Mord à la provençale: Darina Lisles siebter Fall

Stuttgart, Juni 2018Janet Laurence lässt die Protagonisten ihrer Cosy-Mystery-Krimis gerne mit feinem britischen Humor ermitteln. In der Darina Lisle-Reihe darf der Leser dabei nicht nur gerne miträtseln. Leser, die eine Leidenschaft für das Kochen haben, werden ebenfalls auf ihre Kosten kommen, denn Hobby-Ermittlerin Darina Lisle ist Kochbuchautorin!
In ihrem siebten Fall verbringt die britische Kochbuchautorin Darina Lisle mit ihrem frischgebackenen Ehemann, Detective Inspector William Pigram, ihre Flitterwochen im Süden Frankreichs. Dort treffen die beiden auf eine Reihe interessanter, britischer Auswanderer, die das sonnige Leben in Südfrankreich genießen. Darunter auch Kochguru Helen Mansard, die darauf besteht, Darina und William zum Mittagessen einzuladen. Helens Partner, Bernard Barrington Smythe, Havariekommissar der Londoner Versicherungsbörse im Ruhestand, zeigt ihnen seine neuste Errungenschaft: eine Ölmühle, mit der er ein Vermögen machen will. Doch dann kommt es in dieser zu einem Todesfall und Darina und William ermitteln Seite an Seite …

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Tod in Südfrankreich: Meisterköchin Darina Lisle und ihr frisch angetrauter Ehemann Inspector William Pigram verfolgen diesmal gemeinsam, mitten in ihren Flitterwochen, einen Mörder! Auch in ihrem siebten Fall wird wieder mit Finesse und klassisch britischem Humor ermittelt.

Mord à la provençale

Kapitel 1

Der Kuchen leuchtete golden in der Sonne und triefte vor Köstlichkeit. Alles an ihm, seine runde Form, seine satten Farben und die vom Sirup glänzenden Streusel, versprach Süße und Gehalt, eine üppige und verschwenderische Befriedigung.

„Süßer Honigkuchen für ein süßes Paar in den Flitterwochen“, sagte Helen Mansard, während sie ihn auf den Tisch stellte.

Sie war eine kleine Frau Ende vierzig, ihr wallendes Haar türmte sich auf ihrem Kopf auf, ihre Haut war wie die eines reifen Pfirsichs und ihre Figur war zierlich, aber mit großzügigen Kurven. Die großen, hellblauen, lachenden Augen und der breite Mund mit einer Unterlippe wie ein saftiges Stück Mango verliehen ihrem runden Gesicht Anmut.

Darina sog den süßen Duft ein, der von dem Kuchen aufstieg. „Der ist so berauschend wie Wein“, sagte sie. „Und wir sind schon betrunken!“ Sie lächelte den Mann an, der neben ihr auf der mit Kissen bedeckten Bank saß. Sie wirkte entspannt, ein Hinweis darauf, dass sich die Hochzeit als angenehme Überraschung herausgestellt hatte.

Darina Lisle war jetzt Darina Pigram. Der neue Nachname war zwar keine Verbesserung, dafür aber alles andere am Verheiratet-Sein. Sie strahlte Glückseligkeit aus. Das verlieh ihrem einfachen, guten Aussehen wirkliche Schönheit, ließ ihr langes, blondes Haar, das ihre Schultern umwehte, glänzen, milderte die Wirkung ihrer über ein Meter achtzig hohen Figur und lenkte die Aufmerksamkeit vom kompromisslosen Blick in ihren grauen Augen ab.

Darina betrachtete noch mal den Kuchen. Warum ließ der Ring, der vor vier Tagen auf ihren Finger geglitten war, alles in diesem goldenen Licht erscheinen? Sie hatte vor der Hochzeit schon ein Jahr mit William zusammengelebt, hatte geglaubt, ihn durch und durch zu kennen und dass die Hochzeit ihre Beziehung lediglich förmlicher machen würde. Stattdessen schien es, als hätte vertrautes Essen neue Geschmäcker angenommen.

„Ich dachte immer, frischvermählte Paare sollten die Flitterwochen allein auf einer einsamen Insel verbringen!“ Bernard Barrington Smythe, das vierte Mitglied ihrer Mittagsrunde, ersetzte die Weingläser durch Sektflöten und öffnete eine Flasche Champagner. Sein schütteres Haar war von einem Panama-Hut bedeckt, um den Kopf vor der Sonne zu schützen. Der Hut warf einen Schatten auf seine rotblonden Augenbrauen, die blasse bernsteinfarbene Augen beschützten, wie kleine Pflanzen, die an einer Felskante wachsen.

„Ich habe das immer für eine entsetzliche Vorstellung gehalten.“ Helen schnitt den Kuchen an und platzierte die Stücke auf provenzalischen Fayence-Tellern. „Alleingelassen zu werden ist wirklich das Letzte, was man als frischvermähltes Paar braucht. All der Stress und die Anspannung der Hochzeit, die anstrengende Aufgabe, Dankesbriefe zu schreiben und die Verwandten davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen, und der schreckliche Prozess, ein neues Zuhause einzurichten. Ich glaube, die perfekten Flitterwochen bestehen aus vielen, nicht zu hektischen Aktivitäten und ein paar Freunden zwischendrin.“ Sie schenkte dem frischvermählten Paar ein verschlagenes Lächeln, das ihre Rolle in der heutigen Flitterwochen-Unterhaltung bestätigte.

Bernard füllte behutsam die Gläser, drehte über jedem mit einer schwungvollen Bewegung die Flasche, um Tropfen zu vermeiden, und setzte sich dann wieder in seinen Stuhl. Sein rundlicher Körper kämpfte gegen die Einengung der weißen Designer-Jeans und des schicken Hemdes, ein Stückwerk aus gestreifter und karierter grüner und weißer Baumwolle. Er erhob sein Glas. „Sie will wagen, dass wir uns sehr geehrt fühlen, euch heute bei uns zu haben. Lasst uns auf eure Gesundheit trinken.“

Darina erhob das Glas und wechselte ein weiteres Lächeln mit ihrem Ehemann.

„Ehemann. Auf Englisch heißt es ‚husband‘.“ Sie sprach den Gedanken aus und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Was für ein seltsames Wort. Angelsächsisch nehme ich an. Erinnert an ‚bondsman‘, eine alte Bezeichnung für Leibeigene, der Haus-Sklave.“

„Wenn ich mich recht erinnere, ist es Altenglisch, und den Teil mit dem Leibeigenen kannst du vergessen“, sagte Bernard.

„Ich wusste gar nicht, dass du an der Universität warst“, unterbrach Helen.

Er warf ihr mit schiefem Kopf einen wissenden Blick zu. „Es gibt andere Wege, sich Wissen anzueignen, als sich in einer Lehranstalt einzukerkern. William, ‚husband‘ bedeutet Hausherr. Dulde diesen Unsinn nicht, sprich sofort ein Machtwort.“

Der Bräutigam lachte. Es klang leicht und amüsiert und sagte, dass er sein eigener Herr sei. „Wir haben eine Partnerschaft, keiner von uns ist der Chef.“

Darina spürte wie die Muskeln in seinem langen Bein unter ihrer Hand zuckten und legte ihre Finger fester um seinen Oberschenkel, während sie sich mit der freien Hand über den Kuchen hermachte. „Der schmeckt nach Liebe“, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen. „Wenn wir wirklich sind, was wir essen, sollten wir den regelmäßig auf dem Tisch haben.“

„Jeden Tag“, stimmte William zu.

„Wie ihr beide euch gegenseitig anseht, ist skandalös.“ Bernard stellte sein Glas gespielt heftig ab. „Helen, gib ihnen nicht noch mehr, sonst verschlingen sie sich hier vor unseren Augen.“

„Wenn sie sich in den Flitterwochen nicht leidenschaftlich fühlen dürfen, ist das ein schwacher Ausblick.“ Helen schob noch ein Kuchenstück auf Williams Teller.

Das Mittagessen fand im Süden Frankreichs statt, in den Hügeln nahe Grasse, wo Helen Mansard ein provenzalisches Bauernhaus gekauft hatte, ein Mas. Das gewichtige Rechteck stand stabil in den Olivenhainen, das warme Braun der Erde und das raschelnde, silbrige Grün der Bäume boten die perfekte Kulisse für den grauen Stein. Der Innenhof, in dem sie saßen, war auf zwei Seiten von Gebäuden und an den anderen beiden von Mauern abgeschirmt. Eine strategisch platzierte Lücke im südlichen Teil gab den Blick auf das intensive Blau des Mittelmeers frei. Im geschützten Hof produzierte die frühe Märzsonne genug Wärme, um draußen zu essen.

Ein makelloser Pool nahm die eine Ecke des Hofes ein. Das Wasser schwappte sachte gegen die leuchtend blauen Fliesen. Um den Pool herum sah die Bepflanzung so aus, als wäre sie erst kürzlich fertiggestellt worden, die Fülle kleiner Büsche war ein ausdrucksstarkes Zeugnis großzügiger Ausgaben.

Tatsächlich wirkte das gesamte Grundstück so gepflegt, wie man es nur durch eine saftige Finanzspritze erreichen konnte. Frischverputzte Wände und hübsch gestrichene Fensterläden, ordentliches Pflaster, teure Pflanzkübel (aus denen später ohne Frage Geranien leuchten würden) und die ansprechenden Gartenmöbel sprachen dafür, dass Helens Kochbücher sich sehr gut verkauften.

Darina lehnte ein weiteres Stück des Honigkuchens ab. „Ich muss ehrlich sagen, ich bin voll, du hast uns gut verköstigt.“ War es die frische Luft und die Sonne, die das Essen so gut schmecken ließen, oder hatte Helen einen besonderen Zauber gewirkt? Die Zutaten waren so simpel: gebratene rote Paprika in einer Anchovis-Soße, dazu knuspriges Baguette, gefolgt von verschwenderischen Mengen über dem Schnittholz der Olivenbäume gegrilltem Kaiserhummer, serviert mit Blattsalat, dessen Dressing aus Olivenöl Süße mit bestechender Zitrusfrische verband. Kühler weißer Chablis hatte das Essen ergänzt und vor der abschließenden Wohltat aus Honigkuchen und Champagner war ein Jahrgangs-Rotwein, ein 1966er Margaux, mit verschiedenen reifen und vollmundigen Käsen aufgetragen worden.

Helen hatte es sogar geschafft, sich mit ihrem Drängen auf Manöverkritik nach jedem Gang zurückzuhalten. Sie hatten höchstens fünf Minuten damit verbracht, über die Würze der Anchovis-Soße zu sprechen und ob sie von der pfeffrigen Kraft des italienischen Olivenöls aus Hausabfüllung ausgeglichen wurde; nur zehn mit der Zusammensetzung der Mayonnaise, die mit dem Hummer serviert worden war, und ob es wünschenswert war, Meeresfrüchte in Salat zu hüllen, ehe man sie grillte. Jetzt schien sie völlig vergessen zu haben, sich nach ihrer Meinung zum Honigkuchen zu erkunden.

Darina seufzte gesättigt und fühlte die Entspannung, die nur perfekt abgeschmecktes und ausgeglichenes Essen verschaffen konnte. Sie lehnte sich zurück und ließ den Frieden und die Ruhe des alten Bauernhauses und seiner Kulisse wie Seide über sich gleiten.

Helen hatte absolut recht mit dem Stress und der Anspannung beim Heiraten. Die Hochzeit selbst hatte in dem Dorf in Somerset stattgefunden, in dem Darina aufgewachsen war. Der Zeremonie in der Kirche folgte ein Empfang in einem großen Haus des Ortes, das sie zu dem Anlass angemietet hatten. Alles war an ihr vorbeigeeilt, als wäre der Tag im Zeitraffer abgelaufen, und hatte sie glücklich, aber auch atemlos gemacht. Und, oh, wie sehr sie alles vergessen wollte, was im Vorfeld passiert war, der Druck, die Diskussionen, die hektischen Abmachungen.

„Wir haben überlegt, für die Flitterwochen auf die Seychellen zu fliegen“, sagte William gerade. „Aber dann wurde uns ein Appartement in Antibes angeboten und wir waren uns einig, dass die Gelegenheit zu gut war, um sie zu verpassen.“ Auch er wirkte völlig entspannt.

„Und es ist schön, dass wir mal wieder auf den neuesten Stand kommen, Helen“, fügte Darina hinzu.

Helen und Darina waren beide Kochbuchautorinnen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Helen sich einen Namen gemacht. Bevor sie nach Frankreich zog, hatte sie auch in Somerset gelebt. Obwohl beinahe zwanzig Jahre zwischen ihnen Lagen, hatten sie und Darina viel Zeit miteinander verbracht, sich gegenseitig die eigenen Experimente vorgesetzt, Aromen abgesteckt, unterschiedliche regionale Küchen ausprobiert und über Wege gesprochen, den Appetit anzuregen. Dann, vor zwei Jahren, nach einer sehr erfolgreichen Fernsehserie – das Begleitbuch hatte über etliche erfreuliche Wochen die Bestseller-Liste angeführt – hatte Helen England verlassen und sich dem Mittelmeer zugewandt.

„Was für ein Plätzchen du hier gefunden hast“, sagte Darina neidvoll. „Perfekt zum Schreiben. So friedlich!“

„Zu perfekt!“ Eine bissige Note brannte in Helens Stimme und ihre vollen Lippen wurden schmaler. „Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, mir Gründe auszudenken, warum man uns nicht besuchen und hierbleiben kann. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder, den ich kenne, Südfrankreich besuchen möchte. Der Sommer ist eine einzige Reihe von Ablenkungen.“

„Helen lässt sich viel zu leicht ablenken.“ Bernard rutschte in seinem Stuhl zurück. Die Krempe seines Hutes verbarg seinen Gesichtsausdruck.

Darina rückte etwas näher zu William.

„Du bist keine Hilfe“, blaffte Helen plötzlich. „Du verwandelst die Anlage in eine Fabrik.“

„Fabrik?“ William sah sich locker im hellen Innenhof um.

„Helen, geht es um das neue Projekt, das du erwähnt hast? Hör auf so geheimnisvoll zu tun und erzähl uns mehr.“

Darinas Freundin sah mürrisch aus. „Es ist eigentlich Bernards Projekt.“ Sie blickte zu dem Mann am anderen Ende des Tisches, unter dem Panama-Hut war sein Gesichtsausdruck nicht lesbar. „Halte dich nicht zurück, Bernard. Normalerweise kannst du es gar nicht erwarten, jedem davon zu erzählen.“

Bernard legte seine Arme auf den Tisch, die träge Entspannung war plötzlich verschwunden. „Du hast es für eine gute Idee gehalten. Großartiger Plan hast du gesagt. Ich dachte, du würdest dahinterstehen.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte Darina, panische Angst in Helens Augen zu sehen, dann lachte ihre Freundin sorglos. „Bernard, du bist so ein Dummkopf! Natürlich ist es ein toller Plan. Du weißt, wie nervös ich werde, wenn etwas zwischen mir und einem Abgabetermin steht. Jetzt erzähl Darina und William alles darüber, du siehst doch, wie gespannt sie erfahren wollen, was du Schlaues gemacht hast.“ Sie reichte über den Tisch und drückte kurz seine Hand.

„Nun, hier sitzen wir, gespannt auf Einzelheiten“, ermunterte William ihn.

Helen ließ ihr Lächeln noch breiter werden.

Bernard neigte den Kopf in der Geste eines Mannes, der bescheiden unverdiente Belohnungen entgegennimmt. „Als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen habe, wurde mir klar, was Helen da aufgetan hatte“, setzte er an.

Dann drang das Geräusch eines Traktors an ihre Ohren, der sich der Mauer näherte. „Oh Gott, was hat der fröhliche Jacques heute vor?“

„Bitte nicht noch ein Streit, Bernard! Denk dran, er ist unser Nachbar.“

Bernard stöhnte und wand sich William und Darina zu. „Ihr fragt euch, warum Franzosen Schafe bei lebendigem Leibe verbrennen, oder alle Lastwagen Europas zum Stillstand bringen? Eine Begegnung mit Jacques Duval erklärt alles.“

Helen trommelte gereizt mit den Fingern auf den Tisch. „Er ist nur ein durchschnittlicher, französischer Chauvinist.“

„Chauvinist? Ganz genau, das Wort wurde für ihn erfunden.“

Der Traktor hielt an, sie hörten ein mechanisches Knirschen und dann strömte unaussprechlicher, schwerer Stallgeruch über die Mauer.

„Verflucht!“ Bernard sprang aus seinem Stuhl, stürmte zu einer alten Mühle aus Granit hinüber, die malerisch in einer Ecke des Hofes stand, und zog sich daran hoch, sodass er über die Mauer sehen konnte. Sein kleiner, übergewichtiger Körper balancierte riskant auf der Kante der Mühle; bei seinem Ansturm auf die Mauer hatte er seinen Hut verloren und die Sonne schien auf eine glänzend kahle Stelle, doch seine Empörung nahm der Szene alle Komik.

Darina konnte seinen Kummer nachvollziehen, kam aber nicht umhin, Bernard mit ihrem Ehemann zu vergleichen. William war groß, überragte sogar sie noch um einige Zentimeter und hatte volles, dunkles Haar. Sein Gesicht mit der Adlernase war stattlich – sie selbst empfand schneidig als die beste Beschreibung. Er hatte Ausstrahlung und einen sehr englischen Charme, der sich mit seiner Intelligenz, seiner Besonnenheit und seiner Bildung vermischte.

Darina fragte sich, was Helen an Bernard anziehend fand. Sein Schwung und seine Kraft? Sein Aussehen war es bestimmt nicht.

Monsieur.“ Bernards entrüstete Stimme drang zu ihnen herüber. „Que faîtes-vous?“

Geknurrtes Französisch waberte zusammen mit dem kräftigen, widerlichen Geruch zu ihnen herüber. Darina schnappte Worte wie salaud, connard und salopard auf.

Espèce de con!“, schrie Bernard zurück. Dann spannten sich seine Schultern an, während er sich zusammenriss. „C’est affreux, je proteste! Nous mangeons ici, dans notre cour. C’est impossible avec le perfum de votre fumier.” Bernards fließendes Französisch war mit einem starken englischen Akzent durchsetzt.

Weiteres unverständliche Grunzen und Knurren war zu hören und schloss mit: „Va done, eh, imbécile!“

Die Speckrollen in Bernards Nacken liefen vor Wut dunkelrot an. Zitternd vor Zorn sprang er von seinem Ausguck herunter und stolperte, als er auf dem Boden aufkam. „Diesem französischen Hundesohn werd ich’s zeigen“, sagte er mit knirschenden Zähnen.

Helen streckte ihm flehend einen Arm entgegen. „Liebling, du wirst nur etwas sagen, das du dann bereust. Warum kommst du nicht her, trinkst einen Kaffee und erzählst Darina und William alles über unsere Pläne?“

„Glaub nicht, dass du mich mit Schmeicheleien von einem Kräftemessen mit diesem Bastard abbringst. Er hat einen verdammt großen Haufen Mist an unserer Mauer abgeladen, und meint, dass er auch dort bleiben wird! Aber“, seine Stimme wurde plötzlich sanfter, „ich will uns nicht das Mittagessen verderben.“ Er kehrte zum Tisch zurück und betrachtete, was von ihrem Festmahl übrig war, seine Nase zuckte vor Ekel. „Kommt mit, hier können wir nicht bleiben.“

 

Im Inneren des Hauses verwirrte die Dunkelheit Darinas Augen. Sie musste warten, bis sie sich an das fehlende Sonnenlicht gewöhnt hatte, ehe sie das große, offene Wohnzimmer mit einem mächtigen Kamin und schlicht verputzten Wänden bewundern konnte. Wie schon ihm Hof sah es hier frisch renoviert aus. Nichts Pompöses, aber die schweren, französischen Möbel stammten nicht vom Flohmarkt und alles hatten einen gut erhaltenen Glanz. Der Kochbereich sah aus, als hätte er die Dienste eines erstklassigen Innenausstatters genossen und die Geräte waren nur vom Besten.

Auf einem der beiden ausladenden, gemütlichen Sofas, die in der Mitte des Raumes angeordnet waren, hatte Bernard sich niedergelassen und schenkte gerade den restlichen Champagner aus, während William sagte: „Erzähl uns mehr von Frère Jaques. Gehört ihm das Land jenseits eurer Mauer?“

Bernard stellte die leere Champagnerflasche weg und platzierte Cognac und Armagnac auf dem mächtigen, schweren und polierten Tisch. „Sein Land grenzt an das von Helen; die westliche Seite dieses Hauses und die Mauer im Hof sind die Grenze, die dann weiter mitten durch den Olivenhain läuft, den man vom Hof aus sehen kann.“

„Also, ich weiß nicht viel über französische Gesetze, aber es muss doch irgendwelche Bestimmungen gegen solche Belästigungen geben.“

„Ah, das habe ich ganz vergessen, du bist Polizist, nicht wahr?“

William rutsche etwas auf dem Sofa herum, sagte aber nichts.

„Er ist Detective, ein Inspector der Polizeitruppe von Avon und Somerset“, murmelte Darina.

„Ich weiß nicht, mit welchen Ärgernissen du dich in Südwestengland schon herumschlagen musstest, aber ich sage dir, Jacques Duval lässt das alles wie einen Streit auf dem Schulhof aussehen.“

„Vor dem vergangenen Sommer war es nicht so schlimm“, sagte Helen leise, als sie eine Cafetière auf den Tisch abstellte und dann verschwand, um Kaffeetassen zu holen.

„Nein, ich habe sein Ehrgefühl verletzt, ganz zu schweigen davon, dass ich seine Gewinne bedroht habe.“ Genugtuung webte sich in Bernards Stimme. Er ordnete Brandygläser neben den Flaschen auf dem Tisch an, setzte sich und sah etwas glücklicher aus.

„Was ist passiert?“, fragte William.

„Na ja, das wollten wir euch gerade erzählen, als der Mist uns dazwischenkam.“ Helen schenkte Kaffee ein und gab die Tassen herum. „Erzähl deine Geschichte weiter, Liebling.“ Sie schenkte Bernard ein leichtes Lächeln, das Bernard wohl wieder zu der guten Stimmung verführen sollte, die ihn bestimmt hatte, als Darina und William zum Mittagessen eingetroffen waren.

„Wir haben die alte Mühle renoviert und angefangen, Olivenöl zu produzieren“, sagte Bernard.

„Mein armer Liebling, der alte Jacques ist dir wirklich nahe gegangen. Normalerweise brauchst du mindestens zehn Minuten um zu dem Punkt zu gelangen.“ Helen stellte eine Tasse Kaffee vor ihm ab und küsste ihn sanft auf seine kahle Kopfhaut.

Bernard griff nach ihrer Hand und zog sie neben sich auf das Sofa. „War ein Mann je mehr gesegnet?“ Er lächelte sie an.

Helen zog ihre Beine an und machte es sich gemütlich. „Unser eigenes Öl war heute im Dressing und im Kuchen. Was ist dein Urteil?“, fragte sie Darina.

„Wundervoll, so ein frischer, süßer Geschmack.“ Darina ließ sich nicht von ihrer Bescheidenheit täuschen. „Aber ihr benutzt doch nicht die alte Mühle im Hof, oder?“

Helen lachte. „Die nennst du alt? Du hast die ursprüngliche Presse noch nicht gesehen! Ich hätte sie liebend gern restauriert. Sie sind traditionell, voller Geschichte und man kann hier in der Gegend immer noch einige Exemplare in Benutzung sehen. Aber Bernard meinte, dass wir moderne Ausrüstung brauchen, wenn wir ein kommerzielles Projekt angehen wollen.“

„Das klingt nach einem großen Unterfangen“, kommentierte William.

„Helen stand der Idee erst ziemlich ablehnend gegenüber, aber auf dem Grundstück stehen all diese Olivenbäume und die ganze Ernte ist bei der örtlichen Kooperative gelandet! Traditionelles Olivenöl ist gerade schwer in Mode – als Kochbuchautorin weißt du das.“ Bernard sah zu Darina. „Ich habe Helen gebeten, all ihre Kontakte zu Gourmets aufzufrischen, die Autoren, Feinkost-Großhändler und
-Einzelhändler, denen sie begegnet ist, und sie auf ein Riesengeschäft vorzubereiten.“

„Bernard hat sich mit Herz und Seele da hineingestürzt“, fügte Helen hinzu. „Er hat die ganze Ausrüstung gekauft und den Herstellungsprozess recherchiert, ehe ich überhaupt wusste, dass er nicht nur mit der Idee spielte.“ Ihr Lächeln war lieblich und ihre Stimme samtig.

„Ich habe ein neues Leben begonnen, eine zweite Karriere.“ Bernard lehnte sich entspannt in die Sofakissen hob das Glas mit seinem restlichen Champagner. „Darauf, nicht mehr in der Stadt zu leben, ohne Anzüge und ohne Eis und Schnee. Stattdessen Sonne, das gute Leben und Helen!“ Er hob ihre Hand zu seinen Lippen und prostete ihr dann mit seinem Glas zu.

Es herrschte kurz Stille, dann lachte Helen kurz und sagte: „Du hast nichts von der harten, körperlichen Arbeit, den beißenden Winterwinden und dem Mistral erzählt.“

„Was war deine erste Karriere?“, fragte William.

„Ich war bei Lloyd’s, der Londoner Versicherungsbörse, als Partner einer Mitgliederagentur und eines Versicherers. Dreißig Jahre lang habe ich einen schlichten Anzug angelegt und mich in die Stadt aufgemacht. Jetzt kann ich endlich tragen, was ich will.“  Bernard sah selbstgefällig auf seine farbenfrohe Garderobe hinab.

„Und du wirst hierherziehen?“

„Ich bin schon hergezogen, William! Fait accompli! Hab im vergangenen Herbst gerade rechtzeitig meine Sachen hergebracht, um bei der Olivenernte mit anzupacken.“

„Im vergangenen Sommer hat er die ganzen Geräte eingebaut“, sagte Helen ausdruckslos.

„Dann hattest du das schon seit einer Weile geplant?“, vermutete Darina.

„Sobald Helen diesen Ort gefunden hatte.“ Bernard strahlte. „Ich bin eines Morgens mit einem Geistesblitz aufgewacht. Ich wollte mich nicht ohne Beschäftigung hier unten niederlassen, nicht, wenn Helen so viel ihrer Zeit hinter verschlossenen Türen mit ihren Büchern verbringt.“

„Ich weiß genau, was du meinst.“ William grinste ihn an. „Ich muss mir auch ein zeitaufwändiges Hobby zulegen, bis ich in den Ruhestand gehe. Ich weiß, dass Darina nicht mit dem Schreiben aufhören wird!“

„Ah, ich begrüße einen werten Mitleidenden des Autor-Syndroms! Darauf einen Cognac.“ Bernard schob ein Glas zu William und füllte es, ehe er ablehnen konnte. „Darina kann zurückfahren, die hat von keinem der Weine, die ich so liebevoll für euch ausgesucht habe, mehr als ein Glas getrunken.“

„Sie waren wirklich wunderbar“, versicherte Darina. Sie seufzte. „Wir hätten ein Taxi bestellen sollen, statt mit dem Auto zu kommen.“

„Ihr Männer seid wirklich schlimm!“ Helen warf ein Kissen nach William. „Erzählt mir nicht, dass ihr nicht liebend gern von unseren Rezepten kostet. Und selbst wenn wir beide morgen das Schreiben aufgeben würden, gehe ich kaum davon aus, dass wir mehr von euch hätten. Das sind alles nur Ausreden, genau das zu tun, was ihr wollt.“

William schob sich das Kissen hinter den Rücken und umschloss fest die Hand seiner Braut. „Also hast du beschlossen, dein eigenes Unternehmen aufzubauen“, sagte er zu Bernard.

„Mein Traum war es mal, in einem Weingut in Bordeaux meinen eigenen Jahrgangs-Rotwein herzustellen. Olivenöl erschien mir als lohnenswerter Ersatz.“ Bernards Ton wurde ernst. „Man muss sich ebenso der Qualität verpflichten, mit den Elementen ringen und ist auf die Verbindung traditioneller und moderner Methoden angewiesen, um ein unverfälschtes Produkt mit wundervollem Geschmack herzustellen. Das Öl ist einfach ungesättigt und kann sogar Cholesterin reduzieren. Wir werden ewig leben!“

Die kurze Stille, die über sie fiel, als er endete, mochte aus Respekt oder Verblüffung entsprungen sein.

„Ich weiß nicht, ob es ein Glückstreffer war, aber das Öl, das er herstellt, ist fantastisch. Irgendwo zwischen der Süße Spaniens und dem Feuer Italiens. Es hat einen vielschichtigen Geschmack, ohne zu kräftig zu sein. Ich habe eine Flasche für euch“, sagte Helen zu Darina. „Wir lassen für den nächsten Jahrgang Blechdosen bedrucken und diesen Frühling und Sommer habe ich die unterschiedlichsten Leute eingeladen, um ihr Interesse zu wecken.“ Kein Wort mehr davon, dass sie es hasste, wenn Besucher ihr die Zeit stahlen.

„Wir haben die Gästezimmer renoviert und ein paar zusätzliche Badezimmer eingebaut. Nachdem sie Helens Gastfreundschaft kosten durften, werden wir sie dazu verführen, sich entweder mit dem Öl auszustatten oder es zu bewerben. Es wird sich zu enorm überhöhten Preisen verkaufen und uns reich machen.“

„Pass auf, dass eure Profite nicht vollständig in der Bewirtung eurer Gäste verschwinden.“ William nahm einen Schluck von seinem Cognac und sah begeistert auf das Glas. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so gut getrunken habe.“

„Der ist aus Bernards Keller. Als er sagte, dass er seine Sachen hergebracht hat, meinte er damit, dass er in einem großen Lastwagen sehr langsam durch Frankreich fuhr, über das Zentralmassiv, runter in die Provence, während er seine wertvollen Flaschen bemutterte, als wären sie Säuglinge, die nicht geweckt werden dürfen.“ Helen lachte. „Aber unsere Kunden werden provenzalische Weine probieren wollen, nicht den überteuerten Bordeaux oder die Champagner-Brühe.“

„Ich bin froh, dass du uns mit der überteuerten Brühe verwöhnst.“ William nahm noch einen Schluck von seinem Cognac und seufzte zufrieden.

„Ah, der regionale Wein ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, sie werden nicht allzu sehr leiden“, sagte Bernard. „Und außerdem wollen wir ja nicht, dass der Wein das Öl oder das Essen in den Schatten stellt, oder?“

„Es scheint, dass eure Nachbarschaft an dem Projekt Anstoß genommen hat.“ Es passte zu William, dass er den Zwischenfall nicht aus den Augen verlor, der den Abschluss ihres Essens so verdorben hatte. Doch als Bernards Wut wieder aufkochte, wünschte sich Darina, er hätte das Thema nicht wieder angesprochen.

„Dieser Bastard hat seine eigene Ölmühle, stellt minderwertiges Öl her und glaubt, dass ich ihn aus dem Geschäft drängen werde.“

„Also könnte er dich als Bedrohung wahrnehmen?“

„Aber wir zielen nicht auf den lokalen Markt ab! Oder verarbeiten die Oliven anderer. Wenn überhaupt, werden wir sein Geschäft fördern. Sobald die Werbemaschine läuft, wird man uns hier die Bude einrennen. Sie werden seine Mühle genauso besichtigen wollen wie unsere und wir werden das sudfranzösische Zentrum für Olivenöl sein.“

„Bernards Ehrgeiz kennt keine Grenzen!“ Eine Schärfe war in Helens Stimme zurückgekehrt.

Er stand auf. „Kommt und schaut euch an, was wir gemacht haben.“

Doch wieder wurde die Gruppe von einem Motorengeräusch unterbrochen, als ein Auto auf das Bauernhaus zufuhr und unter lautem Hupen bremste.

„Hast du jemanden eingeladen?“, fragte Helen Bernard, während sie den Hals reckte, um von ihrem Platz aus dem Fenster zu schauen.

„Niemanden, der ganze Tag war für unsere Hochzeitsreisenden reserviert.“ Bernard ging zur Vordertür. Sie öffnete sich, ehe er sie erreicht hatte. Ein junger Mann trat ein, gefolgt von einem Mädchen, das noch keine zwanzig Jahre alt war. Er war groß und dünn, trug Jeans und Sweatshirt, sein glattes, blondes Haar war nur ein wenig zu lang und sein Gesicht wies auffällig glatte Züge auf.

„Hi Mama! Rate mal, wer da ist!“ Ein breites Lächeln brachte eine Reihe sehr weißer Zähne zum Vorschein.

„Stephen, ich wusste gar nicht, dass du herkommen würdest, was für eine schöne Überraschung!“ Helen eilte durch den Raum und schlang die Arme um ihren Sohn.

Das Mädchen blieb an der Tür stehen und beobachtete die Szene mit hellbraunen Augen. Der Pullover in hellem Pink, mit einem komplizierten Zopfmuster gestrickt, schmeichelte ihrem kleinen, kräftigen Körper nicht besonders. Er reichte ihr bis knapp über den Po, darunter sah man dicke Beine, die in engen, gepunkteten Leggins steckten. An den Füßen trug sie geschnürte Stiefeletten. Ihr langes, dunkelbraunes Haar, das aussah, als könnte es eine Wäsche vertragen, hing über ihre unförmigen Schultern und verdeckte zum Teil ihr stark geschminktes Gesicht.

„Liebling, schau wer da ist!“ Helen wandte sich zu Bernard, der Arm ihres Sohnes legte sich um sie.

„Stephen, schön dich zu sehen.“ Bernard sprang mit ausgestreckter Hand vor.

Stephen ignorierte das. Die Zähne leuchteten in seinem glatten Gesicht und seine Lippen kräuselten sich spöttisch, als er sagte: „Bernard, immer noch hier, wie ich sehe.“

Die struppigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Helen drückte Stephens Arm leicht. „Mein Lieber, du weißt, dass Bernard und ich zusammenwohnen. Jetzt mach keine Schwierigkeiten, kaum dass du angekommen bist. Komm her, setzt dich und trink einen Kaffee. Und willst du uns nicht vorstellen?“ Sie drehte sich um und streckte dem Mädchen an der Tür eine Hand entgegen. „Ich bin Stephens Mutter.“

„Das ist Terri“, sagte Stephen locker. „Sie wollte Südfrankreich sehen und ich sagte ihr, dass sie mitkommen könnte.“

„Wie schön dich kennenzulernen. Kannst du länger bleiben?“ Es war schwer zu entscheiden, ob die Frage an beide oder nur an den Sohn gerichtet war.
„Du und Bernard führt hier doch kein Hotel, oder?“ Die Provokation wich aus Stephens Stimme als er etwas wärmer hinzufügte: „Ich bin hier, um die Kulissen für eine neue Dramaserie unter die Lupe zu nehmen. Ich habe Terri gesagt, dass es dich nicht stören würde, wenn sie auch hierbleibt.“

„Stephen ist beim Fernsehen, er ist Produzent“, sagte Helen stolz und stellte Darina und William vor.

Bernard ging zu dem Mädchen hinüber. „Hallo, Terri, schön dich hier zu haben, komm mit und trink etwas Brandy. Du kannst vermutlich einen vertragen, nachdem du den ganzen Weg mit Stephen gefahren bist; wenn er je gelernt hat, was ein Tempolimit ist, wäre ich sehr überrascht, und was die Rechte anderer Fahrer angeht, vergiss es. Wie heißt du weiter?“

„Gott, Bernard, du bist ein Sonderling! Als ob Namen heute noch von Bedeutung wären.“ Stephen warf sich auf eines der Sofas und schenkte sich ein großes Glas Armagnac ein.

„Arden, Terri Arden.“ Sie warf sich ihr langes, strähniges Haar über die Schulter und musterte Bernard kühl. Ihre Stimme war tief und sie sprach langsam. Nicht affektiert langsam, sondern als bräuchte sie Zeit, um ihre Gedankengänge in Worte zu übersetzen. „Ich bin Mode-Designerin und arbeite mit Stephen zusammen.“ Die Erhabenheit dieser Aussage wurde verdorben, als sie hinzufügte: „Soll ich die Koffer holen?“

„Du kommst her und entspannst dich, wir können uns später um eure Sachen kümmern.“ Bernard ließ sie neben sich Platz nehmen, so weit weg von Stephen, wie er es bewerkstelligen konnte, schenkte ein Glas Cognac ein und reichte es ihr. „Helen, mehr Kaffee wäre eine gute Idee.“

Auf eine unbemerkte Weise hatte er die Führung übernommen. Darina wandte ihre Aufmerksamkeit von den Neuankömmlingen ab und betrachtete Bernard Barrington Smythe neugierig. An ihm war mehr, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

 

 

Kapitel Zwei

Es dauerte nicht lange, bis Bernard seine Einladung wiederholte, die Mühle zu besichtigen.

Darina und William stimmten sofort zu. Stephen lehnte mit gekräuselten Lippen ab, aber Terri sah aus, als könnte sie interessiert sein.

Helen streckte ihr eine Hand entgegen. „Komm und setz dich neben mich. Du und Stephen müsst mir erzählen, was ihr so treibt.“

Diese Einladung schien alle Attraktionen auszustechen, die Bernard anbot, und Terri schob sich plump zum anderen Sofa hinüber.

Die Mühlen-Gruppe ließ Helen zwischen den beiden unerwarteten Gästen zurück, ihre Hand packte fest die ihres Sohnes.

Draußen lag der Mist-Gestank in der Luft wie Schaum auf einem See.

Bernard holte demonstrativ ein Taschentuch hervor und hielt es sich an die Nase, während er sie über den Hof zu einer großen, steinernen Scheune führte. „Das hier war die ursprüngliche Mühle, aber ich habe den alten Trichter und die Presse rausgeschmissen.“
„Wie schade – du hättest ein Museum aufmachen können“, kommentierte Darina, während sie eintraten. „Die Leute interessieren sich sehr für die Vergangenheit. Alte Rezepte und traditionelle Gerichte waren noch nie so angesagt.“

In der Mühle war es kühl und dämmerig. Mit einem Blick durch die Dunkelheit konnte Darina zwei kleine Fenster und Glastüren ausmachen, die auf eine Steinplattform hinausführten, aber es war unmöglich, mehr zu erkennen, ehe Bernard bei einer Reihe Kontrollschalter das Licht anmachte. Dann stand er da, mit gestrafften Schultern, erhobenem Kopf und einem Lächeln im Gesicht, das alles hier zu seinem Königreich erklärte.

Darina hatte noch nie eine Ölmühle für Olivenöl besichtigt, aber irgendwoher hatte sie sich das geistige Bild einer überschaubaren, bäuerlichen Industrie aufgebaut, in der mit primitiven Maschinen gearbeitet wurde. Nichts hatte sie auf diese Batterie glänzender Edelstahl-Ausrüstung vorbereitet. Es schien sich um eine Reihe großer Zylinder zu handeln, einige lagen auf der Seite, andere, deutlich dicker, standen aufrecht, alle hatten Rohre an den Enden. Das am wenigsten Befremdliche waren zwei enorme Edelstahl-Bottiche, die ein Riese vielleicht gern benutzt hätte, um eine gewaltige Kuh zu melken.

Bernard führte sie zu den Glastüren hinüber und raus auf die Steinplattform. „Hier kommen die Oliven in diesen Kisten an.“ Er deutete auf einen Stapel leerer, flacher Behälter. „Sie werden in diesen Trichter ausgeschüttet und dann in die Mühle hoch transportiert.“ Mit einem Arm wedelte er in Richtung eines Förderbandes, das vom Trichter bis zum oberen Ende der Wand führte. „Ein starker Ventilator bläst Blätter und Zweige weg, die Früchte gehen dann da rauf und kommen hier runter.“ Bernard flitzte behände durch die Glastür und zeigte seinen Gästen eine Metallrinne, die von der Wand zu einem weiteren Trichter führte. „Sie werden gleichzeitig gewaschen und dann in diese Zerkleinerungsmaschine geladen.“ Er führte sie zu einer langen, flachen Wanne, die etwa auf Hüfthöhe stand. „Das zerkleinert die Oliven zu einem Brei.“ Darina sog in einem ungewollten Keuchen die Luft ein, als sie sah, dass das Innere der Wanne aus einer eng geschlossenen Reihe rasiermesserscharfer Klingen bestand.

„Da drin kann man ohne Probleme einen Finger verlieren“, sagte William, sein Gesicht war ausdruckslos.

„Es ist fabelhaft, dadurch wird die Frucht zerhackt und nicht zerdrückt. Und es ist ein sauberer Prozess, wir müssen nicht mehr die ganzen Rückstände herausfiltern, die die alte Mühle produziert hat“, schwärmte Bernard. „Der alte Jacques hat nichts dergleichen.“

„Was ist mit den Steinen, was wird aus denen?“, fragte Darina.

Bernard grinste. „Die werden auch zerhackt, der ganze Kram wird zu einem homogenen Brei zerkleinert.“

Für einen Augenblick betrachteten sie alle die tödliche Maschine, dann fragte Darina: „Was passiert danach?“

„Der Brei kommt hier rein.“ Bernard öffnete eine der langen, tonnenförmigen Edelstahl-Vorrichtungen in der Mitte des Raumes, und zeigte, dass sie auf der gesamten Länge immer wieder von gebogenen Armen unterbrochen war, die sich um eine dünne Spindel in der Mitte wanden. „Der Brei wird mit Wasser vermischt und dann hier reingeleitet“, er öffnete eine andere, ähnlich aussehende Maschine, „wo Öl und Wasser mit der Zentrifugalkraft abgetrennt werden.“ Er ging dorthin, wo Rohre die Maschine mit einem aufrechten Edelstahl-Behälter verbanden, von dem weitere Rohre in verschiedene Richtungen führten. „Das trennt das Öl vom Wasser und dekantiert es hier rein.“ Er deutete auf die riesigen Bottiche, jeder hatte einen Ausguss.

„Und dann?“, fragte Darina.

„Dann füllen wir es in Flaschen ab oder lagern es in diesen Tanks da oben.“ Bernard wies auf den einzigen traditionellen Teil der gesamten Mühle, ein alter Holzschrank, der an der hinteren Wand stand und von mehreren länglichen, grün gestrichenen Tanks überragt wurde.

„Das scheint alles sehr modern“, sagte Darina zweifelnd. Ihre Vision des jahrhundertealten Prozesses der Ölherstellung verblasste angesichts der raffinierten Prozedur, die ihnen beschrieben worden war. Vielleicht könnte sie es besser mit der geschmeidigen, goldenen Flüssigkeit verbinden, mit der sie so gerne kochte, wenn man den Weg der Olive mitverfolgen könnte.

Sie hatte den Eindruck, dass Bernard von ihrer Reaktion enttäuscht war. „Du lässt es wie einen sehr simplen Prozess klingen“, bot sie an.

„Das alles sieht ganz ähnlich aus, wie in einem kleinen Weingut, in dem ich mal war“, kommentierte William. „Nicht exakt dieselbe Maschine natürlich, aber dort sah es ganz ähnlich aus wie hier.“

„Der Prozess ist nicht unähnlich.“ Bernard strahlte sie an; William hatte das Richtige gesagt. „Der größte Unterschied ist vielleicht, dass es keine Fermentation gibt. Das Öl ist fertig, sobald es vom Wasser getrennt ist. Es ist simpel, das ist ja das Schöne.“

„Warum macht es dann nicht jeder?“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Es ist arbeitsintensiv. Die Bäume müssen geschnitten und gedüngt werden; die Ernte muss von Hand gemacht werden. Ein ausgewachsener Baum liefert in einem guten Jahr fünfzehn bis zwanzig Liter Öl. Wenn es regnerisch war, werden die Oliven dicker, liefern aber nicht so viel Öl, das Wetter beeinflusst die Qualität. Ganz ähnlich ist es, wenn man die noch grünen Oliven erntet, dann ist der Geschmack besonders fruchtig, sehr kräftig und entfaltet sich am Gaumen, aber der Ertrag ist nicht ansatzweise so gut wie bei den reifen, schwarzen Oliven, die einen viel süßeren Geschmack haben.“

„Wie viele Bäume stehen auf einem Hektar?“ Williams Neugier war geweckt.

„Etwa einhundertfünfzig ausgewachsene Bäume.“

„Also könnte ein Hektar bis zu dreitausend Liter liefern?“

„Deine Kopfrechenkünste sind lobenswert!“

„Und wie viele Hektar besitzt Helen?“

Bernard schenkte ihm einen schlauen Blick. „Fast fünfundzwanzig.“

„Auf der Basis könntet ihr um die 75.000 Liter pro Jahr produzieren, oder?“

Bernards Gesichtsausdruck wurde schmerzerfüllt. „Die haben hier ein unglaubliches System. Die Bauern bekommen die Hälfte von dem, was sie ernten. Wenn ich also den ganzen Ertrag haben will, muss ich die verdammten Dinger zurückkaufen.“

„Kommt das nicht sicher aufs selbe raus? Und wenn du nicht die gesamte Ernte brauchst, kannst du so für das Pflücken der Früchte bezahlen.“

„Aber sie nehmen die verdammten Dinger und lassen sie von Duval pressen.“

„Und halten damit deinen Konkurrenten im Geschäft?“

Bernard nickte. Es schien, als traue er sich selbst nicht zu, zu sprechen.

„Aber du könntest sie doch auch selbst für sie pressen, oder?“

Bernard sagte nichts. Das Problem war offensichtlich: Er bekam diese Variante nicht einmal angeboten.

Darina fand, es wäre Zeit von den Oliven-Erträgen wegzukommen. „Kann man mit dem übrigen Wasser irgendetwas machen, nachdem es vom Öl getrennt wurde? Es zum Kochen verwenden?“

Bernard schüttelte den Kopf. „Nein, Darina, es enthält die ganze Säure der Oliven und die Entsorgung ist ein Problem. Früher war es üblich, es einfach wegzuschütten, was aber die Flüsse und das Land verunreinigte. Jetzt, unter den Gesetzen der Europäischen Union, muss es ordentlich entsorgt werden, was teuer ist. All die Gesundheits- und Hygienevorschriften der EU haben die meisten alten Mühlen aus dem Geschäft gedrängt.“ Er grinste, ein Hai, der angesichts eines leckeren Happens die Zähne zeigte. „Der alte Frère Jacques schüttet sein Wasser immer noch in den Fluss, der durch sein Grundstück fließt. Ich habe ihn dabei gesehen. Und ich werde ihm sagen, dass ich ihn melden werde, wenn er nicht mit seinen schmutzigen Tricks und hinterhältigen Praktiken aufhört. Er verschneidet zum Beispiel sein Öl mit billigem, spanischem Zeug.“

„Ich dachte, viele französische Öle werden ganz legal mit Öl aus anderen Ländern gemischt“, kommentierte Darina. William lehnte am Zerkleinerer und betrachtete ihren Gastgeber mit Interesse.

„So ist es, in der Tat. Die Provence kommt der Nachfrage nicht hinterher. Aber wenn man sein Produkt wie einen Wein aus Schlossabfüllung verkauft, ist die Zugabe von minderwertigem Öl, als würde man einen besonderen Jahrgang mit billigem algerischen Wein vermischen. Es erhöht den Profit und täuscht die Käufer.“

„Ich würde mich an deiner Stelle vorsehen, Duval scheint einen verschlagenen Charakter zu haben.“

„Das sagt Helen auch, Bill. Helen versucht mich dazu zu bringen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Ich vergöttere diese Frau, ich würde alles für sie tun, aber die hat keine Ahnung, wie man mit Menschen umgehen muss. Sie sieht nicht ein, dass jemand wie Duval nur eines versteht, Gewalt. Ich muss ihm Gottesfurcht einbläuen, dann wird er die Dinge sehen wie ich.“

„Was genau hat Jacques Duval getan?“, fragte William neugierig.

Bernard seufzte tief. „Die erste Salve war, dass er einen Haufen Steine auf der Fahrspur abgeladen hat, sodass wir nicht rauskamen und uns niemand erreichen konnte, ohne darüber zu klettern. Wir haben Tage gebraucht, um ihn dazu zu bringen, sie wieder zu entfernen. Dann kam eine Reihe falscher Lieferungen. Entweder Dinge, die wir nicht bestellt hatten, oder falsche Stückzahlen. Als ich zu einem Lieferanten wechselte, von dem er nicht auch beliefert wurde, hörten die Probleme auf. Er hat uns bei allen regionalen Geschäftsinhabern schlechtgeredet. Nicht dass er damit weit gekommen wäre, unsere Waren sind viel zu wertvoll! Oh, ich will euch nicht mit der ganzen Liste langweilen. Er ergreift jede nur erdenkliche Gelegenheit, um uns das Leben schwerzumachen.“ Bernard hielt für einen Augenblick inne und fügte dann hinzu: „Eine Sache ist allerdings interessant, er hat nie versucht, unsere Bäume zu beschädigen.“

Darina unterbrach ihn schnell: „Das ist alles so faszinierend, Bernard. Wirst du dieses Jahr noch mehr Öl machen? Ich würde die Mühle gern in Aktion sehen.“

Seine Züge entspannten sich. „Vermutlich noch eine Ladung. Ich werde mir morgen die Bäume ansehen, aber ich habe die Pflücker schon vorläufig für in vier Tagen bestellt. Am Tag danach werde ich die Ernte verarbeiten. Ich lasse die Früchte gerne einen Tag ruhen, ich glaube, das erhöht die Ausbeute. Aber nicht länger, sonst riskiert man, dass die Fermentation einsetzt. Kommt gerne vorbei, es ist kein besonders sehenswerter Prozess, aber es wäre schön, euch noch mal hier zu haben.“

„Und danach legt ihr alles bis zur nächsten Ernte still?“ William ließ träge einen Finger über den Edelstahl-Zylinder gleiten. „Klingt nach einem angenehmen Leben.“

„Danach muss ich mich der Mammutaufgabe stellen, die Bäume zurückzuschneiden. Wenn man sie sich selbst überlässt, tragen Olivenbäume nur alle zwei Jahre. Wir müssen sie überzeugen, jedes Jahr ordentlich Frucht anzusetzen.“

„Stell sicher, dass ihr viele Äste zum Grillen aufhebt.“ Bernard lächelte Darina an. „Dann haben dir die Hummer also geschmeckt? Ich wusste es. Ist Helen nicht eine wundervolle Köchin? Ich muss fünf Kilo zugenommen haben, seit wir zusammenarbeiten. Und ich habe jedes Gramm davon genossen.“ Er tätschelte zufrieden seinen Bauch. „Seit wir uns kennengelernt haben, ist mein Leben besser und besser geworden.“

„Gilt das auch für deine Mitgliedschaft bei Lloyd’s?“

Bernards buschige Augenbrauen zogen sich mit einem kurzen Stirnrunzeln zusammen und er hob protestierend die Hand. „Lieber Junge, erwähne das Versicherungsgeschäft nicht.“

„Dann bist du also selbst Mitglied?“

„Ich habe immer noch einen Namen, lieber Junge. Immer noch einen Namen. Und immer noch solvent! Man verbringt nicht so viele Jahre dort, ohne zu lernen, auf welche Konsortien man setzen muss, weißt du?“

„In der Tat.“

Bernard sah William argwöhnisch an, wurde aber von einem zögerlichen Klopfen an der halboffenen Tür der Mühle von weiteren Kommentaren abgehalten.

„Bernard? Bist du da?“ Auf den ersten Blick glaubte Darina, dass da ein junges Mädchen hereinkam, dann bemerkte sie, dass der lange, bedruckte Rock und die antike Schnürbluse sie in die Irre geführt hatten. Die Frau, die zu ihnen stieß, musste mindestens Mitte dreißig sein. Sie hatte ein schmales Gesicht und dunkles Haar, das ihr in Locken bis in den Nacken fiel. Sie zog an einer ihrer Locken, als sie die Mühle betrat, und glättete sie in einer nervösen Geste, ihr Gesichtsausdruck war besorgt.

„Anthea? Bist du auf der Suche nach Helen? Hast du es nicht im Haus versucht?“ Weder Bernards leichtes Zurückweichen, noch seine Stimme sprachen dafür, dass sie hier willkommen war.

Anthea lief peinlich berührt rot an, die Farbe zeigte sich auf ihren Wangen und ihrem Hals. „Ich brauche etwas Öl. Ich glaubte, dich in die Mühle gehen zu sehen und habe mir nicht die Mühe gemacht, zum Haus zu gehen.“

Darina dachte daran, wie lange es gedauert hatte, bis Bernard ihnen den Prozess der Ölherstellung erklärt hatte. Hatte die Frau die ganze Zeit draußen gewartet? Warum war sie nicht hereingekommen? Oder war sie gerade erst angekommen, hatte die offene Tür gesehen und ihr Glück versucht? Und falls es so war, warum hatte sie das nicht gesagt?

Bernard ging zu dem alten Schrank am anderen Ende des Gebäudes hinüber, griff nach der Kette mit seinem Schlüsselbund, steckte einen Schlüssel in das Schloss an der Tür und öffnete sie. Er nahm eine Glasflasche heraus und übergab sie kommentarlos.

Die Farbe auf Antheas Haut wurde dunkler. Sie knotete die Bänder eines Zugbeutels auf, wühlte darin herum, fand ein ledernes Portemonnaie und nahm einen Geldschein heraus. „Ich glaube, das sollte reichen“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Bernard streckte ihr die Flasche entgegen. „Sei nicht dumm“, sagte er grob.

Anthea klammerte sich an die Flasche und ließ den Geldschein zu Boden fallen.

William bückte sich und hob ihn auf. Er gab ihn ihr mit einem Lächeln zurück. „Sie mögen das Öl wohl ebenso sehr wie wir“, sagte er unbeschwert. „Wir haben hier gerade vorzüglich gegessen.“

Anthea schenkte ihm ein leichtes, unsicheres Lächeln.

Bernard straffte die Schultern, atmete sichtbar ein und stellte sie vor. „Anthea Pemberton, eine Nachbarin“, sagte er. „Darina und William Pigram, Freunde von Helen.“ Es war das absolute Minimum, das er hätte aufbieten können, aber es schien Anthea neuen Mut zu geben.

„Leben Sie hier oder machen Sie hier unten nur Urlaub?“, fragte sie Darina.

„Wir sind in den Flitterwochen. Aber wenn wir zurückmüssen, werden wir uns wünschen, hier ein Haus zu besitzen, es ist herrlich.“

„Anthea, brauchst du noch etwas?“, unterbrach Bernard.

Wieder die peinliche Röte. „Ich wollte … ich meine … ich habe mich gefragt … also, hast du meinen Brief bekommen?“ Sie beeilte sich, den Satz zu beenden.

Für einen Augenblick blieb Bernard still, es schien, als fragte er sich, was er sagen sollte, dann schlug er sich in einer Geste auf die Stirn, die von John Irving hätte sein können. „Natürlich, dein Brief! Verzeih mir, Anthea.“ Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie aus der Scheune. „Ich werde dich heute Abend deswegen anrufen, versprochen“, sagte er, während der bedruckte Rock über das alte Holz der Tür streifte und sie hinaus ins Sonnenlicht gingen.

Darina und William vermieden es, einander anzusehen.

Bernard kam beinahe sofort zurück. „Das arme Mädchen hat Probleme“, sagte er unbekümmert. „Ich muss ihr eine Standpauke halten. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Du hast eine erstklassige Führung gemacht und ich glaube, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ William legte einen Arm um Darina. „Du und Helen habt weitere Gäste.“

Trübsal senkte sich wieder über Bernard. „Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr noch etwas bleiben könntet. Stephen ist nicht der freundlichste Mensch, ich nehme an, das wisst ihr.“

„Ich habe ihn vorher noch nicht getroffen“, murmelte Darina.

„Eifersucht, das ist das Problem. Er und Sasha haben Helens ungeteilte Aufmerksamkeit genossen, seit sie sich von ihrem Vater getrennt hat, als sie noch kleine Kinder waren.“

„Aber sie hatte doch andere Beziehungen“, sagte Darina.

„Es gab den einen, den Sasha zu verführen versuchte, den anderen, dessen Auto sich Stephen ohne Erlaubnis geliehen und geschrottet hat, und ohne Zweifel sind sie weitere auf die eine oder andere Art losgeworden. Ihr macht euch keine Vorstellungen, was die beiden zustande bringen, wenn sie wirklich wollen. Ich hatte nur eine Chance, weil Helen hierhergezogen ist und die beiden mit ihren eigenen Karrieren beschäftigt sind.“

„Das ist Pech“, sagte William, drückte Darina leicht an der Schulter und manövrierte sie raus in den Hof. „Hoffen wir, dass Stephens Arbeit mit den Drehorten nicht zu lange dauert“, fügte er strahlend hinzu. „Jetzt müssen wir wirklich unsere Gastgeberin finden und ihr für dieses wundervolle Mittagessen danken. Vielleich kommt ihr in Antibes vorbei, ehe wir zurückmüssen, dann können wir die Gastfreundschaft erwidern.“

Bernards Gesichtsausdruck hellte sich wieder auf. „Sehr nett, lieber Junge, wir werden da sein. Ich mache immer gern einen Abstecher in die Nachtclubs.“

 

Darina fuhr die schmale, ausgefahrene Fahrspur hinunter, am baufälligen Eingang zu Jacques Duvals Mühle vorbei und dann auf eine anständige Straße. Viel zu schnell hatten sie die friedlichen Olivenhaine hinter sich gelassen und die moderne Zivilisation drängte sich um sie.

„Ich kann nicht glauben, wie viel Verkehr hier ist“, sagte Darina als sie die zweispurige Straße erreichten. „Ich dachte, wir würden hier davon wegkommen.“

„Heutzutage nicht.“ William versuchte sich wachzumachen. „Immer mehr Menschen sind in den letzten zwanzig Jahren nach Südfrankreich gezogen, sie jagen der Sonne nach, wie wir. Die Autobahn zu bauen, hat den Prozess nur beschleunigt und jetzt hat die Côte d’Azur ihren Charme verloren.“

„Ich finde es wundervoll. Nun gut, es gibt viele Bauprojekte“, Darina sah auf eine neue Narbe in den Hügeln, die mit kleinen Villen in Garnelenrosa gefüllt wurde, „aber das Zentrum von Antibes ist entzückend, ganz traditionell französisch.“

„Du hättest es früher sehen müssen. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Eltern herkam, als ich ungefähr vierzehn war. Selbst an der Küste war es richtig ländlich und wenn man ins Inland kam, fand man kleine auberges, wo die Hühner frei herumliefen.“

„Jetzt werd mir nicht rührselig! Du hättest beim Mittagessen nicht so viel trinken dürfen. Ich liebe Antibes, dort kann man die Franzosen in ihrem normalen Alltag sehen, sie kaufen in all den Läden ein, die man dort erwartet. Großartige Fischgeschäfte, Metzger, wundervolle Käse- und Feinkostgeschäfte, und was diese Markthalle angeht, da müssen wir morgen nochmal hin.“ William stieß in leichtes Stöhnen aus. „Das Mittagessen von heute wird mir für die nächsten paar Tage reichen.“ Als er ein Straßenschild sah, hellte sich seine Stimmung auf. „Mougins! Da oben gibt’s ein Restaurant, in das ich dich einladen will. Du wirst ihr Essen lieben!“

„Wie lange brauchst du, um wieder Appetit zu bekommen?“ Keine Antwort. Nach einigen Kilometern fragte Darina nachdenklich: „Glaubst du, Bernard hat recht, was seinen Nachbarn angeht, diesen Jacques Duval? Geht er wirklich so mit seinem Öl um?“

William rüttelte sich wieder wach. „Kann schon sein.“

„Aber die Franzosen sind so fanatisch, was ihr Essen und den Geschmack angeht.“

„Das hält sie nicht davon ab, die Vorschriften des Binnenmarktes zu ignorieren, wenn es ihnen passt.“

„Aber wie steht es mit dem Verdünnen seines Olivenöls mit minderwertigem Zeug?“

„Jedes Land hat seine Schurken. Er sieht wahrscheinlich nichts Falsches daran. Wenn die Leute seine Produkte kaufen wollen, ist es ihre Aufgabe, darauf zu achten.“

„Und wenn sie es kaufen, ohne zu probieren, ist es ihr Pech?“

„Exakt.“ William lehnte seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Einen Augenblick später fügte er hinzu: „Ich wette, dass Bernard den Kürzeren zieht, wenn er mit Frère Jacques aneinandergerät.“ Dann erklang ein leises Schnarchen aus seinem halb geöffneten Mund.

Darina konzentrierte sich darauf, ohne Navigator den Weg zurück nach Antibes zu finden.

Das Apartment, das sie gemietet hatten, lag hoch oben in einem Häuserblock oberhalb der Innenstadt und bot einen Panoramablick auf das Mittelmeer. Wenn man in der einen Richtung an der Küste entlangblickte, konnte man die Ausläufer von Nizza sehen, in der anderen Richtung lag das bewaldete Cap d’Antibes mit seinen großen Villen und dem Leuchtturm, dessen breiter Lichtstrahl nachts über die ganze Gegend strich. Die alte Festung, die direkt unterhalb des Apartments neben dem Yachthafen lag, wurde rund um die Uhr angestrahlt.

Die Yachten mochten nach auffälligem Konsum riechen, aber das Hinterland, wo sie heute waren, bot kleine mittelalterliche Dörfer und echtes Landleben mit kleinen Höfen wie denen von Helen und ihren Nachbarn. Selbst wenn dort alles drunter und drüber ging, hatte Darina das Gefühl, sie würde es jederzeit einem Touristenparadies auf den Seychellen vorziehen. Und wenn das Einkaufen eine solche Freude war, machte es ihr auch nichts aus, sich ein wenig selbst zu versorgen.

Erst recht nicht, weil es so viel Spaß machte, bei William zu sein.

Sie fand die richtige Abzweigung von der Hauptstraße, steuerte den kleinen, gemieteten Renault in die Tiefgarage des Apartmentkomplexes, manövrierte ihn vorsichtig auf ihren engen Parkplatz und war froh, dass sie keinen größeren Wagen fuhr. Sie stellte den Motor ab und sah zu ihrem Ehemann. Sein Mund stand noch immer offen und gelegentlich schnarchte er ein wenig. Nicht der romantischste Anblick, aber sie hätte ihn für nichts in der Welt eintauschen wollen.

In den paar Tagen seit der Hochzeit schien William sich entspannt zu haben. Hatte er davor das Gefühl, sie könnte sich unsicher sein? Es schien, als hätte sie mit dem Eheversprechen ihre Hingabe zu ihm bestätigt, und ihm damit neues Selbstvertrauen gegeben. In diesem Augenblick, in dem kleinen Auto in der dunklen Garage, wusste Darina nicht mehr, warum sie so lange gezögert hatte oder warum die Zeit vor der Hochzeit so nervenaufreibend gewesen war. Jetzt schien alles so einfach.

Sie löste ihren Sicherheitsgurt, lehnte sich rüber und küsste ihn. Zwei Arme umschlangen sie, verschränkten sich fest hinter ihrem Rücken.

„Hmmmm“, gab sie zufrieden von sich, „willst du die Nacht hier unten verbringen, oder hochgehen?“

„Warum sollte ich mich damit abfinden, dass mir der Schaltknüppel in die unangenehmsten Stellen sticht, wenn ein gemütliches Bett nur zwei Minuten entfernt ist?“ Sein Lächeln war warm und träge.

Hand in Hand gingen sie zum Aufzug und drückten den Knopf für ihre Etage. Immer noch Hand in Hand schafften sie es, die Sicherheitsschlösser des Apartments aufzuschließen. Als sie drinnen waren, kümmerten sie sich nicht darum, wieder abzuschließen, William zog Darina fest in seine Arme.

Das Telefon klingelte. Widerwillig zog er sich zurück.

„Also, ich habe ein oder zwei Leuten die Nummer gegeben“, gestand ihr Ehemann und nahm den Hörer ab. „Hallo? Wer? … Natürlich, Geoffrey sagte, dass du anrufen würdest … Ja, wir genießen es sehr … Was, morgen? … Ja, das klingt toll, wir freuen uns darauf!“

War das so? Darina fragte sich, was er ihnen da eingebrockt hatte.


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.

Mord zur Primetime

Kapitel Eins

„Darina geht ins Fernsehen? Das wird das Ende eurer Beziehung!“

„Ma! Wie kannst du so was sagen? Das sind fantastische Neuigkeiten! Die Verkaufszahlen ihres Buches werden durch die Decke gehen.“

„Nun gut, wenn das alles ist, worum ihr beide euch Sorgen macht, gibt es nichts mehr zu sagen.“

Joyce Pigram richtete ihre Aufmerksamkeit betont auf das Hühnchen auf ihrem Teller und stach wütend mit dem Messer auf das gewürzte Fleisch ein.

Darina Lisle seufzte. Ihre zukünftigen Schwiegereltern zum Sonntagsessen einzuladen war ihr als gute Möglichkeit erschienen, ihnen mitzuteilen, dass sie einen Fuß in die Welt des Fernsehens gesetzt hatte. Die Chancen, da hatte William recht, waren überwältigend. Wöchentlich aufzutreten, auch wenn es kein Privatsender war, würde ihre Buchverkäufe verbessern und die Verlage wären gespannt auf neue Bücher von ihr. Natürlich nur, wenn sie gut ankam. Versagen hingegen – aber sie würde über Versagen nicht einmal nachdenken.

Joyce hatte allerdings nicht ganz Unrecht, im Augenblick waren die Buchverkäufe ihre kleinste Sorge. Darina war sich bei Weitem nicht sicher, ob sie sich auf die schnelllebige, unsichere Welt des Fernsehens einlassen wollte.

William Pigram, ihr Verlobter, schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Ich dachte, du wärst so begeistert wie ich, Ma. Teil einer regelmäßigen Fernsehsendung zu werden bedeutet, dass Darinas Karriere durchstartet.“

„Dort herrscht eine höchst ungesunde Atmosphäre, nahezu losgelöst von der Realität. Man muss nur Zeitung lesen, um zu wissen, was hinter den Kulissen los ist. Und diese Egozentriker. John, erinnerst du dich an diesen Fernseh-Produzenten, der mal ein Wochenendhaus bei uns in der Nähe hatte? Der konnte nur über zwei Dinge sprechen, sich selbst und seine Sendungen.“

Ihr Ehemann lehnte sich über den Tisch und tätschelte ihre Hand. „Er war vermutliche eine Ausnahme, Liebling.“

Joyce ignorierte ihn. „Und würde das nicht bedeuten, dass Darina ihre meiste Zeit in London verbringt? Während William hier unten in Somerset arbeitet? Ihr wollt in drei Monaten heiraten, was passiert dann?“

„Die Dreharbeiten für die Sendung sind im März beendet, genau vor unserer Hochzeit“, sagte Darina sanft. „Ich werde jede Woche drei oder vier Nächte in London verbringen müssen, aber an den Wochenenden werden wir zusammen sein. Seit er zum Inspector befördert wurde, scheint William ohnehin sehr beschäftigt zu sein. Er wird keine Zeit haben, mich zu vermissen.“ Sie hoffte, dass sie nicht gekränkt klang, es war zumindest nicht ihre Absicht. Sie schenkte ihrem Verlobten ein warmes Lächeln.

Das Problem war natürlich, dass Darinas zukünftige Schwiegermutter nicht wollte, dass ihr Sohn, der Detective, eine Karrierefrau heiratete. Nicht einmal, wenn ihr Beruf das Kochen war. Ein überaus erfolgreicher Beamter des CID sollte auf jede erdenkliche Weise verwöhnt und unterstützt werden, und nicht bei den Hausarbeiten helfen müssen. Joyce hatte ihre Sicht der Dinge schon früher zum Ausdruck gebracht, und damals hatte Darina nur Zeitungsartikel und Bücher geschrieben. Die Nachricht, dass sie gebeten wurde, Teil des Moderatoren-Teams einer Koch-Sendung im Fernsehen zu werden, wurde erst mit Schreck, dann mit Empörung aufgenommen.

„Wie auch immer, keiner sieht sich diese Sendung an“, fuhr Joyce fort. „Sie ist so anmaßend, das kann man nicht in Worte fassen; ein Koch, den man nicht versteht, bereitet Gerichte zu, die man nicht essen will, und die Gäste scheinen fest entschlossen, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, sie seien beschränkt. Und wenn man den Wein kauft, den sie empfehlen, kann man sich das Essen ohnehin nicht mehr leisten.“

Table for Four nahm sich jede Woche ein anderes Thema aus dem Bereich Essen oder Trinken vor. Zwei Experten erkundeten die Beziehungen zur Kochkunst und zum Wein, und für eine Diskussion mit dem dritten Moderator lud man einen Gast ein. Zu Beginn und Abschluss jeder Sendung saßen alle vier am namensgebenden Tisch.

„Darina sagt, man habe sie dazu geholt, um die Kochsegmente zugänglicher zu gestalten, nicht wahr, Liebling?“, fragte William.

Essen musste ein sichereres Thema für die Unterhaltung sein, und Darina hakte ein. „Das Hühnchen, das ihr heute esst, ist eines der Gerichte, die ich bei meinem Vorsprechen vorgeführt habe. Wirklich simpel, es ist einfach in einer Marinade aus Kardamom, Koriander, Kumin, Olivenöl, Honig und Sherry-Essig eingelegt. Der Geschmack ist trotzdem sehr gut. Möchte jemand noch mehr?“

„Es ist kein Rinderbraten, aber ich könnte jeden Tag davon essen!“ John Pigram reichte seinen Teller für eine zweite Portion herüber. „Mit Gerichten wie diesem wirst du für die Sendung ein voller Erfolg. Zusammen mit dieser Milly, die den Wein macht, wird das Ganze wirklich sehenswert.“

„Ich fürchte, sie ist nicht mehr dabei“, sagte Darina entschuldigend.

„Nein! Warum?“

Darina zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass sie sowohl sie als auch den Koch haben gehen lassen.“

„Was ist mit dem dritten Moderator, Mark Irgendwer? Bleibt er dabei?“

„Den mag ich wirklich“, sagte Joyce unerwartet. „Er hat ein nettes Lächeln.“

„Mark Taylor meinst du? Ich weiß es nicht. Neil Cantlow, der leitende Produzent, liefert die Ideen für das Programm und hat nur gesagt, dass sie der Sendung einen neuen Anstrich verpassen wollen, und ich dabei helfen könne.“

„Ich wusste, dass die Sendung nicht laufen würde“, sagte Joyce mit Befriedigung. „Und ich glaube kaum, dass es einen großen Unterschied machen wird, am Moderatorenteam herumzubasteln. Ich schätze, dass du nicht allzu lang dort auftreten wirst“, sagte sie fröhlich zu Darina. „Ich erwarte, dass die ganze Sendung bald verschwinden wird.“

Darina verlor plötzlich all ihre Vorbehalte gegenüber ihres Eintrittes in die Fernseh-Welt. „Ich hoffe wirklich nicht. Wie auch immer, ich glaube, dass meine neue Karriere einen stilvollen Start hinlegen wird; ich werde mit dem neuen Kerl auftreten, der sich am kommenden Montag in der Mike-Darcy-Show um den Wein kümmert.“

„Wirklich?“ Plötzlich lag Respekt in der Stimme von Joyce Pigram. „Die schaue ich mir immer an.“

 

Neil Cantlow hatte einen australischen Weinexperten mit eigenem Weingut ausgewählt, um die Stamm-Moderatoren im Table-Team zu ergänzen. Darina begegnete Bruce Bennett zum ersten Mal am darauffolgenden Sonntag. Neil hatte zu einem Produktionstreffen in seinem Haus in Putney eingeladen. Er entschuldigte sich bei allen, ihnen den Sonntag zu ruinieren, erinnerte sie aber daran, wie wichtig es war, die so schrecklich fehlgeleitete Sendung für die zweite Staffel neu aufzustellen. Neil hatte die ursprüngliche Idee für die Sendung entworfen, und seine Firma produzierte sie, dennoch hatte Bruce das Ruder an sich gerissen, kaum dass Darina eingetroffen war.

„Das ist also das Mädchen, das bei der Show mitmacht?“ Er betrachtete Darina von oben bis unten, sodass sie sich wie ein Straßenköter fühlte, der bei einer reinrassigen Hundevorführung mitmischen will.

Der Australier war ein großer Mann mit haselnussbraunen Augen, die leuchteten wie die eines Tigers. Aber Darina war selbst über ein Meter achtzig groß und musste mit ihren Absätzen nicht nach oben schauen, um seinem Blick zu begegnen. „Sollte ich Ihr Urteil abwarten, ehe ich sage, dass ich erfreut bin, Sie kennenzulernen?“

Das pockennarbige Gesicht mit seinen breiten Knochen brach in ein zufriedenes Grinsen aus. „Ich mag se quirlig“, sagte er zu Neil.

Der leitende Produzent sah besorgt aus. Neil Cantlow war einen Kopf kleiner als die beiden, ein runder, lebhafter Teddybär von einem Mann, mit einem ziemlich abgewohnten Gesicht, an dem er ständig herumfummelte. Er zog seine großporige Haut mal in diese, mal in jene Richtung, als wünschte er sich, er könnte damit seine Form verändern.

„Also, ich hoffe ihr beide werdet gute Freunde“, sagte er herzlich, während er mit festem Griff an seinem Ohrläppchen drehte.

„Ich bin sicher, dass wir gut zurechtkommen. Sobald Darina diese schlaffen Klamotten weglässt.“

Darina blickte auf ihren maßgeschneiderten, grauen Rock und ihr entsprechendes Jackett hinab. Sie hatte nicht gewusst, welche Garderobe dem Tag angemessen wäre, hatte sehr legere Kleidung erwartete, sich aber nicht getraut, in Jeans und Pullover zu erscheinen. Also hatte sie sich für etwas entschieden, in dem sie sich wohlfühlte. Offensichtlich ein Fehler.

„Die Ausstatter arbeiten schon an Ideen für Darinas Garderobe“, sagte Neil hastig.

Seit sie wusste, dass sie Teil der Sendung sein würde, hatte Darina jeden freien Augenblick damit verbracht, das gute Präsentieren der Gerichte zu üben, die sie vorführen würde. Sie hatte geglaubt, das wäre das Wichtigste, nicht ihr Aussehen. Anscheinend zählte nur, dass sie sauber und ordentlich aussah? Die ständige Sorge der Fernseh-Leute, um Angelegenheiten, die ihr als nebensächlich erschienen, war mysteriös und beunruhigend.

„Hat John Franks nicht eine Kochjacke getragen?“, fragte sie zögerlich, und dachte, dass diese Kombination von professioneller Autorität und Anonymität ihr gut stehen würde.

Der vorherige Show-Koch von Table for Four war bekannt für seine komplizierten Rezepte, die er mit zügiger Professionalität zubereitete. Dabei legte er eine beeindruckende Fingerfertigkeit an den Tag, die selbst fortgeschrittene Techniken wie Spielereien auf dem Pausenhof erscheinen ließen. Mit kurzen, erklärenden Stellungnahmen in kräftigem Yorkshire-Akzent enthüllte er nebenbei seine Geheimnisse.

„Vergiss die Kochjacke“, befahl Bruce. „Du brauchst Stil! Diese Klamotten sind so nützlich wie ein Fliegengitter im U-Boot. Du machst denselben Fehler wie ich früher. Du weigerst dich, dich von der Umgebung abzuheben.“ Darina betrachtete den Pullover mit seinem lebhaften Muster in Rot und Orange, die Designerjeans und die cremefarbenen Slipper, und fand es unmöglich, sich einen dezent gekleideten Bruce Bennett vorzustellen. „Da du so groß bist wie wir“, fuhr er fort, „musst du dich damit abfinden, dass du nicht mit dem Hintergrund verschmelzen kannst. Also kannst du auch gleich einen Eindruck hinterlassen.“ Er stand da und betrachtete sie eine Weile. „Lass uns mal sehen, wie viel Haar du da hast.“ Eine große Hand streckte sich zu ihr aus und er schnippte gegen ihre Hochsteckfrisur, dann zog er flink die Haarnadeln heraus, wie ein Yachtbesitzer, der die Segel setzt.

Darina stieß einen heiseren Protestschrei aus, der unbeachtet blieb, während ihre glattes, cremefarbenes Haar über ihre Schultern hinabfiel.

„Das ist schon besser! Lass das von jemandem machen, der weiß was er tut, such ein paar Klamotten aus, die weniger kränklich wirken, dann könnten wir ins Geschäft kommen! Was sagst du, Kumpel?“

Neil Cantlow stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Bruce, was soll ich da noch sagen?“

Bruce warf sich in einen Stuhl. „Na komm, Partner, sei nicht so, ich will hier nicht den Produzenten geben, ich hab bloß ein Auge für Mädchen.“

„So ist es!“ Neil sprach aus ganzem Herzen, sein Ausdruck war düster.

„Ihr werdet mir nicht die Haare schneiden“, mischte Darina sich in die Männerfreundschaft ein. „Mein Verlobter kriegt Zustände.“

Wie sie vermutet hatte, ließ das Bruce hellhörig werden. „Verlobter, ja?“ Er ließ noch mal einen prüfenden Blick über ihre Figur gleiten. „Wir wollen den armen Typen ja nicht verunsichern, nicht wahr? Überlass das nur dem kleinen Bruce, Schätzchen, und er wird genauso glücklich sein wie …“

„Nur so weit, dass Darina für die Talkshow morgen Abend gut aussieht“, warf Neil eilig ein. Dann führte er sie beide in seinen Wintergarten, wo der Rest des Produktions-Teams auf den Start der Besprechung wartete.

 

Neil hatte es schließlich geschafft, während der Besprechung seine Autorität zu festigen, aber Bruce bestand am folgenden Tag darauf, das Erscheinungsbild seiner Co-Moderatorin selbst in die Hand zu nehmen.

Der erste Halt war ein erstklassiger Londoner Friseur. Drei Stunden später betrachtete Darina ihre herabfließenden Haare und erkannte sich selbst kaum wieder. Sie war eine Sexbombe, keine vernünftige Köchin.

Bruce holte sie ab und grinste sie zufrieden an. „Ne kleine Schönheit, nicht wahr?“

„Klein wohl kaum“, murmelte der Friseur, von Darinas überragender Gestalt in den Schatten gestellt.

„Jetzt machen wir uns an die Klamotten.“

Er schob sie in ein Taxi, fing einige ihrer wehenden Haare ein und vergrub seine Nase darin. „Zweifellos, das ist es! Riecht genauso gut wie die Traubenblüte im Frühling. Jemals in einem blühenden Weinberg gestanden? Den Duft eingesaugt? Ich sag dir, es gibt nichts Vergleichbares.“ Er ließ die Haare fallen und lehnte sich zurück, beobachtete, wie Darina mit ihrem Gurt kämpfte.

„Mit den Dingern mühst du dich ab?“

„Es ist mittlerweile Gesetz sie anzulegen.“

„Eine brave, kleine Bürgerin, die alles tut, was man tun muss, ja? Das müssen wir dir abgewöhnen.“

Darina betrachtete ihn für einen Augenblick und dachte an die scharfsinnigen Kommentare, die er tags zuvor bei der Produktions-Besprechung beigesteuert hatte. „Du bist ein Heuchler, Bruce, weißt du das?“

Für einen Moment sah er ehrlich überrascht aus. „Ein Heuchler, moi?“

„Der unhöfliche, grobe Australier, der ungebildet ist und nicht weiß, wie man sich benimmt, das ist nur Schauspiel“, sagte sie streng und hatte Spaß dabei. „Ich wette, du bist zur Universität gegangen, sprichst perfekt Französisch und Deutsch und könntest selbst in intellektuellster Begleitung schritthalten.“

„Du hast mich unter die Lupe genommen“, sagte er betrübt.

„Ich habe eine ordentliche Sammlung von Zeitungsausschnitten über Wein und Lebensmittel“, gestand sie ein. „Einige davon haben sich als sehr aufschlussreich erwiesen, als ich gestern Abend nach Hause kam.“

„Ich bin gerührt.“

„Ein Abschluss in Chemie aus Melbourne, ein Abschluss des Montpellier-Weinbau-Zentrums, zwei Jahre Zusammenarbeit mit verschiedenen französischen und deutschen Winzern, dann zurück nach Australien, um mit deinem Vater und einem französischen Weinbauern zusammenzuarbeiten. Ihr habt es geschafft, das Niveau von Yarramarra-Weinen so weit anzuheben, dass sie internationale Beachtung finden, während du dich zur selben Zeit als internationaler Sachverständiger für Wein etabliert hast. Ganz zu schweigen davon, dass du bei der Vermarktung deiner eigenen Weine federführend warst. Eine ganz ordentliche Bilanz für einen australischen dag. Habe ich das richtig verwendet?“

„Kommt darauf an, was du glaubst, dass es bedeutet“, sagte er mit ungerührtem Gesicht.

„Laut eines Artikels, den ich mal gelesen habe, bezeichnet es so was wie einen Trottel.“

„Tatsächlich ist es diese verfilzte Mischung aus Wolle und Exkrementen, die Schafe am Hintern tragen. In einigen einfachen Schritten australischer Logik wird daraus so was wie ein Trottel, ja. Aber einer, den du gernhast.“ Er schenkte ihr das offene Grinsen eines schlichten, australischen Trottels.

„Bist du dir sicher, dass du auch nur irgendwas über Damenmode weißt?“, fragte sie zweifelnd. Heute trug Bruce unglaubliche dunkelviolette Jeans, einen weißen Rollkrangenpulli, der seine Bräune betonte, und eine karamellfarbene Lederjacke, die mit eigenartigen Falten vorne und hinten seine ohnehin schon großzügige Schulterpartie noch breiter erscheinen ließ.

Sein Grinsen wurde breiter. „In Frankreich habe ich nicht nur über Wein so manches gelernt. Man kann sich nicht mit den einheimischen Mädchen abgeben, ohne etwas über weiblichen Chic zu lernen.“ Er blickte hinunter auf sein Outfit. „Der Kram ist Teil der Vorstellung. Wie ich schon gesagt habe, man muss Ecken und Kanten haben. Ich bin der einfache australische Hinterwäldler, der zufällig den perfekten Gaumen hat und mehr über Wein weiß als die meisten. Würde ich mich anziehen wie dieser affektierte Journalist, der unser Co-Moderator ist, sprechen wie Neil der Cambridge-Absolvent, wer würde sich an mich erinnern? Ich müsste dreimal so hart arbeiten, um mir einen Namen zu machen. So vergisst mich keiner!“

Das war unbestreitbar. „Und welche Ecken und Kanten hast du für mich im Sinn?“

Er schenkte ihr ein weiteres Grinsen und tätschelte ihre Hand. „Vertrau deinem alten Kumpel!“

Vertrauen war nicht die Eigenschaft, die Darina mit Bruce in Verbindung brachte. In ihren Zeitungsausschnitten wurde eine Hochzeit mit einer attraktiven australischen Kochbuchautorin erwähnt, aber er hatte nichts von einem treuliebenden Ehemann an sich. Seine Augen sagten ihr, dass sie attraktiv sei, die Berührungen seiner Hände waren verwirrend, wenn er ihr eine sorglose Berührung schenkte, oder ihr ins Taxi half. Und dass er mit der Anpassungsfähigkeit eines Chamäleons zwischen dem einfachen, australischen Kerl und dem gebildeten Mann von Welt wechselte, war ihr unangenehm.

Darina beschloss, dass ihr Ausschnitt verdeckt bleiben würde, ihre Röcke würden lang bleiben, und nichts würde zu eng um ihre Hüften liegen.

Und wieder überraschte Bruce sie.

Sie beendeten ihren Einkaufsbummel mit etlichen Tragetaschen, gefüllt von einer Sammlung farbenfroher Oberteile. Schön geschnitten, mit dezenten Details, leicht zu tragen und anzuziehen, sie schmeichelten ihrer Figur und betonten ihren guten Körperbau. Passend zu den Oberteilen hatte er einige schlichte Röcke aus Wollkrepp ausgewählt, die ihre Hüften schmaler wirken ließen.

„Sie gefallen mir alle, aber ich sehe nicht, wie ich damit besser kochen soll“, hatte Darina widersprochen, als sie sich vor dem Spiegel drehte und versuchte, ihren Rücken zu betrachten.

„Im Fernsehen geht es nur darum, Dinge anzuschauen. Die Zuschauer werden dich ansehen, bevor sie dich kochen sehen. Es hat dieselbe Wirkung wie der Duft von Kaffee, es lässt dir das Wasser im Munde zusammenlaufen, ehe deine Geschmacksknospen auch nur in der Nähe von dem Zeug sind. Wenn du nicht so attraktiv wärst, hättʼ ich was Verrücktes vorgeschlagen, um die Aufmerksamkeit von deinem Aussehen abzulenken und dir was Exzentrisches zu verpassen.“

„So wie bei dir“, stellte Darina unfairerweise fest.

„Genau!“, sagte er ohne Groll. „Jetzt müssen wir dir noch ein Outfit auswählen, das sie heute Abend aus den Latschen haut.“

Während Bruce Kleidungsstücke mit teuren Designer-Labels unter die Lupe nahm, dachte Darina kurz über die Kosten ihrer neuen Garderobe nach. Er wies ihre Bedenken mit einem lässigen Kommentar zurück: „Das ist alles Teil der Produktionsausgaben. Neils Firma wird die Rechnung dafür übernehmen.“ Er schwang die Kreditkarte mit achtloser Autorität. Es war unmöglich mit Bruce zu diskutieren, und da sie sich in den von ihm ausgesuchten Sachen gesehen hatte, fand sie keinen Anlass, es zu versuchen.

 

Die Studiolichter waren grell. Darina stand da und wartete darauf, in ihr erbarmungsloses Strahlen hinausgeschickt zu werden. Sie war nicht sicher, ob sie schon bereit war, sich an die Löwen verfüttern zu lassen.

Bruce stand auf der Bühne, lehnte sich behaglich in seinem Stuhl zurück, und sprach so locker mit Mike Darcy, als wäre der Talkshow-Moderator ein alter Freund. Seine große Gestalt war in eine lederne Hose, ein weißes Seidenhemd und eine Art Wildleder-Wams mit Fransen gehüllt. Er schien sich vor den Kameras und dem großen Studio-Publikum so zuhause zu fühlen wie im australischen Busch, den er gern als seine Heimat darstellte. Er tauschte Witze mit Mike aus, während er gleichzeitig einen lebhaften Bericht über sein Weingut ablieferte. Der kräftige australische Akzent verlangte nach Aufmerksamkeit und die bildliche, bodenständige Wortwahl deutete Derbheit an, ohne zu kameradschaftlich zu werden.

Bruce Bennett hatte eine hypnotisierende Eigenschaft an sich, die bewirkte, dass einen nichts, was er sagte, schockieren konnte. Sein zerfurchtes Gesicht leuchtete vor Begeisterung und auch seine intelligenten haselnussbraunen Augen, im Schatten der schweren Lider und buschigen Augenbrauen, stimmten in die Begeisterung ein, während er seinen neuen Syrah-Sekt beschrieb, die neueste Ergänzung zur Sammlung international anerkannter Yarramarra-Weine.

 

„Warte, bis du ihn probiert hast, Mike.“ Bruce griff neben seinen Stuhl nach unten, holte eine Sektflasche hervor und machte sich daran, die Folie um den Korken zu entfernen. „Lässt Champagner wie ein Getränk für die Nachbarn aussehen! Er ist gehaltvoll, geschmackvoll und strahlt wie eine Jungfrau bei ihrer ersten Verabredung. Wie wärs mit irgendwas, woraus wir trinken können? Glauben Sie, ihr Sender kann sich das leisten?“ Bruce löste den Draht, der den Korken festhielt.

Sein Gastgeber förderte ein Tablett mit Gläsern hervor, stellte es auf einen kleinen Tisch und erhob sich. „Halten Sie den Korken noch kurz fest, Bruce, während ich meinen nächsten Gast vorstelle. Ich weiß, dass sie viel gemeinsam haben, und vielleicht kann sie uns etwas zum Sekt reichen.“

Ein sanfter Stoß und ein ermutigender Blick schickten Darina auf den scheinbar endlosen Marsch ins Rampenlicht.

„Darina Lisle, Köchin, Autorin und jetzt Fernseh-Moderatorin, willkommen in der Sendung“, sagte Mike Darcy, während Bruce sie mit einem breiten Grinsen in Empfang nahm.

Während sie sich setzte, stellte Darina eine Platte mit leichten Speisen neben den Gläsern auf den Tisch. Amuses gueules würde man sie in eleganten Restaurants nennen, kleine Häppchen, die die Geschmacksknospen und den Speichelfluss anregen sollen, ehe es an die schweren Speisen geht. Es gab geräucherte Muscheln in einem feinen Mantel aus durchwachsenem Bioschinken; winzige Pasteten, gefüllt mit kleinen Garnelen in einer Cayennepfeffer-Soße; kleine Brotscheiben, mit Olivenöl bestrichen und kross gebacken, dann mit einer Paste aus schwarzen Oliven, Anchovis und Knoblauch belegt, und obenauf Lachs mit Schlagsahne; und Ziegenkäse-Würfel auf Spießen zusammen mit Mispel-Käse. Darina blickte auf die köstlichen Häppchen und fragte sich, ob die Fernsehkamera die Details einfangen könnte – dann fragte sie sich, ob das überhaupt eine Rolle spielte. Was war nur in sie gefahren, dass sie dieser Tortur zugestimmt hatte?

Darina war Mike Darcy vor Beginn der Sendung vorgestellt worden. Sein schlüpfriger, irischer Charme war leibhaftig genauso umwerfend, wie er auf dem Bildschirm wirkte. Die neckende, verlockende Stimme versprach unmittelbare Intimität und erweckte das Gefühl, dass ein unausgesprochener Witz in der Luft lag, der nur für sie beide existierte. Vor der Sendung hatte sein Charme all ihre Bedenken bezwungen, jetzt waren sie wieder so stark wie zuvor.

„Als Mann, der das Essen liebt, ist es eine zweifache Freude, Sie heute Abend hier zu haben, Darina“, sagte Mike und seine Stimme wirkte wieder ihren beruhigenden Zauber. „Denn Sie sind nicht nur eine wunderschöne Frau, und jeder weiß wie sehr ich schöne Frauen mag, sondern Sie sind auch noch eine großartige Köchin.“ Sein Blick fiel auf die Platte mit Canapés. „Die sehen gut genug aus, um sie zu essen.“ Mit einer Hand nahm er beinahe eines auf, dann schlug Mike sich selbst. „Aus Junge, die kommen später! Aber, Darina, ist es nicht so, dass Sie armen Seelen wie mich, die schon damit kämpfen, ein Ei zu kochen, in die Geheimnisse der haute cuisine einweihen wollen?“ Ehe Darina irgendetwas sagen konnte, fuhr er fort: „Tatsächlich werden Sie beide bei dieser höchst abwegigen Kochsendung mitmachen, Table for Four, auf dem anderen Sender.“ Seine Stimme wurde zu einem Bühnenflüstern und er zwinkerte betont in die Kamera. „Aber ich wäre bereit darauf zu wetten, dass die Sendung nicht mehr ganz so abwegig wird, sobald Bruce hier und die wunderbare Darina dort mitmischen.“

Bruce nahm das Stichwort auf. „Darauf können Sie ihre Eier verwetten, Mike! Zusammen werden Darina und ich den ehrlichen, guten Geschmack zurückbringen. Für uns gibt es keine affige haute cuisine oder Weine wie Katzenpisse. Wir stehen auf wunderbares Essen und ehrliche Beschreibungen genießbarer Gesöffe.“

Mike hob kaum merklich eine Augenbraue. „Ist es wirklich das, was Sie mögen?“, fragte er Darina.

Sie holte tief Luft und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Gerichte müssen nicht kompliziert sein, um wundervoll zu schmecken“, setzte sie an. „Ich verfüge nicht über eine solch farbenfrohe Ausdrucksweise wie Bruce …“

„Als wohlerzogenes, englisches Mädchen?“, flötete Mike und lachte. „Verzeihen Sie mir, wenn ich das sage, aber sie sehen nicht aus wie ein wohlerzogenes, englisches Mädchen! Und das ist ein Kompliment, falls Sie das bezweifelt haben sollten.“

Darina war sich nur zu bewusst, wie sie aussah, und dass Bruce Bennett daran schuld war. Sie saß in einem Giorgio-Armani-Kostüm vor den Kameras, mit Hose, Weste und langem Jackett aus weichem, cremefarbenem Stoff. Die aufreizenden Wogen ihrer neuen Frisur hatte das Mädchen aus der Maske wieder an ihren Platz toupiert, ihre Augen waren subtil betont und ihre Lippen glänzten korallenrot. Sie warf mit einer beiläufigen Geste einige Strähnen ihres cremefarbenen Haars zurück. Plötzlich schien sie die Situation zu beherrschen. „Ich möchte den Leuten zeigen, wie leicht es sein kann, wirklich köstliche Gerichte zu kochen. Das Vertrauen in ihre Fähigkeit bestärken, sich selbst etwas auszudenken, das gut schmeckt. Wir werden klassische Gerichte aus einem neuen Blickwinkel betrachten und zeigen, was man mit einigen exotischen Zutaten bewirken kann, die man heutzutage überall bekommt. Gut zu kochen ist nur eine Frage des Selbstvertrauens.“

„Und ich sehe, dass sie alles Selbstvertrauen der Welt hat, ist es nicht so, Bruce?“

Der Australier lehnte sich vor und platzierte eine große Hand auf ihrem Oberschenkel, wo sie schwer und warm zu liegen kam. „Darina ist eine Spitzenköchin, ich werde zusammen mit den Zuschauern so einiges lernen, da besteht kein Zweifel.“ Er drückte ihren Schenkel besitzergreifend.

„Aber Darina hat noch ein weiteres Talent, von dem die Zuschauer sicher gerne hören würden“, fuhr Mike Darcy fort. „Wenn ich mich nicht irre, sind Sie nicht nur mit einem Detective verlobt, Sie sind auch selbst ein Crack als Ermittlerin.“

Diese Perspektive war sicher nicht bei der Unterhaltung mit Mikes Recherche-Mitarbeiter zur Sprache gekommen. Darina setzte ein Lächeln auf, das hoffentlich unerforschlich wirkte, und sagte nichts.

„Haben Sie nicht gerade erst einen mysteriösen Mord im Westen des Landes aufgeklärt? Und das war nicht der einzige.“ Darina warf noch mal ihr wogendes Haar zurück; wenn sie damit weitermachte, würden die Möchtegern-Stars bald für Unterricht bei ihr Schlange stehen.

„Reines Glück, sonst nichts“, setzte sie mit bescheidenem Lächeln an. „William ist der echte Detective, er ist derjenige, der die Verbrechen aufklärt.“

„Ich bin sicher, er wäre der erste, der zugibt, dass Sie auf diesem Gebiet eine Konkurrenz darstellen“, beharrte Mike und stellte die Effizienz seines Recherche-Teams unter Beweis, indem er Einzelheiten der Mordfälle präsentierte, in die Darina verwickelt worden war.

„Bei Ihnen klingt das ja, als würden überall, wo ich hingehe, Leichen auftauchen“, protestierte sie. „Fangen Sie bloß nicht an, den Leuten einzureden, sie müssten misstrauisch sein, wenn sie mein Essen probieren!“

Mike lachte und es klang echt. „Wann immer Sie mich zum Essen einladen, können Sie sicher sein, dass ich kommen werde. Es wäre eine Freude an ihrem Tisch zu sterben. Nein, vergessen Sie, dass ich das gesagt habe. Um die Qualität ihrer Kochkünste zu beweisen, werde ich mich an eine dieser köstlich aussehenden Kleinigkeiten wagen. Bruce, machen Sie diesen Sekt auf, ich werde den letzten meiner Gäste hereinholen, damit wir diese Geschenke teilen können.“

Ein Filmstar gesellte sich zu ihnen und Darina und Bruce hielten sich im Hintergrund, während er Werbung für seinen neuesten Film machte. Dabei graste er die Platte mit Häppchen ab und schlürfte den Sekt, und vermied es, auch nur eines davon zu erwähnen.

 

„Lass uns noch irgendwo hingehen“, sagte Bruce nachdem Mike die Sendung beendet, seinen Gästen zu ihren Auftritten gratuliert und sich dann aus dem Staub gemacht hatte.

Darina war noch wie im Rausch, William war unten in Somerset und nur ihr leeres Haus in Chelsea wartete auf sie, also hatte sie zugestimmt. Kurz vor Verlassen des Studios hatte ihnen jemand eine Aufzeichnung der Sendung gebracht, um die Bruce anscheinend gebeten hatte. Er hatte sie ohne Kommentar in der großen Tasche eines Trenchcoats verschwinden lassen, die wie die Parodie dessen aussah, was jeder Zeitungsjournalist in einem Hollywoodfilm tragen würde.

Sie gingen in ein kürzlich eröffnetes Restaurant, das selbst an einem Montag mit der Elite Londons vollgestopft war. Irgendwie schaffte es Bruce, einen Tisch für sie zu bekommen. Er bestellte Getränke, widmete der Speisekarte nur einen höchst oberflächlichen Blick und ließ sie dann auf den Tisch fallen. Am Tag zuvor hatte er den köstlichen Cassoulet verschmäht, den Neils Frau für das Produktions-Team von Table for Four gekocht hatte, und stattdessen eine Plastikbox mit geraspeltem Gemüse hervorgezaubert.

„Essen Sie nicht gerne?“, fragte Darina ihn jetzt.

„Und ob! Das ist alles Teil der Geschmackserfahrung und wenn ich zu Hause bin, liebe ich es zu kochen. Da kann ich aber auch für die Qualität garantieren.“ Ausnahmsweise klang er absolut ernst. „Wie viele Menschen interessieren sich wirklich dafür, was in ihr Essen kommt? Die meisten probieren nicht mal, was sie essen. Dieses Brot zum Beispiel.“ Er hob ein Stück Baguette aus dem Körbchen, das man ihnen an den Tisch gebracht hatte. „Es ist im wahrsten Sinne des Wortes der Stoff des Lebens, man könnte sich ausschließlich von Brot ernähren, aber wie häufig kommt es vor, dass jemand es wirklich probiert?“ Er warf die Scheibe auf seinen Teller. „Hast Du je auf harten Weizenkörnern herumgekaut, so lange gekaut, bis sie zu einem weichen Brei werden?“

Darina schüttelte den Kopf.

„Mach das mal und achte auf die verschiedenen Aromen, die dabei freigesetzt werden. Und fang dann an, Brote aus anderen Getreidesorten zu probieren. Der herzhaft schwere, saure Geschmack von Roggen, die süße Sanftheit von Hafer, der eigenwillige Geschmack von Mais. Man kann Tage damit verbringen, die Geschmäcker von Brot zu beurteilen. Aber was machen die meisten Leute? Ersticken es in Butter und essen es, ohne darüber nachzudenken.“

Darina nahm die Speisekarte auf und stellte fest, dass die Gerichte, die eigentlich eine Geschmacksexplosion boten, ihr jetzt geschmacklos und naheliegend erschienen.

Garçon!“ Bruce lenkte die Aufmerksamkeit des französischen Kellners auf sich. „Excusez moi, un moment, sʼil vous plaît.“ Es folgte ein Wortwechsel, der zu schnell war, als dass Darina hätte folgen können. Einen Augenblick später verschwand Bruce in die Unterwelt des Restaurants und sagte Darina, sie könne bestellen, was sie wolle.

Er kehrte zu seinem Platz zurück, als ihr Essen eintraf. Außerdem wurde ein einfaches Omelett gebracht, und vor ihm abgestellt.

„Ist das alles, was Sie dem Koch zugetraut haben?“, fragte Darina spitz.

Bruce schenkte ihr sein breites Grinsen.

„Ich muss mein Kampfgewicht halten. Ich weiß nicht warum, aber bei allem, was über die einfachste Diät hinausgeht, lege ich zu wie eine Straßburger Gans, die für foie gras gemästet wird.“

„Dann werden Sie meine Gerichte nicht probieren? Mir ist aufgefallen, dass sie während der Sendung heute Abend nichts gegessen haben.“

„Ich probier vielleicht irgendwann mal was, wenn es besonders gut aussieht.“

„Schwein! Ich wette Sie essen alles, was ihre Frau auf den Tisch bringt.“

Darina hatte die Bemerkung gemacht, ohne nachzudenken, aber merkte sofort, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Bruce verschloss sich wie eine See-Anemone, die von einem Hai gestreift wurde. Seine gute Laune verschwand, seine Augen wurden schmal und sein Gesicht ausdruckslos. Dann lachte er, machte einen scherzhaften Kommentar und lenkte die Unterhaltung auf die Beliebtheit des neuen Restaurants.

Darina folgte seiner Führung, bis der Kaffee kam. Dann fragte sie: „Was hat Sie nach England gebracht? Nach allem, was ich gestern Abend gelesen habe, haben Sie in Australien einiges zu tun, neben dem gutgehenden Unternehmen, um das Sie sich kümmern müssen.“

„Ich habe gute Burschen vor Ort und meine Schwester hat ein Auge auf alles. Für sie war übrigens die Aufzeichnung, sie würde mir nie verzeihen, wenn ich sie nicht auf dem Laufenden hielte. Sie behält ihren kleinen Bruder gerne im Auge.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Darina an, seine gute Laune war wieder da und sein Körper entspannt. „Warum ich rübergekommen bin? Na ja, wir australischen Hinterwäldler werden das nagende Gefühl nicht los, dass Europa das Land des Weines ist, dass man es als Wein-Enthusiast erst geschafft hat, wenn man hier jemand ist. Man könnte wohl sagen, es war Ehrgeiz.“

 

Es war fast Mitternacht, als Darina wieder an ihrem Haus ankam. Sie hatte mit Bruce streiten müssen, weil sie die Rechnung teilen wollte, und hatte schließlich gewonnen. Außerdem hatte sie es geschafft, ihn zu überzeugen, dass er sie nicht vom Taxi bis zur Tür begleiten müsse. Sie hatte nicht die Absicht ihn hereinzubitten und sie hatte nur deshalb nicht auf ein eigenes Taxi bestehen können, weil er eine Wohnung in einem Häuserblock ganz in der Nähe gemietet hatte. Sie hatte den Abend genossen, wollte aber nicht, dass Bruce auf falsche Gedanken kam.

„Ich lese jeden Tag, was unbedachten Vöglein in den Straßen von London passiert“, sagte er, und klang wieder einmal ernst.

„Dieses Vöglein ist nicht unbedacht“, sagte Darina bestimmt und stieg aus dem Taxi.

Das Taxi blieb allerdings stehen, während sie ihre Schlüssel sortierte. Zum ersten Mal wurde sie sich bewusst, wie still und menschenleer die Straße zu dieser Zeit war, und wie schlecht die Beleuchtung. Die Nachbarskatze erschien aus dem Nichts und wand ihren geschmeidigen Körper um Darinas Beine. Der unerwartete Kontakt mit dem weichen Fell ließ sie zusammenzucken und zittern. Sie öffnete hastig die Haustür, drehte sich um, winkte beruhigend zu Bruce und sah dann den Rücklichtern des Taxis nach, während es davonfuhr. Dunkle Schatten füllten schnell die plötzlich leere Stelle. Sie machte die Tür zu, schloss rasch ab und rannte die Treppe hinauf.

Sie zog sich gerade aus, als das Telefon klingelte. Es war William.

„Wo hast du gesteckt?“, fragte er mit Nachdruck. „Ich war verrückt vor Sorge.“ Sie stand da, mit halb ausgezogenen Strumpfhosen, und klammerte sich an den Hörer. „Ich habe wieder und wieder angerufen, warum hast du nicht zurückgerufen, als du zurückkamst?“

Darina hatte nicht daran gedacht, ihren Anrufbeantworter zu überprüfen. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, wir sind nach der Sendung noch essen gegangen.“

„Wir? Wer ist wir?“

„Bruce und ich.“

„Dieser aufdringliche Australier?“

Der kalte Zorn in seiner Stimme erschreckte sie. „Liebling, wir werden zusammen arbeiten, wir müssen miteinander klarkommen. Wie auch immer, ich mag ihn.“ Es war ein Fehler, das zu sagen.

„Ich habe gesehen, dass du das tust, genauso wie Millionen anderer Leute. Was in aller Welt hast du da getrieben? Er hat dich vor laufender Kamera fast vernascht! Und was zur Hölle hast du mit deinen Haaren gemacht?“ Betroffenheit erfüllte Darina; wo war ihr rationaler, verständnisvoller und verlässlicher Verlobter geblieben? Möglichkeiten, diese potenziell zerstörerische Situation zu entschärfen, rasten durch ihre Gedanken. Doch ehe sie eine davon zu fassen bekam, fügte ihr rationaler, verständnisvoller und verlässlicher Verlobter hinzu: „Du hättest mich vorwarnen können, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, als Ma anrief!“

 

 

Kapitel Zwei

Darina hatte erwartet, dass es aufreibend werden würde, ihre erste Folge von Table for Four aufzunehmen, und sie wurde nicht enttäuscht.

Nicht dass nicht alle äußerst hilfsbereit gewesen wären.

Neil hatte schon sichergestellt, dass sie mit allen Phasen der Vorführung zufrieden war, die sie zusammen ausgearbeitet hatten, und war mit unendlichen Ermutigungen zur Stelle.

Mark Taylor, der einzige Überlebende der drei ursprünglichen Moderatoren von Table, wie die Sendung genannt wurde, hatte Darina im Team willkommen geheißen, kaum dass er sie bei ihrer ersten Produktions-Besprechung kennengelernt hatte, und würdigte ihr Essen auf herzerwärmende Weise.

Darina mochte seinen trockenen Humor und seinen selbstironischen Charme. Als Koch-Journalist hatte Mark sich im Fernsehen eine eigene Nische geschaffen, er war groß und hatte dunkles Haar, das dazu neigte, über seine Augenbrauen zu fallen und ständig von seiner wohlgeformten Hand zurückgestrichen werden musste. Seine gefühlvollen, braunen Augen belebten ein etwas zu gewöhnliches Gesicht, um als gutaussehend bezeichnet zu werden. Doch mit seiner schlanken Figur trug er gut geschnittene Kleidung, die unaufdringlich auf einen der vielen Herrenschneider in Savile Row verwies, ein schöner Kontrast zu der überschwänglichen Garderobe von Bruce.

Dann war da noch die studioeigene Haushälterin, Lynn Winters. Für Darina war es purer Luxus, jemanden zu haben, der all das Essen bestellte und zubereitete, inklusive genug Nachschub, falls es nötig sein sollte, einen Teil der Präsentation neu zu drehen. So konnte Darina sich ganz auf ihre Präsentation konzentrieren. Lynn war eine dünne junge Frau mit krausem Haar, das in alle Richtungen abstand und leuchtend blauen Augen. Sie war schon seit einiger Zeit damit beschäftigt, Essen zuzubereiten, als Darina im Studio eintraf. Trotzdem hatte sie beruhigende Bemerkungen für Darina übrig gehabt, während sie fortfuhr, eine halbfertige Version des Nudelgerichts mit Penne, Prosciutto und Hühnchen mit Soße zuzubereiten, das Darina präsentieren würde.

„Halten Sie das Essen nur von Mark fern“, sagte Lynn, während sie leicht auf die Hand des Moderators schlug, der gerade mit einem Löffel von den Penne und der Soße probieren wollte. „Du bist so ein gieriger …“

„Das ist deine Schuld“, sagte er. „Es schmeckt alles so gut. Ich hatte kein Frühstück und du kochst immer so große Mengen.“ Darina sah zu, amüsiert trotz ihrer blanken Nerven, wie er sich über ein paar Reste vom Prosciutto hermachte, sie mit leisen genießerischen Geräuschen in den Mund steckte, um dann dazu überzugehen, die köstlich aussehenden schwarzen Oliven zu probieren.

„Mark, die sind für den Tisch, hör auf!“

Mark grinste die junge Frau an, und ließ eine Hand forschend über den kurzen Lederrock gleiten, der ihre langen, in durchsichtigen Strumpfhosen steckenden Beine schmückte. Lynns Po wand sich, dann scheuchte sie ihn weg, wie ein Pferd, das eine Fliege verjagt. Dann fiel Marks Blick auf einen großen Brocken Parmesan, der neben den Oliven lag. Ein Stück war schon von seiner rauen Oberfläche abgeschnitten, aber nicht mehr als die Spitze eines mächtigen Eisbergs. Marks Augen leuchteten von Gier. „Oh, prima! Den Rest sacke ich ein.“ Plötzlich drehte er sich mit einem süßen Lächeln zu Darina. „Natürlich nur, wenn Sie nicht auch etwas haben wollen.“

Ehe Darina antworten konnte, verkündete Neil, dass sie ihren Spot proben würden. Also ging sie mit flatternden Nerven in den Küchenbereich.

Damit war sie nicht allein. Bruce traf etwas später am Set ein, und sie beobachtete, wie seine natürliche Ausgelassenheit schwand, während derselbe kurze Abschnitt seines Weinspots wieder und wieder aufgenommen werden musste. „Tut mir leid“, hatte Neil sich entschuldigt, als alles im Kasten war. „Jan wollte, dass das Licht genau im richtigen Winkel durch dieses Weinglas fällt.“

Jan Parker war die Aufnahmeleiterin. Eine stille Frau Ende dreißig, in der Regel in gut geschnittenen Hosen und Designer-Pullovern gekleidet. Ihre Kommentare bei den Besprechungen waren selten, aber immer auf den Punkt gebracht. Während der Aufnahmen steuerte sie die Vorgänge von der Galerie aus, hoch über dem Boden des Studios.

„Unser kühner Australier entdeckt langsam, dass es im Fernsehen nicht nur um die Projektion der eigenen Persönlichkeit geht“, sagte Mark, der neben Darina auftauchte, während sie still dastand und das Geschehen vom Rande aus beobachtete. Sie sah ihn kurz an, fragte sich, was genau hinter dieser Aussage steckte, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos.

„Was denken Sie, wie er ankommt?“, fragte sie.

„Er wird bald die Kamera beherrschen, so wie er es in der Sendung von Mike Darcy getan hat“, sagte er. Jetzt war sie sich sicher, dass eine gewisse Härte in seiner Stimme lag.

„Milly zu verlieren muss schwer für Sie sein“, bot Darina an.

Er sah sie scharf an, schien kurz davor, etwas zu sagen, überlegte es sich aber anders und zuckte stattdessen mit den Schultern.

„Was hat Neil dazu gebracht, das Format so zu verändern?“ Alles, was Darina bislang über Table wusste, war, dass die Zuschauerquoten nach einem guten Start der ersten Staffel stark gefallen waren.

Mark zuckte abermals mit den Schultern. „Er musste etwas tun, und den Koch zu feuern lag nahe. Dann wurde Milly auf gewisse Weise zu einer Parodie ihrer selbst. All diese Adjektive, wissen Sie? Gott, sie würde mich umbringen, wenn sie das hören könnte. Niemand hat einen sensibleren Gaumen oder ein ähnlich enzyklopädisches Geschmacksgedächtnis. Sobald Milly einen Wein probiert hat, hat sie Namen, Herkunft und Jahrgang im Gedächtnis gespeichert und kann sie jederzeit abrufen. Sie würden nicht glauben, wozu sie in der Lage ist.“

Seine Schwärmerei war beeindruckend. Darina fragte sich, ob ihre Partnerschaft nicht nur professionell, sondern auch persönlich war.

„Es ist erstaunlich, wie viele weibliche Weinexperten man heutzutage im Fernsehen sieht“, kommentierte sie. „Und interessant, dass Neil Bruce als Ersatz ausgewählt hat, statt einer weiteren Frau.“

Mark stieß ein trockenes Lachen aus. „Neil schwimmt immer gegen den Strom. Ich glaube, der Trend zu weiblichen Weinkennern begann als Revolte in der traditionell männlichen Domäne. Es ist vermutlich an der Zeit, dem alten Pendel einen Schubs in die andere Richtung zu versetzen. Einen Australier auszuwählen war auch klug. Australische Weine sind total in Mode und der Ansatz von Bruce ist ohne Frage frisch. Niemand würde ihn edel nennen!“ Darina lachte, sah Mark dann aber nachdenklich hinterher, als er ging, um den Gast für diese Woche zu begrüßen, Theresa Mancusa, eine italienische Kochexpertin.

Nachdem sich alle bekannt gemacht hatten, ließ Neil die Eröffnungsszene am Tisch proben und aufnehmen. Dabei erwies sich Mark als wirklich hilfreich. Irgendwie schaffte er es, die Nerven der drei anderen mit einer Mischung aus Autorität und Charme zu beruhigen, eine gesellige Atmosphäre zu schaffen und ein Gespräch über Wein und Essen aus Italien anzubahnen. Darina bewunderte besonders, wie er Theresa Mancusa half, ihr überlegenes Wissen so zu erörtern, dass sie sich entspannte, elegante Gesten mit ihren kleinen, dicklichen Händen machte und mit ihrer grellen Stimme bildhafte Sätze prägte.

Dann wurde die Mittagspause angekündigt und das Produktions-Team ging in den Aufenthaltsraum gegenüber des Studios.

„Ich glaube, wir haben eine ganz achtbare Leistung abgeliefert“, sagte Bruce, der neben Darina stand, während sie darauf warteten, sich vom Buffet bedienen zu können.

„Es war recht unheimlich ohne Teleprompter, auch wenn wir vorher mehr oder weniger besprochen haben, was wir sagen würden“, sagte Darina.

„Lässt das Adrenalin strömen, nicht wahr?“ Bruce hatte seinen Schwung und sein angeborenes Selbstvertrauen wiedergefunden. „Was ist mit der Frisur passiert?“, fragte er, während er betrachtete, wie ihr Haar weich auf ihrem Kopf aufgetürmt war, aufgelockert von einigen losen Strähnen, die sich kunstvoll darum rankten.

„Das ist besser fürs Kochen, ich glaube kaum, dass es gut aussieht, wenn meine Haare dabei überall herumschweben, oder?“

Bruce sah aus, als würde es ihm offen besser gefallen, aber falls er einen Kommentar machen wollte, wurde er vom Auftritt von David Bartholomew unterbrochen, dem nigerianischen Produktionsleiter.

Als Darina ihn zum ersten Mal traf, hatten sie seine schönen Gesichtszüge beeindruckt. Er sah aus wie eine aus Ebenholz geschnitzte, klassische Statue. Jetzt wirkte er besorgt und mitgenommen.

„Darina, kann ich dich kurz sprechen?“ Er führte sie in eine Ecke und zog einen Haufen Rechnungen von einem überladenen Klemmbrett, an das er sich klammerte. Sie erkannte den Namen einer der Boutiquen, in die Bruce sie mitgenommen hatte, und verspürte einen Anflug von Unbehagen.

„Ich verstehe die hier nicht“, sagte David, und wedelte mit den Zetteln. „Wir haben keine dieser Ausgaben genehmigt, deine Garderobe wird von unseren Ausstattern ausgewählt.“

Darina hatte sich schon mit dem Mädchen aus der Garderobe anlegen müssen, um eines ihrer neuen Outfits tragen zu dürfen. Irgendwann war Neil dazugekommen und hatte seine Erlaubnis gegeben. Jetzt gab es noch mehr Ärger.

„Und diese Beträge liegen auf jeden Fall weit über dem Budget.“ David zog ein Blatt mit Zahlen zurate, in seinen braunen Augen lag Besorgnis, seine Stimme klang gereizt.

Darina machte sich bereit, aber plötzlich war Bruce zur Stelle; seine große Hand packte David im Nacken, seine große Gestalt dominierte den mittelgroßen Produktionsleiter, und der schwere australische Akzent erhob sich über den Tumult im Raum. „Hör auf das kleine Mädchen zu tyrannisieren, Dave. Ich habe ihre Klamotten ausgesucht, und dein Budget kannst du dir in den Arsch schieben. Neil ist völlig zufrieden mit allem. Stimmt doch, Neil?“

David Bartholomew machte sich verärgert los, während der Produzent herübereilte. Im Raum war es jetzt still und alle konzentrierten sich auf die kleine Gruppe in der Ecke.

„Ich bin sehr gut in der Lage, meine eigenen Kämpfe auszutragen, danke Bruce“, sagte Darina, erzürnt über seine Behandlung des Produktionsleiters. „Wenn die Kleider zu teuer sind, steuere ich gerne etwas zu den Kosten bei, sie machen sich sicher gut in meinem Kleiderschrank.“

David sah etwas fröhlicher aus.

„Das kommt gar nicht in Frage“, verkündete Neil forsch.

David sah den Produzenten an, die Überraschung fror seine Gesichtszüge für einen Augenblick ein. „Bin ich für das Budget zuständig, oder nicht?“, fragte er fordernd. „Ich dachte, du verlässt dich auf mich, was die finanzielle Seite angeht. Wenn ich die Ausgaben nicht kontrollieren kann, stehe ich auch nicht für die Konsequenzen gerade.“

„David, du machst fantastische Arbeit“, setzte Neil an.

„Hör auf, allen vor die Füße zu pissen!“ Bruce schnappte sich das Klemmbrett, holte einen Stift raus, veränderte einige Zahlen und gab es zurück. „Jetzt arbeite damit und alle sind glücklich. Immerhin ist Chic der zweite Name dieser Sendung, richtig?“

„Das kannst du nicht machen“, spuckte David aus. „Was glaubst du, wer du bist?“

Bruces Augen verengten sich und er pochte mit seinem riesigen Finger auf Davids Brust. „Hör zu, wo ich herkomme, sagen die Abos mir auch nicht, was ich zu tun und lassen habe.“ Er drückte seinen Finger fester in die Brust seines Gegenübers, bis der Nigerianer zurücktaumelte, seine edlen Züge zuckten vor Wut.

Die versammelte Mannschaft schnappte nach Luft, als Neil sagte: „Hey, Bruce, denkst du nicht, du solltest dich entschuldigen?“

Doch der Australier war schon in den hinteren Teil des Raumes geschlendert, hatte eine Aktentasche aufgehoben, eine Plastikbox herausgeholt, eine Gabel vom Buffettisch genommen und fing gerade an, schmatzend seinen geraspelten Gemüsesalat zu essen, nach dem er süchtig zu sein schien.

Die Beschaffenheit von Davids Haut hatte sich verändert, als hätte die Wut seinen Blutfluss angehalten. Darina glaubte, er würde jeden Moment aus der Haut fahren.

Theresa Mancusa entschärfte die Situation. Sie näherte sich und hakte sich beim Produktionsleiter ein. „David, cara, wie schön dich wiederzusehen. Jagst du immer noch den Mädchen nach?“, fragte sie mit einem schelmischen Blick zu Darina. „Ich war in Italien so beschäftigt, hatte viel zu wenig Zeit, mit dir zu sprechen. Komm mit und erzähl mir, wie dir deine Reise gefallen hat.“

Sie führte den Produktionsleiter weg, lachte und sprach Englisch mit starkem Akzent, und langsam kehrte der Raum wieder in den Normalzustand zurück.

Theresa Mancusa hatte kürzlich eine Schule für wohlhabende Köche aufgemacht, die ihr Wissen über die italienische Küche ausbauen wollten. Es hatte spezielle Pressetermine gegeben, um Werbung für die neuen Kurse zu machen, und Neil hatte entschieden, die Beliebtheit italienischen Essens zu nutzen und eine Sendung darum entworfen. Jan Parker hatte ein kleines Team angeführt, das rausgeschickt worden war, um einige Aufnahmen zu machen. Mark hatte sie und die technischen Mitarbeiter begleitet, um einige der Kursteilnehmer zu interviewen. David Bartholomew war als Organisator mitgekommen, und um auf das Budget zu achten.

Nach dem Film zu urteilen, der dem Produktions-Team vorgeführt worden war, musste die Reise ein herrliches Erlebnis gewesen sein; Darina wünschte, sie hätte dabei sein können. Die Schule war in einer luxuriösen, italienischen Villa untergebracht, in malerischer Landschaft, der Kurs wirkte faszinierend und alle schienen Spaß zu haben. Die große Überraschung bei der Vorführung war aber der verblüffte Ausruf von Bruce. „Hol mich der Teufel, wenn das nicht mein Weibchen ist!“, rief er, als der Film eine attraktive, dunkelhaarige, junge Frau mit cremefarbener Haut zeigte, die gerade Nudelteig ausrollte. Ihr Gesicht war ein Ausdruck der Konzentration, die Spitze ihrer kleinen, roten Zunge zwischen den Zähnen gefangen. „Sie hat mir auf dieser Pressereise in Italien gar nicht erzählt, dass sie sich an Table for Four beteiligen würde. Aber“, fügte er mit Selbstvertrauen hinzu, „sie hatte auch keine Ahnung, dass ich mich euch anschließen würde.“ Für einen kurzen Augenblick sah Darina allerdings die lauernde Unruhe in den australischen Augen.

 

„Aber das ist Shalley del Lucca!“, hatte Mark geschrien, währen er den anderen Mann argwöhnisch beäugte.

„Ihr Mädchenname, Mark. Wie lautet der? Wusstest du nicht, dass sie verheiratet war?“ Anscheinend hatte Bruce die Verunsicherung des anderen genossen.

„Natürlich wusste ich das, nur nicht, dass du der Mann warst!“, hatte Mark gekontert.

 

Als die Aufnahmen nach dem Mittagessen weitergingen, versammelte Neil wiederum Mark, Theresa, Bruce und Darina am Tisch, um das Ende der Sendung zu drehen. Jetzt waren alle viel entspannter und Mark fiel es leicht, alle dazu zu bringen, sich an einem Schlusswort über italienisches Essen zu beteiligen. Dann verteilte Darina Portionen ihres Penne-Gerichtes, sie sprachen über die Vielseitigkeit von Pasta und lieferten Hintergrundwissen, worüber irgendwann der Abspann eingeblendet würde. Nachdem es hieß, dass alles im Kasten sei, hatte Neil Bruce und Darina entlassen. Mit einem erleichterten Seufzer packte Darina ihre Sachen für die lange Fahrt nach Somerset und ließ Mark beim Interview mit Theresa Mancusa zurück.


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.

Der Tod von Dr. Watson

„… Mord, begangen zur Nacht, Verrat, am Tage vollbracht …“
Rudyard Kipling

 

Anfänge

Der Mann auf der Parkbank fröstelte und stellte den Kragen seines Mantels hoch. Abermals warf er einen Blick auf die Taschenuhr in seiner behandschuhten Hand. Halb drei. Wo blieb sie? Er stand auf, schritt auf und ab, vorbei an dem Knäuel entenfütternder Kinder und schnalzte bei ihrem Kreischen und Plappern mit der Zunge. Beim Gehen warf er auf seltsam rührende Weise die Beine und schob den Bowler tiefer in die Stirn. Noch einmal ließ er den Sprungdeckel hochschnellen. Zwei Minuten waren vergangen. Im Geist legte er sich schon die Geschichte zurecht, die er bei Munyon’s erzählen würde. Es hatte einen Verkehrsunfall gegeben. Ein Pferd war zu Fall gekommen, sodass die Straßenbahn sich verspätet hatte. Ob das einleuchtend klang? Er stampfte mit den Füßen und ging entschlossen zur Bank zurück. Zum Glück waren die Kinder weitergelaufen.

Dann endlich kam sie, nahte mit ihrem unverwechselbaren Schritt, leichtfüßig, beschwingt, das Haar unter dem bebänderten Hut aus dem jungenhaften Gesicht zurückgekämmt. Er stand auf, tippte an seinen Bowler, und sie hängte sich bei ihm ein. Er reckte sich hoch und küsste sie. Sie lächelte und sagte, er solle sich benehmen. Sie schritten unter den Ulmen am Ufer des Sees entlang. Ihr Atem kräuselte sich in der kalten Luft, während sie zerstreut über dies und das plauderte.

„Ethel“, unterbrach er sie. „Sie droht damit, mich zu verlassen.“ Das Mädchen blieb stehen und blickte ihn prüfend an. „Das ist nichts Neues.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber ich glaube, dieses Mal meint sie’s ernst. Sie fängt an, unser Geld abzuheben. Unsere Ersparnisse. Sie sind alles, was wir auf der Welt haben.“ „Aber sie gehören dir“, sagte Ethel.

„Ein Teil davon, ja. Sieh mal, Ethel, wir werden eine Weile aufhören müssen … uns zu sehen. Ich kann’s mir nicht leisten …“

„Peter, ich bin deine Sekretärin“, unterbrach sie ihn. „Wie sollen wir aufhören, einander zu sehen?“

„Du weißt, was ich meine“, sagte er. „Ich verfüge nur über meine Provisionen … die Hotelrechnungen …“

„Peter!“ Sie riss sich brüsk von ihm los, und ihr gedämpfter Aufschrei erregte die Aufmerksamkeit des ältlichen Pärchens auf seinem Nachmittagsspaziergang durch den Park. Sie kam näher und beugte sich so tief herab, dass ihrer beiden Augenpaare auf gleicher Höhe waren. „Ich habe die Hotels satt. Heimliche Treffen wie dieses. Behandelt zu werden, als sei ich eine Art Aussätzige. Du musst etwas unternehmen, Peter. Entweder ich oder sie.“ Er zauderte. Seine riesigen Augen blinzelten in der Kälte hinter den goldgefassten Brillengläsern. „Das ist schwierig …“ „Du bist Arzt, du lieber Gott“, zischte sie. „Nun, ich habe nie richtig praktiziert …“

„Zum Üben hast du keine Zeit, Peter. Du musst es beim ersten Mal gleich richtig machen.“

„Ethel …“ Er griff nach ihren kleinen Brüsten unter ihrem Umhang. „Oh nein, nicht, bevor du etwas unternommen hast. Ich weiß nicht, was. Ich will nicht wissen, was. Aber solange es nicht getan ist, Peter, sind wir beide nichts als Arbeitskollegen. Ich werde deine Briefe tippen, und das ist alles.“

Sie wirbelte den Hügel hinauf und verschwand im Januarnebel. Er stieg in den erstbesten Bus und ließ sich gedankenlos durch die Straßen kutschieren, ehe ihm klar wurde, wo er war. Dann stieg er aus, ging an seinem Büro in Albion House vorbei zur Apotheke der Messrs. Lewis & Burrows.

„Das haben wir leider nicht vorrätig, Sir“, sagte der Apotheker zu ihm. „Aber wir können es binnen zwei Tagen besorgen. Besteht nicht viel Nachfrage nach Hyoscin, wissen Sie. Ist das recht?“ Der Kunde war ganz woanders. „Was?“

„Ich sagte, es wird in zwei Tagen da sein. Würden Sie sich jetzt

vielleicht in das Verzeichnis eintragen?“

„Verzeichnis?“, wiederholte er verständnislos.

„Ja, Sir. Das Giftverzeichnis. Bloß eine Formsache, wissen Sie.“

„Ah … ja … ja, natürlich.“

Und er zwang seine Hand zur Ruhe, so gut es ging, um die Wörter hinzumalen – „Dr. H. H. Crippen“.

In der wärmsten Ecke des Restaurants Warschau schlürfte der elegant gekleidete Gentleman sein soundsovieltes Glas Tee. Draußen in Osborne Street zog das tägliche Treiben von Whitechapel an ihm vorbei. Von Zeit zu Zeit winkte er einem vorübergehenden Gannef zu oder lächelte stillvergnügt in der Erinnerung an einen Spaß oder an bessere Zeiten. Er überprüfte seinen Schnurrbart in einem kleinen Spiegel, den er bei sich trug und eilig verschwinden ließ, für den Fall, dass einer seiner Kumpane seine Eitelkeit bemerkte. „Abend, Leon.“ Eine Stimme brachte ihn zurück in die Gegenwart, und ein massiger, dunkler Körper versperrte ihm den Blick aus dem Fenster.

„Steinie.“ Leon streckte eine Hand aus. „Ist lange her … Wochen … Tee?“

„Warum nicht?“ Steinie setzte sich, ein hünenhafter, junger Mann in makellosem, grauem Anzug und dazu passender Melone. „Hübsch.“ Leon strich mit der Hand über den Stoff. „Deiner?“ Leon nickte strahlend. „Und das auch.“

Er legte einen in Papier gewickelten Gegenstand auf den Tisch. Der ältere Mann sah ihn mit nachsichtigem Lächeln aus seinen dunklen, unergründlichen Augen an. Kein Grund, ihm zu trauen, vielleicht eher, vorsichtig zu sein. „Was ist es?“

„Leon, was die Miete angeht …“ Die beiden Männer in der verschwiegenen Ecke fuhren auseinander, als ein dritter sich zu ihnen gesellte.

„Sol, mein Lieber“, begrüßte ihn Leon mit der ganzen Jovialität

einer Viper. „Ist schon ’ne ganze Weile her, oder?“

Sol quetschte sich wie ein feudaler Lehnsmann, der seine Reverenz

erwies, neben seinem Hausherrn zusammen. „Ich weiß, glauben Sie

mir, ich weiß“, bejahte Sol. „Aber es sind die Geschäfte. Niemand

kauft in diesen Zeiten Lattkes.“

„Nicht zu deinen Preisen“, bemerkte Steinie.

Sols Grinsen wurde säuerlich. „Hallo, Steinie. Ich hatte dich gar

nicht bemerkt.“

„Und ich bin der Onkel eines Rabbis“, sagte Steinie. „Wo sind meine drei Schillings?“

„Drei Schillings sagte der Mann!“ Sol hob die Hände zum Himmel. „Ich bin fast ruiniert, und er will drei Schillings!“

„In Ordnung, Solly, du hast Zeit bis Donnerstag.“ Sol stöhnte erleichtert.

„Nur bis Donnerstag, denk dran … oder ich schicke Steinie vorbei, damit er dir Beine macht.“

„Sie sind ein Heiliger, Leon Beron, ein Heiliger.“ Beinahe hätte Sol seinem Hausherrn die Hand geküsst.

„Was soll das heißen, mich zu einem Goi zu machen? Raus!“ Sol hastete zur Tür.

„Klar, er hat ’ne hübsche Tochter“, sagte Leon und strich sich den sauber gewachsten Spitzbart.

Steinie schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge.

„Und du bist alt genug, um ihr Großvater zu sein.“

„So alt bist du doch auch noch nicht.“ Leon schenkte Tee ein. „Was

ist in dem Paket?“

Steinie schlug heftig auf Leons Hand, und seine Finger krachten auf das braune Papier. Leons Augen wurden größer, und er begriff. Rasch zog er seine Hand weg. „Es ist ein Revolver“, flüsterte er, als raubten ihm die Worte den Atem.

Steinie nickte. „Ein Webley. Mit vierundvierzig Patronen. Willst du sie zählen?“

Leon rückte vom Tisch ab. „Warum sollte ich sie zählen wollen? Warum hast du dir das Ding besorgt?“

Steinie beugte sich vor. „Das Geschäft mit den Brüchen ist nicht mehr das, was es mal war, Leon, alter Freund. Es wird immer schwieriger. Ich werde auch nicht jünger. Du sprachst von einer Sache in Lavender Hill …“

Leon schnaubte: „Das ist ’ne Nummer zu groß für uns, Steinie …“

Der jüngere Mann hob einen Finger an die Lippen und ließ ihn auf das Paket fallen. Er schüttelte den Kopf. „Nicht mit dem Ding da, Leon.“

Leon schüttelte betrübt den Kopf. „Du wirst mich noch mal ins Grab bringen, Steinie Morrison“, flüsterte er.

Den ganzen Tag über waren die Umzugsleute in dem großen, komfortablen Haus Nr. 63, Tollington Park, London N4, ein- und ausgegangen. Der neue Eigentümer überwachte jeden ihrer Schritte und wies seine Familie an, ihnen nicht im Weg zu stehen. Es war fast

dunkel, als sie fertig waren und der älteste der vier Männer auf dem

Bürgersteig an ihn herantrat, die Mütze in der Hand.

„Das wärs dann, Sir. Alles fertig.“ Und er hustete laut.

Sein Auftraggeber blickte ihn an. „Warten Sie auf ein Trinkgeld?“

fragte er mit seinem abgehackten Lancashire-Akzent.

„Nun, Sir, ich …“

„Junger Mann“, begann er unmissverständlich, wenn auch unpräzise, denn der Umzugsmann war gut und gern fünfzehn Jahre älter als er, „ich bin Bezirksleiter der London und Manchester Industrial Assurance Company. Für diese Firma habe ich mehr als zwanzig Jahre gearbeitet. Und ich bin nicht dorthin gekommen, wo ich heute bin, indem ich Leuten wie Ihnen Geld nachgeworfen habe. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Vollkommen … Sir“, knurrte der Londoner und fuhr fort, den Inhalt eines Ascheimers auf die Türschwelle seines Auftraggebers zu kippen.

„Kommen Sie her!“, schrie der neue Eigentümer, dessen Akzent durch seine Verärgerung noch breiter wurde. Aber die Umzugsmänner waren mit ihrem Wagen bereits auf und davon und deckten ihn wegen der schlechten Behandlung mit Flüchen ein. „Was ist los, Fred?“ Seine Frau erschien in der Tür. „Nichts!“ Fred trat im Vorbeigehen gegen den Eimer. Vielleicht ein schlechtes Omen. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Margaret. Und wo steckt dieses verrückte Hausmädchen?“ „Pst! Fred, sie kann dich hören!“ Margaret war ihres Gatten Mangel an Diskretion peinlich.

„Es ist mir egal, ob die ganze verdammte Straße mich hört. Ihr Bruder und ihr Vetter sitzen hinter Schloss und Riegel. Und es wird nicht lange dauern und sie wird ihnen Gesellschaft leisten!“ „Was ist los?“ Eine große, schlampig aussehende Frau kam um die Hausecke gewieselt.

„Aha, da sind Sie ja.“ Fred riss sich ein bisschen zusammen, weil ihm plötzlich einfiel, dass es notwendig war, in seinem neuen Heim Würde an den Tag zu legen. „Fegen Sie diesen Dreck zusammen“, knurrte er sie an.

Sie machte einen Knicks und fing an, die Asche mit den Fingern zusammenzukratzen.

„Sieh dir das an“, flüsterte er seiner Frau zu. „Total verrückt.“ Und er zog sie ins Haus.

„Nun, meine Liebe“ – die Floskel hing wie Eis in der Luft – „das ist es. Vierzehn Zimmer.“ Er schlenderte durch die Halle und nahm seine neue Behausung in Augenschein. „Das vordere Erdgeschoß werde ich in ein Büro umwandeln. Im Wintergarten kannst du ein paar Pflanzen ziehen. Das große Hinterzimmer oben werden wir aufteilen. Großvater William kann mit den Jungen die eine Hälfte haben – da fällt mir ein, ich muss ihre Miete auf sechs Schilling erhöhen. Die kleinen Burschen essen wie die Scheunendrescher. Die andere Hälfte können die Mädchen haben, zusammen mit dieser Irren.“ Er deutete auf das Hausmädchen, das sich immer noch auf der Schwelle abmühte. „Bleibt die zweite Etage. Vier Zimmer. Für die müssten wir ein paar Schilling kriegen. Und wir haben keinen Grund, damit zu warten. Ich werde morgen eine Anzeige in den Standard setzen lassen.“

Und er war ein Mann von Wort. Die Anzeige lautete: „Wohnung in der zweiten Etage zu vermieten. Vier geräumige Zimmer. Mit allem Komfort. Geeignet für alleinstehende Dame aus besseren Verhältnissen.“

Seine Frau war überrascht, dass er sich bei der Zeitung nicht über den Preis der Anzeige beklagte. Sie war unterzeichnet: „Anfragen an Mr. & Mrs. Frederick Seddon“.

An jenem Nachmittag schritten Mr. und Mrs. Rose durch die schweigenden Räume der National Gallery. Sie verstand wenig von Malerei, wohl aber ihr Gatte. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, ihn hingerissen anzuschauen. Er war großgewachsen, fast hager, mit hohen Wangenknochen und trug einen prächtigen Schnurrbart wie ein respektabler Gentleman. Was sie wirklich fesselte, waren seine Augen.

Kalt, durchdringend, grau wie ein Schlachtkreuzer und beinahe hypnotisierend. Er lächelte sie von oben an, deutete hin und wieder auf ein Bild und sagte: „Ja, das gefällt mir. O ja. Rubens.“ „Tizian“, sagte ein vorüberschlendernder Aufseher. „Was Sie nicht sagen!“, sagte Mr. Rose mit zusammengebissenen Zähnen. Und scheuchte seine Frau weiter.

„George?“, fragte sie.

„Ja, mein Herz?“

„Du weißt, dass ich meine ganzen Ersparnisse bei der Post abgehoben habe?“

„Ja, mein Herz.“ Er lächelte gütig.

„Und dass ich die paar Staatspapiere verkauft habe, die ich zurückgelegt habe? Für schlechte Zeiten, weißt du?“

„Ja, mein Herz.“

„Und wann wirst du nun den Antiquitätenladen kaufen, von dem du gesprochen hast? Es ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass so viel Geld herumliegt. Ist es denn sicher?“

„Absolut sicher, Liebste“, sagte Mr. Rose. „Gefällt dir das Bild da?“ Er versuchte das Gespräch wieder auf bemalte Leinwand zu lenken.

„O ja. Von wem ist es?“

„Äh … von Rubens“, sagte Mr. Rose.

„Sie haben ’ne Menge Rubens hier, nicht wahr?“

„Ja, ich denke, irgendjemand hat sie im Ramsch gekauft. Sollen wir uns ein paar für unseren Antiquitätenladen besorgen, Liebste?“

„Ach, wie hübsch sich das anhört, George. Unser Antiquitätenladen. Das klingt hübsch.“

„Damit wird’s noch ein bisschen dauern, Sarah“, sagte er besänftigend und tätschelte ihre Hand. „Solche Dinge brauchen Zeit. Und wenn meine Tante Lucy, die Herzoginwitwe, wie ich dir sagte, mir etwas vermacht, werden wir eine Kette von Antiquitätenläden haben.“

„Ich will keine Kette, George“, seufzte Sarah Rose und blickte zu ihm auf. „Ich will bloß dich.“

Er beugte sich herab, um sie auf die Wange zu küssen. „Zunächst müssen wir ein paar Dinge für das Haus anschaffen. Ein neues Bad vielleicht?“

„Wie wärs mit einer von diesen Duschvorrichtungen. Sie sollen der letzte Schrei sein.“

„Neumodischer Kram“, bemerkte George. „Ich bin einer von der altmodischen Sorte, Liebste. Ich ziehe Badewannen vor.“

„Natürlich, Liebster“, lächelte sie. „Eine Badewanne ist das Richtige.“

„Da wir gerade davon sprechen“, sagte George, „ich muss mal wohin, meine Liebe.“ Er hüpfte von einem Bein aufs andere. „Hältst du bitte meinen Hut? Es wird nicht lange dauern.“ Und er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Sarah Rose, frisch verheiratet und zum ersten Mal in ihrem Leben unsterblich verliebt, wanderte durch die widerhallenden Räume und hielt den schimmernden Zylinder liebevoll in der Hand. George Rose, zum dritten Mal frisch verheiratet, nahm einen Bus nach Clapham und verkaufte die Möbel seiner Frau und ihre gesamte Habe.

Mrs. Rose hielt noch immer den Hut, als man sie zum Gehen aufforderte, da man jetzt schließen müsse. Nein, es befinde sich außer dem Personal niemand mehr im Gebäude. Nein, man habe die Toiletten überprüft. Leer. Der Gentleman müsse wohl weggerufen worden sein. Sarah Rose wanderte durch die Straßen, und Tränen liefen über ihre Wangen. Durch den Tränenschleier entzifferte sie zufällig den Namen im Schweißband. George musste versehentlich den falschen Hut erwischt haben. Der Namen lautete George Joseph Smith.

Es war kein guter Tag gewesen für Alfred Bowes. Seit fast zwei Stunden wartete er im Vorzimmer des Amtes für Transportwesen. Seine Füße taten weh und er fror, trotz aller Anstrengungen des Kohlenfeuers, dem schmucklosen Raum Wärme zu vermitteln. Das Klopfen eines Bleistifts an einem Schalter brachte ihn auf die Beine.

„Mr. Bowes?“, fragte der Beamte.

„Das bin ich.“ Bowes versuchte so heiter wie möglich zu klingen. Immerhin kam er aus Acton.

„Wie ich höre, haben Sie um eine Lizenz als Taxifahrer ersucht.“

„Ja, hab ich.“ Bowes richtete seinen Schlipsknoten.

„Ihr Antrag ist leider abgelehnt“, sagte der Beamte.

Bowes blinzelte. „Abgelehnt?“, wiederholte er.

„Abgelehnt.“ Der Beamte klappte unmissverständlich sein dickes

Buch zu.

„Warum?“ Bowes wurde ungehalten.

„Warum?“, wiederholte der Beamte. „Warum wohl ist es Ihnen unmöglich, Taxifahrer zu werden? Weil Sie nicht fahren können, Mr. Bowes. Sie haben die Prüfung nicht bestanden.“

„Niemand sonst muss eine Prüfung machen“, fauchte Bowes. „Privatpersonen nicht. Wenn ich das sagen darf, auch dieser Tag wird kommen. Doch wenn Sie mit einer Lizenz in London zu arbeiten wünschen, müssen Sie die Prüfer zufriedenstellen …“

„Was ist, wenn ich ohne Lizenz fahre?“ Bowes sah einen Weg aus dem Dickicht des Bürokratismus, das ihn umgab.

„Dann werden Sie festgenommen.“ Der Beamte war einerseits die Geduld selbst, andererseits fast eine Verkörperung des Bürokratismus.

„Von wem?“

Der Beamte blickte ihn an. „Von der Polizei“, sagte er, der festen Überzeugung, dass der abgewiesene Bewerber bestenfalls ein Schwachsinniger, schlimmstenfalls vielleicht gar ein Sozialist sei. „Es sollte mich nicht wundern, wenn Mr. Edward Henry das selbst besorgte. In diesem Gebäude war früher Scotland Yard untergebracht. Passen Sie auf, dass Sie sich nicht dort wiederfinden, wo er jetzt residiert.“

„Edward Henry? Wie nennt er sich denn in seinen eigenen vier Wänden?“ Der Mann aus Acton wurde frech. „Vermutlich Edward Henry. An seinem Arbeitsplatz jedoch ist er Assistant Commissioner der Metropolitan Police.“ „Ist er das?“ Bowes schien fassungslos. Den Beamten überraschte das nicht. „Na dann“, er ließ seine Faust auf den Schalter hinunterkrachen. „Der verdammte Mr. Edward Henry wird mich nicht daran hindern, eine Lizenz zu kriegen. Ich werde ihn stoppen. Sie werden sehen!“, brüllte er, als er an der Tür war. „Ich werd’s ihm zeigen!“

Der verdammte Mr. Edward Henry klapperte am folgenden Morgen zu seiner üblichen Zeit über das Kopfsteinpflaster von Scotland Yard. Wie immer pünktlich auf die Minute, strafte der kleine, braunhäutige Mann sein Alter Lügen und sprang und eilte die Treppe zum Seiteneingang hinauf. Eine Meute von Constables salutierte, eine gemütliche Plauderei brach plötzlich ab, und eine exakt bestimmte Abordnung beeilte sich, ihm die Tür zum Fahrstuhl zu öffnen.

„Heute Morgen nicht, Gentlemen. Mrs. Henry sagt, dass ich zunehme. Die Treppe.“

Und seinen Worten die Tat folgen lassend, sprang er, immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinauf. Das war nur gut, denn der Aufzug war an diesem Morgen von der moribunden Masse Superintendent Frank Froests okkupiert, der sich schwitzend bemühte, seinem Chef auf dem Weg ins Büro zuvorzukommen. „Wieder mal zu spät, Frank?“, war alles, was er hörte, als ein kleiner brauner Wirbelwind auf dem Treppenabsatz an ihm vorüberhuschte.

Froest schlug die verzierten Gittertüren hinter sich zu und sah sich einem sarkastischen Lächeln gegenüber, das, irgendwo zwischen einem Bowler und dem hochgestellten Kragen eines Donegal, durch den Flur auf ihn zukam.

„Nicht ein Wort, Lestrade“, knurrte Froest. „Nicht ein verdammtes Wort.“

Lestrade hob in gespielter Unterwerfung die Hände. „Frank“, sagte er, „ich wäre an Ihrer Stelle nicht so garstig. Immerhin sind Sie heute Mittag im Horse’s Collar dran, einen zu spendieren. Da möchte ich lieber nichts riskieren.“

„Wie meinen?“ Beide Männer sprachen, während sie aneinander vorbeigingen und sich voneinander entfernten. „Nichts. Es ist nur so, dass Sergeant Horner seit seiner Zeit als Grünschnabel beim Yard auf einen Drink von Ihnen wartet. Er wird morgen pensioniert.“ Lestrade war um eine Ecke verschwunden, als Froests Bowler durch die Luft zischte, nur um den erwähnten Sergeant ins Gebiss zu treffen.

Lestrade zielte stattdessen mit seinem Bowler auf einen Constable, ließ seinen Donegal folgen und brüllte: „Tee!“ Ein dampfender Becher besagten Gebräus erschien neben ihm, während er sich über einen Ablagekorb beugte, dessen Inhalt einen schwächeren Mann als ihn unter sich begraben hätte. Er blickte den Constable an. „Sind sie da?“, fragte er. „In Ihrem Vorzimmer, Sir.“

Lestrade starrte den jungen Burschen an. Hätte er dem alten Sprichwort über Polizisten, die jünger aussahen als man selbst, Glauben geschenkt, wäre er schon vor Jahren in Pension gegangen. Als er einen Blick auf die Formulare in dreifacher Ausfertigung warf, fragte er sich aufs Neue, warum er es nicht getan hatte. „Gut.“ Er griff nach seinem Becher, den Sprünge und Risse zierten.

Er war zwar Superintendent, doch eine richtige Porzellantasse bekamen nur die Commissioners und ihre Stellvertreter. Andererseits war eine Untertasse doch nur hinderlich. Sie passte nicht dazu, wenn man bohrte, Verdächtige befragte oder Schurken unter Druck setzte.

Lestrade hatte es zu etwas gebracht. Sein Büro lag in der dritten Etage, weit genug von der Fingerabdruckabteilung und den Quartieren der Sergeants im Erdgeschoß entfernt, vorausgesetzt natürlich, man ließ das verrückte Treiben der Special Branch im Dachgeschoß außer Acht. Lestrade war davon überzeugt, dass sie bis zur Dämmerung wie eine Kolonie von Fledermäusen zirpend an den Dachsparren hingen und ihren Untergebenen auf die Köpfe schissen.

„Gentlemen!“ Lestrade hatte eine Vorliebe für plötzliche Auftritte. „Nein, bleiben Sie sitzen. Das macht die Konzentration zunichte. Meine Güte. Wie ich unser Geplauder einmal im Monat liebe. Walter, Sie als erster, denke ich.“

Chief Inspector Walter Dew rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.

„Nicht viel, Sir“, sagte er. „Wir überwachen immer noch die Burschen im Hafengebiet, aber jetzt ist jeden Tag drüben bei den Blauen was los.“

„Lady Whitridge?“, fragte Lestrade.

„Oh, sie hat ausgepackt“, sagte Dew. „Verlangte, dass weitere dreiunddreißig Fälle von bewaffnetem Raubüberfall berücksichtigt werden.“

Lestrade schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. „Und bei ihr bloß vierundsechzig“, sagte er.

„Nun, das ist das Verblüffende“, sagte Dew. „Niemand rechnet damit.“

„Wie bei der Inquisition“, bemerkte der zweite Mann neben Lestrade.

„Ich denke, diese römisch-katholischen Analogien können wir aus dem Spiel lassen, Eli. Was gibt’s Neues?“

Inspector Elias Bower schlug seinen Aktendeckel auf. „Sehr wenig, Sir. Sieht so aus, als wär uns Ambrose durch die Lappen gegangen,

aber die Pinkertons werden ihn auf der anderen Seite in Empfang nehmen.“

„Auf der anderen Seite? Sie sind also ein Spiritualist wie die Katholiken?“

„Stellt euch vor“, gluckste der nächste. „Von den Pinkertons in Empfang genommen! Unsinn!“

„Heute Morgen sind wir großzügig, Alfred. Was haben Sie in der Sache der Belmont-Diamanten unternommen?“ „Ja …“ Alfred Ward wurde so rot, wie nur ein rotblonder Mann mit einem Schuldkomplex rot werden kann. „Ich fürchte, da haben wir wohl eine Niete gezogen, Sir.“

„Wir?“ Lestrades bissige Frotzelei stammte aus der Schule von Meiklejohn, McNaghten und Frost. Selbst „Dolly“ Williamson hatte anerkannt, wie viel er in seinen ersten Jahren Lestrade zu verdanken gehabt habe. Nur das alberne Geschmiere des guten Doktor Watson und Conan Doyle’s hatten den Eindruck vermittelt, Lestrade sei alles andere als ausgekocht. „Gewiss, Sir – ich.“

„Aha“, sagte Lestrade. „Der Pater war also …“

„Benito Garcia, wie Sie vermuteten.“

Zufrieden stellte Lestrade seinen leeren Becher ab.

„Und als letzter, aber auf gar keinen Fall zu vergessen, Sie, John“,

sagte Lestrade.

John Kane sagte zwei Worte, als ihn seine Kollegen auch schon niederbrüllten. „Theokratische Vereinigung.“

„Aber, aber.“ Lestrade hob die Hand. „Gentlemen, machen Sie sich nicht lustig über Verschwörungen. Schon gar nicht über religiöse. Eine von denen hätte mir vor ein paar Jahren fast den Hals gebrochen. Haben Sie etwas Neues über die Burschen, John?“ Kane seufzte. „Nein, Sir. Nichts.“

„Wäre vielleicht ein Fall für …“ Lestrade deutete fragend an die Zimmerdecke. „… für die da oben.“

Ein allgemeines unwilliges Gemurmel war die Antwort: „Gott behüte!“ „Nie und nimmer.“ „Keinesfalls.“

„Nun dann, Gentlemen.“ Lestrade fuhr über seine Nase und suchte wie gewöhnlich nach seiner fehlenden Nasenspitze. „Also ist alles ruhig? Sie versprachen mir ein friedliches Jahr, wie? Dieses Jahr des Herrn 1910? Hoffen wir, dass Sie recht haben.“

Es war kurz vor Mittag, und Lestrade hatte weniger als ein Drittel seines Papierkrams erledigt, als der Frieden des neuen Jahres zerstört wurde. Der Constable aus seinem Vorzimmer öffnete die Tür. „Eine Miss Bandicoot möchte Sie sprechen, Sir.“ Lestrade stand überrascht auf, als ein schüchternes Mädchen in weinrotem Samt in sein Büro eilte. Sie sah verschreckt aus, ihre grauen Augen hatten einen kummervollen Ausdruck, doch sie beherrschte sich, bis Lestrade den Constable entließ. Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, barg sie ihr Gesicht an Lestrades Schulter und schluchzte krampfartig. „Na, na“, tröstete er, streichelte ihr goldfarbenes Haar und ihre nassen Wangen. „Hier …“ Er fummelte ein Taschentuch hervor. „Jetzt mal tüchtig schnäuzen. Ja, so ist es recht. Constable!“, brüllte er, „eine Tasse Tee für Miss Bandicoot. Und eine für mich.“ „Sehr wohl, Sir.“

Lestrade verfrachtete Miss Bandicoot auf einen Stuhl, gegenüber dem Seinen. Er hob ihr Kinn hoch und lächelte in die riesigen, grauen Augen. Er blickte auf ihre Nase, die von der Januarkälte und vom Weinen gerötet war.

„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, siehst du deiner Mutter ähnlicher“, sagte er. „Also“, wurde er wieder sachlich, „was ist los?“ „Oh, Papa.“ Miss Bandicoots Lippen zitterten, als sie mit den Worten kämpfte. „Es ist etwas Schreckliches passiert.“ „Verstehe“, sagte Lestrade. „Dann erzählst du mir besser alles.“

 

Die verschwundenen Jungen

So kam es, dass Superintendent Lestrade nicht dabei war, als im Horse’s Collar auf Frank Froests Rechnung getrunken wurde. Doch andererseits hatte er nicht viel versäumt. Die hartgesottenen Polizisten, die sich im Nebenzimmer des Lokals versammelt hatten, waren nämlich einhellig der Meinung, dass man vor einigen Jahren nicht Froest, sondern Lestrade die Leitung der Abteilung Schwerverbrechen hätte übertragen müssen. Doch die älteren unter ihnen wussten, dass Lestrade niemals der Liebling Edward Henrys gewesen war, und gerade in diesem Jahr des Herrn 1910 war das von Bedeutung. Man durfte nicht vergessen, dass da die merkwürdige Sache mit der Krönung des Königs gewesen war, der Lestrade, so wurde gemunkelt, seine Beförderung verdankte. Und Walter Dew die Seine. Doch keiner dieser beiden rangältesten Würdenträger, dieser Stützen der Gesellschaft, deren Arm so weit reichte, ließ sich ein Wort darüber entlocken.

Inspector Alfred Ward sog heftig an seiner Meerschaumpfeife und blies Kringel an die Decke. „Miss Bandicoot?“, fragte er.

„Das ist der Name, den sie nannte.“ Bower tauchte aus der Schaumkrone seines Biers auf. „Ein toller Feger, sagte der Diensthabende.“ „Zu Diensten, schöne Frau.“ Kane machte einen Kratzfuß. „Das reicht“, schalt Dew. Er war der Rangältere, ein alter Hase, der länger im Geschäft war als die Inspectors. Er und Lestrade hatten gemeinsam einen langen Weg zurückgelegt. Zwar war er jetzt selbst Chief Inspector, doch Lestrade war immer noch sein Chef. „Kommen Sie schon, Walter“, drängte ihn Ward. „Wer ist sie? Und wohin ist der Chef gegangen?“

„Wenn Sie’s unbedingt wissen wollen – sie ist seine Tochter.“ „Tochter?“

„Der Schlag soll mich treffen!“

„Jetzt hören Sie aber auf“, war Bowers Kommentar. „Ich wusste

nicht, dass der alte Lestrade verheiratet war.“

„Er ist Witwer“, sagte Dew. „Und damit haben wir für heute mehr

als genug getratscht, Gentlemen. Trinken wir auf Superintendent

Froest.“ Er hob sein Glas. „Möge er auch weiterhin so großzügig

sein.“ Und er leerte sein Glas.

„Wozu soll das alles gut sein?“, fragte Kane.

„Was?“

„Dass Frank eine Runde spendiert hat.“ „Oh, da wüsste ich eine Geschichte zu erzählen.“ „Über Lestrade wollen Sie uns nichts erzählen, aber es macht Ihnen nichts aus, über Froest herzuziehen?“, zog Kane ihn auf. „Das ist was anderes. Für Frank ist das ein besonderer Jahrestag. Ihr müsst wissen, es gab da mal eine Revuetänzerin …“ Und die Inspectors der alten Abteilung H steckten in den Rauchschwaden des Horse’s Collar die Köpfe zusammen, um Dews Geschichte von Mord, Körperverletzung, Gier und Wollust zu lauschen … bevor sie heftig und ausgiebig Pfefferminz „extra stark“ zu lutschen begannen, damit der Alkoholdunst während des Nachmittags nicht zu Mr. Henrys Büro hinaufstieg.

Der Superintendent und seine Tochter reisten mit dem Zug nach Westen bis Taunton und fuhren von dort mit einer Gig nach Huish Episcopi, seit der Eroberung der Landsitz der Bandicoots. Die Eroberung datierte aus dem Jahr 1791, als ein gewisser Alaric Bandicoot die damalige Lady des Herrenhauses, Eleanor Fitzmaurice, erobert hatte. Nicht dass Harry Bandicoot mit seinen Vorfahren geprotzt hätte. Die Familie seiner Frau hatte in der Tat blaues Blut, und Harrys Stammbaum ließ sich erst nach einiger Mühe im Debrett finden, und Burke’s wäre vielleicht angemessener gewesen. Es war ein klarer, kühler Abend, als der Polizist und seine Tochter unter den Sternen von Somerset ihr Ziel erreichten. Irgendwo bellten Hunde, und im Hause gingen die Lichter an. Ein großer, vierschrötiger Mann mit immer noch blondem, lockigem Haar und blitzenden blauen Augen wirbelte die Treppe hinunter, als wolle er Emma erdrücken.

„Emma, wo hast du gesteckt? Letitia und ich … Sholto?“

Der große Mann spähte in das Dunkel, um sicherzugehen. Er erblickte einen blässlichen, rattengesichtigen Mann mit dunklen, traurigen Augen, alten Narben, einem Walrossbart, inzwischen grau durchzogen, und einer Nase, der die Spitze fehlte. „Sholto! Sind Sie’s?“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und schlugen einander auf die Schultern, bis der Staub, der aus Lestrades Donegal aufstieg, ihnen zu viel wurde. „Was Sie brauchen, ist eine ordentliche Frau, Sholto“, lachte der größere Mann. „Nettles.“ Er wandte sich an einen wartenden Lakaien. „Bezahlen Sie diesen guten Mann“, sagte er und deutete auf den Kutscher des Einspänners, „und sagen Sie ihm, er könne sich wieder auf den Weg machen.“ Er legte einen Arm um Lestrade, als ihm das Mädchen einfiel, und er reichte Emma den Arm. „Also, Emma, als wir heute Morgen merkten, dass du fort warst, waren Tante Letitia und ich voll Sorge …“

„Seien Sie nicht zu streng mit ihr, Harry“, sagte Lestrade. „Sie hat richtig gehandelt, als sie zu mir kam.“ „Mein lieber Freund.“ Und Harry umarmte sie beide. Am oberen Ende der Treppe wurde Lestrade fast von einem uralten Bernhardiner umgeworfen, der ihn von früheren Besuchen kannte. Ein riesiges Tier, das auf eine sabbernde Art zutraulich, sich seiner eigenen Kraft aber gänzlich unbewusst war. Lestrade hatte nie zu jenen Männern gehört, die sich elegant aus der Affäre ziehen konnten, und so wurde er von einer feuchten, rauen Zunge getroffen, die seinen Bowler zu demolieren drohte, und erhielt zugleich einen lüsternen Stoß in die Kniekehlen, den ihm das Hinterteil des Tieres versetzte, sodass ihm nur noch eins übrigblieb: Er duckte sich und ließ sich unter dem massigen Leib hervorziehen. „Man sollte nicht glauben, dass er das immer noch drin hat, nicht wahr?“ Lestrade tat sein Bestes, um freundlich zu sein. „Tut mir leid, Sholto.“ Harry bürstete den Superintendenten ab. „Nettles, gießen Sie dem Hund einen Eimer Wasser über den Wanst. Emma, hole Tante Letitia. Wo steckt sie denn bloß?“ Lestrade wurde in die Große Halle geleitet. Die enormen Ausmaße der Wohnsitze des Landadels hatten ihn immer überwältigt, und die Erhöhung der Erbschaftssteuer seitens der Konservativen Partei hatte den strahlenden Glanz von Bandicoot Hall um kein Jota gemindert. Eine strahlende Lady im Samtkleid schritt die Treppe herab, um ihn zu begrüßen. Beide sprachen kein Wort, sondern umarmten sich bloß.

„Sholto“, sagte sie schließlich. „Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind.“ Und sie schluchzte still an seiner Schulter. Ein riesiges Glas Brandy verschwand unter Lestrades Schnurrbart, von seinem Gastgeber zum Empfang kredenzt. Letitia führte die protestierende Emma fort und ließ die Männer am krachenden Feuer des Tudor-Kamins zurück.

„Sie hat Ihnen natürlich alles erzählt?“ Harry starrte in die Flammen.

Lestrade nickte. „Nun hätte ich gern Ihre Version.“ „Nun, es ist schwierig, einen Anfang zu finden.“ Harry nahm in einem Ledersessel Platz und bot Lestrade einen zweiten an. „Warum nicht mit dem Anfang beginnen, Harry?“ Lestrade rieb den Rand seines Glases.

„Oh, macht ihr es beim Yard immer noch so?“, fragte Bandicoot. „Wir haben vielleicht jetzt eine Abteilung für Fingerabdrücke und eine Dunkelkammer, aber ein paar Dinge ändern sich nie.“ „Ganz recht. Es war Binky Hobsbaum, denke ich.“ „Hobsbaum?“

„Ein alter Schulkamerad. Wohnt nicht weit von hier in Charlton Mackrell. Stammt aus einer alten Seefahrerfamilie.“ „Wirklich? Hätte eher angenommen, Hobsbaum stamme von Miles End Road.“

„Aber, aber, Sholto, plebejischer Snobismus ist fehl am Platze. Einige von Etons berühmtesten Familien sind von ausgesuchter Herkunft. Rothschilds, Buchhalters, Gulbenkians …“ „Und Hobsbaums.“

„Binky hat eine Yacht, nun, eigentlich hat er drei. Eine davon liegt vor Minehead. Ich habe ihn kürzlich getroffen, und wir hatten Weihnachten so eine Art Familientreffen – nicht, dass das ein Fest wäre, von dem Binky Notiz nähme, natürlich nicht. Nun, eins kam zum anderen, und Binky lud uns zu einer Segelpartie ein. Nun, ich habe nichts gegen so eine altgriechische Seereise, aber irgendwas kam dazwischen, und Letitia und ich konnten nicht kommen. Emma war, wie Sie wissen, in der Schweiz, in Monsieur Petomaines Mädchenpensionat, also gingen die Jungen allein.“ „Rupert und Ivo? Niemand sonst?“

„Nein. Sie sind inzwischen siebzehn, Lestrade. Alt genug, um auf sich aufzupassen …“, Harry brach ab und starrte abermals ins Feuer, „… dachte ich jedenfalls.“ „Was passierte?“

„Es gab eine Art Unfall. Vorgestern. An Deck ein paar Grünschnäbel. Ein oder zwei Ältere dabei. In einer schweren See gab irgendwas in der Takelage nach und … Rupert und Ivo gingen über Bord. Desgleichen Holliday. Und Ballard Hook.“ „Was sind das für Leute?“

„Hook war in Eton, natürlich ein paar Jahre vor Rupert und Ivo. Er sprang als erster ins Wasser und versuchte, sie zu retten. Wäre er nicht gewesen … ja, dann wäre jetzt niemand übrig.“ „Er kam davon?“

„Ja. Schwimmt wie ein Fisch. Royal Navy, verstehen Sie?“ Lestrade verstand nicht. Die wenigen Seeleute, die er kannte, konnten gar nicht schwimmen. „Und Holliday?“

„Sie konnten seine Leiche nicht finden. Er war George Septimus Holliday, Rektor von Eton College. Zu Lebzeiten ein altes Ekel, doch jetzt kurz vor der Emeritierung und sehr distinguiert. Hatte als Wissenschaftler einen europäischen Ruf. In den Korridoren der Macht hatte man eine hohe Meinung von ihm.“ Lestrade wusste, dass er eines Tages herausfinden musste, wo diese Korridore waren. „Weiter.“

„Nein, ich meine das im Ernst.“ „Ich meine die Geschichte.“

„Oh, verstehe.“ Bandicoot füllte Lestrades Glas nach. „Wie es scheint, hatten sie schwere See. Binky war am Ruder und hatte alle Hände voll zu tun, das Schiff vor dem Wind zu halten. Man fürchtete, alle seien ertrunken. Kein Körper zu sehen. Dann, als sie die Spitze bei der Parrett-Flussmündung umrundeten, sahen sie in der Gischt zwei Gestalten, die sich verzweifelt aneinanderklammerten. Ivo und Hook.“ „Ivo?“

Bandicoot blickte seinen alten Chef an. „Wir glauben es. Letitia sagt, sie sei sicher.“ „Und Sie?“ „Ach, Sholto.“ Bandicoot schritt auf und ab. „Meine Jungen sind so gut wie Zwillinge. Rupert wurde eine halbe Stunde vor Ivo geboren. Ein Vater ist seinen Söhnen nie so nahe wie eine Mutter. Sie hatten verschiedene Gewohnheiten und Eigenarten, aber Ivo …“ „Ich weiß, Emma hat’s mir erzählt – der Schlag gegen den Kopf.“ „Der Arzt sagt, dass er mehrere Male gegen die Felsen geschmettert wurde. Er kann von Glück sagen, dass er lebt. Wir müssen dankbar sein.“ Und er leerte rasch sein Glas, darauf bedacht, dass Lestrade sein Gesicht nicht sah. „Holliday?“

„Sie haben es gewiss in der Zeitung gelesen“, schniefte Bandicoot. „Sein Leichnam wurde gestern bei Parrett an Land gespült.“ Schweigen. „Und Rupert?“

Bandicoot schüttelte den Kopf. „Es war sehr lieb von Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich war wütend über Emma, als sie so einfach fortlief …“

„Sie glaubt nicht, dass es ein Unfall war, Harry“, sagte Lestrade.

„Was?“ Bandicoot sah auf.

„Sie glaubt, jemand wünschte Ruperts Tod.“

Bandicoot raffte sein letztes bisschen Verstand zusammen. „Das ist

doch absurd“, stotterte er schließlich. „Er war erst siebzehn Jahre

alt.“

„Der Schwarze Prinz hat sich seine Sporen schon mit vierzehn verdient.“ Lestrade förderte die Fragmente seiner Bildung aus längst vergangenen Tagen auf der Schule von Blackheath zutage. „Ihn müssen ein paar tausend Franzosen gehasst haben.“ „Sie glauben, dass die Franzosen hinter allem stecken?“ Bandicoot war völlig verwirrt.

„Nein, Harry, das nicht.“ Lestrade tätschelte seinen Arm. „Ich weiß nur, dass, als meine Sarah starb, zwei der liebsten Freunde, die ich auf der Welt habe, alles, was von ihr geblieben war, zu sich nahmen, die kleine Emma. Sie haben sie zu einer feinen Dame erzogen, Harry. Sie und Letitia. Das mindeste, was ich tun kann, ist, jetzt ein wenig von dieser Freundlichkeit zurückzugeben. Kann ich Ivo sehen?“

Bandicoot nickte, und die beiden Männer stiegen die Treppe hinauf.

Ivo Bandicoot saß dicht am Kamin, seine Mutter neben ihm. „Ivo“, flüsterte sie. „Da ist …“

Lestrade gebot ihr mit einer Handbewegung zu schweigen. Er nahm die Petroleumlampe vom Nachttisch und näherte sein Gesicht dem des Jungen.

„Hallo, Ivo“, sagte er. „Wie geht es dir?“

„Gut, Sir“, sagte der Junge. „Von den Kopfschmerzen abgesehen.“

Lestrade bemerkte den Verband und den geistesabwesenden Ausdruck in den großen Augen. Er kannte diesen Jungen, seit Ivo ein Baby gewesen war. Es kam ihm merkwürdig vor, ihn so still und leblos zu sehen. Er machte Harry und Letitia ein Zeichen und schickte sie aus dem Zimmer. Dann blickte er dem Jungen in die Augen.

„Kennst du mich, Ivo?“, fragte er.

Der junge Bandicoot beugte sich angestrengt vor, als rühre sich irgendwo in der Ferne eine Erinnerung. Dann verschwand sie wieder, und er sackte in den Sessel zurück. „Nein, Sir“, sagte er.

Lestrade wühlte in seinen Taschen und zog ein Paar Handschellen heraus. Er trug sie gewohnheitsmäßig bei sich, wenngleich er sich inzwischen aufgrund seines Alters und Ranges gezwungen sah, mehr Zeit hinter dem Schreibtisch zu verbringen, als ihm lieb war. Sie erinnerten ihn an die Straßen, in denen er sich wirklich zu Hause fühlte. Sie sahen genauso aus wie jenes Paar, das er vor Jahren den Bandicoot-Jungen geschenkt hatte, und manches Mal dachte er an die fröhliche Stunde, die er im Obstgarten, an einen Apfelbaum gekettet, verbracht hatte; immer wieder rief er und bat, ihn loszumachen, doch Emma und die Jungen hatten ihn vergessen und waren fischen gegangen.

Abermals schien es Ivo zu dämmern. „Sie sind ein Polizist!“, rief er.

Lestrade lächelte. „Die richtigen Schlüsse kannst du also immer noch ziehen. Das ist gut. Der verstorbene Mr. Sherlock Holmes wäre stolz auf dich gewesen.“ „Sherlock Holmes? Der große Detektiv?“

„Ja, der große Detektiv.“ Lestrade verzog das Gesicht. „Ich bin natürlich tief verletzt, dass du dich an ihn erinnerst – an einen Mann, der schon tot war, als du geboren wurdest – und dass dein alter Onkel Sholto dir gleichgültig ist.“

„Sholto? Onkel Sholto?“ Ivos Gesicht erhellte sich. „Das tut mir leid. Das wird eine Weile brauchen. Vater hat so oft von Sherlock Holmes gesprochen. Es scheint, dass ich mich an die entfernten Dinge erinnern kann. Bloß an die naheliegenden kann ich mich überhaupt nicht …“

„Ich weiß“, sagte Lestrade und klopfte ihm auf die Schulter, „an den Unfall …“

„Ich hab’s versucht, Onkel Sholto, wirklich. Ich erinnere mich, dass mir kalt war. Es war dunkel, und ich war müde … schrecklich, schrecklich müde. Seit es passiert ist, habe ich mir so viele Male darüber den Kopf zerbrochen, mit Mutter, Vater, Emma und allein. Sie haben mir gesagt, Rupert sei tot. Ist das wahr, Onkel Sholto?“ Lestrade blickte dem Jungen fest in die Augen. Diese Rolle hatte er viele Male gespielt. Wie kam es bloß, dass der Tod erst wirklich wurde, wenn ein Polizist ihn bestätigte? „Ja, Ivo“, sagte Lestrade. „Ich fürchte, dass es so ist.“ Ivo starrte ausdruckslos ins Feuer.

„Nun“, sagte Lestrade sich losreißend, „es ist spät geworden. Du brauchst deinen Schlaf. Wir werden morgen früh weiterreden.“ Doch am nächsten Morgen sah er Ivo nicht. Stattdessen zwängte sich der Superintendent, angetan mit Harrys Autopelz und Handschuhen, in den Beifahrersitz von Harrys ‚Silver Ghost‘, mehr dem inständigen Drängen Emmas als seinem eigenen Verstand folgend, und vertraute sich zähneknirschend den Fahrkünsten seiner Tochter an. Es war eine Höllenfahrt, und als sie Bridgewater erreichten, hatte Lestrade mit dem Leben abgeschlossen. Sie ratterten und donnerten durch die winterliche Landschaft, sausten an zugefrorenen Ententeichen vorbei, unter öden, kahlen Bäumen hindurch, bis sie schließlich mit quietschenden Bremsen in den gewundenen Gassen des kleinen Dorfes Lilstock zum Stehen kamen. Emma zog die Bremse an und sprang auf die Straße. Lestrade, der in ihrem Kielwasser vorwärtstappte, versuchte zu vermeiden, dass sein Pelzwerk durch die Eislachen schleifte.

„Nach dem, was Ballard uns sagte“, meinte Emma, „muss es da drüben, vor Blue Ben, gewesen sein, wo Binkys Boot in Schwierigkeiten kam.“

Lestrade starrte durch die Gläser seiner Schutzbrille auf das große, graue, ruhelose Meer.

„Die Flut hätte eingesetzt, sagte Ballard, und trieb sie an der Küste entlang auf diese schlammigen Untiefen zu. Ballard fürchtete, sie könnten bei Gore Sand auf Grund laufen – das ist die Sandbank da drüben.“

Lestrade lächelte seine Tochter an. Obgleich sie sein Fleisch und Blut war, kannte er sie überhaupt nicht. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie von den Bandicoots aufgezogen worden, und seit ihrem siebten Lebensjahr hatte sie diese als ihre wirklichen Eltern betrachtet. Er hatte noch immer Zweifel, ob er ihr die Wahrheit hätte sagen sollen. Aber das Leben eines Polizisten machte es schwer, allein ein Kind aufzuziehen. Emma war in der Obhut der Bandicoots und Monsieur Le Petomaines gewesen. Bis jetzt, wo der knapp vermiedene Schiffbruch von Binkys Boot ihr Leben zu zerstören drohte. „Wo sind nach Ballards Meinung die Jungen über Bord gespült worden?“, fragte er sie.

„Hinter der Landzunge, bei Hinkley Point.“ Sie deutete auf die niedrigen, grasigen Klippen zu ihrer Rechten. „Wie weit?“

„Etwa zwei Meilen, denke ich“, sagte sie.

„In Ordnung, mein Schatz, zurück zum Wagen. Aber, Emma, gemach, wenn ich bitten darf. Dein alter Vater ist nicht mehr so jung wie er mal war. Ich möchte meine Pension genießen.“ Sie puffte mit ihrem Muff sein gefrorenes Ohr, und er hörte fast, wie der Eiszapfen herunterfiel. Er zog seine Schutzbrille herunter, damit sie nicht sehen konnte, dass er die Augen schloss, und sie donnerten los, dem Meeresarm entgegen.

„Warte hier“, sagte er zu ihr. „Es ist nicht nötig, dass wir beide runtersteigen.“

„Sei vorsichtig, Papa. Was suchst du denn?“, rief sie ihm nach. „Ein paar Piaster!“, schrie er zurück, als er die bröckeligen Klippen aus rotem Sandstein herunterkrabbelte. Als er unten ankam, war Ebbe. Solch heftige Winde waren ihm neu, die durch die Klappen von Harrys Automütze pfiffen, und es dauerte eine Weile, bis er einen Mann rufen hörte.

„Was zum Teufel machen Sie da?“ Eine vierschrötige, kleine Gestalt, in Ölzeug gehüllt, schlidderte wie ein Krebs über den Sand.

„Ich geh bloß ein bisschen spazieren“, sagte Lestrade.

„In einer Minute könn’ Se versoffen sein“, sagte der Ölzeug-Mann.

„Seh’n Se das?“ Er deutete zu Boden.

Da er offenbar dem Dorftrottel gegenüberstand, beschloss Lestrade, die Sache heiter zu nehmen. „Ja“, sagte er. „Was iss ’n das?“

„Sand?“ Schließlich hatte Lestrade den Vorteil, auf der Penne von Blackheath und 34 Jahre beim Yard gewesen zu sein. „Schlamm“, korrigierte ihn der Idiot. „Hab schon viele Männer drin versaufen sehn. Iss ’n schrecklicher, abscheulicher Tod das.“ Plötzlich begriff Lestrade, dass dieser Mann alles andere als ein Idiot war, bevor dessen nächste Bemerkung die Sache wieder unklar machte. „Seh’n Se das?“, fragte er.

„Die Landzunge?“ Lestrade war stolz auf sein Anpassungsvermögen.

„Das iss Brean Down“, sagte er.

„Aha“, bemerkte Lestrade, als sei ihm das Geheimnis des Universums enthüllt worden. „Sie sind von dem Verein, nich?“

„Verein?“ Lestrade roch Verschwörungen, als er dieses Wort hörte.

„Dieser Verein, wo Vögel schützen will.“ „Nein, ich …“

„Ja, wo den Meeresarm haben will. Soll ’n Vogelgebiet werden, der River Parrett und alles.“ Und er tanzte wie ein Vogel über den Schlamm.

Lestrade beschloss, es sei das Beste, das Thema zu wechseln. „Wie tief ist der Schlick?“, fragte er.

„Wer weiß? Tät mich nich wundern, wenn er bis zur Hölle reicht. Warum wollt ihr Vogelleute denn da raus?“ „Ah … nach Nestern gucken.“ Am Meer war Lestrade hilflos. „Nester?“ Der Mann im Ölzeug blickte ungläubig. „Sie sind ja bekloppter als ich dachte. Iss Januar. Gibt im Januar keine Nester.“ „Nein, nein.“ Lestrade versuchte sich herauszureden. „Im Januar nicht. Ich bin hier, um … alles vorzubereiten … für Februar.“ Es trat eine Stille ein. Lestrade hoffte, den richtigen Monat getroffen zu haben, und der Mann im Ölzeug fragte sich, von wo Lestrade entsprungen sein mochte.

„Dann brauchen Sie mein Pferd“, sagte er.

„Pferd?“ Lestrade suchte den Strand nach dem Tier ab. „Nein, ich glaube, zu Fuß fühle ich mich sicherer.“

„Hab Ihnen doch gesagt, dass Sie versaufen würden“, fauchte der Mann. „Schneller, als Sie gucken können.“

Und er zog unter einem kieloben am Strand liegenden Ruderboot einen hölzernen Rahmen mit Seilen und Drähten hervor. „Iss ’n Watt-Pferd.“ Er stemmte seine Ellenbogen in die seitlichen Stützen. „Da halten Sie sich dran fest. Wenn Sie’s loslassen, iss das das Letzte, was Sie tun. Und nich zu lange draußen bleiben. Die Flut kommt.“

Und der Ölzeug-Mann verschwand brabbelnd über dem Sandsteingrat in den Wind. Lestrade prüfte vorsichtig das Watt-Pferd und nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er seine Ellenbogen in die Halterungen stemmte. Vor ihm lag ein klobiger Hummerkorb, und das ganze Gerät stank wie Billingsgate im Hochsommer. Sonderbar, es gab ihm ein heimatliches Gefühl. Er stieß sich vom trockenen Sand ab und marschierte auf die Sandbank los, die Emma Gore Sand genannt hatte. Er wusste eigentlich überhaupt nicht, wonach er suchte. Vielleicht gab es irgendeine Spur. Irgendwas Greifbares, das mit Ruperts Leichnam zu tun hatte. Mit jedem Schritt wurde es schwerer, als der saugende Schlamm an seinen Fersen, Knöcheln und Waden zerrte. Harrys schwerer Pelz drohte ihn noch tiefer einsinken zu lassen. Er hatte weniger als die Hälfte der Strecke bis zur Sandbank zurückgelegt, als ihm das Entsetzliche seiner Lage ganz bewusst wurde. Wie der Ölzeug-Mann vorausgesagt hatte, begann die Flut in der Tat aufzulaufen, und zu seiner Linken und Rechten schoss die eisige Gischt an den Stert-Untiefen entlang. Er drehte sein Watt-Pferd herum, um zurückzukehren, doch das verdammte Ding stak fest im Schlamm. Eine halbe Meile entfernt sah er den winzigen Fleck: Emma, die wie eine Verrückte winkte. Er sah, wie sie Klippen hinuntereilte, um ihm zu Hilfe zu kommen, und brüllte ihr zu, stehenzubleiben, doch er wusste, dass der Wind seine Stimme verschluckte. Voller Verzweiflung ließ er das Watt-Pferd zurück und watete weiter. Ein Schritt, zwei. Es war, als bewege er sich durch Melasse. Beim dritten Schritt versackte er bis zu den Hüften in der glitschigen Masse.

Die Stationen seines Lebens tanzten vor seinen Augen. Der Baker-

Fall, der Knutt-Fall, alles flutete vorbei. Und er wünschte, er hätte das Wort „fluten“ vermieden. Die Gischt brauste um seine Hüften, während er sich drehte und zappelte. Ruhig bleiben, sagte er sich. Bleib ruhig. Was würde Frank Froest in dieser Situation tun? Ersaufen, weil er zu fett war. Edward Henry? Höchstwahrscheinlich würde er die Fingerabdrücke eines vorüberfahrenden Schiffes nehmen. Keine Hilfe weit und breit. Was war mit Harry Bandicoot? Und während er die Liste seiner Freunde und Kollegen überflog, ergriff Emmas Hand die seine. „Los, Papa, zieh!“

„Emma, verschwinde“, bellte er, als die Gischt seine Achselhöhlen peitschte. „Wie, um Gottes willen, bist du hergekommen?“ „Ich bin leichter als du. Kannst du den Mantel loswerden?“ Sie half ihm, sich von dem schweren Pelz zu befreien. „Das wird mir Onkel Harry nie verzeihen.“

„Er wird mir nie verzeihen, wenn ich meinen Vater ertrinken lasse“, rief sie.

„Festhalten.“ Von irgendwo hatte sich Emma ein starkes Seil beschafft, das sie um Lestrades Körper schlang.

„Woher hast du das?“, keuchte er, während er die Wirkung der Kälte zu spüren begann.

„Gehört zur Grundausstattung eines Autos“, knurrte sie, während sie einen jener akkuraten Knoten machte, die nach Meinung von Monsieur Le Petomaine ein charakteristisches Merkmal der Erziehung einer jungen Dame darstellten. „Warte hier.“ „Verlass dich drauf, dass ich nirgendwo hingehen werde, Emma“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Um Himmels willen, mach, dass du zum Strand zurückkommst.“

„Nicht ohne dich, Papa. Nun sei still und spare deine Kräfte.“ Lestrades Mund öffnete sich, und die Brandung spülte hinein. Emma verschwand hinter ihm, und er erkannte, dass er nicht einmal mehr den Kopf drehen konnte. Minutenlang tauchte er unter, doch sie war wieder da und mühte sich mit schmerzenden Beinen ab, das Watt-Pferd zu bewegen. Als sie daran zerrte, glitt das Gerät durch das schäumende Wasser, und das Seil straffte sich. „Ein bisschen Hilfe wäre nicht schlecht“, keuchte sie nach Atem ringend. Mit einem schmatzenden, ploppenden Geräusch verschwanden Lestrades Kopf, Mütze und Brille im Schlamm. Im nächsten Augenblick tauchte er wieder auf, und der Sog der Flutwelle zog alles nach vorn: das Watt-Pferd auf einem Wellenkamm, Emma, die sich mit den Beinen eingehängt hatte, um den Zug zu vermindern, und Lestrade, der wie eine Schildkröte am Haken durch den Sog mitgerissen wurde, um sich schlagend und keuchend, als er Wasser ausspie.

Als die Welle sie auf den trockeneren Schlamm schleuderte, brachen der Superintendent und seine Tochter auf dem Watt-Pferd in einem graugrünen Haufen zusammen, lachend zwischen Husten und Spucken.

„Emma“, sagte er, „du bist ein bemerkenswertes Mädchen. Du hast deinen alten Vater gerade vor einem Schicksal bewahrt, das schlimmer ist als der Tod.“

„Gibt es ein schlimmeres Schicksal als den Tod?“ Sie wurde plötzlich ernst.

„O ja“, sagte er und wischte den Schlamm von seiner Brille. „Da oben zu sein“, und er deutete zum Himmel, „und zuzuhören, wie Frank Froest und Walter Dew sich über mein Hinscheiden kaputtlachen. Komm, ich werde eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen müssen, um Onkel Harry einen neuen Mantel zu kaufen.“

Nachdem Lestrade gebadet und einige Terrinen von Letitias Kraftbrühe geleert hatte, griff er nochmals auf Bandicoots Kleiderschrank zurück. Diesmal entlieh er eine Smoking-Jacke und eine mit Quasten geschmückte Mütze mit dem feierlichen Versprechen, er werde darin nicht zum Krabbenfischen gehen, und wärmte seine Rückseite gemütlich am Kaminfeuer in Harrys Bibliothek. „Lieutenant Hook, Mr. Bandicoot.“ Harrys Diener meldete den Gast.

„Ballard, lieber Junge.“ Harry schüttelte dem Mann die Hand. „Mr. Bandicoot.“ Lieutenant Hook war ein Bild von einem Mann, so groß wie Bandicoot, doch in der Uniform der Königlichen Marine ein wenig schlanker.

„Darf ich Sie mit einem alten Freund bekannt machen, Superintendent Sholto Lestrade?“

„Lestrade vom Yard?“ Hook ergriff Lestrades Hand. Der Superintendent verbeugte sich.

„Eine Ehre, Sir. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Superintendent.“ „Haben Sie sich durch Harrys übertriebene Geschichten nicht gelangweilt gefühlt?“, fragte Lestrade.

„Gelangweilt, nein. Übertrieben – ich bezweifle das“, sagte Hook, „obwohl ich als Junge Ihr Bild im Strand Magazine im Allgemeinen ein wenig verzerrt fand.“

„Aha“, sagte Lestrade. „Ein Mann mit Durchblick.“ „Ballard, Brandy?“, fragte Bandicoot. „Danke, ja, Sir.“

„Sind Sie auf Urlaub, Mr. Hook?“, fragte Lestrade. „Mein Schiff wird in Plymouth überholt, Sir“, sagte Hook, „aber ich habe andere Verpflichtungen und muss morgen wieder fort. Ich kam vorbei, um mich nach Ivos Befinden zu erkundigen.“ „Es geht ihm allmählich besser“, sagte Bandicoot. „Ich hörte, Sie haben ihm das Leben gerettet?“, fragte ihn Lestrade.

„Ich tat, was ich konnte“, erwiderte Hook. „Sie wissen, wie tückisch dieser Teil der Küste sein kann.“

„Ich habe Ballard erzählt, was heute Nachmittag passiert ist, Papa.“ Emma kam hereingeschwebt, ein hinreißender Anblick im Schein des Kaminfeuers. Sie hakte sich beim Lieutenant ein. Lestrade hatte keine Ahnung, dass Hook bei seiner Tochter vor Anker gegangen war. Das war für ihn eine neue Erfahrung. Natürlich fragte er sich flüchtig, wer diesen jungen Mann fragen würde, ob er ernste Absichten habe – er oder Harry.

„Sie haben Glück gehabt, dass Sie mit dem Leben davongekommen sind, Sir“, sagte Hook.

„Glück hat dabei keine Rolle gespielt.“ Lestrade tätschelte den Arm seiner Tochter.

„Noch einen Brandy, Ballard? Der Arm des Yard ist weit.“

Das war vermutlich ein Scherz, der mit dem Yard und dem Arm des

Gesetzes zusammenhing, doch niemand verstand ihn.

„Was hofften Sie auf den Stert-Untiefen zu finden, Mr. Lestrade?“,

fragte Hook.

Lestrade seufzte. „Ich weiß es nicht. Irgendwas …“ „Gentlemen, Emma.“ Hook verkündete mit ernstem Gesicht: „Ich fürchte, wir alle müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen. Rupert ist tot. Nichts bringt ihn mehr zurück.“

Emma barg ihr Gesicht an Hooks Schulter. Harry und Lestrade blickten sich an. Für keinen war es eine Enthüllung.

Am nächsten Morgen brachte Emma ihren Vater zum Bahnhof nach Taunton. Ivo ging es ein bisschen besser. Letitia hatte sich einigermaßen erholt, und Frühling schien in der Luft zu liegen. „Papa.“ Sie hielt seine Hand, als der Zug pfeifend und prustend auf Bahnsteig 3 einlief. „Ich … ich mag Ballard Hook sehr gern.“ „Das habe ich gesehen“, sagte Lestrade.

„Ich halte große Stücke auf ihn, doch in einem Punkt irrt er sich. Ich glaube, dass Rupert noch lebt, Papa. Und ich glaube nicht, dass das, was auf Binkys Yacht passierte, ein Unfall war. Glaubst du’s?“ „Hör mal, Emma …“, fing er an.

Sie legte ihm ihre Finger auf die Lippen. „Ich weiß. Ich bin ein albernes Mädchen, das nicht weiß, wovon es spricht. Aber ich bin Lestrades Tochter. Und etwas ist faul an dieser ganzen Sache.“ Die Flagge und die Trillerpfeife des Stationsvorstehers beendeten ihre Unterhaltung. Ihre Hände lösten sich voneinander. Sie warf ihm eine Kusshand zu. Er versprach zu schreiben; etwas, das nicht gerade seine Stärke war.

Er saß im Abteil und starrte auf ein Plakat mit der Aufschrift ‚Kommen Sie ins sonnige Minehead‘. Für Emma Bandicoot-Lestrade war also an der Sache etwas faul. Sei’s drum. Er würde die Augen offenhalten, weiter schuften, seinen Finger am Puls und an anderen Teilen seiner Anatomie, die da waren, wo sie hingehörten. Mit siebenundfünfzig Jahren ließ sich wohl kaum noch etwas anderes mit ihnen anfangen.


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M. J. Trow stammt aus Wales, studierte Geschichte am Londoner King’s College und ist bekennender Fan des viktorianischen Zeitalters. Er verfasste spannende und humorvolle Kriminalgeschichten um Inspektor Lestrade, der in den Geschichten von Arthur Conan Doyle oft mit seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes aneinandergerät.

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