Dorothea Stiller über ihren Regency-Roman Der Myrtenzweig

Worum geht es in deinem neuen Buch Der Myrtenzweig?

Die Handlung spielt in London im Jahr 1814. Ein bekannter Dandy und Frauenheld wurde in einer geschlossenen Kutsche während der Fahrt umgebracht. Der Verdacht fällt natürlich auf den Kutscher, der aber seine Unschuld beteuert, gleichzeitig aber auch behauptet, unterwegs nirgends angehalten und nichts Verdächtiges gehört oder gesehen zu haben. Der Droschkenkutscher wird verhaftet und erwartet seine Gerichtsverhandlung. Die Schwester des Verdächtigten ist Kammerdienerin bei der Marchioness of Beresford. Als die erfährt, warum ihre Angestellte so bedrückt wirkt, verspricht sie, zu helfen und die Unschuld des Kutschers zu beweisen. Und schon steckt Lady Dorothy Beresford in einem spannenden Mordfall. Gleichzeitig soll sie sich als Ehevermittlerin betätigen und einen geeigneten Ehemann für das Patenkind ihres Mannes finden. Bald stellt sich heraus, dass auch die Familie der jungen Frau noch eine offene Rechnung mit dem Ermordeten hatte.

Hast du schon mal einen Krimi geschrieben oder ist es dein erster Krimi?

Das ist mein zweiter Krimi, wenn man mein Jugendbuch nicht dazuzählt, in dem es auch einen kleinen Kriminalfall um zwei gestohlene Gemälde gibt. Der erste wird auch bei dp erscheinen, der Termin steht aber noch nicht fest. Dieser erste ist ein zeitgenössischer Krimi und spielt in Tobermory, einer kleinen Stadt auf der schottischen Isle of Mull. Auch darin ermittelt eine Frau – allerdings mit Unterstützung des Inselpolizisten und des Gemeindepfarrers.

Was ist beim Schreiben eines Krimis der größte Unterschied zu einer Liebesgeschichte?

Ich glaube, im Kern sind sie eigentlich gar nicht so verschieden, denn es braucht interessante Charaktere, mit denen man mitfühlen kann und eine Geschichte mit überraschenden Wendungen. Natürlich liegt beim Krimi die Betonung mehr auf der Spannung und eine Liebesgeschichte ist meistens mehr oder weniger vorhersehbar, denn sie lebt gewissermaßen davon, dass die zwei Charaktere, von denen die LeserInnen möchten, dass sie sich am Ende kriegen, auch trotz einiger Schwierigkeiten zusammenfinden. Beim Krimi ist die Schwierigkeit, durchschaubar genug zu bleiben, dass die LeserInnen mitraten können, aber nicht zu offensichtliche Hinweise zu liefern. Einen Krimi ziehe ich beim Planen quasi von hinten auf. Ich mache mir erst Gedanken um die Tat und die Lösung und muss dann falsche Fährten legen und überlegen, welche Hinweise die Ermittelnden finden und in welcher Reihenfolge und wie sie die entdecken könnten.

Was reizt dich besonders daran, Romane zu schreiben, die in der Regency und viktorianischen Zeit spielen?

Gute Frage – vielleicht habe ich in einem früheren Leben in dieser Zeit gelebt? Ich finde sie total faszinierend. Ich habe mich schon im Studium mit Jane Austen und der viktorianischen Literatur beschäftigt. Eines meiner Prüfungsthemen waren die sogenannten »Victorian Sensation Novels«, also Wilkie Collins‘ »Die Frau in Weiß«, Mary Elizabeth Braddons »Lady Audleys Geheimnis« und Ellen Woods »East Lynne«. Ich mochte auch die Schauerromane wie »Dracula« und »Frankenstein«.
Ich denke, die Faszination dieser Zeit liegt darin, dass sie den Übergang zur Moderne bildet. Viele unserer modernen Errungenschaften haben ihren Ursprung in jener Zeit, natürlich auch die Frauenbewegung. Gleichzeitig sehnt man sich heute aber auch zurück in vergangene Zeiten, in denen es noch Höflichkeit und Galanterie gab, ohne Hektik, ohne moderne Elektronik. Auch in der Hinsicht übt diese Zeit einen Reiz aus.

Viele deiner Romane spielen in England oder Schottland. Warum?

Das hat einen recht unoriginellen Grund. Ich habe Anglistik studiert und ein Jahr in England gelebt und gearbeitet. Natürlich bin ich oft auf der Insel gewesen und habe Freunde und Bekannte dort.

In Der Myrtenzweig begegnen wir Lady Beresford aus Lehrstunden des Herzens wieder. Warum ausgerechnet ihr?

Als ich die »Lehrstunden« geschrieben habe, ist mir der Charakter ans Herz gewachsen. Sie ist warm, herzlich und unverstellt. Sie gibt nicht viel auf übertriebene Etikette und hat keine Standesdünkel. Sie kann aber auch besserwisserisch und eigensinnig sein, das bekommt vor allem ihr Ehemann Lord Archibald Beresford zu spüren. Doch insgesamt sind die beiden ein absolutes Dreamteam. Ich fand es selbst total spannend, Dorothy und ihren Archibald und ihre sehr besondere Beziehung zu entdecken.

Ist eine Fortsetzung geplant?

Jain. Wie schon bei den »Lehrstunden« ist das nächste Projekt keine echte Fortsetzung, sondern mehr so etwas wie ein »Spin-off«. Ich bin dem Genre dieses Mal treu geblieben, denn auch die dritte Geschichte wird ein Krimi, der aber mehr in Richtung Thriller geht und einige Anleihen bei den oben erwähnten Sensation Novels und Gothic Novels (Schauerromanen) macht. Trotzdem steht im Zentrum auch wieder eine Liebesgeschichte.

Kannst du deinen Fans schon etwas von deinen kommenden Projekten in diesem und im nächsten Jahr verraten?

Ja, geplant sind noch eine Neuauflage meines Liebesromans »Love on Air – Verliebt in London«, sowie der oben erwähnte Schottland-Krimi. Außerdem erscheint der vierte Band meiner Regency-Reihe als Adventskalender-Roman. Bei dem Projekt wird wieder die Romantik im Vordergrund stehen. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, kann ich noch nicht hundertprozentig absehen, da ich noch verschiedene Jugendbuchprojekte bei Verlagen zur Prüfung liegen habe und abwarten muss, ob ich eine Zusage bekomme. Geplant ist auf jeden Fall schon ein weiterer Love Shot. Ich habe mir vorgenommen, die Vorgeschichte meines Lieblingspärchens zu erzählen, nämlich die Geschichte, wie Lord und Lady Beresford sich eigentlich kennengelernt haben.

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Die gebürtige Westfälin Dorothea Stiller machte ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche mit Kurzgeschichten und Fan-Fiction. Ihr Debütroman „Conny und die Sache mit dem Hausfrauenporno“, eine romantische Komödie erschien 2014 bei Forever by Ullstein. Es folgten weitere romantische Komödien sowie ein Jugendbuch für Mädchen im Kosmos-Verlag. Ihre große Liebe gilt der englischen Sprache und Literatur. Seit über 25 Jahren beschäftigt sich die Autorin auch mit Tarot und seinen vielfältigen Anwendungen, speziell für kreative Prozesse. Am liebsten schreibt sie bei einer schönen Tasse Kaffee. Deswegen hat sie einen kleinen Tassen-Tick und hat einige hübsche oder originelle Exemplare angesammelt.

Tödliches Idyll

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen stand Evan neben Sergeant Watkins, einem Kriminalbeamten von der Nordwalisischen Polizei, der aus Caernarfon herbeigerufen worden war. In der vergangenen Nacht hatten sie die Leiche entdeckt, wegen des schwierigen Geländes bis Tagesanbruch aber nichts weiter unternehmen können. Der Wind zerrte an ihren Uniformen, während sie zusammen am Rand eines schmalen, steil abfallenden Felsvorsprungs standen und auf die tief unter ihnen ausgestreckt daliegende Leiche hinabblickten. Selbst aus dieser Höhe konnten sie den schwarzen Fleck auf dem Granit deutlich sehen, wo der Mann lag.

»Grässlicher Unfall«, bemerkte Sergeant Watkins und zog die Luft durch die Zähne. »Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie uns gerufen haben, Constable Evans. Wir haben im Präsidium gerade viel zu tun und keine Zeit, Bergunfälle zu untersuchen.«

Evan riss seinen Blick von dem schrecklichen Bild los und sah den Kriminalbeamten an. Der war ein kleiner, schlanker Mann in den Dreißigern mit einem blassen und humorlosen Gesicht, dessen Farblosigkeit durch sein leuchtend rotes Haar und einen rehbraunen Regenmantel noch verstärkt wurde.

»Sie meinen also, es war ein Unfall?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins erwiderte scharf: »Natürlich. Was denn sonst? Ein unerfahrener Bergsteiger verliert an einem Felsvorsprung den Halt oder die Nerven, ihm wird schwindlig und er stürzt ab.«

»Entschuldigung, Sarge, aber nicht mal ein verdammter Engländer könnte an dieser Stelle abstürzen«, sagte Evan. »Nachmittags frischt hier der Wind von unten derartig auf, dass man sich fast dagegenlehnen könnte. Und sehen Sie den Winkel des Felsens? Wenn man hier den Halt oder die Nerven verliert, würde man in die Felswand zurückfallen und nicht den Steilhang hinunter.«

»Was ist dann Ihre Ansicht, Constable?«

»Ich behaupte, dass jemand nachgeholfen haben muss.«

»Gestoßen, meinen Sie? Sie wollen mir erzählen, das war Absicht?«

Evan zuckte die Schultern. »Vielleicht auch nur ein Versehen, Sarge. Vielleicht hatte er einen Begleiter, der ausgerutscht ist und ihn versehentlich umgerissen hat – und der dann Angst hatte, sich zu melden und es zu gestehen. So etwas kommt vor, das wissen Sie. Aber wenn man jemanden loswerden wollte, wäre das keine schlechte Methode.«

Sergeant Watkins schaute Evan zweifelnd an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.

»Ach kommen Sie, Constable«, sagte er. »Wie viele Leute waren Ihrer Meinung nach gestern hier oben? Da müsste doch jemand etwas gesehen oder gehört haben.«

»Es hätte nur eine Sekunde gedauert – ein kurzer Schubs …«, entgegnete Evan.

Sergeant Watkins schüttelte erneut den Kopf. »Sie haben zu viele Krimis gelesen«, sagte er. Dann wurde sein Ton sanfter. »Sehen Sie, ich kann das ja verstehen. Es muss langweilig sein, in so einem Nest zu hocken und sich mit alten Damen und ihren verschwundenen Katzen zu beschäftigen. Ein netter kleiner Mord würde das ein bisschen aufpeppen, nicht wahr?« Er machte eine Pause und räusperte sich. »Im Präsidium unten suchen wir gerade einen richtigen Mörder. Jemand hat an der A 55 die Leiche eines elfjährigen Mädchens in den Straßengraben geworfen. Sie wurde missbraucht und erwürgt. Ein kleines Mädchen von elf! Ich will den Schweinehund finden, der das getan hat, Constable Evans. Das ist alles, woran ich im Moment denken kann. Deshalb, fürchte ich, habe ich keine Zeit, die ich auf einen Bergsteiger verschwenden könnte, der den Halt verloren hat und einen Steilhang runtergestürzt ist.«

»Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir herausfinden, wer er ist, Sarge«, erwiderte Evan. »Falls er ein vermisster Erbe oder ein Polizeiinformant ist, werden Sie mir dann glauben?«

Dem Sergeant gelang ein Lächeln. »Sehr gut, Constable. Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir die Leiche geborgen haben, aber ich bezweifle es. Sie werden sicher kaum den Abdruck einer Hand auf seinem Rücken finden.«

»Jemand könnte etwas gesehen haben«, sagte Evan. »Sie könnten einen Aufruf veröffentlichen, dass sich Leute melden sollen, die etwas Verdächtiges bemerkt haben.«

Sergeant Watkins sah ihn an. »Ich wette, dass Sie es für Ihr Leben gern mit einem Mordfall zu tun hätten, Constable, aber Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe unseren Fotografen mitgebracht, damit er Aufnahmen macht, und dann müssen wir entscheiden, wie wir den Toten am besten bergen.«

Evan warf einen Blick auf die Leiche, die zwischen zerklüfteten Felsen am Fuße des Steilhangs lag. Darunter fiel das Gelände weiter ab und mündete in einen mörderisch steilen Geröllhang, der sich bis hinunter zum Westufer des Bergsees Glaslyn erstreckte.

»Und das wird nicht so einfach«, fuhr der Sergeant fort. »Möglich, dass ich im Präsidium anrufen und den Chef bitten muss, den Hubschrauber zu entbehren.«

»Meine Jungs schaffen das wahrscheinlich«, sagte Evan.

»Ihre Jungs?«

»Wir haben einen Bergrettungstrupp in unserem Dorf. Alle Männer sind hier groß geworden, als die Schieferminen noch in Betrieb waren. Sie sind es also gewöhnt, Steilhänge zu erklimmen. Sie sind geradezu dafür geboren und kraxeln in diesen Bergen herum, als würden sie übers freie Feld laufen – wenn es sein muss, sogar in ihren besten Sonntagsschuhen.«

»Soso«, sagte Sergeant Watkins und fischte sein Notizbuch aus der Tasche.

Ein Stück weiter vorn an der Felskante ertönte das Knirschen von Stiefeln. Ein junger Polizist kam, munter einen Fotoapparat schwenkend, auf sie zu.

»Hallo, Sarge. Ich habe die Aufnahmen, die Sie wollten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Sergeant Watkins scharf.

»Von wo haben Sie die denn gemacht?«

»Von dort drüben, über dem Llyn Llydaw, wo man auf die Leiche runtergucken kann. Wollten Sie das nicht so?«

»Über dem Llyn Llydaw? Wovon sprechen Sie überhaupt? Die Leiche befindet sich hier.«

Der junge Polizist lugte über die Kante. »Mein Gott«, stieß er aus. »Dann gibt es zwei!«

Es dauerte eine Viertelstunde, auf den Hauptweg zurückzugelangen und so weit um die Bergzunge herumzulaufen, bis sie den Llyn Llydaw überblicken konnten, den unteren der beiden Seen am Snowdon. Von dessen Gipfel aus schlossen sich die Bergrücken hufeisenförmig fast vollständig um die zwei Seen; an einer Stelle jedoch schob sich eine Art Vorsprung dazwischen, der den Glaslyn, den oberen der beiden Seen, vom unteren trennte. Der Grat dieses Vorsprungs war messerscharf, und seine Felswände waren gnadenlos steil.

»Dort unten«, sagte der Polizeifotograf. »Er muss über die Gratkante gestürzt sein. Abschüssig genug ist es ja, und tückische Windböen gibt’s auch. Es hat mir fast den Apparat aus den Händen gerissen, als ich versucht habe, die Aufnahmen zu machen. Ich hoffe, Sie wollen nicht, dass ich zu ihm runtergehe – ich bin kein Freund von großer Höhe.«

Auch der zweite Mann lag bäuchlings am Fuß einer Steilwand, die Arme ausgestreckt, als habe er verzweifelt versucht, seinen Fall zu stoppen.

»Ein Wunder, dass wir keine Meldung von jemandem haben, der gesehen hat, wie das passiert ist«, fuhr der junge Fotograf fort. »Gestern war herrliches Wetter, es muss in den Bergen von Wanderern und Touristen doch nur so gewimmelt haben.«

»Das ist keine der Hauptrouten auf den Berg«, bemerkte Evan, der noch immer hinuntersah. Sollte einer dieser beiden Männer der Bergsteiger sein, der im Everest Inn vermisst wurde, dann hatten sie nicht den schnellsten Aufstieg zum Gipfel genommen. »Der einzige richtige Pfad ist der, den wir gerade den Kamm entlang genommen haben. Er führt über den Gipfel des Lliwedd und dann ins Tal runter.«

»Vielleicht war er auf dem Gipfel und hat versucht, den Abstieg abzukürzen«, schlug der Fotograf vor.

»Abkürzen, hier runter?« Sergeant Watkins beäugte die steile Felswand unter sich. »Dann muss er ganz schön blöd gewesen sein, es sei denn, er hätte ein bisschen klettern wollen.« Evan schüttelte den Kopf. »Er war kein Kletterer. Schauen Sie sich seine Füße an, er hat ganz normale Joggingschuhe an. Damit hätte er nie zu klettern versucht. Wahrscheinlich ist er mit der Zahnradbahn raufgekommen. Außerdem hat er kein Seil bei sich.«

»Vielleicht hatte er sich in den Kopf gesetzt, es einfach mal zu probieren, auch ohne Ausrüstung«, bot Sergeant Watkins an. »Die Leute tun ständig die idiotischsten Dinge. Sie sehen was im Fernsehen, und dort wirkt es ganz einfach. Er hat versucht, diese Wand hochzuklettern, konnte sich nicht mehr halten und ist abgestürzt.«

Evan schüttelte wieder den Kopf. »Er ist vorwärts gefallen, Sarge. Wenn er versucht hätte raufzuklettern, wäre er auf dem Rücken gelandet.«

»Wie auch immer, es war Pech«, entschied Sergeant Watkins. Er war schon im Gehen. »Haben Sie genügend Aufnahmen gemacht, Dawson? Gut, dann lassen Sie uns zurückgehen und dem Präsidium durchgeben, dass man sie bergen soll.«

Evan schloss zu ihm auf. »Denken Sie immer noch, es sei Zufall, Sarge?«, fragte er. »Zwei Männer, die an einem Nachmittag am selben Berg abstürzen?«

Sergeant Watkins sah stur geradeaus. »Ja, ich glaube, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt, Constable Evans«, entgegnete er. »Wenn nicht, was wäre die Alternative? Glauben Sie, dass hier ein Verrückter rumläuft, der Leute von den Bergen schubst?«

Constable Dawson drängte sich zwischen sie. »Meinen Sie, es könnte Vorsatz im Spiel sein?«

»Constable Evans glaubt es«, sagte Sergeant Watkins. »Er führt hier oben zwischen all den Schafen aber auch ein einsames Leben und ist einfach scharf auf ein bisschen Aufregung.«

»Ganz bestimmt nicht, Sarge«, erwiderte Evan ruhig. »Ich hatte jede Menge Aufregung, als ich in Swansea zur Kriminalausbildung war. Da hatten wir eines Nachts einen Mord im Hafen.«

»Sie waren zur Kriminalausbildung unten in Swansea?«, fragte Constable Dawson mit Neid in der Stimme. »Und was um alles in der Welt hat Sie dazu getrieben, das aufzugeben und hierherzukommen?«

»Man kann von einer guten Sache auch zu viel bekommen«, sagte Evan. »Sagen wir einfach, ich habe einen Mord zu viel gesehen.«

»Das kann ich verstehen«, bemerkte Sergeant Watkins. »Nehmen wir nur den Fall dieser Kleinen. Ich glaube, ich werde niemals das Bild vergessen, wie wir sie da in dem Straßengraben gefunden haben. Dieses kleine Gesicht werde ich mein ganzes Leben nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zuerst hat sie ausgesehen, als ob sie schliefe – genau wie unsere kleine Tiffany.«

Ihm versagte die Stimme, und er hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, als sei es ihm peinlich, so viel Gefühl zu zeigen. Evan begann, ihn etwas freundlicher zu betrachten.

»Haben Sie schon irgendwelche Spuren, Sarge?«, fragte er.

»Eine scheint ganz vielversprechend zu sein. Wir haben herausgefunden, dass ein verurteilter Kinderschänder namens Lou Walters vorzeitig aus dem Gefängnis von Pentonville entlassen worden ist, seine Mutter lebt in Caernarfon. Haben Sie schon von dieser neuesten Verrücktheit gehört, die ihnen jetzt eingefallen ist? Sie haben stillschweigend Leute vorzeitig aus dem Knast entlassen, um der Überbelegung zu begegnen, und niemanden darüber informiert. Der Innenminister ist fuchsteufelswild. Da werden Köpfe rollen, das prophezeie ich Ihnen, aber jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.«

»Ist es Ihnen gelungen, diesen Kerl aufzuspüren?«, fragte Evan.

»Nein, aber wir beobachten das Haus seiner Mutter. Früher oder später wird er dort auftauchen. Außerdem schicken wir eine Personenbeschreibung an alle kleinen Polizeireviere, damit sie dort die Augen offen halten.«

»Ich hoffe, Sie schnappen ihn, bevor er noch weiteren Kindern etwas antut«, sagte Evan.

»Ich auch«, erwiderte Sergeant Watkins.

»Und was unternehmen wir wegen dieser beiden hier?«, wollte Evan wissen.

Sergeant Watkins schaute zurück. »Raufholen und die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Das ist wohl alles, was wir tun können.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen, bevor das Wetter umschlägt«, sagte Evan. Er ließ seinen Blick über die Hügel bis zum Meer schweifen. Es schien zwar noch die Sonne, aber der Horizont war inzwischen eine harte Linie. Das bedeutete baldigen Regen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Leute die Leichen zu einer Stelle bringen, wo sie ein Hubschrauber aufnehmen kann«, meinte Sergeant Watkins. »Wir können die Toten ja schlecht zusammen mit den Touristen in der Bergbahn nach unten befördern.« Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. »Vielleicht sollten Sie zu dem Hotel gehen, das den vermissten Bergsteiger gemeldet hat, und herausbekommen, wer er ist. Und bringen Sie den Hotelmanager runter ins Präsidium, damit er ihn zweifelsfrei identifiziert.«

»Darüber wird er nicht sonderlich erfreut sein«, sagte Evan grinsend.

»Schwieriger Kerl, wie?«, fragte Sergeant Watkins mit der Andeutung eines Lächelns.

»Könnte man sagen. Er tut gerade so, als würden die Berge ihm gehören«, erwiderte Evan.

»Und wissen Sie was, Constable«, sagte der Kriminalbeamte. »Wenn wir sie unten haben und rausfinden, dass beide die vermissten Erben desselben Vermögens sind, dann werden wir die Sache weiter verfolgen, okay?«

»Na schön, Sarge«, sagte Evan.

Es musste eine Verbindung geben, dachte er. Und irgendwie war er entschlossen, sie zu finden.

4. KAPITEL

Nachdem Sergeant Watkins gegangen war, um das Präsidium zu informieren, machte sich Evan an den Abstieg nach Llanfair. Er nahm den Pig Track, den steileren, aber schnelleren der beiden Hauptwege. Selbst jemand, der so gut in Form war wie Evan, brauchte eine gute Stunde, den Berg hinter dem Bwylch y Moch, dem Schweinepass, hinunterzusteigen. Was allerdings letztendlich genauso schnell ging, wie auf die nächste Bergbahn zu warten und damit auf der anderen Seite nach Llanberis hinunterzufahren. Im Übrigen war er ganz froh, eine Weile allein zu sein. Das verschaffte ihm Zeit zum Nachdenken. Der Anblick der Leiche hatte ihm gestern Abend ganz schön zugesetzt. Und heute Morgen festzustellen, dass die ganze Angelegenheit möglicherweise kein Unfall gewesen war, hatte ihn noch mehr durcheinander gebracht.

Er schaute zurück zu jenem Punkt, an dem, wie er wusste, eine der Leichen lag, und machte danach den einzigen Felsvorsprung aus, von dem aus der Mann abgestürzt sein konnte. Nur, was sollte jemand ausgerechnet dort gewollt haben? Oder, wie im anderen Fall, auf dem Grat? Keine der beiden Stellen bot eine besonders spektakuläre Aussicht für eine ungewöhnliche Aufnahme oder den Einstieg in einen bedeutenden Klettersteig. Es waren ganz gewöhnliche, wenn auch steile Felswände, etwas abseits gelegen. Dass zwei Menschen dort zu Tode gestürzt waren, überzeugte Evan davon, dass hier irgendetwas Seltsames vor sich ging.

Für Wanderer war es noch etwas früh am Tag, dennoch war Evan überrascht, auf dieser Seite des Bergs keiner Menschenseele zu begegnen. Er blieb stehen und schaute sich unbehaglich um. Zeit seines Lebens war er allein in den Bergen unterwegs gewesen, und gewöhnlich genoss er die Einsamkeit und das Gefühl, sich buchstäblich auf dem Dach der Welt zu befinden. Heute dagegen war ihm die Abgeschiedenheit außerordentlich bewusst. Es lag eine Spannung in der Luft, beinahe als sei der Berg selbst wachsam und auf der Hut. Evan musste an die Druiden denken. Er hatte einmal gelesen, dass sie an solchen hoch gelegenen Orten Menschenopfer dargebracht hatten. Ihn fröstelte. Was hatte Sergeant Watkins gesagt? Ein Verrückter, der durchs Gebirge läuft? Vielleicht hatte er ja recht.

Evan kämpfte gegen den Wunsch an zu rennen, während er den letzten Hügel hinunterstieg und den Damm auf die andere Seite des Llyn Llydaw überquerte. Der Anblick vertrauter Wegweiser und des unter ihm liegenden Dörfchens Llanfair beruhigte ihn wieder. Er verlangsamte seinen Schritt, schaute noch einmal zum Berg zurück und versuchte, irgendeinen Anhaltspunkt zu erkennen, den er an Sergeant Watkins weitergeben konnte.

Der Damm war vor langer Zeit gebaut worden, als es noch Kupferminen gab und man einen sicheren und schnellen Weg für die Esel gebraucht hatte, auf dem sie das Kupfererz zur Straße transportieren konnten. Was für ein unglaubliches Unternehmen, dachte Evan, während er den Berg betrachtete. Wie hatte sich das rentiert, da sie doch immer nur einen Sack auf einmal tragen konnten?

Jetzt tauchte das Everest Inn vor ihm auf, seine Lebkuchenbalkone glänzten im grellen Sonnenlicht. In spätestens einer Stunde würde es regnen, glaubte Evan. Er konnte das Salz vom Meer im auffrischenden Wind riechen. Hoffentlich hatten sie die Leichen geborgen, bevor es losging. Wenn es in Wales einmal anfing zu regnen, wusste man nie, wann es wieder aufhörte. Und sobald Wolken aufzogen, gäbe es keine Möglichkeit, einen Hubschrauber auch nur in die Nähe der Leichen zu bekommen.

»Üble Sache, Constable«, sagte Major Anderson und sog dabei wieder auf eine Weise geräuschvoll Luft durch die Zähne, die Evan auf die Nerven ging. »Verdammt tragisch.« Evan nickte mitfühlend, bis der Major fortfuhr: »Können Sie sich vorstellen, was das für unser Hotel bedeutet? Wir preisen uns als Familienurlaubsziel an, aber kein Mensch wird seine Kinder an einen Ort bringen wollen, wo Leute von Bergen abstürzen.«

Evan schwieg. Sinnlos, seinen Verdacht dem Major gegenüber zu erwähnen.

»Und wenn man bedenkt, dass die ganze Sache hätte vermieden werden können«, fuhr der Major fort und blickte Evan von seinem Schreibtisch aus an.

»Was meinen Sie damit, Major?«

»Wenn gleich ein Suchtrupp aufgebrochen wäre, als ich Hilfe angefordert habe …«

»Dann hätten wir ihn vor dem Sturz bewahren können – wollen Sie das damit sagen?«, fragte Evan.

»Möglicherweise.« Das rote Gesicht des Majors wurde noch eine Spur röter. »Vielleicht steckte er irgendwo fest, klammerte sich an einen Felsvorsprung und schrie um Hilfe, wurde schwächer und schwächer, bis er sich schließlich nicht mehr festhalten konnte.«

»Nicht in diesem Fall, Major«, sagte Evan. »Wenn er an einem Felsvorsprung gehangen und geschrien hätte, dann hätte irgendwer hingeschaut und ihn gesehen. Und wenn er losgelassen hätte, wäre er nach unten geschlittert, im Fallen mehrmals aufgeschlagen und auf der Seite oder dem Rücken gelandet. Dieser Mann lag aber auf dem Bauch. Er ist vornüber gestürzt.«

»Sehr seltsam«, bemerkte der Major.

»Das finden wir auch«, sagte Evan. »Und jetzt müssen wir natürlich die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Er hat doch sicher ein Anmeldeformular ausgefüllt, nehme ich an, und vielleicht könnten wir auch einen Blick in sein Zimmer werfen.«

»Aber ja, er wird in unserem Computer sein«, sagte Major Anderson. »Wir sind hier sehr modern, wissen Sie. Alles voll elektronisch.«

Er führte Evan aus seinem Büro in die große Hotelhalle. Evan fand sie ziemlich trostlos mit all den Holzwänden, dunklen Teppichen und überdimensionierten Kaminen, aber es war offensichtlich, dass hier ordentlich Geld geflossen war.

»Hier wären wir. Alison wird Ihnen seinen Eintrag heraussuchen«, sagte der Major. »Der vermisste Bergsteiger – wie war noch mal sein Name?«

»Sie meinen den Mann von Zimmer 42, der nicht zurückgekommen ist?«, fragte das junge Mädchen. Ihre Finger flogen über die Tasten, und ein Eintrag erschien. »Mr Thomas Hatcher«, las das Mädchen vor. »87 Milton Road, Kilburn, London.«

»Ein Londoner also«, meinte Evan, der das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. »Haben Sie irgendwelche Aufzeichnungen über seine Telefonate?«

»Ich verstehe nicht, was seine Telefongespräche mit einem Bergunfall zu tun haben sollen«, fuhr Major Anderson auf.

»Wir versuchen lediglich, den Freund ausfindig zu machen, den er angeblich treffen wollte«, entgegnete Evan ruhig.

»Ach so.« Das Gesicht des Majors entspannte sich. »Wir registrieren nur ausgehende Gespräche, und er hat keine geführt, fürchte ich.«

»Schade«, sagte Evan. »Vielleicht könnten wir uns jetzt sein Zimmer ansehen. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat, bevor man der Familie bei der Benachrichtigung über seinen Tod irgendeinen Unsinn erzählt.«

»Äh … ja, genau«, sagte Major Anderson. »Alison, den Schlüssel für Nummer 42, bitte.«

Evan gewann den Eindruck, dass Major Anderson wohl eher als eine Art Aushängeschild eingestellt worden war. In den alltäglichen Kleinigkeiten, die bei der Führung eines Hotels anfielen, schien er sich jedenfalls nicht besonders gut auszukennen. Alisons stumme Leidensmiene bestätigte das.

»Hier, bitte sehr, Major«, sagte sie. »Zimmer 42 liegt die Haupttreppe hoch auf der rechten Seite.«

»Ich weiß, wo es liegt«, blaffte der Major sie an. »Folgen Sie mir bitte.«

Er führte Evan über eine beeindruckende Holztreppe in einen mit Teppichboden ausgelegten Flur. Zimmer 42 ging auf den Pass hinaus und bot nur einen sehr begrenzten Ausblick auf das dahinterliegende Meer. Schon der erste Eindruck bestätigte, dass Thomas Hatcher ein ordentlicher Mann war. Auf dem Bett befand sich ein sorgfältig zusammengefalteter Schlafanzug, neben dem Waschbecken lagen Elektrorasierer und Zahnbürste. Ansonsten gab es keinen Hinweis darauf, dass der Raum benutzt worden war.

»Er hat nicht viel Gepäck gehabt, nicht wahr?«, fragte Evan und öffnete eine Schublade mit Pullovern, Unterwäsche und Socken, alles akkurat gestapelt.

»Er wird seine Brieftasche mit den Dokumenten, die Sie brauchen, bei sich haben«, meinte Major Anderson. »Sie werden mehr erfahren, wenn Sie ihn geborgen haben.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Evan zu. Er sah in den Kleiderschrank. Darin hing ein Jackett. Evan durchsuchte die Taschen.

»Na bitte«, sagte er und zog eine schmale Plastikbrieftasche aus der Innentasche. »Das ist ja hochinteressant.« Er hielt dem Major eine eingeschweißte Karte entgegen. »Londoner Polizei. Der Mann war einer von uns.«

Evan war gespannt auf Sergeant Watkins’ Gesicht, wenn er ihm berichtete, dass eines der Opfer ein Polizist aus London war. Jetzt würde er den Fall sicherlich ernster nehmen.

Alle möglichen Szenarien schossen ihm durch den Kopf, während er den schweigsamen Major nach Bangor hinunterfuhr, um die Leiche zu identifizieren. Zunächst dachte er, der Major sei einfach nur unwirsch, weil man ihm seine wertvolle Zeit stahl. Doch als sie in Bangor ankamen, schien er Evan reichlich blass. Wahrscheinlich freute er sich nicht gerade darauf, einen zerschmetterten Körper betrachten zu müssen. Womöglich hatte seine Militäreinheit nie einen wirklichen Kampf miterlebt!

Evan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er in den Hof des Polizeipräsidiums einbog.

»Ich habe den Major in den Warteraum gebracht«, erklärte Evan, nachdem er Sergeant Watkins in dessen winzigem Arbeitszimmer aufgetrieben hatte.

»Ist er anstandslos mitgekommen?«, fragte Sergeant Watkins.

»Schon, aber er ist weiß wie ein Laken«, erwiderte Evan. »Ist es gelungen, die Leichen zu bergen?«

»Ja, sie sind hier. Der Polizeiarzt hat schon einen Blick auf sie geworfen und den Todeszeitpunkt bei beiden auf den späten Nachmittag festgesetzt. Zur Todesursache erklärte er ihre erheblichen Verletzungen, nur für den Fall, dass Sie sich fragen, ob man sie zuerst betäubt oder vergiftet hat.«

»Sie sind also immer noch der Ansicht, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Unfälle handelt?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins nickte. »Und daran werde ich auch weiterhin glauben, weil wir niemals etwas anderes beweisen können.«

»Und wenn ich Ihnen sage, dass der Mann aus dem Hotel, Thomas Hatcher, ein Polizist aus London war? Sehen Sie darin keinerlei Bedeutung?«

Sergeant Watkins schüttelte den Kopf. »Und wenn ich Ihnen sage, dass der andere Kerl ein Vertreter für Alarmanlagen aus Liverpool war? Wir haben mit seiner Frau gesprochen, und sie sucht jetzt jemanden, der sie mit dem Wagen herbringt, um die Leiche zu identifizieren. Ihr Mann war mit dem einzigen Auto der Familie unterwegs. Wir haben es auf dem Parkplatz bei der Zahnradbahn gefunden.«

»Und was ist mit dem anderen Toten?«, fragte Evan. »Konnte sie etwas darüber sagen, ob sich ihr Mann mit ihm treffen wollte?«

»Sie hat noch nicht mal gewusst, dass er nach Wales gefahren ist«, antwortete Watkins. »Wenn es Sie interessiert, bleiben Sie doch einfach hier und fragen sie selbst.«

»Danke, Sarge«, sagte Evan.

»Sie müssen mir nicht danken«, entgegnete Sergeant Watkins. »Sie würden mir sogar einen Gefallen tun, wenn Sie mir das abnehmen. Ich kann hysterische Frauen nicht ertragen. Und wenn sie und ihre kleinen Kinder hier vor mir weinen, fange ich vielleicht auch noch an.« Er machte eine nachdenkliche Pause. »Manchmal frage ich mich, ob ich den richtigen Beruf habe.«

Evan nickte verständnisvoll. Die Erinnerung an einen Grabstein durchzuckte ihn, an dem er umringt von all diesen blauen Uniformen gestanden und versucht hatte, gefasst zu wirken, obwohl er am liebsten geschrien und um sich geschlagen hätte.

»Sie kommt also hierher?«, fragte Evan.

»Ja, aber das könnte noch eine Weile dauern. Von Liverpool bis hier sind es gut zwei Stunden.«

»Ich glaube nicht, dass ich so lange bleiben kann«, sagte Evan. »Ich muss doch den Major gleich wieder nach Llanfair zurückbringen.«

»Wenn Sie wollen, rufe ich Sie an, wenn sie da ist«, sagte Watkins. »Natürlich ganz inoffiziell.«

»Natürlich.« Evan dachte, dass er den farblosen Sergeant Watkins möglicherweise unterschätzt hatte. »Wie heißt eigentlich dieser andere Mann?«, fragte er.

»Stewart Potts«, antwortete Sergeant Watkins mit einem leichten Lächeln.

»Stew Potts – Schmortopf? Wundert mich, dass er den Namen nicht geändert hat. Ich wette, er wurde in der Schule damit aufgezogen«, bemerkte Evan. »Erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass seine Frau Honey heißt.«

»Greta«, sagte Sergeant Watkins. »Klingt nach einer Ausländerin. Sie wirkte am Telefon nicht besonders erschüttert. Aber es dauert wahrscheinlich ein bisschen, bis es wirklich zu ihr durchdringt, oder?«

»Ja«, meinte Evan. »Wahrscheinlich.«

»Schön, ich schlage vor, wir holen jetzt Ihren Major, damit er die Leiche identifiziert«, sagte Sergeant Watkins. »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Mit verbissenem Gesicht folgte der Major Watkins und Evan in die Leichenhalle. Evan bemerkte, dass er schwer schluckte, als der Diensthabende Beamte das Laken zurückschlug, das über die Leiche gebreitet war.

»Ja«, sagte der Major, nachdem er den Toten lange und gründlich betrachtet hatte. »Ich glaube, das ist der Mann aus dem Hotel. Natürlich kann ich das unter diesen Umständen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.«

»Selbstverständlich«, meinte Sergeant Watkins und schaute auf das zerschundene, von Blutergüssen übersäte Gesicht.

»Aber auf jeden Fall hat er die gleiche Statur und die gleiche Haarfarbe«, fügte der Major hinzu. »Armer Teufel, eine wirklich miese Art abzutreten.«

»Haben Sie gewusst, dass er Polizist war, Major Anderson?«, fragte Sergeant Watkins, nachdem der Beamte das Laken wieder hochgezogen hatte.

»Das haben wir erst erfahren, als der Constable und ich seine Sachen durchsucht haben«, antwortete der Major.

»Er hatte es also nicht erwähnt?«

»Nein, warum um alles in der Welt hätte er das tun sollen?«, erwiderte Major Anderson scharf. Er sah auf seine Armbanduhr. »Wenn wir hier fertig sind, muss ich nun wirklich wieder zurück. Um drei erwarten wir wichtige Gäste, ich sollte da sein, um sie zu begrüßen.«

Während der Rückfahrt saß er in eisigem Schweigen neben Evan und trommelte mit den Fingern auf seine Knie.

»Ja, das ist er schon«, sagte Greta Potts, nachdem Evan ihr die Aufnahme gezeigt hatte, die auf dem Berg gemacht worden war. Es war ihr nicht leichtgefallen, die Leiche zu identifizieren. Das Gesicht war durch den Sturz ziemlich entstellt, und sie konnte sich kaum überwinden, genau hinzusehen. »Diese Schuhe würde ich auf der ganzen Welt wiedererkennen«, fügte sie angewidert hinzu. »Ich bin stocksauer auf ihn gewesen, als er damit ankam. Fast einhundert Pfund für ein Paar Schuhe, habe ich gesagt, als ich die Schachtel im Schrank gefunden habe. Dafür hätte ich für die Kinder und mich die gesamte Sommerkleidung kaufen können. Aber er hat behauptet, dass er diese Schuhe bräuchte – dabei habe ich ja nicht verlangt, dass er barfuß geht.« Sie sprach eine interessante Mischung aus einem ausländischen Akzent, überlagert von für Liverpool typischen flachen Vokalen. »Das sah Stew ähnlich«, bemerkte sie abschließend. »Hat sich immer gerne was gegönnt.«

Sie sah Evan an, und ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. Ihr helles Haar war kantig geschnitten, und die Frisur wirkte sehr deutsch, und sie war entschieden zu stark geschminkt. Sie trug eine glänzende neongrüne Bluse über einem engen, kurzen schwarzen Rock und Stöckelschuhe. Während sie sprach, zog sie ein Päckchen Zigaretten hervor und tippte sich nervös eine heraus. »Es stört Sie doch nicht, oder?« Das war eher eine Feststellung als eine Frage. Evan konnte sich nicht vorstellen, dass es leicht war, mit dieser Frau zusammenzuleben.

»Er hat Ihnen also überhaupt nichts davon gesagt, dass er in die Berge wollte?«, fragte Evan behutsam.

»Er hat mir nie erzählt, wohin er geht. Wenn er mir gesagt hätte, dass er eine Bergtour machen wollte, hätte ich das sowieso nur für eine Ausrede gehalten.«

»Eine Ausrede wofür?«

Ihr Mund verzog sich erneut. »Mein Stewart gefiel sich als Frauenheld. Sie wissen schon, so wie die Seeleute: in jedem Hafen ein Mädchen. Vertreter sind ähnlich. Und er hatte ein großes Gebiet. Manchmal war er die ganze Woche unterwegs. Wer weiß, was er da angestellt hat. Ich hätte ihn nie heiraten und in dieses gottverlassene Land kommen sollen.«

»Wo haben Sie sich denn kennengelernt?«, fragte Evan.

»Er ist während seiner Militärzeit in meiner Heimatstadt in Deutschland stationiert gewesen«, antwortete Greta. »Ich bin ihm auf einer Tanzveranstaltung begegnet. Er war ein fabelhafter Tänzer – und sah gut aus.« Sie wühlte in ihrer Handtasche herum und zog ein Foto heraus, auf dem ein großer, dunkelhaariger Mann zu sehen war, der sie im Arm hielt.

»Ich hätte lieber auf meine Mutter hören und zu Hause bleiben sollen.«

»Glauben Sie, dass Sie wieder zurückkehren werden?«, fragte Evan.

Sie zuckte die Schultern. »Weiß ich nicht. Ich muss ja an die Kinder denken. Und wir haben ein hübsches kleines Haus in Liverpool. Ich weiß nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Evan. »Lassen Sie sich Zeit, bis sich alles gesetzt hat, bevor Sie irgendwelche Entscheidungen treffen.«

»Was sind Sie, ein verdammter Therapeut?«, fuhr sie ihn an.

Er betrachtete noch einmal das Foto. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das eine Weile behalte?«

»Wozu denn?«, fragte sie misstrauisch.

Evan wollte ihr seinen Verdacht nicht mitteilen. »Wir sind immer noch dabei herauszufinden, wo und wie er abgestürzt ist«, sagte er. »Jemand könnte auf dem Berg an ihm vorbeigekommen sein.«

»Was hat er bloß auf einem verflixten Berg zu suchen gehabt, das würde ich gerne wissen«, entgegnete Greta fordernd.

»Sie meinen also, er war normalerweise nicht der Typ, den es in die Natur zog?«

»Stew? Dass ich nicht lache«, sagte sie ohne jedes Lächeln. »Die einzige Gelegenheit, bei der er rausging, waren die Fußballspiele von Liverpool am Samstagnachmittag. Für den Fußball hat er gelebt. Ich habe ihm immer gesagt, wenn er seine Kinder nur halb so lieben würde wie diese bekloppten Fußballer …«

»Und Sie haben ihn nie einen Freund namens Thomas Hatcher erwähnen hören? Einen Freund aus London?«

Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. »Nein, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt Freunde in London hatte.«

»Er hat Ihnen also nicht erzählt, dass er einen Freund treffen will?«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, dass er mir gar nichts erzählt hat«, erwiderte sie ungeduldig. »Ich habe mir gedacht, dass er wahrscheinlich schon sonntags aufgebrochen ist, weil er Montag früh irgendwo eine Präsentation hatte. Das hat er manchmal so gemacht. Jedenfalls hätte er mir nie erzählt, dass er sich mit einem Freund treffen wolle. Er hat genau gewusst, dass ich ihm nicht abgenommen hätte, dass es sich dabei wirklich um einen männlichen Freund handelt.« Sie seufzte. »Na ja, jetzt ist er tot, und ich sollte eigentlich nicht schlecht über ihn reden. Armer, alter Stew. Da war er in Nordirland stationiert und hat’s überlebt, und jetzt das. Scheint irgendwie nicht gerecht, oder?«

Zum ersten Mal bemerkte Evan einen Riss in ihrem Panzer und dachte, dass ihre Kälte und Aggressivität möglicherweise eine Art Verteidigungsmechanismus waren, der zeigen sollte, dass sie nicht vorhatte, um einen treulosen Ehemann zu trauern. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Kommen Sie, meine Liebe. Ich spendiere Ihnen eine Tasse Tee«, sagte er sanft.

5. KAPITEL

Dunkle Wolken rasten vom Meer heran, als Evan gegen vier wieder ins Dorf zurückfuhr. Gerade als er ausstieg, hielt der Bus und spuckte eine Ladung Kinder aus, die auf die Gesamtschule in Portmadog gingen.

»Hey, Constable Evans, sut ywt ti? Wie geht’s?«, riefen sie ihm mit ihren fröhlichen Stimmen in einer Mischung aus Englisch und Walisisch zu, die sie häufig benutzten.

Evan winkte ihnen zu.

»Mr Evans?«

Evan drehte sich um und sah Dilys Thomas, eine schlaksige Dreizehnjährige, vor sich stehen.

»Was gibt’s, Dilys?«, fragte Evan und betrachtete ihr knallrot angelaufenes Gesicht.

»Wissen Sie, dass am Samstag eine Teenieparty ist?«, sagte sie und spielte mit einer Strähne ihrer langen Haare, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Ja, ich habe etwas davon gehört«, meinte Evan. »Wieder so ein Rave, stimmt’s? Mit wilder Musik und Lichtorgel?«

»Oh nein, nicht so was«, stieß Dilys entsetzt aus und merkte nicht, dass er sie auf den Arm nahm. »Sie findet im Gemeindesaal hinter der Kapelle statt. Ich habe gehört, dass Sie vielleicht einer der Anstandswauwaus sein werden.«

»Ich habe ›vielleicht‹ gesagt«, erwiderte Evan, »aber ich bin nicht sicher, ob das jetzt geht. Ich habe diese Woche ziemlich viel zu tun.«

Dilys machte ein langes Gesicht. »Oh, Sie müssen aber kommen«, protestierte sie. »Ich hatte so gehofft, dass Sie mal mit mir tanzen.«

»Du hast mich noch nicht tanzen sehen«, sagte Evan lachend. »Außerdem werden die Jungs Schlange stehen, um mit dir zu tanzen. Da habe ich doch keine Chance.«

»Nein, das werden sie nicht«, entgegnete Dilys. »Sie machen sich über mich lustig, weil ich größer bin als sie. Sie nennen mich Telefonmast Thomas.«

»Da würde ich mir an deiner Stelle nichts draus machen«, sagte Evan. »Das wird sich bald von ganz allein regeln. Aber ich werde versuchen vorbeizukommen, und ich verspreche, dass ich dann mit dir tanze, okay?«

»Danke, Mr Evans«, sagte Dilys und strahlte ihn an. »Tschüs dann. Ich muss heim, sonst bringt meine Mutter mich um.«

Evan sah zu, wie sie loslief, und staunte über ihre Unbefangenheit. Für sie gab es kein größeres Problem, als vor den gleichaltrigen Jungs in die Höhe geschossen zu sein. Weshalb verlief das Leben von manchen so sorglos, und das von anderen wurde durch eine Tragödie vorzeitig beendet? Das schien weder gerecht, noch ergab es einen Sinn. Und Evan wünschte sich, dass die Dinge einen Sinn ergaben.

»Sprechen Sie heute nicht mit mir?« Eine sanfte, weiche Stimme schreckte ihn auf. Dann war es an ihm, rot zu werden. »Oh, Bronwen, entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht bemerkt. Ich war in Gedanken.«

»Schon gut, ich verzeihe Ihnen«, sagte sie und lächelte ihn an, dass ihm ganz warm wurde. »Jetzt dürfen Sie sogar schon an Werktagen wandern gehen. Ich habe Sie durch das Klassenzimmerfenster den Pfad runterkommen sehen.«

»Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich war in den letzten vierundzwanzig Stunden schon zweimal auf diesem verdammten Berg«, sagte Evan etwas verärgert. »Einmal gestern Abend und heute früh gleich noch mal. Und es war nicht sehr erfreulich, beide Male nicht.«

»Ich weiß, der Kletterunfall«, meinte sie. »Ich habe nur gescherzt und kann mir vorstellen, dass es nicht allzu angenehm für Sie ist, eine Leiche bergen zu müssen.«

»Es war nicht nur eine Leiche«, korrigierte Evan. »Es waren zwei.«

»Zwei? Hingen sie am selben Seil?«

»Nein, es war noch nicht mal der gleiche Unfall.«

»Das ist ja sehr seltsam.« Bronwen kniff die Augen zusammen und fixierte den Gipfel. »Wir sind doch gestern beide dort oben gewesen, und ich habe noch gesagt, dass die Witterung fürs Wandern und Klettern ideal war. Also gab es eigentlich keinen rechten Grund abzustürzen.«

»Ganz richtig, wirklich sehr seltsam«, sagte Evan. »Sergeant Watkins meint, es sei nur ein schrecklicher Zufall.«

»Und Sie?«

»Ich überlege noch«, antwortete Evan. »Heute ist die Frau von einem der Männer gekommen, um ihn zu identifizieren. Ich rechne damit, dass bald auch Angehörige des anderen auftauchen. Vielleicht erfahren wir dann mehr.«

»Sie sehen müde aus«, bemerkte Bronwen. »War wohl ein langer Tag?«

»Seit heute früh um sieben hatte ich nur eine Packung Kekse und eine Tasse Tee«, sagte Evan. »Ich könnte ein ganzes Pferd verspeisen, auf der Stelle.«

»Ich habe den Eindruck, dass Mrs Williams sich um dieses Pferd kümmern wird«, meinte Bronwen lächelnd. »Ich habe sie im Laden getroffen, und sie war sehr bestürzt, dass Sie Ihr Mittagessen versäumt haben. Anscheinend befürchtet sie, dass Sie jeden Moment verhungern könnten.«

Evan lächelte verlegen. »Manchmal fühle ich mich wie ein prämierter Truthahn, der für Weihnachten gemästet wird«, bekannte er. »Ich sage ihr immer wieder, dass ich kein Mittagessen brauche, aber sie kocht jeden Tag. Und dann liegt es da ausgetrocknet auf einem Teller im Ofen und wartet auf mich, wann immer ich auftauche.«

»Das ist eines der Probleme mit Zimmerwirtinnen«, sagte Bronwen.

»Sie meint es gut und ist wirklich liebevoll«, meinte Evan. »Schwierig ist eigentlich nur die Sache mit dem Essen und mit ihrer Enkelin.«

»Enkelin?«

»Sharon«, erklärte Evan. »Mrs Williams glaubt wohl, wir würden gut zusammenpassen.«

»In diesem Dorf ist jedermann entschlossen, Sie unter die Haube zu bringen«, sagte Bronwen mit einem nervösen Lachen.

»Keine Sorge, ich habe vor, mir damit noch viel Zeit zu lassen«, erwiderte Evan.

»Das habe ich auch schon bemerkt«, murmelte Bronwen undeutlich. Laut sagte sie: »Schön, am besten, ich gehe jetzt mal, damit Sie Ihre Arbeit beenden können und zum Tee nach Hause kommen. Bis bald, Evan Evans.«

»Bis bald, Bronwen. Passen Sie auf sich auf.«

Evan betrat den kleinen Raum des Polizeireviers, das in einem Cottage am Dorfrand untergebracht war, direkt neben der Tankstelle von Tankwart-Roberts, die gleichzeitig Autowerkstatt, Feuerwache, Filiale des Royal Automobile Club und Imbissbude war. Sein Anrufbeantworter blinkte, und er drückte den Abhörknopf. »Hier spricht Mrs Powell-Jones«, ertönte durchdringend eine ungeduldige Stimme.

»Constable Evans, ich versuche schon den ganzen Tag, Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu erreichen. Bitte kommen Sie vorbei, sobald Sie wieder zurück sind.«

Evan seufzte. Er bezweifelte, dass es wirklich dringend war. Mrs Powell-Jones, die Frau des Pfarrers, der in zwei Sprachen predigte, war eine dieser autokratischen Frauen aus gutem Hause, die glaubten, dass der Begriff öffentlicher Dienst wörtlich zu nehmen sei. Sie zögerte keine Sekunde, Evan um zwei Uhr nachts wegen ihrer entlaufenen Katze anzurufen oder weil sie etwas Verdächtiges gesehen haben wollte. Und Mrs Powell-Jones fand eine Menge Dinge verdächtig, etwa ein junges Pärchen, das um Mitternacht in einem parkenden Auto seine Zeit vertrödelte. Aber Evan blieb nichts anderes übrig, er musste hin. Mrs Powell-Jones hatte Freunde in hohen Positionen, wie beispielsweise den Major. Evan wollte nicht riskieren, am nächsten Morgen einem wütenden Polizeipräsidenten gegenüberzustehen.

Das Haus der Powell-Jones’ war das letzte im Dorf und stand leicht zurückgesetzt auf einem großen Grundstück in bequemer Nähe zur Beulah-Kapelle. Sie hatten es von Mrs Powell-Jones’ Familie geerbt, die früher einmal den Schiefersteinbruch besessen hatte. Mit seinen viktorianischen Giebeln und seinem Eckturm befand es sich in auffälligem Kontrast zu den einfachen Cottages, die es umgaben. Evan zog die Cottages vor.

Mrs Powell-Jones öffnete ihm persönlich. Sie wirkte aufgeregt; ihre normalerweise ordentlich gewellte Frisur war völlig durcheinander, als habe sie sich die Haare gerauft.

»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen, Constable«, sagte sie. »Ich hatte solche Angst, dass Sie nicht rechtzeitig hier sein würden.« Sie sprach mit leicht walisischem Tonfall, der aber von einem gebildeten Schulenglisch überdeckt wurde.

»Rechtzeitig wofür, Mrs Powell-Jones?«, fragte Evan. »Gibt es ein Problem?«

»Ein Problem?«, kreischte sie. »Hier wurde ein Verbrechen verübt, Constable!«

»Wenn ein Verbrechen stattgefunden hat, hätten Sie unten im Hauptquartier anrufen müssen«, bemerkte Evan. »Haben Sie die Ansage auf meinem Anrufbeantworter nicht gehört? Wenn ich nicht im Büro bin, versucht man, mich zu erreichen, oder nimmt Notrufe für mich entgegen. In Nullkommanichts wäre jemand hier.«

»Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, das ich Fremden anvertrauen würde«, erwiderte Mrs Powell-Jones und sah sich um, für den Fall, dass jemand zuhörte. »Kommen Sie mit in den Garten, bevor es anfängt zu regnen und die Spuren verwischt werden.«

Verblüfft folgte ihr Evan. Der angekündigte Regen setzte schon ein, in feinen Tröpfchen, die sich wie Diamanten auf Mrs Powell-Jones’ von grauen Strähnen durchzogenes Haar legten. Der Garten war weitläufig und erstreckte sich rund um das Haus, eine hohe Hecke schützte ihn vor den scharfen Gebirgswinden. Hinter von akkuraten Rosenbeeten gesäumtem Rasen lag der Gemüsegarten, der an das Grundstück des Everest Inn grenzte. Im feinen Sprühregen türmte sich das Hotel wie ein riesiger, unwirklicher Schatten drohend vor ihnen auf und ließ Evan frösteln.

»Da, sehen Sie!«, rief Mrs Powell-Jones und zeigte mit dramatischer Geste auf den Boden. Evan schaute, war sich aber nicht sicher, was er eigentlich sehen sollte. Er sah nur frisch umgegrabene Erde, aus der einige traurig aussehende, grotesk schiefe Stiele ragten.

»Was ist passiert?«, fragte er schließlich.

»Das sollen Sie ja herausfinden«, sagte Mrs Powell-Jones. »Natürlich habe ich einen Verdacht. Die platzt ja fast vor Neid, dass ich sie jedes Jahr bei der Schau schlage.«

»Welche Schau?« Evans Verwirrung stieg von Minute zu Minute.

»Die Blumen- und Gemüseschau in Beddgelert unten«, erklärte Mrs Powell-Jones. »Ich habe mit meinen Tomaten die letzten drei Jahre den ersten Platz gewonnen. Deshalb hat in diesem Jahr wohl jemand beschlossen, einen Anschlag auf meine Tomaten zu verüben, bevor sie es wieder schaffen.«

»Tomaten?« Evan war kein großer Gärtner.

Mrs Powell-Jones deutete auf kleine herumliegende Pflanzenteile. »Das waren bis gestern meine preisgekrönten Tomatensetzlinge«, sagte sie. »Jemand hat sie vorsätzlich in einem heimtückischen Akt von Vandalismus zertrampelt.«

»Und Sie meinen zu wissen, wer das getan hat?«, fragte Evan.

»Natürlich. Mrs Parry Davies. Wer sollte es sonst gewesen sein? Ich kann zufällig die meisten Sachen besser als sie, und das kann sie nicht ertragen«, sagte sie triumphierend.

Evan untersuchte die Erde. Sie wies deutliche Abdrücke von großen Stiefeln auf.

»Trägt Mrs Parry Davies Stiefel Größe 46?«, fragte er.

»Natürlich nicht, seien Sie doch nicht albern«, erwiderte Mrs Powell-Jones.

»Dann würde ich sagen, dass sie nicht die Hauptverdächtige ist«, meinte Evan. »Schauen Sie sich mal die Größe der Fußabdrücke an.«

»Oh.« Einen Augenblick lang war sie sprachlos, dann zeigte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Ein schlauer Trick, damit ich sie nicht verdächtigen kann. Schließlich spielt sie in der hiesigen Theatergruppe immer die Charakterrollen, und ihr Mann hat große Füße. Gehen Sie zu ihr und konfrontieren Sie sie mit den Beweisen. Und denken Sie an meine Worte: Sie wird zusammenbrechen und gestehen.«

»Ich kann schlecht hingehen und …«, begann Evan. »Schließlich wissen wir nicht … ich meine, es wäre nicht ganz fair …«

»Wer sollte es sonst gewesen sein?«, rief Mrs Powell-Jones. Evan begann allmählich zu verstehen, warum ihr Gatte so lange Predigten hielt. Das verschaffte ihm zumindest eine halbe Stunde mehr Abwesenheit von seinem Haus. »Niemand außer ihr wünscht sich, dass meine Tomaten misslingen. Ich bin außerordentlich großzügig mit meinen Gartenerzeugnissen. Jedermann im Dorf schöpft reichlich aus seiner Fülle. Und es waren nur die Tomaten, wenn Sie sich erinnern. Meinen Rosenkohl hat der Vandale nicht angerührt.«

Im Stillen dachte Evan, dass es durchaus ein Segen gewesen wäre, wenn der Vandale den Rosenkohl nicht übersehen hätte. Seine Zimmerwirtin lehnte Verschwendung entschieden ab, und Mrs Williams würde Abend für Abend Rosenkohl kochen, wenn sie ihn von Mrs Powell-Jones geschenkt bekäme.

»Ich werde tun, was ich kann, Mrs Powell-Jones«, sagte Evan. »Ich versuche, die Angelegenheit für Sie zu klären.«

»Tun Sie das, Constable«, entgegnete Mrs Powell-Jones.

»Behandeln Sie den Fall mit Vorrang. Man darf schließlich nicht gestatten, dass Vandalismus um sich greift.«

Evan verbeugte sich leicht und trat dann eilig den Rückzug an. Sehnsüchtig schaute er auf das Schild vom Red Dragon. Nach einem langen, anstrengenden Tag wäre eine Halbe genau das, was er brauchte. Aber er hatte noch einigen Papierkram zu erledigen, und er wollte noch ein wenig über die beiden Männer nachdenken, die in den Tod gestürzt waren.

Durch ein Astloch in der Schuppentür beobachtete ein Augenpaar, wie Mrs Powell-Jones ins Haus zurückging. Als sich die Tür hinter ihr schloss, entwich den zusammengepressten Lippen ein Seufzer der Erleichterung, und die Spitzhacke wurde behutsam gesenkt. Langsam verzog sich der dünne Mund zu einem Lächeln. Die Leute waren wirklich zu dämlich!


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Rhys Bowen wuchs in England auf, lebt und arbeitet in San Francisco. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet

Der Myrtenzweig

Eins

Mittwoch, 9. März 1814 – London, King Street

 

Martin Reynolds trat auf der Stelle und rieb sich die behandschuhten Hände. Sein Atem zauberte weiße Wölkchen in die Nachtluft, und trotz des wollenen Garrick-Mantels war es erbärmlich kalt. Eine Fahrt noch, dann würde er Feierabend machen und sich zuhause vor dem Ofen die vereisten Glieder wärmen.

»Verrücktes Wetter!«, fluchte er, und sein Kollege, dessen Droschke hinter der seinen wartete, murmelte Zustimmung. Der Frost hatte England seit Ende Dezember fest in den klammen Fingern und wollte dem Frühling nicht weichen. Anfang Februar war die Themse so fest zugefroren gewesen, dass ein viertägiger Frostjahrmarkt auf dem Eis gefeiert worden war. Unterhalb der Blackfriars Bridge hatte man sogar einen Elefanten über das Eis geführt. Und was die Kälte anging, war der März kaum besser.

Reynolds hob erwartungsvoll den Kopf, als sich die Türen öffneten und er vom Eingang her laute Stimmen vernahm. Es schien ein kleines Handgemenge zu geben und dann erschien, begleitet von zwei Angestellten des Clubs, ein Gentleman in einem modischen blauen Reitermantel und hohem schwarzem Wellingtonhut. Gesprächsfetzen wehten zu Reynolds herüber.

»… keinen Tropfen! Das habe ich Ihnen doch schon mehrfach gesagt.«

Dabei klang der Mann alles andere als nüchtern. Reynolds‘ Kollege zog die Schultern hoch und grinste.

»Deine Fuhre! Den überlasse ich dir gern, Kumpel.«

»Lach du nur. Dafür bin ich schneller wieder daheim und wärm‘ mir den Hintern am Feuer!« Reynolds lachte und öffnete den Schlag.

»Seien Sie so gut, und bringen Sie meinen Freund in die Harley Street, Nummer 51, Seymour House. Ich würde gern einen Skandal vermeiden. Sehr verbunden.«

Ein weiterer Gentleman war hinter dem leicht schwankenden Herrn mit dem Wellington aufgetaucht und hatte Reynolds einige Münzen in die Manteltasche gesteckt. Er klopfte zur Bekräftigung noch einmal kurz darauf und überließ Martin Reynolds den schwankenden Fahrgast.

»Kommen Sie Sir, ich helfe Ihnen.« Er fasste den Herrn leicht am Ellenbogen und dirigierte ihn zum Einstieg der Kutsche.

»Fassen Sie mich nicht an, Mann!« Der Gentleman schwang herum, um Reynolds beiseite zu stoßen. Doch er verlor dabei fast das Gleichgewicht, und der Droschkenkutscher musste ihn stützen.

»Ich sagte, Sie sollen mich loslassen, Sie Trottel! Ich will sofort wieder hinein. Ich lasse mich doch nicht einfach vor die Tür setzen.«

Reynolds seufzte und knirschte mit den Zähnen. Nur nicht unhöflich werden zu den feinen Herrschaften, egal wie unmöglich die sich aufführten.

»Sir, wir bitten Sie noch einmal höflich zu gehen, sonst müssen wir einen Konstabler bemühen«, sprang nun einer der livrierten Angestellten Reynolds bei.

»Idioten! Gelumpe!«, stieß der Gentleman im blauen Mantel hervor, ließ sich dann aber doch von Reynolds in die Kutsche helfen.

Es kam nicht selten vor, dass Reynolds renitente Herren fahren musste, die zu tief ins Glas geschaut hatten, doch vor dem renommierten Almack’s Club hatte er heute Abend nicht damit gerechnet. Schließlich wurde Alkohol dort aus Prinzip nicht ausgeschenkt. Darüber wachten die gestrengen Patronessen mit Argusaugen.

Mussten verflucht traurige und steife Veranstaltungen sein, so ohne einen anständigen Tropfen, dachte Reynolds. Kein Wunder also, dass so mancher Gentleman die Gelegenheit nutzte, bereits vor dem Besuch im Almack’s zu zechen. Dieser Geselle hier schien es allerdings übertrieben zu haben, was vermutlich der Grund für seinen Rauswurf war. Na ja, ihm sollte es recht sein. Verrückte feine Pinkel! Auf die Art und Weise kam er wenigstens schneller ins Warme. Er schüttelte den Kopf, band die Pferde los und kletterte auf den Kutschbock.

Er schnalzte kurz mit der Zunge und ließ die Peitsche knallen, dann rumpelte seine Droschke in die eiskalte Märznacht davon.

Reynolds bog in die Duke Street ein. Sein Weg führte ihn über Piccadilly und Bond Street nordwärts in Richtung Regent’s Park. Nicht einmal eine Viertelstunde später erreichte er sein Ziel. Die Kälte war ihm in die Knochen gekrochen, und trotz des Schals fühlte sich sein Gesicht an wie zu einer Maske erstarrt. Doch das warme Herdfeuer und der wohlverdiente Feierabend waren nun in greifbare Nähe gerückt. Als er vom Bock kletterte, sah er bereits einen livrierten Diener auf die Kutsche zueilen. Der Schlag wurde geöffnet. Als sich nichts regte, steckte der Diener den Kopf ins Innere der Kutsche.

»Mr Seymour? Sir?«

Reynolds sah, wie der Diener auf den Tritt stieg. Ungeduldig rieb er die Hände zusammen. Offenbar war sein Fahrgast eingeschlafen, denn er hörte jetzt, wie der Diener versuchte, ihn zu wecken.

»Mr Seymour? Sir, wachen Sie auf.«

Stille. Dann plötzlich ein Schrei.

»O Gott! Blut! Das ist Blut! Er ist tot!«

Reynolds fuhr zusammen. Hatte er sich verhört? Blut? Aber wie konnte so etwas sein? Er griff die Laterne vom Bock und machte einen unsicheren Schritt auf die Kutsche zu, als der Diener bereits heraustaumelte. Martin Reynolds schlug die Hand vor den Mund. »Guter Gott, Sie sehen ja fürchterlich aus, Mann!«

Reynolds machte einen Schritt auf ihn zu, doch der Mann wandte sich ab und hob abwehrend die Hände.

»Rühren Sie mich nicht an, Sie Ungeheuer! Sie haben Mr Seymour umgebracht!« Laut hallte die Stimme des Dieners von den Häuserfassaden wider.

»Aber, ich verstehe nicht …«, stammelte Reynolds. Doch der Mann in der Livree rief laut um Hilfe und lief kopflos in Richtung Dienstboteneingang davon.

Reynolds umklammerte den Griff der Laterne und öffnete den Schlag. Die flackernde Lichtquelle über den Kopf gehoben, setzte er einen zittrigen Fuß auf den Tritt und spähte ins Innere. Der süßliche Messinggeruch, der ihm entgegenschlug, war überwältigend. Reynolds schluckte und hielt die Laterne höher, um etwas erkennen zu können. Schlaff hing Seymour in seinem Sitz. Der Oberkörper war zur Seite gesunken und lehnte gegen die Seitenwand. Mitten auf seiner Brust sah Reynolds einen dunklen Fleck. Dort war der Stoff des Mantels zerfetzt und durch das Loch konnte man den darunterliegenden Stoff des Hemdes sehen – vollkommen rot getränkt. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sein Herz habe vergessen zu schlagen.

Gedanken rasten durch seinen Kopf. Wer konnte seinen Fahrgast angegriffen und tödlich verletzt haben? Es war doch niemand bei ihm gewesen – und er hatte nirgends angehalten. Und wenn ihn jemand erdolcht hatte: Wo war dann die Waffe? Der Diener hatte nichts in der Hand gehabt. Im Lampenschein konnte er Seymours wächsern bleiches Gesicht erkennen. Wären nicht die unnatürliche Pose und das Blut gewesen, hätte man meinen können, er schliefe. Nichts an seinen Gesichtszügen verriet den Schrecken eines Angriffs.

Hinter sich hörte Reynolds vielstimmiges Rufen und eilige Schritte, die auf dem Pflaster hallten. Er wollte die Lampe herunternehmen und aus der Kutsche klettern, als ihr Schein etwas Ungewöhnliches erfasste. Er runzelte die Stirn. Unterhalb des Blutflecks, auf der Brust des Toten, lag etwas. Reynolds griff danach. Mit spitzen Fingern hob er es auf und drehte es, um es zu betrachten. Es war irgendeine Art von Zweig. Die kräftigen, glänzenden Blätter erinnerten an Lorbeer. Doch die weißen Blüten sahen keiner Pflanze ähnlich, die Reynolds je gesehen hatte. Gerade als er den Zweig wieder ablegen wollte, wurde der Schlag weiter aufgerissen. Kräftige Arme packten den verdatterten Droschkenkutscher und zerrten ihn aus dem Fond.

»Das ist der Bursche! Der hat ihn auf dem Gewissen. Lasst ihn nicht entkommen!«

 

Zwei

Montag, 14. März 1814 – Stadthaus von Lord und Lady Beresford am Grosvenor Square, London

 

»O Archie, will denn der Frühling dieses Jahr überhaupt nicht mehr kommen?«

Dorothy Beresford stand am Fenster und warf einen wehmütigen Blick auf die Bäume und Sträucher, die in ihrem Frostgewand kaum vermuten ließen, dass es bereits März war.

»Zuerst dieser fürchterliche Nebel um die Weihnachtstage und seit Januar diese Kälte! Als ob sich alles verschworen hätte, mir die Freude an London zu verderben. Man mag ja kaum vor die Tür gehen, geschweige denn eine Ausfahrt im Park wagen.«

Lord Beresford ergriff beide Hände seiner Gattin und küsste sie liebevoll.

»Wenn ich könnte, würde ich die Sonne nur für dich strahlen lassen, mein Juwel. Doch leider liegt die Gestaltung des Wetters außerhalb meines Einflussbereichs.«

»Ach, du nun wieder!« Lady Beresford lachte laut und knuffte ihren Gatten wenig damenhaft in die Seite. Immerhin hatte dieser scherzhafte Austausch ihre Laune umgehend gebessert, was allerdings keine große Leistung war, denn Dorothy Beresford neigte nicht gerade zur Melancholie. Die Marchioness hatte ein sonniges Gemüt. Das spiegelte sich in ihrem gesamten Erscheinungsbild wider, von den goldblonden Locken über ihre strahlend blauen Augen, bis hin zu ihren, von einer gewissen Liebe zu weltlichen Genüssen zeugenden, weiblichen Rundungen.

Letztere hatte die Natur allerdings vorteilhaft zu verteilen gewusst, so dass Dorothy Beresford – oder Dotty, wie Verwandte und Freunde sie zu nennen pflegten – auch mit mittlerweile vierunddreißig Jahren noch die Blicke auf sich zog.

Ihrem unverstellt fröhlichen Wesen und dieser natürlichen Schönheit war es zu danken, dass Dotty nach einer Zeit der Schicksalsschläge recht spät im Leben noch ihr Glück in der Ehe mit seiner Lordschaft, dem Marquess, gefunden hatte. Obwohl deutlich außerhalb Dottys gesellschaftlicher Griffweite, war ihre Verbindung mit Archibald Beresford eines jener Bündnisse, die im Himmel geschmiedet worden sein mussten. Das jedenfalls behauptete Dotty.

»Ah! Heiße Schokolade! Wilkins, Sie sind ein wahres Wunder«, rief die Marchioness erfreut, als das Frühstück serviert wurde. »Nichts weckt die Lebensgeister und wärmt das Herz schneller als eine Tasse heiße Schokolade.«

Der Anflug eines Lächelns erschien auf dem Gesicht des Butlers, als er sich verneigte.

»Vielen Dank, Mylady. Man tut, was man kann.«

Lady Beresford lächelte Wilkins zu, nahm ein Brötchen, bestrich es mit Butter und Marmelade, während der Marquess zur Zeitung griff, die der Butler bereitgelegt hatte.

»Ich weiß nicht, was schlimmer ist – die Kälte oder eingesperrt zu sein, was sie zweifellos mit sich bringt«, sinnierte Dotty. »Deshalb habe ich beschlossen, heute dem Frost zu trotzen und tapfer meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.«

Lord Beresford senkte die Zeitung und schenkte seiner Frau ein wissendes Lächeln.

»Sprich, die Langeweile siegt über dein Bedürfnis nach Behaglichkeit und Wärme.«

»Mach dich nicht lustig über mich. Du hast leicht reden. Manchmal wünschte ich mir, ein Mann zu sein.«

Lord Beresford zog die Augenbrauen hoch.

»Ein Mann? Aber warum das denn, mein Täubchen?«

»Nun, ich bin der Überzeugung, dass ihr das weit aufregendere Leben habt. Ihr geht hinaus in die Welt, ihr bestimmt die Politik – und damit den Lauf der Geschichte. Es erscheint mir ein größeres Abenteuer, mit weit mehr Gravitas, als das Leben einer Frau, die es mit dem Pflegen sozialer Kontakte, der Leitung eines Haushalts und Handarbeit verbringen muss.«

Archibald Beresford faltete seine Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Lächelnd ergriff er die Hand seiner Gattin.

»Ich verrate dir ein Geheimnis, meine Liebe. Es gibt auf dieser Welt nichts Langweiligeres als eine Parlamentssitzung. Endlose Reden, viel Geschwafel und wenig Ergebnis.«

Dorothy Beresford lachte.

»Du übertreibst. Und doch würde ich gerne einmal Mäuschen spielen, vor allem in den Clubs in St James’s. Ich würde Karten spielen, dicke Zigarren rauchen, kluge Gespräche führen und Brandy trinken. Vielleicht gibt es auch einen handfesten Streit oder eine Rauferei mit aufgekrempelten Hemdsärmeln! Ach, ich stelle mir das aufregend vor!« Sie schlug die Hand vor den Mund. »Herrje, war es ungehörig von mir, so etwas zu sagen?«

Archibald Beresford zwinkerte Dotty zu und drückte ihre Hand.

»Das war es, Täubchen, aber wir werden es niemandem verraten. Ich für meinen Teil bin froh, dass du kein Mann geworden bist. Im Übrigen ist die Wahrheit weit weniger aufregend als deine Vorstellung.« Er zog die Hand seiner Gattin an die Lippen und küsste sie sanft.

»Das sagt ihr Gentlemen, um unsere Neugier zu besänftigen. Ihr gaukelt uns vor, es sei alles schrecklich uninteressant, um die Wahrheit zu verschleiern. Ich bleibe dabei – als Mann hätte ich das aufregendere Leben«, konterte Lady Beresford mit einem schalkhaften Lächeln.

»Dabei vergisst du, welchen wichtigen Beitrag ihr Frauen zum Erhalt der Kultur, der Gesellschaft und überhaupt der gesamten Menschheit leistet. Was wären wir ohne euch? Die Menschheit würde noch immer in Höhlen hausen, gäbe es nicht eure ordnende Hand und Erziehung zur Tugend.«

Lady Beresford schmunzelte.

»Wenn du es sagst. Dann werde ich jetzt meine ordnende Hand und weiblichen Tugenden der gehobenen Gesellschaft Londons andienen und meine dringend nötigen Besuche nicht länger aufschieben.«

Nachdem sie das Frühstück beendet hatte, ließ sich Lady Beresford den pelzverbrämten Mantel, den wärmenden Muff und die neue Samttoque mit den Federn und dem Pelzbesatz bringen. Wie sehnte Dotty die Zeit herbei, in der man nur mit einer leichten Stola im offenen Wagen durch den Hyde Park würde fahren können.

»Herrje, Reynolds! Passen Sie doch auf!«, herrschte sie ihre Kammerdienerin an, als die gerade die Toque mit Hutnadeln auf der aufwändigen Coiffure befestigte. »Schon beim Anziehen haben Sie mich zweimal gepikt. Man könnte meinen, Sie haben es auf mich abgesehen. Habe ich Ihnen etwas getan?«

Zu ihrem Entsetzen schluchzte die Gute hörbar auf und rang die Hände.

»Bitte verzeihen Sie, Mylady! Es tut mir furchtbar leid. Ich bin nur … ich fürchte, ich bin nicht recht bei der Sache.« Mit dem Handrücken wischte sie eilig zwei kleine Tränen von ihrer Wange.

Lady Beresford runzelte die Stirn. Reynolds hatte seit Jahren ohne zu klagen ihren Dienst getan. Es bestürzte die Dame des Hauses, diese treue Seele mit ihrer Unbeherrschtheit zum Weinen gebracht zu haben.

»Nein, Sie müssen mir verzeihen, Reynolds«, beruhigte sie die Angestellte. Kurzerhand schlüpfte Dorothy wieder aus dem Mantel. »Die gehobene Gesellschaft wird noch einen Tag auf meine ordnende Hand verzichten können. Ich werde keine Ruhe finden, bis Sie mir erzählt haben, was Ihnen auf der Seele liegt. Es ist unverzeihlich, dass ich Sie mit meiner Ungeduld heute Morgen so getroffen habe.«

»Ich habe ja auch keinen Grund zur Klage, Mylady. Sie und seine Lordschaft sind immer gut zu mir.« Wieder schluchzte Miss Reynolds auf, und ihr war anzusehen, dass sie nur mit Mühe weitere Tränen unterdrückte.

»Sie werden mir jetzt auf der Stelle in den privaten Salon folgen. Wilkins wird uns Tee bringen, und dann erzählen Sie mir, was Sie bedrückt. Ich wäre untröstlich, sollten ich oder etwas, das ich sagte, der Grund für Ihren Kummer sein.«

»O nein, Mylady! Nein! Das dürfen Sie nicht denken«, wehrte Reynolds ab. »Es ist wegen … es ist wegen meines Bruders.«


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Dorothea Stiller, Jahrgang 1974, arbeitet als Lehrerin für Deutsch und Englisch und schreibt, wann immer sie dazu Zeit findet. Die verheiratete Mutter von zwei kleinen Kindern lebt mit ihrer Familie und Katze Schnappi am Rande des Ruhrgebiets, fühlt sich aber auch in Großbritannien zuhause, wo sie ein Jahr als Assistant Teacher verbrachte. Die Autorin liebt Finnland, Desert Rock und ist ein Serien-Junkie.

Mord ohne Kalorien

Kapitel 1

„Ein leckerer Salat ist ein Widerspruch in sich“, erklärte Lady Stocks.

„Du klingst genau wie William“, bemerkte ihre Tochter, Darina Lisle.

„Dein Ehemann hat auch seine guten Seiten.“

„Das ist bei euch beiden eine wirklich vorhersehbare Reaktion. Komm schon, locker mal deine Vorurteile. Alles, was so gut aussieht, muss auch gut schmecken.“

„Ich wüsste nicht, dass du schon mal einen Renoir verspeist, oder an einer Gabel voll Armani geknabbert hättest!“ Lady Stocks stocherte verdrießlich im äußeren Ring aus knackigen, kleinen Salatblättern herum, der ein Arrangement aus Mangoscheiben, geschälter und gehobelter Tomate, Gurkenstiften und Ananaswürfeln umgab. Kleine, dunkle und duftende Minzblätter dekorierten den Salat, der mit einem Zitronen-Minz-Dressing angemacht war. „Wie auch immer, das hier hat doch keine Substanz, das Körper braucht etwas, mit dem er arbeiten kann.“

„Es muss dir schon besser gehen!“, sagte Darina fröhlich. „Ich wusste, dass dir dieser Ort guttun würde.“

Lady Stocks sah sich in dem großen Speisesaal der Conifers Spa Gesundheitsfarm um. Das Landhaus-Dekor lieferte die Substanz, die dem Essen fehlte, großzügige Arrangements aus Gartenblumen wurden vom Sonnenlicht untermalt, das durch die großen Schiebefenster flutete. „Man kann das hier wohl als angenehm bezeichnen“, sagte Lady Stocks widerwillig.

„Und nachdem wir eine Woche hier verbracht haben, werden wir beide zu allem bereit sein.“

„Ich dachte, der Plan war, dass du etwas abnimmst. Ich weiß nicht, was seit euren Flitterwochen passiert ist!“ Darinas Mutter blickte betont auf das locker sitzende Oberteil, das oberhalb ihrer cremefarbenen Leinenhose an den Hüften zusammengeknotet war. Die Hose war zwar unter dem Tisch verborgen, aber Darina war sich nur zu bewusst, dass sie nicht mehr locker saß.

„Ein paar Pfund weniger würden mir nicht schaden.“ Darina versuchte angesichts des Themas gelassen zu klingen; sich von ihrer Mutter reizen zu lassen war nicht Teil des Plans. „Aber wir sind vor allem hier, um etwas Abstand zu allem zu bekommen, unsere Körper in Form zu bringen, zu genießen und verwöhnt zu werden. Dieses Dressing ist köstlich; koste mal“, sagte sie überzeugend, während sie mit Begeisterung ihre Gabel schwang.

„Gerry sagt immer“, setzte ihre Mutter an, doch dann weiteten sich ihre Augen. Sie blinzelte heftig und presste ihre schmalen Lippen aufeinander, bis ihr Mund nicht mehr auszumachen war, doch die zwei Tränen waren nicht mehr aufzuhalten und rollten langsam über ihre gründlich geschminkten Wangen.

Darina reichte ihr unauffällig ein Taschentuch über den Tisch.

Eine vornehme Hand, nur leicht von Altersflecken entstellt, tupfte rasch die Tränen ab. „Es tut mir leid, Liebes, beachte das gar nicht. Ich bin eine Närrin.“

„Nein, bist du nicht.“

„Ich konnte mich schon ausreichend als Witwe üben, nachdem dein Vater starb. Wie lange ist das her, zwölf Jahre? Und ich war weniger als ein Jahr mit Gerry verheiratet.“

„Die Zeit spielt dabei keine Rolle“, sagte Darina sanft.

„Ja“, stimmte ihre Mutter zu. Sie stocherte mit ihrer Gabel geistesabwesend im Essen herum und ruinierte die kreisrunde Anordnung. „Es kam so plötzlich“, fügte sie hinzu und blinzelte wieder heftig. „Gerry war erst dreiundsiebzig. In einem Augenblick war er noch da, erzählte mir alles über die Kürzungen bei der Armee und wem er deswegen schreiben würde, und im nächsten sackte er nach hinten.“ Die Hand, die das Taschentuch hielt, packte krampfhaft zu, bis die Knöchel weiß wurden. „Er hatte mir versprochen, dass er aus einer langlebigen Familie stamme!“ Die Empörung wirkte beinahe komisch.

„Ich weiß, dass es nicht fair ist“, sagte Darina sanft.

„Als hättest du dir das alles noch nicht anhören müssen. Ich sage dir, ich werde senil.“ Lady Stocks stopfte das zerknüllte Taschentuch in ihre mit goldenen Ketten verzierte Chanel-Handtasche und nahm die Gabel wieder auf.

Darina murmelte unwillkürlich eine Leugnung. Sie war schon ihr ganzes Leben lang daran gewöhnt, sich das Geplapper ihrer Mutter anzuhören. Als geselliges Wesen ernährte sich Ann Stocks am liebsten von Gesellschaft. Aber nach dem plötzlichen Tod ihres zweiten Ehemannes General Sir Gerald Stocks vor ein paar Monaten hatte sie erklärt, dass sie keine Gesellschaft mehr ertragen könne und dass Darina und ihr Schwiegersohn William das als einzige verstünden.

Es war Williams Idee gewesen, dass Darina ihre Mutter ins Conifers Spa bringen sollte.

„Hast du nicht erzählt, dass eine Freundin von dir eine Gesundheitsfarm leitet?“, hatte er Darina gefragt, nachdem sie erwähnt hatte, wie sehr sie sich wegen der Depression ihrer Mutter sorgte. „Carolyn Pierce, heißt sie nicht so? Und meintest du nicht, du würdest dir das auch gerne mal ansehen? Also, warum gehst du nicht mit deiner Mutter für eine Woche dort hin? Sie von all dem wegzubringen, was sie an Gerry erinnert, könnte die Lösung sein.“

„Du weißt, wie leicht sich Ma über mich aufregt“, hatte Darina widersprochen. Und wie sie mir unter die Haut geht, hatte sie im Stillen hinzugefügt.

„Im Moment sicher nicht“, hatte William sie erinnert. „Komm schon, ich weiß, dass du das Spa sehen willst, und es scheint mir der perfekte Plan zu sein. Ich bezahle; eine Firma, von der ich Anteile besitze, wurde gerade übernommen und ich bekomme eine Barauszahlung.“

Darina gewöhnte sich langsam an die gelegentlichen Wohltaten nach einem glücklichen Aktiengeschäft, das der Börsenmakler ihres Ehemannes organisiert hatte. William besaß kein großes Wertpapierdepot, aber es half, sein Gehalt als Inspector bei der Kriminalabteilung der Polizei von Avon und Somerset aufzubessern.

„Liebling, ich hoffe Ma weiß zu schätzen, was sie für einen großartigen Schwiegersohn hat.“

Er hatte kleinlaut den Kopf geschüttelt. „Sie ist nie ganz darüber hinweggekommen, dass du einen Polizisten geheiratet hast.“

„Genauso wie deine Mutter sich nicht damit abfindet, sich mit einer Köchin als Schwiegertochter zufriedengeben zu müssen!“ Sie hatten einander liebevoll angesehen. „Aber du hast recht, ich muss etwas mit Ma unternehmen, ich habe sie noch nie so verloren erlebt. Gerry war so ein Schatz und wusste genau, wie man mit ihr umgehen muss. Es ist ein vernichtender Schlag. Vielleicht wird ihr ein Aufenthalt auf der Gesundheitsfarm etwas Auftrieb verschaffen. Es sollte nicht allzu teuer werden, Carolyn wird mir bestimmt einen guten Preis machen; einer der Vorteile als Autorin einer Koch-Kolumne.“

Es war nicht leicht gewesen, ihre Mutter zum Mitkommen zu überreden. Lady Stocks hatte erklärt, dass sie sich einsam fühlte, aber gleichzeitig keine Menschen aushalten wollte. Daher bedurfte es einer Mischung aus Überredung und sanfter Nötigung.

Während sie mit halbem Ohr einem Vortrag darüber lauschte, wie unmöglich ihrer Mutter das Leben gerade erschien, ließ Darina ihre Gedanken schweifen. Sie waren früh zum Mittagessen gegangen und immer noch strömten Leute in den Speisesaal. Eine dicke Frau trat ein, gefolgt von einem großen, spindeldürren Mann. Sie schienen kein Paar zu sein, aber der Mann deutete auf einen Tisch in der Nähe von Darina und ihrer Mutter und schien vorzuschlagen, dass die Frau sich ihm anschließen solle. Scheinbar wollte sie zustimmen, doch dann schüttelte sie entschieden den Kopf und gesellte sich zu einer anderen dicken Frau an einem Zweiertisch. Diese andere Frau hatte aufgesehen, als die beiden eintraten, und ihnen einen abwehrenden Blick zugeworfen, der wohl andeuten sollte, dass sie da war und wartete, aber nicht notwendigerweise Gesellschaft wollte. Jetzt lehnte sie sich zur Begrüßung vor, während die andere Frau sich setzte.

Dieser kleine Zwischenfall war in einem Augenblick vorüber, aber Darina ertappte sich dabei, wie sie die Beteiligten interessiert beobachtete. Hatte sich die erste Frau verpflichtet gefühlt, einer Freundin Gesellschaft zu leisten? Oder hatte es mit dem Mann zu tun, dass sie beschloss, seine Einladung nicht anzunehmen? Dann zog die Stimme ihrer Mutter ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ich werde keine Belastung für dich sein, versprochen.“

Darina unterdrückte ein kleines Seufzen. „Du bist erst fünfundsechzig, bei ausgezeichneter Gesundheit, bist unabhängig, hast viele Freunde und wohnst in einem entzückenden Haus. Wie könntest du eine Belastung sein? Und hätte ich vorgeschlagen, dass wir zusammen herkommen, wenn ich so von dir denken würde?“, fügte sie bestimmt hinzu.

Ihre Mutter blickte nachdenklich über den Tisch und schenkte ihrer Tochter dann ein sehr charmantes Lächeln. „Ich bin eine gemeine, alte Frau und du hast recht, mir eine Lektion zu erteilen. Wir werden zusammen eine wundervolle Zeit haben.“ Nach einem Augenblick fügte sie spontan hinzu: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, zusammen mit dir hier zu sein.“

Darina betrachtete ihre Mutter erneut und stellte fest, dass ihre Reise schon zur Verbesserung ihres Aussehens beigetragen hatte. Auf ihrer blassen Haut zeigte sich ein Hauch von Farbe, betont von ihrem silbergrauen Haar, das schon früh seine Farbe verloren hatte. Und ihre porzellanblauen Augen schienen einen leicht dunkleren Ton angenommen zu haben, oder war das die Wirkung des gestrickten, blauen Seiden-Zweiteilers, den sie trug? Darina fragte sich zum tausendsten Mal in ihrem Leben, warum sie die Größe und die großen Knochen ihres Vaters hatte erben müssen, statt der zierlichen Figur ihrer Mutter.

Eine junge Frau, nur ein paar Zentimeter kleiner als Darinas knappe über ein Meter achtzig, näherte sich ihrem Tisch. Mit ihrem gut trainierten Körper sprühte sie vor Energie. Die Conifers-Spa-Uniform, die sie trug, war ein türkiser Leinenanzug, schön geschnitten, mit einem aufgestickten Logo der Gesundheitsfarm auf der linken Brusttasche. Allerdings hob sie sich nicht nur durch die Uniform von den Gästen ab. Ihre zielstrebige Art und wie sie sich im Speisesaal umsah, als überprüfe sie, was jeder Anwesende zu sich nahm, kennzeichneten sie als Teil des Managements. Mit ihrem ungeschminkten, kantigen Gesicht konnte man sie nicht gerade als schön bezeichnen und ihr Ausdruck war so ernst, dass er abschreckend wirkte. Sie hielt neben Darina an und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, was sie plötzlich zugewandt erscheinen ließ.

„Miss Lisle, Lady Stocks, kümmert man sich gut um Sie? Mrs. Pierce bedauert, nicht zu Ihrer Ankunft hier sein zu können, sie musste zu einem Meeting nach London. Aber sie sollte recht bald zurück sein. Ich bin Maria Russell, die Gesundheitsmanagerin.“

Darina erwiderte das Lächeln. „Wir haben uns schon eingewöhnt. Unser Zimmer ist entzückend und dieser Salat ist köstlich.“

Maria Russells Lächeln wurde noch wärmer. „Unser Koch ist erstklassig. Ich bin sicher, dass Sie das Essen hier genießen werden.“

„Wenn man uns ein anständiges Essen serviert!“ Lady Stocks schob ihren kaum angerührten Teller etwas von sich weg.

Die Gesundheitsmanagerin sah besorgt aus. „Sie müssen den Salat nicht essen, wenn er Ihnen nicht schmeckt. Allerdings empfehlen wir, den Kreislauf ein paar Tage zu entgiften, mit Salat zum Mittagessen und Naturreis mit gedämpftem Gemüse am Abend.“

Lady Stocks sah entsetzt aus. „Naturreis! Und Gemüse! Das soll uns guttun?“

„Wird es, das verspreche ich Ihnen, und Rick, das ist unser Koch, Rick Harris, bekommt das sehr schmackhaft hin. So, ich glaube, Sie haben um halb drei einen Termin bei mir? Damit wir abklären können, welche Behandlungen Sie wünschen? Der Basispreis beinhaltet täglich vier, aber wir können natürlich jederzeit mehr unterbringen. Wir haben einige hervorragende Abnehmhelfer.“ Die recht kleinen, haselnussbraunen Augen der Gesundheitsmanagerin ruhten mit durchdringendem Blick, der jedes überflüssige Gramm zu erkennen schien, auf Darinas Figur. „Und Mrs. Pierce wird sich mit Ihnen über Ernährung unterhalten.“

Einer Kochbuchautorin eine spezielle Ernährung vorzuschlagen, war, als würde man ein Parlamentsmitglied bitten, weniger Politik zu machen. Eine Kochexpertin hielt sich nur dann an einen speziellen Speiseplan, wenn sie ein Buch darüber schrieb. Darina spielte kurz mit dem Gedanken an ein Konkurrenzwerk zu den verschiedenen Diätbüchern, die bereits auf dem Markt waren, betrachtete nachdenklich die Reste ihres Salats und sagte nichts.

Maria Russell schenkte ihnen ein weiteres Lächeln, wandte sich um und verließ den Speisesaal. Auf dem Weg nach draußen hielt sie am Tisch der zwei dicken Frauen an. Diejenige, die eben erst angekommen war, saß vor einem Teller mit Salat, die andere hatte sich allerdings großzügig vom Buffettisch bedient. Maria Russell sah missbilligend auf den überladenen Teller und schürzte die Lippen. Doch sie sagte nichts, setzte ihren Weg fort und hielt am Eingang zum Speisesaal an, um sich mit einem eintreffenden Pärchen zu unterhalten.

„Da haben wir aber eine mit einer ungesunden Beziehung zum Essen“, sagte Lady Stocks, nahm ihre Gabel und stach auf den Salat ein.

Darina sah ihre Mutter überrascht an. „Was lässt dich sowas sagen?“

„Hast du nicht ihren durchtriebenen Blick gesehen, als du sagtest, wie lecker das Essen sei? Und die bestimmte Genugtuung, als sie die Ernährung erwähnte, zu der man uns hier zwingen wird?“

„Sie sagte, dass du das nicht essen musst.“

„Aber wie sie das sagte! Als würden uns Hölle und Verdammnis erwarten, wenn wir es wagen, nach einem echten Stück Fleisch oder auch nur einem Fischfilet zu fragen.“

Darina lächelte ihre Mutter an. „Ich werde William berichten müssen, dass aus dir noch eine Ermittlerin wird.“ Doch Lady Stocks war schon immer aufmerksam gewesen, wenn es um Menschen ging. Erst seit Kurzem richtete sich ihre Aufmerksamkeit ganz auf sie selbst.

Darina blickte zur Tür, wo sich die Gesundheitsmanagerin gerade von dem Pärchen löste, das sie aufgehalten hatte: Ein Mann im mittleren Alter und von durchschnittlicher Größe mit silbergrauem Haar in Begleitung seiner kleinen, sehr übergewichtigen Ehefrau. Maria Russell konnte man sicher nicht als übergewichtig bezeichnen, doch sie hatte einen breiten Körperbau; und war sie an den Hüften und der Taille vielleicht einen Hauch breiter als nötig?

„Ich bin überrascht, dass sie nichts zu der Frau da drüben gesagt hat.“ Lady Stocks nickte in Richtung des Tisches mit den zwei dicken Frauen. „Wenn hier irgendjemand Salat braucht, dann sie. Schau dir mal an, wie dick die beiden sind, und diese Frau, die gerade reinkam. Ganz schön schändlich, wie weit es manche Leute kommen lassen.“
Darina spürte ihre engen Hosen, und Ärger über ihre Mutter brandete in ihr auf. Was wusste sie denn von diesen übergewichtigen Damen? Vielleicht hatten sie Stoffwechselprobleme; vielleicht waren sie schon dabei, hier Gewicht zu verlieren. Wie auch immer, was spielte das überhaupt für eine Rolle? Gab es nicht wichtigere Dinge, um die sie sich sorgen musste?

„Sie sehen ziemlich fröhlich aus“, stellte Darina nachdrücklich fest. „Und ich weiß nicht, warum Maria Russell diesen Teller so angesehen hat. Alles auf diesem Buffettisch ist extrem gesund.“

„Eine Frage der Menge?“, schlug ihre Mutter säuerlich vor. „Aber da werde ich mich morgen auch bedienen, ich esse keinen dieser Salate mehr, wie gut die auch immer für mich sein mögen.“

Darina sehnte sich selbst danach, sich über das Buffet herzumachen. Würzig aussehende Hühnerbrust, Fisch an gegrillten Peperoni mit Knoblauch, Berglinsen mit Zitronen und Kapern eingelegt, große Garnelen mit einer Schüssel fettreduziertem Joghurt mit Zitronengeschmack und verschiedene einfallsreiche Salatkombinationen waren ihr ins Auge gefallen, als sie auf dem Weg zu ihrem Tisch an der Auslage vorbeikamen. Sie wartete nur darauf, dass ihr Magen einen kurzen Ausflug vorschlug, um bis zum Abendessen durchzuhalten. Ihre Magensäfte schienen allerdings mit der zugegebenermaßen großzügigen Portion Salat, die sie gegessen hatte, durchaus zufriedengestellt.

Das Buffet sah trotzdem spannend aus. Darina dachte noch einmal über die Möglichkeit nach, ein Kochbuch zum Abnehmen zu schreiben. Aber was wusste sie schon über Ernährungspläne? Und Sahne, Butter und Eier waren so lecker. Eine kleine Menge davon konnte einem doch sicher nicht schaden.

Dann dachte Darina schuldbewusst an eine Reihe mächtiger Desserts, Kuchen und Schokolade; seit den Flitterwochen in Frankreich waren ihre Essgewohnheiten definitiv außer Kontrolle geraten. Sie konnte sich nicht länger darauf verlassen, dass ihre Größe ein paar zusätzliche Pfunde kaschierte. Rettungsringe waren nicht so tragisch, aber ihre wurden langsam zu echten Polstern. Sie brauchte diesen Aufenthalt im Conifers Spa genau so dringend wie ihre Mutter.

Lady Stocks nahm ihre Handtasche und die Brille, die sie sich zu tragen weigerte, so lange sie nichts lesen musste. „Wenn es dir nichts ausmacht, Liebes, werde ich mich ein wenig ausruhen. Das hat mein Arzt empfohlen.“

„Eine gute Idee. Ich werde einen Kaffee trinken und dich rechtzeitig für unseren Termin mit der Gesundheitsmanagerin wecken kommen. Da liegt eine Broschüre in unserem Zimmer, die all die verschiedenen Behandlungen erklärt: Massagen, Aromatherapie, Reflexzonenmassage, Elektrostimulation, Sauna, Höhensonne …“

„Oh, ich weiß genau, was ich nehmen werde“, sagte Lady Stocks unbekümmert und verließ den Tisch.

Darina sah zu, wie sich ihre Mutter leichtfüßig durch den Speisesaal bewegte und bemerkte, wie das gestrickte Seidenjackett locker von ihren Schultern hing und dass ihre Beine mittlerweile eher mager als schlank aussahen. Sie verspürte eine ungewohnte Zärtlichkeit gegenüber ihrer Mutter und dankte ihrem rücksichtsvollen Ehemann William. Dann machte sie sich an die letzten Reste ihres Salates und genoss die Komposition aus Geschmack und Konsistenz sowie das beruhigende Wissen, dass es sowohl gesund als auch kalorienarm war. Während sie aß, bestärkte sie sich darin, ihre Essgewohnheiten ändern zu wollen, und beobachtete die anderen Tische.

Der Speisesaal war etwa halbvoll, die anderen Gäste waren bunt gemischt, hauptsächlich im mittleren Alter und aufwärts. Abgesehen von den drei Frauen, die ihnen schon aufgefallen waren, konnten nur Modebesessene die übrigen als übergewichtig bezeichnen.

Darina betrachtete unauffällig diese drei. Die junge Frau, die mit ihrem Ehemann hereingekommen war – sie nahm an, dass es der Ehemann sein musste, weil sie sich kaum unterhielten, seit sie sich an ihren Tisch gesetzt hatten – hatte einen der Salate bekommen, den man auch Darina und ihrer Mutter serviert hatte. Wie bei Lady Stocks schien er auch ihrem Geschmack nicht zu entsprechen. Sie hatte ein rundes, molliges und offenes Gesicht, das aussah, als wäre es eher zum Lächeln gemacht als für die nach unten gezogenen Mundwinkel und den schmollenden Blick, den sie gerade präsentierte. Sandfarbenes Haar entsprang in dichten, kleinen Locken ihrem Kopf und eine sandfarbene Trainingsjacke aus Velours spannte sich bei dem Versuch, ihre üppigen Kurven zu verdecken. Einige andere Gäste im Speisesaal trugen ähnliche Trainingsjacken, alle auf der linken Brust in marineblau mit dem Conifers-Spa-Logo bestickt. Sie winkte zu dem Tisch der beiden anderen hinüber, ein Zeichen der Kameradschaft unter Mitgliedern eines Klubs, dem niemand beitreten wollte?

Darina spürte wieder den anschwellenden Ärger, den der gedankenlose Kommentar ihrer Mutter ausgelöst hatte. Was ging es denn überhaupt irgendjemanden außer einen selbst an, wenn man fett war? Sie sah zu den beiden dicken Frauen, die zusammen aßen. Von ihrer Figur abgesehen, hätten sie unterschiedlicher nicht aussehen können. Die Frau, die sich dazugesetzt hatte, war größer als ihre Begleiterin, und hatte eine dominantere Ausstrahlung. Ihr langes, dunkles Haar war in einen Knoten zurückgebunden, was ihr wuchtiges Gesicht betonte, das mit den dunklen, Aufmerksamkeit erzwingenden Augen auf lebendige, fast ursprüngliche Weise eine wilde Attraktivität aufwies. Sie trug einen Trainingsanzug, der ihre Figur auf wundersame Weise schlanker erscheinen ließ. Dazu schmückten sie große, goldene Ohrringe und ein dickes Goldarmband, das genauso leuchtete wie ihre gebräunte Haut.

Die andere Frau trug eine türkise Version des Trainingsanzugs der Gesundheitsfarm. Nicht annähernd so gut geschnitten wie der ihrer Begleiterin, betonte er den fleischigen Körper, der auf den zweiten Blick nicht dicker war, als der der ersten Frau. Blondes Haar hing zu lang um das freundliche Gesicht mit unbestimmtem Ausdruck. Sie hatte etwas Defensives an sich, eine Andeutung, dass ihr Selbstwertgefühl nicht so stark war wie das ihrer Begleiterin.

Ihr Geplauder war lebhaft, aber Darina bemerkte, dass die dunkelhaarige Frau gelegentlich zu dem Tisch blickte, an dem einsam der Mann saß, der sie eingeladen hatte, ihn zu begleiten.

Seine Aufmerksamkeit war auf einen Teller mit großen Krabben in Schale gerichtet. Starke Finger lösten gekonnt das Fleisch heraus, tauchten es in die Joghurtsoße und schoben jedes Stück in einen breiten Mund mit recht schmalen Lippen.

Für Darina sah er nicht aus wie jemand, der zu einer Gesundheitsfarm ging. Nicht nur wegen seines schlanken Körpers; sie kannte immerhin viele Geschäftsleute, die auf diese Weise Entspannung suchten und ihre müden Körper in Form brachten. Sie beobachtete ihn weiter und fragte sich, was ihn anders machte. Wie die anderen trug er einen Trainingsanzug, in dunklem Marineblau mit dem Ralph-Lauren-Polo-Logo. Das war aber das einzige Zeichen von Modebewusstsein. Die Verbindung seines knochigen Gesichts mit dem nach hinten geglätteten, dunklen Haar erweckte das Bild eines East-End-Gangsters, ein Eindruck, der von dem schweren, goldenen Siegelring am kleinen Finger der linken Hand noch unterstützt wurde. Die schmale Uhr an seinem Handgelenk aber war keine Markenware, und sein weltmännisches, aufmerksames Gesicht wirkte zu intelligent für eine so klischeehafte Annahme. Darina war fasziniert. Er war jemand, der verschiedene widersprüchliche Signale aussandte, irgendwie fiel es ihr unmöglich, ihn einzuordnen. Sie lächelte vor sich hin, er war vermutlich ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann.

Dann trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment. Es war nur ein sehr kurzer Kontakt, doch falls er ein Geschäftsmann war, dann kein gewöhnlicher. Er hatte eine charismatische Ausstrahlung. Da war etwas in seinem Blick, als er sie ansah, ein wachsames Interesse, das nichts mit sexueller Anziehung zu tun hatte. Es war nicht das Starren eines Machos, der seine Attraktivität zur Geltung bringen musste, sondern er ließ sie mit dem sicheren Wissen zurück, dass er an ihr interessiert war.

Der Kontakt brach ab, als ein Neuzugang im Speisesaal seine Aufmerksamkeit auf sich zog, genauso wie die meisten Blicke der anderen.

Die junge Frau, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, trug eine Wolke aus dunklem Haar und die Art Bräunung, die man nur mit stetiger Arbeit erreichte, betont von einem blendend weißen Trainingsanzug. Darina kam nicht umhin, sich zu fragen, wie schwer es für sie war, ihre Modelmaße zu behalten. Ihre großen und runden Augen trugen einen überraschenden Grünton, das Grün frisch ausgetriebener Blätter im Frühling, und ein süßes Lächeln schmückte ihr hübsches Gesicht. Sie schien die Welt zu lieben und zu hoffen, dass dieses Gefühl erwidert wurde.

Die junge Frau hielt für den Bruchteil einer Sekunde im Türrahmen inne. Falls sie den Saal inspizierte, musste es mit der Geschwindigkeit eines Computerscans passiert sein, ehe sie ihren Weg zwischen den Tischen hindurch wählte, der sie auf einen freien Tisch am anderen Ende zuzuführen schien.

Dann passierte sie den Tisch des einzelnen Mannes und schenkte ihm ein anerkennendes Nicken. Er sagte etwas, sie hielt an – und hatte einen Augenblick später ihm gegenüber Platz genommen.

Darina sah mit an, wie er einen kurzen, flüchtigen Blick zum Tisch mit den beiden dicken Frauen hinüberwarf, dann schenkte er der jungen Frau ein offenes, charmantes Lächeln.

Darina musste zu der dunkelhaarigen Frau sehen. Tatsächlich sah sie zu dem Mann und der jungen Frau, für einen Augenblick weiteten sich ihre Nasenlöcher und ihr Blick schien zu erhärten. Doch im nächsten Augenblick sprach sie schon wieder auf besonders lebhafte weise mit ihrer Begleiterin.

So, so! Darina betrachtete nachdenklich wieder den Mann und die junge Frau. Ihr Umgang miteinander hatte eine Leichtigkeit an sich, die nahelegte, dass sie sich gut kannten und sich nicht erst gerade getroffen hatten. Er hatte allerdings keine einladende Geste gemacht, um sie an seinen Tisch zu bitten, und in seiner Art zu sprechen hatte auch keine offensichtliche Einladung gelegen. Darina fragte sich, wie viel sie in diese Körpersprache hineinlesen durfte. Sie sagte sich, dass sie ihrem vortretenden Ermittler-Instinkt einen Riegel vorschieben musste. Der drohte, ihr Leben an sich zu reißen.

Eine Bedienung näherte sich dem Neuankömmling. Nach einer kurzen Unterhaltung ging die junge Frau zum Buffet und bediente sich. Sie kam mit einem kleinen Stück Huhn und zwei Salatblättern zurück, die sie anschließend mit chirurgischer Präzision sezierte, während sie eine flüssige Unterhaltung führte. Ihr Begleiter ging ebenfalls zum Buffet und belud einen großen Teller mit Filetstücken. Darina betrachtete seinen spindeldürren Körper und beneidete den Stoffwechsel, der Essen so gut verarbeiten konnte. Ab und zu hob die junge Frau ihre Gabel zum Mund, doch es schien nie viel darauf zu liegen. Magersüchtig, urteilte Darina.

Sie hatte ihren Salat längst aufgegessen und sah sich jetzt nach der Bedienung um, damit sie Kaffee bestellen konnte. Dann ließ sie davon ab, weil Carolyn Pierce in den Speisesaal kam und ihr entgegeneilte.

Unterwegs hielt sie an anderen Tischen an und wechselte ein paar kurze Worte. Ihre hübsche Figur, in ein schickes, schwarzes Leinenkostüm und einen farbenfrohen Schal gekleidet, erweckte den Eindruck eines arbeitsamen Wirbelwinds. Ihre Hände gestikulierten und ihr dunkelhaariger Kopf nickte, um das eine oder andere Wort zu betonen, und sie tanzte eher, als dass sie lief. Sie schien mit allen auf gutem Fuß zu stehen und mit ihrem Eintreten hatte sich die Stimmung im Raum verbessert.

„Meine Liebe, es tut mir so leid, dass ich bei deiner Ankunft nicht da war.“ Sie beugte sich herunter, gab Darina einen Kuss auf die Wange, und warf sich dann in den anderen Stuhl. „Ich hatte ein furchtbares Meeting.“

 

 

Kapitel Zwei

Darina lächelte sie an. „Sicher nichts, womit du nicht fertig wirst.“

Carolyn stöhnte leise. „Was weißt du schon!“ Sie sah sich um. „Aber wo ist deine Mutter?“

„Hat sich hingelegt. Hast du zu Mittag gegessen?“ Carolyn nickte. „Trinkst du einen Kaffee mit mir und bringst mich auf den neuesten Stand?“

Carolyn hob einen Finger in Richtung der Bedienung. „Ich muss dich warnen, Darina, Kaffee erlauben wir hier nicht.“

„Dann muss ich mich wohl auf die Entzugserscheinungen gefasst machen. Was bietet ihr als Alternative an?“

„Mein übliches Getränk ist Pfefferminztee.“

Darina verglich in Gedanken faden Kaugummi mit komplexen Geschmäckern, die das Adrenalin zum Pumpen brachten und seufzte. „Okay, ich schließe mich an.“

Carolyn warf ihr ein mitfühlendes Grinsen zu. „Gutes Mädchen! Zwei Pfefferminztee bitte, Judy, im Wintergarten.“ Die junge Frau nickte schnell, räumte Darinas Teller ab und verschwand.

Carolyn erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung, die wie dafür gemacht schien, die schmalen Hüften und die schlanke Taille zu betonen.

Darinas Versuch, sich ähnlich elegant zu erheben, wurde von ihrem Absatz ruiniert, der sich an einem Stuhlbein verfing. Sowohl die Bedienung als auch Carolyn kamen, um den Stuhl aufzuheben, der umgestürzt war und sich zwischen Darinas Beinen verheddert hatte. Sie gab den Versuch zu helfen auf, stand nur da, entschuldigte sich für ihr Ungeschick und fühlte sich unbeholfen und übergewichtig. Als sie hinter Carolyn den Speisesaal verließ, spürte sie Blicke auf sich und war sich sicher, dass alle ihre enge Hose bemerken würden.

„Im Wintergarten sollte es ruhig sein.“ Carolyn rief den Satz über die Schulter, während sie sie durch die Empfangshalle und zu einer Tür führte, auf der „Salon“ stand.

„Carolyn!“ Die Stimme der statuenhaften Gesundheitsmanagerin drang mit gebieterischem Ton zu ihnen, als sie unter einem großen Bogen im hinteren Teil der Halle erschien.

„Ja, Maria?“ Carolyn stand selbstsicher da, mit einer Hand an der Türklinke. Mach schnell, sagte ihre Haltung, ich habe nicht viel Zeit für dich.

Maria Russell kam in autoritärer Gangart näher. „Ich muss mit dir über den Dienstplan sprechen, nächste Woche haben wir Probleme.“

„Du brauchst sicher nicht meine Hilfe, um das zu regeln, Maria. Die Kunst der Unternehmensführung und so weiter, weißt du?“ Sie warf ihr ein stählernes Lächeln zu, öffnete dann die Tür und schlüpfte hindurch.

Als Darina ihr folgte, bemerkte sie Verdruss und noch irgendetwas im Gesichtsausdruck der Gesundheitsmanagerin. „Personalprobleme?“, raunte sie Carolyn zu, während sie einen luxuriös ausgestatteten Raum hin zu den Terrassentüren durchquerten, die sich zu einem großen Wintergarten öffneten.

Carolyns schmale Schultern spannten sich an. „Sind andere Menschen nicht immer die Ursache der schlimmsten Probleme?“ Ihr Gesicht trug einen Ausdruck bestimmter Entschlossenheit. „Komm und setz dich, und bring mich auf den neuesten Stand in deiner Welt.“ Sie klopfte auf einen weißen, gusseisernen Stuhl mit einem gemütlichen Polster in einem marineblau- und sandfarben-gestreiften Bezug.

Darina setzte sich. Ringsherum erhoben sich dicht belaubte, grüne Pflanzen aus feuchter Erde und bildeten eine reiche, fruchtbare Atmosphäre, mit einem Hauch ursprünglicher Kraft. Helles Sonnenlicht strömte blass durch das Dach aus Milchglas und die Blätter zweier großer Palmen; irgendwo plätscherte emsig Wasser. Verglichen mit dem sauberen Glanz der Luft draußen erschien diese feuchte Atmosphäre überwältigend und etwas unheimlich.

„Erzähl mal“, drängte Carolyn, „wie ist das Eheleben? Es tut mir so leid, dass ich nicht zur Hochzeit kommen konnte, es gab hier eine Krise und ich kam nicht weg.“

„Mir tut es genauso leid, dass ich nicht in Hong Kong war, als Robert starb.“

Carolyns Ehemann war im vergangenen Sommer bei einem Auffahrunfall mit mehreren Beteiligten Autos auf der M4 ums Leben gekommen. Darina hatte mitbekommen, dass Carolyn aus dem fernen Osten zurückgekehrt war. Sie hatte sofort angerufen und sie hatten darüber gesprochen, sich zu treffen, doch irgendwie hatten sie es nie geschafft, sich zu verabreden.

Früher hatten Carolyn und Darina zusammen kichernd in der Schule gesessen, hatten Klatsch und Rezepte getauscht; später hatten sie sich gemeinsam den Kopf über ihre festen Freunde zerbrochen, oder das Fehlen derselben, während sie damit rangen, in unterschiedlichen Karrieren Fuß zu fassen. Als Carolyn geheiratet hatte, war Darina oft übers Wochenende eingeladen worden. Aber es waren jetzt schon viele Jahre vergangen, seit sie sich regelmäßig gesehen hatten.

Carolyn glättete den schwarzen Seidenstoff ihres Rocks, ihr Gesichtsausdruck war verhärtet. „Ja, nun, das liegt jetzt alles hinter mir“, sagte sie und sah dann wieder zu Darina auf. „Komm schon, erzähl, erzähl. Er ist Polizist, oder, dein William? Oder nennt er sich Bill?“

„Ja, er ist mittlerweile Inspector, und nein, William. Bill hasst er, obwohl oder vielleicht gerade, weil er dauernd so genannt wird.“

„Dann erzähl mir mehr, wie ist er so – abgesehen von wundervoll natürlich?“

Darina beäugte Carolyn. Sie erinnerte sich an ihren Ehemann. Ein schwieriger, komplizierter Mann, ständig in seine Geschäfte verwickelt und trotzdem eifersüchtig auf die Karriere seiner Frau als Ernährungsberaterin. Mit der Hochzeit hatte sie ihre Arbeit bei einer kommerziellen Lebensmittelfirma aufgeben müssen, es dann aber geschafft, sich als freie Journalistin mit Artikeln über Ernährung und Gesundheit einen Namen zu machen. Dabei jonglierte sie mit den Forderungen der Abgabefristen, des Haushaltes, ihres Ehemannes und ihres kleinen Sohnes, Michael.

„William ist groß, dunkles Haar und gutaussehend.“ Darina kicherte, plötzlich war sie wieder zurück in ihrer Teenager-Zeit. „Etwas altmodisch auf gewisse Art.“ Dann hielt sie den Atem an, als eine plötzliche Sehnsucht sie überschwemmte. In den vergangen zehn Tagen hatte William undercover für eine benachbarte Polizeitruppe gearbeitet und sie hatte ihn nicht zu Gesicht bekommen.

„Altmodisch? Du meinst, er hätte seine Frau gern zu Hause, ist es das?“ Carolyn sah sie mit leuchtenden Augen an.

Darina schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht, er unterstützt mich immer sehr bei meiner Karriere.“

„Du Glückspilz!“ Die Aussage kam von Herzen.

„Es sei denn, ich mische mich in seine Kompetenzen ein“, fuhr Darina fort. „Dann wird er sehr still und etwas schwierig. Aber nur ein bisschen“, fügte sie schnell hinzu.

Die Bedienung kam und stellte ein Tablett auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. Carolyn dankte ihr und füllte zwei Tassen mit einer dampfenden, hellgoldenen Flüssigkeit.

Darina trank einen Schluck. „Oh, das ist erfrischend“, sagte sie überrascht.

„Ich weiß, ich kann dir gar nicht sagen, was es für einen Unterscheid gemacht hat, den Kaffee aufzugeben. Der hat mich so überdreht gemacht!“ Carolyn strich mit einer Hand durch ihr kurzes, dunkles Haar.

„Überdreht“ war genau der Ausdruck, mit dem Darina den momentanen Zustand ihrer Freundin beschrieben hätte. Carolyns Blick kam nie zur Ruhe, sie schien das ständige Bedürfnis zu haben, alles um sich herum zu überprüfen. Einer ihrer Füße wackelte zu einem unhörbaren Rhythmus, unter den mandelförmigen, braunen Augen lagen dunkle Streifen und ihre weißen, gleichmäßigen Zähne bissen in die Unterlippe, als sie ihre Tasse wieder auf den Tisch stellte.

„Was ist los?“

„Nichts.“ Carolyn sprang auf und brach einige verwelkte Blüten in einem Topf voller Geranien ab, die unter einem ausladenden Farn standen.

„Was ist bei dem Meeting passiert? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es etwas mit dem Spa zu tun hat, hier brummt es doch vor Erfolg.“

Carolyn brachte die welken Pflanzenreste zum Tisch zurück und warf sie auf das Tablett, ihre Lippen formten eine angespannte, gerade Linie. „Wir haben einige freie Zimmer und könnten viel mehr Tagesbesucher versorgen. Und das in der Hochsaison. Bald werden alle ihre Hüften und Bäuche in Wintersachen verstecken und schon beim Gedanken ans Schwimmen zittern. Das Meeting war eine Vorstandssitzung und, nun ja, sie sind nicht sicher, wie lange sie noch mit laufenden Verlusten weitermachen wollen.“

„Jemand hat hier eine beträchtliche Investition getätigt“, sagte Darina und blickte in den Salon mit seinen gutgepolsterten Sofas und Stühlen zurück. „Sie müssen doch wissen, dass es Zeit braucht, ein neues Geschäft zum Laufen zu bringen.“

„Das sage ich ihnen immer wieder“, jammerte Carolyn frustriert. „Aber es gibt so viele, gut etablierte Konkurrenten.“ Dann hellte sich ihr Gesicht etwas auf. „Allerdings gab es auch eine gute Neuigkeit. Anscheinend ist jemand interessiert, mehr Kapital zur Verfügung zu stellen. Wenn das passiert, können wir etwas länger aushalten. Unser Ruf wird sich bald verbreiten.“

„Natürlich wird er das“, sagte Darina überzeugt. „Aber was ist mit dem Personal?“, regte sie etwas zögerlicher an. „Hast du nicht gesagt, es gäbe Probleme mit der Gesundheitsmanagerin?“

„Maria? Oh, wir haben unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten“, sagte Carolyn sorglos, „aber sie leitet die Behandlungen mit Bravour. Diese Einrichtung sollte eine erstklassige Investitionsmöglichkeit sein. Das müssen sie doch erkennen!“ In Carolyns Augen glomm das Licht erbitterter Entschlossenheit, und ihre Hand schloss sich krampfhaft um die Blüten, die sie auf das Tablett geworfen hatte.

„Wann weißt du denn, ob das zusätzliche Kapital kommt?“

„Der Vorstand sagte, dass der Investor in ein paar Tagen seine Entscheidung treffen wird.“ Carolyn öffnete ihre Hand und ein Regen aus kleinen, trockenen Bruchstücken rieselte auf den Tisch. Gedankenverloren fuhr sie fort, die Blütenstile weiter zu zerreiben. „Die Sache ist, wir brauchen öffentliche Aufmerksamkeit. Ich war begeistert, als du anriefst. Du kannst über uns schreiben, oder?“ In ihrer Stimme lag eine unverhohlene Bitte und sie sah Darina direkt ins Gesicht.

„Das sollte ich schaffen. Ich hatte eine Unterhaltung mit meinem Redakteur und wir haben beschlossen, dass ein paar gesunde Rezepte von eurem Koch gut funktionieren könnten. Wie man im Winter die Energie des Sommers behält, sowas in der Art. Alles eingeleitet mit einem Abschnitt über meinen Aufenthalt hier.“

Carolyns Gesichtsausdruck wurde klar. „Perfekt! Ich werde dir Rick vorstellen, sobald du deinen Tee ausgetrunken hast. Rick Harris, unser Koch“, sagte sie mit einem Hauch von selbstgefälligem Besitzanspruch. „Er hat wundervolle Ideen, er wird dich inspirieren. Nicht dass du Inspiration nötig hättest“, fügte sie hastig hinzu. „Aber Rick, na ja, er ist speziell.“

„Speziell, ja?“ Darina sah Carolyn fragend an. „Erzähl mir mehr“, forderte sie.

Carolyns Blick wurde sanfter und Darina erkannte ihre alte Freundin wieder. „Oh, Darina, ich hatte so ein Glück, ihn zu finden. Er führte sein eigenes Restaurant in London, L’Auberge, in Knightsbridge.“

„L’Auberge? Da war ich schon mal“, rief Darina. „Französisches Essen, wirklich gut. Es ist vor ein paar Monaten verschwunden. Was ist passiert?“

„Rick beschloss, sich zu vergrößern, die Arbeiten gingen weit übers Budget hinaus und so hat er alles verloren.“ Carolyns glänzender Blick wurde schwächer. „Ich glaube, dieses Restaurant hat ihm alles bedeutet. Aber dann hörte er, dass wir nach einem Koch mit dem gewissen Extra suchen, unser erster war eine traurige Enttäuschung, da hat er Kontakt aufgenommen.“ Das sanfte Licht kehrte in ihre Augen zurück. „Wir haben uns sofort gut verstanden. Er ist toll und ein großartiger Koch. Essen ist so wichtig, nicht wahr? Die Leute müssen genießen, was sie essen.“

„Ich nehme an, du hast ihn über Kalorien und all das belehrt? Ihr müsst viel Zeit zusammen verbringen.“

„Schau mich nicht so besorgt an, Darina, Rick ist ganz anders als Robert, ihm werfe ich bestimmt nichts an den Kopf!“

„Gut, das zu hören!“ Das letzte Wochenende, das Darina mit Carolyn verbracht hatte, endete mit einem spektakulären Streit nach einer Party, weil Robert ihr vorwarf, mit einem Nachbarn geflirtet zu haben. Darina, die gerade Kaffee machte, war ins Wohnzimmer geeilt, weil sie Carolyn schreien hörte, und fand Robert auf dem Fußboden vor, wo ihm Blut aus einer Kopfwunde strömte. Eine verzweifelte Carolyn hatte ihr gesagt, dass sie so wütend auf ihn gewesen war, dass sie das Erstbeste nach ihm warf, was sie in die Finger bekam. Die Waffe ihrer Wahl war ein schwerer Aschenbecher aus Glas gewesen.

Während Carolyn Robert, der sich ein Geschirrtuch auf seine blutige Wunde drückte, in die nächste Notaufnahme führ, hatte Darina sich um Michael gekümmert, den sieben Jahre alten Sohn, und das Blut und die Glasscherben vom Teppich entfernt.

„Weißt du, danach war es nicht mehr dasselbe.“ Carolyns Mundwinkel senkten sich, während sie wieder mit den verwelkten Blüten spielte. „Ich konnte Robert nie etwas rechtmachen und er war so eifersüchtig. Als er starb, fand ich heraus, dass alles in einem schrecklichen Zustand war. Er hatte immer diese fantastische Fassade eines erfolgreichen Geschäftsmannes, aber weißt du, er war überall verschuldet! Ich hätte wissen müssen, dass es nicht gut lief, als er mir erlaubte, diese Stelle anzunehmen.“

Vor fast drei Jahren hatte man Carolyn eine Stelle als Assistenz der Geschäftsführung bei einer alteingesessenen Gesundheitsfarm in Surrey angeboten. Damals hatte Darina sich gefragt, wie sie ihren Ehemann hatte überzeugen können, sie zur Arbeit gehen zu lassen.

„Das tut mir so leid, Caro. Hat sich denn alles geregelt?“

„So langsam. Roberts Buchhalter hat geschuftet, als wären die Höllenhunde hinter ihm her, und vielleicht waren sie es auch. Er muss zumindest zum Teil für dieses Fiasko verantwortlich gewesen sein. Er hat mich vor dem Bankrott gerettet, aber es ist absolut kein Geld mehr übrig. Wenn das hier scheitert, weiß ich nicht, was Michael und ich tun sollen.“

„Ist Michael hier? Ich habe mich darauf gefreut, ihn wiederzusehen.“

In Carolyn glomm ein Licht auf. „Er entwickelt sich so gut, Darina! Er ist gerade im Sommercamp. Sein bester Freund wollte dort hin, und es war echt witzig! Michael dachte, dass es mich ärgern würde, dass er auch hinwollte. Während ich mir nur darum Sorgen machte, wie ich ihm die Ferien angenehm gestalten konnte, weil ich hier doch so eingebunden bin. Die Schule, die ich für ihn ausgewählt habe, hat viel ausgemacht. Er hatte nie großes Selbstvertrauen und Robert sagte ihm dauernd, dass er sich den Dingen stellen und kein Muttersöhnchen sein solle! Das ist noch ein Grund, warum ich dieses Spa zum Erfolg führen muss. Es könnte ewig dauern, eine neue Stelle zu finden, und die Schulgebühren wollen regelmäßig bezahlt werden.“ Carolyns lebhaftes Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick, dann lehnte sie sich spontan über den Tisch, lächelte und drückte Darinas Hand. „Oh, es tut so gut, dich wiederzusehen. Erinnerst du dich, wie viel Spaß wir in der sechsten Klasse hatten?“

„Fürchterliche Hauswirtschaftslehre, igitt!“ Darina schnitt eine Grimasse. „All diese Nährwerte! Ich habe mich nur dafür interessiert, kochen zu lernen. Aber du hast es genossen, nicht wahr?“

„Es war immer eher das, was das Essen mit den Menschen macht, was mich interessiert hat, nicht so sehr, wie es schmeckt. Da musste erst Rick auftauchen, damit ich verstehen konnte, dass Essen nicht nur notwendig ist, sondern auch ein Genuss sein kann.“ Also waren sie wieder beim Koch! Darina freute sich schon darauf, jemanden kennenzulernen, der seinen Salat in ein gastronomisches Abenteuer und Carolyn, die höchst angespannte Superfrau, in einen Teenager in den Qualen der ersten großen Liebe verwandeln konnte.

„Wie viel Wert legt ihr im Conifers Spa auf das Essen?“, fragte Darina, die hören wollte, wie sie ihre Riesenschenkel so weit transformieren konnte, dass sie sie im Gymnastikanzug oder in Strumpfhosen zeigen konnte.

Carolyn lehnte sich mit ernstem Blick vor. „Wir betreiben hier nicht wirklich Diätprogramme. Die Essensprobleme der meisten Menschen kommen von einem negativen Selbstbild. Die Gesellschaft zwingt uns eine völlig falsche Vorstellung von schönen Körpern auf.“

Darina starrte sie ungläubig an. „Wie werde ich dann diesen ganzen Speck los?“ Sie tätschelte defensiv ihre gut gepolsterten Hüften.

„Training wird dich bald in Form bringen. Du bist groß, gut gebaut und siehst wunderbar aus.“

„Gut gebaut! Du meinst fett! Das ist das ganze Zeug, das wir in den Flitterwochen gegessen haben, und danach.“

„Warum auch nicht? Mach dir mal keine Sorgen deswegen. Ich garantiere dir, dass sich deine Essgewohnheiten innerhalb eines Monats oder so wieder regulieren werden und damit geht auch dein Gewicht zurück. Du wirst nie so dünn wie Schilfrohr sein und wenn du es versuchst, machst du dir nur selbst Probleme.“ Das war für Carolyn leicht gesagt, dachte Darina leicht gereizt. Wenn man aussah wie sie, konnte man es sich leisten, anderen zu empfehlen, sich ums Essen keine Sorgen zu machen.

Carolyn rückte ein Stück näher. „Wenn du nur die vielen sehr dicken Frauen gesehen hättest, die ich kennengelernt habe. Sie eiern wie ein Jo-Jo zwischen einem für sie akzeptablem Gewicht und dem ballonartigen Auseinandergehen hin und her. Alles weil sie, meistens in viel zu jungen Jahren, irgendeine lächerliche Diät gemacht haben.“

„Aber man wird doch sicher deshalb dick, weil man zu viel isst, oder?“

Carolyn wedelte in einer verzweifelten Geste mit der Hand. Darina erinnerte sich an eine der engagiertesten Lehrerinnen an der Schule, die immer versuchte, ihre Schüler mit ihrer eigenen Begeisterung für ihr Fach anzustecken. Was war es noch – Geschichte, Erdkunde?

„Manche Menschen sind einfach rundlicher und schwerer als andere. Sie können ihre Körper zwingen, dünner zu sein, aber dann sind sie entweder zu einem Leben mit unglaublicher Selbstkontrolle verdonnert, wobei sie alles, was sie essen, genau begutachten, oder die Natur drängt sie wieder zurück und sie sind hinterher dicker als zum Beginn ihrer Diät.“ Ihre braunen Augen fixierten Darina; sie konnte den missionierenden Eifer in dieser Botschaft spüren. „Dann machen sie mit einer anderen Diät weiter und sehnen sich nach einem, wie sie sagen, sündhaften Stück Schokolade oder Kuchen, oder sogar nur Brot oder Butter. Dann schaffen sie es nicht, sich auf ein oder zwei Stück zu beschränken und fressen sich dumm. Und dann sind sie wiederum noch dicker als zuvor. Dann fühlen sie sich noch schuldiger und fangen an, sich selbst zu hassen. Diese schlechten Gefühle drängen sich in ihr Leben und ruinieren ihnen alles.“

Darina erinnerte sich plötzlich an das Fach der Lehrerin, als vor ihrem geistigen Auge ein Bild von Rubens fleischigen Akten vorbeizog. Sie hörte die Stimme der Lehrerin: „Denkt daran, Mädchen, die Ideale weiblicher Schönheit haben sich durch alle Zeithalter hinweg verändert. Damals musste man sich nicht wegen ein paar Schokoriegeln Sorgen machen.“

Darina dachte an all die Abnehm-Konzepte, die sie versucht hatte: Grapefruit-Diät, Kalorienzählen, Ernährung mit wenig Fett oder wenig Kohlenhydraten, vielen Proteinen oder vielen Ballaststoffen. Bei allen hatte sie Gewicht verloren – und ja, danach wieder zugelegt! Aber ein Traumkörper konnte sich doch sicher nicht nur auf vernünftiges Essen stützen.

„Was macht ihr mit Frauen, die wirklich Gewicht verlieren müssen?“, fragte sie und dachte an die drei, die sie beim Mittagessen gesehen hatte.

„Sie ermuntern, sehr, sehr langsam abzunehmen, indem sie zu einem vernünftigen Ernährungsplan wechseln, nicht nur während sie hier sind, sondern für immer. Und ich rede nicht davon, sich auf die Kalorienzahlen zu konzentrieren, oder fettarme Dinge wie hoch verarbeitete Margarine oder Zucker-Ersatzstoffe zu verwenden; nur frische, unverarbeitete Lebensmittel, viel Obst und Gemüse, Fisch und weißes Fleisch und Olivenöl statt Butter. Und wir betonen die Bedeutung von Training. Wir haben viele Geräte hier, die helfen, sich in Form zu bringen. Was dich angeht, wäre mein Rat, deinen Körper kennenzulernen, zu erfahren, wie er sich gut anfühlt und nicht darauf zu achten, was dir die Waage jeden Tag erzählt. Kennst du den Unterschied zwischen echtem Hunger und dem, was ich Mundhunger nenne?“

„Hunger ist Hunger“, sagte Darina. „Es geht sicher darum, den Appetit zu zügeln.“

„Ja und nein. Wir können Hunger auf Geschmäcker habe, auf Ess-Erlebnisse, obwohl unser Körper kein Essen braucht. Lerne, diesen Hunger zu erkennen und ob bestimmte Lebensmittel ihn verstärken. Ich nenne sie Auslöser. Ich weiß zum Beispiel, dass ich nicht aufhören kann, wenn ich einmal anfange, Käse zu essen. Das hat nichts damit zu tun, ob ich wirklich hungrig bin. Also fasse ich Käse nur als spezielle Belohnung an.“ Carolyns Anspannung ließ etwas nach und sie lächelte Darina an. „Hier ist ein erheiternder Gedanke für dich. Es wurden Studien gemacht, die nahelegen, dass die Menschen mit der längsten Lebenserwartung dreißig Prozent über dem jeweiligen Idealgewicht liegen. Also mach dir keine Sorgen darum, gelegentlich ein köstliches Dessert zu genießen, oder eine fettige Soße. Du wirst vermutlich feststellen, dass wir hier Gerichte servieren, die man nicht in der Nähe einer Gesundheitsfarm erwarten würde“, fügte sie hinzu.

„Trotzdem setzt man mir Naturreis und Gemüse vor!“, rief Darina.

Carolyns Ausdruck wurde wieder ernst. „Das hilft, deinen Kreislauf zu reinigen, den ganzen Giftmüll loszuwerden. Du wirst beeindruckt sein, wie viel besser du dich nach ein paar Tagen fühlst. Du musst dich nicht daran halten, wenn du nicht willst, aber es wird dich vermutlich auch Gewicht verlieren lassen!“

„Wenn das so ist, werde ich auf jeden Fall dabei bleiben. Deine Gesundheitsmanagerin sagte, dass der Koch dem ganzen einen guten Geschmack verleiht“, fügte sie verschlagen hinzu.

Carolyn sprang auf. „Lass uns Rick suchen. Er will dich unbedingt kennenlernen.“

Sie gingen zurück durch den menschenleeren Salon, kühl und mit einer wunderschönen, stuckverzierten Decke. Die Küche lag im hinteren Teil des Gebäudes.

Auf den ersten Blick schien sie verlassen zu sein. Dann sah Darina in einer Ecke einen Kerl mit fettigen Haaren und einem langen, schwermütigen Gesicht, der gerade einen großen Geschirrspüler belud.

„Der Küchenchef ist draußen.“ Er deutete mit einer Hand zur Hintertür. „Sagte, er wolle schnell ne Kippe rauchen.“ In seiner Stimme lag eine versteckte Anspielung, und ein neugieriges Lächeln teilte seine mürrischen Lippen.

Carolyn schien das nicht zu bemerken. „Danke, Pete“, sagte sie.

Darina folgte ihr, als sie die Tür zum Hof öffnete, und bekam hastige Bewegungen zu sehen, als sich die dünne, junge Frau aus dem Speisesaal von einem jungen Mann löste, der sich an einem geparkten Lieferwagen räkelte. Er trug eine weiße Kochjacke, eine gut geschnittene, blauweiß karierte Hose und makellos weiße Pantoffeln. Sein langes, dunkles Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden und eine Höckernase dominierte sein quadratisches, offenes Gesicht, was sein einfaches, gutes Aussehen auf interessante Weise individuell werden ließ. Darina verstand sofort, wie er Carolyn für sich vereinnahmen konnte.

Es war unmöglich zu sagen, wie nah sich die junge Frau und der Mann gekommen waren. Eine vertrauliche Unterhaltung – oder ein Kuss? Der Koch schien von der Störung zumindest nicht allzu irritiert. Er stieß sich von der Seite des Lieferwagens ab und sagte fröhlich: „Hey, Carolyn, hast du Jessica schon kennengelernt?“ Er deutete achtlos auf die junge Frau, die jetzt ein paar Meter von ihm entfernt stand und deutlich nervöser aussah als er. „Sie kam häufig in mein Restaurant in London, schöne Überraschung, sie hier zu treffen!“

Jessica lächelte unsicher. „L’Auberge war für uns wie eine zweite Heimat, so oft haben wir dort gegessen.“ Sie sprach schnell, als könnte sie ihre Worte nicht ganz im Zaum halten. „Es war von unserer Wohnung aus gerade um die Ecke und Rick war ein guter Freund von uns, von mir und Paul, meinem Ehemann. Er hat mir immer Ratschläge zum Kochen gegeben. Ich war in der Küche nicht gerade umwerfend, aber ich habe viel von ihm gelernt.“ Man konnte zusehen, wie sie beim Sprechen selbstsicherer wurde, bis sie bei einem beinahe triumphierenden Ton angelangte und ihnen ihr entzückendes Lächeln schenkte.

„Na so was!“, sagte Carolyn.

Die junge Frau sah auf ihre Uhr. „Ich muss los, Zeit für meine Massage. Wir sehen uns, Rick!“ Sie warf ihm ein Lächeln zu, das eine gute Werbung für Zahnpasta abgegeben hätte, und verschwand.

„Ich seh dich in meinem Büro, Rick“, sagte Carolyn mit frostiger Stimme, dann schien sie sich plötzlich an Darina zu erinnern. „Maria wird jetzt dein Programm mit dir durchgehen wollen, ich stelle dich später unserem Koch vor.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder rein.

Rick Harris sah kurz auf, mit seinen dunklen Augen, die fast schwarz zu sein schienen, wie Kohlen. Nur dass in Kohlen nicht so viel Schalk stecken konnte. „Zurück in den Schweinestall!“, sagte er und lächelte Darina an.

„Darina!“, rief Carolyn aus der Küche.

Darina eilte ihrer Freundin hinterher. Worauf hatte Carolyn sich da nur eingelassen? Rick Harris mochte ein Genie sein, was Essen betraf, aber wenn es um Frauen ging, bezweifelte Darina, dass er seinen Appetit besser zügeln konnte als ein Hund in der Nähe eines saftigen Knochens. Und hatte er irgendeine Vorstellung, worauf er sich mit Carolyn eingelassen hatte?


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.