Leseprobe Zwei Schotten und ein Liebesfall

Kapitel 1

Eine Hochzeit in den Highlands

Ich drückte Linys Schulter. Meine beste Freundin war außer sich, hatte bereits gläserne Augen und stand so offensichtlich kurz davor, in haltlose Tränen auszubrechen, dass ich etwas unternehmen musste, bevor die Stimmung umschlug. Sie war zwar sonst nicht nahe am Wasser gebaut, aber seit ich auf Farquhar war, bekam ich eine neue Seite an meiner jahrelangen Freundin präsentiert. „Tief durchatmen. Alles ist halb so schlimm“, versicherte ich also und grinste in den Spiegel, obwohl ich mindestens so angespannt war wie sie. Diese Hochzeit war nicht die erste, die ich organisierte, schließlich arbeitete ich seit acht Jahren als Weddingplanerin in einer Agentur, und doch stellte mich dieses Event heute immer wieder vor unerwartete Herausforderungen. Trösten von tränennahen Bräuten zählte normalerweise nicht dazu.

„Es passt nicht“, wiederholte sie, während die schottische Stylistin an der Verschnürung der Korsage zerrte. Es ergab ein recht lächerliches Bild bei dessen Betrachtung man sich fragte, ob es nötig war, die Korsage tatsächlich noch enger zu schnüren. Liny war schlank und auch hochgewachsen, anders als die pummlige Schneiderin, die an ihr arbeitete, als quetschte sie sich selbst in das zu kleine Kleid. „Uff.“ Sie tat ihr Bestes, um das Kleid zu schließen, das musste man ihr lassen, aber in diesem Punkt hatte Liny unbestreitbar recht.

„Wie kann es nicht passen? Die letzte Anprobe war doch erst vor zwei Wochen!“

Die Situation ging offenbar mehr und mehr den Bach runter, was konnte die Braut davon abhalten, in haltlose Tränen auszubrechen? Falsche Frage, was konnte Liny dazu bringen, die Haltung zu wahren? Schließlich war meine Freundin Liny dafür bekannt, sarkastische Kommentare abzugeben und sich nicht aus der Ruhe bringen zulassen. So hatte sie auch ihren Zukünftigen kennengelernt, Lachlan McDermitt, den Sohn des Duke of Skye. Bei der Planung der Hochzeit seines Bruders waren sie sich vor zwei Jahren begegnet: Auf einer Schafswiese. Damals waren Liny und ich noch Kolleginnen in der Agentur gewesen. Und nun ging sie mit einem schottischen Adeligen vor den Traualtar.

 Zwei Dinge halfen bei ihr immer: Konfrontation und Überraschung. „Hm, woran mag das liegen?“ Ich zwinkerte mit einem bedeutenden Blick auf ihren Bauch und erreichte, was kein Trost oder Zureden vollbracht hätten. Linys Augen klärten sich schlagartig, wurden größer und spiegelten Hoffnung wieder.

„Unsinn“, murmelte sie, trotz ihres Wunsches, schwanger zu werden, und strich sich dabei über den flachen Bauch, den sie zusätzlich einzog.

Auf den Weg gebracht, trieb ich es voran, alles war besser, als eine Braut, die jeden Moment die Fassung verlor und losheulte wie ein Schlosshund. „Ach ja? Da sagt ein bekanntes Klatschblatt aber etwas völlig anderes.“

Besagte Klatschzeitung spekulierte bereits seit der Bekanntgabe der Eheschließung zwischen meiner Freundin Liny und dem schottischen Adeligen, Lachlan Kendrick McDermitt, über die Gründe und einer davon war eine mögliche Schwangerschaft. Ich gab schon lange nichts mehr auf die Berichte, obwohl ich zu Beginn jede Ausgabe gekauft und verschlungen hatte, schließlich sah ich Liny so gut wie gar nicht mehr, seit sie sich nach Farquhar, dem Herrenhaus der McDermitts in den Highlands, zurückgezogen hatte: vor mehr als eineinhalb Jahren. Zwar telefonierten wir regelmäßig, immer noch, aber es war doch etwas anderes, nachdem wir ein Jahr lang zusammengearbeitet und dabei fast den ganzen Tag miteinander verbracht hatten. Ich vermisste sie, das gab ich gerne zu.

Liny drehte sich, um mich vis á vis anzusehen. „Ich bin definitiv nicht schwanger.“

„Also, wenn du mich fragst …“ Ich brach unter ihrem feurigen Blick ab und hob die Hände. „Schon gut, ich halte den Mund.“ Ich konnte mir weitere Provokationen sparen, Liny hatte sich wieder in der Gewalt. Sie strich das Kleid glatt, erst am Bauch, dann an den Seiten und drehte sich zum Ärger der Stylistin vor dem Spiegel hin und her, bis diese etwas Harsches sagte, was ich nicht verstand. Gälisch und vermutlich eine freundliche Bitte, stillzuhalten, aber in meinen Ohren klang jedes gälische Wort nach einer Beleidigung.

„Was wäre dabei?“, mischte sich Monika, Linys Schwester, ein und enthob mich der Notwendigkeit, sie bei Laune zu halten. Gut so, denn eigentlich hatte ich genug anderes zu tun. Nachrichten abzurufen zum Beispiel. Ian, der Bruder des Bräutigams, spammte mich mit Nachrichten zu. Keine von ihnen war irgendwie relevant, was mich gehörig ärgerte, schließlich hatte ich keine Zeit, die ich mir mit dummen Geschwätz vertreiben könnte. Neben Liny hatte ich noch eine Menge anderer Dinge im Auge zu behalten: Pastor, Verpflegung, Gästezahl und Anwesenheit, Blumen, Deko … Die Liste war endlos.

Wie weit ist Lachlan?, tippte ich schnell und warf Liny dabei einen Blick zu. Du kannst dich auf den Weg machen, Liny sollte in fünf Minuten bereit sein.

Wenn nicht, musste Ian halt vor der Tür warten. Mich interessierte momentan ohnehin viel mehr, ob der Geistliche mittlerweile eingetroffen war, hatte ich ihn doch den ganzen Morgen über nicht erreichen können. Was tat so ein schottischer Geistlicher wohl an einem Morgen, an dem er zwei Menschen vermählen sollte, dass er nicht zu erreichen war?

Ich schob den Gedanken und meinen aufwallenden Ärger darüber, dass noch immer keine positive Nachricht zum Verbleib des Pastors eingegangen war, beiseite. Gab es Alternativen? Da war doch etwas, was ich irgendwo mal gehört hatte, in Bezug auf Schottland und Hochzeiten, aber es wollte mir partout nicht einfallen.

„Ziehen Sie den Bauch ein, Madame!“, wies die Stylistin an und zog mit Gewalt an der Verschnürung. „Jetzt!“

Liny keuchte. „Sie bringen mich um!“

„Zu!“, stellte die dralle Stylistin zufrieden fest und trat von der Braut zurück.

„So geht das nicht!“

Was für eine Dramaqueen, aber zumindest das hatte sie mit allen Bräuten gemeinsam. „Atme einfach flacher. Es geht, glaub mir.“ Ich übernahm den Platz der Stylistin in Linys Rücken und lockerte die Verschnürung wieder. „Besser.“

„Ist es zu?“ Sie drehte sich bei dem Versuch, die Schnürung in ihr Blickfeld zu bekommen und glich damit einem Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte. Putzig, wie aufgeregt sie war, und so untypisch für sie.

„Es ist alles bedeckt, was bedeckt sein soll“, versicherte ich. „Du bist wunderschön.“

„Pfft. Ich passe nicht in mein Kleid!“

Ich überging den Hinweis, legte den Arm um ihre Mitte und wies sie an, langsam und flach zu atmen. Wir übten es zwei Atemzüge lang zusammen. „Sieh es so, Lachlan werden die Augen rausfallen, wenn er dich zu Gesicht bekommt, das ist es doch wert, oder?“

Linys Augen begannen zu strahlen und aller Frust wich von ihr. „Ja, das ist es wert.“ Alles an ihr unterstrich ihre Worte. Es machte mich fassungslos. Das, oder dass sich tatsächlich leiser Neid in mir regte. Liny hatte unverschämtes Glück mit ihrem Lachlan, aber sie hatte es auch verdient, dass sie bewundert und geliebt wurde. Wusste sie eigentlich wie sehr? Ich hatte in den vergangenen Wochen sehr viel mit Lachlan gesprochen, mehr als in den zwei Jahren zuvor, und war immens beeindruckt von seiner Hingabe für Liny.

„Ms, die Tiara.“

Eine Nachricht ging ein und ich checkte sie schnell, mich auf meine Aufgabe konzentrierend. Es war nicht der richtige Augenblick, um zu sinnieren, zu hadern oder dem Schicksal böse zu sein, weil es zu mir nicht so gut war, wie zu Liny.

Der Pastor war da und damit war alles bereit. Ich schloss erleichtert die Augen. Wie hätte ich dagestanden, wenn die Zeremonie ohne Geistlichen hätte stattfinden müssen? Wie in Deutschland war es natürlich eine Pro Forma Sache, ein Gimmick, wenn man so wollte, die eigentliche Eheschließung wurde durch einen Standesbeamten vollzogen. Nur so war sie tatsächlich gültig, dennoch hatte es bedeutend mehr Flair, mit Gottes Segen getraut zu werden. Zumindest war dies die offizielle Erklärung für die doch sehr ausgedehnte Feier, die uns erwartete. Ich wusste allerdings, dass es weder dem Wunsch des Bräutigams, noch dem der Braut entsprach, so einen Aufwand zu betreiben. In dem Zusammenhang war sogar Las Vegas gefallen, aber letztlich hatte sich Liny der Etikette gebeugt und damit dem Willen der zukünftigen Schwiegermutter.

„Wir liegen hervorragend in der Zeit, falls es jemanden interessiert, und ich habe auch noch keine Hiobsbotschaften bekommen.“ Nicht ganz die Wahrheit, aber schließlich ging es mir darum, Liny zu beruhigen. Irgendwie war sie mehr als nur durch den Wind in letzter Zeit, hatte sogar die Planung ihrer eigenen Hochzeit völlig aus der Hand gegeben, was ich ihr nie zugetraut hätte. Schließlich hatte sie durch unsere Zusammenarbeit bei WeddingDreams mehr als genug Erfahrung gesammelt, mir nicht selten beigestanden und hatte ihre Aufgaben immer gut gemeistert. Vermutlich lag es an Lachlans Einfluss, dass sie einsah, wenn etwas nicht gut für sie war. Wie die nervenaufreibende Planung einer riesigen Hochzeit, die, obwohl Liny es nicht ahnte, anders verlaufen sollte, als ich es ihr geschildert hatte. Wieder vibrierte mein Handy und ich überflog Ians Nachricht. Bla, bla, bla – ich bin da.

Vielleicht sollte ich den Hinweis fallenlassen, wie sehr ich Gradlinigkeit schätzte? Ian war das komplette Gegenteil zu seinem Zwillingsbruder. Er redete gern und viel und am liebsten mit Frauen, was dazu geführt hatte, dass seine Ehe mit dem berühmten It-Sternchen Cheyenne Boularouse genau sechs Monate gehalten hatte. Seitdem brauchte er keine Rechenschaft mehr über seine Flirts abzulegen, was er nur zu offensichtlich genoss. Es verging keine Woche, in der er nicht mit einer neuen, blonden Sexbombe in den Klatschblättern abgelichtet wurde. Hin und wieder – und das regte Liny und Lachlan häufig auf – auch mit Liny. Eigentlich war Liny mit Lachlan auf Reisen und meist nicht einmal in England, oder gar London, aber wann immer man Lachlan ablichtete, hielt man ihn für seinen dekadenten Zwilling. Dies war einer der Gründe, warum die Beiden völlig zurückgezogen auf dem abgelegenen Gut Farquhar in den schottischen Highlands lebten und sich selten in der Gesellschaft zeigten.

Ich ging zur Tür, um sie zu öffnen. „Ah! Sehr schön!“ Ian McDermitt glich seinem um wenige Minuten jüngeren Zwillingsbruder bis aufs schwarze, getrimmte Haar, besonders, da sich der Bräutigam zum Anlass der Eheschließung seinen Bart abrasiert hatte, auf den Ian stets verzichtete. Seine hellen Augen strahlten eine Lebensfreude aus, die einen neidisch machen musste, auch, wenn man selbst kein Trauerkloß war. Seine Aufmachung war ebenso beeindruckend, wie seine Körpermaße. Er war schick der schottischen Tradition nach im Kilt erschienen, trug weiße Socken hochgezogen bis zu den Knien, ein blütenweißes Hemd und eine formelle zum Kilt passende Jacke. Gewöhnungsbedürftig für mich Deutsche, aber es hatte durchaus auch seinen Reiz. Zumal Ian großgewachsen war und einen Schulterumfang hatte, der jeden Bär neidisch machte. Mir kamen eher andere Gefühle hoch. Spott, schließlich kannte ich Ian sonst eher modisch und vor allem zeitgemäß gekleidet.

Dafür, dass er mich wie wild zuspammte, ließ er mich erstaunlich links liegen. Seine gesamte Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Liny. „Mo creach, letzte Chance.“ Er griff nach ihrer Hand, als sie zögerte.

„My Laird, Ihr Anliegen schmeichelt mir, aber ich sehe mich außerstande, Ihnen eine positive Antwort zu geben“, gab sie hochtrabend von sich und machte dabei einen passablen Knicks.

Ian pfiff. „Jetzt klingst du schon ganz wie unsere Mutter. Du musst dir nur noch diesen Blick angewöhnen und Lachlan behält recht.“

„Womit?“

„Dass du perfekt bist.“ Ian verstand es, einer Frau Honig um den Bart zu schmieren, aber das wunderte mich nicht. Ich hatte ihn schon einige Male in Aktion erlebt und war immer wieder beeindruckt von seinem Fingerspitzengefühl.

„Klar bin ich das. Monika, kannst du Vater anrufen?“ Linys Schwester Monika blockte das sofort ab und so ging die Bitte an mich weiter. „Sina?“

„Der Brautgang ist hier anders geregelt.“ Das hatte ich ihr schon einige Male vorgebetet, aber sie war schlicht zu aufgedreht, um daran zu denken. „Ian, wenn ich bitten darf.“ Ich bedeutete ihm, seines Amtes zu walten, und lauschte mit meinem Handy beschäftigt ihrem Geplänkel.

„Gern, also, wie gesagt, letzte Chance: Heiratest du lieber meinen Bruder, den brummigen Schafhirten, oder den äußerst charmanten zukünftigen Duke of Skye? Denk an all die Juwelen, die ich …“

„Schafhirte. Definitiv und unter allen Umständen.“

Ian lachte auf und ich verlor den Faden. Zusätzliche Gäste? Ich las den Eintrag erneut, wobei mir ganz flau wurde. Lachlan hatte am Vorabend angedeutet, dass nicht alle geladenen Gäste ihr Kommen bestätigt hatten, aber davon auszugehen sei, dass sie dennoch kämen. Allein deswegen hatte ich am Morgen panisch nach Erweiterungen des Menüs herumtelefoniert. Aber nun sollten noch mehr uneingeladene Gäste bewirtet werden? Das war ein Scherz! Abgesehen von den Lebensmitteln, musste auch das Personal aufgestockt werden, um die Mengen an Personen zu bewirten. Ersteres war nicht zwangsläufig ein Problem, hatte ich doch auf einen Vorrat für die anstehende Woche bestanden, und alternative Speisen konnten zubereitet werden. Hungern musste also niemand, so sich Leute fanden, die sich an den Herd stellten und sich die Gäste nicht zu fein waren, sich am Büfett zu bedienen. In Anbetracht dessen, dass wir uns hier nicht auf einer stinknormalen Hochzeitsfeier befanden, sondern der des Sohnes eines britischen Dukes, wagte ich, diese Bereitschaft zu bezweifeln.

Ich stolperte den anderen hinterher, fassungslos und mit brennendem Magen. Der wichtigste Tag im Leben meiner Freundin und ich versaute ihn. Dabei unterschlug ich, dass es acht weitere Tage voller Feierlichkeiten gab, aus deren Planung ich aber größtenteils raus war. Ich musste hauptsächlich anwesend sein und bei der Organisation helfen, soweit es mir möglich war, um Liny Freiraum zu geben.

Nach dieser Hochzeit benötigte ich vermutlich drei Monate Erholungsurlaub, dumm nur, dass dies bereits mein Urlaub war und ich George nie und nimmer dazu brächte, mir auch nur einen weiteren Tag zu gewähren. Seufzend schob ich den bitteren Gedanken an meinen Chef weit von mich, wobei ich absichtlich alles andere ausklammerte, was in den letzten zwei Jahren zwischen uns vorgefallen war.

Die Sonne strahlte regelrecht und blendete mich, als ich aus dem Haus trat, weshalb ich das drohende Unheil zuerst hörte.

 „Mäh!“

Ich blinzelte und hob die Hand, um fassungslos das gehörnte Untier anzustarren, das auf uns zumarschiert kam.

„Oh, nein! Sheamus, was zum Henker machst du hier?“ Der Schafsbock Sheamus, der für seine Anhänglichkeit bekannt war, und Liny bei unserer Ankunft vor zwei Jahren gleich zu Boden geschubst hatte, blökte erneut und stapfte die unteren Stufen des Herrenhauses hoch. Das kleine Schloss hatte mehrere Eingänge, aber dieses war der Haupteingang und daher mit einer breiten Freitreppe versehen, an deren beiden Enden Löwen mit Wappentafeln Wache hielten. Hinter uns befand sich die riesige, uralte Halle und an den Seiten waren seit einigen hundert Jahren Anbauten leicht schräg nach hinten gezogen, dass es von Oben wie ein Kelch aussah. In ihnen befanden sich gute hundertfünfzig Räume, die sich nun wieder in ihrem alten Glanz sonnten. Das war bei unserem ersten Besuch nicht so gewesen. „Warum bist du nicht im Stall, wo du hingehörst?“

Liny sprach mit dem Tier, als wäre es ein geliebtes Familienmitglied, ein Hund oder so etwas. Bemerkte nur ich, wie merkwürdig sie sich benahm, als sie auch noch in der Landessprache auf ihn einredete und dabei sein Maul kraulte?

„Es reicht jetzt! Sguir dheth! Thalla!“

„Määähhh!“

Ich blinzelte voller Unglaube, als das Vieh tatsächlich die Stufen herabstapfte und sich dann zu uns umsah, als wartete es auf unsere Begleitung. Unheimlich, und das nicht wegen der gedrehten Hörner, dem gelben Starren und dem aberwitzigen Bärtchen.

Liny sah sich um. „Wo ist der Wagen?“

Ich hatte ihr erzählt, dass die kirchliche Trauung in der Kathedrale zu Inverness stattfände, weil Lachlan sie überraschen wollte und meine Deckung erbeten hatte. Es war wesentlich leichter gewesen, Liny abzulenken, als ich es für möglich gehalten hatte. „Wir gehen zu Fuß, Liny.“ Es war nämlich nicht weit zu der riesen Überraschung, die Lachlan verdammt nervös machte, ohne dass ich den Grund dafür verstand, selbst als er versuchte, es zu erklären. Ein besonderer Ort. Ich verdrehte die Augen und nahm meine Führungsrolle ein, dafür musste ich irgendwie an dem Vieh vorbei. „Komm, wir wollen doch nicht in Verzug geraten.“

„Daingead!

Dieses Wort hatte ich mittlerweile so oft vernommen, dass ich es einordnen konnte. Ein Fluch, so etwas wie Scheiße oder Verdammt. Ich drehte mich, wie alle anderen auch, um die Störung in Augenschein zu nehmen und konnte nicht verhindern, dass mir der Mund aufklappte.

Ein großer, rotblonder Mann im edlen, aber dreckstarrenden Aufzug kam uns entgegen mit einer dermaßen um Verzeihung heischenden Miene, dass man automatisch an einen Dackel dachte. Es fehlte nur noch das leise Fiepen.

„Verzeihung“, murrte er und versuchte wohl, unauffällig etwas von dem Stroh von seinem Kilt zu streichen. Ian brach in schallendes Gelächter aus und japste nur noch unverständliche Worte.

„Ein Malheur, es tut mir leid, Carolina.“ Er trat vor und streckte die Hand aus, ließ sie aber gleich wieder fallen. Keiner von uns wollte genau wissen, was ihm an den Fingern klebte, die er schnell hinter sich versteckte. Meine Augen folgten ihnen in abartiger Faszination. Er hatte große Hände, die über und über mit Matsch bedeckt waren – und ich ignorierte mein besseres Wissen, dass es Kot war, geflissentlich. Alarmsirenen schrillten in meinem Kopf, denn er sprach mit eben jenem Akzent, den ich hier jeden Tag vernahm. Er war Schotte, trug eindeutig feierliche Kleidung – auch wenn ich mich nur schwer an die Röcke gewöhnen konnte – und redete ziemlich vertraut mit Liny. Eins plus Eins sind …

„Ich fürchte, ich muss um ein paar Minuten Aufschub bitten.“

„Bitte, sagen Sie mir, dass Sie nicht einer der Trauzeugen sind.“ Meine Stimme war so verdammt schrill, dass sie mir selbst in den Ohren schmerzte. Was durchaus beachtlich war, schrillten dort doch immer noch besagte Glocken in nicht gerade tiefem Ton. Wenn ich mich nicht irrte, war mein Zeitplan soeben in Dung begraben worden. Kam man hier mit einem Trauzeugen weniger aus? Herrje, wer brauchte schon fünf berockte Männer, um sich an ein Eheversprechen zu erinnern?

„Nur bis ich …“ Er sah an sich herab und lief dabei rot an, was sich fürchterlich mit seiner Haarfarbe und seinem Bärtchen stach. „Es tut mir leid, ja, ich bin Islay Campbell.“

Ich konnte mir nicht helfen, ein recht peinlicher Laut rollte in meiner Kehle und ich spürte einen Anflug von Panik. Ein Trauzeuge wälzte sich im Dreck, während der andere die Braut bezirzte. Was zum Teufel war mit diesem Volk los, dass sie einen besonderen Tag nicht mit dem nötigen Respekt begingen? Allerdings war da noch etwas, was mich aus der Bahn warf. Mein Blick fiel an ihm herab. Er war groß, nahm es locker mit Ian und Lachlan auf, auch in der Breite seiner Brust, obwohl er schlanker schien, schlacksiger, irgendwie unfertig. Das mochte aber an all dem Dreck liegen, der ihn wirken ließ, wie einen Bub, der gerade sein Schlammbad beendet hatte. Sein Frack hatte übel gelitten, aber wirklich auffällig wurde es an den Beinen. Die Strümpfe, die bei Ian penibel weiß strahlten, hatten bei ihm Klumpen von Dung anhaften. Der Kilt, der anders als Ians in blauen, gelben und grünen Karos unterteilt war, war nicht weniger strohig und dabei blendete ich den Kot einmal mehr freudig aus. Selbst im rotenblonden Haar befanden sich Halme. Einer hing ihm sogar in die Stirn. Er bemerkte es, während ich ihn anstarrte und zupfte ihn schnell ab. Dabei fing er meinen Blick auf und hielt ihn für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er seinen zu Boden richtete. Ich konnte nicht wegsehen und das lag nicht daran, dass er schon grotesk aussah, für einen Trauzeugen. Da war etwas anderes, etwas albernes, weshalb ich es eigentlich nicht in Betracht ziehen sollte. Ein Kribbeln im Magen.

„Du chrashst Kennys Hochzeit!“, gackerte Ian, was ich dermaßen daneben fand, dass es mich wachrüttelte. Panik war keine Option. Wie konnte ich das Desaster abwenden? Eine kleine Verschiebung einbauen, einen anderen Trauzeugen wählen? Ach, wozu, schließlich gab es davon eine ganze Herde.

„Das wird er nicht“, beschied Liny überraschend kühl, obwohl sie ihr Gegenüber anlächelte und sogar knickste. „My Laird, so leid es mir tut, du wirst nun auf der Stelle deinen Platz am Altar einnehmen.“

Ihm sackte das Kinn herab und überspielte es dann geschickt mit einem Räuspern. „Carolina, ich kann unmöglich in diesem Aufzug … das verstehst du doch.“

„Das hätten du bedenken sollen, bevor du was auch immer anstelltest. Was hattest du im Stall zu suchen?“

Islay lief pink an und suchte nach Hilfe. Ian hob die Hände, um anzudeuten, nicht mit hineingezogen werden zu wollen. „Ein Unfall“, bot er als Erklärung an und bemerkte wohl, wie dürftig das war, noch bevor Liny es zerschmetterte.

„Wäre mir Sheamus heute Nacht in unserem Zimmer begegnet, hätte ich das nicht lustig gefunden!“ Das war wirklich eine abwegige Idee, fand ich, stand damit aber so ziemlich alleine da, denn Ian murmelte etwas, was fast nach Bedauern klang, dass der Schafsbock entwischt war. Männer.

„Wir dachten nur …“, murmelte Islay, wobei seine Gesichtsfarbe noch dunkler wurde.

„Schäferstündchen, ja ist angekommen. Trotzdem: nicht witzig!“

Dem konnte ich nur zustimmen. Schäferstündchen, was für eine abgeschmackte Anspielung.

„Zur Strafe hast du die Wahl, der Trauung fernzubleiben oder so zu erscheinen.“

Das Schrillen war augenblicklich zurück, denn da gab es eine winzige Kleinigkeit, die Liny völlig zu vergessen schien. „Tu mir das nicht an“, zischte ich atemlos. „Er ist mein Tischpartner!“ Da George sich standhaft geweigert hatte, mich zu begleiten, und ich offiziell Single war, hatte ich kaum eine Wahl gehabt, als an Begleitung zu nehmen, was da war. Ich hatte nur eine Ausnahme gemacht, denn mit Ian wollte ich nicht den ganzen Abend verbringen, so charmant er auch sein konnte. Nun jedoch bereute ich meine Entscheidung. Lieber Ians Gesäusel, als der Gestank von Schafsdung!

„Sie schaffen es doch in …“, quietschte ich, nach Linys Fingern greifend und fest zudrückend, „… zehn Minuten?“

Ian lachte, trat zu dem bedröppelten Schotten und schlug ihm auf die Schulter, dass er schwankte. „Schau Islay, selbst die gutmütige Liny bringst du auf die Palme.“

„Ich …“ Er fing sich und wieder begegneten sich unsere Blicke. Mir wurde augenblicklich warm in der Magengegend und ich war froh, dass er den Kontakt direkt wieder abbrach.

„Ja, ich …“

„Na komm, ich helfe dir. Ich fürchte, du wirst die McDermitt-Farben tragen müssen.“ Ian lachte wieder und legte den Arm um den anderen Mann, um ihn anzuschieben. Ich sah ihm nach, konnte mich einfach nicht von seinem Anblick losreißen.

„Islay? Was ist das für ein Name?“

„Ein schottischer vermutlich.“

„Und er ist?“

„Ein Cousin mütterlicherseits.“

„Ah.“ Jetzt wusste ich genauso viel wie zuvor. Natürlich war er ein Verwandter, schließlich waren unter den Trauzeugen nur Verwandte. „Er sieht jung aus.“

„Ist er.“

Zumindest lenkte mich ihre Knappheit von der Tür ab. Sie war merkwürdig kurz angebunden. Wurde sie nun wieder nervös? Innerlich seufzend nahm ich meine Aufgabe wieder wahr und versuchte es mit einer flapsigen Ablenkung. „Und wie alt genau? Muss man sich Sorgen machen?“

„Warum sollte …“

„Also, wie alt?“

„Fünfundzwanzig, also bist du auf der sicheren Seite.“

Merkwürdig was diese Worte in mir anrichteten. „Ach, was dir wieder durch den Kopf geht.“ Aber so weit hergeholt war es gar nicht. Ich drehte den Gedanken hin und her. Schön, da lief etwas mit meinem Chef, George, aber irgendwie war es nichts, was man Beziehung nennen konnte. Herrje, er begleitete mich nicht einmal auf die Hochzeit meiner Freundin, obwohl ich sehr deutlich gemacht hatte, wie wichtig mir die Feier war und dass ich gerne in Begleitung wäre. George hatte sich in einen cholerischen Anfall geflüchtet und am Ende war ich mehr als froh gewesen, allein fahren zu können.

Das letzte, was ich hier gebrauchen konnte, war, mich mit Georges Gemüt zu beschäftigen, oder der Zähmung selbigem.

Sah ich mich also als Single? Hatte ich es endlich aufgegeben, meinem Chef imponieren zu wollen, und war nach guten vier Jahren endlich frei für etwas Neues?

Ein Telefon spielte einen Lovesong und riss mich von den absolut nebensächlichen Gedanken fort. Liny fuhr aufgeschreckt herum.

„Monika, mein Handy, schnell! – Hàlo.“ Sie wandte sich ab und ich ließ ihr den Moment der Ungestörtheit, auch wenn es nicht der Sitte entsprach, dass Braut und Bräutigam vor der Hochzeit miteinander sprachen. Tja, eines der Dinge, die hier in Schottland anders gehandhabt wurden, als bei uns in Deutschland.

Mein Handy vibrierte und ich checkte schnell die Nachricht. George. Irritiert las ich die SMS gleich zwei Mal und konnte es trotzdem nicht fassen, was dort stand. George wies mich an, nach Lands End zu reisen, um mich um eine Hochzeit zu kümmern, die bereits am Ende der Woche stattfinden sollte. Es sei wichtig und hätte oberste Priorität. Ich starrte auf das Display. Ich hatte Urlaub. Er wusste, wo ich war, welche Aufgabe ich hatte – als Trauzeugin – und wie wichtig es mir war, dies mit Liny zu erleben. George erwartete doch nicht ernsthaft, dass ich hier alles stehen und liegen ließ …

Ich war sprachlos. War es nun einfach nur dreist oder unglaublich egoistisch?

Sollte ich anrufen? Ignorieren konnte ich es nicht, schließlich war er mein Arbeitgeber. Ich musste es zumindest absprechen, beziehungsweise deutlich machen, dass ich meinen Urlaub nicht abbrechen wollte.

Die Antwort auf meine Nachricht kam prompt.

Dein Urlaub ist gestrichen.

Dieses Mal fehlten mir sogar die Worte, um meinen Frust innerlich zu formulieren. Meine Hand schloss sich fester um mein Smartphone. Damit hätte ich rechnen können, es war schließlich nicht das erste Mal, dass er mich aus meinem Urlaub zurückbeorderte, aber bisher war es nur dann passiert, wenn ich ohnehin zu Hause geblieben war und es kein Drama gewesen war. Nun befand ich mich aber am anderen Ende der Insel – leicht übertrieben, gut – und nicht ein paar Häuserblocks entfernt.

Ich bin in Schottland, nahe Inverness, damit fahre ich gut acht bis zehn Stunden, je nach Verkehrslage, zurück nach London, wo ich meine Arbeitsmaterialien habe und weitere Stunden bis nach Lands End. So ich meinen Urlaub einfach abbrechen könnte.

Oder auch nur bereit wäre es zu tun. Verflixt! Aber ich haderte bereits. Ich mochte meinen Job und, auch wenn es nicht immer leicht war, für George zu arbeiten, ich hatte mich im Lauf der Jahre daran gewöhnt. Zum Teil wohl auch, weil ich so lange an ein Happy End für uns geglaubt hatte und dafür meine eigenen Ziele hintenangestellt hatte. Möglicherweise hatte ich auch auf eine berufliche Partnerschaft gehofft, obwohl es nie im Raum gestanden hatte.

„Nanu, jetzt ist die Braut ohne mich durchgebrannt?“ Ian schob mich zur Seite, stand ich doch mitten vor dem großen Portal des steinernen Herrenhauses und blockierte es damit für die beiden alles andere als schmächtigen Männer.

Ich schnappte zwei Dinge auf: Durchgebrannt und Islays Blick.

„Ach herrje, gerade war sie doch noch hier“, griff Monika auf, die mich völlig aus der Bahn warf, schließlich hatte ich für einen Moment völlig vergessen, wo ich war. Ich rief mir also die Details mühsam zurück: Liny – Hochzeit – Durchgebrannt.

„Was?!“ Ich fuhr herum. Mein Blick flitze über den Hof. Die säuberlich gekieste Auffahrt mit dem Blumenrondell, die im Wappen der McDermitts angeordnet waren, der Stall versteckt hinter dicken Efeuranken, die Straße und zwei Wege, die um das Haus herumführten. Erst mein zweiter Versuch, das Rätsel um Linys Abwesenheit zu lösen, erbrachte einen Hinweis. Weiße, satinbezogene Pumps lagen einsam einige Meter entfernt achtlos im Gras.

Nun, ich hatte sie gewarnt, dass ein Sixpence als Glücksbringer im Pumps vielleicht traditionell war, aber sicherlich nicht bequem. Von der Braut fehlte jede weitere Spur.

„Nur gut, dass wir die Schuld auf den Kleinen hier schieben können.“ Ian griff seinem Cousin in den Nacken und drückte ihn runter. „Sprich schon mal dein letztes Gebet, Kenny wird dich lynchen.“

Ich ließ die Männer stehen, schließlich führten sie sich auf wie raufende Buben, und waren damit eher hinderlich, als hilfreich. Monika sah sich ebenso ratlos um, wie sie dreinschaute, also war es auch müßig Informationen von ihr einholen zu wollen. Blieben die Schuhe übrig, die immerhin in der richtigen Richtung verloren gegangen waren. Hatte Liny schlicht die Geduld verloren und war schon einmal ums Haus herum?

Ich folgte beunruhigt der Eingebung, schließlich hatte ich einiges in Kauf genommen, um Lachlans Überraschung zu decken, die nun vermutlich aufgeflogen war. Ein Blick um die Ecke des Hauses bewies, wie richtig ich mit meiner Befürchtung lag. Liny stand mittig auf der Wiese und starrte die Wimpel an, die im Wind flatterten – die Banner der Highland-Clans, die an den Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit einer der Söhne des Duke of Skyes teilnahmen.

Damit war meine Lüge wohl vorzeitig aufgedeckt und Liny ahnte nun zumindest, dass die Eheschließung nicht in dem erwarteten kleinen Familienrahmen stattfinden würde, wie ich es ihr gegenüber behauptet hatte.

 Siebzehn Clans waren angereist, und obwohl viele von ihnen in irgendeinem Grad mit den McDermitts verwandt waren, würde es sicherlich keine intime Familienfeier werden.

Lachlan eilte auf seine Braut zu und war lang vor mir bei ihr angelangt, schließlich musste er sich auch nicht in Pumps auf Rasen fortbewegen. Er nahm sie in den Arm und sie sprachen leise miteinander. Ihre Vertrautheit war megasüß und doch gab es zumindest bei uns in Deutschland den Brauch, dass Braut und Bräutigam erst vor dem Altar aufeinandertrafen.

„Liny! Verdammt, du kannst doch nicht einfach … und du solltest sie gar nicht sehen!“

„Dummer Aberglaube“, griff Ian auf, der Monika am Arm hatte. Islay hielt sich bedrückt im Hintergrund. „Aber wir sollten màthair nicht länger warten lassen, sie verliert langsam die Geduld mit uns.“

„Liny, du weinst doch nicht!“ Das Unglück ließ ja nicht lang auf sich warten. „Dein Make-up!“

„Ian, du musst die Verwandtschaft ablenken. Gib uns eine halbe Stunde Vorsprung“, bat Lachlan, ohne Liny aus den Armen zu lassen. „Islay, du fährst uns, wo ist dein Wagen?“

Es sirrte ziemlich schrill in meinen Ohren.

„Was?“, entwich es mir entsetzt. Ich zog an Linys Arm. „Okay, das ist normal, nennen wir es Hochzeitskoller, aber jetzt alles platzenzulassen, wegen dummer Angst, ist doch idiotisch!“

„Du willst abhauen? Fein, dann heirate ich deine perfekte Braut, schlimmer als mit Cheyenne kann es auch nicht laufen.“

Lachlan verunglimpfte ihn und setzte eine Warnung hintendran, besser einen großen Abstand von Carolina zu halten.

„Entscheide dich, bràthair, willst du sie oder nicht. Unsere Familie wartet darauf, dass du eine bessere Wahl triffst, als ich.“

Ian war keine Hilfe, aber so weit war ich heute bereits gewesen. Wenn die Hochzeit nicht den Bach runtergehen sollte, musste ich nun schnell für Beruhigung sorgen. „Lachlan, Liny ist manchmal etwas stürmisch und unbedacht, aber herrje, sagtest du nicht, dass du sie liebst? Dass du sie glücklich machen willst? Dann tu es auch. Verdammt, ja es ist eine beängstigende Angelegenheit, aber ihr wart euch doch so sicher!“ Ich rang die Hände und mein Hirn gleich mit. Was konnte ich sagen, damit er zur Vernunft kam? Verflixt, damit hatte ich einfach nicht gerechnet, alles schien so perfekt bei ihnen zu laufen, warum kam der große Knall ausgerechnet fünf Minuten vor der Trauung? „Liny ist kein schlechter Mensch und sie liebt dich aufrichtig. Meinungsverschiedenheiten …“

„Ms“, unterbrach Islay mich und räusperte sich unter meinem irritierten Blick erst einmal. Ms. Wie unpersönlich und distanziert war das denn? „Ich glaube, die wollen zusammen weg. Gretna Green, nehme ich an.“

Ich konnte mir nicht helfen, mir klappte der Mund auf, merkte es und konnte doch lange Sekunden nichts an meinem sicherlich dämlichen Gesichtsausdruck ändern. Ian brach erneut in Gelächter aus und Monika wusste nichts damit anzufangen. Sie sah ratlos in die Runde.

„Du heiratest, Mann!“, japste Ian. „Alles ist vorbereitet, die Familie ist d´accord und anwesend und du willst durchbrennen und deine Braut in Gretna Green heiraten? Du bist etwas zu versessen auf die Vergangenheit, weißt du das?“ Er schlug Lachlan auf die Schulter. „Komm, lass den Quatsch und lass uns màthair beruhigen, sie läuft bereits Amok, weil es zu einigen Minuten Verspätung kam.“

„Nein. Liny möchte lieber fahren.“ Er küsste die Stirn seiner Braut, die völlig selbstvergessen in seinen Armen kuschelte, als ginge sie die Diskussion gar nichts an. „Also verschieben wir es.“

„Ich will gar nichts verschieben! Lachlan, mir ist alles völlig egal, Hauptsache, ich habe mich nicht umsonst in dieses Kleid gezwängt. Das ist Folter, weißt du.“

Er schob mich ein Stück weiter von sich, um sie einen langen Moment anzusehen. „Du bist wunderschön, Carolina.“

Oh Mann, schön, sollte er Liny bewundern, aber das war doch nun wirklich nicht Priorität!

„Dann hat sich das ja gelohnt.“

Er grinste. „Wie wollen wir es durchziehen? Aufregend oder klassisch?“

„Klassisch“, beschied ich schnell, um das ganze abzukürzen, und bekam Zustimmung von Monika und Ian.

„Na ja, ich bin für aufregend.“ Islay korrigierte sich schnell unter meinem feurigen Blick. „Natürlich klassisch.“

Mann, was war der für ein Kindskopf?

„So, da das geklärt ist“, griff ich auf, damit sich niemand mehr umentschied und mein Zeitplan nicht völlig den Bach runterging, und lächelte dabei in die Runde. „Mr Campbell, sorgen Sie doch dafür, dass der Bräutigam, wie es sich gehört, am Altar auf die Braut wartet.“

Islay trat vor, aber Lachlan behielt Liny seelenruhig im Arm und wiederholte seine Frage. „Wie möchtest du zu Lady McDermitt werden?“

Ich warnte Liny innerlich, keinen Unsinn anzustellen und machte mich bereit, es auch verbal zu formulieren – höflicher.

„Du hast dir viel Mühe gegeben, nicht wahr? Und es ist dir bestimmt nicht leichtgefallen, den Garten zu öffnen.“

„Sie kennt dich zu gut, Kenny!“, unkte Ian.

„Wir bleiben und haben einen wundervollen Tag, einverstanden? Ach, und sollten wir Schafe in unserem Schlafzimmer vorfinden …“ Sie warf Islay einen warnenden Blick zu. „Wird uns bestimmt die passende Reaktion darauf einfallen, meinst du nicht?“

Lachlan grinste und es schien, als hätten sie alles um sich herum vergessen. „Als wären wir das nicht gewohnt.“

Ich entließ angespannt den angehaltenen Atem. Waren wir an der Klippe gerade noch drumherum geschippert? Keine Fluchtgedanken mehr? Manchmal kam ich nicht ganz hinterher, bei Linys Meinungsumschwüngen und gerade in dieser Situation war es nicht ratsam, die Zügel aus der Hand zu geben.

Ian feixte, als er sich zu mir beugte. „Ein lustiges Paar, was? Man weiß nie, was sie sich nun wieder einfallen lassen, um uns alle zu verblüffen.“

Er lenkte mich ab, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, in der ich ihm seufzend beipflichtete. Dann setzte ich dem Geturtel ein Ende. „Mr Campbell, seien Sie so gut und übernehmen nun Ihren Posten?“ Genaugenommen den Bräutigam, aber das wusste er auch so. Allerdings setzte er sich zwar in Bewegung, blieb dann aber neben den Turteltauben stehen, und sah sich um wie Falschgeld.

„Liny, die Gäste warten. Wenn es dir recht ist, machen wir jetzt weiter.“ Im Gegensatz zu Islay hatte ich keine Probleme damit, dem Paar auch physisch nahezukommen. Ich wrang Liny aus Lachlans Umarmung und schob sie eher grob dem Trauzeugen zu. „Mr Campbell …“

Ich bekam Lachlans Begleitung. Ich war schließlich nicht bloß die Planerin des Events, sondern auch noch erste Brautjungfer und Trauzeugin. Damit war ich verflixt tief in diese Geschichte involviert und konnte gar nicht alles stehen- und liegenlassen, wie George es von mir verlangte. Schnell schob ich den unerfreulichen Gedanken beiseite. Es konnte noch so viel schiefgehen, als dass ich mich ablenken lassen durfte. Mein Handy schwieg und ich hoffte, es bedeutete, dass keine weiteren Katastrophen auf mich warteten. Lachlan führte mich vor der Gruppe Richtung geheimen Garten, Liny und Islay folgten, während Monika und Ian die Nachhut bildeten.

„Mann, kannst du bitte aufhören, mir das Leben extra schwer zu machen? Durchbrennen! Jetzt!“

Kapitel 2

Eine etwas andere Trauung

Ich wusste, wie es weiterginge, und war doch überrascht, als die Dudelsäcke zu spielen begannen. Es war ein majestätischer Klang, der durch die Szenerie noch unterstrichen wurde. Aufgereiht an beiden Seiten des Hauptweges, der einen Kreis durch den sonst verschlossenen Garten von Farquhar zog, standen kräftige Männer in Tartan und einer Backpipe und spielten gemeinsam eine gewaltige Melodie. Es war ohrenbetäubend, ja, aber ebenso herrlich, durch das Spalier zu schreiten. Hinter Ian und Monika schlossen sich die Männer an und folgten uns in einer lauten Prozession. Der ummauerte, geheime Garten umfasste einige urige Bäume, Rosenbeete und einen romantischen, kleinen See. Er war bedeutend kleiner als er wirkte, denn während wir langsam dem Weg folgten, erschien es wie eine abgeschiedene Welt und man konnte nachvollziehen, warum es so in Lachlans Interesse lag, diesen Ort zu schützen. Er hatte etwas. Vielleicht nichts Magisches, wie Liny immer behauptete, aber er hatte Charme.

Maximal zwei Minuten bis zum kleinen See, an dem die Trauung vollzogen werden sollte, genug Zeit, Lachlan noch einmal ins Gewissen zu reden. „Sie bemüht sich, perfekt zu sein.“

Lachlans durchdringender Blick legte sich mit einer Irritation auf mich, die mich fast zum Verstummen brachte. „Sie ist perfekt.“

„Sie …“

„Sina, Carolina bemüht sich, aber nicht um Perfektion, sondern, um den Erwartungen meiner Eltern gerecht zu werden. Dessen bin ich mir bewusst. Meine Eltern wollen keinen zweiten Eklat, wie bei Ian. Sie haben genug von seinen Sperenzchen, legen ihm Daumenschrauben an und versuchen es zugleich auch bei mir. Sie werden schon einsehen, dass Carolina nicht Cheyenne ist. Da fällt mir ein, gegenüber meinen Eltern sprichst du bitte nicht von Liny. Sie meinen, es sei gewöhnlich und meiner Gattin nicht angemessen.“ Er verzog das Gesicht. „Sorry, aber das Zugeständnis war nötig, um zumindest die Abwehr zu überbrücken.“

Er legte seine Hand auf meine. „In meinen Augen ist Carolina perfekt, wie sie ist.“

Bisher hatte ich Islays Worte einfach abgetan, aber jetzt bekam ich doch das Gefühl, er könne richtig liegen. „Du wolltest mit ihr durchbrennen?“

Er zuckte die massigen Schultern. „Das hier ist genau, was ich verabscheue. Das Aufgebot, das Gedränge, das Einmischen Dutzender in Belange, die sie nichts angehen, die Öffentlichkeit, die ständige Bewertung. Carolina weiß das, deswegen hat sie es wohl vorgeschlagen.“

Ich lachte auf, ungewollt, aber es brach aus purer Erleichterung aus mir heraus. Die beiden waren das verschrobenste Paar, das ich je gekannt hatte und sowas von widersprüchlich, weil beide anders als erwartet agierten, wenn sie der Meinung waren, der jeweils andere wünsche es so. Das wirklich Merkwürdige: Es funktionierte.

„Aber du hast dir doch so viel Mühe gegeben, alles geheim zu halten und diese Überraschung zu planen.“

„Ich war mir aber nie sicher, ob es ihr auch gefallen würde. Ich habe immer noch das Gefühl, dass es den Ort entweiht.“ Er brummte die Worte mit einem düsteren Blick.

„Ich finde es urromantisch und ich bin mir sicher, sie weiß die Geste zu schätzen.“ Das hatte ich ihm jedes Mal versichert, wenn er Zweifel bekam und wie immer murmelte er eine Zustimmung und seufzte.

Der kleine See kam in Sicht und mir stockte der Atem. Eine Art Steg war über den vorderen Teil errichtet worden, auf dem der Geistliche mit roten Wangen und auf den Fußballen wippend, bereits auf das Brautpaar wartete. Er war klein, rundlich und erstaunlich heiter, selbst für ein so freudiges Ereignis. Lachlan beherrschte sich, obwohl er deutlich schneller voranschritt und ungeduldige Blicke zurück zu seiner Braut warf. Wir befanden uns auf dem Steg wie auf dem Präsentierteller und wurden auch bereits kräftig mit Blitzlicht beschossen, obwohl die allgemeine Anweisung hieß, das Fotografieren auf das Notwendige zu beschränken. Schließlich kannte ich Lachlans Phobie und war auch hautnah Zeuge gewesen, wie Paparazzi einem das Leben vermiesen konnten. Einst hatte einer dieser Haie ein anzügliches Bild von Lachlan und Liny in Flagranti geschossen und es in der Sun, dem bekanntesten britischen Klatschblatt, veröffentlicht. George war wutschnaubend aufgetaucht und hatte Liny eiskalt rausgeschmissen. Allerdings war ein anderes Detail damals wichtiger gewesen: Die Verwechslung der Zwillinge. Die Sun hatte behauptet, Liny hätte den zukünftigen Bräutigam Ian verführt, was dessen damalige Verlobte Cheyenne auf den Plan gerufen hatte. Das Chaos war perfekt gewesen, weil Liny in ihrem abgrundtiefen Schock, so von Lachlan hintergangen worden zu sein, abreiste und von Lachlan nichts mehr hatte hören wollen. Es genügte wohl zu sagen, dass Paparazzi, Fotografen und Reporter auf dieser Hochzeit daher nicht gern gesehen waren. Weshalb die von mir beauftragten Hochzeitsfotografen die strikte Anweisung hatten, sich zurückzuhalten und es nicht zu übertreiben. Sie waren jetzt die einzigen, die etwas auf diese Anweisung gaben und reagierten verwirrt. Ich gab ihnen einen unauffälligen Wink, und zumindest einer von ihnen verstand es und hob die Kamera. Lachlan atmete tief ein und drehte sich um. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich eigentlich auf die andere Seite des Brautpaares musste, aber ich wollte den Fotografen nicht im Weg stehen. Ich brauchte perfekte Bilder für die Dankeskarten und gerade dieser Moment schien dafür besonders geeignet. Beide strahlten sich an, als wären sie soeben vermählt worden.

„Ms. Ms!“, zischte Islay und bedeutete mir wenig unauffällig mit ihm den Platz zu tauschen, was ich noch einen Moment länger ignorieren wollte, um möglichst viele Bilder vom Brautpaar zu ermöglichen. Romantische Aufnahmen zum Dahinschmelzen.

Islay griff nach mir und zog mich mit einem Ruck zu sich. So unerwartet, wie es war, ließ es mich torkeln und ich landete in seinen Armen. Einen Augenblick hing ich an ihm, an seiner Brust, spürte den weichen Stoff seines Tartans an meiner Wange und das Stechen der Clansbrosche – einem distelumkränzten Schwert – noch dazu. Ich atmete seinen männlichen Duft ein und spürte die Hitze seines Körpers und seine Kraft.

Mein erster Gedanke war daher kein Entrüsten, sondern ging in die völlig andere Richtung: Uiuiui.

Er drehte uns in Position und schob mich von sich.  Schade, denn allein wie er sich anfühlte, ließ meine Knie beben und ich wäre gerne geblieben, wo ich war. Dumm nur, dass ich mich gleichzeitig schlecht fühlte, weil ich so offensichtlich Interesse an einem anderen Mann als George hatte und zudem der Gedanke in meinem Kopf herumschwirrte, dass es richtig unprofessionell wäre, auf einer von mir ausgerichteten Hochzeit etwas mit einem der Trauzeugen anzufangen.

Gut, das mit George war Geschichte. Es war vorbei. Eigentlich war da nie etwas Echtes gewesen. Ich hatte mir da etwas eingebildet, hatte mehr hineininterpretiert, als je da gewesen war. Es war dämlich, an einer Illusion festzuhalten, wenn nicht einmal das Herz noch dran hing. Und eigentlich, wenn ich es diskret anstellte …

Als Islay mich nun von sich schob, hielt ich mich eigenständig aufrecht, abgelenkt von meinen Gedanken, und damit abgelenkt von ihm und meiner körperlichen Reaktion auf ihn.

Ian brachte Lachlan dazu, Liny loszulassen und sich dem Geistlichen zuzuwenden. Zumindest annähernd, denn sie sahen sich immer noch an, grinsend, nahezu strahlend und irgendwie fesselte es auch mich. So viele Hochzeiten ich auch schon ausgerichtet hatte, diesen Blick sah man selten. Diesen völlig ineinander versunkenen Blick. Ein Seufzen schlich sich unbemerkt über meine Lippen, so ergriffen war ich von dem Anblick. Gleichzeitig blutete mein Herz. So sehr ich es ihr gönnte, fragte ich mich, warum niemand mich so ansah und ich niemanden so ansehen konnte.

Monika seufzte übertrieben laut. „Wie romantisch!“

Zumindest riss mich das von dem Anblick der Beiden los. Ich drehte mich und gab dem Priester einen Wink. Wir sollten es vorantreiben, bevor die Braut mehr verlor als ihre Schuhe.

Der Priester hob in der Landessprache an, die Zeremonie zu beginnen und sorgte für plötzliche Stille. Selbst das Blitzlicht stoppte. Lachlan ergriff Linys Hand und hob sie dem Geistlichen entgegen, der ein goldenes Band hervorholte und es mit tragenden Worten um die vereinten Hände wickelte. Handfasting. Ich hatte recherchiert, wusste, dass es ein verbreiteter, keltischer Brauch war und häufig in Kombination mit dem christlichen Segen zelebriert wurde. Verstehen konnte ich von der Rede nichts und es ging nicht nur mir so. Monika brummte immer mal wieder, dass es nie ein Ende fände. Ich lauschte dem fremdländischen Klang der Worte, schloss die Augen, um mich mitreißen zu lassen. Es war fast eine Art Singsang, rutschte für meine Ohren ab ins Lallen. Ich riss die Augen auf und musterte den Geistlichen. Rote Nase, geplatzte Petechien in den Augen und leicht schwankend. Er war betrunken!

Mein Herzschlag stockte. Er ruinierte alles! Wie konnte man so verdammt verantwortungslos sein und sich vor der Arbeit volllaufen lassen? Noch viel schlimmer: die Hochzeitsplanerin hatte das nicht verhindert!

Ich warf einen nervösen Blick auf das Brautpaar, das sich immer noch einträchtig ansah. Sie bemerkten es gar nicht. Okay, Schadensbegrenzung. Alles war gut, solange die Sache halbwegs rund über die Bühne ging. Oh mein Gott!

Schön, ich hatte mir zu viel vorgenommen und zu wenig Hilfe. Ich konnte nicht an allen Orten gleichzeitig sein und sowohl die Braut beruhigen und begleiten, als auch den Pastor begrüßen und alles drei Mal checken. Ich war darauf angewiesen, dass meine Unterstützer ihren Teil beitrugen, aber offenbar war niemandem aufgefallen, dass dieser Mann nicht mehr in der Lage war, die Trauung zu vollziehen! Mein Herz pochte zum Zerspringen und auch ich begann vor mich herzumurmeln: „Lass es schnell vorbei sein. Lass es bloß schnell vorbei sein!“ Aber es hielt an und an und wollte einfach nicht enden. Mein Handy machte mich auf weitere Krisengebiete aufmerksam und ich schwankte von abgehetzter Suche nach Lösungen und kaltem Entsetzen, dass alles in einem bösen Knall endete. Mein Schuh begann zu drücken und ich stieg unauffällig aus ihm heraus, damit er mich nicht ablenkte und nur Kauderwelsch in meinen Nachrichten stand. Endlich ergriff Lachlan das Wort: „Tha mise Lachlan Kendrick McDermitt a-nis ´gad ghabhail-sa Carolina Hildebrecht gu bhith ´nam chéile phòsda.“ Ich, Lachlan Kendrick McDermitt, nehme hiermit Dich, Carolina Hildebrecht, zu meiner Ehefrau.

Ich starrte ihn an, es war abgesprochen, dass zumindest das Ehegelübde auf Englisch gesprochen wurde, sodass auch die nicht-gälische Verwandtschaft wusste, was gerade vor sich ging. Soviel zu Absprachen!

„Ann am fianais Dhé`s na tha seo de fhianaisean tha mise a`gealltainn a bhith´nam fhear pòsda dhileas gràdhach agus tairis dhuitsa, cho fad´s a bhios an dithis againn beò.“ In der Gegenwart Gottes und vor all den Zeugen, gelobe ich, Dir ein liebevoller, treuer und loyaler Ehemann zu sein, bis das der Tod uns scheidet.

Die Pause, die eintrat, war getragen von dutzendem einbehaltenem Atem.

Liny lächelte, atmete tief durch und machte ihren Schwur: „Tha mise Carolina Hildebrecht a-nis ´gad ghabhail-sa Lachlan Kendrick McDermitt gu bhith ´nam chéile pòsda.“ Ich, Carolina Hildebrecht, nehme hier mit dich, Lachlan Kendrick McDermitt, zu meinem Ehemann. „Ann am fianais Dhé`s na tha seo de fhianaisean tha mise a`gealltainn a bhith´nam bhean phòsda dhileas ghràdhach agus thairis dhuitsa, cho fad´s a bhios an dithis againn beò.“ In der Gegenwart Gottes und vor all den Zeugen, gelobe ich, Dir eine liebevolle, treue und loyale Ehefrau zu sein, bis dass der Tod uns scheidet.

Alle Augen waren auf Lachlan und Liny gerichtet, auch meine, allerdings wurde ich zunehmen unruhig. Sie war fertig, oder nicht? Warum ging es dann nicht weiter? Ein schneller Blick zum Geistlichen bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Der Priester hatte die Augen geschlossen und schwankte leicht. Eingeschlafen?

Ich unterdrückte gerade noch einen Aufschrei. Ich war zu weit entfernt, um ihn anzustoßen, oder anzusprechen. Islay stand wesentlich günstiger und konnte es viel unauffälliger tun, aber er wich meinem Blick aus. Verflixt!

„Mr Campbell“, zischte ich, aber er reagierte nicht. Ich versuchte es, mit einem lauten Räuspern, aber auch das erbrachte nicht den gewünschten Effekt. Islay hörte mich nicht. Die Stille wurde langsam unangenehm – mir zumindest – und ich sah mich gezwungen zu handeln. Zunächst jedoch stolperte ich über meine ausgezogenen Schuhe. Ich fing mich gerade noch und stand mit hochrotem Kopf vor dem Priester, der tatsächlich leise schnarchte. „Pst!“

„Ms Conrad! Was machen Sie denn?“ Islay zog mich von dem Priester fort.

„Er schläft!“, zischte ich. „Er muss doch …“

Der Geistliche unterbrach mich, indem er in die Hände klatschte. Islay zog mich zu sich, um den Weg freizuräumen, denn der Priester trat vor, legte seine Hände auf und unter die verbundenen Hände von Lachlan und Liny und hob erneut zu einer langen gälischen Litanei an.

„Er ist betrunken“, flüsterte ich und wurde erneut nicht gehört – oder ignoriert? „Wann ist es endlich zu Ende? Verdammt, es war eine Stunde veranschlagt, nicht …“ Hinter mir jubelte die Menge und ich drehte mich überrascht um. Liny lag in Lachlans Armen und wurde stürmisch geküsst. Rosenblätter flogen und gingen auch auf mich und Islay nieder. Romantisch und viel schöner, als der traditionelle Reis.

„Ich präsentiere Mr und Mrs McDermitt!“, rief Ian und sorgte für neuen Jubel.

„Ruinieren Sie nicht alles“, wisperte Islay in mein Ohr, aber es kam gar nicht richtig bei mir an. Der Hauch seines Atems kribbelte auf meiner Haut und bewirkte ein recht bekanntes Gefühl an einer Stelle, die ich nun nicht näher beachten wollte. „Daingead, Sie gackern herum, wie ein aufgescheuchtes Huhn!“

Wie ungerecht. Ich streckte die Schultern und sah ihm fest in die Augen. „Der Priester ist betrunken“, stellte ich erneut, dieses Mal im neutralem, sachlichen Ton fest. „Er ruiniert die Feier.“

Islay schnaubte. „Natürlich ist er betrunken, er hat mit so vielen Gästen wie möglich auf das Glück des Brautpaares angestoßen. Ein alter Familienbrauch und wenn er während der Feier einschläft, sagt es eine lebenslange Verbindung voraus.“

Das war der widersinnigste Brauch, von dem ich je gehört hatte.

Islay griff nach meiner Hand und legte sie sich auf den Unterarm, um Lachlan und Liny zu folgen, die ihre Prozession zum Festzelt antraten. Meine Schuhe blieben zurück und ich zerrte an meinem Arm. „Moment, meine Schuhe …“

„Die Braut ist barfuß, dann brauchen Sie Ihre auch nicht. Tradition.“ Er zog mich stur weiter, damit wir unseren Platz als zweites Paar nach Braut und Bräutigam nicht verloren, während wir durch den kleinen Garten zurück zum Tor gingen. Die Dudelsäcke ertönten wieder und erübrigten jeden weiteren Einwand – ich konnte die Musik ohnehin nicht übertönen.

Am Tor, das sonst den kleinen, geheimen Garten vor unerlaubtem Besuch abschottete, übergab Islay Lachlan einen kleinen Sack mit Klimpergeld, das der Bräutigam leerte. Münzen flogen durch die Luft und Kinder, die offenbar nur auf diesen Moment gewartet hatten, stoben hervor und wuselten vor ihren Füßen herum.

„Verspricht dem Brautpaar Reichtum“, murrte Islay an meiner Seite und schob mich weiter. Die Kutsche wartete, die uns zum Festzelt bringen sollte, das einige Meilen entfernt aufgebaut worden war, damit Liny es nicht zu früh bemerkte. Lachlan hatte es mit den Überraschungen übertrieben, aber meine Meinung dazu hatte ich bereits kundgetan und war ignoriert worden.

Ich half Liny den Schleier zu verstauen und setzte mich ihr gegenüber. „Bekommst du Luft?“

„Vielleicht möchtest du dich umziehen?“, griff Lachlan das Thema auf und drehte sich besorgt seiner Braut zu, die tatsächlich etwas durch dem Wind wirkte. Aber sie schüttelte den Kopf.

„Ich bin überwältigt, aber ich werde mein Hochzeitskleid sicher nicht vor Ende der Feier ausziehen!“ Demonstrativ atmete sie tief ein. „Geht.“

„Ist das Kleid zu eng? Warum bestellt man kein passendes? Sicher hätte es auch größer toll ausgesehen.“ Islay konnte von Glück reden, dass er Liny nicht vor zwei Jahren durch die Blume gesagt hatte, sie sei fett. Damals hätte er das nicht überlebt. Heute schoss Liny lediglich Farbe ins Gesicht und sie wechselte einen scheuen Blick mit ihrem Bräutigam.

„Du siehst einfach hinreißend aus, a graidh“, versicherte er. „Und solltest du das Bewusstsein verlieren …“ Sein Grinsen wurde zweideutig und überstrahlte mühelos seinen sonst so düsteren Eindruck. In solchen Momenten war er seinem Filou-Bruder Ian verdammt ähnlich. „ … können wir uns wenigstens zurückziehen.“

Liny seufzte. „Hm, verführerisch, aber wohl nicht machbar.“

„Du bist mir Eine." Zwar war ich durchaus amüsiert, aber das Unverständnis überwog. Allerdings war das bei uns so üblich. Wenn ich etwas nicht verstand, dann Caroline Hildebrecht, aber das hatte unsere Freundschaft nie getrübt. Ich mochte wohl verschrobene Menschen, kam mit schwierigen Charakteren deutlich besser zurecht, als viele andere.

Wieder seufzte die Braut. „Ich werde brav mitspielen, Sina. Bei all der Mühe, die du mit mir hattest.“

Ich wechselte einen Blick mit Lachlan, der sich der Geste seiner Frischanvermählten bediente und ihre Finger ergriff, um die Eröffnung selbst zu machen. „Also, eigentlich war sie eine Finte.“

Vielleicht nicht der richtige Moment für eine Beichte, zumal bei einem explosiven Menschen wie Liny. Allerdings überraschte sie mich einmal mehr. Sie lachte. „Ich hoffe, sie wurde gut dafür bezahlt, mich zum Narren zu halten, denn sie war spitzenmäßig!“

So ganz stimmte seine Feststellung zwar nicht, aber ich wollte mal nicht kleinlich sein. Mein Telefon riss mich aus dem Moment, obwohl ich auf das Geplänkel abgelenkt einging.

 „Süße, so etwas mache ich unentgeltlich. Dein Gesicht zu sehen, wenn du hinter die Finte kommst, ist einfach zu köstlich – in der Regel. Was hast du genommen, dass du es so locker nimmst?“

Zusätzliches Personal war eingetroffen und wartete auf Anweisung. Erleichtert gab ich die Führung selbiger an Mrs McCollum, der Haushälterin Farquhars weiter. Sie wusste am besten, wo Not am Mann war und ich befand mich nicht einmal in der Nähe des Geschehens.

Islay an meiner Seite grollte etwas, da er aber in der Landessprache verblieb, musste ich mich darum nicht kümmern. Liny griff es auf, nachdem Lachlan den Cousin bereits gerügt hatte, auf seine Worte zu achten.

„Zum einen habe ich den Schafhirten geheiratet, Islay, und zum anderen ist sie meine absolut beste Freundin. Sie kennt mich in- und auswendig.“ Liny lächelte mich an. „Und gewöhnlich gehe ich nicht besonders gut mit Überraschungen um.“ Sie zwinkerte mir zu, als Zeichen unseres Verständnisses. „Um deine Frage zu beantworten: Wir haben die Hochzeitsnacht vorgezogen und deswegen bin ich ziemlich tiefenentspannt.“

Das war einfach zu putzig. Das Gelächter brach gleichzeitig aus uns heraus und wir beugten uns auch zur selben Zeit vor, um nach der Hand der anderen zu greifen.

„Das Rezept werde ich mir ausleihen müssen.“

„Gern, allerdings warne ich vor nicht verschriebenen … Maßnahmen.“ Liny grinste. „Und der Verwendung der falschen Komponente.“

„Wegen der Nebenwirkungen.“ Ich winkte ab. „No risk, no fun.“

„Sollte ich irgendwen vorwarnen?“, brummte Lachlan weniger amüsiert wie Liny und ich, aber er hatte auch jemand anderem im Blick als wir. „Dich vermutlich, Sina, Ian …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich stelle dir gerne passendere Kandidaten vor.“

„Danke, aber die Wahl treffe ich lieber selbst.“

Er seufzte tief. „Ich habe dich gewarnt. Da ist viel heiße Luft, aber leider wenig Substanz.“

Da ich sicher nicht auf Ian hereinfiele, fühlte ich mich sehr großmütig. „Ich bin mir sicher, dass du dich da irrst. Er ist bestimmt eine missverstandene Seele.“

„Wenn du meinst“, brummte er und beließ es dabei. Brüderliche Loyalität siegte eben über die Sorge für Freunde der Braut.

Linys Gelassenheit bekam erste Risse, als wir uns dem Festzelt näherten, auf dessen Wimpeln die Clanbanner im Wind wehten. „Sag mal, hast du das halbe Land eingeladen?“

Lachlan räusperte sich verlegen und drückte die Hand seiner Braut. „Also, die Auswahl der Gäste wurde schwierig.“

Islay an meiner Seite regte sich und ließ ein knappes Lachen verlauten.

„Es hört sich sehr weit hergeholt an, Carolina, aber für meine Eltern ist dies die Hochzeit ihres möglichen Erben.“

Das verwunderte nicht nur Liny, sondern auch mich. Ich war natürlich nicht sonderlich firm in den Erbangelegenheiten von schottischen Adligen, aber bisher war ich davon ausgegangen, sie seien ähnlich geregelt, wie in Deutschland – mit Ausnahme des Titels selbstredend.

„Ian ist der Erstgeborene“, hob Liny hervor und bat mit ihrem Blick um eine sofortige Versicherung. Lachlan wirkte eher zerknirscht. Noch mehr Lügen? Sie mochte derzeit friedlich wie ein Lamm sein, aber er sollte ihr Temperament besser nicht unterschätzen. Mann, selbst ich war verärgert und steckte schließlich nicht in ihren Schuhen.

„Ja, schon“, räumte er schließlich ein, schien aber noch etwas zurückzuhalten.

„Raus damit.“

„Ich sagte bereits, dass Ian nicht sonderlich …“ Er druckste herum.

„Ich wusste nicht, dass es da eine Wahl gibt.“ Dabei war mir der Gedanke, Babysitter bei einem zukünftigen Duke zu spielen, nicht ganz geheuer und offen gestanden erwartete ich, als Patin in Betracht gezogen zu werden, wenn es erst einmal soweit war. Tja, vielleicht bekamen sie nur Mädchen. Mir ging ein Licht auf. Vielleicht bekam Ian nur Mädchen und da war eine Art Backup sicher sinnvoll.

„Es ist keine Wahl.“ Lachlan rang sich endlich dazu durch, die Karten auf den Tisch zu legen. „Ian wird der Duke of Skye, sollte unser Vater sterben. Aber … nun, nur ein eheliches Kind kann ihn beerben und irgendwie zweifelt jeder daran, dass Ian ein solchen hervorbringt.“

Liny stöhnte gedehnt und sackte in die Polster, als die Kutsche vor dem großen Portal des Festzeltes angelangte. Haltung sah definitiv anders aus.

„Wird dir vielleicht schlecht? Schwindlig? Vielleicht solltest du dich ausruhen?“

Ich musste lachen, auch wenn Linys Blick Lachlans Hoffnungen bereits zerstörten. „Sorry, aber hier müsst ihr durch und Carolina, bevor die anderen Gäste eintreffen, solltest du dich noch kurz ausruhen!“ Sie sah durchaus aus, als wäre das alles bereits zu viel für sie, aber zumindest in dem Bereich hatte man mich angehört und einen kleinen Rückzugsort eingerichtet, in dem sich die Braut von den Strapazen erholen konnte – und nicht barbarisch ein Plumpsklo benutzen musste.

„Ich begleite euch.“

„Auf keinen Fall“, beschied ich fest und gab Islay einen Wink, endlich auszusteigen. „Mr Campbell?“ Er sah zu mir auf, war ich doch bei seiner Ansprache aufgestanden und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Ich sah ihm an, was er dachte: nicht ladylike. Ich blieb in der Haltung, schließlich wollte ich gar nicht den Eindruck erwecken, mehr zu sein, als ich war. Ich war stolz auf meine Herkunft, auch wenn sich unter meinen Ahnen keine Titelträger tummelten. Wir waren Bauern, Arbeiter und später Geschäftsleute und das durch die Bank. Meine Eltern betrieben zwei Handwerksunternehmen, ohne selbst Handwerker zu sein und hatten Erfolg, meine Großeltern besaßen zwei Lebensmittelläden in unserer Stadt. Ich war stolz auf sie und sah keinen Grund, mir einen anderen Hintergrund zu wünschen. Ich war, wer ich war. „Wir müssen aussteigen und so wie ich es sehe, machen Sie den Anfang.“

Die Kutsche geriet ins Schlingern, als er aufstand und mit dem Herabsehen war augenblicklich Essig. Er war einen guten Kopf größer als ich, tja, zumindest ohne meine Schuhe. Er sah grimmig auf mich nieder und machte keine Anstalten, das Gefährt zu verlassen. „Mr Campbell …“

„Eigentlich Lord …“

Er wurde ebenso unterbrochen, wie ich zuvor. „Islay“, beschied Lachlan. „Er ist übrigens ein kluges Kerlchen. Gut mit Zahlen und sucht noch nach einem Betätigungsfeld.“

Klang wie ein Vorstellungsgespräch. Ich schmunzelte und musterte Islay intensiv. Es trieb ihm dunkle Röte in die Wangen und übte wohl einen ungeheuren Fluchtreiz aus, denn er sprang fast hinaus. Liny zwinkerte mir zu, während Lachlan seinem Cousin folgte.

„Er ist allerdings eher zurückhaltend.“ Sie beugte sich vor, um mir weiter zuzuflüstern. „Scheint ein Spleen hier zu sein.“

„Du stellst mich mal wieder schlimmer hin, als ich bin, Liny.“ Ich hielt ihr Kleid, während sie ausstieg und dabei absichtlich in die Arme ihres Gatten fiel und ihn küsste.

„Noch mehr Überraschungen?“

„Mit denen wollte ich bis morgen warten“, gab er knirschend zu. „Aber eher schöne Überraschungen, keine Bösen. Glaube ich.“ Seine Miene wurde grimmig. „Hoffe ich.“

„Wir nehmen es, wie es kommt“, mischte ich mich ein und hakte mich bei Liny unter. „Wir beruhigen uns jetzt erst einmal und ihr begrüßt die Gäste.“

Islay klappte der Mund auf und widersprach: „Aber die Braut …“

„Braucht eine Auszeit.“

Er brach ab, nicht sicher, wie er reagieren sollte. Er tänzelte, suchte Lachlans Rat, dann Linys, bevor er sich geschlagen gab. „Vielleicht fällt es nicht auf. Kendrick, wir sollten hier warten, bis es Carolina wieder …“

„Und die Gäste allein lassen?“ Womöglich sollte ich mich nicht einmischen und es Lachlan überlassen, den Cousin auf Kurs zu bringen, aber er zuckte die Achseln, wollte sich wohl auch aus der Verantwortung stehlen. „Die Herren werden die Gäste begrüßen und die Braut entschuldigen. Ich denke, dass ihr zehn Minuten ohne weiblichen Schutz überstehen werdet.“ Damit schob ich Liny um das Zelt herum zum Hintereingang.

„Wenn ich dir einen Rat geben darf …“

„Soweit ist es schon gekommen?“, spaßte ich, schließlich war ich es allzu oft gewesen, die Liny mit guten Ratschlägen beiseite stand.

„Na ja, ich bin verheiratet, während du …“ Sie zuckte die Achseln und streckte mir dann die Zunge entgegen.

„Salz in die Wunde, was bist du für eine Freundin?“ Ich schob sie weiter bis zum Ottomanen. „Setz dich. Soll ich das Kleid etwas öffnen? Solange du den Schleier trägst, ist dein Rücken verdeckt, auch wenn wir die Korsage offenstehen ließen.“

„Hm. Was ist mit dem Schleiertanz? Dann stehe ich plötzlich nackt da.“

„Der was?“ Hörte sich arg orientalisch an, aber ich wusste natürlich, dass es in einigen Regionen Deutschlands und Osteuropas einen Brauch gab, bei dem der Schleier der Braut zerteilt wurde und diese Stücke die Brautjungfern bekamen. Diejenige mit dem größten Stück, so sagte man, wäre die nächste Braut. Also etwas ähnliches wie der Brautstraußwurf. „Ich bin wohl nicht umfassend informiert.“

„Oh, ich war selbst nicht sicher. Irgendwie ist sich da niemand so recht sicher. Die einen halten es für unabdingbar und dir nächsten halten es für Firlefanz.“ Liny seufzte. „Aber schaden kann es nicht, oder?“

„Wirfst du den Brautstrauß?“

„Er ist von Lachlan.“

Ich verdrehte die Augen. „Ich fange ihn und gebe ihn dir zurück.“

Sie lachte auf. „Mach die anderen ungebundenen Frauen nicht trübsinnig!“

„Warum? Ist es ein Fauxpas und bedeutet, dass keine von ihnen je vor dem Altar enden wird?“ Sie nahm ihr Glas Wasser entgegen und ließ sich widerstandslos die Füße hochlegen. Dabei sackte sie seufzend in die Kissen.

„Du verwöhnst mich.“

„Gehört sich so.“

Liny kicherte. „Islay ist noch zu jung, um zu heiraten. Solltest du den Strauß fangen und tatsächlich die Nächste sein, wäre es sehr traurig für die anderen Frauen und Mädchen. Besonders jene von ihnen, die schon länger in festen Händen sind und auf einen baldigen Antrag hoffen.“

So betrachtet. Ich setzte mich zu ihr. „Ich glaube, der junge Herr Lord Dingensbummens ist von mir nicht sonderlich angetan.“ Ich zwinkerte. „Er hat mir nicht einmal geholfen, aus der Kutsche zu steigen.“ Obwohl diese Verfehlung nicht einmal die Schlimmste bisherige war. Meine Beine streckend, wackelte ich mit den Zehen. „Und er hat mir meine Schuhe genommen.“

Liny stutze.

„Brauch hin oder her, das nehme ich ihm übel.“

„Du bist barfuß.“

„Du auch.“

„Hast du schon mal versucht, mit einem Sixpence im Pumps zu laufen?“

„Nein, aber einige Euros habe ich dort schon mitgeführt“, gab ich kichernd zu. „Allerdings Scheine, das muss ich eingestehen.“

„Ein absolut sicherer Ort, nur, wie bist du das Geld losgeworden? Jeder Barkeeper muss doch direkt umgekippt sein, als du damit bezahlen wolltest.“ Ein Kniff in ihre Wade ließ sie aufkreischen. „Du misshandelst die Braut!“

„Tja, irgendwer muss dir ja Benimm einbläuen.“ Ich ließ das Flachsen und schob ihre Beine wieder von der Sitzgelegenheit. „Also? Bereit?“

Ihre Augen wurden größer und das Glas in ihrer Hand begann zu beben. „Wie viele sind es?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Es waren siebzehn Wimpel … Er hat doch nicht wirklich halb Schottland eingeladen?“ Sie kam nur überaus zögerlich auf die Füße.

„Ich weiß es wirklich nicht, aber bei dem, was ich so mitbekommen habe, ist es eher ganz Schottland.“

Sie wurde blass. Schnell trat ich an ihre Seite, um sie zu stützen.

„Hey, ignoriere es. Du begrüßt, wen du kennst, bleibst in Lachlans Nähe, und wenn dir alles zu viel wird, hast du hier einen heimeligen Ort, um dich zurückzuziehen. Ich habe mein Handy dabei. Einmal durchklingeln und ich eile an deine Seite und beschütze dich vor dem Ansturm fremder Menschen.“ Ich zwinkerte, in der Hoffnung, meine Scherze ließen sie die Fassung wiedergewinnen. „Mach dir nicht so viele Gedanken.“

„Ich verstehe nur nicht, wie es so viele werden konnten, wenn wir doch die engste Familie geplant hatten.“

„Nun, wenn der Clan zur engsten Familie gehört und vier Geschwister in unterschiedliche Clans einheiraten …“ Der exponentielle Wachstum war doch offenkundig.

Liny stöhnte. „Danke, daran hättest du mich früher erinnern können. Seine Schwestern, nicht wahr?“

„Und Tanten. Wenn du zukünftig klein feiern möchtest, solltest du dich deutlicher ausdrücken und Namen nennen. Da kommt es natürlich zwangsläufig zu Ressentiments …“

„Toll.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und ich dachte, ich hätte mich optimal darauf vorbereitet, Lachlan zu heiraten.“

Ich schob sie sanft zum Saal. „In dem du Gälisch lernst?“ Lächerlich, und ich konnte meine Amüsiertheit auch nicht aus meiner Stimme heraushalten.

„In dem ich Gälisch lerne, mich anständig und gemessen benehme und aufhöre, meinen Launen die Oberhand zu lassen.“ Sie stöhnte herzzerreißend. „Sie werden mich hassen!“

„Ach was! Hör auf, ein Drama zu veranstalten und nimm dich jetzt noch für“, ich sah auf mein Handy, „mindestens acht Stunden zusammen.“

Ihr Blick war einfach köstlich.

Es war nicht schwer, den Bräutigam wiederzufinden. Zum einen, weil er ein eindrucksvoller Mann war – groß, breite Schultern, ebenholzschwarzes, wuscheliges Haar – und zum anderen, weil man uns den Weg freiräumte, sobald man uns entdeckte.

Lachlan atmete sichtbar erleichtert aus und nahm Liny in den Arm, um sie zu präsentieren. „Da ist meine Luckenbooth, ist sie nicht hinreißend?“

Ich ließ mich zurückfallen, schließlich war es Linys Tag und sie sollte im Mittelpunkt stehen – ob es ihr gefiel oder nicht. Leider kam ich nicht weit und trat jemanden auf den Fuß. Da ich augenblicklich aufgehoben und zur Seite gestellt wurde, was mit einem Brummen unterlegt war, wusste ich, wem ich auf die Zehen gestiegen war. Islay. Seine Hände brannten sich in meine Taille, als lägen sie direkt auf meiner Haut. Die Wirkung auf meine Standfestigkeit war beeindruckend. Meine Knie bebten.

„Verzeihung.“ Nicht, dass der Hauch zu hören wäre, schließlich konnte ich es kaum anständig formulieren. Es war irritierend. Merkwürdig. Unverständlich. Ich hatte genug Erfahrung mit Männern und der Liebe, um nicht jedem charmanten Horst zu verfallen, und Islay war alles andere als charmant. Eigentlich war er im Vergleich zu – sagen wir Ian – völlig uninteressant. Vom Alter, vom Aussehen, von der Art, wie er mit mir umging. Deswegen wunderte es mich, welche Wirkung er auf mich hatte. Rein physisch reagierte ich auf seine Nähe, auf seine Berührung.

„Sie haben eine Ewigkeit gebraucht.“

Ich hob den Blick, nicht sicher, wie ich auf seinen Anblick reagieren würde, wenn seine Berührung mich schon mitnahm, aber seine Miene war alles andere als zum Verlieben. Ich atmete langsam ein und entließ meinen Ärger mit meinem Atem. Nach zwei Wiederholungen schaffte ich es zu Lächeln. „Einige Minuten, Islay, keine Ewigkeit.“ Ich nutzte mit voller Absicht seinen Taufnamen und verbuchte einen Erfolg, sein Grimm legte sich und Erschrockenheit übernahm die Vorherrschaft in seiner Miene. Keinen Widerspruch gewöhnt? Ein kleiner verwöhnter Bengel? Zu anstrengend, ganz gleich wie weich meine Knie bei seiner Berührung wurden. Mal abgesehen davon, dass mich der ganze Heckmeck, den Liny in den letzten beiden Jahren hatte mitmachen müssen, nicht gerade anzog. Ich war keine Wilde, nur weil ich nicht adlig war. Ich fand weder an meinem Benehmen, meiner Wortwahl, noch an meinem Kleidungsstil etwas auszusetzen und fände es empörend, wenn man mich dahingehend beriete, wie es sich die Duchess bei Liny herausnahm. Sie könne kein weißes Kleid tragen, sie war schließlich keine Jungfrau, Farbe sei in Schottland Tradition. Nur gut, dass wir nicht nur die deutsche Tradition anführen konnten, sondern auch die britische, die mit Königin Viktoria eine berühmte Königin vorzuweisen hatte, die den Brauch in Weiß zu heiraten auf der Insel begründet hatte. Unnötig zu sagen, dass mich die Duchess nicht sonderlich sympathisch fand.

„Ah, da bist du ja!“, flötete Monika, Linys Schwester, und zerrte Ian mit sich. Ein zugegeben lustiges Bild, denn er sah alles andere als amüsiert aus. Eher mühsam beherrscht, wenn ich Lachlans Mimik als Vergleich nahm. „Puh, das war ja eine Tortur!“ Monika hing an Ian wie eine Klette. „Nur gut, dass mein Schwager ein so agiler Mann ist und so stark …“ Es fehlte nur noch, dass sie ihm in die Muskeln kniff. „Carolina ist schon zu beneiden, meinst du nicht?“

„Wegen Ian oder Lachlan?“

„Oh, bitte“, murrte Ian, sich aus dem Griff der schwangeren Schwägerin befreiend. „Können wir uns zumindest heute auf Kenny einigen? Es schaudert mir jedes Mal, wenn ich diesen Namen höre!“

„Seinen Taufnamen“, hob ich hervor, schließlich war es nicht das erste Mal, dass wir diese Diskussion führten, er kannte meine Meinung dazu und Linys deckte sich zur Abwechslung mit meiner. Lachlan hatte sich mit Lachlan vorgestellt, es war sein Taufname und nur weil der Rest seiner Familie ihn lieber mit seinem zweiten Rufnamen ansprach – Kendrick, beziehungsweise Kenny – war es kein Grund für uns, sich dem anzuschließen.

„Nur für heute? Du hast was gut bei mir“, stellte er in Aussicht, worauf ich gut verzichten konnte.

„Ich bleibe bei Lachlan, selbst wenn du mir die Kronjuwelen zu Füßen legst.“

Er stöhnte gedehnt. „Du bist eine harte Nuss, Sina, Süße.“

Islay räusperte sich. „Wir sollten unsere Plätze einnehmen.“

„Oh, das wäre herrlich! Ich muss gestehen, dass mich meine Füße umbringen.“ Sie präsentierte ihre in Peeptoepumps gezwängten Zehen und machte mich einigermaßen eifersüchtig. Kleine Steinchen gruben sich in meine nackten Fußballen, obwohl das riesige Zelt eigentlich auf einem der wenigen ebenen Flächen auf der Wiese aufgestellt war. War ich etwa die einzige, die gezwungen war, einen unverständlichen, gar unbekannten Brauch zu folgen?

„Zieh sie doch aus.“

„Oh, nein, nein. Meine Schuhe sind mir heilig. Weißt du, wie lange ich ein Paar gesucht habe, das mir passt?“ Monika lehnte sich an ihre unfreiwillige Stütze.

„Ungefähr so lange wie ich nach meinen.“ Eine bittere Feststellung, schließlich hatte ich keinen Schimmer, was aus meinem Paar geworden war.

„Passend?“ Islay starrte völlig fassungslos auf Monikas eingezwängte Zehen. „Sind Sie Aschenputtels Stiefschwester?“

Ian prustete. Ich war eher fassungslos. Nicht charmant war eine maßlose Untertreibung bei diesem Herren.

Monika ließ ihren Rock fallen. „Wir wollten uns setzen, nicht wahr?“ Sie zog Ian weiter, der immer noch lachte und ließ mich mit dem zu freundlichen, jungen Adligen allein.

„Ihr Frauen habt echt ein Problem.“

Wenn man mich fragte, hatte er eins, aber ich verkniff mir den Hinweis ebenso wie meinen leichten Groll. Monikas Füße passten tatsächlich nicht in die Schuhe, also hatte er immerhin recht, auch wenn es völlig daneben war, es auszusprechen – so verdammt plump.

„Sind Sie sich sicher, dass Carolina und Lachlan uns während der Vorstellung nicht brauchen werden?“ Die Brautjungfern hatten schließlich besondere Pflichten und die wollte ich um nichts in der Welt vernachlässigen.

„Wir haben die wichtigen Gäste bereits begrüßt.“ Schön zu hören, dass er nicht nur Frauen gegenüber keinen Takt wahrte. „Unser Tisch ist dort drüben.“ Er deutete in den großen Saal des Festzeltes auf einen Platz im Nirgendwo. Interessanterweise war die Platzverteilung völlig anders als erwartet. Zwar hatte ich keinen vollen Überblick, aber die Reihen Tische, die ich überblicken konnte, waren nicht in Gruppen oder im Kreis aufgestellt, sondern in geraden Linien. An jedem Ende standen livrierte Diener bereit und nahmen die Gäste in Empfang, um sie zu ihren Plätzen zu geleiten. Dass jeder sogleich den richtigen Anlaufpunkt fand, erklärte sich durch die Clanbanner, die von der Decke hingen. Damit hatte ich natürlich ein Problem, denn ich gehörte zu keinem Clan, und Monika und der Rest von Linys angereister Familie auch nicht. Auch ein zweiter Rundumblick ergab keine neuen Erkenntnisse. Ich bereute nun, diesen wichtigen Teil der Planung aus der Hand gegeben zu haben, aber gleich drei meiner Vorschläge waren von der Duchess abgeschmettert worden, weil sie den Rängen einzelner Anwesenden nicht gerecht wurden.

„Unser Tisch?“, griff ich also auf.

„Sie sind meine Begleitung und ich bin für Sie verantwortlich. Kommen Sie.“

„Sina.“

Er nahm es nicht auf, sondern strebte durch die Tischreihen, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Nun, er trug Schuhe, während ich in jedes Steinchen trat, das auf dem ursprünglich blank gewienerten Holzboden  herumlag!

Er setzte sich, seinen Tischnachbarn begrüßend, der zu mir aufsah, als ich neben Islay stehenblieb. Der ignorierte mich.

„Hálo.“

„Hallo.“ Ich streckte die Hand aus. „Sina Conrad, Brautjungfer und mit Islay bestraft.“ Gut, so machte ich mir ihn sicher nicht zum Freund, aber irgendwann war auch mein Vorrat an Geduld aufgebraucht. Ich schüttelte die Hand des Mannes, der zumindest aufstand und sich und seine weibliche Begleitung vorstellte. Cousins. Mairi und Don Campbell. Ich lächelte ihn an. „Wie nett, Sie kennenzulernen.“

„Ebenfalls. Sie sind aus Deutschland wie Carolina? Man hört es an Ihrem Akzent. Möchten Sie sich nicht setzen?“ Er kam um Islay herum und zog den Stuhl unter den Tisch hervor, um ihn mir ranzuschieben.

„Vielen Dank. Ja. Wir sind zusammen aufgewachsen.“ Best friends forever, auch wenn das forever einige Jahre durch die räumliche Entfernung zwischen uns gelitten hatte.

„Und dann verschlägt es sie gemeinsam in die schottische Wildnis.“

Das konnte ich selbstredend nicht so stehenlassen. „Eigentlich nach London. Was Carolina bewogen hat, sich hier zu verstecken, ist mir ein Rätsel.“ Ich grinste, damit ich nicht falsch verstanden wurde, schließlich hatte die Vorstellung etwas Wildromantisches. Du verliebst dich und verbringst dein Leben in absoluter Harmonie und Glückseligkeit in Abgeschiedenheit. Hm. Vielleicht war es auch langweilig.

Don lachte und Mairi fiel mit ein. „Nun, es liegt sicherlich nicht an Ken. Herrje, er ist so mürrisch wie ein altersschwacher Esel.“

Neben mir brummelte Islay etwas und ich wandte mich ihm zu, in der Annahme, er hätte etwas zur Unterhaltung beizutragen, aber er wiederholte sich nicht. Seine grünen Augen blitzten lediglich auf, als er mich kurz ansah.

„Oder an seinen schäbigen Schafen. Hast du das Untier gesehen, dass hinter der Hochzeitskutsche hergetrabt ist?“ Mairi schüttelte sich. „Kann er sich kein vernünftiges Hobby suchen? Hundezucht? Meinen Sie, Carolina könnte da auf ihn einwirken?“

Mit einem Schnalzen schüttelte ich den Kopf. „Ich fürchte, ihr gefällt das Ding mit den Schafen.“

„Tatsächlich?“

Da war ich mir ziemlich sicher.

Islay grollte etwas auf Gälisch, was ich ungemein freundlich fand, schließlich sollte ihm doch klar sein, dass ich ihn sehr wahrscheinlich nicht verstand. „Wie bitte?“, fragte ich also und sah ihm demonstrativ in die Augen. Er senkte den Blick und murmelte wieder etwas.

„Vergessen Sie es. Wer auch immer Sie neben ihn platziert hat, hat sich einen Spaß mit Ihnen erlaubt, Sina. Islay …“ Don musterte ihn spöttisch. „Ist schwierig.“

Offensichtlich. Ein weiteres Paar setzte sich zu uns an den Tisch und Mairi machte uns miteinander bekannt. Weitere Campbells, weitere Cousinen meines stummen Begleiters. Dru und Vic, beide in seinem Alter und überaus amüsiert, dass er eine Begleitung gestellt bekommen hatte. Na, das konnte sicher ein lustiger Abend werden.