Anne Gard über ihren neuen Roman Zwei Volltreffer sind einer zu viel

Worum geht es in deinem Buch Zwei Volltreffer sind einer zu viel?

Der Roman handelt von Fanny, einer ganz normalen Frau, die mitten im Leben steht und als Alleinerziehende von zwei Kindern die Hürden des Alltags meistert. Als sie dann aber auf einem Singleportal Sergej kennenlernt, steht ihr beschauliches Leben von einem Tag auf den anderen Kopf. Sergej ist ein russischer Geschäftsmann, eloquent, charismatisch, ein Mann, der weiß, was er will – nämlich Fanny. Allerdings zu seinen Bedingungen und er ist nicht unbedingt der Typ Mann, der auf Blümchensex steht. Gleichzeit trifft Fanny in der realen Welt Ricardo, ein muskelbepackter, gutaussehender, tätowierter Automechaniker, der entgegen seines Auftretens nicht ein Bad Boy ist, sondern ein richtiger Good Guy. Ein Mann fürs Herz und für den Alltag. Nun muss Fanny sich entscheiden – Good Boy oder Bad Boy, Abenteuer oder Geborgenheit, Internet oder reale Welt. Bis Fanny ihre wahre Liebe erkennt, stolpert sie allerdings von einem Abenteuer ins nächste.

 

Fanny fallen schon kleine Entscheidungen schwer, da soll sie plötzlich zwischen zwei Traummännern wählen! Wie kommt sie überhaupt in so eine verzwickte Situation?

Das fragt sich Fanny auch. Zum einen liegt es an ihrer Naivität, denn jede andere Frau hätte Sergej sofort in die Wüste geschickt, nachdem er ja schon zu Beginn ihres Austausches ganz offen über seine vielen Affären berichtet hat, unter anderem mit einer Nymphomanin und einer Sub. Aber da war es nun schon mal um Fanny geschehen. Nur allzu gern will sie an seine Liebe glauben und so öffnet sie diesem Fremden bereitwillig ihr Herz. Zum anderen will Fanny mehr erleben. Mehr als ihr Alltag bieten kann. Was genau, weiß sie allerdings auch nicht. Aber sie spürt eine Sehnsucht, die sie antreibt, sich Sergej von Tag zu Tag mehr zu öffnen, ihm mehr und mehr zu vertrauen. Eine Sehnsucht, die sie verleitet, Neues zu wagen, Grenzen zu überschreiten, auch wenn ihr gesunder Menschenverstand sagt, dass es womöglich kein zurück mehr gibt.

 

Wer ist der Good Guy und wer der Bad Boy in deiner Geschichte? Gibt es das überhaupt?

Natürlich! Kennt nicht jede Frau einen Bad Boy? Der Typ, vor dem sie ihre beste Freundin warnt oder der Ehemann, über den die ganze Nachbarschaft spricht, weil er seine Frau betrügt? Vielleicht hatte man selbst eine schlechte Erfahrung mit einem Bad Boy. Und dann die Good Guys – im besten Fall ist man mit einem verheiratet. Er würde seine Frau nie so behandeln wie der Bad Boy.

Ich wollte ein wenig am Klischee rütteln und den Good Boy äußerlich als toughen, tätowierten Bodybuilder darstellen und den Geschäftsmann in Anzug und Krawatte, den Mann von Welt, als Bad Boy. Das Spielen mit den Gegensätzen, der Kontrast der Figuren hat mich interessiert.

 

Beschreibe Fanny in drei Worten!

Chaotisch, das Herz auf dem rechten Fleck, naiv.

 

Was ist ein typischer Satz, den Fanny sagen würde?

Keinen Satz, sondern nur ein Wort: „Hilfe!“

 

Wie kamst du auf die Idee für diesen Roman?

Viele Singles sind heutzutage im Internet auf der Suche nach der wahren Liebe und ich stellte mir die Frage, ob eine Partnerschaft, die dank des Internets entsteht, besser funktionieren könnte, als ein Zusammenfinden im echten Leben. Im Internet kann man nach genau dem Mann suchen, von dem man glaubt, er könnte perfekt zu einem passen. Im wahren Leben entscheidet man dagegen nicht nach den Profilangaben. Man muss ein Zusammentreffen dem Zufall überlassen und sich dann Schritt für Schritt herantasten, sich vielleicht sogar stärker anpassen, da die Gegensätze ohne einer Möglichkeit des vorherigen „Abcheckens“ gravierender sein können. Ich stellte mir die Frage, welche Begegnung besser funktionieren könnte. Diese Frage habe letzten Endes aber nicht ich beantwortet, sondern Fanny, denn sie hat nun mal ihren eigenen Kopf.

 

Sich in der Liebe nicht entscheiden können – ist das in Zeiten von Online Dating und seinen scheinbar unendlichen Möglichkeiten ein immer häufigeres Problem?

Ja, denn nur allzu leicht kann man zum nächsten Profil weiterklicken, sollten die ersten Hürden oder Unstimmigkeiten auftauchen. Tut man es, ist die Gefahr groß, dass man sich nicht mehr mit dem Menschen aus Fleisch und Blut auseinandersetzt, sondern dem Traummann verfällt, den man sich im Kopf zurechtgebastelt hat. Man muss sich dieser Gefahr bewusst sein und sich auch auf den Menschen hinter dem Profil einlassen. Kein Mensch ist perfekt, auch wenn es das Profil auf den ersten Blick verspricht. Und dann kann das Online-Dating viele Möglichkeiten bieten.

 

Welchen Tipp würdest du allen notorisch unentschlossenen Menschen geben?

Den Kopf auch mal ausschalten und nach dem Bauchgefühl entscheiden. Oder das Herz entscheiden lassen. Das Herz weiß meist, was am besten für einen ist.

 

Wie sah die Arbeit an diesem Buch aus? Hast du drauflos geschrieben oder hattest du schon einen bestimmten Plan im Kopf?

Am Anfang eines neuen Schreibprojekts erstelle ich eine Gliederung – eine Tabelle, in der ich die Handlungsstränge in Kapiteln festhalte. Das ist mein Grundgerüst, aber oft interessiert das die Charaktere relativ wenig, frech wie sie sind, und sie gehen ihren eigenen Weg.

 

Überraschst du dich beim Schreiben manchmal selbst?

Oft möchte ich mich nach einem langen Arbeitstag einfach nur auf die Couch legen, aber dann setzte ich mich an den PC und der Flow beginnt – das überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Wenn man für etwas brennt, treibt einen das voran.

 

Hast du noch weitere Geschichten mit Fanny geplant?

Eigentlich ist die Geschichte auserzählt, aber wenn die Leser gern eine Fortsetzung hätten, hätte Fanny sicher kein Problem, in ein neues Abenteuer einzutauchen.

 

Zu guter Letzt: Hast du einen Buchtipp für uns?

Ich liebe Kurzromane, sie passen wunderbar in meinen hektischen Alltag. Hier schätze ich eine bunte Genremischung und deswegen kann ich unsere Romance-Alliance Love Shots Reihe nur empfehlen. Hier findet man alles von Historical bis sexy Romance und sie sind mit viel Liebe und Herzblut geschrieben.

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Anne Gard glaubt an die Liebe. Da man aber auch die Liebe oft mit Humor nehmen sollte, schreibt sie freche Frauenromane mit einer Prise Komik und einem Augenzwinkern. Sie ist Mitglied der Romance Alliance – Bücher mit Herz.

Mia Blum über ihren neuen Roman So war das aber nicht geplant

Wie kamst du auf die Idee für dein Buch? Gab es einen besonderen Anlass, mit dem Schreiben zu beginnen?

Mia Blum mit ihrem Hund Fritzi: „Fritzi ist ein ehemaliger kroatischer Straßenhund, wohl ein Mix zwischen Dackel und Stafford – also eine interessante Mischung“

Der Weg zum Buch war tatsächlich nicht ohne Turbulenzen und Umwege. Dabei habe ich das Schreiben schon in meiner Kindheit und Jugend sehr geliebt. Kurzgeschichten und Satiren waren meine Spezialität. Während des Studiums und in den ersten Jahren des Berufslebens blieb dafür dann kaum Zeit. Leider! Wieder zum Schreiben gebracht hat mich eine meiner Lieblingsautorinnen – Kerstin Gier mit ihrem Buch Die Müttermafia. Im Urlaub auf Gran Canaria vor vier Jahren lag ich damit am Pool und musste mich schwer bemühen, vor lauter Lachen nicht krachend von der Sonnenliege zu fliegen. Und auf einmal war er da, der Gedanke: „Los, fang wieder an!“ Das erste Ziel war eine Kurzgeschichte – so humorvoll und leicht wie die Storys von Kerstin Gier, mit einer Protagonistin fernab der klassischen Frauenklischees: berufstätig, taff und so gar nicht an Babys interessiert. Bis zum nächsten Sommerurlaub fristete die Kurzgeschichte um Flo und Julian ein kümmerliches Dasein in einer Schublade. Aber dann dachte ich mir: „Mensch, Mia, die Geschichte ist doch noch längst nicht auserzählt, da ist noch mehr!“ Da packte mich dann endgültig der Ehrgeiz, aus der Kurzgeschichte mein erstes Buch zu machen. Eines, das hoffentlich ein paar Menschen so sehr zum Lachen und Mitfiebern bringen wird, wie mich vor einigen Jahren das Buch von Kerstin Gier.

Verrätst du uns, was es mit dem teuflisch starken Marillenschnaps auf sich hat?

Ich habe lange Jahre in Tirol, Österreich, verbracht. Marillenschnaps ist da schon sehr weit vorne auf der Liste der All-time-favorite Spirituosen und quasi flüssiger Kulturschatz. Den Schnaps in die Story einzubauen: eine spontane Bauchentscheidung. Und ein kleiner Tribut an meine zweite, alte Heimat.

Beschreibe Flo, deine Protagonistin, in drei Worten!

Unabhängig, neurotisch (na, ein bisschen zumindest 😉 ), liebenswert.

Ein typischer Satz, den sie sagen würde?

Ich habe zwar keine Lösung, aber ich bewundere das Problem.

Flos Pläne werden ganz schön durcheinandergewirbelt. Ist das auch eine Erfahrung, die du selbst gemacht hast – dass das Leben den eigenen wohldurchdachten Plänen oft ein Schnippchen schlägt?

Absolut! Aber wer kennt das nicht? Das Leben ist eben keine gerade Rutschbahn, sondern eher ein wackeliger Hochseilgarten. Irgendwie auch gut so, oder? Denn welche tollen, bewegenden Geschichten gäbe es sonst in Buchdeckel zu verpacken 🙂

Die tickende biologische Uhr kennt man vor allem bei Frauen, obwohl sie durchaus auch bei Männern vorkommt, man nehme Flos Freund zum Beispiel. Was hat dich an diesem Thema besonders gereizt?

Die sich verschiebenden Rollen innerhalb der Gesellschaft, das ist einfach ein sehr aktuelles Thema unserer Zeit. Emanzipation, beruflicher Erfolg, ein selbstbestimmtes Leben abseits gesellschaftlicher Konventionen: wir Frauen können uns heute (meist) die Welt gestalten. Gott sei Dank! Trotzdem: die Anforderungen des Alltags sind nicht ohne. Wenn dann noch Familienplanung ein Thema wird, kann frau sich schon mal überfordert fühlen. Dazu kommt, dass die Geschlechterstereotypen immer mehr aufbrechen. Und so ist es eben nicht automatisch immer die Frau, die das Thema Kinder auf die Agenda bringt. Trotz aller Leichtigkeit, allen Humors, war mir ein ernsthafter Kern mit Relevanz für die Leser deshalb ganz wichtig für die Geschichte. Denn nur, wenn man sich mit einer Protagonistin und den Herausforderungen ihres Lebens verbunden fühlt, kann ein Buch wirklich berühren.

Wie sieht ein typischer (Schreib-)Tag für dich aus?

Das kommt sehr auf die Phase an, in der sich ein Schreibprojekt gerade befindet. Geht es um die Entwicklung der Story, um das Erschaffen frischer Sätze, um Kreativität – dann schreibe ich liebend gerne in Cafés. Je wuseliger, desto besser. Denn die vielen interessanten Menschen und ihre Geschichten inspirieren mich. Das gilt auch für den Latte Macchiato und das Stück Kuchen, mit dem man sich nach einem gelungenen Kapitel dort so schön selbst belohnen kann 🙂 So sehr ich in der Kreativphase Leute und Leben um mich herum brauche, so ganz anders ist es, wenn es an den Feinschliff geht. Da ist absolute Ruhe angesagt, sonst gehen die Gedanken wieder auf Wanderschaft. Beim Editieren bleibe ich deshalb meistens zu Hause. Am liebsten auf dem Balkon mit Blick in die Baumkronen, oder auf meinem gemütlichen Sofa: Beine hoch, Laptop auf den Schoß, los geht’s!

Hast du eine Fortsetzung der Geschichte geplant?

Planung ist ein großes Wort 🙂 Aber: na klar! In meinem Kopf schwirrt es gerade nur so vor Ideen. Für Flo und Julian. Aber auch für Sunny und Benny. Ich bin noch nicht ganz sicher, welche davon das Rennen machen wird. Dafür müssen die kleinen grauen Zellen noch ein bisschen Ping Pong spielen und die Zeit für sich arbeiten. Gerade bin ich einfach nur unglaublich gespannt, ob ihr die Geschichte rund um das liebenswerte Quartett in eurer Herz schließen werdet.

Und welches Buch hast du im Moment auf dem Nachttisch liegen?

Bücher sind Rudeltiere, darum findet sich auch niemals nur ein einzelnes Exemplar auf meinem Nachttisch. Es kommt eben auf den gelungenen Mix an, und der besteht für mich eigentlich immer aus einem Thriller, einer humorvollen Liebesgeschichte und einem Sachbuch. Aktuell sind es Schattenkind von Anne Holt, Wie man ein Löwenmäulchen zähmt von Eva Lindbergh und Die dunkelste Stunde. Churchill – Als England am Abgrund stand von Anthony McCarten.

 

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Mia Blum lebt und arbeitet in Hamburg. Am Norden liebt sie besonders die Weite und dass man sich von der steifen Brise so herrlich die Gedanken durchpusten lassen kann. Gleichzeitig hat sie ihr Herz an italienische Kulinarik und Lebensart verloren, was sich in ihren Büchern zeigt.

Raiko Oldenettel über seinen historischen Thriller Die Leichenzeichnerin

Worum geht es in deinem historischen Thriller Die Leichenzeichnerin?

Das kommt auf den Leser an. An der Oberfläche geht es sicherlich um den Ersten Weltkrieg, die Rolle einer Künstlerin in der angebrochenen Weimarer Republik, um Ehre, trockenes Brot und auch um Verlust. Aber es geht auch tiefer hinein in die Ohnmacht nach der deutschen Niederlage, die Verbitterung in den Herzen der Hinterbliebenen, um einen Zwischenzustand bei Leben und Tod, der die ganze Gesellschaft zu der Zeit ergriffen haben mochte. Sprich: Das volle Paket der ersten Zwischenkriegsjahre. Dort hinein habe ich Minna ersonnen.

 

Wie würdest du Minna, die Hauptfigur, beschreiben?

Minna ist für mich ein Sinnbild des Jahrhundertwechsels. Eine junge Frau, die sich von den Regeln ihres strengen Elternhauses loslöst, sich als Künstlerin beweisen möchte und Berlin für sich im Alleingang erobert. Sie ist mutig, ein wenig vorlaut, aber immer mit vollem Herzen dabei. Mit ihr könnte ich über Nitzsche und Freud streiten, aber auch eine Kneipenrunde durch die Gassen machen.

 

Du schreibst düster und stimmungsvoll – wie erweckst du die besondere Atmosphäre deines Romans zum Leben?

Beim Schreiben ist mir der Abstand wichtig, auch zu mir selbst. Die meisten Romane schreibe ich in einer Art andauernder Trance, aus der ich mit einer gewissen Scheu erwache. Ist das gut? Habe ich das so richtig eingefangen? Je länger ich in diesem Zustand bin, je dunkler es draußen wird, desto eher fange ich auch die urmenschlichen Gedanken von Angst und Schrecken ein, die ich so gerne an meine Figuren weitergeben möchte.

 

Wie hast du dich beim Recherchieren und Schreiben in die turbulente Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückversetzt?

Das habe ich wahrscheinlich nicht aktiv getan, sondern Jahre vorher durch mein Studium mitbekommen. Ein besonderes Kapitel war für mich seit jeher die Beschreibungen der männlichen Künstler an der Front des Ersten Weltkriegs. Otto Dix, Max Beckmann, Franz Marc und August Macke – ihre schriftlichen und skizzierten Bilder von den neuen Ereignissen eines völlig industrialisierten Krieges waren albtraumhafter, aber lehrreicher Stoff. Insgesamt habe ich mich mehr als zehn Monate am Stück mit den Tagebüchern, Tageszeitungen und Bildern auseinandergesetzt, um ihr Handeln und Denken zu verstehen. Das Jahr darauf, 1919, war für mich ein gefühltes und kein erklärtes. Ich bewegte mich also intuitiv vorwärts, in eine ruinöse Situation hinein.

 

Was macht für dich das Jahr 1919 in Deutschland aus? Welche Ereignisse, welche Stimmung prägt dieses Jahr?

Zweifelsfrei ist es die Politik, die den Ton in der Zeit angab. Für mich jedoch kommt immer nur ein Ereignis auf Platz Eins: Die Spanische Grippe. Eine Pandemie, die im Buch einen prominenten Platz bekommt und die in ihren Ausmaßen heute nur wenigen bekannt ist. Verständlicherweise steht der Erste Weltkrieg als mehrjähriger Krieg mit traurigen Verlusten aller Beteiligten über dieser. Nur, wie kann es sein, dass unser kollektives Gedächtnis den Tod von 50 Millionen Leuten zwischen 1918 und 1920 so runterspielt? Ist es, weil eben ein Krieg vorherrschte und danach noch einer? Ist es, weil es so schnell ging und die Krankheit ein Mysterium bleibt? Die Besonderheit der Spanischen Grippe, dass eben Männer zwischen 20 und 40 Jahren ihr am häufigsten zum Opfer fielen, macht sie für mich auf makabre Weise interessant. Mein Dank gilt hier der verstorbenen Größe Oliver Sacks, ohne den ich niemals davon gehört hätte.

 

Minna ist fasziniert von toten Körpern und bannt sie auf Papier. Wie kamst du auf diese ungewöhnliche Idee?

Mit siebzehn Jahren besuchte ich, damals noch von der Idee selbst Künstler zu werden beseelt, die anatomische Wachs-Ausstellung im La Specola in Florenz. Seitdem lässt mich die Verschränkung von Medizin und Kunst irgendwie nicht mehr los. Ästhetik und Tod, Tabus und Regelkorsett – als ich Minna das erste Mal vor Augen hatte, war sie für mich eine Grenzgängerin, die ihren Kollegen die Schau stehlen wollte. Aber das reichte mir nicht. Minna brachte ein dunkles Geheimnis mit sich, das sie wahrscheinlich in besseren Kreisen angekommen Kopf und Kragen kosten würde. Dieses Geheimnis teilten zunächst nur wir beide und das macht natürlich paranoid. Ein wunderbares Gefühl, um ihr bei ihrem ungewöhnlichen Handwerk beizuwohnen.

 

Wie lange hast du an Die Leichenzeichnerin gearbeitet?

Ungefähr anderthalb Jahre. Mit Auf und Abs, Hin und Hers, dem Üblichen und dem Besonderen.

 

Sind die Schauplätze deines Romans fiktiv? Oder sind reale Schauplätze dabei und hast du diese auch besucht?

Keiner meiner Orte ist real, bis auf eben Berlin. Das gesamte Breitbachtal ist für mich ein Destillat aus meinen kindlich-jugendlichen Faszination von Wäldern und Bergen, einer Prise erwachsener Angst vor engstirnigen und überstolzen Menschen, sowie den Erinnerungen der Künstler, von denen ich so viel las.

 

An welchem Ort oder an welchen Orten ist der Roman entstanden?

Die Idee des Romans war letztlich aus meiner Arbeit an einem Katalog für eine Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld geboren. Mit aller Macht haben mir die Biographien der Künstlerinnen für „Einfühlung und Abstraktion: Die Moderne der Frauen in Deutschland“ vor Augen gehalten, wie blind ich bis dahin gewesen war. Hatte ich die Männer im Vordergrund, eben an der Front, unter die Lupe genommen, wusste ich nur wenig über die Künstlerinnen zwischen 1900 und 1930. Die Biographien sind atemberaubend. Das Schicksal kann so viele Wege gehen. Mit Paula Modersohn-Becker, Hannah Höch, Jeanne Mammen, Gabriele Münter … ich könnte so viele nennen und werde es hoffentlich noch tun. Geschrieben habe ich stets an nur einem Platz: Meinem Schreibtisch. Kataloge, Notizbücher und Zeichenstifte in Reichweite.

 

Zu guter Letzt: Hast du eine Fortsetzung geplant?

Das kommt auf Minna an. Wenn sie eines Tages bei gewitterschwerem Wetter an die Schranken meines Verstandes anklopft und mir von einem grausamen Verbrechen erzählt, das nur unserer Aufklärung harrt, würde ich ihr unbesehen hinaus in den Regen folgen …

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Raiko Oldenettel wurde 1986 in Ostfriesland geboren und wuchs inmitten friedlicher Natur und weiter Strecken auf. Mit dem Studium verschlug es ihn fernab der Heimat nach Trier und durch die Fächerwahl Japanologie und Kunstgeschichte noch ferner nach Tokyo, wo er für ein Jahr lebte. Seit seiner frühen Jugend begleiten ihn das Schreiben und Erfinden neuer Welten, angestachelt durch das Bücherregal seiner Eltern. Zwischen Fantasy, Krimi und Science-Fiction pendelnd entstanden so seine ersten Werke. Derzeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in Bielefeld, wo er mit seiner kleinen Autorenfamilie den Zauber des Schreibens und Lesens weiterträgt.

Dorothea Stiller über ihren Regency-Roman Der Myrtenzweig

Worum geht es in deinem neuen Buch Der Myrtenzweig?

Die Handlung spielt in London im Jahr 1814. Ein bekannter Dandy und Frauenheld wurde in einer geschlossenen Kutsche während der Fahrt umgebracht. Der Verdacht fällt natürlich auf den Kutscher, der aber seine Unschuld beteuert, gleichzeitig aber auch behauptet, unterwegs nirgends angehalten und nichts Verdächtiges gehört oder gesehen zu haben. Der Droschkenkutscher wird verhaftet und erwartet seine Gerichtsverhandlung. Die Schwester des Verdächtigten ist Kammerdienerin bei der Marchioness of Beresford. Als die erfährt, warum ihre Angestellte so bedrückt wirkt, verspricht sie, zu helfen und die Unschuld des Kutschers zu beweisen. Und schon steckt Lady Dorothy Beresford in einem spannenden Mordfall. Gleichzeitig soll sie sich als Ehevermittlerin betätigen und einen geeigneten Ehemann für das Patenkind ihres Mannes finden. Bald stellt sich heraus, dass auch die Familie der jungen Frau noch eine offene Rechnung mit dem Ermordeten hatte.

Hast du schon mal einen Krimi geschrieben oder ist es dein erster Krimi?

Das ist mein zweiter Krimi, wenn man mein Jugendbuch nicht dazuzählt, in dem es auch einen kleinen Kriminalfall um zwei gestohlene Gemälde gibt. Der erste wird auch bei dp erscheinen, der Termin steht aber noch nicht fest. Dieser erste ist ein zeitgenössischer Krimi und spielt in Tobermory, einer kleinen Stadt auf der schottischen Isle of Mull. Auch darin ermittelt eine Frau – allerdings mit Unterstützung des Inselpolizisten und des Gemeindepfarrers.

Was ist beim Schreiben eines Krimis der größte Unterschied zu einer Liebesgeschichte?

Ich glaube, im Kern sind sie eigentlich gar nicht so verschieden, denn es braucht interessante Charaktere, mit denen man mitfühlen kann und eine Geschichte mit überraschenden Wendungen. Natürlich liegt beim Krimi die Betonung mehr auf der Spannung und eine Liebesgeschichte ist meistens mehr oder weniger vorhersehbar, denn sie lebt gewissermaßen davon, dass die zwei Charaktere, von denen die LeserInnen möchten, dass sie sich am Ende kriegen, auch trotz einiger Schwierigkeiten zusammenfinden. Beim Krimi ist die Schwierigkeit, durchschaubar genug zu bleiben, dass die LeserInnen mitraten können, aber nicht zu offensichtliche Hinweise zu liefern. Einen Krimi ziehe ich beim Planen quasi von hinten auf. Ich mache mir erst Gedanken um die Tat und die Lösung und muss dann falsche Fährten legen und überlegen, welche Hinweise die Ermittelnden finden und in welcher Reihenfolge und wie sie die entdecken könnten.

Was reizt dich besonders daran, Romane zu schreiben, die in der Regency und viktorianischen Zeit spielen?

Gute Frage – vielleicht habe ich in einem früheren Leben in dieser Zeit gelebt? Ich finde sie total faszinierend. Ich habe mich schon im Studium mit Jane Austen und der viktorianischen Literatur beschäftigt. Eines meiner Prüfungsthemen waren die sogenannten »Victorian Sensation Novels«, also Wilkie Collins‘ »Die Frau in Weiß«, Mary Elizabeth Braddons »Lady Audleys Geheimnis« und Ellen Woods »East Lynne«. Ich mochte auch die Schauerromane wie »Dracula« und »Frankenstein«.
Ich denke, die Faszination dieser Zeit liegt darin, dass sie den Übergang zur Moderne bildet. Viele unserer modernen Errungenschaften haben ihren Ursprung in jener Zeit, natürlich auch die Frauenbewegung. Gleichzeitig sehnt man sich heute aber auch zurück in vergangene Zeiten, in denen es noch Höflichkeit und Galanterie gab, ohne Hektik, ohne moderne Elektronik. Auch in der Hinsicht übt diese Zeit einen Reiz aus.

Viele deiner Romane spielen in England oder Schottland. Warum?

Das hat einen recht unoriginellen Grund. Ich habe Anglistik studiert und ein Jahr in England gelebt und gearbeitet. Natürlich bin ich oft auf der Insel gewesen und habe Freunde und Bekannte dort.

In Der Myrtenzweig begegnen wir Lady Beresford aus Lehrstunden des Herzens wieder. Warum ausgerechnet ihr?

Als ich die »Lehrstunden« geschrieben habe, ist mir der Charakter ans Herz gewachsen. Sie ist warm, herzlich und unverstellt. Sie gibt nicht viel auf übertriebene Etikette und hat keine Standesdünkel. Sie kann aber auch besserwisserisch und eigensinnig sein, das bekommt vor allem ihr Ehemann Lord Archibald Beresford zu spüren. Doch insgesamt sind die beiden ein absolutes Dreamteam. Ich fand es selbst total spannend, Dorothy und ihren Archibald und ihre sehr besondere Beziehung zu entdecken.

Ist eine Fortsetzung geplant?

Jain. Wie schon bei den »Lehrstunden« ist das nächste Projekt keine echte Fortsetzung, sondern mehr so etwas wie ein »Spin-off«. Ich bin dem Genre dieses Mal treu geblieben, denn auch die dritte Geschichte wird ein Krimi, der aber mehr in Richtung Thriller geht und einige Anleihen bei den oben erwähnten Sensation Novels und Gothic Novels (Schauerromanen) macht. Trotzdem steht im Zentrum auch wieder eine Liebesgeschichte.

Kannst du deinen Fans schon etwas von deinen kommenden Projekten in diesem und im nächsten Jahr verraten?

Ja, geplant sind noch eine Neuauflage meines Liebesromans »Love on Air – Verliebt in London«, sowie der oben erwähnte Schottland-Krimi. Außerdem erscheint der vierte Band meiner Regency-Reihe als Adventskalender-Roman. Bei dem Projekt wird wieder die Romantik im Vordergrund stehen. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, kann ich noch nicht hundertprozentig absehen, da ich noch verschiedene Jugendbuchprojekte bei Verlagen zur Prüfung liegen habe und abwarten muss, ob ich eine Zusage bekomme. Geplant ist auf jeden Fall schon ein weiterer Love Shot. Ich habe mir vorgenommen, die Vorgeschichte meines Lieblingspärchens zu erzählen, nämlich die Geschichte, wie Lord und Lady Beresford sich eigentlich kennengelernt haben.

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Die gebürtige Westfälin Dorothea Stiller machte ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche mit Kurzgeschichten und Fan-Fiction. Ihr Debütroman „Conny und die Sache mit dem Hausfrauenporno“, eine romantische Komödie erschien 2014 bei Forever by Ullstein. Es folgten weitere romantische Komödien sowie ein Jugendbuch für Mädchen im Kosmos-Verlag. Ihre große Liebe gilt der englischen Sprache und Literatur. Seit über 25 Jahren beschäftigt sich die Autorin auch mit Tarot und seinen vielfältigen Anwendungen, speziell für kreative Prozesse. Am liebsten schreibt sie bei einer schönen Tasse Kaffee. Deswegen hat sie einen kleinen Tassen-Tick und hat einige hübsche oder originelle Exemplare angesammelt.