Leseprobe Was mein Herz dir sagen möchte

1

So ein Mist. Annabell duckte sich hinter einer Mauer aus Katzenfutterdosen und spähte durch einen Spalt auf die andere Seite des Regals. Sie war nur kurz in den Supermarkt um die Ecke geflüchtet, um Nachschub für ihre hungrige Mitbewohnerin zu holen. Peppers war ungenießbar, wenn sie Hunger hatte. Und jetzt musste Annabell ausgerechnet Brigitte hier treffen.

„Verzeihung. Dürfte ich …“ Eine Frau tippte Annabell von hinten auf die Schulter und zeigte auf eine Dose, die sich oberhalb von Annabells Kopf befand. 

„Minki mag nur diese Sorte“, rechtfertigte sich die Frau für die Störung. Annabell ging einen Schritt zur Seite und schaute sich nach einem anderen Versteck um. Zu spät. Die große Blondine hatte sie bereits entdeckt und steuerte mit dem voll beladenen Einkaufswagen und einem strahlenden Lächeln auf sie zu. 

Annabell suchte nach einer Ausrede. Es war ihr unangenehm, dass sie noch nicht auf die Einladung zu Brigittes Junggesellinnenabschied reagiert hatte, aber seit der Trennung von Jan waren schließlich erst drei Wochen vergangen. Gut gelaunte Menschen konnte sie im Moment ohnehin kaum ertragen, in ausgelassener Partystimmung wären sie erst recht nicht auszuhalten. 

Aus diesem Grund lag der rosa Briefumschlag verschlossen auf ihrem Küchentisch, vergraben unter einem Stapel aus Zeitungen und Werbung. Es war unnötig, den Brief zu öffnen. Sie wusste schon jetzt mehr darüber, was Brigitte an diesem Abend erwarten würde, als die Braut selbst, die mit den Details überrascht werden sollte. Luisa, die sie damals mit Brigitte bekannt gemacht hatte, redete seit Tagen von nichts anderem. Annabell rang sich ein Lächeln ab. Brigitte strahlte zurück, küsste Annabell zweimal auf die Wangen und sprudelte gleich darauf los. 

„Wie gut, dass ich dich hier treffe. Heute Abend um acht ist es soweit. Du bist doch dabei?“ 

Kein Wort zum Beziehungs-Aus mit Jan? Hatte Brigitte noch nicht davon erfahren? Gut, so blieben ihr wenigstens die mitleidigen Kommentare erspart.

„Also, weißt du …“, murmelte Annabell. „Ich habe zurzeit viel um die Ohren.“ 

„Du musst kommen. Wirklich! Es wird bestimmt lustig und wird dich auf andere Gedanken bringen.“

Annabell zuckte zusammen. Hatte es sich also doch herumgesprochen. 

„Ich werde es versuchen. Versprechen kann ich es aber nicht“, entgegnete sie, verabschiedete sich eilig und bahnte sich ihren Weg zur Kasse. Die Party würde ohne sie steigen. Brigitte war nur eine flüchtige Bekannte. Wer sollte Annabell schon vermissen?

 

Sie hatte das Bedürfnis, sich in ihren vier Wänden zu verkriechen. In der Geborgenheit ihrer Altbauwohnung konnte sie ungeniert weinen, während sie sich Liebesschnulzen ansah. In weichen Kissen und im Selbstmitleid versinken. 

Jan hatte es nach Möglichkeit vermieden, zu ihr nach Hause zu kommen. Es war ihm viel zu eng, zu vollgestellt mit Dingen, die ihre besten Zeiten hinter sich hatten.

Sollte er doch glücklich werden in seinem Loft, das so steril war wie sein Arbeitsplatz im OP. Mit einer blitzeblanken Küche, in der die Töpfe kalt blieben. Annabell hatte einmal den Fehler begangen, dort für ihn zu kochen. Das dabei entstandene Chaos hatte ihm den Appetit verdorben. Eine geschlagene Stunde hatte er damit verbracht, jeden Winkel der Küche akribisch zu putzen. 

Sie erinnerte sich daran, wie klein sie sich oft in seiner Gegenwart gefühlt hatte, doch es änderte nichts an ihrer Traurigkeit. Annabell war nicht gerne alleine.

Normalerweise. Heute jedoch würde sie lieber auf Gesellschaft verzichten. Dennoch war sie froh, dass sich Peppers eng an sie schmiegte. Der Katzenkörper hob und senkte sich gemächlich und Annabell widerstand der Versuchung, ihre Finger in das weiche Fell zu graben. Sie wollte die Katze nicht wecken. Eine solche Störung bestrafte Peppers gewöhnlich, indem sie sich beleidigt in eine Ecke verzog. Dann würdigte sie Annabell keines Blickes, bis der Hunger die Übermacht gewann und sie versöhnlich stimmte.

Annabell zappte gerade durch das Fernsehprogramm, um sich einen zu ihrer Stimmung passenden Film auszusuchen, da schrillte die Türglocke. Peppers huschte unters Bett, Annabell schaltete hastig den Fernseher ab. Wenn sie sich ruhig verhielt, würde der Besuch vielleicht wieder abziehen. 

„Ich weiß, dass du zu Hause bist“, rief eine bekannte Stimme von draußen. „Mach endlich die Tür auf!“

Annabell schlurfte zur Wohnungstür und öffnete ihrer Freundin.

„Freitagabend und du hockst hier im Pyjama herum“, schimpfte Luisa beim Hereingehen. „Das kann wohl nicht dein Ernst sein!“

„Mein voller Ernst. Mich kriegen heute keine zehn Pferde aus dem Haus. Kannst du denn nicht verstehen, dass ich lieber alleine sein will?“ 

Luisa ließ keinen ihrer Einwände gelten. Bald hatte Annabell den energischen Überredungskünsten nichts mehr entgegenzusetzen und gab sich geschlagen. 

Sie schlüpfte in ihr rotes Lieblingskleid. Der Schnitt schmeichelte ihrer Figur und sie mochte die schlichte Eleganz. Lustlos trug sie etwas Schminke auf und band ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz. 

„Du wirst sehen, das bringt dich auf andere Gedanken“, versicherte Luisa, während sie ihre Fingernägel passend zum pinkfarbenen Top lackierte. Annabell betrachtete ihre Freundin im Spiegel. Sie waren wie ein Foto und sein Negativ, auf den ersten Blick das genaue Gegenteil, auf den zweiten hatten sie so viel gemeinsam. Annabell beneidete Luisa um die blonde Lockenmähne und ihr selbstbewusstes Auftreten. Sie selbst fühlte sich mit ihren siebenundzwanzig Jahren oft unsicher wie ein Teenager. Ob es nun ein ungeschriebenes Naturgesetz war, dass sich Gegensätze anzogen, oder ob sie es dem Zufall zu verdanken hatte: Sie wusste, was sie an Luisa hatte.

 

Gegen Mitternacht stürmte ein halbes Dutzend aufgekratzter Partymäuse die Tanzfläche. Der DJ spielte auf Brigittes Wunsch Time of my life. Umringt von ihren Freundinnen wirbelte sie herum und musste sich dabei ständig den Schleier zurechtrücken, der notdürftig in ihrem Haar festgemacht war. Annabell hätte sich gerne für sie gefreut, nur, es gelang ihr nicht und das hatte einen Grund.

Anfang Mai hatte Jan nach einem halben Jahr Beziehung verkündet, dass sie fortan getrennte Wege gehen würden. Knapp zwanzig Minuten hatten ihm genügt, um aus ihrem Leben zu verschwinden. Zahnbürste, Duschgel und die wenigen Kleidungsstücke, die er zum Wechseln in ihrer Wohnung deponiert gehabt hatte, waren schnell zusammengepackt gewesen. Eine Erklärung blieb er ihr schuldig. 

Natürlich hatte sich bereits davor abgezeichnet, dass sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Er war auf der Überholspur unterwegs, mit seinem Tempo konnte sie nicht mithalten. Er war gegangen und hatte nicht zurückgeblickt, als hätte sie ihm nie etwas bedeutet. Dieser Gedanke hämmerte unentwegt in ihrem Kopf.

Sie seufzte und ließ ihren Blick durch den überfüllten Club schweifen. Die gute Laune der feiernden Menschen konnte sie nicht anstecken. Im Gegenteil, sie bedrückte sie nur noch mehr.

Plötzlich erstarrte Annabell. Als hätte sie ihn mit ihren Gedanken herbeigerufen, lehnte ihr Ex am anderen Ende der Bar. Und er war nicht allein: Eine attraktive Brünette stand neben ihm. Die beiden wirkten vertraut – gerade fuhr sie ihm mit den Fingern zärtlich durchs Haar. Bei näherem Hinsehen erkannte Annabell Jans Kollegin. Auf einmal konnte Annabell sich zusammenreimen, was – oder wer – den Ausschlag für die Trennung gegeben hatte. 

„Dieser Scheißkerl!“ Annabell kämpfte mit den Tränen. Sie löste sich aus ihrer Erstarrung, bahnte sich einen Weg durch die tanzende Menge und flüchtete auf die Toilette. Kaum hatte sie die Kabine versperrt, brach sie in Schluchzen aus. Wut über die Demütigung stieg in ihr auf, fand aber kein Ventil. Es fühlte sich an, als müsse sie innerlich zerreißen. Sie war so blind gewesen. So dumm. 

Nur langsam gewann sie ihre Fassung zurück. Sie putzte sich die Nase mit dem raufaserigen Toilettenpapier, schloss die Tür auf und trat aus ihrem Versteck. Sie stellte sich vor den Spiegel und wischte die verlaufene Wimperntusche aus ihrem Gesicht. Ihre Wangen glühten, deshalb kühlte Annabell sie mit den nassen Händen. Bevor sie den Raum verließ, zupfte sie ihr Kleid zurecht. Sie wollte sich vor Jan keine Blöße geben.

Zurück an der Bar entdeckte sie ihre beste Freundin, setzte sich neben sie auf einen Barhocker und bestellte zwei Tequilas. Luisa schaute sie fragend an, woraufhin Annabell vielsagend in Jans Richtung nickte. Luisa verengte die Augen und schien Jan mit ihrem Blick aus der Ferne zu verwünschen. Sie hatte ihn nie besonders gut leiden können. Dann nahm sie Annabell eines der Schnapsgläser aus der Hand und prostete ihr zu. Annabell biss in die Zitrone, ohne das Gesicht zu verziehen. „Noch zwei!“ Mit den Fingern in der Luft verlieh sie ihrer Bestellung Nachdruck. 

In der Zwischenzeit hatten Brigitte und die Mädels den DJ zu einem weiteren Song überredet. I could be so lucky, lucky, lucky, lucky tönte Kylies Stimme durch den Club. Fassungslos schlug Annabell die Hände vors Gesicht. Luisa winkte den Barkeeper heran und bestellte eine weitere Runde. 

„Hey Süße …“ Luisa glitt vom Barhocker, um Annabell zu umarmen. „Sei froh, dass du ihn los bist. Echt, wer hätte geahnt, dass Jan so ein Arsch ist? Er hat dich gar nicht verdient.“ 

Dann bemerkte Annabell, dass Jans Neue zu ihr herschaute und ihm dabei etwas ins Ohr flüsterte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, weil er ihr den Rücken zuwandte. Jetzt zuckte er mit den Schultern, die Brünette kicherte. Was sollte das? Machte er sich etwa über Annabell lustig?

Gerade als sie Luisa von ihrer Beobachtung erzählen wollte, wurde sie von hinten angerempelt. Jetzt reichte es aber! Sie fuhr herum und war bereit, all den Ärger über die Ungerechtigkeit, die ihr zuteilgeworden war, an diesem Rüpel auszulassen. Doch dazu kam es nicht. Sie erwartete, ihrem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen. Der Mann hatte sich jedoch gebückt, um die Scherben eines Glases aufzuheben, das bei dem Gedränge zu Bruch gegangen war. Sie sah zu ihm nach unten. Im selben Moment richtete er sich auf. Ihre Köpfe knallten mit voller Wucht aneinander. Der unerwartete Schmerz ließ sie aufstöhnen. Sie musste für einen Moment die Augen schließen, um das Schwindelgefühl zu vertreiben. Als sie sie wieder aufschlug, traf sie ein besorgter Blick. Der Mann hielt sie behutsam an den Schultern fest und sah sie eindringlich an. Seine Augen waren dunkel im Dämmerlicht der Bar und wirkten erstaunlich sanft.

„Geht es dir gut?“

Annabell fing an zu weinen. 

Mit dieser Reaktion hatte ihr Gegenüber wohl nicht gerechnet. Ratlosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zum Glück tauchte Luisa kurz darauf mit etwas Eis wieder auf, das sie beim Barkeeper organisiert hatte. Sie drückte es dem Fremden in die Hände und nahm Annabell in den Arm. Aus dem Augenwinkel bekam diese mit, dass der Mann die Hand unschlüssig in ihre Richtung ausstreckte und gleich wieder zurückzog. Dann räusperte er sich. Annabell hob ihren Kopf von Luisas Schulter und sah ihn verständnislos an. Nun legte er die Reste der Eiswürfel auf den Tresen und trocknete sich die Hände an seiner Hose ab. 

„Es tut mir wirklich leid. Es war keine Absicht“, stammelte er. 

Annabell wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Schon gut. Ist ja nichts passiert“, sagte sie, nun wieder gefasster.

Als sie sich schon umdrehen wollte, erwiderte er hastig: „Ich bin übrigens Vincent. Darf ich dich zu einem Getränk einladen?“

Annabell schüttelte schwach den Kopf. „Nicht nötig“, murmelte sie. Doch er ließ sich nicht so schnell abwimmeln. „Ich bestehe darauf! Schließlich habe ich etwas gut zu machen.“

Sie öffnete den Mund, um abzulehnen, überlegte es sich aber noch einmal anders. Auf einen Drink mehr kam es heute nun wirklich nicht mehr an, also willigte sie ein und sah, wie ein Lächeln Vincents Miene aufhellte.

 

Bei einem Drink blieb es nicht. Der Inhalt der Whisky-Flasche, die zwischen ihnen auf dem Tresen stand, hatte sich binnen kürzester Zeit verflüchtigt. So kam es Annabell jedenfalls vor. In Wirklichkeit war ihr jegliches Zeitgefühl verloren gegangen. Brigitte war mit ihrer Truppe längst weitergezogen und nun drängte auch Luisa zum Aufbruch. Sie half am Samstagmorgen in einem Café in der Innenstadt aus und ihr blieben nur noch wenige Stunden Schlaf. Annabell jedoch dachte nicht daran, nach Hause zu gehen.

„Ich seh dich dann morgen“, rief ihr Luisa zu. Bevor sie sich zum Gehen wandte, warf sie ihrer Freundin noch einen prüfenden Blick zu. Dann ließ sie die beiden alleine. 

Der Alkohol war Annabell in den Kopf gestiegen und lockerte ihre Zunge. Wie ein Häufchen Elend saß sie in sich zusammengesunken da. Geduldig hörte Vincent zu, als sie darüber erzählte, was in ihrem Leben im Moment alles schief lief. Er war wirklich erstaunlich aufmerksam, dachte Annabell benebelt, und eigentlich auch recht gutaussehend.

Die Worte flossen nur so aus ihr heraus, auch wenn sie bemerkte, dass sie etwas verschwommen klangen. Immer wieder wanderte Annabells Blick verstohlen zu Jan. Plötzlich zuckte sie zusammen. Ihr Ex machte Anstalten, mit seiner neuen Flamme den Club zu verlassen. Um zum Ausgang zu gelangen, mussten sie an ihnen vorbei. Panik stieg in Annabell auf. Sie wollte Jans selbstgefälligem Blick nicht begegnen. Aus einem Reflex heraus drehte sie sich zu Vincent um, stellte sich auf die Zehenspitzen und zog seinen Kopf zu sich herunter. Dann küsste sie ihn.

2

Als am Montag um Punkt sechs der Wecker läutete, vergrub Annabell ihr Gesicht im Kopfkissen. Ihre Katze hatte jedoch kein Erbarmen mit ihr. Annabell tat ihr Bestes, das klagende Miauen zu ignorieren. Peppers versuchte es daraufhin mit Schnurren. Als auch das nicht den gewünschten Erfolg brachte, sprang sie aufs Bett und machte damit unmissverständlich klar, dass Madame jetzt ihr Frühstück wollte. Jeder Widerstand war zwecklos. Annabell kämpfte sich aus dem Bett. Sie stolperte in die Küche und beinahe über Peppers, die es eilig hatte, ihr zuvorzukommen. Ungeduldig streifte sie um Annabells Füße, als sie sich bückte, um den Futternapf zu füllen.

Die Bilder vom Wochenende drängten sich immer wieder in Annabells Kopf. Jan mit seiner Neuen, ihr Absturz, der Kuss mit diesem Fremden, und dann? Filmriss. So angestrengt sie auch darüber nachdachte, ihr fiel nicht mehr ein, was danach geschehen war. Der Kater am nächsten Tag war schrecklich gewesen und auch heute noch fühlte sie sich mutlos und zerschlagen.

Die Arbeit würde sie ablenken, dennoch graute ihr vor dem Tag im Büro ebenso wie vor der nächsten schlaflosen Nacht. Im Moment reichten Kleinigkeiten, um sie aus dem Konzept zu bringen. Solche Schwächen nahm ihre Kollegin gerne zum Anlass, um die eigene Makellosigkeit zu unterstreichen. Sie genoss es regelrecht, anderen einen Fehler unter die Nase zu reiben.

Seufzend beförderte Annabell einen weiteren Löffel Zucker in ihren Kaffee, als könnte sie sich dadurch den Tag versüßen. Draußen im Treppenhaus plärrte der fünfjährige Nachbarsjunge. „Papaaa, Papaaa, tschüühüüs … tschüss Papa, hab dich lieeeb!“ Er kümmerte sich nicht darum, ob er das gesamte Haus aus dem Schlaf riss. Die Tür der gegenüberliegenden Wohnung knallte zu und Annabell musste schmunzeln.

Die rührende Szene motivierte sie dazu, dem Tag noch eine zweite Chance zu geben. Doch als sie auf die Straße trat, folgte unmittelbar die nächste Ernüchterung: Man hatte den Sattel ihres Fahrrads geklaut.

 

Abgehetzt, aber pünktlich erschien sie an ihrem Arbeitsplatz bei einem großen Versicherungsunternehmen, das sich auf der anderen Seite der Donau befand. Es blieb keine Zeit, um sich von dem anstrengenden Dauerlauf zu erholen, der der miserablen Busverbindung geschuldet war. Sie reichte gerade so für eine Katzenwäsche. Ein Blick in den Spiegel auf der Damentoilette bot ihr ein armseliges Bild. Die Haare klebten Annabell an der Stirn und auf ihrer hellblauen Bluse zeichneten sich Schweißränder unter den Achseln ab. Sie sprühte sich mit der Parfümprobe aus ihrer Handtasche ein, doch ihr Unbehagen ließ sich dadurch nicht vertreiben. 

Der Montag zog sich in die Länge: Telefonate mit gereizten Kunden, eine Teambesprechung, die zu keinem Ergebnis führte, und ihre Kollegin, die zu jedem ihrer Vorschläge mindestens einen Kritikpunkt äußerte. Wenn sie ehrlich war, konnte sie Beatrice keinen Vorwurf machen. Ihre Leistung war in der letzten Zeit tatsächlich abgefallen. Annabell ärgerte sich selbst am meisten darüber, dass ihr am laufenden Band Flüchtigkeitsfehler passierten. Sie zweifelte bereits an ihren Fähigkeiten. Als der Feierabend endlich gekommen war, verließ sie zerknirscht das Büro und machte sich auf den Weg in Richtung Innenstadt. Annabell kramte das Handy aus ihrer Tasche. Sie war mit Luisa zum Abendessen verabredet und wollte ihr kurz Bescheid geben, dass sie unterwegs war. Das Display zeigte die Nachricht eines unbekannten Absenders an.

 

Hi Annabell. Hast du am Freitag schon was vor? Vincent.

 

Das peinliche Erlebnis vom Wochenende drängte sich mit einem Schlag zurück in ihre Gedanken. Doch zur Scham mischte sich ein anderes Gefühl, das sie verwirrte: Sie fühlte sich geschmeichelt. Annabell zögerte kurz, dann drückte sie die Nachricht weg. Freitag war sowieso ungünstig. 

 

Luisa wohnte in einer schmalen Gasse nahe dem Taubenmarkt. Vom Gedränge der Einkaufsstraße war hier nichts mehr zu spüren, obwohl nur ein Häuserblock dazwischenlag. Die Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseiten standen dicht aneinander, sodass kaum Tageslicht in die Wohnung drang. Um Geld zu sparen, teilte Luisa sich Bad und Wohnküche mit Natalie, einer redseligen Krankenschwester und einem Physikstudenten, den Annabell bei ihren Besuchen selten zu Gesicht bekam. Sie stellte sich immer vor, dass er hinter verschlossenen Türen über seinen Büchern brütete, blass und hager, vertieft in seine Formeln und Theorien über die Phänomene der Natur. Wenn sie ihm auf dem Gang begegnete, nickte er ihr nur flüchtig zu, bevor er wieder in seinem Zimmer verschwand. 

An der Tür drückte Annabell den kleinen Knopf, unter dem in großen Buchstaben das Wort LOCKE zu lesen war. Das G hatte sich über die Zeit in Luft aufgelöst. Auch die Glocke selbst war in die Jahre gekommen. Das Geräusch erinnerte Annabell an ihre rostige Fahrradklingel, und sie dachte wieder an den geklauten Sattel. Sie würde ihr Fahrrad in den Keller stellen, wenn sie nach Hause kam, um zu verhindern, dass es zu einem Ersatzteillager verkam. 

Die Tür wurde aufgerissen und Natalie grinste sie an. „Komm rein!“ Sie trat zur Seite, um den Weg frei zu machen.

Natalie war ein gutes Stück kleiner als Annabell, hatte niedliche Grübchen, wenn sie lachte, und die blonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten. Sie trug eine weiße Arbeitshose und einen blau-weiß gestreiften Kasack, der ihr bis zu den Knien reichte und ihre weibliche Figur verbarg. Annabell machte sich darauf gefasst, eine neue Episode aus Natalies Leben oder pikante Details über ihre Arbeit in der mobilen Pflege zu erfahren. Doch Natalie griff bereits nach ihrer Tasche.

„Ich muss in den Nachtdienst, meine Kollegin wartet schon unten. Bringt mir einen Nachtisch vom Italiener mit!“ Schon trampelte sie die Treppe hinunter. 

Annabell schlüpfte aus ihren Schuhen und ging den schmalen Gang entlang geradewegs auf Luisas Zimmer zu. Der Holzboden ächzte unter jedem Schritt. Aus dem Badezimmer tönte Musik. Als sie an der Tür vorbeiging, hörte sie Luisa den Refrain mitsingen. Das Surren des Föhns verschluckte die letzten Wörter. Luisa brauchte gefühlte Stunden, um ihre Haare zu trocknen und ihre Locken zu bändigen. Annabell holte sich inzwischen ein Glas Wasser aus der Küche, die wie immer sauber und aufgeräumt war. Da stand keine ungewaschene Tasse herum, die Kissen auf der roten Couch waren dekorativ arrangiert und die Gläser und Teller im Regal passten perfekt zusammen. Ein bisschen verlegen dachte sie an das bunte Sammelsurium an Geschirr in ihren eigenen Küchenschränken. 

Sie wollte die Ordnung nicht zerstören, deshalb wusch sie ihr Glas gleich ab, nachdem sie es ausgetrunken hatte. Weil sie kein Geschirrtuch fand, wischte sie es mit Küchenrolle aus und stellte es zurück in die Reihe der anderen Gläser. Sie ging in Luisas Zimmer und ließ sich auf das Bett unter der Dachschräge fallen. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großes Bücherregal, das bis zur Decke reichte. 

Ihre beste Freundin hatte in ihrem Leben schon so vieles ausprobiert, dachte Annabell und wünschte sich, sie wäre selbst ein wenig mutiger. Die Jobs wechselte Luisa ähnlich schnell wie ihre Männer. Aktuell studierte sie Sozialwirtschaft im vierten Semester, doch ihr Herz schlug für die Bühne. Schwarz-Weiß-Bilder auf ihrem Schreibtisch zeigten ihre Idole. 

Annabell suchte sich aus der breiten Kommode neben Luisas Bett ein frisches Oberteil heraus. Luisa würde nichts dagegen haben und mit einer verschwitzten Bluse wollte Annabell nicht im Restaurant aufkreuzen.

 

Als Luisa endlich fertig war, gingen sie zu ihrem Lieblingsitaliener, der nur ein paar Meter von Annabells Wohnung entfernt lag. Es war Ende Mai und warm genug, um im lauschigen Innenhof zu sitzen. Unter dem Laubendach, das alle vier Seiten säumte, fanden nur wenige Tische Platz. Die Holzbalken wurden gestützt von einem Ziegelmauerwerk aus Sandstein. In der Mitte plätscherte das Wasser in einem kleinen Brunnen, der Lärm der Straße blieb draußen. Luisa bestellte ein Glas Rotwein zu ihrer Pasta, Annabell begnügte sich mit einem Wasser. Nach ihrem Ausrutscher vom Wochenende blieb sie wieder abstinent. Der Kellner servierte es mit einer Scheibe Zitrone und einem frischen Minzblatt, das sie mit den Fingern aus dem Glas fischte.

„Ich muss dir was erzählen“, brach es aus Luisa heraus, nachdem sie eine Weile über dies und das geredet hatten. Sie nahm einen Schluck Wein und strich sich eine Locke hinter die Ohren, die sich aus ihrem Haarband gelöst hatte. 

„Ich habe dir doch erzählt, dass ich mich für diesen Theater-Workshop angemeldet habe.“

„Ich kann mich vage daran erinnern“, scherzte Annabell. „Ich glaube, du hast es in den letzten Wochen ein paar Mal erwähnt.“ 

„Am Freitag war das Vorsprechen.“

„Und?“

„Ich wurde aufgenommen!“

„Das ist ja fantastisch. Warum erzählst du das erst jetzt?“

„Na ja, du warst so niedergeschlagen. Und dann war da noch die Sache mit Jan. Am Samstag wollte ich dir schon fast davon erzählen, aber es schien mir nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.“

Annabells schlechtes Gewissen meldete sich. Seit der Trennung war sie so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass es ihr nicht in den Sinn gekommen war, bei ihrer Freundin nachzufragen. Luisa war immer für sie da, jetzt wollte sie sich mit ihr über ihren Erfolg freuen. 

„Ich bin unglaublich stolz auf dich.“ Annabell beugte sich über den Tisch, um ihre Freundin zu umarmen. Luisa hatte ihr erzählt, wie schwer es war, einen Platz im Workshop zu bekommen. Der Trainer, seinen Namen hatte sie vergessen, war anscheinend eine richtige Schauspiel-Koryphäe. Er hatte bereits viele Talente groß rausgebracht. 

„Wann geht es denn los?“

„Schon Ende der Woche. Ich bin ja so aufgeregt. New York, der Broadway - so nah war ich meinem Traum noch nie.“

Annabell löste die Umarmung und sah ihre Freundin verdutzt an. 

New York? Annabell hätte sich ohrfeigen können. Sicher hatte ihr Luisa nicht verschwiegen, dass sie für ihren Schauspielkurs ans andere Ende der Welt reisen wollte. Vermutlich hatte Annabell, wie so oft in den letzten Tagen, nicht richtig hingehört, als Luisa es erwähnt hatte. Sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. „Ähm, wie lang geht der Kurs nochmal?“, fragte sie vorsichtig.

„Den ganzen Sommer über. Oh Annabell, das wird so toll“

Annabell nickte und rang sich ein Lächeln ab. Sie müsste einfach für eine Weile ohne ihre beste Freundin auskommen. 

Konzentriert starrte sie auf die rot-weißen Karos der Tischdecke. Sie verschwammen vor ihren Augen. Annabell blinzelte die Tränen weg, Luisa sollte davon nichts mitbekommen. Jetzt war es an der Zeit, die eigenen Gefühle zurückzustecken. Annabell nahm Luisas Hand und drückte sie sanft. „Wehe, du vergisst mich, wenn du einmal reich und berühmt bist … und mit einem unverschämt gutaussehenden Broadway-Star verheiratet.“

Luisa prustete los. 

„Pah. Da lache ich mir lieber einen Wallstreet-Banker an. Falls ich mit meiner Kunst keinen Ruhm ernte, habe ich zumindest ausgesorgt.“

Die beiden Freundinnen malten sich aus, was in diesem Sommer im Big Apple alles passieren würde und schmiedeten unsinnige Pläne. Sie fanden zehn gute Gründe, warum es sich lohnen würde, in der Stadt, die niemals schlief, den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Annabell schlug vor, dass eine Romanze mit einem Taxifahrer eine mögliche Strategie wäre, um nicht in der Weltmetropole verloren zu gehen. 

„Ach, du verrücktes Huhn. Was werde ich nur ohne dich tun. Warum kommst du nicht einfach mit?“, seufzte Luisa, als sie sich schließlich verabschiedeten.

 

Kurz vor zwölf betrat Annabell ihre Wohnung und wurde von Peppers mit einem beleidigten Murren begrüßt. Annabell setzte sich zu ihr auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Küchenfront und streckte die Beine von sich. Sie fühlte sich leer. 

Nachdenklich fragte sie sich, ob sie gerne mit Luisa tauschen würde. Oder mit Brigitte? Beide standen vor einem neuen Abenteuer in ihrem Leben. Was hielt Annabell davon ab, mit Luisa nach Amerika zu gehen? Ihr Job war es bestimmt nicht. Jeden Tag musste sie sich aufraffen, um ins Büro zu gehen.

Doch immerhin wurde ihre Arbeit gut bezahlt. Das war schon mehr, als man erwarten konnte. Davon abgesehen hatte sie auch keine Idee, was sie mit ihrem Leben sonst anfangen sollte. Besondere Talente waren ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Alles an ihr war durchschnittlich, fand sie. Tatsächlich hatte sie nie so recht verstanden, wie sich ein Typ wie Jan in sie hatte verlieben können.

3

„Gott sei Dank bist du da. Sie ist völlig am Durchdrehen. Nicht auszuhalten.“ Natalie rollte theatralisch mit den Augen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen, als sie Annabell an der Tür empfing.

Luisa stand vor zwei geöffneten Koffern in ihrem Zimmer, die sie in drei Tagen aufs Gepäckband hieven würde. Im Raum regierte das Chaos, ein ungewohntes Bild. Kleidungsstücke lagen überall verstreut. Erst bei genauerer Betrachtung erkannte Annabell ein System dahinter. Luisa hatte kleine Haufen gebildet, um sich einen besseren Überblick über die Dinge zu verschaffen, die sie mitnehmen wollte. Sie schien eine Checkliste in ihrem Kopf abzuarbeiten und sprach leise mit sich selbst. Dann stieg sie über zwei Wäscheberge, um ein Kleid vom Haufen in der hintersten Ecke des Zimmers zu holen. Erst jetzt drehte sie sich mit hängenden Schultern um und stieß einen Seufzer aus. 

„Ich weiß, was dir hilft. Du brauchst eine Pause.“ Annabell nahm ihre Freundin an der Hand und führte sie zur Couch in der Wohnküche. Luisa folgte widerstandslos und ließ sich in die Kissen plumpsen. Während Natalie die Kaffeemaschine zum Laufen brachte, holte Annabell drei Teller aus dem Regal. Aus ihrer Tasche zerrte sie einen Pappkarton, der durch den Transport in der übervollen Straßenbahn verbeult war. Noch bevor sie sich vergewissern konnte, dass der Kuchen darin heil war, hörte sie, wie Luisa auf der Couch begeistert in ihre Hände klatschte.

„Du hast Schokokuchen mitgebracht!“, jubelte sie und stürmte gleich zur Anrichte, um sich das erste Stück zu schnappen. Sie griff nach der Gabel und schaufelte gierig einen Bissen nach dem anderen in sich hinein.

„Der ist einfach so gut“, schwärmte sie mit vollem Mund. Annabell schmunzelte. Schokoladenkuchen hatte die Freundinnen schon aus mancher Krise gerettet. Er war ein Seelentröster, der sofort Wirkung zeigte. Man konnte förmlich zusehen, wie sich die Endorphine über Luisa hermachten. Natalie lachte erstaunt über den plötzlichen Stimmungswandel ihrer Mitbewohnerin.

„Was hast du denn in den Teig gemischt? Ich will auf der Stelle auch ein Stück.“

Sie bediente sich, schwang sich auf den Küchentisch und ließ die Beine baumeln, während sie sich ihrem Kuchen widmete. Luisa hatte ihre Portion inzwischen verputzt. Die letzten Krümel und Schokoladenreste tupfte sie mit ihrem Finger vom Teller. Annabell hatte ihren Kuchen dagegen kaum angerührt. Vincents Nachricht ging ihr noch immer im Kopf herum. Da fiel ihr ein, dass sie Luisa nicht davon erzählt hatte. Annabell schämte sich für ihr unmögliches Verhalten in jener Nacht, sogar vor ihrer Freundin. Vor allem aber fragte sie sich, ob sie Vincent womöglich einen falschen Eindruck von sich vermittelt hatte. Vielleicht konnte Luisa ihr die Zweifel nehmen? Also rang Annabell sich durch und berichtete ihrer besten Freundin die Neuigkeit.

„Vincent hat sich bei mir gemeldet.“

Luisa stellte das Geschirr beiseite und starrte sie mit aufgerissenen Augen an. „Was hat er gesagt?“

„Eigentlich hat er nichts gesagt. Er hat mir eine Nachricht geschrieben.“

„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“

„Wer ist Vincent?“, fragte Natalie, ohne dabei von ihrem Kuchen aufzusehen.

„Annabells neueste Eroberung. Red weiter!“

„Das ist er ganz sicher nicht. Ich weiß gar nicht, woher er meine Nummer hat. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie ihm gegeben zu haben.“ 

Luisa sah sie mit einem Blick an, der ihr zu verstehen gab, dass sie sich darüber nicht wundern sollte.

„Willst du uns ewig auf die Folter spannen? Was hat er denn geschrieben?“, fragte nun auch Natalie.

„Er hat gefragt, ob wir uns treffen. Also, eigentlich nicht so richtig …“

„Und? Triffst du dich mit ihm?“, unterbrach Luisa sie ungeduldig.

„Nein.“

„Nein?“

„Ich kenne ihn doch gar nicht. Ich weiß ja nicht einmal mehr genau, wie er ausgesehen hat.“ Sie erinnerte sich nur an seine dunklen, braunen Augen, die sanften Lippen und den beruhigenden Klang seiner Stimme. 

Luisa konnte sie nichts vormachen. „Schreib ihm“, forderte sie vehement.

„Das kann ich nicht“, flunkerte Annabell, um das Thema möglichst gleich wieder vom Tisch zu haben. Es behagte ihr nicht, von Luisa bedrängt zu werden. Aber, wie es zu erwarten war, ließ ihre Freundin nicht locker.

„Natürlich kannst du.“

„Nein, kann ich nicht. Ich habe seine Nummer nicht mehr. Ich hab sie gelöscht.“

„Annabell“, seufzte Luisa. „Du machst dir das Leben unnötig schwer.“ Sie griff nach Annabells Tasche und holte das Handy heraus. Annabell versuchte, es ihr aus der Hand zu nehmen, doch Luisa hob es in die Höhe und drehte sich von ihr weg.

„Ha!“, rief sie. „Da haben wir sie ja. Jetzt wollen wir deinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen.“

„Luisa“, bettelte Annabell. „Bitte nicht! Ich bin noch nicht so weit.“

„Es verlangt ja keiner, dass du dich gleich in die nächste Beziehung stürzt. Hab einfach ein bisschen Spaß und genieß dein Leben!“ Schon tippte sie flink auf dem Handy herum.

„Das wäre erledigt.“ 

Annabell war gekränkt und fühlte sich übergangen, aber sie wollte es sich nicht anmerken lassen. Immerhin musste sie sich in ein paar Tagen von ihrer Freundin verabschieden. Tatsächlich hoffte sie, Vincent würde sich nicht ausgerechnet jetzt zurückmelden. Sie wollte schon selbst entscheiden, wie die Unterhaltung weiterverliefe und nicht auch noch die passenden Worte in den Mund gelegt bekommen. Doch mit jeder Minute, die verging, ohne einen Piep von ihrem Handy, wuchs ihre Enttäuschung. Alle drei starrten wie gebannt auf das Mobiltelefon am Küchentisch. „Ich fange ja nur ungern mit dem leidigen Thema an, aber wir sollten langsam daran denken, deine Koffer fertig zu packen“, unterbrach Annabell schließlich die unangenehme Stille.

 

Es war bereits dunkel, als sie Luisas Wohnung verließ. Sie stieg in das Taxi, das vor der Tür auf sie wartete. Aus dem Radio erklang die einschläfernde Stimme eines Moderators, der Kummerkasten-Ratschläge säuselte. Zuerst deprimierte es sie, dann fielen ihr davon die Augen zu. Rockmusik in voller Lautstärke riss sie aus dem Halbschlaf. Der Taxifahrer verzog keine Miene.

„Wir sind da.”

Nachdem sie Peppers versorgt hatte, kroch sie ins Bett. Annabells Magen rumorte ein wenig, die Strafe für das zweite Stück Schokokuchen. Ihre Beine waren heiß und kribbelten unerträglich, wie immer wenn ihre Gedanken nicht zur Ruhe kamen. Aus Erfahrung wusste sie, dass eine eiskalte Dusche keine wirkliche Erleichterung brächte. Sie drehte sich um hundertachtzig Grad, sodass sie ihre Füße an die kühle Wand über dem Kopfteil von ihrem Bett drücken konnte. Als sie gerade dabei war, wegzudösen, piepste ihr Handy auf dem Nachttisch.

 

Schläfst du schon?

 

Vincent! Annabell setzte sich auf. Die Aufregung ließ ihr Herz schneller schlagen. Sollte sie zurückschreiben? Sie formulierte eine Nachricht und löschte sie wieder. Auch mit dem zweiten Versuch war sie nicht zufrieden. Wie konnte man diese Frage möglichst ungezwungen beantworten? Vielleicht mit Ich würde gerne. Das entsprach zwar der Wahrheit, aber er würde es garantiert in den falschen Hals bekommen. Ich träume von dir. Annabell schüttelte den Kopf. Das ging gar nicht. Ihr war immer noch schleierhaft, was in dieser Nacht alles passiert war. War es bei dem Kuss geblieben?

 

Bin noch beim Schäfchen-Zählen. 

 

Sie drückte auf Senden. Die Antwort kam prompt und ließ Annabell grinsen.

 

Du kannst zählen? 

 

„Na warte“, sagte sie laut und tippte schnell die nächste Nachricht.

 

Annabell: Wenn ich will, kann ich die Schafe sogar subtrahieren oder multiplizieren. Nur Brüche möchte ich mir keine ausrechnen: Das ist Tierquälerei!

 

Vincent: Davon würde ich mich auch distanzieren. Warum bist du so spät noch wach?

 

Annabell: Kann nicht schlafen.

 

Vincent: Ich auch nicht. Ich glaube, das macht der Vollmond. Woran liegt es bei dir?

 

Annabell: Schokoladenkuchen.

 

Vincent: Lecker.

 

Annabell: Mach dir keine Hoffnungen. Es ist nichts mehr davon übrig. 

 

Vincent: Bist du vielleicht gierig!

 

Annabell: Von wegen, hab den Kuchen freundschaftlich geteilt. 

 

Vincent: Falls du wieder mal Lust auf ein Stück hast, würde ich dich gerne dazu einladen.

 

Sie schluckte. Insgeheim hatte sie darauf gehofft, dass Vincent sich melden würde. Jetzt verspürte sie das Bedürfnis, ihn auf Abstand zu halten. Es war paradox. Sie wollte nicht, dass die Vorstellung, die sie von ihm hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase.

 

Annabell: Wenn sich der Heißhunger bei mir meldet, melde ich mich bei dir :-) gute Nacht.

 

Vincent: Gute Nacht. Träum schön. 

 

Annabell war zufrieden, dass sie noch einmal die Kurve gekratzt hatte. Sie hatte ihn weder abgewiesen, noch eine verbindliche Zusage gegeben. Das verschaffte ihr Zeit, sich über ihre Gefühle klarzuwerden.