Leseprobe Wie widersteht man einem Earl?

Kapitel 1

Ende Februar 1815 in Leicestershire, England.

Der Himmel hatte sich zugezogen und der Wind peitschte so stark gegen die Kutsche, dass mindestens eines der Räder von der Straße abgekommen war. Hagel und eiskalter Regen schlugen gegen die Fenster. Lady Grace Carpenter klopfte gegen das Dach ihrer Kutsche, um über den tosenden Sturm auf sich Aufmerksam zu machen. »Wie weit ist es noch bis zum Crow and Hound

»Nicht weit, Milady«, rief ihr Kutscher über den Wind zu ihr zurück. »Ich denke, wir sollten dort Halt machen.«

»Einverstanden. Fahren Sie uns hin.« Sie kuschelte sich tiefer in ihren warmen Pelzmantel. Als sie sich am Morgen auf den Weg gemacht hatten, war es sonnig und trocken gewesen, es hatte keinerlei Anzeichen gegeben, dass ein solcher Sturm aufziehen würde.

Es war keine Stunde bis nach Stanwood Hall, ihrem Zuhause, doch sie würden es wohl nicht schaffen. Statt ihre Bediensteten und Pferde diesem Wetter auszuliefern, würde sie lieber auf die Diskretion des Gastwirts hoffen.

Wenige Minuten später fuhren sie von der Straße ab und ihr Kutscher rief nach einem Stallburschen. Die Tür zu ihrer Kutsche öffnete sich und die Stufen wurden herabgelassen. Ihr Stallbursche, Neep, führte sie zügig aus der Kutsche und in den Eingang des Inns.

Der Gastwirt begrüßte sie dort und schloss die schwere Holztür vor dem Sturm. Mr. Brown hatte blondes Haar, blaue Augen, war von durchschnittlicher Statur und mittleren Alters. »Milady«, sagte er überrascht, »wir hatten Sie heute Abend hier nicht erwartet.«

»Aus gutem Grunde.« Grace zog ihren nassen Mantel aus und schüttelte ihn. »Ich hatte nicht damit gerechnet, herzukommen. Ich habe eine ältere Cousine besucht und auf der Rückkehr zog der Sturm auf.«

»Wie man so schön zu sagen pflegt, Milady«, sagte er nickend, »keine gute Tat bleibt ungestraft.«

»Nun«, sie schnaubte verärgert, »es erscheint mir bisweilen fast so. Gott sei Dank waren wir nahe des Inns. Mein Kutscher, Stallbursche und zwei Vorreiter reisen mit mir«, Grace verzog das Gesicht, »allerdings reise ich ohne meine Zofe.« Sie hoffte sehnlichst, es würde niemand davon erfahren, dass sie ohne Bolton hier war. Sobald sie es endlich nach Hause geschafft hatte, würde Graces Zofe ihr sicherlich einen ihrer Blicke zuwerfen, der ihr deutlich Ich habe es dir doch gesagt zu verstehen gab. »Ich werde eines Ihrer Mädchen benötigen. Es versteht sich natürlich von selbst, dass Sie mich hier nicht gesehen haben.«

»Selbstverständlich, Milady.« Er nickte und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Nase. »Sie waren nie hier. Bei diesem Wetter werden Sie sicher niemandem mehr begegnen. Sie und ihre Bediensteten werden heut’ Nacht schön warm und trocken schlafen.« Er zeigte auf die Tür neben der Treppe, nahe dem Aufenthaltsraum. »Sie können ihr Abendessen in diesem Salon zu sich nehmen.«

Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. »Ich danke Ihnen. Das wäre perfekt.«

Susan, eine von Browns Töchtern, führte Grace zum großen Zimmer im ersten Stock, am hinteren Ende des Inns. Sie reichte dem Mädchen ihren Mantel zum Trocknen und schüttelte ihre Röcke aus. »Ich werde nach Ihnen rufen, wenn ich bereit bin, mich zurückzuziehen.«

»Ja, Milady. Klingeln Sie einfach, wenn Sie etwas brauchen.« Susan knickste und verließ den Raum.

Grace sah sich um. Obwohl sie schon häufig mit ihrer Familie hier gewesen war, hatte sie noch nie die Nacht hier verbracht. Das Inn war bereits seit Generationen im Besitz der BrownFamilie. Das Gebäude war alt, aber durchaus reinlich und gut in Stand gehalten.

Sie nahm sich ein Buch und ein Schultertuch aus ihrem großen Handmuff, bevor sie die Treppen zum Salon hinabstieg. Obwohl der Tag noch jung war  es war erst kurz nach zwei Uhr nachmittags  hatte Mr. Brown die Fensterläden geschlossen und ein Feuer entfacht. Zahlreiche Kerzen erleuchteten den Raum.

Eine Stunde später war sie wieder warm und trocken, vertieft in Madeline, die neueste Romanze der MinervaDruckerei. Über dem Sturm konnte die Ankunft einer weiteren Kutsche vernommen werden. Grace senkte das Buch und wunderte sich, wer der Neuankömmling wohl sein mochte.

Die Tür zum Inn flog auf. Augenblicke später hörte sie die erregte Stimme Mr. Browns und die eines zweiten Mannes. Der Sprache nach zu urteilen, handelte sich es um einen Gentleman.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Worthington? Konnte es sein? Sie hatte seine Stimme seit vier Jahren nicht mehr gehört, doch würde sie sie niemals vergessen.

Sie öffnete die Tür einen Spalt weit und warf einen Blick hinaus. Er war es tatsächlich. Während ihrer gesamten ersten Ballsaison hatte sie diesen Mann heiraten wollen und ihn dann nie wiedergesehen. Die Enden seines dunkelbraunen, fast schon schwarzen Haares waren feucht, dort wo sein hoher Kastorhut den Regen nicht hatte fernhalten können. Wenn er sich umdrehte, würde sie seine strahlend blauen Augen sehen, umrahmt von langen Wimpern.

»Können Sie den Reisenden im Salon nicht fragen, ob er ihn mit mir teilen würde?«, fragte Worthington den Gastwirt in angespanntem, aber dennoch höflichem Tonfall. Er war nass und sicherlich ausgekühlt, und den Aufenthaltsraum konnte man bestenfalls als frostig bezeichnen.

Langsam formte sich ein Gedanke. Grace überkam ihre Beklommenheit und trat in den Saal. »Mr. Brown, seine Lordschaft kann gern mit mir speisen.«

»Sind Sie sich sicher, Mi …«

Sie warf ihm einen bedeutungsschweren Blick zu. Wenn er sie Milady nannte, würde Worthington zu viele Fragen stellen. Er durfte unter keinen Umständen erfahren, wer sie war.

»Ma’am?«

Sie versuchte, ihre Erleichterung zu verbergen. »Selbstverständlich. Sie können uns das Essen servieren, sobald seine Lordschaft Gelegenheit hatte, sich umzuziehen.« Grace knickste kurz und kehrte in den Salon zurück.

Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Dies war ihre Gelegenheit, womöglich ihre einzige, und sie würde sie am Schopfe packen.

Was hast du vor, Mädchen? Hast du den Verstand verloren?, warnte sie ihr eigenes Gewissen.

Es wird nie jemand erfahren. Brown wird es leugnen, dass ich je hier war.

Wie kannst du verlangen, dass die Kinder anständig sind, wenn du

»Ach, sei still«, murmelte Grace. »Wann werde ich je wieder diese Gelegenheit haben? Verrate mir das mal. Ich möchte ja nur etwas Zeit mit ihm verbringen. Ist das denn so schlimm?«

Wasser tropfte von seinem Paletot, wie zuvor schon von seinem Hut. Es musste sich bereits eine Pfütze zu seinen Füßen gebildet haben. Mattheus, Earl of Worthington, war nicht gerade sehr angetan von dem kleinen Inn. Obwohl er es stets auf dem Weg nach London passierte, hatte er hier nie angehalten. Hätte es auch jetzt nicht getan, wäre das Wetter nicht so grauenhaft gewesen.

»Ich kann im Aufenthaltsraum gern noch etwas Holz aufs Feuer legen, Milord«, sagte der Gastwirt. »Aber in meinem Salon ist schon ‘n Gast.«

Er blickte zu dem recht großen Bereich. Der Wind rüttelte trotz der geschlossenen Läden an den Fenstern. Es war kalt und zugig. »Könnten Sie ihren Gast nicht fragen, ob er den Salon für kurze Zeit mir teilen würde?«

»Kann ich nicht, Milord.« Der ältere Herr schüttelte den Kopf. »Ich könnte Ihnen ein Mahl aufs Zimmer kommen lassen, aber ‘nen extra Tisch hab‘ ich nicht. Wenn er erstmal aufgewärmt ist, ist der Aufenthaltsraum gemütlich, ganz bestimmt.«

Daran zweifelte Matt sehr.

»Mr. Brown …«

Matt drehte sich bei dem Klang der tiefen, gebildeten und stoischen Frauenstimme um. Er rechnete mit einer älteren Dame, vielleicht einer Gouvernante, aber nicht mit dem anmutigen Wesen, das ihm nun gegenüberstand. Bevor er ihr seinen Dank aussprechen konnte, nickte sie kurz und schloss die Tür.

»Ich führe Sie auf Ihr Zimmer, Milord.« Der Gastwirt grummelte, als er Matts Tasche aufhob.

»Ich danke Ihnen. Wie schön es sein wird, wieder trockene Kleidung zu tragen.« Auf der Treppe hielt er plötzlich inne, als ihn der Geist einer Erinnerung umwehte. Er kannte sie, doch woher? Aus London. Die Ballsaison. Er schüttelte den Kopf in der Hoffnung die Erinnerung wachzurufen, doch es wollte ihm nicht gelingen.

»Hier entlang, Milord.«

»Ich komme.« Es war ihr Haar, das ihm in Erinnerung geblieben war. Es glänzte wie ein kupferner Taler.

Der Gastwirt hielt eine Tür am Ende des Gangs geöffnet.

»Ich danke Ihnen.«

»Ich werde einen meiner Jungs mit warmem Wasser hochschicken.«

»Da wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

Brown machte sich daran, das Feuer zu entfachen.

Matt kannte nicht viele Damen, die es anbieten würden, ihren Salon mit einem Fremden zu teilen. Das Gefühl, sie bereits zu kennen, ließ ihn nicht los. Wer zum Teufel war sie?

»So, das wär’s, Milord.«

Als die Tür hinter dem Gastwirt ins Schloss fiel, machte sich Matt daran, sich seiner feuchten Kleidung zu entledigen. Je schneller er in den Salon kam, desto schneller würde er erfahren wer seine mysteriöse Lady war.

 

Keine halbe Stunde später stieg Matt die Treppen hinab und klopfte an die Tür des Salons, ehe er eintrat. Er verbeugte sich. »Ich danke Ihnen, dass Sie Ihren Salon und Ihr Mahl mit mir teilen. Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Worthington, zu Ihren Diensten.«

Es geht doch nichts über ein bisschen Pomp.

Er war fast überrascht, als sie lächelte und sich erhob, statt ihre hübsche Nase zu rümpfen. »Wir Reisenden müssen einander doch unterstützen, gerade in solch entsetzlichem Wetter.«

Anmutig.

Das war das erste Wort, das ihm in den Sinn kam, als sie zur Klingel schritt. Als er den Salon betreten hatte, war der Tisch bereits zum Tee gedeckt gewesen. Sie setzte sich und wies auf den Stuhl ihr gegenüber. »Bitte setzen Sie sich doch. Sie müssen nicht aus Höflichkeit stehen bleiben.«

Sie reichte ihm einen Teller und kurz darauf brachte ihnen ein junges Mädchen einen Teepott, der in ein farbenfrohes Tuch gehüllt war. Sie stellte ihn ab, und verließ den Raum.

»Nehmen Sie Zucker?«, fragte die Dame, während sie unter ihren langen, goldenen Wimpern zu ihm empor blickte.

Die Lady, denn sie war eindeutig aus gutem Hause, wollte Matt offenbar ihren Namen nicht verraten. »Das tue ich, Miss«

»Milch oder Sahne?«, fragte sie hastig.

»Zwei Würfel Zucker und einen Schuss Milch, bitte.«

Die Winkel ihrer üppigen Lippen zogen sich leicht nach oben.

Betont sah er sich im Raum um, als würde er nach etwas suchen. »Reisen Sie allein?«

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. Unter den gegebenen Umständen war das allerdings kein Wunder.

»Gelegentlich gehorcht das Wetter den eigenen Wünschen leider nicht.« Ihre Stimme klang angespannt, als gefiele ihr entweder seine Frage oder das Wetter nicht.

Ihre langen, schlanken Finger zeigten keinerlei Anzeichen eines Eherings. Erneut stieg die flüchtige Erinnerung, sie schon einmal gesehen zu haben, in ihm empor. Wie konnte ein heißblütiger Mann nur dieses atemberaubende Haar vergessen, das im Kerzenlicht golden glänzte und von leuchtendem Kupfer durchzogen war. Nun, an das Haar erinnerte er sich ja. Es war ihr Name, der ihm entfallen war. Ihre Brauen waren etwas dunkler als ihre goldenen Locken und schmeichelten ihren Augen, die sich an den Seiten leicht nach oben zogen. Noch nie hatte er eine schönere Frau gesehen.

Er wünschte sich, er könne die genaue Farbe ihrer ausdrucksstarken Augen erkennen, doch das Licht war zu dämmerig.

Blau. Das war doch vielversprechend. Wenn er sich doch nur an den Rest erinnern konnte. Zum Teufel nochmal. Er hatte sie schon einmal gesehen. Doch wo und wann? Und warum konnte er sich nicht daran erinnern? Ihr Mund zog seinen Blick auf sich, rosafarben und etwas breiter als derzeit als modern galt. Wie es sich wohl anfühlen würde, sie zu schmecken, ihre weichen Lippen auf den seinen zu spüren? Und woher nur stammte dieses Verlangen?

Das Herz schlug Grace bereits bis zum Halse, als Worthington sich zu ihr gesellte. In der kurzen Zeit, in der er sich umgezogen hatte, hatte sie ihre Entscheidung, ihn zu sich in den Salon einzuladen, mindestens ein Dutzend Mal in Frage gestellt.

Mattheus, Earl of Worthington.

Grace ließ ihren Blick über seine perfekte Gestalt schweifen und ergänzte ihre noch immer klaren Erinnerungen von ihm. Er war groß, hatte breite Schultern und seine Jacke passte ihm wie angegossen. Sein Halstuch saß einwandfrei. Er war schon immer sehr gut gekleidet gewesen. Sie hätte nie damit gerechnet, ihn noch einmal zu Gesicht zu bekommen oder wenn doch, dass er verheiratet wäre, mit mehreren Kindern. Obwohl … Sie sah zwar keinen Ring, aber wenn sie so darüber nachdachte, konnte er ja trotzdem verheiratet sein … Oh, er sprach mit ihr.

»Miss …?«

Als sie ihren Namen nicht preisgab, sah er sie neugierig an. Grace schritt zur Klingel hinüber und atmete erleichtert auf, als eine der BrownTöchter kurze Zeit später den Salon betrat.

Sie würde sich besser anstellen müssen, wenn sie wollte, dass er … nun ja … die Röte stieg ihr ins Gesicht. »Setzen Sie sich doch bitte. Ich würde mich über die Gesellschaft freuen.«

Na also, geht doch. Denk einfach daran, dass du fünfundzwanzig und keine achtzehn mehr bist.

Dies würde schwieriger werden als gedacht.

Worthington nahm einen Schluck aus seiner Tasse und seine fast schwarzen Brauen zogen sich zusammen. »Dies ist erstaunlich guter Tee für ein Inn.«

»Es ist meine eigene Mischung. Ich hatte den Tee auf der Reise dabei.« Sie hatte ihn dieses Mal mitgenommen, um ihrer älteren Cousine eine Freude zu bereiten. Anne beteuerte immer, ihren Tee zu lieben, gestatte Grace aber nie, ihr eine Büchse dazulassen.

Worüber sollte sie denn nun mit ihm sprechen? Mit der Ausnahme ihres Pfarrers hatte sie schon seit einer halben Ewigkeit keine Unterhaltung mehr mit einem Herrn außerhalb ihrer Familie geführt und auch das waren keine angenehmen Gespräche gewesen. »Haben Sie Familie, die sich um Sie sorgen wird?«

»Nur meine Schwestern und meine Stiefmutter. Sie wissen allerdings nicht, wann ich geplant hatte, nach Hause zurückzukehren.« Er nahm einen weiteren Schluck Tee. »Ich nehme an, Ihre Familie macht sich bereits große Sorgen?«

Sie würden zu sich Tode sorgen. Sie hätte schon längst zurück sein sollen, doch ihre Cousine war einsam und hatte die Gesellschaft nötig. »Ein wenig.«

»Haben Sie es weit?«

Grace studierte ihn über ihre Tasse hinweg. Sie hatte sich eingebildet, einen kleinen Funken Erinnerung in seinen Augen wahrgenommen zu haben, doch sie musste sich irren, denn es war nun eindeutig, dass er sie nicht erkannte. Dies überraschte sie nicht. Es war bereits einige Jahre her, dass sie sich zuletzt gesehen hatten. Seit ihrem einen gemeinsamen Tanz hatte er sich sicherlich mit Tausenden von anderen Damen auf dem Parkett gedreht. Wie dem auch sei, sie wollte sowieso nicht, dass er erfuhr, wer sie war. Es würde ihr ohnehin kompliziertes Leben nur noch mehr verkomplizieren.

»Innerhalb einer Tagesreise«, antwortete sie schließlich. Wahr, wenn auch irreführend. Sie musste diese Unterhaltung auf sicherere Bahnen lenken. »Wie stehen Sie zu den Entwicklungen des Friedensabkommens?«

Ein Lächeln spielte auf seinen wohlgeformten Lippen. »Es dauert bereits viel zu lange und die neue französische Regierung ist nicht so stark, wie sie sein sollte.«

Mr. Brown klopfte an die Tür und trat dann mit einer seiner zahlreichen Töchter ein. »Wir sind hier, um den Tee wegzuräumen, wenn Sie so weit wären.«

Grace riss den Blick von Worthingtons Mund los. Oh je. Wenn sie zuvor geglaubt hatte, er sei faszinierend, dann war das keinerlei Vergleich zu dem, was er nun mit ihrem Inneren anstellte. Sie musste sich zusammenreißen. »Ja, bitte. Wir werden das Abendessen um sechs Uhr zu uns nehmen.«

Mr. Brown verbeugte sich. »Wie sie wünschen, Mi«

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu.

»Ma’am.«

Genug war genug. Worthingtons Gesellschaft machte Pudding aus ihrem Verstand. Der Gastwirt und seine Tochter verließen den Salon und ließen die Tür einen Spalt weit geöffnet. Ihr Blick traf auf den von Worthington. Sie würde ihn wahrscheinlich nie wieder sehen, also konnte sie auch über das sprechen, was ihr wichtig war. »Ich unterhalte mich gerne über Politik, doch sie sollten wissen, dass ich eine Whig bin.«

Kapitel 2

Na, wenn das mal keine Herausforderung war. Dies schien auf eine interessante Unterhaltung hinauszulaufen. Wenn er sich doch nur an sie erinnern oder herausfinden konnte, wer sie war. Es wäre zu schön. »Das ist auch meine Partei. Nach links tendierend.«

Die Augen der Lady funkelten vor Freude. »Dann haben wir sicher viel zu besprechen …«

Während des Mahls und auch danach unterhielten sie sich über Politik, Philosophie und die Verwaltung von Grundeigentum. Sie diskutierten wonach ihnen der Sinn stand, nur nicht über das Wetter. Die Stunden flogen dahin und der Gesprächsstoff ging ihnen nie aus. Eine so lebhafte Unterhaltung hatte er seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren, nicht mehr genossen, und noch nie mit einer Frau. Sie war ebenso gut informiert, wie jeder ihm bekannte Mann, wenn nicht sogar noch besser. Er war noch nie so angetan von einer Lady gewesen. Plötzlich wollte Matt alles über sie erfahren.

»Sind Sie ein Anhänger von Wollstonecraft?«, fragte sie.

Er lehnte sich nach vorn und stütze die Ellenbogen auf den Tisch. »Absolut. Ich finde ihre Ansichten über Frauenrechte überaus interessant und es freut mich, dass die Zahlen der Wollstonecraft und BenthamAnhänger in politischen Kreisen gewachsen sind.«

Der Blick der Lady richtete sich in die Ferne. »Ich war in letzter Zeit nicht allzu oft in London, doch stehe ich in lebhaftem Briefkontakt mit meinen Freunden.«

Vielleicht war dies seine Gelegenheit. »Teilen Ihre Freunde Ihre Ansichten?«

»Zum Großteil.« Ihre Stimme nahm einen zögerlichen Klang an.

»Vielleicht teilen wir uns einige Bekanntschaften.«

»Sind Sie der Gruppe zur Hilfe von Kriegsveteranen beigetreten?«

Verdammt. Das hatte wohl nicht geklappt. »Das bin ich.«

Sie besprachen einige der Vorhaben, die derzeit von der Gruppe in Erwägung gezogen wurden. Sie kannte sich aus. Er spähte zum großen Sessel am Kamin hinüber. Es lag ein Buch darauf, mit einem Einband aus gemustertem Stoff. »Ist das etwa eine MinervaRomanze?«

»Ja, das ist es.« Sie hob ihr Kinn. »Ich finde sie überaus unterhaltsam.«

Ihrer Unterhaltung nach zu urteilen, konnte man ihr wirklich nicht unterstellen, sie würde ihren Verstand mit Liebesromanen vernebeln. Sie war gebildet wie eine der BlaustrumpfFrauen, doch fehlte ihr der typisch bittere Tonfall. »Meine Stiefmutter liest die Bücher ebenfalls. Jedoch versucht sie, sie vor meinen Schwestern zu verstecken.« Matt grinste. »Ich bezweifele, dass ihr dies immer gelingt.«

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und sie neigte den Kopf zur Seite. Wie ein neugieriges Vögelchen. »Und Sie, Milord?«

Nicht zum ersten Mal an diesem Abend wunderte er sich, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Mit seinen Zähnen leicht über ihre volle Unterlippe zu streifen. Sie war wunderschön, intelligent und … er musste ihre Frage noch beantworten. Verdammt, nun wünschte er, er hätte die Bücher tatsächlich gelesen. »Noch nicht.«

»Vielleicht gefallen sie Ihnen. Einige Herren finden Spaß daran.«

»Wenn Sie es empfehlen, werde ich definitiv mindestens eines lesen.«

Ihre Haut errötete hübsch, als würde ihr der Gedanke gefallen, jemanden womöglich konvertiert zu haben.

Bevor er sich versah, schlug die Uhr halb Sieben.

Er stand auf, als sie sich erhob. »Ich müsste mich vor dem Abendessen noch einmal frisch machen.«

»Natürlich. Wir sehen uns in Kürze hier wieder.«

Sie verließ den Salon und er schenkte sich ein Glas Brandy aus der Karaffe auf der Anrichte ein. Er hatte sich noch nie zuvor zu einer Frau so hingezogen gefühlt wie zu seiner mysteriösen Lady. Sie waren fast immer einer Ansicht und wenn nicht, dann verkündete sie Ihre Meinung auf klare und intelligente Art und Weise.

Doch wie zum Teufel sollte er ihren Namen herausfinden oder woher sie stammte? Die einzige Idee, die ihm kam, war es, ihr anzubieten, sie am morgigen Tage auf ihrer Rückkehr zu begleiten. Wenn denn der Sturm vorbeizog. Aber was, wenn sie ablehnte? Er könnte ihr folgen. Er stürzte seinen Brandy hinunter. Er würde schon einen Weg finden, sie zu umwerben.

Grace zog die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Jahrelang war Matt Worthington nicht mehr als eine Schwärmerei gewesen, doch nun entwickelte er sich schnell zu etwas mehr. Es war bereits eine ganze Weile her, dass sie es sich erlaubt hatte, Ärger über ihr Schicksal zu verspüren. Doch nun konnte sie etwas für sich selbst tun. Sie würde dieses Inn und ihn nicht verlassen, ehe sie erfuhr, wie es war, mit einem Mann Freude zu empfinden.

Was ist, wenn jemand davon erfährt? Es würde all das zerstören, was du dir so hart erarbeitet hast, schaltete sich ihr Gewissen ein. Gerade, als sie geglaubt hatte, es würde Ruhe geben.

Selbst umgeben von ihrer Familie war sie oft so einsam, dass sie glaubte daran sterben zu müssen. Nicht heiraten zu können, war das Einzige, worüber sie nie hinweggekommen war. »Darf ich nicht auch glücklich sein? Wenn auch nur für eine Nacht. Eine Nacht soll für den Rest meines Lebens reichen. Mehr verlange ich nicht.«

Du solltest dich schämen!

»Dann ist es eben so.« Ihre Hände zitterten und ihr wurde flau im Magen. Wenn Sie doch nur mehr Erfahrung hätte.

So viel zu deinen großen Plänen, spottete ihr Gewissen. Du hast doch gar keine Ahnung, wie so etwas abläuft.

»Ich bin mir sicher, dass er hilfsbereit sein wird. Wie schwer kann es schon sein?«

Er wird dich erkennen. Und dann?

»Das wird er nicht. Außer bei dem einen Tanz  zu dem Lady Bellamny ihn aufgefordert hat, mich zu bitten  hat er mich sicher nie eines zweiten Blickes gewürdigt. Ich war lediglich eines von zahlreichen Mädchen, die in dem Jahr in die High Society eingeführt wurden.« Jetzt erinnerte er sich jedenfalls nicht mehr an sie.

Das sagst du jetzt! Und wenn du schwanger wirst?

»Hörst du wohl auf! Es muss Schicksal sein. Wie wahrscheinlich ist es schon, dass wir uns zur selben Zeit am selben Ort befinden und dazu noch allein im Inn sind?«

Grace gab es auf, mit sich selbst zu diskutieren, wusch sich die Hände und wünschte sich, sie hätte etwas Schöneres zum Anziehen dabei. Als sie den Salon wieder betrat, klingelte sie nach Wein. Als Worthington zu ihr traf, hatte sie ihre wirren Gedanken bereits wieder unter Kontrolle. Ihr Gewissen hatte es ihr überlassen, sich allein in den Ruin zu stürzen.

Er hatte sein Hemd gewechselt, trug jedoch noch denselben Anzug. »Es tut mir aufrichtig leid, dass ich in Stiefeln diniere.«

»Das macht mir nichts aus.« Sie reichte ihm ein Glas Rotwein. »Wie Sie sehen, habe ich kein zweites Kleid dabei. Es sollte lediglich eine Tagesreise werden.«

»Ich hatte ebenfalls damit gerechnet, bereits wieder Daheim zu sein und habe meinen Diener mit dem Rest meiner Sachen vorgeschickt.« Er warf ihr ein reumütiges Grinsen zu. »Das wird mich lehren, immer eine Tasche bei mir zu tragen.« Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Dieser Wein ist köstlich.«

»In der Tat. Mr. Brown hat einen gut bestückten Weinkeller.«

Sie wollte sich Worthington anvertrauen. Ihm erzählen, dass ihr Vater und ihre Familie das Inn oft für den hochwertigen Wein besucht hatten. Ihm von den derzeitigen Schwierigkeiten erzählen. Glücklicherweise öffnete sich die Tür, bevor sie zu viel verraten konnte, und Mr. Brown trat ein, dicht gefolgt von einem seiner Söhne. Sie beide trugen verdeckte Tabletts.

Der herzhafte Geruch ließ Matt das Wasser im Munde zusammenlaufen.

»Meine Frau dachte sich, Sie hätten vielleicht gern ’ne schön cremige Pilzsuppe als Vorspeise. Dann gibt’s Wildbraten mit grünen Bohnen …« Als der Gastwirt fertig war, waren Tisch und Anrichte mit Speisen bedeckt. »Und hier ist ’n echter englischer Trifle zum Nachtisch.«

Matt bot die Köstlichkeiten erst der Lady an, ehe er sich seinen eigenen Teller füllte. Während sie aßen, herrschte einen Moment lang Stille. Er schwieg, weil er am Verhungern war. Sie schien lediglich etwas schüchtern zu sein. Das war auch kein Wunder, denn vermutlich hatte sie noch nie allein mit einem Mann zu Abend gegessen.

»Ich muss gestehen, dass ich anfangs nicht sehr angetan war von diesem Inn. Doch das Essen und der Wein machen das etwas heruntergekommene Aussehen wieder wett.«

»Ich habe es hier immer als gemütlich empfunden.«

Er blickte zu ihr herüber, fasziniert von der eleganten Art, wie sie die Sahne vom Löffel schleckte. »Ich glaube, da muss ich Ihnen zustimmen.«

Er fragte Sie zu ihren Ansichten über die landwirtschaftlichen Experimente in Norfolk und war überrascht zu hören, dass sie ebenso gut informiert war wie er selbst. Wie auch bei ihrem ersten Gespräch, verging die Zeit wie im Fluge. Bald schon schlug die Uhr zehn und sie erhob sich.

Matt stand auf und erwartete, dass sie einen schnellen Rückzug antreten würde. Doch statt zu knicksen und zur Tür zu schreiten, blieb sie vor ihm stehen und musterte ihn. Und wartete. Eine deutlichere Einladung brauchte er nicht.

Zögerlich hob er die Hand und strich ihr langsam mit dem Handrücken über die Wange. Er hatte sich noch nie so nach einer Frau gesehnt wie nach ihr. Was würde sie tun, wenn er sie küsste? Wer sie war oder woher sie stammte, war plötzlich nicht mehr von Belang. Sie gehörte ihm. Da war er sich sicher. Das Schicksal hatte einen Sturm heraufbeschworen und sie hier stranden lassen, nur damit er sie fand und an sich binden konnte.

Sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu, als er seinen Finger über ihr Kinn gleiten ließ. Sie kam noch näher.

Es war fast wie einen Fisch mit den Fingern zu locken, nur mit einer noch viel größeren Belohnung.

Worthington war genauso, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, und nun … nun würde sie ihm nicht widerstehen können, selbst wenn sie es wollte. Sie schluckte ihre zunehmende Nervosität hinunter. Ihr Plan fing an, sich zu verwirklichen und sie wollte keinen Rückzieher machen. Ihre Jungfräulichkeit würde ihr in der Ehelosigkeit nicht viel nützen.

Seine Augen zogen sie in ihren Bann und sie wollte ihn. Sie wollte seinen Mund auf ihrem spüren, seine Arme um ihren Körper. Was danach noch alles geschehen konnte, darüber wusste sie nicht viel, doch wollte sie, dass er es ihr zeigte. Er schlang den Arm um ihre Taille und zog sie zu sich. Seine Hand fand zurück zu ihrer Wange und sein rauer Daumen streifte über ihre Lippen. Es verlief alles genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es würde die beste Nacht ihres Lebens werden.

»Sie sind absolut einmalig.« Seine Stimme war sinnlich und tief.

Ihr lief ein genüsslicher Schauer über den Rücken. Sie hätte nie geglaubt, einen Mann je so etwas sagen zu hören. Sie oder das Schicksal hatte eine gute Wahl getroffen.

Er neigte den Kopf und legte seine Lippen sanft auf ihre.

Sie ließ eine Hand auf seine Schultern sinken. Die andere nahm er in seine, ehe er ihre Arme um seinen Nacken führte. Da sie nicht recht wusste, wie sie verfahren sollte, als er seine Zunge über den Saum ihrer Lippen gleiten ließ, spitzte sie den Mund. Sie spürte sein Lächeln auf ihren Lippen. Hatte sie sich töricht angestellt? Er durfte jetzt nicht aufhören.

Die Lady war zuvor so wagemutig gewesen, als sie ihn zu sich in den Salon eingeladen hatte und auch während der darauffolgenden Unterhaltung, dass er davon ausgegangen war, dass sie Erfahrung hatte. Dem war jedoch nicht so, und aus einem ihm unerklärlichen Grund verspürte er den plötzlichen Drang zu Jubeln. Es war, als hätte sie nur auf ihn gewartet.

Matt hob den Kopf und blickte sie an. »Sie wurden noch nie zuvor geküsst?«

Ihr stieg eine zarte Röte in die Wangen. »Ist es denn so so offensichtlich?«

»Nein.« Doch, aber das würde er ihr nicht verraten.

Sie senkte ihre langen, dichten Wimpern und ihre unerwartete Schüchternheit verzauberte ihn. »Sie sind perfekt.«

Sie hob den Kopf wieder an und blickte ihm in die Augen. Er lehnte sich vor und atmete ihren leicht würzigen Duft ein. Ganz anders als die blumigen Parfüms, die Damen für gewöhnlich bevorzugten. Er legte beide Hände an ihre Wangen und küsste sie erneut, knabberte an ihrer vollen Unterlippe. Er wies ihr den Weg und ermutigte sie, sich ihm zu öffnen.

Ihre Unsicherheit wich, sie hielt ihn fest und erwiderte seine Küsse nun fieberhaft. Als er ihr über den Rücken streichelte und den Drang verspürte die Schnüre zu lösen, über die seine Finger wanderten, hielt er kurz inne. Es durfte nicht zu schnell gehen. Er hatte hier die bemerkenswerteste Frau vor sich, die er je kennenlernen durfte, und er wollte sie nicht verjagen.

Sie seufzte und schmiegte sich an ihn.

Zwei seiner engsten Freunde hatten vor Kurzem geheiratet und es war an der Zeit, dass auch er einen Ehebund einging. Er hatte seinem Freund Marcus vor all den Jahren nicht geglaubt, als er beteuert hatte, sich auf den ersten Blick in Phoebe verliebt zu haben. Jetzt schon.

Er hatte keine Brüder und es war höchste Zeit, dass er sich vermählte. Der Gedanke, ernsthaft nach einer Gattin zu suchen, hatte ihn über die letzten Monate hinweg immer mehr beschäftigt. Matt wollte lachen. Er wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass er seine zukünftige Braut finden würde, während sie gemeinsam in einem kleinen Inn gestrandet waren. Er zog sie fester an sich. Wer auch immer sie sein mochte, sie gehörte ihm. Wenn sie ihm doch nur ihren Namen verraten würde! Er war kurz davor, all seine Manieren zu ignorieren und sie einfach danach zu fragen. Doch er fürchtete, sie würde fliehen. Was machte es schon, wenn er den Rest seines Lebens damit verbringen würde, sie kennenzulernen.

Der Heiratsantrag oder die Frage, bei wem er um ihre Hand anhalten konnte, musste wohl bis morgen warten. Doch ihre Haltung, ihre Ansichten und die weiblichen Kurven ihres Körpers zeugten davon, dass sie keine junge Dame mehr war. Umso besser, wenn sie für sich selbst sprechen konnte.

Ein Klopfen ertönte an der Tür. Er unterbrach den Kuss und brachte etwas Distanz zwischen sie. »Herein.«

Brown öffnete die Tür und steckte den Kopf ins Zimmer. »Milord, Mi ähm, ich meine, Ma’am. Ihre Zimmer sind bereit. Eines meiner Mädchen hat ihre Laken mit einer Bettpfanne erwärmt und hat warme Ziegel hineingelegt.«

Nachdem Matt sie losgelassen hatte, hatte seine Lady sich von der Tür zum Kamin gewandt und überließ das Gespräch mit dem Gastwirt ganz ihm. »Wir danken Ihnen, Brown.«

»Klingeln Sie, wenn Ihnen etwas fehlt. Es wird sofort jemand kommen.«

»Nochmals vielen Dank.« Matt schloss die Tür.

Er hatte sie in zwei Schritten erreicht. Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob ihren Kopf. »Ich werde Sie zu Ihrem Zimmer geleiten.«

Sie nickte. Selbst das dämmrige Kerzenlicht vermochte das Verlangen in ihren Augen nicht zu verbergen. Er wünschte, er könnte sie mit auf sein Zimmer nehmen, doch dafür gab es nach der Verlobung noch Zeit genug.

Also ließ er sie an ihrer Zimmertür zurück und ging zu seinem Gemach am gegenüberliegenden Ende des Ganges.

Matt war dankbar über die Karaffe Brandy, die auf dem Nachtschrank stand. Er entledigte sich seiner Kleidung und legte einen Morgenmantel in dunkelgrüner Wolle um, der ihm vom Gastwirt zur Verfügung gestellt worden war. Er starrte ins Feuer und schwenkte den Brandy im Glas, während er darüber nachdachte, wie er um ihre Hand anhalten würde. Vielleicht sollte er vorher ihren Namen in Erfahrung bringen.

 

Grace konnte nicht fassen, dass er sie so geküsst und dann einfach an ihrer Zimmertür zurückgelassen hatte. Oh Gott, sie hatte sich ihm ja praktisch an den Hals geworfen!

Siehst du, er wollte dich nicht, spottete ihr Gewissen.

»Doch. Das hat hat sein Kuss doch gezeigt.«

Warum musste Worthington nur so ein Gentleman sein? Das war momentan nun wirklich nicht sehr hilfreich. Er hätte es ihr leichter machen können. Wie konnte er sie hier nur so stehen lassen, nachdem er solche Dinge gesagt und sie so geküsst hatte? Wenn sie ihre Nacht haben wollte, dann musste sie sich wohl oder übel etwas einfallen lassen. Es half alles nichts. Sie würde die Sache selbst in die Hand nehmen müssen.

Sie rief nach dem Dienstmädchen und zog sich aus. Ein weiteres Glas Wein und etliche Minuten später hatte sie ihren Mut zusammengenommen. Sie legte die Decke um ihre Schultern und trat in den Korridor, um sich auf die Suche nach ihm zu begeben.

Glücklicherweise brannte Licht unter der Tür am anderen Ende des Ganges. Dort musste er sein. Außer ihren Bediensteten, die im Stock über ihr und in den Ställen schliefen, waren sie und Worthington die einzigen beiden Gäste im Inn.

Die alten, abgenutzten Bodendielen waren kalt unter ihren Füßen, als sie die kurze Distanz zu seinem Zimmer zurücklegte. Sie atmete tief ein und schluckte die Angst hinunter, die sie zu übermannen drohte. Er würde sie schon nicht zurückweisen. Sie klopfte an die Tür und trat ein.

Sein erfreuter Gesichtsausdruck bewies ihr, dass sie sich nicht geirrt hatte. Er wollte sie. Genau so sehr, wie sie es sich erhofft hatte.