Ljuba und der Reiter der Steppe

Stuttgart, Dezember 2017. „Ich wollte unbedingt eine Geschichte schreiben, in der ein Hauptcharakter tätowiert ist.“ Julia Lalena Stöcken gefiel die Idee, mit Stammesverbänden, Fehden und vor allen Dingen Schwarzen Kriegern zu arbeiten. Für die Recherche zu einer Kurzgeschichte besuchte Stöcken Hügelgräber und das Archäologische Museum in Oldendorf/Luhe. Dort gab es auch ein Foto von der Höhlenmalerei der Grotte Les Trois Frères in der Dordogne. Das darauf dargestellte Wesen wird unter anderem als „gehörnter Gott“ gedeutet. Ein Impuls wie er im Buche steht, denn über eine solche Hirschgottheit wollte Stöcken unbedingt schreiben und Ljuba passte perfekt in die Kupferzeit. „Es gab all die Dinge, die ich dafür brauchte: Pferde, Stammesverbände, Krieger, eine tiefe religiöse Einstellung. Und Tätowierungen.“ Es musste nur zeitlich alles in Einklang gebracht werden, da Ljuba und der Reiter der Steppe in Osteuropa spielen sollte und die Kupferzeit dort früher einsetzte als hierzulande.

Die Geschichte um Ljuba handelt von einer jungen Frau, die behütet aufwächst und zu Gehorsamkeit und Loyalität gegenüber ihrer Familie und ihrem Stamm erzogen wird. Die Menschen der Ebene leben friedlich in Stammesverbänden zusammen, betreiben Ackerbau und Pferdezucht, doch immer wieder kommt es zwischen den Clans zu blutigen Kämpfen. Bei einem solchen Überfall geraten die junge Ljuba und ihre Schwester in die Gefangenschaft des Schwarzen Fürsten Karan, der mithilfe seines Hauptmanns Cuska und dessen gefürchteten Kriegern die anderen Stämme in Angst und Schrecken versetzt. Um ihre Schwester zu schützen, geht Ljuba notgedrungen einen Handel mit Karan ein. Demütigung und Schmerz erwarten sie daraufhin beim Schwarzen Clan – bis sie plötzlich Hilfe von dem schweigsamen Hauptmann erhält.

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Hin und hergerissen zwischen dem eigenen Clan und einer verbotenen Liebe – die Protagonisten des neuen Romans von Julia Lalena Stöcken sind bereit, sich für die Liebe zu opfern, in einer lang vergangenen Zeit. Durch das historische Setting und die Fantasy-Elemente eröffnet der Roman ein neues Genre im Literaturmarkt.

Ljuba und der Reiter der Steppe

9 Jahre später

„Bist du sicher, dass du das tun willst?“ Cuska erwartete nicht, dass sein Fürst seine Meinung seit ihrem Aufbruch geändert hatte, aber er fragte dennoch. „Wir können umkehren“, fügte er nüchtern hinzu.

Karan hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Cuska lenkte seinen Blick zu der Stelle, die der dunkelhaarige Mann beobachtete. Zwanzig Schritt von ihrem Versteck entfernt standen zwei Wachmänner, aber sie schienen mehr damit beschäftigt zu sein, die Schönheit der Flussfurt im Schein der Sonne zu betrachten, als sie gewissenhaft zu bewachen. Sie lehnten sich locker auf ihre langen Speere und unterhielten sich zwanglos. Ihr fröhliches Gelächter drang über den Fluss zu dem mit Flechten überzogenen Felsgebilde, hinter dem der Stammesfürst des Schwarzen Clans und sein Hauptmann hockten. Dies war der einzige Ort, wo der Fluss, der die Ebene im Südosten teilte, problemlos zu überqueren war. An ihrer Stelle hätte Cuska die Furt besser bewachen lassen. Er hielt seine Nase in den kühlen Wind, gleich einem Tier, das mit seinen Nüstern den Geruch des Feindes einfangen wollte, aber er sog nur den feuchten, erdigen Dunst des Herbstes in sich auf. Für die Jahreszeit war der Tag ungewöhnlich warm und sonnig. Auch jetzt am späten Nachmittag tanzten die Sonnenstrahlen auf der Wasseroberfläche des flachen Flussbetts. In der Ebene war das Klima milder als in den Bergen im Westen, in denen sich die Siedlung des Schwarzen Clans befand und wo bald der erste Schnee fallen würde. Die Blätter der Brombeerhecken in Cuskas Rücken, durch die sich die beiden Männer an die Wachen angepirscht hatten, hatten ein dunkles Rotbraun angenommen. Lediglich die niedrigen, buschigen Kiefern, die sich heckenartig durch die Ebene zogen, trugen ihren immergrünen Bewuchs, während die Haselsträucher schon kahl waren.

Ein Kichern hallte zu den beiden Spähern hinüber.

Karans dunkle Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. Seine gehobenen Mundwinkel deuteten ein Lächeln an. „Nein“, antwortete er leise, ohne seinen Hauptmann anzusehen. „Der Augenblick könnte nicht besser sein. Und ich will meine Rache!“

„Sie sind unvorsichtig“, stimmte Cuska ihm ebenso leise zu.

„Es ist viele Jahre her, seit ein Mann des Schwarzen Clans dieses Land betreten hat“, erklärte Karan. „Schafsköpfe!“

„Sie haben mehr Krieger als wir“, sagte Cuska ausdruckslos. Das Hauptlager des Feindes anzugreifen, war nicht nur gefährlich – es war schlichtweg dumm. Aber Karan war alles andere als dumm. Und er hatte einen ausgezeichneten Plan, um sich an dem Mann zu rächen, der seinen Vater, seinen Bruder und einen beachtlichen Teil des Schwarzen Clans auf dem Gewissen hatte, das wusste Cuska. Er stellte nur die Tatsachen klar. Was Karan mit diesen Informationen machte, war ihm gleich.

„Keine Krieger“, murmelte Karan. Er drehte sich zu seinem Hauptmann um und grinste wie ein Wolf, der ein einsames Lamm entdeckt hatte. „Nur gewöhnliche Männer. Kein Stamm hat Krieger wie unsere.“

Cuska musste ihm beipflichten. Die Stämme der Ebene wiesen alle eine ähnliche Struktur auf – jeder Mann versorgte sich selbst. Der Schwarze Clan dagegen hatte ein neues Gesellschaftsgefüge geschaffen, bei dem jedem Stammesmitglied eine Aufgabe zugeteilt wurde, die es zu erfüllen hatte. Ein einzelner Mann war nicht länger Jäger, Handwerker und Beschützer seiner Familie und seines Clans zugleich. Sklaven schafften genügend Nahrung herbei, um alle zu ernähren, andere kümmerten sich um die Pferde. Und dann gab es Männer, die sich zum Kämpfer ausbilden ließen. Die Schwarzen Krieger hatten zwei Aufgaben: das Dorf zu bewachen und Feinde zu töten. Sie taten nichts anderes – bauten kein Getreide an, schlugen kein Holz und fingen keine Fische. Aber diese Gesellschaftsform konnte nur solange gedeihen, wie der Stamm über genügend Sklaven verfügte. Und die hatte Karan. Nach und nach hatten sich die umliegenden Stämme dem Schwarzen Clan unterworfen und den Frieden mit Sklaven bezahlt. Der Graslandclan mochte ihnen zahlenmäßig überlegen sein, aber Karans Krieger verbrachten den ganzen Tag damit, ihre Kampffertigkeiten zu verbessern. Und Cuska war ihr Hauptmann. Während er das Band um das Endes seines dunkelblonden Zopfes enger zog, bemerkte er, dass sein Fürst vor Erregung zitterte.

„Ando wird es leidtun, dass er das Sommerlager überfallen hat“, zischte Karan. „Heute werden seine Kinder sterben!“ Er gluckste.

Cuskas Ausdruck blieb nichtssagend. Er blinzelte nicht einmal.

Das Lächeln auf Karans Gesicht machte einer strengen Miene Platz. „Nach der Wachablösung greifen wir an“, bestimmte er.

Cuska nickte wortlos und zog das Halstuch aus Leder über seinen Nasenrücken.

Im Schutz der Brombeerhecke traten die Männer den Rückzug an, krochen zwischen den dornenbewehrten Ranken westwärts, wo der Trupp von Schwarzen Kriegern in der offenen Ebene auf die Befehle ihres Hauptmanns wartete. Und diese Befehle lauteten: Die Wachen ausschalten, das Dorf des Graslandclans angreifen – und Andos Familie auslöschen.

***

Ljuba balancierte den Korb mit hellbraunen Haselnüssen auf ihrer Hüfte und folgte summend dem schmalen Pfad zur Siedlung hinauf. Der kalte Wind fuhr durch ihre dunklen Locken und verursachte ihr eine Gänsehaut. Obwohl sie ihre dicke Felljacke angezogen hatte, fror sie. Der Abend nahte und die Luft kühlte rasch ab. Gestern Nacht hatte es das erste Mal gefroren. Es blieb nur wenig Zeit, die Vorräte für den Winter aufzustocken, denn bald würde der Schnee alles unter einer dichten Decke begraben. Dann würden die Leute des Graslandclans die Tage an einem wärmenden Feuer in ihren Lehmhütten verbringen, anstatt draußen in den peitschenden Eiswinden der Ebene herumzulaufen. Niemand verließ mehr sein Heim, wenn es nicht notwendig war.

Ljuba war mit den womöglich letzten gesammelten Haselnüssen für dieses Jahr auf dem Weg nach Hause, um sie dort für die Wintermonde haltbar zu machen. Dafür wurden die Nüsse in eine Grube gefüllt und mit einer Schicht Sand bedeckt, darüber wurde ein Reisigfeuer abgebrannt. Danach ließen sich die gerösteten Nüsse einfach aus den geplatzten Schalen puhlen und waren für lange Zeit vor dem Verderben geschützt.

Auf dem Weg ins Dorf kamen Ljuba zwei kleine Mädchen entgegen. Ein großer grauer Hund lief ihnen bellend nach und sie rannten mit einem lauten Jauchzen davon. Ohne anzuhalten sah sie ihnen lächelnd nach. Der Graslandclan züchtete seit Ewigkeiten Hunde. Sie waren treue Begleiter auf der Jagd und hielten die Raubtiere vom Dorf und von den Herden fern. Sie waren so zahm, dass die Kinder sie nicht zu fürchten brauchten und mit ihnen spielten. Die Mitglieder des Graslandclans waren zufrieden, auch wenn sie hart arbeiten mussten. Sie lebten vom Ackerbau und von der Viehzucht. Vor langer Zeit hatten sie erkannt, dass das Getreide, das wild in der Ebene wuchs und mühevoll gesammelt werden musste, mehr Ertrag einbrachte, wenn man die umliegenden Gräser entfernte. Sie fingen an, den Boden mit Hacken zu bearbeiten, um ihn aufzulockern, und Saat von Emmer und Gerste auszubringen. Mittlerweile benutzten sie einen Hakenpflug dafür, vor den zwei Ochsen gespannt wurden, die die keilförmige Spitze an einem langen gebogenen Stab durch das Erdreich zogen. Nachdem die Halme mitsamt den reifen Ähren knapp über dem Boden abgeschnitten worden waren, wurde der Acker in Brand gesteckt. So wurden dem ausgelaugten Boden wieder Nährstoffe zugeführt und die Felder konnten länger beackert werden als gewöhnlich. Trotzdem musste der Graslandclan spätestens nach zwei Generationen seinen Lagerplatz verlegen. Der Alltag der Menschen war mühsam, aber wenigstens lebten sie in Frieden. Ljuba erinnerte sich nicht daran, aber sie wusste, dass ihr Vater diese Ruhe blutig erkämpft hatte. Es war keine zehn Jahre her, dass der Schwarze Clan immer wieder Angriffe gegen ihren Stamm geführt hatte. Sie hatten Pferde gestohlen, Jagdtrupps überfallen, Leute entführt. Alles, damit sich Ando ihrem Anführer unterwarf. Die Antwort ihres Vaters darauf war der Überfall auf ihr Sommerlager gewesen. Die Überlebenden hatten sich hinter ihren schützenden Mauern aus Fels versteckt und ihre Wunden geleckt. Allmählich hatte sich der Schwarze Clan von dem herben Schlag erholt und mehrere kleine Stämme unter seine Führung gebracht, aber es gab keine Übergriffe mehr auf den Graslandclan.

Ljuba verspürte keine Angst – der Schwarze Clan würde sich hüten, sich noch einmal mit Ando anzulegen. Alles, was sie wusste, hatte ihr ihre Base Bojana erzählt, denn ihr Vater schwieg darüber.

Die Sonne senkte sich im Westen über die Siedlung, einer Ansammlung runder Lehmhütten, die einen geraden Weg säumten, der sich im Norden zu einem großen ovalen Platz verbreiterte. Das Himmelszelt färbte sich von einem blassen Blau zu Rosa, durchzogen von dünnen Wolkenfetzen, die im Licht des Sonnenuntergangs grellrot leuchteten. Die Behausungen mit den grasgedeckten Dächern hoben sich dunkel vor dem flammenden Abendhimmel ab, als Ljuba den Dorfrand erreichte. Ein Schwarm Gänse flog auf dem Weg zu einem sicheren Winterquartier schnatternd über sie hinweg. Das rege Treiben, das tagsüber im Dorf herrschte, war bereits abgeebbt und bloß einzelne düstere Gestalten bewegten sich noch zu ihren Hütten. Eine Frau formte ihre Hände vor dem Mund zu einem Trichter und rief zwei Namen. Nach einigen ärgerlichen Wiederholungen kamen die beiden Mädchen von eben angelaufen. Von dem Hund fehlte jede Spur. Die Mutter scheuchte die Kinder in die Hütte und folgte ihnen.

Ein Mann mit einer Fackel kam über den großen Platz auf Ljuba zu. Als er sie erkannte, schenkte er ihr ein Lächeln, bei dem seine hellen Zähne in der Dämmerung aufblitzten. „Guten Abend, Ljuba“, grüßte Caj.

Sie hob die freie Hand, aber da war der Freund ihres Bruders schon an ihr vorbeigezogen.

Jeden Abend wurden rund um das Lager Feuer entzündet, um wilde Tiere abzuhalten und etwas Licht in die finstere Nacht zu bringen. Der Sippenführer mochte sich nicht vor dem Schwarzen Clan fürchten, aber er war nicht so einfältig, dass er das Dorf völlig ungeschützt ließ.

Ljuba hörte hinter sich das leise Rascheln von Leder und drehte sich um.

Bojana stand ganz still beim Eingang der Lehmhütte und sah nachdenklich zum Horizont, hinter dem gerade die Sonnenscheibe verschwand. Die Frau wurde von einer Hündin mit struppigem, hellgrauem Fell flankiert.

„Bojana!“, rief Ljuba und lief zu ihrer Base.

Als ihr Name ertönte, wandte sich die Frau um.

Ljuba stellte den schweren Korb auf den Boden und atmete geräuschvoll aus. „Warst du beim Schamanen?“ Sie ließ ihre verspannte Schulter kreisen.

„Ja“, antwortete Bojana. „Er brauchte Bienenwachs für einen Zauber.“

Bei dem Wort Zauber hielt Ljuba abrupt in ihrer Bewegung inne. Ein Prickeln fuhr über ihre Haut. Als Frau hatte sie keinen Zugang zu den überirdischen Geschicken des Schamanen, aber ihre Base war keine gewöhnliche Frau, und er ließ sie an so manchem Geheimnis teilhaben. Die hellsichtige Bojana interessierte sich für die Herstellung von Salben, Tinkturen und heilenden Tees, und nicht erst seit dem Tod ihres Mannes verbrachte sie viel Zeit mit dem Schamanen, der sie zusammen mit seinem Schüler in die Geheimnisse der Geisterwelt einweihte. Zumindest in die, die augenscheinlich keinen Schaden in dem Kopf einer Frau anrichten konnten. Als sie Bojanas ernsten Blick auffing, fragte sie: „Ist alles in Ordnung?

Die andere schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr dicker Zopf hin- und herschleuderte. Bojana sah wieder zum Horizont und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ljuba hockte sich hin und streckte die Hand nach der Hündin aus. Das Tier wedelte fröhlich mit dem Schwanz und stupste die feuchte Schnauze in ihre Hand.

„Es ist nur -“, Bojana unterbrach sich und die Jüngere sah auf, „ich habe ein ungutes Gefühl.“

Ljuba legte den Kopf schief und betrachtete von unten das ernste Profil ihrer Base, während sie den Kopf des Hundes streichelte.

„Ich habe eine Ahnung … als wenn etwas Schreckliches passieren wird“, flüsterte Bojana düster.

Ljuba erhob sich, was von der Hündin mit einem enttäuschten Jaulen kommentiert wurde, und berührte sanft die Schulter der Frau. „Du siehst Gefahren, wo keine sind.“

Bojana schnaubte und schüttelte ihre Hand ab. „Du vergisst, dass ich das zweite Gesicht habe, Ljuba!“ Sie kehrte ihr den Rücken zu und stampfte davon. Der Hund folgte ihr eilig.

Ljuba ahnte, dass sie sie gekränkt hatte. Und Bojana hatte recht. Schon als sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie derlei Vorahnungen gehabt, und bislang hatten sich diese immer bewahrheitet. Ihr rieselte ein kalter Schauer das Rückgrat hinunter. „Warte!“ Sie griff nach ihrem Korb und schloss zu Bojana auf. „Wo gehst du hin?“

Bojanas Seitenblick war vernichtend, aber schließlich seufzte sie. „Zu Andos Hütte. Deine Mutter wird Hilfe mit dem Abendessen brauchen.“

„Sie ist nicht meine Mutter“, stellte Ljuba richtig. Denn die war zusammen mit ihrem jüngsten Kind bei der Geburt gestorben, und Ando hatte sich eine andere Frau genommen. Bojanas Mann war ebenfalls gestorben und hatte sie kinderlos zurückgelassen. Sie hätte das Recht gehabt, an das Herdfeuer ihres Vormunds zurückzukehren, aber sie wollte in ihrem eigenen Heim wohnen bleiben. Trotz dessen half sie im Haushalt ihres Onkels und nahm dort ihre Mahlzeiten ein.

„Hast du etwas gesehen?“, fragte Ljuba zaghaft.

„Es ist eine Ahnung“, erklärte Bojana patzig. „Nicht mehr.“ Mit einem Mal blieb sie stehen und lächelte Ljuba nervös an. „Es ist vielleicht nichts.“

Ljuba zog ihre Augenbrauen zusammen. „Nein, bestimmt nicht“, antwortete sie, aber ihre Zweifel waren deutlich zu hören. Auch wenn sie es nicht zugeben wollte, sie vertraute mehr auf Bojanas Ahnungen, als ihr lieb war.

„Gehen wir.“

Immer mehr Feuer flammten rund um das Lager auf und die Frauen setzten ihren Weg im flackernden roten Schein fort. Eine Weile schritten sie schweigend nebeneinander her, bis Bojana plötzlich wie angewurzelt stehenblieb.

„Was ist?“, fragte Ljuba. Ihre Base deutete auf den Horizont, der von einem glutroten Strich geteilt wurde. Ljuba legte die Stirn in Falten. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Furcht kroch in ihr Herz.

„Ein Zeichen“, keuchte Bojana. „Ein blutrotes Mal!“ Sie fasste sich an die Schläfe, taumelte.

Ljuba ließ den Korb fallen, packte sie, keuchte unter dem Gewicht und schwankte kurz, während die Haselnüsse über den Weg kullerten.

Bojanas Lider senkten sich halb, ihre Augen rollten nach oben. Die Wimpern zuckten heftig, dann fiel ihr Kopf zurück in den Nacken.

Ljuba schüttelte sie. „Bojana? Bojana!“

Ruckartig schlug die die Augen auf. „Ich hab etwas gesehen!“, rief sie voller Entsetzen.

„Was?“, fragte Ljuba atemlos.

„Schlangen. Sie waren überall.“

„Schlangen?“

Bojana schüttelte in einer verzweifelten Geste den Kopf. „Sie waren überall. Und du standest mittendrin!“

„Ich?“ Ljuba schluckte. Was hatte das zu bedeuten? Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, erschallte ein lauter Schrei, durchdringend und schrill. Sie schreckte zusammen. „Was war das?“

Die Frauen sahen sich um. Im Grau der herannahenden Nacht war es schwer, noch etwas zu erkennen. Die Hündin legte die Ohren an und zog die Lefzen hoch. Als ein zweiter Schrei auf den ersten folgte, knurrte sie. Ljuba hörte laute Geräusche, Schritte, Weinen, lautes Hundegebell, dann ein schiefes Jaulen. Der Lärm drang aus dem südlichen Teil des Lagers. Die Hündin zitterte.

„Ruhig“, murmelte Bojana.

Ein paar Leute traten aus ihren Hütten und starrten in dieselbe Richtung wie die beiden Frauen. Eine Fackel bewegte sich hüpfend auf sie zu.

Es war Caj. „Ich brauche Männer“, rief er in die Runde. „Mitkommen, sofort!“

Mehrere Männer stürmten zurück in ihre Hütten, um sich ihm, bewaffnet mit Speeren und Messern, anzuschließen. Die Fackel hastete so dicht an Ljuba vorüber, dass sie für die Länge eines Herzschlags die Hitze auf ihren Wangen und ihrer Stirn spürte. Wilde Schatten tanzten über Cajs grimmiges Gesicht, als er mit den anderen auf den Aufruhr zuhielt. Sie blickte dem hüpfenden roten Fleck nach. Trotz der Kälte benetzte feiner Schweiß die Stelle zwischen ihren Schulterblättern. Sie spürte Bojanas Hände, die sie hart an den Oberarmen packten und zu sich herumzerrten.

Ihre Base sah sie streng an. „Lauf zu Andos Hütte. Such Dafina!“

Ljuba bewegte den Mund, aber kein Ton kam heraus.

„Los!“

Sie war weder fähig zu antworten noch sich zu bewegen. Ihre Füße schienen am Boden zu haften wie ein Insekt an frischem Harz.

Bojana ließ sie los, holte aus und schlug ihr mit voller Wucht ins Gesicht. „Such Dafina! Such deine Schwester!“, schrie sie.

Ljuba rieb sich geistesabwesend die brennende Wange, dann riss sie die Augen auf, machte kehrt und rannte los.

„Wartet da“, rief ihr Bojana hinterher. „Ich komme gleich nach.“

***

„Komm“, sagte Bojana zu der Hündin und folgte der Fackel, die sich ihren Weg durch das Lager bahnte. Sie lief an Leuten vorbei, die wie erstarrt vor ihren Hütten standen. Es wäre klüger, sich zu bewaffnen, zu fliehen oder sich wenigstens zu verstecken, als einfach dazustehen und zu glotzen. Bojana schüttelte den Kopf, biss sich auf die Zunge, um sich daran zu hindern, Zeit zu verschwenden, indem sie sie warnte. Sie musste ihren Onkel finden!

Bojana beeilte sich, die Männer einzuholen. Sie stieß mit dem Fuß gegen einen Stein und strauchelte, konnte sich gerade noch fangen. Wieder hörte sie laute Schreie. Sie klangen jetzt viel dichter. Überall flammten Lichter auf. Plötzlich war es so hell, dass Bojana geblendet wurde. Sie verengte die Augen und erkannte, dass das Dach einer Hütte lichterloh brannte. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie lief geradewegs in den Kampf!

Bojana hatte Ljuba zu Andos Hütte geschickt, weil sie sich am nördlichen Ende der Siedlung befand, wohlwissend, dass ihr Onkel nicht dort war. Er wollte sich heute Abend mit den Ratsmitgliedern in der großen, neu erbauten Ratshütte im Süden des Dorfes treffen. Sie war ihr Ziel.

Neben der brennenden Hütte, wo die Männer ihres Stammes den Weg hinunterliefen, stürmten dunkle Gestalten ins Lager. Bojana stockte der Atem. Ohne es zu bemerken, blieb sie stehen. Die Flanken des Hundes zitterten, aber sie beachtete ihn nicht.

Wie ein Schwarm Krähen fielen die Angreifer im Schein des Feuers über Caj und die Männer her. Wütendes Gebrüll ertönte. Die Fackel fiel zu Boden, aber die hellen Flammen auf dem Dach genügten, um das Gemetzel vollständig auszuleuchten. Selbst auf die Entfernung meinte Bojana, den schmerzverzerrten Ausdruck eines ihr bekannten Mannes zu sehen, der von der Wucht eines Speerstoßes mit der Waffe im Leib nach hinten kippte. Eine Hand schnellte vor und riss den Speer aus dem Sterbenden, noch bevor er zu Boden ging. Schwarzes Blut spritzte auf und erschuf im Licht ein groteskes Schattenspiel. Plötzlich stolperte eine Frau aus der vom Feuer zerfressenen Hütte. Die Ärmel ihres Oberteils standen in Flammen und sie versuchte gleichzeitig das Feuer auszuschlagen und sich in Sicherheit zu bringen, bevor das Grasdach herunterstürzte, von dem dicker Rauch zum Nachthimmel aufstieg. Die Balken knackten gefährlich. Mit einem beherzten Sprung rettete sich die Frau, dann brach das Dach ein. Glut und Funken stoben auf und regneten auf den Boden. Sie rappelte sich gerade auf, als sie von einem Mann am Kragen gepackt und auf die Beine gezerrt wurde. Sprachlos sah Bojana zu, wie die arme Frau in die glühenden Überreste der Hütte gestoßen wurde. Der gellende Schrei fuhr ihr durch Mark und Bein. Rauch, der vom Wind hinübergetragen wurde, mischte sich mit dem süßlichen Geruch von verbranntem menschlichem Fleisch, und Bojana drehte sich der Magen um. Im selben Moment preschte die Hündin los. Bojana wollte sie zurückrufen, aber sie befürchtete, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Tier verschwand laut kläffend im Kampfgetümmel.

„Dummer Hund!“, knirschte sie. Ihren Onkel zu finden, hatte rapide an Bedeutung verloren. Der Kampf war schon in vollem Gange und wenn Ando nichts davon mitbekommen hatte, musste er tot sein. Jetzt war es wichtiger, Ljuba und Dafina in Sicherheit zu bringen.

Bojana wirbelte herum, wischte sich mit dem Handrücken über die tränenden Augen und rannte los. Plötzlich versperrte ihr jemand den Weg. Sie wollte ausweichen, aber der Mann breitete die Arme aus. Augenblicklich machte Bojana einen Satz zurück und musterte den Fremden. Um seine Schultern lag ein schwarzer Fellumhang. Auf dem Kopf trug er eine ebenso schwarze Fellmütze, die tief in die Stirn gezogen war. Mund und Nase wurden von einem Ledertuch bedeckt. Nur seine hellen Augen stachen hervor. Schwarze Krieger! Ando hatte sich geirrt – sie waren doch gekommen.

Das Licht der Flammen fing sich in dem Silexdolch in der Hand ihres Gegners. Bojana wich weiter zurück, aber er setzte ihr schnell nach und streckte den Arm aus, um sie zu packen. Bojana lehnte sich zurück, um sich ihm zu entziehen, aber er war unerwartet schnell. Sein harter Griff schloss sich um ihr Handgelenk, und sie riss erschrocken den Mund auf. „Lass mich los!“ Bojana zappelte und versuchte ihren Arm loszubekommen. Sie trat nach seinem Schienbein, aber er machte einen Schritt zur Seite und ihr Tritt ging ins Leere.

Der Schwarze Krieger zog sie dicht an sich heran. Sein Arm, mit dem Dolch in den Fingern, hing lässig herab. Ganz so, als würde er ihn nicht benötigen, um sie zu überwältigen.

„Was willst du von mir?“, wollte Bojana herausfordernd zischen, aber ihre Stimme überschlug sich und klang alles andere als kühn.

Der Mann schwieg. Er starrte sie mit ausdruckslosen Augen an, in denen sich die Flammen spiegelten.

Bojana stieß mit ihrer freien Hand gegen seine Brust. Er bewegte sich kein Stück. Verzweifelt hämmerte sie auf ihn ein, bekam einen Zipfel seiner Kleidung zu fassen und zerrte daran. Sie riss den Ausschnitt seines Hemds auf und hielt abrupt inne. Dunkle geschwungene Linien zogen sich über seine Haut. Ihre Pupillen weiteten sich. Schlangen! Bojana zog ihre Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Wimpern des Mannes zuckten, er schien verwirrt und ließ ihren Arm los.

Dann donnerte ein heftiger Schlag gegen Bojanas Schläfe. Das verhüllte Gesicht verschwamm vor ihren Augen.

Ando hatte sich geirrt – er hatte vor dem Stammesrat behauptet, zwei Kinder könnten dem Graslandclan nicht gefährlich werden. Doch jetzt waren die Schwarzen Krieger gekommen, um Rache zu nehmen.

Ihr letzter Gedanke galt Ljuba und dem Drang, sie vor dem Schlangenmann zu warnen, dann schlug die Finsternis über ihr zusammen.

***

Ljuba riss den Türvorhang beiseite und stürzte in die Hütte. Wie zu erwarten roch es nicht nach Essen. In der Mitte brannte ein Feuer, das das Gesicht ihrer Stiefmutter beleuchtete, die davorsaß und überrascht aufsah.

„Wo kommst du jetzt her? Du solltest mir beim Kochen helfen!“, klagte die Frau, die nur zwei Jahre älter war als sie selbst. Dann veränderte sich ihr Ausdruck. „Was ist los, Ljuba? Du bist ganz außer Atem.“

Ljuba war den ganzen Weg gerannt und ihre Lunge brannte. Sie nickte und holte Luft. „Wo ist Dafina? Wo ist Vater?“

Die andere Frau runzelte die Stirn. „Dafina war müde und Ando ist bei der Versammlung.“

Die Versammlung! Das hatte sie ganz vergessen. Ljuba stampfte an der Kochstelle und ihrer Stiefmutter vorbei zu der dunklen Ecke, in der sich ihre Schwester in ihre Schlafrolle gewickelt hatte. „Pack schnell ein paar Sachen, ich wecke Dafina“, rief sie der Frau über die Schulter zu und hockte sich neben die schlummernde Gestalt. „Wach auf, Dafina!“ Sie schüttelte heftig ihre Schulter.

Das Mädchen nuschelte etwas Unverständliches.

„Warum soll ich Sachen packen?“, wollte die Stiefmutter wissen.

Ljuba rüttelte Dafina, bis sie endlich die Lider hob.

Ihre Schwester rieb sich die kleinen, müden Augen. „Ljuba“, murmelte sie schlaftrunken. „Was ist los?“

„Ich glaube, das Lager wird überfallen“, antwortete sie laut genug, dass ihre Stiefmutter es hörte.

Ljuba und sie blickten sich an und für einen Moment waren sie beide still, während der entfernte Lärm gedämpft durch die Lehmwand drang.

„Schwester!“ Dafina schälte sich aus ihrer Schlafrolle und sprang auf. Ihre dünnen Finger krallten sich in Ljubas Fellärmel und zogen sie auf die Beine. „Ich ziehe mich an“, erklärte sie ernst und ließ ihren Arm los, um in einem Korb nach ihren dicken, gefütterten Winterstiefeln zu wühlen. Sie stülpte sich die Schuhe über. „Was soll ich einpacken?“

Ljuba stand unschlüssig neben ihr, öffnete den Mund. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Ljuba?“

„Zieh deine Felljacke an“, antwortete Andos Frau an ihrer statt und hüllte sich in ihren eigenen Mantel. „Nimm von dem harten Brot mit. Und Wasser.“

Dafina nickte und packte weiter.

Ljuba fühlte sich an den Rand des Geschehens gedrängt. Sie war die Ältere. Sie sollte einen kühlen Kopf bewahren, aber es war, wie es immer gewesen war: Ljuba erstarrte in ihrer Furcht, während Dafina voller Mut voranschritt.

„Wir sollen auf Bojana warten“, murmelte Ljuba.

Dafina nahm ihr Bündel und erhob sich. Sie nickte entschlossen. „Gut.“

„Wir können nicht länger bleiben“, schimpfte ihre Stiefmutter. „Wir müssen fliehen!“

Dafina sah die Frau ihres Vaters mit herausfordernd vorgeschobenem Kinn an. „Tu, was du willst. Ljuba und ich werden auf Bojana warten.“

Die andere stemmte die Hände in die Hüften. Ihre Augen funkelten. „Was ist, wenn sie nicht kommt? Vielleicht ist sie längst tot!“

Ljuba schluckte. Sie spürte, wie Dafinas warme Finger ihre Hand umschlossen und sie sanft drückten.

„Bojana wird kommen“, erklärte ihre Schwester schlicht.

Ljubas Herz flatterte. Woher nahm Dafina diese Zuversicht, diese Stärke? Sie beneidete ihre Schwester darum. Hatte es immer getan.

Ihre Stiefmutter warf in einer verzweifelten Geste die Hände in die Luft. „Wie ihr wollt. Ich werde gehen.“ Sie schulterte ihr eigenes Bündel. Als die Frau die Türvorhänge beiseiteschob, klang der Lärm lauter, viel dichter und bedrohlicher. Dann fiel der Vorhang zu und schluckte einen Teil der Schreie und des Hundegebells.

„Du zitterst“, stellte Dafina fest.

Ljuba zuckte zusammen. Die Angst saß in jedem Winkel ihres Körpers, kroch in jede Faser und brachte sie zum Schwingen. Am liebsten hätte sie sich in eine Ecke gehockt und geheult, aber die Berührung ihrer Schwester tröstete sie.

Eine Weile standen die beiden Mädchen da und lauschten den Geräuschen von draußen, die von dem leisen Knistern des Feuers untermalt wurden.

Endlich entzog Ljuba ihrer Schwester die Hand. „Ich packe noch mehr Brot ein“, flüsterte sie und ging mit wackeligen Beinen zu den geflochtenen Körben hinüber, in denen sie Dörrfleisch, hartgebackenes Fladenbrot und Nüsse aufbewahrten, und füllte einen Lederbeutel mit den Vorräten. Dann wandte sie sich zu dem großen Tonkessel daneben und goss Wasser in eine Rentierblase, die als Trinkschlauch diente, und band sie mit einer Sehne zu. Gerade als sie beides an ihren Gürtel hängen wollte, schwoll der Krach von draußen erneut an. Ihr Herz tat einen Satz. Sie drehte sich auf der Ferse um, erwartete Bojana zu sehen oder ihren Vater. Doch sie irrte sich. Mitten in der Bewegung hielt Ljuba inne.

Ein dunkelhaariger Mann stolzierte mit einer Selbstsicherheit in die Behausung, als gehöre sie ihm. Hinter ihm folgte ein zweiter Mann, der die Vorhänge beim Eingang zuzog und sich daneben postierte, während der erste weiter auf die Mädchen zuhielt.

Ljuba gefror das Blut in den Adern.

Ihr Gegenüber grinste. „Andos Töchter, richtig?“


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Julia Lalena Stöcken, 1989 in Niedersachsen geboren, hat eine tiefe Leidenschaft für alles Vergangene und stöbert mit Vorliebe in Museen und alten Gemäuern. Die Begeisterung dafür hat sie ihrer Mutter zu verdanken, die ihr schon früh historische Romane nahegebracht hat – und der Wunsch, die Charaktere mögen nach ihrem Willen handeln, trieb sie dazu, selbst mit dem Schreiben anzufangen. Eng verbunden damit ist das Zeichnen und Skizzen ihrer Charaktere pflastern ihr Arbeitszimmer. Julia lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter bei Lüneburg.

Susanne Keil im Interview

Susanne KeilWas bedeutet für dich dein Buch?

Das klingt jetzt kitschig, aber es bedeutet tatsächlich die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Schreiben ist das, was ich schon immer machen wollte und dieses Buch ist es, das den Bann gebrochen hat. Andere werden ihm folgen, aber dieses wird immer das Erste bleiben.

Wie lange hast du an deinem Buch gearbeitet?

Laaaange. Mehrere Jahre.
Das liegt nicht nur am Umfang allein, sondern auch daran, dass bereits im Vorfeld einiges an Recherchearbeit anfiel. Die größte Herausforderung aber war, Hadelindes Stimme zu finden, dem Lebensgefühl einer Frau in ihrer Zeit auf die Spur zu kommen und aus diesem so überhaupt nicht emanzipierten weiblichen Wesen eben doch das zu machen, was man heute eine liebenswerte Chaotin nennen würde.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

Da gab es viele Anregungen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben und die dann, vielleicht sogar in einem Urlaub in einem mittelalterlichen Örtchen in Frankreich, zu einer ersten Grundstory verschmolzen.
Rittergeschichten mochte ich schon immer, natürlich auch der Pferde wegen, und von allen Rittern ist ja wohl der schwarze Ritter immer noch der Faszinierendste. Aber warum eigentlich muss er immer durch und durch böse sein und womöglich noch dazu ein hässlicher Typ? Wäre es nicht viel spannender, wenn er ein Typ Mann ist, der eine Frau aus den Schuhen haut und im Grunde seines Herzen nichts anderes als ein tragischer Held?
Wen ich in Rittergeschichten nie besonders mochte, waren die schönen Damen, die auf der Tribüne saßen und zusahen, wie die Männer sich ihretwegen gegenseitig ausstachen.
Es mag zwar ein alter Hut sein, seine weibliche Hauptfigur in die Verkleidung eines jungen Mannes zu stecken, um sie möglichst nahe an den schwarzen Ritter heranzubringen, dennoch ist und bleibt es die actionreichste Lösung. Und wenn der Ritter dann noch alle Frauen hasst, gerade weil er wegen einer dieser zickigen Tribünenschönheiten einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat, sind Komplikationen vorprogrammiert …

Worum geht es in deinem Buch?

Letztlich geht es um eine Frau und einen Mann, die sich der Frage gegenüber sehen: Können Männer und Frauen Freunde sein?
Ja, ganz richtig, das ist die Frage aus Harry und Sally. Allerdings agieren Jérôme und Hadelinde unter erschwerten Bedingungen, dadurch dass sie im Mittelalter leben.
Wie die beiden es trotzdem schaffen, die tiefe Kluft zwischen Männern und Frauen zu überwinden und wie sie ihre ganz persönliche Lösung für das Dilemma zwischen Freundschaft und Liebe finden? Nun, das steht in meinem Buch.

Hast du weitere Projekte?

Ja, aber über die wird vorerst nichts verraten. 😉

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Ich plane vor allem eines: weitere Romane zu schreiben, weil ich ohne das Schreiben einfach nicht mehr existieren kann. Was meine nächsten Themen anbelangt, ‚plane‘ ich, mich ein bisschen von mir selbst überraschen zu lassen, was mich als nächstes interessieren wird.

 Was liest du selbst gerne?

Unabhängig von einem bestimmten Genre lese ich gern Bücher, die mich mitreißen. Meist ist es an einer ganz bestimmten Figur festgemacht, ich bin eindeutig jemand, der einen klaren Sympathieträger braucht. Das muss keine Figur sein, mit der ich mich identifizieren kann, sie muss beileibe nicht unbedingt „gut“ sein, sie darf auch nur eine Nebenrolle spielen, aber diese eine Figur muss so angelegt sein, dass ich an ihrem Schicksal unbedingt Anteil nehmen will.
Ganz besonders mag ich Bücher, die in der ersten Person geschrieben sind – wenig verwunderlich also, dass ich auch am liebsten in dieser Form schreibe.
Ein Erzähler oder auch eine Erzählerin, der die Ereignisse angeblich miterlebt hat und nun nacherzählt, verleiht ihnen die wunderbare Illusion von „Echtheit“. Selbst wenn dieses „Ich“ sich selbst weit im Hintergrund hält, vermittelt es einem das Gefühl, dass man nicht einfach nur eine Geschichte gelesen hat, sondern dass man jemanden kennen gelernt hat, der sie miterlebt hat.
Zu Recherchezwecken lese ich auch viele Sachbücher und stelle mir vor, wie es meinen Protagonisten in diesem Umfeld ergeht, wie sie darin agieren, wie die Erlebnisse sie prägen. Jérôme de Montdragon erzählt im Roman eigentlich sehr wenig über den ersten Kreuzzug, an dem er als ganz junger Mann teilgenommen hat. Für mich jedoch war er in jedem Geschichtsbuch, in dem es um den ersten Kreuzzug ging, mit dabei und das hat ihm einiges an Charakter verliehen.
Außerdem lese ich mit großer Begeisterung Bücher über das Schreiben. (Wunderbar, dass man endlich Sol Stein wieder gedruckt hat!)

Wo liest du am liebsten?

Am allerliebsten lese ich natürlich im Urlaub, Südfrankreich, ein hübsches Ferienhäuschen, ringsherum Weinberge, die Zikaden zirpen, in der Ferne glitzert das Meer …
Zu Hause sitze ich zum Lesen am liebsten auf der Couch, an der Stelle, wo sie schön durchgesessen ist und man die Füße hochlegen kann. Lesen kann ich eigentlich überall und in jeder Lebenslage, aber je besser das Buch ist, umso weniger möchte ich dazu irgendwelchen Trubel um mich herum. So kommt es schon einmal vor, dass ich mir das Ende eines Buches, das mir sehr gut gefällt, aufhebe, bis ich wieder zu Hause und ganz allein bin.

Wann liest du am liebsten?

Das ist eine schwierige Frage, denn die Zeiten, in denen man sich am besten auf ein Buch konzentrieren kann, sind bei mir in der Regel schon für das Schreiben reserviert.
Ich versuche darum, das Buch, das ich gerade lese, immer dabei zu haben, um Wartezeiten zu nutzen. Da ich sehr schnell lese, können ein volles Wartezimmer beim Arzt oder ein Besuch beim Friseur schon einmal bedeuten, dass ich das Buch danach bis zur Hälfte verschlungen habe.
Generell muss ich jedoch sagen, dass ich heute sehr viel langsamer lese  als früher. Gerade Bücher, die mir gut gefallen, teile ich mir richtiggehend in Häppchen ein, um sie besser auf mich wirken zu lassen. Und natürlich auch um mir anzusehen, wie der Autor es eigentlich macht, dass ich, als Leser, mich gerade amüsiert, gespannt, mitleidend, traurig oder in irgendeiner anderen Weise berührt fühle. Manchmal springt ein Lerneffekt dabei heraus, aber immer bedeutet dieses bewusstere Lesen einen größeren Genuss, als ein Buch einfach nur in sich hinein zu schlürfen.

Welche anderen Autoren magst du?

Meine Lieblingsautorin im Bereich Liebesgeschichten ist Eva Ibbotson, auch wenn ihre Geschichten auf den ersten Blick ein wenig altbacken wirken. Mir gefallen einfach ihr Stil, in dem immer einen gewisser Grundhumor mitschwingt, ihre präzise Wortwahl und ihre akzentuierten, fast schon gedrängten Szenen, die so die Emotionen so schön auf den Punkt bringen. Ihre Frauengestalten sind immer patent, nie zickig und doch so durch und durch weiblich, ihre Männergestalten sind immer wahre Tausendsassas, aber nie unglaubhaft.
Ich mag die herrlich unperfekten Heldinnen und die turbulenten Handlungen von Sophie Kinsella und Janet Evanovich.
Auch David Safier lese ich gern, er schreibt so locker und witzig, dass einem erst bei genauerer Betrachtung auffällt, wie raffiniert und ausgefeilt seine Dialoge eigentlich sind. Der Anfang seines neuen, ernsten Romans liest sich ebenfalls vielversprechend, auf den bin ich sehr gespannt.
Ich lese auch gern immer wieder die Bücher von Terry Pratchett, der in seiner Scheibenwelt so köstlich die Klischees unserer Welt aufs Korn nimmt und der so viele wunderbare Figuren geschaffen hat, allen voran der geniale TOD.
Bei historischen Romanen mag ich Rebecca Gablé (mein Lieblingsbuch von ihr ist und bleibt Das Lächeln der Fortuna) und Richard Dübell (Die Pforten der Ewigkeit).
Im Bereich Krimi/Thriller habe ich Harlan Coben für mich entdeckt. Mir gefallen seine verwinkelten Plots, sein Schreibstil, sein wohldosierter Einsatz von Blut und Gewalt und seine Protagonisten, an denen man als Leser ganz nah dran ist. Besonders raffiniert finde ich seinen Prolog in Kein Friede den Toten, in dem er etwas tut, was eigentlich gar nicht geht: Er schreibt in der zweiten Person. „Dein Name ist Matt Hunter, du bist zwanzig Jahre alt…“ Das liest sich am Anfang ungewohnt, doch durch diese Erzählweise und durch das, was Matt da passiert als er ein junger Mann von zwanzig Jahren ist, entwickelt sich ein unglaublicher Sog.

Was ist dein Lieblingsbuch?

Eine Frage, bei der ich nicht lange nachdenken muss.
Der König auf Camelot von T.H.White: Witzig, spannend, fantastisch gut geschrieben, es regt zum Nachdenken an über die Menschlichkeit und den Krieg, sowohl im Mittelalter als auch in unseren modernen Zeiten. Und es kommt natürlich auch die größte Liebesgeschichte von allen darin vor: Lanzelot und Guinevere, die von Artur immer so nett Lanz und Jenny genannt werden.
Wer es noch nicht kennt: unbedingt lesen!

Was reizt dich daran, einen historischen Roman zu schreiben?

Ich schaffe so gerne Helden, ich glaube, das trifft ziemlich gut den Kern.
Wobei ein Ritter für sich genommen ja noch keinen Helden ausmacht. Im Gegenteil, der Mann auf dem hohen Ross, dessen Job es ist, Probleme mit dem Schwert zu lösen, wird genau in dem Moment zum Helden, in dem er vom Pferd steigt, um … Leuten zu helfen, die von ihrem Stand her weit unter ihm stehen, zum Beispiel.
Oder auch in dem Moment, in dem die Autorin so fies ist, ihm sein Schwert wegzunehmen und ihn in den schmerzlichen Teil seiner Heldenreise zu schicken. Oder … Oder … Oder …
Das Mittelalter lässt viel Raum für große und kleine Helden und Heldinnen, denn so eine Heldin kann durchaus auch einmal nur ein altes Mütterchen sein, das an den feindlichen Soldaten vorbeiläuft, um dem niedergeschlagenen Protagonisten die Stirn zu kühlen und ihn wieder zu Bewusstsein kommen zu lassen.

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Was man eben so tun muss, um nicht hinter dem Computer sitzend in Spinnennetze verwebt zu werden und zu verhungern: einkaufen (wobei ich gern mal die Hälfte vergesse oder ins falsche Regal greife, wenn ich in Gedanken woanders bin), kochen (wobei ich tatsächlich schon das Essen versalzen habe, als ich mich in eine neue Geschichte ‚verliebt‘ hatte), bügeln (wobei mir allerdings noch nie etwas verbrannt ist, sondern eher mal gute Ideen kommen).
Spaß beiseite, ich tue natürlich auch noch etwas anderes, als nur zum Computer zu rennen und neue Ideen in die Tastatur zu hämmern. Tatsache ist allerdings: Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich das Gefühl habe, dass alles andere doch irgendwie schrecklich unwichtig ist und dass jetzt nur diese Szene zählt, die gerade lebendig werden soll.

Susanne Keil – Wie der Teufel und das Weihwasser

Susanne Keil erweckt in ihrem E-Book Wie der Teufel und das Weihwasser das Mittelalter zum Leben: Turniere, Gottesurteile und ein Ritter, der geflissentlich übersieht, wer sein Knappe in Wirklichkeit ist, weil er die Liebe scheut – wie der Teufel das Weihwasser …

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