Die Leichenzeichnerin

13.07.1919

Wenige Striche können zwischen Leben und Tod entscheiden. Die Zeichnung war der Beweis dafür. Eine Linie an der Unterlippe zu viel, und aus der Leiche wurde eine Schlafende. Setzte sie eine Schraffur ungeschickt auf die Wangenknochen, verwandelte sich die freche Schamesröte in abstoßendes nekrotisches Gewebe. Nachdenklich hielt sie das Papier in den Lichtkegel der Laterne, verglich die Zeichnung mit dem Motiv und lächelte. Eine wunderschöne Träumende hatte sie eingefangen. Erfüllt von einem paradiesischen Frieden, der mit keinem ihrer vorherigen Werke zu vergleichen war. Füße und Hände des Modells deuteten eine übernatürliche Ekstase an, wie in einem göttlichen Fiebertraum, doch schon im nächsten Moment würde der aufmerksame Betrachter die schlaff hängenden Arme, die fehlende Spannung im restlichen Körper bemerken und sich wundern. War es die Stunde des Todes, die eine Schlafende heimsuchte, oder war es gar eine Verstorbene, der man fälschlicherweise Lebendigkeit andichtete?

Nur sie allein wusste, dass Linda Ehrenberg nicht mehr unter ihnen weilte. Früh am Abend hatte man den Leichnam der Bäckerstochter in diesen Keller gebracht, bei unter sechs Grad Raumtemperatur untersucht und festgestellt, dass die Revolten im März auch Wochen später noch Opfer forderten. Ein Granatsplitter war durch das Fleisch gewandert, hatte sich entzündet und das Herz angegriffen. Plötzlicher Exitus. Die Ärzte hätten es beim besten Willen nicht sehen können und über Schmerzen hatte Linda ebenso wenig geklagt, wie über ihr amputiertes Bein.

Eine starke Person.

Vielleicht sollte sie das in der Zeichnung betonen?

Sie drehte am Hahn der Laterne und zügelte die Flamme, an die sich ihre Augen mittlerweile gewöhnt hatten. Dann holte sie die grobe Kohle aus dem Etui und setzte zufällige Punkte auf das Leichentuch im Bild. War es Blut oder waren es Schatten? Der Zufall würde entscheiden. Es galt nicht, die Realität abzubilden, sondern die Realität zu überlisten. Denjenigen in die Irre zu führen, der das Blatt später in den Händen hielt. Indem sie den Zufall herrschen ließ, schälte sich Lindas Silhouette mehr und mehr aus dem zarten Stoff heraus. Sie wurde zur Maria im Gewande. Schlafend, träumend. Tot.

Nur zwei Dinge bereiteten ihr Kopfzerbrechen. Der Tau auf den Lippen war zu schön und der Reflex in den Haaren zu kräftig. Die nebulöse Andeutung von ewigem Schlummer wurde dadurch gebrochen. Energisch wischte sie mit der Kuppe ihres Ringfingers über die aufgetragene Kohle und verrieb den Staub, bis Strukturen auf Lippen und Haar zu erkennen waren, die sich überlagerten. Ein grober Fehler, wie sie schnell bemerkte. Die sanfte Konturlinie von Lindas Körper entwickelte nun hier und da schattige Täler, die viel von der mysteriösen Wirkung nahm. Von da an muteten die Haare stumpf an, das Inkarnat der Haut dreckig.

„Scheiße!“

Retten konnte sie diese Ausschnitte nicht mehr, oder doch? Genervt kaute sie auf der Unterlippe herum, bis sie einen unliebsamen Entschluss fasste. Das Bild war beendet. Sie würde es durch weitere Anpassungen nur ruinieren. Wieso musste sie die Wechsel der Zeichentechnik auch ständig auf die Schnelle erledigen? Sie hätte ahnen können, dass dies einer gewissen Überlegung bedurfte. Aber je öfter sie den Fehler wiederholte, desto besser wusste sie um die passenden Gegenmaßnahmen. Gleich in der nächsten Sekunde überzeugte sie sich vom Gegenteil. Es war noch nicht alles verloren. Sie konnte es retten. Wenn sie mit einem gezielten Strich den Tau auf den Lippen gegen das Verbrauchte, das Verlebte der Vergänglichkeit austauschte, dann reichte vielleicht ein minimaler Eingriff und Lindas Schwebezustand würde wiederkehren.

Sie gönnte sich einen Moment, diese Entscheidung zu überdenken. Die allgegenwärtige Kälte des Leichenkellers durchdrang mittlerweile ihre angespannten Finger, die bei den kleinsten Bewegungen knackten, und die Feuchtigkeit ihres Atems blieb wie ein Film unter ihrer Nase hängen.

Wieso tat sie sich das regelmäßig an? Sie würde sich wieder erkälten und dann … Sie schaute vom Blatt auf und rieb sich die Hände. Der Keller war beklemmend winzig. Die Anzahl an Alkoven für verstorbene Patienten überschaubar, was gut war. Aus der Sicht eines Eindringlings zumindest. Weniger Platz bedeutete auch, dass dieser Keller weniger frequentiert wurde.

Es ging mittlerweile auf Mitternacht zu, schätzte sie und hauchte warme Luft auf ihre Fingerspitzen. Um diese Zeit kam nur dann Personal herunter, wenn es einen Neuzugang gab. Das würde ihr hoffentlich erspart bleiben.

Nur noch zehn Minuten, mehr brauchte sie nicht.

Wer würde da schon auftauchen?

Trotzdem horchte sie nervös in die Stille. Zu wenig Zeit, um es zu Ende zu bringen, befand sie auf einmal und legte das Papier zur Seite. Es musste schneller gehen. Was genau fehlte ihr? Wo lag der Zauber verborgen? Ruhelos steckte sie den Stift zurück in das Etui und erhob sich vom Hocker. Ihre Beine waren eingeschlafen und sackten ihr unter zaghaften Schritten weg, weswegen sie sich am Tisch festklammerte und Linda aus einem anderen Winkel betrachtete.

Sie entschied, dass nun der Moment gekommen war, an dem sie ihre Prinzipien über den Haufen warf. Nicht, dass das Zeichnen einer Leiche ohnehin jenseits aller gesellschaftlichen Regeln stand. Das betete ihr die Stimme ihres Gewissens unablässig vor. Wie aber konnte sie den Gegenstand ihrer Zeichnung wahrhaftig begreifen, wenn sie sich nur auf ihre Augen verließ? Genau! Das war es doch! Wenn es nach ihr ging, war und würde das akademische Diktum des stumpfen Abzeichnens niemals die Lösung für eine junge, eine neuartige Kunst darstellen.

Überwältigt von ihrer aufkeimenden Idee hielt sie inne.

Sie würde Linda berühren. Zum Teufel mit ihrem Hadern! Sie wollte endlich verstehen, was noch geändert werden musste. Also streckte sie ihre Hand aus und führte sie vorsichtig an Lindas Gesicht.

„Sag doch, Linda, wohin soll die letzte Linie?“

Aufgeregt legte sie ihre Finger auf die leblosen Lippen und fuhr sie wie ein wertvolles Schmuckstück ab. Erst die Lippenränder, dann das blauschwarz angelaufene Fleisch. Die Haut fühlte sich spröde an, so wie sie es mit der Zeichnung hatte einfangen wollen, doch unter den Schollen aus toter Haut waren die Muskeln überdies fest und üppig. Fast so, als schürzte Linda sie zu einem Kuss.

Da verstand sie.

Linda hatte ein Wort auf den Lippen.

Es war in Wirklichkeit nicht die fehlende Linie, sondern der fehlende Titel des Bildes, der alles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Der Schauer über diese Erkenntnis war so groß, dass sie fast überhörte, wie sich hinter ihr etwas regte. Doch im nächsten Moment war das Geräusch nicht mehr zu ignorieren. Das rostige Schloss der Tür oben am Treppenaufgang wurde aufgeschlossen.

Erschrocken zuckte ihre Hand zurück und tausend Gedanken liefen vor ihren Augen als Daumenkino ab.

Linda musste sofort zugedeckt und zurück in die Nische geschoben werden. Dann musste sie ihr Zeichenzeug schnappen, der Hocker musste aus dem Weg, die Laterne …

Jetzt waren eindeutig Schritte auf den Treppenstufen zu hören. Das alte Eichenholz gab charakteristische Töne von sich. Sie verrieten ihr, dass es zu spät für Vertuschungsversuche war.

In Windeseile tat sie das Nächstbeste und warf der Verstorbenen das Tuch über, steckte Zeichnung und Stifte unter ihren Mantel, löschte die Laterne und hastete rüber an eine Stelle des Kellers, wo noch aus Gründerzeiten ein schlecht verbauter Abwassertunnel lag. Dort drückte sie sich hinter ein aufgebogenes Gitter und verhielt sich mucksmäuschenstill. Weiter kam sie von hier aus nicht, der restliche Tunnel war zugeschüttet worden.

Kein Versteck, das einem neugierigen Blick standhalten würde. Sie rechnete also mit dem Schlimmsten.

Eine Sekunde später hörte sie das quengelnde Geräusch der zweiten Tür, ein Schalter wurde umgelegt und es wurde schlagartig hell.

Das kalte, kreischende Licht der Glühbirne brach sich an den blank geputzten Fliesen der Kellerwände. Es blendete so sehr, dass sie nicht erkennen konnte, wer dort in der Tür stand. Einen Herzschlag lang sah es so aus, als würde ein Mann in einem weißen Kittel die Hand über die Augen legen und in ihre Richtung schauen. Er musste erkannt haben, dass Linda bewegt worden war, befürchtete sie. Das Klicken von abgehackten Schritten drang zu ihr herüber. Er kam nicht näher, pendelte eher zwischen zwei nah zusammenliegenden Punkten hin und her.

Ihr Herz schwemmte schneller Blut durch ihre Venen, als die Lunge Sauerstoff aufsaugen konnte.

Dann schaltete der Mann das Licht plötzlich aus und schloss die Tür. Aber, war er hiergeblieben? War er wieder nach oben gegangen? Sie hatte seine Schritte hinauf nicht gehört. Zu laut kam ihr der eigene Atem vor, den sie mühsam zügelte.

Eine gefühlte Stunde verging, bis sie sich aus der Deckung traute und blind den Weg zur Tür ertastete. Erleichtert stellte sie fest, dass sich ihr Herz beruhigt hatte und die Furcht, der Mann könnte sich noch im Keller aufhalten, verflogen war. Über einen Schleichweg stahl sie sich hinaus und öffnete die verschlossene Hintertür mit einem improvisierten Schlüssel. Ein einfacher Haken aus Bügeldraht, dem etliche Versuche vorausgegangen waren, die richtige Form zu finden. An der frischen Luft angekommen spürte sie, dass ihre Kleider klatschnass waren vor Schweiß. Sie fror und ihre Gedanken kamen nach dem Schreck nur träge voran. Durch die Büsche im Hinterhof und vorbei an einem angrenzenden Wäschelager fand sie zurück auf die Straße.

In der nächtlichen Einsamkeit der Häuserzeilen klammerte sie sich an ihre Zeichnung. Nirgendwo fand sie eine vielversprechende Ecke oder eine Bank unter einer eingeschalteten Laterne, die ihr einen ruhigen Moment beschert hätten. Sie wollte unbedingt über den Titel nachdenken, sich ablenken von dem Schrecken, der ihr in den Gliedern saß.

Sie horchte in sich hinein, während sie in Richtung ihrer Wohnung lief.

Zu ihrem eigenen Erstaunen war die Energie der Berührung verpufft. Das Gespräch mit Linda war unterbrochen worden, und so kamen ihr auch alle Worte für einen Titel abgebrochen und unfertig vor. Sie beschloss, dass das Blatt vorläufig »Die Niederlage« heißen würde. So lange, bis sie einen besseren Titel fand.

 

14.07.1919

 

Eingeklemmt zwischen einem müde glimmenden Ofen, einem Stuhl und dem sperrigen Küchentisch starrte Minna Dahl aus dem Fenster ihres Berliner Dachzimmers rüber zum Gelände der Brauerei Bützow. Am Himmel hinter den weißen Rauchfahnen war auch heute keine Spur vom Juli zu erkennen.

„Welch eine Schande …“

Enttäuscht wischte sie mit den Fingern den Staub von den Fensterscheiben.

Sie vermisste den Sommer zum ersten Mal in ihrem Leben. Schwer zu sagen, wieso. Denn eigentlich hasste sie es, zu schwitzen, sich vor Gewittern zu fürchten und in ihrer engen Wohnung einen Platz zu suchen, an dem sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Doch mittlerweile erinnerte sie sich nur schlecht an das Gefühl von Sonne auf ihrer Haut und hätte jederzeit vierzig Grad und Angstzustände ertragen, nur um Berlin im Licht zu sehen.

Was machte sie sich vor? Sie würde so oder so nicht viel von der Stadt mitbekommen. Entweder räumte sie sich selbst in der Bude hinterher oder schob zusätzliche Schichten in der Klinik. Was der ausstehenden Miete der letzten zwei Monate sicherlich guttun würde.

Sie legte Stellenanzeigen und Bleistift, die unangerührt auf ihrem Schoß lagen, zurück in die Kommode und löschte die Glut im Ofen. Es lohnte nicht, ihn heute noch einmal anzufachen, sollte sie wieder in der Klinik essen. Doch beim Gedanken an die Verpflegung fing ihr Magen an zu rebellieren. Sicherlich gab es wieder Steckrüben, dazu Brotrand oder Kartoffelsuppe. Aufgekocht mit Brühe vom Vortag. Spartanischer war da nur noch der Bodensatz, dessen Aroma von Gericht zur Gericht gleich blieb. Zumindest konnte Minna ein wenig Geld dadurch sparen, dass sie nicht einkaufen und kochen musste. Nicht viel Geld, aber immerhin. Unter Umständen war auch eine zusätzliche Schicht frei, dann lohnte sich das Dableiben umso mehr.

Mit einem aufmunternden Lied auf den Lippen stand sie vom Stuhl auf, ging rüber ins Schlafzimmer und lupfte einen Schal aus einem Haufen Kleidung. Es war das lebendige Chaos auf sechs Quadratmetern – und sie liebte es innig. Alles hier gehörte ihr. Nicht wie bei den anderen Mädchen, die sich solche Zimmer wegen der üblen Nachrede zu mehreren teilten. Ein Refugium, ein Sanktum, eine übertrieben schöne Bruchbude eben. Das Maß an Selbstbestimmung, das in diesen vier Wänden herrschte, mochte auch der Grund sein, weswegen sie wieder zu spät dran war.

Minna holte ihre Stiefel aus der Ecke, polierte mit einem Tuch darüber, bis sie wieder glänzten. Dann zog sie ihr graues Kleid an und eine weiße Schürze darüber, in die an einer unauffälligen Stelle die Namen Hof und Sallinger eingestickt waren. Mit zwei schnellen Handgriffen richtete sie ihr Haar und schnappte sich die Umhängetasche vom Kleiderhaken. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, lief sie noch einmal zurück in die Wohnung, kontrollierte den Ofen und flitzte schließlich ins Treppenhaus.

Dort wehte ihr eine Wolke aus Essig entgegen, dass sie die Nase kräuselte. Der Essig sollte die Ratten davon abhalten, aus ihren Löchern zu kriechen, doch die Köttel auf den Treppenstufen verrieten die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens. Als einer der neu eingezogenen Nachbarn die Haupteingangstür für sie offenhielt, huschte Minna hindurch und murmelte im Vorbeigehen ein Dankeschön. Wahrscheinlich hätte sie sich ihm höflich vorstellen sollen, wie man das so unter Nachbarn tat. Aber die Gesichter in den Wohnungen unter ihr wechselten mit einer solchen Frequenz, dass sie es für unsinnig hielt, sich die Namen einzuprägen. So abenteuerlich sich das auch anhörte, dass dort die unterschiedlichsten Männer und Frauen zusammenkamen, so wenig hielt Minna davon, sich in Schwierigkeiten zu stürzen, die diese Leute mit sich bringen konnten. Ihre eigenen Freunde, wenn diese sie nach der Zeit im Krankenhaus denn noch wiedererkannten, waren ihr genug Aufregung. Da gab es Streit, Liebeleien, durchzechte Abende und sonstige Ausfälle, die die Nächte so mit sich brachten und von denen sie gerne Auszeiten nahm. In diesen Zeiten wusste niemand, ob er morgen noch Arbeit hatte oder Berlin ihn verschlucken würde. Sie hatte Arbeit und sie war stolz darauf, ihr Leben allein im Griff zu haben.

Sie sprang auf eine Bahn auf, die gerade von der Haltestelle Greifswalder Straße abfuhr, und fand nah beim Schaffner einen Platz. Er grüßte, sie lächelte und zeigte pflichtbewusst ihr Billett. Wahrscheinlich sah er auch, dass es abgelaufen war und Minna längst wieder ein neues hätte kaufen müssen, aber er ignorierte es wohlwollend.

Nah der Danziger Straße lenkte der seit Wochen unveränderte Anblick des Gehwegs die Fahrgäste allesamt von ihren Zeitungen ab. Obdachlose und Tagelöhner harrten auf der Länge der Straße aus, um einen Platz im Schlafsaal zu ergattern. Dutzende, wenn nicht Hunderte, standen vor dem größten Asylheim der Gegend an. So ist das nun mal, dachte Minna zynisch, wenn man einen Krieg verliert.

An der Friedensstraße wechselte sie in eine kleinere Bahn, fuhr weiter in Richtung Friedrichshain und stieg dort am Park aus. Es war gespenstisch ruhig um das Städtische Krankenhaus. Bettler kreuzten ihre Wege, flehten sich gegenseitig an. Eine Mutter saß mit ihrem kranken Kind im Wagen neben dem Zeitungsstand und hielt ein Pappschild mit unleserlicher Schrift darauf hoch. Der Standverkäufer hatte einen Wassereimer griffbereit, aber er hielt es anscheinend mit der Alten aus. Zumindest durfte Minna ihr ein paar Pfennige in den ausgefransten Hut werfen, ohne dass er murrte.

„Gott sei mit dir, Kind.“

Minna wusste nicht, was eine angemessene Erwiderung gewesen wäre, und nickte ihr stattdessen zu. Dann ging sie mit großen Schritten in Richtung der gusseisernen Tore des Städtischen, bog vor dem Klinkerbau in eine schmale Seitenstraße ein und erreichte die Klinik mit dem unübersehbar angeschlagenen Namen Hof & Sallinger.

Von den beiden Namensgebern hatte lediglich Doktor Sallinger die turbulenten Kriegsjahre überstanden. Friedrich Salomon Hof war dem europäischen Albtraum nicht gewachsen gewesen und hatte einen, für ihn einfacheren, Ausweg aus den Abgründen der menschlichen Seele gewählt. Mit einer Überdosis Schlaftabletten und einem teuer importierten Brandy.

Minna hatte gerade erst angefangen, in der Klinik zu arbeiten, als es passiert war. Hof und Sallinger hatten nach der Rückkehr der Soldaten unterschiedliche Ansichten bezüglich Aufnahmekapazitäten und Behandlungsansätzen gehabt, dennoch war die Klinik schnell dafür bekannt geworden, schwierige Fälle aufzunehmen. Wahrscheinlich, stellte Minna nicht wenig selbstironisch fest, war sie aus genau diesem Grund selbst dort gelandet. Seit sie von Dresden nach Berlin gezogen war, entwickelte sich auch ihr Leben zu einem hoffnungslosen Fall.

„Mann! Vorsicht!“

Die Tür vor ihr war urplötzlich aufgeflogen und Minna konnte der Person dahinter nicht mehr ausweichen.

„He! Hast du keine Augen im Kopf?“

„Doro?“ Minna nahm die Arme, die sie schützend vor sich geworfen hatte, samt ihrer Tasche herunter und fauchte sie wütend an: „Was fällt dir ein, die Tür so aufzutreten? Denkst du eigentlich nie an deine Mitmenschen?“

„Ach … das ist ja passend!“, säuselte Dorothea und überhörte Minnas Anschuldigung. Ein triumphales Grinsen machte sich im Gesicht ihrer Kollegin breit und Minna ahnte, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Dorothea spielte nämlich gern die Überbringerin schlechter Nachrichten und hatte seit Anbeginn einen offensichtlichen Hass auf Minna. Dass dieser aus einem früheren Leben, einem verkorksten Abend in der Kneipe Zur seligen Henne rührte, konnte Minna nur noch dank verschwommener Erinnerungen nachvollziehen.

Prompt sollte sich Dorotheas Botenrolle erneut bestätigen. „Herr Doktor Sallinger will dich sprechen, Minnchen. Klang dringend, wenn du mich fragst. Hast ja kein Telefon oder so … Sag, du hast doch nichts angestellt, oder?“

Minna stellte sich vorsichtshalber dumm. „Du weißt doch sonst immer alles. Was hat er gesagt?“

„Ich weiß von nix“, sagte sie zuckersüß, trat zur Seite und tat ganz galant wie ein Schwarm beim Tanz. „Darf ich Sie hineinbitten, Mademoiselle?“

„Schwirr ab, Täubchen.“ Minna glättete ihre Schürze und zog an Dorothea vorbei in die Klinik.

Also direkt in sein Büro, dachte sie angefressen, das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie durchquerte den grün gekachelten Flur, in dem zurzeit nur wenige Patienten oder Ärzte zu sehen waren. Allein die Schwestern, die mit Minnas Ankunft schon auf eine kleine Pause aus waren, sahen von ihren Krankenblättern auf und verfolgten neugierig ihren Weg. Wussten sie bereits, um was es in ihrem Gespräch mit Dr. Sallinger gehen würde? Doros Andeutung brachte Minnas Gedanken ordentlich durcheinander. Was genau hatte der Doktor auf dem Herzen? Ging es um die Sache mit den Schmerzmitteln, die sie vor einiger Zeit hatte mitgehen lassen, um sich auf einer Feier damit zu benebeln – nur, um es dann doch sein zu lassen? Oder hatte er herausbekommen, dass sie manchmal eine Viertelstunde zu viel auf die Stundenzettel schummelte?

Sie würde es recht bald wissen, denn die Tür seines Büros stand offen.

„Eintreten, bitte.“

„Herr Doktor?“

„Fräulein Dahl.“

Doktor Sallinger saß tief versunken über aufgeschlagenen Lehrbüchern. Vor sich ein Papier mit Notizen, auf dem er ein Wort mehrmals in unterschiedlichen Farben eingekreist hatte. Seine hohe, drahtige Figur täuschte, denn er war überaus kräftig und hatte starke, ruhige Hände. Seine Gestik und seine Wortwahl verrieten, dass er aus einem anderen Jahrhundert stammte. Man sah ihm seine sechzig Jahre jedoch keineswegs an.

„Ich wollte gerade nach Ihnen schicken lassen, aber wie ich sehe, hat Frau Brandt erneut ihr gutes Gehör bewiesen und ist mir zuvorgekommen.“

Sie nickte verlegen und trat ein. „Was kann ich für Sie tun?“

Es herrschte eine kühle Atmosphäre in seinem Büro. Seine unterbrochenen Überlegungen hingen spürbar in der Luft, verlangten weiter nach Aufmerksamkeit. Aber die galt nun Minna.

Der Doktor kratzte sich an einer auffälligen Stelle seines Kopfes, an der ein tiefer Kanal durch den Schädelknochen verlief. Eine mit dünner Narbenhaut überzogene Verletzung aus dem vorletzten Krieg. Minna wusste alles darüber aus langwierigen Operationen, in denen sie ihm assistiert hatte, und der damit verbundenen Zeit für seine Erzählungen. So ungefähr konnte man das Verhältnis zwischen ihnen beiden umreißen. Er erzählte gern und sie hörte zu, während sie die Handgriffe übernahm, die ihn seine Gelassenheit kosteten. Manchmal schickte er sie für Medikamente und Einkäufe quer durch die Stadt, was ihm ausreichend Zeit verschaffte, sich den Patienten zu widmen. Manchmal, das war überdeutlich, konnten die anderen Schwestern diese freundliche Sonderbehandlung für sie als Neuling nicht verstehen und versuchten hinter ihrem Rücken die Welt wieder ein wenig geradezurücken. War sie deswegen hier?

„Wir müssen in absoluter Vertraulichkeit sprechen, Fräulein Dahl.“ Doktor Sallinger stand auf, rückte ihr einen Stuhl heran und schloss die Vorhänge, dann schaute er auf den Flur und schloss seine Tür ab.

„Was hat das zu bedeuten?“ Minna bemerkte, dass sie bei der ganzen Geheimnistuerei ins Flüstern verfiel.

„Das würde ich Sie selbst gern fragen. Leiden Sie in letzter Zeit an starker Migräne?“

„Nein, wieso?“

Er hob mahnend den Zeigefinger. „Abwarten! Zweite Frage: Haben Sie einen Verwandten verloren oder stehen Sie eventuell unter Schockzustand durch eine gravierende Erfahrung in meiner Klinik?“

„Ebenfalls Nein.“

„Ein Letztes noch. Ich klammere mich dabei an einen dünnen Strohhalm.“ Er setzte sich auf seinen Stuhl und verschränkte die Arme. „Haben Sie in letzter Zeit unerklärliche Wachphasen durchlebt? Somnambulie, um genau zu sein?“

Minna schüttelte erneut den Kopf. Ihr gefiel nicht, in welche Richtung das Verhör verlief. Worauf zielte er mit seiner Frage nach dem Schlafwandeln ab?

„Nein, ich schlafe fest und wache auch meistens in meinem eigenen Bett auf.“

Die schnippische Bemerkung brachte Doktor Sallinger sichtlich aus dem Konzept. Seine rechte Augenbraue gefror einen Zentimeter über dem Normalzustand fest, bis er sich räusperte und sehr viel ernster wurde.

„Dann habe ich keine gute Nachricht für Sie, Fräulein Dahl. Ich schätze, Sie haben sich zwar mit den Regeln meiner Klinik zufriedenstellend vertraut gemacht, aber da es uns angesichts Ihrer Verfehlungen an psychisch bedingten Ausflüchten mangelt, sehen Sie mich mehr als indigniert.“ Er nahm ein Klemmbrett vom Schreibtisch und hielt es ihr kurz entgegen, bevor er es zurück auf den Schreibtisch legte und sich ihm erneut widmete. Sie hatte nicht einmal Zeit, über das seltsame Wort ‚indigniert‘ nachzudenken. „Sie erkennen diese Zeilen wieder, vermute ich? Das ist das Einstellungsschreiben, das ihr Vater unter Zähneknirschen signiert hat. Hier steht, Sie hätten von drei Schwestern das Gymnasium mit der besten Leistung abgeschlossen, wären für ein Jahr kriegsbedingt auf die Schwesternschule für höhere Berufung gekommen, wären dann freiwillig und mit großem Eifer ins Lazarett gewechselt, hätten dort einen kurzen Dienstanschluss in einer Badeanstalt vollzogen, und seien dann wieder in das bürgerliche Leben entlassen worden. Bis zum Kriegsende hätten sie geholfen, in Dresden Plakate und Flugblätter für Liebesgaben und Kriegsanleihen zu entwerfen. Ich habe übrigens selbst viel zu viele Anleihen aufgekauft, habe ich das mal erwähnt?“

Minna spürte einen Kloß in ihrem Hals, der mit jedem seiner Worte anschwoll. „Das ist alles richtig. Daran hat sich auch nichts geändert.“

„Nun, dann verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig die Langmut verliere, aber wie um alles in der Welt setzt sich eine so hervorragende Existenz zusammen und stellt dann einen so groben Unfug an wie vorige Nacht?“

„Das … ich wollte nicht –“

„Aha!“ Trotz des Flüstertons war sein Ausruf markerschütternd. Er hatte sie am Schlafittchen. „Wusste ich es doch, dass meine Sinne keiner Täuschung unterlagen. Machen Sie sich frei von schlechtem Gewissen, Fräulein Dahl, und erzählen mir auf der Stelle, was Sie in der Leichenhalle meiner Klinik zu suchen hatten. Verschweigen Sie mir auch nur einen Umstand, eine vorausgegangene, gleichgeartete Tat, sehe ich mich genötigt, die Ordnungshüter herzubeordern.“

„Nein, ich … Das verstehen Sie falsch!“

„Ich verstehe zunächst einmal, dass ich mich selbst strafbar mache, wenn ich eine Leichenfledderin in meinem Spital beschäftige.“

„Ich bin keine –“ Sie wollte das Wort nicht aussprechen.

Doktor Sallingers Geduld spannte sich sichtlich bis aufs Äußerste an. Er klammerte sich bereits mit beiden Händen an seinen Schreibtisch aus rotem Tropenholz. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Minnas Haltung verkrampfte sich ebenfalls. „Ich erkläre Ihnen alles. Bitte. Es wird nicht nötig sein, mich bei der Polizei zu melden. Sie müssen niemanden rufen.“

„Auch nicht Ihre Eltern? Ich hätte nicht wenig Lust dazu, wenn Sie verstehen.“

„Ich verstehe … aber das muss nicht sein.“ Minna warf einen Blick in den Raum hinter ihr. Sie hatte doch niemandem wehgetan oder etwas Bösartiges angestellt.

„Also?“

„Es verhält sich folgendermaßen …“ Sie sog tief Luft ein und fing ohne Umschweife an, zu erzählen. Von ihren Zeichnungen und den ungewöhnlichen Motiven, von ihrem Wunsch, irgendwann Mitglied der Berliner Secession zu werden und ihre Kunst ausstellen zu dürfen. Auch ein kleines Zusammentreffen mit ihrem Idol Käthe Kollwitz ließ sie nicht aus. Hatte diese doch eine ältere Zeichnung von ihr gelobt und Minna damit in dem Wissen bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Ohne es zu ahnen, verbrachte sie eine halbe Stunde damit, ihrem Vorgesetzten alles genau zu erläutern. Doktor Sallinger unterbrach sie nicht ein einziges Mal, schob allerhöchstens eine Hand über die andere oder rieb sich das glattrasierte Kinn. Zu ihrer Beunruhigung schien er wenig überrascht von dem, was sie vorzutragen hatte.

„Das ist alles“, sagte sie, am Ende angelangt. „Mehr gibt es nicht zu sagen. Es tut mir wirklich schrecklich leid, falls –“

„Schweigen Sie, Fräulein Dahl. Bitte. Ich habe genug gehört.“ Er stand auf und streckte fordernd die Hand aus. „Überreichen Sie mir unversehens die Mappe mit Ihren Zeichnungen.“

„Das geht nicht“, platzte es aus ihr heraus. „Die brauche ich!“

„Sofort!“ Doktor Sallingers Stimme hatte den Kokon ihrer verschwörerischen Ruhe verlassen. Hörten die anderen auf dem Flur, was zwischen ihnen vorfiel? Lauschte Dorothea bereits an der Tür? „Ich will es sehen!“

Minna zog hastig ihre Tasche unter dem Stuhl hervor, öffnete den Verschluss und überließ ihm die heiß geliebte Ledermappe.

„Danke.“

„Es sind nur Skizzen“, beteuerte sie. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

Doktor Sallinger überhörte diese Bemerkung und ging jedes der Blätter nach und nach durch. Manchmal steckte er eines zurück in den Stapel, zog es dann später wieder hervor und verglich es mit einem anderen. Es war, als erstellte er für sich eine eigene Reihenfolge, nur war Minna das Kriterium seiner Auswahl gänzlich unbekannt. Irgendwann nahm er den Stapel Zeichnungen und schloss die Mappe in seinem Tresor ein.

„Was kann ich noch sagen, um mich zu entlasten?“

Der Doktor formte auf ihre Frage hin mit seinen Fingern eine Pistole und zeigte auf den Tresor. „Sie haben sich mir geöffnet. Um ehrlich zu sein, bin ich tatsächlich über alle Maßen erleichtert. Ich hatte Sie die Nacht über in meinen Überlegungen aus den dunkelsten Blickwinkeln heraus betrachtet. Und das gesagt …“, der Doktor stockte, denn ein leichtes Lächeln eroberte mit einem Mal seine Lippen, „… könnte man behaupten, dass ich sogar beeindruckt bin. So viel Talent, so viel Hingabe für die Verfassung des menschlichen Körpers. Ich hätte eine solch spezielle Begabung niemals von Ihnen erwartet.“

„Wirklich?“

Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber das ist nur meine eigene Freude an der Schaffenskunst und sicherlich keine weithin akzeptierte Meinung. Sie verstehen, worauf ich hinauswill? Ich werde Konsequenzen ziehen müssen.“

Minna standen die Tränen in den Augen, aber sie wollte nicht weinen. „Heißt das, Sie setzen mich auf die Straße?“

„Denkbar.“

In ihrem Inneren spürte Minna den zarten Faden reißen, der ihre Anstellung im Krankenhaus bedeutet hatte. Hätte sie doch niemals der Verführung nachgegeben, die Toten ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz zeichnen zu wollen. Verzweifelt sprang sie auf und lief bis an den Rand seines Schreibtisches, faltete die Hände ineinander. „Ich weiß aber nicht, wohin. Ich gehöre doch hierher.“

„Sie haben alles aufs Spiel gesetzt und verloren, Minna. Trägt der Spieler seine Schulden nicht mit Würde?“

„Nicht in diesem Fall“, gab Minna zu.

„Nein. Das können Sie nicht und das sehe ich. Ihr Fehlverhalten zwingt mich zu großer Kreativität, was Ihre weitere Anstellung in meinem Dienst betrifft.“

Minna ließ sich zurück auf ihren Platz fallen. Ihre rastlos auf den Knien abgelegten Finger verknoteten sich förmlich vor Anspannung.

„Was soll ich tun?“, fragte sie nervös. Was konnte er von ihr verlangen? Zu was war dieser Mann imstande?

„Nicht was, sondern wo. Hier können Sie nicht bleiben. Das steht außer Frage. Ihr Geheimnis trübt unsere Zusammenarbeit, sie wird schon bald auch Ihre Beziehung zu den Ärzten und Schwestern trüben. Bedenken Sie: Ich verlasse mein Büro nachts nur in dringenden Fällen. Die Schwestern wiederum, wer weiß, wie man sich schon das Maul über Sie zerreißt, Fräulein Dahl. Allein, dass ich Sie herrufen ließ und das Gespräch sich in die Länge zieht. Es ist offensichtlich, dass Sie zum Gesprächsthema würden. Das wird Ihnen nahegehen, verstehen Sie? Das liegt in der menschlichen Natur. Nur, ein so vernebelter Kopf kann mir nicht assistieren.“

„Sie wollen wirklich, dass ich weiter für Sie arbeite?“

„In Anbetracht unserer derzeitigen Konjunktur setze ich niemanden leichtfertig auf die Straße, wenn ich nicht muss. Sie werden eine Anstellung erhalten. Nur nicht hier.“

„Wo dann?“

Er wies die Frage mit einer Geste ab. „Da machen Sie sich mal keinen Kopf, wo ich doch gerade dabei bin, diesen zu retten. Ich werde Sie ultimativ auf die Probe stellen. Vertrauen Sie mir, Fräulein?“

Minna sagte nichts und nickte nur heftig. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst wie ein Kind, das den Stockschlägen um ein Haar entgangen war.

„Wohlan, ich muss meine Bibliothek nach einer dringenden Antwort durchforsten. Melden Sie sich bei der Oberschwester ab. Quittieren Sie per Formblatt Ihre Stelle. Ich erledige den Papierkram für die neue Arbeit und veranlasse die Überweisung Ihres letzten Salärs.“

„Heißt das, ich bin von nun an privat bei Ihnen angestellt?“

„So könnte man es sagen. Aber bitte, gehen Sie jetzt. Meine Zeit ist kostbar. Ich melde mich bei Ihnen.“

Minna verabschiedete sich und meldete sich wie angewiesen bei der Oberschwester ab. Diese verzog keine Miene bei der Bemerkung, dass Minna nicht mehr in der Klinik arbeiten würde. Statt einer gesunden Neugier zeichnete sich in den Gesichtern der Kolleginnen am Ende des Flurs nur Ärger ab. Ärger darüber, dass sie heute Überstunden schieben würden. Die Tür ins Freie ließ sich noch nie so schwer öffnen wie an diesem Morgen.

 

Zurück in ihrer ausgekühlten Wohnung ging Minna geradewegs ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Ohne den Ofen von der alten Asche zu befreien und ohne neues Feuer anzufachen. Sie weinte minutenlang die überstandene Angst hinaus, die sich wie ein Tier in ihrer Brust verbissen hatte. Die Sonne war dabei, zu versinken, als sie sich endlich beruhigte und die Stimmen von Hausbewohnern den Flur hinaufschallten. Die Morgenschichten läuteten den Feierabend ein.

Minna rieb sich das Gesicht an ihrem Laken ab und reckte den Kopf. Um sie herum lagen die verbliebenen Zeichnungen der Toten, die sie in diese missliche Lage gebracht hatten. Versteckt zwischen Buchdeckeln und Papierstapeln.

Minna rappelte sich vom Bett auf, ging zu einem Atlas auf ihrem Schreibtisch und zog die Zeichnung eines Jungen heraus, die sie dort zum Pressen hineingelegt hatte. Trotzdem musste sie gegen das störrische Papier ankämpfen, das sich an den Seiten wieder aufzurollen versuchte. Es war mittlerweile zu dunkel in der Wohnung, um alle Feinheiten zu erkennen. Eine Kerze musste her. Minna warf sich eine dünne Strickjacke vom Kleiderhaken über, holte Streichhölzer aus ihrer klapprigen Kommode und ging in die Küche. Dort entzündete sie eine fast abgebrannte Kerze auf dem Küchentisch und betrachtete das Papier im aufflackernden Licht.

Was für eine Schönheit. Ein Engel, der die Erde nicht hatte verlassen wollen. Der Junge lächelte noch, obwohl ihn die Unterwelt zu sich gerufen hatte, dachte Minna gerührt und stieß dabei ungeschickt mit einem Bein gegen das erkaltete Ofenblech. Sie griff zum Kehrblech und machte sich an die Arbeit.

Der Anblick des Jungen ging ihr nicht aus dem Kopf. Auch, als sie dem Holz im Ofen auf die Sprünge half, zu entflammen, formte sich aus den hellen Kränzen um das Feuerholz sein Gesicht. Was war das für ein Tod, der nicht vollständig die Flammen zu erlöschen vermochte? Der Menschen wie Minna die Angst nicht nahm, diesen Ort endgültig zu verlassen, um zu einem anderen zu gelangen?

Kurz war sie davor, die Zeichnung zu zerknüllen und in den Ofen zu schmeißen. So wütend war sie über ihre Sorge, sie könnte wie ihre Motive zwischen den Sphären hängen bleiben. Nur weil der Schnitter nicht auch die Erinnerungen töten wollte. Doch als Minna an sich herabsah, ruhte da zwischen ihrer Hand und ihrem Herzen das Papier wie eine Membran. Hob und senkte sich mit jedem Atemzug als Teil ihres Körpers.

Ich möchte auch so gezeichnet werden, dachte sie plötzlich und spürte keine Kraft mehr, sich länger gegen ihre Gedanken zu wehren. Wo genau wollte sie sein? In welcher Form im Nachleben existieren?

Minna geriet in einen Strom aus Unruhe, den sonst nur Freunde aufzuhalten vermochten. Aber sie war allein in ihrem Zimmer. Da war niemand, der ihr Halt geben konnte. Wäre Doktor Sallinger bei ihr gewesen, er hätte sie erst wachrütteln müssen, um ein Wort aus ihr herauszubekommen.

Was für ein Charakter! Minna presste die Lippen aufeinander. Jeder andere hätte sie hochkant hinausgeworfen.

Obwohl das im Auge des Betrachters lag, nicht?

Vielleicht ging es ihm nicht darum, Minna aufzuwecken. Womöglich wollte er sie einfach von der Stelle bewegen. Sie loswerden, weil er so eine Abartigkeit nicht duldete.

Innerlich leer fing sie bei diesem ungerechten Gedanken an zu weinen.

Was zum Henker stimmte nicht mit ihr?


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Raiko Oldenettel wurde 1986 in Ostfriesland geboren und wuchs inmitten friedlicher Natur und weiter Strecken auf. Mit dem Studium verschlug es ihn fernab der Heimat nach Trier und durch die Fächerwahl Japanologie und Kunstgeschichte noch ferner nach Tokyo, wo er für ein Jahr lebte. Seit seiner frühen Jugend begleiten ihn das Schreiben und Erfinden neuer Welten, angestachelt durch das Bücherregal seiner Eltern. Zwischen Fantasy, Krimi und Science-Fiction pendelnd entstanden so seine ersten Werke. Derzeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in Bielefeld, wo er mit seiner kleinen Autorenfamilie den Zauber des Schreibens und Lesens weiterträgt.

 

Doktorspiele

Die Pimmelparade

 Der Schnee lag auf den Schwarzwaldhügeln wie ein großer Doktorkittel. Anfang März und höchste Zeit, den weißen Rock auszuziehen.

„Zieh das Höschen aus!“, sagte Tim.

„Na, gut“, sagte Lilli, hob ihren Bauch hoch, als baute sie eine Brücke, und zog sich das Höschen runter. Wir guckten uns ihr Ding aus der Nähe an. Sah saukomisch aus.

„Und jetzt du!“, sagte Lilli.

„Ich bin der Doktor!“, sagte Tim.

„Ich auch“, sagte ich.

„Der Doktor kann auch krank sein!“

„Das stimmt“, sagte Tim und schlüpfte aus seiner Pyjamahose.

„Nicht du!“, sagte Lilli zu ihm. „Dich kenne ich schon.“ Sie zeigte auf mich. „Der andere Doktor!“

„Ich bin ganz gesund!“, rief ich.

Tim schüttelte den Kopf: „Alle müssen zeigen!“

Ich holte mein Ding raus. Lilli beglotzte ein Weilchen meine sechsjährige Nudel und seufzte dann. „Sind die alle so klein?“

„Die wachsen noch!“, rief ich.

„Bestimmt!“, rief Tim.

„Glaube ich nicht!“, sagte Lilli.

Seitdem habe ich meine entfernte Cousine Lilli nicht mehr gesehen.

*

Jetzt bin ich 16. „Lilli wird bei uns zwei Wochen wohnen“, sagte meine Mutter kurz vor den Ferien beim Frühstück. Ihre Eltern fliegen nach Amerika.“

„Hä?“ Lilli sollte bei uns wohnen? Lilli? Die mir mal gesagt hatte, dass mein Pimmel zu kurz ist?

„Erinnerst du dich, als ich dir mal von unseren Doktorspielen im Schwarzwald erzählt habe?“, fragte ich Harry unterwegs zur Schule.“

„Klar. Cooles Spiel“, sagte Harry.

„Alter! Diese entfernte Cousine kommt in den Ferien zu uns!“

„Um Doktor zu spielen? Kann ich mitmachen?“

„Spinnst du? Die lacht mich aus! Schon damals hat sie sich über meinen Pimmel lustig gemacht. Von wegen klein und so…“

Am letzten Schultag vor den Ferien schleppten Harry und ich unseren Kram des ganzen Schuljahrs nach Hause.

„Wann kommt diese Krankenschwester zu euch?“, fragte Harry. „Mit der du im Schwarzwald Doktor gespielt hast?“

„Lilli?“, sagte ich. „Morgen! Scheiße!“

„Boah! Die Hitze ist unerträglich!“

„Ich geh zu Hause gleich unter die kalte Dusche!“, sagte ich. „Kommst du mit? Am Nachmittag ist niemand da.“

Zu Hause hauten wir unsere Rucksäcke und die anderen Sachen auf dem Boden im Flur und flitzten ins Bad. Wohlig wanden wir uns abwechselnd unter dem kalten Wasserstrahl.

„Warum jammerst du immer, dass du so ’n kleines Ding hast?“, fragte Harry. „Meiner ist auch nicht größer.“

„Soll’n wir messen?“

Auf der Waschmaschine lag zufällig ein Lineal. Ha! Unsere Pimmel waren wirklich gleich lang.

„Vielleicht ist deiner sogar länger als meiner, wenn er steht?“, sagte Harry. So rubbelten wir etwas und maßen unsere Ständer. Auch gleich.

„Yogis können ziemlich große Gewichte am Pimmel tragen“, sagte Harry.

„Ich kann eine Gießkanne dran tragen!“, sagte ich und haute mir die Plastikkanne zum Blumengießen auf den stehenden Schwengel. Tätärätä!

Harry hängte sich Christines Kosmetiktasche dran, und wir marschierten aus dem Badezimmer. „Hey, hey, gib’s mir, Baby! Hey, hey, gib’s mir!“

Wir brüllten beide unseren neuen Song und marschierten zum Spiegel im Flur, um uns zu begutachten: „Hey, hey, gib’s mir, Baby! Hey, hey, gib’s mir!“

„Soll’ma uns so abblitzen?“, fragte ich.

„Wäre sicher ein lustiges Foto“, sagte Harry.

Wir marschierten mit der Kanne und der Kosmetiktasche an unseren Pimmeln ins Wohnzimmer, um Mutters Digitalkamera zu holen, und brüllten weiter unseren Song. Dabei schwenkten wir unsere nackten Ärsche im Rhythmus des Songs wie Hula-Hula-Tänzerinnen. Die Kanne und die Kosmetiktasche immer hoch in der Luft.

Am Tisch packe ich die Kamera, hole noch mal tief Luft, um so richtig loszubrüllen, Harry hinter mir wohl auch, weil ich in der so kurz entstandenen Stille plötzlich ein „Ähmm, ähmm“, aus der Ecke höre, in der das Sofa steht, und gleich danach ein „hüstel, hüstel …“

Nackt wie ich bin, mit der Kamera in der Hand, und der Gießkanne an meinem Ständer, drehe ich mich um und … starre. Harry starrt auch.

Auf dem Sofa hockt ein blonder Engel mit Zöpfen und einem Buch in der Hand. Statt zu lesen, guckt sie uns aber an. Wir sind ja interessanter als ein Buch.

„Ich bin Lilli“, sagt sie. „Hey, Andi! Du bist seit damals ganz schön gewachsen. Erinnerst du dich noch an mich?“

„Kl…ar!“, stammele ich hervor, reiße die Kanne von meinem Pimmel runter und stecke ihn hinein. Auch Harry zögert nicht, haut seinen Ständer in die Kosmetiktasche und wir beide HOPP, HOPP in Känguru-Schritten zur Wohnzimmertür. In der Tür kommen wir uns in die Quere, stürzen zu Boden, doch wie Hirsche springen wir sofort auf und jagen hinaus.

Gleich im Flur sind unsere Ständer flöten gegangen. Wir hüpften ins Badezimmer und kämpften uns schnell in unsere Shorts.

„War das deine Krankenschwester aus Kiel?“, fragte Harry.

„Ja! Scheiße verdammte!“, kreischte ich. „Wir machen halt bei den Doktorspielen weiter, wo wir vor zehn Jahren aufgehört haben.“

„Das waren keine Doktorspiele mehr, Alter!“, sagte Harry. „Das war Pornodancing!“

Und da bekamen wir beide ’nen Lachkrampf, bis wir vor lauter Lachen mit den Köpfen an den Wäschekorb trommelten. Jetzt hab ich’s wohl bei allen Mädels verschissen!

 


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Jaromir Konecny wurde 1956 in Prag geboren. Er arbeitete als Techniker in Libyen, war Arbeiter in der Metallindustrie und Schiffsmeister bei der tschechischen Elbe-Oder-Schifffahrt, bevor er 1982 in die Bundesrepublik emigrierte. In einem Sammellager in Niederbayern brachte er sich mit Kreuzworträtseln Deutsch bei und studierte schließlich Chemie an der TU München, wo er über die Entstehung des genetischen Codes promovierte. Er war wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München und lebt heute als freier Schriftsteller und Publizist in München.

 

Das Erbe von Broom Park

Kapitel 1

Schottland 1814

Hazel MacAllen strich sich eine Strähne ihrer langen, dunkelbraunen Locken aus dem Gesicht. Sie fröstelte, wickelte sich ihr Wolltuch noch etwas fester um die Schultern und steckte die Enden wieder in den breiten Ledergürtel über ihrem grünen Wollrock.

Es war ein kalter Tag. Viel zu kalt für Anfang Mai an der schottischen Westküste. Am Meer war es an diesem Tag besonders ungemütlich. Der böige Westwind trieb die Wellen weit in die Bucht und ließ den Kies am Strand mit einem ständig murmelnden Geräusch hin und her rollen. Ab und zu flogen kleine Flocken weißen Schaums durch die Luft, die von der Gischt leicht nach Salz schmeckten. Hazel blickte hinaus auf die wogende See mit den weißen Wellenkämmen, doch es war noch immer nichts von Colin und Alistair zu sehen. Seit dem frühen Morgen waren sie mit dem Boot draußen. Der Wind war über den Tag immer stärker geworden und die Möwen, die in kleinen Schwärmen über das Meer flogen, kamen nur mühsam gegen ihn an.

Hazel seufzte. Dann nahm sie das große Bündel Treibholz, das sie gesammelt hatte, auf ihre Schultern, als wöge es nichts. Seit ihr Vater vor sechs Jahren bei einem Sturm nicht vom Fischen zurückgekehrt war, hatte sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter zusehends verschlechtert und sie war kränklich und lebensmüde. So musste Hazel sich um den Haushalt kümmern, wenn ihre beiden Brüder mit dem Boot unterwegs waren – und das waren sie, außer an den Sonn- und Feiertagen, fast jeden Tag. Körperlich schwere Arbeiten waren ihr daher nicht fremd.

Sie ging ein Stück den Strand entlang und folgte dem schmalen Pfad, der hinauf zum Cottage führte. Das kleine, aus grauen Steinen gebaute Haus, lag am Fuße eines kleinen Hügels, hinter dem sich majestätisch die Berge der schottischen Highlands erhoben. Eine Steinmauer und ein paar Bäume schützten es vor Wind und Wetter und die beiden einzigen Fenster an der Vorderseite sahen manchmal aus wie zwei große Augen.

»Hast du sie gesehen?«, rief Fiona MacAllen von der blauen Tür aus, als sie ihre Tochter kommen sah.

»Nein, Mutter. Geh wieder ins Haus. Es ist zu kalt für dich.«

Hazel legte das Holzbündel neben der Tür ab und ging mit ihr hinein. Mrs MacAllen war erst achtundvierzig Jahre alt, ihr früher dunkles Haar war inzwischen fast grau und sie versteckte es unter einem Häubchen. In dem dämmrigen Haus, das durch eine Wand in zwei Räume geteilt wurde, war es wohlig warm. In der Feuerstelle des etwas größeren, rechten Raumes brannte ein Torffeuer. Er war gleichzeitig Küche und Wohnzimmer, und Colin und Alistair hatten dort ihre Betten. Der Qualm zog nur langsam durch den Kamin in dem mit grauem Schiefer gedeckten Dach ab. Ein Teil davon zog in den Raum und schwärzte die Decke.

Das Feuer war schon weit heruntergebrannt, aber es reichte Hazel, um sich die Finger zu wärmen. Sie schöpfte für sich und ihre Mutter einen Becher heißen Tee aus dem schwarzen Kessel, der an dem schwenkbaren Eisenhaken über dem Feuer hing. Hoffentlich würden ihre Brüder vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. Taten sie das nicht, müsste oben auf dem Hügel die große Laterne angezündet werden, die ihnen den Weg nach Hause wies.

Nachdem sie ihren Becher geleert und drei bereits vorbereitete Brotlaibe in den gemauerten Backofen neben dem Kamin geschoben hatte, ging sie in den kleinen Stall hinter dem Cottage. Sie molk Bess, die einzige Kuh, die sie besaßen, fütterte die Hühner und Tommy, das Pony. Dann ging sie auf die Weide und sah nach den fünf Schafen und ihren Lämmern. Wieder im Haus, half sie ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens. Sie waren fast fertig, als sie draußen endlich Stimmen hörte. Kurz darauf erschien Alistair in der Tür. Er hängte seine nasse Jacke vor das Feuer und nahm sich eine Schale Eintopf aus dem Kessel. Er sagte kein Wort. Wie so oft. Hazel blickte ihn an und schüttelte den Kopf. Sie würde ihn nie verstehen. Seine braunen Augen, die sie aus einem braungebrannten, markanten Gesicht anblickten, waren wie die See an einem dunklen Tag im Winter: kalt und unergründlich. Seine ewige Unzufriedenheit konnte der ganzen Familie die Stimmung verderben. Wie anders war da Colin, dachte sie, und stellte eine weitere Schale für ihn auf den Tisch. Er war fast immer gut gelaunt und versuchte, das Beste aus seinem Leben zu machen. Im selben Moment flog auch schon die Tür auf und ihr zweiter Bruder kam herein. Hazel liebte ihn über alles. Er war sechs Jahre älter als sie. Im Gegensatz zu Alistair, der jetzt schon siebenundzwanzig war, behandelte Colin seine Schwester, die in einem Monat achtzehn Jahre alt werden würde, schon lange nicht mehr wie ein kleines Mädchen. Er schüttelte seine nassen, dunkelblonden Locken vor dem Feuer aus.

»Guten Abend, Mutter«, sagte er, küsste sie auf die Stirn und kam zu Hazel.

»Was gibt es Leckeres, Schwesterlein?«, fragte er kess.

Er legte ihr den Kopf von hinten auf die Schulter und blickte auf das vorbereitete Essen.

»Fischeintopf und frisches Brot«, lachte sie und drückte ihm einen Laib in die Hand.

»Was für ein scheußliches Wetter.« Colins blaugraue Augen blitzten übermütig. »Aber wir haben gut gefangen heute. Erst haben wir drei Lobster in den Körben gehabt und dann sind wir in einen Schwarm Makrelen geraten. Ich wette, die Lachse kommen auch bald.« Er lachte und die beiden Grübchen neben seinen Mundwinkeln wurden tiefer.

»Heißt das, wir fahren morgen mit dem Ponywagen zur Kirche?« Hazel warf einen erwartungsvollen Blick zu Alistair, als sie sich setzte.

Der nickte nur.

Sie beteten gemeinsam und aßen. Hazel war froh, dass ihre Brüder heil zurück waren, dankte Gott im Stillen dafür und auch, dass sie morgen nicht würde laufen müssen. Sie hasste es, wenn sie in aller Frühe zu Fuß hinüber ins Dorf gehen musste. Die verdammten Midges fraßen einen fast auf, wenn kein Wind ging und nur Colins Pfeifenqualm und der würzige Duft der Bog Myrtle, konnte, wenn man deren Blätter zerrieb, die Plagegeister vom Stechen abhalten. Außerdem würde sie so nach der Kirche schneller wieder zu Hause sein, und hätte mehr Zeit für sich am Nachmittag. Nach dem Mittagessen würde sie hinüber nach Broom Park gehen. Diese Aussicht war sehr erfreulich und Hazel summte beim Abräumen des Tisches eine Melodie. Sie träumte mit offenen Augen, als sie sich spät nach dem Essen neben ihre Mutter in das Bett im Nebenzimmer legte, während ihre Brüder noch die Netze und die Lobsterkörbe in Ordnung brachten.

Am Morgen fuhren sie alle mit dem Ponywagen ins Dorf. Alistair verkaufte den Fisch, bevor sie den Gottesdienst besuchten. Hazel lauschte der Messe in der kleinen, schmucklosen Kirche andächtig. Sie liebte die Art, wie der Reverend sprach. Seine Stimme war tief, er sprach langsam und mit Bedacht. Auch wartete sie immer sehnsüchtig darauf, dass endlich das Harmonium gespielt wurde. Sie mochte Musik, besonders die in der Kirche, wenn sich das Harmonium und der Gesang der Gemeinde vereinten. Diese Musik war so anders, als das, was Colin auf seinem Dudelsack spielte, fast wie aus einer anderen Welt. Noch als sie die Kirche verließen, hatte Hazel all die wunderbaren Klänge im Ohr, doch sie wurde jäh von der rauen Stimme eines Mannes unterbrochen, der sie vor dem Gotteshaus ansprach.

»Guten Morgen, Hazel.«

Sie drehte sich um und sah in ein schmales, unrasiertes Gesicht, das von strähnigen, braunen Haaren umrahmt wurde. Die beiden kalten, grauen Augen musterten sie ungeniert.

»Guten Morgen, Rory«, entgegnete Hazel schnippisch und wandte sich zum Gehen.

»Wie geht es dir?«, fragte er und folgte ihr.

»Gut, danke.«

»Du warst lange nicht im Laden. Willst du nicht mitkommen?«

Hazel schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Sie konnte diesen Campbell einfach nicht ausstehen.

»Nein, danke. Ich habe wirklich keine Zeit. Mutter will nach Hause und ich muss den Wagen fahren.«

»Zu schade. Wie wäre es mit nächster Woche?« Er vertrat ihr den Weg.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie zögernd. Sie konnte ihm nicht sagen, dass er sich zum Teufel scheren sollte.

Er hatte nun mal den kleinen Laden im Dorf, und sie waren immer wieder darauf angewiesen, von ihm Kredit zu bekommen.

»Komm schon, Hazel, so ein hübsches Mädchen wie du braucht bestimmt etwas Neues«, scherzte er aufdringlich. »Ich habe schöne neue Haarbänder. Das wäre doch was für dich.«

Rorys Hand griff nach ihrem Haar und er ließ sich eine Strähne ihrer Locken durch die Finger gleiten.

Hazel spürte ein Würgen im Hals. Es widerte sie an, dass er sie angefasst hatte. Er verursachte bei ihr ein ähnliches Gefühl von Ekel, wie es im Herbst die dicken Spinnen taten, wenn sie ins Haus kamen.

»Ich denke drüber nach«, sagte sie hastig und lief aus dem Kirchhof.

Ihre Mutter saß schon auf dem Wagen und Hazel brachte Tommy mit einem Schnalzen zum Laufen. Sie sah nur noch, wie Rory mit Alistair sprach und die beiden sich in Richtung des Alehouse aufmachten, um sich das ein oder andere Bier zu gönnen.

Hazel aß nicht viel an diesem Mittag und verließ danach das Cottage. Der Sonntagnachmittag gehörte ihr, ihr ganz allein.

Sie nahm den Pfad, der sich von der kleinen Bucht, in der sie wohnten, den Hang hinauf durch die Heide und das Farnkraut nach Süden an der Küste entlangwand. Oben auf dem nächsten Hügel blieb sie stehen und betrachtete die Landschaft. Hinter ihr zogen sich die felsigen Berghänge steil hinauf und vor ihr reichte der Blick nach Westen weit den Loch Linnhe hinunter. Die weißen Segel eines Schiffes mit Kurs auf Fort William am Ende der tiefen Bucht leuchteten weithin sichtbar in der Sonne. Unten am Fuße der grünen Hügel, auf denen die Schafe weideten, klatschte das Meer weiß schäumend gegen die grauen Felsen. Das Castle Stalker, das auf einem winzigen Eiland im Meer lag, ragte mit seinem eckigen Turm trotzig in den Himmel. Es schien, wie die schroffen Gipfel der Berge auf der anderen Seite der großen Bucht, zum Greifen nahe. Im Westen erhoben sich die Berge der Isle of Mull und im Osten die höchsten Gipfel der Highlands. Sie atmete tief ein. Die Luft war klar und sauber nach dem gestrigen Sturm. Wenn der Sommer endlich käme, und die Heide anfangen würde zu blühen, würde es oben auf dem Hügel wieder betörend duften. Hazel hätte noch eine ganze Weile träumen können, doch es war fast eine Meile nach Broom Park und sie wollte so viel Zeit wie möglich an ihrem Lieblingsplatz verbringen.

Broom Park war ein altes, halb verfallenes Herrenhaus, das am Fuße eines von Ginster und Wald bewachsenen Hügels lag. Der Ginster am Waldrand zeigte schon die ersten Knospen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich alle Blüten öffnen. Dann würde er ganze Hügel weithin sichtbar in sattem Gelb leuchten. Als Hazel die hohe Steinmauer erreichte, die den Besitz umgab, spähte sie wie immer erst vorsichtig durch das Loch darin, bevor sie hindurchschlüpfte. Das Anwesen war schon lange verlassen, aber sie hatte immer Angst, es könnte doch jemand da sein. Außerdem hieß es, der Geist der alten Lady Denby, die sich vor mehr als zwanzig Jahren im Haus erhängt hatte, würde dort spuken.

Hazel ließ sich davon nicht abschrecken, und als sie niemanden sah, folgte sie zielsicher dem zugewachsenen Pfad unter den alten Bäumen und Rhododendren bis zum Haus. Das große zweistöckige Gebäude wurde von einem Dach mit mehreren kleinen Giebeln gekrönt. Die grauen Mauern waren von Efeu überwuchert, der sich ungehindert in die kaputten Fenster im oberen Stockwerk hineingewunden hatte. Viele der Fenster waren nur notdürftig mit Brettern verschlossen. Auch die große Tür zum Haus war früher vernagelt gewesen, aber jemand hatte sich schon vor langer Zeit Zugang verschafft. Hazel hatte keine Mühe, zwischen zwei Brettern hindurch in die Eingangshalle zu gelangen. Über dieser war das Dach teilweise eingestürzt. Balken und Dachschiefer lagen auf dem einstmals so prächtigen Boden aus schwarzem und weißem Marmor. Die Holzvertäfelung war nass geworden und wölbte sich von den Wänden. Auf der Treppe hatten sich in den Winkeln, wo der Wind etwas Erde angeweht hatte, bereits kleine Pflanzen angesiedelt. Hazel hatte es noch nie gewagt, die breite Treppe hinaufzugehen, aus Angst, sie könnte unter ihr einstürzen. Sie durchschritt die Halle eilig und ging auf der anderen Seite durch die große Tür, die nur noch halb in den Angeln hing.

Hier war ihr Paradies – der alte Ballsaal.

Er war noch vollständig erhalten und immer trocken. Die großen Fenster, die fast bis zum Boden reichten, waren verschmutzt, und das bisschen Sonne, das hindurchdrang, tauchte den Raum in ein sanftes, gelbliches Licht. In dem großen Raum hallte ihre Stimme wider, fast wie in der Kirche. Sie liebte es, hier zu singen und zu tanzen. Wie immer kehrte sie zuerst den Boden mit einem Ginsterbündel und entfernte die Blätter, die der Wind der letzten Woche hier zusammengeweht hatte. Sie legte das Bodenmosaik in der Mitte frei, das ein tanzendes Paar in altmodischen Kleidern und mit weißen Perücken zeigte. Dann ging sie hinüber zu dem alten Spiegel über dem Kamin und betrachtete sich selbst. Sie konnte sich hier in voller Größe sehen, wenn auch der Spiegel angelaufen und fleckig war. Nach einem Knicks vor ihrem Spiegelbild forderte sie sich selbst zum Tanzen auf. In ihrer Fantasie ertönte leise Musik und sie schloss die Augen. Hazel begann zu singen und sie stellte sich vor, der Saal wäre erfüllt mit Menschen in eleganten bunten Kleidern. Sie sah sich selbst durch die Menge in die Mitte des Raumes schreiten.

Sie war die Herrin von Broom Park.

 

***

 

Simon Denby zügelte sein Pferd. Er musterte das vor ihm liegende Haus kritisch. Es war im klassischen Baronial Style erbaut und die Fassade mit ihren wehrhaften kleinen Türmchen und Erkern und den zahlreichen kleinen Giebeln am Dach war sehr schön. Der weite Blick über das Meer, den er bereits genossen hatte, als er die Auffahrt entlanggeritten war, und den er jetzt auch vom Vorplatz aus hatte, war überwältigend.

Wenn es nur nicht so unangenehm kalt wäre, dachte er und rieb sich die Hände.

Er stieg ab, tätschelte den Hals seines Pferdes und band es an den Ast einer Eiche. Dann ging er zum Eingang hinüber. Ein paar Bretter fehlten, und die Tür dahinter war offen. Er zwängte sich durch das Loch zwischen den Latten, blickte sich um und schüttelte den Kopf. Die Halle war in einem desolaten Zustand und es würde ihn sicherlich einige tausend Pfund kosten, das Haus wieder zu dem zu machen, was es zu Zeiten seiner Großmutter gewesen war. Er musterte noch den Zustand der Vertäfelung, als er eine helle Stimme singen hörte. Einen Moment befürchtete er, es könne der Geist seiner Großmutter sein, doch er war Realist und ging dem Gesang nach. In der Tür zu einem großen Saal blieb er stehen. Was er sah, ließ ihn lächeln. Ein junges, ärmlich gekleidetes Mädchen sang und tanzte höchst anmutig allein durch den Raum. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Er wollte sie nicht erschrecken und räusperte sich leise.

 

Hazel schrie erschrocken auf, als sie den Fremden in der Tür bemerkte. Sie blieb wie versteinert stehen und starrte ihn an. Er war groß und schlank, hatte kurzes, dunkelblondes Haar und trug unter seinem langen Reitmantel einen elegant geschnittenen, schwarzen Anzug aus feiner Wolle und einen schwarzen Hut wie ein echter Gentleman.

»Du singst und tanzt sehr hübsch«, sagte der Fremde.

Hazel erwiderte nichts. Sie stand nur irritiert mit halb geöffnetem Mund da, unfähig, etwas zu sagen.

»Willst du mir nicht verraten, wer du bist, wenn du schon in meinem Haus tanzt?«

Sie erschrak. Sein Haus? Das kann nicht sein, dachte sie.

»Komm her«, forderte sie der Fremde freundlich auf und sie gehorchte zögernd.

Er sah sie forschend an und ihre Angst schwand, als sie seine weichen Gesichtszüge und den sanften Ausdruck in seinen warmen, blauen Augen sah.

»Nun, junges Fräulein, willst du mir nicht antworten?«

Er lächelte noch immer. Lachfältchen umrahmten seine Augen.

»Mein Name ist Hazel. Hazel MacAllen«, entgegnete sie scheu.

Sie bemerkte seinen musternden Blick. Seine Augen wanderten von ihren wilden, offenen Locken über ihre Kleidung bis hinunter zu ihrem fleckigen Rocksaum. Rasch versuchte sie noch, ihre ebenso verdreckten Schuhe darunter zu verstecken. Sie fühlte, wie ihre Hände schwitzten und ihre Wangen rot wurden.

»Ich bin Lord Simon Denby.« Er zog seinen Hut und verneigte sich leicht.

Hazel biss sich auf die Lippen und schluckte. Sie hoffte, er würde nicht bemerken, dass ihre Hände vor Aufregung auch noch zitterten.

»Du kommst wohl öfter hierher«, sagte Lord Denby und ging durch den Raum auf die Fenster zu.

»Jeden Sonntag«, antwortete sie leise.

»Soso.« Lord Denby musterte sie erneut aus der Entfernung.

»Das mit der Tür bin ich aber nicht gewesen. Es war schon so, als ich zum ersten Mal hier war.«

»Ich habe dir nichts vorgeworfen. Warum entschuldigst du dich also?« Er sah sie fragend an.

»Ich dachte, Sie sind vielleicht erzürnt, weil ich hier bin«, entgegnete Hazel, und hoffte, dass er es nicht war.

»Nein. Das bin ich nicht.« Er schmunzelte.

Sie sprach mit diesem harten Highland-Akzent, den er so mochte.

»Du kennst das Haus sicherlich gut. Willst du mir nicht alles zeigen?«

Ihr stockte der Atem. Ein Lord bat sie, ihm sein eigenes Haus zu zeigen! Sie zögerte kurz, doch der freundliche Ausdruck in seinen Augen ermutigte sie. »Ich kenne nur den Teil hier unten, aber den zeige ich Ihnen gern.« Sie strahlte ihn an und führte ihn in der ihr vertrauten, unteren Etage herum. Hazel fühlte sich so stolz, als wäre sie die Herrin des Hauses und nicht er.

»Es wird ein Vermögen kosten, das Haus wieder aufzubauen«, bemerkte Lord Denby beiläufig, als sie nach dem Rundgang wieder in der Halle ankamen. Er drehte seinen Hut in den Händen.

»Sie wollen es wieder herrichten?«, entfuhr es ihr entsetzt.

»Ja, das will ich. Mein Vater ist vor Kurzem verstorben und er hat unser Haus in Galloway meinem jüngeren Bruder hinterlassen. Ich habe zwar den Titel Lord Denby geerbt, aber ich muss dafür auch nach Broom Park zurückkehren. So hat es mein Vater verfügt.«

Hazel sagte kein Wort. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu, wandte sich um, und ließ ihn einfach stehen. Tief in ihrem Herzen spürte sie einen stechenden Schmerz. Sie rannte fast den ganzen Weg bis nach Hause und heiße Tränen liefen ihr über die Wange.

Er würde es ihr wegnehmen. Ihr Broom Park.

 

Hazel hatte nur Colin von ihrer Begegnung mit Lord Denby erzählt, doch bereits zwei Tage später wurde in der ganzen Gegend über nichts anderes mehr gesprochen, als darüber, dass die Denbys nach Broom Park zurückkehren würden. Viele hatten Angst, Lord Denby würde sie womöglich von ihrem Land und ihren Crofts vertreiben, so wie es die Großgrundbesitzer in Sutherland im Norden taten, um das Land für die Schafzucht zu nutzen. Clearences, Bereinigungen, nannten sie diese Vertreibung. Wenn die Leute sehr viel Glück hatten, erhielten sie etwas Geld und die Chance, nach Amerika zu gehen. Wenn nicht, wurde ihnen einfach das Dach über dem Kopf angezündet. Alistair hatte Bedenken, dass es auch in Appin bald soweit kommen würde.

Drei Wochen nachdem Hazel Lord Denby das erste Mal begegnet war, begannen im Herrenhaus die Renovierungsarbeiten. Hazel kam noch immer jeden Sonntag herüber und beobachtete von einem versteckten Platz aus, was gerade vorging. Mehr als drei Dutzend Männer arbeiteten ohne Rücksicht auf den Tag des Herrn.

Als Hazel das erste Mal nach zwei Wochen wiederkam, staunte sie. Das Herrenhaus war bereits vom Efeu befreit worden. Das kaputte Dach über der Halle war abgetragen und die Zimmerleute hatten einen neuen Dachstuhl aufgesetzt.

Woche für Woche gingen die Arbeiten von diesem Zeitpunkt an schneller voran. Das Haus erwachte aus seinem Dornröschenschlaf und nach vier Wochen zog Lord Denby ein, um die Arbeiten selbst zu überwachen. Nach zwei Monaten wurde auch der Garten entkrautet und neue Beete angelegt.

Als Hazel Ende Juli wieder an die Mauer kam, und durch ihren vertrauten Zugang wollte, war diese wieder aufgebaut und sie konnte nicht mehr hinein. Es war, als dürfte sie ihr eigenes Zuhause nicht mehr betreten. Sie wollte das nicht hinnehmen. Sie ging die Mauer entlang und suchte nach einer neuen Möglichkeit, ins Innere zu gelangen. Schließlich fand sie eine alte knorrige Eiche, deren unterste Äste dicht über dem Boden begannen. Eigentlich war sie ja schon zu alt für solche Albernheiten, aber darum scherte sie sich nicht. Sie raffte ihre Röcke zusammen und kletterte auf den Baum und von ihm aus auf die Mauer. Oben blickte sie nach links und rechts und jubelte leise. Nur ein Stück entfernt war auf der anderen Seite auch ein Baum, der ebenso gut zum Klettern war, wie die Eiche. Hazel balancierte auf der Mauer entlang und kletterte hinunter in den Park. Dort schlich sie unter den Bäumen dahin, bis sie das Haus sehen konnte. Irgendetwas schien passiert zu sein, denn plötzlich füllte sich der Platz vor dem Hauseingang, als sich eilig das Personal vor der Tür versammelte. Sie sahen alle so fein aus. Die Mädchen in schwarzen Kleidern mit weißen Schürzen und Häubchen und die Diener in dunklen Jacken mit feinen Westen darunter. Es waren an die zwanzig Hausangestellte. Hazel seufzte. Wenn sie wenigstens für die Denbys arbeiten könnte.

Ein leichtes Knirschen auf dem Kies der Einfahrt war zu hören und schließlich näherte sich eine Kutsche dem Haus. Hazels Augen verfolgten den von vier herrlichen Pferden gezogenen Wagen wie gebannt, als Lord Denby ausstieg. Seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte sie immer wieder an ihn denken müssen und sie beobachtete, wie er zwei Damen aus dem Wagen half. Die eine musste wohl seine Mutter sein. Die jüngere, blonde hielt Hazel für seine Schwester. Hazel folgte Lord Denby mit ihren Blicken bis alle im Haus verschwunden waren, und verließ den Park über den gleichen Weg, den sie gekommen war.

 

Der August kam. Hazel ging ihren täglichen Arbeiten zu Hause nach. Sie machte haltbaren Käse für den Winter aus der Schafsmilch, trocknete und räucherte Fisch und kochte die letzte Marmelade des Jahres aus den Beeren der Eberesche neben dem Haus. Da ihre Mutter wieder hustete, sammelte Hazel die letzten frischen Kräuter und machte ihr heiße Aufgüsse und Umschläge. Auch der kleine Garten verlangte jetzt intensive Pflege, damit die Ernte des Wintergemüses so gut wie möglich ausfiel.

Colin und Alistair waren dabei keine große Hilfe. Sie gingen neuerdings einmal in der Woche abends hinüber ins Dorf, wo sich die Männer im Alehouse trafen. Dort diskutierten sie über das, was Lord Denbys Anwesenheit für sie bedeutete. Hazel bekam von alldem nur das mit, was Colin und Alistair erzählten, und das war nicht viel. Wenn Lord Denby sie von dem Land vertreiben würde, auf dem ihr Cottage stand, würden sie wohl nach Amerika auswandern müssen. Alistair hatte einen Freund, der vor mehr als einem Jahr Schottland verlassen hatte. Dieser hatte im Frühjahr einen langen Brief geschrieben, den Alistair immer wieder las. Er war von dem Gedanken, nach Amerika zu gehen, geradezu besessen und er versuchte, die ganze Familie davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen. Er sparte heimlich Geld dafür. Leider würde es noch eine ganze Weile dauern, bis es für eine Schiffspassage reichen würde. Außerdem hatte er genug Verantwortungsgefühl, um zu wissen, dass Colin allein Mutter und Schwester nicht würde ernähren können. Hazel interessierte das alles nicht. Sie wäre jetzt sowieso nicht mehr mit nach Amerika gegangen, denn sie hatte sich etwas anderes in den Kopf gesetzt.

Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden.

Seit sie sonntags nicht mehr nach Broom Park konnte, ging sie nach der Kirche heimlich zu Reverend Bain ins Haus. Sie hatte zwar die Sonntagsschule besucht, doch im letzten Jahr war Alistair der Ansicht gewesen, sie wäre zu alt und hätte genug gelernt und hatte es ihr kurzerhand verboten. Nun wollte Hazel wieder besser lesen und schreiben lernen. Die beste Gelegenheit unbemerkt zu lernen, war, wenn Colin und Alistair nach der Kirche ins Alehouse gingen, und Hazel nutzte diese Gelegenheit fleißig.

Zum Erstaunen des Reverends hatte sie eine sehr gute Auffassungsgabe und er erteilte ihr eine Art Privatunterricht, für die sich Hazel dann und wann mit ihrem hausgemachten Käse oder frisch geräuchertem Fisch bei ihm revanchierte. Hazel veränderte sich in diesem Sommer sehr. Sie achtete mehr auf ihre Kleider und ihr Haar und versuchte immer sauber und ordentlich auszusehen. Die schönsten Augenblicke waren für sie die, wenn der Reverend ihr gestattete, ein neues Buch aus dem Schrank zu holen.

Als Hazel Ende August wieder flüssig lesen konnte, war sie davon wie besessen. Sie verschlang die Bücher geradezu, egal welches Thema sie behandelten, auch wenn sie den Inhalt nicht immer ganz verstand. Wenn schönes Wetter war und ein leichter Wind ging, der die Midges vertrieb, stieg sie allein oben auf den Hügel hinter dem Pfarrhaus, der mit einem duftenden Teppich dichter blühender rosa Heide überzogen war. Hier oben konnte sie mit einem Buch in die Welt ihrer Träume entfliehen. Der Reverend hielt Hazel schließlich dazu an, bestimmte Bücher noch einmal zu lesen und sich alle Fragen, die sie hatte aufzuschreiben und er wählte die Bücher so aus, dass Hazel einen Überblick über die wichtigsten Wissensgebiete bekam. Plötzlich verstand sie auch, worüber sich die Männer Sorgen machten. Ihr ganzes Weltbild veränderte sich.

Es gab nicht nur ihr Cottage und das Dorf.

Die Welt war so groß. Es gab so viele Länder und Hazel schwor sich, alles zu tun, um so viel wie möglich davon zu sehen. Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden und irgendwann vielleicht nach London gehen und von dort … wer weiß wohin.

 

Ende August machte die Neuigkeit die Runde im Dorf, dass Lord Denby einen großen Ball geben würde. Es würden sicherlich noch Hilfen für die Küche gebraucht und Hazel bat Alistair um Erlaubnis, nach Broom Park gehen zu dürfen. Er stimmte zu ihrer eigenen Überraschung zu.

So stand Hazel eines Nachmittags vor dem Haupteingang und läutete an der Glocke neben der neuen, großen Eichentür mit den goldenen Messingbeschlägen.

Es wurde von einem Diener in Livree geöffnet, der sie abfällig musterte.

»Was willst du?«, fragte er barsch und ließ sie nicht ein.

»Ich möchte in der Küche helfen vor dem Ball.«

Hazel blickte ihn trotzig an.

»Geh dort hinten um die Ecke und an die Tür zum Küchentrakt. Frage nach Mrs Edwards. Vielleicht nimmt sie dich.«

Er knallte die Tür vor ihrer Nase zu und Hazel ging hinüber zu dem anderen Eingang.

Mrs Edwards war die Hausdame der Denbys. Sie war grauhaarig und rundlich mit kleinen, blauen Augen – und weitaus freundlicher als der Diener an der Tür. Sie nahm Hazel gern als Hilfe an und bat sie, da sie selbst niemanden aus dem Dorf kannte, ihr noch einigen Frauen zu benennen, die ebenfalls bei den Vorbereitungen mithelfen könnten. Als Hazel eine Stunde später wieder das Haus verließ, tanzte sie vor Freude die Auffahrt hinunter. Sie würde volle zwei Tage in Broom Park verbringen und in der Küche helfen. Sie war überglücklich.

Als sie das Tor durchschritten hatte und den Hauptweg eben verlassen wollte, um über den Küstenpfad nach Hause zu gehen, kam ihr ein Reiter entgegen. Es war Lord Denby. Seit jenem Tag in der Halle hatte sie ihn, außer am vergangenen Sonntag in der Kirche, nicht mehr von Nahem gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Jetzt zügelte er sein Pferd vor ihr und hielt an.

»Guten Tag, Mylord.« Hazel machte einen tiefen Knicks.

»Hazel MacAllen«, lachte er. »Wie geht es dir, junges Fräulein?«

»Sehr gut, Mylord. Danke.« Hazel strahlte ihn an und ihr Atem beschleunigte sich vor Aufregung. Sie hatte davon geträumt, ihm erneut zu begegnen. Nun war er hier. Und sie waren ganz allein. Sie spielte nervös mit ihren Haaren und hoffte gleichzeitig, er würde bemerken, dass sie diese neuerdings hochgesteckt trug.

»Was tust du hier?« Er beugte sich leicht zu ihr herunter.

Sie sah ein Funkeln in seinen Augen, das aus den kleinen Sprenkeln darin zu entspringen schien, und konnte sich seinem Blick nicht entziehen.

»Ich werde in der Küche in Ihrem Haus helfen.«

Hazel erhob ihren Kopf und straffte ihre Haltung. Ihre Augen weiteten sich. Er sollte sehen, dass sie stolz darauf war.

»Sehr gut. Ich hoffe, du kannst gut kochen«, sagte er, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich nicht mehr tun würde, als das Gemüse zu putzen und die Hühner zu rupfen.

»Sie scherzen, Mylord. Ich kann zwar kochen, aber meine Fähigkeiten dürften wohl kaum für einen so erlesenen Geschmack wie den Ihren ausreichen«, antwortete sie fast ohne schottischen Akzent und wunderte sich selbst über die Worte, die sie gewählt hatte. Hatte sie so eine Antwort vielleicht in einem der Bücher gelesen?

»Wo hast du gelernt so zu reden?« Lord Denby blickte sie erstaunt an.

»Ich hatte Unterricht beim Reverend«, gestand sie nicht ohne Stolz.«

»Und wo willst du jetzt hin, Hazel?«, fragte er.

»Nach Hause. Ich muss das Essen vorbereiten für meine Brüder.«

Sie blickte ihm noch immer direkt in die Augen.

»Soll ich dich hinbringen?«

Ihr schoss das Blut in die Wangen und sie spürte wie sie im Gesicht erglühte. Was für geradezu unanständiges Angebot. Sie konnte es nicht fassen. »Sie sollten keine solchen Späße mit einem armen Mädchen wie mir treiben, Mylord.«

»Die Frage war durchaus ernst gemeint.«

»Sie würden mich mit dem Pferd zu unserem Haus bringen?«

»Das würde ich.«

»Also gut.« Sie konnte nicht widerstehen. Sie hoffte allerdings, dass niemand sie sehen würde.

Lord Denby stieg ab. Er hob Hazel auf sein Pferd, die innerlich bebte. Sie wusste, es war mehr als unschicklich, was sie im Begriff waren zu tun. Jedenfalls für eine Dame. Andererseits … sie war ja keine Dame. Nur eine Fischerstochter. In diesem Moment erschien ihr dieser Umstand von Vorteil. Sie wünschte sich so sehr, ihm nur einmal nahe zu sein. Er stieg hinter ihr in den Sattel. Seine Arme umfassten ihre Taille, während seine Hände die Zügel hielten, und sie konnte die Wärme seines Körpers spüren. Hazel betete, er würde nicht merken, wie sehr ihr Herz in diesem Augenblick raste.

Sie hielt sich an der Mähne des Braunen fest und sie ritten langsam den Pfad hinunter zur Küste entlang. Es war ein recht klarer Tag und Hazel erklärte Lord Denby all die kleinen Inseln vor der Küste. Die Kuppen der Berge waren von Wolken verhangen, aber die Sonne fand noch ausreichend Platz, um ihre goldenen Strahlen hinunter aufs Meer zu schicken. Zu dieser Tageszeit schien für eine Weile die ganze Bucht von Blau erfüllt zu sein. Das Meer, der Himmel, ja selbst die leicht grauen Wolken und die sonst grünen Wiesen schienen blau.

Hazel blickte in die Ferne. Sie hoffte, Alistair und Colin wären noch etwas weiter draußen, und sie war froh, das kleine Segel nicht zu sehen. Sie bat Lord Denby, auf dem Hügel oberhalb des Hauses anzuhalten. Es war besser, das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Ihre Mutter würde sich sicherlich furchtbar aufregen, wenn sie ihre Tochter auf dem Pferd von Lord Denby sah. Hazel würde dieses Geheimnis für sich behalten und niemandem davon erzählen, dass sie es gewagt hatte, mit ihm auf einem Pferd zu sitzen.

Er half ihr herunter.

»Ich danke Ihnen, Mylord«, sagte sie, noch berauscht von ihren Gefühlen. »Das war herrlich.« Ihre Finger streichelten liebevoll den Hals des Tieres, als er wieder aufs Pferd stieg.

»Es war mir ein Vergnügen. Auf bald, Hazel«, lachte er, wendete das Pferd und ritt davon.

Sie blickte ihm nach und sah, dass er noch einmal anhielt bevor er den Wald erreichte. Schnell wandte sie sich um und rannte das letzte Stück zum Cottage hinunter. Er sollte nicht sehen, dass sie insgeheim darauf gewartet hatte.

 

Der Ball rückte näher und Hazel wusch am Bach neben dem Cottage ihre Sachen, die sie bei den Vorbereitungen in der Küche tragen wollte. Sie schrubbte die Wäsche auf der großen Schieferplatte in dem vom Moor braunen, kalten Wasser, bis ihre Finger schmerzten. Sie würde trotz der vielen Kernseife nie so sauber werden, wie sie es sich wünschte, doch sie sollte so sauber sein, wie es nur ging.

Schließlich kam der Freitag und Hazel ging morgens um fünf in der Dämmerung nach Broom Park. Sie war die Erste, die kam und Mrs Edwards fragte sie, welche Arbeit sie am liebsten verrichten wollte. Hazel freute sich über das Angebot. Sie entschloss sich, beim Backen zu helfen. Am Vormittag wurde der Teig angesetzt und die Laibe geformt und am Nachmittag wurden die Brote gebacken. Zudem wurden schon die Pasteten für das Fest gemacht.

Am Samstagmorgen war es ihre Aufgabe, das Gemüse vorzubereiten. Sie arbeitete mit Feuereifer und ihr Fleiß zahlte sich aus. Als alle anderen gegangen waren, bat Mrs Edwards sie, weiter mitzuhelfen, bis das Essen beendet war. Sie würde dafür noch einen Schilling erhalten. Das war mehr, als Alistair vor zwei Tagen für den Fisch bekommen hatte und Hazel würde vielleicht Gelegenheit haben, einen Blick auf all die feinen Ladys und Gentleman zu werfen, die zum Ball gekommen waren.

Schließlich wurde es Abend und Hazel hoffte, sie würde wenigstens eine freie Minute haben, aber man ließ sie nicht aus der Küche, bis sie sagte, ihr wäre schlecht und aus der Tür in den Hof rannte.

Es war ein relativ lauer Abend für diese Jahreszeit und Hazel sah, dass einige Gäste im Park waren. Sie schlich im Schutz der Bäume um das Haus herum, bis sie die großen hell erleuchteten Fenstertüren des Ballsaales sehen konnte, aus denen das Licht in den Park drang. Sie blieb unter einem Baum stehen. Broom Park war an diesem Abend so, wie sie es sich immer erträumt hatte. Da waren all die Leute. Die schönen Frauen in den prächtigen Abendkleidern und die Männer in ihren eleganten Anzügen. Aus dem Saal erklang die wundervollste Musik, die Hazel je gehört hatte. Die Klänge von Geigen, Flöten und Harfe vereinigten sich in völliger Harmonie. Sie ließ kein Auge von den tanzenden Männern und Frauen und bemerkte so nicht, dass sich jemand näherte.

»Gefällt es dir?«, fragte eine männliche Stimme, die sie sofort erkannte.

Hazel riss erschrocken die Augen auf und sah Lord Denby, der in einiger Entfernung im Halbdunkel neben ihr auf dem Rasen stand.

»Ich habe nie etwas Schöneres gesehen«, antwortete sie, blieb aber scheu unter ihrem Baum.

»Verzeihst du mir jetzt, dass ich das Haus wieder hergerichtet habe?« Er kam näher.

»Ich war Ihnen damals nicht böse. Ich hatte mir nur eingebildet, das Haus würde mir gehören, wenn ich allein hier war.« Hazel erwiderte sein Lächeln zögerlich.

»Gefällt dir die Musik?«, fragte er.

»Sehr«, entgegnete sie und beobachtete fasziniert, wie sich die Paare im Saal im Kreise drehten. Die Tänzer waren einander dabei so nah, wie Hazel es von den hiesigen Tänzen nicht kannte. Die Damen schienen in den Armen der Herren geradezu schwerelos über das Parkett zu gleiten. Sie wünschte sich in diesem Augenblich sehr, eine davon zu sein.

»Man nennt es Walzer«, erklärte Lord Denby. »Willst du lernen, wie man dazu tanzt?«

»Ich?«

Sie wollte eigentlich Nein sagen, doch er kam zu ihr, umfasste ihre Taille und nahm zu ihrer Verblüffung wie selbstverständlich einfach ihre rechte Hand in seine linke.

»Es ist ganz einfach. Sieh her. Ganz langsam. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei.«

Er zog sie mit sich und Hazel ließ sich voller Vertrauen von ihm führen. Sie tanzten einmal um den Baum herum. Hazel schwebte in seinen Armen über den Rasen, bis er innehielt. Sie blickte zu ihm auf und sah etwas in seinen Augen glimmen, das sie irritierte, weil es sich auf sie zu übertragen schien.

»Ich muss wieder in die Küche«, sagte sie hastig und lief davon.

Lord Denby blickte ihr grübelnd nach.

Hazel schrubbte in der Küche das dreckige Geschirr. Ihre Gedanken waren bei dem, was sie eben erlebt hatte. Als sie darüber nachdachte, liefen ihr Tränen über die Wangen und tropften in das Waschwasser. Sie würde niemals zu diesen feinen Leuten gehören. Aber war sie, wie Alistair behauptete, von Geburt an dazu verdammt, im höchsten Falle auf ein Leben als Dienstmagd zu hoffen? Verflucht noch mal – nein! Sie wollte mehr, viel mehr, und sie würde alles dafür tun. Sie würde nicht hier in der schottischen Einöde in einem kleinen Cottage enden und irgendeinem Kerl, den sie womöglich nur aus Geldnot heiraten würde, einen Haufen Kinder gebären. Nein!

 

Die Nacht verbrachte Hazel mit ein paar der anderen Mädchen im Heu über dem Stall von Broom Park. Als der Tag graute, nahm sie ihren Wollschal und ging den vertrauten Pfad entlang der Küste nach Hause. Sie war lange nicht bei Sonnenaufgang auf dem Hügel gewesen und sie setzte sich zwischen den Farn. Unten über dem Wasser und dem Land waberten leichte Nebelschwaden, die sich bereits auflösten und ganz langsam tauchte die Sonne die Spitzen der Berge auf der anderen Seite der Bucht in sanftes, rotgoldenes Licht. Für einige Minuten schien alles in intensivem Gold zu leuchten, bis die Sonne ganz über die Berge war.

Zu Hause bereitete sie das Frühstück aus Haferkeksen und Porridge für Colin und Alistair zu und ging dann hinüber in den Stall, bis Colin nach ihr rief. Die Familie brannte darauf zu hören, was sie zu erzählen hatte und Hazel berichtete alles ausführlich. Dass Lord Denby mit ihr auf dem Rasen getanzt hatte, verschwieg sie allerdings.

In den nächsten Wochen nach dem Ball sah sie ihn nur noch sonntags in der Kirche, wo er jedoch nie mit ihr sprach.

 

Der September ging mit viel Regen zu Ende, der kaum hörbar aber ständig wie ein feiner Schleier über der Landschaft hing. Der Oktober brachte die ersten schweren Herbststürme im Wechsel mit nassen, von Nebel verhangenen Tagen und damit wachsender Sorge um Colin und Alistair, wenn sie mit dem Boot draußen waren. Das Farnkraut und die Heide verfärbten sich zusehends braun und die einzige Zierde blieben die von Feuchtigkeit weißen Spinnennetze, in denen die Wassertröpfchen glitzerten.

Hazel sammelte die letzten Kräuter und hängte sie zum Trocknen im Haus auf. Die Kunst, Heilkräuter richtig einzusetzen, hatte sie von ihrer Großmutter gelernt, die etwas gegen fast alle Leiden gewusst hatte: Coltsfoot gegen Husten, Tormentil gegen Entzündungen, Herb Robert zur Behandlung von Wunden und vieles mehr. Hazel ging sehr sorgfältig mit ihrem Wissen um. In diesem Jahr schrieb sie, zum Erstaunen ihrer Mutter, zum ersten Mal die Namen der Kräuter und Wurzeln auf kleine Zettel und hängte diese an die tönernen Töpfe, in denen sie nach dem Trocknen aufbewahrt wurden.

Der Winter kam rasch und bald waren die Gipfel der Berge vom ersten Schnee bedeckt. Mrs MacAllen verließ kaum noch das Haus, in dem das Feuer nun Tag und Nacht brannte. Hazel hatte gottlob mehr Treibholz gesammelt und Colin hatte mehr Torf gestochen, als in den Jahren zuvor. Diesen Winter würden sie hoffentlich nicht so frieren, wie im letzten. Von dem wenigen Geld, das Hazel auf dem Ball verdient hatte, hatte sie ein gebrauchtes Spinnrad gekauft. Colin hatte es wieder hergerichtet und Hazel hatte die Wolle der Schafe gesponnen, was so viel besser und schneller ging, als mit der einfachen Handspindel.

Sie hatte sie nach dem Spinnen mit Heidekraut grün gefärbt und nun strickte sie fleißig für jeden etwas Warmes. Jacken für sich und ihre Mutter und neue dicke Pullover für Colin und Alistair. Die beiden fuhren nach wie vor jeden Tag mit dem Boot hinaus. Aber sie brachten zu dieser Jahreszeit nur wenig Fisch mit nach Hause. Auch Lobster verirrten sich nicht mehr oft in die Fangkörbe.

Colin fluchte eines Abends, als sie beim Essen saßen: »Warum mussten die Denbys zurückkommen? All die Jahre hat sich kein Mensch um ihren Besitz gekümmert und jetzt haben sie einen Jagdaufseher. Es geht das Gerücht, es wäre Rory Campbell. Ausgerechnet jemand, den wir kennen. Ich kann nicht mal mehr ein Kaninchen fangen, ohne dass ich Angst haben muss, jemand könnte mich dabei erwischen.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Wir werden schon an einen Braten kommen, Colin. Lass das nur meine Sorge sein«, erwiderte Alistair ruhig.

»Ihr wollt doch nicht etwa wildern?« Ihre Mutter schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund.

»Das haben wir immer getan, Mutter. Nur bisher hat sich niemand darum gekümmert«, entgegnete Alistair trocken.

»Ich verbiete euch, an so etwas auch nur zu denken!«

»Du brauchst im Winter ab und zu ein richtiges Stück Fleisch, Mutter. Deine Gesundheit ist angeschlagen genug.« Colin legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Ich will das nicht.« In den Augen von Fiona MacAllen spiegelte sich die pure Verzweiflung wider. Auf Wilderei stand noch immer die Todesstrafe.

»Nun, Mutter, wenn Colin sich nicht so eisern dagegen gewehrt hätte, dass wir in den Handel mit Kelp einsteigen, wären wir vielleicht heute nicht so arm.« Alistairs Augen blitzten seinen Bruder vorwurfsvoll an.

»Du weißt, dass der Kelp nur so lange ein gutes Geschäft ist, bis der Handelsbann gegen Frankreich aufgehoben ist. Napoleon ist geschlagen und sitzt auf Elba. Was glaubst du, wie lange sie den Handel noch sperren? Ein paar Jahre vielleicht, und alle, die auf den Kelp gesetzt haben, stehen dann vor dem Nichts.«

»Du solltest Politiker werden.« Alistair lachte verächtlich.

Als ihre Mutter schon schlief, hörte Hazel, wie sich Colin und Alistair weiter stritten und sich dann leise unterhielten.

»Ich werde in den nächsten Nächten ein paar Schlingen legen. Das wird niemand merken. Von den reichen Leuten geht bei diesem Wetter sowieso keiner vor die Tür«, sagte Alistair.

»Tu das, aber sag Mutter nichts davon«, antwortete Colin leise.

 

Eine Woche später brachte Alistair mit einem breiten Grinsen und zum Entsetzen der Mutter das erste Kaninchen mit. Hazel füllte es mit Brot und Kräutern und es schmeckte herrlich. Von da an gab es fast jede Woche einmal Fleisch. Alistair verwischte immer seine Spuren im Schnee, wenn er die Schlingen legte oder die Kaninchen nach Hause brachte. Niemand sollte wissen, wer der Wilderer war. Hazel hätte gern die kleinen warmen Felle aufgehoben und gegerbt, doch Alistair zwang sie immer, alle Reste zu verbrennen und die Knochen möglichst weit weg vom Haus zu vergraben. Eines Abends brachte Alistair ein riesiges Stück Fleisch mit. Es war eine ganze Hirschkeule.

»Der hatte sich mit dem Geweih wohl beim Fressen in der Schlinge verfangen. Gott sei Dank hat sie gehalten« lachte er, als er das Fleisch auf den Tisch knallte.

»Du bist verrückt«, sagte selbst Colin, als er es sah. Dann grinste er breit und fragte zu Hazels Entsetzen: »Wo ist der Rest?«

»Den hole ich morgen«, erwiderte Alistair, ohne zu sagen, wo er das Tier versteckt hatte.

Fiona MacAllen schwieg zu dem, was sie sah und auch Hazel biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass Alistair sie alle in Gefahr brachte. Ein falsches Wort von ihr hätte ihr wahrscheinlich nur eine Tracht Prügel eingebracht. So akzeptierte sie es einfach, bis sie an einem kalten Tag Ende November wieder am Strand war und Treibholz sammelte. Als sie draußen in der Bucht das kleine Segel des Bootes sah, winkte sie Colin und Alistair zu, lief zum Steg und wartete. Colin holte das Segel ein und Alistair ruderte das Boot das letzte Stück. Hazel fing das Seil auf, das Colin ihr zuwarf. Sie band das Boot an, als plötzlich vom Haus her ein angstvoller Schrei ertönte. Es war ihre Mutter. Hazel drehte sich um und rannte den Pfad hinauf. Colin und Alistair sprangen aus dem Boot und folgten ihr. Zwei Reiter waren vor dem Haus. Ein dritter Mann hielt ihre Mutter fest.

»Wir wissen genau, dass Ihre Söhne auf dem Land von Lord Denby wildern, Mrs MacAllen«, sagte der eine Reiter laut.

Hazel traute ihren Augen nicht. Es war tatsächlich Rory Campbell, der von Lord Denby zum Jagdaufseher gemacht worden war.

Sie blickte Alistair an und zischte leise: »Habe ich nicht immer gesagt, dass er ein Widerling ist?«

»Jaja. Du hattest recht. Aber sei still jetzt.«

Alistair bedeutete Hazel, sich, wie schon Colin, hinter der Mauer, die das Haus umgab, zu ducken. Rory blieb auf seinem Pferd und schickte die beiden anderen Männer in das Cottage. Hazel hörte, dass sie dort alles durchsuchten. Ihre Mutter stand hilflos vor der Tür.

»Ich muss etwas tun«, sagte Hazel leise zu Colin. »Sie schlagen sonst alles kurz und klein.«

»Nicht!«, rief er leise, doch sie war schon aufgesprungen und lief hinüber zum Haus.

»Aufhören!«, schrie sie so laut sie konnte. »Aufhören!«

Die Geräusche im Haus verstummten und die Männer kamen heraus.

»Sieh mal an. Wen haben wir denn da?« Rory blickte sie forschend an.

»Lass meine Mutter in Ruhe, Rory!«, fauchte Hazel ihn an.

»Sollen wir uns lieber mit dir befassen, kleine Wildkatze?«, lachte er unverschämt.

»Verschwinde, oder ich werde mich bei Lord Denby über dich beschweren.« Hazel ließ sich ihre Angst nicht anmerken.

Die drei Männer lachten schallend.

»Beschweren will sie sich, bei seiner Lordschaft. Habt ihr das gehört?« Rory schlug sich lachend auf den Schenkel. »Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast?« Er grinste sie an.

»Einen Campbell, was sonst.« Hazel stemmte die Hände in die Hüften.

»Ja. Ganz recht. Und einen, der dir Manieren beibringen wird.«

Rory lenkte sein Pferd auf Hazel zu.

»Wie kannst du von Manieren sprechen und einfach in unser Haus eindringen? Schämen solltest du dich, Rory! Du warst einer von uns und jetzt bist du gegen uns und zerstörst die wenigen Dinge, die wir haben.« Hazel hob den Kopf.

»Sei froh, wenn wir dir nicht das Haus über deinem hübschen Köpfchen anzünden«, grinste Rory. »Das hättest du deinen Brüdern zu verdanken.«

»Wovon redest du?«, fragte Hazel und tat unwissend.

»Von den Kaninchen, die ihr mit Fallen jagt und von dem Hirsch, dessen Überreste die Hunde gefunden haben. Wenn ich nur die kleinste Spur davon in eurem Haus finde, sind deine Brüder dran.« Rory hielt Hazel seine Reitgerte vor die Nase.

»Macht weiter!«, wandte er sich an die beiden anderen Männer.

»Rory Campbell. Glaubst du wirklich, wir wären so dumm und würden irgendwelche Reste im Haus hinterlassen, wenn meine Brüder tatsächlich wildern würden?«

In Hazels Kopf rasten die Gedanken durcheinander. War sie damit vielleicht zu frech gewesen?

Rory sah sie mit einem durchdringenden Blick an.

»Hört auf!«, rief er den Männern zu. »Wir gehen.«

Die beiden kamen heraus und stiegen auf die Pferde.

»Also gut. Nur weil du es bist, Hazel. Aber ich warne dich. Ich bin auch nicht dumm und ich werde dafür sorgen, dass die Wilderei aufhört. Sag das deinen Brüdern!«, war das Letzte, was Rory sagte, bevor sie davonritten.

Fast hätte Hazel ihm nachgerufen: Versuch es doch, aber sie tat es nicht. Sie nahm ihre Mutter in den Arm und sie gingen hinein. Colin und Alistair kamen kurz darauf hinterher.

Es sah schlimm aus. Sie hatten die Betten auseinander gerissen, den Tisch umgeworfen und in den Vorratstöpfen herumgestochert. Colin fluchte. Alistair schleuderte seine Jacke voller Wut auf den Boden.

 

Ihre Mutter regte sich so über die ganze Geschichte auf, dass sie wieder ihren Husten bekam. Sie brauchte jetzt erst recht etwas Kräftiges zu Essen. Fisch allein reichte nicht aus und Colin und Alistair fingen zurzeit auch nicht viel. Es war wieder kälter geworden und in den Nächten schneite es oft leicht. Gottlob blieb der Schnee nahe der Küste meist nicht lange liegen und taute bis zum Abend weg. Nur die Berge hatten jetzt immer weiße Kuppen. Doch die Kälte und der Wind waren auch am Meer sehr unangenehm.

Am nächsten Sonntag ging Fiona MacAllen nicht mit zur Kirche. Während der Messe bemerkte Hazel, wie Alistair und Colin plötzlich verschwanden. Hazel wusste, was sie vorhatten und verhielt sich still. Als sie die Kirche nach der Messe verließen, wartete Hazel noch einen Moment vor der Tür. Sie wollte den Reverend fragen, ob sie wieder zum Lesen in sein Haus kommen dürfte. Während sie wartete, kam Lord Denby mit seiner Mutter aus dem Gotteshaus. Hazel ließ wie immer kein Auge von ihm, leider schien er sie nicht zu bemerken. Hazel musterte die alte Dame. Lady Denby war schon fast siebzig, weißhaarig und benutzte einen Stock mit einem Silberknauf als Gehhilfe. Sie hatte spät geheiratet und mit fast dreißig Jahren ihr erstes Kind geboren. Als sie aus der Kirche kam, wirkte sie alt und müde und die Kälte machte ihr, trotz des dicken Pelzmantels, den sie trug, sichtlich zu schaffen. Hazel beobachtete, wie die Denbys zu ihrer Kutsche gingen. Simon half seiner Mutter hinein und die Kutsche fuhr los.

Hazel wollte hinüber zum Reverend gehen, als sie Rory Campbell auf seinem Pferd ankommen sah. Er ritt auf die Kutsche zu und ließ den Kutscher halten. Hazel sah, dass er etwas an einem Strick hinter sich her durch den Schneematsch schleifte. Sie schrie auf.

Es war Alistair.

Rory hatte ihn erwischt. Hazel rannte aus dem Kirchhof auf ihren Bruder zu. Wo war nur Colin?

Rory sprach mit Lord Denby, der sich aus dem Fenster des Wagens beugte.

»Hier ist der Wilderer, von dem ich Ihnen erzählt habe, Mylord«, grinste Rory zufrieden.

»Campbell! Was soll das? War das denn nötig? Lassen Sie den Mann aufstehen. Egal was er getan hat, niemand wird hier so behandelt.«

Hazel rannte an der Kutsche vorbei zu Alistair, der am Boden lag und stöhnte. Sie kniete neben ihm und hatte Alistairs Kopf auf ihren Schoß gelegt. Sie streichelte sein verschrammtes Gesicht.

Lord Denby war derweil aus dem Wagen gestiegen und trat zu ihr.

»Kennen Sie den Mann, Miss MacAllen?«, fragte er sie ernst.

»Er ist mein Bruder.« Hazel blickte flehend zu ihm auf. Tränen rannen über ihre Wangen. So sehr sie Alistair und seine Launen manchmal ängstigten oder wütend machten … er war ihr Bruder und jetzt war er in Gefahr.

»Ihr Bruder.« Lord Denby seufzte kaum hörbar.

»Stehen Sie auf, MacAllen«, sagte er streng.

Alistair stöhnte auf, als Hazel ihm auf die Beine half. Das halbe Dorf stand mittlerweile um sie herum.

»Sie wissen, welche Strafe auf das Wildern steht?«, fragte Lord Denby todernst.

Alistair nickte.

»Aber es ist Winter und es ist bald Weihnachten. Ich will daher Gnade vor Recht ergehen lassen, MacAllen. Sie sind Fischer, wenn ich recht informiert bin. Sie werden mir daher in den nächsten Monaten regelmäßig einen Teil Ihres Fangs abliefern. Vor allem Lobster möchte ich haben. Außerdem werden Sie Ihre Schwester in mein Haus schicken. Ich möchte, dass sie auf Broom Park arbeitet.« Lord Denbys strenger Blick ließ keinen Zweifel daran, dass das keine Bitte, sondern ein Befehl war. Alistair sagte kein Wort und biss sich auf die Lippen.

»Danke«, antwortete Hazel erleichtert und kniff Alistair in den Arm.

»Danke, Sir«, antwortete auch Alistair.

»Aber, Mylord. Sie wollen doch den Kerl nicht so einfach ohne Strafe gehen lassen?«, entrüstete sich Rory.

»Ich denke, Sie vergessen, wer hier das Sagen hat, Campbell. Gehen Sie, und wenn Sie wieder jemanden einfangen, dann schleifen Sie ihn nicht hinter sich her. Ich dulde so etwas nicht!« Lord Denby war sichtlich ungehalten und wurde laut.

»Jawohl, Mylord«, sagte Rory und warf Hazel und Alistair einen hassvollen Blick zu, als er davonritt.

Hazel blickte Lord Denby an und dankte ihm stumm. Sie konnte nicht glauben, was er eben gesagt hatte. Er wollte, dass sie nach Broom Park kam. Es war, als könnte er ihre geheimsten Gedanken lesen. Lord Denby stieg wieder in den Wagen und ließ den Kutscher fahren. Er sah Hazel noch an, als der Wagen an ihr vorüber rollte.

Die Leute um sie herum jubelten, kamen auf sie zu und klopften Alistair auf die Schulter. Ein paar Männer zogen ihn und Hazel mit sich Richtung Alehouse. Es war ein Triumph für sie alle. Es schien, als würde Lord Denby wirklich auf ihrer Seite stehen. Als sie ins Alehouse gehen wollten, kam Colin mit einem hochroten, verschwitzten Gesicht angerannt.

»Was ist passiert?«, rief er schon von Weitem.

Hazel lief ihm entgegen und fiel ihm glücklich um den Hals.

»Lord Denby hat Alistair gehen lassen«, lachte sie.

»Und er hat Rory zurechtgewiesen«, fügte Alistair hinzu.

»Das ist ein Grund zum Feiern«, lachte Colin und ging mit ins Alehouse.

Hazel blieb draußen. Frauen waren drinnen nicht erwünscht. Die Männer würden jetzt Bier und Whisky trinken und feiern. Sie seufzte und machte sich, wie die anderen Frauen, auf den Heimweg, um ihrer Mutter alles zu erzählen.

 

Colin und Alistair kamen erst am späten Nachmittag heim. Alistair war reichlich betrunken. Colin hatte sich Gottlob zurückgehalten. Sie stolperten beide lachend durch die kleine Haustür. Hazel blickte erschrocken von ihrer Strickarbeit auf.

»Schscht«, sagte sie leise. »Ihr weckt Mutter auf.«

Colin setzte Alistair auf einem Stuhl ab und kam zu ihr.

»Steh auf, Hazel. Dein Bruder will mit dir tanzen«, sagte er und zog sie etwas unsanft von ihrem Stuhl hoch.

»Du stinkst nach Whisky«, sagte sie entrüstet, als sie seinen Atem roch.

»Ich bitte um Verzeihung, Mylady«, lachte Colin und tanzte mit ihr um den Tisch herum.

Plötzlich gab es einem lauten Schlag.

»Hört auf!«, brüllte Alistair ungehalten. Er hatte mit der Hand auf den Tisch geschlagen.

»Sein kein Spielverderber, Alistair.« Colin runzelte die Stirn.

»Das ist kein Spiel. Komm her, Hazel!«, forderte Alistair.

Hazel ging zu ihm. Er sah sie mit leicht getrübten Augen an.

»Was ist denn?« Sie blieb vor ihm stehen und er fasste sie am Handgelenk. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sein Griff immer fester wurde.

»Was ist der Grund dafür, dass Lord Denby mich hat laufen lassen?« Seine Zunge war schwer.

»Ich weiß es nicht.« Sie tat unschuldig und unwissend. Es war doch auch nichts geschehen. Nichts, dessen sie sich hätte schämen müssen.

»Wirklich nicht, Hazel? Bist du es vielleicht?«, lallte er.

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du bist kein Kind mehr und sehr hübsch. Vielleicht ist Lord Denby an dir interessiert und du hast ihm schöne Augen gemacht.« Er zog eine ihrer Haarsträhnen hervor, hielt sie fest und blickte Hazel fragend an.

»Unsinn, Alistair.« Hazel entzog ihm empört Hand und Haare.

»Du wirst aber auf keinen Fall nach Broom Park gehen«, entschied Alistair rau. Er schien etwas wacher zu werden.

»Was? Aber genau das will ich doch. Ich möchte dort arbeiten!«, rief Hazel entsetzt.

»Vergiss es. Ich will nicht, dass du dich zur Hure dieses feinen Pinkels machst und genau das wirst du wohl werden.« Er stand auf und schwankte leicht.

Hazel holte aus, verpasste Alistair eine schallende Ohrfeige und ging erschrocken darüber ein paar Schritte zurück. Sie hatte es noch nie gewagt, die Hand gegen jemand anderen zu erheben. Zitternd stand sie da. Alistair öffnete die Schnalle an seinem Ledergürtel, nahm ihn ab und ging auf Hazel zu.

»Ich werde dich lehren, wie man Weiber behandelt, die ihren Bruder ohrfeigen«, sagte er bedrohlich.

»Nicht, Alistair!« Colin hielt ihn zurück. »Du hast sie provoziert. Lass sie in Ruhe oder ich verpasse dir noch eine Ohrfeige, die wird allerdings nicht so sanft ausfallen wie die von Hazel.« Er schob Alistair zurück auf seinen Stuhl.

»Ich gehe nach Broom Park, ob es dir gefällt oder nicht, und wenn du solche Dinge von mir denkst, will ich nicht länger deine Schwester sein«, sagte Hazel erbost.

Sie rannte aus dem Haus, knallte die Tür hinter sich zu und lief hinunter zum Strand. Der Wind war schneidend kalt und die kleinen Schneeflocken stachen wie Nadeln in ihrem Gesicht. Hazel bebte vor Wut. Ihr Entschluss stand fest und nichts und niemand würde sie davon abhalten.


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J. C. Philipp wurde 1966 im Taunus geboren. Sie wuchs in einem überaus reiselustigen Elternhaus auf und besuchte, seit sie 10 Jahre alt war, unter anderem regelmäßig Schottland, England und Wales. Inzwischen hat sie 39 Länder bereist und spricht 5 Sprachen. Ihren ersten Roman, Chestnut Hill, begann sie noch während der Schulzeit. Schreiben ist für sie Entspannung und Arbeit zugleich. Sie legt Wert darauf, nach entsprechender Recherche, viele belegte Geschichtsdaten in ihre Romane einzuarbeiten. Mit ihrem Mann und ihren Haustieren lebt die begeisterte Reiterin im Taunus in einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus.

 

Highland Bride – Auf der Flucht mit einem Highlander

Prolog

Im Jahr unseres Herrn 1509

 

„Ich sage, wir stürmen Firthport und bringen meinen Sohn nach Hause.“ Dugald MacAulays Augen loderten, als er das Wort an den gesamten Raum richtete.

„Ihr wisst also, wo man ihn festhält?“ Roman Forbes blieb sitzen, so still wie der Wolf, nach dem er benannt war.

„Nay, das weiß ich nicht, aber ich bin nicht so närrisch, dass ich meinen eigenen Erstgeborenen nicht finde. Und wenn die Forbes zu ängstlich sind, um mich zu begleiten, gehen ich und die meinen alleine.“

„Eure anderen Söhne.“ Leith Forbes nickte, während er sich erhob. Er war ein großer Mann, sogar noch einflussreicher als an dem Tag, an dem er Lord seines Clans geworden war. „Sie sind ein mutiges Paar.“

„Aye.“ Roderic saß Roman gegenüber, am anderen Ende des auf Böcken stehenden Tisches. Das Feuer in der großen Halle leuchtete hell und ließ sein goldenes Haar schimmern, sodass er wie der Gegenpol seines dunkelhaarigen Bruders Leith aussah. „Sie hätten keine Angst, mit Euch die Grenze zu überqueren. Aye.“ Auch er schüttelte den Kopf. „Sie hätten keine Angst davor, für ihre Sippe zu sterben. Und wer weiß? Vielleicht werden sie nicht beide getötet. Einer könnte mit nur ein paar Wunden überleben. Fiona“, sagte er und wandte sich zur rothaarigen Frau am Feuer.

„Bereite deine Kräuter vor. Mutige Männer werden sterben, weil ihr Bruder von der Liebe heimgesucht wurde.“

„Liebe!“, tobte Dugald und sein Gesicht wurde rot. „David liebt keine englische Hure. Es ist eher so, dass diese Gottlose ihn dahin führte, von wo ihn sein Kopf fernhielt. Glaubt nicht, dass ich so töricht bin, eure Absichten nicht zu verstehen. Ihr wollt mich von meinem Kurs abbringen, meine Ziele verbiegen, mich überzeugen, dass es Worten bedarf, wo Waffen gebraucht werden. Ihr Forbes, ihr schließt bedeutsame Bündnisse, aber was bringt ein Bündnis, wenn ihr zu schwach zum Kämpfen seid, wenn ein Kampf ansteht?“

„Steht ein Kampf an, Dugald?“, fragte Leith und sah den Cousin seiner Frau an. „Firthport ist weit entfernt und gut befestigt. Wollt ihr die gesamte Stadt herausfordern?“

„Nay!“, sagte MacAulay und ergriff das Heft seines Schwertes. „Ich fordere lediglich Harrington heraus, und jene, die sich mit ihm verbünden. Fürwahr, ich werde ihn an einer Wand aufspießen für die Lügen, die er über den Namen meiner Familie ausgespien hat.“

„Euer Sohn hat den Ring, den er genommen haben soll, nicht gestohlen.“ Fiona erhob sich langsam von ihrem Platz an der Feuerstelle. Sie hielt einen Säugling an ihrer Schulter, ging auf die Mutter des Kindes zu und gab es mit einem leisen Wort des Rates an sie ab. „Wir wissen, dass er nicht stiehlt“, sagte sie, als sie sich den Männern näherte. „Aber können wir uns sicher sein, dass er nicht liebt?“

„Es ist möglich, dass er sein Herz an eine Engländerin verloren hat“, stimmte Leith zu und warf seiner Frau, mit der er achtzehn Jahre verheiratet war, einen sanften Blick zu. „Solche Dinge passieren, wie wir wissen. Und wie würde Euer David sich fühlen, wenn Ihr den Vater der Frau tötet, die sein Herz erobert hat?“

„Oh Gott“, ächzte Dugald und rieb sich vor Frust energisch das Gesicht. „Gegen euch alle komme ich nicht an. Und ich schätze, ihr habt recht. So wie ich Harrington kenne, ist es ein Glücksfall, dass mein David noch heil und unversehrt ist.“

„Ihr kennt ihn gut?“ Roman sprach wieder, erfasste Informationen, dachte nach, plante. Seine Pflegeeltern hatten ihn nicht einfach aus Einsamkeit heimgerufen. Er war zum Advokaten ausgebildet worden. Diplomatie war seine Stärke. Dies war lediglich eines der vielen Highland-Probleme, die er lösen sollte. Aber Fiona und Leith waren auch ohne seinen Rat ein formidables Paar. Es gab nur wenige, die sowohl ihrer Logik als auch ihrer Weisheit widerstehen konnten.

„Es ist lange her, als Harringtons erste Frau noch lebte, da war er eine Art Freund meines alten Lairds. Ich war damals nicht mehr als ein Knabe, aber ich kenne ihn gut genug, um zu sagen, dass er ein schwarzherziger Teufel ist, der seine eigenen Kinder abschlachten würde, um seine Ziele zu erreichen. Fürwahr, einige sagen, eben das habe er getan“, schwor Dugald.

„Eine Halskette ist ein kleiner Preis für das Leben eines Kindes“, sagte Fiona und ließ ihren warmen Blick auf Roman ruhen. Sie hatte ihn Sohn genannt, lange bevor sie ihre eigenen zur Welt gebracht hatte, lange bevor er der Wolf genannt wurde.

Dugald seufzte. „Aye“, sagte er und hievte einen kleinen Lederbeutel hoch. „Es ist nichts als Tand in einem Beutel, schätze ich. Dennoch …“ Er leerte den Inhalt der mit einer Kordel verschlossenen Börse in seine Hand aus. Edelsteine leuchteten so hell wie die Hoffnung in seiner Handfläche. „Das war die Halskette, die der alte MacAulay seiner Braut gab. Sie hätte schon vor Jahren Eure sein sollen, Lady Fiona.“

„Sie gehört zu Euch in die Feste der MacAulays“, sagte Fiona. „Aber wäre sie mein Eigen gewesen, würde ich sie euch jetzt mit Freude zurückgeben.“

„Eure Großzügigkeit wurde nicht übertrieben, Lady“, sagte Dugald. „Dennoch, ich bin abgeneigt, auf Harringtons Forderungen einzugehen und sie für die Rückkehr meines Sohns herzugeben, der sich nie nach Firthport hätte begeben dürfen.“

„Es ist ein prächtiges Stück“, gab Roderic zu. „Wer bringt es nach England?“

„Es ist meine eigene Pflicht und …“, begann Dugald, doch Leith hob seine Hand, um ihn zu unterbrechen.

„Visionen von Harrington, aufgespießt an einer Wand, könnten meinen Schlaf stören.“

Dugald öffnete seinen Mund, so als wolle er sprechen, machte aber eine Pause und kicherte schließlich.

„Ihr sagt, ich solle nicht gehen?“

Leith zuckte mit den Achseln. „Ich sage, es gibt in dieser Sache Männer mit kühlerem Kopf.“

Dugald wandte seinen Blick von Laird Leith zu Roman. „Hattet Ihr dabei zufälligerweise an jemand Bestimmtes gedacht, Forbes?“

„Ich weiß, du denkst, ich mache nie Fehler, Bruder“, sagte Roderic und zog sämtliche Blicke auf sich. „Aber ich fürchte, ich bin nicht der rechte Mann für dieses …“

Leith unterbrach ihn mit einem Schnauben. „Als ob ich dich bitten würde, deine Flame zu verlassen, während sie kurz vor der Geburt eures dritten Kindes steht. Ich habe ja gerade einmal vermocht, dich einen Tag von ihrer Seite fernzuhalten.“

Roderic kicherte. „Wenn ich nicht der Mann aller Männer sein soll …“ Er blickte Roman kurz an, als sei er verwirrt. „… wer könnte es dann sein? Hawk könnte selbstverständlich gehen, aber er wird erst in ein paar Wochen aus Frankreich zurückkehren. Colin ist in den Norden gereist. Arthur, aber nay, er erholt sich noch. Graham, der ist bloß ein Knabe. Andrew …“ Er schüttelte seinen Kopf. „Es sieht so aus, als müssten wir eine der Frauen schicken. Roman, sattle ein Pferd, es scheint, als würde deine Mutter reiten …“

„Mich deucht, Eure Scharfzüngigkeit wird mit dem Alter schwächer“, sagte Roman und durchbohrte seinen Onkel mit einem finsteren Blick. Doch dieser düstere Ausdruck brachte Roderic lediglich zum Lachen.

„Du bist der Mann für diese Aufgabe, Roman, und das weißt du nur zu gut“, sagte er. „Aber du solltest lernen zu lächeln, nicht dass die Engländer denken, alle Schotten seien so mürrisch.“

„Der Wolf lächelt nicht“, sagte Dugald, „aber er ist weise, und vielleicht sieht er an der Ergreifung meines Sohnes wenig, das ihn erheitert.“

„Und vielleicht hat er noch nicht die Frau getroffen, die ihm zeigt, dass diese Welt kein so ernster Ort ist“, gab Roderic zurück und beäugte Roman genau.

„Täuschen mich meine Erinnerungen, oder ist Eure eigene sanftmütige Lady zwei Wochen vor Eurer Hochzeit mit einem Messer auf Euch losgegangen?“

Roderic kicherte und rieb seine Brust, als ob ihm eine alte Wunde zusetzte. „Wenn du in die Jahre gekommen bist, Bursche, lernst du, dass die Narben die Erinnerungen nur süßer machen.“

Leith lachte und zog Fiona in seine Umarmung. Roman betrachtete sie. Sie waren seine gewählten Eltern, auch wenn sie nicht seine richtigen waren. Er würde sie nicht enttäuschen.

„Würdet Ihr mich gern an Eurer statt gehen lassen, Laird MacAulay?“, fragte Roman mit feierlichem Tonfall.

Dugald atmete leise aus und spießte Roman mit seinem Blick auf. „Laird Leith rät dagegen, dass ich selbst gehe, und ich fürchte, er hat recht. Mein Gemüt würde nur Schwierigkeiten machen. Aber Ihr …“ Er machte eine Pause. „Wenn der Wolf der Highlands meinen Sohn nicht lebend zurückbringen kann, gibt es niemanden, der es vermag.“

 

Kapitel 1

 

„Betty, Liebes, gib mir etwas Warmes, das mich an dich erinnert.“ Der Seemann trug das typische Seefahrergewand. Er war jung. Er hielt das Handgelenk der Maid mit starker Hand, obwohl seine Worte etwas undeutlich waren.

Die Schankmaid stand regungslos da und hielt immer noch einen Krug Glühwein.

Auch Roman Forbes blieb unbeweglich und beurteilte das Drama vor sich. Er betrachtete das Gesicht der Maid und dachte, sie würde sich vielleicht zurückziehen, aber stattdessen zuckte sie die Schultern und ging näher auf den Seemann zu.

„Du willst also etwas Warmes?“, fragte sie. Ihre Stimme war rauchig und tief, ihr Ausschnitt genauso tief, und der Schwung ihrer vollen Hüften gleichermaßen anzüglich. Die Beine des Seemanns fielen auseinander, als sie mühelos dazwischen glitt, um sich auf seinen Schoß zu setzen.

„Ich würde dir liebend gern etwas geben, das dich an mich erinnert“, sagte sie. Indem sie sich leicht nach vorne lehnte, erlaubte sie dem gesamten Raum einen großzügigen Blick auf ihre Reize. Volle, blasse Brüste, die drohten, sich über den Rand ihres eng geschnürten Mieders zu ergießen. Der Seemann schluckte und vermochte nicht, seinen Blick von den sanften Hügeln vor sich abzuwenden.

„Aber ich bin eine geschäftige Frau, mein Schöner“, sagte die Maid, während sie ihr Knie näher an den Scheitelpunkt der Beine ihres Eroberers gleiten ließ.

„Ich werde …“ Die Stimme des Seemanns klang in der plötzlichen Stille grell. „Ich werde dich dafür belohnen“, sagte er und schaffte es, eine Münze aus dem Beutel zu ziehen, den er an seiner Seite trug. Sie zwinkerte verschlagen im Schein der Talgkerzen.

„Ahh“, summte die Maid, während sie die Münze betrachtete. „Du hast also einen Anreiz mitgebracht, nicht wahr, Liebchen?“, fragte sie, lehnte sich noch näher und legte ihm eine Hand auf die Brust.

„Aye“, antwortete er, „und mein Geld und meine …“ Er warf seinen aufmerksamen Kameraden einen Blick zu und schaffte es, zu grinsen, auch wenn es wackelig war. „Meine Fähigkeiten sind gut.“

„Ich bin sicher, das sind sie“, sagte die Maid und ließ ihre Hand langsam seine Brust heruntergleiten. „Und ich kriege diese glitzernde Münze nur für ein bisschen … Wärme?“ Ihre Finger streiften seine Bauchgegend, wo Schnüre seine Kniehose mit dem offenen Wams verbanden.

Der Seemann sog Luft durch die Zähne ein, wie ein Mann, der auf Verzückung oder Pein vorbereitet ist. Selbst von Romans Position aus, einige Yards entfernt, konnte er sehen, wie der Bursche bei der kühnen Berührung der Hand der Maid erblasste. „Du bekommst die Münze … und mehr“, schwor er.

„Wie kann ich da ablehnen?“ Sie lehnte sich noch weiter vor, bis ihre Brüste nur noch einige Zoll vom Gesicht des Seemanns entfernt waren. Der Kerl bekam große Augen. Sein Grinsen fror auf seinen Lippen ein. Nicht ein einziger Mann im Red Fox atmete. Dann griff die Maid die Oberseite der Kniehose des Seemanns, zog daran und schüttete den Inhalt des Krugs auf seine Weichteile.

Es gab einen Moment benommener Stille, bevor der Seemann sich mit einem Schrei in die Luft stieß. Betty jedoch war bereits hinfort getanzt, die versprochene Münze zwischen ihren Fingern.

Die gesamte Schänke explodierte vor Gelächter.

„War das warm genug für dich, Jimmy?“, rief ein Mann.

„Das ist mehr Hitze, als ich von ihr bekommen habe“, rief ein anderer.

„Würdest du für eine Münze auf meinem Schoß sitzen, Betty, Liebes?“

Der Seemann verlangsamte sein wildes Hüpfen lange genug, um sie anzustarren, sein Mund und seine Augen noch vor Erstaunen aufgerissen.

Die Schänke wurde still.

Die Maid lächelte und hielt die Münze in die Luft. „Das ist der geltende Preis für ein bisschen Wärme“, scherzte sie.

Niemand regte sich. In der Stille ließ Roman eine Hand zu dem nadelspitzen Dolch im Strumpfband nahe seinem Knie gleiten. Er konnte keinen Ärger gebrauchen. Nicht jetzt. Aber der verletzte Stolz eines Mannes war ein genauso guter Vorwand für Ärger wie jeder andere.

Nichtsdestoweniger schnitt der Seemann schließlich eine Grimasse und zuckte mit verlegenem Ausdruck mit den Achseln. „Die Aussicht war die Münze durchaus wert“, sagte er und setzte sich wieder, wenn auch etwas vorsichtig.

Von der Menge ging Anerkennung aus. Es gab Jubel, einige Klapse auf die Schulter des Burschen und mehr als nur ein paar Pfiffe der Wertschätzung für die kostenlose Unterhaltung, die gerade geboten worden war.

Roman beruhigte sich unwesentlich und ließ seine Klinge wieder an ihren Platz gleiten. Das Mädel hatte den Seemann also überlistet und war den Konsequenzen entkommen. Es war gut, schließlich empfand er nicht den Wunsch, die Maid zu verteidigen und eine Schlägerei mit diesen Engländern anzufangen.

Seine Aufgabe war leicht. Er musste nicht mehr tun, als die Halskette an Lord Harrington auszuhändigen und dafür zu sorgen, dass David MacAulay sicher nach Hause zurückkehrte. Mit Glück wäre seine Mission vollendet, lange bevor sein Freund Hawk aus Frankreich zurückgekehrt und nach England geschickt worden wäre, um ihm beizustehen.

Vielleicht blieb sogar noch Zeit, noch einmal hier vorbeizuschauen, für einen Becher Ale und einen weiteren flüchtigen Blick auf die schöne Betty. Romans Blick folgte ihr, während sie sich zur Schankraumtür wandte, nur ein paar Fuß von seinem Tisch entfernt. Ihre Hüften schwangen dramatisch, während sie sich durch die Menge bewegte. Es waren volle Hüften, unter einer eng verschnürten Taille und breiten, hervorquellenden Brüsten. Seltsam, für gewöhnlich bevorzugte er eine schlankere Figur. Aber sie zog ihn an. Vielleicht war es ihr freches Auftreten. Oder vielleicht waren es ihre …

„Titten!“, sagte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. „Bei Gott, ich gäbe den Sold eines halben Jahres, um ihre Titten in die Hände zu kriegen.“

Dalbert Harrington – der einzige Sohn des Viscounts. Roman hatte Anweisungen erhalten, ihn hier zu treffen, und hatte ihn vom ersten Moment an, der keine Stunde her war, nicht leiden können. Es dauerte nicht lange, bis seine Gefühle zu Hass wurden. Aber eine solche Empfindung würde seiner Sache kaum dienlich sein, das wusste er, also nickte er, als würde er zustimmen, und nippte an seinem Whisky.

„Vielleicht wäre es am besten, wenn ich die Ware heute Abend Eurem Vater übergeben würde“, sagte er. Dalbert war für einen Moment still. Dann lachte er und warf seinen blonden Kopf zurück, um die vom Rauch verdunkelten Balken anzuheulen. „Christus, Mann“, sagte er und richtete sich auf. „Du hast gerade die besten Titten außerhalb von London gesehen und alles, wovon du reden kannst, sind Waren? Ich wusste nicht, dass ihr Schotten so ein steifer Haufen seid. Oder sollte ich sagen schlaffer Haufen?“ Er lachte über diese Doppeldeutigkeit, dann kippte er eine ordentliche Menge seines Getränks in sich hinein, ehe er wieder kicherte. „Du solltest mich mal in London besuchen kommen. Die Huren da würden dich auflockern.“

Roman lächelte. Er war Diplomat in einem fremden Land. Besonnen, gescheit, geachtet. Er würde den Bastard nicht schlagen. Noch nicht.

„Ich weiß Euer Angebot zu schätzen“, sagte er in weiterhin ausgeglichenem Ton. „Aber fürs Erste halte ich es für das Beste, wenn wir das bevorstehende Geschäft besprechen. Ich bin gekommen, wie erbeten. Und weil die Situation delikat ist, denke ich, dass es das Beste ist …“

„Delikat!“, krächzte Dalbert und packte die Tischkante plötzlich mit Klauenfingern. „Dein Straßenköterfreund hat meine Schwester gefickt und dann ihren Ring gestohlen!“

Roman blieb absolut regungslos, wartete und zwang sein eigenes Gemüt zur Unterwerfung. Dalbert Harrington konnte durchaus Freunde in dieser rauen Menge haben, dachte er. Freunde, die dem Edelmann zur Hilfe eilen würden, falls die Sache aus dem Ruder liefe.

Aber die anderen Gäste schienen auf ihre eigenen Gespräche konzentriert.

„Die Umstände tun mir wirklich leid“, sagte Roman sanft, und weder verleugnete, noch bestätigte er so Dalberts Anschuldigungen. „Auch dem Vater des Burschen.“

„Umstände! Wenn es nach mir ginge, würde ich mich um die … Umstände kümmern.“ Er verengte seine Augen, kicherte und trank erneut. „Aber Vater ist empfindlich, was Kastration anbelangt.“ Starke Worte, aber Roman spürte, dass Dalbert sich lediglich aufplusterte. Er wirkte ruhiger, als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und einen weiteren Schluck Ale nahm.

Ihre Blicke trafen sich. Roman blieb milde, ballte aber unter dem Tisch die Fäuste. Nichts würde sich besser anfühlen, als dem Engländer die Zähne einzuschlagen. Aber er wagte nicht, seine Wut zur Schau zu tragen. Jetzt nicht, überhaupt nicht.

Mühsam senkte er seinen Blick und zuckte mit den Schultern, als ob die Sache nicht mehr in seiner Hand lag. Aber er fragte sich, wie viele schottische Mädels von Engländern vergewaltigt worden waren. Wie viele ungewollte Kinder waren von noblen Ärschen wie dem Sohn des Viscounts gezeugt worden? Freilich, die Barbarei der Engländer entschuldigte nicht die Taten eines Schotten, aber wenn er David auch nur etwas kannte, hatte der Bursche sich nicht gegen ihren Willen an dem Mädchen vergriffen. Nicht David MacAulay. Freilich, er war vielleicht etwas anmaßend und aufgeblasen, aber er war nicht grausam.

„Euer Vater hat mit dem Laird der MacAulays eine Vereinbarung getroffen“, sagte Roman und legte sanft einen Lederbeutel auf dem Tisch zwischen ihn ab. „Ich bin lediglich gekommen, um den erbetenen Gegenstand zu übergeben.“

„Gegenstand! Wohl eher eine verdammte Hurengebühr!“, sagte Dalbert mit einem Schnauben. Er trank seinen Drink aus und lachte. „Denk drüber nach. Christine, der Liebling meines Vaters. Nicht besser als eine Hure. Nicht besser als …“ Die Schankraumtür schwang wieder auf. Betty eilte heraus, in jeder Hand einen Krug. Dalbert wandte seinen Spott auf das Mädchen. „Nicht besser als sie“, sagte er.

Roman warf der Schankmaid einen Blick zu. Wenn die junge Betty Dalberts Geringschätzung verdient hatte, war sie vielleicht ein Mädel, für das es sich lohnte …

Das scharfe Stechen einer Vorahnung zog Romans Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch. Er streckte instinktiv die Hand aus, aber Dalbert hatte den Beutel bereits geschnappt und drehte ihn um.

Die Halskette purzelte heraus und lag auf dem rauen Tisch wie eine Göttin auf einem bescheidenen Bett aus Farnkraut. Funkelndes Licht in blau und weiß glitzerte durch den Raum.

„Heiliger Jesus!“, keuchte jemand.

„Guter Gott!“, sagte Dalbert und streckte eine Hand aus, um einen mitternachtsblauen Saphir zu berühren. Roman aber hob die Halskette hoch und ließ sie im Handumdrehen unter dem Tisch verschwinden, ehe Harringtons Finger sie berührten. Die Edelsteine lagen kalt in seiner Handfläche. Er verstärkte seinen Griff und verfluchte sich dafür, ein unvorsichtiger Narr zu sein.

„Guter Gott“, wiederholte Dalbert. Seine Stimme war belegt. „Vater sagte, es wäre ein Stück, das schön genug ist, um dem Ring seiner Mutter zu entsprechen, aber ich wusste nicht …“ Seine Stimme erstarb.

Roman spürte, wie ihn hundert Augen beobachteten. Verdammnis! Es wäre ein Wunder, wenn er die Nacht überlebte.

Er könnte sein Messer ziehen und sich zum Eingang begeben, oder er könnte die Edelsteine und die Verantwortung an Dalbert Harrington abgeben.

Es war wieder still in der Schänke.

„Es scheint, Euer Vater dachte, dieses kleine Schmuckstück könne die Mitgift Eurer Schwester versüßen“, sagte Roman leise.

Dalbert lachte. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. „Jeder Mann wäre glücklich, es zu kriegen. Sie, meine ich“, korrigierte er und lachte wieder. „Aber ich muss schon sagen, Schotte, du bist in einem zu üblen Teil der Stadt, um solche Steine mit dir herumzutragen. Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich sie meinem Vater selbst übergeben würde.“

Roman achte sorgfältig darauf, dass seine Stimme fest und sein Körper entspannt waren. Jetzt war nicht der Augenblick, um törichte Fehler zu begehen. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe MacAulay gesagt, dass ich Lord Harrington die Edelsteine persönlich in die Hand geben werde, ehe ich den Burschen zurück in sein Heimatland bringe.“

„Also vertraust du mir nicht?“, fragte Dalbert. Seine Stimme klang ungezwungen, aber seine Augen war zu hell.

Er war berauscht und sprunghaft. Roman zwang seine Muskeln, sich noch etwas mehr zu entspannen. Vorsichtige Handhabung war notwendig, wenn er wünschte, einmal mehr das Licht des Tages zu sehen.

„Ich habe es einem Freund geschworen, und ich bin ehrverpflichtet, den Schwur einzuhalten“, sagte Roman. „Ich bin sicher, Ihr versteht etwas von Ehre.“

Obwohl Roman sein Bestes versucht hatte, seine Stimme nicht sarkastisch klingen zu lassen, nahm Dalbert seinen Becher, hielt ihn fest umklammert und murmelte etwas Unverständliches. Roman erwog, seine versteckte Klinge zu ziehen, dann verwarf er diesen Gedanken. Er konnte nicht das Risiko eingehen, diesem Mann einen Schnitt zu verpassen. Falls Dalbert angriff, würde Roman ihn aus dem Gleichgewicht bringen und …

„Nun, Liebchens“, sagte eine rauchige Stimme. „Wir wollen keinen Ärger zwischen Freunden im Red Fox.“

Roman sah, wie Dalberts Züge sich etwas entspannten, als seine Aufmerksamkeit abgelenkt wurde.

„Nun, ich würde dir sicher keinen Ärger machen wollen“, sagte Dalbert. „Wer bin ich, den Plänen meines Vaters im Weg zu stehen? Eigentlich möchte ich gerne beweisen, dass es keinen Unmut gibt“, sagte er, stand schnell auf und streckte einen Arm aus, um ihn der Schankmaid um die Hüfte zu legen.

„Nun, Betty“, summte er, ohne seinen Blick von Roman abzuwenden. „Was hältst du davon, dabei zu helfen, Frieden zwischen unserem und seinem Land zu schaffen? Du kannst bei dem Handel sogar ein bisschen zusätzliche Münze machen. Bist du an Geld interessiert?“

„Bin ich immer, Liebchen“, sagte sie und neigte ihr schönes Gesicht dem Engländer zu. Ihre schlaffe, weiße Bundhaube bauschte sich hinter ihrem Kopf auf.

„Dann lasst uns alle Freunde sein“, sagte Dalbert und drehte sich, um an ihr herunterzublicken.

„Ich bin gesellig, Chief, aber wie ich vorhin sagte, ich bin eine geschäftige Frau.“

„Sicher nicht zu geschäftig, um zusätzliche Münzen zu verdienen“, sagte er, drückte etwas fester und zog mit einem Finger eine Spur auf ihrer halbnackten Schulter.

„Zusätzliche Münzen sind stets willkommen“, stimmte sie zu. „Dennoch, ein Mädchen muss seine Arbeit behalten. Und der alte Bart neigt dazu, sauer zu werden, wenn ich die Schänke verlasse, ehe meine Schicht vorbei ist.“

„Du hast selbst gesagt, dass du hier keinen Ärger willst“, erinnerte Dalbert sie und ließ einen Finger über ihr Schlüsselbein gleiten. Sie versteifte sich etwas, zog sich aber nicht zurück. „Ich denke, du solltest zu unserem Nachbarn hier freundlich sein.“ Er lehnte sich näher und küsste die Stelle, wo eben noch sein Finger gewesen waren. „Auch der Schotte fühlt sich gesellig. Tatsächlich hat er dir den ganzen Abend hinterhergegeifert. Hat gesagt, er könnte ein Stück süße, englische Torte vertragen. Was sagst du?“, fragte er, ohne seinen Blick von den Brüsten der Maid zu nehmen. „Bist du bereit, etwas von deinen Gaben mit unserem Gast zu teilen?“

„Ich bin sehr fürs Teilen“, sagte Betty. „Also sag ich Euch was, mein Lord, ich hole euch ein paar Drinks aufs Haus.“ Sie versuchte, zu entwischen, aber Dalbert packte sie lediglich fester.

„Der Schotte hier kann es sich offensichtlich leisten, einen guten Preis für die Arbeit einer Nacht zu zahlen“, sagte Dalbert. „Die Wahrheit ist, einer dieser Steine wäre schon eine Riesensumme wert. Zur Hölle, da müssen hundert Steine drin sein. Wer würde einen vermissen? Aber wenn er zu geizig ist, um zu zahlen, gebe ich dir das Doppelte deines üblichen Lohns, nur um ihm zu zeigen, dass es keinen Unmut gibt. Was sagst du, Schotte?“

Unter dem Tisch verstaute Roman die Halskette in dem zeremoniellen Sporran, der von seiner Hüfte hing. Es war ein albernes Ding. Mit Pferdehaar und Silber verziert, wäre es in einem Kampf hinderlich. Er sehnte sich nach seinem brauchbaren Beutel, den er zum Bergsteigen verwendete. Aber es war zu spät, um sich jetzt um seine Ausrüstung zu sorgen. Er erhob sich langsam. Dalbert Harrington war nicht einfach ein Narr. Er war ein reicher, betrunkener Narr, und deswegen war er gefährlich.

„Vielleicht traust du mir nicht, was die Halskette betrifft“, sagte Harrington mit einem anzüglichen Lächeln. „Aber hier kannst du mir vertrauen, Schotte. Du wirst kein erstklassigeres Stück Fleisch finden als unsere Betty hier. Also nimmst du mein Angebot an oder muss ich zu meinem Vater zurückkehren und ihm sagen, dass du dich für zu gut hieltest, um dich mit unseresgleichen abzugeben?“

Roman blieb still, hielt seinen Ausdruck nichtssagend und seine Augen ruhig. Er hatte Harrington bereits beleidigt. Er konnte es sich nicht leisten, die Sache noch schlimmer zu machen, nicht während es um David MacAulays Leben ging. Also hob er seine Brauen, als überdenke er die Angelegenheit. Auch er konnte dieses Spiel spielen.

„Was sagst du, Mädel?“, fragte er die Maid sanft. „Bist du an dem Angebot interessiert?“

Er sah, wie sie ihr Kinn hob, sah, wie sich ihre Augen mit Erwartung und mehr füllten. „Das hängt“, sagte sie, „ab von der Größe deiner …“ Sie zog ihren Arm aus Dalberts Griff und sprach weiter. „Steine.“

Man hätte eine fallende Stecknadel aus dreißig Yards Entfernung hören können.

Dalbert kicherte.

„Ich habe vorhin keinen guten Blick darauf werfen können“, fügte sie hinzu und trat von Harrington weg. „Magst du sie zeigen, sodass wir sie alle sehen können?“

Roman erkannte Geringschätzung, wenn er sie hörte. Und er hörte sie jetzt. Aber er nickte einmal, als Zugeständnis ihrer Scharfsinnigkeit. „Wir Schotten sind für gewöhnlich zurückhaltender mit dieser Art Zurschaustellung“, sagte er und ließ seinen Blick auf ihre Brüste gleiten, ehe er ihn langsam wieder hob und in ihr Gesicht sah. „Aber ich versichere dir, du wärest nicht enttäuscht.“

„Ich fürchte, das habe ich schon mal gehört, Chief“, sagte sie. Obwohl ihre Wangen eine leichte Spur von rosa zeigten, lehnte sie sich vor und zeigte ihr Dekolleté. „Aber wenn es um harte Fakten ging, war ich enttäuscht.“

Ihre Blicke trafen sich und hielten stand.

„Dann warst du mit den falschen Männern zusammen“, sagte er leise.

Sie hob ihre Brauen und ließ schlanke Finger von ihrem Dekolleté bis zu ihrem Hals hinauffliegen. „Und du denkst, du könntest mich befriedigen?“

„Das verspreche ich“, sagte er.

Sie kam näher. Ihre Hüften schwangen, als hätten sie ein Eigenleben. „Nun denn, Liebchen“, summte sie und lehnte sich so weit vor, dass ihre Lippen nur einige Zoll von seinen entfernt waren. „Ich bin interessiert …“

Es war lediglich ein Spiel, das er spielte, um Dalbert Harrington zufriedenzustellen, versicherte Roman sich selbst. Aber gegen seinen Willen und wider besseres Wissen, blieb ihm der Atem im Halse stecken. Unter dem Gewicht seines Leder-Sporrans spürte er, wie sein eigenes Interesse zum Leben erwachte. Er war ein Narr, rügte er sich. Aber er war auch ein Mann, mit den Schwächen eines Mannes.

Betty lehnte sich noch näher. Sie roch nicht, wie er erwartet hatte, nach Schweiß und verdorbenem Ale. Stattdessen füllte das Aroma von süßem Lavendel seine Nüstern. Er hob seine Hand, wollte ihr Gesicht berühren. Aber plötzlich schlug sie sie nieder.

„Ich bin an deinen Juwelen interessiert, Schotte. Aber nur an denen in deinem Beutel, nicht an denen in deinem Rock“, sagte sie.

Dalbert warf seinen Kopf zurück und lachte schallend. Die Spannung war dahin. Andere fielen ins Gelächter ein. Dalbert ließ sich mitten in dem Lärm in seinen Stuhl fallen.

Die Schankmaid wandte sich zum Gehen, aber Roman fing ihre Hand mit einem vorsichtigen Griff. Sie schwang zurück in seine Richtung. Ihre Blicke prallten aufeinander. Ihre Augen waren so blau wie die kostbaren Juwelen, die er gerade in seinem Sporran untergebracht hatte.

„Vielleicht ein andermal“, sagte Roman leise. Wenn er es versuchte, brachte er es fertig, ihr dankbar zu sein, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte, die Spannung im Raum aufzulösen. Wenigstens war die Straffheit in seinen Lenden eine weniger gefährliche Situation. „Wenn wir kein Publikum haben.“

Er hörte sie einatmen. „Du willst Gesellschaft, Schotte?“, fragte sie. „Es heißt, Pete Langer hat eine Herde feiner Schafe. Du könntest wählerisch sein.“

Auf der anderen Seite des Raumes erhob sich eine verstohlene Gestalt. Kalte Finger der Besorgnis glitten Romans Wirbelsäule hinauf, als er sich umdrehte, um nachzusehen. Wer war er? Vielleicht jemand, der ging, um den Diebstahl der Halskette zu planen? Aber es war bereits zu spät, um den Mann zu erkennen, denn die Tür schloss sich hinter ihm. „Also die Schafe“, sagte er und drehte sich wieder zur Maid. „Aber du weißt nicht, was du verpasst.“

Betty lächelte. „Ich versichere dir, ich weiß es, Schotte“, sagte sie und ließ ihren Blick in der Mitte seines Körpers herunterfliegen, über seine Brust, seinen Bauch, den Sporran, der seine Juwelen verbarg. „Aber ich werde nicht lange darauf verzichten.“

 

Kapitel 2

 

Eine Stunde nach seinem Treffen mit Betty verließ Roman die Schänke. Dalbert hatte dafür gesorgt, dass sein Krug stets voll blieb, und obwohl Roman trank, war er nicht närrisch genug, betrunken zu werden. Die Aufgabe, die er vor sich hatte, verlangte all seine Sinne; viel zu viele zwielichtige Charaktere wussten jetzt von den Juwelen, die er bei sich trug.

Firthport war eine Grenzstadt und eine Hafenstadt, rau, unvorhersehbar, tödlich. Irgendwo in weiter Ferne lachte eine Frau. Das Geräusch hing gespenstisch in der Nachtluft und schwebte bis zu einer dunklen Gestalt, die eine entfernte Gasse entlangeilte.

Der junge Mann sah sich rasch um. Heute Nacht war er John Marrow, ein beleibter, etwas betrunkener Geschäftsmann, der sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.

Das Queen’s Head erschien im Halbdunkel. Es war ein langes Gebäude, das aus grauem Stein und Stroh bestand. Ein schmales Band aus Rauch wand sich aus dem Schornstein in den Nachthimmel.

Marrow trat auf die Tür zu, kontrollierte einmal die Klinke und klopfte dann laut an die festen Bretter. „Aufmachen!“

Von innen begrüßte ihn Stille. Er klopfte noch einmal. „Aufmachen, sage ich.“

Noch immer keine Antwort.

„Wen glaubt Ihr, schließt Ihr hier …“

Die Tür öffnete sich. Ein Mann stand auf der anderen Seite, hielt eine einzelne Kerze und schimpfte. Er war groß, Deutscher und roch sehr deutlich nach Kümmel.

„Wer glaubt Ihr, seid Ihr?“, knurrte er.

„Oh!“ Marrow rülpste und taumelte einen Schritt zurück. „Da seid ihr ja, LaFleur! Wurde auch Zeit.“

„Wer zur Hölle seid Ihr?“

„Ich bin Marrow. John Marrow. Ein schöner Gastwirt seid Ihr, zu vergessen …“ Er rülpste wieder. „Eure eigenen Gäste zu vergessen.“

„Ihr seid betrunken“, sagte der Wirt. „Und Ihr seid keiner meiner Gäste.“

Marrow bäumte sich beleidigt auf. „Ich bin anderer Ansicht. Wie Ihr sicher wisst, LeFleur, steige ich jeden Monat im Queen’s Arms ab, wenn ich komme … “

„Ich bin nicht LeFleur. Ich bin Krahn, und dies ist nicht das Queen’s Arms. Es ist das Queen’s Head.“

Marrow fiel die Kinnlade herunter. Für einen Moment kämpfte er mit seinem Hut, als versuche er, die Krempe anzuheben, um einen besseren Blick auf das Gesicht des Gastwirts zu erhaschen. Aber der Hut gewann den Kampf und blieb fest an Ort und Stelle, tief über seinen Augen, und bedeckte seine eigenen Gesichtszüge. „Das Queen’s Head?“, fragte er und klang verwirrt, während er erneut rückwärts taumelte. „Das Queen’s Head. Oh! Head! Nun, verdammt sei ich, wenn ich nicht ständig diese verdammten königlichen Körperteile durcheinanderbringe.“ Er lachte lärmend über seinen eigenen Witz. Der Ausdruck des Wirts blieb mürrisch.

Marrow jedoch war von dessen fehlendem Humor unbeeindruckt. Er klopfte dem Gastwirt auf die Schulter. Es war, wie er feststellte, eine große Schulter, schwer von Muskeln und Knochen. „Ja, nun. Ein feines Etablissement habt Ihr hier. Und nah bei. Vermietet Ihr womöglich Zimmer, guter Mann?“

Überraschenderweise brachte der Gastwirt es fertig, noch mürrischer dreinzublicken. Das tat er eine Weile, dann sprach er schließlich. „Ich habe drei, die ich vermiete. Aber nur eins ist frei.“

„Entzückend.“

„Und Ihr zahlt im Voraus“, fügte er hinzu, ohne zu versuchen, irgendwelche Vorurteile zu verbergen, die er pflegen mochte.

Marrow nickte und kippte dabei fast vornüber. „Was immer Ihr sagt, guter Mann“, sagte er, und nachdem er seinen Beutel durchwühlt hatte, förderte er endlich eine Münze zutage.

Der Gastwirt nahm sie mit einem griesgrämigen Nicken, bedeutete Marrow, einzutreten und schloss die Tür hinter ihm.

Die Steinstufen waren unregelmäßig und schmal. Marrow schaffte es, sie nach nur ein paar Fehlversuchen zu erobern. Sie endeten auf einem schmalen Treppenabsatz, der zu drei Lattentüren führte.

Krahn schob eine von ihnen auf.

Marrow trat ein. „Ahh. Ein herrliches Zimmer.“ Es hatte ein einzelnes Fenster, schmal, aber weit genug, um sich im Notfall durchzuquetschen. „Ein hübsches Zimmer, aber es zeigt nicht nach Norden.“

Die Brauen des Wirts konnten sich überraschend tief absenken. „Wovon quatscht Ihr da?“

„Ich schlafe stets im Nordzimmer.“ Marrow rülpste wieder. „Bringt Glück.“

„Hier jedenfalls nicht. Das Nordzimmer ist belegt, und wenn ihr den Schotten aufweckt, setze ich Euch eigenhändig auf die Straße“, sagte er und lehnte sich aggressiv vor.

Marrow wich zurück und hielt eine Hand hoch. „Habe ich Norden gesagt?“, quietschte er. „Ich meinte …“ Er ließ seinen Kopf wackeln, als ob sich der Raum plötzlich zu drehen begonnen hätte. „Dieses hier wird …“ Sein Kopf wackelte heftiger. Er taumelte Richtung Bett. „Perfekt“, sagte er und krachte mit dem Gesicht nach vorne auf die Matratze.

Einen Moment lang betrachte der Wirt ihn still, dann sagte er: „Aye, wird es“, und schloss hinter sich die Tür.

 

Roman ging schnell und leise durch die Nacht. Im Schatten eines Fachwerkgebäudes blieb er stehen, hielt den Atem an und horchte, ob ihm irgendjemand folgte. Er hörte kein derartiges Geräusch, aber das musste nicht heißen, dass er allein war. Zwanzig Augen hatte die Juwelen gesehen, die er in seinem Sporran aufbewahrte.

Während er die Straße weiter hinunterstrich, verfluchte Roman sich dafür, ein Narr zu sein. Es sah ihm nicht ähnlich, abgelenkt zu sein. Aber diese Frau namens Betty hatte etwas an sich, etwas, das ihn anzog. Dennoch, er wusste es besser, als seine Konzentration von einer Maid beeinflussen zu lassen. Vielleicht war es einfach nur Müdigkeit gewesen, die ihn seine Konzentration hatte verlieren lassen, denn er war in der Tat erschöpft. Todmüde. Firthport war nicht anders als andere Städte, die er kannte. Es gab Verzweiflung hier, einen Unterton des Bösen, das ihn auslaugte. Aber er würde bald nach Hause zurückkehren. Er würde nur diese Nacht bleiben müssen, dann am Morgen die Halskette bei Harrington abliefern. Am folgenden Abend würde er zum wohltuenden Frieden der Highlands zurückkehren.

Zuerst aber musste er die Nacht überleben.

Das Queen’s Head tauchte im Nebel auf. Für einen kurzen Augenblick hielt Roman inne, um nochmals nachzudenken. Gab es etwas Unheilvolles dort oder sah er Gespenster, wo keine waren? Vielleicht sollte er zu einer anderen Gastwirtschaft gehen. Aber nein. Er traf die Entscheidung sehr schnell. Je eher er den neugierigen Augen entkam, desto besser.

Herr Krahn öffnete die Tür nach Romans zweitem Klopfen. Die schmale Treppe, die er nach oben lief, schien übermäßig steil. Roman öffnete die Tür und polterte in sein gemietetes Zimmer. Müdigkeit überschwemmte ihn, wie ein reißender Strom, aber diese Nacht würde er nicht schlafen, das war zu riskant. Nein, heute Nacht würde er wachsam bleiben und die Juwelen beschützen.

Mitternacht war lange verstrichen. Roman ging auf und ab. Der Boden unter seinen nackten Füßen war kühl. Der leuchtendrote, zeremonielle Tartan, den er getragen hatte, lag als Haufen neben dem Bett. Nicht weit davon entfernt lagen seine Tunika und sein Schuhwerk aufgestapelt. Abgesehen vom Amulett, das er um seinen Hals trug, und dem Sporran, der von seinen Schultern hing, war er nackt. Dennoch half die Luft vom geöffneten Fenster nicht besonders dabei, ihn zu erquicken.

Er ging wieder auf und ab, sang in Gälisch und versuchte nachzudenken – über David, der ihn brauchte, über MacAulay, der ihm vertraute, Lady Fiona, die an ihn glaubte.

Er würde sie nicht enttäuschen. Die Kerze ging stotternd aus. Dunkelheit schwappte herein, schwer und feucht vor stinkenden Erinnerungen.

Er würde sie nicht enttäuschen, wiederholte er. Er war ein Forbes – der Sohn von Fiona und Leith. Aber er war nicht wirklich von Fionas Blut. Seine Schritte wurden langsamer. Das Blut von Dermid floss in seinen Adern. Dermid! Das Gesicht des Mannes tauchte in seinen Gedanken auf wie eine alte Narbe. Roman zuckte, für einen Augenblick sicher, dass er mit ihm im Zimmer war. Er hörte sein eigenes kindliches, angsterfülltes Wimmern. Oder kam das Geräusch von woanders her? Er konnte es nicht sagen. Für einen Moment war er in die Zeit zurückgeworfen, in der er jung und hilflos war, abgesehen von Dermid allein in der Welt, einem Mann, der böse, unaussprechliche Geheimnisse hütete.

Er musste fliehen. Aber … Nein. Roman schüttelte den Kopf. Dermid war tot. Es gab hier keine Gefahr, und er war er ein Erwachsener, der eine heilige Aufgabe auszuführen hatte. Er durfte nicht versagen. Die Halskette musste an Harrington übergeben werden. David MacAulay musste in sein Heimatland zurückgebracht werden.

Aber wie sollte er das ohne Schlaf fertigbringen? Das Bett rief nach ihm. Er musste sich für eine Weile hinsetzen oder er würde scheitern. Aber er würde nicht schlafen. Die Strohmatratze klagte unter ihm, als er sich auf die Kante niederließ. Er würde sich für einen Moment ausruhen. Nur sitzen.

Erinnerungen drängten wieder auf ihn ein. Dunkel, hässlich. Er drängte sie zurück. Er war Roman vom großen Clan der Forbes, vertrauter Freund, respektierter Diplomat. Er war nicht böse. Noch war er schwach. Aber die Dunkelheit lachte und schloss ihn ein wie der Tod.

Roman erwachte mit einem Zucken. Er fühlte sich seltsam schwer, aber schaffte es, sich aufzusetzen. Er hatte einen schweren Kopf. Und er war nackt und …

„Er ist wach!“

„Ja, dann schlag ihn, du Depp!“

Etwas schwang auf ihn zu.

Roman duckte sich instinktiv. Die Wirklichkeit kam zurück, als der Knüppel durch die Luft zischte, aber er hatte keine Zeit, für diesen Beinahe-Zusammenstoß dankbar zu sein, denn jemand stürzte auf ihn los. Er sprang zur Seite. Ein Blitzen von Stahl rauschte durch die Nacht.

„Hol ihn dir!“

Jemand griff nach ihm. Er holte wild aus. Seine Faust verschmolz mit einem Schädel. Ein Mann grunzte und fiel um.

„Schlag ihm den Schädel ein!“, krächzte jemand.

Aber Roman hatte sich bereits auf den nächsten Mann gestürzt. Er traf ihn genau in der Mitte und trieb ihn zu Boden. Selbst in der Dunkelheit konnte er die Klinge sehen. Roman griff nach dem Handgelenk des Schurken und schleuderte es nach unten. Knöchel krachten auf Holz. Ein Schrei vor Schmerz und Wut durchschnitt die Nacht. Roman erhob sich und holte noch einmal aus. Knorpel krachte! Der Körper unter ihm wurde schlaff.

Etwas quietschte hinter ihm. Roman schwang sich herum und stütze sich mit dem Rücken auf dem Boden ab. Ein Körper flog auf ihn zu. Indem er seine Füße aufwärts stieß, verband sich Roman mit der Körpermitte seines Angreifers und schleuderte ihn über seinen Kopf.

Die Wand hallte nach vom Einschlag.

„Ich hab es! Lasst uns von hier verschwinden!“, krächzte eine Stimme aus der gegenüberliegenden Ecke. „Acre? Blacks?“, sagte er zögernd.

Niemand antwortete.

Roman erhob sich langsam. „Sieht so aus, als wärst du alleine, Bursche“, sagte er und machte einen Schritt auf die schemenhafte Gestalt zu.

„Ich äh …“ In der Stimme des Mannes lag ein Quietschen. „Ich hab es nicht böse gemeint.“

„Dann gib mir den Sporran und ich tu dir nichts Böses.“

„Ja, sicher, ich …“, sagte er und sprang.

Das Gewicht seines Angreifers warf Roman zu Boden. Eine Klinge blitzte auf und rauschte abwärts. Roman warf sich zur Seite. Das Messer zischte an seinem Kopf vorbei und stach ins Holz darunter. Mehr Aufschub brauchte Roman nicht. Er ließ seinen Arm zur Seite sausen und ließ seine Faust auf das Ohr des Schufts krachen. Nur einen Augenblick später saß Roman Rittlings auf ihm, bereit, ein weiteres Mal zuzuschlagen. Aber das musste er gar nicht, denn es schien, als wären alle drei seiner nächtlichen Besucher bewusstlos.

Keuchend glitt Roman von dem schlaffen Körper und stolperte durch den Raum. Sein Sporran lag dort, wo der Dieb ihn hatte fallen lassen. Er tauchte seine Hand hinein. Keine Halskette. Er fischte wild darin herum und fluchte. Immer noch keine Juwelen.

Mit einer raschen Bewegung riss er die Tür auf und stürzte die Treppe hinunter, in seiner Hand der Sporran.

Die Überreste eines Feuers glommen in der Feuerstelle. Er eilte durch den Raum, fachte das Feuer an und schüttete den Inhalt des Beutels aus, nachdem er den Schürhaken weggeschleudert hatte. Keine Halskette!

Er erhob sich mit einem Knurren und rannte die Treppe hinauf. Zurück in seinem gemieteten Zimmer, durchwühlte er die Kleider der Diebe. Immer noch nichts.

Nachdem er sein Plaid wiedergefunden hatte, wickelte er es sich rasch um die Hüfte. Der nächstgelegene Mann stöhnte. Roman packte ihn am Hemd und lehnte sich in sein Gesicht. „Wo ist sie?“, fragte er sanft.

Als keine Antwort kam, schleppte er den Mann die Treppe runter und warf ihn vor dem Feuer ab.

Er sackte zu Boden und ächzte beim Aufprall.

Während er sich auf seinen nackten Fersen niederließ, beobachtete Roman, wie sein Gefangener wach wurde. Er hatte strähniges, fettiges Haar und eine Narbe, die ihm durch die rechte Augenbraue die Wange hinunterlief. Er zuckte, als er zu Bewusstsein kam.

„Wo ist sie?“, fragte Roman erneut, genauso sanft, und achtete sorgfältig darauf, jedes Wort deutlich auszusprechen.

Der Dieb zuckte zusammen und duckte sich weg. „Was? Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

„Die Halskette. Wo ist sie?“

„Ich weiß nichts von irgendeiner Halskette.“

Roman streckte seine Hand aus. Der Dieb duckte sich weg, aber Roman berührte ihn nicht. „Was hältst du von Schürhaken, Bursche?“, fragte er und brachte die Metallstange langsam nach vorne. „Kennst du dich damit aus?“

„Ich habe sie nicht genommen!“, quietschte der Dieb. „Ich habe sie nicht genommen.“

„Wo ist sie dann?“

„Ich weiß nicht … Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

Mit einem Ruck stieß Roman das scharfe Ende des Schürhakens am Gesicht des Mannes vorbei und ins Feuer hinter ihm. „Denk scharf nach“, schlug er leise vor.

Der Dieb schluckte und starrte zur Seite in die glühenden Reisigbündel. „Ich habe sie nicht genommen“, flüsterte er.

Roman nickte in Richtung der aus dem Sporran ausgeschütteten Gegenstände. „Warum ist sie dann nicht da?“, fragte er und griff nach dem Schürhaken. Das Ende glühte in entzückendem Orange.

„Ist nicht da?“, flüsterte er Dieb. „Aber uns wurde gesagt, sie wäre im Beutel.“ Er versteifte sich plötzlich. „Der Schatten! Er war vor uns hier.“

Roman ließ sich einen Zoll zurückfallen. „Was?“

„Nicht schon wieder! Jesus! Ich bin so gut wie tot. Dagger wird mich umbringen.“

„Wovon redest du?“

„Der Schatten“, stöhnte er. „Verdammt sei seine Seele. Er hat es schon wieder getan.“

„Wer ist …“, begann Roman, aber ein Keuchen hinter ihm unterbrach ihn.

Immer noch in der Hocke, drehte Roman sich auf den Fersen um. Herr Krahn stand in der Türöffnung und hielt einen Knüppel, der so dick war wie sein Arm. Hinter ihm gaffte eine Frau, die erhobene Kerze tauchte ihre geweiteten Augen und ihre Leinenmütze in schlichte Erleichterung.

„Was zur Hölle geht hier vor?“, knurrte ihr Ehemann.

Roman knirschte mit den Zähnen. Fürwahr, was zur Hölle? „Wer oder was ist der Schatten?“

„Der Schatten?“ Der große Mann ließ seinen Knüppel sinken. Seine Frau schlängelte sich einen knappen Schritt seitwärts, ihre Augen immer noch so rund wie Orangen. „Was soll das alles hier?“

„Ich wurde beraubt“, sagte Roman.

„Er wird mir die Kehle durchschneiden“, stöhnte der Dieb.

„Der Schatten?“ Der große Wirt ging mit einem finsteren Blick voran. Seine Frau kam mit ihm und starrte. „Hier? In meinem Haus?“

„War hier und ist wieder verschwunden, wie ein Geist“, flüsterte der Dieb. „Verdammt sei er. Er muss sie bereits genommen haben, bevor wir kamen. Hat sich selbst in Rauch verwandelt und ist den Schornstein runter. Oder hat sich wie eine Schlange unter der Tür hindurch geschlängelt.“

„Habt Ihr von diesem ‚Schatten‘ gehört?“, fragte Roman und sah den Wirt an.

„Ich habe Geschichten gehört, wie jeder andere. Aber ob sie wahr sind …?“ Der große Mann zuckte die Achseln.

„Oh, sie sind wahr. Es gibt ihn wirklich“, flüsterte der Dieb. „Er ist aber kein Mensch.“

Roman drehte sich wieder zu dem Mann am Boden um. „Wer ist der Schatten?“

Der Dieb zuckte mit den Schultern. „Er ist niemand. Oder er ist alle. Er ist nirgendwo. Aber er ist überall. Ich muss von hier weg. Muss von hier weg.“ Er ließ seine Augen wild umherschweifen.

„Woher soll er gewusst haben, dass ich die Halskette habe?“, fragte Roman und versuchte, den Mann zurück in die Realität zu holen.

„Wie?“ Er lachte, aber der Klang war schrill. „Der Schatten weiß alles über jeden. Er weiß es einfach.“

Roman machte ein finsteres Gesicht. „Wer ist er? Wie sieht er aus?“

„Er sieht aus wie ein alter Mann. Ein Säugling. Eine Rauchwolke.“

Einen Fluch erstickend, erhob Roman sich. „Wer war in diesem Haus, während ich heute Nacht hier war?“, fragte er, als er sich zu dem Paar beim Eingang umdrehte.

Der Wirt schüttelte den Kopf. „Nur ein junges Paar, sie und ihr Kleines. Aber ich kenne sie gut. Dann war da noch dieser junge Narr, der kurz vor Euch ankam. Er war im gegenüberliegenden Zimmer. Marrow war sein Name. John Marrow. Aber er war zu betrunken, um …“

Verdammnis hallte in Romans Gedanken. Er ergriff die Kerze der Frau, dann nahm er drei Stufen auf einmal. Die Brettertür krachte auf und gab den Blick auf ein leeres Zimmer frei. Roman fluchte in stillem Ernst, dann wandte er sich zu dem Paar, das ihm die Treppe hinauf gefolgt war. „Wie sah er aus?“

„Er … Er …“ Herr Krahn blickte finster drein, während er das Zimmer musterte. Im Bett war nicht geschlafen worden. Nichts war am falschen Platz. „Er war ein korpulenter Mann. Mittelmäßig groß … Denke ich. Er hat mich geweckt. Ich …“

„Welche Farbe hatte sein Haar? Was hatte er an?“

„Er trug einen Hut. Er hat sein Gesicht bedeckt. Er war ganz dunkel gekleidet. Er hatte mich gerade aufgeweckt. Ich konnte nicht viel sehen.“

Roman holte tief Luft und beruhigte sein Gemüt. Jetzt war nicht die Zeit, die Kontrolle zu verlieren. „Erzählt mir vom Schatten“, sagte er gleichmäßig.

Krahn zog seine großen Schultern zurück und senkte seine Brauen. „Der Schatten“, murmelte er, als ob er erst jetzt den Vorfall mit dem Namen in Verbindung brachte. „Es heißt, er sei der Geist eines alten Bettlers, der in der Laurel Street lebte.“

Die Ehefrau hielt sich neben ihrem Gatten zurück. „Manche sagen, er nimmt von den Reichen und gibt denen, die in Not sind.“

„Nun, ich bin in Not“, sagte Roman mit tiefer Stimme und ballte seine Fäuste. Der Wirt hob seinen Knüppel. Seine Frau duckte sich hinter seinem Rücken, aber Roman schritt an den beiden vorbei in sein eigenes gemietetes Zimmer.

Er brauchte nur einige Augenblicke, die beiden anderen Schurken zu wecken und zu befragen. Aber trotz seiner Drohungen und ihrer offensichtlichen Furcht erzählten sie ihm nicht mehr als das, was er bereits wusste. Wenn die Halskette fort war, war der Schatten vor ihnen da gewesen.

Roman richtete sich auf und spürte, wie Wut seinen Körper durchflutete, als er Richtung Treppe ging.

„Wo … wo geht Ihr hin?“, fragte die Frau.

„Einen Schatten fangen“, sagte Roman und schritt in die Nacht hinein.

***


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Lois Greiman schreibt historische sowie zeitgenössische Romantik und humorvolle Chick-Lit. Die Autorin und passionierte Reiterin lebt auf einem kleinen Pferdehof und veröffentlichte bereits über dreißig Romane, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden.