Ein Schotte für die Zukunft

Stuttgart, Februar 2018. Herzöge in Großbritannien gehören zur Peerage und führen den Titel Duke. In Großbritannien können diesen Titel nur die männlichen Nachkommen erben, in Schottland dagegen auch die Frauen, sie werden eine Duchess. In diese faszinierende, aber fremde Adelswelt stolpert Protagonistin Vanessa in Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte für die Zukunft. Und Katherine Collins lässt sie in dem vierten Band ihrer Reihe Eine Hochzeit in den Highlands auch nicht so einfach aus dieser davonkommen …

Vanessas Ziel ist einfach: Sie will ihrem Leben ein Ende setzen. Leider kommt ihr dabei der äußert charismatische und attraktive Ian McDermitt in die Quere. Als Erbe eines Titels und nicht nur mit Geld, sondern auch mit ungeheurer Lebensfreude ausgestattet, reißt er Vanessa einfach mit. Er bietet ihr einen Deal an: Eine Woche Urlaub von sich selbst auf dem Gut seines Bruders in den schottischen Highlands, in der er ihr jeden Wunsch erfüllt. Im Gegenzug soll sie seine geldgierige Verlobte ohne Stil und Verstand spielen, um seiner Mutter einen Denkzettel zu verpassen. Dass sie sich mit ihrer Zustimmung in die Höhle des Löwen begibt und nahezu von ihm zerfleischt wird, war nicht eingeplant. Auch nicht, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben …

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ein schotte für die zukunft klein

Die Liebesgeschichten auf Schottisch gehen weiter: Der Roman Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte für die Zukunft von Katherine Collins führt die Reihe mit der romantischen Geschichte um Vanessa weiter. Sie spielt Ian McDermitts Verlobte, um seiner Mutter, einer schottischen Duchess, einen Denkzettel zu verpassen. Doch was passiert, wenn sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt? Der Roman erscheint im März bei dp DIGITAL PUBLISHERS.

Katherine Collins über ihren historischen Liebesroman

Reinke-009Was fasziniert dich an den Highlands besonders?

Schottland – die Highlands besonders – sind für mich Inbegriff der modernen Wildnis Zivilisation und Natur verschmelzen ineinander und das auf engstem Raum. Es heißt immer Naherholungsgebiet aber unsere Parks und Waldflächen erscheinen mir immer so gezwungen und man bekommt nicht wirklich das Gefühl, aus seinem stressigen Leben zu treten. Auch in Birmingham – was irgendwie der Ruhrott Englands zu sein scheint – hat zwar seine malerischen Ecken aber überall fühlt man die Zivilisation. Die weiten naturbelassenen Gegenden der Highlands sind hingegen ein Tor in eine andere, ruhigere Welt.

Jeder Quadratmeter erschein mystisch, magisch irgendwie unwirklich. Denken wir an Nessie, dem Seeungeheuer aus Loch Ness und all den anderen vorzeitlichen Geschichten und Monumenten – auch wenn sie naturlichen Ursprungs sind – wie die Steinkreise, u. a. den Stones of Callanish, the Old Man of Storr, einer Felsformation auf der Isle of Skye und den Fairy Pools. So viele Geschichten sind dort versteckt und jede Ecke regt zu neuen an. Natürlich haben auch die Schotten an sich ihren Reiz, die Highlandgames, die unterschiedliche Kultur und ihr harmonisches Miteinander. So viele widersprühliche Dinge gibt es in Schottland zu entdecken, dass man nie müde wird, sich erneut auf Reisen zu begeben und sei es virtuell …

Zu welchem Reiseziel in Schottland würdest du deine Leser gerne mal schicken?

Zwei Gegenden sind für mich momentan von zentraler Bedeutung, aber ich denke, eine Dritte wäre auch nicht verkehrt.

Inverness:  Allein um Nessie einen Besuch abzustatten und einem anderen bekannten Schotten der Literatur einen Besuch bei Culloden fields abzustatten

Isle of Skye: Die Insel hat einiges zu bieten und ist nicht nur landschaftlich hervorstechend, dass es für jede Seele etwas geben sollte, um sich dort wohlzufühlen. Sei es Besichtigungen von Naturphenomenen wie die Fairy Pools, oder eine Tour durch die alten Burgen – nicht zu vergessen, dass es eine Destillerie gibt, die alles noch etwas schöner machen sollte …

Edinburgh: Wer sich dort langweilt ist selber schuld!

Gibt es eine Verbindung zwischen Liebe wider die Vernunft, das in der Vergangenheit spielt, und der Reihe Eine Hochzeit in den Highlands, die in der heutigen Zeit spielt?

Tatsächlich ist Sheamus Adeán McDermitt aus Liebe wider die Vernunft ein direkter Vorfahre von Ian und Lachlan McDermitt aus der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe. Die Zwillinge haben Natalias funkelnd blaue Augen geerbt und zumindest Catriona auch ihr gutes Herz.

Was brachte dich auf die Idee zur Geschichte?

Lady Natalia Mannings begleitet mich bereits seit einigen Jahren. Sie ist die Tochter eines meiner ersten Paare, die ich romantechnisch verkuppelte: Nathan Mannings und Annabell Beaufort in Kein Duke zum Verlieben, was eine meiner ersten beendeten Geschichten gewesen war. Mit Amelie  aus Verliebt wider Willen hatte ich die Familie in die nächste Generation geführt und auch ihr älterer Bruder Lennart wurde von mir in Liebesnot gestürzt. Was war da näherliegend, als auch Natalia etwas nachzuhelfen? Zumal ihr Charakter dem ihrer Verwandten so entgegensteht, was zu völlig unerwarteten Verwicklungen führte.

Adeán entstand von selbst und er inspirierte mich zu der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe, bzw. deren Anfang Ein Schotte im Bett.

Würdest du selbst gern einmal in das Schottland der Vergangenheit reisen?

Auf keinem Fall! So romantisch es klingt, halte ich die Vergangenheit für ein viel zu gefährliches Pflaster – für eine Frau. In der Gegenwart jedoch hätte ich nichts dagegen, mir dort ein hübsches, abgelegenes Cottage anzuschaffen, in dem ich mich zurückziehen und schreiben kann.

Welchen Herausforderungen muss sich deine Protagonistin Natalia stellen?

Natalia ist überaus romantisch und hat sich fest vorgenommen, in ihrer Saison die große Liebe zu finden. Ntürlich hat sie gewisse Vorstellungen wie Er zu sein hat, leider ist sie recht naiv und vertrauensseelig. Sie wird feststellen, dass nicht alles Gold ist was glänzt und, dass echte Edelsteine auch mal freigeklopft werden müssen. Ihre Reise wird gefährlich sein, aber sie wird sich natürlich lohnen.

Wieviel (Un-)Vernunft braucht die Liebe?

Ich glaube, dass Liebe nur mit Unvernunft funktionieren kann. Jede rationale Einengung lässt sie schrunpfen, jeder Erklärungsversuch nimmt ihr ihren Schein. Die Herrausforderung ist natürlich, sich die Unvernunft der Liebe zu bewahren, während man eine Beziehung führt, die auf vernünftiger Basis fußt. Sein lassen, was ist, ohne auf das Drumherum zu schielen und es mit dem MUSS kompatibel machen. Eine verdammt schwere Aufgabe, die wesentlich schwieriger ist, als die, sich bloß zu verlieben .

Katherine Collins – Liebe wider die Vernunft

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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Liebe wider die Vernunft

1

Lady Natalia und die Liebe

London, Cormack House, Sommer 1815

Lady Natalia Mannings grinste zufrieden. Ihre Mutter, die Duchess of Kent, war in ein Gespräch mit ihrer Schwester, der Viscountess of Suffolk, vertieft und damit waren beide abgelenkt. Das traf sich hervorragend, denn Natalia hatte etwas recht Ungeheuerliches vor. Selbst für sie, die Tochter eines hoch angesehenen Dukes, war es ein Wagnis, sich mit einem Verehrer zu treffen. Privat. Aber es war etwas, was Natalias Herz schneller schlagen ließ. Was ihre Fantasie beflügelte und den Abend erst richtig aufregend machte. Sie traf sich heimlich mit einem Gentleman! Mit ihrem Galan! Mit ihrem etwas in Verruf gekommenen Verehrer, zumindest wenn man dem Gerücht Glauben schenkte, er sei ein Mitgiftjäger, wie Tante Marie erst kürzlich Natalias Mutter gegenüber verächtlich festgestellt hatte. Sie verkniff sich gerade noch zu kichern. Ihr Vater befand sich nicht in der Hauptstadt und so musste sie lediglich einem Dutzend Verwandter unbemerkt entrinnen. Aber das traute sie sich zu.

Sie sah sich um. Der Abend strebte seinem Höhepunkt entgegen und alle Anwesenden befanden sich im Ballsaal oder den angrenzenden Räumen. Die Flügeltüren zu der Terrasse und der Gartenanlage standen sperrangelweit offen und ließen hin und wieder einen Hauch kühler Abendluft herein.

Leichester hatte sie erst vor wenigen Augenblicken aus dem Saal gehen sehen. Charles. Sie erschauerte angenehm. Noch hatte sie nicht gewagt, ihn bei seinem Taufnamen zu nennen. Noch nicht. Die Zeit war dazu noch nicht reif, sagte sie sich. Bisher hatten sie sich lediglich ihr Sehnen eingestanden und ein paar zaghafte Küsse getauscht. Er war so ein vollendeter Gentleman!

Natalia seufzte verzückt und gelangte während ihres verträumten Rundumblicks wieder bei ihrer Mutter an. Es war Zeit. Sie wandte sich den Damen zu.

»Mama?« Sie berührte den Arm der Duchess leicht, die sich sofort zu ihr umwandte – eine Frage in den feinen Zügen. Natalia lächelte beruhigend.

»Ich habe gerade einen Blick auf Clarissa erhascht«, behauptete sie. Tatsächlich war sie sich recht sicher, dass sich die angeheiratete Cousine mit ihrem Gatten nicht in der Stadt aufhielt. »Und ich dachte, ich frage sie schnell, ob sie Nachricht von Amelie hat.«

Die Duchess runzelte die Stirn. »Clarissa?«

Sie wandte sich zur Schwester um, der Schwiegermutter besagter Lady. Lady Suffolk schüttelte den Kopf.

»Sie sind in Bath.«

Natalia biss sich auf die Lippe. Wie dumm, dass sie daran nicht gedacht hatte! Natürlich residierten Jonathan und Clarissa Beaufort in Beaufort House und damit wusste Tante Sarah genau Bescheid! Natalia suchte schnell einen anderen guten Grund, warum sie die Aufsicht der Mutter verlassen musste.

»Ich bin mir ziemlich sicher«, murmelte sie dabei und sah wieder in die Menge. Ihre Cousine fiel ihr ins Auge.

»Oh!« Schnell drehte sie sich wieder um und entdeckte Lady Argyll. »Cousine Marie! Sie weiß bestimmt etwas!«

Die Duchess of Kent hob eine schmale Braue. Roch sie den Braten? Nervös verkrampfte Natalia ihre Finger in ihrem Rock.

»Amelies letzter Brief war so nichtssagend!«, hob sie dünn hervor. »Findest du nicht?« Tatsächlich waren die Nachrichten der um ein Jahr älteren Tochter aus dem Hause Kent sehr dürftig ausgefallen. Ein jeder von ihnen lechzte nahezu nach Neuigkeiten.

Die Duchess seufzte. »Wie recht du hast, Natalia.« Dennoch schien sie Natalia nicht gehen lassen zu wollen.

»Es ist mir ernsthaft wichtig, Mama .«

Einen Moment blieb die Miene der Mutter abweisend, dann legte sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen.

»Also schön, mein Kind. Bitte halte dich nicht unnötig auf.«

Sollte heißen: Erlaubt wurde ein direkter Gang zur Cousine, die sie am besten gleich mit zurückbrachte.

Natalia verbiss sich ein Seufzen. Die Sorge der Mutter war nun in der Tat zu groß. Sie war auf einem Ball mit gut hundert Gästen. Überschaubar, zumal ein Großteil davon auch noch mit ihnen verwandt war!

»Natürlich, Mama«, versicherte sie schnell und machte einen Knicks, bevor sie sich gemessen umdrehte und langsam in die Richtung ging, in der sie Lady Argyll gesehen hatte. Um auf der sicheren Seite zu sein, bog sie erst im allerletzten Moment ab und verließ den Ballsaal durch eben die Tür, die auch Leichester genommen hatte. Ihr Herz pochte schnell und schneller in ihrer Brust und ein Grinsen lag fast schon schmerzhaft auf ihren Lippen. Ein närrisches Grinsen, das wusste sie sehr wohl. Aber Natalia wollte närrisch sein. Sie wollte das Himmelhochjauchzend! Ihre Schritte passten sich ihrem Herzschlag an und sie lief durch den schlecht beleuchteten Gang. Wo war er nur?

Natalia bog um eine Ecke und stoppte. Leichester stand am Fenster und sah hinaus. Sein blondes Haar wellte sich entzückend in seiner Stirn und über den Rand seines Justaucorps. Es juckte ihr jedes Mal in den Fingern, sie Hineinzugraben in sein sicherlich samtig weiches Haar. Letztes Mal hatte sie es sich nicht getraut, beim Kuss im Garten ihrer Cousine.

Er hatte sie noch immer nicht bemerkt und Natalia nutzte den Moment zur genügsamen Betrachtung. Er hatte sehr schmale Lippen, die er häufig auch noch verkniff. Es ließ ihn mürrisch wirken, wo er sonst doch so humorvoll war. Nicht nur die Lippen kniff er oft zusammen, auch die Lider, wodurch seine hübschen Augen nicht zur Geltung kamen. Sie waren leider nicht blau, sondern braun, aber das verzieh sie ihm gerne. Seine Nase hatte einen edlen Schnitt, wenn man das etwas knollige Ende übersah und sein Kinn war männlich, kantig. Na ja, nicht von der Seite betrachtet. Natalia runzelte die Stirn. Aus ihrem momentanen Blickwinkel war sein Kinn nicht kantig, sondern ein Doppelkinn! Natalia schalt sich energisch. Sie liebte ihn doch nicht, weil er hübsch war!

Um sich nicht weiterhin mit ihren dummen Gedanken beschäftigen zu müssen, trat sie schnell vor. Die Bewegung sicherte ihr seine Aufmerksamkeit. Er wandte sich um. Im ersten Moment meinte Natalia, einen alles anderen als angemessenen Gesichtsausdruck wahrzunehmen. Dann strahlte er sie an und sie schalt sich erneut.

»Natalia! Meine allerliebste Herzdame!« Er kam auf sie zu und ergriff die eilig gehobene Hand, um feste Küsse auf ihre Finger zu drücken. Dann auf ihren Handrücken. Er sah auf. »Wie verzaubert bin ich ein jedes Mal von Ihrem Anblick!«

Natalia atmete tief aus. Wie dumm sie war!

Sie lächelte zu ihm auf. »Lord Leichester.«

Sie brachte das Charles einfach nicht über die Lippen, aber vermutlich war dies noch immer nicht der richtige Moment.

Er zog sie sanft näher. Natalia ließ die Lider sinken und hob dabei ihr Kinn an. Sein Kuss war zart und sie seufzte verzückt. Es war perfekt! Es war Liebe! Ihr Herz erbebte und sie ließ sich enger in die Umarmung ziehen. Nach einigen weiteren Küssen, wobei seine Zunge sogar über ihre Lippen glitt, seufzte er tief. Natalia schlug die Augen auf und sah in sein betrübtes Gegenpaar.

»Stimmt etwas nicht, Mylord?«, hauchte sie erschrocken. Waren ihre Küsse nicht nach seinem Geschmack? Machte sie gar etwas fürchterlich falsch? War es so schlimm, dass sich seine Gefühle für sie änderten?

Leichester streichelte sacht ihre Wange. »Meine Holdeste!«

Das beruhigte sie zumindest ein wenig. Wenn sie ihm noch hold war, war doch alles gut. Warum dann diese Leichenbittermiene?

Sie runzelte die Stirn. Das passte so gar nicht in ihre Vorstellung. Sie sollten doch glücklich sein, in der Gesellschaft des jeweils anderen.

»Mylord, was trübt deine Ihre Stimmung?« Sie legte sacht die Hand auf seiner Brust ab und hielt dabei die Luft an. Wie vermessen, ihn zu berühren! Wieder durchfloss süße Aufregung ihre Adern und verdrängte die leise Furcht. Es war doch alles so herrlich aufregend!

»Meine süße Natalia, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen gestehen soll!«, offenbarte er und ihr wurde regelrecht kalt ums Herz. Etwas Schauderhaftes würde sie nun vernehmen, ganz sicher! Was mochte es sein? Hatte er einer Anderen die Ehe angetragen? Ihr Herz sackte ab. Wie konnte er ihre Liebe so beflecken? Oder war er gar gebunden? An eine Frau, die er nicht lieben konnte? Ihr Herz zog sich mitleidig zusammen. Wie fürchterlich musste er sich da nach ihr sehnen!

Er zog ihre Hände an seinen Mund und küsste eine nach der anderen inbrünstig.

»Natalia, es bricht mir gar das Herz!«

»Hush, Mylord, was kann Sie dermaßen betrüben?« Sie riss die Augen auf, in Erwartung einer Schauermär. Welch fürchterliches Unglück mochte zwischen ihnen stehen?

»So sagen Sie es mir! Lassen Sie mich nicht fürchten!« Gemeinsam konnten sie dem Schicksal trotzen!

»Es wird mir verwehrt bleiben, der Ihre zu sein!« Der Schmerz seiner Eröffnung stand ihm in die Miene gemeißelt. Natalia keuchte. Wie schrecklich! Tränen der Enttäuschung brannten in ihren Augen und perlten über ihre Wangen. »Oh!«

»Liebste!« Er riss sie zurück an seine Brust und Natalia keuchte einmal mehr. Dieses Mal unter seinem Ansturm. Er küsste sie verlangend und ließ ihr damit kaum Möglichkeiten zu atmen. Seine Zunge drängte sich zwischen ihre Lippen. Natalia erstarrte erschrocken.

»Oh holdeste aller Damen! Welch Unglück mich bedroht!«

Natalia keuchte an seiner Brust. Ihr Herz schlug wild und eine Gänsehaut überzog langsam ihren Körper. Das Atmen fiel ihr noch immer schwer, schien gar noch schwieriger zu werden, obwohl er sie nicht fest umschlossen hielt. Es schauderte sie und dieses Mal war es kein angenehmes Gefühl.

»Warum?«, wisperte Natalia, mit ihren merkwürdigen Empfindungen beschäftigt. War es Furcht?

»Ihr Vater wird mir mein Glück verwehren, Liebste. Er wird mir Ihre Hand verwehren«, offenbarte Leichester mit Grabesstimme. Er schob sie ein Stück von sich und hob ihr Kinn an. »Er wird mir nicht gestatten, meine wahre Liebe zu meinem Weibe zu machen!«

Natalia jauchzte auf. »So ist es Ihr Wunsch?«

Oh wie herrlich! Ihr Liebster trug ihr die Ehe an! Es war soweit! Der schönste Augenblick in ihrem Leben war gerade jetzt! Moment … Sie runzelte die Stirn. Sollte er nicht vor ihr knien? Sollte er ihr nicht seine immerwährende Liebe gestehen und ihr einen Ring überreichen, der seine Gefühle aufs Vortrefflichste symbolisierte?

»Aber ja! Es kann Ihnen nicht entgangen sein, wie sehr ich Ihre Gesellschaft herbeisehne!« Er hauchte ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen. »Ich wünsche mir nichts sehnlicher, meine Liebste, als Sie zu Lady Leichester zu machen.«

Nicht ganz, wie sie es sich erwünscht hatte, aber gut genug. Sie strahlte zu ihm auf.

»Oh, Charles!« Seine Brauen zogen sich irritiert zusammen und Natalia korrigierte sich schnell. »Leichester! Ich wünsche es mir ebenso!«

Er seufzte betrübt und entließ sie aus der Umarmung. Natalia stockte verwirrt. Sollte er sie nun nicht wieder küssen und ihr versichern, dass ihr beider Wunsch baldigst in Erfüllung ginge? Stattdessen wendete sich Leichester von ihr ab und fuhr sich durch das Haar.

»Oh, meine süße Natalia!«

Sie verstand nicht ganz, was nun vor sich ging. Sollte er ihr nicht versichern, dass er baldmöglichst ihren Vater aufsuchte, den Duke of Kent, ganz gleich, ob sich dieser auf ihrem Landsitz aufhielt oder in Timbuktu? Sollte er nicht ihre Hand ergreifen und zumindest ihre Mutter schon einmal auf seine Seite zu ziehen versuchen? Natürlich unnötigerweise, denn der Duke würde sicherlich ihrer Verehelichung mit einem Earl der britischen Krone zustimmen. Es sprach doch auch nichts dagegen, so Leichester nicht etwas immens Abträgliches verschwieg. Sie knetete die Hände.

»Mylord?«

Er sah über die Schulter zu ihr zurück. »Seine Gnaden wird mich zum Teufel schicken, Natalia.«

Lächerlich.

»Seine Gnaden wird zustimmen«, korrigierte sie selbstsicher.

Ihr Vater wünschte sich nur eines: dass seine Kinder glücklich wurden. Sie wäre überglücklich als Lady Leichester, dessen war sie sich sicher.

Leichester schüttelte betrübt den Kopf. »Natalia, meine Süße, vertrauen Sie meiner Einschätzung. Seine Gnaden wird ablehnen.«

Natalia öffnete den Mund, um zu widersprechen.

»Wir stehen nicht auf freundlichem Fuße, Natalia. Es ist eine alte Geschichte. Ein Missverständnis meinerseits, das gebe ich zu. Ich versuchte, mich zu entschuldigen, aber seine Gnaden wies mir die Tür.« Bedauernd schüttelte er den Kopf. »Ich fürchte, es ist aussichtslos!«

Natalia klappte der Mund auf. Das durfte nicht sein!

Sie schüttelte den Kopf. Es durfte nicht sein! »Leichester, ich bin mir gewiss …«

Sein glühender Blick ließ sie abbrechen. Es war mit Sicherheit keine Leidenschaft, eher schon Wut. Sie musterte ihn verblüfft. Es gab keinerlei Grund zu Zorn.

»Natalia!«, knirschte er und presste dann die Lippen aufeinander. Seine Miene klärte sich und er bat reuig um Entschuldigung. »Ich bin mir gewiss, meine Liebe, dass es mir verwehrt sein wird. Vertrauen Sie meiner Einschätzung.«

Er trat auf sie zu und nahm ihre Hand auf, um sie zu küssen. Dabei sah er dermaßen traurig auf sie herab, dass sie einfach seufzen musste. Und zustimmen. Obwohl es unsinnig war. Schlicht unsinnig.

»Natürlich vertraue ich Ihrer Einschätzung, mein Liebster!«

Er senkte den Blick. »Natalia …« Und runzelte die Stirn. »Ist es Ihnen ernst? Wollen Sie die Meine sein?«

Etwas ließ Natalia in ihrer freudigen Zustimmung innehalten und sie krächzte schließlich ein atemloses Ja. Dabei war ihr recht unbehaglich zumute. Leichester drückte wieder Küsse auf ihre Finger.

»Dann seien Sie mein!«

Verunsichert hielt Natalia den Atem an. Wie sollte sie dies verstehen?

»Geben Sie mir Ihr Versprechen. Reichen Sie mir Ihre Hand zum ewigen Bunde!«

Ihre unterschwelligen Befürchtungen zerstoben und sie lachte erleichtert auf. »Ja!«, rief sie, keineswegs um Heimlichkeit bemüht. »Ja, meine Hand soll die Ihre sein! Für ewiglich!«

Er jubilierte ebenfalls, nahm sie in den Arm und schwang sie herum, bis sie sich atemlos an seine Schultern klammerte. Dann setzte er sie ab und machte sie schummrig durch seine leidenschaftlichen Küsse. Nach einer Weile raunte er ihr zu: »Ich will nicht länger auf Sie verzichten müssen als unbedingt nötig.«

Natalia schloss zufrieden die Augen. Auch sie wollte keinen Moment länger auf ihn verzichten müssen. Auf ihr gemeinsames Leben. Auf ihre Zukunft als Lady Leichester. Sie seufzte zufrieden.

»Haben Sie irgendjemandem von mir erzählt?«

Natalia schüttelte den Kopf. Sie hätte, aber alles drehte sich derzeit um Amelie. Ihre große Schwester, die ihren Bräutigam vor dem Altar stehenließ und nun im selbstgewählten Exil lebte: im Kloster! Sie hatte Amelie von ihren Gefühlen zwar berichtet, aber keinen Namen genannt. Amelies Reaktion darauf stand noch aus, aber Natalia kannte die Schwester zu gut. Sie riete zur Vorsicht. Sie riete ihr ab, weil Leichester nicht vermögend genug wäre, nicht gut genug aussähe oder Amelie sonst etwas an ihm auszusetzen hatte. So war sie.

»Hervorragend!«, flüsterte Leichester zufrieden. »Belassen Sie es dabei, meine Liebste.«

Natalia runzelte die Stirn. Sie sollte ihre Gefühle für ihn verheimlichen? Das erschien ihr nicht richtig. Sie wollte ihr Glück mit jedem, den sie liebte, teilen!

»Aber …« Er unterbrach sie mit einem Kuss und als er die Forderung erneut stellte, stimmte sie mit einem Seufzen zu.

»Wir werden schnell agieren müssen, Liebste. Überraschend, damit uns niemand im Wege steht!« Leichester schob sie von sich. »Halten Sie sich bereit. In ein, zwei Tagen werden wir aufbrechen.«

»Aufbrechen?«, wisperte Natalia verwirrt und riss die Augen auf. Womöglich trieb ihre übersprudelnde Fantasie nun Schindluder mit ihr, aber es gab doch nur eine Erklärung für seine Worte: Das kleine schottische Dorf direkt an der Grenze, in dem man schnell und einfach, auch ohne die Zustimmung der Eltern, heiraten konnte: Gretna Green! Sie sah erschrocken zu ihm auf. Durchbrennen? Das war doch wirklich zu theatralisch. »Mylord«, sprach sie Leichester an und berührte dabei sacht seinen Arm. »Es ist doch nicht nötig, durchzubrennen.«

Er wandte sich um und einen Moment lang schien er ärgerlich, aber sein Ausdruck hellte sich sofort wieder auf. Trotzdem blieb Natalia vorsichtig, als sie fortfuhr. »Seine Gnaden wird mir meinen Wunsch erfüllen, dessen bin ich mir gewiss!«

Es gab schließlich keinen Grund, warum Leichester nicht akzeptiert werden sollte.

»Natalia!«, tadelte Leichester. »Es gibt nur diesen Weg!«

Sie hielt den Atem an. Sein hübsches Gesicht war unvorteilhaft verzogen. Glich nun mehr einer Fratze. Sie blinzelte und senkte das Kinn.

»Meine Liebe.« Seine Stimme war samtweich und troff vor erzwungener Geduld. »Diese Entscheidung müssen Sie treffen. Für mich oder gegen mich.«

Natalia riss die Augen auf. Welch Dilemma!

»Wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe, so folgen Sie mir!«

Sie biss sich auf die Lippe. Sie liebte ihn von Herzen. Sie seufzte. Vielleicht sollte sie es als Abenteuer sehen? Es war doch aufregend! Sie begeisterte sich für den Gedanken. Das Fortschleichen, die Flucht, die heimliche Hochzeit in einer malerischen kleinen Kapelle an der schottischen Grenze. Sie seufzte entzückt. Was für ein Abenteuer!

»Oh Leichester, natürlich folge ich Ihnen!«

Die Anspannung wich aus seinen Zügen und er war wieder ihr strahlender Verehrer. Die Liebe ihres Lebens! Natalia kicherte verzückt. Wie wundervoll das Leben war!

***


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Katherine Collins – Liebe wider die Vernunft

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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte für die Zukunft

Kapitel 1: Eine Reise in die Highlands

Meine Finger zitterten, als ich den Stift zurück auf den schmalen Tisch unter dem kleinen Fenster legte. Ich hatte soeben einen Brief an meine Mutter begonnen, in dem ich ihr von meinen Abenteuern der Hinreise berichten wollte. Aber es war schwieriger als erwartet, den richtigen Ton zu treffen. Ich wollte heiter klingen. Glücklich. Es sollte wirken, als machte es mir nichts aus, dass ich mich versehentlich nach Schottland verfrachtet hatte, anstelle Nordamerikas. Perth. Verflixt, warum gab es davon unendlich viele? Mich hatte irritiert, dass mein Zielflughafen Dundee hieß, was für mich eher nach Australien klang, gegoogelt und festgestellt, dass es ein Perth in England gab, eines in Australien und gleich zehn in Amerika. Tja, gelandet war ich nicht ganz so weit von zu Hause entfernt wie gewünscht, und leider unendlich weit weg vom Grand Canyon. Aber es hätte schlimmer kommen können, immerhin gab es hier Berge und man konnte sich in den Highlands ebenso gut verlaufen, wie in der Sierra Nevada oder wo auch immer genau der Grand Canyon lag. Zugegeben, geographisch war ich eine Niete. Eigentlich war ich generell eine, das wurde mir beim Überfliegen meiner Zeilen erneut bewusst.

Liebe Mama, es geht mir toll. Ich hatte eine tolle Reise, das Zimmer ist toll und die Leute hier auch …

Das glaubte ich mir nicht einmal selbst. Seufzend zerknüllte ich das Blatt und warf es in den Papierkorb. Nachdenklich starrte ich aus dem schmalen Fenster meines kleinen Zimmers. Es war urig, keine Frage, und womöglich hätte ich es sogar romantisch gefunden, wenn die Umstände anders lägen. Jemand anderes hätte vielleicht das unerwartete Abenteuer genossen, aber für mich verlief es typisch. Sogar zu dumm, um den richtigen Ort zu erwischen. Wer bitte schön plante einen Urlaub in den USA und landete in Schottland? Niemand mit ein wenig Verstand und das wiederum …

Meine Stirn spannte und der Schmerz nahm an Intensität zu, je länger ich auf das Blatt vor mir starrte. Einige fröhliche Sätze werde ich doch wohl hinbekommen! Ich spürte bereits jede Faser meines Körpers, so angespannt war ich, aber alles was sich regte, war mein Unmut. Komm schon, so schwer ist das nicht! Ich nahm den Stift und setzte ihn auf das Papier, um darüber zu kratzen.

Hallo Mama,

Guter Anfang für eine Zehnjährige! Sollte ich lieber Mutter schreiben? Oder Clara? Oder Mami? Nein, jetzt wurde es albern.

Du wirst nicht glauben, was mir Lustiges passiert ist.

War das zu offensichtlich?

Ich habe aus Versehen einen Flug nach Dundee in Schottland gebucht und nicht nach Amerika. Du kannst dir sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich keine zwei Stunden nach dem Abflug bereits landete und aussteigen sollte.

Das klang zumindest ganz nach mir. Unzufrieden kaute ich auf dem hinteren Ende meines Kugelschreibers herum. Es war sogar für meine Mutter offenkundig, dass ich wiedermal absolut unaufmerksam gewesen war, unbedacht und abgelenkt. Vermutlich könnte es sie warnen, aber es war ja auch ein Beweis. Weil mir solche Dinge eben passierten, würde sie es verstehen. Ja, ich sollte es genauso lassen.

Immerhin stand mein Mietwagen bereit und ich fand meine Unterkunft ohne weitere Probleme. Es ist ein süßes Cottage  einige Kilometer oberhalb von Dundee und es wird Dich beruhigen, zu hören, dass ich keinen Unfall provozierte, indem ich die falsche Straßenseite befuhr. Ich komme mit dem Linksverkehr hervorragend zurecht.

Sehr geschönt, aber zumindest nicht dreist gelogen.

Ich freue mich auf meine Spaziergänge durch die blühende Landschaft, denn ich habe beschlossen, das Auto stehenzulassen, wo es nur geht. Die Luft hier oben ist so klar, dass mich jeder Atemzug anregt …

Übertrieben? Wieder kaute ich auf dem Plastik meines Stifts herum und betrachtete meine geschriebenen Worte. War das glaubhaft? Immerhin hatte ich die letzten sechs Monate in Therapie verbracht, drei davon in einer geschlossenen Abteilung.

Schön, das Credo meiner Ärzte lautete: Bewegung und Aktivität, aber beides hatte meine Laune nie gehoben und war mir eher wie eine zusätzliche Last erschienen. Hatte ich das meiner Mutter gegenüber je erwähnt?

… vor die Tür zu gehen. Und ich habe Hunger wie ein Bär!!!

Gar nicht, aber Appetit sollte ein Zeichen dafür sein, dass man aus seinem Tief herauskam.

Deswegen werde ich auch hier eine Pause machen und erst einmal Frühstücken gehen. Vermutlich mache ich danach direkt einen Abstecher durch das Dorf und je nachdem, wie ich mich dann fühle, gehe ich spazieren. Ich muss sagen, ich kann es kaum erwarten, mich umzusehen.

Erneut ging ich durch den Text. Es klang heiter, fand ich, und ganz danach, als erfreute ich mich an meinem Urlaub. Also war es genauso, wie ich es meine Mutter Glauben machen wollte.

Mein erstes Frühstück in der Fremde, wie aufregend. Was wird es wohl geben? Ein englisches Frühstück? Ein kontinentales? Ich bin schon ganz hibbelig vor Aufregung!

Ich werde meine Kamera mitnehmen und dir die Bilder später per E-Mail zuschicken, damit du nicht auf meine Rückkehr warten musst, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es hier aussieht. Da fällt mir ein, ich sollte dringend eine Jacke kaufen, denn Schottland ist bedeutend kälter, als Nevada.

Eine Jacke war dringend nötig. Das Dorf lag nur ein paar Kilometer entfernt und da ich mich ohnehin sehen lassen wollte, war es sinnvoll, eine Einkauftour zu unternehmen. Ich malte gedankenverloren einen Smiley auf das Papier. Zwar sollte ich kein Geld mehr ausgeben, das meine Familie dringender brauchte, aber ich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, die alle anfallenden Kosten decken sollte. Seufzend legte ich den Stift zur Seite und schob den Stuhl zurück. Das Blatt lag mittig auf der Schreibtischoberfläche, ein Briefumschlag lag frankiert bereit und die Adresse meiner Mutter war ebenfalls notiert. Es wirkte, als wollte ich den Brief auf jeden Fall absenden. Ich musterte den Schreibplatz. Es sollte alles so wirken, als ginge ich nur kurz raus, um zu Frühstücken. Als käme ich definitiv wieder, um den Brief zu beenden, ihn abzuschicken und wundervolle Tage hier zu verbringen. Aber tatsächlich sahen meine Pläne anders aus. Mein Herz flatterte vor Aufregung und ich wandte mich ab, um den Rest des kleinen Zimmers in Augenschein zu nehmen. Das Bett war nicht gemacht und war so schmal, dass ich in der Nacht befürchtet hatte, jeden Moment hinauszupurzeln. Die Wolldecke hatte ich gebraucht, um mich warm zu halten, denn ich hatte den Fehler begangen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Es war eisig kalt gewesen, obwohl es Sommer war. Mein Schlafanzug — für die sengende Hitze Nevadas ausgewählt — war kurzärmelig und aus Seide. Er lag auf dem Boden am Fußende in kleinen Pfützen. Mein Koffer war ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, schließlich hatte ich mich fünf Tage hier eingemietet.

Neben der Tür stand eine wacklige Kommode, auf der mein Schminktäschchen lag, inklusive Zahnbürste, Duschzeug und Haarbürste. Meine Handtasche hing am Haken an der Tür, in ihr meine Kamera und mein Handy und damit alles, was man für einen Spaziergang brauchte. Das Zimmer durchquerend nahm ich sie ab und wandte mich erneut dem Raum zu. Mein Blick glitt kritisch über das Mobiliar. Über dem Fußende des Bettes hing ein Badetuch zum Trocknen, ansonsten lag nur noch mein E-Book Reader auf dem Tischchen neben dem Bett.

Es sah so aus, als wäre ich nur kurz raus. Tief einatmend zog ich die Tür auf und hinter mir wieder zu. Es war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Hände zitterten noch immer und machten es schwierig, den Schlüssel zu drehen. Unten vernahm ich regen Betrieb und auch auf dem Flur war ich nicht allein. Ich zwang ein Lächeln auf meine starren Lippen und nickte dem Pärchen zu, das an mir vorbeikam. Ich folgte ihnen mit Abstand. Die Rezeption befand sich direkt am Fuß der Treppe und daneben führte ein schmaler Gang zum Frühstücksraum. Die Wände waren mit gestreiften Tapeten beklebt, die verblichen und speckig wirkten. Nicht hübsch, aber für den Preis, den ich hier pro Übernachtung zahlte, zu verwinden. Der Raum, in dem das Essen serviert wurde, war proppenvoll und laut. Stimmen schwirrten hin und her, Geschirr klirrte und über allem lag ein geschäftiges Summen. Es gab ein Buffet an der rechten Seite, das nicht sonderlich abwechslungsreich aussah. Weißbrot, Marmelade und Ei. Aber im Preis inbegriffen, da wollte ich nicht murren. Ich nahm mir ein Tablett, häufte mir Brot und Aufstrich auf den Teller und spendierte mir eine große Tasse Kaffee, bevor ich mich nach einem Sitzplatz umsah. Aussichtslos, wenn man gerne für sich war. Da ich aber einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck hinterlassen wollte, zwang ich meine Lippen erneut in ein Lächeln und suchte mir absichtlich einen Tisch aus, an dem viel Betrieb herrschte.

„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eilig wurden Jacken zur Seite geschoben, um mir Platz zu machen und ich bedankte mich überschwänglich. Obwohl ich mich innerlich wand, fragte ich nach der Herkunft der Gruppe und tat angetan von ihren Ausflugszielen. Eigentlich wollte ich wieder in mein Zimmer, so schnell wie möglich die Tür hinter mir zuschlagen und mich in mein Bett verkriechen. Allerdings lief dies konträr zu meinen Plänen, die ich nun schon zu lange und ausführlich ausgearbeitet hatte, um sie nicht in die Tat umzusetzen. Schließlich wusste ich, dass, sollte ich meinem Bedürfnis nachgeben, ich vermutlich tagelang nicht wieder aus dem Bett kam, geschweige denn, mich zu mehr aufraffen könnte, als den Fuß auszustrecken. Wenn ich es heute nicht tat, gefährdete ich den Erfolg meines Vorhabens und landetet vermutlich sehr bald wieder in einem Krankenhaus. Gezwungen, jeden Tag aufs Neue anzugehen und weiterzukämpfen, wo ich doch längst keine Energie mehr hatte. Oder auch nur den Wunsch zu kämpfen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Teller anstarrte. Meine Mundwinkel waren herabgesackt, als hingen Gewichte an ihnen und meine ganze Haltung wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Ich nannte es die „Häufchen Elend-Stellung“. Schnell streckte ich das Rückgrat durch und setzte wieder ein Lächeln auf. Ich musste glücklich und zufrieden wirken, das war wichtig. Denn ich hatte beschlossen, dass mein Abgang meiner Familie einen kleinen Trost bringen sollte. Aber die Versicherung zahlte nur bei einem Unfall. Es durfte also nichts darauf hindeuten, dass Absicht dahinterlag. Damit hatte ich mich nun fünf Monate lang beschäftigt und es hatte mir genügend Schub gegeben, meinen Alltag zu bewältigen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte mir alle Statuten der Versicherung wieder und wieder durchgelesen, um ja keinen Fehler zu begehen. Fünfundzwanzigtausend Euro. Sicher wüsste meine Schwester, was sie damit anfinge und meine Mutter? Mein Kaffee schwappte gegen meine Lippen, weil meine Hände immer noch bebten. Ich war aufgewühlt, was ich selbst nicht ganz verstand. Ich hatte es mir doch ganz anders ausgemalt. Die ersten Gäste verabschiedeten sich und ich wünschte ihnen winkend einen schönen Tag.

„Und wohin werden Sie gehen?“, fragte mich mein Sitznachbar, ein untersetzter Mitdreißiger, der am Vortag zur selben Zeit angereist war wie ich.

„Erst einmal ins nächste Dorf. Ich habe meine Jacke zu Hause liegengelassen in der ganzen Aufregung und es ist hier bedeutend kühler, als erwartet.“ Meine Wangen schmerzten und ich versteckte die Region schnell hinter meiner Tasse, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.

„Oh, ja, das Wetter hier oben ist immer für eine Überraschung gut! Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Bis Little Dunkeld vielleicht? Es liegt auf meinem Weg, ich werde heute den Cairngorms National Park unsicher machen.“ Er grinste breit, wodurch seine Wangen in Schwingung gerieten.

„Wie freundlich“, murmelte ich, obwohl ich ihn eher als aufdringlich empfand. Aber natürlich war mir bewusst, dass es an mir lag. Ich war das Problem, nicht mein Umfeld, das hatte ich in der Therapie gelernt. Meine Empfindungen trafen nicht zu, waren falsch gepolt und trafen nur — und das war entscheidend — auf mich zu. Jeder andere — normale — Mensch, sah es anders und dies machte mein Leben so ungemütlich. Niemand verstand meinen Wunsch, allein zu sein, obwohl ich mich nach Gesellschaft sehnte. Niemand verstand, dass ich wirklich nicht konnte, selbst wenn ich wollte. Und das nicht, weil ich mich nicht bewegen konnte, nein mein Körper war, was Mobilität betraf, völlig in Ordnung, es war mein Geist, der nicht mitspielte.

„Es wäre mir ein Vergnügen!“, strahlte mein Sitznachbar und streckte die fleischige Hand aus, um meine zu tätscheln. „Vielleicht hätten Sie auch Lust, mich in den Nationalpark zu begleiten? Einkaufen kann man immer noch und ihr Frauen habt stets genug eingepackt!“ Er lachte schallend und klopfte dabei wieder meinen Handrücken. „Nicht wahr?“

Das war wohl relativ. Selbstverständlich hatte ich genug eingepackt. Wenn ich eine Woche verreiste, packte ich auch für eine Woche. Plus Ausgehen, plus Regen, plus durchgeschwitzt und natürlich auch etwas extra, für den Fall, dass man sich einsaute. Shit happens, darauf sollte man vorbereitet sein. Vielleicht zukünftig auch auf falsche Reiseziele? Ach nein … Mein Blick senkte sich auf meine zittrigen Finger und auch mein aufgeklebtes Lächeln rutschte. Zukünftig konnte ich streichen.

„Leider“, krächzte ich und musste mich räuspern, um fortfahren zu können. „Leider bin ich für einen Spaziergang im hiesigen Wetter nicht gut ausgerüstet und benötige tatsächlich zunächst den Einkaufsbummel. Ich nehme Ihr Angebot, mich zum nächsten Ort mitzunehmen, gerne an.“

„Wundervoll! Es gibt einen Outdoorausstatter direkt am Ortseingang. Da werden Sie mühelos eine warme Treckingjacke auftreiben können. Ich begleite Sie.“ Er streckte die Hand aus, die fast in meinem Gesicht landete. „Ich bin Gregor Krummbiegel.“

Na herrlich. „Vanessa Hagedorn.“ Notgedrungen schüttelte ich seine Hand.

„Aus der Heimat!“ Er wechselte wie selbstverständlich ins Du. „Ich liebe die Highlands, aber die Leute hier …“ Er schnalzte. „Da freue ich mich besonders, deine Bekanntschaft zu machen. Du bist auch alleine hier, zum Wandern? Dann wirst du den Park lieben, das versichere ich dir!“

Oh nein. Nie war mir klarer, dass ich einfach keine Menschen mochte, wie wenn mir ein solches, energisches Exemplar gegenübersaß. Jemand, der generell mitriss, übertönte meinen Protest für gewöhnlich und drängte mich zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Daraus resultierte immer Frust und der Wunsch, dass alles endlich sein Ende fand. Eine Spirale, die sich leider nur zu schnell drehte und mich mit sich in den Abgrund riss. Gedrückt seufzte ich auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Also, ich schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten unten? Ich muss noch in meine Wanderstiefel.“ Er hob den linken Fuß, um mir seine Schlappen zu präsentieren und die weißen Socken, die in ihnen an seinem Bein hafteten und zwar typisch deutsch: hochgezogen bis zur Mittelwade. Fast hätte ich das Angebot ausgeschlagen und wäre schreiend davongelaufen, aber die Erinnerung, dass ich gesellig und gutgelaunt erscheinen musste, holte mich noch rechtzeitig ein.

„Wie wundervoll, danke.“ Ich behielt das Lächeln bei, als er ging, schließlich war ich noch immer nicht allein, auch wenn die anderen Gäste mir höchstens einen Blick zuwarfen und mir kein Gespräch aufzwingen wollten. Seufzend starrte ich betont fröhlich — meine Gesichtsmuskulatur war schmerzhaft verzogen und offenkundig sträflich unterentwickelt — in meinen Kaffee. Vermutlich mein letzter. Trotz des trüben Gedankens wurde mir wesentlich leichter ums Herz. Ich war im letzten Jahr wieder bei meiner Mutter eingezogen, wodurch niemand die Last haben wird, meine Wohnung ausräumen zu müssen. In meinem Zimmer war alles thematisch geordnet. Altkleider, Altpapier, Sperrmüll. Bett, Schrank und Schreibtisch konnten wiederverwendet werden, so Mutter das Zimmer als Gästezimmer behielt wie zuvor.

„Vanessa!“

Ich sah auf und entdeckte Gregor, der mir aufgeregt zuwinkte. Es war dann wohl soweit. Der letzte Schluck war kalt und schmeckte abscheulich, nun, es fiele mir zumindest nicht schwer, nie wieder Kaffee zu trinken. Mein Tablett stellte ich brav in die dafür vorgesehene Halterung ab und trottete dann zu meinem unerwünschten Reisepartner.

„Nanu, willst du dich nicht umziehen?“ Seine Augen glitten an mir herab. Da ich nur eine kurze Hose trug und dazu eine leichte Bluse, konnte ich seine Verwunderung verstehen. Immerhin waren die Wanderschuhe brauchbar.

„Ich sagte doch, ich muss dringend shoppen.“

Erneut sah er an mir herab, grummelte etwas, und deutete dann zum Ausgang. „Na dann. Little Dunkeld wartet.“

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber es lohnte sich nicht, darüber einen Ton zu verlieren. „Es ist sehr freundlich, dass du mich mitnimmst.“ Was konnte ich noch sagen? „Ich wäre auch gelaufen, aber vermutlich hätte ich ziemlich gefroren.“

„Es wird wärmer werden, schließlich ist noch Sommer!“ Er hielt mir die Tür auf.

„Danke.“ Ich musste auf ihn warten, weil ich nicht wusste, wo er geparkt hatte.

„Hier vorne.“ George deutete auf einen kleinen Fiat und ging um den Wagen herum, um die Fahrertür zu öffnen. Meine Tür hakte. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Privatwagen handelte, war das Lenkrad doch auf der richtigen, sprich linken Seite angebracht. Zudem war der Wagen, freundlich ausgedrückt, zugerümpelt. Gregor beugte sich ächzend auf den Beifahrersitz und gab meiner Tür einen festen Schubs. „Klemmt hin und wieder!“

Der Innenraum roch penetrant und ich bereute erneut, zugestimmt zu haben, trotzdem rutschte ich in den Sitz.

„So, Little Dunkeld, wir kommen!“ Er fuhr an, bevor ich angeschnallt war, was meinen Herzschlag beschleunigte. Angst. Wie dämlich. Schön, wenn er einen nicht tödlichen Unfall provozierte, hatte ich ein Problem, aber das war nicht die Ursache meiner Angst. Was war denn nur los? Ich versank in sinnendem Schweigen. Diese ganze Reise diente lediglich diesem einen Zweck: meinem unauffälligen Selbstmord. Angst zu sterben wäre da nicht sonderlich hilfreich.

„Ich komme jedes Jahr her“, informierte Gregor mich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hob schnell die Mundwinkel.

„Oh, tatsächlich?“

„Die Gegend ist so heimelnd, so beeindruckend …“

„Ah.“ Mein Nicken begleitete mein Brummen.

„Ich war bereits auf den inneren und äußeren Hebriden, in Edinburgh, Glasgow und Inverness …“ Er warf mir einen Blick zu. „Island und Irland.“

„Ah.“ Wieder nickte ich. „Wie interessant!“

„Aber nirgends ist es so beeindruckend wie hier.“

In Dundee? Was ich bisher gesehen hatte, traf auf diese Beschreibung nicht zu. Eher eintönig, ländlich, unspektakulär. Irritiert richtete ich meinen Blick nach vorn und versuchte die Gegend mit einem anderen, vielleicht bunteren, Blickwinkel zu betrachten. Die Straße schlängelte sich vor uns ins Endlose. Wiesen säumten sie an beiden Seiten, es war eine enge Landstraße ohne Seitenbefestigung und führte bergauf. An manchen Stellen wuchsen Steinmauern aus dem Boden und grenzten das Land ab. Tiere grasten selbstvergessen wohin man auch sah. Vornehmlich braune, langhaarige Rinder mit langen seitlich wachsenden Hörnern, aber auch Schafe mit schwarzem Kopf und weißem Körper.

„Es wirkt … idyllisch.“ Wobei idyllisch ein Synonym für langweilig war.

„Wenn man durch den Park wandert, ist es, als sei man völlig allein auf der Welt!“

Na, mit dem Gefühl kannte ich mich nur zu gut aus! Einsamkeit, Abgeschottetheit, absolute Isolation. „Klingt … angenehm.“ Zumal ich schnell panisch wurde, wenn ich in Gesellschaft war und nicht weg konnte. Familientreffen waren das absolute Horrorszenario. Lauter Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte, und deren Gesellschaft ich nicht entrinnen konnte. Wenn ich mich zurückzog, erntete ich lediglich Unverständnis. Niemand verstand, dass ich es einfach nicht ertrug. Es war zu laut, zu wuselig, zu viele Dinge, die auf einmal auf mich einprasselten.

„Es ist herrlich!“, versicherte Gregor und ging in eine scharfe Kurve. „Und man entdeckt immer etwas Neues!“

Wie Todesangst?

„Schau, dort im Tal ist Little Dunkeld.“

Es kostete mich einiges an Überwindung, seinem Fingerzeig zu folgen und die Augen von der Straße zu nehmen. Das Dorf duckte sich in das Tal, wurde gesäumt von blühenden Feldern und durchzogen von schmalen Wegen. Malerisch, vermutlich, nur stand mir nicht der Sinn nach hübschen Anblicken. „Sieht nicht nach einer Shoppingmetropole aus.“

Keine fünf Minuten später hielten wir auf dem unbefestigten Parkplatz hinter dem von ihm angepriesenen Outdoorgeschäft. Gregor schnallte sich ab.

„Gregor, ich möchte dich nicht weiter aufhalten.“

„Ach.“ Er winkte ab. „Die paar Minuten habe ich übrig.“

Minuten, tja, da behielte ich wohl recht, so schwarzseherisch meine Vorstellung auch gewesen war. „Gregor, es war sehr nett von dir, mich herzubringen, aber ich werde länger brauchen, um etwas auszusuchen. Ich mag nicht gehetzt werden und aufhalten möchte ich dich auch nicht.“

„Ich hatte gehofft, dass wir gemeinsam durch den Park spazieren.“

„Nicht heute“, beschied ich mit schlechtem Gewissen und wich seinen Augen aus. Die Erleichterung, dass er einknickte, konnte ich aber nicht verhehlen. „Ein andermal.“

„Schön, dann sehen wir uns!“ Ich sah ihm noch nach, wie er mit seinem kleinen Fiat davonstob, bevor ich den Träger meiner Handtasche über meinen Kopf hob und meine Bluse glattstrich. Allein, endlich. Mein Herz begann zu flattern und ich drehte mich um. Oh je. Die Sache mit dem Mut war die, dass er sehr schnell abhandenkam und sich leider nicht sammeln ließ, noch herbeibeschwören. Zittrig schob ich eine Strähne meines hellbraunen Haares aus der Stirn und steckte sie hinter mein Ohr. Mir war nicht nach Shopping, ganz sicher nicht. Ich wollte eigentlich nur zurück in das Cottage und in mein Zimmer, um mich dort in meinem Bett zu verkriechen. Aber soweit war ich heute schon gewesen. Es bedeutete das Ende meiner Pläne und damit auch, weiter kämpfen zu müssen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute … Und diese Aussicht war viel schrecklicher, als jene, nun dieses Geschäft betreten zu müssen. Für einen so kleinen Ort war es ein überraschend großer Laden mit erschreckender Auswahl an Jacken. Zum Glück war ich getrieben, wegzukommen, weshalb ich mir keine großen Gedanken um Material und Funktionalität machte. Wozu auch, schließlich musste sie mich nicht lang warmhalten. Eine Karte des Nationalparks und etwas zu trinken gesellte sich zu meinem Einkauf und schon stand ich wieder auf dem unbefestigten Hof. Tiefdurchatmend sah ich mich um. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und suchte meinen Standort nach einigen ratlosen Momenten auf der riesigen Karte, ohne ihn zu finden. Es war nicht einfach, irgendetwas zu erkennen, der leichte Wind schlug unablässig gegen das lose Papier und behinderte meinen Versuch, mich zurechtzufinden. Entnervt schlug ich die Arme nieder und bemerkte einen klapprigen Bus, der langsam über den Asphalt vor mir zuckelte. Er hielt ein paar Meter weiter an einer Laterne, die ich nicht als Haltestelle identifiziert hatte. Ohne darüber nachzudenken, lief ich los und erreichte den Bus, als die Vordertür gerade quietschend zuging. Ich schlug gegen die Seitenwand.

„Hey!“

Er fuhr an. Wieder schlug ich gegen die Wand.

„Hey, ich will mitfahren!“ Wo auch immer es hinging.

Überraschenderweise hielt das Gefährt und die Schwingtüren öffneten sich. Schluckend stieg ich ein. „Hallo.“

„Halò.“

„Eine Fahrt?“ Die Karte musste ich ungefaltet in meine Handtasche stopfen, um meine Hände freizuhaben und mein Geld abzuzählen. In meiner Reisetasche befanden sich einige Dollar, die mir hier nicht weiterhalfen, aber zum Glück hatte ich einen Teil meiner Barschaft am Flughafen wechseln können, obwohl ich den Kurs als horrend empfunden hatte. „Was macht das?“ Hitze wallte in mir auf und ich musste mich räuspern. „Wie viel kostet die Fahrt?“

Er nannte mir eine Summe und ich hielt ihm zehn Pfund hin.

„Nur passend.“

Innerlich fluchend fischte ich nach Münzen und warf sie in den Schlitz. Ich erhielt nicht einmal einen Fahrschein. Als er anfuhr, verlor ich das Gleichgewicht und stieß gegen einen Passagier. Eine Entschuldigung murmelnd, torkelte ich weiter und fiel auf einen Sitz. Die Fahrt wurde nicht angenehmer, im Gegenteil, ich wurde ordentlich durchgeschüttelt.

Mit jedem Meter kam ich meinem Ziel näher, ganz gleich, wo es nun lag, denn ob ich in den Loch sprang, oder von einem Berg stürzte, war letztlich gleich.

Kapitel 2: Am Rande des Abgrunds

Als ich aufschreckte, stand die Sonne schon tief, was mich verwunderte. War ich nun hin und her gegondelt? Der Fahrer hätte mich wecken müssen! Mein noch verschlafener Blick offenbarte ein gewohntes Bild: Heide. Trotzdem war es merkwürdig, hinauszusehen und das Panorama zu mustern. Ich war gestern zirka eine Stunde vom Flughafen Dundee aus bis zu meiner Unterkunft gefahren und hatte mich derweil an die Gegend gewöhnt, dachte ich, aber nun sah alles so anders aus. So wild und ungezähmt. Bergig. Wo war ich hier nur gelandet?

Der Bus bog um eine Ecke schwarzen Gerölls und die Sonne, die zuvor von der Bergwand blockiert worden war, fiel mir in die Augen. Schnell wandte ich mich ab und blinzelte, weil ich nur noch gleißendes Orange und Gelb sehen konnte. Zumindest fuhren wir sehr gleichmäßig und die Straße war besser, als die, die ich bisher mitbekommen hatte. Mein Blick fiel aus dem Fenster gegenüber, nachdem ich die abgewetzten Sitze wahrgenommen hatte, und der Ausblick ließ mich erneut blinzeln. Wasser. In einiger Entfernung spiegelte sich die Sonne auf graublauem Wasser!

Loch Ness? Nein, es gab kein gegenüberliegendes Ufer, soweit ich sehen konnte. Ach verflixt! Woher sollte ich wissen, wo ich war, wenn ich nicht einmal in der Lage war, einen Flug zu buchen, so dass ich ankam, wo ich hinwollte!

Über mich selbst verärgert griff ich nach der Rückenlehne, um mich aufzustützen. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Halt war, aber ich wollte raus. Allerdings gab es noch ein Problem: Wie drückte man seinen Haltewunsch aus, wenn es nirgends einen Schalter gab?

Der Bus raste um die nächste Kurve und nahm das blendende Licht aus dem Fahrgastraum. Hilfreich war das nicht, denn noch immer konnte ich keine Knöpfe ausmachen, die man drücken konnte, und auch keinen weiteren Fahrgast. Notgedrungen hangelte ich mich an den Sitzlehnen nach vorn zu dem Fahrer.

„Verzeihung, ich würde gerne aussteigen, wann ist das möglich?“

Zunächst wirkte der untersetzte Mann, als ignoriere er mich, dann ging aber ein Ruck durch ihn, er riss das Lenkrad rum und schleuderte mich dabei nach vorn. Ohne die Plastikwand zwischen uns, wäre ich ihm auf den Schoß gefallen. So landete ich schmerzhaft an dieser Barriere und rutschte an ihr Richtung Windschutzscheibe. Hinter mir zischte es, dann gab es ein Knirschen und ein Hauch kühle Luft strich über meine Waden.

„Nicht im Ernst!“

Ich wischte mir den Sabber von der Wange, den ich auch großzügig an der Plexiglaswand verteilt hatte, und drehte mich um.

„Also?“, schnarrte der Fahrer und gab mir damit einen Schubs. Schnell stieg ich aus und drehte mich wieder dem Bus zu, der bereits die Türen schloss und anfuhr, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Freundlich.

Ich sah der Wolke hinterher, in der meine Mitfahrgelegenheit verschwand. Gestrandet. Aber das machte auch nichts. Gut, ich wurde langsam hungrig, müsste auch mal Wasserlassen und müde war ich sowieso.

Tja, da war ich also. Irgendwo, was absolut in Ordnung war, schließlich war der Ort unwichtig. Schnuppe. Egal. Erneut ließ ich den Blick wandern. Der Asphalt glänzte im strahlenden Sonnenlicht, die blühende Heide hatte eine eigene Magie, die mich allerdings nicht lang gefangen nahm. Ich war zu müde, um irgendetwas zu bewundern, zu ausgelaugt.  Ich machte mich auf den Weg. Mein Ziel stand mir deutlich vor Augen. Es gab eine Steilküste, vermutlich war sie nicht gesichert und man konnte — wenn man unvorsichtig war — abrutschen. Perfekt. Der Gedanke gab mir Aufwind und meine Schritte wurden leichter. Ich hüpfte fast durch das kniehohe Gras, ließ die Hände über deren Spitzen gleiten, dass es kitzelte und hatte auch — was besonders hervorzuheben war — ein Summen auf den Lippen. Bald hatte alles sein Ende. Bald, hatte ich Ruhe, müsste mich nicht mehr von einem Tag in den nächsten schleppen, ohne die Aussicht auf Besserung. Meine elende Existenz fand ein Ende. Herrlich!

Der Wind spielte mit meinem Haar, als ich endlich die Klippe erreichte und schlug es mir ins Gesicht. Mein Rücken schmerzte, war meine Umhängetasche doch denkbar ungeeignet für längere Spaziergänge und schnitt mit seinem zu schmalen Gurt in meine Schulter. Ich ließ sie zu Boden gleiten, balancierte sie einen Moment auf meinen Zehen, bevor ich den Gurt um meine Finger wickelte und den Blick geradeaus richtete. Der Horizont verschwamm mit dem rauen Meer. Salz lag auf meiner Zunge und zog auch in mein Haar ein, das sich langsam zu kringeln begann.

Möwen kreisten über dem Wasser und schrien. Hinter mir blökte es, was mich nicht aufschreckte, schließlich hatte ich während der Fahrt dutzende Herden Rinder wie Schafe durch das Land ziehen sehen, und was sollte schon passieren? Dass ein Schafsbock mich schubste? Meine Lippen bogen sich zu einem wahrhaft belustigten Grinsen. Upps, vom Schaf ins Jenseits bugsiert. Die Sonne brannte auf meinen Wangen, auch wenn sie sonst nicht gerade wärmte, und zusammen mit dem böigen Wind, der ständig an mir riss, war es eine merkwürdige Kombination. Ich streckte den Hals, um noch einige Sonnenstrahlen einzufangen. Es hieß, dass Bewegung und Licht halfen. Meine persönliche Erfahrung war da gegenteilig. Wenn ich mich dazu zwang, vor die Tür zu gehen oder ins Fitnesscenter, um Sport zu betreiben, dann fühlte ich mich danach eher wie durch die Mangel gedreht, ganz gleich wie gut oder schlecht das Wetter war. Auch Gesellschaft, Gespräche oder sonstige Geselligkeit taten mir nun mal nicht gut. Ich fühlte mich danach stets — und zwar ausnahmslos — wie gerädert.

Ich atmete tief ein, genoss das würzige Aroma, lauschte der Brandung unter mir und lockerte meine Finger um den Gurt meiner Tasche. War vielleicht ganz gut, wenn man sie hier oben fand, dann wusste man, dass etwas passiert war, auch wenn meine Leiche nicht so bald an Land gespült werden sollte. Mein Fuß schob sich langsam vor, ich spürte, wie das Erdreich unter ihm nachgab und abbröckelte. Ein Ende. Den Kopf in den Nacken legend, beugte ich mich vor. Es tat so gut, es war so befreiend, dass ich hätte lachen mögen. Endlich, nach über drei Jahren spürte ich wieder so etwas wie Glück. Noch einen kleinen Schritt und ich verlöre das Gleichgewicht.


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Mehr aus der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe:
Ein Schotte im Bett (Band 1)
Ein Schotte zu viel (Band 2)
Ein Schotte wider Willen (Band 3)