Das Erbe von Broom Park

Kapitel 1

Schottland 1814

Hazel MacAllen strich sich eine Strähne ihrer langen, dunkelbraunen Locken aus dem Gesicht. Sie fröstelte, wickelte sich ihr Wolltuch noch etwas fester um die Schultern und steckte die Enden wieder in den breiten Ledergürtel über ihrem grünen Wollrock.

Es war ein kalter Tag. Viel zu kalt für Anfang Mai an der schottischen Westküste. Am Meer war es an diesem Tag besonders ungemütlich. Der böige Westwind trieb die Wellen weit in die Bucht und ließ den Kies am Strand mit einem ständig murmelnden Geräusch hin und her rollen. Ab und zu flogen kleine Flocken weißen Schaums durch die Luft, die von der Gischt leicht nach Salz schmeckten. Hazel blickte hinaus auf die wogende See mit den weißen Wellenkämmen, doch es war noch immer nichts von Colin und Alistair zu sehen. Seit dem frühen Morgen waren sie mit dem Boot draußen. Der Wind war über den Tag immer stärker geworden und die Möwen, die in kleinen Schwärmen über das Meer flogen, kamen nur mühsam gegen ihn an.

Hazel seufzte. Dann nahm sie das große Bündel Treibholz, das sie gesammelt hatte, auf ihre Schultern, als wöge es nichts. Seit ihr Vater vor sechs Jahren bei einem Sturm nicht vom Fischen zurückgekehrt war, hatte sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter zusehends verschlechtert und sie war kränklich und lebensmüde. So musste Hazel sich um den Haushalt kümmern, wenn ihre beiden Brüder mit dem Boot unterwegs waren – und das waren sie, außer an den Sonn- und Feiertagen, fast jeden Tag. Körperlich schwere Arbeiten waren ihr daher nicht fremd.

Sie ging ein Stück den Strand entlang und folgte dem schmalen Pfad, der hinauf zum Cottage führte. Das kleine, aus grauen Steinen gebaute Haus, lag am Fuße eines kleinen Hügels, hinter dem sich majestätisch die Berge der schottischen Highlands erhoben. Eine Steinmauer und ein paar Bäume schützten es vor Wind und Wetter und die beiden einzigen Fenster an der Vorderseite sahen manchmal aus wie zwei große Augen.

»Hast du sie gesehen?«, rief Fiona MacAllen von der blauen Tür aus, als sie ihre Tochter kommen sah.

»Nein, Mutter. Geh wieder ins Haus. Es ist zu kalt für dich.«

Hazel legte das Holzbündel neben der Tür ab und ging mit ihr hinein. Mrs MacAllen war erst achtundvierzig Jahre alt, ihr früher dunkles Haar war inzwischen fast grau und sie versteckte es unter einem Häubchen. In dem dämmrigen Haus, das durch eine Wand in zwei Räume geteilt wurde, war es wohlig warm. In der Feuerstelle des etwas größeren, rechten Raumes brannte ein Torffeuer. Er war gleichzeitig Küche und Wohnzimmer, und Colin und Alistair hatten dort ihre Betten. Der Qualm zog nur langsam durch den Kamin in dem mit grauem Schiefer gedeckten Dach ab. Ein Teil davon zog in den Raum und schwärzte die Decke.

Das Feuer war schon weit heruntergebrannt, aber es reichte Hazel, um sich die Finger zu wärmen. Sie schöpfte für sich und ihre Mutter einen Becher heißen Tee aus dem schwarzen Kessel, der an dem schwenkbaren Eisenhaken über dem Feuer hing. Hoffentlich würden ihre Brüder vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. Taten sie das nicht, müsste oben auf dem Hügel die große Laterne angezündet werden, die ihnen den Weg nach Hause wies.

Nachdem sie ihren Becher geleert und drei bereits vorbereitete Brotlaibe in den gemauerten Backofen neben dem Kamin geschoben hatte, ging sie in den kleinen Stall hinter dem Cottage. Sie molk Bess, die einzige Kuh, die sie besaßen, fütterte die Hühner und Tommy, das Pony. Dann ging sie auf die Weide und sah nach den fünf Schafen und ihren Lämmern. Wieder im Haus, half sie ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens. Sie waren fast fertig, als sie draußen endlich Stimmen hörte. Kurz darauf erschien Alistair in der Tür. Er hängte seine nasse Jacke vor das Feuer und nahm sich eine Schale Eintopf aus dem Kessel. Er sagte kein Wort. Wie so oft. Hazel blickte ihn an und schüttelte den Kopf. Sie würde ihn nie verstehen. Seine braunen Augen, die sie aus einem braungebrannten, markanten Gesicht anblickten, waren wie die See an einem dunklen Tag im Winter: kalt und unergründlich. Seine ewige Unzufriedenheit konnte der ganzen Familie die Stimmung verderben. Wie anders war da Colin, dachte sie, und stellte eine weitere Schale für ihn auf den Tisch. Er war fast immer gut gelaunt und versuchte, das Beste aus seinem Leben zu machen. Im selben Moment flog auch schon die Tür auf und ihr zweiter Bruder kam herein. Hazel liebte ihn über alles. Er war sechs Jahre älter als sie. Im Gegensatz zu Alistair, der jetzt schon siebenundzwanzig war, behandelte Colin seine Schwester, die in einem Monat achtzehn Jahre alt werden würde, schon lange nicht mehr wie ein kleines Mädchen. Er schüttelte seine nassen, dunkelblonden Locken vor dem Feuer aus.

»Guten Abend, Mutter«, sagte er, küsste sie auf die Stirn und kam zu Hazel.

»Was gibt es Leckeres, Schwesterlein?«, fragte er kess.

Er legte ihr den Kopf von hinten auf die Schulter und blickte auf das vorbereitete Essen.

»Fischeintopf und frisches Brot«, lachte sie und drückte ihm einen Laib in die Hand.

»Was für ein scheußliches Wetter.« Colins blaugraue Augen blitzten übermütig. »Aber wir haben gut gefangen heute. Erst haben wir drei Lobster in den Körben gehabt und dann sind wir in einen Schwarm Makrelen geraten. Ich wette, die Lachse kommen auch bald.« Er lachte und die beiden Grübchen neben seinen Mundwinkeln wurden tiefer.

»Heißt das, wir fahren morgen mit dem Ponywagen zur Kirche?« Hazel warf einen erwartungsvollen Blick zu Alistair, als sie sich setzte.

Der nickte nur.

Sie beteten gemeinsam und aßen. Hazel war froh, dass ihre Brüder heil zurück waren, dankte Gott im Stillen dafür und auch, dass sie morgen nicht würde laufen müssen. Sie hasste es, wenn sie in aller Frühe zu Fuß hinüber ins Dorf gehen musste. Die verdammten Midges fraßen einen fast auf, wenn kein Wind ging und nur Colins Pfeifenqualm und der würzige Duft der Bog Myrtle, konnte, wenn man deren Blätter zerrieb, die Plagegeister vom Stechen abhalten. Außerdem würde sie so nach der Kirche schneller wieder zu Hause sein, und hätte mehr Zeit für sich am Nachmittag. Nach dem Mittagessen würde sie hinüber nach Broom Park gehen. Diese Aussicht war sehr erfreulich und Hazel summte beim Abräumen des Tisches eine Melodie. Sie träumte mit offenen Augen, als sie sich spät nach dem Essen neben ihre Mutter in das Bett im Nebenzimmer legte, während ihre Brüder noch die Netze und die Lobsterkörbe in Ordnung brachten.

Am Morgen fuhren sie alle mit dem Ponywagen ins Dorf. Alistair verkaufte den Fisch, bevor sie den Gottesdienst besuchten. Hazel lauschte der Messe in der kleinen, schmucklosen Kirche andächtig. Sie liebte die Art, wie der Reverend sprach. Seine Stimme war tief, er sprach langsam und mit Bedacht. Auch wartete sie immer sehnsüchtig darauf, dass endlich das Harmonium gespielt wurde. Sie mochte Musik, besonders die in der Kirche, wenn sich das Harmonium und der Gesang der Gemeinde vereinten. Diese Musik war so anders, als das, was Colin auf seinem Dudelsack spielte, fast wie aus einer anderen Welt. Noch als sie die Kirche verließen, hatte Hazel all die wunderbaren Klänge im Ohr, doch sie wurde jäh von der rauen Stimme eines Mannes unterbrochen, der sie vor dem Gotteshaus ansprach.

»Guten Morgen, Hazel.«

Sie drehte sich um und sah in ein schmales, unrasiertes Gesicht, das von strähnigen, braunen Haaren umrahmt wurde. Die beiden kalten, grauen Augen musterten sie ungeniert.

»Guten Morgen, Rory«, entgegnete Hazel schnippisch und wandte sich zum Gehen.

»Wie geht es dir?«, fragte er und folgte ihr.

»Gut, danke.«

»Du warst lange nicht im Laden. Willst du nicht mitkommen?«

Hazel schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Sie konnte diesen Campbell einfach nicht ausstehen.

»Nein, danke. Ich habe wirklich keine Zeit. Mutter will nach Hause und ich muss den Wagen fahren.«

»Zu schade. Wie wäre es mit nächster Woche?« Er vertrat ihr den Weg.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie zögernd. Sie konnte ihm nicht sagen, dass er sich zum Teufel scheren sollte.

Er hatte nun mal den kleinen Laden im Dorf, und sie waren immer wieder darauf angewiesen, von ihm Kredit zu bekommen.

»Komm schon, Hazel, so ein hübsches Mädchen wie du braucht bestimmt etwas Neues«, scherzte er aufdringlich. »Ich habe schöne neue Haarbänder. Das wäre doch was für dich.«

Rorys Hand griff nach ihrem Haar und er ließ sich eine Strähne ihrer Locken durch die Finger gleiten.

Hazel spürte ein Würgen im Hals. Es widerte sie an, dass er sie angefasst hatte. Er verursachte bei ihr ein ähnliches Gefühl von Ekel, wie es im Herbst die dicken Spinnen taten, wenn sie ins Haus kamen.

»Ich denke drüber nach«, sagte sie hastig und lief aus dem Kirchhof.

Ihre Mutter saß schon auf dem Wagen und Hazel brachte Tommy mit einem Schnalzen zum Laufen. Sie sah nur noch, wie Rory mit Alistair sprach und die beiden sich in Richtung des Alehouse aufmachten, um sich das ein oder andere Bier zu gönnen.

Hazel aß nicht viel an diesem Mittag und verließ danach das Cottage. Der Sonntagnachmittag gehörte ihr, ihr ganz allein.

Sie nahm den Pfad, der sich von der kleinen Bucht, in der sie wohnten, den Hang hinauf durch die Heide und das Farnkraut nach Süden an der Küste entlangwand. Oben auf dem nächsten Hügel blieb sie stehen und betrachtete die Landschaft. Hinter ihr zogen sich die felsigen Berghänge steil hinauf und vor ihr reichte der Blick nach Westen weit den Loch Linnhe hinunter. Die weißen Segel eines Schiffes mit Kurs auf Fort William am Ende der tiefen Bucht leuchteten weithin sichtbar in der Sonne. Unten am Fuße der grünen Hügel, auf denen die Schafe weideten, klatschte das Meer weiß schäumend gegen die grauen Felsen. Das Castle Stalker, das auf einem winzigen Eiland im Meer lag, ragte mit seinem eckigen Turm trotzig in den Himmel. Es schien, wie die schroffen Gipfel der Berge auf der anderen Seite der großen Bucht, zum Greifen nahe. Im Westen erhoben sich die Berge der Isle of Mull und im Osten die höchsten Gipfel der Highlands. Sie atmete tief ein. Die Luft war klar und sauber nach dem gestrigen Sturm. Wenn der Sommer endlich käme, und die Heide anfangen würde zu blühen, würde es oben auf dem Hügel wieder betörend duften. Hazel hätte noch eine ganze Weile träumen können, doch es war fast eine Meile nach Broom Park und sie wollte so viel Zeit wie möglich an ihrem Lieblingsplatz verbringen.

Broom Park war ein altes, halb verfallenes Herrenhaus, das am Fuße eines von Ginster und Wald bewachsenen Hügels lag. Der Ginster am Waldrand zeigte schon die ersten Knospen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich alle Blüten öffnen. Dann würde er ganze Hügel weithin sichtbar in sattem Gelb leuchten. Als Hazel die hohe Steinmauer erreichte, die den Besitz umgab, spähte sie wie immer erst vorsichtig durch das Loch darin, bevor sie hindurchschlüpfte. Das Anwesen war schon lange verlassen, aber sie hatte immer Angst, es könnte doch jemand da sein. Außerdem hieß es, der Geist der alten Lady Denby, die sich vor mehr als zwanzig Jahren im Haus erhängt hatte, würde dort spuken.

Hazel ließ sich davon nicht abschrecken, und als sie niemanden sah, folgte sie zielsicher dem zugewachsenen Pfad unter den alten Bäumen und Rhododendren bis zum Haus. Das große zweistöckige Gebäude wurde von einem Dach mit mehreren kleinen Giebeln gekrönt. Die grauen Mauern waren von Efeu überwuchert, der sich ungehindert in die kaputten Fenster im oberen Stockwerk hineingewunden hatte. Viele der Fenster waren nur notdürftig mit Brettern verschlossen. Auch die große Tür zum Haus war früher vernagelt gewesen, aber jemand hatte sich schon vor langer Zeit Zugang verschafft. Hazel hatte keine Mühe, zwischen zwei Brettern hindurch in die Eingangshalle zu gelangen. Über dieser war das Dach teilweise eingestürzt. Balken und Dachschiefer lagen auf dem einstmals so prächtigen Boden aus schwarzem und weißem Marmor. Die Holzvertäfelung war nass geworden und wölbte sich von den Wänden. Auf der Treppe hatten sich in den Winkeln, wo der Wind etwas Erde angeweht hatte, bereits kleine Pflanzen angesiedelt. Hazel hatte es noch nie gewagt, die breite Treppe hinaufzugehen, aus Angst, sie könnte unter ihr einstürzen. Sie durchschritt die Halle eilig und ging auf der anderen Seite durch die große Tür, die nur noch halb in den Angeln hing.

Hier war ihr Paradies – der alte Ballsaal.

Er war noch vollständig erhalten und immer trocken. Die großen Fenster, die fast bis zum Boden reichten, waren verschmutzt, und das bisschen Sonne, das hindurchdrang, tauchte den Raum in ein sanftes, gelbliches Licht. In dem großen Raum hallte ihre Stimme wider, fast wie in der Kirche. Sie liebte es, hier zu singen und zu tanzen. Wie immer kehrte sie zuerst den Boden mit einem Ginsterbündel und entfernte die Blätter, die der Wind der letzten Woche hier zusammengeweht hatte. Sie legte das Bodenmosaik in der Mitte frei, das ein tanzendes Paar in altmodischen Kleidern und mit weißen Perücken zeigte. Dann ging sie hinüber zu dem alten Spiegel über dem Kamin und betrachtete sich selbst. Sie konnte sich hier in voller Größe sehen, wenn auch der Spiegel angelaufen und fleckig war. Nach einem Knicks vor ihrem Spiegelbild forderte sie sich selbst zum Tanzen auf. In ihrer Fantasie ertönte leise Musik und sie schloss die Augen. Hazel begann zu singen und sie stellte sich vor, der Saal wäre erfüllt mit Menschen in eleganten bunten Kleidern. Sie sah sich selbst durch die Menge in die Mitte des Raumes schreiten.

Sie war die Herrin von Broom Park.

 

***

 

Simon Denby zügelte sein Pferd. Er musterte das vor ihm liegende Haus kritisch. Es war im klassischen Baronial Style erbaut und die Fassade mit ihren wehrhaften kleinen Türmchen und Erkern und den zahlreichen kleinen Giebeln am Dach war sehr schön. Der weite Blick über das Meer, den er bereits genossen hatte, als er die Auffahrt entlanggeritten war, und den er jetzt auch vom Vorplatz aus hatte, war überwältigend.

Wenn es nur nicht so unangenehm kalt wäre, dachte er und rieb sich die Hände.

Er stieg ab, tätschelte den Hals seines Pferdes und band es an den Ast einer Eiche. Dann ging er zum Eingang hinüber. Ein paar Bretter fehlten, und die Tür dahinter war offen. Er zwängte sich durch das Loch zwischen den Latten, blickte sich um und schüttelte den Kopf. Die Halle war in einem desolaten Zustand und es würde ihn sicherlich einige tausend Pfund kosten, das Haus wieder zu dem zu machen, was es zu Zeiten seiner Großmutter gewesen war. Er musterte noch den Zustand der Vertäfelung, als er eine helle Stimme singen hörte. Einen Moment befürchtete er, es könne der Geist seiner Großmutter sein, doch er war Realist und ging dem Gesang nach. In der Tür zu einem großen Saal blieb er stehen. Was er sah, ließ ihn lächeln. Ein junges, ärmlich gekleidetes Mädchen sang und tanzte höchst anmutig allein durch den Raum. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Er wollte sie nicht erschrecken und räusperte sich leise.

 

Hazel schrie erschrocken auf, als sie den Fremden in der Tür bemerkte. Sie blieb wie versteinert stehen und starrte ihn an. Er war groß und schlank, hatte kurzes, dunkelblondes Haar und trug unter seinem langen Reitmantel einen elegant geschnittenen, schwarzen Anzug aus feiner Wolle und einen schwarzen Hut wie ein echter Gentleman.

»Du singst und tanzt sehr hübsch«, sagte der Fremde.

Hazel erwiderte nichts. Sie stand nur irritiert mit halb geöffnetem Mund da, unfähig, etwas zu sagen.

»Willst du mir nicht verraten, wer du bist, wenn du schon in meinem Haus tanzt?«

Sie erschrak. Sein Haus? Das kann nicht sein, dachte sie.

»Komm her«, forderte sie der Fremde freundlich auf und sie gehorchte zögernd.

Er sah sie forschend an und ihre Angst schwand, als sie seine weichen Gesichtszüge und den sanften Ausdruck in seinen warmen, blauen Augen sah.

»Nun, junges Fräulein, willst du mir nicht antworten?«

Er lächelte noch immer. Lachfältchen umrahmten seine Augen.

»Mein Name ist Hazel. Hazel MacAllen«, entgegnete sie scheu.

Sie bemerkte seinen musternden Blick. Seine Augen wanderten von ihren wilden, offenen Locken über ihre Kleidung bis hinunter zu ihrem fleckigen Rocksaum. Rasch versuchte sie noch, ihre ebenso verdreckten Schuhe darunter zu verstecken. Sie fühlte, wie ihre Hände schwitzten und ihre Wangen rot wurden.

»Ich bin Lord Simon Denby.« Er zog seinen Hut und verneigte sich leicht.

Hazel biss sich auf die Lippen und schluckte. Sie hoffte, er würde nicht bemerken, dass ihre Hände vor Aufregung auch noch zitterten.

»Du kommst wohl öfter hierher«, sagte Lord Denby und ging durch den Raum auf die Fenster zu.

»Jeden Sonntag«, antwortete sie leise.

»Soso.« Lord Denby musterte sie erneut aus der Entfernung.

»Das mit der Tür bin ich aber nicht gewesen. Es war schon so, als ich zum ersten Mal hier war.«

»Ich habe dir nichts vorgeworfen. Warum entschuldigst du dich also?« Er sah sie fragend an.

»Ich dachte, Sie sind vielleicht erzürnt, weil ich hier bin«, entgegnete Hazel, und hoffte, dass er es nicht war.

»Nein. Das bin ich nicht.« Er schmunzelte.

Sie sprach mit diesem harten Highland-Akzent, den er so mochte.

»Du kennst das Haus sicherlich gut. Willst du mir nicht alles zeigen?«

Ihr stockte der Atem. Ein Lord bat sie, ihm sein eigenes Haus zu zeigen! Sie zögerte kurz, doch der freundliche Ausdruck in seinen Augen ermutigte sie. »Ich kenne nur den Teil hier unten, aber den zeige ich Ihnen gern.« Sie strahlte ihn an und führte ihn in der ihr vertrauten, unteren Etage herum. Hazel fühlte sich so stolz, als wäre sie die Herrin des Hauses und nicht er.

»Es wird ein Vermögen kosten, das Haus wieder aufzubauen«, bemerkte Lord Denby beiläufig, als sie nach dem Rundgang wieder in der Halle ankamen. Er drehte seinen Hut in den Händen.

»Sie wollen es wieder herrichten?«, entfuhr es ihr entsetzt.

»Ja, das will ich. Mein Vater ist vor Kurzem verstorben und er hat unser Haus in Galloway meinem jüngeren Bruder hinterlassen. Ich habe zwar den Titel Lord Denby geerbt, aber ich muss dafür auch nach Broom Park zurückkehren. So hat es mein Vater verfügt.«

Hazel sagte kein Wort. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu, wandte sich um, und ließ ihn einfach stehen. Tief in ihrem Herzen spürte sie einen stechenden Schmerz. Sie rannte fast den ganzen Weg bis nach Hause und heiße Tränen liefen ihr über die Wange.

Er würde es ihr wegnehmen. Ihr Broom Park.

 

Hazel hatte nur Colin von ihrer Begegnung mit Lord Denby erzählt, doch bereits zwei Tage später wurde in der ganzen Gegend über nichts anderes mehr gesprochen, als darüber, dass die Denbys nach Broom Park zurückkehren würden. Viele hatten Angst, Lord Denby würde sie womöglich von ihrem Land und ihren Crofts vertreiben, so wie es die Großgrundbesitzer in Sutherland im Norden taten, um das Land für die Schafzucht zu nutzen. Clearences, Bereinigungen, nannten sie diese Vertreibung. Wenn die Leute sehr viel Glück hatten, erhielten sie etwas Geld und die Chance, nach Amerika zu gehen. Wenn nicht, wurde ihnen einfach das Dach über dem Kopf angezündet. Alistair hatte Bedenken, dass es auch in Appin bald soweit kommen würde.

Drei Wochen nachdem Hazel Lord Denby das erste Mal begegnet war, begannen im Herrenhaus die Renovierungsarbeiten. Hazel kam noch immer jeden Sonntag herüber und beobachtete von einem versteckten Platz aus, was gerade vorging. Mehr als drei Dutzend Männer arbeiteten ohne Rücksicht auf den Tag des Herrn.

Als Hazel das erste Mal nach zwei Wochen wiederkam, staunte sie. Das Herrenhaus war bereits vom Efeu befreit worden. Das kaputte Dach über der Halle war abgetragen und die Zimmerleute hatten einen neuen Dachstuhl aufgesetzt.

Woche für Woche gingen die Arbeiten von diesem Zeitpunkt an schneller voran. Das Haus erwachte aus seinem Dornröschenschlaf und nach vier Wochen zog Lord Denby ein, um die Arbeiten selbst zu überwachen. Nach zwei Monaten wurde auch der Garten entkrautet und neue Beete angelegt.

Als Hazel Ende Juli wieder an die Mauer kam, und durch ihren vertrauten Zugang wollte, war diese wieder aufgebaut und sie konnte nicht mehr hinein. Es war, als dürfte sie ihr eigenes Zuhause nicht mehr betreten. Sie wollte das nicht hinnehmen. Sie ging die Mauer entlang und suchte nach einer neuen Möglichkeit, ins Innere zu gelangen. Schließlich fand sie eine alte knorrige Eiche, deren unterste Äste dicht über dem Boden begannen. Eigentlich war sie ja schon zu alt für solche Albernheiten, aber darum scherte sie sich nicht. Sie raffte ihre Röcke zusammen und kletterte auf den Baum und von ihm aus auf die Mauer. Oben blickte sie nach links und rechts und jubelte leise. Nur ein Stück entfernt war auf der anderen Seite auch ein Baum, der ebenso gut zum Klettern war, wie die Eiche. Hazel balancierte auf der Mauer entlang und kletterte hinunter in den Park. Dort schlich sie unter den Bäumen dahin, bis sie das Haus sehen konnte. Irgendetwas schien passiert zu sein, denn plötzlich füllte sich der Platz vor dem Hauseingang, als sich eilig das Personal vor der Tür versammelte. Sie sahen alle so fein aus. Die Mädchen in schwarzen Kleidern mit weißen Schürzen und Häubchen und die Diener in dunklen Jacken mit feinen Westen darunter. Es waren an die zwanzig Hausangestellte. Hazel seufzte. Wenn sie wenigstens für die Denbys arbeiten könnte.

Ein leichtes Knirschen auf dem Kies der Einfahrt war zu hören und schließlich näherte sich eine Kutsche dem Haus. Hazels Augen verfolgten den von vier herrlichen Pferden gezogenen Wagen wie gebannt, als Lord Denby ausstieg. Seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte sie immer wieder an ihn denken müssen und sie beobachtete, wie er zwei Damen aus dem Wagen half. Die eine musste wohl seine Mutter sein. Die jüngere, blonde hielt Hazel für seine Schwester. Hazel folgte Lord Denby mit ihren Blicken bis alle im Haus verschwunden waren, und verließ den Park über den gleichen Weg, den sie gekommen war.

 

Der August kam. Hazel ging ihren täglichen Arbeiten zu Hause nach. Sie machte haltbaren Käse für den Winter aus der Schafsmilch, trocknete und räucherte Fisch und kochte die letzte Marmelade des Jahres aus den Beeren der Eberesche neben dem Haus. Da ihre Mutter wieder hustete, sammelte Hazel die letzten frischen Kräuter und machte ihr heiße Aufgüsse und Umschläge. Auch der kleine Garten verlangte jetzt intensive Pflege, damit die Ernte des Wintergemüses so gut wie möglich ausfiel.

Colin und Alistair waren dabei keine große Hilfe. Sie gingen neuerdings einmal in der Woche abends hinüber ins Dorf, wo sich die Männer im Alehouse trafen. Dort diskutierten sie über das, was Lord Denbys Anwesenheit für sie bedeutete. Hazel bekam von alldem nur das mit, was Colin und Alistair erzählten, und das war nicht viel. Wenn Lord Denby sie von dem Land vertreiben würde, auf dem ihr Cottage stand, würden sie wohl nach Amerika auswandern müssen. Alistair hatte einen Freund, der vor mehr als einem Jahr Schottland verlassen hatte. Dieser hatte im Frühjahr einen langen Brief geschrieben, den Alistair immer wieder las. Er war von dem Gedanken, nach Amerika zu gehen, geradezu besessen und er versuchte, die ganze Familie davon zu überzeugen, mit ihm zu kommen. Er sparte heimlich Geld dafür. Leider würde es noch eine ganze Weile dauern, bis es für eine Schiffspassage reichen würde. Außerdem hatte er genug Verantwortungsgefühl, um zu wissen, dass Colin allein Mutter und Schwester nicht würde ernähren können. Hazel interessierte das alles nicht. Sie wäre jetzt sowieso nicht mehr mit nach Amerika gegangen, denn sie hatte sich etwas anderes in den Kopf gesetzt.

Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden.

Seit sie sonntags nicht mehr nach Broom Park konnte, ging sie nach der Kirche heimlich zu Reverend Bain ins Haus. Sie hatte zwar die Sonntagsschule besucht, doch im letzten Jahr war Alistair der Ansicht gewesen, sie wäre zu alt und hätte genug gelernt und hatte es ihr kurzerhand verboten. Nun wollte Hazel wieder besser lesen und schreiben lernen. Die beste Gelegenheit unbemerkt zu lernen, war, wenn Colin und Alistair nach der Kirche ins Alehouse gingen, und Hazel nutzte diese Gelegenheit fleißig.

Zum Erstaunen des Reverends hatte sie eine sehr gute Auffassungsgabe und er erteilte ihr eine Art Privatunterricht, für die sich Hazel dann und wann mit ihrem hausgemachten Käse oder frisch geräuchertem Fisch bei ihm revanchierte. Hazel veränderte sich in diesem Sommer sehr. Sie achtete mehr auf ihre Kleider und ihr Haar und versuchte immer sauber und ordentlich auszusehen. Die schönsten Augenblicke waren für sie die, wenn der Reverend ihr gestattete, ein neues Buch aus dem Schrank zu holen.

Als Hazel Ende August wieder flüssig lesen konnte, war sie davon wie besessen. Sie verschlang die Bücher geradezu, egal welches Thema sie behandelten, auch wenn sie den Inhalt nicht immer ganz verstand. Wenn schönes Wetter war und ein leichter Wind ging, der die Midges vertrieb, stieg sie allein oben auf den Hügel hinter dem Pfarrhaus, der mit einem duftenden Teppich dichter blühender rosa Heide überzogen war. Hier oben konnte sie mit einem Buch in die Welt ihrer Träume entfliehen. Der Reverend hielt Hazel schließlich dazu an, bestimmte Bücher noch einmal zu lesen und sich alle Fragen, die sie hatte aufzuschreiben und er wählte die Bücher so aus, dass Hazel einen Überblick über die wichtigsten Wissensgebiete bekam. Plötzlich verstand sie auch, worüber sich die Männer Sorgen machten. Ihr ganzes Weltbild veränderte sich.

Es gab nicht nur ihr Cottage und das Dorf.

Die Welt war so groß. Es gab so viele Länder und Hazel schwor sich, alles zu tun, um so viel wie möglich davon zu sehen. Sie würde Hausmädchen bei den Denbys werden und irgendwann vielleicht nach London gehen und von dort … wer weiß wohin.

 

Ende August machte die Neuigkeit die Runde im Dorf, dass Lord Denby einen großen Ball geben würde. Es würden sicherlich noch Hilfen für die Küche gebraucht und Hazel bat Alistair um Erlaubnis, nach Broom Park gehen zu dürfen. Er stimmte zu ihrer eigenen Überraschung zu.

So stand Hazel eines Nachmittags vor dem Haupteingang und läutete an der Glocke neben der neuen, großen Eichentür mit den goldenen Messingbeschlägen.

Es wurde von einem Diener in Livree geöffnet, der sie abfällig musterte.

»Was willst du?«, fragte er barsch und ließ sie nicht ein.

»Ich möchte in der Küche helfen vor dem Ball.«

Hazel blickte ihn trotzig an.

»Geh dort hinten um die Ecke und an die Tür zum Küchentrakt. Frage nach Mrs Edwards. Vielleicht nimmt sie dich.«

Er knallte die Tür vor ihrer Nase zu und Hazel ging hinüber zu dem anderen Eingang.

Mrs Edwards war die Hausdame der Denbys. Sie war grauhaarig und rundlich mit kleinen, blauen Augen – und weitaus freundlicher als der Diener an der Tür. Sie nahm Hazel gern als Hilfe an und bat sie, da sie selbst niemanden aus dem Dorf kannte, ihr noch einigen Frauen zu benennen, die ebenfalls bei den Vorbereitungen mithelfen könnten. Als Hazel eine Stunde später wieder das Haus verließ, tanzte sie vor Freude die Auffahrt hinunter. Sie würde volle zwei Tage in Broom Park verbringen und in der Küche helfen. Sie war überglücklich.

Als sie das Tor durchschritten hatte und den Hauptweg eben verlassen wollte, um über den Küstenpfad nach Hause zu gehen, kam ihr ein Reiter entgegen. Es war Lord Denby. Seit jenem Tag in der Halle hatte sie ihn, außer am vergangenen Sonntag in der Kirche, nicht mehr von Nahem gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen. Jetzt zügelte er sein Pferd vor ihr und hielt an.

»Guten Tag, Mylord.« Hazel machte einen tiefen Knicks.

»Hazel MacAllen«, lachte er. »Wie geht es dir, junges Fräulein?«

»Sehr gut, Mylord. Danke.« Hazel strahlte ihn an und ihr Atem beschleunigte sich vor Aufregung. Sie hatte davon geträumt, ihm erneut zu begegnen. Nun war er hier. Und sie waren ganz allein. Sie spielte nervös mit ihren Haaren und hoffte gleichzeitig, er würde bemerken, dass sie diese neuerdings hochgesteckt trug.

»Was tust du hier?« Er beugte sich leicht zu ihr herunter.

Sie sah ein Funkeln in seinen Augen, das aus den kleinen Sprenkeln darin zu entspringen schien, und konnte sich seinem Blick nicht entziehen.

»Ich werde in der Küche in Ihrem Haus helfen.«

Hazel erhob ihren Kopf und straffte ihre Haltung. Ihre Augen weiteten sich. Er sollte sehen, dass sie stolz darauf war.

»Sehr gut. Ich hoffe, du kannst gut kochen«, sagte er, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich nicht mehr tun würde, als das Gemüse zu putzen und die Hühner zu rupfen.

»Sie scherzen, Mylord. Ich kann zwar kochen, aber meine Fähigkeiten dürften wohl kaum für einen so erlesenen Geschmack wie den Ihren ausreichen«, antwortete sie fast ohne schottischen Akzent und wunderte sich selbst über die Worte, die sie gewählt hatte. Hatte sie so eine Antwort vielleicht in einem der Bücher gelesen?

»Wo hast du gelernt so zu reden?« Lord Denby blickte sie erstaunt an.

»Ich hatte Unterricht beim Reverend«, gestand sie nicht ohne Stolz.«

»Und wo willst du jetzt hin, Hazel?«, fragte er.

»Nach Hause. Ich muss das Essen vorbereiten für meine Brüder.«

Sie blickte ihm noch immer direkt in die Augen.

»Soll ich dich hinbringen?«

Ihr schoss das Blut in die Wangen und sie spürte wie sie im Gesicht erglühte. Was für geradezu unanständiges Angebot. Sie konnte es nicht fassen. »Sie sollten keine solchen Späße mit einem armen Mädchen wie mir treiben, Mylord.«

»Die Frage war durchaus ernst gemeint.«

»Sie würden mich mit dem Pferd zu unserem Haus bringen?«

»Das würde ich.«

»Also gut.« Sie konnte nicht widerstehen. Sie hoffte allerdings, dass niemand sie sehen würde.

Lord Denby stieg ab. Er hob Hazel auf sein Pferd, die innerlich bebte. Sie wusste, es war mehr als unschicklich, was sie im Begriff waren zu tun. Jedenfalls für eine Dame. Andererseits … sie war ja keine Dame. Nur eine Fischerstochter. In diesem Moment erschien ihr dieser Umstand von Vorteil. Sie wünschte sich so sehr, ihm nur einmal nahe zu sein. Er stieg hinter ihr in den Sattel. Seine Arme umfassten ihre Taille, während seine Hände die Zügel hielten, und sie konnte die Wärme seines Körpers spüren. Hazel betete, er würde nicht merken, wie sehr ihr Herz in diesem Augenblick raste.

Sie hielt sich an der Mähne des Braunen fest und sie ritten langsam den Pfad hinunter zur Küste entlang. Es war ein recht klarer Tag und Hazel erklärte Lord Denby all die kleinen Inseln vor der Küste. Die Kuppen der Berge waren von Wolken verhangen, aber die Sonne fand noch ausreichend Platz, um ihre goldenen Strahlen hinunter aufs Meer zu schicken. Zu dieser Tageszeit schien für eine Weile die ganze Bucht von Blau erfüllt zu sein. Das Meer, der Himmel, ja selbst die leicht grauen Wolken und die sonst grünen Wiesen schienen blau.

Hazel blickte in die Ferne. Sie hoffte, Alistair und Colin wären noch etwas weiter draußen, und sie war froh, das kleine Segel nicht zu sehen. Sie bat Lord Denby, auf dem Hügel oberhalb des Hauses anzuhalten. Es war besser, das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Ihre Mutter würde sich sicherlich furchtbar aufregen, wenn sie ihre Tochter auf dem Pferd von Lord Denby sah. Hazel würde dieses Geheimnis für sich behalten und niemandem davon erzählen, dass sie es gewagt hatte, mit ihm auf einem Pferd zu sitzen.

Er half ihr herunter.

»Ich danke Ihnen, Mylord«, sagte sie, noch berauscht von ihren Gefühlen. »Das war herrlich.« Ihre Finger streichelten liebevoll den Hals des Tieres, als er wieder aufs Pferd stieg.

»Es war mir ein Vergnügen. Auf bald, Hazel«, lachte er, wendete das Pferd und ritt davon.

Sie blickte ihm nach und sah, dass er noch einmal anhielt bevor er den Wald erreichte. Schnell wandte sie sich um und rannte das letzte Stück zum Cottage hinunter. Er sollte nicht sehen, dass sie insgeheim darauf gewartet hatte.

 

Der Ball rückte näher und Hazel wusch am Bach neben dem Cottage ihre Sachen, die sie bei den Vorbereitungen in der Küche tragen wollte. Sie schrubbte die Wäsche auf der großen Schieferplatte in dem vom Moor braunen, kalten Wasser, bis ihre Finger schmerzten. Sie würde trotz der vielen Kernseife nie so sauber werden, wie sie es sich wünschte, doch sie sollte so sauber sein, wie es nur ging.

Schließlich kam der Freitag und Hazel ging morgens um fünf in der Dämmerung nach Broom Park. Sie war die Erste, die kam und Mrs Edwards fragte sie, welche Arbeit sie am liebsten verrichten wollte. Hazel freute sich über das Angebot. Sie entschloss sich, beim Backen zu helfen. Am Vormittag wurde der Teig angesetzt und die Laibe geformt und am Nachmittag wurden die Brote gebacken. Zudem wurden schon die Pasteten für das Fest gemacht.

Am Samstagmorgen war es ihre Aufgabe, das Gemüse vorzubereiten. Sie arbeitete mit Feuereifer und ihr Fleiß zahlte sich aus. Als alle anderen gegangen waren, bat Mrs Edwards sie, weiter mitzuhelfen, bis das Essen beendet war. Sie würde dafür noch einen Schilling erhalten. Das war mehr, als Alistair vor zwei Tagen für den Fisch bekommen hatte und Hazel würde vielleicht Gelegenheit haben, einen Blick auf all die feinen Ladys und Gentleman zu werfen, die zum Ball gekommen waren.

Schließlich wurde es Abend und Hazel hoffte, sie würde wenigstens eine freie Minute haben, aber man ließ sie nicht aus der Küche, bis sie sagte, ihr wäre schlecht und aus der Tür in den Hof rannte.

Es war ein relativ lauer Abend für diese Jahreszeit und Hazel sah, dass einige Gäste im Park waren. Sie schlich im Schutz der Bäume um das Haus herum, bis sie die großen hell erleuchteten Fenstertüren des Ballsaales sehen konnte, aus denen das Licht in den Park drang. Sie blieb unter einem Baum stehen. Broom Park war an diesem Abend so, wie sie es sich immer erträumt hatte. Da waren all die Leute. Die schönen Frauen in den prächtigen Abendkleidern und die Männer in ihren eleganten Anzügen. Aus dem Saal erklang die wundervollste Musik, die Hazel je gehört hatte. Die Klänge von Geigen, Flöten und Harfe vereinigten sich in völliger Harmonie. Sie ließ kein Auge von den tanzenden Männern und Frauen und bemerkte so nicht, dass sich jemand näherte.

»Gefällt es dir?«, fragte eine männliche Stimme, die sie sofort erkannte.

Hazel riss erschrocken die Augen auf und sah Lord Denby, der in einiger Entfernung im Halbdunkel neben ihr auf dem Rasen stand.

»Ich habe nie etwas Schöneres gesehen«, antwortete sie, blieb aber scheu unter ihrem Baum.

»Verzeihst du mir jetzt, dass ich das Haus wieder hergerichtet habe?« Er kam näher.

»Ich war Ihnen damals nicht böse. Ich hatte mir nur eingebildet, das Haus würde mir gehören, wenn ich allein hier war.« Hazel erwiderte sein Lächeln zögerlich.

»Gefällt dir die Musik?«, fragte er.

»Sehr«, entgegnete sie und beobachtete fasziniert, wie sich die Paare im Saal im Kreise drehten. Die Tänzer waren einander dabei so nah, wie Hazel es von den hiesigen Tänzen nicht kannte. Die Damen schienen in den Armen der Herren geradezu schwerelos über das Parkett zu gleiten. Sie wünschte sich in diesem Augenblich sehr, eine davon zu sein.

»Man nennt es Walzer«, erklärte Lord Denby. »Willst du lernen, wie man dazu tanzt?«

»Ich?«

Sie wollte eigentlich Nein sagen, doch er kam zu ihr, umfasste ihre Taille und nahm zu ihrer Verblüffung wie selbstverständlich einfach ihre rechte Hand in seine linke.

»Es ist ganz einfach. Sieh her. Ganz langsam. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei.«

Er zog sie mit sich und Hazel ließ sich voller Vertrauen von ihm führen. Sie tanzten einmal um den Baum herum. Hazel schwebte in seinen Armen über den Rasen, bis er innehielt. Sie blickte zu ihm auf und sah etwas in seinen Augen glimmen, das sie irritierte, weil es sich auf sie zu übertragen schien.

»Ich muss wieder in die Küche«, sagte sie hastig und lief davon.

Lord Denby blickte ihr grübelnd nach.

Hazel schrubbte in der Küche das dreckige Geschirr. Ihre Gedanken waren bei dem, was sie eben erlebt hatte. Als sie darüber nachdachte, liefen ihr Tränen über die Wangen und tropften in das Waschwasser. Sie würde niemals zu diesen feinen Leuten gehören. Aber war sie, wie Alistair behauptete, von Geburt an dazu verdammt, im höchsten Falle auf ein Leben als Dienstmagd zu hoffen? Verflucht noch mal – nein! Sie wollte mehr, viel mehr, und sie würde alles dafür tun. Sie würde nicht hier in der schottischen Einöde in einem kleinen Cottage enden und irgendeinem Kerl, den sie womöglich nur aus Geldnot heiraten würde, einen Haufen Kinder gebären. Nein!

 

Die Nacht verbrachte Hazel mit ein paar der anderen Mädchen im Heu über dem Stall von Broom Park. Als der Tag graute, nahm sie ihren Wollschal und ging den vertrauten Pfad entlang der Küste nach Hause. Sie war lange nicht bei Sonnenaufgang auf dem Hügel gewesen und sie setzte sich zwischen den Farn. Unten über dem Wasser und dem Land waberten leichte Nebelschwaden, die sich bereits auflösten und ganz langsam tauchte die Sonne die Spitzen der Berge auf der anderen Seite der Bucht in sanftes, rotgoldenes Licht. Für einige Minuten schien alles in intensivem Gold zu leuchten, bis die Sonne ganz über die Berge war.

Zu Hause bereitete sie das Frühstück aus Haferkeksen und Porridge für Colin und Alistair zu und ging dann hinüber in den Stall, bis Colin nach ihr rief. Die Familie brannte darauf zu hören, was sie zu erzählen hatte und Hazel berichtete alles ausführlich. Dass Lord Denby mit ihr auf dem Rasen getanzt hatte, verschwieg sie allerdings.

In den nächsten Wochen nach dem Ball sah sie ihn nur noch sonntags in der Kirche, wo er jedoch nie mit ihr sprach.

 

Der September ging mit viel Regen zu Ende, der kaum hörbar aber ständig wie ein feiner Schleier über der Landschaft hing. Der Oktober brachte die ersten schweren Herbststürme im Wechsel mit nassen, von Nebel verhangenen Tagen und damit wachsender Sorge um Colin und Alistair, wenn sie mit dem Boot draußen waren. Das Farnkraut und die Heide verfärbten sich zusehends braun und die einzige Zierde blieben die von Feuchtigkeit weißen Spinnennetze, in denen die Wassertröpfchen glitzerten.

Hazel sammelte die letzten Kräuter und hängte sie zum Trocknen im Haus auf. Die Kunst, Heilkräuter richtig einzusetzen, hatte sie von ihrer Großmutter gelernt, die etwas gegen fast alle Leiden gewusst hatte: Coltsfoot gegen Husten, Tormentil gegen Entzündungen, Herb Robert zur Behandlung von Wunden und vieles mehr. Hazel ging sehr sorgfältig mit ihrem Wissen um. In diesem Jahr schrieb sie, zum Erstaunen ihrer Mutter, zum ersten Mal die Namen der Kräuter und Wurzeln auf kleine Zettel und hängte diese an die tönernen Töpfe, in denen sie nach dem Trocknen aufbewahrt wurden.

Der Winter kam rasch und bald waren die Gipfel der Berge vom ersten Schnee bedeckt. Mrs MacAllen verließ kaum noch das Haus, in dem das Feuer nun Tag und Nacht brannte. Hazel hatte gottlob mehr Treibholz gesammelt und Colin hatte mehr Torf gestochen, als in den Jahren zuvor. Diesen Winter würden sie hoffentlich nicht so frieren, wie im letzten. Von dem wenigen Geld, das Hazel auf dem Ball verdient hatte, hatte sie ein gebrauchtes Spinnrad gekauft. Colin hatte es wieder hergerichtet und Hazel hatte die Wolle der Schafe gesponnen, was so viel besser und schneller ging, als mit der einfachen Handspindel.

Sie hatte sie nach dem Spinnen mit Heidekraut grün gefärbt und nun strickte sie fleißig für jeden etwas Warmes. Jacken für sich und ihre Mutter und neue dicke Pullover für Colin und Alistair. Die beiden fuhren nach wie vor jeden Tag mit dem Boot hinaus. Aber sie brachten zu dieser Jahreszeit nur wenig Fisch mit nach Hause. Auch Lobster verirrten sich nicht mehr oft in die Fangkörbe.

Colin fluchte eines Abends, als sie beim Essen saßen: »Warum mussten die Denbys zurückkommen? All die Jahre hat sich kein Mensch um ihren Besitz gekümmert und jetzt haben sie einen Jagdaufseher. Es geht das Gerücht, es wäre Rory Campbell. Ausgerechnet jemand, den wir kennen. Ich kann nicht mal mehr ein Kaninchen fangen, ohne dass ich Angst haben muss, jemand könnte mich dabei erwischen.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Wir werden schon an einen Braten kommen, Colin. Lass das nur meine Sorge sein«, erwiderte Alistair ruhig.

»Ihr wollt doch nicht etwa wildern?« Ihre Mutter schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund.

»Das haben wir immer getan, Mutter. Nur bisher hat sich niemand darum gekümmert«, entgegnete Alistair trocken.

»Ich verbiete euch, an so etwas auch nur zu denken!«

»Du brauchst im Winter ab und zu ein richtiges Stück Fleisch, Mutter. Deine Gesundheit ist angeschlagen genug.« Colin legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Ich will das nicht.« In den Augen von Fiona MacAllen spiegelte sich die pure Verzweiflung wider. Auf Wilderei stand noch immer die Todesstrafe.

»Nun, Mutter, wenn Colin sich nicht so eisern dagegen gewehrt hätte, dass wir in den Handel mit Kelp einsteigen, wären wir vielleicht heute nicht so arm.« Alistairs Augen blitzten seinen Bruder vorwurfsvoll an.

»Du weißt, dass der Kelp nur so lange ein gutes Geschäft ist, bis der Handelsbann gegen Frankreich aufgehoben ist. Napoleon ist geschlagen und sitzt auf Elba. Was glaubst du, wie lange sie den Handel noch sperren? Ein paar Jahre vielleicht, und alle, die auf den Kelp gesetzt haben, stehen dann vor dem Nichts.«

»Du solltest Politiker werden.« Alistair lachte verächtlich.

Als ihre Mutter schon schlief, hörte Hazel, wie sich Colin und Alistair weiter stritten und sich dann leise unterhielten.

»Ich werde in den nächsten Nächten ein paar Schlingen legen. Das wird niemand merken. Von den reichen Leuten geht bei diesem Wetter sowieso keiner vor die Tür«, sagte Alistair.

»Tu das, aber sag Mutter nichts davon«, antwortete Colin leise.

 

Eine Woche später brachte Alistair mit einem breiten Grinsen und zum Entsetzen der Mutter das erste Kaninchen mit. Hazel füllte es mit Brot und Kräutern und es schmeckte herrlich. Von da an gab es fast jede Woche einmal Fleisch. Alistair verwischte immer seine Spuren im Schnee, wenn er die Schlingen legte oder die Kaninchen nach Hause brachte. Niemand sollte wissen, wer der Wilderer war. Hazel hätte gern die kleinen warmen Felle aufgehoben und gegerbt, doch Alistair zwang sie immer, alle Reste zu verbrennen und die Knochen möglichst weit weg vom Haus zu vergraben. Eines Abends brachte Alistair ein riesiges Stück Fleisch mit. Es war eine ganze Hirschkeule.

»Der hatte sich mit dem Geweih wohl beim Fressen in der Schlinge verfangen. Gott sei Dank hat sie gehalten« lachte er, als er das Fleisch auf den Tisch knallte.

»Du bist verrückt«, sagte selbst Colin, als er es sah. Dann grinste er breit und fragte zu Hazels Entsetzen: »Wo ist der Rest?«

»Den hole ich morgen«, erwiderte Alistair, ohne zu sagen, wo er das Tier versteckt hatte.

Fiona MacAllen schwieg zu dem, was sie sah und auch Hazel biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass Alistair sie alle in Gefahr brachte. Ein falsches Wort von ihr hätte ihr wahrscheinlich nur eine Tracht Prügel eingebracht. So akzeptierte sie es einfach, bis sie an einem kalten Tag Ende November wieder am Strand war und Treibholz sammelte. Als sie draußen in der Bucht das kleine Segel des Bootes sah, winkte sie Colin und Alistair zu, lief zum Steg und wartete. Colin holte das Segel ein und Alistair ruderte das Boot das letzte Stück. Hazel fing das Seil auf, das Colin ihr zuwarf. Sie band das Boot an, als plötzlich vom Haus her ein angstvoller Schrei ertönte. Es war ihre Mutter. Hazel drehte sich um und rannte den Pfad hinauf. Colin und Alistair sprangen aus dem Boot und folgten ihr. Zwei Reiter waren vor dem Haus. Ein dritter Mann hielt ihre Mutter fest.

»Wir wissen genau, dass Ihre Söhne auf dem Land von Lord Denby wildern, Mrs MacAllen«, sagte der eine Reiter laut.

Hazel traute ihren Augen nicht. Es war tatsächlich Rory Campbell, der von Lord Denby zum Jagdaufseher gemacht worden war.

Sie blickte Alistair an und zischte leise: »Habe ich nicht immer gesagt, dass er ein Widerling ist?«

»Jaja. Du hattest recht. Aber sei still jetzt.«

Alistair bedeutete Hazel, sich, wie schon Colin, hinter der Mauer, die das Haus umgab, zu ducken. Rory blieb auf seinem Pferd und schickte die beiden anderen Männer in das Cottage. Hazel hörte, dass sie dort alles durchsuchten. Ihre Mutter stand hilflos vor der Tür.

»Ich muss etwas tun«, sagte Hazel leise zu Colin. »Sie schlagen sonst alles kurz und klein.«

»Nicht!«, rief er leise, doch sie war schon aufgesprungen und lief hinüber zum Haus.

»Aufhören!«, schrie sie so laut sie konnte. »Aufhören!«

Die Geräusche im Haus verstummten und die Männer kamen heraus.

»Sieh mal an. Wen haben wir denn da?« Rory blickte sie forschend an.

»Lass meine Mutter in Ruhe, Rory!«, fauchte Hazel ihn an.

»Sollen wir uns lieber mit dir befassen, kleine Wildkatze?«, lachte er unverschämt.

»Verschwinde, oder ich werde mich bei Lord Denby über dich beschweren.« Hazel ließ sich ihre Angst nicht anmerken.

Die drei Männer lachten schallend.

»Beschweren will sie sich, bei seiner Lordschaft. Habt ihr das gehört?« Rory schlug sich lachend auf den Schenkel. »Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast?« Er grinste sie an.

»Einen Campbell, was sonst.« Hazel stemmte die Hände in die Hüften.

»Ja. Ganz recht. Und einen, der dir Manieren beibringen wird.«

Rory lenkte sein Pferd auf Hazel zu.

»Wie kannst du von Manieren sprechen und einfach in unser Haus eindringen? Schämen solltest du dich, Rory! Du warst einer von uns und jetzt bist du gegen uns und zerstörst die wenigen Dinge, die wir haben.« Hazel hob den Kopf.

»Sei froh, wenn wir dir nicht das Haus über deinem hübschen Köpfchen anzünden«, grinste Rory. »Das hättest du deinen Brüdern zu verdanken.«

»Wovon redest du?«, fragte Hazel und tat unwissend.

»Von den Kaninchen, die ihr mit Fallen jagt und von dem Hirsch, dessen Überreste die Hunde gefunden haben. Wenn ich nur die kleinste Spur davon in eurem Haus finde, sind deine Brüder dran.« Rory hielt Hazel seine Reitgerte vor die Nase.

»Macht weiter!«, wandte er sich an die beiden anderen Männer.

»Rory Campbell. Glaubst du wirklich, wir wären so dumm und würden irgendwelche Reste im Haus hinterlassen, wenn meine Brüder tatsächlich wildern würden?«

In Hazels Kopf rasten die Gedanken durcheinander. War sie damit vielleicht zu frech gewesen?

Rory sah sie mit einem durchdringenden Blick an.

»Hört auf!«, rief er den Männern zu. »Wir gehen.«

Die beiden kamen heraus und stiegen auf die Pferde.

»Also gut. Nur weil du es bist, Hazel. Aber ich warne dich. Ich bin auch nicht dumm und ich werde dafür sorgen, dass die Wilderei aufhört. Sag das deinen Brüdern!«, war das Letzte, was Rory sagte, bevor sie davonritten.

Fast hätte Hazel ihm nachgerufen: Versuch es doch, aber sie tat es nicht. Sie nahm ihre Mutter in den Arm und sie gingen hinein. Colin und Alistair kamen kurz darauf hinterher.

Es sah schlimm aus. Sie hatten die Betten auseinander gerissen, den Tisch umgeworfen und in den Vorratstöpfen herumgestochert. Colin fluchte. Alistair schleuderte seine Jacke voller Wut auf den Boden.

 

Ihre Mutter regte sich so über die ganze Geschichte auf, dass sie wieder ihren Husten bekam. Sie brauchte jetzt erst recht etwas Kräftiges zu Essen. Fisch allein reichte nicht aus und Colin und Alistair fingen zurzeit auch nicht viel. Es war wieder kälter geworden und in den Nächten schneite es oft leicht. Gottlob blieb der Schnee nahe der Küste meist nicht lange liegen und taute bis zum Abend weg. Nur die Berge hatten jetzt immer weiße Kuppen. Doch die Kälte und der Wind waren auch am Meer sehr unangenehm.

Am nächsten Sonntag ging Fiona MacAllen nicht mit zur Kirche. Während der Messe bemerkte Hazel, wie Alistair und Colin plötzlich verschwanden. Hazel wusste, was sie vorhatten und verhielt sich still. Als sie die Kirche nach der Messe verließen, wartete Hazel noch einen Moment vor der Tür. Sie wollte den Reverend fragen, ob sie wieder zum Lesen in sein Haus kommen dürfte. Während sie wartete, kam Lord Denby mit seiner Mutter aus dem Gotteshaus. Hazel ließ wie immer kein Auge von ihm, leider schien er sie nicht zu bemerken. Hazel musterte die alte Dame. Lady Denby war schon fast siebzig, weißhaarig und benutzte einen Stock mit einem Silberknauf als Gehhilfe. Sie hatte spät geheiratet und mit fast dreißig Jahren ihr erstes Kind geboren. Als sie aus der Kirche kam, wirkte sie alt und müde und die Kälte machte ihr, trotz des dicken Pelzmantels, den sie trug, sichtlich zu schaffen. Hazel beobachtete, wie die Denbys zu ihrer Kutsche gingen. Simon half seiner Mutter hinein und die Kutsche fuhr los.

Hazel wollte hinüber zum Reverend gehen, als sie Rory Campbell auf seinem Pferd ankommen sah. Er ritt auf die Kutsche zu und ließ den Kutscher halten. Hazel sah, dass er etwas an einem Strick hinter sich her durch den Schneematsch schleifte. Sie schrie auf.

Es war Alistair.

Rory hatte ihn erwischt. Hazel rannte aus dem Kirchhof auf ihren Bruder zu. Wo war nur Colin?

Rory sprach mit Lord Denby, der sich aus dem Fenster des Wagens beugte.

»Hier ist der Wilderer, von dem ich Ihnen erzählt habe, Mylord«, grinste Rory zufrieden.

»Campbell! Was soll das? War das denn nötig? Lassen Sie den Mann aufstehen. Egal was er getan hat, niemand wird hier so behandelt.«

Hazel rannte an der Kutsche vorbei zu Alistair, der am Boden lag und stöhnte. Sie kniete neben ihm und hatte Alistairs Kopf auf ihren Schoß gelegt. Sie streichelte sein verschrammtes Gesicht.

Lord Denby war derweil aus dem Wagen gestiegen und trat zu ihr.

»Kennen Sie den Mann, Miss MacAllen?«, fragte er sie ernst.

»Er ist mein Bruder.« Hazel blickte flehend zu ihm auf. Tränen rannen über ihre Wangen. So sehr sie Alistair und seine Launen manchmal ängstigten oder wütend machten … er war ihr Bruder und jetzt war er in Gefahr.

»Ihr Bruder.« Lord Denby seufzte kaum hörbar.

»Stehen Sie auf, MacAllen«, sagte er streng.

Alistair stöhnte auf, als Hazel ihm auf die Beine half. Das halbe Dorf stand mittlerweile um sie herum.

»Sie wissen, welche Strafe auf das Wildern steht?«, fragte Lord Denby todernst.

Alistair nickte.

»Aber es ist Winter und es ist bald Weihnachten. Ich will daher Gnade vor Recht ergehen lassen, MacAllen. Sie sind Fischer, wenn ich recht informiert bin. Sie werden mir daher in den nächsten Monaten regelmäßig einen Teil Ihres Fangs abliefern. Vor allem Lobster möchte ich haben. Außerdem werden Sie Ihre Schwester in mein Haus schicken. Ich möchte, dass sie auf Broom Park arbeitet.« Lord Denbys strenger Blick ließ keinen Zweifel daran, dass das keine Bitte, sondern ein Befehl war. Alistair sagte kein Wort und biss sich auf die Lippen.

»Danke«, antwortete Hazel erleichtert und kniff Alistair in den Arm.

»Danke, Sir«, antwortete auch Alistair.

»Aber, Mylord. Sie wollen doch den Kerl nicht so einfach ohne Strafe gehen lassen?«, entrüstete sich Rory.

»Ich denke, Sie vergessen, wer hier das Sagen hat, Campbell. Gehen Sie, und wenn Sie wieder jemanden einfangen, dann schleifen Sie ihn nicht hinter sich her. Ich dulde so etwas nicht!« Lord Denby war sichtlich ungehalten und wurde laut.

»Jawohl, Mylord«, sagte Rory und warf Hazel und Alistair einen hassvollen Blick zu, als er davonritt.

Hazel blickte Lord Denby an und dankte ihm stumm. Sie konnte nicht glauben, was er eben gesagt hatte. Er wollte, dass sie nach Broom Park kam. Es war, als könnte er ihre geheimsten Gedanken lesen. Lord Denby stieg wieder in den Wagen und ließ den Kutscher fahren. Er sah Hazel noch an, als der Wagen an ihr vorüber rollte.

Die Leute um sie herum jubelten, kamen auf sie zu und klopften Alistair auf die Schulter. Ein paar Männer zogen ihn und Hazel mit sich Richtung Alehouse. Es war ein Triumph für sie alle. Es schien, als würde Lord Denby wirklich auf ihrer Seite stehen. Als sie ins Alehouse gehen wollten, kam Colin mit einem hochroten, verschwitzten Gesicht angerannt.

»Was ist passiert?«, rief er schon von Weitem.

Hazel lief ihm entgegen und fiel ihm glücklich um den Hals.

»Lord Denby hat Alistair gehen lassen«, lachte sie.

»Und er hat Rory zurechtgewiesen«, fügte Alistair hinzu.

»Das ist ein Grund zum Feiern«, lachte Colin und ging mit ins Alehouse.

Hazel blieb draußen. Frauen waren drinnen nicht erwünscht. Die Männer würden jetzt Bier und Whisky trinken und feiern. Sie seufzte und machte sich, wie die anderen Frauen, auf den Heimweg, um ihrer Mutter alles zu erzählen.

 

Colin und Alistair kamen erst am späten Nachmittag heim. Alistair war reichlich betrunken. Colin hatte sich Gottlob zurückgehalten. Sie stolperten beide lachend durch die kleine Haustür. Hazel blickte erschrocken von ihrer Strickarbeit auf.

»Schscht«, sagte sie leise. »Ihr weckt Mutter auf.«

Colin setzte Alistair auf einem Stuhl ab und kam zu ihr.

»Steh auf, Hazel. Dein Bruder will mit dir tanzen«, sagte er und zog sie etwas unsanft von ihrem Stuhl hoch.

»Du stinkst nach Whisky«, sagte sie entrüstet, als sie seinen Atem roch.

»Ich bitte um Verzeihung, Mylady«, lachte Colin und tanzte mit ihr um den Tisch herum.

Plötzlich gab es einem lauten Schlag.

»Hört auf!«, brüllte Alistair ungehalten. Er hatte mit der Hand auf den Tisch geschlagen.

»Sein kein Spielverderber, Alistair.« Colin runzelte die Stirn.

»Das ist kein Spiel. Komm her, Hazel!«, forderte Alistair.

Hazel ging zu ihm. Er sah sie mit leicht getrübten Augen an.

»Was ist denn?« Sie blieb vor ihm stehen und er fasste sie am Handgelenk. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sein Griff immer fester wurde.

»Was ist der Grund dafür, dass Lord Denby mich hat laufen lassen?« Seine Zunge war schwer.

»Ich weiß es nicht.« Sie tat unschuldig und unwissend. Es war doch auch nichts geschehen. Nichts, dessen sie sich hätte schämen müssen.

»Wirklich nicht, Hazel? Bist du es vielleicht?«, lallte er.

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du bist kein Kind mehr und sehr hübsch. Vielleicht ist Lord Denby an dir interessiert und du hast ihm schöne Augen gemacht.« Er zog eine ihrer Haarsträhnen hervor, hielt sie fest und blickte Hazel fragend an.

»Unsinn, Alistair.« Hazel entzog ihm empört Hand und Haare.

»Du wirst aber auf keinen Fall nach Broom Park gehen«, entschied Alistair rau. Er schien etwas wacher zu werden.

»Was? Aber genau das will ich doch. Ich möchte dort arbeiten!«, rief Hazel entsetzt.

»Vergiss es. Ich will nicht, dass du dich zur Hure dieses feinen Pinkels machst und genau das wirst du wohl werden.« Er stand auf und schwankte leicht.

Hazel holte aus, verpasste Alistair eine schallende Ohrfeige und ging erschrocken darüber ein paar Schritte zurück. Sie hatte es noch nie gewagt, die Hand gegen jemand anderen zu erheben. Zitternd stand sie da. Alistair öffnete die Schnalle an seinem Ledergürtel, nahm ihn ab und ging auf Hazel zu.

»Ich werde dich lehren, wie man Weiber behandelt, die ihren Bruder ohrfeigen«, sagte er bedrohlich.

»Nicht, Alistair!« Colin hielt ihn zurück. »Du hast sie provoziert. Lass sie in Ruhe oder ich verpasse dir noch eine Ohrfeige, die wird allerdings nicht so sanft ausfallen wie die von Hazel.« Er schob Alistair zurück auf seinen Stuhl.

»Ich gehe nach Broom Park, ob es dir gefällt oder nicht, und wenn du solche Dinge von mir denkst, will ich nicht länger deine Schwester sein«, sagte Hazel erbost.

Sie rannte aus dem Haus, knallte die Tür hinter sich zu und lief hinunter zum Strand. Der Wind war schneidend kalt und die kleinen Schneeflocken stachen wie Nadeln in ihrem Gesicht. Hazel bebte vor Wut. Ihr Entschluss stand fest und nichts und niemand würde sie davon abhalten.


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J. C. Philipp wurde 1966 im Taunus geboren. Sie wuchs in einem überaus reiselustigen Elternhaus auf und besuchte, seit sie 10 Jahre alt war, unter anderem regelmäßig Schottland, England und Wales. Inzwischen hat sie 39 Länder bereist und spricht 5 Sprachen. Ihren ersten Roman, Chestnut Hill, begann sie noch während der Schulzeit. Schreiben ist für sie Entspannung und Arbeit zugleich. Sie legt Wert darauf, nach entsprechender Recherche, viele belegte Geschichtsdaten in ihre Romane einzuarbeiten. Mit ihrem Mann und ihren Haustieren lebt die begeisterte Reiterin im Taunus in einem 300 Jahre alten Fachwerkhaus.

 

All die kleinen Dinge

Kapitel 1

»Sieh’s mal so – alles, was wir zu verlieren hatten, ist schon weg.«

Thelma & Louise

Ab einem gewissen Alter sollte man darauf verzichten, seinen Geburtstag zu feiern. Ganz im Ernst. Ansonsten ist man nur frustriert. Ich jedenfalls war es, als ich keuchend eine Umzugskiste hoch in den dritten Stock eines Weddinger Altbaus schleppte und darüber nachdachte, mit gerade mal dreißig Jahren nicht besonders weit auf der Karriereleiter und überhaupt in meinem Leben gekommen zu sein.

Schweißgebadet stellte ich den Karton in dem winzigen Flur ab, der zu der ebenfalls recht kleinen Zweiraumwohnung meiner besten Freundin Bine gehörte. Sie ließ mich und meine Tochter Mia dankenswerterweise bei sich einziehen. Wir waren gerade obdachlos geworden. Ein solventer Investor hatte sich unser bescheidenes Zuhause und die dazugehörige Gründerzeitmietskaserne für einen Spottpreis unter den Nagel gerissen. Kurz darauf war er auf die grandiose Idee gekommen, aus den kleinen, schäbigen Altbauwohnungen mit Ofenheizung schicke Eigentumslofts zu machen, um damit noch mehr Millionen zu scheffeln. Von Mieterschutz hielt er ähnlich viel wie ein afrikanischer Warlord von der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Horde bulgarischer Entmieter, die er engagierte, sorgte dann auch sehr wirkungsvoll dafür, besagte Pläne zügig in die Tat umzusetzen.

Nachdem uns die muskelbepackten Herren mit dem Charme einer Abrissbirne sechs Monate lang das Leben zur Hölle gemacht hatten, gaben wir auf. Mein dreißigster Geburtstag war also alles andere als ein Tag der grenzenlosen Freude.

Erschöpft ließ ich mich auf eine der Kisten nieder, die bereits in dem kleinen Flur standen und dafür sorgten, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Was, wie gesagt, weniger an den paar Kisten, als vielmehr an dem wirklich kleinen Flur lag. In der Küche hörte ich Bine mit Mia herumalbern.

»Nina? Bist du das?«

»Ja-a. War die letzte Kiste.«

»Wir sind auch gleich fertig. Und komm’ bloß nicht in die Küche.«

»Kein Problem«, die ist sowieso zu klein, fügte ich in Gedanken hinzu. Sie bereiteten eine streng geheime Geburtstagsüberraschung für mich vor und durften nicht gestört werden. Unsere Freunde Carlos und Tomas waren unten damit beschäftigt, eine der begehrten Parklücken für den kleinen Lieferwagen zu finden, den ich für den Umzug gemietet hatte. Was erfahrungsgemäß Stunden dauern konnte. Parkplätze waren in der Gegend ähnlich selten zu finden, wie eine Wasserstelle in der Wüste Gobi. Ich hatte also genügend Zeit, in aller Ruhe ein Fazit meiner bisherigen dreißig Lebensjahre zu ziehen.

Besonders viel gab es da nicht auf meiner Haben-Seite, wenn ich mir unseren bescheidenen Besitz so ansah. Die großen Möbel aus unserer Wohnung hatten wir in einer Halle eingelagert, die zur Autowerkstatt von Tomas bestem Kumpel Janos gehörte. Es würde vermutlich Monate dauern, bis ich auf dem heißumkämpften Wohnungsmarkt in Berlin eine passende Bleibe für uns finden würde, da machte ich mir keine Illusionen. Das alberne Kichern meiner Tochter drang gedämpft aus der Küche zu mir und erinnerte mich daran, dass nicht alles deprimierend war. Mia war nämlich das dicke Plus in meinem Leben.

Sie war alles andere als ein Wunschkind gewesen, muss ich gestehen. Mit 18 Jahren hatte ich eine Menge Wünsche auf meiner Liste; ein dicker Bauch, Schwangerschaftsstreifen und Wasser in den Beinen gehörten allerdings nicht dazu.

Ich hatte gerade mein zweites Ausbildungsjahr als Hotelfachfrau im Mirage, der luxuriösesten Luxusherberge Berlins, als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Meine Lehrer und Kollegen schlossen bereits Wetten darauf ab, welches unserer um den ganzen Erdball verteilten Nobel-Hotels ich in zehn Jahren leiten würde. Schließlich war ich nicht nur dafür bekannt ziemlich gut, sondern auch wahnsinnig ehrgeizig zu sein. Während ich mich in meinen Träumen schon als neuer Shootingstar am internationalen Hotelhimmel sah, lief mir Patrick Reimann über den Weg. Er war wie ich in seinem letzten Ausbildungsjahr und kam aus unserem Hamburger Hotel nach Berlin. Gerüchten zufolge war dies nicht ganz freiwillig geschehen und hatte wohl mit der Tochter des Küchenchefs zu tun, mit der Patrick ein etwas zu enges Verhältnis pflegte. Jedenfalls aus Sicht des Küchenchefs. Patrick sah aus wie ein jüngerer Zwillingsbruder von Keanu Reeves, war ähnlich charmant und sexy, hatte Humor und das schönste Paar samtbrauner Augen, das ich jemals gesehen hatte. Was den Gerüchten über den unglücklichen Küchenchef durchaus Substanz verlieh. Wessen Tochter würde sich nicht in solch ein Prachtexemplar von Mann verlieben?! Was das Fachwissen anbelangte, war Patrick die totale Niete.

Ich half ihm den Unterrichtsstoff aufzuholen, gab ihm Tipps und Tricks für seine Prüfungen und er schaffte es im Laufe des Jahres tatsächlich bis ins oberste Leistungsdrittel unseres Jahrgangs. Ganz nebenbei wurden wir ein Paar. Heimlich. Liebeleien unter den Angestellten sah man im Mirage nicht gerne und einen weiteren Ausrutscher konnte Patrick sich nun wirklich nicht leisten. Am Ende des Jahres war ich im fünften Monat schwanger, während mein Freund mit meiner Hilfe seine Prüfungen mit Auszeichnung bestand.

Am Abend seiner Abschlussfeier machte er mit mir Schluss. Den Hinweis, dass wir ein Kind erwarteten, kommentierte er reichlich abgeklärt.

»Du erwartest ein Kind. Nicht ich. Also ist es dein Problem.« Seine männliche Logik war herzerfrischend.

Am nächsten Tag verschwand er in Richtung London und ließ mich sitzen. Wegen der Schwangerschaft musste ich meine Ausbildung unterbrechen und stand nun völlig mittellos da. Ich zog wieder bei meiner Mutter ein – eine wirklich deprimierende Erfahrung – und das lag nicht nur am Plattenbau, den ich noch aus den trüben Jahren meiner Kindheit in Marzahn kannte und den ich doch unbedingt hinter mir lassen wollte.

Statt eines spektakulären Ausblicks auf das Brandenburger Tor, die Skyline New Yorks oder eines karibischen Traumstrandes, starrte ich wieder auf das öde Umland des Berliner Ostens und fragte mich, wie ich das alles hinbekommen sollte. Ohne Ausbildung. Ohne Job. Ohne Freund.

Meine Mutter war in dieser Situation keine große Hilfe. Mal abgesehen davon, dass ich umsonst in meinem alten Kinderzimmer wohnen durfte. Dummerweise hatte sie dies zu einer Art Außenstelle der Berliner Wertstoffsammlung verwandelt. Nachdem ich damals ausgezogen war, ertränkte sie ihre Einsamkeit nämlich gern in ein, zwei Flaschen Rotwein der Marke »Pennerglück« und nahm es mit der Altglasentsorgung nicht so genau.

Bei Fragen und Ängsten, die einer knapp 19 Jahre alten Schwangeren sonst so durch den Kopf gingen, war sie eine Katastrophe. Meist jammerte sie mir mit Blick auf meinen immer dicker werdenden Bauch vor, dass ich a) eine große Enttäuschung für sie sei, dass sie sich b) so viel mehr von mir versprochen hatte und dass ich c) nun die gleichen, idiotischen Fehler machen musste, wie sie. Ihr Mann – mein Vater – hatte sich nämlich ähnlich mies verhalten wie Patrick. Den Hang, sich mit den falschen Männern abzugeben, hatte ich demnach von ihr. Ansonsten gab es kaum Gemeinsamkeiten.

»Heutzutage kriegt man doch kein Baby mehr. In deinem Alter, also wirklich. Da treibt man ab!«

Ich schob ihre wenig mitfühlende Sicht der Dinge auf den Genuss von zu viel Rotwein und der Verbitterung, es niemals raus aus Marzahn geschafft zu haben.

»Ist jetzt eh zu spät«, fügte sie mit Blick auf meinen dicken Bauch hinzu und nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas. »Zur Not gibt’s die Babyklappe.« Wenigstens war sie pragmatisch und ließ in den Monaten danach der Natur ihren Lauf.

Als mir nach einer endlos scheinenden Schwangerschaft und einer vierzehnstündigen Wehenzeit im Krankenhaus das winzige zerknautschte Bündel auf den Bauch gelegt wurde, wusste ich, dass ich mit Mia die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nur das Timing war echt blöd.

Etwas mehr als elf Jahre waren seit diesem Tag vergangen und vom ersten Augenblick an besaß Mia die seltene Gabe, jeden, der ihr begegnete, zu verzaubern. Selbst meine Mutter liebte sie von der ersten Sekunde an abgöttisch, schwor von einem Tag zum anderen dem Rotwein ab und kümmerte sich liebevoll um Mia, als ich endlich wieder anfangen konnte zu arbeiten. Sie gab sogar das Rauchen in der Wohnung auf und gönnte sich ihre Selbstgestopften nur noch auf dem winzigen Balkon unserer Wohnung hoch oben im elften Stock. Ich durfte meine Ausbildung fortsetzen, musste allerdings das ganze letzte Jahr wiederholen. Meine Mutter und ich erlebten ein wunderbares erstes Jahr mit Mia und kurz bevor die Abschlussprüfungen anstanden, ging meine Mutter morgens in den Supermarkt und kam nicht mehr wieder.

Ich sah sie zum letzten Mal in der Notaufnahme des Krankenhauses, in das sie eingeliefert worden war, als sie vor dem Spirituosenregal zusammenbrach und man sie mehr als eine halbe Stunde dort liegenließ, bevor eine Angestellte auf die glorreiche Idee kam, vielleicht doch mal den Notarzt zu rufen. Meine Mutter hatte keine Chance.

Die Abschlussprüfungen konnte ich erneut vergessen und nahm stattdessen einen Job als Zimmermädchen und Reinigungskraft in einem der vielen Businesshotels an, die in Berlin wie Pilze aus dem Boden schossen. Schließlich musste ich fortan allein für mich und Mia sorgen. Ich zog in eine kleine Altbauwohnung mit Ofenheizung, deren Miete ich mir gerade eben leisten konnte, und ergatterte sogar einen Kita-Platz für Mia. Wenn man ihr erstmal in ihre braunen Augen sah, die hatte Patrick ihr vererbt, konnte man einfach nicht nein sagen. Zum Glück war es das Einzige, was sie aus dem Genpool der Hölle mit auf den Weg bekam. Die kupferroten Locken, die ihren Rehblick zuckersüß unterstrichen, stammten eindeutig von mir.

So richtig weit konnte ich es auf der Karriereleiter nicht bringen. Mal bekam Mia die Masern und ich musste in der Hauptsaison Urlaub nehmen. Drei Monate später hatte ich statt eines besseren Jobs an der Rezeption die Kündigung. Wieder fing ich beim nächsten Hotel ganz unten an. An ihrem sechsten Geburtstag brach Mia sich beim Spielen das Bein und mein Arbeitgeber legte mir nahe, mir doch einen neuen Job zu suchen, der besser zu meiner Lebenssituation als alleinerziehende Mutter passte. Unnötig zu erwähnen, dass es ein Familienvater war, der mir diesen Rat und die anschließende Kündigung gab. Seine Frau kümmerte sich derweil daheim um den Nachwuchs.

Vor drei Jahren begann ich bei Hostel One zu arbeiten, eine der großen internationalen Hotelketten, die auf Städtetouristen und Geschäftsreisende spezialisiert war. Und da blieb ich. Die Arbeit als Zimmermädchen und Reinigungskraft war zwar immer gleich und ziemlich zermürbend, und an Beförderung war auch nicht zu denken, doch ich fand unter meinen Kollegen etwas, was ich viele Jahre lang vermisst hatte. Eine Familie. Nun ja, Wahlfamilie, um genau zu sein.

Bine, die mit mir als Zimmermädchen arbeitete, kam mit berlintypischer Schnodderschnauze daher und war der liebenswerteste Mensch, den ich kannte. Sie war etwas älter als ich, hatte ebenfalls keine richtige Ausbildung und ihre Eltern waren früh an Krebs gestorben. Sie war aus ihrem uckermärkischen Dorf in die Großstadt gezogen, um einen Mann fürs Leben zu finden. Bislang war die Suche nicht sehr erfolgreich. Ihr größtes Talent bestand darin, ein Problem einfach so lange zu ignorieren, bis es sich in Luft auflöste. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es schaffte, aber sie hatte damit tatsächlich Erfolg. Meistens jedenfalls.

»Na, haste dich schon eingelebt?«

Bine kam aus der Küche und wischte sich ihre Hände, die mit lindgrün eingefärbter Sahne bekleckert waren, an einem Geschirrtuch ab. Offensichtlich bastelte sie mit Mia an meiner Geburtstagstorte. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Das wird super mit uns Dreien – ’ne richtige Mädels-WG.«

Hatte ich erwähnt, dass Bine in wirklich jeder Situation nur das Beste sah?

»Hier gibt’s Zentralheizung, Mama! Ist das nicht cool – ich muss keine Kohlen mehr schleppen.«

Meine Tochter, die den Sahnespuren in ihrem Gesicht nach zu urteilen reichlich von der Torte genascht hatte, ließ sich ebenfalls nicht von dem Umstand die gute Laune verderben, dass wir mehr oder weniger obdachlos waren.

»Bine, wenn wir dir auf die Nerven gehen, dann musst du mir das sofort sagen. Und ich gebe was zur Miete dazu.« Ich sah mich in der kleinen Wohnung um, die in den nächsten Wochen unser neues Zuhause werden würde. Es war gemütlich, hell und freundlich und entsprach somit hundertprozentig Bines Wesen. Aber es war auch verdammt eng. Für drei Personen viel zu eng.

»Ich glaub, ich spinne! Du sparst die Kohle für ’ne neue Wohnung. Ich nehm doch kein Geld von dir. So weit kommt’s noch!«

Wie gesagt, Bines Herz war mindestens genauso groß wie ihre Berliner Schnauze.

»So, das war die letzte Kiste.« Mit einem Stöhnen setzte Tomas den Bücherkarton ab, in den Mia ihre Lieblingscomics gepackt hatte. »Können wir jetzt mal anfangen zu feiern?«

Er wischte sich die verschwitzen, blonden Strähnen aus der Stirn und sah uns unbekümmert aus seinen wasserblauen Babyaugen an. Tomas war technischer Mitarbeiter unseres Hotels und so etwas wie der polnische McGyver unter den Angestellten. Mit den irrwitzigsten Hilfsmitteln schaffte er es, jeder Maschine, die den Geist aufgegeben hatte, wieder Leben einzuhauchen. Niemals war mir jemand begegnet, der auch nur annähernd so großes handwerkliches Geschick besaß wie er. Auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Begegnungen war er weniger begabt. Gleich zu Beginn verknallte er sich hoffnungslos in Bine. Nachdem sie sich ein paarmal gedatet hatten und schließlich im Bett landeten, war klar, dass es besser für sie sein würde, nur gute Freunde zu bleiben. Dies war zumindest Bines Sicht der Dinge, die dazu führte, dass Tomas sich ein paar Wochen lang mit heftigem Liebeskummer quälen musste. Sie schafften es dann doch noch Freunde zu bleiben und seitdem fühlte Bine sich berufen, die passende Traumfrau für Tomas zu finden. Bei mir hatte sie es auch schon versucht. Obwohl ich Tomas wirklich sehr mochte, lehnte ich dankend ab.

Carlos kam wie üblich als Letzter hinzu und zwängte seine untersetzte Gestalt zu uns in den viel zu kleinen Flur.

»Warum müsst ihr eigentlich immer ganz oben wohnen? Könnt ihr euch nicht mal eine Parterrewohnung besorgen?« Keuchend balancierte er ein Tablett mit selbstgemachten Tapas in einer Hand. Unter dem anderen Arm klemmte ein großer Karton mit spanischem Sekt. Bine nahm ihm kurzerhand die Tapas ab.

»Genau darauf hab’ ich gewartet. Mach schon mal den Sekt auf, ich hol’ die Gläser.«

Mit einem Stöhnen stellte Carlos den Karton ab und fischte eine Flasche hervor. Er war eigentlich Koch und kam aus Spanien. Sein Alter konnte man schwer schätzen und seine dunklen Augen besaßen den traurigen Ausdruck eines Hundewelpen, den man einsam und allein an einer Raststätte ausgesetzt hatte. An der Costa Brava hatte er eine kleine Tapasbar besessen, bevor die Finanzkrise zuschlug. Im Zuge dessen verlor Carlos erst sein Restaurant und dann seine Frau. Sie war mit einem Hotelgast aus Schweden durchgebrannt. Auf der Suche nach seiner großen Liebe, die ihn so schnöde verlassen hatte, war Carlos in Berlin gestrandet. Jetzt schmiss er mit zwei Aushilfen die Küche und war verantwortlich für das Frühstück und die kleinen Snacks, die in unserem Hostel One angeboten wurden. Wer jemals Carlos eigenwillige Tapaskreationen probiert hatte, ahnte jedoch, dass er sich mit dem Aufwärmen von Mikrowellenessen weit unter Wert verkaufte.

Mit einem lauten Knall flog der Korken aus der Flasche, während Bine mit den Gläsern zurückkam.

»Auf das Geburtstagskind!«

»Auf ein neues Jahr. Möge es dir Gesundheit, Glück und Freude bringen.« Tomas wurde bei Feierlichkeiten immer schrecklich förmlich. Zumindest, bis der Wodka auf den Tisch kam.

»Auf ein geiles Jahr, Süße.« Bine stieß mit mir an, dass die Gläser klirrten, und gab mir einen dicken Schmatz auf die Wange.

»Auf dich, meine Schöne.« Carlos umarmte und küsste mich dreimal auf die Wange, wie es in Spanien üblich war. Ich drehte mich um und suchte Mia. Die kam nun mit dem Kuchen aus der Küche. Dreißig Kerzen brannten auf der Torte und Mia war sichtlich stolz, dass man ihr die Ehre überlassen hatte, mir meinen Geburtstagskuchen zu überreichen.

»Grün? Ist nicht euer Ernst.«

Es war meine Lieblingsfarbe und Mia und Bine hatten sich wirklich große Mühe mit der Verzierung gegeben. Geholfen hatte es nicht. Sie sah recht gewöhnungsbedürftig aus, doch das tat meiner Freude darüber keinen Abbruch.

»Du musst die Kerzen auspusten und dir was wünschen.«

Mia stellte die Torte vorsichtig ab.

»Dann mal los.« Ich holte tief Luft und pustete, was meine Lungen hergaben. Mit zwanzig war das wesentlich einfacher gewesen. Schließlich erlosch auch die letzte Kerze und meine Freunde klatschten vor Begeisterung.

»Den Vierzigsten feiern wir ohne Kerzen, damit das klar ist!«

Atemlos nahm ich einen Schluck von meinem Sekt.

»Und? Hast du dir was gewünscht?« Mia sah mich mit großen Augen an.

»Klar hab ich mir was gewünscht.«

»Und was?«

»Stop! Stop! Stop!« Bine unterbrach resolut. »Wünsche werden nicht verraten. Die gehen sonst nicht in Erfüllung.«

Kurzerhand schob sie Mia und mich in Richtung Küche. »Jetzt wird gefeiert und gegessen und gelacht und getrunken. Viel getrunken.«

Damit leitete Bine zum unterhaltsamen Teil des Abends über. Vielleicht war mein 30. Geburtstag doch nicht ganz so deprimierend, wie ich befürchtet hatte.

Mia fiel plötzlich etwas Wichtiges ein.

»Dein Geschenk. Du kriegst doch noch dein Geschenk.«

Ich sah sie abwehrend an.

»Mia. Wir waren uns doch einig, dass du mir dieses Jahr nichts schenkst.«

»Das hab ich nur gesagt, damit du endlich Ruhe gibst«, verteidigte sich meine Tochter, während sie in den Umzugskartons kramte.

»Wer Geburtstag hat, bekommt auch Geschenke.«

Der Logik meiner elfjährigen Tochter hatte ich nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Mit einem Aufschrei entdeckte sie schließlich in einer Kiste, wonach sie gesucht hatte.

»Alles Liebe zum Geburtstag, Mama.« Feierlich übergab sie mir ihr Geschenk und ich musste erneut schlucken.

»Ich hab’ dich lieb, Schnecke.« Ich küsste und umarmte sie so lange und so doll, dass sie nach einigen Momenten an meiner Schulter zu protestieren begann.

»Ich krieg’ keine Luft und du musst das Geschenk aufmachen.«

»Wo sie Recht hat, hat sie Recht«, nuschelte Bine mit vollem Mund. Sie hatte sich bereits mit Carlos und Tomas über die Tapas hergemacht. »Jetzt mach schon auf, bevor ich vor Neugier kollabier’.«

Lachend riss ich das Geschenkpapier auf und blickte auf eine wunderschöne, alte Messingschatulle. Das Metall war blankpoliert, hatte einige Dellen und Schrammen, aber man konnte die feinen Linien zweier kleiner Drachen erkennen, die auf dem Deckel eingraviert waren und die den Inhalt zu bewachen schienen.

»Wow …« Ich war sprachlos.

»Ich hab’ sie im Sperrmüll gefunden und Tomas hat mir geholfen, sie zu restaurieren. Da können wir prima unseren Schmuck aufbewahren, hab ich gedacht.«

»Sie ist wunderschön.«

»Du musst sie aufmachen. Da ist noch was drin, von uns allen.«

Bine zwinkerte mir zu und deutete auf den kleinen Schlüssel, der auf der Schatztruhe mit einem Klebestreifen festgemacht war. Ich öffnete das Schloss und hob den Deckel. In dem mit feinem, grünem Samt ausgelegten Innern lag – ein Lottoschein.

»War meine Idee. Der ist für den Mega-Jackpot am Wochenende.« Carlos war ganz aufgeregt. »Ein Cousin dritten Grades hat nämlich mal mit seinem Dorf die spanische Winterlotterie geknackt. Die sind super durch die Finanzkrise gekommen, das kann ich dir sagen.«

»Ich hätte dir ja lieber ’nen Gutschein von Primark geschenkt. Sie haben mich überstimmt.«

Bine schüttelte den Kopf und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Neunzig Millionen! Was will man denn mit so viel Kohle anfangen?«

Nun, wenn ich damals gewusst hätte, was in den kommenden Wochen noch so alles auf mich zukommen würde, ich hätte an diesem wundervollen Abend schon mal angefangen, über eine Antwort nachzudenken.

Kapitel 2

»Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen.«

Manche mögen’s heiß

»Oh, bitte! Mach das Ding aus!« Stöhnend lehnte sich Bine im schmalen Hotelflur gegen die Wand, verzog das Gesicht und hielt sich den schmerzenden Kopf. Halb amüsiert, halb besorgt schaltete ich den altersbedingt unmenschlich röhrenden Staubsauger aus, mit dem ich den Teppichboden des Flurs bearbeitete.

»Hast du was gesagt?«

»Sehr witzig, Nina, wirklich sehr, sehr witzig.«

Bine hatte einen mordsmäßigen Kater und der Umstand, dass wir bereits seit sechs Uhr früh in unserem Hostel One dafür sorgten, die freigewordenen Zimmer wieder bewohnbar zu machen, trug nicht dazu bei, ihren Zustand zu verbessern. Eher im Gegenteil. Es war ein langer Abend geworden. Lustig und fröhlich und mit reichlich Sekt.

»Ich trink’ nie wieder was. Ich schwöre es. Nie, nie wieder.«

»Das hast du beim letzten Mal auch gesagt, als wir Tomas’ Geburtstag gefeiert haben.«

»Das war Wodka. Selbstgebrannt. Den habe ich seitdem nicht mehr angerührt.«

Ich verkniff mir ein Grinsen und blickte Bine bedauernd an. Das Wochenende stand kurz vor der Tür und viele der Businessgäste hatten in der Früh ausgescheckt, um die ersten Flieger zu nehmen. Sie hinterließen das übliche Chaos. Warum die Mehrzahl sich die Woche über im Hotel wie die Schweine benahmen, war uns ein Rätsel. Aber die Berge von leeren Flaschen, Dosen, Fastfoodverpackungen und anderen weniger appetitlichen Überresten waren jedes Mal beeindruckend.

»Ich glaub, ich muss …« Bine stöhnte und eilte bleich in eines der leeren Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte ich sie die Badezimmertür zuschlagen.

In diesem Tempo würden wir nie rechtzeitig fertig werden. Um zehn sollte eine außerplanmäßige Belegschaftsversammlung beginnen, zu der uns das neue Hotel-Management verdonnert hatte. Ich klopfte an die Badezimmertür.

»Alles gut bei dir?«

»Ja, prima, alles bestens …«

Ich hörte die Klospülung und im nächsten Moment öffnete Bine kreidebleich die Tür. »Mir geht’s super.«

Das sah nicht ganz danach aus.

»Pass auf, leg dich kurz hin. Den Rest mache ich alleine fertig.«

»Ich kann dich doch nicht …«, protestierte sie schwach.

»Doch. Du kannst. In deinem Zustand bist du keine große Hilfe, glaub mir. Also mach schon. Danach geht’s dir besser.«

Bine nickte und ließ sich mit einem Stöhnen bäuchlings aufs Bett fallen.

Ich schloss die Tür hinter ihr und nahm mir das nächste Zimmer vor. Laut meiner Belegungsliste hatte der Gast bereits um sieben ausgecheckt. Trotzdem klopfte ich.

»Guten Morgen, Zimmerservice. Darf ich kurz stören? Good morning, Roomservice. May I?!«

Es kam keine Antwort und ich betrat den Raum. Das Bett war zerwühlt, die Vorhänge noch geschlossen und es roch etwas herbe nach männlichem Schlaf. Ich ging zum Fenster, um Licht und frische Luft in das stickige Zimmer zu lassen. Als ich mich wieder umdrehte, um das Bett abzuziehen, fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Auf dem Sessel lagen karierte Boxershorts und ein weißes T-Shirt; auf dem kleinen Schreibtisch stapelten sich Laptop, Mobiltelefon und diverse Ladekabel; auf einem Bügel am Kleiderschrank hing ein graublauer, teuer aussehender Anzug mit dazu passendem Hemd. Das sah nicht danach aus, als wäre hier jemand um sieben abgereist. Aus dem Badezimmer war nun das gedämpfte Rauschen der Dusche zu hören. Mist. Der Gast war noch da und ich sollte machen, dass ich hier rauskam. Ich hatte fast den Flur erreicht, als sich die Badezimmertür schwungvoll öffnete und der Gast frischgeduscht, mit einem Handtuch über dem Kopf sich die Haare trockenrubbelnd, hinaustrat. Bis auf das Handtuch auf dem Kopf trug er nichts. Und so nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, prallten wir zusammen.

»Autsch … Scheiße …«

Es war nicht die charmanteste Begrüßung, die man sich vorstellen konnte, aber mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein.

»Scheiße, aua …« Der unbekannte Nackte hatte zum Glück auch nichts Intelligenteres zu bieten. Er war sehr auf seinen Fuß konzentriert, auf den ich bei unserem Zusammenprall getreten war.

»Sorry, tut mir leid. Tut mir leid. I’m sorry, so sorry. Roomservice«, stammelte ich näselnd und hielt mir die schmerzende Nase, an der mich der Ellenbogen des Mannes mit voller Wucht getroffen hatte. Mein Gott, das tat höllisch weh.

Der Mann hüpfte auf einem Bein zur Wand, stützte sich dort ab, um mich dann schockiert anzublicken. Das Handtuch hatte er bei unserem Zusammenprall fallenlassen. So, wie es aussah, hatte er auch vergessen, dass er sonst nichts weiter trug. Jedenfalls machte er keine Anstalten seinen immerhin gutgebauten und muskulösen Körper zu bedecken.

»Wer, zum Teufel … was machen Sie hier?«

»Zimmerservice«, stammelte ich und deutete auf die geöffnete Tür, »Ich hab geklopft … und …«

Der Mann sah mich mit großen, blaugrünen Augen an, die von der leichten Bräune seiner Haut und dem hellen, strohfarbenen Haar noch betont wurden. Auf seinem Gesicht erschien ein besorgter Ausdruck.

»Oh, nein – Sie bluten. Hab ich Sie verletzt?« Er kam einen Schritt auf mich zu und legte mir sanft die Hand auf die Schulter.

»Warten Sie, auf keinen Fall den Kopf in den Nacken legen, das macht alles noch schlimmer.«

Mit einem Griff hatte er aus dem Bad eines der Gästehandtücher gegriffen, ließ kurz kaltes Wasser darüber laufen und hielt es mir dann vorsichtig unter meine lädierte Nase.

»Einfach fest drunterhalten und warten, bis es aufhört zu bluten. Ich hoffe, es ist nichts gebrochen?!«

»Nein, geht schon … und danke, sehr nett von Ihnen«, nuschelte ich, »Und … hm … vielleicht sollten Sie auch … ein Handtuch …?!«

Er sah mich fragend an und meine Augen glitten von seinem Gesicht eine Etage tiefer. Sein Blick folgte meinem und die Erkenntnis traf ihn, wie einen Schlag.

»Oh, shit …«

Er lief tatsächlich unter seiner gepflegten Sonnenbräune rot an, bückte sich und schnappte das Handtuch, das zu Boden gefallen war.

»Das, das tut mir leid … ich wollte Sie nicht …«

»Schon gut, kann passieren.«

Mit schiefem Lächeln blickten wir uns an. Einen Augenblick. Dann noch einen. Und noch einen. Ich konnte mich einfach nicht von diesen seltsam grünen Augen losreißen. Ihm schien es ähnlich zu gehen, auch wenn meine Augen nicht grün waren. Bine behauptete immer, sie hätten die Farbe von Kornblumen im Sommer, was ich ganz schmeichelhaft fand.

Ich habe niemals daran geglaubt, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt. Dass man vor einem Menschen steht und von einer Sekunde zur anderen weiß, dass man sein Leben lang genau auf diesen Menschen gewartet hat.

Dreißig Jahre mussten vergehen und nun traf mich diese Erkenntnis im denkbar ungünstigsten Moment: mit einem blutbefleckten Handtuch unter der Nase, in einem unaufgeräumten Hotelzimmer, mit einem nackten Mann vor Augen. Hatte ich erwähnt, dass mein Timing bei den wichtigen Dingen des Lebens zu wünschen übrigließ?!

Doch hier stand ich nun und die Schmetterlinge machten unbekümmert die La-Ola-Welle in meinen Bauch. Das Sonderbarste, das absolut Verblüffendste war jedoch – ihm schien es genauso zu gehen. Auch er konnte den Blick nicht lösen und in seinem Gesicht las ich die gleiche Irritation, die in meinem Kopf wie wild herumhüpfte.

»Meyer! Was machen Sie hier? Und wo steckt die Baschke?«

Die schrille Stimme Frau Schneiders, der Service-Chefin unseres Hauses, zerschnitt unvermittelt den magischen Moment und ließ mich gefühlt tausend Stockwerke in den Abgrund stürzen. Der Aufprall war böse.

»Äh, ich hab nur … das war … äh…«, näselte ich mit dem Handtuch unter der Nase und war bemüht, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

»Bitte entschuldigen Sie. Es war alles meine Schuld.«

Mein neuer unbekannter Schwarm sprang mir bei, wie es sich für einen strahlenden Ritter in nicht vorhandener glänzender Rüstung gehörte.

»Ich habe verschlafen und stand unter der Dusche, als Ihre Mitarbeiterin so freundlich war, mein Zimmer aufräumen zu wollen.«

Frau Schneider musterte den Mann skeptisch von oben bis unten. Ich war froh, dass er zumindest das Handtuch um die Hüften geschlungen hatte.

»Wir sind zusammengestoßen, als ich aus dem Bad kam und unglücklicherweise hat sie sich verletzt.«

»Alles halb so schlimm«, näselte ich erneut und wedelte mit dem blutbefleckten Handtuch. »Sehen Sie, es hat schon aufgehört zu bluten. Und es tut auch nicht mehr weh.« Das war zwar gelogen, aber ich lächelte ihn tapfer an. Er lächelte zurück und in seine Augen trat wieder dieser leicht irritierte Ausdruck. Nach zwei Sekunden und einem ungeduldigen Räuspern von Frau Schneider riss er sich zusammen.

»Ich brauch’ nur fünf Minuten, um mich anzuziehen und zu packen. Dann kann ich auschecken.«

»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Haben ja dafür bezahlt. Bis um zehn ist das kein Problem. Wollen Sie Frühstück? Gibt es unten an der Snackbar«, leierte meine Chefin im Kommandoton einer Bundeswehrkaserne herunter.

»Kaffee wäre nicht schlecht, vielen Dank.«

Frau Schneider nickte zackig und sah mich prüfend an.

»Können Sie weitermachen, Meyer?«

»Sicher, kein Problem.«

Ich trat wieder hinaus auf den Flur und warf das Handtuch in den Wäschekorb. Noch einmal blickte ich zur Tür, in der mein unbekannter Schwarm stand. Ein Lächeln, dann schloss Schneider die Tür. Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen streng an.

»So, und jetzt verraten Sie mir mal, wo die Kollegin Baschke steckt?«

»Ja … warten Sie … auf Toilette … sie ist gleich wieder da.«

Was eine ziemlich gute Ausrede gewesen wäre, wenn Bine nicht in diesem Moment beschlossen hätte, zerknautscht aus dem Zimmer zu stolpern, in dem sie sich ausgeruht hatte.

»Puh … Powernapping ist geil. Ich fühl mich schon viel besser …«

Als wir zwei Stunden später in dem kleinen Aufenthaltsraum standen, in dem die außerplanmäßige Belegschaftsversammlung stattfinden sollte, war Bines Kater verschwunden und hatte Platz für jede Menge Wut gemacht.

»Eines Tages bring ich die Schneider um, ich schwör’s dir. Langsam und qualvoll.« Unsere Service-Chefin hatte Bine die Arbeitsstunden vom Vormittag kurzerhand gestrichen und sie mündlich ermahnt. Bei drei Abmahnungen musste man gehen und auf Bines Zettel waren jetzt schon zwei. Es wurde langsam eng. Ich hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mich von dem Unbekannten zu verabschieden, dafür hatte Schneider mit ihren Argusaugen gesorgt. Nach dem kleinen Zwischenfall ließ sie uns keine Sekunde mehr unbeobachtet.

Während wir also auf die Ankunft unseres neuen CEOs warteten, der uns von der Londoner Firmenzentrale geschickt worden war und der die insgesamt drei Berliner Hostel Ones auf Vordermann bringen sollte, starrte ich ungeduldig auf die Uhr. Ich wollte unbedingt an der Rezeption einen Blick auf die Zimmerbelegung werfen, um wenigstens den Namen des Mannes in Erfahrung zu bringen, der mir heute Morgen fast die Nase gebrochen hatte. Vielleicht kam er ja regelmäßig nach Berlin und wir würden uns nächste Woche wiedersehen? Ich stöhnte innerlich auf. Was sollten diese Überlegungen?! Der war bestimmt verheiratet. Oder hatte zumindest eine Freundin. Vielleicht warteten auf ihn daheim eine ganze Schar blonder, süßer Kinder mit sagenhaften, grünen Augen. Besser ich vergaß ihn schnellstmöglich. Was auch nicht so besonders schwer war. Tomas erinnerte nämlich just in dem Moment daran, warum wir hier wie auf heißen Kohlen saßen und unsere verdiente Frühstückspause dafür opferten, um auf die Chefetage zu warten.

»Der Neue ist ein Riesenarschloch. Hat mir Edgar erzählt, ihr wisst schon, der der als Rezeptionist in London arbeitet.« Tomas sah missmutig in die Runde.

»Gibt es eigentlich irgendein Hotel auf der Welt, in dem du keine Verwandtschaft hast?«

Carlos war genervt. Tomas’ riesiger Familienclan war allerdings tatsächlich über halb Europa verteilt, um außerhalb ihrer polnischen Heimat Arbeit und ihr Glück zu suchen.

»Der wird ordentlich bei uns aufräumen, darauf könnt ihr wetten«, orakelte Tomas weiter, »ich schau mich jedenfalls schon mal nach was Neuem um.«

Sein Hang zum Pessimismus war hinlänglich bekannt, so ganz falsch lag Tomas jedoch nicht mit seiner düsteren Prognose. Unsere Konzernleitung war alles andere als zufrieden mit den Berliner Umsatzzahlen, die in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich gestiegen waren, aber immer noch hinter den Erwartungen zurückblieben. Was die berechtigte Frage aufwarf, ob so ein Konzern überhaupt jemals den Hals vollbekommen konnte. Nun sollte eine junge, dynamische Führungskraft das Ruder übernehmen. Mit anderen Worten: Uns stand unbezahlte Mehrarbeit, Kürzungen der Pausenzeiten und Reduzierung der Sondervergütung bevor.

»Jetzt wartet doch mal ab. Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm. Euer ewiges Gemaule nervt.«

Carlos hatte in seinem Leben schon einige Tiefschläge hinter sich gebracht und konnte nicht wirklich noch ein paar Neue gebrauchen.

»Ich finde, Carlos hat recht. Wir arbeiten uns doch eh schon ins Koma.« Bine sah das ganz pragmatisch. Irgendwann war eben Schluss mit der Optimierung, ob es unseren Chefs nun in den Kram passte oder nicht.

»Wie heißt der eigentlich?« Mir war aufgefallen, dass immer noch kein Name gefallen war.

Bine zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber er soll die Tochter irgendeines Oberchefs in London bumsen.«

»Wenn Sie mich schon belauschen, Baschke, dann bitte korrekt.«

Wir drehten uns erschrocken um. Hinter uns stand die Service-Chefin und bekam jedes Wort unserer Unterhaltung mit.

»Er ist mit der Tochter von Sofia Leland verlobt, der Eigentümerin der Hostel One Kette.«

Wir nickten ehrfürchtig und Schneider war sichtlich stolz über ihr Insiderwissen.

»Selina Leland wird ebenfalls eine führende Position bei der Leitung unserer Berliner Hotels übernehmen.«

Zwei Besen kehren besser als einer, dachte ich frustriert. Bevor ich den Gedanken weiter ausführen konnte, öffnete sich die Tür und Selina Leland betrat den Raum.

Warum Frauen, die mit reichlich Geld, Einfluss und Macht ausgestattet waren, ebenfalls das Aussehen eines Supermodels besitzen mussten, war mir ein Rätsel. Selina Leland war vom Schicksal jedenfalls mit allem reich beschenkt worden. Sie war garantiert noch keine dreißig Jahre alt, trug ihr teures Businesskostüm jedoch mit einer Lässigkeit, die jede gestandene Vorstandsvorsitzende neidisch machen konnte. Ihre blonde Mähne sah aus, als hätte ein Londoner Starfriseur ein Vermögen damit gemacht und ihre stahlblauen Augen blickten mit einer Herablassung auf ihre Angestellten, die davon zeugte, dass es in ihrer Familie eines mit Sicherheit seit Generationen gab – viel, viel Geld.

Egal wie optimistisch Bine die Lage beurteilte – uns standen miese Zeiten bevor. Diese Lady war eiskalt. Und knallhart. Und zu allem Überfluss musste sie ihrer Übermutter beweisen, dass sie den Job besser machen konnte, als jede andere vor ihr.

Ich war so auf diese junge, dynamische Frau mit der Ausstrahlung einer Eiswürfelmaschine konzentriert, dass mir ihre Begleitung nicht weiter auffiel. Erst als diese sich nun neben Selina Leland stellte und das Wort ergriff, glaubte ich für einen Moment zu träumen. Ziemlich schlecht zu träumen.

»Guten Tag. Es ist mir eine Freude Sie alle in meiner Funktion als neuer Verantwortlicher für die Umstrukturierung der Hostel One Dependancen in Berlin begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Patrick Reimann.«

Richtig. Es war der Patrick Reimann.

Der, der mich vor elf Jahren schwanger sitzen ließ, um eine Karriere zu starten, die eigentlich mir vorbestimmt war.

Der Patrick Reimann, der niemals auch nur den Hauch eines Interesses an seinem Kind gezeigt hatte.

Der Patrick Reimann, dessen arrogante Visage ich niemals wiedersehen wollte. Was nun unmöglich war.

Er war mein neuer Chef.

In den folgenden Minuten musste ich mich sehr darauf konzentrieren, genügend Sauerstoff in mein Hirn zu pumpen, um keinen Blackout zu riskieren. Von der Ansprache bekam ich nicht viel mit. Es war ohnehin nur das übliche Blabla der Management-Ebene, wenn es darum ging, den Profit zu maximieren und die Mitarbeiter auszubeuten. Die Details der Umstrukturierungsmaßnahmen würden uns von unseren jeweiligen Vorgesetzten mitgeteilt werden. Er freute sich auf eine gute Zusammenarbeit und sah zuversichtlich dem Ziel entgegen, die Hostel One Häuser zu den Umsatzstärksten der ganzen Stadt zu machen. Verhaltenes Klatschen setzte ein. Genauso eilig, wie er und seine Verlobte, die kein Wort gesprochen hatte, gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.

»Ich muss dir Recht geben, Tomas: was für ein Arschloch.« Carlos schüttelte den Kopf und sein letzter Rest Optimismus löste sich in Nichts auf.

»Allerdings.« Angesichts der herzerwärmenden Worte unserer neuen Geschäftsführung ließ auch Bines Zuversicht merklich nach. Sie musterte mich und legte die Stirn in Falten. Ich war kreidebleich geworden.

»Alles klar bei dir? Du schaust, als hättest du ’nen Zombie gesehen.«

Ich konnte ihr schlecht erklären, dass dies durchaus der Fall war.

»Ich brauch nur mal kurz frische Luft.«

Bevor ich mich hinaus in den Hinterhof retten konnte, um dort meine wirren Gedanken zu sortieren, kreuzte Frau Schneider meinen Weg.

»Der Chef will Sie sprechen.«

»Welcher Chef?«

»Der Chef. Davon haben wir nicht besonders viele. Herr Reimann erwartet Sie im Büro der Hotelleitung. Sofort.«

Einen Augenblick hatte ich gehofft, Patrick wäre nicht aufgefallen, dass ich zu den Untergebenen seines neuen Wirkungskreises gehörte. Was natürlich pure Illusion war. Er hatte sicherlich schon in London die Mitarbeiterlisten genau studiert. Und der Name Nina Meyer hatte ähnlich unschöne Erinnerungen bei ihm ausgelöst, wie sein Auftritt gerade bei mir.

»Gut schaust du aus, Nina.«

Ich stand in dem Büro der Geschäftsleitung und sah meinem Ex-Freund und dem Vater meiner Tochter dabei zu, wie er ohne die geringste Gemütsregung eine Flasche unseres teuersten Mineralwassers öffnete und sich ein Glas einschenkte.

»Deine Haare sind anders. Kürzer, nicht wahr?!«

»Fürs Styling fehlt ein wenig die Zeit.« Meine kupferfarbenen Locken waren schon vor Jahren der Schere zum Opfer gefallen. »So als berufstätige Mutter

»Magst du auch?«

»Nein, danke. Du wolltest mich sprechen?«

Er lächelte und mir fiel wieder ein, wie ich vor vielen Jahren auf seine unschuldige Fassade hereingefallen war, die darüber hinwegtäuschte, dass sich dahinter ein blutrünstiger Wolf verbarg, der nur darauf wartete, das nichtsahnende Lämmchen mit Haut und Haaren zu verschlingen.

»Du kannst dir ja denken, wie überrascht ich war, dich auf der Mitarbeiterliste zu finden.«

»Nein, wirklich? Überrascht? Na, das ist ja ein Ding. Ging mir übrigens genauso«, konterte ich bissig.

Patricks Lächeln wurde breiter und zeigte eine Reihe strahlend weißer Zähne. »Du hast dich wirklich nicht verändert. Noch immer so witzig wie früher.«

»Du hast dich auch nicht verändert. Deine kleine Motivationsansprache war, wie soll ich sagen – sehr motivierend. Die halbe Belegschaft zittert schon vor Angst.«

»Sehr gut.«

Es schien ihn mächtig zu amüsieren, dass er binnen von Minuten zum meist gehassten Mann des Unternehmens geworden war. Seinen breiten Schultern und dem flachen Bauch nach zu urteilen verbrachte er einen nicht unerheblichen Teil seiner Freizeit im Fitness-Studio. Der teure Designer-Anzug saß perfekt und unterstrich die sportliche Ausstrahlung seines Körpers. Nur die Augen waren härter und sein Gesicht markanter geworden. Er passte perfekt zu seiner Verlobten, die ebenfalls aussah, als wäre sie einem Hochglanz-Magazin entsprungen.

»Patrick, jetzt sag, was du von mir willst. Ich nehme mal nicht an, dass du mir nur mal einen schönen Tag wünschen und in alten Erinnerungen schwelgen wolltest. Ich für meinen Teil versuche, das Meiste davon zu vergessen.«

Sein Lächeln blieb arrogant und zeugte davon, dass er sich nicht von mir beeindrucken ließ.

»Gut, dass du das Thema ansprichst. Die Situation ist mehr als unangenehm für mich.«

»Unangenehm? Für dich?« Ich wollte ein Geht’s eigentlich noch, du Arschloch?! hinterherschicken, behielt es dann doch lieber für mich. Nur die Zornesfalte auf meiner Stirn vertiefte sich.

Im gleichen herablassenden Tonfall, mit dem er gerade seine neuen Mitarbeiter abgekanzelt hatte, fuhr er fort.

»Sieh’s mal so, Nina: Für uns beide wäre es angenehmer, wenn wir uns nicht mehr über den Weg laufen würden.«

Ich hob die Hände. »Okay. Super. Kein Problem. Ich werde in Zukunft einen großen Bogen ums Chefbüro machen. Und ich nehme mal nicht an, dass es dich aus welchen Gründen auch immer in die Niederungen der Putzräume verschlagen wird. Wir können sofort damit anfangen.«

Ich drehte mich auf dem Absatz um und die Türklinke war schon in meiner Hand.

»Ich fürchte, das wird nicht reichen.«

Ich begriff immer noch nicht, was er eigentlich von mir wollte und hielt inne. Er stand selbstsicher mit dem Glas Mineralwasser in der Hand da, nippte bedächtig und ich hätte schwören können, in seinen Augen einen Anflug von Heiterkeit zu erkennen. Meine Begriffsstutzigkeit schien ihm mächtig Spaß zu machen.

»Was soll ich deiner Meinung nach tun? Mich in Luft auflösen oder einen neuen Job suchen?«

»Genau. Einen neuen Job suchen und somit quasi in Luft auflösen. Ich wusste, dass du das einsiehst.«

Ich blickte ihn entgeistert an.

»Ich sehe überhaupt nichts ein! Ich kann es mir nicht leisten, arbeitslos zu werden. Ich brauche den Job.«

In seinem Blick war kein Bedauern, was mich so unbeschreiblich wütend machte, dass ich Mühe hatte, mich nicht auf ihn zu stürzen und seiner Hochglanz-Visage ein paar Schrammen zu verpassen. Langsam trat ich zu ihm und blieb weniger als zwanzig Zentimeter vor seinem Gesicht stehen. Er wich keinen Zentimeter zurück.

»Es ist mir egal, ob es dir unangenehm ist, an unsere Beziehung erinnert zu werden. Und es ist mir auch egal, ob deine versnobte Verlobte von uns weiß oder nicht. Was mir nicht egal ist, ist Mia. Meine Tochter, für die ich sorgen muss.«

Einen Moment bröckelte seine selbstsichere Fassade und ich sah Verunsicherung in seinem Blick. Ich drückte ihm den Zeigefinger auf die Brust und fuhr zornig fort.

»Und weißt du auch, warum das so ist? Es ist so, weil ihr Riesen-Arschloch von Vater – also du – sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, uns hängen ließ und sich seit elf Jahren einen Scheiß um seine Tochter kümmert. Also sag du mir nicht, was ich tun soll, kapiert?«

Er war kurz meinem Blick ausgewichen, als ich Mia zur Sprache brachte. Nach einem Moment hatte er sich wieder im Griff.

»Wer sagt, dass dein Kind von mir ist?«

»Was?!«

»Sehen wir das ganz realistisch. Deine Tochter könnte von jedem sein. Nur nicht von mir. Wir haben immer Kondome benutzt.«

Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb mir die Luft weg. Patrick wusste ganz genau, dass er der erste Mann war, mit dem ich geschlafen hatte und dass es sonst niemanden gegeben hatte, der mich interessierte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst.« Getroffen wich ich einen Schritt zurück. Er stellte sein Glas so heftig ab, dass ich Angst bekam, es würde zerspringen. Offenbar wühlte ihn die Begegnung mit mir doch auf und ich sah Zorn in seinen Augen aufblitzen.

»Ich meine es todernst, Nina. Du wirst kündigen. Noch heute. Oder ich schwöre dir, dass dich die Security morgen früh mit einer geklauten Brieftasche erwischen wird, die einer unserer Gäste bereits schmerzlich vermisst. Was das bedeutet, müsstest du eigentlich aus eigener Erfahrung wissen, oder?! Willst du das riskieren?«

Ich schluckte. Und ich wusste, dass Patrick keine leeren Drohungen machte. Er kannte alle Tricks, die man anwenden konnte, um unliebsame Mitarbeiter auf die schäbige Tour loszuwerden. Und er sprach ein unangenehmes Kapitel meiner Vergangenheit an, das ich liebend gern vergessen wollte. Scheinbar hatte er sich meine Mitarbeiterakte sehr genau angesehen.

»Hast du das verstanden, Nina?«

Ich nickte und hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Ich verstehe.«

Damit drehte ich mich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.


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Elli C. Carlson lebt und arbeitet in Berlin und hat unzählige Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Seit sie ihren ersten Roman All die kleinen Dinge 2016 veröffentlicht hat, kann sie nicht mehr damit aufhören. Humorvolle, emotionale und spannende Liebesgeschichten haben es ihr angetan. Happy End garantiert.

 

Erleuchtung inklusive

Kapitel 1

Liz

Auch eine Reise von tausend Kilometern beginnt mit einem ersten Schritt.

Ich habe keine Ahnung, warum mir diese Erkenntnis ausgerechnet jetzt in den Sinn kommt und woher ich sie habe. Vermutlich aus einem Glückskeks. Aber da ist was dran. Ich bin mehr als zweitausend Kilometer von meinem Zuhause entfernt, und wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich nicht nur mit einem hastig zusammengestopften und viel zu schweren Rucksack aus meiner Haustür gestolpert, sondern habe es tatsächlich geschafft, rund achthundert dieser Kilometer zu Fuß zu gehen. Eine beachtliche Leistung für jemanden, der es in dreizehn Schuljahren geschafft hat, wirklich alle Bundesjugendspiele zu schwänzen. Von sportlicher Betätigung halte ich ungefähr so viel, wie Dieter Bohlen von Anstand und Mitgefühl – herzlich wenig. 

 Der Anblick des Atlantiks, vor dem ich nun stehe, entschädigt jedoch für einiges. Hier oben von der Klippe aus ist er so überwältigend schön, wie im Reiseführer angepriesen. Den habe ich in Berlin zwar nur knapp überflogen, aber an das Bild erinnere ich mich genau.

Hinter den weißen Schaumkronen der Dünung, die die Wellen mit großem Getöse an den schmalen Strand schieben, liegt das dunkelgraue, aufgewühlte Meer. Darüber ein weiter Himmel, der wolkenverhangen in der Ferne ins Stahlgrau des Wassers überzugehen scheint. Es ist kein Schiff am Horizont zu erkennen, keine Möwe, die elegant durch die Luft segelt. Menschen sind ebenfalls Mangelware; was komisch ist, denn normalerweise bevölkern sie doch in Massen die Strände auf der sinnfreien Suche nach Steinen oder Muscheln. Ich bin allein. Mutterseelenallein. Und das am Ende der Welt. Wie passend.

Spirituell bin ich in der gleichen Liga unterwegs, wie beim Sport. Also eher unmotiviert. Dennoch reihe ich mich nun in die Schar derer ein, die seit Ewigkeiten als Pilger nach Santiago de Compostela unterwegs sind, um sich dort ihrer Sünden zu entledigen. Jedenfalls die Gläubigen unter den Pilgern. Es gibt etliche, die tatsächlich den sportlichen Aspekt einer wochenlangen Wanderschaft zu schätzen wissen. Mal ganz abgesehen von den Zivilisationsmüden, die bei der Aussicht, in überfüllten, mäßig sauberen Herbergen zu nächtigen, in Ekstase geraten. 

Bei mir ist weder das eine noch das andere der Fall. Wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich noch nicht einmal nach Spanien. Vom Pilgern ganz zu schweigen. Und wenn man’s noch genauer nimmt, dann fängt meine Reise mit einem Erdbeerjoghurt an. Fettarm. Und einem Wort. So, wie jede Geschichte mit einem einzigen Wort anfängt.

»ScheißenochmaldublödeKuhuhduaaaaahhh…«

Kapitel 2

4 WOCHEN ZUVOR …

Wenn man seinen Gefühlen freien Lauf lässt, dann gibt es eine Sache, die wirklich wunderbar ist: Für einen kurzen Moment erlebt man die Welt genau so, wie man sie gerne hätte.

Und der Anblick Yvonne Bergers, die verzweifelt versuchte, die Joghurtreste loszuwerden, die ihr vom Haaransatz über das Gesicht liefen und ihr das groteske Aussehen eines Horrorclowns verliehen, war einfach himmlisch. Es erzeugte in mir das Gefühl grenzenloser Zufriedenheit.

Für ungefähr zehn Sekunden.

Dann schlug das echte Leben wieder zu. Und zwar erbarmungslos.

»Was ist hier los? Was soll der Scheiß?«

Simon Bach erschien aufgebracht in der Tür, die die winzige Teeküche vom Rest des Großraumbüros trennte, in dem die Redaktion des Berliner Blitz untergebracht war.

»Ist das etwa … Joghurt?«

Die Frage war ziemlich überflüssig. Aber irgendetwas musste er sagen. Simon war schließlich Chefredakteur des auflagenstärksten Boulevardblattes, das die Hauptstadt zu bieten hatte. Nervenstärke war jedoch nicht seine herausragende Eigenschaft. Und die Tatsache, dass ich gerade der gefürchtetsten Klatschreporterin Berlins eine etwas ungewöhnliche Haarkur verpasst hatte, trug nicht zu seiner Entspannung bei.

Ungläubig blickte er von Yvonne zu mir: Felicitas Speckmann, 31 Jahre alt und die wohl dienstälteste Redaktionspraktikantin, die diese Zeitung jemals hervorgebracht hatte.

»Spinnst du jetzt völlig?«

Simons ohnehin bleiches Gesicht, das selten das Sonnenlicht erblickte, war noch eine Spur bleicher geworden. Für einen Moment hoffte ich inständig, dass er heute Morgen auf seinen Espresso und sonstige, nicht ganz legale Substanzen verzichtet hatte, damit sein Kreislauf in Schwung kam. Für den plötzlichen Herztod eines erst fünfunddreißigjährigen, überarbeiteten Chefredakteurs mit ungesunden Lebensgewohnheiten wollte ich lieber nicht verantwortlich sein.

»Sie kann froh sein, dass es nur Joghurt ist.«

Trotzig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und hob kämpferisch das Kinn.

»Für das, was sie getan hat, hätte sie Teer und Federn verdient.«

Yvonne fixierte mich wütend. Es war die Art von Blick, die jedes Kaninchen nicht nur in Schockstarre versetzen konnte, sondern ebenfalls einen plötzlichen Herztod zur Folge hatte.

»Das wirst du bereuen, das verspreche ich dir!«

Ihre Stimme besaß einen Tonfall, den man durchaus als eiskalt bezeichnen konnte. Zudem machte sie niemals leere Drohungen. Ich hörte Simon unangenehm schlucken, während meine Synapsen noch immer auf Krawall gebürstet waren.

»Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich dir jemals dabei geholfen habe, deine dümmlichen Texte zu schreiben.«

Was durchaus den Tatsachen entsprach. Ich bereute nichts mehr, als den Augenblick, in dem ich auf Yvonnes freundliche Fassade hereingefallen war, als sie vor vier Jahren engelsgleich als Praktikantin in unsere Redaktion geschwebt kam. Der Anblick einer zweiundzwanzigjährigen Blondine mit Wahnsinnsmähne, der Figur eines Viktoria Secret Models und dem Gesicht einer Madonna hatte zudem die männliche Belegschaft schwer in Atemnot gebracht und besonders Simon war ihr vom ersten Tag an verfallen. Was wiederum dazu führte, dass beide mich freundlich überredeten, Yvonnes Textbeiträge in den darauffolgenden Wochen auf ein lesbares Niveau zu heben. Preisverdächtige Artikel kamen nicht dabei heraus, aber gepaart mit dem Aussehen eines Engels und dem Wesen einer Königskobra reichte es, um Yvonne Berger in nur drei Monaten den begehrten Job als Jung-Redakteurin zu verschaffen.

Ein Job, der eigentlich mir versprochen war.

Damals hatte ich mir noch die absurde Hoffnung gemacht, dass dieser bedauerliche Irrtum schnell zu meinen Gunsten aufgeklärt werden würde. Schließlich war Yvonne eine komplett talentfreie Zone.

Diese Befürchtung musste wohl auch Simon gehabt haben, der trotz freischwingender Hormone ein ziemlich gutes Gespür für die Begabungen seiner Untergebenen besaß. Kurzerhand machte er mich zu Yvonnes Assistentin und verdonnerte mich so dazu, in den kommenden Jahren die größeren Katastrophen zu verhindern, die sein blondgelockter Schützling in der Redaktion mit ihrer Unfähigkeit anrichten konnte.

Man konnte Yvonne zahlreiche Dinge vorwerfen, eines war sie allerdings nicht – und zwar blöd. Nachdem sie einmal meinen Rat ignorierte und in einem Anflug gigantischer Selbstüberschätzung ihren selbstverfassten Artikel stolz in der Redaktionskonferenz präsentierte, war sie wochenlang das Gespött der Kollegen. Danach hatte mich Yvonne zwar nicht mit Respekt behandelt, aber diese kleine Episode führte ihr zwei Dinge kristallklar vor Augen. Erstens – es war klüger auf mich zu hören. Zweitens – sie durfte keine Gelegenheit auslassen, um mich vor den Kollegen und Chefs als Vollidiotin hinzustellen. Denn wenn man mich befördern würde und sie ihre Assistentin los wäre, wäre sie wiederum schneller ihren gutbezahlten Redaktionsjob los, als man Hair Conditioner sagen konnte.

Der Aktion mit dem Erdbeerjoghurt gingen also eine ganze Reihe von Demütigungen, falschen Behauptungen und unbezahlten Überstunden voraus, was wiederum erklärte, warum ich zu solch drastischen Maßnahmen griff.

Was Simon allerdings herzlich wenig interessierte.

»Du kommst sofort in mein Büro, Liz. So was können wir uns hier so was von nicht leisten! Das ist kein Kindergarten!«

Mein Chef hatte zwei dumme Angewohnheiten. Er musste sich ständig wiederholen und er verschloss gerne die Augen vor der Realität. Die Redaktion des Berliner Blitz war ein Kindergarten. Falls große weiße Haie so etwas wie einen Kindergarten besaßen.

»Yvonne, Schätzchen, geh heim und zieh dir was Anderes an. Ich kläre das schon mit Lizzy.«

Er lächelte entschuldigend und zog mich (etwas grob, wie ich fand) am Arm hinter sich her. Aus den Augenwinkeln fiel mir gerade noch das zufriedene Grinsen meines persönlichen Albtraums auf. Mal sehen, ob sie immer noch so grinsen würde, wenn ihrem Erbsenhirn klar wurde, dass nun die Schonzeit vorbei war.

Heute war der Tag der Abrechnung.

»Sie hat mich eine fette, untalentierte Mutti genannt, die es nicht verdient, an der Fortbildung mit Marc Schneider teilzunehmen! Du weißt, wie sehr ich ihn bewundere! Ich warte seit Jahren darauf, das Seminar mitzumachen!«

Ich stand vor Simon und versuchte, mich zu verteidigen. Was ziemlich kläglich war, denn ich hörte mich an, wie eine Siebtklässlerin im Rektorenbüro. Simon war wohl der gleichen Ansicht. Er schüttelte den Kopf, spielte geistesabwesend mit dem albernen Pokémon auf seinem Schreibtisch und seufzte schwer. »Lizzy, Lizzy, Lizzy …«

»Was?«

Ich wartete. Doch Simon sah mich nur vorwurfsvoll aus seinen vom Schlafmangel geröteten Augen an. Der Job als Chefredakteur war hart. Mit Mitarbeitern wie Yvonne noch härter.

»Simon! Hat der Satz auch einen Sinn oder findest du meinen Namen so toll, dass du ihn ständig wiederholen musst?«

»Wegen ein paar unschöner Worte eine solche Nummer abzuziehen ist kindisch, Liz. Kindisch und albern.«

»Ach, findest du es auch albern, dass Yvonne hinter meinem Rücken die Akkreditierung löscht? Mit der Begründung, ich leide an einer höchst ansteckenden Geschlechtskrankheit und dürfe keine Gemeinschaftstoilette benutzen?!«

Erstaunt lüpfte Simon die Augenbrauen.

»Du bist kra…?«

»Nein«, unterbrach ich ihn, »ich bin nicht krank! Herrgottnochmal, Simon!« Meine Stimme überschlug sich vor Empörung.

»Aber …«

»Nichts aber! Yvonne hat sich meinen Platz auf dem Seminar unter den Nagel gerissen. Und mich vollkommen lächerlich gemacht!«

Simon wich meinem verletzten Blick aus. Nach vier langen Jahren hatte auch er mitbekommen, dass man Yvonne besser nicht reizte. Die meisten Redaktionsmitglieder, einschließlich Simon, gingen daher einer Konfrontation mit ihr aus dem Weg, obwohl jeder wusste, dass sie die größte journalistische Flachpfeife seit der Erfindung des Buchdrucks war. Insgeheim waren wohl alle froh, dass sie in mir ein Ventil hatte, um ihre Bosheiten loszuwerden.

»Mir reicht es Simon! Seit vier Jahren lasse ich mir von diesem Anna-Wintour-Klon mein Leben versauen. Irgendwann ist Schluss! Entweder geht sie oder ich!«

Ich atmete tief durch, erstaunt über die Klarheit meiner Forderungen.

Simon ebenfalls. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Zufrieden erkannte ich einen Hauch von Panik in seinem Blick. Diese Panik kam nicht von ungefähr. Vor zwei Tagen hatte ich zufällig sein Telefonat mit unserem Herausgeber mitbekommen.

Also, die Speckmann, die hat eine Nase für die richtigen Storys. Und Quellen hat die, das sag ich Ihnen, Quellen, da können andere nur von Träumen!

Natürlich würde Simon niemals auf mich verzichten. Vermutlich würde er mir endlich den Job als Redakteurin anbieten. Gleich, nachdem er Yvonne gefeuert hatte. Ich lächelte. Stolz, endlich diesen Schritt gewagt zu haben. Warum hatte ich das nicht schon viel früher getan?

Kapitel 3

»Du bist fristlos entlassen? Weil du eine Kollegin angegriffen hast?«

Mein Vater blickte mich besorgt an.

Nicht erst in diesem Moment wurde mir klar, warum ich vier lange Jahre Yvonnes Schreckensherrschaft ertragen hatte. Die Gute saß einfach am längeren Hebel.

»Angegriffen würde ich es nicht nennen, Papa.«

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen, aber egal.

»Und es war die Kollegin

Papas Augenbrauen wanderten in Richtung seines Haaransatzes. Er kannte Yvonne ziemlich gut. Schließlich heulte ich ihm seit einer gefühlten Ewigkeit die Ohren über ihre Gemeinheiten voll.

»Ich habe ihr nur einen Joghurtbecher über den Kopf geschüttet. Einen kleinen Becher. Fettarm.«

Vor Verblüffung blieb meinem Vater der Mund offenstehen. Bernd Speckmann fehlten die Worte. Das kam höchst selten vor. Ich konnte noch nicht sagen, ob es geschah, weil ich mich zum ersten Mal gegen Yvonnes Bösartigkeiten aufgelehnt hatte. Oder, weil er sich Sorgen über die plötzlich einsetzende Gewaltbereitschaft seiner sonst friedliebenden Tochter machte.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, hatte Simon mich rausgeschmissen. Dabei war ich doch unersetzbar für die Redaktion.

»Tut mir leid, Lizzy, aber wir können Yvonne nicht kündigen. Ihr Vertrag sieht eine üppige Abfindung vor. Das kann sich die Zeitung nicht leisten.«

Eine durchaus nachvollziehbare Begründung. Der Berliner Blitz litt, wie viele andere Boulevard-Blätter auch, unter sinkenden Verkaufszahlen. Facebook und Twitter boten genügend Klatsch und Tratsch. Und die mussten sich noch nicht einmal die Mühe machen, ihre Fake News halbwegs wasserdicht zu recherchieren.

»Soll das heißen, ich bin …?«

Gefeuert war wirklich ein unschönes Wort. Daher vermied ich, es auszusprechen.

»Wenn ich dich kündige, dann kriegst du wenigstens Arbeitslosengeld und die Krankenkasse wird auch übernommen. Was sagst du dazu?«

Was sollte man dazu schon sagen? Das Leben ist kein Ponyhof? Geld regiert die Welt? Oder lieber Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

»Simon, seit sechs Jahren arbeite ich für dich. Als Praktikantin. Was meinst du, wie hoch mein Arbeitslosengeld wohl ausfällt?!«

»Schon klar, mir tut das alles ja auch wahnsinnig leid. Aber unter den Umständen kannst du nicht länger in der Redaktion arbeiten. Und du willst es ja auch gar nicht mehr, oder hab ich dich da falsch verstanden?«

Natürlich wollte ich weiter beim Blitz arbeiten. Nur eben nicht mehr für Yvonne. Für einen kurzen Moment kam auch in mir Panik auf. Vielleicht, dachte ich, wenn ich mich richtig gut entschuldige … 

Andererseits verbot mir der letzte klägliche Rest meines Selbstbewusstseins, genau dies zu tun.

»Ich kann keinen Tag länger mehr den Fußabtreter spielen. Jeder weiß hier doch, dass Yvonne eine totale Null ist und ich die ganze Arbeit mache.«

Simon nickte. Er hatte wohl nichts anderes erwartet.

»Ich lasse dich ungern gehen, Liz, ungern. Das weißt du.«

Ich sah ihm an, dass er noch etwas loswerden wollte.

»Aber, Simon?«

»Aber, vielleicht ist das ja auch die Chance für dich. Die Chance, was ganz anderes zu machen.«

Ich sah ihn entgeistert an. Hielt er mich für eine schlechte Journalistin? Das hatte bei seinem Gespräch mit unserem Ober-Chef doch noch ganz anders geklungen.

»Du bist ein Ass in der Recherche. Ein Ass. Deine Texte sind auch ganz okay.«

»Vielen Dank für deine Offenheit.« Ob er wusste, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht hören wollte? Simon fuhr unbeeindruckt fort.

»Was dir fehlt, das ist der Biss. Der Biss, verstehst du? Du bist einfach zu nett für diesen Job. Und ich fürchte, das wird sich auch nie ändern.«

Er sah mich mitleidig an und erwartete wohl einen Wutausbruch. Oder, dass ich mich in Tränen auflöste. Es war schwer zu sagen, was ihm unangenehmer gewesen wäre. Aber da kam nichts. Ich war viel zu enttäuscht, um noch irgendetwas zu sagen.

»Genau, das meine ich, Liz. Genau das.«

Er kam um den Schreibtisch herum und setzte sich vor mir auf die Schreibtischkante.

»Jede von den Hyänen da draußen hätte spätestens jetzt angefangen, mein Büro zu zerlegen. Du stehst nur da und siehst mich an, wie ein weidwundes Reh.«

Ich hatte nun doch Mühe die Tränen zu unterdrücken, die sich in meinen Augen sammelten. Diesen letzten Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

»Wenn ich mich gegen bösartige Kollegen wehre, werde ich gefeuert. Und wenn ich es nicht tue, bin ich nicht die Richtige für den Job. Diese Logik soll einer verstehen.«

»Irgendwann wirst du mir nochmal dankbar dafür sein.«

Was für ein unrühmliches Ende meine Karriere beim Berliner Blitz doch genommen hatte.

»Ich weiß nicht, aber irgendwie hat dein Chef recht.« Mein Vater ließ eine Bratwurst durch den Wurstschneider rattern und fing die zerstückelten Reste geschickt mit der Pappschale auf.

»Du bist wirklich viel zu nett für diese Aasgeier.«

Er ertränkte die Wurstscheiben in reichlich Tomatensoße und streute Curry-Pulver oben drauf.

»Hier. Probier mal. Eine neue Spezialsoße. Mit Ingwer und Kardamom.«

Er hielt mir das Schälchen entgegen. Ich probierte und die Soße war himmlisch. »Hmmm … ungewöhnlich, aber gut.«

Mein Vater strahlte beseelt. Bernd Speckmann war nicht umsonst der stolze Besitzer der wohl besten Currywurst-Bude Berlins. Und das wollte was heißen. Immerhin war Berlin nicht gerade arm an Currywurst-Buden. DochSpeckmanns Imbiss war sozusagen das Borchardts unter den Berliner Fastfood-Tempeln. Vor zwanzig Jahren hatte er sich mitten in Pankow auf einem Baumarkt-Parkplatz mit unserem alten, zur Frittenschmiede umgebauten Wohnmobil niedergelassen. Seitdem hatte er es zur Berliner Wurst-Legende gebracht.

Der Laden brummte, auch wenn die üblichen Berlin-Touristen nicht zu seiner Kundschaft gehörten. Seine Currykreationen zogen stattdessen Heerscharen von Taxifahrern, Handwerkern, Putzfrauen und Paketboten an, die ihre Pause gern bei Curry-Pommes-Schranke verbrachten.

Was sich für meine Arbeit beim Berliner Blitz als echter Segen erwies. Schließlich gab es kaum jemanden, der so gut informiert war, wie die fleißigen Helferlein der Gutbetuchten. Sie waren mein unversiegbarer Quell all der exklusiven, skurrilen, geheimen und manchmal sogar sensationellen Nachrichten, die eine Millionenmetropole wie Berlin zu bieten hatte. Ich brauchte mich nur in den Stoßzeiten für ein paar Stunden zu meinem Vater in den Imbiss zu gesellen, schon hatte ich alle relevanten Informationen beisammen, um bei der nächsten Redaktionskonferenz mit grandiosen Neuigkeiten Eindruck zu schinden. Das zu meinen herausragenden Recherchekünsten. Die waren jetzt sowieso Geschichte.

Während ich die unfassbar leckere Wurst in mich hineinstopfte, regte sich leiser Widerstand in mir. So schnell wollte ich nicht aufgeben.

»Ich liebe diesen Job, Papa.«

Nun ja, es war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber das wollte ich hier und jetzt nicht ausdiskutieren.

»Irgendwie kriege ich den schon wieder. Wer weiß – spätestens in zwei Wochen wird Yvonne so viel Chaos in der Redaktion angerichtet haben, dass Simon mich auf Knien anfleht, wieder zurückzukommen.«

Manchmal musste man sich die Dinge einfach schönreden. Meinem Vater war anzusehen, dass er diesen Optimismus nicht ganz teilte. Doch da er über die gleichen netten Qualitäten verfügte wie ich, behielt er seine Zweifel für sich. Er lächelte mich lieber aufmunternd an und schlug mir vor, ihm im Imbiss zu helfen, während ich auf Yvonnes Rausschmiss wartete. Natürlich gegen einen angemessenen Stundenlohn, um das karge Arbeitslosengeld aufzubessern.

»Weißt du noch, wie viel Spaß wir hatten, wenn du mir geholfen hast? Das hat mir die letzten Jahre echt gefehlt.«

So konnte man das natürlich auch sehen. Tatsache war allerdings, dass ich damals ständig die Wurst hatte anbrennen lassen, dafür dann aber die Pommes halb roh servierte.

»Klar helf ich mit, Papa.«

Er strahlte über das ganze Gesicht.

»Wir können an neuen Spezialsoßen arbeiten. Es gibt niemanden, der so gut den Geschmack unserer Kunden trifft, wie du.«

Er meinte es als Kompliment. Wenn ich mir die Kunden so ansah, die an den Stehtischen vor dem Foodtruck ihre Pommes in sich hineinschlangen und mit einem Bier nachspülten, überkam mich allerdings ein gewisser Frust.

»Du hilfst Papa im Imbiss? Respekt!«

Meine Schwester Lena sah mich spöttisch an, während sie dem einohrigen, etwas mitgenommen aussehenden Wildkaninchen eine Möhre ins Gehege legte.

»Ich helfe Papa gern! Ich bin mir nämlich nicht zu schade für Pommesschwenken, falls du das denkst!«, gab ich empört zurück.

Lena lachte laut und dreckig.

»Respekt für Papa, du Blödi. Nicht für dich. Ich hoffe, du fackelst diesmal nicht wieder alles ab.«

Ich stöhnte laut auf und wollte nicht weiter an den unangenehmen Vorfall erinnert werden, der während meiner Schulzeit dazu geführt hatte, dass Papas geliebter Imbiss ein Raub der Flammen geworden war. Zum Glück zahlte die Versicherung den Schaden und Papa hatte das alte ausgebrannte Wohnmobil gegen den jetzigen, wesentlich komfortableren Foodtruck ausgetauscht. So wie ich die Dinge sah, hätten wir es auch schlimmer treffen können.

»Ich hab das ja nicht absichtlich gemacht. Das war ein ganz blödes Missgeschick.«

»Ist schon klar.«

Ich hasste diesen spöttischen Blick. Was auch kein Wunder war, wenn ein ironiebegabtes Schicksal einen mit so einer Schwester bestrafte.

Lena war zwei Jahre jünger als ich, Tierärztin mit eigener Praxis und in so ziemlich jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir.

Während ich mit Pauken und Trompeten durchs Abi rasselte und viel zu entnervt war, es ein Jahr später erneut zu versuchen, hatte sie zwei Klassen übersprungen und an einem Berliner Elite-Gymnasium ein Einser-Abi absolviert. Es folgte ein Studium der Tiermedizin, das – natürlich – in Rekordzeit abgeschlossen wurde. Da hatte ich gerade meine kaufmännische Ausbildung im Verlagswesen beendet und verzweifelt versucht, beim Berliner Blitz eine Redaktions-Praktikantenstelle zu ergattern, die so mies bezahlt wurde, dass ich weiter bei meinem Vater wohnen musste. Was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hatte. Lena hingegen brachte es mit 24 Jahren zur Teilhaberin einer gut florierenden Kleintierpraxis am Kollwitzplatz. Die Praxis erwies sich als wahre Goldgrube und sie verdiente ein Vermögen mit der Behandlung übergewichtiger Rassekatzen und völlig überzüchteter Modehunde, die alle unter einer Art tierischer Version von ADHS zu leiden schienen.

Praktischerweise hatte sie sich sofort in ihre Kollegin und Teilhaberin Merry verliebt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde aus den beiden nur ein Jahr später das glücklichste, erfolgreichste und liebenswerteste Ehepaar, das ich sowohl in meinem Hetero- als auch im Homo-Bekanntenkreis kannte. Da konnte man schon mal schlechte Laune bekommen, wie ich fand.

Gleich neben ihrer Praxis bewohnte das Traumpaar ein schickes Penthouse, in dem es (trotz dekadenter 130 Quadratmeter und Dachterrasse) scheinbar nicht genug Platz für all die herrenlosen Kleintiere gab, die sie in ihrer Praxis aufnahmen. So kamen dann Papa und ich ins Spiel.

Unser bescheidenes Elternhaus, das bereits seit drei Generationen in Familienbesitz war und diverse Wirtschaftskrisen, Weltkriege und völlig irre sozialistische Stadtplaner unbeschadet überstanden hatte, besaß nämlich einen riesigen Garten nebst großen Schuppen, der sich hervorragend als Auffangstation eignete.

Zudem waren Lena und Merry der Überzeugung, dass man sich damit doch so nervige Dinge wie Verabredungen sparen konnte. Die beiden waren nicht gerade Organisationsgenies und richteten in ihrer Praxis regelmäßig in heilloses Terminchaos an.

Fast jeden Abend schauten sie daher vorbei, um ihre Patienten zu betreuen. Anschließend aßen sie unseren Kühlschrank leer und plünderten Papas Weinvorräte. Ich fragte mich ernsthaft, ob die beiden Überfliegerinnen jemals in ihrem Leben einen Supermarkt von innen gesehen hatten.

Aktuell waren drei Kaninchen, zwei herrenlose Meerschweinchen, irgendwelche exotischen Springmäuse, deren Namen ich mir nicht merken konnte, und Hugo, ein dreibeiniges Zwergschwein, im Schuppen untergebracht. Wir beendeten gerade die Raubtierfütterung.

»Papa freut sich jedenfalls, wenn ich ihm helfe.«

Ich sah meine Schwester vorwurfsvoll an. »Und Hugo auch. Denn dann ist endlich jemand da, der mit dem armen Schwein spazieren geht.«

Es konnte nicht schaden, meiner großartigen Schwester ein schlechtes Gewissen zu verpassen, denn tatsächlich kümmerten mein Vater und ich uns die meiste Zeit um die Tiere.

Ich sah, wie sich auf Lenas Stirn eine Sorgenfalte bildete. Das passierte ganz automatisch, wenn sie ihrem Gegenüber eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. Ich beschloss umgehend, auf ihre Weisheiten zu verzichten.

»Wenn du jetzt auch noch sagst, dass der Job sowieso nicht der Richtige für mich ist, dann suche ich mir eine andere Schwester. Die netter ist.«

Das beeindruckte Lena nicht wirklich, aber immerhin war sie mitfühlend genug, sich mit breitem Grinsen abzuwenden und Hugo ausgiebig die borstigen Ohren zu kraulen.

»Warum fängst du nicht bei uns in der Praxis an, Liz?«

»Lass mich mal überlegen – weil ich keine Tierärztin bin?«

Einen Augenblick schenkte sie mir diesen mitleidigen Blick, den sie immer draufhatte, wenn sie mir etwas wirklich Unangenehmes beichten musste. Wie etwa, dass unser geliebter Goldfisch Nemo mit dem Bauch nach oben im Aquarium schwamm. Oder, dass mein Hollandrad gestohlen worden war, nachdem sie es sich ungefragt ausgeliehen und vor der Uni abgestellt hatte. Nicht abgeschlossen versteht sich. Das zum Rad gehörende ultrasichere Fahrradschloss hatte sie nämlich beim Ausleihen vergessen.

»Ernsthaft, Lizzy. Uns wächst die Arbeit über den Kopf und wir suchen dringend jemanden, der uns den Papierkram abnehmen kann.«

»Ich bin Verlagskauffrau. Keine Tierarzthelferin.«

»Kann schon sein. Aber ich kenne niemanden, der so einen guten Draht zu Tieren hat, wie du.«

Es wurde Zeit den organisierten Rückzug anzutreten.

»Oh, bitte, nicht wieder die alte Leier.«

Ich wartete erst gar nicht ihre Reaktion ab und hatte die Tür des kleinen Schuppens schon geöffnet, um in den Garten zu fliehen. Doch so schnell gab Lena nicht auf.

»Ich mein’s ernst«, sagte sie und folgte mir.

»Da bin ich total neidisch drauf, wirklich. Und super organisieren kannst du auch.«

Ich warf ihr einen genervten Blick zu. Mein persönlicher Plan vom Glück sah vor, eine der besten Journalistinnen zu werden, die diese Welt je gesehen hatte. Was vielleicht etwas größenwahnsinnig war, aber egal. Hunde, Katzen und Meerschweinchen kamen jedenfalls nicht darin vor.

»Ich mag keine Hunde«, murmelte ich abwehrend.

»Blödsinn. Erinnerst du dich an den Fuchs, der mit dem Kopf im Starbucks-Becher feststeckte?«

Natürlich erinnerte ich mich an den Pechvogel, der völlig verängstigt unter einem Müllkorb am Kollwitzplatz gehockt hatte und den weder die Polizei noch Lena aus seiner misslichen Lage befreien konnten. Mit Fauchen und Krallen hatte er sich erbittert gewehrt, und bevor die Beamten den finalen Rettungsschuss in Erwägung zogen, war ich zu Hilfe geeilt.

Wir mussten beide grinsen, als wir an den Vorfall dachten.

»In dem Augenblick, in dem du aufgetaucht bist, beruhigte sich das kleine Mistvieh und wir konnten ihn befreien.«

Das stimmte zwar, aber ich schenkte dem keine große Bedeutung. Wenigstens hatten der Fuchs und ich es zu einer kleinen Meldung im Lokalteil unserer Zeitung gebracht.

»Der war süß. Und kein Mistvieh. Wie redest du eigentlich über deine Patienten? Also ehrlich. Und außerdem: Der hatte sich einfach nur müde gestrampelt.«

»Das war es nicht. Und das weißt du auch.«

Lena sah mich ratlos an, als würde sie vor einem der sieben Weltwunder stehen.

»Du hast ein riesiges Talent und statt es zu nutzen, vergeudest du deine Zeit mit diesem lächerlichen Schmierenblatt.«

»Es ist aber das, was ich machen will. Das, was mich glücklich macht!« Langsam wurde ich ernsthaft sauer. »Und außerdem habe ich keine Lust, mir von meiner ach so erfolgreichen kleinen Schwester vorschreiben zu lassen, was ich tun soll und was nicht. Denkst du ernsthaft, ich lass mich in deiner Praxis von dir herumkommandieren? Eher entkalke ich bis an mein Lebensende die Espressomaschine beim Blitz

Ich stürmte ins Haus und knallte die Tür etwas zu heftig vor Lenas Nase zu, um jeder weiteren Diskussion zu entkommen. Ich war wütend. Und das Dumme an der ganzen Sache war: Ich war nicht wütend auf Lena. Ich war wütend auf mich. Denn tief in meinem Innern begann etwas zu ahnen, dass sie womöglich recht haben könnte.

»Der Barolo ist fantastisch.«

Meine Schwägerin Merry schnalzte genießerisch mit der Zunge und nahm gleich noch einen Schluck aus ihrem Weinglas. Es war bereits ihr zweites Glas an diesem Abend. Wenn sie so weitermachte, wäre Papas Vorrat an diesem edlen Tropfen bald Geschichte. Das kümmerte Merry allerdings herzlich wenig. Wenn sie etwas über alles liebte, (außer ihrer Arbeit und meiner Schwester natürlich) dann war es ein gut temperierter Rotwein, vorzugsweise aus Italien. Mit Franzosen oder Spaniern konnte sie nicht viel anfangen.

Mein Vater nippte ebenfalls genießerisch an seinem Glas, schloss ehrfurchtsvoll die Augen und nickte.

»Kann man trinken.«

Wir saßen im Wohnzimmer unseres kleinen Hauses am großen, runden Esstisch, der noch meinen Großeltern gehört hatte, und aßen gemeinsam zu Abend. Mein Papa hatte pünktlich um sechs seinen Imbiss geschlossen, war zum Großmarkt gefahren, um die Einkäufe für den nächsten Tag zu erledigen und anschließend seine Töchter nebst Anhang mit einem improvisierten Abendessen aus Käse, frischem italienischem Brot, eingelegtem Gemüse und besagtem Barolo zu verwöhnen. Merry war vor knapp einer Stunde bei uns aufgetaucht, um Lena abzuholen und hatte mit der üblichen Begeisterung die Einladung zum gemeinsamen Essen angenommen. Lena und ich schwiegen uns nach dem Vorfall im Garten missmutig an.

»Ist der von diesem genialen Weingut, das wir letzten Herbst besucht haben?« Merry stopfte sich ein Stück italienischen Parmesan in den Mund und spülte zufrieden mit dem teuren Barolo nach.

»Ja. Die Kiste kam gestern mit der Post. Sie lassen euch schön grüßen und ich soll euch sagen, dass es Pepito prima geht.«

Pepito war ein junges Eselsfohlen, das Merry und Lena in ihrem Italienurlaub mal ganz nebenbei auf die Welt gebracht hatten. Aus lauter Dankbarkeit schickten Pepitos Besitzer nun meinem Vater regelmäßig eine Kiste ihres besten Rotweins, den sie auf dem Gut anbauten.

»Ach … Italien.« Merry seufzte und legte ihre Hand auf Lenas, die mit dem Weinglas spielte. »Wir müssen mal wieder Urlaub machen, Süße. Ein Kurztrip nach Sizilien vielleicht. Da ist es schon richtig warm.«

Sie sah mich begeistert an. »Komm doch auch mit, Liz. Jetzt hast du endlich mal Zeit.«

Ich zuckte nur lustlos mit den Schultern. Lena ebenfalls.

»Bevor wir zum Nachtisch kommen, verratet ihr uns, was bei euch los ist?«

Mein Vater hatte langsam die Nase voll von der Spannung, die unausgesprochen in der Luft lag. Er hatte es nie ertragen können, wenn zwischen seinen Kindern Streit war. Was vermutlich daran lag, dass wir uns so gut wie niemals stritten.

»Nichts, was soll bei uns los sein?«

Lena blickte betont unschuldig und schwieg.

Merry kam meinem Vater zu Hilfe.

»Ihr habt euch gestritten.« Sie sah Lena mahnend an. »Und versuch gar nicht erst, mich abzuwimmeln, Schnucki, ich rieche es zehn Meilen gegen den Wind, wenn du mir was verheimlichst.«

»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts Wichtiges.« Ich versuchte, das Gespräch wieder auf ein anderes Thema zu bringen. »Soll ich noch eine Flasche aus der Küche holen? Die hier ist fast alle.«

Ich wollte aufstehen und die Flucht ergreifen.

»Genau das ist das Problem, Liz. Was so offensichtlich ist, wie ein rosa Elefant im Schlafzimmer, ist für dich nicht wichtig.«

Ich lehnte mich wieder zurück in meinen Stuhl. Lena wollte Krieg. Den konnte sie haben.

»Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass mir andere Dinge wichtig sind. Menschen sind nun mal verschieden, falls es dir bislang entgangen sein sollte.«

»Mir ist jedenfalls nicht entgangen, dass du dir seit Jahren etwas vormachst.«

Gebannt verfolgten Papa und Merry unseren Schlagabtausch. Und hielten sich wohlweißlich zurück. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für irgendwelche Kommentare.

»Schön, dass du dich in meinem Leben so super auskennst.«

Ich funkelte Lena sauer an. »Ich habe jedenfalls keine Ahnung, was du meinst. Und ganz ehrlich, es interessiert mich auch nicht.«

»Es sollte dich aber interessieren.« Lena beugte sich kampflustig vor. »Sieh dich doch mal an: Du bist über dreißig, wohnst noch bei deinen Eltern und lässt dich seit sechs Jahren als Praktikantin ausbeuten. Dabei arbeitest du so viel, dass du noch nicht einmal Zeit hast, dir auch nur Gedanken über dein nicht existentes Liebesleben zu machen.«

Merry legte beruhigend die Hand auf den Arm ihrer Liebsten und ihr Blick sagte deutlich, jetzt besser nicht zu übertreiben. Das sah ich genauso. Lena war in Begriff, ein paar Grenzen zu überschreiten.

Was sie nicht davon abhielt, es auch weiterhin zu tun.

»Hast du dir mal überlegt, wo du in zehn Jahren stehst, wenn du so weitermachst?«

Ich schwieg. Tatsächlich versuchte ich, möglichst wenig an meine Zukunft zu denken.

»Du wirst als frustrierte, einsame, ausgebrannte Hilfskraft enden, die ihre besten Jahre damit verplempert hat, die heißen Kohlen für schwachsinnige Kolleginnen aus dem Feuer zu holen! Willst du das wirklich, Liz? Ist das deine Vorstellung von einem glücklichen Leben?«

»Es reicht, Lena.« Mein Vater griff nun doch streitschlichtend ein. »Liz hat recht. Es ist ihr Leben und sie kann es leben, wie sie will. Nicht wie du, oder ich, oder sonst wer es für richtig hält.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, Papa, dass du ihr damit hilfst!« Lena sah unseren Vater aufgebracht an. »Du packst sie in Watte! Das hast du schon immer gemacht! Seit damals. Seit Mama …«

Lena unterbrach sich, als sie Papas erschrockenen Gesichtsausdruck sah. Dann senkte sie den Blick und stocherte auf ihrem Teller rum. »Ist ja auch egal.«

Einen Moment herrschte bedrücktes Schweigen. Alle starrten auf ihre Teller oder musterten interessiert ihre Gläser. Und vermieden dabei den Blickkontakt zu mir.

Dieser Tag war wirklich mies gelaufen und dieses Schweigen, dieses mitleidige Schweigen, gab mir den Rest.

»Gut zu wissen, dass ihr mich alle für eine totale Versagerin haltet, echt prima! Vielen Dank auch! Vielleicht sollte ich mir auf Streetview schon mal ’ne Brücke suchen, von der ich springen kann.«

Damit stand ich auf und eilte hoch auf mein Zimmer. Ich hörte noch Merrys Ratschlag, mich jetzt besser in Ruhe zu lassen. Wenigstens eine, die mich verstand.

Stunden später lag ich auf meinem Bett und starrte auf den Bildschirm meines Fernsehers, den Papa schräg gegenüber an der Wand angebracht hatte. Es lief eine dieser nervigen Castingshows, in der es darum ging, möglichst viele Mitbewerber bei was auch immer aus dem Rennen zu schlagen. Worin der Erfolg für die Teilnehmer bestehen sollte, blieb ein Rätsel. Denn bis auf ein paar Augenblicke Ruhm erwartete die Gewinner nicht besonders viel. Dafür, dass sie sich zur besten Sendezeit zum Deppen gemacht und dem Fernsehsender Bombenquoten und üppige Werbeeinnahmen beschert hatten. Ich konnte eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Leben feststellen.

Mit dem Job als Praktikantin machte ich mich auch zum Deppen. Den Gewinn strich Yvonne ein. Und selbst wenn ich in ein paar Wochen zurück in die Redaktion käme, weil Simon mich darum bat, würde sich an dieser deprimierenden Perspektive nichts ändern.

Zu allem Überfluss hatte Lena nicht nur in Bezug auf meine berufliche Karriere recht. Mein Liebesleben war, wie sie richtig festgestellt hatte, nicht existent.

Mein letztes Date war Jahre her, hatte aber immerhin zu einer rekordverdächtigen sechsmonatigen Beziehung mit einem wirklich netten Koch geführt, der bei uns in der Kantine seiner Leidenschaft für Schmorbraten nachging.

Lukas war, wie gesagt, ein wirklich netter Kerl und konnte so unbekümmert flirten, dass Widerstand zwecklos war. Und weil Lukas das Herz und Gemüt eines unschuldigen Labradorwelpen besaß, konnte ich ihm schlecht sagen, dass ich seine Liebe nicht aufrichtig erwiderte. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Und wer tut das schon gerne bei einem Labradorwelpen? Nach sechs Monaten war der Welpenschutz vorbei und ich beendete unsere kleine Liaison.

Dass ich ihn nicht liebte, war nicht Lukas’ Schuld gewesen. Er hatte mich zum Lachen gebracht, ständig mit irgendeiner Kleinigkeit überrascht und der Sex mit ihm war erstaunlich gut. Doch wenn ich ehrlich war, dann schien es auf dieser großen weiten Welt einfach niemanden zu geben, in den ich mich aufrichtig verlieben konnte.

Mit einer Ausnahme.

Den Einen hatte es gegeben. Vor langer, langer Zeit und mein Herz wollte jedes Mal vor Glück zerspringen, wenn er mich nur ansah.

Es zersprang tatsächlich.

Nämlich in dem Moment, indem er mich fassungslos stehenließ, als ich versuchte, ihn zu küssen und er alles andere als begeistert darüber war.

Shit Happens.

Ich starrte erneut auf den Bildschirm und all die gutgelaunten Menschen.

Was stimmte nicht mit mir?

Alle um mich herum schienen ihr Glück zu finden, selbst in so einer blöden Show, und ich tapste blind wie ein Maulwurf durch den Garten des Lebens und holte mir eine Beule nach der anderen.

Kurz darauf war zu hören, wie Lena und Merry sich vor dem Haus von Papa verabschiedeten und in ihr schickes Elektroauto stiegen, um zurück in ihr ebenfalls schickes Penthouse zu fahren. Ich wartete noch eine Weile, bevor ich runter in die Küche ging. Ich wollte sichergehen, dass mein Vater im Bett war und ich keinem meiner Familienmitglieder mehr begegnen würde.

Der Tisch im Wohnzimmer war abgeräumt und die Küche blitzblank geputzt. Lena hatte sich für ihren verbalen Ausrutscher anscheinend damit entschuldigt, dass sie und Merry das Chaos mal ausnahmsweise beseitigten, das sie normalerweise bei ihren Besuchen hinterließen. Nur das schwache Licht über der Dunstabzugshaube brannte noch. Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und schüttete mir den restlichen Barolo ein.

»Sie hat es nicht so gemeint, Liz. Sie macht sich nur Sorgen um dich.«

Vor Schreck verschluckte ich mich an dem Rotwein. Papa lehnte mit seiner Zahnbürste in der Hand am Durchgang zum Flur. Weiße Reste der Zahnpasta klebten noch an seinem Kinn. Er musste mich im Bad gehört haben, obwohl ich wirklich leise die Treppe heruntergeschlichen war.

»Es ist spät, Papa. Lass uns ein anderes Mal darüber reden.«

Er nickte. »Dann schlaf gut. Bis morgen.«

Papa drehte sich um und wollte wieder ins Bad. Der traurige Ausdruck in seinen Augen erzeugte einen dumpfen Schmerz in meiner Brust.

»Papa?!«

Er drehte sich noch einmal um.

»Ich weiß, dass Lena es nicht böse meint. Aber ihr gegenüber komme ich mir vor, wie die größte Versagerin der Welt. Wenn ich jetzt noch bei ihr in der Praxis anfange, dann …«

Papa kam zu mir und nahm mich in den Arm, weil ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte.

»Hey … du bist keine Versagerin. Niemand denkt das von dir. Schon gar nicht Lena.«

Es tat gut, von Papa gehalten zu werden.

»Du wirst deinen Weg schon finden. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Auch wenn ich schon steinalt bin?« Ich sah ihn an. »Glaubst du das wirklich?«

»Ja. Und zwar immer einen Schritt nach dem anderen.«


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Elli C. Carlson lebt und arbeitet in Berlin und hat unzählige Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Seit sie ihren ersten Roman All die kleinen Dinge 2016 veröffentlicht hat, kann sie nicht mehr damit aufhören. Humorvolle, emotionale und spannende Liebesgeschichten haben es ihr angetan. Happy End garantiert.

 

Auf Umwegen geküsst

Prolog

Er ist fort.

Einfach weg.

Wie kann das sein?

Auch die Zukunft muss ihn doch vermissen.

 

Der Tod steht mir gut

Wenn man den Körper des verstorbenen besten Freundes vor sich auf dem Tisch liegen hat, kann das: Verbittern, verhärmt machen, innerlich töten.

Julian war alles für mich gewesen. Mein bester Freund. Meine Familie. Soll ich Ihnen sagen, wie er war? Stellen Sie sich den unkompliziertesten und treuesten Menschen vor. Machen Sie das gerade? Dann wissen Sie, wie er war. Ich habe aber nicht nur einen ganz besonderen Menschen verloren. Nein. Ich habe auch den richtigen Zeitpunkt verpasst. Den richtigen Moment, um ihm zu sagen: Dass ich ihn auch geliebt habe. Jetzt kann ich nur noch fassungslos auf ihn herabblicken und denken, dass ich ihn noch immer liebe. Das Leid ist unbeschreiblich. Der Schmerz unsterblich.

Acht Monate später

„… der Tod hat dich einfach fest im Griff“, knurrt mein Kollege Lenius und holt mich damit erfolgreich in das Hier und Jetzt zurück. Ich stürze meinen Frühstückskaffee hinunter und sehe Lenius fragend an. „Entschuldige, was meintest du?“

Lenius sieht mich tadelnd an, kippt den letzten Tropfen Red Bull hinunter, denn Energydrinks bedeuten für ihn ein ausreichendes Frühstück, und schimpft: „Ich kann dir sagen, warum sich deine Dates nicht in Beziehungen verwandeln: Weil du die Männer mit deinen Schauergeschichten von Toten, Leichenflecken und in welche Körperöffnungen du Tamponagen stecken musst, von Anfang an in die Flucht schlägst.“

Amen.

Ich schweige.

Am besten hört ihr alle auf, mich zu verkuppeln, dann kann ich auch keinen Mann mehr in die Flucht schlagen.

Mit mürrischem Gesichtsausdruck erhebe ich mich, was mir ebenfalls einen missbilligenden Blick von Lenius einbringt. „Du solltest mehr essen. Dein Blazer-Anzug schlabbert an dir herum, als hättest du überhaupt keine Figur mehr.“

Verstimmt richte ich meine Arbeitskleidung und muss feststellen, dass Hawkeye recht hat. Den Spitznamen habe ich ihm verpasst, weil er mich an Hawkeye von den Avengers erinnert. Süß wie Jeremy Renner ist er ja, aber natürlich verheiratet.

Hey, so dünn war ich noch nie: Der Tod steht mir gut. Er macht schlank.

Stumm will ich den Pausenraum verlassen, da hält Lenius mich milder gestimmt am Arm zurück.

„Alisa. Du hast die Regel gebrochen. Wir übernehmen nie die Versorgung an unseren verstorbenen Verwandten, Bekannten oder Freunden. Du hättest uns sagen müssen, dass Du ihn kanntest. Dann hätte ich den Leichnam von Herrn Kamp … Julian … deinem Kumpel, abgeholt und für die Bestattung vorbereitet.“ Mit kühler Gelassenheit sehe ich Lenius in die Augen, aber mein Inneres schreit: Julian war kein Kumpel, sondern der beste Freund auf Erden.

„Mach kein Drama daraus. Sein Tod ist acht Monate her.“ Will ich ihn und mich selbst überzeugen.

Lenius sieht mich enttäuscht an, weil er weiß, dass ich ihn und mich selbst belüge. „Du solltest dir dringend freinehmen. Du arbeitest ununterbrochen, anstatt die Trauer an dich heranzulassen. Nimm dir Zeit, damit du ins Leben zurückfinden kannst. Deine Existenz kann sich doch nicht nur um den Tod drehen.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln. „Ich bin halt eine Vollblut-Bestattungsfachkraft und hier unentbehrlich.“

Damit lasse ich ihn stehen und gehe ins ansehnliche Foyer. Regale mit Urnen in den verschiedensten Farben zieren zur Ansicht den Empfangsbereich. Wir sind ein nobles Bestattungsinstitut mit sündhaft teurer Einrichtung, komfortablen schwarzen Ledersitzgruppen, einem aufwändig gestalteten Trauersaal und geschmackvoll eingerichtetem Verabschiedungsraum, wo die Trauernden am offenen Sarg letzte, intime Selbstgespräche beim Verstorbenen führen können. Ich habe weiß Gott wie viele Gespräche mit Julian im Behandlungsraum geführt, als er vor acht Monaten seinen Verletzungen erlag. Solche Gespräche sind heilsam, auch wenn der geliebte Mensch nichts erwidern kann.

Ich stutze. Der Empfangstresen ist nicht besetzt und ein Neukunde steht geduldig vor den Urnenregalen. Er hat mir den Rücken zugewandt.

Du grüne Neune! Aus welchem Jahrhundert stammt der Kerl denn? Und verflucht nochmal, wo steckt Claudia?

„Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“, begrüße und mustere ich den edelgekleideten Mann, der aus dem 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint. Er trägt einen altmodischen Spazierstock mit einem silbernen Knauf, in Form einer Rose. Er hat schulterlanges, schwarzes Haar und beim ersten Tonfall meiner Stimme dreht er sich langsam zu mir um. Seine eindrucksvollen dunkelbraunen Augen treffen mich und ich muss mich zusammenreißen, um nicht hörbar Luft zu holen. Dieser Mann ist Ausländer und seine geheimnisvolle, dunkle sowie anziehende Aura kann sogar solch einen Eisklotz wie mich sekundenlang aus dem Konzept bringen. Seine gebräunte Haut verrät ihn als Italiener, Portugiesen oder was auch immer. Er unterzieht mich einer gründlichen Musterung, was mich irgendwie ärgert, obwohl ich dasselbe bei ihm tue, und macht zwei Schritte auf mich zu. Seine ganze Haltung strahlt Autorität und eine gewisse aristokratische Eleganz aus.

Ok. Wow. Solch einem faszinierenden Mann bin ich noch nie über den Weg gelaufen. Ich bin beeindruckt. Mehr wird er von mir aber nicht kriegen.

„Guten Morgen. Ich erbitte ein Informationsgespräch. Meine Tante liegt im Sterben und die Ärzte geben ihr nur noch einige Tage.“ Die Stimme des Fremden huscht mir unter die Haut. Tatsache. Er ist kein Deutscher, was mir sein faszinierender Akzent nun bestätigt.

„Das tut mir leid. Lassen Sie uns das in Ruhe besprechen.“

Ich weise ihn an, mir zu folgen, und spüre seinen prüfenden Blick auf mir. Meine Kollegin Claudia, die eigentlich am Empfang hätte sein sollen, eilt von den Toilettenräumen auf uns zu und sieht elendig aus. Lenius betritt ebenfalls das Foyer, erkennt die Lage und nimmt sich ihrer an. Sie gehört definitiv nach Hause aufs Sofa.

Ich geleite den Herrn in unseren schönsten Besprechungsraum, der in dezenten Farben gehalten ist. Pflanzen in großen Gefäßen, einem hochwertigen palisanderfarbenen Bürotisch und einer Ohrensessel-Sitzgruppe aus dunklem Leder vervollständigen den Raum. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und biete ihm etwas zu trinken an, was er ablehnt, also setze ich mich ihm gegenüber.

„Mein Name ist Alisa Cossmann. Ich vertrete Herrn Colmer, den Inhaber von Bestattungen Colmer.“

„Ich bin Leandro Luengo Álvarez, Herzog von Aurelio.“

Ooookaayyy, und das Ganze bitte noch einmal zum Mitschreiben.

„Darf ich fragen, woher Sie kommen?“

Ein stolzes Lächeln breitet sich auf seinen schönen Lippen aus: „Ich stamme aus einer sehr alten spanischen Familie. Aus dem Hause Aurelio, König von Asturien, was heute als Fürstentum Asturien im Nordwesten Spaniens liegt.“

Oh, noch nie von gehört. Klingt nett.

„Sie sind also ein richtiger Thronfolger?“

„Nein. Im 10. Jahrhundert wäre ich es gewesen. Heute ist Asturien, wie bereits gesagt, ein Fürstentum und kein Königreich mehr. Nur der Thronfolger von Spanien darf den Titel Fürst von Asturien tragen. Aber genug von mir.“ Leandro Luengo kehrt zügig zum eigentlichen Thema zurück: „Wie ich bereits erwähnte, liegt meine Tante Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz im Sterben. Sie hat mich gebeten, Vorkehrungen für ihre Beisetzung zu treffen.“

„Mein tiefes Mitgefühl. Das ehrt uns sehr, dass Sie mit ihrem Anliegen zu uns kommen. Wir kümmern uns um alles, damit die Angehörigen trauern können. Wir bieten Erd- oder Feuerbestattung, Beisetzung auf allen Friedhöfen und Seebestattungen an. Wir kümmern uns selbstverständlich auch um internationale Überführungen, falls Sie das benötigen. Sie werden von uns umfassend während und nach der Bestattung betreut.“

Hört der Álvarez Soundso mir überhaupt zu? Oder gafft er mich nur an?

„Wir regeln für Sie die Beantragung und Abholung von Sterbeurkunden. Kommt für Sie eine Überführung ins Ausland infrage?“

„Nein. Meine Tante möchte hier bei ihrem deutschen Gatten beerdigt werden.“

Ah, interessant. Deshalb trägt sie in ihrem langen Namen den deutschen Nachnamen Lorenz.

„Wissen Sie schon, auf welchem Friedhof Frau Zapatero beerdigt werden soll?“

„Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz“, berichtigt mich der Herzog-Schnösel. Ich verdrehe innerlich die Augen.

Ist ja gut. Entschuldigen Sie bitte, Herr Hochwohlgeboren.

Herzog Sowieso schaut ziellos in den Raum, als kreisen seine Gedanken weit fort von hier.

„Um ehrlich zu sein … meine Tante hat den Wunsch geäußert, in ihrem privaten Garten im Schloss Callareich beigesetzt zu werden.“

Ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu.

„Das geht leider nicht. Tut mir leid. Das ist in Deutschland verboten, da kann ich nichts machen.“

Mit einem süffisanten Blick beugt sich der faszinierende Herzog ein Stück nach vorne. „Sagen Sie niemals nie, Frau Cossmann. Es gibt immer Mittel und Wege. Bieten Sie der Kommune in meinem Namen Schloss Callareich an. Das wäre bestimmt eine Bereicherung der Stadt. Als Museum umfunktioniert wäre das Schloss eine prima Einnahmequelle.“

Überrascht über solch einen Vorschlag, suche ich in seinen Gesichtszügen nach der Aufrichtigkeit seiner Worte. Mit seinem überheblichen Blick könnte er glatt die Rolle als Loki in den Thor-Filmen von Marvel übernehmen. Dessen Schönheit besitzt er ebenfalls.

Ich räuspere mich. „Haben Sie die Befugnis, eine solche Schenkung an die Kommune zu erteilen?“

Herzog Blablabla erhebt sich, verschränkt die Hände auf dem Rücken und geht mit arroganten Gesichtszügen durch das Besprechungszimmer.

„Selbstverständlich bin ich befugt, Frau Cossmann. Ich bin der alleinige Erbe von Schloss Callareich. Meine Tante ist kinderlos.“

Ich lehne mich zurück, schlage meine Beine übereinander und gebe mir Mühe, nicht genervt zu klingen. Bei aufgeplusterten Schnöseln fällt es mir meist schwer, mich zusammenzureißen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn interessant oder nervig finde.

„Ich kann gerne der Stadt ihren Wunsch unterbreiten, aber machen Sie sich nicht allzu viele Hoffnungen.“

Herzog Leandro Luengo und so weiter und so weiter kehrt galant an seinen Platz zurück, setzt sich hin und sieht mich unverwandt an. Vor seinen ausdrucksvollen Lippen verschränkt er seine Hände ineinander und blickt mich an, als könne er bis tief in meine Seele schauen. Ich halte kurz den Atem an, weil ich nicht weiß, was dieser Blick soll, dann schaue ich weg. Aus dem Augenwinkel kann ich ein Grinsen auf seinem Mund ausmachen und mir kommt der Wunsch auf: Er solle endlich verschwinden. Ich mag es ganz und gar nicht, wenn man mich so tiefgründig beobachtet. Außerdem mag ich keine wilden Hengste, die um ihre Wirkung auf Frauen wissen.

„Frau Cossmann, entschuldigen Sie bitte meine direkte Unverschämtheit, aber darf ich fragen, was das für ein seltsames kleines Loch an ihrem Halsanfang ist?“

Wie auf Knopfdruck fühlen meine Finger über mein Weizenkorn-großes Loch in der Haut. Mein Makel. Mein besonderes Kennzeichen, wie Mama immer sagt.

„Das ist eine Fistel. Sie kann sich zu einer Röhrenfistel weiter vergrößern. Es handelt sich um eine epitheliale Auskleidung, kann daher, sobald es gefährlich wird, nicht ohne völlige Ausschneidung heilen, was am Hals nicht gerade spaßig sein wird. Aber bis jetzt hatte ich keine Probleme damit. Es ist einfach ein kleines Loch in der Haut.“

Der Herzog hört mir aufmerksam zu und nickt ernst.

Schweigen.

Nun starren Sie doch nicht so auf mein Loch.

Herzog Leandro bemerkt meinen Unmut und räuspert sich.

„Wer wird meine Tante reinigen, ankleiden und frisieren?“ Selbstsicher schaue ich ihn wieder an. „Das mache ich.“ Überrascht zieht er die Augenbrauen hoch. Damit hat er wohl nicht gerechnet und er sagt: „Keine einfache Aufgabe. Wollen Sie das für den Rest ihres Lebens machen?“

Verständnislos schaue ich ihn an. „Das ist mein Job.“

Abrupt steht er auf und geht zur Tür, um sich mir dann noch einmal zuzuwenden. Seine Stimme erklingt auf einmal ganz sanft, ohne eine Spur von Arroganz: „Die vielen Toten haben Ihnen traurige Augen geschenkt, Alisa.“

Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß. Wüsste nicht, wann ich Ihnen das Du angeboten habe.

„Mir geht es gut“, sage ich tonlos und vergrabe den Schlüssel zu meinen weggesperrten Gefühlen noch tiefer in mir. Dieser Mann kommt mir mit seiner durchdringenden Art mich anzusehen irgendwie zu nah.

„Sie werden von mir hören. Adiós, Frau Cossmann.“

Verblüfft darüber, wie schnell er einfach so verschwindet, schaffe ich es nicht einmal, mich zu erheben, um ihn die Hand zum Abschied zu reichen.

 

Siegel

Am darauffolgenden Arbeitstag habe ich den Vorfall mit dem adeligen Spanier schon vergessen, wäre da nicht die Post gekommen. Ein Briefkuvert aus feinstem Büttenpapier in pastelligem Apricot mit sage und schreibe Siegelwachs in Form einer Rose und einem Schwert, das sich um ein Kreuz schlingt, und einer Krone. Adressiert an: Señora Alisa Cossmann.

Auffälliger ging wohl nicht.

Mit dem aufwändigen Brief, der irgendwie blumig riecht, verschwinde ich in meinem spärlich möblierten, pflanzenlosen, weißgestrichenen Arbeitszimmer. Ein klitzekleines bisschen Ehrfurcht packt mich, während ich vorsichtig das Siegel breche. Ich ziehe das edle Briefpapier, welches umgarnt wird vom Seidenpapier des Kuverts, heraus und falte den Brief auf. Eine schwungvolle Handschrift ziert das duftende Papier.

„Sehr geehrte Señora Cossmann,

ich lade Sie herzlich zum Abendessen ein, um die Frisur von Baronesa Alma Àlvarez Zapatero Lorenz zu besprechen. Ein Wagen wird sie um 17 Uhr vom Bestattungsinstitut Colmer abholen.

Meine Hochachtung

Leandro Luengo Àlvarez, Herzog von Aurelio“

Pfff, ich bin doch kein Beauty Salon. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Tja, Kunde ist König beziehungsweise Herzog oder Baronesa.

Pünktlich um 17 Uhr fährt ein Wagen vor, welcher Lenius zum Stöhnen und Pfeifen bringt. Ich geselle mich zu ihm an die Tür und bin nicht minder überrascht. „Grundgütiger! Was ist das?“

Bei Lenius verträumter Stimme sehe ich vor meinem inneren Auge, wie er den Lack des Wagens abschleckt.

„Das ist ein Bugatti Typ 101 Baujahr 1951. Mann, ich werd verrückt. Der schwarze Lack glänzt, als käme das Auto gerade erst aus der Produktion. Überlass mir diesen Auftrag, ja? Ich will zu gerne mit dem Auto mitfahren.“

Am liebsten hätte ich Lenius mit einer Handtasche, wenn ich denn eine hätte — bin kein Handtaschen-Typ — eins über den Schädel gezogen, um ihn auf den Boden zurück zu bekommen. Der Sabber seiner Begeisterung über dieses Stahlungetüm sammelt sich schon auf dem Granitboden. Ein waschechter Chauffeur, wie man ihn aus Filmen kennt, steigt aus, nickt mir höflich zu und öffnet mir die hintere Wagentür. „Frau Cossmann, darf ich bitten?“

Zum Abschied ramme ich Lenius spielerisch meinen Ellbogen in die Seite und steige in den Wagen. Mein klopfendes Herz und meine innere Aufregung auf das, was mich erwartet, nerven mich und ich ermahne mich zu Ruhe und Gelassenheit. Während der Fahrt schweifen meine Augen über die schöne Landschaft Oberwesels. Schloss Callareich thront auf einer Bergkuppe mit viel Baumbestand und gewährt bestimmt einen fantastischen Blick auf den Rhein. Das Schloss habe ich noch nie von Nahem gesehen, da es im Privatbesitz und von hohen Pflanzen umgeben ist. Als wir uns dem gigantischen Eisentor nähern, krampft mein Magen sich von Adrenalin gepeinigt zusammen. Normalsterbliche wie ich setzen wohl selten einen Fuß auf dieses riesen Grundstück. Hinter unzähligen Eiben, Rhododendron, Blutbuche und Rosskastanie taucht der Anblick des romantisch aussehenden Lustschlosses auf, welches dem Baustil von Schloss Favorit Ludwigsburg ähnelt. Wie nicht anders zu erwarten, ziert die Blume Calla in den schönsten Farben das Anwesen: Weiß und Dunkellila. Eine hinreißende Parkanlage mit Teich und Sandsteinfiguren heißt mich willkommen. Wir fahren um einen beeindruckenden Springbrunnen und halten vor einer gigantischen Steintreppe an. Der Chauffeur steigt aus und öffnet mir die Tür. Als er mir noch die Hand reicht, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein, erröte ich peinlich berührt. Wer ist solch ein Tamtam schon gewöhnt? Ich fühle mich wie Cinderella auf ihrem Weg zum königlichen Ball, obwohl meine Leidenschaft für Märchen schon vor Jahren Tschüss gesagt hat. Ich sehe noch mal schnell an mir hinab, ob auch alles sitzt, und bin froh, einen frischen Blazer-Anzug mitsamt Bluse angezogen zu haben. Immerhin trete ich gleich einer Baronesa entgegen. Mein schulterlanges Haar glänzt dunkelbraun und verspielte Löckchen tummeln sich um mein ovales Gesicht. Doch. Ich bin mir sicher, passabel auszusehen, damit ich meinem Chef keine Schande bereite. Ich presse sanft die Lippen aufeinander, um den dezenten Lipgloss zu verteilen, und starre auf die eindrucksvolle, doppelflügelige Eingangstür.

Will mich der Chauffeur-Guru nun hineingeleiten oder soll ich allein gehen?

Da spüre ich einen intensiven Blick auf mir und schaue zur Balustrade hinauf. Herzog Sowieso steht an der Brüstung und sieht amüsiert zu mir hinab.

Musste der mich jetzt beim Lipgloss abchecken beobachten?

Irgendwie ist meine gute Laune schon wieder dahin. Wie schafft der Kerl das nur, dass meine Stimmung wechselt wie Aprilwetter? Gelassen fährt er mit seiner Hand über die Brüstung und steigt langsam die Stufen zu mir hinab. Zügig setze ich meine professionelle Miene auf, reiche ihm höflich die Hand und schenke ihm ein Profilächeln. Zu meiner Überraschung schüttelt er mir nicht die Hand, sondern drückt mir einen galanten Kuss auf den Handrücken und sieht mir dabei verführerisch in die Augen. Ich beiße die Zähne aufeinander. Die Genugtuung, entzückt von ihm zu sein, werde ich ihm nicht geben. Das wäre doch gelacht, wenn ich diesem Lustmolch von einem Spanier nicht widerstehen kann.

„Reizend, dass Sie es einrichten konnten zu kommen, Frau Cossmann.“

Pfff, bei dem Befehlston im Brief?

Er hakt sich meinen Arm unter und führt mich in das prachtvolle Anwesen. Die Empfangshalle ist ein Meisterwerk der Schlösserkunst. Mit gigantischen Treppen links und rechts von mir. Himmlische Deckenmalerei mit Engeln. Statuen und Gemälde von Vorfahren zieren die Halle. Ich bin kein romantisch veranlagter Typ, aber faszinierend ist dieses Schloss allemal, und ich freue mich, es besichtigen zu dürfen. Leandro beobachtet mich, wie ich sein Erbe bestaune. Fröhlich lächelnd zieht er mich zum rosa Salon, wie er mir erzählt. Für meinen Geschmack ein wenig zu rosa. Auf einer antiken Chaiselongue liegt eine alte, edel gekleidete Dame. Ihre Krebserkrankung sehe ich ihr sofort an. Berufserfahrung würde ich sagen. Zwei kostbar aussehende Sessel stehen vor ihr, damit wir uns setzen können. Gemälde aus Baronesa Almas Jugend hängen im Salon. Ohne Neid muss ich sagen, dass sie eine sehr schöne Frau gewesen ist. Ihre aristokratisch-spanischen Züge sind ihr noch immer anzusehen. Auf einem Gemälde fällt ihr wallendes, langes Haar wie schwarzes Gold über ein herrliches Kleid. Auf einem anderen trägt sie eine romantische Hochsteckfrisur und sündhaft teuren Schmuck. Von der Pracht ist nichts übrig, die Haare der Dame auf dem Sofa sind schlohweiß. Ich reiße mich von den Bildern los, lasse mich von Leandro zu meinem Platz geleiten und schenke der alten Dame meine volle Aufmerksamkeit. Sie hebt schwach ihre Hand, welche ich ergreife und sanft zum Gruß drücke. Der Krebs hat sie fürchterlich gezeichnet, es ist nichts mehr von der Schönheit, die sie einst besaß, an ihr zu erkennen.

„Ich freue mich sehr, Sie begrüßen zu können, Frau Cossmann. Vielleicht erscheint es Ihnen seltsam, dass ich Sie herbat, aber ich wollte den Menschen, der mich als letztes und vor allem sehr persönlich berühren wird, kennenlernen.“

Touché. Für mich ist es auch ergreifend, manche Kunden lebend kennengelernt und dann plötzlich leblos auf meinem Arbeitstisch zu haben. Da musste ich lernen, Gefühle abzuschalten.

Ich schenke ihr ein verständnisvolles Lächeln. „Ich danke Ihnen für die freundliche Einladung, Baronesa. Ich fühle mich geehrt, hier sein zu dürfen.“

Baronesa hustet, Leandro richtet ihr das Kissen und gibt ihr Wasser zu trinken.

Hui. Wie fürsorglich der arrogante Schnösel sein kann. Das macht ihn ein wenig sympathisch.

Ich erwische mich dabei, wie ich nun die Beobachterin spiele. In seinen sonst so überheblichen Gesichtszügen ist nichts mehr von seinem Hochmut zu sehen. Sorge, Mitgefühl und … Liebe zeichnet sich in seinem gemeißelten Engelsgesicht ab. Solch eine bedingungslose Zuneigung direkt vor Augen zu haben, habe ich so noch nie beobachtet. Ich muss gestehen, das macht mich traurig. Diese Situation führt mir vor Augen, wie Recht Lenius hat. Ich habe mich nur noch für die Toten interessiert. Liebe hat seit Julians Tod keinen Platz mehr in mir gehabt. Natürlich liebe ich meine Eltern. Da sie auf Sylt leben, sehe ich sie aber nur selten. Daher hatte das Ohnmachtsgefühl leichtes Spiel mit mir, um sich schleichend in mir auszubreiten.

„Also, was halten Sie davon, wenn ich mich wie Elizabeth Taylor stylen lasse?“

Ihren Humor scheint der Krebs noch nicht gefressen zu haben. „Was Ihnen beliebt. Ich mache, was man mir aufträgt.“ Baronesa Alma dreht sich ihrem Neffen zu und grinst: „Hörst du das, mein Junge? Sie macht, was man will.“ Dabei zwinkert sie mir zu und ich rechtfertige mich schnell: „Nur beruflich. Privat sieht das schon ganz anders aus.“ Verschwörerisch beugt sie sich mir zu. „Mein Neffe ist noch Single.“

War klar, dass sie darauf hinaus wollte. Sehe ich so aus, als ob ich dringend was zwischen die Beine bräuchte?

Ich rolle innerlich mit den Augen. Ich hoffe, sie hat mich jetzt nicht wirklich hierher gelotst, um mich zu verkuppeln.

Alma tätschelt ihrem Neffen müde die Hand und meint: „Sei so lieb und führe unseren Gast ein wenig herum. Ich muss ein Schläfchen halten. Vergiss nicht, ihr den Rosengarten zu zeigen.“

Leandro küsst ihr lächelnd die Hand. „Wie Ihr befehlt, mi Princesa.“

Leandro führt mich aus dem Salon in den barock angelegten Park. Bei dieser Schlossbesichtigung mit all seinen Sehenswürdigkeiten muss man eine ordentliche Portion Ah´s und Oh´s dabei haben. Ist die kleine Parkanlage vor dem Schloss schon ein Hingucker, übertrifft der Park hinter diesem Palast meine Vorstellung bei weitem. Und ich muss feststellen, dass meine Tüte, die meine Ah´s und Oh´s beinhaltet, zu klein ist. Die Baronesa muss unglaublich vermögend sein, um solch eine Anlage bewältigen zu können. Leandro hat seinen Stolz wieder ausgepackt und zeigt selbstgefällig die kunstvollen Sitzbänke aus Stein, die Statuen, Skulpturen, verspielten Springbrunnen mit Lichtattraktionen und den Rosengarten mit hübschen Gartenlauben. Ich setze mich in eine der Lauben und kann verstehen, warum die Baronesa hier begraben werden möchte. Die Blumen sind eine Augenweide und eine Pracht, aber für mich sind Blumen nichts. Ich töte sie immer versehentlich, weil ich nicht ans Gießen denke. Ich sehe Leandro einige Minuten an und frage: „Sie und Ihre Tante stehen sich sehr nahe, nicht wahr?“

„Sie ist wie eine Mutter für mich. Ich habe viele Jahre bei ihr gelebt, weil ich mich in meiner Jugend nicht besonders gut mit meinen Eltern verstanden habe.“

„Deshalb sprechen Sie so gut Deutsch.“ Stelle ich mehr für mich fest. Leandro lächelt und nähert sich den edlen Baccara-Rosen und schnuppert daran. Ich kann mir nicht helfen; einerseits finde ich es seltsam, wenn ein attraktiver Mann seine Nase in Rosenblüten steckt, und andererseits finde ich das faszinierend und er bekommt wieder einen Pluspunkt zu seinen zahlreichen Minuspunkten. Auf einmal bricht er eine schöne Rose ab, wendet sich mir zu, schiebt quälend langsam mein Haar über die Schulter und steckt mir die duftende Blume hinters Ohr.

Du meine Güte! Habe ich gerade kurz die Augen geschlossen, als seine Hand mich berührte? Wie peinlich. Ich bin wegen eines traurigen Anlasses hier und nicht zum Verlieben.

Herzog Leandros Handrücken streift meine Wange. Sein Blick?

Geheimnisvoll. Die dunklen Augen bahnen sich ihren Weg über meine Haut bis tief in mein Innerstes. Prallen jedoch an einem unüberwindbaren Torwächter vor meinem Herzen ab. Meine Augen flehen ihn an, nicht tiefer in mich zu dringen. Mein Puls verrät meine Sehnsucht nach Zuneigung.

Sein ernster und aufrichtiger Gesichtsausdruck verwandelt sich in ein süffisantes Lächeln. Ich werde nicht schlau aus diesem faszinierenden Mann, der mir teils unter die Haut und andererseits auf die Nerven geht.

Du willst nicht, dass er dir unter die Haut geht, flüstert mir eine böse innere Stimme zu.

Mit aller Kraft löse ich mich von seinem ausdrucksstarken Blick, doch sein Daumen streift abrupt über meine halb geöffneten Lippen und erneut hält mich sein magischer Blick gefangen.

„Ich sollte langsam heimkehren“, sage ich rasch und unterbreche somit den Zauber. Bevor ich abhauen kann, zieht er meinen Arm unter seinem hindurch und geleitet mich zum Schloss zurück.

„Aber nicht ehe wir gegessen haben. Immerhin seid Ihr zum Essen eingeladen.“


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Nicole Lange, geboren 1983 in Bielefeld, wohnt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Sohn in Bad Salzuflen. Seit ihrer Ausbildung zur Bäckerin backt sie wortwörtlich ihre Brötchen selber. Nach erfolgreichem Abschluss absolvierte sie noch eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel und macht diesen nun zusätzlich unsicher. Seit über vierundzwanzig Jahren gehören die Lese- und Schreibleidenschaft zu ihrem Leben. Kurzgeschichten und Romane erfüllen sie in ihrer spärlichen Freizeit. Ihr Debütroman Herz verloren, Liebe gefunden erschien im Juni 2017.