Grabesschuld

Prolog

Es regnete seit Tagen. Ein kühler Herbstwind peitschte mit einem monotonen, trommelnden Geräusch dicke Regentropfen gegen das Fenster. Der hochgewachsene Mann hockte vorgebeugt in seinem speckigen Fernsehsessel im unbeleuchteten Wohnzimmer seiner kleinen Mietwohnung und rauchte. Nachdenklich drehte er den Joint in seiner rechten Hand und starrte ins Leere. Die einzige Lichtquelle im Raum war das blaue Licht des Fernsehers, der ohne Ton lief. Kurze Bildsequenzen und wechselnde Kamerapositionen sorgten für einen hektischen, flackernden Lichtschein. Das Programm interessierte den Mann nicht. Er nahm einen tiefen Zug von seinem Joint, blies den würzigen Rauch an die vergilbte Zimmerdecke und wandte den Blick träge hinüber zum Fenster. Es sah aus, als wolle er durch einen Wasserfall hinaus in die Nacht blicken. Das Licht der Straßenlaterne vor dem Haus warf einen hellgrauen Streifen auf den Boden des karg eingerichteten Wohnzimmers.

Herbst, dachte er fröstelnd. Das ist also der Herbst.

Er nahm noch einen tiefen Zug. Das Papier am Anfang der selbst gedrehten Zigarette glimmte sekundenlang auf wie ein zorniges Glühwürmchen. Er paffte genüsslich. Schwer hing die süßliche Dunstwolke im Raum und umhüllte seine massige Gestalt wie eine neblige Glocke.

Jetzt blickte er zum Fernseher und schüttelte verächtlich den Kopf. Ein so oberflächliches Medium, das vierundzwanzig Stunden am Tag das Leben aus zweiter Hand bot. Leerlauf fürs Gehirn. Leben aus der Konserve – diktiert von profilierungsgeilen Redakteuren irgendwelcher drittklassigen Magazine. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und stierte auf den kleinen Wohnzimmertisch. Die einst glänzende Glasplatte war staubblind. Das Kondenswasser von gekühlten Bierdosen hatte unansehnliche, klebrige Kränze auf dem Tisch hinterlassen. Die leeren Dosen hatte er in der Faust zusammengedrückt und auf den Tisch geworfen, wo sie scheppernd den kläglichen Rest ihres Inhaltes auf der Tischplatte verteilt hatten. Inzwischen war er bei der dritten Literdose angekommen. Sein Kopf war wie leer gefegt, und das war auch gut so. In einer Woche würde er die Bude räumen müssen. Räumen, weil er mit der Miete mehr als drei Monate im Rückstand war. Gestern hatte er die Kündigung seines Vermieters im Briefkasten gehabt. Renoviert und besenrein solle er die Wohnung hinterlassen.

Er würde dem Kerl eins scheißen, dachte er verächtlich und war froh, dass die Stadtwerke ihm noch nicht den Strom abgedreht hatten. Die Rechnung kam bestimmt auch noch, aber dann würde er hier schon nicht mehr wohnen.

Er beugte sich vor und griff nach der großen Bierdose, nahm einen tiefen Schluck, rülpste laut und dachte über sein beschissenes Leben nach. Arbeitslos. Hartz IV, Behördenärger am laufenden Band. Sie hatten ihm vor einem Monat einen Job in Neuss angeboten. Als Erntehelfer. Hatte jemand auf dem Amt vielleicht berücksichtigt, dass er nach einem Bandscheibenvorfall krankgeschrieben worden war und ein ärztliches Attest eingereicht hatte? Nein, natürlich nicht. Und außerdem hatte er kein Auto, mit dem er täglich an den Niederrhein hätte fahren können. Das heißt, den alten Passat besaß er ja noch. Aber die Kiste war seit einem halben Jahr TÜV-überfällig und nicht mehr verkehrssicher.

Nachdem er den Job in Neuss abgesagt hatte, hatten sie ihm die Zahlungen gestrichen. Er war wegen chronischem Pech und einem schweren Rückenleiden durch das soziale Netz gefallen. Niemand kam für seine Miete auf. Niemand unterstützte ihn, wenn er nachts schlaflos und hungrig in das schmierige Bett kroch und die Decke bis zum Gesicht zog. Niemand war da für ihn. Karin, seine Freundin, war jetzt seine Exfreundin. Sie hatte ihn mit seinem besten Freund betrogen, ihn als Versager beschimpft und war aus der ehemals gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Das Einzige, was ihm geblieben war, waren ein paar lausige Euro für Bier und Gras. Drogen, die er sich täglich gönnte, um sein beschissenes Leben ertragen zu können. Er hatte gebettelt, überall versucht an Geld zu kommen, um seinen Lebensunterhalt auch weiterhin bestreiten zu können. Als Arbeitsloser gab es Mittel und Wege, an Geld zu kommen. Nicht nur vom Arbeitsamt und der Arge. Soziale Einrichtungen, Freunde, Familie. Alle hatten ihn ausgelacht. Niemand hatte ihm auch nur einen einzigen Cent gegeben.

Doch damit war Schluss jetzt. Seine Zeit war gekommen. Es war die Zeit der Abrechnung. Lange hatte er an seinem Rachefeldzug gebastelt, jedes Detail bis ins Letzte überlegt und durchdacht. Und ab morgen würden die Uhren anders gehen. Er würde abrechnen. Vielleicht würden sie ihn endlich verstehen, wenn er ein Zeichen gesetzt hatte.

Seine Finger zitterten, als er den Stummel der Zigarette im Ascher ausdrückte und die Bierdose leerte, bevor er sie zusammenpresste wie ein wehrloses Tier, das gefangen war in seiner Hand. Er feuerte das dünne, zerknüllte Weißblech auf den Glastisch, wo es scheppernd einige Drehungen vollführte. Morgen würde sein neues Leben beginnen, dachte er, als er sich mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen schwer von Alkohol und Drogen erhob und ins Schlafzimmer kroch. Als hätte man bei ihm einen Schalter umgelegt, fiel er in das vom Vortag ungemachte Bett und schlief auf der Stelle ein.

Samstag

19.15 Uhr.
Kirche Herz Jesu.
Elberfeld.

Nachdem der letzte Besucher der Samstags-Messe gegangen war, erhob sich Klaus Gerber von seinem Hocker hinter der Orgel. Obwohl er die abendliche Messe sehr liebte, war er heute froh, dass der Gottesdienst zu Ende war. Während des abendlichen Orgelspiels hatte er wieder diesen Schmerz in der Brust verspürt. Das Stechen wurde schlimmer, und er fürchtete, bald nicht mehr an einem Besuch bei Dr. Bespin, seinem Hausarzt, vorbeizukommen. Irgendetwas schien mit seinem Herzen nicht in Ordnung zu sein.

Doch jetzt verwarf er den Gedanken schnell wieder und widmete sich seiner Arbeit. Der Küster schaltete das mächtige Musikinstrument ab. Seine Hände glitten liebevoll über das Holz. Bei der Orgel handelte es sich um ein ganz besonderes Instrument, denn der Kern des Klangwerks stammte aus einer lutherischen Kreuzkirche, während das prächtige Gehäuse aus einer alten Kirche in Holland kam. Eine Orgelbaufirma aus Höxter hatte aus beiden Komponenten dieses beeindruckende Instrument geschaffen, das auf den Wuppertaler Orgeltagen immer wieder Beachtung unter den Musikfreunden fand. Dem Küster war es eine Ehre, auf diesem besonderen Musikinstrument spielen zu dürfen.

Gerber atmete tief durch und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Viertel nach sieben. Pünktlich zur Tagesschau würde er zu Hause sein, dachte er zufrieden und verließ seinen Platz an der Orgel.

Pfarrer Tütering, der die Abendmesse gehalten hatte, war recht eilig in die Sakristei verschwunden, um sich umzuziehen. Er hatte noch etwas vor heute Abend. Den Messdienern hatte er mit einem schelmischen Augenzwinkern gestanden, noch ein Date zu haben.

Der Küster mochte „seinen“ Pfarrer. Schon seit elf Jahren arbeiteten sie zusammen und waren, wie Hans Tütering es immer nannte, so etwas wie ein Dream-Team. Gerber hatte keine Probleme mit der humorvollen und weltoffenen Art des katholischen Geistlichen – im Gegenteil: Tütering hatte bei seinem Amtsantritt frischen Wind in die etwas angestaubte Gemeinde gebracht. Die Gemeindemitglieder mochten ihn.

Gerber zupfte die Gestecke der Blumenschalen zurecht und steckte neue Kerzen in die eisernen Halter, während draußen ein kalter Herbststurm um die dicken Mauern der Kirche fegte. Regen prasselte gegen die kunstvoll verzierten Fenster. Der Küster erschauderte und freute sich auf einen heißen Tee, den er sich zu Hause zubereiten würde. Doch zunächst gab es noch einiges zu tun. Er wollte die Kirche für den morgigen Gottesdienst herrichten.

Gerber durchquerte das Schiff der Kirche. Hohl klangen seine Schritte von der kuppelförmigen Decke zurück. Er liebte diese Stille nach dem Gottesdienst. Zeit, ein paar Gedanken mit Gott auszutauschen. In aller Stille. Der untersetzte Mann mit dem silbrig schimmernden Haarkranz war fast siebzig Jahre alt, aber er fühlte sich mindestens zehn Jahre jünger, und er war sicher, dass er das „dem da oben“ zu verdanken hatte. Nach dem Tod seiner Frau Luise vor zwölf Jahren hatte sich der rüstige alte Herr noch einmal ins Arbeitsleben gestürzt. Obwohl es eine Altersgrenze auch für Gemeindemitglieder gab, hatte er seinen Vertrag auch nach dem fünfundsechzigsten Lebensjahr jährlich verlängern lassen. Mit einem nachdenklichen Lächeln auf den schmalen Lippen dachte er an seine Ehe. Relativ spät hatten die beiden noch ein Kind bekommen, doch die Tochter ging längst eigene Wege, und mit der christlichen Lebensweise der Eltern hatte sie nichts zu tun. So war es gekommen, dass der Kontakt zwischen Tochter und Vater fast eingeschlafen war. Sie sahen sich nur wenige Male im Jahr. Obwohl Klaus Gerber nach dem Tod seiner Frau versucht hatte, die Beziehung zwischen Vater und Tochter aufzufrischen, hatte er längst bemerkt, dass die Tochter Wert darauf legte, ein eigenes Leben zu führen. So ging Gerber total in seiner Arbeit als Gemeindeküster auf – mittlerweile seit fast drei Jahrzehnten. An die wohlverdiente Rente verschenkte er keinen Gedanken. Herz Jesu, die Kirchengemeinde Elberfeld, war ihm ans Herz gewachsen.

Vor dem geschmückten Altar bekreuzigte sich Gerber und kniete sich auf eines der dünnen Kissen. Er schloss die Augen, faltete die Hände und war ins Gebet versunken, als hinter ihm die schwere Kirchentür mit einem dumpfen Knall zufiel. Doch Gerber blickte nicht auf. Vermutlich hatte eine der alten Damen, die zur Messe gekommen waren, ihren Regenschirm vergessen und war nun zurückgekommen, um ihn zu holen. Dann würde sie sicherlich auch wieder verschwinden.

Der süßliche Geruch von Weihrauch hing in der Luft. Durch die gesenkten Augenlider erkannte Gerber das Flackern der Kerzen. Von hinten näherten sich Schritte. Es waren keine klackernden Frauenschuhe. Gerber vermutete weiche, flache Sohlen. Gummisohlen, die jetzt leise quietschten. Gut, dann war es eben ein älterer Herr, der noch einmal zurück zur Kirche gekommen war. Gerber betete weiter.

Die Schritte näherten sich zielstrebig und schnell.

„Sind Sie der Küster?“ Eine männliche Stimme.

„Der bin ich“, nickte Gerber und unterbrach das Gebet nun doch. Er stemmte sich in die Höhe. Ein Ächzen kam über seine dünnen Lippen. Die verdammten Knochen wollten schon nicht mehr so wie er, doch davon ließ er sich nicht erschüttern. Während er sich noch einmal bekreuzigte, drehte er sich zu dem Fremden um. Er kannte den Mann nicht aus dem Gottesdienst und nicht aus der Gemeinde. Und ein zufällig vorbeikommender Besucher, der sich das Gotteshaus nur einmal aus Neugier ansehen wollte, trat anders auf. Dieser Mann, Gerber schätzte ihn auf Mitte dreißig, hatte eindeutig andere Absichten. Er schien etwas Bestimmtes im Schilde zu führen. „Was kann ich für Sie …“

Das „tun“ verschluckte Gerber, als er in die brünierte Mündung einer Waffe blickte. Sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus. Es dauerte einen Augenblick, bis der alte Mann überhaupt registriert hatte, dass er mit einer Schusswaffe bedroht wurde. Danach wurde ihm innerhalb einer Sekunde erst eiskalt, dann heiß. Winzige Schweißperlen standen auf seiner hohen Stirn. Er machte einen Schritt nach hinten, doch aus der Schusslinie brachte ihn dieser einzige Schritt noch lange nicht.

„Was … was haben Sie vor?“, krächzte er und spürte schon wieder diesen verdammten Schmerz in der Brust. Die Pumpe würde ihn doch wohl jetzt nicht im Stich lassen, durchzuckte es ihn. Längst schon hätte er Dr. Bespin einen Besuch abstatten müssen. Ausgerechnet jetzt spürte er diesen Schmerz wieder. Übelkeit lähmte seinen Körper. Seine Augen weiteten sich, und er griff sich ans Herz. „Bitte“, keuchte er. „Helfen Sie mir!“

Doch der Fremde lachte nur. „Ich möchte nicht, dass Sie sich quälen müssen“, spottete er. „Das, was man Tieren ermöglicht, sollte man keinem Menschen vorenthalten. Oder was halten Sie von aktiver Euthanasie? Sie, als gläubiger Katholik?“ Mit einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen entsicherte er die Pistole. „Das sind Sie doch, oder? Ein gläubiger Katholik?“

Gerber nickte mit panisch aufgerissenen Augen und brachte nur einen kehligen Laut über die Lippen. Der stechende Schmerz in der Herzgegend schien seinen Brustkorb zu zerreißen. Gerber hatte keine Ahnung von Waffen, er wusste nur, dass sie tödlich waren. Und an einen Scherz mit einer Schreckschusspistole, den sich der Fremde hier mit ihm erlaubte, glaubte der sonst so optimistische Gerber nicht. Er fand nicht mehr viel Zeit zum Überlegen. Der Küster fühlte den Schmerz, der nun seinen ganzen Körper zu lähmen schien. Er ging stöhnend in die Knie. Sein Mund war trocken, er versuchte vergeblich zu schlucken. Ihm war, als schnüre sich die Kehle zu.

Seinem Gegenüber schien zu gefallen, was er sah. Mit einem schnellen Satz war der Fremde über ihm. Breitbeinig stand er über seinem Gesicht und zielte mit der Pistole auf den Küster. „Das war es dann also für dich, alter Mann.“ Der Fremde kicherte wie im Wahn. Dann deutete er mit dem Kinn auf den festlich geschmückten Altar. „Ich scheiß auf euren scheinheiligen Verein. Das Feiern wird euch schon noch vergehen!“ Diese Worte hatte er dem Küster ins Gesicht gespien. Blinde Wut lag in seinen kalten, emotionslosen Augen. Ohne Gerbers Antwort abzuwarten, betätigte er den Abzug und schoss.

Das Letzte, was Klaus Gerber sah, war das Mündungsfeuer der kleinen Pistole. Seltsamerweise, so dachte er im Moment seines Todes, peitschte kein Schuss durch das Kirchenschiff. Es machte nur einmal kurz „Plopp“, dann bäumte sich Gerbers Körper ein letztes Mal auf. Er würde nicht pünktlich zur Tagesschau zu Hause sein heute.

Ohne große Eile ließ der Mann die warme Pistole in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwinden. Er blickte auf den toten Küster herab und zog verächtlich die Oberlippe hoch. Sekundenlang stand er einfach da und betrachtete mit einem zufriedenen Grinsen sein Werk. Gerber lag ihm zu Füßen, die Augen im Moment des Todes weit aufgerissen, der Mund stand einen Spaltbreit auf, so, als wollte er im Augenblick des Todes noch um Hilfe rufen.

Ein erhebendes Gefühl beschlich ihn. Ein paar Mal atmete er tief durch. Der Geruch des Weihrauchs begann ihn zu nerven. Diese Kirche hatte etwas Beklemmendes an sich. Das hatte er damals schon so gehasst. Plötzlich wurde er von einer inneren Unruhe getrieben. Er ging neben dem Toten in die Knie und durchsuchte die Taschen seines dunklen Jacketts. In der rechten Jackentasche klimperte es verräterisch. Schon hatte er gefunden, wonach er suchte: den Schlüsselbund. Wie er vermutet hatte, war es ein recht dickes Exemplar. Neben einem Autoschlüssel befanden sich noch knapp zehn weitere Schlüssel an dem Bund. Das braune Ledermäppchen war verschlissen und unansehnlich, doch das sollte ihn nicht weiter stören. Er erhob sich schnell. Jetzt bekam er von dem verdammten Weihrauch auch noch Kopfschmerzen. Es wurde höchste Zeit, dass er verschwand. Er musste dringend an die frische Luft. Es gab viel zu tun, und der Tod des Küsters war nur der erste Streich seines Plans gewesen.

Eilig ließ er den dicken Schlüsselbund des Küsters in der Tasche seiner Jeansjacke verschwinden. Eins nach dem anderen, mahnte er sich zur Ruhe. Zunächst einmal musste er die Waffe verschwinden lassen. Und auch dafür hatte er schon einen genialen Plan.

Als er wenig später die Kirche verließ, prasselte ihm der Regen ins erhitzte Gesicht. Doch das störte ihn nicht. Er grinste überheblich. Er fühlte sich gut. Der aufgestaute Druck der letzten Wochen und Monate hatte endlich nachgelassen. Er hatte nicht geraucht und nicht getrunken und fühlte sich frisch wie schon lange nicht mehr. Es war, als hätte sich tief in ihm ein Ventil geöffnet und alle Aggressionen abgelassen. Tief atmete er durch und genoss die kühle Herbstluft. Obwohl der Regen seine Kleidung binnen weniger Minuten durchnässt hatte, war das Grinsen auf seinem Gesicht wie festgemeißelt. In der Jackentasche fühlte er den Schlüsselbund des Küsters. Sein Heiligtum. Er hatte es geschafft, und dafür den Tod eines alten, einsamen Mannes nur allzu gern in Kauf genommen.

Sein Blick glitt über die Fassaden der umliegenden Altbauhäuser. Niemand schien etwas von seiner Aktion bemerkt zu haben. Zügig, aber nicht eilig, marschierte er die Ludwigstraße hinunter, passierte die Luther’sche Kirche und hatte schon bald die viel befahrene Gathe erreicht. Er hasste volle Straßen, hasste Menschenmengen. Er mied Stellen, wo sich andere Leute besonders gern aufhielten. Schnell stoppte er sich ein Taxi, nannte dem türkisch aussehenden Fahrer die Adresse und ließ sich entspannt in die Polster der Sitzbank im Fond des Daimler zurücksinken. Während der Fahrer ihn durch die Dunkelheit chauffierte, schloss er entspannt die Augen. Ihm ging es gut. Noch hatte er sein Ziel nicht erreicht, aber der Druck hatte erst mal ein wenig nachgelassen. Und er war noch nicht fertig mit seiner Mission. Noch lange nicht …

19.55 Uhr.
In einem Supermarkt.
Am Uellendahl.

Wache Augen in einem runzeligen Gesicht. Die Rentnerin betrachtete in aller Ruhe die Auslagen im Kassenbereich des Supermarktes. Gerda Friedrichs liebte es, spät abends noch einzukaufen. Da herrschte in dem großen Lebensmittelladen nicht mehr viel Betrieb. Hektik hatte sie jahrzehntelang gehabt. Die Weichspülermusik aus den Lautsprechern schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen – die Melodie hatte die alte Dame in einen wahren Konsumrausch versetzt. „Easy listening“ nannte man das Neudeutsch.

Mit einem verzückten Lächeln auf den faltigen Wangen betrachtete sie die Dinge, die man bewusst im Kassenbereich aufgestellt hatte. Es gab DVDs zum Sonderpreis, ein neues Duschgel, Katzenfutter mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum und die neue Bier-Cola-Kombination einer Brauerei. Das nannte man moderne Verkaufspsychologie. Dinge, die kein Kunde sonst je kaufen würde, fanden kurz vor der Kasse reißenden Absatz. Hier, so hieß es, wurde die Kundschaft von einer Art Torschlusspanik überfallen und warf alles in den Einkaufswagen, was sich ihr in die Quere stellte.

Mit einem versonnenen Grienen auf den runzeligen Lippen beförderte Gerda Friedrichs eine Dose Katzenfutter in den Korb. Dann fuhr sie ihren Wagen an das Förderband der Kasse. „Ist für die Katze meiner Nachbarin“, murmelte sie, als müsse sie ihren Kauf begründen.

Susanne Mallmann, die Kassiererin, nickte verständnisvoll und nahm einen Schluck aus ihrer Mineralwasserflasche. Ihr Rücken schmerzte. Seit drei Stunden schon saß sie an der Kasse und wartete vergeblich auf ihre Ablösung. Und von der Marktleitung ließ sich niemand mehr blicken. Kurz nach acht Uhr abends, eine Stunde noch, dann hatte auch sie Feierabend.

„Was man nicht im Kopf hat“, murmelte die Rentnerin entschuldigend und deutete auf die Wurst, den Käse und das Brot. „Und morgen ist doch Sonntag. Ich muss regelmäßig essen, wissen Sie, ich bin doch Diabetikerin.“

„Dafür sind wir doch extra lange für Sie da“, lächelte Susanne freundlich und begann mit dem Kassieren. Ihre Schulter schmerzte. Das kam vom monotonen Vorziehen der Ware, die tagtäglich auf dem Band landete. Immer die gleiche Bewegung, oft von morgens bis abends. Als sie an ihren Feierabend dachte, beschlich sie ein Gefühl von Leere. Was bedeutete es schon, nach Hause in die leere Wohnung zu kommen? Niemand wartete auf sie. Jörg war vor sechs Wochen ausgezogen. Das, was einst als innige Liebe angefangen hatte, war immer mehr abgeebbt und schließlich in eine Art Hassliebe umgeschlagen. Er hatte sie ständig betrogen und alles auch noch verleugnet, als sie ihn darauf angesprochen hatte. Obwohl sie Beweise für seine ständigen Seitensprünge hatte, weigerte er sich vehement, ihr reinen Wein einzuschenken. Erst als er mit Susannes bester Freundin Heike im Bett gelandet war, hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Susanne hatte Jörg aus der Wohnung geworfen und Heike die Freundschaft gekündigt. Eine Welt war für sie zusammengebrochen, doch inzwischen hatte sie den Verlust von Jörg überwunden. Wenn da nur nicht diese Einsamkeit wäre …

Susanne hatte sich anderweitig orientiert und sich geschworen, es fortan wie die Männer zu machen. Frei nach dem Motto „Andere Mütter haben auch hübsche Söhne“ hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit von einem Abenteuer ins nächste gestürzt. Vielleicht hatte sie auch einfach das Bedürfnis, Jörg etwas heimzuzahlen. Susanne wusste es nicht. Ihre Freundin Jenny behauptete seitdem, dass Susanne nymphoman veranlagt sei. Und vielleicht hatte sie gar nicht mal unrecht damit, denn Susanne genoss ihr Liebesleben seit der Trennung von Jörg in vollen Zügen. Sie schämte sich nicht für ihr triebhaftes Verhalten, aber sie hasste das Gefühl der Einsamkeit, das sie immer häufiger beschlich.

Mechanisch wie ein Roboter hatte Susanne die alte Dame abgefertigt und nannte ihr nun die Summe. Sie versuchte, die Erinnerung an ihre gestrandete Beziehung zu verdrängen. „Vierzehn achtundneunzig macht das, bitte.“

Während die Rentnerin ihre letzten Einkäufe in den Wagen warf, zupfte sie ein ledernes Portemonnaie hervor. Den schwarzen Krückstock hängte sie an das Gitter des Einkaufswagens. „Warten Sie, junge Frau, ich hab es auch passend.“

Es schien die alte Dame nicht zu stören, dass sich trotz der späten Stunde schon eine Schlange an Susannes Kasse gebildet hatte. In aller Ruhe suchte sie nach dem Kleingeld in ihrer Geldbörse.

„Sehen Sie“, sagte sie dann mit einem gewinnenden Lächeln und legte Susanne die abgezählten Kupfermünzen in die Hand.

„Vielen Dank“, erwiderte Susanne und ließ das Geld in der Lade ihrer Kasse verschwinden. Sie wünschte Gerda Friedrichs ein schönes Wochenende.

Kurz nur dachte sie noch einmal an die leere Wohnung, die auf sie wartete, bis sich der nächste Kunde vor ihr aufbaute. Er war in ihrem Alter, fast zwei Meter groß und korpulent. Aber nicht fett. Etwas Sympathisches war in seinem Gesicht. Seit ein paar Wochen kam er fast täglich in den Supermarkt. Vermutlich war er neu in der Gegend. Und egal wie voll es an ihrer Kasse auch war – der Typ stellte sich immer nur an ihrer Kasse an, nicht an eine der anderen, auch wenn dort weniger Betrieb herrschte. Er kaufte immer nur das Nötigste, um den nächsten Tag zu überleben. Scheinbar war er Single, denn Familienväter kaufen nicht jeden Tag ein. Und Familienväter kaufen keinen Alkohol. Zumindest nicht in diesen Mengen. Seine Kleidung war nass. Scheinbar regnete es draußen immer noch. Susanne graute es vor dem Heimweg, denn ein Auto besaß sie nicht.

„’n Abend“, wünschte der Kunde nun.

„Wohl noch Durst?“, erwiderte Susanne lächelnd und zog die beiden Weinflaschen und das Sixpack Bier über den Preisscanner.

„Klar, ist doch Wochenende.“ Wieder lächelte er sie freundlich an. „Da braucht man ein Herrenhandtäschchen.“ Er zwinkerte vergnügt und zeigte auf das Sixpack Bier. Susanne war fasziniert von seinem Lächeln. Es war jungenhaft und erfrischend, auch frech, aber nicht anzüglich. Täuschte sie sich, oder reihte er sich seit Tagen absichtlich an ihrer Kasse ein? Seine runden Backen hatten Grübchen, die sein jungenhaftes Aussehen noch unterstrichen. Unter der nassen Jacke sah sie ein Kapuzenshirt und modische Jeans.

„Und das alles ist für dich … ähm … für Sie?“, stammelte Susanne und wurde prompt rot.

Der Kunde lachte. „Bleib ruhig beim Du. Wir sind doch keine alten Leute. Ja, ist alles für mich. Oder möchtest du vielleicht mit mir trinken?“

Oh, durchzuckte es Susanne, so weit ist er ja noch nie gegangen. Sie spürte, wie ihr das Blut bis unter die Haarspitzen schoss. „Gern, aber was sage ich meinem Mann und meinem Sohn?“ Sie log immer, wenn ihr ein Kunde zu aufdringlich wurde. So konnte sie die meisten Männer auf Distanz halten. Susanne hielt bei ihrem Spiel mit dem Feuer immer gern die Zügel in der Hand und bestimmte stets die Richtung. Hinter ihm stand kein weiterer Kunde, der sie belauschen könnte, und auch der Marktleiter war bereits vor Stunden in seinem Büro verschwunden. Sie waren ungestört.

„Die beiden müssen ja nicht alles wissen“, konterte der Kunde mit einem gewinnenden Grinsen. Er zwinkerte Susanne zu. „Ich bin der Bert – ja, lach ruhig. Bert, wie der aus der Sesamstraße. Na ja, eigentlich Berthold, aber das klingt so opamäßig. Und du? Hast du auch einen Namen? Ich meine, wir sehen uns doch fast täglich.“

„Ernie“, kam es prompt über Susannes Lippen. „Nenn mich Ernie.“ Sie kicherte übermütig.

Der junge Mann lachte. „Gern … Ernie.“ Rasch zog er die Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans und reichte Susanne einen Schein, den sie schnell wechselte. Als sie ihm die Münzen aushändigte, berührten sich kurz ihre Hände. Prompt durchzuckte ein angenehmer Stromschlag Susannes Hand. Sie erschauderte und lugte so unauffällig wie möglich in Berts Portemonnaie. Wie sie erfreut und mit geübtem Blick feststellte, befand sich darin nicht das Foto einer jungen Frau. War er Single?

Bert gefiel ihr … sollte sie?

Nein, dachte sie. Es kann nicht gut sein, etwas mit einem Kunden anzufangen, der fast täglich hier im Supermarkt auftaucht. Sicherlich, am Tag traten zig gut aussehende Männer zu ihr an die Kasse, und sie hätte schon gern öfters mal mit dem Feuer gespielt. Aber ihre Neigungen lebte sie ausschließlich im Privatleben aus. Möglichkeiten, Männer kennenzulernen gab es genug, dem Internet sei Dank. Und heute Abend war sie mit Jenny zu einem Frauenabend in der Börse verabredet. Dort fand, wie jeden Monat, die sogenannte Ü30-Party statt. Sicherlich würde sich dort auch die Gelegenheit zu einem heißen Flirt ergeben.

„Schade“, riss sie Berts Stimme nun aus den Gedanken. „Na ja, vielleicht ein anderes Mal. Dann wünsch ich dir ein schönes Wochenende … Ernie!“ Lachend schob er die Geldbörse in seine Jackentasche, tippte sich mit zwei Fingern an die nicht vorhandene Hutkrempe, griff nach seinen Getränken und verschwand in Richtung Ausgang.

Susanne blickte ihm nach. Er hat einen verdammt knackigen Hintern, dachte sie ein wenig wehmütig. Und schon im nächsten Moment hatte sie Bert auch schon wieder vergessen. Wofür gab es schließlich die Ü30-Party?


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Seit 1999 schreibt Andreas Schmidt Kriminalromane und Kurzgeschichten. Den Kontakt zu seinen Lesern sucht – und findet – er auf seinen Lesereisen, die ihn quer durch die Republik führen. Sein liebster Tatort: Die bergische Metropole Wuppertal!

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