Mord ohne Kalorien: Darina Lisles achter Fall

Stuttgart, Juli 2018. Janet Laurence lässt ihre Protagonistin Darina Lisle auch in dem neuen Band der Cosy-Crime-Reihe humorvoll ermitteln und bietet erneut einen kriminellen Leckerbissen. Bei Darina Lisle erwartet den Leser eine wunderbar unterhaltsame Mischung aus Kochsendung und Mord ist ihr Hobby. So darf in der Darina-Lisle-Reihe gerne mitgerätselt werden. Ist eine Leidenschaft für das Kochen vorhanden, darf sich der Leser darüber hinaus an den Rezepten, den Tipps und Tricks der Lisle’schen Kochkunst erfreuen: Hobby-Ermittlerin Darina Lisle ist schließlich eine erfolgreiche Kochbuchautorin!

Download Pressemitteilung: PM 07-2018_dp_Digital Publishers_Mord ohne Kalorien

Gefährliche Wellness – Hobbydetektivin und Meisterköchin Darina Lisle begleitet ihre kürzlich verwitwete Mutter zu einem belebenden Aufenthalt auf die Conifers Spa Gesundheitsfarm. Auch in ihrem achten Fall Mord ohne Kalorien wird wieder mit Finesse und klassisch britischem Humor ermittelt.

MerkenMerken

MerkenMerken

Mord ohne Kalorien

Kapitel 1

„Ein leckerer Salat ist ein Widerspruch in sich“, erklärte Lady Stocks.

„Du klingst genau wie William“, bemerkte ihre Tochter, Darina Lisle.

„Dein Ehemann hat auch seine guten Seiten.“

„Das ist bei euch beiden eine wirklich vorhersehbare Reaktion. Komm schon, locker mal deine Vorurteile. Alles, was so gut aussieht, muss auch gut schmecken.“

„Ich wüsste nicht, dass du schon mal einen Renoir verspeist, oder an einer Gabel voll Armani geknabbert hättest!“ Lady Stocks stocherte verdrießlich im äußeren Ring aus knackigen, kleinen Salatblättern herum, der ein Arrangement aus Mangoscheiben, geschälter und gehobelter Tomate, Gurkenstiften und Ananaswürfeln umgab. Kleine, dunkle und duftende Minzblätter dekorierten den Salat, der mit einem Zitronen-Minz-Dressing angemacht war. „Wie auch immer, das hier hat doch keine Substanz, das Körper braucht etwas, mit dem er arbeiten kann.“

„Es muss dir schon besser gehen!“, sagte Darina fröhlich. „Ich wusste, dass dir dieser Ort guttun würde.“

Lady Stocks sah sich in dem großen Speisesaal der Conifers Spa Gesundheitsfarm um. Das Landhaus-Dekor lieferte die Substanz, die dem Essen fehlte, großzügige Arrangements aus Gartenblumen wurden vom Sonnenlicht untermalt, das durch die großen Schiebefenster flutete. „Man kann das hier wohl als angenehm bezeichnen“, sagte Lady Stocks widerwillig.

„Und nachdem wir eine Woche hier verbracht haben, werden wir beide zu allem bereit sein.“

„Ich dachte, der Plan war, dass du etwas abnimmst. Ich weiß nicht, was seit euren Flitterwochen passiert ist!“ Darinas Mutter blickte betont auf das locker sitzende Oberteil, das oberhalb ihrer cremefarbenen Leinenhose an den Hüften zusammengeknotet war. Die Hose war zwar unter dem Tisch verborgen, aber Darina war sich nur zu bewusst, dass sie nicht mehr locker saß.

„Ein paar Pfund weniger würden mir nicht schaden.“ Darina versuchte angesichts des Themas gelassen zu klingen; sich von ihrer Mutter reizen zu lassen war nicht Teil des Plans. „Aber wir sind vor allem hier, um etwas Abstand zu allem zu bekommen, unsere Körper in Form zu bringen, zu genießen und verwöhnt zu werden. Dieses Dressing ist köstlich; koste mal“, sagte sie überzeugend, während sie mit Begeisterung ihre Gabel schwang.

„Gerry sagt immer“, setzte ihre Mutter an, doch dann weiteten sich ihre Augen. Sie blinzelte heftig und presste ihre schmalen Lippen aufeinander, bis ihr Mund nicht mehr auszumachen war, doch die zwei Tränen waren nicht mehr aufzuhalten und rollten langsam über ihre gründlich geschminkten Wangen.

Darina reichte ihr unauffällig ein Taschentuch über den Tisch.

Eine vornehme Hand, nur leicht von Altersflecken entstellt, tupfte rasch die Tränen ab. „Es tut mir leid, Liebes, beachte das gar nicht. Ich bin eine Närrin.“

„Nein, bist du nicht.“

„Ich konnte mich schon ausreichend als Witwe üben, nachdem dein Vater starb. Wie lange ist das her, zwölf Jahre? Und ich war weniger als ein Jahr mit Gerry verheiratet.“

„Die Zeit spielt dabei keine Rolle“, sagte Darina sanft.

„Ja“, stimmte ihre Mutter zu. Sie stocherte mit ihrer Gabel geistesabwesend im Essen herum und ruinierte die kreisrunde Anordnung. „Es kam so plötzlich“, fügte sie hinzu und blinzelte wieder heftig. „Gerry war erst dreiundsiebzig. In einem Augenblick war er noch da, erzählte mir alles über die Kürzungen bei der Armee und wem er deswegen schreiben würde, und im nächsten sackte er nach hinten.“ Die Hand, die das Taschentuch hielt, packte krampfhaft zu, bis die Knöchel weiß wurden. „Er hatte mir versprochen, dass er aus einer langlebigen Familie stamme!“ Die Empörung wirkte beinahe komisch.

„Ich weiß, dass es nicht fair ist“, sagte Darina sanft.

„Als hättest du dir das alles noch nicht anhören müssen. Ich sage dir, ich werde senil.“ Lady Stocks stopfte das zerknüllte Taschentuch in ihre mit goldenen Ketten verzierte Chanel-Handtasche und nahm die Gabel wieder auf.

Darina murmelte unwillkürlich eine Leugnung. Sie war schon ihr ganzes Leben lang daran gewöhnt, sich das Geplapper ihrer Mutter anzuhören. Als geselliges Wesen ernährte sich Ann Stocks am liebsten von Gesellschaft. Aber nach dem plötzlichen Tod ihres zweiten Ehemannes General Sir Gerald Stocks vor ein paar Monaten hatte sie erklärt, dass sie keine Gesellschaft mehr ertragen könne und dass Darina und ihr Schwiegersohn William das als einzige verstünden.

Es war Williams Idee gewesen, dass Darina ihre Mutter ins Conifers Spa bringen sollte.

„Hast du nicht erzählt, dass eine Freundin von dir eine Gesundheitsfarm leitet?“, hatte er Darina gefragt, nachdem sie erwähnt hatte, wie sehr sie sich wegen der Depression ihrer Mutter sorgte. „Carolyn Pierce, heißt sie nicht so? Und meintest du nicht, du würdest dir das auch gerne mal ansehen? Also, warum gehst du nicht mit deiner Mutter für eine Woche dort hin? Sie von all dem wegzubringen, was sie an Gerry erinnert, könnte die Lösung sein.“

„Du weißt, wie leicht sich Ma über mich aufregt“, hatte Darina widersprochen. Und wie sie mir unter die Haut geht, hatte sie im Stillen hinzugefügt.

„Im Moment sicher nicht“, hatte William sie erinnert. „Komm schon, ich weiß, dass du das Spa sehen willst, und es scheint mir der perfekte Plan zu sein. Ich bezahle; eine Firma, von der ich Anteile besitze, wurde gerade übernommen und ich bekomme eine Barauszahlung.“

Darina gewöhnte sich langsam an die gelegentlichen Wohltaten nach einem glücklichen Aktiengeschäft, das der Börsenmakler ihres Ehemannes organisiert hatte. William besaß kein großes Wertpapierdepot, aber es half, sein Gehalt als Inspector bei der Kriminalabteilung der Polizei von Avon und Somerset aufzubessern.

„Liebling, ich hoffe Ma weiß zu schätzen, was sie für einen großartigen Schwiegersohn hat.“

Er hatte kleinlaut den Kopf geschüttelt. „Sie ist nie ganz darüber hinweggekommen, dass du einen Polizisten geheiratet hast.“

„Genauso wie deine Mutter sich nicht damit abfindet, sich mit einer Köchin als Schwiegertochter zufriedengeben zu müssen!“ Sie hatten einander liebevoll angesehen. „Aber du hast recht, ich muss etwas mit Ma unternehmen, ich habe sie noch nie so verloren erlebt. Gerry war so ein Schatz und wusste genau, wie man mit ihr umgehen muss. Es ist ein vernichtender Schlag. Vielleicht wird ihr ein Aufenthalt auf der Gesundheitsfarm etwas Auftrieb verschaffen. Es sollte nicht allzu teuer werden, Carolyn wird mir bestimmt einen guten Preis machen; einer der Vorteile als Autorin einer Koch-Kolumne.“

Es war nicht leicht gewesen, ihre Mutter zum Mitkommen zu überreden. Lady Stocks hatte erklärt, dass sie sich einsam fühlte, aber gleichzeitig keine Menschen aushalten wollte. Daher bedurfte es einer Mischung aus Überredung und sanfter Nötigung.

Während sie mit halbem Ohr einem Vortrag darüber lauschte, wie unmöglich ihrer Mutter das Leben gerade erschien, ließ Darina ihre Gedanken schweifen. Sie waren früh zum Mittagessen gegangen und immer noch strömten Leute in den Speisesaal. Eine dicke Frau trat ein, gefolgt von einem großen, spindeldürren Mann. Sie schienen kein Paar zu sein, aber der Mann deutete auf einen Tisch in der Nähe von Darina und ihrer Mutter und schien vorzuschlagen, dass die Frau sich ihm anschließen solle. Scheinbar wollte sie zustimmen, doch dann schüttelte sie entschieden den Kopf und gesellte sich zu einer anderen dicken Frau an einem Zweiertisch. Diese andere Frau hatte aufgesehen, als die beiden eintraten, und ihnen einen abwehrenden Blick zugeworfen, der wohl andeuten sollte, dass sie da war und wartete, aber nicht notwendigerweise Gesellschaft wollte. Jetzt lehnte sie sich zur Begrüßung vor, während die andere Frau sich setzte.

Dieser kleine Zwischenfall war in einem Augenblick vorüber, aber Darina ertappte sich dabei, wie sie die Beteiligten interessiert beobachtete. Hatte sich die erste Frau verpflichtet gefühlt, einer Freundin Gesellschaft zu leisten? Oder hatte es mit dem Mann zu tun, dass sie beschloss, seine Einladung nicht anzunehmen? Dann zog die Stimme ihrer Mutter ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ich werde keine Belastung für dich sein, versprochen.“

Darina unterdrückte ein kleines Seufzen. „Du bist erst fünfundsechzig, bei ausgezeichneter Gesundheit, bist unabhängig, hast viele Freunde und wohnst in einem entzückenden Haus. Wie könntest du eine Belastung sein? Und hätte ich vorgeschlagen, dass wir zusammen herkommen, wenn ich so von dir denken würde?“, fügte sie bestimmt hinzu.

Ihre Mutter blickte nachdenklich über den Tisch und schenkte ihrer Tochter dann ein sehr charmantes Lächeln. „Ich bin eine gemeine, alte Frau und du hast recht, mir eine Lektion zu erteilen. Wir werden zusammen eine wundervolle Zeit haben.“ Nach einem Augenblick fügte sie spontan hinzu: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, zusammen mit dir hier zu sein.“

Darina betrachtete ihre Mutter erneut und stellte fest, dass ihre Reise schon zur Verbesserung ihres Aussehens beigetragen hatte. Auf ihrer blassen Haut zeigte sich ein Hauch von Farbe, betont von ihrem silbergrauen Haar, das schon früh seine Farbe verloren hatte. Und ihre porzellanblauen Augen schienen einen leicht dunkleren Ton angenommen zu haben, oder war das die Wirkung des gestrickten, blauen Seiden-Zweiteilers, den sie trug? Darina fragte sich zum tausendsten Mal in ihrem Leben, warum sie die Größe und die großen Knochen ihres Vaters hatte erben müssen, statt der zierlichen Figur ihrer Mutter.

Eine junge Frau, nur ein paar Zentimeter kleiner als Darinas knappe über ein Meter achtzig, näherte sich ihrem Tisch. Mit ihrem gut trainierten Körper sprühte sie vor Energie. Die Conifers-Spa-Uniform, die sie trug, war ein türkiser Leinenanzug, schön geschnitten, mit einem aufgestickten Logo der Gesundheitsfarm auf der linken Brusttasche. Allerdings hob sie sich nicht nur durch die Uniform von den Gästen ab. Ihre zielstrebige Art und wie sie sich im Speisesaal umsah, als überprüfe sie, was jeder Anwesende zu sich nahm, kennzeichneten sie als Teil des Managements. Mit ihrem ungeschminkten, kantigen Gesicht konnte man sie nicht gerade als schön bezeichnen und ihr Ausdruck war so ernst, dass er abschreckend wirkte. Sie hielt neben Darina an und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, was sie plötzlich zugewandt erscheinen ließ.

„Miss Lisle, Lady Stocks, kümmert man sich gut um Sie? Mrs. Pierce bedauert, nicht zu Ihrer Ankunft hier sein zu können, sie musste zu einem Meeting nach London. Aber sie sollte recht bald zurück sein. Ich bin Maria Russell, die Gesundheitsmanagerin.“

Darina erwiderte das Lächeln. „Wir haben uns schon eingewöhnt. Unser Zimmer ist entzückend und dieser Salat ist köstlich.“

Maria Russells Lächeln wurde noch wärmer. „Unser Koch ist erstklassig. Ich bin sicher, dass Sie das Essen hier genießen werden.“

„Wenn man uns ein anständiges Essen serviert!“ Lady Stocks schob ihren kaum angerührten Teller etwas von sich weg.

Die Gesundheitsmanagerin sah besorgt aus. „Sie müssen den Salat nicht essen, wenn er Ihnen nicht schmeckt. Allerdings empfehlen wir, den Kreislauf ein paar Tage zu entgiften, mit Salat zum Mittagessen und Naturreis mit gedämpftem Gemüse am Abend.“

Lady Stocks sah entsetzt aus. „Naturreis! Und Gemüse! Das soll uns guttun?“

„Wird es, das verspreche ich Ihnen, und Rick, das ist unser Koch, Rick Harris, bekommt das sehr schmackhaft hin. So, ich glaube, Sie haben um halb drei einen Termin bei mir? Damit wir abklären können, welche Behandlungen Sie wünschen? Der Basispreis beinhaltet täglich vier, aber wir können natürlich jederzeit mehr unterbringen. Wir haben einige hervorragende Abnehmhelfer.“ Die recht kleinen, haselnussbraunen Augen der Gesundheitsmanagerin ruhten mit durchdringendem Blick, der jedes überflüssige Gramm zu erkennen schien, auf Darinas Figur. „Und Mrs. Pierce wird sich mit Ihnen über Ernährung unterhalten.“

Einer Kochbuchautorin eine spezielle Ernährung vorzuschlagen, war, als würde man ein Parlamentsmitglied bitten, weniger Politik zu machen. Eine Kochexpertin hielt sich nur dann an einen speziellen Speiseplan, wenn sie ein Buch darüber schrieb. Darina spielte kurz mit dem Gedanken an ein Konkurrenzwerk zu den verschiedenen Diätbüchern, die bereits auf dem Markt waren, betrachtete nachdenklich die Reste ihres Salats und sagte nichts.

Maria Russell schenkte ihnen ein weiteres Lächeln, wandte sich um und verließ den Speisesaal. Auf dem Weg nach draußen hielt sie am Tisch der zwei dicken Frauen an. Diejenige, die eben erst angekommen war, saß vor einem Teller mit Salat, die andere hatte sich allerdings großzügig vom Buffettisch bedient. Maria Russell sah missbilligend auf den überladenen Teller und schürzte die Lippen. Doch sie sagte nichts, setzte ihren Weg fort und hielt am Eingang zum Speisesaal an, um sich mit einem eintreffenden Pärchen zu unterhalten.

„Da haben wir aber eine mit einer ungesunden Beziehung zum Essen“, sagte Lady Stocks, nahm ihre Gabel und stach auf den Salat ein.

Darina sah ihre Mutter überrascht an. „Was lässt dich sowas sagen?“

„Hast du nicht ihren durchtriebenen Blick gesehen, als du sagtest, wie lecker das Essen sei? Und die bestimmte Genugtuung, als sie die Ernährung erwähnte, zu der man uns hier zwingen wird?“

„Sie sagte, dass du das nicht essen musst.“

„Aber wie sie das sagte! Als würden uns Hölle und Verdammnis erwarten, wenn wir es wagen, nach einem echten Stück Fleisch oder auch nur einem Fischfilet zu fragen.“

Darina lächelte ihre Mutter an. „Ich werde William berichten müssen, dass aus dir noch eine Ermittlerin wird.“ Doch Lady Stocks war schon immer aufmerksam gewesen, wenn es um Menschen ging. Erst seit Kurzem richtete sich ihre Aufmerksamkeit ganz auf sie selbst.

Darina blickte zur Tür, wo sich die Gesundheitsmanagerin gerade von dem Pärchen löste, das sie aufgehalten hatte: Ein Mann im mittleren Alter und von durchschnittlicher Größe mit silbergrauem Haar in Begleitung seiner kleinen, sehr übergewichtigen Ehefrau. Maria Russell konnte man sicher nicht als übergewichtig bezeichnen, doch sie hatte einen breiten Körperbau; und war sie an den Hüften und der Taille vielleicht einen Hauch breiter als nötig?

„Ich bin überrascht, dass sie nichts zu der Frau da drüben gesagt hat.“ Lady Stocks nickte in Richtung des Tisches mit den zwei dicken Frauen. „Wenn hier irgendjemand Salat braucht, dann sie. Schau dir mal an, wie dick die beiden sind, und diese Frau, die gerade reinkam. Ganz schön schändlich, wie weit es manche Leute kommen lassen.“
Darina spürte ihre engen Hosen, und Ärger über ihre Mutter brandete in ihr auf. Was wusste sie denn von diesen übergewichtigen Damen? Vielleicht hatten sie Stoffwechselprobleme; vielleicht waren sie schon dabei, hier Gewicht zu verlieren. Wie auch immer, was spielte das überhaupt für eine Rolle? Gab es nicht wichtigere Dinge, um die sie sich sorgen musste?

„Sie sehen ziemlich fröhlich aus“, stellte Darina nachdrücklich fest. „Und ich weiß nicht, warum Maria Russell diesen Teller so angesehen hat. Alles auf diesem Buffettisch ist extrem gesund.“

„Eine Frage der Menge?“, schlug ihre Mutter säuerlich vor. „Aber da werde ich mich morgen auch bedienen, ich esse keinen dieser Salate mehr, wie gut die auch immer für mich sein mögen.“

Darina sehnte sich selbst danach, sich über das Buffet herzumachen. Würzig aussehende Hühnerbrust, Fisch an gegrillten Peperoni mit Knoblauch, Berglinsen mit Zitronen und Kapern eingelegt, große Garnelen mit einer Schüssel fettreduziertem Joghurt mit Zitronengeschmack und verschiedene einfallsreiche Salatkombinationen waren ihr ins Auge gefallen, als sie auf dem Weg zu ihrem Tisch an der Auslage vorbeikamen. Sie wartete nur darauf, dass ihr Magen einen kurzen Ausflug vorschlug, um bis zum Abendessen durchzuhalten. Ihre Magensäfte schienen allerdings mit der zugegebenermaßen großzügigen Portion Salat, die sie gegessen hatte, durchaus zufriedengestellt.

Das Buffet sah trotzdem spannend aus. Darina dachte noch einmal über die Möglichkeit nach, ein Kochbuch zum Abnehmen zu schreiben. Aber was wusste sie schon über Ernährungspläne? Und Sahne, Butter und Eier waren so lecker. Eine kleine Menge davon konnte einem doch sicher nicht schaden.

Dann dachte Darina schuldbewusst an eine Reihe mächtiger Desserts, Kuchen und Schokolade; seit den Flitterwochen in Frankreich waren ihre Essgewohnheiten definitiv außer Kontrolle geraten. Sie konnte sich nicht länger darauf verlassen, dass ihre Größe ein paar zusätzliche Pfunde kaschierte. Rettungsringe waren nicht so tragisch, aber ihre wurden langsam zu echten Polstern. Sie brauchte diesen Aufenthalt im Conifers Spa genau so dringend wie ihre Mutter.

Lady Stocks nahm ihre Handtasche und die Brille, die sie sich zu tragen weigerte, so lange sie nichts lesen musste. „Wenn es dir nichts ausmacht, Liebes, werde ich mich ein wenig ausruhen. Das hat mein Arzt empfohlen.“

„Eine gute Idee. Ich werde einen Kaffee trinken und dich rechtzeitig für unseren Termin mit der Gesundheitsmanagerin wecken kommen. Da liegt eine Broschüre in unserem Zimmer, die all die verschiedenen Behandlungen erklärt: Massagen, Aromatherapie, Reflexzonenmassage, Elektrostimulation, Sauna, Höhensonne …“

„Oh, ich weiß genau, was ich nehmen werde“, sagte Lady Stocks unbekümmert und verließ den Tisch.

Darina sah zu, wie sich ihre Mutter leichtfüßig durch den Speisesaal bewegte und bemerkte, wie das gestrickte Seidenjackett locker von ihren Schultern hing und dass ihre Beine mittlerweile eher mager als schlank aussahen. Sie verspürte eine ungewohnte Zärtlichkeit gegenüber ihrer Mutter und dankte ihrem rücksichtsvollen Ehemann William. Dann machte sie sich an die letzten Reste ihres Salates und genoss die Komposition aus Geschmack und Konsistenz sowie das beruhigende Wissen, dass es sowohl gesund als auch kalorienarm war. Während sie aß, bestärkte sie sich darin, ihre Essgewohnheiten ändern zu wollen, und beobachtete die anderen Tische.

Der Speisesaal war etwa halbvoll, die anderen Gäste waren bunt gemischt, hauptsächlich im mittleren Alter und aufwärts. Abgesehen von den drei Frauen, die ihnen schon aufgefallen waren, konnten nur Modebesessene die übrigen als übergewichtig bezeichnen.

Darina betrachtete unauffällig diese drei. Die junge Frau, die mit ihrem Ehemann hereingekommen war – sie nahm an, dass es der Ehemann sein musste, weil sie sich kaum unterhielten, seit sie sich an ihren Tisch gesetzt hatten – hatte einen der Salate bekommen, den man auch Darina und ihrer Mutter serviert hatte. Wie bei Lady Stocks schien er auch ihrem Geschmack nicht zu entsprechen. Sie hatte ein rundes, molliges und offenes Gesicht, das aussah, als wäre es eher zum Lächeln gemacht als für die nach unten gezogenen Mundwinkel und den schmollenden Blick, den sie gerade präsentierte. Sandfarbenes Haar entsprang in dichten, kleinen Locken ihrem Kopf und eine sandfarbene Trainingsjacke aus Velours spannte sich bei dem Versuch, ihre üppigen Kurven zu verdecken. Einige andere Gäste im Speisesaal trugen ähnliche Trainingsjacken, alle auf der linken Brust in marineblau mit dem Conifers-Spa-Logo bestickt. Sie winkte zu dem Tisch der beiden anderen hinüber, ein Zeichen der Kameradschaft unter Mitgliedern eines Klubs, dem niemand beitreten wollte?

Darina spürte wieder den anschwellenden Ärger, den der gedankenlose Kommentar ihrer Mutter ausgelöst hatte. Was ging es denn überhaupt irgendjemanden außer einen selbst an, wenn man fett war? Sie sah zu den beiden dicken Frauen, die zusammen aßen. Von ihrer Figur abgesehen, hätten sie unterschiedlicher nicht aussehen können. Die Frau, die sich dazugesetzt hatte, war größer als ihre Begleiterin, und hatte eine dominantere Ausstrahlung. Ihr langes, dunkles Haar war in einen Knoten zurückgebunden, was ihr wuchtiges Gesicht betonte, das mit den dunklen, Aufmerksamkeit erzwingenden Augen auf lebendige, fast ursprüngliche Weise eine wilde Attraktivität aufwies. Sie trug einen Trainingsanzug, der ihre Figur auf wundersame Weise schlanker erscheinen ließ. Dazu schmückten sie große, goldene Ohrringe und ein dickes Goldarmband, das genauso leuchtete wie ihre gebräunte Haut.

Die andere Frau trug eine türkise Version des Trainingsanzugs der Gesundheitsfarm. Nicht annähernd so gut geschnitten wie der ihrer Begleiterin, betonte er den fleischigen Körper, der auf den zweiten Blick nicht dicker war, als der der ersten Frau. Blondes Haar hing zu lang um das freundliche Gesicht mit unbestimmtem Ausdruck. Sie hatte etwas Defensives an sich, eine Andeutung, dass ihr Selbstwertgefühl nicht so stark war wie das ihrer Begleiterin.

Ihr Geplauder war lebhaft, aber Darina bemerkte, dass die dunkelhaarige Frau gelegentlich zu dem Tisch blickte, an dem einsam der Mann saß, der sie eingeladen hatte, ihn zu begleiten.

Seine Aufmerksamkeit war auf einen Teller mit großen Krabben in Schale gerichtet. Starke Finger lösten gekonnt das Fleisch heraus, tauchten es in die Joghurtsoße und schoben jedes Stück in einen breiten Mund mit recht schmalen Lippen.

Für Darina sah er nicht aus wie jemand, der zu einer Gesundheitsfarm ging. Nicht nur wegen seines schlanken Körpers; sie kannte immerhin viele Geschäftsleute, die auf diese Weise Entspannung suchten und ihre müden Körper in Form brachten. Sie beobachtete ihn weiter und fragte sich, was ihn anders machte. Wie die anderen trug er einen Trainingsanzug, in dunklem Marineblau mit dem Ralph-Lauren-Polo-Logo. Das war aber das einzige Zeichen von Modebewusstsein. Die Verbindung seines knochigen Gesichts mit dem nach hinten geglätteten, dunklen Haar erweckte das Bild eines East-End-Gangsters, ein Eindruck, der von dem schweren, goldenen Siegelring am kleinen Finger der linken Hand noch unterstützt wurde. Die schmale Uhr an seinem Handgelenk aber war keine Markenware, und sein weltmännisches, aufmerksames Gesicht wirkte zu intelligent für eine so klischeehafte Annahme. Darina war fasziniert. Er war jemand, der verschiedene widersprüchliche Signale aussandte, irgendwie fiel es ihr unmöglich, ihn einzuordnen. Sie lächelte vor sich hin, er war vermutlich ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann.

Dann trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment. Es war nur ein sehr kurzer Kontakt, doch falls er ein Geschäftsmann war, dann kein gewöhnlicher. Er hatte eine charismatische Ausstrahlung. Da war etwas in seinem Blick, als er sie ansah, ein wachsames Interesse, das nichts mit sexueller Anziehung zu tun hatte. Es war nicht das Starren eines Machos, der seine Attraktivität zur Geltung bringen musste, sondern er ließ sie mit dem sicheren Wissen zurück, dass er an ihr interessiert war.

Der Kontakt brach ab, als ein Neuzugang im Speisesaal seine Aufmerksamkeit auf sich zog, genauso wie die meisten Blicke der anderen.

Die junge Frau, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, trug eine Wolke aus dunklem Haar und die Art Bräunung, die man nur mit stetiger Arbeit erreichte, betont von einem blendend weißen Trainingsanzug. Darina kam nicht umhin, sich zu fragen, wie schwer es für sie war, ihre Modelmaße zu behalten. Ihre großen und runden Augen trugen einen überraschenden Grünton, das Grün frisch ausgetriebener Blätter im Frühling, und ein süßes Lächeln schmückte ihr hübsches Gesicht. Sie schien die Welt zu lieben und zu hoffen, dass dieses Gefühl erwidert wurde.

Die junge Frau hielt für den Bruchteil einer Sekunde im Türrahmen inne. Falls sie den Saal inspizierte, musste es mit der Geschwindigkeit eines Computerscans passiert sein, ehe sie ihren Weg zwischen den Tischen hindurch wählte, der sie auf einen freien Tisch am anderen Ende zuzuführen schien.

Dann passierte sie den Tisch des einzelnen Mannes und schenkte ihm ein anerkennendes Nicken. Er sagte etwas, sie hielt an – und hatte einen Augenblick später ihm gegenüber Platz genommen.

Darina sah mit an, wie er einen kurzen, flüchtigen Blick zum Tisch mit den beiden dicken Frauen hinüberwarf, dann schenkte er der jungen Frau ein offenes, charmantes Lächeln.

Darina musste zu der dunkelhaarigen Frau sehen. Tatsächlich sah sie zu dem Mann und der jungen Frau, für einen Augenblick weiteten sich ihre Nasenlöcher und ihr Blick schien zu erhärten. Doch im nächsten Augenblick sprach sie schon wieder auf besonders lebhafte weise mit ihrer Begleiterin.

So, so! Darina betrachtete nachdenklich wieder den Mann und die junge Frau. Ihr Umgang miteinander hatte eine Leichtigkeit an sich, die nahelegte, dass sie sich gut kannten und sich nicht erst gerade getroffen hatten. Er hatte allerdings keine einladende Geste gemacht, um sie an seinen Tisch zu bitten, und in seiner Art zu sprechen hatte auch keine offensichtliche Einladung gelegen. Darina fragte sich, wie viel sie in diese Körpersprache hineinlesen durfte. Sie sagte sich, dass sie ihrem vortretenden Ermittler-Instinkt einen Riegel vorschieben musste. Der drohte, ihr Leben an sich zu reißen.

Eine Bedienung näherte sich dem Neuankömmling. Nach einer kurzen Unterhaltung ging die junge Frau zum Buffet und bediente sich. Sie kam mit einem kleinen Stück Huhn und zwei Salatblättern zurück, die sie anschließend mit chirurgischer Präzision sezierte, während sie eine flüssige Unterhaltung führte. Ihr Begleiter ging ebenfalls zum Buffet und belud einen großen Teller mit Filetstücken. Darina betrachtete seinen spindeldürren Körper und beneidete den Stoffwechsel, der Essen so gut verarbeiten konnte. Ab und zu hob die junge Frau ihre Gabel zum Mund, doch es schien nie viel darauf zu liegen. Magersüchtig, urteilte Darina.

Sie hatte ihren Salat längst aufgegessen und sah sich jetzt nach der Bedienung um, damit sie Kaffee bestellen konnte. Dann ließ sie davon ab, weil Carolyn Pierce in den Speisesaal kam und ihr entgegeneilte.

Unterwegs hielt sie an anderen Tischen an und wechselte ein paar kurze Worte. Ihre hübsche Figur, in ein schickes, schwarzes Leinenkostüm und einen farbenfrohen Schal gekleidet, erweckte den Eindruck eines arbeitsamen Wirbelwinds. Ihre Hände gestikulierten und ihr dunkelhaariger Kopf nickte, um das eine oder andere Wort zu betonen, und sie tanzte eher, als dass sie lief. Sie schien mit allen auf gutem Fuß zu stehen und mit ihrem Eintreten hatte sich die Stimmung im Raum verbessert.

„Meine Liebe, es tut mir so leid, dass ich bei deiner Ankunft nicht da war.“ Sie beugte sich herunter, gab Darina einen Kuss auf die Wange, und warf sich dann in den anderen Stuhl. „Ich hatte ein furchtbares Meeting.“

 

 

Kapitel Zwei

Darina lächelte sie an. „Sicher nichts, womit du nicht fertig wirst.“

Carolyn stöhnte leise. „Was weißt du schon!“ Sie sah sich um. „Aber wo ist deine Mutter?“

„Hat sich hingelegt. Hast du zu Mittag gegessen?“ Carolyn nickte. „Trinkst du einen Kaffee mit mir und bringst mich auf den neuesten Stand?“

Carolyn hob einen Finger in Richtung der Bedienung. „Ich muss dich warnen, Darina, Kaffee erlauben wir hier nicht.“

„Dann muss ich mich wohl auf die Entzugserscheinungen gefasst machen. Was bietet ihr als Alternative an?“

„Mein übliches Getränk ist Pfefferminztee.“

Darina verglich in Gedanken faden Kaugummi mit komplexen Geschmäckern, die das Adrenalin zum Pumpen brachten und seufzte. „Okay, ich schließe mich an.“

Carolyn warf ihr ein mitfühlendes Grinsen zu. „Gutes Mädchen! Zwei Pfefferminztee bitte, Judy, im Wintergarten.“ Die junge Frau nickte schnell, räumte Darinas Teller ab und verschwand.

Carolyn erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung, die wie dafür gemacht schien, die schmalen Hüften und die schlanke Taille zu betonen.

Darinas Versuch, sich ähnlich elegant zu erheben, wurde von ihrem Absatz ruiniert, der sich an einem Stuhlbein verfing. Sowohl die Bedienung als auch Carolyn kamen, um den Stuhl aufzuheben, der umgestürzt war und sich zwischen Darinas Beinen verheddert hatte. Sie gab den Versuch zu helfen auf, stand nur da, entschuldigte sich für ihr Ungeschick und fühlte sich unbeholfen und übergewichtig. Als sie hinter Carolyn den Speisesaal verließ, spürte sie Blicke auf sich und war sich sicher, dass alle ihre enge Hose bemerken würden.

„Im Wintergarten sollte es ruhig sein.“ Carolyn rief den Satz über die Schulter, während sie sie durch die Empfangshalle und zu einer Tür führte, auf der „Salon“ stand.

„Carolyn!“ Die Stimme der statuenhaften Gesundheitsmanagerin drang mit gebieterischem Ton zu ihnen, als sie unter einem großen Bogen im hinteren Teil der Halle erschien.

„Ja, Maria?“ Carolyn stand selbstsicher da, mit einer Hand an der Türklinke. Mach schnell, sagte ihre Haltung, ich habe nicht viel Zeit für dich.

Maria Russell kam in autoritärer Gangart näher. „Ich muss mit dir über den Dienstplan sprechen, nächste Woche haben wir Probleme.“

„Du brauchst sicher nicht meine Hilfe, um das zu regeln, Maria. Die Kunst der Unternehmensführung und so weiter, weißt du?“ Sie warf ihr ein stählernes Lächeln zu, öffnete dann die Tür und schlüpfte hindurch.

Als Darina ihr folgte, bemerkte sie Verdruss und noch irgendetwas im Gesichtsausdruck der Gesundheitsmanagerin. „Personalprobleme?“, raunte sie Carolyn zu, während sie einen luxuriös ausgestatteten Raum hin zu den Terrassentüren durchquerten, die sich zu einem großen Wintergarten öffneten.

Carolyns schmale Schultern spannten sich an. „Sind andere Menschen nicht immer die Ursache der schlimmsten Probleme?“ Ihr Gesicht trug einen Ausdruck bestimmter Entschlossenheit. „Komm und setz dich, und bring mich auf den neuesten Stand in deiner Welt.“ Sie klopfte auf einen weißen, gusseisernen Stuhl mit einem gemütlichen Polster in einem marineblau- und sandfarben-gestreiften Bezug.

Darina setzte sich. Ringsherum erhoben sich dicht belaubte, grüne Pflanzen aus feuchter Erde und bildeten eine reiche, fruchtbare Atmosphäre, mit einem Hauch ursprünglicher Kraft. Helles Sonnenlicht strömte blass durch das Dach aus Milchglas und die Blätter zweier großer Palmen; irgendwo plätscherte emsig Wasser. Verglichen mit dem sauberen Glanz der Luft draußen erschien diese feuchte Atmosphäre überwältigend und etwas unheimlich.

„Erzähl mal“, drängte Carolyn, „wie ist das Eheleben? Es tut mir so leid, dass ich nicht zur Hochzeit kommen konnte, es gab hier eine Krise und ich kam nicht weg.“

„Mir tut es genauso leid, dass ich nicht in Hong Kong war, als Robert starb.“

Carolyns Ehemann war im vergangenen Sommer bei einem Auffahrunfall mit mehreren Beteiligten Autos auf der M4 ums Leben gekommen. Darina hatte mitbekommen, dass Carolyn aus dem fernen Osten zurückgekehrt war. Sie hatte sofort angerufen und sie hatten darüber gesprochen, sich zu treffen, doch irgendwie hatten sie es nie geschafft, sich zu verabreden.

Früher hatten Carolyn und Darina zusammen kichernd in der Schule gesessen, hatten Klatsch und Rezepte getauscht; später hatten sie sich gemeinsam den Kopf über ihre festen Freunde zerbrochen, oder das Fehlen derselben, während sie damit rangen, in unterschiedlichen Karrieren Fuß zu fassen. Als Carolyn geheiratet hatte, war Darina oft übers Wochenende eingeladen worden. Aber es waren jetzt schon viele Jahre vergangen, seit sie sich regelmäßig gesehen hatten.

Carolyn glättete den schwarzen Seidenstoff ihres Rocks, ihr Gesichtsausdruck war verhärtet. „Ja, nun, das liegt jetzt alles hinter mir“, sagte sie und sah dann wieder zu Darina auf. „Komm schon, erzähl, erzähl. Er ist Polizist, oder, dein William? Oder nennt er sich Bill?“

„Ja, er ist mittlerweile Inspector, und nein, William. Bill hasst er, obwohl oder vielleicht gerade, weil er dauernd so genannt wird.“

„Dann erzähl mir mehr, wie ist er so – abgesehen von wundervoll natürlich?“

Darina beäugte Carolyn. Sie erinnerte sich an ihren Ehemann. Ein schwieriger, komplizierter Mann, ständig in seine Geschäfte verwickelt und trotzdem eifersüchtig auf die Karriere seiner Frau als Ernährungsberaterin. Mit der Hochzeit hatte sie ihre Arbeit bei einer kommerziellen Lebensmittelfirma aufgeben müssen, es dann aber geschafft, sich als freie Journalistin mit Artikeln über Ernährung und Gesundheit einen Namen zu machen. Dabei jonglierte sie mit den Forderungen der Abgabefristen, des Haushaltes, ihres Ehemannes und ihres kleinen Sohnes, Michael.

„William ist groß, dunkles Haar und gutaussehend.“ Darina kicherte, plötzlich war sie wieder zurück in ihrer Teenager-Zeit. „Etwas altmodisch auf gewisse Art.“ Dann hielt sie den Atem an, als eine plötzliche Sehnsucht sie überschwemmte. In den vergangen zehn Tagen hatte William undercover für eine benachbarte Polizeitruppe gearbeitet und sie hatte ihn nicht zu Gesicht bekommen.

„Altmodisch? Du meinst, er hätte seine Frau gern zu Hause, ist es das?“ Carolyn sah sie mit leuchtenden Augen an.

Darina schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht, er unterstützt mich immer sehr bei meiner Karriere.“

„Du Glückspilz!“ Die Aussage kam von Herzen.

„Es sei denn, ich mische mich in seine Kompetenzen ein“, fuhr Darina fort. „Dann wird er sehr still und etwas schwierig. Aber nur ein bisschen“, fügte sie schnell hinzu.

Die Bedienung kam und stellte ein Tablett auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. Carolyn dankte ihr und füllte zwei Tassen mit einer dampfenden, hellgoldenen Flüssigkeit.

Darina trank einen Schluck. „Oh, das ist erfrischend“, sagte sie überrascht.

„Ich weiß, ich kann dir gar nicht sagen, was es für einen Unterscheid gemacht hat, den Kaffee aufzugeben. Der hat mich so überdreht gemacht!“ Carolyn strich mit einer Hand durch ihr kurzes, dunkles Haar.

„Überdreht“ war genau der Ausdruck, mit dem Darina den momentanen Zustand ihrer Freundin beschrieben hätte. Carolyns Blick kam nie zur Ruhe, sie schien das ständige Bedürfnis zu haben, alles um sich herum zu überprüfen. Einer ihrer Füße wackelte zu einem unhörbaren Rhythmus, unter den mandelförmigen, braunen Augen lagen dunkle Streifen und ihre weißen, gleichmäßigen Zähne bissen in die Unterlippe, als sie ihre Tasse wieder auf den Tisch stellte.

„Was ist los?“

„Nichts.“ Carolyn sprang auf und brach einige verwelkte Blüten in einem Topf voller Geranien ab, die unter einem ausladenden Farn standen.

„Was ist bei dem Meeting passiert? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es etwas mit dem Spa zu tun hat, hier brummt es doch vor Erfolg.“

Carolyn brachte die welken Pflanzenreste zum Tisch zurück und warf sie auf das Tablett, ihre Lippen formten eine angespannte, gerade Linie. „Wir haben einige freie Zimmer und könnten viel mehr Tagesbesucher versorgen. Und das in der Hochsaison. Bald werden alle ihre Hüften und Bäuche in Wintersachen verstecken und schon beim Gedanken ans Schwimmen zittern. Das Meeting war eine Vorstandssitzung und, nun ja, sie sind nicht sicher, wie lange sie noch mit laufenden Verlusten weitermachen wollen.“

„Jemand hat hier eine beträchtliche Investition getätigt“, sagte Darina und blickte in den Salon mit seinen gutgepolsterten Sofas und Stühlen zurück. „Sie müssen doch wissen, dass es Zeit braucht, ein neues Geschäft zum Laufen zu bringen.“

„Das sage ich ihnen immer wieder“, jammerte Carolyn frustriert. „Aber es gibt so viele, gut etablierte Konkurrenten.“ Dann hellte sich ihr Gesicht etwas auf. „Allerdings gab es auch eine gute Neuigkeit. Anscheinend ist jemand interessiert, mehr Kapital zur Verfügung zu stellen. Wenn das passiert, können wir etwas länger aushalten. Unser Ruf wird sich bald verbreiten.“

„Natürlich wird er das“, sagte Darina überzeugt. „Aber was ist mit dem Personal?“, regte sie etwas zögerlicher an. „Hast du nicht gesagt, es gäbe Probleme mit der Gesundheitsmanagerin?“

„Maria? Oh, wir haben unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten“, sagte Carolyn sorglos, „aber sie leitet die Behandlungen mit Bravour. Diese Einrichtung sollte eine erstklassige Investitionsmöglichkeit sein. Das müssen sie doch erkennen!“ In Carolyns Augen glomm das Licht erbitterter Entschlossenheit, und ihre Hand schloss sich krampfhaft um die Blüten, die sie auf das Tablett geworfen hatte.

„Wann weißt du denn, ob das zusätzliche Kapital kommt?“

„Der Vorstand sagte, dass der Investor in ein paar Tagen seine Entscheidung treffen wird.“ Carolyn öffnete ihre Hand und ein Regen aus kleinen, trockenen Bruchstücken rieselte auf den Tisch. Gedankenverloren fuhr sie fort, die Blütenstile weiter zu zerreiben. „Die Sache ist, wir brauchen öffentliche Aufmerksamkeit. Ich war begeistert, als du anriefst. Du kannst über uns schreiben, oder?“ In ihrer Stimme lag eine unverhohlene Bitte und sie sah Darina direkt ins Gesicht.

„Das sollte ich schaffen. Ich hatte eine Unterhaltung mit meinem Redakteur und wir haben beschlossen, dass ein paar gesunde Rezepte von eurem Koch gut funktionieren könnten. Wie man im Winter die Energie des Sommers behält, sowas in der Art. Alles eingeleitet mit einem Abschnitt über meinen Aufenthalt hier.“

Carolyns Gesichtsausdruck wurde klar. „Perfekt! Ich werde dir Rick vorstellen, sobald du deinen Tee ausgetrunken hast. Rick Harris, unser Koch“, sagte sie mit einem Hauch von selbstgefälligem Besitzanspruch. „Er hat wundervolle Ideen, er wird dich inspirieren. Nicht dass du Inspiration nötig hättest“, fügte sie hastig hinzu. „Aber Rick, na ja, er ist speziell.“

„Speziell, ja?“ Darina sah Carolyn fragend an. „Erzähl mir mehr“, forderte sie.

Carolyns Blick wurde sanfter und Darina erkannte ihre alte Freundin wieder. „Oh, Darina, ich hatte so ein Glück, ihn zu finden. Er führte sein eigenes Restaurant in London, L’Auberge, in Knightsbridge.“

„L’Auberge? Da war ich schon mal“, rief Darina. „Französisches Essen, wirklich gut. Es ist vor ein paar Monaten verschwunden. Was ist passiert?“

„Rick beschloss, sich zu vergrößern, die Arbeiten gingen weit übers Budget hinaus und so hat er alles verloren.“ Carolyns glänzender Blick wurde schwächer. „Ich glaube, dieses Restaurant hat ihm alles bedeutet. Aber dann hörte er, dass wir nach einem Koch mit dem gewissen Extra suchen, unser erster war eine traurige Enttäuschung, da hat er Kontakt aufgenommen.“ Das sanfte Licht kehrte in ihre Augen zurück. „Wir haben uns sofort gut verstanden. Er ist toll und ein großartiger Koch. Essen ist so wichtig, nicht wahr? Die Leute müssen genießen, was sie essen.“

„Ich nehme an, du hast ihn über Kalorien und all das belehrt? Ihr müsst viel Zeit zusammen verbringen.“

„Schau mich nicht so besorgt an, Darina, Rick ist ganz anders als Robert, ihm werfe ich bestimmt nichts an den Kopf!“

„Gut, das zu hören!“ Das letzte Wochenende, das Darina mit Carolyn verbracht hatte, endete mit einem spektakulären Streit nach einer Party, weil Robert ihr vorwarf, mit einem Nachbarn geflirtet zu haben. Darina, die gerade Kaffee machte, war ins Wohnzimmer geeilt, weil sie Carolyn schreien hörte, und fand Robert auf dem Fußboden vor, wo ihm Blut aus einer Kopfwunde strömte. Eine verzweifelte Carolyn hatte ihr gesagt, dass sie so wütend auf ihn gewesen war, dass sie das Erstbeste nach ihm warf, was sie in die Finger bekam. Die Waffe ihrer Wahl war ein schwerer Aschenbecher aus Glas gewesen.

Während Carolyn Robert, der sich ein Geschirrtuch auf seine blutige Wunde drückte, in die nächste Notaufnahme führ, hatte Darina sich um Michael gekümmert, den sieben Jahre alten Sohn, und das Blut und die Glasscherben vom Teppich entfernt.

„Weißt du, danach war es nicht mehr dasselbe.“ Carolyns Mundwinkel senkten sich, während sie wieder mit den verwelkten Blüten spielte. „Ich konnte Robert nie etwas rechtmachen und er war so eifersüchtig. Als er starb, fand ich heraus, dass alles in einem schrecklichen Zustand war. Er hatte immer diese fantastische Fassade eines erfolgreichen Geschäftsmannes, aber weißt du, er war überall verschuldet! Ich hätte wissen müssen, dass es nicht gut lief, als er mir erlaubte, diese Stelle anzunehmen.“

Vor fast drei Jahren hatte man Carolyn eine Stelle als Assistenz der Geschäftsführung bei einer alteingesessenen Gesundheitsfarm in Surrey angeboten. Damals hatte Darina sich gefragt, wie sie ihren Ehemann hatte überzeugen können, sie zur Arbeit gehen zu lassen.

„Das tut mir so leid, Caro. Hat sich denn alles geregelt?“

„So langsam. Roberts Buchhalter hat geschuftet, als wären die Höllenhunde hinter ihm her, und vielleicht waren sie es auch. Er muss zumindest zum Teil für dieses Fiasko verantwortlich gewesen sein. Er hat mich vor dem Bankrott gerettet, aber es ist absolut kein Geld mehr übrig. Wenn das hier scheitert, weiß ich nicht, was Michael und ich tun sollen.“

„Ist Michael hier? Ich habe mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen.“

In Carolyn glomm ein Licht auf. „Er entwickelt sich so gut, Darina! Er ist gerade im Sommercamp. Sein bester Freund wollte dort hin, und es war echt witzig! Michael dachte, dass es mich ärgern würde, dass er auch hinwollte. Während ich mir nur darum Sorgen machte, wie ich ihm die Ferien angenehm gestalten konnte, weil ich hier doch so eingebunden bin. Die Schule, die ich für ihn ausgewählt habe, hat viel ausgemacht. Er hatte nie großes Selbstvertrauen und Robert sagte ihm dauernd, dass er sich den Dingen stellen und kein Muttersöhnchen sein solle! Das ist noch ein Grund, warum ich dieses Spa zum Erfolg führen muss. Es könnte ewig dauern, eine neue Stelle zu finden, und die Schulgebühren wollen regelmäßig bezahlt werden.“ Carolyns lebhaftes Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick, dann lehnte sie sich spontan über den Tisch, lächelte und drückte Darinas Hand. „Oh, es tut so gut, dich wiederzusehen. Erinnerst du dich, wie viel Spaß wir in der sechsten Klasse hatten?“

„Fürchterliche Hauswirtschaftslehre, igitt!“ Darina schnitt eine Grimasse. „All diese Nährwerte! Ich habe mich nur dafür interessiert, kochen zu lernen. Aber du hast es genossen, nicht wahr?“

„Es war immer eher das, was das Essen mit den Menschen macht, was mich interessiert hat, nicht so sehr, wie es schmeckt. Da musste erst Rick auftauchen, damit ich verstehen konnte, dass Essen nicht nur notwendig ist, sondern auch ein Genuss sein kann.“ Also waren sie wieder beim Koch! Darina freute sich schon darauf, jemanden kennenzulernen, der seinen Salat in ein gastronomisches Abenteuer und Carolyn, die höchst angespannte Superfrau, in einen Teenager in den Qualen der ersten großen Liebe verwandeln konnte.

„Wie viel Wert legt ihr im Conifers Spa auf das Essen?“, fragte Darina, die hören wollte, wie sie ihre Riesenschenkel so weit transformieren konnte, dass sie sie im Gymnastikanzug oder in Strumpfhosen zeigen konnte.

Carolyn lehnte sich mit ernstem Blick vor. „Wir betreiben hier nicht wirklich Diätprogramme. Die Essensprobleme der meisten Menschen kommen von einem negativen Selbstbild. Die Gesellschaft zwingt uns eine völlig falsche Vorstellung von schönen Körpern auf.“

Darina starrte sie ungläubig an. „Wie werde ich dann diesen ganzen Speck los?“ Sie tätschelte defensiv ihre gut gepolsterten Hüften.

„Training wird dich bald in Form bringen. Du bist groß, gut gebaut und siehst wunderbar aus.“

„Gut gebaut! Du meinst fett! Das ist das ganze Zeug, das wir in den Flitterwochen gegessen haben, und danach.“

„Warum auch nicht? Mach dir mal keine Sorgen deswegen. Ich garantiere dir, dass sich deine Essgewohnheiten innerhalb eines Monats oder so wieder regulieren werden und damit geht auch dein Gewicht zurück. Du wirst nie so dünn wie Schilfrohr sein und wenn du es versuchst, machst du dir nur selbst Probleme.“ Das war für Carolyn leicht gesagt, dachte Darina leicht gereizt. Wenn man aussah wie sie, konnte man es sich leisten, anderen zu empfehlen, sich ums Essen keine Sorgen zu machen.

Carolyn rückte ein Stück näher. „Wenn du nur die vielen sehr dicken Frauen gesehen hättest, die ich kennengelernt habe. Sie eiern wie ein Jo-Jo zwischen einem für sie akzeptablem Gewicht und dem ballonartigen Auseinandergehen hin und her. Alles weil sie, meistens in viel zu jungen Jahren, irgendeine lächerliche Diät gemacht haben.“

„Aber man wird doch sicher deshalb dick, weil man zu viel isst, oder?“

Carolyn wedelte in einer verzweifelten Geste mit der Hand. Darina erinnerte sich an eine der engagiertesten Lehrerinnen an der Schule, die immer versuchte, ihre Schüler mit ihrer eigenen Begeisterung für ihr Fach anzustecken. Was war es noch – Geschichte, Erdkunde?

„Manche Menschen sind einfach rundlicher und schwerer als andere. Sie können ihre Körper zwingen, dünner zu sein, aber dann sind sie entweder zu einem Leben mit unglaublicher Selbstkontrolle verdonnert, wobei sie alles, was sie essen, genau begutachten, oder die Natur drängt sie wieder zurück und sie sind hinterher dicker als zum Beginn ihrer Diät.“ Ihre braunen Augen fixierten Darina; sie konnte den missionierenden Eifer in dieser Botschaft spüren. „Dann machen sie mit einer anderen Diät weiter und sehnen sich nach einem, wie sie sagen, sündhaften Stück Schokolade oder Kuchen, oder sogar nur Brot oder Butter. Dann schaffen sie es nicht, sich auf ein oder zwei Stück zu beschränken und fressen sich dumm. Und dann sind sie wiederum noch dicker als zuvor. Dann fühlen sie sich noch schuldiger und fangen an, sich selbst zu hassen. Diese schlechten Gefühle drängen sich in ihr Leben und ruinieren ihnen alles.“

Darina erinnerte sich plötzlich an das Fach der Lehrerin, als vor ihrem geistigen Auge ein Bild von Rubens fleischigen Akten vorbeizog. Sie hörte die Stimme der Lehrerin: „Denkt daran, Mädchen, die Ideale weiblicher Schönheit haben sich durch alle Zeithalter hinweg verändert. Damals musste man sich nicht wegen ein paar Schokoriegeln Sorgen machen.“

Darina dachte an all die Abnehm-Konzepte, die sie versucht hatte: Grapefruit-Diät, Kalorienzählen, Ernährung mit wenig Fett oder wenig Kohlenhydraten, vielen Proteinen oder vielen Ballaststoffen. Bei allen hatte sie Gewicht verloren – und ja, danach wieder zugelegt! Aber ein Traumkörper konnte sich doch sicher nicht nur auf vernünftiges Essen stützen.

„Was macht ihr mit Frauen, die wirklich Gewicht verlieren müssen?“, fragte sie und dachte an die drei, die sie beim Mittagessen gesehen hatte.

„Sie ermuntern, sehr, sehr langsam abzunehmen, indem sie zu einem vernünftigen Ernährungsplan wechseln, nicht nur während sie hier sind, sondern für immer. Und ich rede nicht davon, sich auf die Kalorienzahlen zu konzentrieren, oder fettarme Dinge wie hoch verarbeitete Margarine oder Zucker-Ersatzstoffe zu verwenden; nur frische, unverarbeitete Lebensmittel, viel Obst und Gemüse, Fisch und weißes Fleisch und Olivenöl statt Butter. Und wir betonen die Bedeutung von Training. Wir haben viele Geräte hier, die helfen, sich in Form zu bringen. Was dich angeht, wäre mein Rat, deinen Körper kennenzulernen, zu erfahren, wie er sich gut anfühlt und nicht darauf zu achten, was dir die Waage jeden Tag erzählt. Kennst du den Unterschied zwischen echtem Hunger und dem, was ich Mundhunger nenne?“

„Hunger ist Hunger“, sagte Darina. „Es geht sicher darum, den Appetit zu zügeln.“

„Ja und nein. Wir können Hunger auf Geschmäcker habe, auf Ess-Erlebnisse, obwohl unser Körper kein Essen braucht. Lerne, diesen Hunger zu erkennen und ob bestimmte Lebensmittel ihn verstärken. Ich nenne sie Auslöser. Ich weiß zum Beispiel, dass ich nicht aufhören kann, wenn ich einmal anfange, Käse zu essen. Das hat nichts damit zu tun, ob ich wirklich hungrig bin. Also fasse ich Käse nur als spezielle Belohnung an.“ Carolyns Anspannung ließ etwas nach und sie lächelte Darina an. „Hier ist ein erheiternder Gedanke für dich. Es wurden Studien gemacht, die nahelegen, dass die Menschen mit der längsten Lebenserwartung dreißig Prozent über dem jeweiligen Idealgewicht liegen. Also mach dir keine Sorgen darum, gelegentlich ein köstliches Dessert zu genießen, oder eine fettige Soße. Du wirst vermutlich feststellen, dass wir hier Gerichte servieren, die man nicht in der Nähe einer Gesundheitsfarm erwarten würde“, fügte sie hinzu.

„Trotzdem setzt man mir Naturreis und Gemüse vor!“, rief Darina.

Carolyns Ausdruck wurde wieder ernst. „Das hilft, deinen Kreislauf zu reinigen, den ganzen Giftmüll loszuwerden. Du wirst beeindruckt sein, wie viel besser du dich nach ein paar Tagen fühlst. Du musst dich nicht daran halten, wenn du nicht willst, aber es wird dich vermutlich auch Gewicht verlieren lassen!“

„Wenn das so ist, werde ich auf jeden Fall dabei bleiben. Deine Gesundheitsmanagerin sagte, dass der Koch dem ganzen einen guten Geschmack verleiht“, fügte sie verschlagen hinzu.

Carolyn sprang auf. „Lass uns Rick suchen. Er will dich unbedingt kennenlernen.“

Sie gingen zurück durch den menschenleeren Salon, kühl und mit einer wunderschönen, stuckverzierten Decke. Die Küche lag im hinteren Teil des Gebäudes.

Auf den ersten Blick schien sie verlassen zu sein. Dann sah Darina in einer Ecke einen Kerl mit fettigen Haaren und einem langen, schwermütigen Gesicht, der gerade einen großen Geschirrspüler belud.

„Der Küchenchef ist draußen.“ Er deutete mit einer Hand zur Hintertür. „Sagte, er wolle schnell ne Kippe rauchen.“ In seiner Stimme lag eine versteckte Anspielung, und ein neugieriges Lächeln teilte seine mürrischen Lippen.

Carolyn schien das nicht zu bemerken. „Danke, Pete“, sagte sie.

Darina folgte ihr, als sie die Tür zum Hof öffnete, und bekam hastige Bewegungen zu sehen, als sich die dünne, junge Frau aus dem Speisesaal von einem jungen Mann löste, der sich an einem geparkten Lieferwagen räkelte. Er trug eine weiße Kochjacke, eine gut geschnittene, blauweiß karierte Hose und makellos weiße Pantoffeln. Sein langes, dunkles Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden und eine Höckernase dominierte sein quadratisches, offenes Gesicht, was sein einfaches, gutes Aussehen auf interessante Weise individuell werden ließ. Darina verstand sofort, wie er Carolyn für sich vereinnahmen konnte.

Es war unmöglich zu sagen, wie nah sich die junge Frau und der Mann gekommen waren. Eine vertrauliche Unterhaltung – oder ein Kuss? Der Koch schien von der Störung zumindest nicht allzu irritiert. Er stieß sich von der Seite des Lieferwagens ab und sagte fröhlich: „Hey, Carolyn, hast du Jessica schon kennengelernt?“ Er deutete achtlos auf die junge Frau, die jetzt ein paar Meter von ihm entfernt stand und deutlich nervöser aussah als er. „Sie kam häufig in mein Restaurant in London, schöne Überraschung, sie hier zu treffen!“

Jessica lächelte unsicher. „L’Auberge war für uns wie eine zweite Heimat, so oft haben wir dort gegessen.“ Sie sprach schnell, als könnte sie ihre Worte nicht ganz im Zaum halten. „Es war von unserer Wohnung aus gerade um die Ecke und Rick war ein guter Freund von uns, von mir und Paul, meinem Ehemann. Er hat mir immer Ratschläge zum Kochen gegeben. Ich war in der Küche nicht gerade umwerfend, aber ich habe viel von ihm gelernt.“ Man konnte zusehen, wie sie beim Sprechen selbstsicherer wurde, bis sie bei einem beinahe triumphierenden Ton angelangte und ihnen ihr entzückendes Lächeln schenkte.

„Na so was!“, sagte Carolyn.

Die junge Frau sah auf ihre Uhr. „Ich muss los, Zeit für meine Massage. Wir sehen uns, Rick!“ Sie warf ihm ein Lächeln zu, das eine gute Werbung für Zahnpasta abgegeben hätte, und verschwand.

„Ich seh dich in meinem Büro, Rick“, sagte Carolyn mit frostiger Stimme, dann schien sie sich plötzlich an Darina zu erinnern. „Maria wird jetzt dein Programm mit dir durchgehen wollen, ich stelle dich später unserem Koch vor.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder rein.

Rick Harris sah kurz auf, mit seinen dunklen Augen, die fast schwarz zu sein schienen, wie Kohlen. Nur dass in Kohlen nicht so viel Schalk stecken konnte. „Zurück in den Schweinestall!“, sagte er und lächelte Darina an.

„Darina!“, rief Carolyn aus der Küche.

Darina eilte ihrer Freundin hinterher. Worauf hatte Carolyn sich da nur eingelassen? Rick Harris mochte ein Genie sein, was Essen betraf, aber wenn es um Frauen ging, bezweifelte Darina, dass er seinen Appetit besser zügeln konnte als ein Hund in der Nähe eines saftigen Knochens. Und hatte er irgendeine Vorstellung, worauf er sich mit Carolyn eingelassen hatte?


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.

Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

 

Das E-Book kaufen.

Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.

Mord à la provençale: Darina Lisles siebter Fall

Stuttgart, Juni 2018Janet Laurence lässt die Protagonisten ihrer Cosy-Mystery-Krimis gerne mit feinem britischen Humor ermitteln. In der Darina Lisle-Reihe darf der Leser dabei nicht nur gerne miträtseln. Leser, die eine Leidenschaft für das Kochen haben, werden ebenfalls auf ihre Kosten kommen, denn Hobby-Ermittlerin Darina Lisle ist Kochbuchautorin!
In ihrem siebten Fall verbringt die britische Kochbuchautorin Darina Lisle mit ihrem frischgebackenen Ehemann, Detective Inspector William Pigram, ihre Flitterwochen im Süden Frankreichs. Dort treffen die beiden auf eine Reihe interessanter, britischer Auswanderer, die das sonnige Leben in Südfrankreich genießen. Darunter auch Kochguru Helen Mansard, die darauf besteht, Darina und William zum Mittagessen einzuladen. Helens Partner, Bernard Barrington Smythe, Havariekommissar der Londoner Versicherungsbörse im Ruhestand, zeigt ihnen seine neuste Errungenschaft: eine Ölmühle, mit der er ein Vermögen machen will. Doch dann kommt es in dieser zu einem Todesfall und Darina und William ermitteln Seite an Seite …

Download Pressemitteilung: PM 06-2018_dp_Digital Publishers_Mord a la Provencale

Tod in Südfrankreich: Meisterköchin Darina Lisle und ihr frisch angetrauter Ehemann Inspector William Pigram verfolgen diesmal gemeinsam, mitten in ihren Flitterwochen, einen Mörder! Auch in ihrem siebten Fall wird wieder mit Finesse und klassisch britischem Humor ermittelt.

Mord à la provençale

Kapitel 1

Der Kuchen leuchtete golden in der Sonne und triefte vor Köstlichkeit. Alles an ihm, seine runde Form, seine satten Farben und die vom Sirup glänzenden Streusel, versprach Süße und Gehalt, eine üppige und verschwenderische Befriedigung.

„Süßer Honigkuchen für ein süßes Paar in den Flitterwochen“, sagte Helen Mansard, während sie ihn auf den Tisch stellte.

Sie war eine kleine Frau Ende vierzig, ihr wallendes Haar türmte sich auf ihrem Kopf auf, ihre Haut war wie die eines reifen Pfirsichs und ihre Figur war zierlich, aber mit großzügigen Kurven. Die großen, hellblauen, lachenden Augen und der breite Mund mit einer Unterlippe wie ein saftiges Stück Mango verliehen ihrem runden Gesicht Anmut.

Darina sog den süßen Duft ein, der von dem Kuchen aufstieg. „Der ist so berauschend wie Wein“, sagte sie. „Und wir sind schon betrunken!“ Sie lächelte den Mann an, der neben ihr auf der mit Kissen bedeckten Bank saß. Sie wirkte entspannt, ein Hinweis darauf, dass sich die Hochzeit als angenehme Überraschung herausgestellt hatte.

Darina Lisle war jetzt Darina Pigram. Der neue Nachname war zwar keine Verbesserung, dafür aber alles andere am Verheiratet-Sein. Sie strahlte Glückseligkeit aus. Das verlieh ihrem einfachen, guten Aussehen wirkliche Schönheit, ließ ihr langes, blondes Haar, das ihre Schultern umwehte, glänzen, milderte die Wirkung ihrer über ein Meter achtzig hohen Figur und lenkte die Aufmerksamkeit vom kompromisslosen Blick in ihren grauen Augen ab.

Darina betrachtete noch mal den Kuchen. Warum ließ der Ring, der vor vier Tagen auf ihren Finger geglitten war, alles in diesem goldenen Licht erscheinen? Sie hatte vor der Hochzeit schon ein Jahr mit William zusammengelebt, hatte geglaubt, ihn durch und durch zu kennen und dass die Hochzeit ihre Beziehung lediglich förmlicher machen würde. Stattdessen schien es, als hätte vertrautes Essen neue Geschmäcker angenommen.

„Ich dachte immer, frischvermählte Paare sollten die Flitterwochen allein auf einer einsamen Insel verbringen!“ Bernard Barrington Smythe, das vierte Mitglied ihrer Mittagsrunde, ersetzte die Weingläser durch Sektflöten und öffnete eine Flasche Champagner. Sein schütteres Haar war von einem Panama-Hut bedeckt, um den Kopf vor der Sonne zu schützen. Der Hut warf einen Schatten auf seine rotblonden Augenbrauen, die blasse bernsteinfarbene Augen beschützten, wie kleine Pflanzen, die an einer Felskante wachsen.

„Ich habe das immer für eine entsetzliche Vorstellung gehalten.“ Helen schnitt den Kuchen an und platzierte die Stücke auf provenzalischen Fayence-Tellern. „Alleingelassen zu werden ist wirklich das Letzte, was man als frischvermähltes Paar braucht. All der Stress und die Anspannung der Hochzeit, die anstrengende Aufgabe, Dankesbriefe zu schreiben und die Verwandten davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen, und der schreckliche Prozess, ein neues Zuhause einzurichten. Ich glaube, die perfekten Flitterwochen bestehen aus vielen, nicht zu hektischen Aktivitäten und ein paar Freunden zwischendrin.“ Sie schenkte dem frischvermählten Paar ein verschlagenes Lächeln, das ihre Rolle in der heutigen Flitterwochen-Unterhaltung bestätigte.

Bernard füllte behutsam die Gläser, drehte über jedem mit einer schwungvollen Bewegung die Flasche, um Tropfen zu vermeiden, und setzte sich dann wieder in seinen Stuhl. Sein rundlicher Körper kämpfte gegen die Einengung der weißen Designer-Jeans und des schicken Hemdes, ein Stückwerk aus gestreifter und karierter grüner und weißer Baumwolle. Er erhob sein Glas. „Sie will wagen, dass wir uns sehr geehrt fühlen, euch heute bei uns zu haben. Lasst uns auf eure Gesundheit trinken.“

Darina erhob das Glas und wechselte ein weiteres Lächeln mit ihrem Ehemann.

„Ehemann. Auf Englisch heißt es ‚husband‘.“ Sie sprach den Gedanken aus und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Was für ein seltsames Wort. Angelsächsisch nehme ich an. Erinnert an ‚bondsman‘, eine alte Bezeichnung für Leibeigene, der Haus-Sklave.“

„Wenn ich mich recht erinnere, ist es Altenglisch, und den Teil mit dem Leibeigenen kannst du vergessen“, sagte Bernard.

„Ich wusste gar nicht, dass du an der Universität warst“, unterbrach Helen.

Er warf ihr mit schiefem Kopf einen wissenden Blick zu. „Es gibt andere Wege, sich Wissen anzueignen, als sich in einer Lehranstalt einzukerkern. William, ‚husband‘ bedeutet Hausherr. Dulde diesen Unsinn nicht, sprich sofort ein Machtwort.“

Der Bräutigam lachte. Es klang leicht und amüsiert und sagte, dass er sein eigener Herr sei. „Wir haben eine Partnerschaft, keiner von uns ist der Chef.“

Darina spürte wie die Muskeln in seinem langen Bein unter ihrer Hand zuckten und legte ihre Finger fester um seinen Oberschenkel, während sie sich mit der freien Hand über den Kuchen hermachte. „Der schmeckt nach Liebe“, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen. „Wenn wir wirklich sind, was wir essen, sollten wir den regelmäßig auf dem Tisch haben.“

„Jeden Tag“, stimmte William zu.

„Wie ihr beide euch gegenseitig anseht, ist skandalös.“ Bernard stellte sein Glas gespielt heftig ab. „Helen, gib ihnen nicht noch mehr, sonst verschlingen sie sich hier vor unseren Augen.“

„Wenn sie sich in den Flitterwochen nicht leidenschaftlich fühlen dürfen, ist das ein schwacher Ausblick.“ Helen schob noch ein Kuchenstück auf Williams Teller.

Das Mittagessen fand im Süden Frankreichs statt, in den Hügeln nahe Grasse, wo Helen Mansard ein provenzalisches Bauernhaus gekauft hatte, ein Mas. Das gewichtige Rechteck stand stabil in den Olivenhainen, das warme Braun der Erde und das raschelnde, silbrige Grün der Bäume boten die perfekte Kulisse für den grauen Stein. Der Innenhof, in dem sie saßen, war auf zwei Seiten von Gebäuden und an den anderen beiden von Mauern abgeschirmt. Eine strategisch platzierte Lücke im südlichen Teil gab den Blick auf das intensive Blau des Mittelmeers frei. Im geschützten Hof produzierte die frühe Märzsonne genug Wärme, um draußen zu essen.

Ein makelloser Pool nahm die eine Ecke des Hofes ein. Das Wasser schwappte sachte gegen die leuchtend blauen Fliesen. Um den Pool herum sah die Bepflanzung so aus, als wäre sie erst kürzlich fertiggestellt worden, die Fülle kleiner Büsche war ein ausdrucksstarkes Zeugnis großzügiger Ausgaben.

Tatsächlich wirkte das gesamte Grundstück so gepflegt, wie man es nur durch eine saftige Finanzspritze erreichen konnte. Frischverputzte Wände und hübsch gestrichene Fensterläden, ordentliches Pflaster, teure Pflanzkübel (aus denen später ohne Frage Geranien leuchten würden) und die ansprechenden Gartenmöbel sprachen dafür, dass Helens Kochbücher sich sehr gut verkauften.

Darina lehnte ein weiteres Stück des Honigkuchens ab. „Ich muss ehrlich sagen, ich bin voll, du hast uns gut verköstigt.“ War es die frische Luft und die Sonne, die das Essen so gut schmecken ließen, oder hatte Helen einen besonderen Zauber gewirkt? Die Zutaten waren so simpel: gebratene rote Paprika in einer Anchovis-Soße, dazu knuspriges Baguette, gefolgt von verschwenderischen Mengen über dem Schnittholz der Olivenbäume gegrilltem Kaiserhummer, serviert mit Blattsalat, dessen Dressing aus Olivenöl Süße mit bestechender Zitrusfrische verband. Kühler weißer Chablis hatte das Essen ergänzt und vor der abschließenden Wohltat aus Honigkuchen und Champagner war ein Jahrgangs-Rotwein, ein 1966er Margaux, mit verschiedenen reifen und vollmundigen Käsen aufgetragen worden.

Helen hatte es sogar geschafft, sich mit ihrem Drängen auf Manöverkritik nach jedem Gang zurückzuhalten. Sie hatten höchstens fünf Minuten damit verbracht, über die Würze der Anchovis-Soße zu sprechen und ob sie von der pfeffrigen Kraft des italienischen Olivenöls aus Hausabfüllung ausgeglichen wurde; nur zehn mit der Zusammensetzung der Mayonnaise, die mit dem Hummer serviert worden war, und ob es wünschenswert war, Meeresfrüchte in Salat zu hüllen, ehe man sie grillte. Jetzt schien sie völlig vergessen zu haben, sich nach ihrer Meinung zum Honigkuchen zu erkunden.

Darina seufzte gesättigt und fühlte die Entspannung, die nur perfekt abgeschmecktes und ausgeglichenes Essen verschaffen konnte. Sie lehnte sich zurück und ließ den Frieden und die Ruhe des alten Bauernhauses und seiner Kulisse wie Seide über sich gleiten.

Helen hatte absolut recht mit dem Stress und der Anspannung beim Heiraten. Die Hochzeit selbst hatte in dem Dorf in Somerset stattgefunden, in dem Darina aufgewachsen war. Der Zeremonie in der Kirche folgte ein Empfang in einem großen Haus des Ortes, das sie zu dem Anlass angemietet hatten. Alles war an ihr vorbeigeeilt, als wäre der Tag im Zeitraffer abgelaufen, und hatte sie glücklich, aber auch atemlos gemacht. Und, oh, wie sehr sie alles vergessen wollte, was im Vorfeld passiert war, der Druck, die Diskussionen, die hektischen Abmachungen.

„Wir haben überlegt, für die Flitterwochen auf die Seychellen zu fliegen“, sagte William gerade. „Aber dann wurde uns ein Appartement in Antibes angeboten und wir waren uns einig, dass die Gelegenheit zu gut war, um sie zu verpassen.“ Auch er wirkte völlig entspannt.

„Und es ist schön, dass wir mal wieder auf den neuesten Stand kommen, Helen“, fügte Darina hinzu.

Helen und Darina waren beide Kochbuchautorinnen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Helen sich einen Namen gemacht. Bevor sie nach Frankreich zog, hatte sie auch in Somerset gelebt. Obwohl beinahe zwanzig Jahre zwischen ihnen Lagen, hatten sie und Darina viel Zeit miteinander verbracht, sich gegenseitig die eigenen Experimente vorgesetzt, Aromen abgesteckt, unterschiedliche regionale Küchen ausprobiert und über Wege gesprochen, den Appetit anzuregen. Dann, vor zwei Jahren, nach einer sehr erfolgreichen Fernsehserie – das Begleitbuch hatte über etliche erfreuliche Wochen die Bestseller-Liste angeführt – hatte Helen England verlassen und sich dem Mittelmeer zugewandt.

„Was für ein Plätzchen du hier gefunden hast“, sagte Darina neidvoll. „Perfekt zum Schreiben. So friedlich!“

„Zu perfekt!“ Eine bissige Note brannte in Helens Stimme und ihre vollen Lippen wurden schmaler. „Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, mir Gründe auszudenken, warum man uns nicht besuchen und hierbleiben kann. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder, den ich kenne, Südfrankreich besuchen möchte. Der Sommer ist eine einzige Reihe von Ablenkungen.“

„Helen lässt sich viel zu leicht ablenken.“ Bernard rutschte in seinem Stuhl zurück. Die Krempe seines Hutes verbarg seinen Gesichtsausdruck.

Darina rückte etwas näher zu William.

„Du bist keine Hilfe“, blaffte Helen plötzlich. „Du verwandelst die Anlage in eine Fabrik.“

„Fabrik?“ William sah sich locker im hellen Innenhof um.

„Helen, geht es um das neue Projekt, das du erwähnt hast? Hör auf so geheimnisvoll zu tun und erzähl uns mehr.“

Darinas Freundin sah mürrisch aus. „Es ist eigentlich Bernards Projekt.“ Sie blickte zu dem Mann am anderen Ende des Tisches, unter dem Panama-Hut war sein Gesichtsausdruck nicht lesbar. „Halte dich nicht zurück, Bernard. Normalerweise kannst du es gar nicht erwarten, jedem davon zu erzählen.“

Bernard legte seine Arme auf den Tisch, die träge Entspannung war plötzlich verschwunden. „Du hast es für eine gute Idee gehalten. Großartiger Plan hast du gesagt. Ich dachte, du würdest dahinterstehen.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte Darina, panische Angst in Helens Augen zu sehen, dann lachte ihre Freundin sorglos. „Bernard, du bist so ein Dummkopf! Natürlich ist es ein toller Plan. Du weißt, wie nervös ich werde, wenn etwas zwischen mir und einem Abgabetermin steht. Jetzt erzähl Darina und William alles darüber, du siehst doch, wie gespannt sie erfahren wollen, was du Schlaues gemacht hast.“ Sie reichte über den Tisch und drückte kurz seine Hand.

„Nun, hier sitzen wir, gespannt auf Einzelheiten“, ermunterte William ihn.

Helen ließ ihr Lächeln noch breiter werden.

Bernard neigte den Kopf in der Geste eines Mannes, der bescheiden unverdiente Belohnungen entgegennimmt. „Als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen habe, wurde mir klar, was Helen da aufgetan hatte“, setzte er an.

Dann drang das Geräusch eines Traktors an ihre Ohren, der sich der Mauer näherte. „Oh Gott, was hat der fröhliche Jacques heute vor?“

„Bitte nicht noch ein Streit, Bernard! Denk dran, er ist unser Nachbar.“

Bernard stöhnte und wand sich William und Darina zu. „Ihr fragt euch, warum Franzosen Schafe bei lebendigem Leibe verbrennen, oder alle Lastwagen Europas zum Stillstand bringen? Eine Begegnung mit Jacques Duval erklärt alles.“

Helen trommelte gereizt mit den Fingern auf den Tisch. „Er ist nur ein durchschnittlicher, französischer Chauvinist.“

„Chauvinist? Ganz genau, das Wort wurde für ihn erfunden.“

Der Traktor hielt an, sie hörten ein mechanisches Knirschen und dann strömte unaussprechlicher, schwerer Stallgeruch über die Mauer.

„Verflucht!“ Bernard sprang aus seinem Stuhl, stürmte zu einer alten Mühle aus Granit hinüber, die malerisch in einer Ecke des Hofes stand, und zog sich daran hoch, sodass er über die Mauer sehen konnte. Sein kleiner, übergewichtiger Körper balancierte riskant auf der Kante der Mühle; bei seinem Ansturm auf die Mauer hatte er seinen Hut verloren und die Sonne schien auf eine glänzend kahle Stelle, doch seine Empörung nahm der Szene alle Komik.

Darina konnte seinen Kummer nachvollziehen, kam aber nicht umhin, Bernard mit ihrem Ehemann zu vergleichen. William war groß, überragte sogar sie noch um einige Zentimeter und hatte volles, dunkles Haar. Sein Gesicht mit der Adlernase war stattlich – sie selbst empfand schneidig als die beste Beschreibung. Er hatte Ausstrahlung und einen sehr englischen Charme, der sich mit seiner Intelligenz, seiner Besonnenheit und seiner Bildung vermischte.

Darina fragte sich, was Helen an Bernard anziehend fand. Sein Schwung und seine Kraft? Sein Aussehen war es bestimmt nicht.

Monsieur.“ Bernards entrüstete Stimme drang zu ihnen herüber. „Que faîtes-vous?“

Geknurrtes Französisch waberte zusammen mit dem kräftigen, widerlichen Geruch zu ihnen herüber. Darina schnappte Worte wie salaud, connard und salopard auf.

Espèce de con!“, schrie Bernard zurück. Dann spannten sich seine Schultern an, während er sich zusammenriss. „C’est affreux, je proteste! Nous mangeons ici, dans notre cour. C’est impossible avec le perfum de votre fumier.” Bernards fließendes Französisch war mit einem starken englischen Akzent durchsetzt.

Weiteres unverständliche Grunzen und Knurren war zu hören und schloss mit: „Va done, eh, imbécile!“

Die Speckrollen in Bernards Nacken liefen vor Wut dunkelrot an. Zitternd vor Zorn sprang er von seinem Ausguck herunter und stolperte, als er auf dem Boden aufkam. „Diesem französischen Hundesohn werd ich’s zeigen“, sagte er mit knirschenden Zähnen.

Helen streckte ihm flehend einen Arm entgegen. „Liebling, du wirst nur etwas sagen, das du dann bereust. Warum kommst du nicht her, trinkst einen Kaffee und erzählst Darina und William alles über unsere Pläne?“

„Glaub nicht, dass du mich mit Schmeicheleien von einem Kräftemessen mit diesem Bastard abbringst. Er hat einen verdammt großen Haufen Mist an unserer Mauer abgeladen, und meint, dass er auch dort bleiben wird! Aber“, seine Stimme wurde plötzlich sanfter, „ich will uns nicht das Mittagessen verderben.“ Er kehrte zum Tisch zurück und betrachtete, was von ihrem Festmahl übrig war, seine Nase zuckte vor Ekel. „Kommt mit, hier können wir nicht bleiben.“

 

Im Inneren des Hauses verwirrte die Dunkelheit Darinas Augen. Sie musste warten, bis sie sich an das fehlende Sonnenlicht gewöhnt hatte, ehe sie das große, offene Wohnzimmer mit einem mächtigen Kamin und schlicht verputzten Wänden bewundern konnte. Wie schon ihm Hof sah es hier frisch renoviert aus. Nichts Pompöses, aber die schweren, französischen Möbel stammten nicht vom Flohmarkt und alles hatten einen gut erhaltenen Glanz. Der Kochbereich sah aus, als hätte er die Dienste eines erstklassigen Innenausstatters genossen und die Geräte waren nur vom Besten.

Auf einem der beiden ausladenden, gemütlichen Sofas, die in der Mitte des Raumes angeordnet waren, hatte Bernard sich niedergelassen und schenkte gerade den restlichen Champagner aus, während William sagte: „Erzähl uns mehr von Frère Jaques. Gehört ihm das Land jenseits eurer Mauer?“

Bernard stellte die leere Champagnerflasche weg und platzierte Cognac und Armagnac auf dem mächtigen, schweren und polierten Tisch. „Sein Land grenzt an das von Helen; die westliche Seite dieses Hauses und die Mauer im Hof sind die Grenze, die dann weiter mitten durch den Olivenhain läuft, den man vom Hof aus sehen kann.“

„Also, ich weiß nicht viel über französische Gesetze, aber es muss doch irgendwelche Bestimmungen gegen solche Belästigungen geben.“

„Ah, das habe ich ganz vergessen, du bist Polizist, nicht wahr?“

William rutsche etwas auf dem Sofa herum, sagte aber nichts.

„Er ist Detective, ein Inspector der Polizeitruppe von Avon und Somerset“, murmelte Darina.

„Ich weiß nicht, mit welchen Ärgernissen du dich in Südwestengland schon herumschlagen musstest, aber ich sage dir, Jacques Duval lässt das alles wie einen Streit auf dem Schulhof aussehen.“

„Vor dem vergangenen Sommer war es nicht so schlimm“, sagte Helen leise, als sie eine Cafetière auf den Tisch abstellte und dann verschwand, um Kaffeetassen zu holen.

„Nein, ich habe sein Ehrgefühl verletzt, ganz zu schweigen davon, dass ich seine Gewinne bedroht habe.“ Genugtuung webte sich in Bernards Stimme. Er ordnete Brandygläser neben den Flaschen auf dem Tisch an, setzte sich und sah etwas glücklicher aus.

„Was ist passiert?“, fragte William.

„Na ja, das wollten wir euch gerade erzählen, als der Mist uns dazwischenkam.“ Helen schenkte Kaffee ein und gab die Tassen herum. „Erzähl deine Geschichte weiter, Liebling.“ Sie schenkte Bernard ein leichtes Lächeln, das Bernard wohl wieder zu der guten Stimmung verführen sollte, die ihn bestimmt hatte, als Darina und William zum Mittagessen eingetroffen waren.

„Wir haben die alte Mühle renoviert und angefangen, Olivenöl zu produzieren“, sagte Bernard.

„Mein armer Liebling, der alte Jacques ist dir wirklich nahe gegangen. Normalerweise brauchst du mindestens zehn Minuten um zu dem Punkt zu gelangen.“ Helen stellte eine Tasse Kaffee vor ihm ab und küsste ihn sanft auf seine kahle Kopfhaut.

Bernard griff nach ihrer Hand und zog sie neben sich auf das Sofa. „War ein Mann je mehr gesegnet?“ Er lächelte sie an.

Helen zog ihre Beine an und machte es sich gemütlich. „Unser eigenes Öl war heute im Dressing und im Kuchen. Was ist dein Urteil?“, fragte sie Darina.

„Wundervoll, so ein frischer, süßer Geschmack.“ Darina ließ sich nicht von ihrer Bescheidenheit täuschen. „Aber ihr benutzt doch nicht die alte Mühle im Hof, oder?“

Helen lachte. „Die nennst du alt? Du hast die ursprüngliche Presse noch nicht gesehen! Ich hätte sie liebend gern restauriert. Sie sind traditionell, voller Geschichte und man kann hier in der Gegend immer noch einige Exemplare in Benutzung sehen. Aber Bernard meinte, dass wir moderne Ausrüstung brauchen, wenn wir ein kommerzielles Projekt angehen wollen.“

„Das klingt nach einem großen Unterfangen“, kommentierte William.

„Helen stand der Idee erst ziemlich ablehnend gegenüber, aber auf dem Grundstück stehen all diese Olivenbäume und die ganze Ernte ist bei der örtlichen Kooperative gelandet! Traditionelles Olivenöl ist gerade schwer in Mode – als Kochbuchautorin weißt du das.“ Bernard sah zu Darina. „Ich habe Helen gebeten, all ihre Kontakte zu Gourmets aufzufrischen, die Autoren, Feinkost-Großhändler und
-Einzelhändler, denen sie begegnet ist, und sie auf ein Riesengeschäft vorzubereiten.“

„Bernard hat sich mit Herz und Seele da hineingestürzt“, fügte Helen hinzu. „Er hat die ganze Ausrüstung gekauft und den Herstellungsprozess recherchiert, ehe ich überhaupt wusste, dass er nicht nur mit der Idee spielte.“ Ihr Lächeln war lieblich und ihre Stimme samtig.

„Ich habe ein neues Leben begonnen, eine zweite Karriere.“ Bernard lehnte sich entspannt in die Sofakissen hob das Glas mit seinem restlichen Champagner. „Darauf, nicht mehr in der Stadt zu leben, ohne Anzüge und ohne Eis und Schnee. Stattdessen Sonne, das gute Leben und Helen!“ Er hob ihre Hand zu seinen Lippen und prostete ihr dann mit seinem Glas zu.

Es herrschte kurz Stille, dann lachte Helen kurz und sagte: „Du hast nichts von der harten, körperlichen Arbeit, den beißenden Winterwinden und dem Mistral erzählt.“

„Was war deine erste Karriere?“, fragte William.

„Ich war bei Lloyd’s, der Londoner Versicherungsbörse, als Partner einer Mitgliederagentur und eines Versicherers. Dreißig Jahre lang habe ich einen schlichten Anzug angelegt und mich in die Stadt aufgemacht. Jetzt kann ich endlich tragen, was ich will.“  Bernard sah selbstgefällig auf seine farbenfrohe Garderobe hinab.

„Und du wirst hierherziehen?“

„Ich bin schon hergezogen, William! Fait accompli! Hab im vergangenen Herbst gerade rechtzeitig meine Sachen hergebracht, um bei der Olivenernte mit anzupacken.“

„Im vergangenen Sommer hat er die ganzen Geräte eingebaut“, sagte Helen ausdruckslos.

„Dann hattest du das schon seit einer Weile geplant?“, vermutete Darina.

„Sobald Helen diesen Ort gefunden hatte.“ Bernard strahlte. „Ich bin eines Morgens mit einem Geistesblitz aufgewacht. Ich wollte mich nicht ohne Beschäftigung hier unten niederlassen, nicht, wenn Helen so viel ihrer Zeit hinter verschlossenen Türen mit ihren Büchern verbringt.“

„Ich weiß genau, was du meinst.“ William grinste ihn an. „Ich muss mir auch ein zeitaufwändiges Hobby zulegen, bis ich in den Ruhestand gehe. Ich weiß, dass Darina nicht mit dem Schreiben aufhören wird!“

„Ah, ich begrüße einen werten Mitleidenden des Autor-Syndroms! Darauf einen Cognac.“ Bernard schob ein Glas zu William und füllte es, ehe er ablehnen konnte. „Darina kann zurückfahren, die hat von keinem der Weine, die ich so liebevoll für euch ausgesucht habe, mehr als ein Glas getrunken.“

„Sie waren wirklich wunderbar“, versicherte Darina. Sie seufzte. „Wir hätten ein Taxi bestellen sollen, statt mit dem Auto zu kommen.“

„Ihr Männer seid wirklich schlimm!“ Helen warf ein Kissen nach William. „Erzählt mir nicht, dass ihr nicht liebend gern von unseren Rezepten kostet. Und selbst wenn wir beide morgen das Schreiben aufgeben würden, gehe ich kaum davon aus, dass wir mehr von euch hätten. Das sind alles nur Ausreden, genau das zu tun, was ihr wollt.“

William schob sich das Kissen hinter den Rücken und umschloss fest die Hand seiner Braut. „Also hast du beschlossen, dein eigenes Unternehmen aufzubauen“, sagte er zu Bernard.

„Mein Traum war es mal, in einem Weingut in Bordeaux meinen eigenen Jahrgangs-Rotwein herzustellen. Olivenöl erschien mir als lohnenswerter Ersatz.“ Bernards Ton wurde ernst. „Man muss sich ebenso der Qualität verpflichten, mit den Elementen ringen und ist auf die Verbindung traditioneller und moderner Methoden angewiesen, um ein unverfälschtes Produkt mit wundervollem Geschmack herzustellen. Das Öl ist einfach ungesättigt und kann sogar Cholesterin reduzieren. Wir werden ewig leben!“

Die kurze Stille, die über sie fiel, als er endete, mochte aus Respekt oder Verblüffung entsprungen sein.

„Ich weiß nicht, ob es ein Glückstreffer war, aber das Öl, das er herstellt, ist fantastisch. Irgendwo zwischen der Süße Spaniens und dem Feuer Italiens. Es hat einen vielschichtigen Geschmack, ohne zu kräftig zu sein. Ich habe eine Flasche für euch“, sagte Helen zu Darina. „Wir lassen für den nächsten Jahrgang Blechdosen bedrucken und diesen Frühling und Sommer habe ich die unterschiedlichsten Leute eingeladen, um ihr Interesse zu wecken.“ Kein Wort mehr davon, dass sie es hasste, wenn Besucher ihr die Zeit stahlen.

„Wir haben die Gästezimmer renoviert und ein paar zusätzliche Badezimmer eingebaut. Nachdem sie Helens Gastfreundschaft kosten durften, werden wir sie dazu verführen, sich entweder mit dem Öl auszustatten oder es zu bewerben. Es wird sich zu enorm überhöhten Preisen verkaufen und uns reich machen.“

„Pass auf, dass eure Profite nicht vollständig in der Bewirtung eurer Gäste verschwinden.“ William nahm einen Schluck von seinem Cognac und sah begeistert auf das Glas. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so gut getrunken habe.“

„Der ist aus Bernards Keller. Als er sagte, dass er seine Sachen hergebracht hat, meinte er damit, dass er in einem großen Lastwagen sehr langsam durch Frankreich fuhr, über das Zentralmassiv, runter in die Provence, während er seine wertvollen Flaschen bemutterte, als wären sie Säuglinge, die nicht geweckt werden dürfen.“ Helen lachte. „Aber unsere Kunden werden provenzalische Weine probieren wollen, nicht den überteuerten Bordeaux oder die Champagner-Brühe.“

„Ich bin froh, dass du uns mit der überteuerten Brühe verwöhnst.“ William nahm noch einen Schluck von seinem Cognac und seufzte zufrieden.

„Ah, der regionale Wein ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, sie werden nicht allzu sehr leiden“, sagte Bernard. „Und außerdem wollen wir ja nicht, dass der Wein das Öl oder das Essen in den Schatten stellt, oder?“

„Es scheint, dass eure Nachbarschaft an dem Projekt Anstoß genommen hat.“ Es passte zu William, dass er den Zwischenfall nicht aus den Augen verlor, der den Abschluss ihres Essens so verdorben hatte. Doch als Bernards Wut wieder aufkochte, wünschte sich Darina, er hätte das Thema nicht wieder angesprochen.

„Dieser Bastard hat seine eigene Ölmühle, stellt minderwertiges Öl her und glaubt, dass ich ihn aus dem Geschäft drängen werde.“

„Also könnte er dich als Bedrohung wahrnehmen?“

„Aber wir zielen nicht auf den lokalen Markt ab! Oder verarbeiten die Oliven anderer. Wenn überhaupt, werden wir sein Geschäft fördern. Sobald die Werbemaschine läuft, wird man uns hier die Bude einrennen. Sie werden seine Mühle genauso besichtigen wollen wie unsere und wir werden das sudfranzösische Zentrum für Olivenöl sein.“

„Bernards Ehrgeiz kennt keine Grenzen!“ Eine Schärfe war in Helens Stimme zurückgekehrt.

Er stand auf. „Kommt und schaut euch an, was wir gemacht haben.“

Doch wieder wurde die Gruppe von einem Motorengeräusch unterbrochen, als ein Auto auf das Bauernhaus zufuhr und unter lautem Hupen bremste.

„Hast du jemanden eingeladen?“, fragte Helen Bernard, während sie den Hals reckte, um von ihrem Platz aus dem Fenster zu schauen.

„Niemanden, der ganze Tag war für unsere Hochzeitsreisenden reserviert.“ Bernard ging zur Vordertür. Sie öffnete sich, ehe er sie erreicht hatte. Ein junger Mann trat ein, gefolgt von einem Mädchen, das noch keine zwanzig Jahre alt war. Er war groß und dünn, trug Jeans und Sweatshirt, sein glattes, blondes Haar war nur ein wenig zu lang und sein Gesicht wies auffällig glatte Züge auf.

„Hi Mama! Rate mal, wer da ist!“ Ein breites Lächeln brachte eine Reihe sehr weißer Zähne zum Vorschein.

„Stephen, ich wusste gar nicht, dass du herkommen würdest, was für eine schöne Überraschung!“ Helen eilte durch den Raum und schlang die Arme um ihren Sohn.

Das Mädchen blieb an der Tür stehen und beobachtete die Szene mit hellbraunen Augen. Der Pullover in hellem Pink, mit einem komplizierten Zopfmuster gestrickt, schmeichelte ihrem kleinen, kräftigen Körper nicht besonders. Er reichte ihr bis knapp über den Po, darunter sah man dicke Beine, die in engen, gepunkteten Leggins steckten. An den Füßen trug sie geschnürte Stiefeletten. Ihr langes, dunkelbraunes Haar, das aussah, als könnte es eine Wäsche vertragen, hing über ihre unförmigen Schultern und verdeckte zum Teil ihr stark geschminktes Gesicht.

„Liebling, schau wer da ist!“ Helen wandte sich zu Bernard, der Arm ihres Sohnes legte sich um sie.

„Stephen, schön dich zu sehen.“ Bernard sprang mit ausgestreckter Hand vor.

Stephen ignorierte das. Die Zähne leuchteten in seinem glatten Gesicht und seine Lippen kräuselten sich spöttisch, als er sagte: „Bernard, immer noch hier, wie ich sehe.“

Die struppigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Helen drückte Stephens Arm leicht. „Mein Lieber, du weißt, dass Bernard und ich zusammenwohnen. Jetzt mach keine Schwierigkeiten, kaum dass du angekommen bist. Komm her, setzt dich und trink einen Kaffee. Und willst du uns nicht vorstellen?“ Sie drehte sich um und streckte dem Mädchen an der Tür eine Hand entgegen. „Ich bin Stephens Mutter.“

„Das ist Terri“, sagte Stephen locker. „Sie wollte Südfrankreich sehen und ich sagte ihr, dass sie mitkommen könnte.“

„Wie schön dich kennenzulernen. Kannst du länger bleiben?“ Es war schwer zu entscheiden, ob die Frage an beide oder nur an den Sohn gerichtet war.
„Du und Bernard führt hier doch kein Hotel, oder?“ Die Provokation wich aus Stephens Stimme als er etwas wärmer hinzufügte: „Ich bin hier, um die Kulissen für eine neue Dramaserie unter die Lupe zu nehmen. Ich habe Terri gesagt, dass es dich nicht stören würde, wenn sie auch hierbleibt.“

„Stephen ist beim Fernsehen, er ist Produzent“, sagte Helen stolz und stellte Darina und William vor.

Bernard ging zu dem Mädchen hinüber. „Hallo, Terri, schön dich hier zu haben, komm mit und trink etwas Brandy. Du kannst vermutlich einen vertragen, nachdem du den ganzen Weg mit Stephen gefahren bist; wenn er je gelernt hat, was ein Tempolimit ist, wäre ich sehr überrascht, und was die Rechte anderer Fahrer angeht, vergiss es. Wie heißt du weiter?“

„Gott, Bernard, du bist ein Sonderling! Als ob Namen heute noch von Bedeutung wären.“ Stephen warf sich auf eines der Sofas und schenkte sich ein großes Glas Armagnac ein.

„Arden, Terri Arden.“ Sie warf sich ihr langes, strähniges Haar über die Schulter und musterte Bernard kühl. Ihre Stimme war tief und sie sprach langsam. Nicht affektiert langsam, sondern als bräuchte sie Zeit, um ihre Gedankengänge in Worte zu übersetzen. „Ich bin Mode-Designerin und arbeite mit Stephen zusammen.“ Die Erhabenheit dieser Aussage wurde verdorben, als sie hinzufügte: „Soll ich die Koffer holen?“

„Du kommst her und entspannst dich, wir können uns später um eure Sachen kümmern.“ Bernard ließ sie neben sich Platz nehmen, so weit weg von Stephen, wie er es bewerkstelligen konnte, schenkte ein Glas Cognac ein und reichte es ihr. „Helen, mehr Kaffee wäre eine gute Idee.“

Auf eine unbemerkte Weise hatte er die Führung übernommen. Darina wandte ihre Aufmerksamkeit von den Neuankömmlingen ab und betrachtete Bernard Barrington Smythe neugierig. An ihm war mehr, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

 

 

Kapitel Zwei

Es dauerte nicht lange, bis Bernard seine Einladung wiederholte, die Mühle zu besichtigen.

Darina und William stimmten sofort zu. Stephen lehnte mit gekräuselten Lippen ab, aber Terri sah aus, als könnte sie interessiert sein.

Helen streckte ihr eine Hand entgegen. „Komm und setz dich neben mich. Du und Stephen müsst mir erzählen, was ihr so treibt.“

Diese Einladung schien alle Attraktionen auszustechen, die Bernard anbot, und Terri schob sich plump zum anderen Sofa hinüber.

Die Mühlen-Gruppe ließ Helen zwischen den beiden unerwarteten Gästen zurück, ihre Hand packte fest die ihres Sohnes.

Draußen lag der Mist-Gestank in der Luft wie Schaum auf einem See.

Bernard holte demonstrativ ein Taschentuch hervor und hielt es sich an die Nase, während er sie über den Hof zu einer großen, steinernen Scheune führte. „Das hier war die ursprüngliche Mühle, aber ich habe den alten Trichter und die Presse rausgeschmissen.“
„Wie schade – du hättest ein Museum aufmachen können“, kommentierte Darina, während sie eintraten. „Die Leute interessieren sich sehr für die Vergangenheit. Alte Rezepte und traditionelle Gerichte waren noch nie so angesagt.“

In der Mühle war es kühl und dämmerig. Mit einem Blick durch die Dunkelheit konnte Darina zwei kleine Fenster und Glastüren ausmachen, die auf eine Steinplattform hinausführten, aber es war unmöglich, mehr zu erkennen, ehe Bernard bei einer Reihe Kontrollschalter das Licht anmachte. Dann stand er da, mit gestrafften Schultern, erhobenem Kopf und einem Lächeln im Gesicht, das alles hier zu seinem Königreich erklärte.

Darina hatte noch nie eine Ölmühle für Olivenöl besichtigt, aber irgendwoher hatte sie sich das geistige Bild einer überschaubaren, bäuerlichen Industrie aufgebaut, in der mit primitiven Maschinen gearbeitet wurde. Nichts hatte sie auf diese Batterie glänzender Edelstahl-Ausrüstung vorbereitet. Es schien sich um eine Reihe großer Zylinder zu handeln, einige lagen auf der Seite, andere, deutlich dicker, standen aufrecht, alle hatten Rohre an den Enden. Das am wenigsten Befremdliche waren zwei enorme Edelstahl-Bottiche, die ein Riese vielleicht gern benutzt hätte, um eine gewaltige Kuh zu melken.

Bernard führte sie zu den Glastüren hinüber und raus auf die Steinplattform. „Hier kommen die Oliven in diesen Kisten an.“ Er deutete auf einen Stapel leerer, flacher Behälter. „Sie werden in diesen Trichter ausgeschüttet und dann in die Mühle hoch transportiert.“ Mit einem Arm wedelte er in Richtung eines Förderbandes, das vom Trichter bis zum oberen Ende der Wand führte. „Ein starker Ventilator bläst Blätter und Zweige weg, die Früchte gehen dann da rauf und kommen hier runter.“ Bernard flitzte behände durch die Glastür und zeigte seinen Gästen eine Metallrinne, die von der Wand zu einem weiteren Trichter führte. „Sie werden gleichzeitig gewaschen und dann in diese Zerkleinerungsmaschine geladen.“ Er führte sie zu einer langen, flachen Wanne, die etwa auf Hüfthöhe stand. „Das zerkleinert die Oliven zu einem Brei.“ Darina sog in einem ungewollten Keuchen die Luft ein, als sie sah, dass das Innere der Wanne aus einer eng geschlossenen Reihe rasiermesserscharfer Klingen bestand.

„Da drin kann man ohne Probleme einen Finger verlieren“, sagte William, sein Gesicht war ausdruckslos.

„Es ist fabelhaft, dadurch wird die Frucht zerhackt und nicht zerdrückt. Und es ist ein sauberer Prozess, wir müssen nicht mehr die ganzen Rückstände herausfiltern, die die alte Mühle produziert hat“, schwärmte Bernard. „Der alte Jacques hat nichts dergleichen.“

„Was ist mit den Steinen, was wird aus denen?“, fragte Darina.

Bernard grinste. „Die werden auch zerhackt, der ganze Kram wird zu einem homogenen Brei zerkleinert.“

Für einen Augenblick betrachteten sie alle die tödliche Maschine, dann fragte Darina: „Was passiert danach?“

„Der Brei kommt hier rein.“ Bernard öffnete eine der langen, tonnenförmigen Edelstahl-Vorrichtungen in der Mitte des Raumes, und zeigte, dass sie auf der gesamten Länge immer wieder von gebogenen Armen unterbrochen war, die sich um eine dünne Spindel in der Mitte wanden. „Der Brei wird mit Wasser vermischt und dann hier reingeleitet“, er öffnete eine andere, ähnlich aussehende Maschine, „wo Öl und Wasser mit der Zentrifugalkraft abgetrennt werden.“ Er ging dorthin, wo Rohre die Maschine mit einem aufrechten Edelstahl-Behälter verbanden, von dem weitere Rohre in verschiedene Richtungen führten. „Das trennt das Öl vom Wasser und dekantiert es hier rein.“ Er deutete auf die riesigen Bottiche, jeder hatte einen Ausguss.

„Und dann?“, fragte Darina.

„Dann füllen wir es in Flaschen ab oder lagern es in diesen Tanks da oben.“ Bernard wies auf den einzigen traditionellen Teil der gesamten Mühle, ein alter Holzschrank, der an der hinteren Wand stand und von mehreren länglichen, grün gestrichenen Tanks überragt wurde.

„Das scheint alles sehr modern“, sagte Darina zweifelnd. Ihre Vision des jahrhundertealten Prozesses der Ölherstellung verblasste angesichts der raffinierten Prozedur, die ihnen beschrieben worden war. Vielleicht könnte sie es besser mit der geschmeidigen, goldenen Flüssigkeit verbinden, mit der sie so gerne kochte, wenn man den Weg der Olive mitverfolgen könnte.

Sie hatte den Eindruck, dass Bernard von ihrer Reaktion enttäuscht war. „Du lässt es wie einen sehr simplen Prozess klingen“, bot sie an.

„Das alles sieht ganz ähnlich aus, wie in einem kleinen Weingut, in dem ich mal war“, kommentierte William. „Nicht exakt dieselbe Maschine natürlich, aber dort sah es ganz ähnlich aus wie hier.“

„Der Prozess ist nicht unähnlich.“ Bernard strahlte sie an; William hatte das Richtige gesagt. „Der größte Unterschied ist vielleicht, dass es keine Fermentation gibt. Das Öl ist fertig, sobald es vom Wasser getrennt ist. Es ist simpel, das ist ja das Schöne.“

„Warum macht es dann nicht jeder?“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Es ist arbeitsintensiv. Die Bäume müssen geschnitten und gedüngt werden; die Ernte muss von Hand gemacht werden. Ein ausgewachsener Baum liefert in einem guten Jahr fünfzehn bis zwanzig Liter Öl. Wenn es regnerisch war, werden die Oliven dicker, liefern aber nicht so viel Öl, das Wetter beeinflusst die Qualität. Ganz ähnlich ist es, wenn man die noch grünen Oliven erntet, dann ist der Geschmack besonders fruchtig, sehr kräftig und entfaltet sich am Gaumen, aber der Ertrag ist nicht ansatzweise so gut wie bei den reifen, schwarzen Oliven, die einen viel süßeren Geschmack haben.“

„Wie viele Bäume stehen auf einem Hektar?“ Williams Neugier war geweckt.

„Etwa einhundertfünfzig ausgewachsene Bäume.“

„Also könnte ein Hektar bis zu dreitausend Liter liefern?“

„Deine Kopfrechenkünste sind lobenswert!“

„Und wie viele Hektar besitzt Helen?“

Bernard schenkte ihm einen schlauen Blick. „Fast fünfundzwanzig.“

„Auf der Basis könntet ihr um die 75.000 Liter pro Jahr produzieren, oder?“

Bernards Gesichtsausdruck wurde schmerzerfüllt. „Die haben hier ein unglaubliches System. Die Bauern bekommen die Hälfte von dem, was sie ernten. Wenn ich also den ganzen Ertrag haben will, muss ich die verdammten Dinger zurückkaufen.“

„Kommt das nicht sicher aufs selbe raus? Und wenn du nicht die gesamte Ernte brauchst, kannst du so für das Pflücken der Früchte bezahlen.“

„Aber sie nehmen die verdammten Dinger und lassen sie von Duval pressen.“

„Und halten damit deinen Konkurrenten im Geschäft?“

Bernard nickte. Es schien, als traue er sich selbst nicht zu, zu sprechen.

„Aber du könntest sie doch auch selbst für sie pressen, oder?“

Bernard sagte nichts. Das Problem war offensichtlich: Er bekam diese Variante nicht einmal angeboten.

Darina fand, es wäre Zeit von den Oliven-Erträgen wegzukommen. „Kann man mit dem übrigen Wasser irgendetwas machen, nachdem es vom Öl getrennt wurde? Es zum Kochen verwenden?“

Bernard schüttelte den Kopf. „Nein, Darina, es enthält die ganze Säure der Oliven und die Entsorgung ist ein Problem. Früher war es üblich, es einfach wegzuschütten, was aber die Flüsse und das Land verunreinigte. Jetzt, unter den Gesetzen der Europäischen Union, muss es ordentlich entsorgt werden, was teuer ist. All die Gesundheits- und Hygienevorschriften der EU haben die meisten alten Mühlen aus dem Geschäft gedrängt.“ Er grinste, ein Hai, der angesichts eines leckeren Happens die Zähne zeigte. „Der alte Frère Jacques schüttet sein Wasser immer noch in den Fluss, der durch sein Grundstück fließt. Ich habe ihn dabei gesehen. Und ich werde ihm sagen, dass ich ihn melden werde, wenn er nicht mit seinen schmutzigen Tricks und hinterhältigen Praktiken aufhört. Er verschneidet zum Beispiel sein Öl mit billigem, spanischem Zeug.“

„Ich dachte, viele französische Öle werden ganz legal mit Öl aus anderen Ländern gemischt“, kommentierte Darina. William lehnte am Zerkleinerer und betrachtete ihren Gastgeber mit Interesse.

„So ist es, in der Tat. Die Provence kommt der Nachfrage nicht hinterher. Aber wenn man sein Produkt wie einen Wein aus Schlossabfüllung verkauft, ist die Zugabe von minderwertigem Öl, als würde man einen besonderen Jahrgang mit billigem algerischen Wein vermischen. Es erhöht den Profit und täuscht die Käufer.“

„Ich würde mich an deiner Stelle vorsehen, Duval scheint einen verschlagenen Charakter zu haben.“

„Das sagt Helen auch, Bill. Helen versucht mich dazu zu bringen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Ich vergöttere diese Frau, ich würde alles für sie tun, aber die hat keine Ahnung, wie man mit Menschen umgehen muss. Sie sieht nicht ein, dass jemand wie Duval nur eines versteht, Gewalt. Ich muss ihm Gottesfurcht einbläuen, dann wird er die Dinge sehen wie ich.“

„Was genau hat Jacques Duval getan?“, fragte William neugierig.

Bernard seufzte tief. „Die erste Salve war, dass er einen Haufen Steine auf der Fahrspur abgeladen hat, sodass wir nicht rauskamen und uns niemand erreichen konnte, ohne darüber zu klettern. Wir haben Tage gebraucht, um ihn dazu zu bringen, sie wieder zu entfernen. Dann kam eine Reihe falscher Lieferungen. Entweder Dinge, die wir nicht bestellt hatten, oder falsche Stückzahlen. Als ich zu einem Lieferanten wechselte, von dem er nicht auch beliefert wurde, hörten die Probleme auf. Er hat uns bei allen regionalen Geschäftsinhabern schlechtgeredet. Nicht dass er damit weit gekommen wäre, unsere Waren sind viel zu wertvoll! Oh, ich will euch nicht mit der ganzen Liste langweilen. Er ergreift jede nur erdenkliche Gelegenheit, um uns das Leben schwerzumachen.“ Bernard hielt für einen Augenblick inne und fügte dann hinzu: „Eine Sache ist allerdings interessant, er hat nie versucht, unsere Bäume zu beschädigen.“

Darina unterbrach ihn schnell: „Das ist alles so faszinierend, Bernard. Wirst du dieses Jahr noch mehr Öl machen? Ich würde die Mühle gern in Aktion sehen.“

Seine Züge entspannten sich. „Vermutlich noch eine Ladung. Ich werde mir morgen die Bäume ansehen, aber ich habe die Pflücker schon vorläufig für in vier Tagen bestellt. Am Tag danach werde ich die Ernte verarbeiten. Ich lasse die Früchte gerne einen Tag ruhen, ich glaube, das erhöht die Ausbeute. Aber nicht länger, sonst riskiert man, dass die Fermentation einsetzt. Kommt gerne vorbei, es ist kein besonders sehenswerter Prozess, aber es wäre schön, euch noch mal hier zu haben.“

„Und danach legt ihr alles bis zur nächsten Ernte still?“ William ließ träge einen Finger über den Edelstahl-Zylinder gleiten. „Klingt nach einem angenehmen Leben.“

„Danach muss ich mich der Mammutaufgabe stellen, die Bäume zurückzuschneiden. Wenn man sie sich selbst überlässt, tragen Olivenbäume nur alle zwei Jahre. Wir müssen sie überzeugen, jedes Jahr ordentlich Frucht anzusetzen.“

„Stell sicher, dass ihr viele Äste zum Grillen aufhebt.“ Bernard lächelte Darina an. „Dann haben dir die Hummer also geschmeckt? Ich wusste es. Ist Helen nicht eine wundervolle Köchin? Ich muss fünf Kilo zugenommen haben, seit wir zusammenarbeiten. Und ich habe jedes Gramm davon genossen.“ Er tätschelte zufrieden seinen Bauch. „Seit wir uns kennengelernt haben, ist mein Leben besser und besser geworden.“

„Gilt das auch für deine Mitgliedschaft bei Lloyd’s?“

Bernards buschige Augenbrauen zogen sich mit einem kurzen Stirnrunzeln zusammen und er hob protestierend die Hand. „Lieber Junge, erwähne das Versicherungsgeschäft nicht.“

„Dann bist du also selbst Mitglied?“

„Ich habe immer noch einen Namen, lieber Junge. Immer noch einen Namen. Und immer noch solvent! Man verbringt nicht so viele Jahre dort, ohne zu lernen, auf welche Konsortien man setzen muss, weißt du?“

„In der Tat.“

Bernard sah William argwöhnisch an, wurde aber von einem zögerlichen Klopfen an der halboffenen Tür der Mühle von weiteren Kommentaren abgehalten.

„Bernard? Bist du da?“ Auf den ersten Blick glaubte Darina, dass da ein junges Mädchen hereinkam, dann bemerkte sie, dass der lange, bedruckte Rock und die antike Schnürbluse sie in die Irre geführt hatten. Die Frau, die zu ihnen stieß, musste mindestens Mitte dreißig sein. Sie hatte ein schmales Gesicht und dunkles Haar, das ihr in Locken bis in den Nacken fiel. Sie zog an einer ihrer Locken, als sie die Mühle betrat, und glättete sie in einer nervösen Geste, ihr Gesichtsausdruck war besorgt.

„Anthea? Bist du auf der Suche nach Helen? Hast du es nicht im Haus versucht?“ Weder Bernards leichtes Zurückweichen, noch seine Stimme sprachen dafür, dass sie hier willkommen war.

Anthea lief peinlich berührt rot an, die Farbe zeigte sich auf ihren Wangen und ihrem Hals. „Ich brauche etwas Öl. Ich glaubte, dich in die Mühle gehen zu sehen und habe mir nicht die Mühe gemacht, zum Haus zu gehen.“

Darina dachte daran, wie lange es gedauert hatte, bis Bernard ihnen den Prozess der Ölherstellung erklärt hatte. Hatte die Frau die ganze Zeit draußen gewartet? Warum war sie nicht hereingekommen? Oder war sie gerade erst angekommen, hatte die offene Tür gesehen und ihr Glück versucht? Und falls es so war, warum hatte sie das nicht gesagt?

Bernard ging zu dem alten Schrank am anderen Ende des Gebäudes hinüber, griff nach der Kette mit seinem Schlüsselbund, steckte einen Schlüssel in das Schloss an der Tür und öffnete sie. Er nahm eine Glasflasche heraus und übergab sie kommentarlos.

Die Farbe auf Antheas Haut wurde dunkler. Sie knotete die Bänder eines Zugbeutels auf, wühlte darin herum, fand ein ledernes Portemonnaie und nahm einen Geldschein heraus. „Ich glaube, das sollte reichen“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Bernard streckte ihr die Flasche entgegen. „Sei nicht dumm“, sagte er grob.

Anthea klammerte sich an die Flasche und ließ den Geldschein zu Boden fallen.

William bückte sich und hob ihn auf. Er gab ihn ihr mit einem Lächeln zurück. „Sie mögen das Öl wohl ebenso sehr wie wir“, sagte er unbeschwert. „Wir haben hier gerade vorzüglich gegessen.“

Anthea schenkte ihm ein leichtes, unsicheres Lächeln.

Bernard straffte die Schultern, atmete sichtbar ein und stellte sie vor. „Anthea Pemberton, eine Nachbarin“, sagte er. „Darina und William Pigram, Freunde von Helen.“ Es war das absolute Minimum, das er hätte aufbieten können, aber es schien Anthea neuen Mut zu geben.

„Leben Sie hier oder machen Sie hier unten nur Urlaub?“, fragte sie Darina.

„Wir sind in den Flitterwochen. Aber wenn wir zurückmüssen, werden wir uns wünschen, hier ein Haus zu besitzen, es ist herrlich.“

„Anthea, brauchst du noch etwas?“, unterbrach Bernard.

Wieder die peinliche Röte. „Ich wollte … ich meine … ich habe mich gefragt … also, hast du meinen Brief bekommen?“ Sie beeilte sich, den Satz zu beenden.

Für einen Augenblick blieb Bernard still, es schien, als fragte er sich, was er sagen sollte, dann schlug er sich in einer Geste auf die Stirn, die von John Irving hätte sein können. „Natürlich, dein Brief! Verzeih mir, Anthea.“ Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie aus der Scheune. „Ich werde dich heute Abend deswegen anrufen, versprochen“, sagte er, während der bedruckte Rock über das alte Holz der Tür streifte und sie hinaus ins Sonnenlicht gingen.

Darina und William vermieden es, einander anzusehen.

Bernard kam beinahe sofort zurück. „Das arme Mädchen hat Probleme“, sagte er unbekümmert. „Ich muss ihr eine Standpauke halten. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Du hast eine erstklassige Führung gemacht und ich glaube, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ William legte einen Arm um Darina. „Du und Helen habt weitere Gäste.“

Trübsal senkte sich wieder über Bernard. „Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr noch etwas bleiben könntet. Stephen ist nicht der freundlichste Mensch, ich nehme an, das wisst ihr.“

„Ich habe ihn vorher noch nicht getroffen“, murmelte Darina.

„Eifersucht, das ist das Problem. Er und Sasha haben Helens ungeteilte Aufmerksamkeit genossen, seit sie sich von ihrem Vater getrennt hat, als sie noch kleine Kinder waren.“

„Aber sie hatte doch andere Beziehungen“, sagte Darina.

„Es gab den einen, den Sasha zu verführen versuchte, den anderen, dessen Auto sich Stephen ohne Erlaubnis geliehen und geschrottet hat, und ohne Zweifel sind sie weitere auf die eine oder andere Art losgeworden. Ihr macht euch keine Vorstellungen, was die beiden zustande bringen, wenn sie wirklich wollen. Ich hatte nur eine Chance, weil Helen hierhergezogen ist und die beiden mit ihren eigenen Karrieren beschäftigt sind.“

„Das ist Pech“, sagte William, drückte Darina leicht an der Schulter und manövrierte sie raus in den Hof. „Hoffen wir, dass Stephens Arbeit mit den Drehorten nicht zu lange dauert“, fügte er strahlend hinzu. „Jetzt müssen wir wirklich unsere Gastgeberin finden und ihr für dieses wundervolle Mittagessen danken. Vielleich kommt ihr in Antibes vorbei, ehe wir zurückmüssen, dann können wir die Gastfreundschaft erwidern.“

Bernards Gesichtsausdruck hellte sich wieder auf. „Sehr nett, lieber Junge, wir werden da sein. Ich mache immer gern einen Abstecher in die Nachtclubs.“

 

Darina fuhr die schmale, ausgefahrene Fahrspur hinunter, am baufälligen Eingang zu Jacques Duvals Mühle vorbei und dann auf eine anständige Straße. Viel zu schnell hatten sie die friedlichen Olivenhaine hinter sich gelassen und die moderne Zivilisation drängte sich um sie.

„Ich kann nicht glauben, wie viel Verkehr hier ist“, sagte Darina als sie die zweispurige Straße erreichten. „Ich dachte, wir würden hier davon wegkommen.“

„Heutzutage nicht.“ William versuchte sich wachzumachen. „Immer mehr Menschen sind in den letzten zwanzig Jahren nach Südfrankreich gezogen, sie jagen der Sonne nach, wie wir. Die Autobahn zu bauen, hat den Prozess nur beschleunigt und jetzt hat die Côte d’Azur ihren Charme verloren.“

„Ich finde es wundervoll. Nun gut, es gibt viele Bauprojekte“, Darina sah auf eine neue Narbe in den Hügeln, die mit kleinen Villen in Garnelenrosa gefüllt wurde, „aber das Zentrum von Antibes ist entzückend, ganz traditionell französisch.“

„Du hättest es früher sehen müssen. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Eltern herkam, als ich ungefähr vierzehn war. Selbst an der Küste war es richtig ländlich und wenn man ins Inland kam, fand man kleine auberges, wo die Hühner frei herumliefen.“

„Jetzt werd mir nicht rührselig! Du hättest beim Mittagessen nicht so viel trinken dürfen. Ich liebe Antibes, dort kann man die Franzosen in ihrem normalen Alltag sehen, sie kaufen in all den Läden ein, die man dort erwartet. Großartige Fischgeschäfte, Metzger, wundervolle Käse- und Feinkostgeschäfte, und was diese Markthalle angeht, da müssen wir morgen nochmal hin.“ William stieß in leichtes Stöhnen aus. „Das Mittagessen von heute wird mir für die nächsten paar Tage reichen.“ Als er ein Straßenschild sah, hellte sich seine Stimmung auf. „Mougins! Da oben gibt’s ein Restaurant, in das ich dich einladen will. Du wirst ihr Essen lieben!“

„Wie lange brauchst du, um wieder Appetit zu bekommen?“ Keine Antwort. Nach einigen Kilometern fragte Darina nachdenklich: „Glaubst du, Bernard hat recht, was seinen Nachbarn angeht, diesen Jacques Duval? Geht er wirklich so mit seinem Öl um?“

William rüttelte sich wieder wach. „Kann schon sein.“

„Aber die Franzosen sind so fanatisch, was ihr Essen und den Geschmack angeht.“

„Das hält sie nicht davon ab, die Vorschriften des Binnenmarktes zu ignorieren, wenn es ihnen passt.“

„Aber wie steht es mit dem Verdünnen seines Olivenöls mit minderwertigem Zeug?“

„Jedes Land hat seine Schurken. Er sieht wahrscheinlich nichts Falsches daran. Wenn die Leute seine Produkte kaufen wollen, ist es ihre Aufgabe, darauf zu achten.“

„Und wenn sie es kaufen, ohne zu probieren, ist es ihr Pech?“

„Exakt.“ William lehnte seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Einen Augenblick später fügte er hinzu: „Ich wette, dass Bernard den Kürzeren zieht, wenn er mit Frère Jacques aneinandergerät.“ Dann erklang ein leises Schnarchen aus seinem halb geöffneten Mund.

Darina konzentrierte sich darauf, ohne Navigator den Weg zurück nach Antibes zu finden.

Das Apartment, das sie gemietet hatten, lag hoch oben in einem Häuserblock oberhalb der Innenstadt und bot einen Panoramablick auf das Mittelmeer. Wenn man in der einen Richtung an der Küste entlangblickte, konnte man die Ausläufer von Nizza sehen, in der anderen Richtung lag das bewaldete Cap d’Antibes mit seinen großen Villen und dem Leuchtturm, dessen breiter Lichtstrahl nachts über die ganze Gegend strich. Die alte Festung, die direkt unterhalb des Apartments neben dem Yachthafen lag, wurde rund um die Uhr angestrahlt.

Die Yachten mochten nach auffälligem Konsum riechen, aber das Hinterland, wo sie heute waren, bot kleine mittelalterliche Dörfer und echtes Landleben mit kleinen Höfen wie denen von Helen und ihren Nachbarn. Selbst wenn dort alles drunter und drüber ging, hatte Darina das Gefühl, sie würde es jederzeit einem Touristenparadies auf den Seychellen vorziehen. Und wenn das Einkaufen eine solche Freude war, machte es ihr auch nichts aus, sich ein wenig selbst zu versorgen.

Erst recht nicht, weil es so viel Spaß machte, bei William zu sein.

Sie fand die richtige Abzweigung von der Hauptstraße, steuerte den kleinen, gemieteten Renault in die Tiefgarage des Apartmentkomplexes, manövrierte ihn vorsichtig auf ihren engen Parkplatz und war froh, dass sie keinen größeren Wagen fuhr. Sie stellte den Motor ab und sah zu ihrem Ehemann. Sein Mund stand noch immer offen und gelegentlich schnarchte er ein wenig. Nicht der romantischste Anblick, aber sie hätte ihn für nichts in der Welt eintauschen wollen.

In den paar Tagen seit der Hochzeit schien William sich entspannt zu haben. Hatte er davor das Gefühl, sie könnte sich unsicher sein? Es schien, als hätte sie mit dem Eheversprechen ihre Hingabe zu ihm bestätigt, und ihm damit neues Selbstvertrauen gegeben. In diesem Augenblick, in dem kleinen Auto in der dunklen Garage, wusste Darina nicht mehr, warum sie so lange gezögert hatte oder warum die Zeit vor der Hochzeit so nervenaufreibend gewesen war. Jetzt schien alles so einfach.

Sie löste ihren Sicherheitsgurt, lehnte sich rüber und küsste ihn. Zwei Arme umschlangen sie, verschränkten sich fest hinter ihrem Rücken.

„Hmmmm“, gab sie zufrieden von sich, „willst du die Nacht hier unten verbringen, oder hochgehen?“

„Warum sollte ich mich damit abfinden, dass mir der Schaltknüppel in die unangenehmsten Stellen sticht, wenn ein gemütliches Bett nur zwei Minuten entfernt ist?“ Sein Lächeln war warm und träge.

Hand in Hand gingen sie zum Aufzug und drückten den Knopf für ihre Etage. Immer noch Hand in Hand schafften sie es, die Sicherheitsschlösser des Apartments aufzuschließen. Als sie drinnen waren, kümmerten sie sich nicht darum, wieder abzuschließen, William zog Darina fest in seine Arme.

Das Telefon klingelte. Widerwillig zog er sich zurück.

„Also, ich habe ein oder zwei Leuten die Nummer gegeben“, gestand ihr Ehemann und nahm den Hörer ab. „Hallo? Wer? … Natürlich, Geoffrey sagte, dass du anrufen würdest … Ja, wir genießen es sehr … Was, morgen? … Ja, das klingt toll, wir freuen uns darauf!“

War das so? Darina fragte sich, was er ihnen da eingebrockt hatte.


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.

Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

 

Das E-Book kaufen.

Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.