Leseprobe Winterwunder mit Happy End

1. Perle und der 5er

Ich lasse die beschlagenen Seitenscheiben herunter. Sofort höre ich Marlon tönen.

„Perle, nein! Nicht den BMW …! Perle!“, brüllt er inbrünstig vom Balkon. Unsere Beziehung endet unromantisch und armselig. Dabei hätte ich es kommen sehen müssen. Jetzt, da sich die Realität auch mir offenbart hat, ist es, als lüfte sich gerade ein dichter Schleier. Zumindest gedanklich sehe ich klarer. Marlon und mich eint weit weniger, als ich mir in den letzten Monaten vorgemacht habe. Vor allem, was Treue und Ehrlichkeit angeht.

Meine Tränen aus Wut, Verzweiflung und Enttäuschung lassen alles um mich herum verschwimmen. Immer wieder wische ich mir hastig über die Augen. Ich habe nur einen Gedanken. Flucht! Weit weg von hier, ab nach Wien! Dort bin ich sicher. Ich will diesen Kerl nie wiedersehen. Enttäuschung und Scham sitzen tief. Ausgerechnet mir muss so etwas passieren, schon wieder. Dabei habe ich doch alles für diese Beziehung getan.

Neben eisigem Wind und riesigen Schneeflocken findet Marlons durchdringendes Gezeter weiterhin seinen Weg durch das offene Fenster ins Wageninnere. „Perle, bitte! Perle! Versteh doch, Mensch. Perle!“ Panisch wiederholt er sich, aber er wird mich nicht kleinkriegen.

„Nichts da, von wegen Perle!“ Ich presse meine Worte durch die zusammengebissenen Zähne, während ich mit der mir unbekannten Automatik seines Autos kämpfe. Dort, wo ich die Kupplung erwarte, tritt mein Fuß ins Leere. Das verunsichert mich, ich keuche. Hektisch und unbedacht trete ich nun mit dem rechten Fuß aufs Pedal. Der Motor heult auf, gleich im Anschluss heult Marlon.

„Um Gottes willen, was tust du denn? Steig sofort aus meinem Auto!“

Ich denke gar nicht daran, auszusteigen ‒ im Gegenteil. Entschlossen blicke ich in den Rückspiegel. Mein Haar ist durcheinander, aus meinem Zopf haben sich einige dunkle Strähnen gelöst, die mir nun ins Gesicht hängen. Die Wangen sind rot, die Stirn blass. Ich sehe aus wie die verheulte Version von Schneewittchen. Vom kreischenden Marlon, der sich aus dem Fenster im zweiten Stock der Skihütte lehnt, lasse ich mich jedoch nicht mehr beeindrucken. Hier mit ihm gemeinsam das Weihnachtsfest zu verbringen, romantisch den Jahreswechsel zu feiern, steht nicht mehr zur Debatte. Ich, Inga Perlinger, werde mich so wahr ich hier sitze, auf schnellstem Wege zu meinen Eltern begeben und das Fest der Liebe mit ihnen verbringen. So, wie es ursprünglich geplant war und wie es das einzig Richtige ist. Verzweifelt drücke ich nochmals auf alle verfügbaren Tasten. Dieses Auto muss sich doch endlich in Bewegung setzen lassen.

„Verdammt!“ Unter normalen Umständen bin ich eine gute Autofahrerin, es fehlt mir nur an der Erfahrung mit diesem speziellen Gefährt. Kein Wunder, Marlons Baby darf außer ihm niemand fahren. Gewöhnlich bin ich mit einem eigenen Auto unterwegs, einem Fiesta mit bescheidener Ausstattung und Schaltgetriebe. Ich wäre gern mit meinem kleinen Auto hierher in unseren Winterurlaub gefahren. Es ist wendiger, verbraucht weniger Benzin und passt auch in kleine Parklücken, aber Marlon hatte sich geweigert, in das „Auto für Arme“ zu steigen. Was selbstredend eine erbärmliche Einstellung ist, aber er bekommt sowieso immer, was er will. Wenn er selbst nicht ausreichend Überzeugungsarbeit leisten kann, instrumentalisiert er seine Freunde. Da wir Gepäck für drei Wochen mitnehmen mussten, überzeugte mich schließlich die Zweckmäßigkeit. Der Kofferraum des BMW ist nun mal größer.

Tja, Marlons Pech, denn jetzt werde ich mich mit seinem „Auto für Erwachsene“ auf den Weg machen und dieses Kapitel meines Lebens beenden.

Vor meinem inneren Auge tauchen wieder Giulietta und er in unserem Zimmer auf. Eng umschlungen und mit viel zu wenig Stoff zwischen ihren Körpern schiebt er ihr seine Zunge in den Hals. Ich schüttele mich und verziehe angewidert das Gesicht. Mir ist speiübel. Das Schlimmste daran ist, dass ich es bereits geahnt habe. Ich komme mir so dumm vor. Oft genug haben wir gestritten. Zuerst nur darüber, wie Marlon andere Frauen angesehen, ach was, abgecheckt und mit ihnen geflirtet hat.

„Hey, Babe! Ansehen wird doch wohl noch erlaubt sein. Keine Sorge, du kommst schon auf deine Kosten.“ Solche und ähnliche Selbstgefälligkeiten hat er dann von sich gegeben und mir eingeredet, dass ich übertreibe.

Als die Kontaktbeschränkungen strenger wurden, hing Giulietta verdächtig oft bei ihm rum, auch wenn sonst niemand da war.

„Hey, sie ist eine gute Freundin. Willst du sie über Wochen allein lassen? Wir haben doch nur uns. Perle, wir hängen nur ab. Was denkst du von mir? Dass ich meine Flamme und meinen besten Freund verarsche?“

Natürlich konnte ich nicht dagegen argumentieren. Diese Zeit war für uns alle schrecklich. Darum habe ich ihm vertraut und darum sind wir vier, Giulietta, Benedikt, Marlon und ich, auch noch gemeinsam in die Steiermark gefahren.

Wie herrlich bequem für ihn! Seit der Ankunft hingen Marlon und Giulietta aufeinander, haben blöde gekichert, sich Anzüglichkeiten an den Kopf geworfen und ständig die Nähe des anderen gesucht. Benedikt, Marlons bester Kumpel und Giuliettas Freund, stand genauso oft im Abseits wie ich. Ihn schien diese Situation allerdings weniger aufzuregen als mich. Erst letzte Nacht habe ich Marlon erneut darauf angesprochen, dass er sich zu gut mit Giulietta versteht. Aber er hat wieder alles abgestritten und mich schließlich eine hysterische Ziege genannt. Anschließend habe ich mich in meine Decke gekuschelt und so getan, als würde ich tief und fest schlafen, habe jedoch kein Auge zugemacht und den Fehler bei mir gesucht. Nachdem meine vorherige Beziehung auch nicht lange gehalten hatte und ich ebenfalls belogen wurde, nagten die Zweifel an mir. Das hatte ich Marlon bis dahin aber nicht erzählt.

Nach dem Frühstück wollte ich in unserem Zimmer mit ihm darüber reden und mich sogar entschuldigen, aber dieser Mistkerl hatte keine Entschuldigung verdient. Die ganze Zeit über hatte ich recht. Wie versteinert habe ich die beiden angesehen. Sie waren so sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig abzulecken, dass sie mich erst bemerkt haben, als ich meinen Koffer wütend aufs Bett geknallt habe, um meine Sachen zu packen.

Wieder beiße ich die Zähne aufeinander. Mein Kiefer schmerzt und ich schüttele den Kopf, um dieses Bild aus meinen Gedanken zu verjagen. Es gelingt leidlich und ich wische mir erneut fahrig die Tränen aus dem Gesicht. Es ist sinnlos, darüber nachzudenken. Ich sollte mich lieber darauf konzentrieren, endlich loszufahren.

Marlons 5er BMW ist sein Heiligtum, ich entehre es gerade, aber es ist mir gleich. Das ist schließlich das Mindeste, was der Mistkerl verdient hat. Ich atme durch und sammle mich ‒ irgendwie muss ich diese Karre endlich in Bewegung setzen.

„Perle, jetzt lass den Scheiß endlich! Verdammt, das kannst du nicht machen, der gehört mir! Du fährst viel zu schlecht …“ Marlons Stimme überschlägt sich und durch das Seitenfenster erblicke ich seine wild gestikulierende Silhouette. Er steht mittlerweile auf dem Balkon und setzt an, über die verzierte Brüstung aus Holz zu steigen. Will er etwa von da oben hinunterspringen? In den aufgetürmten Schnee vor dem Haus? Na von mir aus … Sein wildes Gehabe beeindruckt mich nicht im Geringsten. Nicht mehr ‒ glücklicherweise.

Noch einmal drücke ich einige Tasten und endlich, die elektronische Handbremse löst sich. Ich bewege den Automatikhebel mit mehr Kraft als nötig und im Display des ausladenden Armaturenbrettes erscheint ein großes D.

„Huch!“ Mit einem euphorischen Jauchzer verleihe ich meiner freudigen Überraschung Ausdruck. Geschafft!

Augenblicklich setzt sich der 5er in Bewegung. Erleichtert lache ich auf und unter die Tränen mischen sich Schneeflocken, die mein erhitztes Gesicht kühlen. Laut knirschend gibt der Schnee unter den breiten Reifen nach. Noch immer sind die Seitenscheiben hinuntergelassen, der Wind treibt mit jeder Sekunde federgroße Flocken zu mir hinein und dann durchbricht ein plötzliches, wolfsähnliches Heulen meinen Triumph. Leiderfüllt und voller Schmerz durchdringt es die Luft und erschüttert mich bis ins Mark.

„Neeeeeein!!!“ Marlons Stimme ist verzerrt, nicht wiederzuerkennen. Ich fühle einen nochmaligen Adrenalinschub und blicke in den Rückspiegel. Er ist wahrhaftig gesprungen. In seinem roten Weihnachtspullover steckt er mit beiden Beinen im Schneehaufen unterhalb des Balkons fest. Die Arme reckt er in die Höhe und ich wähne die Flasche Bier noch immer in seinen Händen. Mit festem Griff umklammere ich das Lenkrad. An ein Zurück ist nicht zu denken.

Der Wagen rollt. Schon nach wenigen Metern sind Marlons martialische Schreie und Flüche nicht mehr zu hören. Zwei Kurven geht es die schmale, von aufgetürmtem Schnee gesäumte Straße hinab. An der nächsten Ecke muss ich anhalten und mich für eine Richtung entscheiden.

Kein Auto weit und breit, ich tippe Wien ins Navigationsgerät. Nach wenigen Sekunden steht die Route fest, eine Fahrtzeit von knapp drei Stunden ist berechnet. Wunderbar, wenn nichts dazwischenkommt, bin ich noch vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel. Ich betätige den Knopf für die elektrischen Fensterheber. Sobald die Scheiben geschlossen sind, wird es wärmer im Auto.

Während das Radio spielt, verlasse ich mich kurz darauf nur noch auf die Technik. Es schneit so heftig, dass ich sowieso kein Straßenschild erkennen kann. Hochkonzentriert und mit beiden Händen umklammere ich das Lenkrad. Es ist schwer, das Auto in der Fahrspur oder dem, was ich noch davon erahnen kann, zu halten und gleichzeitig auf die Anweisungen des Navis zu achten.

Allmählich bemüht sich mein Kreislauf wieder in den Normalbetrieb. Meine Atmung verläuft ruhiger, ich habe aufgehört zu weinen, nur das Zittern in den Händen und Knien hält sich hartnäckig. Viel Rücksicht kann ich darauf im Moment jedoch nicht nehmen, denn das Fahren verlangt nach all meinen Sinnen. Die Straßen sind schmal und verschneit, links und rechts türmt sich die weiße Masse zu gewaltigen Bergen auf. Ich glaube, das Dorf bereits hinter mir gelassen zu haben, denn nun tauchen neben mir gewaltige Felswände auf, dann wieder erahne ich tiefe Abgründe hinter den Leitplanken und bin diesbezüglich froh, dass der Schnee die Sicht beeinträchtigt. Als ich nur einen Moment durchatme, passiert es …

Wie aus dem Nichts taucht ein schwarzes Auto im Gegenverkehr auf. Viel zu spät sehe ich es. Mit schreckgeweiteten Augen halte ich auf das Gefährt zu, die Sekunden werden unendlich lang. Ich gerate in Panik, schließe die Augen und ziehe in ahnungsloser Verzweiflung das Lenkrad nach rechts, um einen frontalen Zusammenstoß zu vermeiden. Es rumpelt unter dem Auto, mir stockt der Atem. Der Wagen neigt sich zur Seite. Alles passiert schnell und doch habe ich Zeit, die Bewegung des Autos zu studieren und mache mir schreckliche Gedanken über den zu erwartenden Absturz. Ich habe nur eins im Kopf: Ich will noch nicht sterben. Das soll nicht alles in meinem Leben gewesen sein. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich bereits im freien Fall auf direktem Weg zum Boden einer Schlucht. Doch dann stoppt der Wagen abrupt. Mit einer ungeahnten Heftigkeit werde ich nach vorn geworfen. Der Sicherheitsgurt hält mich mit Gewalt zurück. Er verhindert zwar, dass ich einen Satz nach vorn mache, verursacht aber einen reißenden Schmerz an meinem Schlüsselbein, sehr nah am Hals. Nichts rührt sich. Der Motor ist aus, aber das Radio spielt leise und ich öffne vorsichtig die Augen. Ich bin am Leben.

„Heiliges Kanonenrohr!“, entfährt es mir. Der vordere Teil des BMWs steckt in einem riesigen Haufen Schnee. Dahinter zeichnet sich trotz des dichten Schneegestöbers eine gewaltige und angsteinflößende Felswand ab.

Ich brauche einige Sekunden, um mich zu sammeln. Glücklicherweise ist mir die Bekanntschaft mit dem massiven Gestein erspart geblieben. Ich seufze halbwegs erleichtert über mein Glück im Unglück. Noch immer dudelt das Radio, dann lässt ein plötzlicher, ohrenbetäubender Knall mir beinahe das Herz in der Brust zerspringen. Mit nicht unwesentlicher Verzögerung löst der Beifahrer-Airbag aus und mir stockt der Atem, als plötzlich eine riesige weiße Blase neben mir auftaucht. Es raucht und staubt im Innenraum. Das weiße Pulver gerät mir in Mund und Nase, kratzt mich im Hals. Im Innenraum riecht es verbrannt. Kerzengerade, vor Schreck gelähmt, starre ich von meinem Sitz auf das so spontan erschienene weiße Luftkissen. Ich keuche und begreife in diesem Moment, dass ich nicht nach Wien weiterfahren kann. Mit einem inbrünstigen Schrei, der Marlons Gejammer auf die billigen Plätze verweist, mache ich meiner Verzweiflung Luft. Ich löse mich aus der Starre, winde meinen Arm unter dem immer noch blockierten Gurt hervor und schlage mit beiden Händen auf das erschlaffende Kissen ein. Es folgt ein lauter Schluchzer, dann flüstere ich nur noch: „Scheiße.“

Mit einem Ruck wird die Tür zu meiner Linken aufgerissen. Frische, kalte Luft strömt herein. Eine besorgte Männerstimme ruft außer Atem: „Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Sind Sie okay?“

Natürlich nicht! Sieht es etwa so aus, will ich antworten und aus dem Auto steigen, aber mein Körper versagt mir in jeglicher Hinsicht den Dienst. Stattdessen sacke ich kraftlos zusammen und breche in Tränen aus. Ich heule wie ein Schlosshund.

„Haben Sie Schmerzen, sind Sie verletzt?“, will der Fremde besorgt wissen. Ich schüttle kaum merklich den Kopf und bringe ein wimmerndes Nein zustande. Dieser Tag ist mit Abstand der schlimmste in meinem Leben. Ich will nach Hause, in mein Bett, mir die Decke über den Kopf ziehen und nicht vor Ostern wieder vor die Tür gehen.

„Sie müssen aussteigen“, höre ich seine unruhige, sorgenvolle Stimme und nicke vorsichtig, aber ich rühre mich nicht weiter.

„Warten Sie einen Augenblick, ich löse den Gurt und dann halten Sie sich an mir fest. Gemeinsam schaffen wir das.“ Plötzlich ist der Oberkörper des Fremden im Auto und dicht vor mir. Sein angenehm herbes Aftershave steigt mir in die Nase und ich schließe die Augen. Schon lässt der Druck des Sicherheitsgurtes nach. Mit sicherem, nicht zu festem Griff hilft er mir dabei, aus dem Auto zu steigen und kurz darauf habe ich wieder festen Boden unter meinen Puddingbeinen. Der Mann ist fast einen Kopf größer als ich und hält mich noch immer fest. Langsam führt er mich einige Schritte vom Auto weg, dorthin, wo sich die Straße erahnen lässt. Erst als wir stehen bleiben, wende ich mich ihm zu und sehe ihm zum ersten Mal ins Gesicht. Doch viel kann ich davon nicht erkennen. Der Wind treibt mir dicke weiße Flocken in die Augen und mein Retter trägt einen Kragen bis über die Nase, sodass ich nur seine Augenpartie erkennen kann. Er wirkt sportlich und ich vermute, dass er nicht viel älter ist als ich. Seine Brauen sind dunkel, die grünen Augen darunter, umrahmt von dunklen Wimpern, blicken mich forschend an. Sofort bin ich geflasht von dieser Farbe, kann nicht wegsehen. Ich starre ihn wie blöde an und kann nichts dagegen tun. Vielleicht ist das alles nicht echt, ich bin im Delirium und mein Gehirn spielt mir einen bösen Streich?

Reiß dich zusammen und höre vor allem erst einmal auf zu weinen, höre ich meine innere Stimme. Ich gebe mein Bestes, aber es gelingt mir nicht. Ein weiterer leidvoller Schluchzer bahnt sich seinen Weg, während ich wie hypnotisiert vor mich hinstarre.

„Wissen Sie, was passiert ist?“, fragt der Mann mich. Seine Stimme ist warm und einfühlsam. Der Wind weht seinen Duft zu mir herüber. Dieser angenehme Geruch versetzt mein Blut in eine seltsame, angenehme Aufregung, bringt mich ins Taumeln. Ich schließe meine Lider und nehme den Duft in mich auf. Dort wo mich seine Hände auf den Armen berühren, spüre ich wohlige Wärme. Erst als er mich sanft rüttelt, fokussiere ich mich wieder. Ich fühle ein leichtes Brennen über der Schulter, der Rest scheint unversehrt.

„Verstehen Sie mich?“ Mein Gegenüber versucht es erneut, spricht aber etwas lauter. „Wissen Sie, was passiert ist?“ Augenblicklich bin ich wieder bei mir. „Na klar, irgendein Idiot im schwarzen Wagen ist mir vors Auto gefahren und ich bin von der Straße abgekommen.“

Ich klinge wie ein trotziges Kind und sehe zum ersten Mal nach Marlons Auto. Bei dessen Anblick erschaudere ich und gerate wieder ins Wanken. Der Fremde lässt mich noch immer nicht los. Glücklicherweise.

„Na ja“, beginnt er sanft, „dieser Idiot bin zunächst einmal ich und leider muss ich zugeben, dass ich nicht mit Gegenverkehr gerechnet habe. Diese Straße darf aktuell nämlich nur in eine Richtung befahren werden und das ist nicht die, in der Sie unterwegs waren.“

Ich fixiere den Reißverschluss am Kragen seiner dunkelblauen Daunenjacke und gebe meinem Gehirn Zeit, die Informationen zu verarbeiten. Langsam hebe ich erneut den Blick, schaue über seine Schulter an ihm vorbei und erblicke ein schwarzes Auto mit eingeschalteter Warnblinkanlage. DAS schwarze Auto. Ein pompöser Audi mit deutschem Kennzeichen. Noch so ein Marlon-Verschnitt ‒ das hat mir gerade noch gefehlt. Mir scheint, ich ziehe derlei Typen magisch an. Erschrocken löse ich mich von ihm und trete einen Schritt zurück. Weiteren Blickkontakt vermeidend beginne ich, mich zu rechtfertigen.

„Ich kann doch nichts dafür. Das Navi hat mich hier durchgeleitet.“ Mein Ton ist mindestens genauso kalt wie der Wind, der die Schneeflocken zwischen uns herumwirbelt, aber das scheint den Fremden wenig zu beeindrucken. Er bleibt ruhig und freundlich. „Das kann gut sein, aber Sie hätten hier trotzdem nicht langfahren dürfen.“

„Auf Gegenverkehr muss man immer gefasst sein.“ Ich schnaufe entrüstet, werfe ihm meine Worte trotzig vor die Füße und trete einen weiteren Schritt zurück. Eine dumme Idee, denn hinter mir türmt sich der Schnee. Ich strauchele und lande auf meinem Hintern. Ohne Frage, der schlimmste Tag ever.

„Stimmt. Darauf und auf Wildwechsel.“ Er ignoriert meinen Tonfall oder bemerkt ihn nicht, reicht mir stattdessen seine Hand, die ich widerwillig ergreife, und hilft mir wieder auf.

Die Gedanken rasen in meinem Kopf und verarbeiten seine Worte. War ich tatsächlich falsch in die Straße abgebogen? Vielleicht denkt sich der Typ das auch nur aus, weil er Angst hat, den Schaden bezahlen zu müssen. Dass er mir keine Vorwürfe macht, irritiert mich und überhaupt bin ich unschlüssig, wie ich in meiner misslichen Lage reagieren soll.

„Ich muss dringend nach Wien“, gebe ich in meiner Ratlosigkeit bekannt und hoffe auf ein Wunder.

„Aber nicht mit diesem Auto“, setzt er nüchtern hinzu.

„Aber ich muss!“, insistiere ich und meine Stimme beginnt zu beben. „Ich muss unbedingt nach Wien, wo soll ich denn sonst hin?“

Nirgendwo will ich jetzt lieber sein, als bei meiner Familie und mich auf die gemeinsamen Feiertage freuen. Weihnachten mit meinen Eltern, unter dem Baum sitzend und Punsch trinkend, Gesellschaftsspiele spielen. Zurückzukehren in die Ferienhütte ist nicht einmal ansatzweise eine Option. Dorthin bekommen mich keine zehn Pferde, eher erfriere ich hier draußen.

Der Fremde sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann stapft er durch den Schnee zurück zum 5er. Er schließt die Fahrertür, die noch immer offen steht und sieht sich den vorderen Teil des Autos an. Zumindest das, was noch zu sehen ist. Bis zu den Vorderreifen steckt die Schnauze von Marlons Baby im Schnee fest. Ich beobachte, wie er das verunglückte Schmuckstück beäugt und beschließe, meinen frischgebackenen Ex vorerst nicht zu über den Zustand des Autos zu informieren. Seine unvermeidliche Hysterie kann und will ich jetzt nicht auch noch ertragen.

„Können Sie jemanden anrufen, der Sie abholt? Den Wagen sichern wir und dann lassen Sie ihn später abschleppen.“ Es ist, als hätte der Fremde meine Gedanken gelesen. Vorsichtig stakst er durch den Schnee zurück zu mir. Ich versinke erneut fasziniert in seinen Augen und schüttele den Kopf.

„Nein. Das geht nicht“, setze ich entschlossen nach.

Er fragt nicht weiter, ich habe mich wohl klar und deutlich ausgedrückt. „Na ja, ich kann Sie erst mal nach Rottenmann mitnehmen, wenn Sie möchten.“ Er macht eine unschlüssige Pause, dann setzt er erklärend hinzu: „Ich will Sie ungern hier draußen alleinlassen und vielleicht wollen Sie sich auch bei einem Arzt vorstellen.“

„Nein! Vielen Dank, aber nein. Ich will nicht wieder zurück.“ Ich klinge schon wieder trotzig, obwohl es nun gar nicht meine Absicht war und es tut mir gleich darauf leid. Immerhin habe ich den Unfall verursacht. Nachdem ich keine Verletzungen aufweise, hätte er sich auch auf den Weg machen können, ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden.

„Sorry, war nicht so gemeint“, gebe ich klein bei. „Ich komme nur gerade aus Rottenmann und habe mich dort furchtbar geärgert. Keinesfalls fahre ich dorthin zurück.“

Er sieht mich skeptisch an. Mein Herzschlag beschleunigt sich, denn augenblicklich schiebt sich das Bild von Marlon und Giulietta in mein Gehirn. Am liebsten würde ich schreien, aber ich begnüge mich mit einem unwirschen Knurren und stoße die Spitze meines Stiefels in den Schnee.

„Ich bin auf dem Weg zur Pension Gruber. Die ist nicht weit von hier, gehört zwar noch zum Stadtgebiet, liegt aber außerhalb. Dort könnten Sie sich aufwärmen, bis die Weiterreise geklärt ist. Entweder nehmen Sie sich einen Leihwagen oder Sie warten auf den nächsten Zug oder es findet sich doch noch jemand, der Sie abholen kommt.“

So viele Möglichkeiten. Ich blinzele ihn zögerlich an.

„Kommen Sie, ich gebe Ihnen einen heißen Tee aus“, setzt er nach und ich gebe mich geschlagen. Sein Angebot klingt vernünftig und da das Schneetreiben mit jeder Minute heftiger wird, sollte ich überlegt handeln. Hier draußen kann ich gerade nichts ausrichten, also nicke ich.

„Das Auto kann dort stehen bleiben. Schalten Sie die Warnleuchten ein und geben Sie mir Ihre Taschen.“

Als ich wenige Minuten später in seinem warmen Auto sitze und die Schneeflocken in meinen Haaren tauen, presse ich ein demütiges Danke hervor.

„Schon gut.“ Er fährt vorsichtig und konzentriert, während ich sein Aftershave genüsslich einatme. Es tut gut, neben ihm zu sitzen, aber das Schweigen zwischen uns ist mir aus unerfindlichem Grund unangenehm.

„Ich bin Inga“, stelle ich mich vor und versuche, die Fahrt mit Smalltalk zu überbrücken.

Er lässt mich warten, bis er antwortet. „Ich bin Julius.“

Ein schöner Name. Julius mit den grünen Augen. Ich lächle über meine Gedanken.

Er biegt nun von der Straße ab und fährt auf einen großen Bauernhof zu, soweit ich das im Schneegestöber erkennen kann. Pension Gruber lese ich auf dem überdachten Schild, das wir bei der Einfahrt passieren. Auf den ersten Blick sieht es hier sehr nett aus. Käme ich aus anderen Gründen her, fände ich es gewiss gemütlich. Julius steuert den Wagen zu dem Teil des Innenhofs, der als Parkplatz dient. Autos von anderen Gästen, ebenfalls aus Deutschland, stehen dort. Julius parkt daneben. Wir steigen aus und ich sehe zu, wie er erst mein, dann sein Gepäck aus dem Kofferraum hebt und auf den schneebedeckten Boden stellt. In dem Moment, als er die Kofferraumklappe wieder schließt, ertönt hinter mir ein schriller Schrei.

„Aaah, ich habe es doch gewusst! Da bist du endlich! Anton, komm schnell, unser Junge ist da und er hat auch noch eine unglaubliche Weihnachtsüberraschung mitgebracht. Ist das nicht fantastisch?“

Neben mir erscheint, wie aus dem Nichts, eine Frau mittleren Alters. Wie es aussieht, Julius‘ Mutter, denn sie umschlingt den um einen ganzen Kopf größeren Mann herzlich und nennt ihn „mein Junge“. Dann dreht sie sich zu mir und noch ehe ich recht begreife, was gerade vor sich geht, finde ich mich ebenfalls in ihren herzlich knuddelnden Armen wieder.

„Ich habe es die ganze Zeit gewusst, dass der Junge uns was verheimlicht.“ Die Worte quellen nur so aus ihr heraus, während sie mich noch immer umarmt. Sie riecht nach Plätzchen oder Kuchen.

„Na, die Überraschung ist ihm aber gelungen. Und hübsch bist du, Mädchen, lass dich doch mal anschauen. Es wurde auch endlich Zeit.“ Die Frau mit Wangen so rot wie Weihnachtsäpfel lässt mich wieder los und tritt einen Schritt zurück, um mich anerkennend von oben bis unten zu mustern. Sie scheint zufrieden mit mir und blickt schließlich in mein vollkommen verdattertes Gesicht. „Wie heißt du denn Mädchen?“

„Inga.“ Meine Antwort kommt mechanisch und noch bevor ich hinzufügen kann, dass es sich um ein Missverständnis handelt, ruft sie dem Mann, der einige Meter hinter ihr angelaufen kommt, zu: „Anton, bist du endlich da? Schau doch, der Junge hat uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. So eine schöne Überraschung, der Julius hat eine Freundin.“ Sie rudert auffordernd mit den Armen, als könne besagter Anton dadurch schneller zu uns gelangen, während ich mich im falschen Film wähne.

„Nun komm doch mal näher, um sie zu begrüßen, Anton. Inga heißt sie, so eine Liebe und Hübsche …“ Sie faltet die Hände wie zu einem Gebet vor der Brust und wirft einen dankbaren Blick Richtung Himmel. Sofort legen sich ein paar Schneeflocken auf ihre roten Wangen.

„Aber …“, versuche ich mich in zwecklosem Widerstand und schaue Hilfe suchend zu Julius. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. Irgendetwas zwischen Belustigung und Peinlichkeit. Ein eigentümliches Zucken umspielt seine Lippen.

„Servus, Mädchen! Willkommen auf dem Gruberhof“, brummt der Mann beinahe ergriffen, begrüßt mich mit einem festen Handschlag und wendet sich dann Julius zu. „Schön, dass du da bist. Gib mir mal einen Koffer ab und dann gehen wir drinnen einen Tee zum Aufwärmen trinken. Ihr müsst erst einmal ankommen. Deine Mutter kann euch auch dann noch Löcher in den Bauch fragen.“

Anton hat gesprochen und so stapfen wir allesamt ins Haus, wobei ich Julius einen um Aufklärung bittenden Blick zuwerfe. Doch er zieht nur ergeben die Schultern nach oben und macht ein entschuldigendes Gesicht.

Durch eine schwere Eingangstür geht es ins Wohngebäude, vorbei an einer rustikalen dunkelbraunen Rezeption aus Holz. Auf dem Tresen steht ein hölzernes Eichhörnchen mit einer Glocke und einem Schild auf dem Bitte läuten zu lesen ist. Es winkt und grinst mich verschmitzt an.

Ich empfinde großes Unbehagen darüber, dass dieses mir vollkommen fremde Paar mich für seine angehende Schwiegertochter hält und dieser Julius, den ich ebenfalls nicht kenne, nicht die geringsten Anstalten macht, diesen Irrtum aufzuklären.

Wir passieren einige im Durchgang aufgestellte Ski und gelangen in einen kleinen Speise- oder Aufenthaltsraum ‒ heimelig und rustikal eingerichtet, alles aus dunklem Holz.

„So, ihr beiden Hübschen“, beginnt Julius‘ Mutter, wobei sie sich tatkräftig die Hände reibt. „Nun setzt euch erst mal und ruht euch aus. Die lange Fahrt hängt euch bestimmt in den Knochen. Ich koche uns jetzt einen ordentlichen, kräftigen Tee und dann wird es schön gemütlich.“

„Entschuldigen Sie bitte …“, versuche ich mich nun selbst um die Aufklärung des Missverständnisses zu kümmern, aber da ist die gute Frau bereits aus dem Raum gehuscht.

„Du musst uns doch nicht siezen, Mädchen.“ Anton, dessen Name mir von der vorausgegangenen lebhaften Begrüßung in Erinnerung geblieben ist, streicht mir väterlich über die rechte Schulter.

Ich suche Julius‘ Blick und versuche ihm mit eindringlicher Mimik klarzumachen, dass ich umgehende Aufklärung erwarte, doch er bedeutet mir nur mit der Hand, Ruhe zu bewahren. Ich verliere mich für einen Moment in seinen Augen und frage mich, welchen Grund es geben könnte, nicht zügig für Richtigstellung zu sorgen. Ist einer der beiden eventuell herzkrank und kann keine Aufregung vertragen? Ich verdrehe ungeduldig die Augen, beschließe aber, mich nach Julius zu richten und noch etwas abzuwarten. Immerhin mangelt es mir an Alternativen und ich bin Julius dankbar, dass er mich nicht in der Kälte zurückgelassen hat. Hier ist es warm und trocken. Gleich kann ich mich um meine Weiterreise kümmern und muss nicht befürchten, draußen als lebendiger Schneemann zu enden.

„So, da bin ich wieder.“ Julius‘ Mutter stellt das Tablett mit den großen Teetassen zwischen uns auf den Tisch. „Ich bin vollkommen aus dem Häuschen, ich glaube, ich habe uns noch nicht einmal vorgestellt: Ich bin Franziska und das ist Anton. Der Julius hat vielleicht schon das ein oder andere von uns erzählt und in den nächsten Tagen lernen wir uns schon richtig kennen. Schön, dass du hier bist. Das wird das beste Weihnachtsfest seit langem.“

Ich nicke zurückhaltend, werfe Julius einen erneuten eindringlichen Blick zu, während Franziska die vollen Tassen verteilt. Ich fühle mich fehl am Platz, wie eine Betrügerin. Diese Herzlichkeit steht mir nicht zu. Ich frage mich zum einen, was dieser Julius mit seinem Theater bezweckt und zum anderen denke ich an das Zusammensein mit Marlons Eltern. Ich habe sie nicht so oft getroffen, aber es liegen Welten zwischen ihnen und diesen beiden hier. Plötzlich tun mir Franziska und Anton sogar leid. Die zwei sind so liebenswürdig, offen und glücklich, aber ihre Freude wird nicht lange anhalten. Ob sie um jede Freundin ihres Sohnes so viel Aufhebens gemacht haben? Was käme noch, wenn dies hier tatsächlich der Auftakt wäre? Erneut sehe ich zu Julius und atme irritiert aus.

„Aber nun erklärt uns in Gottes Namen einmal, warum ihr nicht vorher Bescheid gesagt habt. Wir hätten doch etwas vorbereitet, wenn wir gewusst hätten, dass du deine Freundin mitbringst, Julius.“ Die Worte „deine Freundin“ quietscht Franziska geradezu vergnügt.

„Als ob das so wichtig ist. Sie sind jetzt hier, der Rest findet sich“, bringt sich Anton ins Gespräch ein. „Viel interessanter ist doch, wo ihr euch kennengelernt habt und wie lange ihr schon ein Paar seid. Verliebt bis über beide Ohren seht ihr jedenfalls aus.“

Ich verschlucke mich an meinem Tee und unterdrücke mit aller Macht mein dringendes Bedürfnis, laut zu husten. Jetzt wird Julius ihnen wohl endlich reinen Wein einschenken. Ich halte den Atem an und blicke erwartungsvoll zu ihm. Im Augenwinkel sehe ich, wie Franziska mir die Keksschale hinüberschiebt. Julius räuspert sich. Er sieht bedeutungsschwanger in die Runde. Meine Wangen kribbeln angenehm, als er mich ansieht …

2. Eingeschneit

„Mama, Papa, ich muss euch etwas gestehen.“

Erleichtert atme ich auf, nun wird diese schräge Verwechslungskomödie gleich ein Ende finden. Doch Julius lässt sich Zeit. Entweder scheint es ihm schwerzufallen, die richtigen Worte zu finden, was ich mir nach unserer ersten Begegnung aber kaum vorstellen kann, oder aber es macht ihm Spaß, mich zu quälen. Das wäre seinen Eltern gegenüber, und mir natürlich, ausgesprochen unfair. Wir alle drei blicken ihn ernst und erwartungsvoll an, während er mit dem Zeigefinger auf den Tisch trommelt.

Herrgott, er strapaziert meine Geduld. So schwer kann es doch nicht sein, mit der Wahrheit herauszurücken. Was ist denn schon dabei? Ich bin drauf und dran, selbst das Wort zu ergreifen und für Aufklärung zu sorgen.

„Das mit Inga und mir ist nicht so einfach zu erklären. Ich habe sie mehr oder weniger von der Straße gerettet. Sie war mutterseelenallein und hatte niemanden, der sich um sie kümmerte. Da habe ich ihr angeboten, mit zu mir zu kommen und das arme Ding hat gleich Ja gesagt. Seitdem sind wir keine Minute getrennt gewesen. Aber wir haben noch nicht viel miteinander gesprochen und uns noch nicht richtig kennengelernt.“

Mit Entsetzen höre ich seine Worte, mein Unterkiefer senkt sich langsam. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Was soll das nun schon wieder? Ich gebe es auf, gegen das noch immer vorherrschende fiese Kratzen in meiner Luftröhre anzukämpfen und huste, bis mir die Tränen kommen. Während ich mit dem Ärmel meine Augen trockne, blicken Anton und Franziska drein, als hätten sie einen Geist gesehen. Sie wissen nicht, wie sie mit dieser unsinnigen Geschichte umgehen sollen, haben wohl aber Angst, meine Gefühle zu verletzen.

„Von der Straße gerettet?“ Franziska wirft mir einen bestürzten Blick zu, fängt sich aber schnell wieder.

„Umso schöner ist es doch, dass du sie hierher zu uns eingeladen hast. Über die Feiertage werdet ihr genug Zeit haben, euch richtig kennenzulernen.“ Dann zwinkert sie mir wissend zu.

Peinlicher könnte die Situation kaum sein und ich habe effektiv keine Lust mehr, mich von Julius vorführen zu lassen. Retter hin oder her, ich bin nicht sein Spielzeug.

„Das ist doch alles Unsinn!“, echauffiere ich mich und wenn meine Augen Pfeile schießen könnten, dürfte sich Julius jetzt bereits vor Schmerzen winden. „Ich bleibe doch gar nicht und zusammen sind wir auch nicht. Ich weiß nicht, warum er diese erfundene Geschichte erzählt. Wir haben uns vorhin erst kennengelernt.“

Meine Stimme klingt dünn und ich habe das Gefühl, mich bei seinen Eltern entschuldigen zu müssen. So ein Blödmann! Warum zieht er mich in solch ein Kindertheater hinein?

„Das verstehe ich nicht“, brummt Anton. Ich blicke in ein liebenswertes, aber vollkommen ratloses Gesicht und mir geht es genauso. Bevor ich jedoch mit meinem Erklärungsversuch fortfahren kann, schaltet sich der ungehobelte Sohn wieder dazwischen.

„Von wegen erfunden. Ich sagte doch gerade, dass wir uns kaum kennen.“ Er lehnt sich zurück und grinst schelmisch in die Runde, ohne sich um weitere Aufklärung zu bemühen.

„Also Julius, jetzt lass doch mal diesen Unfug. Wie ist es denn nun richtig?“ Franziska stöhnt. Sie mustert mich erneut mit einem mitfühlenden Blick und ich greife ihre Frage sofort auf. Julius hat bereits genug geredet.

„Ich hatte vorhin einen Unfall mit dem Auto und bin von der Straße abgekommen. Der Wagen hat was abgekriegt, sodass ich damit nicht mehr weiterfahren kann. Julius war da, als es passierte und hat mir angeboten, mich mitzunehmen, damit ich meine Weiterreise von hier aus organisieren kann.“

„Ach herrjeh, Julius, warum erzählst du das nicht gleich und führst so eine Komödie auf? Vielleicht ist Inga verletzt und muss zu einem Arzt. Wann zeigst du endlich, dass du Verantwortung tragen kannst und benimmst dich wie ein Erwachsener? Stattdessen lässt du uns im Glauben, wir hätten endlich eine Schwiegertochter in spe bekommen.“ Franziska wirft ihrem Sohn einen vorwurfsvollen Blick zu, den Julius mit einem kurzen Hochziehen seiner Augenbrauen quittiert. Noch immer hält er die Hände verschränkt vor der Brust.

„An mir hat es nicht gelegen.“ Seine Worte klingen kühl, aber als unsere Blicke sich treffen, meine ich, tiefe Verletzung in seinen Augen zu lesen. Egal worum es hier geht, um mich definitiv nicht, hat sich wohl soeben ein wunder Punkt aufgetan. Sowohl Julius‘ Körperhaltung als auch seine Mimik signalisieren, dass er aus dieser Unterhaltung raus ist.

„Mädchen, hast du dir was getan? Manchmal merkt man das erst später. Tut dir der Kopf oder der Nacken weh?“ Anton ignoriert den Wortwechsel und sieht mich forschend an.

„Nein, ich bin in Ordnung. Der Gurt hat mich gehalten, die Stelle spüre ich zwar, aber es ist nicht so dramatisch.“ Ich zeige auf die Stelle zwischen Hals und Schulter und gebe mich tapfer. Anton streicht mir über den Arm und nickt, er sieht jedoch keineswegs beruhigt aus.

„Also, Julius“, wendet sich Franziska nochmals in versöhnlichem Ton an ihren Sohn, „immer dieses Theater. Das hättest du doch gleich sagen können. Wie stehen wir denn jetzt da?“

„Entschuldigung. Ich kam doch nicht dazu“, verteidigt Julius sich und hebt die Arme, als wisse er nicht, wovon die Rede sei. Aber niemand springt darauf an und schließlich gibt er klein bei. Als er sich locker zurücklehnt und wir uns prüfend ansehen, sorgt das für ein angenehmes Kribbeln in meiner Magengegend.

„Und was ist mit deinem Auto? Wo ist denn der Unfall passiert?“ Franziska fragt nun gezielt bei mir nach und in wenigen knappen Sätzen umreiße ich den Hergang des Unfalls, auch, dass mich niemand abholen kann.

„Julius hat mir angeboten, von hier die Weiterreise zu organisieren.“ Unsicher fahre ich mit dem Zeigefinger den glatten Rand der Teetasse entlang. Er hat es mir zwar angeboten, aber ich habe Angst, dass ich mich in diesem Augenblick aufdränge.

„Wo musst du denn hin, vielleicht fährt dich Julius schnell hinüber?“ Sie wirft ihm einen mütterlich bestimmenden Blick zu, den er mit einem müden Lächeln quittiert.

Mein Puls beschleunigt sich. Eine heftige Woge der Hoffnung erfasst mich. „Ich muss nach Wien.“

„Du lieber Himmel! Jetzt noch, bei dem Schnee?“ Franziska schaut mich ungläubig an.

„Zu meinen Eltern“, setze ich bekräftigend hinzu, doch ich fühle mich bereits wieder ernüchtert.

„Na, da hast du dir … Entschuldigung … da haben Sie sich aber etwas vorgenommen.“

Ich schlucke durch diesen plötzlichen Wechsel ins Förmliche unangenehm berührt. „Wir können ruhig beim Du bleiben.“ Es kommt mir seltsam vor, wenn Julius‘ Mutter nach der stürmischen Begrüßung plötzlich so distanziert mit mir spricht.

„Dann nehme ich dich jetzt mal mit mir ins Büro und wir schauen, ob und was noch zu retten ist. Für eine Fahrt nach Wien hast du dir den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht. Seit Tagen reden sie über den aufkommenden Schneesturm in den Nachrichten. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre auch Julius schon früher hergereist. Nun bin ich heilfroh, dass er wohlbehalten hier angekommen ist.“

„Es ging leider nicht anders.“ Die Kritik ist mir unangenehm. Warum auch immer, ich möchte nicht, dass mich Franziska für verantwortungslos und leichtsinnig hält. „Die Reise hat sich erst vor wenigen Stunden entschieden“, erkläre ich mich kleinlaut und folge ihr.

„Das klingt ernst. Eine Familienangelegenheit?“

„So in der Art.“ Ich flüstere, denn sofort läuft das Kopfkino wieder an und ich sehe Marlon und Giulietta. Mein Magen verkrampft sich vor Wut und Enttäuschung. Wie konnte ich ihm über all die Wochen hinweg nur glauben? Macht Liebe tatsächlich so blind und naiv? Jetzt, da die Tatsachen offenliegen, schäme ich mich, dass ich so dumm war.

Vor einem der Schränke im Büro liegt ein stattlicher Berner Sennenhund. Er erhebt sich schwerfällig und kommt auf mich zu, um mich in Augenschein zu nehmen. Ich mag Hunde und den Umgang mit ihnen. Also halte ich ihm ruhig meine Hand hin, damit er Zeit hat, mich kennenzulernen. Wie es scheint, ist er zufrieden, denn er lässt sich über seinen großen schwarz-braunen Kopf streicheln. Sein Fell ist warm und weich. Ich vergrabe sanft meine Finger darin. Augenblicklich fühle ich mich sicherer.

„Leg dich, Bru“, fordert Franziska fürsorglich. Sofort dreht der Große ab und nimmt wieder seinen Platz vor dem Schrank ein. Die Luft ist nun kühl an meinen Fingern und ich stecke sie unschlüssig in die Hosentasche.

„Das ist Bruno, er ist schon acht Jahre alt. Das Alter hängt ihm in den Knochen, aber er ist neugierig wie am ersten Tag.“ Der Hund legt sich wieder auf seinen Platz und ich unterdrücke das Bedürfnis, mich zu ihm zu setzen und ihm weiter das Fell zu kraulen.

„Wollen wir mal sehen, wie wir dich jetzt nach Wien bekommen. Schon irgendwelche Vorstellungen?“ Sie entsperrt den Computer und öffnet den Browser.

„Ehrlich gesagt nicht. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, fahre ich mit einem Taxi“, gebe ich arglos Auskunft.

Franziska zieht die Stirn kraus und wirft mir einen prüfenden Blick zu. „Mit dem Taxi … bis Wien. Hast du eine Ahnung, wie weit das ist und wie viel Geld dich das kostet?“ Franziska sieht mich an, als sei ich von einem anderen Stern und ich nicke verzweifelt.

„Zwei bis drei Stunden Fahrt? So hatte es zumindest mein Navi ausgerechnet.“ Obwohl ich mich bemühe, die Haltung zu wahren, gelingt es mir nicht. Meine Stimme zittert und mein Blick wandert unruhig im Raum umher. „Dass mich diese Variante ein Vermögen kosten würde, ist mir klar, aber es ist wenigstens eine Option. Vielleicht die letzte.“

„Ja, aber doch nicht bei diesem Wetter. Rechne mit vier oder fünf Stunden, wenn überhaupt noch an ein Durchkommen zu denken ist.“ Sie richtet sich auf und rückt sich auf ihrem Drehstuhl zurecht. Dann greift sie zum Telefon und tippt schnell eine Nummer ein. „Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, aber ich frage trotzdem mal nach. Das kostet schließlich noch nichts.“

Während sie darauf wartet, dass das Gespräch entgegengenommen wird, zieht sie einen Klapphocker unter dem Tisch hervor und bedeutet mir, mich zu setzen. Geraume Zeit warten wir ab. Ich lausche hoffnungsvoll, doch ich habe kein Glück. Franziska legt enttäuscht auf und ich schicke in Gedanken ein Stoßgebet gen Himmel.

„Lass uns schauen, was die Bahn zu bieten hat. Die ist unter diesen Bedingungen wohl die bessere Wahl. Bei Taxi Alois rufe ich gleich noch mal an.“

Sie wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu. Gleich darauf fliegen ihre Finger nur so über die Tastatur. Leider ist das Ergebnis ihrer Suche nicht zufriedenstellend. Der letzte Zug aus Wien hat bereits über zwei Stunden Verspätung, der nächste nach Wien entfällt. Für den Abend steht noch einer im Regelfahrplan, aber Franziskas Gesichtsausdruck nach zu urteilen, gehen auch hier meine Chancen gegen Null.

Hilflos sitze ich auf dem Hocker, weiß weder vor noch zurück. Nur über eines bin ich mir im Klaren: Ich will nicht wieder zurück zu Marlon.

„Da wäre es besser gewesen, du wärst doch die neue Schwiegertochter“, murmelt Franziska und holt mich aus meinen Gedanken. Ungläubig sehe ich sie an, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich mich verhört habe.

„Ich will damit nur sagen … ach, schon gut.“

Obwohl ich von ganzem Herzen wünsche, meine Flucht nach Wien möge auf wundersame Weise doch noch ihr gutes Ende finden, lasse ich für den Hauch eines Augenblicks den absurden Gedanken an Julius und mich zu. Zu meiner Überraschung ist er nicht unangenehm. Sofort erinnere ich mich an seinen angenehmen, herben Duft. Mir ist plötzlich warm und ich muss den Kragen meines Pullovers lüften. Nervös stehe ich auf und blicke aus dem Fenster. Es tobt ein Schneesturm, wie ich ihn noch nie gesehen habe und mir wird allmählich bewusst, dass meine Chancen mit jeder Minute und jeder Schneeflocke schwinden. Mir wird schlecht und ich setze mich wieder. In fieberhafter Verzweiflung beobachte ich Franziska.

„Von wo bist du losgefahren?“ Sie fragt beiläufig, aber jeder einzelne meiner Muskeln verkrampft sich.

„Rottenmann. Aber dorthin kann ich nicht zurück.“ Meine Fingerspitzen krallen sich in meine Oberschenkel, mir bricht der kalte Schweiß aus. Es muss ein furchtbares Bild des Jammers sein, das ich abgebe, denn Franziska greift erneut zum Telefon und wählt. Dieses Mal wird das Gespräch sofort entgegengenommen.

„Servus, Xaver, hier ist die Franzi. Sag mal, kannst du mir sagen, wie es am Bahnhof aussieht? Fährt da heute noch was?“ Die Hoffnung flammt wieder auf. Diese Gefühlsachterbahn kostet mich die letzten Nerven. Mit bebenden Lippen beobachte ich gespannt, wie Franziska den Erläuterungen am anderen Ende der Leitung lauscht und hin und wieder nickt. Schließlich jedoch legt sie resigniert auf. Mir ist sofort klar, was das bedeutet und ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Der Bahnhof ist dicht. Der Xaver sagt, dort versinkt alles unter den Schneemassen. Er hat sein letztes Zimmer für ein gestrandetes Pärchen hergegeben.“ Unter Brunos aufmerksamem Blick steht sie auf, geht hinüber ans Fenster und blickt hinaus. „Das sieht überhaupt nicht gut aus. Du solltest in Rottenmann bleiben. Julius oder Anton könnten dich mit dem Traktor zurückbringen. Dann kannst du für morgen von dort aus deine Reise nach Wien planen.“

„Nein, das geht definitiv nicht. Lieber schlafe ich im Auto.“ Ich weiß, dass ich wie ein trotziges kleines Mädchen klinge und balle vor Ärger über mich selbst die Fäuste. Julius‘ Mutter macht nicht den Eindruck, als sei sie mit meiner Antwort zufrieden, aber das Telefonklingeln erlöst mich.

„Ja, Franzi hier, grüß dich Alois.“ Sie setzt sich wieder auf ihren Stuhl und nickt mir aufmunternd zu. „Du sag mal, bei uns ist eine junge Frau, die muss heute unbedingt noch nach Wien. Kannst du dir vorstellen …“ Sie wird unterbrochen, nickt und gibt ihrem Gesprächspartner immer wieder recht, dann legt sie auf und sieht mich betreten an. Verloren lausche ich ihren Worten, ich weiß, was sie mir sagen will.

„Nichts zu machen, der Alois sagt, dass es zu gefährlich sei und ihr womöglich auf halber Strecke liegenbleibt. So leid es mir für dich tut, ich fürchte er hat recht.“ Wieder tippt Franziska auf der Tastatur herum und befindet sich gleich darauf auf der Webseite des Wetterdienstes. „Da haben wir den Salat. Es wird noch schlimmer als angekündigt. Dich jetzt irgendwohin fahren zu lassen, wäre grob fahrlässig.“

Plötzlich hebt Bruno den Kopf. Vor dem Büro ertönt Stimmengewirr. Anton steht in dicker Wintermontur vor dem Eingang zum Büro.

„Alle Straßen sind dicht. Zu viel Schnee. Die Schreibers sind gerade zurückgekommen und sagen, dass kein Durchkommen ist. Sie fragen, ob sie die alten Zimmer noch länger buchen können.“

Mir wird flau im Magen. Auf diese simple Idee hätte ich auch kommen können. Ob es noch ein Zimmer für mich gibt?

„Natürlich. Sei so nett und gib Schlüssel und Bettwäsche raus. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie wieder herzurichten.“

Anton wirft seiner Frau einen Blick zu, der mir das Herz erwärmt. Er klopft bestätigend mit der Hand gegen den Türrahmen und kümmert sich dann um die unfreiwilligen Rückkehrer.

„Du hast es gehört und … schau hier.“ Sie zeigt auf den Monitor. „Die Unwetterwarnung erstreckt sich bis morgen. Ich fürchte, die Schreibers sind nicht die Einzigen, die festsitzen.“

Franziskas mitfühlender Blick gibt mir den Rest. Hilflos knete ich meine Hände, in meinem Hals wird es immer enger.

„Willst du deine Eltern anrufen und sagen, dass du hier in Sicherheit bist? Sie machen sich gewiss Sorgen.“

„Nein, ist schon gut. Sie wissen nicht, dass ich auf dem Weg zu ihnen war“, gebe ich zu und winke ab. Schon beim Gedanken daran, zu berichten, was passiert ist, könnte ich erneut heulen.

Franziska hebt skeptisch eine Augenbraue und mustert mich. „Wenn ich sie anrufe, rege ich sie nur unnötig auf. So ist es besser.“ Ich fühle mich verpflichtet, sie von der Richtigkeit meiner Entscheidung zu überzeugen.

„Gut, das musst du selbstverständlich allein entscheiden. Aber als Mutter sage ich dir, dass ich angerufen werden wollen würde.“

Na toll, nun habe ich ein schlechtes Gewissen.

„Komm erst mal mit, wir finden schon eine Lösung.“

Dankbar folge ich ihr an die Rezeption.

„Sind alle anderen Pensionsgäste im Haus?“, erkundigt sie sich bei Anton, der gerade die Treppe hinunterkommt, und zeigt sich erleichtert, als er nickt. „Für dich gibt es auch ein Bett.“

Obwohl es dieser Tag in sich gehabt hat, fühle ich in diesem Moment eine unheimliche Erleichterung. Meine Knie werden weich und das Wasser steigt mir verdächtig in die Augen. Hoffentlich bemerken die beiden es nicht.

„Am einfachsten ist es, wenn du bei Julius schläfst …“ Sie zwinkert mir zu und ich reiße erschrocken die Augen auf.

„Nur die Ruhe, das war nur Spaß.“ Sie grinst und sortiert einige Unterlagen.

„Für heute bist du unser Gast. Du kriegst die Sieben. Wir gehen gleich mal hoch und dann richtest du dich ein.“

Überrascht nicke ich. Der Groll und die Verzweiflung, die mich am heutigen Tage heimgesucht haben, weichen einer tiefen Dankbarkeit. Es ist bestimmt ein großes Glück, wenn man Mitglied der Familie Gruber ist.

Franziska und ich bringen die Sachen in die erste Etage. Anton trägt meinen großen Koffer.

„Herzlichen Dank für die ganze Mühe, die du dir für mich gemacht hast und dass ich hier übernachten darf. Ich weiß nicht, was ich jetzt ohne euch tun würde und wie ich das je wieder gutmachen kann.“

Franziska winkt bescheiden ab, doch ich setze nach: „Ich möchte euch ungern auf der Tasche liegen und bezahle das Zimmer natürlich.“

„Papperlapapp, das Zimmer ist sowieso frei. Mach dir mal keine Gedanken. Wenn du dich erkenntlich zeigen willst, kannst du uns gleich ein bisschen zur Hand gehen.“ Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Schon fünf. Höchste Zeit, das Nachtmahl vorzubereiten. Komm einfach runter, wenn du dich frisch gemacht hast.“

Eilig verlässt sie das Zimmer und ich bin allein. Unschlüssig sehe ich mich um. Neben einem massiven Bett aus Holz mit bordeauxfarbiger Bettwäsche finden sich hier ein passender Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Der Fußboden ist aus dunklem Laminat, darauf liegt ein Schaffell-Imitat, an der Seite steht ein Spiegel. Genauso stelle ich mir ein Zimmer für Urlaub in den Bergen vor. Rustikal und doch ist alles vorhanden, was ich brauche.

Mein Spiegelbild sieht erschöpft aus, eine bleierne Müdigkeit überkommt mich und ich entscheide mich dafür, nicht großartig auszupacken. Für eine Nacht kann ich wohl aus dem Koffer leben. Ich krame das Nötigste hervor und es dauert nicht lange, bis Marlon uneingeladen durch meine Gedanken geistert. Marlon, wie er meine Zweifel zerredet, wie er mich dazu überredet, in den Skiurlaub zu fahren, obwohl der Besuch bei meinen Eltern schon so lange geplant war. Marlon und Giulietta Arm in Arm und Marlon, wie er schreiend im Schnee steckt. Bei Letzterem presse ich die Lippen aufeinander und arbeite gegen ein schadenfrohes Zucken um meine Mundwinkel an.

Ein kräftiges Klopfen an die Tür erschreckt mich und holt mich zurück in die Gegenwart. Eilig öffne ich und stehe direkt vor Julius.

„Ja?“

„Gibst du mir den Schlüssel für deinen Wagen? Mein Vater besteht darauf, ihn herzuholen, bevor er ganz im Schnee verschwindet.“ Seine Stimme ist angenehm warm und irgendetwas in seinem Blick macht mich nervös.

„Wie denn?“ Ich halte mich an der Türklinke fest.

„Wir nehmen den Traktor und schleppen ihn her.“

„Aber er wird Kratzer bekommen!“

Sofort ärgere ich mich über meinen blödsinnigen Einwand. Was dieses Auto angeht, hat Marlon mich offensichtlich einwandfrei konditioniert.

„Keinen mehr, als er sowieso schon hat. Versprochen.“ Er hält die Hand auf und wartet, während ich in diesen Augen versinken möchte. Er räuspert sich.

„Ja … natürlich.“ Peinlich berührt löse ich mich aus der Starre. Eilig durchsuche ich meine Sachen und spüre dabei seinen Blick in meinem Rücken. Als wir uns wieder gegenüberstehen und ich ihm den Schlüssel überreiche, berühren sich unsere Finger. Kurz nur, aber ein seltsames Kribbeln durchfährt mich. In seinen Augen entdecke ich ein sonderbares Funkeln.

„Danke.“ Ich flüstere nur.

Plötzlich jedoch wandelt sich sein Auftreten. Seine Augen werden schmal, er zieht die Brauen zusammen und sieht mich kühl, geradezu abweisend an. „Das kannst du meinem Vater sagen.“ Dann dreht er sich um und lässt mich stehen.

Ungläubig stoße ich die Luft aus und blicke ihm nach. Was war das denn bitte? Ich fühle mich wie kalt geduscht. Habe ich ihm einen Grund gegeben, böse auf mich zu sein? Zugegeben, ich habe den Unfall verursacht und bin somit nicht unschuldig daran, dass er jetzt noch einmal einen Ausflug in den Schnee machen muss, aber ein bisschen Freundlichkeit tut doch nicht weh. Vor allem, nachdem er mich bei seinen Eltern so vorgeführt hat. Grübelnd schließe ich die Tür.

Von draußen dröhnt lautes Motorengeräusch ins Zimmer und lockt mich zum Fenster. Mittlerweile ist es fast dunkel geworden. Anton sitzt auf einem Traktor und steuert ihn langsam durch das dichte Schneetreiben über den Hof.

Mein Handy klingelt. Marlon. Laut Anzeige auf dem Display ist es bereits der achte Anruf. Angewidert werfe ich das Telefon aufs Bett. Keinesfalls werde ich das Gespräch entgegennehmen. Mit geschlossenen Augen stehe ich am Fenster und warte, bis das Klingeln verstummt. Es folgt ein Vibrieren, das den Eingang einer Textnachricht mitteilt. Ich gebe nach und öffne den Chat. Mit wachsender Empörung durchscrolle ich die Nachrichten. Alles dreht sich nur um sein dämliches Auto.

Keine Sorge, dem Auto geht es bestens, du bekommst es in ein paar Tagen wieder! Weitere Nachrichten werden vorerst nicht beantwortet.

Ich lüge nicht, um ihn zu schonen, sondern um mir weitere Kommunikation vom Leib zu halten. Was ich jetzt brauche, sind Abstand und Ruhe. Die Unfall-Misere ist morgen noch genauso schlimm für ihn wie heute, aber vielleicht sehe ich dann wenigstens etwas klarer und kann souveräner mit der Situation umgehen.

Auch Benedikt hat angerufen, zweimal. Vielleicht sogar in Marlons Auftrag, ich traue es ihm zu. Sein Umgang mit der Situation hat mich schockiert, tut es noch. Statt ebenfalls seine Koffer zu packen und mit mir abzureisen, hatte er nur stumm dagestanden, die Hände tief in den Hosentaschen. Verloren wie ein kleiner Junge hat er ausgesehen. Ob Benedikt nun klarer sieht? Vielleicht wollte er mich erreichen und doch noch mitkommen.

Hin- und hergerissen zwischen Wut und Mitleid antworte ich kurz und verspreche einen Rückruf am nächsten Tag. Im Augenblick schaffe ich es nicht. Ich muss stattdessen mit jemandem sprechen, der nichts mit Marlon zu tun hat.

Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Das vergangene Jahr war so von Einschränkungen geprägt, dass ich kaum den Kontakt mit anderen gepflegt habe. Ich hatte doch Marlon, Giulietta und Benedikt. Von den Mädels, die mir spontan einfallen, gibt es keine, der ich einfach so mitteilen würde: Du, mein Liebesleben ist gerade ein Scherbenhaufen.

In meinem Brustkorb verkrampft es sich. Ich bin allein und fühle mich auch noch schuldig an diesem Elend. Im neuen Jahr muss ich mich darum kümmern, die Freundschaften wieder aufzupolieren und zu pflegen.

Ich grübele, wem ich mein Herz ausschütten würde, wer mich kennt, mich versteht und wem ich noch vertraue. Meinen Eltern natürlich, aber nachdem ich unser gemeinsames Weihnachtsfest für Marlons Ski-Urlaub abgesagt habe, schäme ich mich. Ich weiß, dass sie nicht böse auf mich sind. Im Gegenteil, sie werden voller Verständnis sein, aber ich spreche lieber morgen mit ihnen, von Angesicht zu Angesicht.

Mein Bruder Michael ist für solche Fälle auch immer eine gute Wahl gewesen. Abgesehen von ein paar Aussetzern während seiner Pubertät hat er mir immer Beistand und Trost spenden können und gut auf mich ‒ seine kleine Schwester ‒ aufgepasst. Aber er hat gerade seine eigenen Sorgen. Wesentlich harmlosere als ich, aber trotzdem … Auch er hat meinen Eltern das Weihnachtsfest abgesagt und ist mit seiner zukünftigen Gattin bei seinen Schwiegereltern in spe. Da Lia und er sich heimlich verlobt haben, noch bevor er ihre Eltern kennengelernt hat, war er schon seit Wochen ein Nervenbündel. Er hatte Angst, dass sie ihm die Heimlichtuerei übelnehmen und er der familiären Begutachtung nicht würde standhalten können. Ich weiß nicht, welche Vorstellungen er von Lias Familie hat, aber so schlimm, wie er tut, ist sie bestimmt nicht.

Mit Sicherheit ist die gesamte Familie hellauf begeistert von ihm und der Verlobung. Sie haben ihn in ihre Mitte aufgenommen und alles ist längst in Butter. Es ist einen Versuch wert, ihn anzurufen …

Auf dem Bett sitzend streichle ich über meine schmerzende Schulter und sehe mich im Zimmer um. Ich brauche Zuspruch, also wähle ich Michas Nummer und warte.

Es klingelt. Dreimal, viermal, dann werde ich weggedrückt, wie das kurz aufeinanderfolgende Tuten beweist. Gleich darauf empfange ich eine Textnachricht von Michael.

Kann nicht reden.

Oh je, sofort tut es mir leid, dass ich seine Ängste nicht ernst genommen habe. Wenn er mich wegdrückt, läuft es wohl für ihn gerade auch nicht so gut. Ich lege das Telefon weg und gehe hinunter in die Küche, um mich dort nützlich zu machen und Zerstreuung zu finden.

Die Holzstufen knarren, als ich die Treppe hinuntersteige. Unten, vor der ersten Stufe, hat sich Bruno ausgebreitet. Sein langer Rücken schließt mit der Stufe ab, die Beine hat er von sich gestreckt. Als er mich sieht, hebt er zwar den Kopf, macht aber keine Anstalten, aufzustehen und mich durchzulassen. Also steige ich langsam und vorsichtig über ihn hinüber, was nicht so einfach ist, denn meinen linken Arm kann ich nicht belasten.

Durch den Aufenthaltsraum gelange ich zum Kücheneingang. Jemand klappert dort mit Geschirr.

„Hallo?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, trete ich ein.

„Wunderbar, meine Küchenhilfe ist da.“

Ein alter, weißhaariger Mann mit schwarzer Küchenschürze und Schiffchen auf dem Kopf kommt flink auf mich zu und reicht mir die Hand zur Begrüßung. Sein Händedruck ist unerwartet kräftig.

„Servus, ich bin der Joseph. Franzi sagte schon, dass du helfen möchtest.“

Ich nicke.

„Dann einmal Händewaschen! Haarnetz und Schürze liegen dort drüben für dich. Du kannst gleich damit beginnen, Wurst- und Käseplatten zu belegen.“ Er zeigt auf eine Arbeitsfläche aus Edelstahl, dann widmet er sich wieder seiner großen Pfanne und wendet die Bratkartoffeln.

Während ich die Schürze anziehe, steigt mir der köstliche Duft in die Nase und mein Magen kommentiert dies umgehend mit einem heftigen Knurren. Ich lege beruhigend die Hand auf meinen Bauch, denn von meinem Frühstück ist längst nichts mehr zu spüren. Ich schiebe Kohldampf. Trotzdem konzentriere ich mich auf das Belegen der Platten und lausche der Musik aus dem Küchenradio, um mich abzulenken. Als der Moderator dann eine Verschlechterung der Wetterlage verkündet, halte ich aufmerksam inne.

„Servus, liebe Leute da draußen! Die halbe Steiermark ist bereits im Schneechaos versunken und viele Zufahrtsstrecken sind nicht mehr passierbar. Auch der Zugverkehr ist bis auf weiteres eingestellt. Drei Tage vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, kommt dies für viele Menschen einer Katastrophe gleich. Ich hoffe, allen, die noch unterwegs sind, geht es gut. Die Witterungs- und Straßenverhältnisse werden sich in den nächsten Stunden noch verschlimmern. Es ist bereits zu vielen Unfällen gekommen. Bisher ist glücklicherweise nur von Sachschaden die Rede. Aber solch einen Wintersturm gab es hier schon viele Jahre nicht mehr. Gendarmerie und Rettungskräfte bitten darum, von Reisen abzusehen. Also, wer kann, bleibt wo er ist, trinkt Tee und wartet ab. Ich bleibe für euch im Studio und kriege raus, wie diese Schneefront heißt, die uns hier gerade so richtig einheizt.“ Er lacht über sein Wortspiel und ich verdrehe die Augen. Hoffentlich ist morgen früh alles vorbei.

Die Musik spielt und mir hallen seine Worte im Kopf nach. Schneesturm … drei Tage vor Weihnachten. Bleiben, wo wir sind? Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, bitte darum, mir am nächsten Tag eine Zugfahrt bei blauem Himmel und glitzernd weißer Schneelandschaft zu bescheren. Viel mehr kann ich wohl nicht tun. Trotzdem oder gerade deswegen arbeite ich konzentriert weiter: richte die Scheiben ansprechend an und dekoriere mit Salat, Petersilie und Paprika, bis ich zufrieden bin.

„Nicht schlecht.“ Joseph wirft mir im Vorbeigehen einen anerkennenden Blick zu. „Nun bitte noch die Backwaren.“ Er zeigt auf einen großen Korb und legt mir Tüten mit verschiedenen Brotsorten und Brötchen auf die Arbeitsfläche. „Butter und Margarine nicht vergessen. Die findest du dort drüben im Kühlschrank.“

Meine Augen folgen seinem Fingerzeig. „Ja, ist gut.“

Ich bin froh, dass ich so unkompliziert mitarbeiten darf, wische mir die Finger ordentlich an meiner Schürze ab und mache mich auf den Weg zum Kühlschrank. „Das mach ich schon.“ Franziskas Stimme ertönt hinter mir und ich mache auf dem Absatz kehrt. Sie ist sichtlich erfreut und diese Freude überträgt sich sogleich auf mich.

„Wunderbar, ihr seid gut vorangekommen. Sobald Onkel Joseph grünes Licht gibt, können wir alles hinaustragen, unsere Gäste stehen schon hungrig in den Startlöchern.“

Nicht nur die, ich auch …

 

Als alle Speisen aufgetragen sind, legt Franziska mir die Hand auf meine Schulter. „Nun setz dich auch endlich hin, Mädchen. Du siehst entsetzlich hungrig und müde aus, ich bringe dir etwas.“

Bevor ich protestieren kann, weil es mir unangenehm ist, bedient zu werden, hat sie mir schon einen Stuhl untergeschoben. Wenig später steht ein großer Teller mit dampfenden Bratkartoffeln und appetitlich duftendem Rostbraten vor meiner Nase.

„Lang ordentlich zu, es ist noch genug da, falls es nicht reicht.“

Ihr mütterliches Lächeln, bevor sie aufsteht und sich um die anderen Pensionsgäste kümmert, rührt mich und ich atme gegen die Beklemmung in meiner Brust an.

Mit mir essen elf weitere Personen zu Abend. Zwei Herren, von denen einer der Vater des anderen sein könnte, ein Paar mittleren Alters, das niederländisch miteinander spricht, zwei andere Pärchen, Rentner sicherlich, die entweder schon zusammen angereist sind oder sich hier kennengelernt haben. Jedenfalls verstehen sie sich ausgesprochen gut miteinander. Dann ist da noch die Familie Schreiber. Mutter, Vater und ihre Teenager-Tochter, die schon abgereist waren und wieder umkehren mussten. Es stört mich nicht, dass ich allein an meinem kleinen Tisch sitze ‒ im Gegenteil. Ich genieße das Essen und bin froh, dass mich niemand auf meine Misere anspricht.

Das Essen ist köstlich und eine Wohltat, der Tee tut sein Übriges und schon bald befällt mich eine bleierne Müdigkeit. Ich könnte im Sitzen einschlafen. Ein angenehmer Zustand ‒ wenn ich nicht noch die Treppe hinauf müsste …

Artig bedanke ich mich nochmals bei Franziska, bringe mein Geschirr zurück und schleppe mich in mein Zimmer. Todmüde falle ich aufs Bett, schließe die Augen und bleibe eine Weile reglos liegen, bis mein Telefon summt. Drei verpasste Anrufe und eine Textnachricht von Michael zeigt das Display an.

Was gibt es denn?

Ich lese seine Nachricht, bin aber zu müde, um zu antworten. Während mich der Schlaf übermannt, beschließe ich, meinen Bruder gleich morgen früh anzurufen.

3. Quid pro quo

Ich vernehme ein Klopfen. Mein Körper ist schwer und wehrt sich beharrlich gegen diese Störung. Es dauert, bis ich mich von meinem Kissen erhebe.

„Inga? Alles in Ordnung?“

Mein Puls beschleunigt sich. Unverkennbar Julius‘ Stimme. Warum reagiere ich auf diesen Mann nur so sensibel? Nach dem gestrigen Desaster mit Marlon sollten mich Männer grundsätzlich für eine Weile kaltlassen.

„Ja, klar! Einen Moment!“ Ich klinge verschlafen.

Etwas unbeholfen klettere ich aus dem Bett und ziehe mir die Decke wie einen Umhang über die Schultern. Der dumpfe Schmerz, der dabei in meine Schulter fährt, lässt mich aufstöhnen. Ich blinzele durch die zusammengekniffenen Augen, denn draußen ist es schon hell, und öffne wenig später die Zimmertür.

„Guten Morgen“, krächze ich, streiche mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und reibe mir müde die Augen.

Julius sieht aus, als hätte er nicht geschlafen. Unter seinen bezaubernd grünen Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab. Wow, diese Verletzlichkeit, die er ausstrahlt, macht ihn noch attraktiver. Bewusst atme ich tief ein und will etwas von seinem angenehmen Duft aufnehmen, doch bevor ich mich weiter für ihn erwärmen kann, verändern sich seine Gesichtszüge und sein Körper spannt sich an. Mit zusammengekniffenen Augen und schmalen Lippen mustert er mich für meine Begriffe etwas zu lange und ich ziehe die Decke fester um meine Schultern. Distanziert und kühl ist er nun ‒ wie ausgewechselt.

„Meine Mutter will wissen, ob alles in Ordnung ist und ob du noch etwas zum Frühstück essen möchtest.“

Augenblicklich wird mir flau im Magen. Welche Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen? Ist er etwa sauer auf mich? Habe ich irgendetwas verbrochen?

„Natürlich, sehr gern. Ich ziehe mich nur schnell an.“ Ich beschließe, höflich zu bleiben und nicht weiter darauf einzugehen.

„Wie lange brauchst du schätzungsweise?“

„Schon gut, wenn ich mich beeile, kann ich in fünfzehn Minuten fertig sein.“

Er zieht skeptisch die Augenbrauen hoch. „Na dann beeil dich mal. Wir treffen uns um elf in der Scheune. Lagebesprechung zu deinem Auto.“

„Um elf? Klar, Sergeant. Das schaffe ich dicke.“ Ich ziehe die Decke erneut vorsichtig zurecht. Bevor ich die Tür schließen kann, grinst er mich süffisant an.

„Was ist?“

„Du hast keine Ahnung, wie spät es ist, oder?“

Damit hat er recht, aber so schlimm kann es nicht sein, ich schlafe selten lange.

„Und wenn schon.“ Ich gebe mich so gelassen wie möglich und zucke mit den Schultern, was ich auf der Stelle bereue. Autsch.

„Zwanzig nach zehn“, gibt er selbstgefällig Auskunft. „Du gehörst wohl nicht zu den frühen Vögeln.“

Jetzt reicht‘s. Ich öffne den Mund, um ihm eine passende Antwort zu liefern, aber mir fällt partout nichts Sinnvolles ein. Also lässt er mich stehen und ich ärgere mich. Über mich, über ihn, über den Schnee und darüber, dass der Tag schon so beschissen anfängt. Da habe ich mal so richtig verpennt und das ausgerechnet, nachdem mich hier alle so gut aufgenommen haben. Jetzt stehe ich da wie eine Faulenzerin. Wie peinlich! Ich schließe die Tür lauter als beabsichtigt und suche mein Handy. Akku leer. Shit!

In Windeseile ziehe ich das Ladekabel und ein paar Klamotten aus der Reisetasche, dann verschwinde ich im kleinen Badezimmer.

Kurz darauf nehme ich die Treppe im Rekordtempo. Vor der letzten Stufe liegt schon wieder Bruno und rührt sich nicht. Ich bremse ab, um vorsichtig über den Hund zu steigen, verliere aber das Gleichgewicht. Das rechte Bein in die Höhe gestreckt, hilflos mit dem rechten Arm in der Luft rudernd, greife ich Halt suchend mit der linken Hand nach dem unteren Treppenpfosten. Durch die lädierte Schulter kann ich jedoch nicht die notwendige Kraft aufbringen, um mich zu halten. Ich springe ab, drehe mich halb in der Luft und lande mit einem lauten Poltern auf dem Boden. Bruno lässt sich zu einer dezenten Reaktion hinreißen. Er hebt seinen großen Kopf und sieht mich an.

„Sorry“, flüstere ich und reibe mir die Fußgelenke. Sie schmerzen durch die unsanfte Landung, scheinen aber keinen Schaden genommen zu haben. Vorsichtig durchquere ich den Flur und betrete den Gastraum. Hier ist von Frühstück längst keine Rede mehr. Die Rentnerpärchen spielen Karten miteinander. Franziska kommt gerade aus der Küche.

„Ach, Inga! Ausgeschlafen?“ Sie lacht, stellt ein paar Teller ab und kommt zu mir, um mich mit einer herzlichen Umarmung zu begrüßen. Gleich darauf bietet sie mir Kaffee und etwas zu essen an.

Ihre Fürsorge ist mir unangenehm. Ich bin mir sicher, dass ich ihren Tagesablauf anständig durcheinanderbringe.

„Entschuldige bitte. Es tut mir leid, dass ich so spät dran bin. Mach dir bitte für mich keine Umstände.“

„Quatsch mit Soße. Setz dich schon hin.“ Sie zieht einen Stuhl vom erstbesten Tisch und bietet mir einen Platz an.

„Ich kann eine Pause vertragen und freue mich über Abwechslung und deine Gesellschaft.“ Sie zwinkert mir vielsagend zu und verschwindet wieder in der Küche. Verunsichert lege ich die Hände in den Schoß und warte ab.

Ich beobachte die Kartenspielenden und als sich eines der beiden Pärchen küsst, schnürt es mir die Kehle zu. Marlon und ich haben es nicht mal bis zum ersten Jahrestag geschafft, dabei habe ich mir solche Mühe gegeben. Mein Bauchgefühl hatte die ganze Zeit recht. Ich hätte darauf hören und die Beziehung schon vor Wochen beenden sollen. Aber ich hatte immer gehofft, dass wir doch zusammengehören und miteinander alt werden können. So oft hat er mir seine Liebe geschworen und meine Zweifel zerredet. All meine Hoffnung habe ich in diesen blöden Weihnachtsurlaub in der Skihütte gesetzt und zum Dank sitze ich als die Gehörnte in einer Pension bei fremden Leuten fest. Super Weihnachten …

Wir haben vom Schnee gehört. Ist alles okay bei euch?

Eine Textnachricht von meiner Mutter erreicht mich. Der Akku meines Handys hat in der kurzen Zeit immerhin zwölf Prozent geladen. Ich schreibe zurück.

Ja, alles in Ordnung, aber Handy gleich leer. Hab euch lieb.

Hinhaltetaktik, aber mir ist noch nicht danach, mit ihr zu telefonieren. Ich seufze und muss mir eingestehen, dass ich doch Glück im Unglück gehabt habe. Wenn mir Julius nicht begegnet wäre und ich Marlons BMW nicht geschrottet hätte, säße ich sehr wahrscheinlich irgendwo zwischen hier und Wien im Schnee fest, um mir den Arsch abzufrieren, wenn nicht sogar Schlimmeres. Mir schaudert bei dem Gedanken daran, wie schlimm es hätte ausgehen können.

Rücken gerade, Krone richten, höre ich meine innere Stimme, nehme Haltung an und sehe mich um. Der Gastraum ist sehr hübsch hergerichtet. Weihnachtssterne auf den Fensterbänken, in einer Ecke stehen Wichtel aus Holz. Die gegenüberliegende Wand dagegen sieht kahl aus. Irgendetwas fehlt.

Ein guter Platz für einen Weihnachtsbaum, denke ich, als Julius‘ Mutter mit einem Tablett zurückkommt. Darauf befinden sich Brötchen, Marmelade, Butter und ein gekochtes Ei. Außerdem Teller, Besteck und zwei Tassen.

„Kaffee kommt sofort.“ Sie bringt noch eine bauchige rote Thermoskanne und setzt sich dann zu mir an den Tisch. „Und? Wie hast du geschlafen?“ Sie sieht mich nicht an, sondern gießt beide Tassen voll.

„Ausgesprochen gut und viel zu lange. Nochmals, es tut mir wirklich leid. Normalerweise liege ich nicht so lange im Bett.“

„Du hattest gestern einen anstrengenden Tag. Der Körper nimmt sich, was er braucht. Sei froh und genieße jetzt entspannt dein Frühstück.“

„Um elf will Julius sich schon wegen des Autos mit mir in der Scheune treffen und danach werde ich mich sofort um meine Abreise kümmern. Versprochen.“

„Nur keine Eile. Julius kann auch mal fünf Minuten warten, bis du aufgegessen hast.“ Sie blickt mich über den Rand ihrer Kaffeetasse ernst an. „Außerdem fährst du heute sehr wahrscheinlich nirgendwohin.“

Unbehagen befällt mich. Noch bevor ich fragen kann, spricht Franziska weiter. „Ich nehme an, dass du noch keine Nachrichten gehört oder gelesen hast. Schau mal aus dem Fenster. Es schneit immer noch heftig. Die Zufahrtsstraßen sind allesamt dicht. Das Gleiche gilt für den Zugverkehr in der halben Steiermark. Wir sind eingeschneit.“

„Nein!“ Mir fahren Schreck und Ratlosigkeit in alle Glieder und ich versuche zu begreifen, was Franziska mir mitteilt.

„Aber das geht nicht! Ich muss nach Wien zu meinen Eltern! Ich habe sie fast ein Jahr nicht mehr gesehen und in zwei Tagen ist Weihnachten“, insistiere ich vollkommen zwecklos. „Ich kann doch nicht einfach hierbleiben.“

„Du wirst es müssen, Liebes, ob du willst oder nicht“, versucht mich Franziska in eigentümlicher Abgeklärtheit zu trösten. Sie stellt die Kaffeetasse ab und legt ihre Hand auf meine. „Oder gefällt es dir bei uns nicht?“

Jetzt erst merke ich, dass ich zittere. „Doch. Ihr seid so lieb zu mir, aber …“

„Keine Sorge, wir bekommen dich schon versorgt.“ Sie versucht mich zu beruhigen, hat aber nur mäßig Erfolg. „Du kannst in dem Zimmer wohnen, Essen gibt es auch. Sobald der Schnee nachlässt, kannst du weiterreisen. Morgen oder übermorgen. Vielleicht sogar mit dem Auto. Der Julius hat nämlich ein goldenes Händchen für so etwas.“

„Ein goldenes Händchen?“

„Ja, der kennt sich super mit Autos aus. Ist der Beste auf dem Gebiet und kriegt alles wieder hin.“

Ob Julius mir wirklich helfen will, wage ich zu bezweifeln, aber ich möchte nicht unhöflich sein. Im Gegensatz zu ihm ist seine Mutter nämlich ausgesprochen liebenswürdig zu mir.

„Das ist sehr großzügig von euch. Ich weiß gar nicht, wie ich das jemals wiedergutmachen soll.“

„Ach weißt du, der Gedanke, dich als Schwiegertochter zu haben, hat mir gestern sehr gefallen.“ Schwärmerisch blickt sie an die Decke und ich spüre, wie mir meine Gesichtszüge entgleisen. Was versucht mir Franziska denn damit zu sagen? Will sie mich etwa mit ihrem Sohn verkuppeln? Plötzlich fängt sie an zu lachen.

„Dein Gesicht solltest du sehen!“ Sie kichert weiter und muss die Tasse abstellen, um den Kaffee darin nicht zu verschütten. „Revanchiere dich einfach, wenn du das nächste Mal auf jemanden in Not triffst.“

„Natürlich“ versichere ich umgehend und senke peinlich berührt den Blick auf den Tisch.

Mit einigen Minuten Verspätung mache ich mich schließlich auf den Weg zur Scheune. Im dichten Schneetreiben überquere ich den Hof. Dass hier kürzlich großräumig freigeschaufelt worden ist, ist nur noch zu erahnen. Unerbittlich fallen die dicken weißen Flocken vom Himmel und der kräftige, kalte Wind trägt sie fürsorglich bis in die hintersten Ecken. Ich sinke tief ein. Etwas Schnee landet in meinen Stiefeln und es knirscht unter den Sohlen. Schon nach wenigen Schritten macht sich die Kälte nicht nur an meinen Füßen bemerkbar, sondern sticht mir auch wie feine Nadeln ins Gesicht.

Das ausladende grüne Schiebetor der Scheune ist nur noch wenige Meter entfernt. Es steht ein Stück offen und ich kämpfe mich in den geschützten Unterschlupf. Als der fürchterliche Wind von mir ablässt, atme ich befreit auf. Julius begrüßt mich mit einem wissenden Blick. „War klar, dass du es nicht pünktlich schaffst.“ Er säubert seine Finger mit einem Putzlappen.

„Auch schön, dich zu sehen. Tut mir leid wegen der Verspätung. Ich habe mein Bestes gegeben“, entschuldige ich mich trotz seines blöden Spruchs. Ich habe keineswegs vor, mich ihm gegenüber zickig zu verhalten, aber er provoziert mich ‒ bewusst oder unbewusst ‒ und es nervt mich.

„Na ist schon gut, hätte mich auch sehr gewundert“, winkt er ab.

Mein Puls erhöht sich, es kribbelt unter meiner Haut. Woher nimmt er sich das Recht zu solchen Äußerungen? Er kennt mich doch gar nicht! Außerdem habe ich genug mit mir selbst zu tun. Ich brauche im Augenblick niemanden, der mir das Leben zusätzlich schwermacht.

„Ich habe mir dein Auto mal angeschaut. Das Schätzchen hat verdammtes Glück gehabt. Es ist gar nicht so viel passiert. Es gibt zwar ein paar unschöne Kratzer und eine kleine Delle am vorderen rechten Kotflügel und wie du mitbekommen hast, ist der Beifahrerairbag ausgelöst worden. Im Großen und Ganzen bist du aber glimpflich davongekommen. Wenn du jetzt noch gut versichert bist, hast du dir selbst ein Weihnachtsgeschenk gemacht.“

„Eine Delle und Kratzer“, wiederhole ich matt und trete dichter an Marlons Baby heran, während ich versuche, die Informationen einzuordnen. Abgesehen davon, dass ich überrascht von Julius‘ unerwarteter Einschätzung bin, sitzen mir gerade Engelchen und Teufelchen auf den Schultern. Teufelchen ruft munter: Los, hol deinen Schlüssel raus und verpasse seiner Karre den Rest, noch eine ordentliche Schramme. Eine richtige, die von vorn bis hinten über die ganze Seite des Wagens geht. Dieser Mistkerl hat dich belogen und kein Mitleid verdient. Hat er sich alles selbst zuzuschreiben.

Engelchen hält sanft dagegen: Durchatmen, Inga. Reicht nicht, was schon alles passiert ist? Sei doch froh, dass du nicht verletzt bist und mit dem Schrecken davongekommen bist. Vergiss nicht, du musst den Schaden sowieso aus eigener Tasche zahlen. Wenn du das Auto noch mehr demolierst, schadest du dir am Ende nur selbst.

Ich versuche die beiden zu ignorieren und beantworte stattdessen nüchtern Julius‘ Frage. „Nein, ich bin überhaupt nicht versichert. Das ist nämlich nicht mein Auto.“

„Und wem gehört das gute Stück dann? Hast du den Halter schon informiert? Weißt du, wie er versichert ist?“

Ich sehe Julius gequält an und stopfe trotzig meine Hände in die Jackentaschen. Seine Fragestellung kommt einem Verhör gleich und nebenbei bemerkt geht es ihn auch nichts an.

„Das blöde Auto ist bestens versichert, aber das wird mir nichts nützen“, gebe ich unwirsch zu und weil Julius nicht aufhört, mich anzustarren, setze ich nach. „Ich hatte nicht die Erlaubnis, ihn zu fahren. Genau genommen war es mir sogar verboten worden.“ Den letzten Satz raune ich fast unverständlich in meinen Kragen.

„Hast du ihn etwa geklaut?“ Er stößt einen anerkennenden Pfiff aus. „Hätte ich dir gar nicht zugetraut. Du siehst viel zu brav aus.“

Ich neige den Kopf und werfe ihm einen Blick aus schmalen Augen zu. „Weißt du doch gar nicht.“

„Stimmt. Raus damit. Was hast du angestellt?“

„Überhaupt nichts! Es hat sich aus der Not heraus ergeben.“ Ich verteidige mich entrüstet und schüttele den Kopf, dann gehe ich langsam um das Corpus Delicti herum.

„Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Muss ich damit rechnen, dass die Bullen irgendwann hier auftauchen und nach dir fragen?“

„Was? Nein, so ein Schwachsinn!“ Noch während ich antworte, kommen mir Zweifel und mir bricht der kalte Schweiß aus. Würde Marlon wegen seines blöden Autos so weit gehen, mich bei der Polizei anzuschwärzen?

„Der gehört meinem Fr… also meinem Ex und ich habe ihn mir gegen seinen Willen geliehen. In ein paar Tagen, wenn ich bei meinen Eltern war, bekommt er ihn wieder. Im Moment braucht er sowieso kein Auto. Können wir das Thema jetzt beenden? Ich frage dir doch auch keine Löcher in den Bauch.“

„Ich habe ja auch kein Auto geklaut.“ Julius sieht mich seltsam an, nickt und stellt sich neben mich auf die Beifahrerseite.

Ein angenehmes Gefühl befällt mich, als er so nah neben mir steht. Es macht mich ein wenig nervös und ich grabe meine Hände tiefer in die Jackentaschen.

„Wenn du willst, mache ich das Auto fahrtüchtig, sodass du nach Wien kommst. Dazu muss ich nur den Airbag vernünftig ausbauen. Um die richtige Reparatur kannst du dich dann später mit deinem Freund kümmern.“

„Ex!“, zische ich.

„Na von mir aus, du und dein Ex.“

„Ist das denn erlaubt? Darf ich ohne Airbag fahren?“

„Klar, es gibt doch noch jede Menge Autos, die keinen Airbag haben. Stell dir vor, die müssten alle aus dem Verkehr gezogen werden. Die Straßenverkehrsordnung wird weniger ein Problem damit haben als dein Freund.“

„Ex!“ Ich rolle genervt mit den Augen. „Woher weißt du denn, wie man das ordentlich macht? Welche fachliche Qualifikation hast du denn? Vielleicht hat die Straßenverkehrsordnung ein Problem damit, wenn ein Laie an dem Auto rumschraubt.“

Obwohl ich Franziskas Worte in den Ohren habe und obwohl ich mich beherrschen wollte, zicke ich nun doch. Seine Nähe ist angenehm und das bringt mich durcheinander.

„Ach ja? Bitteschön.“ Er reicht mir ein Werkzeug, das er in der Hand hält, hin und reflexartig greife ich zu.

„Mehr als einen Meistertitel kann ich leider nicht vorweisen. Versuch dich gern und überrasch mich. Vielleicht tut sich die Möglichkeit auf, dass ich noch etwas von dir lernen kann.“ Julius wirft mir einen gleichgültigen Blick zu, wendet sich ab und ich ärgere mich über meine vorlaute Klappe.

„Ist schon gut, es tut mir leid.“

„Was genau?“ Er bleibt stehen und sieht mich über die Schulter an.

„Es tut mir leid, dass ich deine Fähigkeiten infrage gestellt habe. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Das Auto steckte wohl immer noch im Schnee fest, wenn ihr es nicht abgeschleppt hättet.“ Ich atme schwer.

„Mit Sicherheit.“ Julius bestätigt meine Vermutung, rührt sich aber nicht.

„Würdest du mir bitte dabei helfen, den Airbag auszubauen?“ Ich gebe mir große Mühe, meine Frage höflich zu stellen. „Ich habe keine Ahnung davon.“

„Und wer hat Ahnung?“, fragt er mich allen Ernstes und ich umklammere sein blödes Werkzeug, als wollte ich es erwürgen. „Echt jetzt?“

„Ja.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht er mich wartend an.

„Du hast offenbar Ahnung davon“, gebe ich schließlich nach. Je eher ich diesen Kindergarten beende, desto eher sitze ich in Wien unter dem Weihnachtsbaum.

„Stimmt.“ Nun grinst er selbstgefällig, kommt zurück und nimmt mir das komische Werkzeug wieder ab. „Ich werde das allein machen, aber ich erwarte eine Gegenleistung, eine Gefälligkeit.“

Gegenleistung? Mir fällt Franziskas Bemerkung ein, dass sie sich über mich als Schwiegertochter gefreut hätte. Sie hat offensichtlich nur gescherzt, oder nicht? Was denkt sich dieser Typ bloß? Ich starre ihn entgeistert an, aber er macht sich schon am BMW zu schaffen.

„Gegenleistung?“ Unsicher wiederhole ich dieses Wort.

„Klar. Quid pro quo, wie Hannibal Lecter immer zu sagen pflegte.“

„Wer ist Hannibal Lecter?“ Ich habe diesen Namen noch nie gehört.

„Oh, Mann! Kannst du googeln“, speist er mich ab und klemmt sich ein Werkzeug zwischen die Zähne.

„Ja, vielleicht. Und welche Gefälligkeit schwebt dir vor?“ Ich kann nicht glauben, dass ich diese Frage stelle.

„Dort neben dem Scheunentor stehen ein paar Schneeschieber. Such dir einen aus, der dir gefällt und schaufele den Weg von der Scheune zum Haus wieder frei.“

Ich blicke Julius ungläubig an.

„Na, einer muss es ja machen und wenn ich an deinem Auto schraube, kannst du auch für mich den Schnee wegschippen.“

Ein schlüssiges Argument, also gebe ich nach und suche mir eine passende Schneeschaufel aus.

„Ich muss noch meine Handschuhe holen.“

„Warte! Du kannst meine nehmen.“ Er reicht mir seine, die etwas zu groß sind und eine wohlige Wärme umschließt meine Hände, nachdem ich hineingeschlüpft bin. Dann kämpfe ich mich hinaus in den Schnee.

Bereits nach wenigen Minuten wird mir von der ungewohnten Tätigkeit warm und ich gerate ins Schnaufen. Außerdem schmerzt die Schulter, wenn ich mich unvorsichtig bewege. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine solche Arbeit verrichtet zu haben. Im Rheinland, wo ich wohne, hat Schnee Seltenheitswert. Es gibt sogar Witze darüber, wie eine einzelne Schneeflocke bei uns in Köln und Umgebung für Chaos sorgen kann.

Die Handschuhe leisten mir sehr gute Dienste, aber ich habe das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Der Schnee ist unerwartet schwer und mit jeder Bewegung lässt die Kraft in meinen Armen nach.

Erschöpft richte ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit auf und mache eine Pause. Ich recke meinen schmerzenden Rücken und begutachte meine bisherige Leistung. Es sind keine vier Meter, stelle ich niedergeschlagen fest. Liebend gern hätte ich mich auf eine andere Weise nützlich gemacht oder besser noch, am besten wäre ich gar nicht erst in diese Situation geraten. Dann könnte Julius seinen Hof schön allein von der weißen Pracht befreien und ich stattdessen Glühwein trinkend mit meinen Eltern Karten spielen.

Augenblicklich formt sich die Wut auf Marlon in meinem Bauch und steigt in mir auf. Dazu gesellt sich die Wut auf mich selbst, dass ich es so weit habe kommen lassen und der Beziehung nicht rechtzeitig ein Ende gesetzt habe. Giulietta und er tauchen erneut vor meinem inneren Auge auf. Ich sehe Marlons Hände auf ihrem halbnackten Körper. Was hatten die beiden sich eigentlich dabei gedacht? Ohne Rücksicht auf Benedikt und mich sind sie wie ausgehungert übereinander hergefallen. Warum haben sie nicht mit offenen Karten gespielt?

Eine Trennung tut weh, aber sie ist ein sauberer Schnitt. Nicht immer schön, aber in unserem Fall offensichtlich das Beste und jeder von uns hätte ein Weihnachtsfest nach Wunsch bekommen. Ich, indem ich wie geplant zu meinen Eltern gefahren wäre und die beiden Turteltäubchen in der Skihütte am Großen Bösenstein. Ich stoße verächtlich die Luft aus. Die Skihütte macht ihrem Namen alle Ehre. Bis jetzt ist hier alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen konnte. Großer Bösenstein. Schönen Dank auch.

Wütend setze ich meine Arbeit fort. All meine Kraftreserven bringe ich auf, um den Schnee beiseite und Marlon endlich aus meinem Kopf zu bekommen. Als ich mir die zweite Verschnaufpause gönne, bin ich wenigstens zu erschöpft, um weiteren Groll gegen ihn zu hegen. Zufrieden stelle ich fest, dass ich bereits zwei Drittel des Weges geschafft habe. Dass ein Teil meiner Arbeit bereits unter neuem Schnee verborgen ist, nehme ich demütig zur Kenntnis.

„Vom Rumstehen erledigt sich die Arbeit nicht! Glaubst du, der Schnee räumt sich von selbst?“ Julius‘ Stimme ertönt unmittelbar hinter mir, der Schreck fährt mir in die Glieder. Warum benimmt er sich wie ein Idiot?

Ich drehe mich um und will ihm passend antworten. Doch als wir uns gegenüberstehen, überlege ich es mir anders. Seine Wangen sind von der Kälte gerötet, die dunklen Haare schauen unter der Mütze hervor und die Schneeflocken setzen sich darauf. Abgesehen von seinen beeindruckenden Augen macht er auch sonst eine gute Figur. Aber was hilft es, wenn er sich wie ein Kotzbrocken verhält? Ich bin zu erschöpft, um mich mit ihm zu streiten. Ich halte mich am Stiel der Schaufel fest. Mir wird schwindelig.

„Ich, ich … also … ich glaube, ich brauche eine Pause“, stottere ich ermattet. „Kann ich später weitermachen? Der Schnee wird schon nicht schmelzen und ich habe das Gefühl, dass ich gleich umfalle.“ Er neigt den Kopf etwas und sieht mich mit zusammengezogenen Augen an. Traut er mir zu, dass ich mich nur vor der Arbeit drücken will?

„Schon gut, den Rest schaffe ich allein.“

„Danke.“ Ich reiche ihm die Schneeschaufel und stapfe mit gemischten Gefühlen ins Hauptgebäude.

Das Mittagessen wird serviert, aber ich will nur noch auf mein Zimmer, die dicken Klamotten ausziehen und mich ausruhen.

Dort angekommen, bemerke ich, dass ich noch Julius‘ Handschuhe trage. Ein spontanes Lächeln umspielt meine Lippen, als ich sie ausziehe. Er ist zwar kein Gentleman, aber er hat sich bereit erklärt, das Auto wieder fahrbereit zu machen. Das ist eine sehr nette Geste, wie überhaupt alles nach dem Unfall. Vielleicht ist er manchmal ungehobelt, aber er hat ein gutes Herz. Ich nehme mir vor, weniger auf seine Kommentare einzugehen und nicht alles persönlich zu nehmen.

Ein plötzliches Dröhnen, das vom Hof her in mein Zimmer dringt, reißt mich aus den Gedanken. Neugierig tapse ich zum Fenster hinüber und traue meinen Augen nicht: Julius sitzt auf einer Schneefräse und ist dabei, den Hof großräumig vom Schnee zu befreien. Der Weg, den ich in mühsamer Handarbeit vom Schnee befreit habe, wandelt sich in kurzer Zeit in eine Freifläche. Mir stockt augenblicklich der Atem.

Wut steigt in mir auf. Ich fahre mir mit der Hand über die schmerzende Stelle am Schlüsselbein. Meine Arbeit war vollkommen unnötig! Er hat mich vorgeführt und ich mich in ihm getäuscht. Wie soll ich das nicht persönlich nehmen?

Verärgert werfe ich die Handschuhe auf den Tisch. „So ein Idiot!“, zische ich.

Vielleicht lässt der Schnee doch schneller nach. Wenn die Bahnen wieder fahren oder die Straßen geräumt sind, reise ich ab. Soll Julius am BMW schrauben, bis ihm der Arm abfällt. Ich bin nicht auf ihn angewiesen. Im Ernstfall rufe ich mir ein Taxi.