Leseprobe Wie verführt man einen Marquess?

Kapitel 2

Juli 1815

Grosvenor Square, London

Drei Jahre später …

Endlich war der Krieg vorbei, und ganz England war auf den Beinen, um den Sieg des Duke of Wellington bei Waterloo zu feiern. Überall auf den Straßen ertönte Jubel, weil Bonaparte endlich geschlagen war. Eigentlich hätte auch Richard nach dem langen, grausamen Krieg nichts als Erleichterung darüber empfinden sollen, dass für alle, die darunter gelitten hatten, endlich bessere Zeiten anbrachen. Doch er fühlte nichts als eine innere Leere und Trostlosigkeit. Daran konnte auch die Berührung des üppigen, weichen Körpers, der sich an seinen drängte, nichts ändern. Trauer rann wie Säure durch seine Adern, und es schien, als sei sein Herz in zwei Teile gespalten ohne Aussicht darauf, jemals wieder heil zu werden. Sein Bruder war tot, und nie wieder würde die Welt Francis‘ dröhnendes Lachen vernehmen oder sich an seiner freundlichen, mitreißenden Art erfreuen.

„Ach, Richard, ich habe dich so vermisst“, sagte die Frau in seinen Armen und stieß einen tiefen Seufzer aus, als er mit einer Fingerspitze über ihre Brust strich. Bei dieser hauchzarten Berührung erbebte sie in seinen Armen und warf mit einer Kopfbewegung das lange, kastanienbraune Haar zurück.

Noch vor wenigen Monaten hätte er sich nicht vorstellen können, dass die Frau, mit der er jetzt in Richtung Sofa taumelte, genau diejenige war, die ihm den Umgang mit dem schöneren Geschlecht verleidet hatte – Lady Trenear. Er wünschte, er würde sie ebenso begehren, aber davon konnte, ehrlich gesagt, keine Rede sein. Eigentlich war nur seine innere Qual der Grund für die geplante Liebesnacht mit ihr. Das und die Tatsache, dass sie erneut bereit war, für ihn die Beine breit zu machen, jetzt da er der Marquess of Westfall und Erbe eines reichen und mächtigen Herzogtums war. Der Schmerz traf ihn so heftig, dass ihm fast die Beine versagten. Er ließ die Frau los und machte schwankend einige Schritte.

„Ach verdammt“, stöhnte er, als sein Kummer ihn erneut zu überwältigen drohte. Sein Bruder war drei Wochen zuvor an einem Fieber gestorben, und jeden Morgen nach dem Aufwachen gab es ein paar köstliche Sekunden, bevor ihm wieder einfiel, dass Francis nicht mehr da war. Die Erinnerung daran, dass sie seinen Bruder in der Familiengruft beigesetzt hatten, lag Richard wie ein widerlicher Geschmack auf der Zunge. Sein Bruder war tot, und nun gehörte Richard alles, was eigentlich Francis zugestanden hätte. Sein Bruder hätte es verdient zu leben – er war der Inbegriff von Güte gewesen, ehrenhaft, ein guter Sohn, wogegen Richard der undisziplinierte, ehrlose Lebemann gewesen war. Wie konnte es in der Welt nur so ungerecht zugehen?

„Warum hast du aufgehört?“ Aurelia kam herbeigetänzelt und befreite sich mit geübten Griffen von ihrem modischen Kleid.

„Lass das!“, befahl er barsch und ließ sich auf der Bettkante nieder.

„Nein, mein Liebling, du brauchst mich.“

Im Handumdrehen hatte sie sich völlig entblößt, kam zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß. „Nimm mich. Es war eine so lange Zeit für mich, und für dich doch auch, oder?“

Mit einer geschmeidigen, sinnlichen Bewegung ließ sie die Hüften kreisen. Begehren und Trauer kämpften in ihm auf eine sehr verstörende Weise miteinander. Er griff nach ihrer Hüfte und ließ ihr Haar durch die Finger der anderen Hand gleiten, während er sie hart und fordernd küsste. Dabei war er voller Hass, Hass auf die Welt, auf seinen neuen Titel als Marquess und darauf, dass sie es war, die er gerade küsste. Richard drehte sich herum und drapierte sie auf dem Bett wie eine Liebesgöttin, an deren Körper er sich gütlich tun konnte. Doch er konnte der Vorstellung einfach nichts abgewinnen.

Er fühlte sich kalt, leer und am falschen Platz. Ein liebliches Lächeln und grüne Augen in einem entzückenden Gesicht erschienen vor seinem geistigen Auge. Evie. Sie war es, die er so nötig hatte wie die Luft zum Atmen. Er vermisste sie schrecklich. Seit Wochen hatte er sie schon nicht mehr gesehen – nur gestern hatte er während der Gedenkfeier einen kurzen Blick auf sie erhaschen können. Was hätte er darum gegeben, wenn sie jetzt hier gewesen wäre und ihn in seiner Not in den Armen gehalten hätte. Sie hätte ihn nicht für seine Schwäche verurteilt und für die Tränen, die ihm in der Kehle und den Augen brannten. Nein, seine Evie würde einfach für ihn da sein.

„Worauf wartest du, mein Schatz? Nimm mich doch“, flüsterte Aurelia mit verführerischer Stimme.

Doch ihre einladenden Worte hatten keinen Reiz für ihn. Er ließ seinen Blick über ihre Brüste bis zu der leicht bebenden Bauchdecke wandern. Plötzlich drang eine Erkenntnis durch den Schleier von Trauer und Schmerz, als er die feinen Linien bemerkte, die sich wie ein Spinnennetz über ihren Bauch und die Hüften zogen. Er schüttelte den Kopf, um nach dem zuvor genossenen Alkohol wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

„Was ist das?“

Er sprang auf, griff sich die Kerze, die auf dem Nachttisch stand, und hielt sie so, dass das Licht auf ihren Körper fiel. Als sie sich aufrichten wollte, drückte er eine Hand gegen ihren Bauch, fest genug, doch ohne ihr wehzutun.

„Westfall, bitte …“

Wie leicht es allen fiel, ihn mit diesem verdammten Titel anzureden. Es war, als hätte sein Bruder nie existiert. Sogar seine Eltern drängten Richard schon, sich eine Frau zu suchen und einen Erben zu zeugen. Er fuhr mit dem Finger über eine der Linien an ihrem Leib. „Was ist das hier?“

Furcht und schlechtes Gewissen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Wortlos betrachtete er die Spuren noch einmal genauer. Früher einmal hatte er für einige Monate ein Verhältnis zu einer Kurtisane gehabt, deren Bauch ähnliche Spuren aufwies. Helena. Sie war sinnlich und in der Liebeskunst so bewandert gewesen, dass sie ausgewachsene Männer zum Weinen bringen konnte. Dennoch hatte sie sich geschämt, weil er den winzigen Makel an ihrem Körper bemerkt hatte. „Du hast ein Kind geboren“, sagte er jetzt.

Aurelia stockte hörbar der Atem, und ihr ganzer Körper spannte sich unter seinen Händen an, die an der Stelle lagen, wo sich die Dehnungsstreifen befanden.

„Ich … Der Earl und ich …“

„Jeder weiß doch, dass der Earl impotent ist. In der High Society kursieren Gerüchte über seine Besuche in gewissen Etablissements und darüber, wie unzufrieden du mit ihm bist. Nach unserer Trennung dauerte es noch fast ein Jahr, bis du den Earl geheiratet hast.“ Zeit genug, um mein Kind auszutragen. „Das lag nicht daran, dass du krank warst, wie deine Familie behauptet hat. Vielmehr hast du dich irgendwo auf dem Land versteckt gehalten, weil du mit unserem Kind schwanger warst.“

Die Schweigen wurde bedrückend. In diesem Augenblick fiel es ihm unendlich schwer, den Kopf zu heben und sie anzusehen. Der Puls an ihrem Hals schlug heftig, und zu seiner Überraschung sah er, wie Tränen ihr über das Gesicht strömten. Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er fragte: „War es ein Junge oder ein Mädchen?“

Sie schluckte schwer und setzte dreimal zum Sprechen an, bevor die Worte kamen. „Eine Tochter. Wir haben eine Tochter.“

„Sie lebt also?“

„Ich … Ja.“

Ihm wurde merkwürdig schwach. Langsam nahm er die Hand von ihrem angespannten Bauch und stellte mit einer gewissen Gleichgültigkeit fest, dass seine Hände zitterten. „Warum hast du mir nichts davon erzählt? Wo ist sie?“

Aurelia erhob sich vom Bett, nahm ihr Kleid vom Boden auf und hielt es wie schützend vor ihren Körper. „Bitte, Richard, sie ist gut aufgehoben. Es ist das Beste …“

„Wo?“, knurrte er.

„Sie wurde gleich nach der Geburt fortgebracht. Ich weiß nicht einmal genau, ob sie noch am selben Ort ist.“

„Wo?“

Aurelia wurde blass. „In einem Findelhaus in Willesden Green …“

Ein Findelhaus? Ein entsetztes Stöhnen entrang sich seiner Kehle, und er taumelte rückwärts, während Wut, Schock und Furcht miteinander in ihm rangen. Hunderte unschuldiger Kleinkinder starben jedes Jahr in diesen Heimen. Die Betreiber derartiger Einrichtungen hatten nur ihren Profit im Sinn und empfanden kein Mitleid mit den Kindern, die ihnen anvertraut wurden. Oft war es sogar der Zweck dieser Häuser, den Tod der Säuglinge herbeizuführen, ohne dass deren Verwandte ein schlechtes Gewissen zu haben brauchten. In solchen Fällen wurde behauptet, das Kind sei schwächlich gewesen und an einer natürlichen Ursache gestorben. Ein Waisen- oder Arbeitshaus wäre da noch humaner gewesen, obwohl die Kinder auch dort kein leichtes Leben hatten. Doch die unerwünschten Jungen und Mädchen wurden zumindest in niedrigen Tätigkeiten unterwiesen. Das Dasein in einem Waisenhaus war hart und lieblos, und die Kinder waren häufig unterernährt, doch zumindest war ihr elendes Leben dort nicht in unmittelbarer Gefahr.

„Warum?“

Sie hielt sich die Hand vor den Mund, als wollte sie das Schluchzen unterdrücken.

„Du hättest sie zu mir bringen oder bessere Vereinbarungen treffen können. Warum ein Findelhaus?“, fragte er mit rauer Stimme.

„Mein Vater hat sich um alles gekümmert. Er sagte, viele aus der gehobenen Gesellschaft täten das Gleiche.“

Von diesem Augenblick an hatte Richard einen Feind, der ihm nicht auf dem Schlachtfeld gegenüberstand. „Hast du sie gesehen? Woher weißt du, dass sie noch lebt? Wie ist ihr Name?“

„Sie erhielt den Namen Emily Rose.“ Aurelia holte ein paarmal tief Luft. „Ich habe sie nie zu Gesicht bekommen, schicke aber immer noch in jedem Quartal Geld an die Einrichtung.“

„Wie ist die genaue Adresse?“

„Bitte, lass uns nicht ohne Not alles wieder aufrühren. Von unseren Bekannten weiß keiner von ihrer Existenz, und es ist das Beste …“

„Du widerwärtiges, verabscheuenswertes Geschöpf. Wie konnte ich jemals glauben, dass ich dich liebe?“

Mit einem erschrockenen Keuchen griff sie sich an den Hals, bevor sie schluchzend, das Gesicht in den Händen verborgen, auf dem Bett zusammenbrach. Richard empfand kein Mitleid mit ihr. Es hätte so viele andere Möglichkeiten gegeben. Wenn es der Wunsch ihrer Familie gewesen wäre, hätte er seine Tochter zu sich genommen und den Skandal vertuscht. Niemals hätte er den Namen der Mutter preisgegeben; er hätte sich einfach um dieses Kind gekümmert, hätte es geliebt, beschützt, gehegt und gepflegt. Stattdessen hatte man sich gegen Zahlung von ein paar Schillingen im Jahr des Mädchens entledigt, als sei es wertloser Kram. Als Aurelia das Gesicht aus den Händen löste und aufblickte, wirkte sie mit ihren tränenüberströmten Wangen wunderschön. Sie stand vom Bett auf und schlang das Laken, das ihr von der Brust geglitten war, wieder enger um sich.

„Bitte glaube mir, Richard, mein Gewissen und die Einsamkeit lassen mir keine Ruhe.“

„Tu doch nicht so, als hättest du ein Herz. Erst verschweigst du mir, dass wir ein Kind haben, und dann verdammst du es zu einem Leben in Armut und Elend, während du in Luxus und Reichtum schwelgst. Das werde ich dir niemals verzeihen, Countess. Komm mir nie wieder unter die Augen oder versuche, mit mir zu reden, sonst werde ich dich und deinen Earl vernichten.“

Ganz bleich im Gesicht wich sie vor ihm zurück.

Richard ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, als sie seinen Namen rief. Wie eine dunkle Wolke umhüllten ihn sein Zorn und sein Schmerz, und sie schienen ihn nie wieder loslassen zu wollen.

Richard bemerkte kaum, wohin ihn seine Schritte führten, doch wenige Minuten später fand er sich vor der Stadtvilla der Gladstones wieder. Zu seinem Schrecken bemerkte er die Kutschen, welche die Straße säumten, und die fröhliche Musik, die aus dem Haus drang. Sie gaben einen Ball.

Er zog seine Taschenuhr heraus und schaute nach der Zeit. Es war kurz vor vier Uhr morgens, und Evie war bestimmt schon zu Bett gegangen. Unauffällig sprang er über die Seitenpforte und tastete sich zur Rückseite des Hauses vor, wo, wie er wusste, ihr Fenster war. Das war ziemlich leichtsinnig von ihm, doch er musste sie einfach sehen.

Er bückte sich und klaubte im Dunklen eine Handvoll Kieselsteinchen auf, die er vorsichtig einzeln gegen ihre Scheibe warf. Es dauerte einigen Sekunden, bis das Fenster hochgeschoben wurde und ihr Kopf zum Vorschein kam. Sofort legte sich sein innerer Aufruhr.

„Richard! Ich komme sofort runter. Ich bin gerade erst auf mein Zimmer gegangen und noch angezogen.“

Wortlos begann er, sich am Rankgitter, das bis zu ihrem Fenster reichte, emporzuhangeln. Zum Glück wuchs nur ein Schlinggewächs und keine dornenreiche Kletterrose an dem Gerüst. Kurz darauf hatte er das Fenster erreicht und hielt sich kurz am Sims fest, bevor er Tritt fassen und sich hinaufziehen konnte.

„Was machst du denn da?“, flüsterte sie entgeistert, während sie sich aus dem Fenster lehnte und die Straße entlangspähte.

Mit einem leisen Grunzlaut zog er sich hoch und stieg durch das Fenster in ihr Zimmer.

„Mach schnell, um Himmels willen, bevor dich jemand sieht.“ Am liebsten hätte sie ihn wohl bei der Jacke gepackt und hineingezogen. Ihr Anblick erfüllte ihn mit einem tiefen Glücksgefühl. Jetzt, mit neunzehn, war Lady Evie noch bezaubernder als zu der Zeit, da sie sich kennengelernt hatten. Sie war inzwischen zu einem umschwärmten Liebling der vornehmen Gesellschaft herangewachsen und eine atemberaubende Schönheit mit ihrem goldenen Haar, der eleganten und dennoch sinnlichen Figur und einer Intelligenz, die sie in der Öffentlichkeit nicht allzu deutlich zeigte. Selbst im Gesellschaftsteil der Gazette waren ihre Ballroben und ihre modischen Frisuren schon mehrmals lobend erwähnt worden.

Sie hatten schon über alles Mögliche Gespräche geführt, sei es Politik oder das Wetter, und er war voller ehrlicher Bewunderung für ihren Verstand. Sie war klug, amüsant und von damenhaftem Taktgefühl. Bei Hauskonzerten und Dinnerpartys stand sie im Mittelpunkt und verzauberte die Anwesenden mit ihrem kunstvollen Gesang und Klavierspiel. Evie war der Liebling der High Society, doch bisher hatte sie sich ebenso hartnäckig wie erfolgreich einer Verlobung verweigert, was bei ihren Eltern auf Unverständnis und Ablehnung stieß.

„Du hättest dich auch offiziell anmelden lassen können“, sagte sie mit mildem Tadel.

„Ich hatte keine Lust, mich durch die Menge zu drängen und mich von ihren Fragen löchern zu lassen. Ich … musste dich sehen.“

Sie ließ ihre sanften Blicke über seine Züge wandern. „Du wirkst ja ziemlich durcheinander. Was ist denn passiert?“

Er stand nur in stummer Verzweiflung da.

„Wir können nicht hierbleiben“, erklärte sie voller Mitgefühl. „Ich habe schon meiner Zofe geklingelt, damit sie mich fürs Bett zurechtmacht. Sie wird gleich hier sein. Vielleicht wäre es das Beste, wir würden uns in die Bibliothek hinunterschleichen. Dort ist jetzt bestimmt niemand.“

Sie lief zur Tür und öffnete sie vorsichtig einen Spalt breit. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Korridor leer war, eilte sie hinaus, und ihm blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen. Evie rannte beinahe den Korridor entlang und die Wendeltreppe hinunter. Als sie sich nach ihm umdrehte, funkelten ihre Augen übermütig. „Ich komme mir geradezu verrucht vor. Mama würde vor Schreck in Ohnmacht fallen, wenn sie wüsste, dass du in meinem Schlafzimmer warst.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie weiter und hüpfte wie eine grazile Gazelle die Stufen hinunter. Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Bibliothek. Beim Eintreten schaute sie ihn mitfühlend und besorgt an. „Ist es wegen Francis?“

Zum ersten Mal löste der Name seines Bruders keinen verzehrenden Schmerz in ihm aus. Das Wissen, dass er eine Tochter hatte, schien alles andere auszulöschen, und mit einem unerklärlichen Gefühl erwiderte er: „Nein, darum geht es nicht.“

„Was bedrückt dich dann?“

„Ich habe ein Kind.“

Evie zuckte zusammen, als hätte er ihr einen Schlag versetzt, und ihre Augen weiteten sich. In den Tiefen dieser Augen sah er Schmerz, und das verwirrte ihn. Trotz Evies zarten Alters hatte sich zwischen ihnen eine vertrauensvolle und verlässliche Freundschaft entwickelt, die an Intensität noch über die Kameradschaft zwischen ihm und ihrem Bruder hinausging. Evie war ganz Helligkeit, Freundlichkeit und Unschuld, ein Gegengewicht zu seinem Weltschmerz. Ohne den Blick von ihm zu wenden, nahm sie auf der Couch am Fenster Platz.

„Musst du jetzt heiraten?“

„Du weißt doch, dass ich kein Interesse an der Ehe habe“, entgegnete er verächtlich.

Verwundert zog sie die Stirn kraus. „Aber wenn du doch jetzt Vater wirst …“

„Das Mädchen ist schon auf der Welt und meiner Berechnung nach mindestens vier Jahre alt“, entgegnete er in schroffem Ton.

„Das ist ja unglaublich! Wie kann das sein?“

Er konnte ihr unmöglich erzählen, dass er mit der Countess geschlafen hatte. Da er davon überzeugt war, es würde Evie wehtun, hatte er ihr gegenüber seine Affären immer sorgfältig verschwiegen. Warum er das tat, darüber mochte er nicht einmal nachdenken, aus Angst, endgültig eine Grenze zu überschreiten.

„Ihre Mutter ist schon verheiratet und hat mir gerade erst von der Existenz meiner Tochter berichtet.“ Ohne zu zögern erzählte er Evie alles, was er erfahren hatte.

„Was willst du jetzt tun?“

Er begann auf und ab zu gehen. „Ich weiß es nicht, aber irgendetwas muss ich doch tun. Meine Tochter ist ganz allein und von ihrer Familie getrennt.“

„Wirst du sie … in ein Waisenhaus geben?“

Ihre Worte waren wie ein Tritt in den Magen. So behandelten praktisch alle Adligen ihre Bastardkinder. Sie brachten sie gegen eine großzügige Unterhaltszahlung in gut geführten Waisenhäusern unter. Doch die Tatsache, dass Evie ihm einen solchen Schritt zutraute, schmerzte ihn zutiefst. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, war sein Blick auf sie von Zynismus und Misstrauen geprägt.

„Ist das der Rat, den du mir geben würdest, Lady Evelyn?“

Sie erhob sich langsam und kam näher. „Ich möchte dich nur bitten, nichts zu tun, was du später bereuen könntest, Richard. Dein Vater ist schwerkrank, und ihm bedeuten der Ruf und das Ansehen eurer Familie sehr viel. Wenn du dich zu einer unehelichen Tochter bekennst, wird dir das die feine Gesellschaft nie verzeihen.“

„Du bist schwerlich so welterfahren, dass du mir einen Rat geben könntest“, entgegnete er in abfälligem Ton.

Sie errötete. „Ich möchte nur, dass du vorsichtig bist. Du bist der Marquess of Westfall und Erbe eines Herzogtums. Deine Eltern und die Gesellschaft werden von dir erwarten …“

„Kein Wort mehr. Ich weiß sehr wohl, was man von mir erwartet. Das brauchst du mir nicht zu erklären.“

Ihr gekränkter Blick besänftigte ihn. „Verzeih mir mein ungehobeltes Benehmen.“

„Da gibt es nichts zu verzeihen. Du musstest einige schwere Schicksalsschläge einstecken und hast sie doch überstanden.“

Wie wichtig ihm ihre tröstenden Worte waren. „Danke für deine Großherzigkeit.“

Sie lächelte leicht. „Die wird dir stets gewiss sein.“

„Ich muss jetzt gehen und werde mich diskret durch den Garten davonschleichen.“

Er beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, worauf sie beide über die unerwartet intime Geste erschraken. Er wusste selbst nicht, was ihn dazu bewogen hatte, denn trotz ihrer engen Freundschaft hatte er sich ihr gegenüber bisher nicht so vertraulich gezeigt. Als Evie ihren Kopf ein klein wenig drehte, waren ihrer beider Lippen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.

Unter den gesenkten Wimpern hervor warf sie einen eindeutig interessierten Blick auf seinen Mund, während er vor plötzlicher Lust beinahe laut aufgeschrien hätte. Verdammt nochmal! Er begehrte sie wie verrückt.

„Evie.“ Er flüsterte ihren Namen, als sei er etwas Heiliges. Doch zugleich lag darin die Bitte, ihn nicht in Versuchung zu führen, denn wenn es um sie beide ging, fürchtete er, nicht widerstehen zu können. Warum nur war er hierhergekommen? Seit sie einander kannten, hatte er stets darauf geachtet, nur die heimelige Wärme der Freundschaft zu bewahren, und jeden Funken von Leidenschaft im Keim erstickt. Evie war nicht zur Mätresse geschaffen, und daher durfte er ihrem unbewussten Reiz auf keinen Fall erliegen.

Sanft stupste sie mit dem Kopf gegen sein Gesicht, wie ein sinnliches Kätzchen, das ihn zum Spielen aufforderte. Doch ihr verstohlenes Lächeln war das einer begehrenden Frau. Mein Gott. Die Erregung verzehrte Richard wie eine lodernde Flamme. Mit Sicherheit war ihr nicht bewusst, wie einladend sie in ihrer Sinnlichkeit wirkte.

Zum ersten Mal, seit sie sich damals im Garten kennengelernt hatten, geriet sein Entschluss, sie nicht zu begehren, ins Wanken.

 

Schon lange hatte Evie sich nach einem Kuss von Richard gesehnt, und sei es auch nur ein einziges Mal. Dabei wusste sie, dass eine solche Vertraulichkeit zu nichts führen konnte, denn er würde nie etwas anderes als Freundschaft zulassen. Er hatte sein Herz gegen die Liebe verhärtet, und außerdem hatten ihn ihre Eltern für vollkommen ungeeignet als Evies Gatte befunden. Seit er Lord Westfall und damit der Erbe eines Herzogtums geworden war, hatte ihre Mutter allerdings Anspielungen gemacht, wonach ihr jetzt eine Verbindung zwischen ihnen beiden durchaus willkommen wäre.

Wenn es Evie doch nur gelänge, das Herz dieses attraktiven Gentlemans zu erweichen, der trotz ihrer engen Freundschaft immer noch der Meinung war, dass dem anderen Geschlecht nicht zu trauen sei. All die vielen Briefe, die sie im Laufe der Zeit gewechselt hatten, hatten ihn nicht von seiner Überzeugung abbringen können, und obwohl er sie offensichtlich gern mochte, hatte er noch nie einen Versuch unternommen, sie zu verführen oder auch nur zu küssen.

„Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie froh ich bin, dich zu sehen?“, fragte sie leise.

„Tritt zurück, Evie“, bat er, und es klang beinahe wie ein Stöhnen.

Es freute sie, dass Richard offensichtlich unfähig war, sich von ihr zu lösen. „Nein.“

Ein deutlich erkennbarer Schauer überlief ihn. „Ich will …“

Plötzlich spürte sie ein eigenartiges Flattern in der Magengrube. „Ja?“

Er schluckte schwer. „Ich fürchte, ich vergesse mich.“

„Willst du mich etwa küssen?“

Er betrachtete sie mit einem schwer zu deutenden Seitenblick. „Natürlich nicht.“

„Doch, ich glaube schon“, erwiderte sie leise und voller Sehnsucht nach einem Kuss. Ihre bisherigen Erfahrungen bestanden lediglich aus den geraubten Küssen dreister Verehrer und waren ihr eher unangenehm gewesen. Es wäre seltsam, wenn sie jetzt zur Abwechslung einmal die Initiative ergreifen würde. Und was noch wichtiger war, sie wollte Richard in die Arme nehmen und ihn trösten, bis sein Schmerz und seine Anspannung nachließen.

„Benimm dich, Evie.“ Er stupste sie leicht gegen das Kinn, wie es ihr Bruder Elliot oft tat. „Ich muss jetzt gehen, bevor deine Mutter mich entdeckt. Ihre Empörung wäre jetzt einfach zu viel für mich.“

„Mir scheint, du hast dich zu einem richtigen Wüstling entwickelt“, bemerkte sie grinsend. „Mama hat große Angst, du könntest einen verderblichen Einfluss auf mich haben. Sie hat mir verboten, auf Lady Beechmans Ball mit dir zu tanzen, es sei denn, du erklärst dich öffentlich.“ Trotz des scherzhaften Tons war Evie betrübt, weil ihre Mutter ständig etwas an der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen ihrer Tochter und Richard zu mäkeln hatte.

Sie war beruhigt, als sie das belustigte Funkeln in seinen Augen sah. „In deiner Gegenwart bin ich der reinste Heilige, denn du bedeutest mir viel zu viel, als dass ich dich kompromittieren würde.“

Evie lächelte. Richard war ihr vertrauter Freund, an den sie sich mit allen Sorgen wenden konnte. Er war geradeheraus, nahm keine Rücksicht auf ihre zarten Gefühle, und sie konnte sich stets auf seine erfrischend ehrliche, wenn auch sarkastische Art verlassen. Er hatte noch nie Wert auf steife Schicklichkeit gelegt, was ihr sehr zusagte. Sie war die brave, gehorsame Tochter, er dagegen wild und unberechenbar und dabei die größte geheime Freude in ihrem Leben. Auch der Kunst des Backens widmete sie sich weiterhin insgeheim, obwohl ihre Abstecher in die Küche seltener geworden waren. Für eine unverheiratete höhere Tochter schickte es sich einfach nicht, auch nur das kleinste bisschen Individualität zu zeigen, und ihre Eltern reagierten ebenso abweisend darauf wie die ganze feine Gesellschaft. Ihre Mutter war sehr pingelig, was die Einhaltung sozialer Regeln anging, und sie beklagte sich ständig über Evies Hang zu unstandesgemäßen Beschäftigungen.

Evie strich Richard mit einer Hand eine Haarsträhne aus der Stirn und freute sich innerlich, als sie sah, dass er nicht mehr ganz so niedergeschlagen wirkte. „Geh jetzt. Ich werde dafür beten, dass es für deine Tochter ein gutes Ende nimmt.“

Er blickte sie voller Verzweiflung an. „Ich fühle mich, als würde es mir das Herz zerreißen.“ Dann fügte er mit hochgezogener Braue hinzu: „Ich hätte nie gedacht, dass ich dich mit meinem Gejammer zum Lächeln bringen kann.“

„Ich finde es lediglich ermutigend, dass du zugibst, überhaupt ein Herz zu besitzen.“ Zuweilen war er so kalt und abweisend, dass sie beinahe daran verzweifelt wäre, so glühend einen Mann zu verehren, der kaum einen Gedanken an das schönere Geschlecht verschwendete.

Er biss die Zähne zusammen, ging zum Fenster, das auf die kleinen Gärten hinaussah, und stützte die Ellbogen auf die Fensterbank.

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll. Ständig frage ich mich, wo sie ist und ob sie noch lebt.“

Evie stellte sich neben ihn und lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe. „Du wirst sie finden und liebhaben, Richard“, sagte sie, um seine Ängste zu beschwichtigen.

Für eine wie es schien endlose Weile schaute er auf sie hinunter, und der Blick seiner schönen goldenen Augen war so voller Zweifel, dass ihr das Herz wehtat.

„Und wenn ich sie nicht finde und sie noch länger leiden muss?“

„Du bist kein Mensch, der leicht aufgibt. Und als Marquess of Westfall verfügst du jetzt auch über die nötigen Mittel. Wende sie gut an und suche deine Tochter.“

„Ich werde nicht aufgeben, bis ich sie gefunden habe.“

Sie schloss ihn tröstend in die Arme, worauf er ganz starr wurde. Dann legten sich seine Hände wie ein stählernes Band um ihre Taille und zogen sie dicht an seinen harten, warmen Körper. Sein sauberer männlicher Duft umgab sie, und es erschien ihr so selbstverständlich, in seinen Armen zu liegen. Es war ausgesprochen unschicklich, aber wundervoll.

Plötzlich spürte sie, wie er erzitterte und sein ganzer Körper sich anspannte. „Ich werde einen schrecklichen Vater abgeben … wenn ich sie denn jemals finde.“

„Du bist standhaft und mutig und trotz deines zweifelhaften Rufs ein ehrenwerter Mann. Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, aber ich bin davon überzeugt, dass du sie finden wirst“, versicherte sie ihm. „Und dann wirst du sie schrecklich verhätscheln und sie von ganzem Herzen lieben. Kennst du ihren Namen?“

„Emily“, antwortete er schroff.

„Ein hübscher Name. Ich werde eine Kerze anzünden und jeden Abend beten, bis du sie gefunden hast.“

„Ich danke dir“, sagte er und stützte sein Kinn fest auf ihren Scheitel. „Ihre Mutter ist der Meinung, ich sollte das Kind dort lassen, wo es ist.“

„Ein selbstsüchtiger Vorschlag, über den du gar nicht nachdenken solltest.“

„Sie hat sie nach der Geburt im Stich gelassen, das verdammte Luder.“

Seine vulgäre Ausdrucksweise trieb Evie die Röte in die Wangen. Es waren Augenblick wie diese, in denen er sie schockierte, und zugleich waren sie ein Grund dafür, dass ihr seine Freundschaft so viel bedeutete. Richard behandelte sie nicht wie die brave, fehlerlose Tochter eines Earls, mit der man nur in zimperlichen Worten redete und die man behandelte wie eine zarte Blüte, die keinen einzigen intelligenten Gedanken im Kopf hat. Sie stand ohnehin schon in dem Ruf, eine gehorsame Tochter zu sein, die sich stets an die Regeln der Höflichkeit und des guten Geschmacks hielt. Ihr gegenwärtiger Verehrer war davon überzeugt, sie würde eine brave, fügsame Ehefrau abgeben, und er war arrogant genug, seine Meinung auch öffentlich kundzutun. Plötzlich hatte Evie das Gefühl, sie müsste sich gegen die Erwartungen ihrer Eltern auflehnen und dürfte sich nicht in eine vorgefertigte Form pressen lassen.

„Stimmt, sie ist wirklich ein verdammtes Luder“, bekräftigte sie mit einer gewissen Genugtuung.

Richard lachte leicht. „Welche Freude zu sehen, dass auch von diesen vollkommenen Lippen vulgäre Worte kommen können.“

„Wie kann ich dir bei deiner Suche helfen?“

„Gar nicht. Ich denke, du solltest sie nicht einmal kennenlernen, wenn ich sie gefunden habe.“

Seine Worte waren wie ein Stich in ihr Herz. „Nichts könnte mich daran hindern.“

Er schnaubte skeptisch. „Die Welt wird sich gegen sie stellen, aber ich werde dafür sorgen, dass sie es gut hat.“

„Und ich werde sie genauso sehr lieben wie du, das verspreche ich dir.“

Sein Griff um ihre Taille wurde noch fester, worauf sie den Kopf, der auf seiner Schulter ruhte, hob und ihn ansah. Er starrte sie auf äußerst irritierende Weise an.

„Danke, Evie“, sagte er unwirsch. „Du hast ein bemerkenswertes Talent, meinen Schmerz zu lindern.“

Zögernd umfasste sie sein Gesicht mit beiden Händen. Er atmete stoßweise, und ein kaum wahrnehmbarer Schauer durchlief ihn. Als sie die geballte Sinnlichkeit in seinem Blick bemerkte, stockte ihr der Atem, und ein unbekanntes, aber faszinierendes Gefühl breitete sich in ihrem Unterleib aus.

Küss mich, flehte sie stumm. Nur ein einziges Mal und dann vielleicht für immer.

Da neigte er den Kopf, und Evie seufzte, als er ihren Mund sanft, aber bestimmt mit seinen Lippen bedeckte. Gütiger Himmel. Noch nie hatte sich etwas so vollkommen angefühlt … so durch und durch richtig. Als sie nach Luft schnappte, nutzte er die Gelegenheit und ließ seine Zunge zwischen ihre Lippen schlüpfen.

Nachdem der erste Schreck verflogen war, verbreitete sich eine pulsierende Hitze in ihrem gesamten Körper. Falls Evie dachte, sie sei schon einmal geküsst worden, so hatte sie sich getäuscht. Richards Mund war unglaublich geschickt, sein Geschmack unvergesslich. Mit leisem Stöhnen ließ sie sich noch stärker gegen seinen schlanken, doch herrlich muskulösen Körper sinken und schlang die Arme um seinen Nacken. Dabei vergrub sie die Finger in seinem Haar, während er sie zart und sinnlich zugleich küsste.

Dann glitten seine Lippen zu ihrer Kehle hinunter, küssten, leckten und knabberten an ihrem zarten Fleisch, worauf sich in dem geheimen Winkel zwischen ihren Schenkeln eine so unvertraute Hitze ausbreitete, dass sie vor Überraschung nach Luft schnappte.

Mit einem gemurmelten Fluch ließ er sie los, trat zurück und fuhr sich mit den Fingern durch das rabenschwarze Haar. Er legte den Kopf in den Nacken und kniff sich mit zwei Fingern in den Nasenrücken. „Ich bin ein ehrloser Schuft“, murmelte er.

Ihr Herz klopfte noch immer zum Zerspringen; trotzdem lächelte sie. „Und was bin ich dann, nachdem ich deine Umarmung derart genossen habe?“

Er bedachte sie mit einem strafenden Blick.

„Ich bereue es nicht. Immer habe ich mir gewünscht, den ersten richtigen Kuss von dir zu bekommen“, gestand sie schüchtern. „Ich war all die Küsse leid, die meine angeblich so feurigen Verehrer mir geraubt haben. Es war jetzt das erste Mal, dass ich mich mit vollem Einverständnis umarmen ließ, und ich habe es genossen.“

Sein Blick war eindringlich und abschätzend und schien alle Geheimnisse ihres Herzens bloßzulegen. Er trat auf sie zu, umfasste ihre Wangen mit beiden Händen und strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe. „Du bist die einzige Frau, bei der ich mich sicher fühle. Lass uns unsere Freundschaft nicht durch komplizierte Gefühle ruinieren. Dazu bist du mir zu wichtig.“

Wieder stieg dieser Schmerz in ihr auf. „Sicher?“

„Hmm. Bei dir brauche ich keine Angst zu haben, dass du mir eine Ehe aufzwingen willst.“

Sie schnaubte verächtlich. „Einen Mann zu heiraten, der die Liebe für eine Gefühlsverirrung hält, ist nichts, was ich mir wünsche. Ich … Ich wollte einfach einmal einen Mann küssen, den ich mir ausgesucht habe.“ Und dich trösten und den Schmerz aus deinem Blick tilgen. Dass sie dabei selbst von einer solchen Welle der Wonne überflutet würde, hatte sie nicht erwartet.

„Na, dann bin ich froh, dass ich dir zu Diensten sein konnte.“ Er schob die Hände in die Taschen und fuhr fort: „Wir haben uns schon seit Wochen nicht mehr richtig unterhalten. Ich habe läuten hören, dass Lord Muir um deine Hand anhalten will.“

„Ich glaube kaum, dass meine Angelegenheiten jetzt von Bedeutung sind.“

„Für mich sind sie es.“

„Es sieht so aus, als würde meine langjährige Taktik bei ihm nicht wirken. Er will mich unbedingt heiraten“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Aber ich bin sicher, dass ich mich durchsetzen werde. Als ich ihm von meiner Begeisterung fürs Backen erzählte, ist er nicht davongelaufen, sondern hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich sofort damit aufhören muss. Was gibt ihm das Recht, so über mich zu bestimmen? Männer scheinen einfach nicht begreifen zu können, dass wir Frauen noch andere Interessen haben als Sticken und Tratschen.“

„Ich werde ihm mal einen Besuch abstatten“, antwortete Richard, und ein gefährlicher Unterton schwang in seiner Stimme mit.

„Sei doch vernünftig. Wenn du versuchst, einen Herrn davon abzuhalten, mir den Hof zu machen, bin ich erledigt. Man wird annehmen, wir beide hätten eine Liebesaffäre. Es sei denn, du möchtest selbst um mich anhalten“, setzte sie neckend hinzu, ohne auf den leisen Schmerz in ihrem Herzen zu achten. Ihre Mutter drängte sie immer stärker dazu, sich für einen Bewerber zu entscheiden, was Evie derart auf die Nerven ging, dass sie am liebsten laut geschrien hätte.

„Um Himmels willen, nein.“

Evie grinste. „Es besteht kein Grund, derart entsetzt zu sein.“

Er lächelte flüchtig. „Die Vorstellung, zu heiraten, stößt mich ab.“

„Du hast deine Abneigung gegen die Ehe schon so oft erwähnt, dass ich nicht daran zweifle“, erwiderte sie leise. Dennoch hegte sie im tiefsten Inneren die Hoffnung, ihn von ihrer Sicht der Dinge überzeugen zu können. Davon, dass sie beide mit all ihren Marotten perfekt zueinander passen würden. Die Idee kam ihr immer wieder, wenn sie ermüdet von einem Ball oder einem Ausritt im Park ins Bett fiel und unweigerlich davon träumte, dass dieser charmante Filou sie in die Arme nahm, küsste und womöglich auch noch verführte.

„Normalerweise heiratet man wegen des Geldes oder gesellschaftlicher Verbindungen. Wenn du das nicht willst, Evie, dann widersetze dich deinen Eltern. Das erwarte ich einfach von dir.“

„Lord Muir ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, der kaum etwas anderes im Kopf hat als sich selbst und seine Pferde. So einen Mann werde ich ganz gewiss nicht heiraten.“

Bildete sie es sich nur ein oder trat tatsächlich ein Ausdruck von Erleichterung in seine goldfarbenen Augen?

„Ich muss jetzt gehen.“

„Pass auf dich auf“, flüsterte sie.

Ein rares Lächeln erhellte seine Züge, als er sich vorbeugte und ihr Gesicht mit seinen langen, eleganten und dabei so warmen und tröstlichen Händen umfasste. Zum Abschied streiften seine Lippen leicht ihre Stirn, dann ihre Wange, bevor sie unerklärlich lange über ihrem Mund verharrten. „Ich sage dir Bescheid, sobald ich meine Tochter gefunden habe. Falls du mich vorher brauchst, schicke eine Nachricht an mein Stadthaus. Mein Kammerdiener wird wissen, wo ich bin.“

Da ertönte ein erschrockenes Keuchen von der Tür. Evie machte einen Satz rückwärts und fuhr herum, eine Hand auf die Brust gepresst. „Mama! Du hast mich aber erschreckt.“

Triumph blitzte in den Augen der Countess auf, bevor sie die Lider senkte. Als sie wieder aufblickte, war ihr Ausdruck heiter und gelassen. Mit den Worten: „Mein Mann und ich erwarten Sie morgen Vormittag, Lord Westfall“, wandte sie sich an Richard.

„Hör mit dem Unsinn auf, Mama!“ Evie lief zu ihr, zog sie ins Zimmer und schloss die Tür hinter ihr. „Lord Westfall wollte sich nur von mir verabschieden.“

Mit gerunzelter Stirn ging Richard langsam zur Countess hinüber. Er war sich gewiss völlig im Klaren darüber, dass Mama immer gegen die Freundschaft zwischen ihm und Evie gewesen war. Ihre plötzliche Kehrtwende erschien ihm sehr aufschlussreich, und Evie erkannte die Verachtung in seinem Blick.

„Lady Gladstone, Lady Evie“, murmelte er mit einer knappen Verbeugung. „Ich wünsche Ihnen beiden einen guten Abend.“

Evie verbiss sich jeden Widerspruch und ließ ihn gehen. Mit einem gedämpften Laut fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Ihre Mutter wedelte aufgeregt mit ihrem Fächer. „Ich werde deinen Vater unterrichten. Wenn er mit ihm redet, wird sich Lord Westfall bestimmt ehrenhaft verhalten.“

„Bitte, Mama, es war doch nur ein kleiner Kuss“, entgegnete Evie und wurde flammend rot. „Unsere Lippen haben sich praktisch gar nicht berührt.“ Es war ihr unendlich peinlich, dass ihre Mutter sie in Richards Armen ertappt hatte. „Ich werde nicht dulden, dass ihr Rich… Lord Westfall nur wegen einer kurzen brüderlichen Umarmung zu einer Heirat mit mir zwingt.“

Ihre Mutter klappte den Fächer energisch zu und funkelte ihre Tochter böse an. „Sei nicht dumm. Er ist jetzt der Erbe des Herzogtums. Da sollte man durchaus Druck auf ihn ausüben.“

„Ach, Mama“, seufzte Evie. „Vor ein paar Wochen hast du mir noch die Freundschaft mit ihm verboten, und jetzt soll ich ihn heiraten?“

„Vor einigen Wochen war er auch noch nicht der Marquess of Westfall. Sei nicht so starrköpfig, meine Liebe.“

In der Hoffnung, den aufkommenden Kopfschmerz zu vertreiben, rieb sich Evie die Schläfen. „Im Augenblick fehlen ihm sowohl der Sinn als auch die Zeit für derartige Ablenkungen. Er hat eine Tochter, die er so schnell wie möglich aufspüren muss. Ihn gerade jetzt mit lächerlichen Heiratsangelegenheiten zu behelligen, wäre gewissenlos.“ Evies Offenheit gegenüber ihrer Mutter war ein Zeichen dafür, wie nahe ihr Richards Geständnis gegangen war.

Ihre Mutter erbleichte. „Er hat einen Bastard?“

Evie zuckte zusammen. „Nenn sie nicht so, Mama. Das gehört sich nicht.“

Ihre Mutter riss sich erkennbar zusammen. „Also wirklich, er will sie doch wohl nicht bei sich aufnehmen?“

Unvermittelt empfand Evie einen wilden Stolz, gepaart mit ebenso großer Furcht. Das Leben würde für seine Tochter nicht leicht werden, wenn er versuchen sollte, sie innerhalb seiner Kreise aufzuziehen. Sie wäre eine Ausgestoßene und hätte niemals Gelegenheit, sich auf Bällen, Festen oder bei Hauskonzerten zu amüsieren. Stets würde der vorwurfsvolle Blick der feinen Gesellschaft auf ihr ruhen wie auf einem sonderbaren Insekt. „Doch, Mama, das hat er vor.“

„Wenn er das tut, werde ich ihn nie wieder zu unseren Bällen oder Hauspartys einladen. Wie kann Lord Westfall auch nur daran denken, den guten Namen seiner Familie durch eine so unerfreuliche Verbindung zu beschmutzen? Als zukünftiger Duke of Salop muss ihm doch klar sein, wie unangemessen eine solche Entscheidung wäre!“

Meine Güte. „Bitte, Mama …“

Ein leichter Luftzug ließ Evie aufblicken. Richard stand in der Tür mit Augen wie aus Eis. Die helle Freude über seine Rückkehr erlosch, als sie die kalte Wut in seinem Blick bemerkte. Er nahm doch wohl nicht an, sie würde die Ansichten ihrer Mutter teilen?

„Du bist hartherzig, Mama.“

„Falls er seinen Bastard anerkennt, wird eine weitere freundschaftliche Beziehung zu ihm unserer Familie nicht zuträglich sein“, sagte die Countess, die nicht bemerkt hatte, dass Richard hinter ihr stand.

Jetzt konnte Evie nicht länger schweigen. Sie ging um ihre Mutter herum zu ihm. „Bitte verzeiht meiner Mutter, Mylord. Sie … Es gibt keine Entschuldigung“, sagte sie.

Der Blick, den er ihrer Mutter zuwarf, war so eisig, dass Evie ganz unbehaglich zumute wurde. Ohne ein Wort drehte Richard sich um und ging. Die Tür ließ er angelehnt.

Evie hatte plötzlich das Gefühl, ihre Mutter habe sich einen Feind gemacht und die Freundschaft zwischen Richard und ihr selbst habe einen empfindlichen Schlag erlitten.

Ach, Richard.

Kapitel 3

1818, Gegenwart …

Mayfair, London

„Ja, so ist es genau richtig“, stellte Emily Rose Maitland mit zufriedenem Lächeln fest. Ihre goldenen Augen, die genau denen Richards glichen, leuchteten vor Freude. Grinsend, den Kopf schiefgelegt, wandte sie sich an den bereitstehenden Kammerdiener, während sie weiter an Richards verknotetem Halstuch zerrte. „Ist es nicht schön, Mr. Colby?“ Der finstere Blick seines Kammerdieners verriet ihm, dass der das Kind am liebsten aus dem Zimmer verbannt hätte, um sich wieder in Ruhe der Abendgarderobe seines Herrn zu widmen.

„Ich möchte auch auf diesen Ball gehen, Papa. Bist du sicher, dass kleine Mädchen da nicht hindürfen?“, fragte sie mit einem Hoffnungsschimmer in den fröhlichen Augen.

Mit einem Griff schnappte er sich die Kleine, warf sie in die Luft und freute sich an ihrem begeisterten Lachen und Quietschen. Es war jetzt zwei Jahre her, dass er sie in St. Giles, einer der heruntergekommensten und gefährlichsten Gegenden Londons ausfindig gemacht hatte. Damals war er zum ersten Mal wirklich dankbar gewesen für die Präzision und Rücksichtslosigkeit, die er sich während seiner Zeit als Erkundungsoffizier der Armee angeeignet hatte. Der Betreiber des Findelhauses hatte die Kleine an zwei Männer verkauft, die sich geschäftsmäßig besonders schutzloser Kinder bemächtigten, um sie als Taschendiebe, Kaminkehrer oder sogar in Bordellen arbeiten zu lassen. Trotz unermüdlicher Suche, bei der er viele Männer bedroht und einige verletzt hatte, war es Richard erst nach mehreren Wochen gelungen, seine Tochter ausfindig zu machen. Zusammen mit mehreren anderen Kindern hatte sie in einem Verschlag gekauert, eine dünne Decke um die noch dünneren Schultern gelegt.

Jetzt schloss er sie in die Arme und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ja, da bin ich sicher.“

„Wirst du mich vermissen?“, fragte sie, die Lippen zu einem niedlichen Schmollmund verzogen.

„Immer.“

Sie schaute ihn erfreut an. „Ich werde aufbleiben, bis du wiederkommst.“

Er zog eine Braue hoch. „Du wirst um neun zu Bett gehen.“

Ihr schelmischer Blick verriet ihm, dass sie bei seiner Rückkehr auf ihn warten oder in seinem Bett schlafen würde.

Sie blickte ihn mit großen, arglosen Augen an. „Ich hab dich lieb, Papa.“

Er lächelte. Nie im Leben hätte er sich vorstellen können, welche Gefühle er für seine Tochter empfinden würde. Er nahm sie auf den Arm, ging an seinem knurrigen Kammerdiener vorbei aus dem Zimmer und durch den Korridor zur Treppe. Beim Hinuntergehen hielt er sie ganz fest. „Ich liebe dich auch, aber du musst trotzdem ins Bett.“

Kichernd drückte sie die Nase an seinen Hals. Richard ließ sie selten lange alleine. Auch jetzt hatte er sie mit nach London genommen, statt sie mit ihren Gouvernanten auf seinem Anwesen zurückzulassen. Doch an diesem Abend musste er auf Lady Beauforts Ball erscheinen. Es war die erste Einladung, die er in dieser Saison angenommen hatte.

Es wurde Zeit für ihn, sich ernsthaft mit dem Gedanken an eine Heirat zu beschäftigen. Seine Emily brauchte eine Mutter. Nachdem er sich zwei Jahre lang bemüht hatte, alles für sie zu tun, musste er sich eingestehen, dass er nicht alle ihre Bedürfnisse erfüllen konnte. So war es aufschlussreich und herzzerreißend anzusehen, mit welch sehnsüchtigen Blicken sie die Damen betrachtete, wenn er mit ihr im Hyde Park oder dem Botanischen Garten unterwegs war. Und wenn seiner Tochter etwas fehlte, dann sah er es als Verpflichtung an, dafür zu sorgen, dass sie es bekam, auch wenn er große Bedenken gegen die Ehe im allgemeinen hegte. Sein Ruf und die Kreise, in denen er sich bewegte, würden kaum eine Dame dazu verlocken, ihn zu heiraten, mochte er auch der Erbe eines Herzogtums sein. Außerdem erfüllte ihn der Gedanke an eine Ehe mit erstaunlich wenig Begeisterung.

Heute Abend würde er mit einigen Damen tanzen, um herauszufinden, ob sich eine von ihnen trotz seines schlechten Rufs für ihn erwärmen konnte. Doch das Wichtigste für ihn war, dass er sie wiedersehen würde – Evie.

Richard hielt sich von ihr fern, seit sie zu einer beliebten und bewunderten Gesellschaftsdame aufgestiegen war. Es schien wie eine Laune des Schicksals, doch je dubioser und zwielichtiger sein Ruf wurde, desto gefragter war Evies Anwesenheit auf Bällen und in Salons. Sie war der glitzernde Mittelpunkt der gehobenen Gesellschaft, und deren Mitglieder nahmen jedes Mal Anstoß daran, wenn er sich in der Öffentlichkeit mit ihr sehen ließ. Er hatte genügend Karikaturen in Skandalblättchen gesehen, die ihn als narbiges Ungeheuer zeigten, das sich an ihrer zarten Schönheit verging. Doch kaum hatte er sie einige Wochen lang nicht gesehen, zog es ihn wie magisch zu ihr hin. Dann betrachtete er sie von fern oder ließ irgendein gesellschaftliches Ereignis über sich ergehen, damit er sie nur sehen und vielleicht einige höfliche Worte mit ihr wechseln konnte. Zuweilen verabscheute er sich für seine Schwäche, dann wieder akzeptierte er, dass Evie immer einen Platz in seinem Herzen haben und seine Freundin bleiben würde. Es war ein Jammer, dass er sie nicht heiraten konnte. Das Ironische an der Sache war, dass er sie zu gern hatte, um sie in sein skandalträchtiges und gefährliches Leben hineinzuziehen, zumal ihr ihre gesellschaftliche Stellung sehr wichtig war. Die meisten Angehörigen der gehobenen Gesellschaft lehnten ihn und seine Überzeugungen ab. Kaum hatte sich die Kunde von der Existenz seiner Tochter verbreitet, waren ihm die Türen, die ihm zuvor offengestanden hatten, vor der Nase zugeschlagen worden. Man hatte ihn aus Clubs ausgeschlossen, sich von Geschäften mit ihm zurückgezogen und ihn in aller Öffentlichkeit geschnitten, und das alles nur, weil er es wagte, seine Tochter zu lieben.

„Jack!“, rief Emily und regte sich in Richards Armen. Der kleine Junge, der durch den Korridor strolchte, blieb zögernd stehen und drehte sich zu ihnen um. Als er Emily erblickte, lächelte er sie wie immer strahlend an, ein Verhalten, das er nur ihr gegenüber zeigte. In jener Nacht, als Richard sie gefunden hatte, war auch Jack dort gewesen; ein erbitterter Beschützer der anderen misshandelten und halb verhungerten Kinder, obwohl er selbst erst acht Jahre alt war und die Spuren zahlreicher Schläge trug.

Emily strampelte sich aus Richards Armen frei, und als er sie absetzte, winkte sie ihm kurz zu, bevor sie zu Jack rannte, seine Hand ergriff und mit ihm davonging. Richard sah ihnen nach, bis sie den kleineren gemütlichen Salon betraten, wo sie von fröhlichem Kinderlärm begrüßt wurden. Zweifellos würden sie dort an der abendlichen Vorlesestunde teilnehmen, Whist oder Schach spielen.

Lächelnd drehte er sich um und wollte gehen, als eine ihm wohlbekannte verschleierte Dame vom Butler begleitet auf ihn zukam.

„Sie haben Besuch, Mylord“, murmelte Mr. Powell.

Warum besuchte ihn seine Schwester um diese Zeit? „Ich kümmere mich um sie.“

„Sehr wohl, Mylord.“

Schweigend geleitete er seine Schwester Phoebe in die Bibliothek. Als er die Tür schloss, hob sie ihren Schleier, und er sah in ihren Augen, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen. Seine Schwester war mittelgroß und schlank, mit heller Haut, dunklen Locken, klassischen Zügen und einem eigensinnigen Mund, der jetzt zu einem liebevollen Lächeln verzogen war. „Es ist schon eine ganze Weile her, Bruder.“

„Bist du alleine gekommen?“

Sein schroffer Ton ernüchterte sie. „Ich versichere dir, ich war vorsichtig und habe alles getan, was du mir beigebracht hast, um sicherzugehen, dass mir keiner gefolgt ist.“

Seine Schwester würde in ein paar Monaten achtzehn, und er mochte es nicht, wenn sie das Risiko einging, ihn heimlich zu besuchen. „Ich habe dich vermisst, Schwesterchen. Dein letzter Besuch ist schon drei Monate her.“

„Du hast mir auch schrecklich gefehlt.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Es geht um Vater. Er ist krank und will nicht nach dir schicken lassen“, stieß sie hervor.

Richard wurde es eiskalt ums Herz. „Das erklärt noch nicht, warum du hier bist, Phoebe.“

Sie blickte ihn verdrossen an. „Vater ist doch so störrisch. Könntest du dich nicht mit ihm versöhnen?“

„Du weißt doch, warum wir uns zerstritten haben.“

Sie wurde rot. „Ja, das weiß jeder. Aber wenn du den ersten Schritt tun würdest …“

Er lächelte grimmig. „In der Nacht, als ich Emily fand, erschien ich mit blutüberströmtem Gesicht auf Vaters Türschwelle und hatte meine halb verhungerte und misshandelte Tochter und ihre Freunde dabei. Er war wutentbrannt, weil er sich Sorgen um unseren guten Ruf statt um das Leben der Kinder machte. Und selbst wenn ich über dieses schändliche Verhalten hinwegsehen könnte, bleibt die Tatsache bestehen, dass ihm bekannt gewesen war, dass man meine Tochter, seine Enkelin, in ein Findelhaus abgeschoben hatte. Er sah in ihr nichts als eine Unannehmlichkeit, derer man sich entledigen musste. Und jetzt sag mir, Schwester, warum sollte ich mich einen Deut darum scheren, ob es ihm schlecht geht?“

Als Richard sich geweigert hatte, seine Tochter und die fünf anderen geretteten Kinder im Stich zu lassen, hatte sein Vater ihm den Unterhalt gestrichen und die Verbindung zu ihm abgebrochen. Doch was Richard wirklich unverzeihlich fand, war, dass sein Vater von Anfang an über das Schicksal des Kindes informiert gewesen war. Sein Vater war ein mächtiger, einflussreicher Mann. Ein Duke. Er hätte dafür sorgen können, dass man Emily woanders unterbrachte, wo gut für sie gesorgt wurde. In jener Nacht, als Richard sich geweigert hatte, seinem Vater zu gehorchen und die Kleine in ein Waisenhaus zu bringen, hatte er die Brücken zu seinem früheren Leben endgültig abgebrochen und war zu einem härteren, entschlosseneren Menschen geworden.

„Es tut mir leid“, sagte Phoebe mit belegter Stimme. „Ich wusste nicht, dass Vater so grausam war.“

„Ist schon gut. Wenn er tot ist, werden seine Anwälte wissen, wo sie mich finden.“

Sie starrte ihn an, entsetzt über seine harten Worte. Da ging er zu ihr und legte ihr seufzend eine Hand an die Wange. „Du musst wieder nach Hause gehen, bevor sie dein Verschwinden bemerken.“

„Ich hasse es!“, schrie sie wütend. „Ich hasse, dass wir uns nicht mehr sehen. Ich hasse es, dass ich so tun muss, als würde ich dich nicht kennen, wenn wir uns auf einem Ball begegnen. Unsere Eltern tun so, als wärst du nie geboren, und Mutter hat sogar gesagt, sie wünschte, es wäre nicht Francis, sondern du gewesen, der …“ Phoebe schloss die Augen, unfähig weiterzusprechen. „Ich will, dass wir wieder eine Familie sind“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Du bist mein Bruder, und ich vermisse dich so sehr.“

Doch das Zerwürfnis ließ sich nicht dadurch ungeschehen machen, dass sie es sich wünschte. Ihr Vater, ein strenger und anspruchsvoller Mann, hatte dafür gesorgt, dass Richard aus der feinen Gesellschaft ausgeschlossen wurde und ihm viele Geschäfte durch die Lappen gingen. Doch wenn es sein musste, war Richard klug und gewieft, und so hatte er Mittel und Wege gefunden, trotz des Einflusses seines Vaters sein Vermögen beträchtlich zu vergrößern. Seit jener verhängnisvollen Nacht, als er seine Tochter aus ihrer Hölle errettet hatte, hatte er nicht mehr mit dem Duke geredet und sich auch nicht um eine Versöhnung mit ihm bemüht. Im Gegenzug hatte sein Vater ihm nicht nur alle Zuwendungen gestrichen, sondern ihm auch die Verwaltung einiger seiner Güter aus der Hand genommen. Alles, was Richard besaß, hatte er seinem eigenen Fleiß, seiner Findigkeit und Weitsicht zu verdanken.

„Ich werde es mir überlegen“, sagte er und wusste zugleich, dass es ein leeres Versprechen war. Der Graben zwischen den beiden Männern konnte nur geschlossen werden, wenn sich sein Vater damit abfand, dass Emily einen Platz in Richards Leben einnahm. Und das würde nie geschehen, denn es verletzte die Gefühle seines Vaters und störte seine Vorstellung davon, wie die Welt eingerichtet sein sollte.

Bastardkinder waren peinlich, und die Leute, mit denen Richard sich umgab, waren Abschaum, der Bodensatz der Gesellschaft, an den man keinen Gedanken verschwenden sollte. Es hatte einen Skandal gegeben, als Richard öffentlich für Reformen eingetreten war, die die ungerechte Behandlung von Frauen und Kindern im Newgate-Gefängnis beenden sollten. Sein Vater sah einfach nicht, welche Schande Armut und Ungerechtigkeit darstellten, und er würde sich ewig für seinen Sohn schämen.

„Ich lasse dich nach Hause bringen“, sagte Richard und küsste Phoebe auf die Stirn.

Widerstrebend folgte sie ihm aus der Bibliothek und stieg in die Kutsche, die vor dem Haus wartete. Das Wappen war abgedeckt, doch die Equipage wurde außer dem Kutscher in angemessener Form von zwei Dienern begleitet. Dennoch wollte Richard jemanden schicken, der der Kutsche folgte, damit seine Schwester heil nach Hause kam. Nachdem er sich von ihr verabschiedet hatte, ging er hinein und sagte den Kindern guten Abend, um wenig später zu einem von Lady Beauforts berühmten Bällen aufzubrechen und sich damit seiner ganz eigenen Qual auszusetzen.

 

Lady Honoria war ein törichtes Ding, das zu Ohnmachtsanfällen und Hysterie neigte. Eine üble Klatschbase, die der Marquess of Westfall zu heiraten gedachte, wenn man den hartnäckigen Gerüchten glauben wollte. Sofort schämte sich Lady Evie für ihre undamenhaften Gedanken über Honoria. Mit einer derartig abfälligen Meinung war sie nicht besser als Honoria selbst.

Aber … Was hatte Richard denn nun vor?

Zu ihrem Leidwesen hatte Evie jetzt schon zum zweiten Mal in dieser Saison die beiden Namen in einem Atemzug nennen gehört. Letztes Jahr, als die Gerüchte aufkamen, hatte sie Richard nach seinen Absichten gefragt. Er hatte geantwortet, er denke daran, um Lady Honorias Hand anzuhalten. Doch als nichts geschah, hatte sich Evie in einer trügerischen Sicherheit gewiegt. Richard hatte sich praktisch völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und damit zweifellos so einige Hoffnungen zerstört.

Dieser verflixte Mensch.

„Werden Sie auch Lady Brantleys Gartenfest besuchen, Mylady?“, erkundigte sich ihr gegenwärtiger Verehrer, Viscount Ponsby, lächelnd, wobei er zwei Reihen makelloser Zähne sehen ließ.

„Ich weiß nicht mehr, ob Mama zugesagt hat. Aber ich werde natürlich nachfragen und Ihnen morgen bei unserer Ausfahrt Bescheid geben.“

Normalerweise kümmerte sich Evie selbst um ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen, doch in letzter Zeit war sie ruhelos und zerstreut gewesen und hatte es vernachlässigt, die zahllosen Einladungen und Briefe, die sie erreichten, zu beantworten. Zuweilen empfand sie das unwiderstehliche Bedürfnis, einfach sie selbst zu sein. Einzugestehen, dass Backen ihre Lieblingsbeschäftigung war. Zuzugeben, dass sie neben Zeitungsartikeln über politische Themen auch diejenigen las, die sich mit den jüngsten Skandalen und der neuesten Mode beschäftigten. In der Routine ihres Lebens sehnte sie sich nach etwas Neuem, Wunderbarem.

Normalerweise war ihr Kalender während der Saison vollgepackt mit gesellschaftlichen Anlässen, und ihr Leben drehte sich darum, ihre Mutter bei der Haushaltsführung zu unterstützen, Bälle und andere Veranstaltungen zu planen und selbst an Festivitäten, Hauskonzerten und Picknicks teilzunehmen. Jedes Jahr hatte sie sich so sehr auf den Beginn der Saison mit all ihren Abwechslungen gefreut. Das Einzige, wovor sie sich fürchtete, waren die zahlreichen Verehrer, die sie unauffällig vergraulen musste, ohne dass ihre Mutter es merkte. Bisher war es Evie gelungen, einer Entscheidung aus dem Weg zu gehen, da sie von Anfang an alle Versuche ihrer Mutter, sie zu verkuppeln, verhindert hatte. Doch in letzter Zeit hatte Mama den Druck auf sie beträchtlich verstärkt, und Evie war sich schmerzlich bewusst, dass ihre Eltern womöglich bald eine Entscheidung für sie treffen würden, wenn sie nicht bald einen Heiratskandidaten fand.

Dabei war sie keineswegs grundsätzlich gegen die Ehe. Tatsächlich sehnte sie sich verzweifelt nach der Aufmerksamkeit eines gewissen Marquess. Sie wollte Richard zum Mann, ein Wunsch, der wenig Aussicht auf Erfüllung bot. Dennoch hielt sie hartnäckig an ihrer Hoffnung fest.

„Möchten Sie noch ein Glas Champagner?“, fragte der Viscount und deutete mit dem Kinn auf das fast leere Glas in ihrer Hand.

„Ja, bitte“, antwortete sie lächelnd, bestrebt, ein wenig mit ihren Gedanken allein zu sein, und seien es auch nur wenige Minuten.

Mit einem Nicken drängte er sich durch die Menge und ging am Rand der Tanzfläche entlang zu dem Diener, der in der Nähe der Terrasse stand. Der Viscount war der letzte in einer langen Reihe von Männern, die sich um Evies Hand beworben hatten. Er sah gut aus, war bei den vornehmen Damen und Herren gleichermaßen beliebt und rühmte sich eines Einkommens von fünfzigtausend im Jahr. Mama war völlig aus dem Häuschen, weil dieser Mann es so offensichtlich auf ihre Tochter abgesehen hatte. Evie dagegen achtete peinlich genau darauf, während ihrer Unterhaltungen nur unverbindliche Bemerkungen zu machen. Und wenn sie miteinander spazieren gingen, vermied sie alles, was von ihm als Aufforderung zu einer romantischen Annäherung aufgefasst werden konnte. Und dennoch war dieser verflixte Mann nicht so leicht zu entmutigen und verfolgte hartnäckig sein Ziel. Was sehr ungewöhnlich war, da alle anderen Bewerber sich ohne große Umstände empfohlen hatten, nachdem ihnen klargeworden war, dass es nicht nach ihren Erwartungen lief.

Evie hätte sich durch die Aufmerksamkeit des Viscounts geschmeichelt gefühlt, wäre ihr Herz nicht unwiderruflich vergeben gewesen. Ihr bei zahlreichen derartigen Gelegenheiten geübter Instinkt sagte ihr, dass er vorhatte, ihr auf der Kutschfahrt einen Heiratsantrag zu machen. Da sie seine Gefühle nicht verletzen wollte, was unweigerlich der Fall gewesen wäre, musste sie ihn schon an diesem Abend von seinem Vorhaben abbringen.

Lord Ponsby erschien mit einem Glas Champagner, das sie dankbar lächelnd entgegennahm.

„Dürfte ich wohl morgen vor unserer Ausfahrt um ein Gespräch mit Ihrem Vater bitten? Ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.“

Mit einem Anflug von Bedauern blickte sie in sein ernstes Gesicht. „Warum?“, fragte sie leise, über sich selbst erstaunt. Normalerweise hätte sie ihn mit den ausgeklügelten Methoden abgeschreckt, die sie über die Jahre vervollkommnet hatte, doch etwas an seiner Ernsthaftigkeit brachte sie dazu, anders zu handeln.

„Ihnen ist doch gewiss meine Neigung für Sie nicht entgangen. Kann es denn einen Zweifel daran geben, dass ich Sie verehre, Lady Evelyn? Sie sind selbstbewusst, schön, von hohem Rang und eine Lady, die ihren Platz in der Gesellschaft und ihre Rolle als vornehme Dame genau kennt. Sie sind ganz offensichtlich gut erzogen, ein Muster an weiblicher Ehrbarkeit und korrektem Benehmen. Und Sie wären die perfekte Herrin meines Hauses“, erklärte er mit warmem Lächeln, ohne zu bemerken, dass ihr vor Schreck eiskalt wurde.

Gut erzogen … weibliche Ehrbarkeit und korrektes Benehmen. Seine Beschreibung von ihr hörte sich entsetzlich öde an. Und war sie es nicht auch? Wann war sie jemals in ihrem Leben ein Risiko eingegangen, welches Vergnügen hatte sie sich gegönnt? „Ich danke Ihnen, dass Sie so für mich empfinden, Mylord, doch ich erwidere Ihre Gefühle nicht und kann Sie guten Gewissens nicht dazu ermutigen, mit meinem Vater zu reden.“

„Mylady … Ich … Ich …“ Ihre unverblümten Worte hatten ihn ganz offensichtlich aus dem Konzept gebracht. „Das Gedränge heute Abend ist zweifellos zu viel für Sie. Sonst würden Sie bestimmt nicht ohne weiteres die tiefen Gefühle zurückweisen, die ich für Sie empfinde.“

„Verzeihen Sie mir. Ich möchte Ihnen keinen Kummer bereiten, aber ich muss ehrlich sein. Ich hege keine zärtlichen Gefühle für Sie, denn mein Herz ist schon anderweitig vergeben“, sagte sie leise.

Daraufhin wurden seine Lippen schmal, und ein abweisender Blick trat in seine Augen. „Mir fällt gerade ein, dass ich Miss Dawson einen Tanz versprochen habe. Außerdem glaube ich nicht, dass ich auf einer Ausfahrt mit Ihnen bestehen möchte.“

Damit verlor sie die Freundschaft seiner netten Schwester und zugleich seine angenehme Gesellschaft. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Machen Sie sich darum keine Sorgen“, erwiderte sie freundlich. „Ich verstehe es und entbinde Sie jeglicher Verpflichtung mir gegenüber.“

Der Viscount eilte davon. Damit hatte sie den dritten Bewerber in dieser Saison mit schlichter Aufrichtigkeit vertrieben. Sie trank einen Schluck Champagner, selbst erstaunt darüber, wie schal ihr der Sieg schmeckte. Das Leben war vorhersehbar und eintönig geworden, und Verehrer abzuweisen, langweilte sie allmählich. Obwohl sie weder ungewöhnliche Schönheit noch einen überragenden Verstand aufzuweisen hatte, genoss Evie eine gewisse Beliebtheit unter den jungen Männern und sogar die Bewunderung einiger Damen der guten Gesellschaft. Doch sie spürte, dass etwas in ihrem Leben fehlte, und sie vermisste dieses Etwas, das sie nie gekannt hatte.

Sie sehnte sich nach einem Platz, an den sie gehörte. Evie presste eine zitternde Hand auf die Magengegend und hatte die ungewohnte Empfindung, ganz allein inmitten von Freunden zu sein. Ihr Blick fiel auf den sanft gerundeten Leib der Marchioness of Belmont, der sich deutlich unter dem Kleid mit der hohen Taille abzeichnete. Sehnsucht durchfuhr Evie wie ein Stich, so heftig, dass ihr die Tränen kamen. Noch nie zuvor hatte es sie nach einem solchen Glück verlangt. Wenn nur ihr Herz nicht so schrecklich unnachgiebig gewesen wäre. Es hinderte sie daran, eine lukrative, doch unglückliche Beziehung einzugehen, seit sie wusste, dass es Glück und Liebe in einer Ehe geben konnte, auch wenn ihre Mutter das Gegenteil behauptete.

„Wie ich sehe, hat sich wenig geändert.“

Mühelos durchdrang die ruhige Stimme den Wall, den sie um sich errichtet hatte. Ihr Herz machte einen Sprung, und unwillkürlich umfasste sie den Stiel ihres Glases fester. Westfall. Was wollte er auf Lady Beauforts Ball? Während der vergangenen Monate hatte er die Glitzerwelt der High Society gemieden, was zu allerlei Gerede geführt hatte. Niemand verstand Richard, und Evelyn begann sich zu fragen, ob der kleine Teil von ihm, den sie zu kennen glaubte und in den sie sich verliebt hatte, überhaupt noch existierte. Einige nannten ihn rachsüchtig und gnadenlos, für andere war er der liederliche Westfall, und besonders schockierend waren Gerüchte, dass die Elenden in den Londoner Slums ihn als den „Heiligen“ bezeichneten. Das hatte sie im Dienstbotentrakt von den Hausmädchen aufgeschnappt, die sich darüber im Flüsterton unterhalten hatten. Der Heilige. Damals hatte sie nichts damit anfangen können.

„Willst du mich nicht ansehen?“ Seine Stimme war spöttisch.

„Vielleicht brauche ich einen Moment, um mich zu fangen.“

„Ich habe dich aus der Fassung gebracht, was?“

„Du musst zugeben, dass dein Anblick ziemlich … verstörend ist, nachdem du so viele meiner Einladungen ignoriert hast.“ Je schlechter sein Ruf wurde, desto seltener hatten sie Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit zu treffen. Sie vermisste ihren freundschaftlichen Umgang schrecklich und damit auch die Gelegenheit, ihn von ihren Ansichten zu überzeugen.

Sie zuckte zusammen, als ein zarter Hauch ihren Nacken streifte. Er hatte sich doch wohl nicht hinuntergebeugt und ihren Duft eingeatmet. Oder etwa doch? Ein solch lockeres Benehmen legte er ihr gegenüber normalerweise nicht an den Tag. Obwohl der Saal überfüllt und jeder damit beschäftigt war, sich durch die Menschenmenge zu drängen, war es doch möglich, dass irgendeine Klatschbase sie beobachtet hatte.

„Geh mit mir in den Garten“, forderte er sie leise auf. Daraufhin wandte sie sich ihm zu und blickte mit zurückgelegtem Kopf zu ihm auf. „Hallo, Richard.“

Sein Lächeln lenkte ihren Blick auf die geheimnisvolle Narbe, die sich von seiner Stirn über die ganze linke Gesichtshälfte bis zum Kinn zog. Um die Zeit herum, als Richard seine Tochter gefunden hatte, hatte er plötzlich diese Narbe gehabt, über deren Ursprung er sich, der brennenden Neugier der Gesellschaft zum Trotz, hartnäckig ausschwieg. Auch Evie war neugierig, doch sie vertraute darauf, dass er ihr die Ursache dieser Entstellung enthüllen würde, wenn er bereit dazu war. An diesem Abend wirkte er finster und unheimlich. Plötzlich durchfuhr Evie ein heftiges, schmerzliches Verlangen, als hätte sich die vergebliche Sehnsucht vieler Jahre in ihrem Herzen angesammelt und bahnte sich nun einen Weg.

Er betrachtete sie mit anerkennendem Blick. „Hallo, Lady Evelyn.“

Die Wärme, mit der er sie früher begrüßt hatte, war einem kühlen, höflich zurückhaltenden Tonfall gewichen. Sie zog eine Braue hoch. „Wann ist unsere Freundschaft so förmlich geworden?“

Er rückte unschicklich nahe an sie heran mit einer geschmeidigen Bewegung, die ihr ganz eindeutig gefiel. Doch sie wich ihm nicht aus, entschlossen, sich von dem verflixten Mann nicht irritieren zu lassen.

„Du bist schön heute Abend … Evie.“

Sie trug ein rosarotes Seidenkleid mit hoher Taille und einem gewagt tiefen Dekolleté. Es ließ ihre Schultern frei, und der Saum war mit drei Reihen Spitze und Tüllband eingefasst. Das knappe, mit Rosenknospen aus weißer Seide bestickte Mieder brachte ihre makellose Haut gut zur Geltung. Um ihre Hochsteckfrisur rankten sich weitere mit seidenen Rosenknospen verzierte Tüllbänder. Ihre winzigen Perlenohrringe passten zu der dreireihigen Perlenkette an ihrem Hals. „Ich bin immer hübsch.“

Er musterte sie mit undurchdringlichem Blick. „Du kannst noch immer schlecht Komplimente annehmen, wie ich sehe.“

„Dachtest du, ich hätte mich verändert in den vier Monaten und einer Woche, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“

Eine dunkle Augenbraue hob sich angesichts ihrer exakten Erinnerung, worauf ihr die Hitze in die Wangen stieg. Verflixt.

„Das hört sich an, als hättest du mich auch schrecklich vermisst.“

„Offensichtlich neigst du noch immer dazu, dir selbst zu schmeicheln, Mylord. Ich bin froh, dass es noch ein paar Spuren des alten Richard gibt.“

Als sie ihn lächeln sah, musste sie ihr dummes Herz zwingen, wieder im normalen Rhythmus zu klopfen. Er war noch immer ein attraktiver Teufelskerl.

Selbst die mysteriöse Narbe, die von seiner Stirn bis zum Kinn verlief, tat seinem guten Aussehen keinen Abbruch, auch wenn die meisten feinen Leute sich scheuten, ihn direkt anzusehen, und die eine oder andere Debütantin sogar für Wirbel gesorgt hatte, als sie bei seinem Anblick in Ohnmacht gefallen war. Doch nie und nimmer Evie. Er war ganz entschieden ein ruchloser Kerl, den eine Atmosphäre von Gefahr, verborgener Stärke und Rücksichtslosigkeit umgab. Das hätte sie abschrecken müssen, doch unerklärlicherweise machte es ihn für Evie nur noch anziehender. Wenn er sich nur den Erwartungen ihrer Gesellschaftsschicht anpassen wollte, wäre ihr Kampf um sein Herz weniger … schwierig.

„Vier Monate und drei Tage, genauer gesagt“, bemerkte er plötzlich.

Evie wurde es ganz warm ums Herz, und sie erwiderte lächelnd: „Jetzt bin ich sicher, dass wir einander noch mögen.“

„Geht es dir gut, Evie?“

„Den Umständen entsprechend.“

„Und Lady Gladstone?“

„Mama ist mit Feuereifer dabei, meinen Bruder dazu zu bringen, dass er sich eine Frau sucht und einen Erben für unsere Familie zeugt.“

Als Antwort gab er nur ein unverbindliches Brummen von sich.

„Und wie geht es deiner Tochter?“, fragte sie leise.

Sein Blick verschattete sich. „Gut.“

Die Antwort war so knapp, dass sie ihn nur ratlos anstarren konnte. Zwei Jahre war es jetzt her, seit die feine Gesellschaft von seiner unehelichen Tochter erfahren hatte, doch Evie hatte das Kind bisher nur viermal gesehen, zuletzt vor einigen Monaten, als die Zwillinge ihrer lieben Freundin Adeline, jetzt Duchess of Wolverton, getauft wurden. Richard wachte so verbissen über seine kleine Emily, dass die feine Gesellschaft ihn nur zu bereitwillig dafür hasste. Sie ärgerten sich maßlos darüber, dass sie keine Gelegenheit bekamen, das zarte Wesen mit ihrer Boshaftigkeit zu quälen. Evie hatte Verständnis für seine beschützende Fürsorge, doch es tat ihr in der Seele weh, dass er seine Tochter auch von ihr fernhielt. Mehr als einmal hatte sie ihm eine Einladung zum Tee geschickt und keine Antwort erhalten.

„Gehst du mit mir ein wenig in den Garten? Dort könnten wir uns in Ruhe unterhalten“, sagte er und fügte dann stirnrunzelnd hinzu: „In den Augen der anderen wird es nichts Gutes bedeuten, wenn wir miteinander allein sind.“

„Möchtest du nicht lieber tanzen?“ Auch wenn es ein Wagnis war, so sollte er keinen Moment lang glauben, dass sie Angst hatte, in seinen Armen beim Walzer gesehen zu werden.

Er ließ seinen Blick über die Menge der Gäste schweifen, und seine Miene verriet nur zu deutlich seine Geringschätzung. „Nein“, antwortete er.

Sein Erscheinen bei öffentlichen Anlässen löste jedes Mal böswillige Spekulationen aus, die zu verbergen sich die High Society keine Mühe gab. Auch jetzt schwirrte die Luft um die beiden herum vor Getuschel und argwöhnischen Blicken. Vielleicht war es gut, dass er nicht tanzen wollte, denn das letzte Mal, als sie an einer derartigen Vergnügung teilgenommen hatten, waren sie von der Gesellschaft nicht mit Nachsicht behandelt worden. – Die Karikaturen waren schmachvoll gewesen, und ihre Mutter hatte sich in Grund und Boden geschämt. Evie unterdrückte ihr leichtes Unbehagen bei der Aussicht, von den Gästen durchgehechelt zu werden, und sagte: „Im Garten sind schrecklich viele Gäste, die bestimmt über uns herziehen werden. Vielleicht sollten wir lieber ins Gewächshaus gehen.“

Sie schlängelten sich zwischen den Gästen hindurch, er diskret einige Schritte hinter ihr. Als sie in die Eingangshalle kamen, begrüßte Lord Beaufort Richard mit einem Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung. Doch der ignorierte den Earl und seine Countess und ging entschlossen weiter. Dem Getuschel um sie herum nach zu urteilen, war sein Verhalten registriert worden, und am folgenden Morgen stünde in den Klatschblättern, dass Lord Westfall Lord und Lady Beaufort düpiert hätte.

Evie tat die offensichtlich verlegene Lady Beaufort leid. Im Laufe der Jahre hatte sich Richard, der freundliche, rücksichtsvolle Mann, den sie gekannt hatte, verändert. Früher hatte sie ihn einmal gefragt, ob er ein Lebemann sei, und er hatte es verneint. Das hätte er heute nicht mehr von sich behaupten können. Den Skandalblättern nach galt er mittlerweile als einer der schlimmsten Wüstlinge, der sich nicht um die Meinung und die Erwartungen der Gesellschaft scherte. Aus irgendeinem Grund verachtete er die High Society und gab sich keine Mühe, es zu verbergen. Und sie selbst verhielt sich unglaublich verantwortungslos. Ungeachtet ihrer Freundschaft und ihrer heimlichen Sehnsucht nach ihm, durfte sie mit einem Mann von seiner Reputation nicht allein gesehen werden. Doch sie ignorierte ihre innere Stimme der Vernunft und trat mit ihm durch die Seitentür, die zur Terrasse führte. Draußen ging sie neben ihm her. „Du warst gerade sehr unhöflich. Was haben unsere Gastgeber dir denn getan?“

„Ihr bloßes Dasein ist eine Beleidigung für mich“, erwiderte er nur.

„Du bist so rücksichtsvoll wie ein Rammbock“, sagte sie leise. „Lady Beaufort hat noch immer schwer um ihren Platz in der feinen Gesellschaft zu kämpfen, nachdem ihre Tochter mit dem Klavierlehrer nach Gretna Green durchgebrannt ist. Dein Verhalten war Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker.“

„Das hört sich ja fast so an, als erwartest du, dass ich ein schlechtes Gewissen habe.“

„Ein wenig Reue solltest du schon empfinden. Ich habe dich nie für gefühllos gehalten.“

Er warf ihr einen abschätzigen Blick zu. „Ein elfjähriger Junge wurde beim Wildern auf ihrem Land ertappt. Zwei Fasane, damit seine kleinen Schwestern etwas zu essen hatten. Der Wildhüter hat ihn geschnappt, und weißt du, wo der Junge jetzt ist?“

Sie zog die Stirn kraus. „Nein, aber du kannst es dem Earl und der Countess doch nicht verdenken, dass sie einen Dieb der Polizei übergeben.“

„Einen Dieb?“

„Nun ja“, sagte sie zögernd. „Schließlich hat er etwas genommen, was ihm nicht gehörte.“

„Dieser Junge wurde zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nur wegen ein paar Vögeln. Würdest du wollen, dass man dir wegen ein bisschen Essen die Freiheit raubt?“

Sie erschrak. Sieben Jahre? „So ist das Gesetz“, entgegnete sie mit schwacher Stimme.

„Dann muss ich wohl annehmen, dass du eure Pächter genauso gleichgültig behandeln würdest, Evie.“

Sie fühlte sich unsicher. In seinen Worten lag ein Unterton, den sie nicht deuten konnte. Es klang, als sei er enttäuscht darüber, dass sie den Earl verteidigt hatte. An ihrem Ziel angekommen, betraten sie das gepflegte Gewächshaus, und auf einmal war der fröhliche Lärm des Balls nur noch ein fernes Summen. „Ich finde nicht, dass der Junge so hart bestraft werden sollte, aber ich kann seinen Diebstahl auch nicht so einfach abtun wie du.“

Richard verzog abfällig den Mund. „Wie von einer vornehmen Dame nicht anders zu erwarten.“

Da war sie wieder, diese heimliche Verachtung, die er für die feine Gesellschaft empfand. Der Kloß in ihrer Kehle wurde immer dicker. Während der vergangenen Monate war ihr zu ihrem Kummer klargeworden, dass er sie mit den anderen Mitgliedern der High Society gleichsetzte. Das Band ihrer Freundschaft hatte sich gefährlich gedehnt. „Ich bin froh, dass du heute Abend hier bist“, sagte sie leise. „Es ist schon ziemlich lange her, dass wir miteinander reden konnten.“

„Ach, und ich dachte, das wäre Absicht gewesen. Bei unserer letzten Begegnung warst du von einer geradezu frostigen Unhöflichkeit.“

Evie spürte, wie sie rot wurde. „Du bist auf Lady Welshs Ball mit deiner … deiner Geliebten aufgetaucht. Da konntest du doch wohl kaum erwarten, dass ich dich begrüße und mit dir tanze, oder?“

„Ich habe Freundlichkeit erwartet.“

In seinen Augen lag eine besondere Art von Kälte, die er sonst ihr gegenüber nicht gezeigt hatte. Das tat ihr sehr weh. „Du hast sie uns vorgestellt, und da dachte ich, du würdest von mir erwarten, dass ich mit ihr rede.“

„Schockierenderweise habe ich höfliches Benehmen von dir erwartet.“

„Aber Richard, du wirst doch begreifen, dass eine Unterhaltung mit ihr meinem Ruf geschadet hätte.“

„Dein Ruf war nie in Gefahr. Mrs. Cranston ist eine Witwe, die schon bessere Tage gesehen hat, aber sie war nie meine Geliebte.“

„Man erzählt sich, dass sie Lord Percivals Mätresse war. Sie genießt einen zweifelhaften Ruf und bewegt sich in merkwürdigen Kreisen, und dass du sie mitgebracht hast …“

„Die Heuchelei der High Society macht mich krank.“ Seine Augen funkelten vor mühsam unterdrückter Wut. „Ich hatte mehr als eine der Damen im Bett, die sie so ungerecht behandelt haben. Sie verurteilen sie für Dinge, denen sie selbst hinter verschlossenen Türen so eifrig nachgehen.“

Evies Wangen brannten. „Du hast dich verändert.“

„Ach ja?“

„Ja, Richard, und das weißt du auch. Jeder nennt dich nur den schändlichen Lord, und Mama hat lange überlegt, ob sie dich zu unseren Bällen einladen soll.“

„Schändlich?“ Sein Blick war wie Stein. „Schändlich sind Leute wie du.“

Evie zuckte vor Schmerz zusammen. „Leute wie ich? Was habe ich dir getan, dass du mich so verachtest?“

„Das ist es ja gerade, Evie. Du hast nichts getan.“

Sein harscher Ton ließ sie zögern. „Erlaube mir …“

„Ich werde dir gar nichts erlauben“, unterbrach er sie mit hartem Blick. „Du lebst im goldenen Käfig, und zwar gerne. Von der wirklichen Welt dort draußen hast du ebenso wenig eine Ahnung wie vom Leid der armen Waisenkinder, Witwen und Kriegsversehrten. Es sind Menschen, Evie, Menschen, die ebenso bluten und Schmerzen empfinden wie wir. Dein Leben besteht aus Teekränzchen, Bällen und Hausmusik. Du weißt nichts über die harte Wirklichkeit und bist auch noch glücklich mit deiner Unwissenheit.“

Seine erbarmungslose Offenheit schockierte sie.

Mit einem gemurmelten Fluch fuhr er sich mit den Fingern durch das dichte rabenschwarze Haar, bis er seine gewollt lässige Frisur vollkommen durcheinandergebracht hatte. „Aber du musst verzeihen, ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten.“

Um sich zu beruhigen, ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen auf der Suche nach einem weniger deprimierenden Gesprächsthema. Als sie ein Blumenarrangement entdeckte, ging sie dorthin und sagte: „Jede einzelne Blüte ist schön, findest du nicht?“

Er blickte sie nachdenklich an. „Einen Rückzieher zu machen, sieht dir gar nicht ähnlich.“

„Ich fand es angebracht, das Thema zu wechseln, sonst streiten wir uns noch den ganzen Abend.“ Sie atmete sanft den Blumenduft ein. „Warum bist du hier, Richard?“

„Ich habe deine Nachricht erhalten.“

„Ich schicke dir andauernd Nachrichten.“

„Diejenige Nachricht, in der du sagst, du hättest etwas ganz Abscheuliches gehört, über das wir sofort reden müssten.“

Evie ließ sich ihre Gekränktheit nicht anmerken. „Die habe ich dir schon vor Wochen geschickt.“ Den Brief hatte sie voller Verzweiflung und Zorn geschrieben

„Und hätten mich deine Eltern in ihrem Salon empfangen, wenn ich euch einen Besuch abgestattet hätte?“, fragte er in frostigem Ton.

Sie schloss für einen Moment die Augen, dann blickte sie ihn wieder an. „Entschuldige, dass ich dir widerspreche, aber es gab Gerüchte, in denen du und Lady Honoria in einem Atemzug genannt wurden. Ich hätte gerne gewusst, ob sie wahr sind.“

Er schaute sie entgeistert an. „Ich habe meine Absichten nicht in aller Öffentlichkeit kundgetan.“

Sprachlos starrte sie ihn an. Seine Absichten? „Du hast sie zweimal vormittags aufgesucht, bist mit ihr im Hyde Park spazieren gegangen und hast letzte Woche auf dem Ball bei Lady Pomeroy mit ihr getanzt. Die Klatschblätter haben sich nur so darauf gestürzt. Normalerweise tanzt du nicht, wenn du dich überhaupt dazu herablässt, eine solche Veranstaltung zu besuchen.“

Seine goldbraunen Augen blickten verdutzt. „Und?“

„Dir ist doch wohl klar, dass die gesamte High Society jetzt auf der Lauer liegt.“

„Ich tanze auch manchmal mit dir, ohne dass es gleich Gerede gibt“, entgegnete er mit finsterem Blick.

Sie zuckte burschikos mit den Schultern. „Ja, aber normalerweise wissen alle, dass wir nur befreundet sind. Es sei denn, sie wollen unsere Freundschaft mal wieder schlechtmachen und für lächerliche Karikaturen in den Zeitungen sorgen. Immerhin kennen wir uns nun seit Jahren, und wenn mehr zwischen uns wäre als Freundschaft, hätte es sich schon gezeigt, meinst du nicht auch?“

Oh Gott, vergib mir mein loses Mundwerk. Mit heftigem Herzklopfen machte sich Evie auf einen Rüffel gefasst. Noch nie zuvor hatte sie auf ihre zärtlichen Gefühle für ihn angespielt, daher lief sie zu ihm und legte ihm drei Finger auf die Lippen. „Meine Bemerkung war unpassend. Sag jetzt bitte nichts.“

Er schwieg, doch in seinen Augen lagen tausend Fragen. Mit sanftem Griff umfasste er ihr Handgelenk und schob ihre Hand beiseite. „Soll ich wirklich nichts sagen?“

„Nein, das ist nicht nötig.“ Er wollte doch bestimmt nicht über zärtliche Gefühle zwischen ihnen reden.

Mit einem leisen, rätselhaften Lächeln betrachtete er sie. „Wovor hast du Angst?“

Evie erstarrte unter seinem forschenden Blick. „Ich habe keine Angst, da kannst du sicher sein.“

„Ehrlichkeit war immer das Fundament unserer Freundschaft.“

Dieser vermaledeite Mann. „Ich könnte nicht ertragen zu hören, dass es dir auf Dauer genügt, wenn wir Freunde sind“, gestand sie mit leiser Stimme.

Als er schwieg, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken.

Plötzlich trat ein harter, herausfordernder Ausdruck in seine Augen. War es Verlangen? Das Herz schlug ihr bis zum Hals, ein seltsames Gefühl breitete sich in der Magengegend aus, und ihr wurde plötzlich ganz schwach. Sie entzog ihm so abrupt ihre Hand, als hätte sie sich verbrannt. „Richard?“

Sein Blick war eindeutig lüstern. „Ich werde nicht über dich herfallen, auch wenn die Versuchung groß ist“, sagte er.

Ihr stockte der Atem, und ihre Gedanken verwirrten sich. „Du willst über mich herfallen?“

Auch wenn sie kaum wusste, was er damit meinte, fand sie die Vorstellung außerordentlich aufregend.

„Schon seit ich dich zum ersten Mal sah“, antwortete er mit einem zerknirschten Lächeln. „Du warst sechzehn, und ich Flegel hätte dich am liebsten halbtot geküsst.“

Evie war verblüfft über das unerwartete und beiläufige Geständnis. Sie waren immer ehrlich zueinander gewesen, doch das hier … Du lieber Himmel, ihr Herz spielte vollkommen verrückt.

„Ich …“ Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, konnte Evie nur nervös kichern. Warum war er auf einmal so unverblümt ihr gegenüber? „Ich … Ich glaube wirklich, du hast mich sprachlos gemacht.“

Er schien den Blick kaum von ihrem Mund lösen zu können, während sie näher zu ihm trat, wie magisch angezogen vom sinnlichen Verlangen auf seinem Gesicht. Wie hatte sie nicht merken können, dass er sich genauso zu ihr hingezogen fühlte? Sie hatte immer angenommen, ihr Kuss sei eine Art Versehen gewesen, ein Versuch, ihn zu trösten, als er es so nötig hatte. Plötzlich empfand Evie den unerklärlichen Wunsch, ihn zu berühren, also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und legte die Hände an seine Wangen. „Wie habe ich dich vermisst …“

Er streichelte mit dem Daumen ihre Wange. „Du hast mich immer zu Dummheiten verleitet, Evie, und nun tust du es schon wieder.“

Immer? Freude erfüllte sie.

Richard ließ seine Hand sinken, doch noch immer war er ihr so nahe, dass der Saum ihres Ballkleids über seine Schuhe fiel. In diesem Augenblick fühlte sie sich durch ein unsichtbares Band mit ihm verknüpft, und weder der Gedanke an Schicklichkeit noch das Pflichtgefühl gegenüber ihrer Mutter hatten in ihren Gedanken Platz. „Warum hast du deinen Gefühlen nicht nachgegeben?“

Mit gerunzelter Stirn blickte er sie finster an, und der Ausdruck seines Mundes wirkte beinahe verächtlich. „Ich würde dich ruinieren.“ Er streckte einen seiner langen Finger aus und berührte sie erst sanft hinter dem Ohr, bevor er federleicht über ihren Hals und ihr Schlüsselbein strich.

„Dann ruiniere mich doch“, hauchte sie, erfüllt von dem Wunsch, ihrem goldenen Käfig zu entfliehen, und sei es auch nur für ein paar kostbare gestohlene Minuten. Es war so schwer, jemandem zu widerstehen, der so herrlich verrucht und attraktiv war.

In seine leuchtend goldenen Augen trat so etwas wie ein Raubtierblick. Er ließ seine Hand am Rand ihres runden Ausschnitts ruhen, bevor er mit dem Finger dem Spitzenband bis zu einer Stelle folgte, wo dezent die Mulde zwischen ihren Brüsten sichtbar wurde. Evie versuchte, sich nicht zu rühren und gelassen zu erscheinen, doch als sein Finger zwischen ihren Brüsten verschwand, war ihr, als bildete sich ein Knoten in ihrem Bauch. Plötzlich fühlten sich ihre Brüste seltsam an, schwer und voll, und ihre Brustwarzen wurden schmerzhaft empfindlich. „Richard …“

Der glühende Blick seiner leuchtend goldenen Augen, der auf ihrem Körper ruhte, löste ein Gefühl der Bangigkeit und zugleich ein pochendes Verlangen aus. Seine Miene wirkte jetzt nicht mehr herablassend, und seine Augen blickten warm – Sehnsucht, Bewunderung, vielleicht sogar Bedürftigkeit lagen in seinem Blick. Die Zeit schien stillzustehen, und Evie hielt den Atem an in Erwartung von etwas, irgendetwas. Doch dann holte sie Luft, und der Augenblick war vorüber.

Sein Finger wanderte zu einer ihrer aufgerichteten Brustwarzen, umkreiste und drückte sie sanft. Ihr wurden die Knie weich, und als sie die Stirn an seine Schulter lehnte, umfing sie sein schmerzlich vertrauter Duft. Hitze durchströmte sie wie eine Schockwelle. Noch nie zuvor hatte sie sich so nach etwas gesehnt wie nach Richards Berührung. Begierde durchzuckte sie und bahnte sich ihren Weg mit beinahe schmerzhafter Gewalt bis zu ihren intimsten Stellen. Die unbeherrschbare Reaktion ihres Körpers ließ Evie erzittern.

Was tun wir hier?

Als hätte sie laut gesprochen, ließ er die Hand sinken.

„Wie gerne würde ich mir alles nehmen, was du mir in deiner Unschuld anbietest, ohne Rücksicht auf die Folgen. Aber ich möchte nicht für dein Unglück verantwortlich sein, Evie. Also werde ich immer Gentleman bleiben, wie gerne ich auch deinem bezaubernden Charme verfallen würde.“

Er richtete sich auf, verneigte sich schwungvoll und drückte einen Kuss auf ihre behandschuhten Finger. Dann drehte er sich um und verließ das Gewächshaus. Sie blieb einsam und verlassen zurück.