicherlich würde sich dort auch die Gelegenheit zu einem heißen Flirt ergeben.

„Schade“, riss sie Berts Stimme nun aus den Gedanken. „Na ja, vielleicht ein anderes Mal. Dann wünsch ich dir ein schönes Wochenende … Ernie!“ Lachend schob er die Geldbörse in seine Jackentasche, tippte sich mit zwei Fingern an die nicht vorhandene Hutkrempe, griff nach seinen Getränken und verschwand in Richtung Ausgang.

Susanne blickte ihm nach. Er hat einen verdammt knackigen Hintern, dachte sie ein wenig wehmütig. Und schon im nächsten Moment hatte sie Bert auch schon wieder vergessen. Wofür gab es schließlich die Ü30-Party?


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Seit 1999 schreibt Andreas Schmidt Kriminalromane und Kurzgeschichten. Den Kontakt zu seinen Lesern sucht – und findet – er auf seinen Lesereisen, die ihn quer durch die Republik führen. Sein liebster Tatort: Die bergische Metropole Wuppertal!

Eine verhängnisvolle Versuchung

1. Kapitel

 

London

April 1870

 

»Ich werde nicht gehen!« Sie wand sich in seinem Griff. »Ich hab es dir gesagt! Lass mich los!«

Er hatte es satt, ständig Auseinandersetzungen mit ihr zu führen. Manchmal kam es ihm vor, als habe er in den letzten siebzehn Jahren nichts anderes getan.

»Du gehst«, knurrte er, seine tiefe Stimme war drohend leise. So drohend, dass der neben dem Vierspänner wartende Lakai eine steife Haltung annahm und den Blick verängstigt abwandte. »Werd ich nicht«, rief sie und versuchte abermals, ihr Handgelenk aus seinem Griff zu befreien. In letzter Zeit war sie wendig wie eine Katze geworden. Er konnte ihren schmalen, seidenumhüllten Arm kaum halten. »Ich sagte, lass mich los

Er seufzte schwer. Schon wieder dieses Theater. Nun gut, er hätte es wissen sollen; alles hatte darauf hingedeutet. Vor einer Stunde, als er seinen Krawattenknoten vor dem Spiegel neu band – Duncan war zwar ein wahrhaft vorbildlicher Kammerdiener, doch je älter er wurde, desto störrischer wurde er auch: Kleinere Veränderungen der Herrenmode schienen ihn nur noch zu ärgern. Er knotete die Krawatte seines Brotgebers seit zwanzig Jahren in der gleichen Art und Weise, womit er Burke zwang, sich heimlich zurückzuziehen, das Werk seines Kammerdieners aufzulösen und neu zu binden –, in diesem Moment jedenfalls, war Miss Pitt ohne Anmeldung und noch dazu in einem Zustand höchster Erregung in sein Ankleidezimmer gestürmt.

»Mylord«, rief die alte Frau schluchzend. Tränen schossen ihre fülligen Wangen herab. »Sie ist unmöglich! Unmöglich, hören Sie? Kein Mensch – niemand – muss sich eine solche Misshandlung gefallen lassen …«

Sie presste eine zitternde Hand an die Lippen und floh aus dem Zimmer. Burke war nicht ganz sicher, aber es hatte den Anschein, dass Miss Pitt soeben gekündigt hatte. Seufzend löste er die Krawatte. Es machte nun keinen Sinn mehr, gut aussehen zu wollen. Er würde heute Abend nicht, wie ursprünglich geplant, die Gesellschaft der unnachahmlichen Sara Woodhart genießen. Nein, jetzt hieß es, die Rolle der unglücklichen Miss Pitt zu übernehmen und Isabel zu Lady Peagroves Tanzgesellschaft zu begleiten.

Zum Teufel damit.

Mittlerweile krümmte sich das Biest und versuchte ihn zu beißen – tatsächlich, zu beißen! –, um seinen Griff zu lockern. Er hoffte inständig, dass die Nachbarn nicht zusahen. Diese öffentlichen Zurschaustellungen ihres Temperaments wurden immer peinlicher. Vor ein paar Jahren, als sie jünger gewesen war, und kleiner, hatte er es als weniger schlimm empfunden, – aber jetzt …

Nun ja, jetzt sehnte er sich immer öfter nach einer Pfeife und dem gemütlichen Kaminfeuer in seiner Bibliothek.

Sogar mehr als nach der Gesellschaft der geschätzten Mrs Woodhart.

Guter Gott! Wie schrecklich! Konnte das wahr sein? Wurde er wirklich alt? Duncan jedenfalls hatte das bereits angedeutet, sogar mehr als einmal. Natürlich nicht mit Worten. Ein guter Kammerdiener würde niemals etwas anderes sagen, als dass sein Herr in den besten Jahren sei. Aber erst gestern hatte der Kerl die Frechheit besessen, ihm eine Flanellweste herauszulegen. Flanell! Als ob Burke demnächst siebenundfünfzig würde, statt sich dem noch relativ jugendlichen Alter von siebenunddreißig Jahren zu nähern. Als sei er gebrechlich und nicht in erstklassiger körperlicher Verfassung, wie er schließlich wusste. Eine Tatsache, derer ihn viele der attraktivsten Frauen Londons, inklusive der anspruchsvollen Mrs Woodhart, versichert hatten. Duncan hatte eine Lektion erteilt bekommen, so viel war sicher.

So, wie jetzt Isabel eine bekommen würde. Er ließ nicht mit sich spaßen, besonders nicht, wenn es zu ihrem eigenen Besten war.

»Und ich«, er beugte sich herab und warf sie gekonnt, mit einer Leichtigkeit, die von Übung zeugte, wie einen Sack Getreide über die Schulter, »sage, dass du gehst.«

Isabel gab ein Gekreische von sich, das durch den dichten gelben Nebel hallte, der sich wie ein Vorhang über die Park Lane gelegt hatte (wahrscheinlich über ganz London, wie er sein Glück einschätzte). Es würde Stunden dauern, bis sie sich durch den aufgrund des Nebels stockenden Verkehr zum Haus der Peagroves gekämpft hätten. Das fehlte ihm gerade noch, dieser dicke, erstickende Nebel, zusätzlich zu Isabels Hysterie. Das Einzige, was er in diesem Moment noch besser gebrauchen könnte, war eine Kugel im Kopf. Oder eine Klinge im Herzen.

Einen Moment später schien es, als sollte sein zweiter Wunsch erfüllt werden. Nur dass der Eindringling, der wie aus dem Nichts aus dem Nebel auftauchte, statt einer Klinge die Spitze eines Regenschirms in Richtung seines Herzens stieß.

Oder eben dahin, wo sein Herz sein sollte, falls er – was Isabel gerade aus vollsten Lungen lauthals bestritt – überhaupt eins besaß.

»Verzeihung, Madam«, sagte Burke ruhig zu der Besitzerin des Schirms – sehr ruhig sogar, bemerkte er stolz, zumal er den Ruf hatte heißblütig zu sein. »Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, dieses Ding fortzunehmen? Es behindert mich auf dem Weg zu der Kutsche, die dort wartet.«

»Noch einen Schritt«, sagte die Schirmbesitzerin mit einer Stimme, die für ein Wesen von solch … na ja … winzigem Ausmaß verblüffend hart klang, »und ich werde Ihre Chancen auf einen Erben ernsthaft gefährden.« Burke warf seinem Lakaien einen Blick zu. War es Einbildung oder wurde er gerade vor seiner eigenen Türschwelle, noch dazu auf der Park Lane, der exklusivsten Straße Londons, angepöbelt – und das von einer völlig Fremden? Was es noch schlimmer machte: Von einer jungen Frau, genau von der Sorte, die er auf gesellschaftlichen Anlässen so gewissenhaft mied.

Wer konnte ihm das auch vorhalten? Er fand es immer recht beunruhigend, wenn mitten in der Unterhaltung mit einer dieser Kreaturen – die sich zugegebenermaßen meist sowieso nicht gerade brillant auf die Kunst der Konversation verstanden – deren schwer juwelenbehängte Mutter wie im Sturzflug aus dem Nichts herabstieß, um ihren kleinen Liebling höflich, aber bestimmt aus seiner Reichweite zu entfernen.

Hier jedoch war weit und breit keine juwelenbehängte Mama. Diese junge Frau war allein. Überraschend allein, zumal in einer solch düsteren Nacht, wie er sie lange nicht mehr erlebt hatte. Wo war ihre Anstandsdame? Ohne Zweifel sollte eine so junge Frau eine haben, wenn auch nur um sie davon abzuhalten, einen Gentleman wie ihn mit dem spitzen Ende ihres Schirms zu bedrohen – wie es ihre Angewohnheit zu sein schien.

Was sollte er jetzt tun? Wäre sie ein Mann, hätte Burke ihn mit einem Schlag niedergestreckt, wäre über den reglosen Körper gestiegen und hätte seinen Weg fortgesetzt. Falls notwendig, hätte er ihn auch herausgefordert, um ihm mit großem Vergnügen – entsprechend seiner momentanen Stimmung – eine Kugel in den Kopf zu jagen. Aber sie war kein Mann. Sogar für eine Frau war sie ziemlich klein. Er hätte sie mit Leichtigkeit aus dem Weg heben können, aber eine Frau auf diese Art anzufassen – besonders eine in diesem jugendlichen Alter – konnte zu ungeahntem Ärger führen. Was also sollte er tun?

Perry, dem Burke dummerweise einen Hilfe suchenden Blick zugeworfen hatte, konnte nicht mit der kleinsten Unterstützung aufwarten. Er starrte auch bloß auf die junge Frau, wobei seine vorstehenden Augen fast herauszufallen drohten. Und das nicht einmal wegen der Schirmspitze, die sie vor seinem Herrn schwenkte, sondern beim Anblick ihrer sehr schlanken Fesseln, deutlich sichtbar unter dem durch die Fechterstellung leicht hochgerutschten Rocksaum.

Dämlicher Junge. Morgen würde sich Burke darum kümmern, dass er gefeuert wurde.

»Lassen Sie sie runter«, sagte die junge Frau. »Sofort.«

»Passen Sie mal auf«, hörte Burke sich sagen und klang wesentlich vernünftiger, als ihm zumute war. »Stoßen sie nicht dauernd mit diesem Ding nach mir. Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin, zufälligerweise …«

»Ich gebe keinen Pfifferling darauf, wer Sie zufälligerweise sind«, unterbrach ihn die junge Dame ziemlich frech. »Sie setzen dieses Mädchen jetzt ab und dürfen sich glücklich schätzen, wenn ich nicht den Wachmann rufe. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich das nicht tun sollte. So etwas Würdeloses habe ich im Leben noch nicht gesehen, ein Mann Ihres Alters, der ein nicht halb so altes Mädchen misshandelt!«

»Misshandeln?« Burke ließ seine Last vor Überraschung beinahe fallen. »Von allen denkbaren Unverschämtheiten! Glauben Sie ernsthaft …«

Isabel, die sich seit dem Auftauchen der schirmbewehrten Furie verdächtig ruhig verhalten hatte, hob ihr verschleiertes Haupt, und eine klagende Stimme – ganz entgegen ihrem sonst so selbstsicheren Tonfall – sagte: »Oh, bitte, helfen Sie mir, Miss. Er tut mir furchtbar weh!«

Das Schirmende bohrte sich in seinen Rockaufschlag, die Metallspitze pikste das Fleisch knapp oberhalb der Herzgegend. Die junge Frau machte sich nicht einmal mehr die Mühe, Burke selbst anzusprechen, sondern drehte den Kopf und sagte zu dem Lakaien: »Stehen Sie nicht einfach so da, Sie ignoranter Idiot, laufen Sie und holen Sie einen Wachmann!«

Perry fiel die Kinnlade herab. Burke musste verärgert mit ansehen, wie sich seines Lakaien Gesicht verzerrte, er mit sich kämpfte, hin– und hergerissen zwischen der Loyalität zu seinem Arbeitgeber und dem Drang, dem entschlossenen Kommandoton des Mädchens zu gehorchen.

»A-aber«, stammelte der idiotische Junge. »Er wird mich rauswerfen, Miss, wenn ich das tue …«

»Rauswerfen?« Die ohnehin schon lächerlich großen, grauen Augen weiteten sich wütend. »Das würden Sie doch wohl vorziehen, nicht wahr, statt wegen Komplizenschaft bei einer Entführung im Gefängnis zu landen?«

Perry wand sich. »Nein, Miss, aber …«

Länger konnte Isabel nicht an sich halten. Burke fühlte sie auf seiner Schulter zittern. Selbst das Walknochenkorsett konnte die wilden Zuckungen ihres Bauchs nicht unterdrücken, als das Lachen aus ihr hervorplatzte.

Doch für das Mädchen mit dem spitzen Schirm klang das Lachen wie Schluchzer. Er sah, wie sich ihr blasses Gesicht, gerahmt von einem ehemals sicher teuren, nunmehr aus der Mode gekommenen Häubchen, verhärtete. Sie riss den Arm zurück, zweifellos, wie es schien, um ihm den Todesstoß zu versetzen.

Er griff nach dem letzten Strohhalm.

»Sehen Sie«, sagte er, schwang Isabel von der Schulter und stellte sie, nicht gerade sanft, neben sich auf die Füße. Dabei ließ er wohlweislich ihr Handgelenk nicht los, – er war ja nicht dumm – um sie von ihrem neuesten Trick abzuhalten, ins Dunkel der Nacht zu entwischen. »Zwar weiß ich nicht, warum ich hier so rüde verleumdet werde – und das ausgerechnet noch vor meiner eigenen Türschwelle –, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, Ihnen zu versichern, dass diese Situation in jeder Hinsicht ehrenhaft ist. Diese junge Frau ist zufällig meine Tochter.«

Der Schirm bewegte sich nicht. Nicht einen Zentimeter.

»Gute Geschichte«, sagte seine Besitzerin trocken.

Burke sah sich nach Wurfgegenständen um. Er befürchtete ernsthaft, gleich einen Schlaganfall zu erleiden. Womit hatte er das bloß verdient? Alles, was er wollte – alles, was er jemals gewollt hatte –, war, Isabel mit einem anständigen Kerl zu verheiraten, der sie nicht schlagen würde und nicht das Geld durchbrachte, was er ihr zugedacht hatte, sodass er – endlich – frei war, einen netten Abend mit einer angenehmen Frau wie Sara Woodhart zu verbringen. Oder mit einem Buch. Ja, einfach nur mit einem Buch vor einem schönen, prasselnden Kaminfeuer. War das wirklich zu viel verlangt?

Offensichtlich schon, solange schirmschwenkende Verrückte die Straßen von London unsicher machten.

Perry öffnete den Mund und sagte – vielleicht zum ersten Mal in seinem beschränkten Leben – etwas wirklich Nützliches. Und zwar: »Ehm, Miss? Sie – die junge Dame – istseine Tochter.«

Isabel, die mit einem Kicheranfall kämpfte, seit Burke sie auf den Boden gestellt hatte, konnte sich nicht länger beherrschen. Ihr schallendes Gelächter war wahrscheinlich auf der ganzen Straße zu hören.

»Oh«, rief sie fröhlich, »es tut mir wirklich leid! Aber das war sogenial, wie Sie Papa mit dem Regenschirm bedroht haben. Ich konnte nicht anders.«

Der Schirm wich ein Stück. Nur ein bisschen, aber merklich.
»Wenn er Ihr Vater ist«, die schmalen Augenbrauen zogen sich unter den dunkelblonden Ponyfransen verständnislos zusammen, »warum, in Gottes Namen, haben Sie so geschrien?«

»Nun ja!« Isabel verdrehte die Augen, als wäre die Antwort offensichtlich. »Weil er darauf besteht, dass ich zu Peagroves Tanzgesellschaft gehe.«

Zu Burkes absoluter Fassungslosigkeit akzeptierte die junge Frau – diese völlig Fremde, diese Verrückte – die Aussage als vollkommen normal. Wie vom Donner gerührt sah er zu, wie sich die Schirmspitze von seiner Herzgegend aus senkte, bis sie auf dem Boden stand.

»Um Gottes willen«, sagte die Frau. »Da können Sie natürlich auf keinen Fall hingehen.«

Isabel streckte die Hand vor und zog eher brutal als verspielt an Burkes Ärmel. »Siehst du, Papa? Ich hab’s dir gesagt!«

Burke war sich jetzt ganz sicher, dass er einem Schlaganfall erliegen würde. Er verstand überhaupt nichts mehr. Vor ein paar Sekunden noch hatte die junge Frau, die vor ihm stand, die Polizei holen wollen. Jetzt diskutierte sie in aller Ruhe gesellschaftliche Aktivitäten mit seiner Tochter, als hätten sie sich zum gemeinsamen Klatsch im Hutgeschäft getroffen und stünden nicht – abends um neun Uhr am nebeligsten Frühlingsabend, den er je erlebt hatte – mitten auf der Park Lane.

»Es ist ein einziges Gedränge«, versicherte die junge Frau seiner Tochter. »Lady Peagrove lädt doppelt so viele Leute ein, wie in ihr Haus passen. Es ist ein Albtraum, auch nur in die Nähe zu kommen. Und niemand, der wirklich bedeutend ist, geht hin. Nur Möchtegerne und Verwandte vom Land, mehr nicht.«

»Ich wusstees.« Isabel stampfte mit ihrem zierlichen Schuh auf, verursachte jedoch nicht das leiseste Geräusch auf dem weichen Teppich, den Perry ausgelegt hatte, damit ihre Schleppe beim Einstieg in die Kutsche nicht den Straßenschlamm mitnähme. »Ich hab’s ihm gesagt. Aber er will ja nicht auf mich hören.«

Burke wurde bewusst, dass man über ihn sprach, als sei er gar nicht anwesend, und wurde immer wütender. »Er hört ja nur auf Miss Pitt«, fuhr Isabel fort. »Und Miss Pitt hat die völlig absurde Idee, dass man unbedingt zu Peagroves gehen muss.«

»Wer ist Miss Pitt?«, fragte die Fremde dreist.

Bevor Burke ein Wort sagen konnte, antwortete Isabel: »Och, sie war meine Anstandsdame. Bis sie vor einer Stunde gekündigt hat, jedenfalls.«

»Anstandsdame? Warum um Gottes willen müssen Sie denn eine Anstandsdame haben?«

»Wenn Sie es unbedingt wissen müssen«, antwortete Burke säuerlich, »weil ihre Mutter tot ist. Deshalb. Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden, Madam …«

»Ha!«, unterbrach Isabel. »Das ist nicht alles, Papa.« Der Fremden vertraute sie an: »Mama ist tatsächlich tot, aber in Wahrheit stellt er Anstandsdamen für mich ein, weil erkeine Lust hat, mit mir irgendwo hinzugehen. Erwill ja all seine Zeit mit Mrs Woodhart verbringen …«

Burkes Griff um Isabels Arm wurde fester. »Perry«, sagte er, »die Tür, bitte.«

Der Lakai, der der Unterhaltung staunend und mit größerer Aufmerksamkeit gefolgt war, als er sie jemals bei Burkes Anweisungen an den Tag legte, erschrak, so plötzlich angesprochen zu werden. »M-mylord?«, stammelte er.

Burke fragte sich, ob es wohl als brutal angesehen würde, wenn er Perrys Hosenboden einen schwungvollen Tritt versetzte. Würde es wohl, entschied er.

»Die Tür«, knurrte er. »Von der Kutsche. Öffne sie. Jetzt
Der arme Lakai beeilte sich, der Anordnung seines Herrn Folge zu leisten. In der Zwischenzeit plauderte Isabel eifrig weiter, was Burke fast zur Raserei brachte.

»Oh«, sagte sie gerade, »ich habe immer und immer wieder gesagt, zu Lady Ashfort muss man gehen, aber hören sie etwa auf mich? Kein Stück. Es war ja wohl nicht verwunderlich, dass ich zu Miss Pitt unhöflich werden musste. Ich meine, wenn keiner auf einen hört …«

»Oh, ist Lady Ashforts Ball heute?« Die junge Dame stand so nonchalant auf den Griff ihres Schirms gelehnt, als sei er ein Croquet–Hammer und sie stünden auf einer Sommerwiese beim Freundschaftsspiel. »Tja, damit ist es dann wohl entschieden. Lady Ashfort darf man einfach nicht verpassen.«

»Ja, aber das Ganze ist eine Verschwörung, verstehen Sie, um mich von dem Mann fernzuhalten, den ich liebe …«

»In die Kutsche«, unterbrach Burke eisern. Er war stolz auf sich. Er hatte sie noch nicht mit Fußtritten in die Kutsche befördert, was sein erster Impuls gewesen war. Er lernte langsam, sein Temperament zu beherrschen. Und bei Gott, es hatte in den letzten paar Wochen arge Versuchungen gegeben. Aber er hielt sich unter Kontrolle. Wenn sie es nur schaffen würden, dieser redseligen jungen Frau und ihrem Schirm, ohne Blutvergießen zu entkommen, wäre er schon froh.

»Aber Papa.« Isabel sah ihn mit großen Augen an. »Ich dachte, du hättest die Dame gehört. Peagroves Tanzgesellschaft ist einfach nicht …«

»Steig in die Kutsche!«, brüllte Burke.

Isabel stolperte einen Schritt zurück, aber er war schneller. Er fing sie ein und schubste sie – ganz sanft allerdings; selbst die Xanthippe mit dem Regenschirm würde zugeben müssen, dass es wirklich sanft war – in die Kutsche. Sobald das letzte Stück Schleppe verstaut war, drehte er sich um und sagte zu der höchst erstaunten jungen Lady, die auf der Straße stand: »Guten Abend.«

Damit verschwand er in der Kutsche und bellte dem Kutscher zu, er möge sich sputen, was dieser eiligst tat.

Isabel, die sich auf dem Sitz gegenüber erholte, sagte: »Also wirklich, Papa! Es gab keinen Grund, so unhöflich zu sein!«

»Unhöflich!« Er stieß ein tonloses Lachen aus. »Das gefällt mir! Wahrscheinlich war es reine Höflichkeit, dass mich eine völlig Fremde mit ihrem Regenschirm bedroht und die Polizei holen will, als ob ich irgendein entlaufener Sträfling wäre.«

»Sie war keine völlig Fremde«, sagte Isabel und ordnete die endlosen Meter weißer Seide, aus denen ihr Rock bestand. »Sie heißt Miss Mayhew. Ich habe sie schon öfter gesehen, hier und dort auf der Straße.«

»Um Gottes willen.« Burke starrte seine Tochter fassungslos an. »Diese Kreatur wohnt auf der Park Lane? Ich kenne keine Mayhews. Zu wem gehört sie?«

»Zu den Sledges. Sie ist die Gouvernante von diesen verrückten kleinen Jungen.«

»Oh«, meinte Burke etwas besänftigt. Kein Wunder, dass er sie nicht erkannt hatte. Na ja, wenigstens dafür konnte man dankbar sein. Die Frau war bloß eine Gouvernante, sie würde nicht überall in der Nachbarschaft herumerzählen, dass Burke Traherne, dritter Marquis von Wingate, nicht mit seiner dickköpfigen Tochter zurechtkam.

Jedenfalls würde ihr niemand von Bedeutung zuhören. Mit leicht beleidigtem Unterton wollte er jedoch wissen: »Wenn du sie schon öfter gesehen hast, warum zum Teufel, wusste sie nicht, dass du meine Tochter bist? Warum dachte sie, ich wollte dich entführen?«

»Sie hat gerade erst angefangen, dort zu arbeiten«, sagte Isabel und zog sich die Handschuhe an. »Und außerdem, wann sollte sie dich schon sehen? Auf jeden Fall nicht in der Kirche, weil du nach einer Samstagnacht normalerweise erst im Morgengrauen ins Bett gehst.«

Im Licht der Öllampe, die in der Kutsche hing, warf er ihr einen wütenden Blick zu. Es schien ihm nicht angebracht, dass eine Tochter in so vertrauensseligem Ton zu ihrem Vater sprach. Das kam wohl davon, vermutete er, wenn man so jung heiratete. Sein Vater hatte ihn gewarnt. Und er hatte recht behalten. Andere Männer, die – anders als er – mit dem Heiraten gewartet hatten, bis sie die Zwanzig längst überschritten hatten, hatten keine Töchter, die sich ihnen gegenüber einen so leichtfertigen Tonfall anmaßten. Das nahm Burke jedenfalls an. Wegen seiner nicht eben tadellosen Vergangenheit – und dem daher angekratzten Ruf – hatte er nicht allzu viele Bekannte.

Doch er ging davon aus, wenn er männliche Freunde hätte, und die hätten zufällig Töchter, dann wären diese Töchter anmutige, sanftmütige Geschöpfe, Töchter, wie er sie sich immer gewünscht hatte. Diese zügellose Kreatur hingegen hatte bis vor eineinhalb Monaten ein teures Seminar für feine Damen besucht und sprach seitdem beim Dinner in dieser unhöflichen Manier mit ihm.

»Isabel«, er sprach so gleichmütig wie möglich, »was hast du mit Miss Pitt gemacht?«

Isabel musterte interessiert die Decke der Kutsche. »Falls die Kutsche bei Peagroves hält, bin ich weg. Ich warne dich im Voraus.«

»Isabel«, sagte er wieder mit solcher Geduld, dass er sich selbst bewunderte. »Miss Pitt ist die fünfte Anstandsdame, die ich in der gleichen Anzahl von Wochen für dich angestellt habe. Würdest du mir bitte erklären, was du an ihr so inakzeptabel fandest? Sie hatte so gute Zeugnisse. Lady Chittenhouse meinte …«

»Lady Chittenhouse.« Isabels Ekel war offensichtlich. »Was weiß denn die? Keine ihrer Töchter hätte jemals eine Anstandsdame gebraucht. Kein halbwegs vernünftiger Mann würde sich einer von denen auch nur nähern. Solche miserablen Teints habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen. Man sollte meinen, sie hätten noch nie was von Seife gehört. Es ist ein Wunder, dass überhaupt eine von ihnen verheiratet ist.«

Burke ignorierte das. »Lady Chittenhouse«, fuhr er fort, »hat einen glühenden Empfehlungsbrief für Miss Pitt geschrieben …«

»Ach, hat sie das? Hat sie zufällig auch erwähnt, dass Miss Pitt – abgesehen davon, dass sie mit ihrem ständigen Geschwätz von ihren wertvollen Nichten und Neffen tödlich langweilig ist – dazu neigt, beim Sprechen zu spucken, besonders wenn sie versucht, mir meine – wie sie es nennt – Wildheit auszutreiben? Hat sie das auch geschrieben?«

»Wenn du Miss Pitt derart ungeeignet fandest«, Burke sprach so sanft er konnte, wobei zu berücksichtigen ist, dass er sie am liebsten erwürgt hätte, »warum bist du dann nicht zu mir gekommen und hast mich gebeten, jemand anderen einzustellen?«

»Weil ich wusste, dass du bestimmt jemand noch Schlimmeres findest.« Sie sah aus dem Fenster in die Nebelschleier auf der Straße. »Wenn du wenigstens mich mit den Kandidatinnen sprechen lassen würdest …«

Burke musste über ihren angestrengt beiläufigen Ton schmunzeln. »Und wen würdest du als geeignete Anstandsdame bezeichnen? Jemanden wie diese Miss Mayhew wahrscheinlich, das würde mich nicht wundern.«

»Was ist denn falsch an Miss Mayhew?«, fragte Isabel herausfordernd. »Wenigstens ist sie nicht so unangenehm anzusehen wie diese schreckliche alte Miss Pitt!«

»Du brauchst nicht eine, die angenehm aussieht«, knurrte Burke, »du brauchst jemand Strenges, eine, die dich davon abhält, hinter diesem erbärmlichen Saunders–Jungen herzurennen …«

Sobald diese Worte seine Lippen verließen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Plötzlich brach auf dem gegenüberliegenden Sitz ein Sturm los.

»Geoffrey ist nicht erbärmlich!«, rief Isabel. »Was du auch merken würdest, Papa, wenn du dir nur einen Moment Zeit nähmest, ihn kennenzulernen …«

Burke verdrehte die Augen und wandte den Blick aus dem Fenster. Unglücklicherweise steckten sie schon im Verkehr fest, und die Kutsche war umlagert von Menschen, die Blumen und bunte Bänder verkauften, von Bettlern und Prostituierten … das übliche Gesindel, welches man abends in den Londoner Straßen sah. Die Fenster waren geschlossen, sodass niemand hineinreichen konnte, aber Burke konnte ihre Hände deutlich sehen, leere Handflächen, ihnen entgegengestreckt, dreckig, gezeichnet von Arbeit und einem harten Leben. Er konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. So hatte er sich seinen Abend wirklich nicht vorgestellt. Um diese Uhrzeit wollte er eigentlich in seiner Loge im Theater sitzen. Jetzt konnte er froh sein, wenn er dort war, bevor Sara durch den Bühnenausgang schlüpfte, mitten in die Menge, die jeden Abend dort wartete, um ihr unerreichtes Talent zu verehren …

Das dachte siezumindest. Burke wusste genau, was sie verehrten, und das hatte recht wenig mit ihrem Talent zu tun.

»Ich muss Mr Saunders nicht erst kennen lernen, Isabel«, sagte Burke wiederum mit mehr Gelassenheit, als er empfand. »Siehst du, ich weiß schon alles, was es über ihn zu wissen gibt, und ich kann nur sagen: Der Tag, an dem dieser Laffe vor unserer Tür steht, ist der Tag, an dem er Blei zu schmecken bekommt.«

»Papa!« Isabel sog den Atem ein und schluchzte. »Wenn du nur zuhören würdest …«

»Ich habe mir dein endloses Geschwätz über Geoffrey Saunders lang genug angehört«, sagte Burke. »Ich will seinen Namen aus deinem Mund nicht mehr hören.« So. Das klang unerbittlich, nach strengem Verbot, so wie Väter sich eben anzuhören hatten. »Und jetzt gehen wir zu Peagroves, weil ich zufällig weiß, dass Mr Saunders dort nicht eingeladen ist.«

Isabel schluchzte erneut, diesmal noch lauter, und sagte in einer Stimme, die ihre tragische Verletztheit offenbarte: »Du meinst, du gehst zu Peagroves. Ich gehe zu Lady Ashfort!«

Und bevor er es kommen sah, hatte sich Isabel gegen die Kutschentür geworfen, schwang sie auf und wand sich in einer solch dramatischen Geste hinaus, dass selbst die unvergleichliche Sara Woodhart vor Neid erblasst wäre.

Burke, plötzlich so allein in der Kutsche, seufzte. Gott bewahre ihn vor jungen und verliebten Frauen. So hatte er den Abend nichtgeplant. Er stülpte sich den Hut auf und hievte sich aus der offenstehenden Tür auf die vor Menschen wimmelnde Straße, um seinem Kind zu folgen.

 

2. Kapitel

 

Der Hitzeschwall vom Feuer des großen Küchenofens war nicht das Einzige, was Kate Mayhew begrüßte, als sie durch die Tür schlüpfte; Posie, die Dienstmagd, stürzte ihr gleichermaßen entgegen, ein wahrer Wirbelsturm mit spitzenbesetztem Petticoat und rosigen Wangen.

»Oh, Miss«, rief Posie und eilte schnell an die Seite des älteren Mädchens, bevor diese auch nur die Tür schließen konnte. »Stellen Sie sich vor … Das erraten Sie nie!«

»Henry hat schon wieder eine Schlange in die Bademanteltasche seines Vaters getan«, sagte Kate, während sie sich die Handschuhe von den Fingern streifte.

»Nein …«

Kate öffnete die Knöpfe ihres pelzbesetzten Umhangs. »Jonathan hat zu seiner Mutter wieder dieses Wort gesagt.«

»Welches Wort, Miss?«

»Du weißt welches. Das mit anfängt.«

»Oh nein, Miss, nichts dergleichen. Es geht um jemanden, der im vorderen Salon sitzt und auf Sie wartet.«

»Wenn es Seine Lordschaft ist, so will ich das doch schwer hoffen.« Kate löste die Bänder ihres Häubchens und hängte es auf einen Holzhaken neben der Tür. »Er sollte mich bei der Matinee treffen und ich habe eine Stunde lang die gesamte Umgebung abgesucht.«

»Er sagt, er müsse wohl zur falschen Kirche gegangen sein.« Posie blieb in Kates Spur, als diese sich einen Weg durch die Küche bahnte.

»Der alte Nörgelbuff ist komplett aus dem Häuschen. Und der Master ist auch völlig daneben. Er rennt vor der Salontür auf und ab, als wolle er den Fußboden abtragen, und überlegt verzweifelt, was er sagen soll, wenn er rein geht.«

Kate blieb vor einem Spiegel am Fuß der Treppe stehen. Er hing dort, damit die Mägde ihre Kopfbedeckungen zurechtrücken konnten, bevor sie durch die gepolsterte Tür gingen und sich den Blicken im restlichen Haus preisgaben. Sie versuchte vergeblich, die Haarsträhnen zu bändigen, die ihr in die Stirn gefallen waren. Sie befand es für unnötig, sich in die Wangen zu kneifen, um sie rosig schimmern zu lassen. Das hatte schon die kühle Frühlingsbrise besorgt. Aber ihre Nase glänzte ein wenig. Eine Fingerspitze Mehl aus dem Sack in der Speisekammer, gut eingerieben, löste das Problem auf erstaunliche Weise.

»Armer Freddy«, sagte Kate. »Wie lange ist er schon hier?«

»Fast so lange, wie Sie weg waren.« Posie stand an Kates rechter Seite und sprach zu deren Spiegelbild.

»Oh je«, seufzte Kate. »Ist Mrs Sledge sauer?«

»Natürlich nicht! Sie wird sich morgen aufführen wie eine Maikönigin, wenn die Ladys vom missionarischen Nähzirkel fragen, wem die Kutsche vor der Tür gehörte, und sie antworten kann, es war der Earl von Palmer.«

»Der gekommen ist, um die Gouvernante ihrer Kinder zu besuchen?« Kate richtete die Brosche, die den Spitzenkragen der Bluse zusammenhielt. »Wohl kaum.«

»Daswird sie natürlich nicht sagen. Sie wird es klingen lassen, als wäre er ihretwegen hier gewesen …« Die gepolsterte Tür flog auf, und Phillips, der Butler, erschien am Kopf der Treppe.

Beide Mädchen erschraken. Posie war im Nu an dem großen Holztisch, auf dem ein Sortiment von Kupfertöpfen stand, und begann hastig zu polieren.

Kate hatte weniger Glück. Sie hatte in der Küche keinerlei Pflichten zu erledigen, und – nach Meinung des Butlers – dort auch überhaupt nichts zu suchen.

Angesichts dieser Unverschämtheit also sprach Phillips, die schmale Stiege herabkommend: »Miss Mayhew, ich glaube, ich habe schon mehrmals erwähnt, dass es sicherlich nicht den Erwartungen des Masters entspricht, wenn Sie den Dienstboteneingang benutzen. Als Gouvernante der Kinder ist es durchaus angemessen, dass Sie die Haustür nehmen.«

Kate öffnete den Mund und wollte dem Butler fröhlich mitteilen, dass sie den Dienstboteneingang dem Haupteingang vorzog, hauptsächlich weil – sie wäre jedoch nicht dumm genug, das laut zu sagen – sie dann meist vermeiden konnte, ihm über den Weg zu laufen. Dazu kam sie jedoch nicht; er sprach einfach weiter.

»Und wenn Sie in diesem Falle die angemessene Tür benutzt hätten«, fuhr er mit – wie Kate bemerkte – kaum unterdrücktem Zorn fort, »hätten Sie wohl wahrgenommen, dass Seine Lordschaft, der Earl von Palmer, seit fast zwei Stunden im vorderen Salon auf Sie wartet.«

»Oh, Mr Phillips«, entgegnete Kate, »es tut mir wirklich leid, Lord Palmer wollte mich heute auf einer Matinee treffen, aber wir haben uns wohl verpasst. Ich kann gar nicht beschreiben, wie …«

»In der Zukunft, Miss Mayhew«, Phillips‚ Stimme klang emotionslos wie die eines Automaten, »wenn Sie wieder Persönlichkeiten von Stand und Rang in dieses Haus einladen: Wären Sie wohl so gut, mich vorher zu informieren? Dann könnte ich nämlich den guten Brandy rechtzeitig dekantieren, um den entscheidenden feinen Unterschied zu erzielen.«

Kate erkannte, dass Phillips außer sich war. Zwar schrie er weder, noch warf er mit Sachen um sich, – ein Mann mit seiner Erfahrung würde sich zu einem solchen Gefühlsausbruch niemals hinreißen lassen – doch die Abwesenheit jeglicher Modulation in seiner Stimme zeigte Kate, wie wütend er war, fast rasend … Und das nur, weil er gezwungen gewesen war, einem Earl einen unzulänglichen Brandy zu servieren. Einem Butler von PhillipsStand war es zuzutrauen, dass er eine solche Schmach nie verwinden würde.

Außerdem würde er Kate diesen Fauxpas niemals verzeihen. Nein, mit ihnen beiden war’s das jetzt wohl. Die Tatsache, dass sie eine Katze mit ins Haus gebracht hatte, war für ihn schon eine unverzeihliche Zumutung gewesen. Katzen waren in Phillips Augen dreckige Kreaturen, höchstens für die Rattenjagd im Keller gut. Aber jetzt hatte sie ihn auch noch gedemütigt. Eigentlich konnte sie sich direkt nach einer neuen Stellung umsehen.

»Ehrlich, Mr Phillips«, begann Kate im Wissen um die Zwecklosigkeit ihres Bemühens, aber dennoch entschlossen, es mit Zugeständnissen zu versuchen, »hätte ich irgendeine Ahnung gehabt, ich hätte …«

»Bei mir müssen Sie sich nicht entschuldigen«, sagte der Butler steif. »Es ist der Master, der mit seinem Latein am Ende ist. Er hat sich bemüht, den Earl zu unterhalten, während Sie stundenlang weg waren.«

Kate verzog das Gesicht. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass Freddy so hirnlos war, sich eine einfache Adresse nicht merken zu können. Und es war auch nicht ihr Fehler, dass er beschlossen hatte, sich in Sledges Salon niederzulassen, um auf sie zu warten. Und wie konnte Phillips es wagen, mit seinem »während Sie stundenlang weg waren« anzudeuten, dass sie sich sinnlos herumgetrieben hatte; es war schließlich ihr freier Abend. Und an ihrem einzigen freien Abend sollte es ihr wohl gestattet sein …

Aber es hatte keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Nicht mit jemandem wie Mr Phillips.

Ihre Röcke anhebend, begann Kate, die Treppe zur gepolsterten Tür zu erklimmen. Sie musste in dem engen Treppenhaus an Phillips vorbeistreifen, aber er ignorierte sie steinern. Das war auch gut so, dachte sie, denn hätte er auch nur ein weiteres Wort gesagt … Sie war in der Laune, etwas Unbesonnenes zu tun. Sie würde dem Ekel sagen, dass sie genau wusste, dass er den guten Claret mit einem minderwertigen Brandy vertauschte und seinem Arbeitgeber dennoch die Rechnung für den teuren präsentierte.

Oder, noch schlimmer, sie würde ihn in den krampfhaft eingezogenen Bauch piksen – eine Angewohnheit, die ihre jungen Schützlinge schon imitierten.

Wie Posie schon gesagt hatte, war Mr Sledge dabei, den orientalischen Läufer vor dem Salon abzutragen. Als er Kates Schritt erkannte, blickte er auf und trat rasch an ihre Seite.

»Oh, Miss Mayhew, ich bin so froh, dass Sie wieder da sind«, brach es aus ihm hervor. »Der Earl — der Earl von Palmer, wissen Sie. Er ist hier drinnen und wartet auf Sie. Ich habe ihm die Zeitung gebracht. Ich hatte sie noch nicht weggeworfen, wissen Sie. Ich dachte, das würde ihm gefallen.«

Kate lächelte zu ihrem Arbeitgeber empor. Cyrus Sledge war – trotz seines verunglückten Namens – kein schlechter Mann. Er war bloß eine etwas trübe Tasse; er hatte eine hässliche Cousine geheiratet, ohne auch nur zu ahnen, dass sie eines Tages ein Vermögen erben würde. Jenes Vermögen, dem nun nicht nur Kate ihren Lohn zu verdanken hatte, sondern auch ein Haufen Missionare und Hunderte Eingeborene in Papua–Neuguinea ihre Schuhe und ihre Bibelexemplare.

»Ich habe mir überlegt«, flüsterte Mr Sledge, »ich könnte doch Seiner Lordschaft eines von Reverend Billings‘ Traktaten geben, wissen Sie, über die Mission. Glauben Sie, er wäre daran interessiert, Miss Mayhew? Ich habe nämlich festgestellt, dass viele der feinsten jungen Männer des Landes nicht viel Interesse für diejenigen aufbringen, die mit weniger Glück gesegnet sind. Sie haben nur die Jagd und das Theater im Kopf. Ich frage mich oft, ob es daran liegt, dass sie zu wenig wissen. Ihr Bewusstsein ist einfach nicht für die Tatsache erweckt worden, wie schlecht es den Papua–Neuguineern geht, so ganz ohne Jagd und Theater, ganz zu schweigen von einer angemessenen Würdigung Gottes …«

Kate nickte. »Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Mr Sledge. Das nächste Mal, wenn Seine Lordschaft vorbeischaut, müssen Sie unbedingt mit ihm darüber sprechen. Ich denke, er wird sehrfasziniert sein.«

Das gewöhnlich recht fahle Gesicht Mr Sledges wurde rot vor Freude. »Glauben Sie wirklich, Miss Mayhew? Bestimmt?«

»Ganz sicher.« Kate nahm seinen Arm und führte ihn von der Salontür weg. »Ich denke sogar, Sie und Mrs Sledge sollten einen Stapel der Traktate von Reverend Billings für Freddy – ich meine natürlich, für Seine Lordschaft – zusammenstellen, damit er sie noch heute Abend lesen kann. Und wenn er das nächste Mal kommt, können Sie beide ein kleines Quiz mit ihm darüber veranstalten.«

Mr Sledge schnappte nach Luft. »Großartige Idee! Ich werde sofort Mrs Sledge Bescheid sagen. Wir haben ein paar wunderbare neue Ausgaben, wussten Sie schon, Miss Mayhew? Alles über die abstoßenden Umstände, unter denen die durchschnittliche Einwohnerin von Papua–Neuguinea gebärt, und wie Reverend Billings sich fieberhaft für die Verbesserung der Bedingungen eingesetzt hat …«

»Oh«, sagte Kate. »Das ist genau das Richtige für Seine Lordschaft.«

Mr Sledge eilte von dannen, eifrig die Hände reibend. Kate unterdrückte ihr Lachen, warf die Salontür auf und sagte: »Tja, Freddy, nun bist du dran. Mr Sledge sucht seine Traktate raus, auch die übers Gebären.«

Der große, blonde Mann, der vor dem Kaminfeuer stand, drehte sich schuldbewusst um. Kate entdeckte den Grund dafür schnell. Er hatte die Zeitungen ihres Arbeitgebers bestens zum Zeitvertreib genutzt, indem er sie Stück für Stück zu kleinen Kugeln knüllte, die er dann ins Feuer schnipste. Sie flammten auf, bevor der Sog sie den Kamin hinaufbeförderte. Auf diese Weise hatte er sich durch die Gesellschaftsseiten gearbeitet und begann gerade mit dem Wirtschaftsteil, als Kate eintrat.

»Also wirklich, Freddy«, sagte sie beim Anblick der traurigen Überreste der Zeitung, die Phillips erst am Morgen sorgfältig mit einem heißen Bügeleisen bearbeitet hatte, um die noch feuchte Druckerschwärze zu trocknen. »Du bist schlimmer als Jonathan Sledge und der ist fünf Jahre alt.«

Frederick Bishop, der neunte Earl von Palmer, streckte sein markantes Kinn vor und sagte: »Tja, Kate, es hat ja auch ewig gedauert, bis du hier warst. Ich musste mich doch irgendwie beschäftigen.«

»Es würde dir wohl nie einfallen, eine Zeitung vielleicht mal zu lesen«, sagte sie und beugte sich herab, um den Haufen zerknüllter Druckerzeugnisse zu glätten. »Zerfetzen, klar, aber nur nicht ansehen.«

»Was gibt’s da schon zu lesen?«, wollte Freddy wissen. »Bloß langweiliges Zeug über den Ärger in Indien, was weiß ich. Viel wichtiger, Kate, was hat dich so lang aufgehalten? Stunde um Stunde warte ich hier schon. Ich war bei dieser Kirche und da gab es kein Konzert. Da war nur die Frau des Vikars, ein schreckliches, gemeines Wesen, die für irgendein Festival verdorrte Zweige an einer Mauer aufhängte. Sie war völlig unverschämt, als ich fragte, wann Mahler gespielt wird. Wenn ich so darüber nachdenke, sah sie selbst aus wie ein verdorrter Zweig.«

»Du bist schon wieder zur falschen Kirche gegangen. Und es war nicht Mahler, sondern Bach.« Kate ließ sich auf einen der harten, formell wirkenden Stühle der Sledges sinken. »Die Polonaise war wunderbar.«

»Zum Teufel mit der Polonaise«, sagte der Earl von Palmer wütend.

»Also wirklich, Freddy«, lachte Kate.

»Ist mir egal«, Freddy fläzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. »Ich habe das Konzert verpasst, und jetzt ist es zu spät, dich zum Abendessen auszuführen. Die dämlichen Sledges werden sich bald zur Ruhe begeben und dann musst du auch gehen. Und du hast erst nächste Woche wieder einen freien Abend. Also, zum Teufel mit der Polonaise!«

Kate lachte wieder. »Du bist selber schuld, weißt du? Wann wirst du endlich anfangen, dir Adressen zu notieren, um sie zu behalten?«

»Wenn du aufhörtest, so ein Dickkopf zu sein, und mich heiraten würdest, bräuchte ich mir keine Adressen aufzuschreiben – du wärst ja immer da, mich zu erinnern«, sagte Freddy in einem Anflug von Gerissenheit.

»Tja«, sagte sie fröhlich, »du fängst das ja sehr geschickt an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in London ein Mädchen gibt, das einem Mann widerstehen kann, der sie als Dickkopf beschimpft.«

Freddy zupfte an einem Ende seines dicken, goldfarbenen Schnurrbartes. »Du weißt, was ich meine. Warum musst du so störrisch sein?«

»Ich bin nicht störrisch, Freddy«, meinte Kate. »Du weißt, dass ich dich gern habe. Aber nicht so, wie eine Ehefrau ihren Mann gernhaben sollte. Ich meine – ich bin nicht verliebtin dich.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Freddy. »Du warst noch nie verliebt.«

»Nein«, gab Kate ehrlich zu. »Aber ich habe schon sehr viel in Büchern darüber gelesen, und …«

Freddy machte ein unhöfliches Geräusch. »Du und deine Bücher!«

»Du solltest mal versuchen, eins zu lesen«, sagte Kate in mildem Tonfall. »Es könnte dir gefallen.«

»Das bezweifle ich. Und überhaupt, wozu ist es wichtig, dass du in mich verliebt bist? Ich bin in dich verliebt, das ist es, was zählt. Und du könntest schließlich immer noch lernen, mich zu lieben«, sprach er, langsam warm geworden. »Ehefrauen machen das ständig. Und du bist bestimmt besser darin als die meisten Frauen meiner Freunde. Du hast eine schnelle Auffassungsgabe. Zum Beispiel haben alle gesagt, dass du keine fünf Minuten als Gouvernante überstehst, und sieh mal, wie gut du es hinbekommen hast.«

»Werhat gesagt, ich überstehe keine fünf Minuten?«, verlangte Kate zu wissen, aber der Earl winkte ihre beleidigte Frage mit einer Handbewegung ab.

»Ich kann sehr liebenswert sein, musst du wissen«, teilte er ihr mit. »Virginia Chittenhouse war im letzten Frühling verrückt nach mir. Ich versichere dir, sie hat jämmerlich geheult, als ich ihr erklärte, dass mein Herz auf immer dir gehört, obwohl du außer deinem Namen keinen Pfifferling mehr hast und obwohl du dir in deinem fortgeschrittenen Alter eine beißend scharfe Zunge zugelegt hast.«

»Du hättest Virginia Chittenhouse nicht abwimmeln sollen«, sagte Kate, immer noch indigniert. »Sie hat wohl kaum eine beißend scharfe Zunge, und soweit ich weiß, ist sie gerade zu fünfzigtausend Pfund gekommen.«

Der Earl von Palmer stand auf und machte eine dramatische Geste. »Ich brauche keine fünfzigtausend Pfund! Ich brauche dich, Kate Mayhew!«

Kate beschlich ein Verdacht. »Wie viele Gläser hast du von Mr Sledges Brandy konsumiert, während du auf mich gewartet hast, Freddy?«

»Du musst sofort diese Gouvernanten-Sklaverei aufgeben und mit mir nach Paris durchbrennen«, erklärte Freddy.

»Mein Gott, Freddy, wir würden uns an die Kehle gehen, noch bevor wir in Calais ankommen, und das weißt du. Ich hoffe ernsthaft, dass du betrunken bist. Es ist die einzige logische Erklärung für dieses extrem unpassende Verhalten.«

Der Earl sank resigniert auf seinen Stuhl zurück. »Ich bin nicht betrunken. Ich bin bloß vor Langeweile fast verrückt geworden, als ich auf dich gewartet habe. Dieser Dummkopf Sledge kam alle fünf Minuten rein, um zu fragen, ob ich etwas brauche. Er hat versucht, sich mit mir über irgendein poppendes neues Guinness zu unterhalten.«

»Papua-Neuguinea«, korrigierte Kate ihn lächelnd.

Freddy machte eine wegwerfende Geste. »Was auch immer. Wo bist du gewesen, Kate? Das Konzert sollte um neun Uhr zu Ende sein.«

»Ich bin so schnell zurückgekommen, wie es möglich war. Ich musste den Omnibus nehmen, weil mir ja der Luxus deiner Kutsche versagt geblieben ist. Schließlich bist du nicht aufgetaucht.« Sie warf ihm einen tadelnden Blick zu und wollte weiteren Heiratsanträgen aus dem Weg gehen, indem sie noch hinzufügte: »Oh, das habe ich fast vergessen, ich bin auf dem Heimweg in eine außergewöhnliche Szene hineingeplatzt. Direkt hier draußen – mitten auf der Park Lane – habe ich gesehen, wie sich ein Mann eine junge Frau über die Schulter warf und versuchte, sie in eine vierspännige Kutsche zu stecken.«

Der Earl von Palmer rutschte auf seinem Stuhl herum und sein trotziger Gesichtsausdruck verdunkelte sich. »Das hast du dir jetzt ausgedacht. Du willst mich nur vom Heiratsthema abbringen. Nun, Kate, das wird dir nicht gelingen. Dieses Mal bin ich fest entschlossen. Ich habe es sogar meiner Mutter erzählt. Sie war nicht gerade begeistert, aber sie sagte, wenn ich unbedingt eine Dummheit begehen will, könne sie mich nicht davon abhalten.«

Kate beschloss, den letzten Satz zu ignorieren. »Ich schwöre dir, es ist die Wahrheit. Es war absolut unglaublich. Ich musste den Kerl mit der Spitze meines Regenschirms bedrohen, damit er sie absetzte.«

Freddy blinzelte. »War es ein Araber?«

»Ganz bestimmt nicht. Er war ein Gentleman – wenigstens gab er das vor. Er war jedenfalls so angezogen, in Abendgarderobe, und er hatte einen Haufen unterbelichteter Lakaien um sich. Er war ziemlich groß, mit sehr breiten Schultern und wilden dunklen Haaren und einem olivfarbenen Teint …«

»Ein Araber!«, rief Freddy aufgeregt.

»Oh, Freddy, er war kein Araber.«

»Woher willst du das wissen? Es könnte einer gewesen sein.«

»Erstens hat er in perfektem Queens–Englisch mit mir geredet, ohne eine Spur von Akzent. Und zweitens, einer seiner idiotischen Diener hat ihn ›Mylord‹ genannt. Und er hatte die außergewöhnlichsten grünen Augen, die ich je gesehen habe. Araber haben dunkle Augen. Seine waren hell, fast glühend, wie die einer Katze.«

Freddys Kiefermuskulatur spannte sich an. »Na, du hast ihn dir ja genauestens angesehen.«

»Natürlich habe ich das! Er stand bloß einen guten Meter von mir entfernt und so dicht war der Nebel auch wieder nicht. Außerdem kam Licht aus dem Haus.«

»Welches Haus?«

»Keine zwei Türen weiter.« Kate zeigte in Richtung der Wand links von ihnen.

Der Earl von Palmer entspannte sich sichtlich. »Oh«, sagte er und rollte die Augen, »Traherne

»Wie bitte?«

»Traherne. Er hat das Haus des alten Kellog für diese Saison gemietet. Es ist die erste für seine Tochter.«

»Ja, es hat sich herausgestellt, dass das Mädchen, das er so abscheulich behandelt hat, seine Tochter ist. Eine recht dickköpfige junge Person.«

»Isabel«, meinte Freddy und unterdrückte ein Gähnen. »Ja, ich habe sie schon öfter hier und dort gesehen. Offensichtlich ist sie genauso wild wie ihr Vater. Letztens hat sie eine öffentliche Szene veranstaltet, als sie sich in der Oper diesem mittellosen zweiten Sohn irgendeines Niemands an den Hals geworfen hat. Es war unerträglich peinlich, selbst für einen so abgestumpften Beobachter menschlichen Verhaltens wie mich. Kein Wunder, dass ihr Vater da manchmal etwas härter vorgeht.«

Kate runzelte die Brauen. »Traherne? Ich habe noch nie von einem Lord Traherne gehört. Ich habe mich länger nicht mehr in Gesellschaftskreisen bewegt, ich weiß, aber …«

»Nicht Traherne. Wingate. Burke Traherne ist der zweite Marquis von Wingate. Oder der dritte, was auch immer. Wie man sich das alles merken soll, habe ich immer noch nicht …«

»Wingate? Klingt vertraut.«

»Tja, das sollte es auch. Der Mann hat einen ziemlichen Skandal verursacht – obwohl du damals vermutlich noch zur Schule gingst. Ich war auf Eton. Ich kann mich erinnern, wie unser beider Eltern sich beim Dinner darüber unterhalten haben. Na ja, solche Sachen machen halt immer die Runde …«

»Was für Sachen?« Kate konnte Klatsch nicht leiden; sie hatte seinerzeit mehr als genug für die Klatschsucht der Gesellschaft herhalten müssen. Dennoch, diese Augen waren nicht leicht zu vergessen.

»Die Wingate–Scheidung. Man hat damals monatelang über nichts anderes gesprochen. Die Zeitungen waren voll davon …« Freddy verzog das Gesicht. »Nicht, dass ich sie lese, aber man kann schließlich nicht umhin, die Schlagzeilen zu sehen, wenn man sie zerreißt, nicht wahr?«

»Scheidung?« Kate schüttelte den Kopf. »Nein. Du musst etwas verwechselt haben. Die junge Dame – Isabel – sagte mir, ihre Mutter sei tot.«

»Ist sie auch. Starb ohne einen Penny auf dem Kontinent, nachdem Traherne damit fertig war, sie und ihren Liebhaber vor die Gerichte zu schleifen.«

»Liebhaber?« Kate riss die Augen auf. Sie konnte nicht anders. »Freddy!«

»Oh ja, es war ein ordentlicher Skandal«, sagte Freddy zufrieden. »War in einem absurd jugendlichen Alter, als er geheiratet hat, dieser Traherne, eine Liebesheirat, mit der einzigen Tochter des Duke of Wallace. Elisabeth hieß sie, glaube ich. Jedenfalls stellte sich heraus, dass es nur von seiner Seite eine Liebesheirat war. Noch nicht einmal ein Jahr nach Isabels Geburt erwischte Traherne sie – Elisabeth natürlich – in voller Aktion mit irgendeinem irischen Dichter oder so, in seinem eigenen Haus – Trahernes Haus natürlich – bei einem Ball, den sie gaben. Er warf den Kerl aus dem Fenster im zweiten Stock, soweit ich weiß, und ist am nächsten Tag direkt zum Anwalt gesaust.«

Kate schnappte nach Luft. »Oh Gott. Ist er gestorben?«

»Traherne? Natürlich nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass er es ist, den du heute Abend gesehen hast. Er hat sich seit damals sehr zurückgezogen, verständlicherweise – eine Gastgeberin, die auf sich hält, würde ihn sowieso nicht einladen. Aber ich schätze, ihm ist klar geworden, dass er sich jetzt wieder in der Gesellschaft blicken lassen muss, wenn er diese kleine Höllenbraut jemals unter die Haube bringen will.«

Kate atmete tief durch, um nicht die Geduld zu verlieren. Ihre lange Bekanntschaft mit dem Earl von Palmer hatte sie besser für eine Laufbahn als Lehrerin qualifiziert, als das eine formale Ausbildung vermocht hätte.

»Ich meinte«, sagte sie ruhig, »ist der Liebhaber seiner Frau gestorben, als Lord Wingate ihn aus dem Fenster warf?«

»Ach so«, meinte Freddy. »Nö, gar nicht. Er hat sich erholt und die Frau geheiratet, nachdem die Scheidung durch war. Natürlich konnte sich keiner der beiden mehr in England blicken lassen. Niemand wollte noch mit ihnen zu tun haben, nicht einmal ihre eigenen Familien.«

»Und das Kind?«

»Das Kind? Du meinst Isabel? Na ja, Traherne hat sie aufgezogen, natürlich. Du kannst doch nicht glauben, dass er das seiner Frau überlassen hätte. Das heißt, seiner Exfrau. Ich glaube nicht, dass sie ihr Kind jemals wiedergesehen hat. Das wird er schon zu verhindern gewusst haben. Vor Kurzem erst gab es noch einen kleinen Aufruhr, weil der alte Wallace – der Vater von Elisabeth – seine Enkeltochter sehen wollte und Traherne es verboten hat. Sehr hässlich, das Ganze, muss ich sagen.«

»Absolut.« Kate verzog angeekelt das Gesicht.

»Eine wirklich schreckliche Geschichte.«

»Es wird noch schlimmer«, sagte Freddy freudig.

»Besten Dank, ich will’s gar nicht hören.« Kate hob abwehrend die Hand.

»Aber es ist wirklich gut, ich bin sicher, es wird dir gefallen, Katie.«

Sie senkte die Hand und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. »Du weißt, ich hasse Klatsch, Freddy. Erst recht, wenn es um die sogenannte feine Gesellschaft geht. Nichts langweilt mich mehr als die Zwiste und Zänkereien derer, die über absurden Reichtum verfügen.«

Freddy grinste erfreut. »Oh, führen wir jetzt eine Diskussion? Ich liebe es, mit dir zu diskutieren, Katie. Es ist wie in alten Zeiten.«

Kate sah ihn zornig an. »Nein, das ist es nicht. Weil es nichts zu diskutieren gibt. Es gibt bei diesem Thema keine zwei möglichen Standpunkte. Mir wird schlecht, wenn ich höre, wie wohlhabende, gebildete Menschen unfähig sind, sich besser zu benehmen als … als Straßenköter!«

»Das ist aber ein bisschen hart für den armen Traherne«, wies Freddy sie zurecht. »Wie ich gehört habe, hat er sich niemals vom Betrug seiner Frau erholt. Er ist zu einem kalten, verbitterten Schatten seines vormals lebhaften und lebensfrohen Wesens geworden.«

»Für mich sah er aber extrem lebhaft aus«, sagte Kate und dachte daran, mit welcher Leichtigkeit er sich seine Tochter über die Schulter geworfen hatte – die schließlich kein Fliegengewicht war, denn sie war einige Zoll größer als Kate und sicher um etliche Pfund schwerer.

»Oh, Mangel an weiblicher Gesellschaft hat er nicht«, versicherte Freddy. »Wie ich so mitbekommen habe, ist seine neueste Flamme Sara Woodhart. Ich hab dir doch von ihr erzählt, ich habe sie letzten Monat in Macbeth gesehen.«

Kate trennte sich von der Erinnerung an die kraftvolle Figur des Marquis und sagte: »Stimmt. Seine Tochter hat etwas von einer Mrs Woodhart erwähnt, mit der ihr Vater jetzt lieber zusammen sei, statt von Ball zu Ball hinter ihr herzutrotten.«

»Deswegen hat er ja auch eine Kompanie von Anstandsdamen für sie angestellt, die auf sie aufpassen sollen. Was scheinbar nicht so gut klappt, wie ich beobachtet habe.«

Kate schüttelte den Kopf. »Er sollte wieder heiraten. Langfristig wäre das billiger für ihn. Und ich bin sicher, dass sich in der Horde der Gesellschaftsdämchen dieser Saison eine finden würde, die dumm oder gierig genug ist, seine Tändeleien mit geistlosen Schauspielerinnen zu tolerieren.«

»Nur dass er der Ehe auf immer abgeschworen hat. Das weiß auch jeder. Er sagt, die Ehe habe sein Leben ruiniert und das werde er bestimmt nicht noch einmal mitmachen, besten Dank.«

»Oh«, sprach Kate mit wissendem Blick. »Wie originell. Ein reicher, gut aussehender Adliger, der der Ehe abgeschworen hat. Da ist doch sicherlich jede infrage kommende junge Dame in London ganz wild darauf, ihn davon wieder abzubringen.«

»Ha, siehst du?« Freddy grinste breit, lehnte sich vor und tätschelte ihre Hand. »Das war doch gar nicht so schlecht, oder? Du warst ganz gut. Ich bin ausgenommen stolz auf dich.«

Nachdem sie ihn zuerst verstört angeblinzelt hatte, verstand sie. Sie ballte die Hand, die er getätschelt hatte, zur Faust und sprang vom Stuhl auf.

»Das war nicht fair.« Sie drehte den Kopf von ihm weg und nahm eine steife Haltung ein.

»Doch, natürlich.« Freddy schien ihre Verärgerung nicht zu bemerken. Er gähnte und streckte sich vor dem Feuer. »Es war eine schöne Klatschrunde. Ich fühle mich wirklich wie in alten Zeiten.«

»Hör auf«, sagte Kate in Richtung Wand. Sie sprach so leise, dass er aufsah und erst jetzt merkte, dass sie aufgestanden war. Er sah sie verwundert an. »Es kann nie mehr so sein wie früher. Das weißt du doch.«

»Also Katie«, Freddy starrte, leicht alarmiert, auf ihren Rücken. »Jetzt fang nicht an, alles wieder auseinanderzunehmen …«

»Freddy? Wie sollte ich das nicht tun?« Ihre Stimme war fest, ohne das kleinste Zittern.

»Katie«, sagte der Earl sanft. »Tu’s nicht.«

»Ich kann nichts dagegen machen. Ich denke ständig daran. Vorgestern habe ich sogar …«

»Hast du sogar was?«, fragte Freddy.

»Oh.« Sie schüttelte den Kopf. Als sie sich wieder zu ihm drehte, schienen ihre Augen unnatürlich hell. »Nichts.«

»Kate.« Seine Stimme klang ernst; der neckende Tonfall war verschwunden. »Sag’s mir.«

Sie zuckte die Schultern und konnte ihn nicht ansehen: »Ich dachte, ich hätte ihn wiedergesehen.«

Er blinzelte. »Dachtest, du hättest wen gesehen?«

»Daniel Craven.« Die Worte, die von ihren Lippen kamen, klangen schwer; jede Silbe wie ein Ziegelstein, der zu Boden fällt. »Ich dachte, ich hätte Daniel Craven gesehen.«

Freddy war schon aufgesprungen, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Er kam zu ihr und nahm ihre Hand in seine. »Kate«, sagte er sanft. »Wir haben darüber schon so oft gesprochen.«

»Ich weiß«, sagte sie. Ihr Blick war auf den Teppich geheftet. »Ich weiß. Aber ich kann nichts dafür. Ich habe ihn gesehen, Freddy.«

»Du hast jemanden gesehen, der ihm ähnlich sieht. Das ist alles.«

»Nein

Kate entzog ihm ihre Hand, ging zum nächsten Fenster und teilte die Samtvorhänge. Blinden Auges sah sie auf die nebelverhangene Straße.

»Er war es«, sagte sie. »Ich weiß, dass er es war. Und obendrein, Freddy, ist er mir auch noch gefolgt.«

»Er ist dir gefolgt?« Freddy eilte an ihre Seite. »Wohin ist er dir gefolgt?«

»Genau hierhin, auf die Park Lane. Ich war mit den Jungen unterwegs …«

»Daniel Craven«, meinte Freddy skeptisch. »Daniel Craven, den niemand seit sieben Jahren in London gesehen hat, ist dir ausgerechnet diese Straße entlang gefolgt?«

»Es ist mir bewusst, dass das absurd klingt.« Kate ließ den Vorhang zurück vor das Fenster fallen und drehte sich wieder dem Feuer zu. »Du denkst, dass ich verrückt bin. Vielleicht bin ich es ja auch …«

Sichtlich besorgt betrachtete Freddy sie. »Nicht, dass ich dir nicht glaube, Kate. Es ist nur …«

Sie stand inmitten des Feuerscheins und nestelte an der Lehne ihres Stuhls herum. »Es ist nur was?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Na ja, und wenn es wirklich Daniel Craven war. Du kannst doch nicht immer noch glauben, dass er etwas mit dem Tod deiner Eltern zu tun hat, oder? Ich dachte, wir hätten das geklärt. Was stellst du dir denn vor?« Er schüttelte den Kopf. »Dass er nach sieben Jahren zurückgekommen ist, um dich auch noch zu erledigen?«

Kate schob das Kinn vor. »Ja. Genau das habe ich gedacht. Es tut mir leid, falls du das albern findest.«

»Nun komm schon, Kate«, rief Freddy. »Sieh mich nicht so an. Du weißt doch, es gibt nichts auf der Welt, wirklich gar nichts, was ich nicht für dich tun würde. Aber diese Spinnerei über Daniel – du weißt, was die Leute damals darüber gesagt haben.«

Mit verdüsterter Miene ließ sich Kate wieder auf ihren Stuhl sinken. »Natürlich weiß ich das noch. Alle dachten, ich hätte es mir ausgedacht. Ich hatte vergessen, dass du einer von ihnen warst«, fügte sie voller Bitterkeit hinzu.

»Kate, also wirklich«, sagte er in sanft rügendem Tonfall. »Du hast schon immer sehr viel Fantasie gehabt. Das ist auch gar nicht schlimm, im Gegenteil. Ich bin sicher, bei deinen kleinen Schützlingen ist es sehr nützlich, aber …«

»Schon gut.« Kate senkte müde die Lider. »Schon gut. Ich kann Daniel Craven gar nicht gesehen haben. Ich werde es nicht wieder erwähnen. Aber was dich betrifft … du musst damit aufhören, mir Anträge zu machen. Ich kann es nicht mehr ertragen. Wirklich nicht. Ich meine, abgesehen davon, dass ich nicht in dich verliebt bin, will ich nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben …«

»Diese Leute«, echote Freddy. »Die feine Gesellschaft, meinst du?«

»Ich habe nie irgendetwas Feines an ihnen entdeckt«, sagte Kate steif. »Oder etwas Freundliches und Zuvorkommendes. Mein Gott, Freddy, ich bin ziemlich sicher, dass mich Cyrus Sledges Papua–Neuguineer mit mehr Mitgefühl behandelt hätten, als deine Mutter oder diese ganzen Leute, die vorgaben, meine Freunde zu sein, es jemalsgetan haben. Ich würde eine Gesellschaft, die nichts Besseres zu tun weiß, als über mich zu tuscheln, ja, mich für das verantwortlich zu machen, was mein Vater getan hat, wohl kaum als fein oder höflich bezeichnen …«

»Zur Hölle!«

Diesmal war es der Earl, der durch den Raum streifte, die Fäuste in den Hosentaschen geballt. »Ich bin gekommen, um dich auszuführen und dir einen schönen Abend zu machen, Kate«, erklärte er. Er stand hinter einem Tisch voller ausgestopfter Vögel unter halbrunden Glasbehältern. »Du solltest vergessen können, wenigstens für eine kurze Zeit. Wie kommt es nur, dass, je mehr ich versuche, dich abzulenken, wir es immer wieder schaffen, bei diesem Thema zu landen?«

Kate drehte sich auf dem harten Stuhl herum, um ihn anzusehen. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. »Wie das kommt? Freddy, sieh dich doch um! Wir sitzen hier im Salon anderer Leute, weil ich keinen eigenen mehr habe und mich aus Angst vor dem, was deine Mutter sagen könnte, nicht in deinen wagen würde. Freddy, ich bin der lebende Beweis dafür, dass die Götter die Sünden der Väter auf die Kinder übertragen …«

»Ich dachte«, unterbrach Freddy, »dass du die Bibel nicht leiden kannst. Du hast immer gesagt, es gäbe zu wenig weibliche Rollen, als dass sie interessant sein könnte …«

»Das war kein Bibelzitat, Freddy, das war Euripides. Hast du denn niemalsin der Schule aufgepasst?«

Freddy ignorierte die Frage. »Mir ist danach, irgendetwas zu zertrümmern«, erklärte er laut.

»Na dann«, sagte Kate, »gehst du wohl besser. Ich kann es mir nicht leisten, entlassen zu werden. Die Sledges sind zwar zum Gähnen langweilig, aber wenigstens sind sie freundlich, was ich lange nicht von allen meinen vergangenen Arbeitgebern sagen kann.«

»Zur Hölle«, sagte Freddy wieder und wandte sich gerade zum Gehen, als sich der Türknopf drehte und ein sehr nervös wirkender Cyrus Sledge den Kopf hereinsteckte.

»Oh, mein lieber Lord Palmer«, sagte er und wedelte mit einer Hand voll Pamphlete, »ich sehe, Sie wollen gehen. Bevor Sie das tun, bitte, nehmen Sie einige dieser Traktate. Wenn Sie möchten, meine ich. Sie erleuchten vorzüglich ein Thema, von dem ich sicher bin, dass es einen jungen Mann wie Sie faszinieren wird. Das unglückselige Schicksal der Papua–Neuguineer …«

Der Gesichtsausdruck des Earls sagte Kate, dass ihr Brotgeber besser daran täte, die Traktate bis zum nächsten Mal aufzusparen. Sie beeilte sich, aufzustehen und ihm das zu Bewusstsein zu bringen.

»Oh, Mr Sledge«, sagte sie. »Lord Palmer geht es nicht so gut. Er hat ein wenig Kopfschmerzen. Vielleicht ein anderes Mal …«

»Kopfschmerzen?« Cyrus Sledge maß die robuste Erscheinung des Earls mit einem schiefen Blick. »Wissen Sie, wie die Papua–Neuguineer Kopfschmerzen kurieren, Sir? Sie kauen eine bestimmte Baumrinde, spucken die vorverdauten Stücke in ein großes Lehmgefäß mit einem Deckel von mastoider Form, dessen Inhalt einige Tage in der Hitze fermentiert …«

»Kate«, sagte Freddy mit erstickter Stimme.

Kate legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. »Es ist alles in Ordnung, Freddy«, sagte sie sanft. »Wenn Sie mich entschuldigen, Mr Sledge, ich bringe Seine Lordschaft nur kurz zur Tür.«

»Er hat ›mastoid‹ gesagt, Kate«, zischte Freddy, während sie ihn zur Tür lotste, wo Phillips bereits mit Hut, Stock und Umhang des Earls wartete. »Er hat ›mastoid‹ gesagt!«

»Es ist nicht, was du denkst, Freddy. ›Mastoid‹ heißt ›warzenartig‹. Das ist alles.«

»Oh.« Erleichtert ließ Freddy den Butler den Umhang um seine Schultern drapieren. »Ich dachte … ich dachte …«

»Ich weiß, was du dachtest«, sagte Kate. »Denk nicht mehr dran.« Sie reichte ihm Stock und Handschuhe, während er seine Kopfbedeckung fest auf das kurze blonde Haar drückte. »Ich sehe dich nächste Woche. Hol mich um sieben Uhr ab.«

Freddy nickte. »Ja, das ist wohl besser. Es klappt ja doch nicht, wenn wir versuchen, uns irgendwo zu treffen.«

»Nein«, stimmte sie zu. »Nicht, wenn du nie daran denkst, eine Adresse zu notieren. Gute Nacht, FrBalustrade im ersten Stock und fragte mit trällernder Stimme: »Hat er die Traktate mitgenommen, mein Liebster?«

Cyrus Sledge sah bedrückt auf die Pamphlete herab, die er in der Hand hielt. »Nein, mein Liebling«, rief er traurig zurück, »hat er nicht.«

Angesichts dieser Enttäuschung konnte Kate nicht anders, als zu behaupten: »Doch, hat er wohl. Als Sie nicht hingeschaut haben, habe ich ein paar von denen, die auf dem Tischchen beim Eingang lagen, in die Tasche Seiner Lordschaft gesteckt.«

Mrs Sledge sog hörbar den Atem ein. »Dann wird er sie wahrscheinlich noch heute Abend finden, wenn er sich auskleidet!«

Kate schaffte es auf bewundernswerte Weise, ein unbewegtes Gesicht zu machen. »Das ist höchstwahrscheinlich, Madam«, sagte sie.

»Und er wird sie noch lesen, bevor er schlafen geht.« Mr Sledge war glücklich. »Und wenn er eingeschlafen ist, wird Seine Lordschaft von den Papua–Neuguineern träumen! Meinen Sie nicht, Miss Mayhew?«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass er von etwas anderem träumen kann«, sagte Kate ehrlich, »wenn er die Traktate gelesen hat.«

Die Sledges zogen sich in ihr Gemach zurück, wobei sie sich gegenseitig beglückwünschten, einen neuen Anhänger des wundertätigen Reverend Billings geworben zu haben. Damit ließen sie Kate mit Butler Phillips allein zurück.

»Miss Mayhew«, sprach Mr Phillips, während er die Vordertür abschloss.

»Ja, Mr Phillips?«, antwortete Kate vorsichtig.

»Am früheren Abend, als wir unten ein paar Worte wechselten …«

Sie konnte es kaum fassen, war er tatsächlich im Begriff, sich für seine Unverschämtheiten zu entschuldigen? Misstrauisch fragte sie: »Ja, Mr Phillips?«

»… habe ich vergessen, etwas zu erwähnen.« Er drehte sich um und sah sie an. »Könnten Sie in Zukunft dafür sorgen, dass diese Kreatur, die Sie besitzen, auf Ihr eigenes Zimmer beschränkt bleibt? Heute Morgen habe ich einen Haarballen in einem meiner Schuhe entdeckt.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und steuerte die gepolsterte Tür an.

Kate fühlte sich plötzlich sehr müde. Sie lehnte sich gegen die Wand. Gut, dachte sie bei sich. Ab jetzt würde sie sich an ihren freien Abenden nur noch in ihrem Zimmer einschließen, allein mit einem Buch.


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Patricia Cabot ist das Pseudonym der amerikanischen Autorin Meg Cabot, die in Bloomington, Indiana geboren ist. Ihre über 80 Romane und Jugendbücher haben sich weltweit über fünfundzwanzig Millionen Mal verkauft, darunter mehrere internationale Bestseller. Meg Cabot lebt mit ihrem Mann und mehreren Katzen in Key West.

Mordsmäßig angefressen

Kapitel 2

„Ihr habt was?“

„Einen Mord beobachtet“, wiederholte Finn, und hätte er seine Augen noch weiter aufgerissen, wären sie ihm vermutlich aus dem Kopf gesprungen.

Emily zog eine Grimasse und stellte sich wieder vor ihn. „Also, eigentlich haben wir die Tat an sich nicht gesehen, aber wir haben beobachtet, wie sie die Leiche weggeschafft haben.“
Ungläubig öffnete ich den Mund, bevor ich wiederholte: „Ihr habt was?“

Finn wechselte einen Blick mit meiner Schwester, bevor er laut hörbar murmelte: „Ich glaube, Josh hat ihr das Gehirn rausgevögelt.“

„Ich hätte meine Kamera einschalten sollen“, meinte Emmi verärgert. „Ihr Gesichtsausdruck ist Gold wert.“

Ich ignorierte beide Kommentare. „Sagt mir, dass das ein Scherz ist“, stieß ich hervor.

„Kein Scherz, dein Gesicht ist zum Schießen! Ich schwör –“

„Das mit dem Mord, Emily!“

„Oh, das. Nein, das ist unser voller Ernst“, stellte sie klar und hielt mir ihren Finger ins Gesicht, um besagte Ernsthaftigkeit noch einmal zu verdeutlichen. „Wir haben die Leiche genau gesehen! Na ja, also nicht genau, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass da Blut auf den Boden getropft ist.“ Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Obwohl es schon sehr dunkel war und die Gestalten etwas weiter weg … aber ich gucke Fernsehen! Ich weiß doch, wie es aussieht, wenn man einen toten Körper in einen Teppich einwickelt.“

„Es war kein Teppich“, sagte Finn und schüttelte den Kopf. „Es war eine Decke.“

„Du warst doch komplett high!“, meinte Emily und zeigte ihm den Vogel. „Es war ein Teppich und er war rot. Oder blau. Vielleicht auch gelb, aber das hätte auch das Licht der Laterne sein können.“

„Ich war nicht high! Wir haben erst danach einen geraucht, aber du hast, während wir da waren, immer nur diese schwarz-weißen Pferde angestarrt. Du hast der Leiche nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.“

Zebras, Finn! Sie heißen Zebras. Und du vergisst, dass ich die scheiß Kamera gehalten habe, ich habe genau …“

„Leute!“, unterbrach ich sie laut, bevor noch mein Gehirn platzte. „Ihr redet wirres Zeug. Was habt ihr wo und wann gesehen? Und warum geht ihr damit nicht zu Josh?“

Finn kratzte sich am Kopf. „Nun, es gibt da ein paar Kleinigkeiten, die die Sache verkomplizieren“, gab er zu.

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Weil sie illegal sind“, erklärte er irritiert, so als hätte mir das klar sein müssen.

„Nur ein bisschen illegal“, meinte Emmi, eine Hand auf ihre Brust gelegt. „Du hattest immerhin einen Schlüssel, Finn.“

„Einen Schlüssel, den ich geklaut habe“, gab er zu bedenken.

„Geliehen“, korrigierte Emily ihn.
„Ich habe ihn verloren, ich kann ihn nicht mehr zurückgeben.“

Emily machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Gedanke zählt, Finn!“

Ach du liebe Güte. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und winkte meinem ruhigen Nachmittag hinterher, den ich hastig hinter der drohenden Katastrophe verschwinden sehen konnte.

„Kommt einfach rein“, seufzte ich, packte beide an den Schultern und schob sie zum Eingang, bevor ich um sie herumging und die Tür aufsperrte. „Ihr werdet mir das Ganze von Anfang an erzählen müssen.“

„Eigentlich ist das alles sowieso deine Schuld, Lou“, sagte Emmi vorwurfsvoll, während wir in das kühle Treppenhaus traten. „Wir sind nur deinetwegen in den Zoo eingebrochen!“

„Ihr habt was getan?“ Meine Stimme hallte laut von den gekachelten Wänden wider, und ungläubig wandte ich mich zu ihr um.

„Pscht“, machte Finn und sah mich tadelnd an. „Willst du, dass wir in den Knast kommen?“

Keine Ahnung. Darüber würde ich genauer nachdenken müssen.

„Wir wollten auch gar nicht lange bleiben“, verteidigte sich Emily und lief die Stufen hoch. „Nur ein halbes Stündchen, um genug Material zu bekommen. Und Finn macht da doch sowieso gerade sein Praktikum. Es war also nicht total illegal.“

„Emily, ich glaube, du solltest das Wort illegal noch einmal im Duden nachschlagen, dir scheint dessen Bedeutung nämlich entfallen zu sein!“, fuhr ich sie an. „Was denkt ihr euch dabei, in eine öffentliche Einrichtung einzubrechen?“

„Musst du gerade sagen“, meinte Emily feindselig und blieb vor meiner Wohnungstür stehen. „Du verschaffst dir doch andauernd irgendwo widerrechtlich Zutritt!“

Ja, natürlich. Aber doch nur, um dem Allgemeinwohl zu dienen – und meine Neugierde zu befriedigen. Außerdem log ich mir den Weg durch eine verschlossene Tür. Ich musste keine Schlüssel stehlen. Es war also etwas vollkommen anderes!

„Es ist doch auch nicht wichtig, was wir getan haben“, versuchte Finn die Wogen zu glätten, während ich etwas zu energisch die Tür aufschloss, sodass das Holz bedrohlich knarzte. „Wichtig ist, was wir gesehen haben.“

Oh, da war ich anderer Meinung, aber ich wusste es besser, als auf taube Ohren einzureden. „Was zum Teufel wolltet ihr überhaupt dort?“, wollte ich wissen und stieß die Tür auf.

„Hab ich doch gesagt“, meinte Emily augenverdrehend. „Unser Plan war es, Material zu sammeln!“

Sprach sie absichtlich in Rätseln oder hatte das viele Gras, das sie rauchte, ihr nun endgültig die Fähigkeit genommen, zusammenhängende Sätze zu formulieren? „Material für was, Emmi?“, fragte ich ungeduldig, während ich die beiden kriminellen Unschuldsengel in meine Wohnung schubste und die Tür schloss. Twinky, mein verhaltensgestörter Kater, kam mir entgegen, grüßte mich mit einem lauten Maunzen und ließ sich dann auf den Rücken fallen, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Finn war nur allzu bereit, der Bitte nachzukommen, während ich meine Schwester fordernd ansah.

„Na, Videomaterial für ‚Das geheime Leben der Louisa Manu‘ natürlich“, meinte sie kopfschüttelnd. „Gott, Finn hat recht. Der viele Sex, den du zurzeit bekommst, vernebelt dein Gehirn. Du warst doch mal halbwegs klug.“

Das geheime Leben der Louisa Manu? Ich hatte inständig gehofft, dass sie ihre Idee, eine Art YouTube-Serie über mein Leben zu führen, wieder vergessen hatte. Das erste Video, das sie online gestellt hatte, war furchtbar gewesen! Und es existierte nur noch, weil es absurderweise tatsächlich den Umsatz meines Blumenladens gesteigert hatte. Aber das hieß nicht, dass ich heiß darauf war, mich erneut im Internet lächerlich zu machen! Das bewerkstelligte ich im realen Leben nämlich schon zur Genüge.

„Was hat ein Zoo denn bitte mit meinem Leben zu tun?“, wollte ich irritiert wissen.

Emmi zuckte die Achseln, warf ihr frisch blondiertes Haar über die Schulter und durchquerte mein Wohnzimmer, um sich auf die Couch fallen zu lassen. „Ich wollte dich mit einem Elefanten im Porzellanladen vergleichen und dachte mir, dass es doch ganz cool wäre, das mit einem echten Elefanten zu verbildlichen. Und bei Nacht wirkt das alles so viel dramatischer. Aber der Elefant war nicht sonderlich artistisch und das Porzellan ist immer gleich zerbrochen, sobald wir es über den Zaun geworfen haben, also …“ Sie hob enttäuscht die Schultern.

„Wow“, sagte ich trocken. „Du schmeichelst mir, Emily.“

Meine Schwester klimperte mit den Wimpern. „Ich schäme mich für nichts.“

Das war mir klar. Es war ihre Superkraft.

„Lou …“, unterbrach Finn meine Gedanken. Er strich Twinky ein letztes Mal über den Bauch und stellte sich dann neben mich.

„Ja?“, fragte ich.

„Du hast eine Gurke gefüllt mit Blumen auf deinem Tisch stehen.“

„Ich weiß“, meinte ich erschöpft. „Das hält sie länger frisch.“

„Ach so“, sagte Finn, nickte und ließ sich neben Emily auf die Couch sinken. „Ich dachte, es wäre vielleicht ein Versehen oder so was.“

„Du dachtest, ich hätte aus Versehen Blumen in eine ausgehöhlte Gurke gesteckt?“, hakte ich nach. Nur um sicher zu gehen.

Finn zuckte die Schultern. „Na ja, du hast ganz offensichtlich einen an der Klatsche. So unwahrscheinlich ist das also gar nicht.“

Ich verengte die Augen. „Finn, darf ich dir einen Tipp geben? Für die Zukunft? Wenn du Hilfe von jemandem willst, bezeichne ihn nicht als bekloppt.“

Für einige Sekunden schien er angestrengt über diesen Vorschlag nachzudenken, bevor er nickte. „Okay. Wäre vielleicht mal ein neuer Ansatzpunkt. Aber ich dachte, du stehst drauf, ein bisschen verrückt zu sein. Ich meine, Josh steht drauf, oder nicht?“

Das wurde ja immer besser.

Ich presste die Lippen aufeinander und verengte die Augen, doch bevor ich wütend werden konnte, fiel mir Emmi in die unausgesprochenen Worte.

„Jetzt reg dich nicht darüber auf, Lou. Er hat dich doch quasi als etwas Besonderes bezeichnet und jeder Mensch möchte doch besonders sein, oder nicht?“, sagte sie. „Aber zurück zum wirklich wichtigen Thema: Unsere Filmerei im Zoo wurde am Ende von zwei Gestalten unterbrochen, die eine Leiche weggetragen haben.“

„Schön.“ Ich versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Was für Gestalten waren das?“

„Keine Ahnung. Männer, glaube ich.“

„Oder Frauen“, warf Finn ein.

„Vielleicht war es auch ein Mann und eine Frau. Die eine Gestalt war größer als die andere.“

„Seid ihr sicher, dass es nicht auch zwei Menschenaffen gewesen sein könnten? Ihr wart immerhin im Zoo“, sagte ich trocken.

„Ja, jetzt wo du es sagst“, meinte Finn und nickte. „Wenn sie die richtig gut dressiert hätten … dann wäre das unglaublich klug, oder? Menschenaffen zu benutzen, um eine Leiche wegzukarren? Ihre Fingerabdrücke würde doch nie jemand testen!“

„Das war ein Witz, Finn!“

„Oh.“ Er wirkte beinahe enttäuscht.

Emmi seufzte laut. „Sie kamen auf jeden Fall aus Richtung des Löwengeheges“, erklärte sie, öffnete ihre Handtasche und holte ein silbrig glänzendes Objekt daraus hervor. „Des Löwengeheges, Lou! Sie haben die Leiche bestimmt von den Riesenkatzen zerstückeln lassen. Aber warum machst du dir nicht einfach selbst ein Bild“, schlug sie vor und hielt mir die Kamera hin. „Wir haben das Ganze aufgenommen.“

Meine Augenbrauen flogen in die Höhe und sofort griff ich nach dem Gerät. „Ihr habt es gefilmt? Warum sagst du das nicht gleich?“

„Du warst zu sehr damit beschäftigt, uns dafür anzupflaumen, dass wir etwas Illegales getan haben“, stellte Emily weise fest. „Dabei tun wir das alles nur zu deinem Besten!“

Mhm, schon klar. Sie schadete meinem Ruf, damit mein Laden besser lief. Welch ein schönes Verkaufskonzept.

Ich beschloss, über Emmis verblendete Sicht der Dinge hinwegzusehen, klappte stattdessen die Kamera auf, ließ mich auf den Boden sinken und rief das letzte Video ab.

Das erste Bild zeigte zwei paar Füße und ein verdrecktes 1-Cent-Stück, auf dem man die Zahl kaum erkennen konnte. Inspirierendes Stillleben.

„Ist das Ding an?“, konnte man Emilys Stimme im Hintergrund vernehmen, bevor die Linse nach oben schwenkte und einen fast vollkommen schwarzen Hintergrund einfing.

„Du bist die Regisseurin“, hörte ich Finns gedämpfte Stimme. „Du musst doch wissen, ob die Kamera an ist!“

„Keine Ahnung, ich kann nichts sehen. Außerdem blendet mich dieses rotblinkende Licht total.“

Das Kamerabild wackelte, schwenkte von einer Richtung zur anderen. Straßenlaternen blitzten kurzzeitig auf, nur um dann wieder zu verwischen, bis man schließlich einen schwach beleuchteten Felsen erkennen konnte, neben dem ein dunkles Holzgerüst stand. Die Kamera wackelte stetig weiter, sodass mir beinahe schlecht wurde, während Emmi auf dem Video nuschelte: „Wo sind die ganzen Pavians … oder heißt es Paviane? Pavia? Von denen hätte ich auch gerne eine Aufnahme. Lou und das Wort Affe gehen ja quasi Hand in Hand.“

Ich nahm den Blick kurz von dem kleinen Bildschirm, um Emily und Finn zuckersüß anzulächeln. „Sagt mal“, begann ich langsam und sah zurück zu den immer noch stark schwankenden Aufnahmen, „wart ihr besoffen, als ihr das gedreht habt?“
Stille.
Meine Augen wurden groß und ungläubig öffnete ich den Mund. „Oh mein Gott! Ihr wart wirklich besoffen? Wie soll ich auch nur ein Wort glauben, das aus eurem Mund kommt, wenn eure Wahrnehmung an diesem Abend einen Dreck wert war?“
„Alkoholisiert macht der Zoo nun mal mehr Spaß“, erklärte Emily neunmalklug. „Aber wir haben kaum drei Flaschen Wein getrunken – und Bloody Marys sind ja quasi Gemüse, also … Wir wissen, was wir gesehen haben, Lou. Guck hin, gleich kommt die Leiche!“

Augenverdrehend blickte ich wieder auf das verdunkelte Display, auf dem das Bild so unkontrolliert von einer Seite zur anderen schwankte, dass man das Gefühl bekam, die Kamera sei auf dem Rücken eines tollwütigen Welpen angebracht worden.

„Ey, Emmi, was meinst du: Sind diese Pferde schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen?“

„Es sind Zebras, Finn!“
„Weiß ich doch, aber die Frage ist –“

„Pscht.“

Ein paar Sekunden lang hielt die Kamera still. Sie war in die Ferne gerichtet, und unter einer schwach leuchtenden Straßenlaterne konnte man ein paar hohe Bäume und Zäune erahnen. Doch sie waren viel zu weit entfernt, als dass man sie einem Gehege hätte zuordnen können.

„Hörst du das auch?“, flüsterte Emily zu genau dem Zeitpunkt, als man in den Tiefen der Schatten eine Bewegung wahrnehmen konnte. Da waren tatsächlich zwei Gestalten, die etwas Längliches trugen. Doch sie waren zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Außerdem wichen sie geschickt den Lichtkegeln aus, die die Lampen warfen. Sie trugen Kappen und dunkle Kleidung. Aber dem, was sie schleppten, konnte man weder eine Farbe noch eine genaue Form zuordnen. Das Geschehen war zu weit entfernt, der Weg viel zu düster und die Kamera besaß gefühlte minus sechs Megapixel.

„Das ist voll die Leiche“, hörte man Finn zischen, bevor ein Ruck die Kamera erfasste. Er hatte offensichtlich an Emilys Arm gerissen. Emmi quietschte leise im Hintergrund, bevor ihre hastigen Schritte durch die Lautsprecher drangen. Die Gestalten waren längst nicht mehr zu erkennen, stattdessen sah man mehrere Glasfassaden, das Holzgerüst von vorhin und dann den Boden. Den Boden. Den Boden. Das glitzernde Eichenblatt des Cent-Stücks. Den Boden. Und dann wurde der Bildschirm schwarz.

Ich ließ die Kamera sinken und hob langsam den Blick zu Emily und Finn, die mich erwartungsvoll ansahen.
„Und?“, wollte meine Schwester wissen, während sie mit dem Fuß nervös auf- und abwippte.

Ich räusperte mich. „Lasst mich nur noch mal kurz zusammenfassen: Ihr seid illegal in den Zoo eingebrochen, habt euch ordentlich betrunken und dann im Stockdunkeln beobachtet, wie zwei vermummte Gestalten, die vielleicht männlich waren oder aber auch weiblich oder aber auch zwei sehr große Affen, ein leichenförmiges Etwas weggeschafft haben? War das bevor oder nachdem ihr einen Joint geraucht habt?“

„Davor!“, sagte Emily triumphierend.
„Na, wenn es davor war, dann ist ja alles geklärt. Dann versteh ich gar nicht, warum ihr damit nicht zu Josh oder gleich zum FBI gegangen seid.“

„Weil Josh uns nicht geglaubt hätte und es das FBI nur in Amerika gibt“, sagte Finn dümmlich.
„Oh mein Gott, Finn, das weiß ich!“, fuhr ich ihn an. „Denn dieses Video beweist gar nichts. Außer, dass ihr eine stete Kameraführung für unnötig haltet, ihr nicht die Einzigen wart, die nachts im Zoo umhergewandert sind, und du wirklich lernen solltest, was ein Zebra ist, wenn du als Tierpfleger arbeiten willst!“

„Zebras sind auch nur Pferde, die sich für was Besseres halten“, belehrte mich Finn bissig. „Und es war eine beschissene Leiche, die sie da getragen haben, Lou! Ich weiß, wie die aussehen. Das Ding, was sie geschleppt haben, war schwer und länglich – und was sonst sollte man nachts beseitigen, wenn nicht eine Leiche? Es ergibt absolut Sinn.“

„Der Gegenstand, den sie getragen haben, hätte alles sein können, Finn!“

„Ach ja? Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel …“ Ich verstummte, überlegte, öffnete den Mund – doch mir wollte partout nichts einfallen. „Keine Ahnung!“, kapitulierte ich schließlich. „Aber die Polizei wird aufgrund dieses Videos und den Zeugenaussagen von zwei betrunkenen Verbrechern nicht den ganzen Zoo umgraben.“

„Natürlich nicht“, meinte Emmi und nickte. „Deswegen sind wir ja auch zu dir gekommen.“

„Puh, okay … ich könnte sicherlich einige Überzeugungsarbeit bei Josh leisten, sodass er zumindest mal beim Zoo vorbeifährt, aber –“

„Gott, nein!“, rief Finn sofort und Panik spiegelte sich in seinen Augen wider. „Josh darf nie erfahren, dass ich irgendwo eingebrochen bin! Er würde mich direkt beschuldigen, eine Straftat begangen zu haben.“

„Ihr habt ja auch eine Straftat –“

„Meine Güte, seit wann bist du eine solche Spielverderberin?“, unterbrach Emily mich schnaubend. „Du schläfst mit einem Bullen, nicht mit einem Gesetzbuch. Wir haben nichts Schlimmes getan. Die Tiere haben sich über unseren Besuch gefreut. Also, komm drüber hinweg, dass ich dich als Elefant bezeichnet habe, und konzentrier dich! Wir wollen nicht, dass du mit der Polizei redest, wir wollen, dass du dein Blumendetektivin-Ding abziehst.“

Prustend schüttelte ich den Kopf. „Ich bin in Rente, Emmi. Der Laden läuft gut, ich brauche keine weitere Aufmerksamkeit.“ Außerdem war nach allem, was ich wusste, überhaupt kein Mord geschehen.

„Als ob du des Marketingeffektes wegen auf deine bekloppten Mörderjagden gegangen bist“, sagte Emmi und zeigte mir den Vogel. „Du liebst es, im Dreck anderer zu wühlen. Das ist deine große Leidenschaft. Du bist eine … Menschengärtnerin!“

Ich verdrehte die Augen. „Netter Neologismus, aber ihr habt überhaupt keine Anhaltspunkte. Selbst wenn ich nicht in Rente wäre – es gäbe nichts, was ich tun könnte. Es gibt ja nicht einmal eine Leiche.“

„Nur, weil du die Leiche nicht gesehen hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt“, sagte Finn ernst. „Komm schon, Lou. Vielleicht ist es wirklich nichts. Vielleicht haben unsere Augen uns einen Streich gespielt. Aber was, wenn nicht?“ Dramatisch riss er die Augen auf, bevor er langsam und mit eindrucksvoll tiefer Stimme hinzufügte: „Was … wenn nicht?“

Ich seufzte schwer und sah zwischen meiner Schwester und Mister Clooney hin und her.

Was wäre schon dabei, wenn ich mal beim Zoo vorbeisah? Das Einzige, was mich davon abhielt, war Rispos düstere Miene, die mir augenblicklich in den Kopf sprang, sobald ich daran dachte, wie ich ihm erzählte, dass ich einem möglichen Mordfall nachging. Schon wieder.

Es lief gut zwischen uns. Absurd gut! Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Und wenn ich meine Nase erneut in fremde Angelegenheiten steckte … würde das Josh überhaupt nicht gefallen. Meine von Gott gegebene Fähigkeit, mithilfe von glücklichen Zufällen Mordfälle zu lösen, hatte er bisher weder als legitimes Hobby noch als Marketingmittel anerkannt. Vielmehr war er sehr vorsichtig damit geworden, was er mir über die Fälle erzählte, die er bearbeitete. So als könne ich jederzeit aufspringen und mich auf die Suche nach dem Mörder begeben. Worüber ich zugegebenermaßen schon mehr als einmal nachgedacht hatte. Doch das musste er ja nicht wissen.

Andererseits: Ich würde in den Zoo gehen und mich ein wenig umgucken. Das war wahrlich kein Staatsschutzdelikt. Es erinnerte eher an einen Waldspaziergang. Und der war ja wohl völlig harmlos! Und wenn Emily und Finn dann aufhören würden, mich zu nerven …

„Okay, ich mach’s“, sagte ich, gab Emily die Kamera zurück und stand auf. „Ich fahr morgen mal beim Zoo vorbei und sehe mich um. Aber mehr tue nicht. Also versprecht euch nicht zu viel davon.“

Emmi lächelte breit. „Danke!“, sagte sie. „Ich passe währenddessen auch auf den Laden auf. Ich traue der neuen Mitarbeiterin nicht.“

Ja, da hatten wir etwas gemeinsam. Rebecca, das Mädchen, das ich als Ersatz für Trudi eingestellt hatte, war mir nicht geheuer. Sie war eine ausgebildete Floristin, unfassbar pünktlich und effizient, räumte die Dinge immer an ihren angestammten Platz zurück und verhielt sich allseits höflich. Es war offensichtlich, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte.

„Bei deinem Glück findest du die Leiche innerhalb von zwanzig Minuten. Wahrscheinlich noch mit einer pinken Schleife verziert“, sagte Finn begeistert. „Am besten gehst du morgens. Ich habe die Spätschicht und muss als Praktikant erst um eins antanzen. Du kannst es wie einen Zufall aussehen lassen, damit das Ganze nicht mit Emmi und mir in Verbindung gebracht werden und Joshi mir nichts vorwerfen kann!“ Hörte sich für mich nach einem bombensicheren Plan an. „Versprichst du, Josh nichts von dem Einbruch zu sagen? Bitte?“

Ich pustete mir unsicher die Haare aus der Stirn, nickte jedoch. „Jaja, ist schon gut. Ich verrate nichts.“

Erleichtert nickte Finn. „Okay, super. Apropos Joshi: Jetzt, da du tatsächlich großen Einfluss auf ihn hast, müssen wir planen, wie wir diesen Umstand zu unser beider Nutzen verwenden können.“

„Unser beider Nutzen?“, wollte ich skeptisch wissen.

„Natürlich. Ich habe schließlich dazu beigetragen, dass ihr jetzt zusammen seid, und möchte entlohnt werden!“

„Aha. Stand das im Kleingedruckten des Vertrages, den du mir nie vorgelegt hast? Und wie genau hast du uns zusammengebracht?“

„Nun, ich war es, der vorgeschlagen hat, du sollst wieder mit ihm schlafen – und du hast ja auch auf mich gehört, oder?“, meinte er scheinheilig.

Ich schnaubte. „Du schuldest mir neunzig Euro, Finn, meine Entlohnung ist, dass ich dir noch zwei Wochen gebe, bis du sie mir zurückzahlen musst.“

Er zog eine Grimasse. „Schön, einen Versuch war es wert. Komm, Emmi, wir gehen.“

Emily nickte grinsend. „Danke, Loubalou, aber tu überrascht, wenn du die Leiche findest.“

Das würde mir nicht schwerfallen, denn ich war ziemlich sicher, dass keine Leiche existierte. „Sag mal, Finn“, sagte ich, als ich ihnen die Tür aufhielt. „Warum bist du eigentlich nicht beim Flughafen? Wolltet ihr nicht alle zusammen Mo abholen?“

Finn blinzelte, runzelte die Stirn und schlug sich dann mit der Hand dagegen. „Scheiße! Ich wusste, dass ich was vergessen habe.“ Fluchend rannte er mit Emmi im Schlepptau die Treppe hinunter.

Kopfschüttelnd sah ich ihnen hinterher. Immer, wenn ich fürchtete, ich wäre verpeilt und durcheinander, dachte ich an die beiden – und fühlte mich wie die ordentlichste, strukturierteste Person, die diese Welt zu bieten hatte.


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Hier geht’s zum ersten Fall, zum zweiten Fall und zum dritten Fall für die Ermittlerin wider Willen Louisa Manu.