Leseprobe Violet Blue Sky

Jenseits der Welt

„Es ist traurige Gewissheit – nach dem Absturz des Privatflugzeugs von Popstars Kevin Jordan Sky gibt es laut neuesten Ermittlungen keine Überlebenden. Die Maschine war am vergangenen Freitag kurz nach Sonnenuntergang bei einem Flug von Chicago nach Michigan über einem Feld abgestürzt. Neben seiner langjährigen Managerin Angelina Brady war auch der Sänger selbst an Bord der Maschine. Der 48jährige Engländer war mit Brady und seinen Bandmitgliedern auf einer Werbetour gewesen. Der Rest der Band hielt sich bereits in Michigan auf. Schuld an dem Unglück soll ein Defekt an der Maschine gewesen sein. Bei der letzten Inspektion vor rund zwei Monaten waren allerdings keine Mängel festgestellt worden. Die Plattenfirma SoundMagic von Kevin Jordan Sky bestätigte nun den Tod des bekannten Popstars. 

Skys letztes Solo-Album ‚Hope Island‘ und das Bandalbum ‚Magic in the Sky‘ waren ein weltweiter Erfolg. Aus Insiderkreisen wurde laut, dass ein weiteres Album bereits in Planung war. Seit einigen Jahren trat Kevin auch als Solokünstler auf. In einem Interview sagte er dazu, er wolle sich verstärkt selbst verwirklichen. Immer wieder gab es deshalb Gerüchte über Differenzen mit der Band, die von beiden Seiten jedoch jedes Mal vehement dementiert wurden. 

Eine Sprecherin der Band sagte, sein Tod habe ein tiefes Loch in ihre Herzen gerissen. In Gedanken seien sie bei den Angehörigen Skys, sowie denen seiner Managerin Angelina Brady. Die 50jährige hinterlässt ihren Ehemann. Besonders betroffen zeigte sich auch Thelma Matthews, die Cousine Skys. ‚Ich werde ihn nie vergessen und immer im Herzen tragen, genau wie seine Musik‘, sagte sie auf einer Pressekonferenz. Die weiteren Familienmitglieder des Sängers baten ausdrücklich um Ruhe. Insider berichten, dass die Familie in tiefer Trauer sei.“ 

Violet McLovely atmete tief durch und drehte das Radio leiser. Sie lehnte sich nachdenklich in ihrem Schaukelstuhl zurück, der am Fenster ihres kleinen Zimmers stand. Regentropfen trommelten gegen die Scheibe, als würde auch der Himmel über den Tod von Kevin Jordan Sky weinen. Ihre Mutter hätte es mit Sicherheit getan. Sie war immer ein großer Fan von Sky gewesen. Vielleicht konnte sie ihn nun im Himmel treffen, dachte Violet. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln. Sie war glücklich, dass sie ihrer Mutter vor deren Tod mit dem Besuch eines Konzertes von Sky in London einen letzten großen Wunsch erfüllen konnte. Vom ersten bis zum letzten Ton war Melody hin und weg gewesen. „Hoffentlich ist er dieses Mal wirklich von dem Teufelszeug weggekommen“, rief sie ihrer Tochter über die dröhnenden Bässe ins Ohr. „Ich wünsche es dem gutaussehenden Mistkerl.“ Sie hatte gelacht und ihre Augen schimmerten wie feuchte Perlen.

„Alles gut, Mum?“, hatte Violet gefragt. 

„Ja, alles gut. Mach dir keine Sorgen.“ 

Melody hatte gelächelt, ihrer Tochter tief in die tannengrünen Augen geblickt und mit ihrer weichen Stimme hinzugefügt: „Du bist etwas ganz Besonderes. Lass dir nie was anderes einreden. Okay?“

„Ich versuche es!“

Ein halbes Jahr später war sie gestorben. Immer wieder beschlich Violet das Gefühl, dass ihre Mutter ihr noch etwas Dringendes hatte sagen wollen. Ihre Augen hatten so müde gewirkt, als sie sie das letzte Mal gesehen hatte. Der Krebs hatte die Macht über ihren zierlichen Körper übernommen und Melody konnte ihm letztendlich nicht standhalten. Doch die Erinnerungen, die Violet an ihre Mutter hatte, konnte er ihr nicht nehmen. Sie beide waren immer ein unschlagbares Team gewesen und hatten einander Halt und Stärke gegeben. Wenn sie zusammen waren, war es Violet leicht gefallen, die kleinen Dinge des Lebens zu genießen, einen Spaziergang durch den Hyde Park etwa oder eine Fahrt im London Eye. Auch wenn sie nie viel Geld hatten und Melody nur Verkäuferin in einem Modegeschäft gewesen war, hatte sie immer versucht, ihre Tochter zu verwöhnen. Die kleine Wohnung am nördlichen Rande Londons, in der sie zur Miete gewohnt hatten, war eine richtige Wohlfühloase gewesen. 

Es war Violet schwer gefallen, ihr Zuhause nach Melodys Tod zu räumen. Doch alleine hätte sie die Miete dafür niemals aufbringen können, denn nach ihrem Schulabschluss hatte sie nur einen Kellnerinnenjob ergattern können. Doch das war immerhin besser als kein Job, sagte sie sich. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte die neu heranschwappende Welle des Schmerzes auszubremsen. 

Seit ein paar Monaten wohnte Violet nun bei ihrer Tante Angela und ihrem Onkel Marcus August in Shoreditch, im East End Londons, in einer kleinen Dachgeschosswohnung. Die beiden hatten sie widerwillig bei sich aufgenommen, da Violet versprochen hatte, einen Großteil der Haushaltsdienste zu übernehmen und sich an den Lebenshaltungsskosten zu beteiligen. Das war immerhin weniger, als sie für eine Wohnung oder ein WG-Zimmer hätte zahlen müssen. Das kleine Zimmer in der Wohnung ihrer Tante und ihres Onkels, das sie bewohnte, reichte ihr bis sie einen richtigen Job gefunden hatte oder vielleicht sogar eine Ausbildung als Konditorin beginnen konnte. Dann wollte sie sich etwas eigenes suchen. 

„Aufstehen, Schlafmütze, oder willst du deinen Job verlieren?“, rief Angela und klopfte gegen die Türe. 

Seufzend strich sich Violet zwei Strähnen ihres kurzen, kastanienbraunen Haares aus der Stirn und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war noch genug Zeit. Außerdem war sie schon seit zwei Stunden wach. Doch um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, rief sie: „Danke, ich komme gleich!“

Schnell schaltete Violet das Radio ab, erhob sich aus dem Schaukelstuhl, ging zu ihrem Schreibtisch hinüber und strich über das Bild ihrer Mutter, das dort in der Ecke stand. Ihre sanften grünbraunen Augen schienen selbst auf der Fotografie strahlend zu leuchten. Wie Violet hatte sie ein zartes, schmales Gesicht gehabt, mit einem Grübchen auf der rechten Wange, wenn sie lächelte. 

„Du hast das gleiche Haar wie deine Mum und du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.Wenn ich dich ansehe, glaube ich fast, Melody steht vor mir“, hatte Violets Tante einmal gesagt. Violet wollte sich schon freudig für das Kompliment bedanken, als Angela höhnisch hinzugefügt hatte: „Du müsstest dir nur endlich mal die Haare wachsen lassen und dir andere Klamotten zulegen. So siehst du fast aus wie ein Junge! Naja, du warst schon immer etwas seltsam, schon seit deiner Geburt. Ich meine, du kamst praktisch aus dem Nichts. Melody hat keinem von ihrer Schwangerschaft erzählt und dich eines Tages plötzlich mitgebracht. Mich würde wirklich interessieren, wer ihr das Ei ins Nest gelegt hat.“

Violet hatte so getan, als hätte sie nichts gehört. 

Auch wenn das Wetter noch scheußlich war, zog Violet schwarze Shorts und ein neongelbes Shirt aus dem kleinen Schrank und ging in das Gemeinschaftsbad am Ende des Flures. Die Wände waren mit Blumenkacheln gefliest und erinnerten an die Hippiezeit der 70er. 

Violet starrte in den Spiegel und spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht, das, wie sie hoffte, ihre Augenringe mildern würde. Wieder einmal war sie letzte Nacht unter Tränen eingeschlafen.

„Du fehlst mir, Mum“, flüsterte sie. 

Sie musste an die Beerdigung denken. Wenn sie ehrlich mit sich war, hatte sie bis zuletzt gehofft, ihr Vater würde dort auftauchen und sie könnte ihn endlich kennenlernen. Doch Melody hatte seinen Namen mit ins Grab genommen. Nur einmal hatte sie angedeutet, dass er von ihr, seiner Tochter, wusste. Vielleicht hatte sie es aber auch falsch verstanden. Nur einer Sache war sie sich sicher, dass ihre Mutter bei ihren Entscheidungen immer ihr Bestes im Sinn gehabt hatte.

Das kleine Café in Shoreditch war brechend voll. Violet hatte Glück gehabt, sie kam gerade noch rechtzeitig. Elisabeth Lightly, Betty genannt, die Inhaberin des Graffiti-Rooms, duldete keine Schlamperei und hasste Unpünktlichkeit wie die Pest. Obwohl Violet schon seit einiger Zeit für sie arbeitete, bei den Gästen beliebt war und noch nie einen Teller oder eine Tasse zerbrochen hatte, wurde sie von der dicklichen, rothaarigen Betty von der Theke aus mit Adleraugen beobachtet. Sicher jonglierte Violet das Tablett voller Kaffeetassen und Wassergläser zwischen den Tischen. Die Zeit verging schnell, denn sie hatte alle Hände voll zu tun. Sie wusste trotz Bettys kritischem Blick, dass sie ihren Job gut machte, doch tief in ihrem Inneren hatte sie andere Träume und sehnte sich nach einer besseren Zukunft. 

Nach ein paar Stunden, in denen sie fast ununterbrochen hin und her gerannt war, entdeckte sie aus dem Augenwinkel Jack vor der großen Fensterwand des Cafés, der ihr zuwinkte. Jack Ripper, Spitzname Jack the Ripper, war zwei Köpfe größer als Violet, schlaksig und hatte Augen, deren Blau dem Gefieder eines Eisvogels glichen. Außerdem war er schwul und für sie der beste Freund der Welt. Wie immer hatte er seine Gitarre geschultert, ohne die er selten das Haus verließ.

Lächelnd zwinkerte Violet in seine Richtung und servierte einem älteren Ehepaar zwei Cappuccinos mit kakaobestäubten Herzen. 

„Wie hübsch“, sagte die Dame und bedankte sich.

Auf dem Weg zurück zur Theke sah sie noch einmal nach Jack, der auf seine Armbanduhr tippte. Heimlich warf sie einen Blick zur Glastür, über der eine große Uhr vor sich hin tickte. Kurz vor drei. Ihre Schicht war also bald zu Ende, und sie bedeutete Jack mit einem Fingerzeichen, dass sie gleich kommen würde. Schon den ganzen Tag freute sie sich auf die freie Zeit mit ihm. Jack wohnte allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung, im Dachgeschoss eines alten Mietshauses, ganz in der Nähe ihrer Tante. Violet und er kannten sich noch aus Schulzeiten und sie waren füreinander ein Familienersatz.

Jack hatte kaum noch Kontakt zu seinen Eltern. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, um an einem Gesangswettbewerb im Fernsehen, teilzunehmen, wollten sie nichts mehr von ihm wissen. 

„Was für ein Irrsinn. Hast du tatsächlich geglaubt, du würdest das Ding gewinnen?“, hatte ihn sein Vater angebrüllt.

Zumindest hatte er es bis ins Halbfinale geschafft. Violet hat bis zum Schluss mitgefiebert. Das Rennen machte ein Mädchen aus London und Jack war wieder in der Versenkung verschwunden. 

„Es stimmt wirklich, dass die Medien schnellebig sind. Heute gefeiert, morgen vergessen, übermorgen begraben“, war Jacks Resümee gewesen.

Nach der Show waren Stimmen laut geworden, die behaupteten die Sache wäre von vornherein hinter den Kulissen entschieden gewesen. Seitdem wollte Jack nichts mehr von Castings oder Shows dieser Art wissen. 

Betty Lightlys lautes Räuspern riss Violet aus ihren Gedanken. Schnell machte sie sich auf den Weg zu ihrer Chefin, die sich gerade ein großes Stück Schokoladenkuchen in den Mund schob. Kauend zeigte sie nach draußen. „Dein Freund soll dich nicht immer ablenken. Es ist schon das fünfte Mal, dass ich ihn direkt vor dem Café herumlungern sehe.“

„Er lungert nicht herum. Er wartet nur auf mich, Mrs Lightly“, stellte Violet klar. 

Betty zog die zu einem dünnen Strich gezupften Brauen nach oben und reckte ihren Kopf. „Ein hübscher Junge ist er ja. Nur diese blonden Rastalocken, die sollte er sich abschnippeln lassen. Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“

Es war kein Geheimnis, dass Betty ziemlich neugierig war. 

„Wir sind nicht zusammen. Aber süß ist er wirklich.“ Violet musste schmunzeln. „Für mich ist er wie ein Bruder.“

„Meine Güte, du bist doch nicht etwa lesbisch? So was dulde ich hier nicht.“ Erschrocken riss sie den Mund auf. „Trägst du deshalb immer Jungsklamotten?“

„Nein, das nicht. Aber ich habe auch nichts gegen Lesben und Schwule. Es ist ja keine Krankheit.“ 

Soeben hatte Mrs Lightly weitere Sympathiepunkte bei ihr verspielt. 

„Nun ja. In den letzten Jahren ist dieser Zustand zu einer Modeerscheinung geworden, wie mir scheint. Einfach lächerlich.“ Angewidert warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Drei Minuten hast du nachzuarbeiten“, sagte sie spitz. 

„Warum?“, fragte Violet und zog überrascht die Brauen zusammen.

Ihre Chefin zuckte mit den Schultern. „Schwätzen wird nun mal abgezogen.“ 

Violet schüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts und machte sich wieder an die Arbeit. Jack hatte sich inzwischen auf einer der Bänke auf der anderen Seite der Straße niedergelassen, als hätte er gehört, was Betty gesagt hatte. Lässig schlug er die Beine übereinander und zupfte an seiner Gitarre. 

Als ihre Schicht zu Ende war, nahm Violet beschwingt ihre weinrote Schürze ab, verabschiedete sich ordnungsgemäß von Betty und flüchtete nach draußen. Inzwischen hatte sich ein kleines Publikum vor Jack versammelt und lauschte seiner Musik. Jack spielte einfach wunderbar, es faszinierte sie jedes Mal. Lächelnd mischte sie sich unter die Leute. Jack spielte einen Titel von Kevin Sky. Black Devils war einer der Songs, die er als Solokünstler aufgenommen hatte, und sie mochte das Lied besonders gern. Es handelte von den Drogenproblemen, mit denen Sky immer wieder gekämpft hatte. Violet wusste, dass er schon ein paar mal nah an einer Überdosis gewesen war und nur durch viel Glück überlebt hatte. Vor seinem Tod war er jedoch bereits mehrere Monate clean geblieben. Umso dramatischer, fand Violet, dass es nun ein Flugzeugabsturz gewesen war, der ihn das Leben kostete. Die Journalisten hatten sich überschlagen mit ihren Spekulationen, was sich in den Monaten vor Skys Tod verändert hatte. Anscheinend hatte er auch privat wieder neue Hoffnung geschöpft, denn sein neuer Lebenspartner Brian June hatte sich nach einer kurzen Trennung wohl doch wieder mit ihm versöhnen wollen. Die Gründe, warum sich das Paar überhaupt getrennt hatte, blieben weiterhin im Dunkeln. Brian wollte sich dazu nach wie vor nicht äußern. Der Tod des beliebten Popstars war derzeit nicht nur in England in aller Munde. 

„Hi Violet!“ Jack zwinkerte ihr zu. 

Vier Mädchen protestierten lautstark, als er mit dem Spielen aufhörte. 

„Gott, ich werde Kevin Sky so vermissen“, sagte eine Schwarzhaarige und legte träumerisch den Kopf schief. Die anderen nickten zustimmend und tupften sich demonstrativ die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Spiel weiter!“, bat auch Violet. Jack lächelte in ihre Richtung und stimmte einen neuen Song an, dieses Mal von Ed Sheeran. Die Leute klatschten, ein Mädchen kreischte begeistert.

Auch die anderen erwachten aus ihrer Trauer. Violet war stolz auf Jack, dass seine Art, die Songs zu spielen, die Leute derart mitriss. Er hatte es wirklich – dieses gewisse Extra. Sie wusste, was ihm die Musik bedeutete. Sie war nicht nur ein Hobby, sondern sein Leben. Ehrlich gesagt ging es ihr nicht anders. Allerdings gab es da mehrere Haken, die den Traum einen Traum bleiben ließen. Violet wiegte sich im Takt der Musik und sang leise mit. 

„Ja! Lauter! Komm schon, Violet“, rief Jack und zog auffordernd die Brauen nach oben. Verlegen lachend lehnte sie ab. Laut vor anderen zu singen, außer vor Jack und früher ihrer Mutter, war unmöglich für sie. Die Geburtstagsfeier ihrer Tante vor ein paar Jahren, an der sie es probiert hatte, war ihr eine Lehre gewesen. Als sie nach vorne getreten war und in die erwartungsvollen Gesichter blickte, wollte kein Ton aus ihrer Kehle kommen. Von Anfang an hatte sie sich unwohl gefühlt. Die Einzige, die sie danach getröstet hatte, war ihre Mutter gewesen. Angela und die anderen Gäste hatten flüsternd über sie geredet und über die Blamage gelacht, zumal Melody die Stimme ihrer Tochter zuvor bis in den Himmel gelobt hatte.

„Mach dir nichts draus. Irgendwann zeigst du es ihnen. Ich weiß, dass du wundervoll singst.“ 

Kaum jemand aus Tante Angelas und Onkel Marcus' Bekanntenkreis war von Violets merkwürdigem Auftritt überrascht gewesen. Das scheue Mädchen in ihren Jungsklamotten war ja schon immer seltsam gewesen, fanden sie. Hinter vorgehaltener Hand nannte man sie die „geheimnisvolle Empfängnis“. Auch dafür fand Melody tröstende Worte: „Lass sie reden. Sie wissen und können es nicht besser.“ 

Violet erinnerte sich oft an diese Worte und klammerte sich an sie wie an einen Rettungsanker. 

Jack hatte sein Lied inzwischen beendet, erhob sich und ging auf seine Freundin zu. 

„He, nicht schon wieder aufhören!“, kicherten die Mädels. Ein älteres Ehepaar drückte ihm ein paar Münzen in die Hand. 

„Das ist nett. Danke. Wenn ich einen Hut hätte, würde ich ihn ziehen“, erwiderte Jack charmant. 

„Schon gut! Du spielst wirklich toll“, sagte der Herr und hing sich bei seiner Frau ein, die Jack frech zuzwinkerte. 

Wie schon am Morgen begann es leicht zu nieseln. Das Londoner Wetter kümmerte sich nicht darum, dass es Sommer war. Violet schüttelte ihr leicht lockiges, kurzes Haar. 

„Die wären erst so richtig ausgeflippt, wenn du gesungen hättest, Vi“, sagte Jack überzeugt. 

„Du weißt, ich kann das nicht, Jack.“

„Das glaubst du nur“, erwiderte Jack. 

Er hängte sich seine Gitarre um, nahm Violet an der Hand und rannte mit ihr über die Straße, in Richtung eines kleinen Parks. Tief atmete Violet den Duft der Blumenbeete zwischen den Wegen und der großen Laubbäumen in ihre Lunge. Es war ihr Lieblingsort, um runterzukommen. Mittlerweile mochte auch Jack den kleinen Park sehr gern. 

„Das wäre deine Chance gewesen. Und was heißt, du kannst das nicht? Du singst so klasse, Vi“, fing er wieder mit dem Thema an. 

Sie seufzte. „Du weißt, wie ich das meine. Vor Publikum geht das nicht. Wer weiß, vielleicht hätte ich in einem Studium gelernt diese Blockade zu lösen.“ 

„Irgendwann schaffst du es auch so. Da gebe ich deiner Mum ganz recht. Sie hat das auch immer gesagt.“ 

Eine Gruppe Jugendlicher ging an ihnen vorbei. Violet und Jack hörten, dass sie sich über Kevin Sky unterhielten. Sie trugen Blumen und Fotos bei sich und waren ganz in Schwarz gekleidet. 

„Dass er tot ist, ist krass“, sagte Jack und schüttelte den Kopf. „Echt traurig! Der hatte noch so viel vor. Mann, wenn ich nur annähernd so viel Erfolg haben könnte wie Sky, das wäre der Hammer, Vi. Er war so cool! Und er hat sich durch nichts unterkriegen lassen. Er kam immer wieder hoch, egal wie tief das Loch war, in das er gefallen ist“. Jack kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum Brian ihn damals verlassen hat. Die beiden waren doch so glücklich.“

„Keine Ahnung. … Es ist jedenfalls traurig, dass die Besten jung sterben“, sagte Violet leise und warf einem Bettler an einer Straßenecke ein paar Münzen in die neben ihm liegende Mütze. Der alte Mann mit dem zerzausten Bart und den stoppeligen Haaren bedankte sich lächelnd. 

Jack zog eine Braue nach oben. „Du kannst es nicht lassen, oder?“

Violet warf Jack einen ernsten Blick zu. „Was denn? Er sieht ehrlich aus.“ 

„Die meisten geben es für Drogen aus, weißt du.“

Violet ließ sich nicht beirren. „Ich vertraue auf mein Gefühl.“ 

„Das solltest du auch bei deiner Stimme tun.“ 

„Wollen wir ihm Blumen vor sein Haus in Mayfair legen? Das hätte meiner Mum sicher gefallen. Die Jugendlichen von eben gehen bestimmt auch hin“, lenkte Violet ab. 

Jack spitzte die Lippen. „Ja, coole Idee. Also, ich habe Zeit. Heute ist mein freier Tag. Erst morgen heißt es wieder Pizza ausfahren und danach Kinokarten und Eis verkaufen.“ 

Violet wusste, wie sehr Jack seine Jobs hasste und wünschte ihm, dass er eines Tages Erfolg mit seiner Musik haben würde. Sie hakte sich bei ihm unter. „Dann los!“

 

Buchshecken und ein Eisentor umfriedeten das verwinkelte Haus mit der schneeweißen Fassade und der dunkelroten Holztür, in deren Mitte ein Silberknauf angebracht war. Auf dem Gehsteig davor erstreckte sich ein Meer aus Blumen, Kerzen und Fotos. Immer noch legten die Leute kleine Geschenke nieder, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Kevin war ein wahrer Star der Herzen gewesen und hatte viel für arme Menschen, insbesondere Kinder, getan. 

„Es ist der pure Wahnsinn!“, geriet Jack erneut ins Schwärmen, als sie vor dem Eingangsbereich standen, den die Fans in eine eindrucksvolle Gedenkstätte verwandelt hatten. „Er ist zu einer Legende geworden. Eigentlich war er das schon zu Lebzeiten. Dieser unverwechselbare Style und die zeitlosen Songs. Für mich war der Mann ein Gott.“

„Übertreib nicht, der Mann war auch nur ein Mensch“, entgegnete Violet, um Jack auf den Boden zurückzuholen. 

„Aber was für einer, Vi. Wenn es Gott wirklich gibt, dann gibt Sky nun wohl regelmäßig vor ihm und seinen Engeln Konzerte.“ 

Der Gedanke gefiel Violet. „Das würde Mum jedenfalls freuen.“ 

Eine Frau mit dunklem, langem Haar trat plötzlich an eines der Fenster im oberen Stockwerk. Mit ernster Miene blickte sie nach draußen. Sie kam Violet bekannt vor, doch sie konnte sie nicht wirklich einordnen. 

„Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte?“, fragte Violet.

Jack zog die Brauen zusammen. „Ja. Ich glaube, das ist seine Cousine Thelma. Die ist doch mit diesem relativ unbekannten Musiker verheiratet. John Matthews. Es gibt nicht viele Berichte und Fotos über die beiden. Naja, oder es ist seine Schwester. Sie und Thelma haben fast die gleiche Frisur und Statur. Allerdings hat sich Amy Sky mit Kevin zerstritten. Schon vor Jahren. Das hab ich auch irgendwann mal gelesen oder gehört. Es wird ja soviel berichtet, dass man gar nicht alles mitkriegen kann, auch wenn man wie ich ein Riesenfan von Sky ist.“

Violet teilte seine Meinung. „Geht mir genauso. Aber von dem Streit hab ich auch mal gehört. Wegen seiner Drogengeschichten. Das hat Mum mal erwähnt. Von seiner Cousine weiß ich so gut wie nichts.“

Der Blick der Frau schien sich direkt auf sie zu richten, was auch Jack bemerkte. Er stieß Violet mit seinem Ellbogen in die Seite und flüsterte: „Cool. Ich glaube, sie sieht dich an. Oder mich.“ Er grinste.

Violet blickte zur Seite. „Lass uns weitergehen. Wir stehen hier wie zwei Gaffer.“ 

Rasch legten sie die zwei weißen Rosen, die sie auf dem Weg in einem Blumenladen gekauft hatten, vor dem Tor nieder und gingen die Straße hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

 

Fremde Blicke

Gedankenversunken starrte Violet auf die Homepage der Universität für Musik und Kreativität, die im Süden Londons ihren Sitz hatte. Sehnsüchtig scrollte sie durch die Bilder und die Lehrpläne. Sie wäre zu gern dorthin gegangen.

Aus der Küche hörte sie Geschirr klappern und ein Klirren. 

„Verdammt noch mal!“, rief Angela. 

Violet stand auf und sah nach, ob ihr etwas passiert war. Angela stellte gerade wütend ein Tablett voller Geschirr auf der Küchenzeile ab. Dem Scherbenhaufen vor ihren Füßen nach zu urteilen, war ihr die Hälfte des Tellerstapels heruntergefallen. 

„Marcus? Warum lässt du deine Schuhe mitten im Weg stehen?“, brüllte sie Richtung Wohnzimmer, in dem der Fernseher flimmerte.

„Psst, ich will mir das Konzert ansehen, dass sie für Kevin Sky geben“, zischte er. „Wenn ich schon nicht live dabei sein kann.“

Kopfschüttelnd stemmte Angela die Hände in die breiten Hüften. Die Lockenwickler in ihrem Haar begannen zu wippen und liefen Gefahr sich zu lösen. 

„Was stehst du herum und glotzt dumm in die Gegend, Violet? Los, hilf mir!“

„So viel Wirbel um einen einzigen Menschen“, hörte sie ihren Onkel beeindruckt sagen. „Sieh dir das an, Angela. Ich frage mich, wer wohl sein ganzes Vermögen erbt?“

„Das ist mir ziemlich egal, denn ich bin es jedenfalls nicht“, erwiderte sie. 

„Kinder hatte er ja keine“, sinnierte Marcus laut. 

Angela lachte. „Die könnten sich nun freuen. Zu Lebzeiten hat er sich allerdings einiges geleistet, worauf sie wohl nicht gerade stolz gewesen wären. Denk nur mal an diesen Sturz von der Bühne. Dabei hätte er sich damals fast das Genick gebrochen. Und das nur, weil er sich wieder Drogen reingezogen hatte!“ 

Violet zog die Brauen zusammen. Sie mochte es nicht, wenn ihre Tante so gefühllos über Sky redete. Durch ihre Mutter hatte sie immer eine besondere Verbindung zu dem Sänger gespürt und sie wusste, dass diese Zeit in seinem Leben besonders hart für ihn gewesen war. Kevins große Liebe Matteo hatte ihn damals verlassen, vermutlich wegen der Drogensucht des Stars, von der er einfach nicht loskam. Dabei hatten die beiden sogar heiraten wollen und sich ein Kind gewünscht, wenn man den Medienberichten glauben durfte.

Angela lachte höhnisch. „Ich weiß ja bis heute nicht, warum deine Mutter so ein Riesenfan von diesem Typ war. Meine Güte! Wenn es nicht zu weit weg war, musste meine Schwester auf seine Konzerte gehen. Um Sky nachzureisen hat sie sogar Jobs in irgendwelchen Bars angenommen. Sie war eine der Verrückten, die dann schon fünf Stunden vorher vor dem Eingang gesessen haben. Unsere Eltern haben das auch nie verstanden. Und deinen Onkel“, Angela wies mit dem Kinn Richtung Wohnzimmer, „hat sie nach unserer Hochzeit mit ihrem Sky-Fieber angesteckt.“

Marcus schlurfte in Socken, sein dicker Bauch voraus, zu ihnen in die Küche, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen.

„Es ist noch nicht mal richtig Abend. Nichts da!“, protestierte Angela und nahm ihm die Flasche weg, woraufhin er schmollte wie ein Kleinkind. Angela hob seine Schuhe auf und warf sie ihm hinterher.

„He!“, rief Marcus. 

„Nichts he! Räum deinen Kram gefälligst selbst auf. Also, ich muss jetzt wieder in die Fabrik. Carla ist krank geworden und es fand sich kein anderer, der ihre Schicht übernehmen wollte. Du hast es gut, du hast noch einen Tag Urlaub.“

„Für das Aufräumen ist Violet zuständig, dachte ich. Und warum hast du auch zugesagt die Schicht zu übernehmen?“, entgegnete Marcus.

Angela schnaubte. „Ich bin der noch etwas schuldig. Und was das Aufräumen angeht: Stimmt, aber ich will nicht, dass du immer fauler wirst.“

Marcus winkte ab und brummte etwas vor sich hin. 

Angela und ihr Mann arbeiteten schichtweise in der gleichen Zündkerzenfabrik im East End. Der Ton, der dort herrschte, war rau und die Arbeit ziemlich eintönig. Violet wusste, dass sie beide ihren Job hassten. 

„Hast du eigentlich endlich dein Gehalt bekommen? Du schuldest uns noch einen Teil der Lebenshaltungskosten“, wandte Angela sich an Violet und streckte ihr eine Hand entgegen.

„Bald! Du bekommst es dann gleich“, versicherte Violet ihr. 

Angela zog die Mundwinkel herab und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Violet fegte die Scherben zusammen und warf dann einen Blick auf ihr Handy. Jack hatte ihr ein Zitat geschickt, natürlich von Sky. 

Glaube an deine Träume, glaube an Wunder, folge deinem Weg und höre nicht auf das, was andere dir einreden wollen, die ihre Träume vergessen haben.

Für einen Moment musste sie lächeln. Wie recht er doch hatte. Ihre Mutter hatte immer gesagt, dass es Wunder wirklich gab, und sie hoffte darauf, dass das stimmte. Vielleicht würde es demnächst tatsächlich mit einer Ausbildungsstelle klappen und sie würde auf eigenen Beinen stehen können. Und vielleicht, dachte sie, würde sich mit zusätzlichen Nebenjobs am Ende doch noch ein Studium finanzieren lassen. Sie wusste, dass auch Jack mit diesem Gedanken spielte, doch sein fehlender Schulabschluss war sein größter Hemmschuh. 

Ihr bester Freund ließ es sich nicht nehmen, sie zu ihrer nächsten Abendschicht zu begleiten. Aus den bauschigen, grauen Wolken, die über London hingen, nieselte es noch immer. Jack mimte den Gentleman und hielt ihr seine Gitarre über den Kopf.

„Spiel mir lieber was vor. Das bisschen Regen macht mir nichts“, bat Violet ihn. 

„Okay, Miss McLovely. Dann begleitest du mich aber mit deiner Stimme.“ Jack ließ die Brauen wackeln. 

Violet blickte sich um. Die von Backsteinhäusern gesäumte Straße war so gut wie menschenleer. Außerdem lagen sie gut in der Zeit. Jack begann, einen Ed Sheeran Song zu spielen, den er hier und da mit neuen Takten füllte, so dass er fetziger klang. Jack liebte es, seinen eigenen Stil einzubringen und schielte auffordernd zu ihr herüber. 

Also gut, dachte Violet und stieg beim Refrain leise ein. Da es in dem Stück um eine Frau ging, die der Sänger perfekt fand, modelte sie den Text kurzerhand um und sang ihn aus umgekehrter Sichtweise.

„Ich höre dich kaum“, beschwerte sich Jack.

Violet verdrehte die Augen in seine Richtung und sang lauter. Sie konnte nicht verhehlen, dass sie die Leidenschaft wieder gepackt hatte. Problemlos konnte sie in verschiedene Tonlagen wechseln, mit ihnen jonglieren und mit ihrer Stimme experimentieren. Singen war nicht nur ihre Leidenschaft, es half ihr auch immer, wenn sie in ein Tief rutschte. Musik war ein Ventil, das ihr auch über den Tod ihrer Mutter hinweg half, auch wenn sie sicher war, dass sie diesen Schmerz nie ganz verwinden würde. 

Jack und Violet waren so in einander und in ihre Musik versunken, dass sie alles um sich vergaßen. Sie verließen die Gasse und bogen in die Straße ein, in der Bettys Café lag. Erst als Jack den letzten Ton gespielt hatte, merkten sie, dass sie beinahe angekommen waren. Ein paar Passanten klatschten begeistert. Verlegen senkte Violet den Blick. 

„Da siehst du es!“, lachte Jack und stieß sie freundschaftlich an. „Es ist doch ganz einfach. Zusammen sind wir ein Dreamteam. High Five!“ Euphorisch hob er eine Hand. Violet tat ihm den Gefallen und schlug ein. 

„Und nachher hole ich dich auch wieder ab. Dann können wir gleich weitermachen“, sagte er. 

„Hast du morgen nicht Frühschicht, Jack? Nicht, dass du meinetwegen verschläfst und zu spät kommst.“

Lächelnd tippte er ihr mit einem Finger auf die Nasespitze. „Das schaffe ich schon.“

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Hast du Angst um mich, Jack?“

Er spitzte die Lippen. „Ja, das ist auch ein Grund. Denk an die Nacht, als du auf dem Nachhauseweg überfallen wurdest. Wenn dieser Typ nicht gewesen wäre, wer weiß, was dann passiert wäre. Warum nimmst du nicht öfters den Bus?“

Natürlich hatte sie diese Nacht vor etwa zwei Jahren nicht vergessen. Ihr vermummter Retter war damals wie aus dem Nichts aufgetaucht, hatte ihr geholfen und war danach genauso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. 

„Weil es Geld kostet, das weißt du doch. Außerdem ist es nicht weit.“

Hinter ihnen an der gegenüberliegenden Straßenseite parkte plötzlich eine schwarze Limousine. Jack bemerkte sie zuerst. Erstaunt wies er darauf. „Wow! Wer ist denn das?“

„Vielleicht ein großer Star!“, flüsterte Violet und lachte. 

„Glaubst du?“, flüsterte Jack ernst.

„Quatsch. Diese Limos kann man doch auch mieten.“

„Ja, schon. Aber so eine habe ich noch nie gesehen, Vi. Die ist ja vom Feinsten. Sieht wie eine Extraanfertigung aus mit den ganzen silbernen Elementen.“

Nun wurde auch Violet neugierig.

„Einmal in so einer fahren, das wäre was“, schwärmte ihr Freund und ergänzte seufzend: „Naja, vielleicht im nächsten Leben.“

In diesem Augenblick stieg ein junger Chauffeur in schwarzem Anzug, zu dem er lässige weiße Sneakers trug, aus dem Wagen. Eilig ging er zur hinteren Tür, öffnete sie und spannte einen roten Regenschirm auf. Ein junges Paar kletterte aus der Limousine. Violet schätzte die beiden nicht älter als Jack und sie. Zusammen mit dem Chauffeur gingen sie an das Heck der Limousine. Der zeigte auf das Café und schien ihnen etwas zu erklären. Die Frau zupfte am Saum ihres schwarzen, knöchellangen, Kleides und nickte, während ihr Begleiter, ebenfalls im dunklen Anzug, ihr etwas ins Ohr flüsterte. 

„Die sehen aus, als würden sie von einer Beerdigung kommen“, flüsterte Jack nachdenklich. Violet riss ihren Blick von dem glamourösen Paar los und sah auf ihre Armbanduhr. 

„Ich muss gehen, Jack.“

„Vielleicht war heute Skys Beerdigung. Genau weiß das niemand. Außer seiner Familie natürlich. Klar, die wollen keine Show daraus machen“, sagte Jack. 

Violet überlegte. „Meinst du?“

Jack zückte sein Handy. 

„Was hast du vor, Jack?“ 

„Ich mache ein Foto und schicke es an die Presse. Vielleicht bekommen wir ein bisschen Geld dafür.“ 

„Nein, lass das“, bat Violet. Sie hatte das Gefühl, dass das geheimnisvolle Paar sie ohnehin schon im Visier hatte. Die beiden sahen sich um und überquerten dann die Straße. 

„Sie kommen“, flüsterte Jack unnötigerweise. 

Der Chauffeur begleitete die beiden, den Schirm weiter über ihre Köpfe haltend. Trotz des Regens setzten sich beide Sonnenbrillen auf. Die Szene erinnerte Violet an einen Thriller, den sie vor kurzem gesehen hatte. 

„Seltsam, oder? Sie wollen anscheinend nicht erkannt werden“, flüsterte Jack und straffte die Schultern. Just in dem Moment öffnete sich die Eingangstür und Betty trat heraus.

„Was stehst du da draußen und gaffst, Violet?“ Mit gerunzelter Stirn tippte sie auf ihre goldene Armbanduhr. 

Violet zuckte erschrocken zusammen. „Ich komme. Bis später, Jack.“

Ohne die zwei jungen Leute weiter zu beachten, folgte sie ihrer Chefin, die sie für den Anfang hinter die Theke schickte. 

„Die Schränke müssen endlich einmal wieder sauber ausgewischt werden. Solange übernimmt Noelle den Service. Oder hast du Angst, deine Fingernägel brechen ab?“, sagte Betty. 

Violet streckte ihr die Hände entgegen und zeigte Betty ihre unlackierten, kurz gefeilten Nägel, was diese sichtlich irritierte. Anscheinend hatte sie sie mit einer anderen ihrer Kellnerinnen verwechselt. Es wäre kein Wunder bei dem raschen Wechsel ihrer Arbeitskräfte. Viele gingen von selbst. Es war kein Geheimnis, dass Betty eine unausstehliche Chefin war. Noelle, Violets Lieblingskollegin, hatte sich letztes Jahr vor Lachen kaum eingekriegt, als ein junger Kellner Betty, kurz bevor er das Handtuch warf, einen Besen als Abschiedsgeschenk in die Hand gedrückt hatte. 

Violet ließ ihre Blicke durch den Raum schweifen, während sie lauwarmes Wasser mit Putzmittel in einen Eimer laufen ließ. Das Paar aus der Limousine hatte die Bar betreten und steuerte einen Tisch in der hintersten Ecke an. Noelle hatte sie schon bemerkt und wartete, bis sie sich setzten, bevor sie zu ihnen hinüberging, um die Bestellung aufzunehmen. Sie nahmen ihre Brillen ab und bestellten, ohne aufzusehen. Verstohlen beobachtete Violet die beiden. Noelle trat zu ihr an die Theke und sagte: „Zwei Mal Espresso und zwei Gläser stilles Wasser.“ 

„In Ordnung!“, gab Violet zurück.

Noch einmal blickte sie zu den beiden Gästen. Als sich ihre Blicke trafen, zuckte sie erschrocken zusammen und konzentrierte sich auf die Bestellung. 

„Die sind seltsam. Kennst du sie etwa?“, flüsterte Noelle. Violet hatte sich von Anfang an gut mit ihr verstanden. Sie war ein natürlicher Typ mit kurzen blonden Locken und lässigen Klamotten.

„Nein. Und wieso sollte ich sie kennen?“, fragte Violet. 

Noelle schürzte die Lippen. „Die haben irgendwie gewirkt, als hätten sie was zu verbergen. Ganz unnahbar und vornehm. Sie haben mich nicht mal eines Blickes gewürdigt.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und sie wollen, dass du ihnen die Sachen servierst. Daher dachte ich erst, du kennst sie vielleicht. Aber anscheinend passt ihnen meine Nase nicht oder was weiß ich. Dabei sieht der junge Mann eigentlich echt nett aus. Ein Schnuckelchen!“ 

„Ich soll das machen?“

Vielleicht hatten sie sich vorhin beobachtet gefühlt und wollten sie nach dem Grund fragen, dachte Violet. Ihr war mulmig zumute. Schnell machte sie die Bestellung fertig.

Sie bemerkte, dass ein paar Gäste in Richtung des Paars starrten und tuschelten. Offensichtlich hatten auch sie die Andersartigkeit der beiden bemerkt. Trotz des beklommenen Gefühls in der Magengrube, war Violet nun neugierig.

„Übernimm du hier mal kurz?“, flüsterte sie Noelle schließlich zu. Violet atmete tief durch, nahm das Tablett und trug es in Richtung des Tischs, an dem das Paar saß. 

Beide blickten auf, als sie die Tassen und das Wasser mit einem Lächeln und klopfendem Herzen servierte. Es ärgerte Violet, dass ihre Finger leicht zitterten. Aber Noelle hatte recht. Der junge Mann sah umwerfend aus, wie eines dieser Katalogmodels. Normalerweise wäre nun der Zeitpunkt gewesen, auf die Kuchen und Torten der Bar hinzuweisen. Eine Vorschrift von Betty! Violet traute aber ihrer Stimme nicht so recht, verzichtete kurzerhand darauf und machte kehrt. 

„Moment!“, hörte sie die junge Frau mit rauer Stimme hinter sich. Violet hielt die Luft für einen Moment an und drehte sich langsam um. 

„Ja, bitte? Kann ich noch etwas bringen?“, fragte Violet freundlich. 

„Nein danke“, erwiderte der junge Mann mit dem blondem Haar und den leuchtenden, blaugrünen Augen, die jedoch etwas gerötet waren, fast so, als hätte er vor kurzem geweint. Seine Stimme war angenehm und hatte einen weichen und warmen Unterton. Ein Grübchen bildete sich in seiner Wange, als er lächelte. 

„Arbeitest du gerne hier?“, wollte die junge Frau wissen.

„Rose!“, flüsterte der junge Mann seiner Begleitung zu. Doch die achtete nicht darauf, schob sich ihre Brille ins Haar und sah sie mit ihren tiefbraunen, großen Augen an. Violet war sicher – irgendwo hatte sie sie schon einmal gesehen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was sollte diese Frage?

„Naja. Es ist ein ganz angenehmer Job und ich brauche eben das Geld“, entgegnete Violet ehrlich. Die Frau nickte, ohne das Gesicht auch nur einen Millimeter zu verziehen. Sie musterte Violet von oben bis unten.

„Du hast hübsche Augen. Und dazu diese toll geschwungenen Brauen“, sagte Rose und wandte sich ihrem Begleiter zu: „Findest du nicht auch, Payden?“ 

Er heißt also Payden, dachte Violet. Der Name gefiel ihr. 

Payden nickte wieder lächelnd. „Und sie hat eine wirklich markante Stimme“, bemerkte er.

Violet entgleisten die Gesichtszüge. 

„Wir haben euch vorhin zufällig gehört. Ihr habt ausgesehen, als wärt ihr in eurer eigenen Welt versunken, daher habt ihr uns wohl nicht bemerkt“, ergänzte er. Täuschte sie sich oder versteckte sich da ein Lächeln in seinen Mundwinkeln? Violet schluckte schwer. Die beiden hatten sie also gehört.

 

„Nun ja. Viele können gut singen“, bemerkte Rose spitz. 

Payden warf einen Blick auf sein Handy. „Wie auch immer, Rose. Wir sollten gehen“, sagte er und warf seiner Begleitung einen auffordernden Blick zu. Er stand auf, ging um den Tisch herum und stellte sich hinter Roses Stuhl. 

„Violet! Was wird das?“, rief Betty mahnend aus einer Ecke des Cafés. Einen Tisch weiter hörte Violet das genervte Tuscheln einiger Gäste, die auf ihre Bedienung warteten.

„Da siehst du es. Jetzt bekommt sie wegen uns auch noch Schwierigkeiten“, flüsterte Payden, was Rose nicht zu interessieren schien. Gemächlich erhob sie sich. 

„Tut sie nur so oder erkennt sie uns wirklich nicht?“, fragte Rose ihren Begleiter. Dann setzte sie ihre Brille auf und sagte: „Du zahlst, Payden.“

Das tat er auch, und zwar großzügig. Er drückte Violet fünfzig Pfund in die Hände und sagte leise: „Passt so.“

„Das ... das kann ich nicht annehmen“, stotterte Violet und starrte auf den Schein. 

Rose seufzte. 

„Das ist für die Unannehmlichkeiten“, sagte Payden schnell. 

Sie sah auf und ihm direkt in die Augen. Ihr Herz machte einen Satz. Seine Augen hatten etwas Geheimnisvolles an sich. Es zog sie geradezu magisch an, ob sie nun wollte oder nicht. Auch er setzte seine Brille wieder auf und hängte sich bei Rose ein. 

Wieder rief Betty nach Violet und ihre Stimme duldete keinen Aufschub mehr. Rasch drehte sich Violet nach den Gästen um, die einen Tisch weiter saßen und setzte ihr schönstes Lächeln auf. „Entschuldigen Sie vielmals“, sagte sie.

Rose und Payden hatten ihre Sachen zusammengepackt und gingen an ihr vorbei. Im Hinausgehen hörte sie den jungen Mann flüstern: „Ich glaube, wir sind zu weit gegangen, Rosie. Wenn das deine Mutter erfährt!“

„Wird sie nicht, du Angsthase. Und nenn mich nicht Rosie!“, erwiderte Rose. 

Kurz bevor sie das Café verließen, schien Payden noch etwas einzufallen. Er drehte sich um und ging zu Betty hinüber, redete kurz mit ihr und folgte dann seiner Begleiterin aus dem Café. Verwundert blickte Violet ihnen nach. 

Betty winkte sie zu sich. Innerlich stellte sich Violet bereits auf einen gehörigen Anpfiff ein. Stattdessen zog ihre Chefin sie zur Seite und wedelte mit ein paar Geldscheinen. „Mit herzlichem Dank und in der Erwartung, dass ich dich nicht runterputze. Unter den Umständen ist dir das längere Gespräch natürlich verziehen.“ Betty verzog ihren breiten Mund zu einem Lächeln. 

„Seltsam. Und wahrscheinlich haben die mich mit jemand verwechselt“, murmelte Violet. 

„Das könnte gerne öfters passieren. Aber nun wieder Abmarsch hinter die Theke. Ich verstehe nicht, warum Noelle sich vor dem Bedienen gedrückt hat.“

„Das hat sie nicht. Die beiden wollten ausdrücklich mich als Kellnerin“, erklärte Violet. 

Betty schürzte die Lippen. „Ach so? Hm!“

Violet ging zu Noelle zurück. Ihre Freundin zwinkerte ihr zu. „Der Typ war wirklich heiß“, flüsterte sie und brannte offensichtlich darauf zu erfahren, was Violet mit den beiden geredet hatte. Doch nach einem kurzen Blick auf Betty eilte sie schnell weiter, da ihre Chefin sie beide schon wieder im Visier hatte. Den restlichen Abend zermarterte sich Violet den Kopf über die Fremden, kam aber zu keinem Schluss, der Licht ins Dunkel brachte. 

Kurz nach Schichtende gab Betty ihr das Gehalt für die letzten Tage. Dabei war sie knausrig wie immer und verschenkte keinen Cent. 

„Darf ich Sie noch einmal auf die Ausbildung zur Konditorin ansprechen?“, fragte Violet hoffnungsvoll.

Nachdenklich tippte sich Betty an den Mund und nickte dann. „Ja, ja. Ich habe es nicht vergessen. Schlecht wäre es nicht. Meine jetzige Konditorin könnte dich ausbilden. Allerdings würden einige Überstunden anfallen, die ich dir nicht bezahlen könnte.“ 

Dass es einen Haken geben würde, damit hatte Violet schon gerechnet. 

„Ganz sicher kann ich es dir aber noch nicht sagen, Violet. Wir reden noch mal. Ich habe auch eine Bekannte, die eine Konditorei in Kensington betreibt. Die könnte ich auch einmal fragen. Und jetzt gute Nacht.“

Schon trippelte sie weiter. Besser als nichts, dachte Violet, und machte sich auf den Nachhauseweg.

 

 

Der Brief

„Was hatte dieser Payden nur damit gemeint, als er sagte, sie wären zu weit gegangen?“, sinnierte Violet laut, als Jack sie abholte.

Der zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Aber er hat Geschmack! Er fand deine Stimme markant.“

Dieses Mal hatte Jack einen Schirm dabei, der allerdings wenig nützte, da der Wind seitwärts blies. Jack musste seine Stimme erheben, damit Violet ihn über den Wind und den Regen verstand.

„Jedenfalls, ich war echt fleißig heute Abend. Ich habe nicht nur einen neuen Song geschrieben, sondern auch Recherche in Sachen Sky betrieben. Es hat mich interessiert, ob die beiden vielleicht tatsächlich auf dem Weg zu Kevins Skys Beerdigung waren, deshalb habe ich Bilder gegoogelt.“ 

„Und?“, fragte Violet laut, als ein Platzregen einsetzte. 

„Weißt du was, wir gehen schnell zu mir. Da können wir in Ruhe reden“, schlug Jack vor. Violet stimmte bereitwillig zu.

Ihre Klamotten waren bis auf die Haut durchnässt, als sie in Jacks kleiner Wohnung ankamen. Er lieh ihr eine graue Jogginghose und einen weinroten Pulli von sich. Wohlig seufzend ließ sie sich auf seinem Bett nieder, das mit bunten, zotteligen Smileykissen bedeckt war. 

Jack hatte sich ebenfalls umgezogen und legte sich nun neben sie. Seine kleine Wohnung lag im Dachgeschoss eines alten Stadthauses und hatte hohe Stuckdecken. Die Wände hatte Jack mit Postern von Sky und anderen Bands beklebt, das schlichte Metallbett diente ihm gleichzeitig als Tisch und Couch. Auf einer alten Obstkiste stand ein kleiner Flachbildschirm, den er günstig von einem Freund bekommen hatte. Im Nebenraum war die winzige Küche untergebracht, die nur aus zwei Kochplatten und einem kleinen Kühlschrank bestand. Dennoch war Violet gerne hier. Sie fühlte sich wohl in dem bescheidenen kleinen Zuhause und Jack war wie ein Bruder für sie.

Er lächelte sie an, die Ellbogen auf das Bett gestützt. 

„Du kannst gerne hier bleiben. Wir haben sowieso gleich schon ein Uhr“, sagte er. „Du weißt ja, ich kann dir nicht gefährlich werden.“

Sie schnappte sich eines der Kissen und drohte ihn damit abzuwerfen. „Quatschkopf. Aber wieso eigentlich nicht? Ich schicke Tante Angela eine SMS.“

Währenddessen holte Jack seinen Laptop unter dem Bett hervor und schüttelte ihn, nachdem er ihn aufgeklappt hatte.

„Was wird das?“, fragte Violet.

Jack verzog einen Mundwinkel. „Ich glaube, der gibt auch bald den Geist auf.“ 

Zwei Sekunden später verschwand der schwarze Bildschirm, so dass Jack sich ins Internet einwählen konnte.

„Also, was ich dir zeigen wollte: hier ist eine Fotostrecke, die Journalisten bei Skys Beerdigung gemacht haben. Die war also wirklich heute Nachmittag. Das wurde aber erst kürzlich offiziell bekannt gegeben. Allerdings durften die Journalisten nur bis zum Tor des Friedhofs mitgehen. Schau, Skys Ex Brian war auch da, aber er kam nicht zusammen mit der Familie. Und jetzt wird es interessant: Da, neben dieser älteren Dame, ist das nicht der blonde junge Typ aus der Limo? Ich glaube, das ist Skys Mutter Vivienne, die da neben ihm steht. Sein Vater ist ja schon vor Jahren gestorben.“ 

„Das weiß ich“, erwiderte Violet und setzte sich auf. Jack zoomte das Foto heran und gab ihr den Laptop. Der junge Mann, den Jack meinte, hatte zwar blondes Haar, doch es war deutlich länger als das von Payden. Auch Rose konnte sie nirgends entdecken. Zumindest sah ihr keine der jungen Frauen auf den Fotos ähnlich. 

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist er nicht.“

„Shit! Wäre cool gewesen“, entgegnete Jack enttäuscht. 

Violet zuckte mit den Schultern. 

„Wie geht es eigentlich Landen?“, fragte sie, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Sie hatte heute schon viel zu oft an Payden gedacht. Landen war Jacks neuer Freund, mit dem sie noch nicht so recht warm geworden war und sie bezweifelte stark, dass sie es je würde.

„Ich weiß, dass du ihn nicht magst“, entgegnete Jack. 

„Ich sagte nur, du sollst vorsichtig sein. Du vertraust zu schnell, Jack.“

„Ich bin vorsichtig. Er will mich vielleicht in der Firma unterbringen, in der er arbeitet. Als Hilfsarbeiter. Das wird zusätzliches Geld bringen“, erzählte Jack und machte große Augen. 

„Und was musst du da genau machen?“, wollte Violet wissen.

Sie traute dem schlaksigen, braungebrannten Landen nicht, der rund vier Jahre älter war als Jack. Die beiden hatten sich vor ein paar Monaten in einer Bar kennengelernt. Im Gegensatz zu Jack war Landen ziemlich verschlossen, was sein Leben betraf. 

Jack überlegte kurz. Dann antwortete er: „Das sagt er mir, wenn es soweit ist.“

Violet hatte es geahnt. „Genau das meine ich. Er ist so … undurchsichtig.“

„Aber auch aufregend.“ Jack hob die Brauen. 

„Du bist verknallt und ich gönne es dir. Aber sei vorsichtig!“, bat sie ihn. 

Jack klopfte ihr auf die Schulter. „Bin ich, Mama!“ 

„Spinner.“ Sie küsste ihn auf die Nasenspitze und ließ sich rücklings ins Bett neben ihn sinken. 

„Ach, was ich vergessen habe, dir zu erzählen: Die Demo, die ich dem Plattenlabel geschickt habe, kam mit einer Absage zurück. Wie ich es mir schon gedacht habe.“ Jack seufzte. 

Violet wickelte eine seiner Rastalocken um einen Finger und verzog den Mund. „Oh nein! Ich habe dir so die Daumen gedrückt.“

Jack schnaubte. „Das ist schon die fünfte Absage. Die Aufnahme müsste einfach viel besser sein. Aber dazu bräuchte ich ein Studio und das für mehrere Stunden. Das kostet Unsummen, und ich muss jetzt schon jeden Cent umdrehen.“

„Ich kann dir ein bisschen was dazu geben. Wie oft habe ich dir das schon gesagt?“, schlug Violet ihm vor. 

„Tausend Mal. Und ebenso oft sage ich Nein. Du brauchst das Geld selbst. Und dabei bleibt es!“ Sein Blick ließ keine Widerrede zu. 

Dennoch versuchte sie es, weil sie wusste, wie viel ihm dieser Traum bedeutete. „Ich würde …“

Jack hob abwehrend die Hände. „Nein, Violet! Du, ich bin erledigt. Lass uns schlafen. Okay?“

Für heute gab Violet auf. „Okay. Du musst morgen auch echt früh aufstehen.“

Jack nickte, löschte das Licht und kuschelte sich an sie. „Gute Nacht, Kleine.“ 

Wenige Minuten später schliefen sie ein, so wie sie waren. Violet träumte von ihrer Mutter. 

Der Raum war lichtdurchflutet. Weiße seidene Vorhänge warfen, von einem sanften Wind bewegt, weite Wellen. In der Mitte des Raumes stand ein Bett. Langsam trat Violet näher. Ihre Mum lag darin. Sie sah aus wie ein Engel. Sie trug ein rosafarbenes Nachtkleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Ihr dünner Körper lag auf weißen Laken, die Haut schimmerte porzellanartig. Sie hatte die Augen geöffnet und neigte den Kopf leicht in Violets Richtung, die atemlos neben dem Bett stehen blieb. 

„Mum“, hauchte sie ungläubig. 

Melody streckte ihr eine Hand entgegen, die Violet ergriff und sanft drückte.

„Verzeih mir“, hörte sie ihre Mutter flüstern. 

Violet stutzte. „Was denn?“

Nach einer kurzen Pause antwortete Melody: „Dass ich es dir nie gesagt habe, wer er ist.“ 

Violet beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. 

„Es ist gut, Mum. Das Schicksal hat anders entschieden.“ 

Melody strich mit zwei Fingern über Violets Hals und hielt in der Beuge inne. Dann blickte sie ihrer Tochter tief in die Augen. Violet erwiderte ihren Blick, traute sich kaum zu blinzeln. Keine Millisekunde, die sie bei ihr sein durfte, wollte sie verpassen. Tränen stiegen ihr in die Augen, als ihr klar wurde, dass sie träumte. Plötzlich fand sie sich in einer anderen Ecke des Zimmers wieder, als hätte es einen Cut gegeben. Das Bild vor ihren Augen verschwamm. Nebel schlich sich durch die geöffneten Fenster. 

Als sie erwachte, hatte sie Tränen in den Augen. Violet legte ihre Hand an die Stelle, die ihre Mutter im Traum berührt hatte. 

„Ich vermisse dich so und ich bin dir für nichts böse“, flüsterte sie. Vielleicht konnte ihre Mutter sie ja hören. Sie wünschte es sich von Herzen.

 

Jack, der zeitig aufgebrochen war, hatte ihr einen Zettel mit einer Zeile seines neuen Songs hinterlassen. Sie las sie immer wieder lächelnd, als sie nach Hause ging und mit der Erledigung ihrer Pflichten in der Wohnung ihrer Tante und ihres Onkels begann. Dabei dachte sie auch immer wieder an den Traum und vergoss ein paar Tränen. Wie mechanisch wischte sie den Boden der Wohnung und bereitete das Essen für ihre Tante und ihren Onkel zu. Der Duft des Hackbratens, den sie gleich als Erstes in den Ofen geschoben hatte, schwebte durch die Räume. Sie hoffte, dass ihr Onkel nicht wieder die Nase rümpfen würde, denn Kochen war nicht ihre Stärken gehörte. Als sie das letzte Mal das Salz vergessen hatte und ihr die Putenstreifen angebrannt waren, war er richtig ausgeflippt.

„Violet, lets fly into a blue, blue sky. We leave all shadows behind”, sang sie Jacks Songzeile vor sich hin. 

„Ist das Essen schon fertig? Ich sterbe vor Hunger“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Onkels, der seine Arbeitstasche am frühen Abend mitten auf den Tisch fallen ließ. 

„Es riecht seltsam“, bemerkte Angela, die nach ihm in die Küche kam. Es kam nicht oft vor, dass beide zur gleichen Zeit Schichtende hatten. Erschrocken schaute Violet nach dem Essen. 

„Wenn es verbrannt ist oder komisch schmeckt, können wir unseren Anteil an den Kosten nicht tragen. Das verstehst du doch sicher“, fügte ihre Tante spitz hinzu. 

Allmählich schwante Violet, dass Angela und Marcus schon im Vorfeld nach Gründen dafür suchten. 

„Natürlich!“, erwiderte sie mit zusammengebissenen Zähnen, servierte das Essen und setzte sich anschließend mit ihnen an den Tisch.

Schon beim ersten Bissen rümpfte Angela die Nase. „Naja, es ist was anderes. Woher hast du denn das Rezept?“

„Von Mum“, antwortete Violet knapp.

„Dann wundert mich nichts mehr“, sagte Angela und ließ die Gabel fallen.

Wie erwartet stimmte Marcus seiner Frau zu. 

„Hast du das Geld bekommen?“, wollte Angela anschließend wissen. 

„Ja, euer Anteil liegt im Kuvert auf der Kommode im Flur“, antwortete Violet. Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Sie schob den Teller von sich, stand auf und ging zur Tür. 

„Was ist los?“, wollte ihr Onkel wissen.

Violet drehte sich nach ihm um. „Ich bin nur müde, leg mich kurz hin. Die Küche mache ich noch sauber bevor ich zur Schicht gehe.“

„Von was bist du denn bitteschön müde? Außerdem – wo warst du die ganze Nacht?“, fragte er.

„Ich bin über achtzehn“, erinnerte sie ihn, was Angela mit hochgezogenen Brauen quittierte.

„Sie hat mir eine SMS geschrieben, sie war bei diesem Verlierer Jack. Eine nette Freundin wäre besser für dich, Violet“, bemerkte Angela. 

Violet atmete leise tief durch. „Woher willst du das wissen, Tante Angela?“ 

„Deine Tante ist eben eine kluge Frau“, sagte ihr Onkel salbungsvoll. Angela tätschelte ihm die Wange und aß weiter. Seltsamerweise waren beide Teller schnell leergeputzt. 

„Hat es doch geschmeckt?“, fragte Violet. Sie konnte es sich nicht verkneifen. 

Angela sah sie entgeistert an. „Es war widerlich. Aber Essen wirft man nun mal nicht weg. Ich muss mich nun hinlegen. Mein Darm spielt verrückt. Ich hoffe für dich, dass das nicht an deinem Essen lag.“ Sie erhob sich und schob sich an Violet vorbei in den Flur. Violet sah ihr nach. Ihre Tante nahm das Kuvert mit dem Geld von der Kommode und steckte es in ihre Hosentasche. Marcus kam Angela nach wie ein Dackel und folgte ihr ins Wohnzimmer.

„Violet?“, rief Angela. 

Violet stoppte an der Wohnzimmertür und warf einen Blick zu ihrer Tante, die sich auf der Couch niederließ und eines ihrer Rätselhefte aufschlug. 

"Was ist Tante Angela?", fragte Violet. Doch ihre Tante richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Marcus.

„Musst du schon wieder fernsehen, Marcus?“, jammerte sie. 

„Nur ein paar Minuten!“, antwortete er und machte es sich auf seinem Lieblingssessel bequem, nachdem er den Fernseher eingeschaltet hatte. Zufrieden strich er mit den Händen über seinen dicklichen Bauch.

„Man könnte denken, er ist im fünften Monat schwanger“, hatte Jack einmal gewitzelt. Violet schmunzelte, als sie daran dachte. Ihr Onkel drehte den Fernseher lauter. 

„Willst du, dass ich taub werde?“, zischte Angela.

„Was hast du gesagt?“, rief Marcus. 

„Du hast mich schon verstanden, mein Lieber.“

Dennoch beließ er es bei der Lautstärke und Angela seufzte tief. Die beiden waren seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet und obwohl Violet sicher war, dass ihre Ehe inzwischen zu einer reinen Vernunftehe geworden war, hielten sie, wenn es hart auf hart kam, gegen die Außenwelt zusammen. Und Violet gehörte für sie offensichtlich zu dieser Außenwelt.

Angela richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Violet. „Mach die Küche gleich und wisch auch die Hängeschränke aus. Danach kannst du meinetwegen weiter müde sein.“ 

Violet hatte keine Lust auf Streit und tat wie ihr befohlen. Sie ließ sich von den Boulevardnachrichten im Fernsehen berieseln, während sie die Küche aufräumte. Als Skys Name fiel, hielt sie inne und lauschte genauer. 

„Gerüchten zufolge wurde in der Nähe der Absturzstelle ein Brief gefunden, der brisante Neuigkeiten über Kevin Jordan Sky beinhalten soll. Die Zeilen soll der Star selbst verfasst haben. Der Journalist, der den teilweise zerfetzten Brief gefunden hat, übergab ihn Skys Familie. Angeblich soll ihm ein Schweigegeld bezahlt worden sein, weshalb der Inhalt wohl ein Geheimnis bleiben wird. Alles, was bekannt ist, dass es sich nicht um einen Abschiedsbrief handelt. Auch Skys Freunde betonten, er habe noch viele Pläne gehabt und sei auch nicht, wie behauptet wurde, krank gewesen. Die Informationen um den Brief stammen aus einer angeblich zuverlässigen Quelle im Umfeld des Journalisten“, sagte die Moderatorin und ging zum nächsten Thema über.

Nicht nur Violet ließen diese Neuigkeiten aufhorchen. 

„Was da wohl drin steht?“, murmelte Marcus. 

„Und für wen er wohl bestimmt war?“, fügte Angela hinzu. 

Violet hatte sich unwillkürlich gegen den Türrahmen zum Wohnzimmer gelehnt. Sie musste zugeben, dass auch sie auf die beiden Fragen gerne eine Antwort gehabt hätte.

 

„Du wirst es nicht glauben, Vi.“ 

Jack winkte sie zu sich an den Laptop. Bevor sie wieder eine Schicht im Café einlegen musste, hatte sie noch einmal bei ihm vorbeigeschaut. Eine kleine Sommergrippe hatte ihn außer Gefecht gesetzt und er musste das Bett hüten. 

„Das kommt davon, wenn man durch den Regen rennt“, sagte sie und setzte sich zu ihm aufs Bett.

„Ach was. Das habe ich mir von einem Kollegen eingefangen“, entgegnete er und zeigte auf den Bildschirm. 

„Ist das nicht der Typ aus der Limousine?“, fragte er dann. 

Stirnrunzelnd rückte Violet näher. Sie konnte es kaum glauben, doch er war es tatsächlich. Das Foto zeigte ihn zusammen mit Jordan Sky, der den Arm um ihn gelegt hatte. Beide lächelten in die Kamera. Der Text unter dem Bild bezeichnete ihn als jungen Sänger und vielversprechendes neues Talent. 

„Ich hab den Namen Rapsody schon mal in Verbindung mit Sky gehört, aber es nicht weiter verfolgt“, sagte Violet. 

„Es war die Zeit, in der deine Mum so schwer krank war und dann ...“, erwiderte Jack und senkte den Blick.

Sie wusste, was er noch hatte sagen wollen. In der Zeit hatte Violet wahrlich andere Dinge im Kopf gehabt, als sich um die Neuigkeiten bezüglich Jordan Sky zu scheren.

„Ich hab das auch nicht weiter verfolgt damals. Und du weißt ja was ich von solchen Castingshows halte. Aber wir hätten ja gestern schon darauf kommen können Payden und Rose in Verbindung mit Sky zu googeln“, bemerkte Jack. 

„Manchmal sieht man den Wald eben vor lauter Bäumen nicht“, gab Violet zurück.

Dann scrollte sie herunter und las: „Payden Rapsody, der Vorjahresgewinner der Gesangsshow NewBornStar ist durch die entstandene Freundschaft mit der zwanzigjährigen Rose, der einzigen Tochter von Skys Cousine Thelma Matthews, noch in den Kreisen der Familie unterwegs. Doch neuesten Informationen zufolge wird er wohl kein neues Bandmitglied werden. Zwar waren, wie zudem kürzlich bekannt wurde, einige Gesangsduette geplant, jedoch hat sich die Band nach dem Tod ihres Leaders bis auf unbestimmte Zeit zurückgezogen. Kevin Jordan Sky war Paydens Mentor in der Fernsehshow gewesen und hat den jungen Mann bis zuletzt gefördert und unterstützt. Für die Freundschaft der beiden spricht auch, dass Payden auf die Beerdigung eingeladen war.

Böse Zungen behaupten, dass er immer noch auf einen Platz, vielleicht nun sogar als Leader der neuen Band hofft, und deshalb Rose Matthews schöne Augen macht. Allerdings hat Payden auch eine eigene Band, The Blackriders, die bereits seit seiner Schulzeit besteht. Dass Rose und Payden ein Paar sind, wurde inzwischen bestätigt. 

„Diese Rose wurde früher nie erwähnt. Daher kannte ich sie auch nicht“, sagte Jack. Violet ging es da genauso. 

„Wer weiß, vielleicht waren sie neugierig, weil du so gut gesungen hast und wollten deswegen mit dir sprechen. Sie scheinen dir ja richtiggehend gefolgt zu sein“, überlegte Jack.

Violet dachte an die mysteriöse Begegnung zurück. „Oder sie haben mich wirklich verwechselt. Mit wem auch immer. Die Frau – Rose –, sie mochte mich nicht. Vielleicht, weil ich nur eine kleine Kellnerin bin.“

„Das ist ein Job wie jeder andere, oder nicht? Sogar ein Knochenjob. Ich weiß, wovon ich rede“, bemerkte Jack und zupfte an seinem Shirt. 

Violet konnte sich keinen Reim auf die Sache machen. „Naja, jedenfalls war es wirklich seltsam. Aber vielleicht steigern wir uns da auch nur in was rein.“

Plötzlich öffnete sich die Tür und Landen kam hereinspaziert. 

„Hast du nicht abgesperrt?“, flüsterte Violet Jack erschrocken zu. Konnte Landen nicht mal anklopfen? 

Jack zog verlegen die Brauen nach oben. Anscheinend hatte er Landen einen Zweitschlüssel gegeben. 

„Musst du wissen“, flüsterte Violet. 

Landen grüßte lässig, beugte sich dann über Jack und küsste ihn. Der süßliche Duft, der von ihm ausging, kam mit Sicherheit nicht nur von seinem Aftershave, dachte Violet. Seine Augen wirkten glasig und er war fahrig, was auch Jack bemerkte.

„Hast du was geraucht, Alter?“, fragte er Landen. 

Landen lachte und ließ sich zwischen Violet und Jack fallen. „Ein kleiner Joint am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen, weißt du doch.“

„Es ist Abend“, erinnerte Jack ihn.

Landen fuhr sich mit den Fingern ein paar Mal durchs Haar. „Ich weiß, ich weiß. Aber dann hätte es sich nicht gereimt, Alter. Du siehst übrigens beschissen aus. Was ist los?“ 

Schließlich stand Violet auf. „Er hat die Grippe und braucht Ruhe.“

„Bist du Ärztin oder so?“, wollte Landen wissen und blickte mit zusammengekniffenen Augen zu ihr hoch. 

„Nein, aber seine Freundin. Also gut Jack. Ich geh dann mal. Ruh dich bitte richtig aus.“

Landen zeigte auf sie. „He, ich pflege ihn schon gesund. Keine Sorge.“

„Sehen wir uns morgen, Vi?“, fragte Jack besänftigend. „Wenn ich wieder fit bin, könnten wir ja mal wieder ins Kino oder so. Oder weitere Recherchen anstellen.“

„Und ich? Was ist mit mir?“, wollte Landen wissen. 

„Bis dahin habe ich dich wohl angesteckt“, lächelte Jack.

„Glaube ich nicht. Ich muss auch gleich weiter. He, kannst du mir bisschen Kohle leihen? Ich gebe es dir morgen auch wieder, spätestens übermorgen.“

„Sorry, ich hab nichts“, entgegnete Jack steif.

Landen sah seinen Freund mit einem Dackelblick an. Den hatte er auf alle Fälle drauf, dachte Violet, denn Jack wurde sofort wieder weich. 

„Ich brauche keine Drogen. Du bist meine“, flüsterte er. 

Violet konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken. 

„Ich dachte, du wolltest dich um Jack kümmern?“, fragte sie in Landens Richtung, ohne ihn wirklich anzusehen. 

Er ignorierte ihre Frage und bettelte nun auch noch sie an: „Na komm schon. Vi, dann du. Nur noch einmal. Ich gebe dir auch das Geld vom letzten Mal bald zurück.“

„Wer es glaubt“, murmelte Violet. Sie würde es bis ans Lebensende bereuen, dass sie sich vor wenigen Wochen hatte breitschlagen lassen, ihm ein paar Pfund zu leihen. 

Landen kuschelte sich an Jack und knöpfte sein zerschlissenes blaues Hemd bis zum Bauchnabel auf. 

„He, du brauchst dich nicht zu prostituieren“, lachte Jack. 

„Das wäre natürlich auch eine Idee. Nur leider wäre ich unbezahlbar“, flüsterte Landen. Jack wich zurück. „Was?“ 

Kichernd winkte Landen ab. „Mann, mach dich locker, Alter. Das war nur ein Witz.“ 

Landen wusste genau, wie er Jack herumbekam, dachte Violet. 

„Bis später, Jack. Und wenn du was brauchst – für einen klaren Kopf oder so –, dann schreib es mir einfach“, sagte sie und wandte sich zum Gehen. 

„Verstanden!“, antwortete Jack. Landen seufzte entnervt. 

„Hält die sich für deine Mum oder eine Krankenschwester, oder was?“, hörte Violet ihn flüstern, bevor sie die Wohnung verließ. Sie hoffte inständig, dass Jack tough genug war, um sich nicht in den Drogensumpf hineinziehen zu lassen, in dem Landen steckte. Sie glaubte nicht, dass es nur Joints waren, die er konsumierte. Sie seufzte und verdrängte ihre Sorgen um ihren besten Freund. Ihre Gedanken wanderten zurück zu diesem Payden und dem, was sie über ihn gelesen hatte.

 

 

Geheimnisvolle Nachricht

„Der süße Typ war übrigens Payden Rapsody. Der, der diese Gesangsshow gewonnen hat. Gestern auf dem Nachhauseweg ist es mir siedend heiß eingefallen, ich wusste doch, dass er mir irgendwie bekannt vorkam“, erzählte Noelle aufgeregt, als sie nach dem Ende ihrer Schicht zusammen das Café verließen. 

„Ich weiß“, sagte Violet abwesend. Sie war enttäuscht, weil Betty wieder kein Wort über eine mögliche Ausbildung verloren hatte. Gemeinsam überquerten sie die Straße. Es war noch mild, eine sternenklare Nacht. Das Summen eines kaputten Reklameschilds einer Wäscherei drang in Violets Ohren. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und sah, dass Jack ihr geschrieben hatte. Es ging ihm schon besser, worüber sie sehr froh war. Über Landen hingegen sagte er kein Wort.

„Er will mich abholen. Verrückter Kerl“, erzählte sie Noelle.

Die riss die Augen auf. „Wer? Payden?“

„Quatsch! Jack.“

Noelle seufzte. „Der ist zwar auch süß, nur leider schwul.“ 

Violet lachte. Auch wenn Jack nicht schwul wäre, würde sie sich bestimmt nicht in ihn verlieben. Dazu war er viel zu sehr wie ein Bruder für sie. Schnell tippte sie: Du bleibst im Bett! Ich komme dich morgen besuchen. Schlaf gut xxx.

Zu Befehl, antwortete er, schickte jedoch einen Zwinkersmiley hinterher. Im Vorbeigehen steckte Violet einer Bettlerin und ihrem weißgrauen Pudel, die in Decken gehüllt am Straßenrand saßen, eine Münze und einen Schokoriegel zu. 

„Das macht dir richtig Spaß, oder?“, fragte Noelle. 

„Mit Spaß hat das nichts zu tun“, erwiderte Violet ernst. 

Noelle lächelte ihr zu und hakte sich bei ihr ein.

Sie wollte den Bus nehmen, obwohl sie nur ein vier Straßen weiter wohnte. Um diese Zeit war das auch sicherer. Doch der Bus schien Verspätung zu haben. Violet wartete zusammen mit Noelle an der Haltestelle, von wo aus sie den Nachtschwärmern zusahen, die in die nahegelegenen Pubs einkehrten. Aus einem von ihnen drang Jazzmusik. Noelle wiegte ihre Hüften im Takt dazu, schnappte sich dann Violet und begann mit ihr zu tanzen. 

„Bist du verrückt?“, lachte Violet. Ihr fielen vor Müdigkeit fast die Augen zu.

„Warum? Mach dich locker, Vi.“

Das sagte Jack auch immer. Gut, sie hatten beide recht. Schließlich lebte man nur einmal.

 

Am nächsten Morgen musste Violet um acht Uhr aufstehen. Sie unterdrückte ein Gähnen und schlurfte in ihren weichen Schäfchenschuhen durch den Flur. Schon um zwölf begann heute ihre nächste Schicht im Café und davor musste sie noch ihren Teil der Hausarbeit erledigen, wenn sie keinen Ärger mit ihrer Tante wollte. 

„Vi! Komm mal bitte her!“, rief Angela. 

Violet steckte den Kopf in Angelas Zimmer. Ihre Tante setzte sich auf, winkte sie zu sich und deutete auf ihren Nacken. 

„Kannst du mich kurz massieren? Diese ständig gebückte Haltung in der Fabrik macht mich immer ganz steif.“ 

Das konnte Violet verstehen und erfüllte ihr den Wunsch. „Ah das tut gut“, seufzte Angela. „Übrigens, gestern war eine Frau hier. Kurz nachdem du weg warst. Sehr adrett, sehr höflich. Sie wollte dich sprechen, aber sie hat mir nicht verraten, warum.“ 

Für einen Moment hielt Violet inne. „Wie war denn ihr Name?“

„Keine Ahnung, auch daraus hat sie ein Geheimnis gemacht. Ich schätze, die ist aus gutem Hause, hat ein rotes Mercedes Cabrio gefahren, das farblich zu ihrem Kostüm passte. Ihrem faltigen Dekolleté zufolge war sie bestimmt schon über sechzig, was man ihr im Gesicht wahrlich nicht ansah. Gut geschminkt oder gut operiert. Ich müsste das auch wieder einmal machen. So wie früher. Schminken, meine ich. Hast du mal Bilder aus meiner Jugendzeit gesehen? Meine Güte war ich hübsch. Gut, ich bin immer noch ansehnlich, aber damals … Die Jungs standen Schlange sag ich dir.“ Sie machte eine kurze Pause und seufzte. „Nur wenn sie deine Mutter sahen, dann waren sie meistens schnell wieder weg. Tja. Wenn man sich freizügiger kleidet, kommt das bei Männern immer besser.“

Rotes Cabrio, elegant, bereits älter? Violets Gedanken ratterten, aber sie kam nicht darauf, wer der geheimnisvolle Besuch hätte sein können und was die Dame von ihr wollte. 

„Keine Ahnung wer das gewesen sein könnte. Und zu Mum: Sie hat sich immer stilvoll gekleidet. Zwar hip, aber stilvoll“, musste Violet erwidern. 

„Was man so Stil nennt! Naja, es ist lange her. Ein bunter Paradiesvogel war sie. Ständig Hummeln im Hintern. Du musst mehr nach deinem Vater kommen. Wer auch immer der ist.“

Violet griff ein bisschen fester zu.

„Au!“, rief Angela. 

„Tut mir leid, an der Stelle warst du besonders verspannt“, erwiderte Violet ruhig, aber mit einem innerlichen Lächeln. Ein bisschen Strafe musste sein für die freche Bemerkung über ihre Mutter. 

„Ich frage mich, ob er noch lebt?", stichelte Angela weiter. Sie konnte es nicht lassen. „Jedenfalls hat er sich nie um dich gekümmert. Armselig ist das, traurig. Aber deine Mutter war selbst schuld. Sie hätte gerichtlich gegen ihn vorgehen müssen. Nicht einmal Unterhalt hat sie verlangt, das dumme Ding. Wohl zu feige! Anders kann ich es mir nicht erklären. Ach, warte, jetzt fällt es mir ein. Diese Frau hat mir ein Kärtchen mit einer Handynummer dagelassen. Sie sagte, sie müsste für einige Tage verreisen, aber du sollst dich so bald wie möglich bei ihr melden. Du hast doch nichts angestellt, oder?“ 

Violet runzelte die Stirn. „Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht hat meine Chefin etwas damit zu tun. Ja, vielleicht hat die Frau einen Ausbildungsplatz für mich. Betty hat ja gesagt, dass sie mal bei einer Bekannten nachfragt, die eine Konditorei in Kensington hat“, fiel ihr plötzlich ein. 

„In Kensington? Das ist nicht gerade um die Ecke“, bemerkte Angela. 

Ein euphorisches Kribbeln durchfuhr Violet. „Dann könnte ich mir endlich eine eigene kleine Wohnung leisten“, flüsterte sie und ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. 

Daran schien Angela noch gar nicht gedacht zu haben. „Was? Du willst uns tatsächlich verlassen?“

„Noch ist es ja nicht so weit, Tante Angela.“

„Nun ja. Eine Ausbildung allein macht noch keinen Erfolg. Da ist Durchhaltevermögen angesagt“, gab Angela zu bedenken. 

„Keine Sorge. Das hätte ich.“

Mit einem tiefen Seufzen erhob sich Angela und zog ein weißes Kärtchen aus ihrer Hosentasche, auf der eine Nummer vermerkt war. Violet nahm es entgegen und drehte es. Kein Name, kein Gruß, nichts außer ein paar Zahlen. 

„Ich rufe gleich einmal an. Brauchst du mich noch, Tantchen?“

Angela verdrehte die Augen. „Nenn mich nicht Tantchen, sonst komme ich mir uralt vor.“ 

„Okay, ich werde es mir merken“, entgegnete Violet. Rasch ging sie in ihr Zimmer, schnappte sich das Handy, das sie auf der kleinen Kommode hatte liegen lassen und atmete durch. 

„Mum! Ich bin so aufgeregt“, flüsterte sie, während sie dem Rufton lauschte. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, dann endlich ein Lebenszeichen. 

„Hallo?“, ertönte eine freundliche Frauenstimme. 

Warum nannte sie keinen Namen?, fragte sich Violet.

„Guten Tag. Hier ist Violet McLovely. Meine Tante …“, sagte Violet, wurde aber unterbrochen. 

„Ah, auf Ihren Anruf habe ich bereits gewartet. Schön, dass Sie den Mut gefunden haben, mich zu kontaktieren, obwohl Sie nicht wissen, zu wem die Nummer gehört.“

Noch immer klang ihre Stimme nett, wenn auch ein wenig streng. Vielleicht bildete sich Violet das aber auch nur ein. 

„Sind Sie aus Kensington?“, fragte sie. 

„Nein! Wie kommen Sie darauf, junge Frau?“

Mit einem Mal zerschlug sich Violets Hoffnung. Aber was wollte diese Fremde dann von ihr und vor allem, wer war sie? 

„Ich dachte nur … Nicht wichtig. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Kurzes Schweigen. „Ich möchte, dass Sie mich besuchen. Wir müssen dringend sprechen. Es ist wichtig. Aber sagen Sie keiner Menschenseele ein Wort darüber“, forderte die Fremde. 

Das klang äußerst seltsam. 

„Haben Sie gehört, Miss McLovely?“

„Ja, aber ...“, stammelte Violet. 

„Was aber? Es ist wirklich wichtig.“

„Um was geht es denn überhaupt?“, wollte Violet wissen. 

Sie hörte, wie die Frau am anderen Ende Luft holte. Leise sagte sie: „Um Ihren Vater, Miss McLovely.“ 

Für einen Moment vergaß Violet zu atmen. Hatte sie richtig gehört? 

„Um meinen … Vater?“, stieß sie aus und spürte, wie sie bleich wurde. 

Sollte das ein schlechter Scherz sein? 

„Kommen Sie zu mir. Dann werde ich Ihnen alles erzählen, was ich weiß. Sie können mir vertrauen, Violet“, sagte die Frau streng. 

„Mein Vater“, stammelte sie, holte Luft und fügte hinzu: „Wer … wer ist er?“

„Die Adresse ist 3 Miller Avenue, Mayfair.“ 

„Und das ist kein Scherz?“ 

Die Frau schnaubte. „Nein! Ich weiß es auch erst seit kurzem und finde es überhaupt nicht witzig, das können Sie mir glauben, junge Frau. Ihre Mutter hat Ihnen wirklich nicht gesagt, wer er ist?“

„Nein. Ich glaube, sie wollte es noch tun, aber …“, stotterte Violet. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. 

„Verstehe. Dann kam ihr der Tod dazwischen.“

Ihre gleichgültige Stimme bei dieser Bemerkung erschreckte Violet, was die Fremde wohl auch selbst bemerkte, denn sie fügte hinzu: „Das mit Ihrer Mutter tut mir leid. Wirklich, Violet. Also, was ist nun? Kommen Sie?“ 

Violet ging an das kleine Fenster und starrte hinaus auf die graue Straße und die gegenüberliegenden Wohnblocks, die mit bunten Graffitis verziert waren. Sie hatte so viele Fragen.

„Wann genau soll ich denn kommen?“, fragte sie die Fremde dann. 

„Ich bin zwei Tage geschäftlich unterwegs. Aber danach! Sagen wir, Freitag gegen Abend. Da passt es mir am besten und wir sind ungestört.“ 

Violet nickte, als könnte sie es sehen. „Gut! Ich werde da sein.“ 

„Und noch mal, zu keinem ein Sterbenswörtchen. Unser Butler Christopher wird sie einlassen. Klingeln Sie am Tor und nennen Sie Ihren Namen. Wiedersehen, Miss McLovely“, erklärte die Fremde noch. Dann legte sie auf. 

Verdutzt ließ Violet das Handy sinken. Butler? 

„Und, was hat sie gesagt? Du hast doch schon angerufen, oder?“, wollte Angela wissen, als sie wenige Minuten später ohne anzuklopfen bei Violet im Zimmer auftauchte. 

Violet blieb stumm. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Angela zog die Brauen zusammen. „Alles in Ordnung? Du bist ja weiß wie die Wand!“

Kopfschüttelnd ging sie auf Violet zu und rüttelte sie an den Schultern. „Bist du taub, Vi?“

Violet zwang sich, aus der endlosen Gedankenschleife auszubrechen. Sie beschloss, Angela nicht die Wahrheit zu sagen, nicht nur, weil die Frau sie darum gebeten hatte, sondern auch weil sie selbst noch nicht wusste, was sie von dem Telefonat halten sollte. Vielleicht war es auch ein Scherz oder eine Falle.

„Ja, es ging um die Ausbildung. Sie könnte es sich vorstellen, aber sicher ist es noch lange nicht“, log sie mit dünner Stimme.

„Nun ja. Ich finde es sowieso besser, wenn du die in diesem Café machen würdest. Ist näher! Mach dir nichts draus, wenn es nichts wird. Alles kommt, wie es kommen soll, Mädchen.“

Zufrieden machte sie kehrt und ließ Violet allein. Wahrscheinlich betete sie innerlich dafür, dass Violet noch ewig ihre Magd spielen musste. Sie schnappte sich ihr Handy und wählte Jacks Nummer. Zum Glück ging er ran. 

„Hi Jack. Wie geht’s dir? Bist du zu Hause?“

„Ja, mir geht es zwar schon besser, aber so ganz fit bin ich noch nicht. Ich bin zu Hause. Soll das ein Kontrollanruf werden? Ich liege auch wirklich im Bett.“ 

„Bist du allein?“, wollte Violet wissen. 

„Ja. Landen ist nicht da. Du kannst ruhig rüberkommen, die Luft ist rein.“ 

„Das hatte ich vor. Bis gleich.“

„Halt, Moment! Warum klingst du so aufgeregt?“, fragte Jack. 

„Das erzähle ich dir, sobald ich da bin“, versprach sie ihm. 

Noch während sie auflegte, machte sie sich auf den Weg. 

„Und was ist mit dem restlichen Haushalt?“, rief Angela, als sie sah, dass Violet im Aufbruch begriffen war. 

„Das hole ich nach, sobald ich kann. Kleiner Notfall. Bis später“, rief Violet. 

„Hier macht wohl jeder, was er will“, erwiderte ihre Tante eingeschnappt. Doch Violet wollte und konnte nicht darauf reagieren.

 

Die alte Tür zu Jacks Wohnung, von der an mehreren Stellen der Lack abblätterte, stand halb offen, als Violet ankam. Von unten drangen lachende Kinderstimmen durch das leicht modrig riechende Treppenhaus. Auch seine Wände waren, wie das des Mietshauses, in dem sie wohnte, von einem unnatürlichen Grün, an dem sie sich bereits am ersten Tag sattgesehen hatte.

„Na komm schon. Das bringt endlich mal Kohle in deinen mageren Geldbeutel, Jack.“ Violet erstarrte, als sie Stimmen aus Jacks Wohnung hörte. Landen war also doch da, dachte sie. Sie wollte schon den Rückzug anzutreten, da sie keine Lust hatte, diesem undurchsichtigen Typen schon wieder vor die Nase zu treten, überlegte es sich jedoch anders, als sie Jacks Stimme vernahm. „Das ist illegal, Mann.“

Mit gerunzelter Stirn trat Violet näher an die Tür heran. Das musste sie hören. Was hatte Landen vor? 

„Ich bin noch nie erwischt worden und mache das schon seit ein paar Jahren“, sagte der mit einem verächtlichen Schnauben.

„Weil du die anderen vorschickst. Oder sind die auch noch nie erwischt worden? Das ist also der Hilfsjob, von dem du mir die ganze Zeit vorgeschwärmt hast. Ich fasse es nicht!“

„Es ist noch so gut wie keiner erwischt worden, Jack. Und wenn, dann nur, weil sie meinen Ratschlägen nicht gefolgt sind. Sei doch nicht so spießig, Alter. Liebst du mich oder nicht?“

„Was hat das denn damit zu tun?“, wollte Jack wissen. Das allerdings interessierte Violet auch. 

„Du brauchst doch Kohle, oder nicht? Bei guten Übergaben bekommst du eine dicke Provision von mir. Du kannst dir jeden Tag bis zu hundert Kröten verdienen. Rechne das mal über ein Jahr hoch. Dann kommst du auch aus der Bude raus“, erklärte Landen. 

Darüber konnte Violet nur den Kopf schütteln. 

„Und warum bist du aus deiner noch nicht draußen?“, fragte Jack. 

Violet war empört. Wie dreist war dieser Landen eigentlich Der wollte Jack doch tatsächlich zum Dealen überreden. 

„Ich brauche nichts anderes“, gab Landen prompt zurück. 

„Ach ja? Ich erinnere mich, dass du öfters als einmal gesagt hast, du bist lieber bei mir als in deiner Bruchbude.“ 

„Jetzt stell dich nicht so an, Jack.“

„Schmeiß ihn raus, Jack. Mach Schluss mit dem Typen“, flüsterte Violet flehend vor sich hin. Es fiel ihr schwer die Füße still zu halten. Als hätte er ihre Gedanken gehört, rief Jack: „Vergiss es, Landen! Ich spiele doch nicht deinen Laufburschen und du sahnst auf meine Kosten ab.“

„Ja!“, freute sich Violet, ballte eine Hand zur Faust und schloss für einen Moment die Augen. Sie dankte Gott im Himmel für Jacks Einsicht.

Schon riss Landen die Tür auf. Als er sie entdeckte, verengte er die Augen, hielt kurz inne, drängte sie dann unsanft zur Seite und polterte die Treppe hinunter.

Jack saß vor sich hin starrend auf seinem Bett und warf eines der Smileykissen gegen die Wand. Seine Stirn war in tiefe Falten gelegt.

„Jack! Hi. Die Türe war offen. Ich …“, sagte Violet.

„Hast du alles gehört?“

Jack war kalkweiß im Gesicht. In letzter Zeit hatte er sowieso abgenommen, dachte Violet, und in diesem Augenblick sah er schwach und verletzlich aus. Sie setzte sich zu ihm. 

„Ja, habe ich! Ich dachte, du wärst allein …“, sagte Violet. 

Jack atmete laut aus. „Er stand plötzlich einfach in der Wohnung. Gleich, nachdem wir unser Gespräch beendet hatten. Du hattest recht“, unterbrach er sie und ließ eine Faust in die Bettdecke fahren. „Verdammt, er hat den Schlüssel noch.“

„Dann ruf ihn an, dass er ihn noch vorbeibringen soll. Ach, Jack.“

Seufzend legte sie einen Arm um ihn. Sein Blick senkte sich, er sah enttäuscht und traurig aus. Genau das hatte sie ihm ersparen wollen. 

„Ich hatte eben gehofft … Egal!“, flüsterte er. 

Violet fühlte mit ihm. „Nein, nicht egal. Ich weiß, was du meinst. Der Richtige wird noch kommen.“

Seufzend sah er auf. „Meinst du?“

Sie schenkte ihm ein Lächeln. „He, bei so einem coolen Typen wie dir ist schon allein die Frage überflüssig.“

Jack pustete geräuschvoll Luft aus. „Danke, aber momentan brauche ich wohl ohnehin erst mal eine Beziehungspause. Aber jetzt zu dir, Vi. Du bist so hibbelig, du kannst ja kaum stillsitzen. Lenk mich ab, erzähl, was passiert ist. Und zwar pronto!“

„Also gut! … Du wirst es nicht glauben.“ 

Jack lauschte ihrer Erzählung, wobei sich seine Augen zunehmend weiteten.

„Krass! Hast du die Adresse schon mal geeartht?“, fragte er. 

Violet zog die Brauen zusammen. „Ge… was?“

Jack schnappte sich seinen alten Laptop und speiste die Daten der geheimnisvollen Fremden bei Google Earth ein. Ach, das hatte er gemeint. Gebannt beobachteten beide den Verlauf der Suchmaschine, als Jack auf Enter drückte. 

„Cool. Man müsste in Echtzeit so schnell über die Erde fliegen können. Von einem Platz zum anderen“, sagte Violet. 

„Ja, das wäre echt cool. Dann bitte nach Hawaii!“ Jack lachte. So gefiel er Violet schon besser. 

Der Pfeil stoppte bei einem großen Anwesen mit verwinkeltem Dach, einer gepflasterten Einfahrt und einem großen Garten mit Swimmingpool und Baumbestand. Das Ganze wurde von Hecken, Zäunen und einem Tor umfriedet. 

„Ist das ein Nebenwohnsitz der Queen oder was?“, staunte Jack. „Das ist der Wahnsinn!“

Jack verließ Google Earth und gab die Adresse in seine Suchleiste ein. Es wurden keine Treffer angezeigt.

„Glaubst du echt, diese vornehme Prinzessin weiß, wer dein Vater ist? Vielleicht ist er ja ein Spion oder so.“ Er lachte, wurde aber sofort wieder ernst. 

„Quatschkopf. Unheimlich ist die Sache aber schon.“ Violet zog die Unterlippe nachdenklich zwischen die Zähne. 

Jack sah sie an. „Deshalb begleitet dich der Quatschkopf dorthin. Keine Widerrede!“ 

„Aber nur, wenn es dir bis dahin wieder absolut gut geht“, gab sie ihm zur Bedingung. 

Jack nickte. „Das wird es. Ich mummle mich ein und trinke den grässlichen Tee, den du mir bei meiner letzten Erkältung aufgedrängt hast.“

Violet sprang auf. „Mum schwörte darauf. Ich brühe dir gleich mal einen.“ 

„Oh klasse! Vielen Dank“, murmelte er und verzog sich unter die Decke. Violet merkte, dass ihm die Sache mit Landen nachging und legte sich, nachdem sie ihm den Tee gemacht und er ihn hinuntergewürgt hatte, noch eine Weile neben ihn. 

„Gut, dass ich dich habe“, murmelte er und schlang die Arme um sie. 

„Gleichfalls“, sagte sie leise.

 

 

Das Treffen

Jack und Violet schwiegen ehrfürchtig, als sie sich dem Anwesen näherten, das sie bereits virtuell erkundet hatten. Von der Straße aus konnte man nur das verwinkelte Dach sehen, der Rest verbarg sich hinter der hohen Hecke. Ein gewundener Metallzaun schirmte das Grundstück noch zusätzlich ab. 

„Oh Mann, sieht das schick aus“, flüsterte Violet, als könnte sie jemand hören.

„Ja, geradezu furchteinflößend. Soll ich doch weiter mitgehen?“, fragte Jack. 

Ohne eine Antwort zu geben, zog sie ihn mit sich bis an das halbbogenförmige weiße Holztor mit einer kleinen vergoldeten Drei in der Mitte, das die Hecke und den Zaun teilte. Rechts gab es eine kleine Sprechanlage mit Klingelknopf. Violets Bauch zog sich zusammen. So ähnlich hatte sie sich gefühlt, als sie damals vor der versammelten Geburtstagsgesellschaft ihrer Tante gestanden hatte, um für sie zu singen.

„Wenn du nach einer, sagen wir, halben Stunde noch nicht wieder da bist oder mir eine Nachricht schreibst, rufe ich die Polizei. Okay?“, schlug Jack vor. 

„Übertreib nicht. Mir passiert schon nichts.“ Das hoffte sie zumindest.

Eine Minute noch, dann war die vereinbarte Zeit gekommen. Violets Hände zitterten. Bevor sie den kleinen goldenen Knopf drücken konnte, ertönte ein Summen und das Tor sprang auf. 

„Die sind pünktlicher als wir!“, flüsterte Jack. 

Sie sah ihn an. „Also, dann gehe ich mal.“

Er drückte ihr die Daumen. „Gut! Bis bald.“

Mit pochendem Herzen trat sie durch das Tor. Die Aussicht, die sich ihr dahinter bot, ließ ihr den Mund kurz offen stehen. Es hatte ja schon aus der Vogelperspektive aus imposant ausgehen, doch es live zu sehen, übertraf all ihre Erwartungen. Die champagnerfarbene Villa hatte eine Unzahl weiß gerahmter Bogenfenster, selbst in den zwei Türmchen auf dem Dach. Direkt vor dem Haus erstreckte sich eine große Veranda. Der große, runde Einfahrtsplatz war gepflastert und grenzte an einen prächtig angelegten Garten mit Bäumen, einem Springbrunnen und jeder Menge Blumen. Als Violet am Fuße der Treppe ankam, die hinauf zur Veranda und damit zum Eingang führte, öffnete sich die zweiflüglige weiße Haustür und eine Dame mit Sonnenbrille, einem fliederfarbenen, knielangen Sommerkleid, weißen Pumps und Sommerhut, trat heraus. Sie deutete ein vornehmes Lächeln an. 

„Wo ist nur dieser Butler wieder?“, seufzte sie und streckte Violet ihre Hand entgegen. „Da sind Sie ja, Miss McLovely“, sagte sie. Violet atmete auf. Die Frau schien ganz nett zu sein. Unter ihrem Hut lugten ein paar Strähnen ihres schwarzen Haars hervor. 

„Guten Tag!“, begrüßte Violet sie und reichte ihr die Hand. Parfümduft wehte ihr entgegen. 

Kaum hatten sich ihre Hände berührt, zog die Frau ihre auch schon wieder zurück. „Kommen Sie herein. Warum sind Sie nicht alleine gekommen?“

Violet stutzte. „Aber das bin ich doch?“

Sie folgte ihr durch einen langen Flur, der mit hellen Marmorplatten ausgelegt war. An den weißen Wänden hingen moderne Kunstwerke. Alte Kommoden, die liebevoll restauriert schienen, standen neben großen Palmpflanzen. 

Die Frau warf ihr einen Blick über die Schulter zu. „Wer war dann der junge Mann? Wir haben Außenkameras, müssen Sie wissen, junges Fräulein.“

„Das … war Jack. Ein sehr guter Freund von mir", erklärte Violet und ärgerte sich, dass ihre Stimme am Ende zitterte. 

„Sie haben ihm alles erzählt nehme ich an?“, fragte die Frau.

Violet holte leise Luft und entschied sich für eine kleine Flunkerei.

„Nur, dass mich eine Dame sprechen will. Mehr nicht“, erwiderte sie schnell. 

Die Fremde ließ Violets Kommentar unerwidert und führte sie in eine Art Büro, das ganz in Schwarz und Weiß gehalten war. Auf dem langen gläsernen Schreibtisch standen Familienfotos. Die Leute darauf sahen so schick aus, als wären sie allesamt einer TV-Serie entsprungen. Die Frau nahm hinter dem Schreibtisch Platz und wies Violet auf den gegenüberliegenden Stuhl.

„Also, Miss McLovely. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist durchaus ungewöhnlich. Fallen Sie mir nicht gleich aus allen Wolken! Ich hoffe auf Ihre Hilfe und Ihren kühlen Kopf.“ 

Violet faltete die vor Aufregung leicht feuchten Hände ineinander und nickte nachdenklich. Die Dame hatte sich noch immer nicht vorgestellt. 

„Wenn Sie mir irgendetwas Zweifelhaftes oder Illegales vorschlagen möchten, dann können wir das hier gleich abbrechen. Ich brauche nicht noch mehr Probleme“, wagte Violet zu erwidern. 

„Sie sprechen also gerne Klartext. Das gefällt mir.“ Die Dame schürzte die Lippen und schob ein champagnerfarbenes Kuvert bis zur Tischmitte.

„Tatsächlich ist es so etwas Ähnliches wie ein Geschäft zwischen uns beiden. Ein sehr persönliches! Sie werden eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben, wenn Sie zustimmen.“

Violet war verwirrt. Verschwiegenheitsklausel? Was sollte das? Jedenfalls klang das alles sehr dubios und schien nichts mit ihrem Vater zu tun zu haben. Enttäuscht stand sie auf.

„Moment!“ Die Frau stand ebenfalls auf und wollte sie aufhalten.

„Nein! Ich möchte mich auf keine …“, sagte Violet. 

„Schluss mit den Förmlichkeiten. Es geht um deinen Vater, Violet. Also setz dich!“, unterbrach sie sie. Ihr Ton war schärfer geworden. Ihre Finger zitterten, als sie das Kuvert, das an den Ecken eingerissen war und dunkle Flecken aufwies, näher zu Violet schob. „Er ist von ihm. Für dich!“

Hatte sie richtig gehört? „Für mich? … Von ihm? Von meinem Vater? … Soll das ein Witz sein?“, entgegnete Violet. 

Die Frau atmete tief durch. „Nein! Mir wäre es auch lieber, wenn es nicht so wäre, wie es ist, das kannst du mir glauben. Setz dich lieber, bevor du den Umschlag öffnest.“ 

Die Stirn in Falten gelegt folgte Violet ihrem Rat und nahm den Brief vom Tisch. Ihr Vorname war in geschwungener Handschrift auf die Vorderseite geschrieben worden. Was, wenn diese Frau recht hatte und er tatsächlich von ihrem Vater war? Das Adrenalin schoss durch ihre Adern. Mit einem Finger fuhr sie über die Buchstaben und blickte auf. Die Frau beobachtete sie aufmerksam. 

„Mach ihn schon auf, Violet“, forderte sie ungeduldig. 

Violet sah sie an. „Sie kennen den Inhalt, nicht wahr?“

„Ja. Ich, meine Familie und ein aufdringlicher Schnüffler, den ich aber ruhigstellen konnte. Geld zieht immer. Das erhoffe ich mir auch in unserem Fall.“

Violet konnte sich nicht helfen. Diese Frau wurde ihr nicht nur immer suspekter, sondern auch von Sekunde zu Sekunde unsympathischer.

Mit zitternden Fingern zog Violet das weiße Briefpapier aus dem bereits aufgeschlitzten Umschlag und faltete es auseinander. Noch einmal blickte sie zu der Fremden auf, die sie weiterhin beobachtete. Die Schrift war die gleiche wie auf dem Kuvert. 

Liebe Violet,

vielleicht wunderst Du Dich … Nein, sicher wunderst Du Dich, dass ich Dir erst jetzt, nach all den Jahren, schreibe. Ich habe erfahren, dass Deine Mutter gestorben ist. Melody wollte lange nicht, dass wir uns kennenlernen. Bevor Du nun vielleicht sauer auf sie wirst – sie hatte schon recht. Ich war lange Zeit drogenabhängig, weißt Du. Nun ja, Du wirst zumindest davon gelesen haben. Auch sonst kann man mein Leben nicht gerade als normal bezeichnen. Dieser ganze Rummel um meine Person. Aber ich wollte so gern ein Kind und Matteo auch.

Ich habe so viele Gedanken in meinem Kopf, die ich Dir mitteilen möchte. Ich hoffe, dass wir uns treffen können. Es tut mir furchtbar leid, dass Deine Mum gestorben ist, denn sie war eine wunderbare Frau mit dem Herz am rechten Fleck. Wenn Du nun Hilfe brauchst, egal in welcher Hinsicht, will ich für Dich da sein. Ich weiß nicht, ob Melody Dir letztendlich doch alles erzählt hat. Falls nicht: Matteo und ich …

Violet stoppte. Die Wörter verschwammen vor ihren Augen. 

„Matteo?“, flüsterte sie.

„Kevins große Liebe, ja“, bemerkte die Frau. Ihre Blicke trafen sich. 

Violet drehte den Brief um und besah sich die Unterschrift genauer. Ihr Mund öffnete sich unwillkürlich. 

„Soll das heißen … Nein, das kann nicht sein“, stammelte Violet dann. 

„Du wusstest es also wirklich nicht. Ja, Kevin Jordan Sky, mein Cousin, ist … war dein Vater“, sagte die Frau. 

„Das kann nicht sein“, murmelte Violet und lehnte sich zurück. Ihr Herz raste, nur allmählich schärfte sich ihr Blick wieder. „Sie sind Thelma Matthews?“, hörte sie sich sagen. 

Violet dachte, dass sie in Person älter und herber aussah, als auf den Fotos, von denen es aber ohnehin nicht viele gab.

Mrs Matthews hatte sich erhoben und kehrte mit einer kleinen Flasche Wasser und einem Glas zurück. 

„Trink das, dann geht es dir gleich besser“, sagte sie, schenkte ihr ein und gab ihr das Glas. Violet nahm einen Schluck, der sich in ihrer Kehle zu stauen schien. 

Die Frau setzte sich wieder. „Du hast mich also wirklich nicht erkannt? Nun ja, das liegt wohl daran, dass ich eher im Hintergrund agiert habe. Kevin war eben der Star.“ 

So wie sie es sagte, klang es eifersüchtig. 

„Lies weiter!“, forderte sie und warf einen Blick auf ihre golden glänzende Armbanduhr.

Violet fühlte sich wie in einem Traum. Noch konnte sie nicht begreifen, was gerade passierte und das würde wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ihr Blick senkte sich wieder auf die Zeilen: 

Matteo und ich waren damals schon eine Weile zusammen. Zu unserem Glück, da waren wir uns beide mehr als einig, fehlte uns ein Kind, das wir gemeinsam großziehen wollten. Du hats mir gefehlt! Wir sprachen sogar von unserer Hochzeit und hatten alles geplant. Die Öffentlichkeit und meine Managerin hatten sich auch wieder beruhigt, was mein Outing betraf, es war ein perfekter Zeitpunkt. Da uns jedoch keine Adoption bewilligt wurde, kam uns der Gedanke mit der Leihmutter. Wir begannen nach einer geeigneten Frau zu suchen, was sich nicht als gerade einfach erwies. Und dann, eines Tages, traf ich auf Melody. Sie war ein großer Fan, was sie mir nicht zu sagen brauchte. Das Leuchten in ihren Augen … Wir lernten uns Backstage kennen, ich mochte sie sofort. Es war, als hätte uns das Schicksal zusammengeführt. Wir trafen uns ein paar Mal und ich merkte, dass sie in mich verliebt war. Sie wusste das mit Matteo und akzeptierte es. Deine Mutter träumte von Freiheit und ich bot ihr eine beträchtliche Summe Geld. Sie sollte das Baby austragen und wir wollten Dich großziehen. Sie hätte Dich jederzeit sehen und besuchen können. Letztendlich erklärte sie sich bereit. Vorher musste ich ihr aber versprechen, keine Drogen mehr zu konsumieren. 

Doch dann passierte so viel Shit. Ich hatte Ärger mit der Plattenfirma und meinem Management. Am Ende war die Abhängigkeit stärker als mein Wille. Erneut ließ ich mich verführen. Nicht nur Deine Mutter war enttäuscht darüber, sondern auch Matteo, und ihre Reaktion ließ mich nur tiefer in den Sumpf sinken. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich ihnen die Schuld geben. All diese Jahre, die ich mit Dir und Matteo hätte verbringen können, kann mir niemand zurückgeben. Ich habe mich selbst darum betrogen. Als Deine Mutter von meinem Rückfall hörte, wollte sie nichts mehr von mir wissen. Sie entschied sich, Dich nach der Geburt zu behalten und verhängte sogar eine Kontaktsperre. Sie sagte, ich müsste aufwachen. Matteo hat mir das nie verziehen. 

Sie ließ keinen von uns beiden an sich heran und nahm auch kein Geld mehr an. Dennoch war ich bei euch. Im Verborgenen. Und als ich erfahren habe, dass Melody krank ist, da habe ich mit euch gelitten. Ihr Tod traf mich, als hätte ich eine Schwester verloren. Aber am Ende, da wollte sie wohl doch Frieden mit mir schließen. 

Nun weißt du alles, meine liebe Violet. Vielleicht starten wir beide einen, wenn auch verspäteten, Neuanfang? Ich weiß, dass Du sehr gerne singst und sehr gut dazu. Momentan bin ich mit der Band auf einer US-Werbe-Tour. Den Brief werde ich so bald wie möglich losschicken und eine Antwort würde mir sehr viel bedeuten, mehr als Du Dir vorstellen kannst. Anbei ein Kärtchen mit meinen Kontaktdaten. Bitte, gib mir eine Chance. Dein Dad, Kevin J. Sky

Dein Dad, wiederholte sie in Gedanken und schluckte. Am unteren Rand des Briefes fehlte ein Stück. Wie in Trance fuhr Violet mit den Fingern über die Kante. 

„Es ist ein Wunder, dass der Brief den Absturz überhaupt so gut überstanden hat“, sagte Thelma. Ihre Stimme klang für Violet einen Moment wie von weit her. 

Heimlich zwickte sich Violet in einen Arm, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Thelma schien es zu bemerken. 

„Ich kann das alles nicht glauben“, flüsterte Violet. 

„Ich möchte, dass du das Erbe ausschlägst!“, erwiderte Thelma kühl und mit fester Stimme. Sie machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Ein Journalist hat den Brief gefunden. Bei der Absturzstelle. In einem kleinen Koffer. Er hat ihn natürlich geöffnet und ist danach damit zu mir gekommen. Er wollte die Story ausschlachten. Ich habe ihm Schweigegeld bezahlt, damit dieses unmoralische Geheimnis in der Familie bleibt. Es hat mich ein Vermögen gekostet, Violet. Aber was tut man nicht alles für die Familie. Die Medien lechzen schon nach den Erben, es wäre ein Riesenskandal, wenn sie von dir erfahren würden. Du hättest keine Minute Ruhe mehr vor den Medien und Kevins Fans. Willst du das?“

„Ich ... ich kann es mir nicht vorstellen“, stotterte Violet. 

„Ich schlage also vor, du verschwindest wieder in der Versenkung und ich gebe dir einen großen Teil des Erbes auf die Hand. Es wäre angemessen, wenn du nicht alles für dich beanspruchen würdest. Einverstanden?“

Sie stand auf und streckte ihr eine Hand entgegen, in der Erwartung, dass Violet einschlagen und den Deal besiegeln würde. Dass sie keinen Skandal wollte, konnte Violet durchaus verstehen. Dennoch traute sie ihr nicht. 

„Ich werde schweigen“, versprach Violet ehrlich. 

„Das ist auch in deinem Sinne, wenn du genau überlegst. Ich möchte, dass du nach der Auszahlung keine weiteren Forderungen mehr stellst und mir eine Verzichts-, sowie eine Verschwiegenheitserklärung unterschreibst und fertig! Keiner aus meiner Familie möchte etwas mit dir und dieser Sache, die schon Ewigkeiten her ist, zu tun haben. Du wärst hier also nicht willkommen und Kevin ist sowieso tot. Was würde es dir also bringen? Nur Unruhe.“ Sie lachte. „Mach dir ein schönes Leben mit dem Geld und alles Gute.“ 

Violet stiegen Tränen in die Augen. Sie fühlte sich wie in Watte gepackt. 

„Nun schlag schon ein!“, drängte Thelma, als sie reglos sitzen blieb. Wieder warf sie einen Blick auf ihre Uhr. 

„Ich muss das alles erst einmal sacken lassen“, entgegnete Violet. 

„Was gibt es da zu überlegen?“, rief Thelma. 

So viel!, wollte Violet schreien. Es gab so viel, über das sie nachdenken musste. Ihre Gedanken rasten. Jetzt wurde ihr so einiges klar, was in den letzten Tagen passiert war. „Rose und Payden! Jetzt weiß ich, warum sie in dem Café waren, in dem ich arbeite.“

„Sie waren was?“ Thelma wurde aschfahl. 

„Ist jetzt nicht so wichtig“, wiegelte Violet ab, doch damit wollte sich Thelma nicht zufrieden geben. Herrisch drängte sie darauf, dass Violet ihr die ganze Geschichte erzählte. 

„Fragen Sie sie am besten selbst“, sagte Violet abwesend. 

„Das werde ich!“ 

Sie zog ihre Hand zurück und zückte einen Stift. Violet starrte vor sich hin. Immer wieder wiederholte sich dieser verrückte, surreale Gedanke: Kevin Sky Jordan war ihr Vater. 

„Und es ist wirklich sicher? Es gibt kein Missverständnis?“, hörte sie sich fragen. 

„Leider nicht. Die Vaterschaft ist sogar dokumentiert. Das alleinige Sorgerecht allerdings lag immer bei deiner Mutter.“ Thelma lehnte sich seufzend in ihrem Stuhl zurück. Anscheinend war sie sehr irritiert darüber, dass Violet so viele Informationen wollte, statt sich einfach mit einer größeren Summe Geld zufrieden zu geben. 

„Also, vielleicht hilft es dir, wenn ich dir das Ganze genauer erklären, damit du siehst, dass ich dich wirklich nicht übervorteilen will. Das Testament ist soweit rechtlich geprüft und anscheinend völlig rechtmäßig. Auch Kevins Anwälte wissen darüber Bescheid. Sein Hauptanwalt, John Clayton, war einer derjenigen, der das Testament, neben seinem damaligen Freund Brian als Zeuge unterschrieben hat. Diese beiden sollen auch ein Auge darauf haben, dass dir das Testament gezeigt wird. Natürlich nur, wenn du es sehen willst. Aber ich denke, dass wir uns diesen gemeinsamen Termin sparen können. Ich meine, wir können das gleich unter uns regeln. Ich weiß auch nicht, was Kevin sich dabei gedacht hat. Als hätte ich dich um dein Erbe betrogen oder so. Das stößt mir doch ein bisschen sauer auf.“

„Ja, seltsam“, flüsterte Violet und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme leicht ironisch klang. Thelma runzelte die Stirn.

„Du bekommst das Geld ja! Es wird genug sein, damit du dir ein neues Leben aufbauen kannst, Violet. Niemand kann behaupten, dass ich nicht fair bin. Der Rest wird wohltätigen Zwecken zufließen. Dein Vater war ja immer ein großzügiger Spender. Viel zu großzügig, meiner Meinung nach. Also, wenn du nun gleich…“

„Wie gesagt, ich lasse mir das noch einmal durch den Kopf gehen“, erwiderte Violet. 

Thelma lief rasch um den Schreibtisch herum, als Violet im Begriff war aufzustehen. 

„Es ist wichtig, dass du sofort unterschreibst, Violet“, redete sie auf sie ein. 

Violet sah sie direkt an. „Wieso?“

Thelma wich ihren Blicken aus. „Ich werde meinen Mann auf eine Tournee begleiten und bin ab morgen eine Zeitlang unterwegs. Schon allein deshalb.“ 

„Dann treffen wir uns danach noch einmal“, schlug Violet vor. 

Thelma schürzte die Lippen. „Die Sturheit hast du wohl von Kevin. Wenn er etwas wollte oder nicht wollte, hatte er einen richtigen Dickschädel. Komm, tu uns allen den Gefallen, junge Frau. Du wirst dir und uns viel Ärger ersparen.“

Abermals warf Thelma einen Blick auf ihre Uhr und verzog das Gesicht. 

„Ich würde aber gerne einmal mit der Mutter meines … meines Vaters sprechen – Vivienne“, erwiderte Violet. Gänsehaut überlief ihren Körper, als sie daran dachte, dass Vivienne Sky ihre Großmutter war. 

Thelma schüttelte energisch den Kopf. „Unmöglich! Sie möchte das nicht. Habe ich doch bereits gesagt.“ Hektisch kritzelte Thelma ein paar Worte auf einen Zettel und reichte ihn Violet. Es war ein neuer Termin. „Wir treffen uns wieder hier im Haus von Skys Mutter. Unser Haus in Chelsea wird renoviert und wir hätten keine Ruhe!“, sagte sie kühl. 

Plötzlich drangen Stimmen aus dem Flur zu ihnen. Thelma sog hörbar Luft ein und starrte erschrocken Richtung Tür. 

„Ach, ich dachte Sie wohnen hier“, bemerkte Violet. 

„Dieses Haus gehört Vivienne. Sie hat es erst vor kurzem bezogen, um in Kevins Nachbarschaft zu wohnen. Sie wollte ihm wieder näherkommen“, antwortete Thelma schnell. „Na, wunderbar, sie kommen“, seufzte sie dann und verdrehte die Augen.

„Ist sie das?“, fragte Violet. 

Thelma schob sie zurück zum Schreibtisch und drückte sie auf den Sessel. Die Tür öffnete sich. 

„Was tut ihr denn schon hier?“, rief Thelma nervös. 

„Die Vorstellung fiel aus“, entgegnete ein junger Mann, dessen Stimme Violet bekannt vorkam. 

„Granny wollte nach Hause“, ergänzte eine junge Frauenstimme. Langsam drehte sich Violet mit dem Sessel um. Nur wenige Meter von ihr entfernt standen Rose und Payden. Zwischen ihnen stand eine ältere Dame, die einen schicken roten Seidenmantel trug. Das ergraute Haar trug sie hoch gesteckt. Ihre Gesichtszüge waren weich und freundlich. Thelma versuchte, die drei aus dem Raum zu schieben, doch sie hatten Violet bereits entdeckt. Ihre Augen weiteten sich. Rose und Payden standen wie erstarrt. Die alte Dame jedoch trat langsam auf Violet zu, ohne sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen. 

„Ist das etwa … Violet?“, fragte sie. 

Violet fühlte sich benommen. „Sie sind Vivienne“, flüsterte sie leise und stand auf.

„Violet wollte gerade gehen“, erwiderte Thelma hektisch.

Die Dame nickte. Sie sah nicht so aus, als wäre sie verärgert darüber, Violet zu begegnen. Im Gegenteil. Ihr Gesicht begann zu strahlen, als hätte sie eine wundervolle Erscheinung gesehen. „Violet!“, flüsterte Vivienne Sky beinahe liebevoll. Violet fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Irgendwie hatte sie die alte Frau von der ersten Sekunde an ins Herz geschlossen. 

„Hat sie es also doch gewusst?“, flüsterte Rose und musterte sie, wie schon im Café, von oben herab.

„Wenn du damit meinst, dass Kevin mein Vater ist: Nein, das habe ich nicht gewusst“, beantwortete Violet ihre Frage. Das Ganze war zu merkwürdig.

„Du hast seine Brauen, seine Augen, die gleichen Lippen, das …“, flüsterte Vivienne. Ihre Stimme versagte. Tränen stiegen in ihre Augen, als sie Violets Gesicht zwischen ihre Hände nahm. Violet schluckte. Endlich hatte sie ihren Vater gefunden, wenn auch zu spät. Auch sie spürte Tränen in sich aufsteigen. Sie hatte einen dicken Kloß in ihrer Kehle. 

„Ich hätte ihn zu gern kennengelernt“, brachte sie heraus. 

Vivienne Sky schloss sie sanft in ihre Arme. „Ach, Kindchen.“ Das brachte Thelma endgültig aus der Fassung. Schnurstracks kam sie auf sie zu.

„Sie muss nun gehen! Den Rest erledigen wir später“, sagte sie. 

„Ja, aber weiß sie von dem Erbe?“, warf Vivienne ein. 

Thelma nickte. „Ja, weiß sie. Aber sie lehnt es ab. Nicht wahr, Violet? Sie ist wirklich klug, denn sie möchte auch nicht, dass das alles in der Öffentlichkeit breitgetreten wird. Natürlich wird sie einen Anteil bekommen.“ 

„Hast du ihr auch das mit den …?“, setzte Vivienne nochmals an. 

„Ich habe ihr alles gesagt!“, unterbrach Thelma sie genervt und lauter Stimme. 

Bevor Violet etwas erwidern konnte, packte Thelma sie am Oberarm und zog sie mit sich, drückte ihr aber zum Abschied einen Kuss auf die Wange. 

„Vivienne ist schon alt und oft verwirrt. Erst will sie dich nicht sehen und nun … Vergiss sie. Wir beide regeln das“, flüsterte sie ihr zu und lächelte gezwungen. 

Grob schob sie Violet durch die Eingangstür und winkte ihr zum Abschied zu. Violet nickte nur verdutzt. Einen Moment überlegte sie umzukehren, doch dann wurde ihr schwindlig. In der letzten halben Stunde war so viel passiert, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Es erschien ihr durchaus sinnvoll, erst einmal aus diesem merkwürdigen Haus zu flüchten und ganz in Ruhe über alles nachzudenken. Sie ging durch das Tor, das sich automatisch öffnete, verließ das Grundstück und wurde von Jack empfangen.

Sie konnte nichts sagen. Sie wusste nicht, was. Ihr Freund schien zu verstehen, wie aufgewühlt sie war, nahm ihre Hand und zog sie die Straße herunter. 

„Warum sagst du nichts?“, fragte er schließlich, nachdem sie die Straße verlassen und in eine engere Gasse abgebogen waren. 

„Du wirst es nicht glauben, Jack.“

Er überholte sie und ging rückwärts vor ihr her, um sie ansehen zu können. „Ich vertraue dir und du kannst mir vertrauen, Violet. Was auch immer da drin passiert ist, es bleibt unter uns.“

Sie lächelte. „Das weiß ich doch.“ 

Bei einer Bank in einem kleinen Park machten sie Halt und setzten sich. Dann begann Violet ihm alles zu erzählen. Selbst für sie klang es, als würde sie die Handlung eines Films schildern. Jack blieb der Mund offen stehen. Nachdem sie ihm auch das letzte Detail verraten hatte, herrschte einen langen Moment Stille. Schließlich fragte Jack stotternd: „Das ...das ist wirklich dein Ernst, oder?“ 

Violet nickte. „Jedes einzelne Wort, ja. Ich kann es selbst noch nicht glauben.“

Jack schoss hoch, legte die Hände an den Kopf und drehte sich einmal um sich selbst. Dann starrte er wieder auf Violet. „Wow! Meine beste Freundin ist die Tochter eines Weltstars!“ Er kniff sich mit den Fingern in die Wangen und murmelte: „Ja! Ich bin wirklich wach.“ Er ließ sich wieder neben sie nieder. „Oh Mann! Und was machst du jetzt? Mensch, Violet. Wenn das ein größerer Betrag ist, den du da bekommst, dann könntest du sogar studieren!“ 

Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Tränen stiegen in ihre Augen, als sie sich an die Zeilen erinnerte, die Sky an sie geschrieben hatte und die ihr viel wichtiger waren als alles Geld dieser Welt. 

„Endlich habe ich meinen Dad gefunden und dann ist er tot“, flüsterte sie und biss sich auf die Unterlippe, um den Schmerz, der in ihr aufstieg, zu lindern. Das alles war so unbegreiflich. Jack rückte näher und legte einen Arm um sie. 

„Es tut mir so leid, Kleines.“ 

Vor ihrem inneren Auge blitzten Bilderfetzen auf. Kleine Szenen aus Videos und aufgeschnappten Nachrichtenbeiträgen, die sie von Kevin gesehen oder gehört hatte. Und sie erinnerte sich an das Konzert, das sie zusammen mit ihrer Mutter besucht hatte. 

„Mum konnte nicht aufhören zu lächeln, als wir bei seinem Konzert waren.“ Für einen Moment flog ihr Blick in den klaren Himmel. „Sie hat ihm verziehen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass sie mir noch etwas sagen wollte. Und nun weiß ich auch, was es war.“ Ihr bester Freund nickte. Er schien beinahe ebenso durcheinander zu sein wie sie.

Sie blinzelte ein paar Tränen weg. „Er wusste sogar, dass ich singe, Jack.“ 

Ihr Freund begann laut nachzudenken. „Er war sicher hin- und her gerissen. Einerseits, da bin ich sicher, wollte er dir nahe sein, andererseits deiner Mutter nicht in die Quere kommen. Außerdem hatte er ja oft mit sich selbst zu kämpfen. Diese Drogen machen einen kaputt! Ich denke, wenn sie einen erst einmal in ihren Klauen haben … Man ist nicht mehr man selbst.“ Er brach ab und Violet wusste, dass er dabei auch an Landen dachte. 

„Aber es ist keine Entschuldigung“, ergänzte er. Violet gab Jack recht. Dennoch hätte sie eine Menge dafür gegeben, ihren Dad einmal in den Arm zu nehmen, mit ihm zu reden. 

„Bist du sauer auf deine Mum?“, fragte Jack. 

Violet stand auf und winkte Jack mit sich. Der Wind war kühler geworden. 

„Ich weiß nicht. Das alles ist noch zu unwirklich. Meine Gedanken fahren Achterbahn.“

Jack nickte. „Das ist verständlich. Geht ja mir genau so.“

Sie gingen weiter nebeneinander her. Violet dachte an ihre Mutter, an all die Liebe, die sie ihr immer gegeben hatte. Sie wollte nur das Beste für sie. Dessen war sich Violet bewusst. Daher sagte sie: „Nein, ich kann ihr nicht böse sein. Sie hatte ihre Gründe, und Sky hat sie verstanden. Mein Gott, es muss auch für Matteo schrecklich gewesen sein. Erst diese Hoffnung auf ein Glück zu dritt und dann das! Aber auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass Mum mich geliebt hat, auch wenn das alles anders geplant war.“

„Und dein Dad ebenfalls. Kevin Sky Jordan! Nein, das ist wirklich unfassbar. Dieser Thelma würde ich allerdings nicht trauen. Lass dir auf jeden Fall das Testament zeigen, Vi. Was wirst du denn nun deiner Tante und deinem Onkel sagen? Die fragen sicher?“, wollte Jack wissen. 

„So wenig wie möglich. Ich muss das erst für mich klären.“ Sie atmete durch. „Bringst du mich noch nach Hause, Jack? Ich bin völlig fertig. Ich glaube, ich muss mich erst mal hinlegen.“

 

Jack behielt recht. Sobald Violet zur Tür hineintrat, überfielen sie ihr Onkel und ihre Tante mit neugierigen Fragen. „Sie wollte mir nur ein dubioses Jobangebot machen. Darauf lasse ich mich ganz sicher nicht ein“, wiegelte Violet sie ab. Dann verzog sie sich mit einer heißen Tasse Beruhigungstee in ihr Zimmer. Immer noch glaubte sie zu schweben. Sie öffnete ihren Laptop und suchte online nach einem Bild von Kevin Sky. Gedankenverloren legte sie sich rücklings ins Bett und betrachtete sein Gesicht. Seine grünen Augen strahlten ihr entgegen. Unwillkürlich erwiderte sie das Lächeln, dass auf seinen Lippen lag. Gänsehaut überlief ihren Körper. 

Ein weiteres Foto zeigte Kevin am Strand. Sein muskulöser Oberkörper war von der Sonne gebräunt, das schwarze Haar trug er nach hinten gegelt. Plötzlich fiel Violet etwas auf, das sie zuvor noch nie an ihm bemerkt hatte, wahrscheinlich deshalb, weil es nur selten freizügigere Fotos von ihm gab. Sie stand auf, lief zu ihrem Kommodenspiegel und besah sich ihren Hals, an dessen rechten Seite ein ovales Muttermal prangte, das etwa die Größe einer Centmünze hatte. Es hatte die gleiche Form wie Kevins und saß am selben Platz. 

„Der Traum“, flüsterte sie. Sie erinnerte sich, dass ihre Mutter sie genau an dieser Stelle berührt hatte. Im Nachhinein kam es Violet nun so vor, als habe ihre Mum sie darauf hinweisen wollen. Violet ließ einen Finger über die Stelle fahren und besah sich im Spiegel. Der Traum gab ihr Gewissheit, dass ihre Mutter noch mit ihr verbunden war, und vielleicht auch ihr Vater. Wie auf Wolken ging sie zurück in ihr Bett und zog sich die Decke bis zum Kinn.

„Was soll ich tun, Mum?“, flüsterte sie leise und schloss die Augen. Auf keinen Fall wollte sie sich mit dieser Thelma Matthews anlegen. Die Frau war wirklich furchteinflößend. Außerdem, wahrscheinlich hatte sie recht, was die Medien und den Rest der Familie betraf, und ihr Vorschlag schien eigentlich ganz akzeptabel. Allerdings hatte Vivienne Sky wirklich nicht den Eindruck gemacht, als wäre sie über ihre Anwesenheit nicht erfreut gewesen. Ihr war, als spürte sie noch die Wärme ihrer Hände auf der Haut. 

Schließlich übermannte sie die Erschöpfung und sie fiel in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte, dass sie zusammen mit einer Menschenmenge vor einer großen Bühne tanzte, auf der ihr Vater an seiner E-Gitarre zupfte und mit dem Rest der Band einen Song nach dem anderen zum Besten gab. Seine Augen leuchteten, als er herumwirbelte. Plötzlich stoppte er. Sein Blick richtete sich auf sie und fixierte sie. Ihr Vater winkte sie zu sich. Violets Herz überschlug sich, als sie sich einen Weg durch die Menge zur Bühne bahnte. Doch egal, wie viele Schritte sie auch machte, sie kam einfach nicht voran. 

„Kämpfe! Sing, Violet!“, hörte sie die Stimme ihres Vaters aus der Ferne, stark und fest, während ihr ein Pulk aus Leuten die Sicht nahm. Die Musik dröhnte durch die riesige Halle. 

Als Violet erwachte, war es früh am Morgen. Sie schlug die Augen auf und griff nach rechts, als könnte sie Kevin dort finden. Noch immer hörte sie seine Worte in ihrem Kopf: „Kämpfe! Sing, Violet!“

 

Violet fragte die neuen Gäste höflich nach ihrer Bestellung. Immer wieder tastete sie nach dem kleinen Foto von Kevin, das sie in ihre Hosentasche gesteckt hatte. Noch zwei Stunden bis zum Feierabend. Eine kleine Ewigkeit! Jack, der inzwischen wieder ganz gesund war, würde sie danach abholen und den Abend mit ihr im Hyde Park verbringen, bevor er wieder zur Arbeit musste. Er hatte versprochen, seine Gitarre mitzubringen. Zum Glück hatte sie die Hausarbeit schon erledigt und das Essen war bereits fertig, so dass ihre Tante und ihr Onkel nicht meckern konnten. Diesmal hatte sie ihnen einen fettigen Eintopf gekocht, von dem sie wusste, dass besonders ihr Onkel ihn mochte. Viel lieber hätte sie sich um den Nachtisch gekümmert und Kuchen und Muffins gebacken, denn das machte sie wirklich gern. Doch von „Süßkram“ hielten die beiden nicht viel. Sie mochten es lieber deftiger. 

Auf dem Weg zur Theke kreuzte Betty Violets Weg und lächelte ihr zufrieden zu. Violet war nicht entgangen, dass sie wieder das Abkassieren übernommen hatte und vermutlich das ganze Trinkgeld selbst eingesteckt hatte. Noelle war wegen einer Erkältung ausgefallen, weshalb Violet ihre Schicht mit übernommen hatte. Es machte ihr nichts aus. So kam sie weniger zum Nachdenken. 

„Ich bin dann mal weg!“, rief Betty und tänzelte nach draußen. 

Das Café lief immer besser, was Betty vor allem ihren Mitarbeitern zu verdanken hatte. Etwas, das sie leider viel zu wenig schätzte. Doch so war ihre Chefin eben, und es würde wohl niemandem gelingen, sie zu ändern. Violet schüttelte ihre Verärgerung ab und versuchte sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

 

Als sie zwei Stunden später das Café verließ, wartete Jack bereits auf sie. Er saß wieder auf der Bank gegenüber und zupfte eine hübsche Melodie auf seiner Gitarre. Violet fiel auf, dass er in sich gekehrt wirkte. 

„Was ist los?“, wollte sie wissen, nachdem sie ihn begrüßt hatte. 

Er hängte sich die Gitarre um und zuckte mit den Schultern.

„Na komm schon. Raus mit der Sprache.“ Leicht stupste sie ihn mit dem Ellbogen gegen den Arm. Jack seufzte.

„Die zweite Demo, die ich losgeschickt hatte, kam genauso zurück wie die andere und höchstwahrscheinlich verliere ich bald einen meiner Jobs“, sagte er bedrückt. „Aber sonst alles okay. Ach nein. Warte. Landen hat mich blockiert, als ich ihn gebeten habe, mir den Zweitschlüssel zurückzugeben. Und bei dir so?“ 

„Mann, Jack, das tut mir leid. Aber Kopf hoch! Mum hat immer gesagt, dass nach Regenwetter immer wieder Sonnenschein folgt. Das hat mir immer ein bisschen geholfen. Gib nicht auf!“ 

Er nickte und versuchte entschlossen zu klingen. „Du hast recht. Den Kopf in den Sand stecken bringt nichts. He, willst du meine neueste Komposition hören?“

Sie nickte energisch und lächelte. „Ja, natürlich!“ 

Im Park angekommen suchten sie sich ein schattiges Plätzchen unter einem der großen Bäume, deren Blätterdach im Sommerwind rauschte. Jack stimmte einen melancholischen Song an, der Violet sofort in seinen Bann zog. Augenblicklich waren sie wieder da, die Gedanken an ihre Mutter, an Sky, Thelma, ihr Leben. Ein junges Paar, die sich wenige Meter entfernt von ihnen auf einer Decke niedergelassen hatten, lächelte ihnen zu und klatschte, als Jack den letzten Ton gespielt hatte. 

„Das war einfach toll, Jack“, schwärmte Violet. „Und das sage ich nicht nur so. Du hättest es verdient, dass einer dieser Plattenheinis deine Songs veröffentlicht. Ich schätze, die werden überflutet mit Tapes und hören die meisten erst gar nicht mehr an.“

Jack zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Oder sie finden es eben nicht gut oder nicht gut genug. Leider bekommt man ja nur einen Standardbrief zurück, in dem kein Grund genannt wird. Nur, dass es ihnen leid tut, eine Absage erteilen zu müssen. Wahrscheinlich sollte man froh sein, dass man überhaupt eine Antwort bekommt.“ 

Da kam Violet Payden in den Sinn. 

„Vielleicht sollte ich ihn mal fragen“, sagte sie. Er schien ja ganz nett zu sein. Und sie würde ihn sicher auf Facebook oder Instagram finden. 

„Wen fragen? Und was?“, wollte Jack wissen und zupfte die ersten Takte eines Ed-Sheeran-Songs. 

„Diesen Payden. Vielleicht kann er dir einen Tipp geben zu deiner Musik. Er müsste deine Situation ja gut nachvollziehen können“

Jack hielt inne und sah sie an. „Meinst du, das bringt etwas?“

Violet hob die Brauen. „Wer weiß. Lass mich nur machen.“

„Nur falls es sich mal ergibt, Vi. Ich will mich nicht aufdrängen. Sei lieber vorsichtig, nicht, dass du diesen Leuten plötzlich einen Gefallen schuldest“, gab Jack zu bedenken. 

Er spielte weiter und Violet lehnte sich an ihn. Leise begann sie zur Melodie zu singen, was ihn sichtlich überraschte. Keine Frage, es machte ihr Spaß, Gefühle in die Stimme zu legen, sie durch das Singen auszudrücken. Es befreite richtiggehend.

„Du hast dieses Besondere in der Stimme. Genau wie er! Mein Gott, du bist wirklich Skys Tochter. Unfassbar … Ich weiß immer noch nicht so recht, was ich davon halten soll“, sagte Jack am Ende des Songs und sah sie an, als wäre sie ein Wunder. 

Violet wurde ganz verlegen. „Hör auf. Sonst hört dich noch jemand.“

Jack verdrehte die Augen. „Oder dich! Das wäre ja ganz schlimm.“

„Ich mache das nicht extra, ich kriege einfach keinen Ton raus, wenn mir fremde Leute zuhören. Sieh es als Kompliment. Wenn alle wie du wären, hätte ich diese Probleme nicht."

Er lachte. „Also brauchen wir ein verrücktes, schwules Publikum.“ 

Sie musste mitlachen. Als sie sich umsah, bemerkte sie, dass sich der Park weitgehend geleert hatte. Der Himmel hatte sich zugezogen und ein Unwetter war im Anmarsch. 

Jacks gute Laune war dahin. „Na toll. Ich freue mich schon darauf, dann in meiner Regenkutte mit dem Rad durch London zu fahren. Und dabei muss ich auch noch irgendwie die Pizzen trocken halten, die Transportboxen sind nämlich meistens undicht.“

„Dann gib den Mangel an“, sagte Violet. 

Es begann bereits zu tröpfeln. Sie brachen überstürzt auf und verließen den Park halb rennend. Violet wünschte, sie hätte Jack mehr helfen können. Sie drückte ihn fest zum Abschied und dachte, dass ihr Freund in letzter Zeit wirklich vom Pech verfolgt war.