Leseprobe Wer liebt, stirbt zweimal

1

Sie kam aus der Schule und hatte den Sommer und die Ferien dabei. Ihr Gesicht leuchtete und beschwingt wiegte sie Hüften und schwang die Haare. Erst nachmittags überfielen sie die Zweifel.

Sie betrachtete sich im Spiegel und ging noch dichter heran. Nein! Diese Nase! Wie die aussieht! Nein! So lang und streng. Wie Mama! Jördis warf ihre Haare nach hinten, die in geübtem Wellenschwung wieder zurück fielen. Der Pony hing schräg über Stirn und Nase. Das fand sie verrucht, obwohl sie sich nichts Genaues darunter vorstellen konnte. Sonnenlicht strömte in das Zimmer und tanzte leuchtend über ihren schlanken Körper, über die Haare, beides war wohl das Begehrenswerteste an ihr. Hatte er gemeint. Er fand sie anziehend und makellos, eben, wie junge Mädchen seiner Meinung nach sein sollten. Denn er hatte Ahnung von Frauen. Das sagte er oft. In diesen Momenten fühlte sie sich erfahren. Und sehr erwachsen.

Trotzdem. Oft fühlte sie sich unsicher, wenn sie zu Hause in ihrem Zimmer war. Dann grübelte sie jedem seiner Worte hinterher, zerpflückte sie und setzte selbst Kritik zu liebesseligen Sätzen zusammen. Sie sprach mit ihrer Freundin darüber und beide überlegten, ob man ihm und seinen Worten trauen könnte. Aber er bekräftigte glaubhaft immer wieder das, was er sagte. Jördis beschloss daher, ihm zu glauben.

 

Das Einzige, was sie trug, war ein Armreif am rechten Handgelenk. Elfenbein mit fein geschnitzten, ineinander verschlungenen Frauen- und Männerminiaturen. Sie trug ihn nur, wenn sie allein war. Beim Tasten über die winzigen Körper wanderte ihr Blick und sie entdeckte einen Falter, der in der Gardine hing. Ihr war vor kurzem einer in den Mund geflogen. Jördis spürte wieder dieses fremde Flattern und musste dabei an Küsse denken. Versonnen schüttelte sie die Gardine aus, der Falter stob in die Höhe und suchte sich an der Wand einen neuen Platz. Er sah aus, als trüge er anstelle von Flügeln alte Baumrinde.

Sie öffnete einen Fensterflügel und das Insekt entflog mit sirrendem Flügelschlag. Sie bedeckte mit der Gardine ihren Körper, blickte hinterher – und sah auf dem Bürgersteig einen Mann stehen. Er schaute zur anderen Straßenseite und schien in Gedanken zu sein.

Hastig trat sie einen Schritt zurück, spähte erneut und Anspannung kroch in ihr hoch. Als er sich bewegte, duckte sie sich.

Er war kräftig, durchschnittlich groß und zwischen dem dichten, dunklen Haar schimmerte elegantes Grau. Wartet er auf jemanden? Beobachtet er etwas? Was? Wen?

Einen Augenblick lang hörte sie nur ihr Herz schlagen. Erst dann ihr Atmen.

Das konnte nicht sein. Das war nie so verabredet. Und bei jedem, der diese Statur hatte, dieses Grau an den Schläfen, zuckte sie zusammen, wurde unpassend rot und fing an zu stottern. Es war so peinlich.

Jördis zog sich an. Eine Bermudajeans, ein ausgeschnittenes Shirt. Sie hörte Stimmen, beugte sich aus dem Fenster und beobachtete, wie ihre Mutter auf den Mann zuging und ihn ansprach.

Er antwortete. Was, konnte sie nicht verstehen. Aber er ging die Straße hinunter, zum Wald hin. Ob er gefragt hatte, wohin die Wanderwege führten?

Die Haustür klappte. Den weiteren Geräuschen nach zu urteilen, begab sich ihre Mutter in die Küche.

Zu Hause war sie immer Kind und ihre Eltern ahnten nicht ansatzweise, wie erwachsen sie geworden war. Sie freute sich auf die Reise nach Langeoog und nur deshalb erbarmte sie sich der Bitte ihrer Mutter, die Töpfe mit den Margeriten auf die Terrasse zu tragen. Sie nahm sie hoch und stellte sie in den Flur. Gleich!

Jördis kreuzte die Hände vor die Brust, senkte den Kopf und hoffte, dass Mutter nicht zu ihr hereinplatzte und etwas über den fremden Mann sagte. Sie wusste, wie sie reagieren würde und auf die Frage: „Seit wann stammelst du?“, hätte sie nur erneut gestottert. Vielleicht war er es ja auch gar nicht. Doch sie zweifelte weiterhin. Die vertraute, ziehende und schmerzende Unruhe machte sich breit, verursachte Magenschmerzen und das Drängen, durch die Wand rasen zu müssen, um den Mann einzuholen, ihn von vorn zu betrachten, um endlich zu wissen, ob er es war.

 

Und wenn? Was wollte er? Er hätte eine Nachricht schicken können. Das Handy lag neben ihr. Er sagte einmal, dass er nichts von diesen Dingern halte, die Energie, die sie abstrahlten, würden kosmische Weisheiten zerstören und jeder könnte seine SMS lesen. Das kann ich mir nicht erlauben, du bist sehr jung und zum anderen flüsterte er lieber Aufregendes in ihr Ohr.

Jördis nahm von ihrem Schreibtisch die große Tasse mit dem selbst angesetzten Tee. Er hatte ihr aufgetragen, jeden Tag davon zu trinken und obwohl sie sich vor dem Gebräu schüttelte, hielt sie sich daran. Das Getränk bestand aus Hanfblättern, Zitronenverbenen, Ringelblumen, Spitzwegerich, Rosenblüten, Muskatnuss, Vanille und Chili. Und guten Gedanken. Es sei sein Rezept, hatte er gesagt und ihr die Zutaten in einer Tüte gegeben.

 

***

 

Ihre Befürchtungen erfüllten sich, denn ihre Mutter kam ohne anzuklopfen herein.

„Hast du gepackt?“

Jördis blieb einen Moment sitzen. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung sagte sie: „Guck – alles ist fertig!“, wies auf eine offene, vollgestopfte Reisetasche, spielte mit ihrem Haar, drehte es nach hinten und band es mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz.

„Hast du es auch gesehen? Da war ein seltsamer Mann vor der Tür und als ich ihn gefragt habe, ob er etwas sucht, hat er behauptet, dass er sich das Haus der Krauses ansieht, weil die angeblich verkaufen wollen. Wollen sie aber nicht.“

„Hat er noch was gesagt?“ Dabei drehte Jördis den Kopf zur Seite. Sie befürchtete, bei der Frage rot zu werden.

„Man weiß so manches nicht von seinem Nächsten, was für eine kryptische Antwort. Ich habe gewartet, bis er in Richtung Wandergebiet ging. Hast du einen neuen Armreif?“

„Ach der. Habe ich mir von Ilka ausgeliehen.“

„Zeig’ doch mal!“

Jördis verschränkte die Hände auf dem Rücken und schob die Unterlippe vor.

„Gib ihn besser zurück. Ausleihen bringt nur Ärger. Hol’ lieber deine Jeans aus dem Trockenkeller. Du willst sie doch morgen anziehen. Bügele bitte kurz drüber.“

„Mama! Ich zieh keine gebügelte Jeans an!“ Sie hatte den Ton in der Stimme, den Mädchen ihres Alters bekommen, wenn sie sich bevormundet und beobachtet fühlen.

„Die Diskussion zu dem Thema hatten wir schon. Und die Margeriten muss ich doch selbst nach unten tragen?“

Jördis rannte in den Keller. Mutter schleppte den bauchigen Topf auf die Terrasse, setzte ihn neben dem Oleander und Bambus ab, direkt vor die dicht gewachsene Buchenhecke, die das Grundstück einfriedete. Dahinter stand jemand.

Sie ging um die Hecke herum. Es war der Mann von vorhin.

Jördis kam durch die Kellertür, die in den Garten führte und hörte, wie Mutter fragte: „Haben Sie etwas verloren?“

„Dachte ich auch, aber es fehlt nichts. Auf Wiedersehen, Frau Hauser!“ Er entfernte sich betont langsam.

Jördis konnte sein Gesicht nicht sehen.

„Woher kennt der meinen Namen? Wir haben doch am Tor kein Schild.“ Mutter krempelte die Ärmel ihrer karierten Holzfällerbluse hoch. „Hilf mir beim Tragen.“ Sie wies auf eine Wanne mit Unkraut. Als Jördis anfassen wollte, bemerkte ihre Mutter: „Warum zitterst du so?“

 

***

 

Familie Hauser saß in den von Wind und Sonne ausgeblichenen Stühlen auf der Terrasse, schaute in die Wolken und jeder von ihnen schien an etwas anderes zu denken. Die Eltern spürten die Anspannung ihrer Tochter. Sie glaubten in stummer Übereinstimmung, es sei wegen der Reise und lächelten nachsichtig.

Jördis fragte: „Du weißt auch nicht, wer der Mann war?“

 

Es war Sommer. Es waren Ferien und über Norddeutschland glänzte noch am Abend ein blauer Himmel.

2

Carla Bernstiel, die Saisonkommissarin, nahm sich zusammen und stellte sich auf ihren Vermieter und dessen karge Äußerungen ein. Die meisten Ostfriesen auf der Insel waren eben so.

„Wie war’s?“

„Gut. Norditalien ist einfach nur schön.“ Carla lächelte und blickte Hermann Lindner überzeugend an.

„Teuer?“

„Geht so. War schon in Ordnung.“

„Wie bei uns?“

„Na, nicht ganz. Ist eben eine besondere Gegend.“

„Da hättet ihr doch gleich hier Urlaub machen können, wenn es teurer war. Bist ja nun sowieso da.“ Der glatzköpfige Hermann blinzelte listig und drehte sein Glas mit dem frischen Pils. Wegen einer Polizistin so lange Sätze zu schrauben, war nicht sein Ding. Nach einem weiteren, tiefen Schluck machte er nicht den Eindruck, als wollte er noch etwas ergänzen. Aber er tat es. Weil er die Frau neben sich mochte. „Ich hatte dir sogar die untere große Wohnung freigehalten.“ Hermann zuckte die Achseln. „Für nichts und wieder nichts.“

„Ich mach’s wieder gut. – Noch eins?“

Carla Bernstiel tippte mit ihrem Glas gegen Hermanns und tat, als ob sie trinken würde. Sie mochte keinen Schnaps. Aber sie wollte mit den Insulanern auskommen.

„Jo.“ Hermann nickte. „Siehst aber nicht aus, als ob es dir leid täte.“ Er schaute den Wirt an, der hinter dem Tresen stand, dieser erwiderte seinen Blick: „Is was, Hermann?“

„Nix ist. Unter Zeugen verspricht uns jetzt Frau Kommissarin Bernstiel aus Aurich, das auch in dieser Saison unsere Insel sauber bleibt. Mehr als geklaute Fahrräder sind nicht drin. Dann hat jeder von euch was zu tun.“

Dass Carla Fremdluft geschnuppert hatte, stieß bei ihrem Kollegen Gerrit Blau und dem wortkargen Pensionsinhaber Hermann Lindner auf Unverständnis.

„Jetzt musst du mit einer winzigen Wohnung zufrieden sein. Noch ein Pils! Zahlt sie. Ist Strafzoll.“

Hermann wies auf Carla und schob dem Wirt sein Glas über den Tresen. „Glaub aber nicht, nur weil du aus Aurich kommst, dass du was Besseres bist.“

Carla nickte, ermahnte sich zur Geduld und wollte gehen.

„Und komm uns nicht mit einem deiner komplizierten Fälle. Die kannst du anderswo lösen. Wenn der Gerrit allein ist, passiert so was auch nicht.“

„Du glaubst an das Gute?“ Carla lächelte.

„Genug“, sagte Hermann. „Krieg’ schon einen Zungenkrampf vom Quatschen. Ich muss ins Bett. Und pinkeln.“

Am besten lasse ich ihn reden, dachte die Kommissarin und unterdrückte ein Gähnen.

„Was in unsere Zuständigkeit fällt, erledigen wir“, wandte sie sich an ihren Kollegen Gerrit Blau. Im dämmrigen Kneipenlicht sah sie aus, als hätte sie tiefe Schatten unter den Augen.

Sie machte gerne Außendienst. Als ihr der Staatsanwalt Dr. Storm sagte, die Polizeistation Langeoog brauche Verstärkung und ob sie für die Saison einspringen wolle, sagte Carla zu. Er hätte sie sowieso geschickt. Das wusste sie und fand, eine Zusage ihrerseits machte sich besser. Zum Glück mochte sie die Insel.

Carla wollte auf der Insel auch ihr Sportabzeichen erneuern. Das war längst fällig. Zeit würde es bei den anfallenden Bagatellfällen schon dafür geben, obwohl ihr ein Auricher Kollege einen Aktenstapel mit dem ‚Unerledigt’-Stempel mitgegeben hatte. „Zum Abarbeiten. Dafür übernehme ich Ihre Sachen.“

Dass sie ihre Sachen abgearbeitet hatte, wussten er und sie. Aber sie sagte nichts dazu. Es würde sich schon eine Gelegenheit ergeben, ihm seine Nickligkeiten auf ihre Weise heimzuzahlen.

 

***

 

Sie versuchte in der Ferienwohnung heimisch zu werden und merkte, dass es dauern würde. Aber zum Wohlfühlen war sie nicht hier, obwohl sie fand, in ihrer Freizeit hätte sie ein Recht darauf.

Sie zog einen Tisch zum Fenster, als es klopfte. Ehe sie ‚Herein‘ rufen konnte, wurde die Tür aufgestoßen und Erika rauschte herein. Erika war Hermanns Frau. Sie sorgte für das Wohlbefinden der Gäste im Haus Lindner.

„Warum stellen Sie den Tisch unters Fenster, da hatte ich mir solche Mühe gegeben, Ihnen eine gemütliche Ecke zu schaffen, na ja, die Leute aus der Stadt haben eben andere Ansichten. Macht nix. Mir ist eingefallen, dass der Fernseher noch nicht richtig eingestellt ist. Soll ich mal eben …?“

„Ach, lassen Sie mal.“

„Warum nicht?“ Verblüfft blieb Erika stehen und sah Carla an.

„Ich kann keinen TV-Krimi mehr sehen.“

„Aber heute kommt keiner.“

„Frau Lindner, ich habe mir vorgenommen, während meiner Inselzeit fernsehfrei zu bleiben.“

Erika blieb vor der Kommissarin stehen, räusperte sich, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und fragte: „Sind Sie ansonsten mit allem zufrieden?“

„Bin ich. Wirklich. Habe ich Ihrem Hermann schon gesagt.“

„Nur, wenn Ihr Mann kommen will, ich meine, das wird zu eng mit dem Platz.“

Bei dem Satz sprach Erika hektischer. Sie wusste, dass dies so nicht stimmte. Sie wollte nur herausfinden, ob die kräftige hellblonde Kommissarin verheiratet war.

„Er müsste sich was dazu mieten. Ich könnte Ihnen preislich entgegenkommen. Das große Zimmer nebenan ist ab Freitag frei. Das Bad können Sie gemeinsam nutzen.“

Carla reckte sich und musterte Erikas Scheitel, das dichte, graublonde Haar und sagte mit einem feinen Lächeln in der Stimme: „Liebe Frau Lindner, es wird keinen Besuch geben. Außerdem bin ich zum Arbeiten hier, ich habe mir auch einiges mitgebracht, also, Sie müssen sich nicht sorgen, dass es mir in dieser Wohnung zu eng wird.“

Erika verbarg die Enttäuschung hinter ihrem geübten Wirtinnen-Lächeln. „Wir wollen erweitern“, erklärte sie, „hat Hermann schon erzählt? Hinten im Garten, einen Pavillon für ein bis zwei Personen. Das wäre dann nächstes Mal auch etwas für Sie.“

Carla strich behutsam mit dem Zeigefinger über ihre linke Schläfe. Die Kopfschmerzen kamen und gingen.

„Die Göntje vom Polderweg macht Kräutersalben und Heiltinkturen. Nee, nun gucken Sie mal nicht so abschätzig, Göntje kann das, die würde Ihnen sicher helfen. Kopfschmerzen, nicht wahr?“ Erika betrachtete Carla mit Kennermiene.

Carla unterdrückte ein Stöhnen, griff nach einer Schachtel auf der Fensterbank, öffnete sie und drückte eine Tablette heraus.

„Göntje kann das besser! Tabletten sind Gift, glauben Sie es mir.“

„Ja, sicher.“

Carla wollte noch zur Kaapdüne und dem Kollegen helfen, auch wenn es längst schon nach Dienstschluss war. Sie verzog das Gesicht, während Erikas Hand sich auf ihren Arm legte, ihn drückte, was eher einem Quetschen glich.

„Das wird wieder. Lassen Sie einfach den Gerrit das meiste machen. Der hilft gern. Und ich sag Göntje Bescheid.“

„Bitte Frau Lindner! Das ist nett von Ihnen, aber wenn ich Hilfe benötige, melde ich mich.“ Sie flehte zu allen Wassergeistern, dass der ungebetene Besuch endlich verschwand. „Sie wissen ja, ich bin zum Arbeiten hier, es gibt einiges zu tun …“ Sie milderte ihren gereizten Ton und versuchte ein Lächeln. „Wenn ich Schmerzen habe, bin ich nicht immer freundlich.“

Erika kaute auf der Unterlippe. „Ja, das wollte ich gern einmal wissen: Fürchten Sie sich eigentlich vor den Toten? Vor denen, die Sie manchmal finden?“

„Sie meinen, die Ermordeten? Es sind nicht viele. Wirklich nicht. Aber wenn da ein Fall nicht gelöst ist, geistert der oder die Tote in mir herum – und schmerzt.“

„Das sind Ihre Gespenster? Auch mit denen kennt sich Göntje aus. Wenn Sie welche loswerden müssen, ich mein’ ja nur…“

Carla ging zu der kleinen Garderobe neben der Wohnungstür, nahm ihren Wetteranorak und zog ihn an. „Es gibt verschiedene Arten von Gespenstern. Sie haben sicher auch welche.“

„Bei einem Mann wie dem Hermann halten sich keine.“ Sie reichte ihr die Hand: „Auf eine ruhige Saison.“

„Danke. Ich gehe denn mal. Gerrit wartet bestimmt schon.“

Während sie gemeinsam die Ferienwohnung verließen und Carla abschloss, heulten die Sirenen der Feuerwehr.

 

***

 

Gerrit Blau schloss zwei Umlaufordner und stempelte ‚Erledigt’ darauf. Ruhestörender Lärm samt Schlägerei und eine Erpressung. Einen weiteren zog er heran, blätterte und dachte: auch das noch, der Enkeltrick. Diese Schockanrufe waren ein Thema, mit dem sich die niedersächsische Polizei immer wieder beschäftigen musste. Auch auf Langeoog. Der Enkeltrick wurde auf der Insel in den vergangenen Monaten fünfzehn Mal registriert, von denen in neun Fällen die Täter erfolgreich waren. Der entstandene Schaden war beträchtlich.

„Den Enkeltrick muss Carla bearbeiten“, entschied er. „Sie soll die betroffenen Senioren befragen, die sind ja alle von hier. Dass diese Schweinehunde unsere Alten verunsichern und es schaffen, sie auszunehmen…“ Er legte die Unterlagen auf Carlas Schreibtisch. Und sie wird etwas demütiger durch derartige Aufgaben. Die tritt hier auf, als hätte sie das Sagen. So geht das nicht. Schließlich bin ich derjenige, der ansonsten hier alles stemmt. Er strich sich durch das helle kurzgeschnittene Haar, schlug auf seinen flachen Bauch, auf den er sehr stolz war. Denn dieser war noch vor Monaten als ‚Speckrolle‘ tituliert worden.

 

Zur gleichen Zeit sagte in Bremen Mira Hauser zu Henning, ihrem Mann: „Heute früh hab ich schon mit unserer Tochter gesprochen. Sie war ganz fröhlich und einmal nicht pampig. Die Mädchen waren schon richtig wach, also sind sie gestern Abend wohl nirgends mehr versackt.“

Herr Hauser warf seiner Frau einen misstrauischen Blick zu.

„Wirklich. Glaub es mir. Es scheint alles wieder in Ordnung zu kommen. Jördis hörte sich längst nicht mehr so bedrückt an wie sonst.“

„Bedrückt? Bis zu ihrer Abreise war sie unausstehlich. Zickig und unverschämt. Aber doch nicht bedrückt. Denk mal daran, wie sie dir letztens die Hühnersuppe vor die Füße geknallt hat, nur weil es keine Spaghetti gab. Meine Güte, was können sechzehnjährige Mädchen giftig sein.“

„Das legt sich. Es war schon mal schlimmer. Ich war früher in dem Alter auch nicht gerade die Netteste.“ Mira Hauser stellte zwei ungleiche Tassen auf den Tisch und goss frisch gebrühten Kaffee ein. „Möchtest du?“

Henning Hauser nippte und verzog den Mund. „Zu stark. Mach ihn doch einmal richtig!“ Gereizt betrachtete er seine Frau und war trotz seines kleinen Ärgers mit ihrem Anblick sehr zufrieden. Er fand, dass sie mit ihren fünfundvierzig Jahren noch immer dieses mädchenhafte hatte, in das er sich einst verliebte. Mädchenhaft, aber nicht devot oder huschig, stellte er fest.

„Sei nicht gleich muffelig. Du vermisst Jördis, das ist es. Lass sie mit Ilka auf Mutters Haus aufpassen, dann haben beide eine kleine Aufgabe und ansonsten sollen sie einfach nur Ferien haben – ohne Eltern, ohne Schule. Und ohne irgendwelche Jungs, die nur Kummer bereiten. Jördis wird erwachsen. Hast du es immer noch nicht bemerkt?“

„Meinst du Liebeskummer? Da steckt doch dieser – wie heißt er denn – dahinter, der … hat sie uns überhaupt den Namen mal genannt?“ Er blickte seine Frau fragend an.

Die lachte. „Sie muss uns nicht bei jedem, mit dem sie sich mal trifft, dessen Familie vorstellen. Ich weiß den Namen auch nicht. Ich weiß nur, dass dieser spezielle Junge ein Klassenkamerad von ihr ist. Er will nach dem Abi eine Schreinerlehre machen.“

„Schreiner? Was soll Jördis mit einem Schreiner?“

„Nun hör aber auf. Sie will ihn doch nicht heiraten! Und wer weiß, vielleicht, ja wahrscheinlich, ist das nach den Ferien wieder vorbei. Ich bin jedenfalls beruhigt, dass unsere Tochter wieder normal klingt. Sogar gekichert hat sie heute früh. Das liegt bestimmt auch an Ilka, die hat einen guten Einfluss auf sie. Die ist schon erwachsener.“

„Als ob Kichern alle Ungereimtheiten auflösen würde! Sie hat Sorgen mit sich rumgeschleppt und das nicht erst seit gestern. Meinst du, die verschwinden gleich, nur weil sie an der Nordsee ist? Von alltäglichen Verliebtheiten kriegt man keine Augenringe, nimmt ab und wird seltsam verschlossen. Aber vielleicht ist das heute so, Kinder kommen in die Pubertät, würden sie am liebsten von ihren Eltern abgenommen bekommen und sind wütend, dass sie da letztendlich alleine durch müssen. Heute klingt Pubertät wie eine Krankheit und die Kids finden das auf schräge Weise lustig und werden depressiv. Wir können uns ja nicht an einem weiteren Kind orientieren, wir haben eben nur das eine.“

Henning Hauser seufzte. Momentan fand er das Familienleben anstrengend. „Und?“, fragte er. „Hast du endlich mit deiner Mutter vor ihrer Abreise gesprochen? Ich überlege noch immer, was will eine Fünfundsiebzigjährige eigentlich am Bodensee? Meinst du, sie merkt noch, wie schön es dort ist? Sie sieht doch sowieso schlecht. Kennt sie da überhaupt jemanden?“

„Weiß ich nicht. Es war Mutters Entscheidung. Da rede ich ihr nicht rein. Sie muss in dem Ort auch niemanden kennen. Sie kommt doch schnell mit anderen in Kontakt.“

„Eben. Nachher kommt sie zurück, grinst und sagt, dass sie einen alten Knacker aufgetan hat. Zuzutrauen wäre ihr das.“

„Mutter weiß, was sie tut.“

„Das bin ich mir nicht so sicher. Sie soll das Haus auf Langeoog aufgeben, uns endlich überschreiben und sich um einen Platz beim Betreuten Wohnen kümmern. Du wirst sie mal nicht pflegen können. Das weißt du auch. Von Bremen bis zur Insel – viel zu weit. Außerdem arbeiten wir beide. Sobald sie zurück ist, werde ich sie darauf ansprechen – wenn du es schon nicht tust. Hast du Angst vor ihr?“

Mira Hauser gelang es meist, ruhig zu bleiben, je gereizter ihr Mann wurde. Da saß er an dem alten, zerkratzten Esstisch, im dunkelblauen Anzug und einem gestreiften Hemd. Mit zehn Kilo Übergewicht und dunklen kurzen Haaren, in dem sich erste Silberfäden zeigten. Er musste viel arbeiten. Auch heute, obwohl er gestern noch gesagt hatte, er komme schon mittags. Nun war es bereits später Nachmittag. Sie selbst arbeitete in einer Gärtnerei. Sie brauchte die Natur und werkelte gern im Freien. Pflanzen gießen und düngen, ein- und umtopfen, zurückschneiden – das gefiel ihr.

Der Familie ging es gut. Es lauerten weder Zahlungsunfähigkeit noch Schulden, noch Inkasso-Büros auf sie. Ihre Ehe war wie viele andere Ehen auch, es gab keine Liebhaber oder Liebhaberinnen. Also ganz normal. Sie hatten immer noch guten Sex. Bei dem der belanglosen Art träumte sie dann von einem aufregenden und gesichtslosen Mann. Das half. Derzeit hatten sie keinen Sex. Das lag an ihrer Tochter. Jetzt aber, überlegte Frau Hauser, jetzt haben wir endlich Zeit dafür. Zu viel Zärtlichkeit war Frauensache. Davon hielt ihr Mann nicht viel. Aber jetzt, da sie vermutete, dass es Jördis sehr viel besser ging als zuvor, jetzt wollte sie ihn dazu animieren.

3

Über das Pflaster der Friesenstraße flatterte ein Plakat einem Spaziergänger vor die Füße. Er hob es auf und las: Tagung der Gemeinschaft DIE AUSERWÄHLTEN im Haus der Insel, Saal 1. Herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei. (Spenden sind erwünscht)

Vorträge: „Wie gestalte ich mein Leben neu?“ Ab 14 Uhr.

„Wie erreiche ich das absolute Glück?“ 16.30 Uhr

„Gesund für immer? Krankheiten sind heilbar – Spontanheilungen“ Diese Veranstaltung beginnt ab 19.30 Uhr. Voranmeldungen erbeten.

Er faltete das Blatt und steckte es in die Gesäßtasche seiner verwaschenen Jeans, blickte auf seine Hände, auf die Handinnenflächen. Schmutz hatte sich in den Hautrillen festgesetzt. Er zog ein Papiertaschentuch hervor, wischte die Hände daran ab, schulterte seinen Rucksack, bog in das ‚Blumenthal‘ ein und blieb vor einem niedrigen Backsteinhaus stehen. Hier hatte von März bis Oktober die Holzschnitzerin Krista Vogel ihre Sommerwerkstatt. Aus angeschwemmten Hölzern schuf sie skurrile Figuren und verkaufte sie gut.

„Moin.“ Der Mann rückte seine Sonnenbrille gerade, zupfte die dunkelblaue Strickmütze zurecht und entnahm seinem Rucksack ein Stück Holz, das noch mit Rinde versehen war.

„Ich finde, es ist so interessant gebogen, können Sie eine weibliche Figur daraus herstellen? Also, ein wenig nach Vorlage dieses Fotos hier.“

Er zog eine Aufnahme aus der Gesäßtasche und reichte sie Krista. „Das Holz fand ich im Wäldchen, ich sammele so etwas. Ich weiß ja nicht, wie lange Sie dazu brauchen, aber ich möchte es meiner Frau zum Geburtstag schenken. Würde es bis Mitte der nächsten Woche klappen?“

„Das ist schon ein bisschen knapp.“ Krista Vogel hob den Kopf, hielt die Hand vor die Augen, um nicht in die tief stehende Sonne sehen zu müssen. „Geben Sie mal her.“

Er überreichte ihr eine Papiertüte.

Krista entdeckte darin einen massiven Holzkanten, dazu Laub und Erde. Sie schüttete alles neben ihrem Arbeitsplatz aus.

„Na ja.“ Wieder blickte sie den Mann an. „Ist es Ihnen ernst damit?“

„Natürlich.“

„Aus dem Rohling eine Frau? Ansatzweise, mehr geht in der kurzen Zeit nicht.“ Sie stand auf und man sah, dass ihre blaue Schürze schon oft benutzt worden war. „Ich werde es nach dem Entrinden einspannen. Mal schauen. Aber Sie müssen eine Anzahlung machen. Nicht, dass Sie sich mit Ihrer Frau streiten und dann … ist alles schon passiert.“ Krista Vogel zeigte um die Augen feine Fältchen, die von Humor zeugten.

Der Mann trat näher heran und besah sich die ausgestellten Stücke. Aus einem Stück Weidenholz lachte ein Seemann, daneben standen ein Gnom und eine in Arbeit befindliche Möwe. Etliche Holzrosen lagen auf einem Brett zum Verkauf ausgebreitet.

„Fünfzig Euro“, sagte Krista Vogel, „benötige ich als Anzahlung. Dafür haben Sie sicher Verständnis – nur ohne kann ich keine Aufträge übernehmen. Sie müssen wissen, ich bin mit Arbeit reichlich eingedeckt.“

 

***

 

Die Tonfolge a-d eines Martinshorns im Frequenzbereich 362-483 Hz, dem Signal für die Nutzung auf dem Land, schrillte laut. Niemand außer Carla schien darauf zu achten. Für die technischen Details des deutschen Folgetonhorns hatte sie sich einmal interessiert und daher einige Details behalten. Die Sirene schrillte. Urlauber, die auf der Barkhausenstraße bummelten, wirkten weder erstaunt noch verzogen sie ihre Mienen. Für sie war alles wie immer und dieses Geräusch war höchstens unangenehm, aber es ging sie nichts an.

Die Polizistin entdeckte weder Rauchwolken noch roch sie Rauch. Sie blieb vor dem Fahrrad-Verleih stehen und betrachtete die neuen ausgestellten Modelle.

Es war ein wunderbarer Sommertag. Das Blau umhüllte die Insel und die Wärme war angenehm, machte leicht und die Gedanken frei. Carla fühlte sich nach den ersten abendlichen Strandspaziergängen wieder mit Langeoog vertraut, konnte sich einfügen wie schon vor ein paar Jahren, als sie hier das erste Mal Saisondienst gemacht hatte. Heute, ganz früh, war sie vor Dienstbeginn schon am Hafen gewesen, hatte sich auf die Böschung gesetzt und die Boote beobachtet, die sich auf dem ruhigen Wasser wiegten. Sie hatte Salz auf den Lippen gespürt und Tang gerochen und ihre Blicke waren den Seevögeln hinterher gefolgt. Sie war froh, einmal wieder hier zu sein und die Ostfriesischen Inseln waren eine ziemlich heile Welt. Ab und an passierte mal etwas. Ganz selten schlimme Dinge. In den letzten zwei Jahren hatte es hier kein Gewaltverbrechen, kein Tötungsdelikt gegeben. Nur das Übliche: Diebstahl, Einbrüche, Körperverletzungen. Und damit konnte sie gut zurechtkommen.

 

Wieder sah sie sich die Räder an, beobachtete dabei auch die ganz Gründlichen, die jede Schraube genau musterten, ehe sie mieteten.

Hermann Lindner hatte ihr ein altes, aber recht stabiles Damenrad zur Verfügung gestellt. „Ist noch eins von Rabeneick, einer Firma, die bis Ende der fünfziger Jahre in Brackwede bei Bielefeld produziert hat. Dieses Rad atmet Geschichte aus“, hatte er begeistert erzählt, „Fahrradgeschichte, ehe die Firma zum Beispiel von Fichtel & Sachs übernommen wurde. Die Guten werden gefressen, so ist es nun mal. Geh da sorgfältig mit um …“

Hermann liebte alte Räder, war immer im Keller oder hinterm Haus und werkelte, baute auseinander, baute neu zusammen. Carla benutzte das historische Rad kaum, sie befürchtete, dass es gestohlen werden könnte. Außerdem verfügte die Polizeiwache über eigene Räder.

Das Wetter und die klare Luft verführten Carla dazu, sich draußen vor das alteingesessene Café ‚Leiß‘ zu setzen. Hier, mitten im Dorf, konnte sie gemütlich Zeitunglesen, Kaffee oder Tee trinken, leckere Kleinigkeiten essen und das aufkommende Urlaubsgefühl genießen. Aber auf sie warteten der Kollege und die Arbeit. Wenn sie das Sitzen hier wenigstens als Beobachtungsposten erklären könnte. Aber dienstlich gesehen gab es nichts zum Beobachten. Und dann könnte es allzu schnell heißen, die Neue aus Aurich sitzt nur faul herum. Im Prinzip war ihr Gerede egal. Im Prinzip. Aber jetzt waren solche Gedanken nicht nötig. Sie war friedlich gestimmt, blickte rüber zum Café, den Sonnenschirmen und dem Ober, der mit einem beeindruckenden Bart und flinkem Blick vor dem Eingang stand und zu Touristen eilte, die mit den Fingern in die Luft schnippten. Morgen gehe ich da hin und werde hier frühstücken, nahm sie sich vor.

Jetzt aber blickten die Leute wie auf ein geheimes Kommando hinter einem Mann her, der mit einer schnatternden Gans die Straße entlang flanierte. Auch Carla war von dem Anblick in den Bann gezogen. Wahrscheinlich ein besonderer Gag, überlegte sie. Vielleicht gibt es einen neuen Laden mit Gänsen aus Keramik.

Plötzlich schrie sie auf. Eine kleine Frau mit einem faltigen Nussgesicht knallte einen Stock gegen ihr Bein und fragte mit heller Stimme: „Gehen Sie auch zum Feuer? Ich find’s immer wahnsinnig schön und aufregend.“

„Feuer? Hier ist keins.“

„Doch. Ich meine das Sommerfeuer am Schniederdamm. Deshalb ging ja wohl eben die Sirene.“ Die Frau stieß erneut mit dem Stock zu.

„Unterlassen Sie das!“

Sie kicherte albern.

Genervt zog Carla den Dienstausweis aus der Innentasche ihres Anoraks hervor.

Die Frau blickte erst darauf, und kam dann so nah heran, dass Carla ihren Atem riechen konnte. Wieder grinste sie breit. Carla sah braune Zahnstummel. „Was für eine zimperliche Polizistin haben wir denn da, die gleich Aua schreit? Nun stellen Sie sich nicht so an. Und jetzt gehe ich erst mal zur Ausstellung da im Haus der Insel, da macht eine Frau Möwen aus son Knetzeug. Als ob wir nicht genug von den Biestern hätten.“ Die Alte rief „Zack und zack“, und schlug belustigt auf den Hintern eines Mannes in einem blauen Hemd. Der drehte sich um. Aber die Frau marschierte schon, den Stock in der Luft schwenkend, auf der anderen Straßenseite weiter.

„Frechheit! Die Alten können sich wohl alles erlauben!“ Der Mann bebte vor Empörung. Eine Möwe schoss auf ihn zu und entriss ihm ein Papier, das er in der Hand hielt. „Mistviecher! Überall werden die gefüttert.“

Carla drehte sich um, schaute weder zum ‚Leiß‘ noch zu ‚He Tant‘ hinüber, obwohl sie Hunger bekommen hatte. Sie ging weiter. Von der Barkhausenstraße bog sie auf die Hauptstraße und erreichte mit ein paar großen Schritten die Polizeistation an der Kaapdüne. Dort entdeckte sie ihren Kollegen, der neben dem Feuermelder stand und sich mit einer Frau unterhielt. Hätte ich mir bloß die Zeit für einen Kaffee genommen, dachte Carla, Gerrit unterhält sich und ich eile abgehetzt herbei.

Es roch nach Sonne, nach Schweiß, nach Ferien. Der Wasserturm thronte über dem Dorf wie ein Fürstensitz. Ein paar Meter weiter befand sich die Buchhandlung, in der sie ihre Zeitungen kaufte. Carla liebte den Laden. Jeder Zentimeter darin wurde für Bücher, für Zeitschriften, für Schreibwaren genutzt.

Carla beobachtete, wie der Mann, den die Hutzelfrau auf den Hintern geschlagen hatte, die Düne hochging. Wahrscheinlich zum Strand, dachte sie etwas neidisch und fragte ihren Kollegen sofort als sie ihn erreichte, „Riechst du das auch? Ist das jetzt dieses Sommerfeuer oder brennt es wirklich?“

„Sommerfeuer? Wie kommst du darauf? Es gibt aber eine starke Rauchentwicklung im Erdgeschoss eines Hauses an der Willrath-Dresen. Scheint aber nichts Großes zu sein.“

„Welches Haus denn?“

„Die Leitstelle sagte, es ist das von Frau Bracht. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt noch vermietet. Die ist doch längst in Rente.“

„Müssen wir hin?“, fragte Carla und schaute dabei die Frau an, die an der Hauswand lehnte und sie auch ansah. Gerrit kam nicht mehr zu einer Antwort, denn sie stellte sich gleich vor: „Göntje. Einfach nur Göntje“, und reichte Carla die Hand.

„Sie? Sie sind das?“ fragte sie erstaunt. „Ich brauche keine Hexensalben. Hat etwa Frau Lindner …?“

„Sie hat. Und über Kopfschmerzen zu sprechen, ist doch nichts Schlimmes. Ich sehe, wie Sie gehen, also könnten sie daher kommen. Soll ich Ihnen eine Salbe anrühren, aus roter Taubnessel, Liebstöckel, Waldmeister, Schöllkraut …“

„Noch komme ich zurecht, vielen Dank!“

Dass die Kopfschmerzen begonnen hatten, seitdem ihre beste Freundin vor einigen Monaten gestorben war, ging keinen etwas an. Sonst hätte sie sofort weinen müssen.

„Sie brauchen neue Träume und Sie müssen Ihren Kopf von so manch alten Gedanken befreien. Übrigens, Schöllkraut lindert den Schmerz, Efeu …“ Göntje nickte Carla ermutigend zu.

„Glauben Sie das wirklich?“

„Glaube allein reicht nicht. In Ihre Salbe kämen noch Thymian und Salbei …“

„Ich bin doch kein Waldsalat!“

„Wenn Sie so stur bleiben, werden Sie es bald.“

„Lass sie, Göntje“, bat Gerrit und wandte sich an Carla. „Versuchs doch mal. Sie kann viel.“ So wie er das sagte, wirkte es überzeugend. Er war ein Mann, der Überzeugung und Zuverlässigkeit ausstrahlte.

Ein plötzlicher Regenschauer entlud sich. Die Polizisten eilten ins Haus. Göntje winkte ab, als Gerrit sie herein bat. „Ich gehe gern durch den Regen“, und sie fügte hinzu: „Weihrauch brauchen Sie auch – der entspannt, fördert das Glücksempfinden und stärkt die Wahrnehmung.“

 

***

 

Angenehm überrascht ließ sich Henning Hauser von seiner Frau Jackett, Hemd und alles andere auch ausziehen. So spontan hatte sie lange nicht mehr gehandelt. Während er sich ihr lächelnd zuwandte, überlegte sie: „Ob ich eben noch mal Jördis anrufe? Nur um zu wissen, was die Mädchen jetzt machen?“

„Das kannst du gleich tun. Spiel’ nicht ständig die Glucke. Du weißt doch, dass sie gerade das nicht ausstehen kann.“

Mira Hauser unterdrückte ihre Unruhe, eine Unruhe, die Mütter oft befällt, wenn ihre Kinder verreist sind. Wenn sie sich verändert haben. Es gab noch so viel mehr, worüber sie sich Sorgen machte. Aber jetzt versuchte sie, diese zu verdrängen, dachte an sich, an ihren Mann, an die Gemeinsamkeit dieses Augenblicks.

Als eine lange Zeit später Henning Hauser in einen entspannten leichten Schlaf fiel, stieg sie aus dem Bett, angelte mit den Füßen nach ihrem Handy, das sie auf den Boden gelegt hatte und tippte die Kurzwahl für Jördis. Damit ging sie in das Zimmer ihrer Tochter, roch Mädchenduft und Schweiß. Sie roch noch anderes, wusste aber nicht, was es sein könnte. Hätte sie es gewusst, wäre sie an Tränen und Träume von Liebe erinnert worden. Sie hob ein zerknülltes T-Shirt auf, strich die Überdecke auf dem Bett glatt und stand dann gedankenverloren da, blickte auf die Schrägen, an denen die Poster von Musikgruppen inzwischen abgerissen waren, sie schaute auf den Schreibtisch, der auffallend aufgeräumt war. Jördis’ Notebook war ausgeschaltet. Endlich, dachte Mira, hat sie verstanden, dass auch Standby Strom zieht. Erst hatte Jördis auf einen WLAN-Router bestanden, jetzt aber wollte sie ein iPhone. Ihr Smartphone tut’s noch eine ganze Weile. Ist doch grässlich, bis ins Bad ständig erreichbar zu sein.

Sie achtete darauf, dass ihre Tochter nicht gleich alles bekam. So wie ihre Freundin Ilka, mit der sie nach Langeoog gereist war.

 

Mira betrachtete das Bücherregal und wunderte sich wieder einmal, dass hier inzwischen Gedichtbände und etliche Klassiker neben Fantasy-Sagas standen. Ein Bändchen gab es doppelt. Sie las den Titel, ohne ihn in sich aufzunehmen und schob ihn wieder zurück. Seit wann interessierte sich Jördis dafür? Möglich, dass es der neue Lehrer ist. Es war so schade, dass sie kaum noch etwas erzählte. Neuerdings herrschte nur bockiges Schweigen. Mira verstand von Lyrik nur wenig, aber es freute sie, dass Jördis sich endlich auch für andere Themen interessierte.

Das Haus, in dem Familie Hauser lebte, war geräumig und verwinkelt. Über der Eichentruhe im Flur hing ein Regal. Es war belegt mit Kaffeetassen, die niemand mehr nutzte, Steinen und winzigen Gartenzwergen. „Kraut und Rüben. Voll peinlich“, hatte Jördis letztens geschimpft.

Mira schloss die Tür, ging die Treppe hinunter in die Küche, sah sich um und griff nach einem hart gewordenen Stück Pizza mit schrumpeligem Käse. Ließ es fallen, denn unweit des Solarplexus durchfuhr sie ein so eigenartiger, heftiger Schreck, der schmerzte und den sie nicht deuten konnte.

 

***

 

Um 17.30 Uhr alarmierte ein Augenzeuge die Feuerwehr. Die Einsatzkräfte kamen mit Atemschutz. Da das Feuer nur im unteren Teil des Hauses ausgebrochen war, konnte der Brand schnell eingedämmt werden.

Im Erdgeschoss befand sich niemand. Ein Feuerwehrmann wusste, dass die Besitzerin, Eleonore Bracht, Urlaub am Bodensee machte. Das Feuer schien in der Küche ausgebrochen zu sein und hatte sich von hier aus weitergefressen.

Draußen war die Inschrift ‚Haus Bracht’ nicht mehr lesbar, und die bisher imponierende, immer etwas schiefe Haustür war angekohlt. Der inzwischen verstorbene Peer Bracht hatte die Tür vor vielen Jahren aus Sansibar importiert. Er kaufte von angesehenen Bootsbauern Möbel, die sie aus dem Holz Nungwi recycelten. Altes Holz nahmen sie von ausrangierten Segelbooten, mit Gebrauchsspuren von Wind und Wasser. Kleinmöbel hatte er bis zu seinem Tod auf der Insel und an Land verkauft.

Der Steinfußboden vor dem Eingang und im Flur war durch die Hitzeentwicklung geborsten. Links im Flur befand sich ein Fenster mit Glassplittern im Rahmen.

Türen standen offen. Zimmer waren durch die Löscharbeiten verwüstet. Um den Rauch aus den Räumen zu bekommen, kam der Überdruck-Belüfter zum Einsatz.

Brandmeister Terbassen stand breitbeinig im Flur und wies nach oben.

„Überall nachgeschaut?“

Seine Kollegen blickten sich fragend an. „Auf der Zwischenetage gibt’s ein Apartment und zwei Gästezimmer. Nein, da ist niemand drin.“

„Das weiß ich.“ Terbassen wies erneut nach oben. „Da – meine ich!“

„Es gibt nur noch den Dachboden … da hat es ja nicht gebrannt, wir mussten hier löschen! Ich kann ja gleich nachsehen.“

„Mach’ ich jetzt selbst.“ Hustend stieg Terbassen über die enge Holztreppe nach oben.

Kurz darauf polterte er wieder herunter, mit seinem iPhone am Ohr, sprach mit der Insel-Rettungswache, rief die Polizeiwache an und den Inselarzt Dr. Silla, der sich im Abend-Notdienst befand.

Dann erst konnte er sagen: „Wenn man Glück hat … manche scheinen keins zu haben. Ich kann es noch nicht glauben. Das ist so schlimm.“

Terbassens Gesicht war rußverschmiert. Er wischte sich über die Augen. Mehr konnte er nicht erklären, denn schon bremste der Wagen der Rettungswache vor dem Grundstück. Er eilte dorthin und erklärte die Sachlage dem Wachleiter und dessen Mitarbeitern. Sofort rasten sie mit Notfallrucksäcken und zusammengeklappten Tragen nach oben, zum Dachboden.

Terbassen bemühte sich um Sachlichkeit und rief: „Ist der Keller durchsucht?“

„Ist er“, rief ein Feuerwehrmann zurück, „Da ist nur Löschwasser runter gelaufen, kein Glutnest vorhanden, alles in Ordnung.“

„Wo befindet sich Frau Bracht? Weiß einer das? Wie kommen bloß die …“ Er unterdrückte die Worte, die er noch sagen wollte, als er sah, dass der Kommissar Gerrit Blau vom Fahrrad sprang. Die Zwischenstange war mit Polizei beschriftet. Er nahm Terbassen beiseite und befragte ihn. Gerrits Gesichtszüge entgleisten.

 

Carla knallte das Rad gegen einen Baum. Sie hatte am Blick des Kollegen und dessen knapper Geste gesehen, dass Eile geboten war.

Zusammen beobachteten sie, wie eine Trage aus dem Haus gebracht wurde.

„Wer ist verletzt?“

„Der Terbassen steht so unter Schock, der konnte bisher nur mit dem Notarzt sprechen“, erklärte Gerrit.

„Wen haben Sie gefunden?“, fragte Carla den Notarzt.

„Zwei junge Mädchen. Eins davon ist tot. Es ist wohl eine unklare Todesursache. Wir brauchen alle Hinweise zur Klärung, alles, was von hier aus möglich ist. Warten Sie bitte, wir sind noch mitten in der Notfallversorgung. Ein Mädchen lebt. Noch.“ Ein Paravent stand schon als Schutz bereit, damit niemand unbefugt zuschauen konnte.

„Wo wurde die Tote denn gefunden?“ Noch während sie dies aussprach, konnte Carla selbst nicht glauben, was sie da fragte. Eine Tote, unklare Ursache?

„Auf dem Dachboden.“

Dr. Silla kam zu ihr.

„Mein erster Eindruck ist“, erklärte er hastig und sichtlich nervös, „dass die Opfer wahrscheinlich Drogen intus haben. Vielleicht auch Gift. Aber das finde ich eher melodramatisch, wenn ich dies so sagen darf. Auf einer Ferieninsel kann ich mir dergleichen einfach nicht vorstellen. Trotzdem: Die Mädchen müssen betäubt gewesen sein.“

„Wieso denn?“, fragte Gerrit und bekam keine Antwort. Er ging mit Carla hinter den Paravent und beide blickten in ein grau-blasses Mädchengesicht.

„Bei der anderen kamen wir zu spät. So zwischen acht und zwölf Stunden zu spät. Es sieht nach einem Fall für euch aus. Beide haben schwere, einander recht ähnliche Kopfverletzungen, als hätte jemand … Nun, wie gesagt, das wird euer Part. Sicher ein Schädel-Hirn-Trauma bei der Überlebenden, vorsichtig ausgedrückt.“ Nach kurzem Überlegen fügte er hinzu: „Sie könnte es aber schaffen. Um wen es sich bei den beiden handelt, weiß ich nicht – ich kenne sie jedenfalls nicht. Feriengäste? Verwandte von Frau Bracht? Die Mädchen hatten sich ihr Bett auf dem Dachboden gemacht. Vielleicht wegen des Ausblicks – da oben ist ja ein modernes Panoramafenster eingelassen.“

„Sie sind ja fix mit Ihren Vermutungen. Ich hoffe doch, dass andere die zwei kennen. Außer Ihnen war doch niemand auf dem Dachboden?“, hakte Carla nach.

Dr. Silla blickte auf die Verletzte. Inzwischen war sie versorgt und stabilisiert.

„Doch. Notarzt, Sanitäter und die Feuerwehrmänner.“

„Also sind alle Spuren zertrampelt. Toll.“ Gerrit klang missmutig. Er blickte Carla an. „Dann wollen wir gleich einsammeln … du hast doch den Spurensicherungskoffer mitgebracht?“

Er wandte sich erneut an den Inselarzt. „Sie deuteten eben etwas an. Ist möglicherweise Alkohol im Spiel?“

„Also, was ich nach meinem ersten Eindruck sagen kann, ist, dass bei der Überlebenden die Pupillen zu groß sind und der Puls zu schnell ist. Neben einer eher minimalen Alkoholdosis scheint mir ganz Anderes im Spiel zu sein. Sagte ich ja eben schon. Ich denke mehr und mehr an Drogen. Wir hatten letztens einige Fälle mit K.-o.-Tropfen und in diesem Fall tippe ich auf so etwas. Nur kommen noch die schweren Wunden an den Hinterköpfen der Mädchen hinzu. Es muss ein sehr harter Gegenstand gewesen sein, so wie die Verletzungen aussehen. Aber – meine Aussage ist noch nicht amtlich. In Sanderbusch werden die Kollegen das genauer beurteilen können. Wenn es K.-o.-Tropfen waren, muss es jetzt schnell gehen, sonst kann man Gammahydroxybuttersäure nicht mehr nachweisen. Das Zeug baut sich sehr schnell wieder ab. Oder aber sie haben andere Rauschgifte intus. Seitdem sich jeder Laie die wie Bonbons selbst herstellen kann, ist alles möglich.“

„Danke“, erwiderte Gerrit, „wir sichern jetzt lieber schnell.“

Dabei hoffte er, genauso gut und aufmerksam zu sein wie die dafür ausgebildeten Spurensicherer.

Terbassen telefonierte, ging danach für einen Moment hinter das Haus, um wieder durchatmen zu können. Das Schicksal der jungen Mädchen nahm ihn sehr mit. Der kräftige Mann, der immer noch seinen Helm trug, ging zu Gerrit. „Der Hubschrauber ist geordert. Für eine Fahrt ans Festland mit der ‚Caspar Otten’ würde der Transport zu lange dauern. Wir haben höchste Dringlichkeitsstufe signalisiert.“

„Die Vorbereitungen für den Intensivtransport sind auch fertig“, erklärte der Notarzt seinem Kollegen. „Ich habe vergessen, mich vorzustellen: Redorff. Detlef Redorff. Ich fliege mit nach Sanderbusch. Und Doktor Silla kann Ihnen mehr zu der Toten sagen.“

„Hat er schon“, bemerkte Gerrit.

Schon war der Rettungshubschrauber zu hören. Im Landeanflug wehten die Rotoren das Gras flach. Sanitäter eilten herbei. Äußerst vorsichtig wurde die Schwerverletzte umgebettet. Schon kam die Meldung, dass das Nordwestkrankenhaus Sanderbusch sich auf die Patientin vorbereitete. Hightech-Geräte wurden eingesetzt, die Mediziner sprachen der Patientin beruhigend zu – auch, als sie nach einem kurzen Aufwachen wieder bewusstlos wurde. Die Turbinen liefen erneut warm für den Wettlauf um das Leben der Unbekannten.

 

***

 

Gerrit sicherte das Grundstück. Carla legte den Spurensicherungskoffer auf dem Dachboden ab, öffnete ihn und entnahm sterile Überzieher für die Schuhe und die obligatorischen Latexhandschuhe. Es war ihr recht, wenn sie sich zunächst alleine umsah. So konnte sie sich am besten konzentrieren. Sie schloss die Tür. Es stank nach Rauch, trotz des weit offen stehenden Fensters. Möwen schossen im Steilflug herunter. Ein Krähenschwarm schimpfte.

Bevor Carla sich die Tote ansah, ging sie langsam durch den Raum. Der Fußboden war staubig und von Schuhspuren durchsetzt. Rechts und links waren die Wände schräg und unverputzt. An einem Garderobenständer hingen Hosen, Shirts, Pullover und Jacken übereinander. Ein Bild mit Heckenrosen lehnte an der Wand. Rechts lagen zwei Matratzen nebeneinander, auf denen sich verrutschte Bettlaken befanden, eine zusammengeknüllte Bettdecke und zwei altmodische Sofakissen, die mit Heckenrosen bestickt waren. Neben dem provisorischen Bett lag quer auf dem Fußboden eine Stehlampe. Dahinter stand eine niedrige Holztruhe. Auf den Kissen hatte sich eine Blutlache bis auf das Laken ausgebreitet. Carla tippte darauf. Das Blut war bereits eingetrocknet.

Sie wusste, dass sie mit der Situation zurechtkommen musste. So etwas gehörte zu ihrem Job. Aber es war die Bösartigkeit, die in diesem Raum noch zu spüren war, die ihr zu schaffen machte. Was war geschehen und warum? Ostfriesland ist doch der friedlichste Landstrich überhaupt, überlegte sie. Nach einem tiefen Durchatmen sah sie sich schließlich das Mädchen an. Um den Mund und auch am Hals klebte Erbrochenes. Der Körper lag schräg, ein Bein war wie zum Sprung angewinkelt. Eine Hand war geschlossen und hielt blaue Blumen, die schon welk waren. „Das Maiglöckchen des Pirolatals“, staunte sie. Dass sie die Blume erkannte, die nur auf dieser Insel wuchs, hatte sie ihrer Freundin zu verdanken, die sie einmal mit einem Sträußchen überrascht hatte. Vorsichtig zog sie die schlaffen Blumen aus der Hand. Es war nicht ganz einfach, der Körper befand sich noch in der Totenstarre. Carla blickte auf die geschlossenen Augen. Das Gesicht war unverletzt, die langen braunen Haare am Hinterkopf mit Blut durchtränkt. Das Mädchen trug ein weites, bedrucktes T-Shirt und eine weiße, dreiviertellange Jeans mit Schmutzspuren, aber keine Schuhe. Wie alt mochte sie sein? Sie zog ein Notizbuch hervor, das sie immer bei sich trug, und schnippte das schwarze Gummiband ab.

„Junge Frau zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren. Noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden tot.“

Sie klappte das Notizbuch wieder zu und drehte die Leiche auf die linke Körperseite. Jetzt konnte sie die klaffende Wunde sehen, die unter dem blutig verkrusteten Schorf sichtbar wurde. Über der Leiche hing der Geruch nach Vergorenem und nach Alkohol. Bier vielleicht? Silla hatte von Alkohol gesprochen. Carla blickte um sich, Bierflaschen oder Wein fand sie nicht. Auch keinen Schnaps. Aber den tranken Mädchen wohl eher nicht. Höchstens Szenegetränke, Cocktails, aber die hatten sie hier oben nicht mixen können – in Ermangelung der Zutaten. „Wer fröhlich trinken will, hat das Zeug doch bei sich. Nirgends Gläser …“

„Man kann ja auch aus der Flasche trinken.“ Gerrit war dazugekommen und besah sich ebenfalls die Wunde. „Ob sie auf die Truhe gestürzt ist?“ Er bückte sich und strich darüber. „Die Kante ist ziemlich scharf.“

„Aber beide? Die andere hat ja auch so ähnlich aussehende Verletzungen – jedenfalls, soweit ich das sehen konnte. Hat Silla ja auch angemerkt.“

„Du denkst doch wohl nicht, dass auf meiner Insel ein Mord passiert sein könnte? Es war bestimmt ein Unglück … kaum bist du hier, passieren die schlimmsten Dinge.“

Carla winkte ab.

Ein kräftiges „Ähm“ ließ sie zusammenfahren. Dr. Silla stand im Türrahmen. Sein schmales Gesicht glühte. Selbst sein Schnurrbart schien zu glühen. Aber das konnte auch an seinem rötlichen Haar liegen.

„Nehmen Sie sich erst sterile Überzieher da aus dem Koffer!“, riet Carla, „vorsichtshalber!“

„Quakelatüt! Blast euch nicht auf. Vorher war ich ja auch ohne Ihre Plastikpuschen im Raum. Machen Sie doch nicht auf berühmte Ermittlerin, meine liebe Frau Bernstiel. Im Übrigen habe ich vor dem Eintreffen des Kollegen Redorff den Tod des Mädchens festgestellt. Ich! Ich habe es untersucht. Die Verletzung kann mit zum Tod geführt haben. Und ich sage weiterhin, die Todesursache ist und bleibt unklar.“

„Haben Sie etwa Spuren an ihrem Körper abgewischt?“

„Kaum. Ich habe aber ,unklar‘ auf dem Totenschein vermerkt. Und – falls Sie daran denken – nein, ich habe keinen Hinweis auf eine Vergewaltigung gefunden. Aber Genaueres können Sie sicher später sagen, Sie haben ja das Zauberköfferchen dabei.“

„Danke. Also, unklar“, bestätigte Gerrit. „Ich frage noch einmal, könnte die Todesursache ein unglücklicher Sturz gewesen sein?“

„Bitte, Gerrit. Das müsstest du auch wissen, solche Wunden zieht man sich nicht durch einen Sturz zu. Die Mädchen lagen nebeneinander, mit den Gesichtern ein wenig zum Fenster gedreht. Das würde einfach nicht passen“, überlegte Silla laut.

„Oder kann es doch die Truhenkante gewesen sein? Vielleicht sind sie auf der Matratze herumgehüpft, haben was getrunken, vielleicht noch irgendein Zeug eingenommen und sind dann gestürzt. Was meinst du, Gerrit?“, dachte Carla laut.

„Es wäre möglich. Solch ein Sturz muss nicht gleich tödlich sein. Aber beide mit einer so ähnlichen Kopfverletzung? Ich weiß nicht. Deine Theorie wackelt.“

„Ich bleibe bei unklar“, wiederholte Silla. „Rufen Sie bitte Ihren Staatsanwalt an, die Tote muss abtransportiert werden, wir haben ja weder einen Bestatter noch einen Kühlraum auf der Insel.“ Er strich über seinen Schnurrbart. „Und über einen Rechtsmediziner verfügen wir auch nicht. Ich bin Inseldoktor und der Hausarzt von Frau Bracht. Die sehr gesund in den Urlaub gefahren ist. Das weiß ich.“

„Hat sie Ihnen eine Adresse hinterlassen?“, fragte Carla. „Und warum hat das Mädchen diese Blume in der Hand?“, wandte sie sich an Gerrit, der ihr schon ein Beweismitteltütchen geöffnet entgegenhielt.

„Du kennst dich mit der Inselflora aus? Na, so wichtig werden die Blümchen schon nicht sein …“

„Frau Bracht befindet sich zur Erholung am Bodensee“, erklärte Silla. „Ich habe ihr von Konstanz vorgeschwärmt. Ich meine, dass sie daraufhin gesagt hat, lieber wäre ihr ein kleiner, schmucker Ort. Sie brauche Ruhe. Ihre Familie sei letztens anstrengend gewesen. Na ja, so in der Art. Mehr weiß ich nicht.“

Carla notierte.

„Und, haben Sie schon Fotos gemacht? Fingerabdrücke genommen?“, erkundigte sich Silla süffisant.

Sie antwortete nicht, die Besserwisserei des Doktors ging ihr auf die Nerven.

Gerrit rannte die Treppe hinunter, und kam kurz darauf heftig atmend mit einer Kameratasche zurück. Diese und den Koffer für die daktyloskopischen Untersuchungen hatte er auf dem breiten Gepäckträger seines Polizeifahrrads transportiert.

„Doktor, es wäre jetzt besser, wenn du den Raum verlässt, nicht, dass wir nachher deine Spuren gesichert haben.“

Der Arzt blieb stehen.

„Gerrit, mach du die Aufnahmen, ich fange mit den Fingerabdrücken an“, sagte Carla und wandte sich zu Silla. „Wir machen jetzt Hinweisvergleiche, bei denen die Spuren mit Vergleichsabdrücken möglicher Tatverdächtiger und auch berechtigter Personen …“

„Weiß ich doch, was Sie machen. Das brauchen Sie mir nicht aufzutischen.“ Niemand wusste um seine heimliche Sehnsucht, ein berühmter Rechtsmediziner zu sein. Und wenn er an diesen Wunsch dachte, begann sein linkes Augenlid zu zucken. So wie jetzt.

„Eben. Sie wissen ja so viel, aber wir machen alles Weitere trotzdem alleine.“ Carla sah sich erneut um. „Gibt es hier Wertgegenstände?“, fragte sie. „Wir sollten auch in Frau Brachts Räumen nachschauen. Warum hatten die Mädchen keine Schuhe an? Eine Frau ohne Schuhe gibt’s nicht. Wenn es doch ein simpler Einbruch war und der Täter überrascht wurde?“

„Von wem? Von den Mädchen? Und ein Einbrecher schlägt sie zusammen? Würde er dann nicht eher abhauen, wenn er entdeckt wird?“

„Wie hat der Täter sich Zugang ins Haus verschafft? Kannten die Mädchen ihn? Waren es mehrere Täter? Vielleicht Jungs aus der Disco, wollten sie hier weiterfeiern? Und dann ist ihnen der Spaß vergangen?“, fragte sich Gerrit laut.

Während er die Schuhabdrücke, das Bett, das Laken und die Tote fotografierte, befand er: „Hier ist nichts, was auf eine Party hinweisen würde. Nichts.“

Wieder blickte Carla auf das Bett. Nach einem Kampf sah es nicht aus. Überraschungsangriff? Beide müssen doch um ihr Leben geschrien haben. Hatten sie tatsächlich K.-o.-Tropfen intus?

„Sie müssen ohne ihre Eltern auf die Insel gekommen sein. Sonst wären die ja wohl hier“, vermutete Gerrit.

„In dem Alter reisen Mädchen alleine.“ Carla beugte sich über die Leiche. Sie zog das blutgetränkte Kissen unter dem Kopf weg, machte etwas später die Faserspurensicherung und entdeckte einen Faden.

Nach Beendigung ihrer Arbeit verließen sie den Dachboden, zogen vor der Tür ihre Überschuhe und Handschuhe aus, die sie eintüteten. „Morgen übergebe ich alles mit der ersten Fähre zum Abgleichen“, sagte Carla. „Ein Auricher Kollege soll die Sachen in Bensersiel in Empfang nehmen. Deine Fotos solltest du noch heute rüber mailen.“

„Hast du Ausweise, Handtaschen oder Handys gefunden?“, erkundigte sich Gerrit, während er die Kamera einpackte und mit einem Blick auf Carla fügte er hinzu: „Grübelst du? Lass es lieber.“

„Ein Mord auf der Insel. Wie heißt der Slogan? Eine Insel fürs Leben. Keine Insel zum Sterben. In wenigen Tagen beginnt die Hauptsaison. Wenn dann der große Andrang kommt – bis dahin müssen wir weitergekommen sein. Bloß kein großes Aufheben darum machen. Aber, wer ist das Mädchen? Und wie heißt die andere?“

„Wir müssen fragen.“

„Und wir haben nichts, womit wir die beiden identifizieren können?“

„Nein.“ Gerrit hängte sich die Kameratasche um.

„Schaust du noch mal überall nach?“

Er nickte.

„Die Leiche sollte ganz vorsichtig in den Leichensack gepackt werden, damit das Labor noch weitere Spuren sichern kann.“

„Ja, ja.“

Silla kam hinzu, zerrte an seinem Baumwollschal, den er modisch geschlungen um den Hals trug und übersah Carlas genervte Blicke.

„Ich muss zum Abenddienst.“ Er nickte bedeutungsvoll. „Habe ich aber gern getan, nicht, dass ihr meine Worte falsch versteht. So Neue wie Sie, Frau Bernstiel, die verstehen die Langeooger nicht immer. Deshalb auch mich nicht – wenn ich Ihren konsternierten Blick so deuten darf. Ich bin zwar auch kein Einheimischer, aber ich weiß zumindest, dass Sie zum Verstehen schon viele Jahre hier leben müssen. Tun Sie aber nicht. Und Gerrit auch nicht. Auch wenn er meint, er gehöre dazu, nur weil seine Mutter hier schon ewig lebt.“

Carla setzte an, um darauf zu antworten, entschied sich aber dagegen. Das führte zu nichts. Sie konnte keinen Ärger gebrauchen, den Insel-Doc brauchte sie schließlich noch.

Dieser versprach, dass er sich bei seiner Helferin erkundigen werde. „Vielleicht weiß die, in welchem Ort sich Frau Bracht aufhält.“

Carla war in Gedanken. Wenn es Mord war, könnte noch ein zweiter passieren?

„Ich habe gesagt, dass womöglich meine Helferin die Adresse von Frau Bracht weiß.“

Carla blickte den Arzt an. Der ist ja nett und hilfsbereit, dachte sie bei sich, aber warum muss er immer so wichtig gucken? Das hat er doch nicht nötig. Vielleicht, weil ich ein paar Zentimeter größer bin als er? Da bekommen Männer schnell seltsame Komplexe. „Gut. Wenn sie etwas weiß, soll sie sich am besten in etwa zwei Stunden auf der Wache melden.“ Mehr zu sich selbst sagte sie: „Hat niemand eine Person mit mindestens zwei Rucksäcken gesehen? Unsinn, hier läuft fast jeder damit rum. Ich weiß nichts und das ist ein schreckliches Gefühl, es macht mich so hilflos.“

Gerrit stand dicht neben ihr und vermisste Carlas Duft nach Meer und Gras. Jetzt roch sie nach Rauch. Sanft stieß er sie an. „Wir könnten die niederländischen Polizeiratten gebrauchen. Die sind ja super trainiert im Erschnüffeln.“

„Ja, von Schießpulverrückständen. Aber hier wurde nicht geschossen.“

„Es könnte trotzdem möglich sein, dass die noch anderes aufspüren“, meinte Gerrit. „Wusstest du, dass in Rotterdam Spür-Ratten ausgebildet werden? Die können sogar Drogen erschnüffeln.“

„Und gerade an uns werden welche abgegeben! Das kannst du vergessen.“ Carla schob sich Haarsträhnen hinters Ohr, die wieder zurückfielen, weil sie von ihr gestern mit einer Geflügelschere gestutzt worden waren.