Leseprobe Verlieben will gelernt sein

Kapitel 1

PROJEKT: HOCHZEIT

Produkt: Jessica Wild

Jetzt bin ich also schon ein Produkt?

Noch mal zum Mitschreiben: Entweder wir ziehen das auf meine Art durch, oder wir lassen es ganz bleiben.

Na gut. Dann bin ich eben ein Produkt. Von mir aus…

 

Mission: Dem Produkt ein neues Image verpassen, damit es für Zielgruppe unwiderstehlich wird, sodass Zielgruppe dem Produkt auf der Stelle seine unsterbliche Liebe gestehen und Heiratsantrag machen muss.

 

Zeitfenster: fünfzig Tage

 

Zielgruppe: Anthony Milton (Chef des Produkts und toll aussehender Werber der Top­Kategorie)

 

Markenziele:

1. Attraktiv für Anthony Milton sein

2. So attraktiv, dass er mit Produkt ausgehen will.

3. Und Produkt schlussendlich bittet, ihn zu heiraten

4. Oh, und das Ganze innerhalb von fünfzig Tagen. Einschließlich Hochzeit

5. Das ist das dämlichste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Und das lukrativste. Vergiss nicht, wir reden hier von vier Millionen Pfund, einer Summe, bei der wohl keiner die Nase rümpft.

Tue ich ja auch gar nicht. Ich überlege nur, was ich machen soll, wenn es in die Hose geht.

Wird es aber nicht.

Du hast leicht reden. Du musst es schließlich nicht tun.

 

Hauptmerkmale (positive) des Produkts: Äh…

Schlanke Taille. Hübsche Beine. Manchmal ein wenig zu ernst. Und in puncto Männer Versagerin auf der ganzen Linie.

Schönen Dank auch.

Gern geschehen.

 

Probleme beim Rebranding/zu überwindende Hindernisse:

1.) Zielobjekt zeigt bislang keinerlei Interesse an Produkt.

2.) Produkt ist ebenfalls nicht mal ansatzweise an Zielobjekt interessiert.

Anthony Milton? Dieses Sahneschnittchen? Ich bitte dich. Du musst doch wenigstens ein bisschen interessiert sein.

Überhaupt nicht. Er ist nicht mein Typ.

Du hast einen Typ? Du gehst noch nicht mal auf die Piste. Wie kannst du da einen Typ haben?

Ich habe ja auch keinen bestimmten Typ. Ich weiß nur, wenn einer nicht mein Typ ist.

In diesem Fall also Männer im Allgemeinen …

Das Ganze ist eine Schnapsidee. Vielleicht sollten wir lieber überlegen …

O nein, das wirst du hübsch bleiben lassen. Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen.

Doch, kann ich.

Nein, kannst du nicht. Außerdem hast du sowieso keine andere Wahl. Wir haben die Alternativen x-mal durchgekaut und festgestellt, dass es keine gibt.

Danke, dass du mir das noch mal unter die Nase reibst.

 

Strategien:

Könnte ich das delegieren? Zum Beispiel ein Supermodel engagieren, das Anthony an meiner Stelle heiratet?

Geht ein bisschen am Thema vorbei, was? Also, so schwierig ist das doch gar nicht. Du brauchst nur einen neuen Haarschnitt. Ein paar neue Klamotten. Dann musst du lernen, wie man nett lächelt. Und dich ein bisschen in der Kunst der Verführung fit machen.

Ich mag meine Klamotten. Und die Kunst der Verführung interessiert mich nicht.

Das wird es aber, wenn ich erst mit dir fertig bin.

Wenn du mit mir fertig bist? Ist das ein Versprechen?

 

Helen, meine Mitbewohnerin, rümpfte die Nase. »Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass du das Ganze nicht richtig ernst nimmst?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich unschuldig. »Ich nehme es nämlich sehr ernst. Ich überlege sogar, ob ich nicht in die Bibliothek gehen soll, um mich mit Material über das Hei raten in den letzten zweitausend Jahren einzudecken. Die besten Tipps sammeln, du weißt schon.«

Helen verdrehte die Augen. »Bitte, Jess, das ist kein Witz. Ziehen wir das jetzt durch oder nicht?«

Ich seufzte. »Okay, aber vielleicht haben wir das alles ja auch nicht richtig durchdacht. Ich könnte doch einfach den Anwalt anrufen? Und die Sache klarstellen? Mich entschuldigen und dann die ganze alberne Idee vergessen.«

»Ehrlich? Willst du das wirklich?«, fragte Helen.

Ich wurde rot und schüttelte den Kopf. Nie im Leben würde ich den Anwalt anrufen und die Wahrheit sagen. Das wäre doch viel zu peinlich. Ausgeschlossen.

Helen zuckte mit den Achseln. »Dann sag mir doch mal genau, was du zu verlieren hast, Jess. Ganz im Ernst.«

»Meine Würde«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Meine Unabhängigkeit. Meine …«

»Schulden?«, schlug Helen vor. »Dein nicht existentes Sozialleben? Komm schon, Jess, wann warst du das letzte Mal auf der Piste?«

»Ich will nicht auf die Piste gehen. Das wird doch völlig überbewertet. Genauso wie die Heiraterei und Beziehungskisten.«

»Woher willst du das denn wissen? Du hattest doch überhaupt noch keine einzige Beziehung. Außerdem geht es hier nicht um eine Beziehung, sondern um ein geschäftliches Arrangement.«

Ich biss mir auf die Lippe. »Aber das weiß Anthony nicht. Du behauptest, du könntest dafür sorgen, dass er sich in mich verliebt, aber das wird nie im Leben passieren. Dieses ganze Projekt ist reine Zeitverschwendung.«

Helen kniff die Augen zusammen. »Du kriegst doch nicht plötzlich kalte Füße, oder?«

»Nein!«, stritt ich ab. »Natürlich nicht. Ich finde die Idee nur verrückt.«

»Ich glaube dir kein Wort.« Helen schüttelte den Kopf.

»Du hast die Hosen voll. Jessica Wild, Miss Ehehasserin, hat Angst vor Zurückweisung. Gib’s zu.«

Genervt verdrehte ich die Augen. »Ich habe keine Angst vor Zurückweisung«, erklärte ich spitz. »Ich weiß nur, dass dieses … dieses Projekt bei Anthony nie im Leben funktionieren wird. Genauso wenig wie bei mir. Und, ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Ich kann Besseres mit meiner Zeit anfangen, als irgendeinem Weiberhelden hinterherzuhecheln.«

»Auch etwas Besseres, als vier Millionen Pfund zu erben? Mach dich nicht lächerlich. Außerdem täte es dir bestimmt gut, eine feste Beziehung zu haben.«

»Dass du das denkst, glaube ich gern. Aber ich fürchte, das spielt hier keine Rolle. Im Gegensatz zu dir finde ich nämlich nicht, dass Männer die Antwort auf alles sind. Ich will keine feste Beziehung. Ich brauche niemanden, damit ich mich gut fühle. Ich bin auch allein sehr glücklich.« Die Worte hatte ich schon so oft ausgesprochen, dass sie wie ein Mantra klangen. Und ich glaubte, was ich sagte: Die Ehe war eine Primasache für hübsche junge Dinger, die sich gern von einem Mann abhängig machten, aber nicht für mich. Ich wusste es besser.

»Allein und pleite, meinst du wohl. Na schön, du bist auch ohne Beziehung glücklich. Aber wenn das hier klappt, kriegst du nicht nur einen tollen Ehemann, sondern auch noch vier Millionen Pfund. Also bitte. Das ist doch einen Versuch wert, oder?«

Unbehaglich zuckte ich mit den Achseln. Das war ein Argument. Vier Millionen waren eine Menge Geld. Eine Summe, mit der sich mein ganzes Leben auf einen Schlag ändern würde. »Trotzdem wäre ich dann aber verheiratet.«

»Du kannst dich doch wieder scheiden lassen.«

Ich runzelte die Stirn. Klar, ich glaubte nicht an die Ehe, aber ebenso wenig gefiel mir die Vorstellung, mich scheiden zu lassen. Das roch nach Versagen und nach einer schlechten Wahl. Vielleicht könnten Anthony und ich uns ja einfach so trennen – bei diesem Gedanken verpasste ich mir innerlich einen Tritt. Allmählich ließ ich mich tatsächlich von Helens Euphorie anstecken. Aber ich würde mich nicht scheiden lassen oder trennen, weil ich nämlich gar nicht erst heiraten würde. Mochte sein, dass ich Helen damit in gute Laune versetzte, aber das Projekt Hochzeit würde nie im Leben funktionieren. »Könnte ich.«

Helen lächelte. »Also tust du’s? Du versuchst es?«

»Ich versuche es«, erwiderte ich zögernd. »Aber ich werde nichts tun, wobei ich mich nicht wohlfühle. Außerdem glaube ich trotz allem, dass es nicht funktioniert.«

»Tja, wenn es nicht klappt, kannst du ganz unbesorgt sein«, fügte Helen hinzu. »Oder?«

Ich seufzte. »Du findest das alles wahnsinnig lustig, oder?«, fragte ich vorwurfsvoll. »Für dich ist es eben nur ein Spiel.«

»Ist es doch auch.« Helen grinste. »Eine Gameshow. Und der Preis ist wahnsinnig hoch. Los, Jess, Kopf hoch.«

Ich sah sie an und runzelte die Stirn. Ich wollte nicht. Wollte, dass es aufhörte. Obwohl mir klar war, dass es das nicht tun würde. Also zuckte ich mit den Achseln. Ich wusste, wann ich verloren hatte.

»Jippiiie!« Helen klatschte in die Hände. »Also, los geht’s. Verpassen wir dir einen neuen Haarschnitt.« Sie gab mir meinen Mantel. »Bevor du es dir anders überlegst.«

Kapitel 2

Als Erstes sollte ich wohl erklären, was es mit Projekt Hochzeit auf sich hat. Und mit den vier Millionen Pfund. Und dem Anwalt. Sie haben doch bestimmt einige Fragen. Versprechen Sie mir bitte nur, dass Sie mich nicht vorschnell verurteilen, bevor Sie sich nicht ein Bild von der Gesamtsituation gemacht haben. Und auch dann wäre ich sehr froh, wenn Sie nachsichtig mit mir wären.

Die Geschichte fing schon vor langer, langer Zeit an, ganz in der Tradition der guten alten Märchen – allerdings nicht in so grauen Vorzeiten, als noch Kobolde auf der Erde unterwegs gewesen wären, aber immerhin liegen ihre Anfänge lange genug zurück, um ein wenig aus dem Ruder laufen zu können. Um genau zu sein, begann alles vor zwei Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen.

Es fing an dem Tag an, als Oma starb. Also gut, nicht exakt am Tag ihres Todes, sondern vielmehr, als sie in ein Altersheim zog, weil sich ja, wie sie zu sagen pflegte, sonst niemand – damit war natürlich ich gemeint – anständig um sie kümmern würde. Oma und ich verstanden uns nicht sonderlich gut. Ich war mit zwei Jahren zu ihr gezogen, nachdem meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Und Oma, wie sie mir ebenfalls regelmäßig unter die Nase rieb, hätte liebend gern darauf verzichtet, in ihrem Alter noch ein Kind großzuziehen. Als ich schließlich groß war, bemühte ich mich nach Kräften, mich angemessen dankbar zu zeigen, sie regelmäßig zu besuchen und da für zu sorgen, dass alles gut lief, aber bei jedem Besuch fand sie irgendetwas Neues, woran sie herummäkeln konnte – mein Haarschnitt, mein Job, meine Freunde, mein Auto … ich meine, klar, ich war an die Nörgeleien gewöhnt, immerhin war ich in ihrer Obhut aufgewachsen, aber als sie mit der Idee ankam, in ein Altersheim zu ziehen, fand ich das, ehrlich gesagt, ziemlich klasse.

Und auch ihr schien es gelegen zu kommen. Auf diese Weise hatte sie neue Leute um sich, an denen sie herumkritteln, und neue Dinge, über die sie sich beschweren konnte. Die Angestellten hassten sie, die anderen Heimbewohner hatten Angst vor ihr, und ihre Verachtung für sie bescherte uns tatsächlich so etwas wie Gesprächsstoff, sodass sich die eine oder andere Unterhaltung tatsächlich nicht um meine Unzulänglichkeiten drehte, was ziemlich ungewohnt und unglaublich angenehm war.

Aber das ist nicht der Beginn der Geschichte. Alles fing an, als Grace Hampton, Omas Zimmernachbarin, zufällig vorbeikam, als ich zu Besuch war. Ich erzählte Oma gerade, dass ich einen neuen Job bei Milton Advertising angenommen hatte und nun für Anthony Milton, den Superstar der Werbebranche, arbeiten würde. In diesem Augenblick tauchte Grace auf und bot uns eine Tasse Tee an. Was ziemlich überraschend war, weil Oma nur Schlechtes über ihre lebhafte Zimmernachbarin zu erzählen hatte, die »alberne« Liebesromane las und viel zu viel fernsah (Oma bevorzugte dicke, schwülstige Wälzer, von denen sie Kopfschmerzen bekam). Grace schien Omas Verblüffung ebenso wenig zu bemerken wie ihren leicht spröden Tonfall. Sie stellte die drei Tassen ab, setzte sich neben mich aufs Sofa und fragte mich über meinen neuen Job aus. Für eine reizende alte Lady hatte sie ein erstaunlich dickes Fell, und ehe ich michs versah, saß sie jedes Mal da, wenn ich Oma besuchen kam, lächelte mich erwartungsvoll an und wollte alles über mein Leben erfahren, als hätte sie aufrichtiges Interesse daran.

Ein paar Monate später starb Oma, und mit einem Schlag war alles anders. Plötzlich war ich frei. Auf mich allein gestellt. Und mit der Verpflichtung am Hals, ein Begräbnis auf die Beine stellen zu müssen. Für das ich auch noch würde bezahlen müssen. Und das war nicht das Einzige, wofür ich bezahlen musste. Es stellte sich heraus, dass Oma nicht daran gedacht hatte, mir von ihrem schwachen Herzen zu erzählen. Sie hatte ebenfalls nicht daran gedacht, dass sie völlig pleite war und Sunnymead, dem Altersheim, noch mehrere tausend Pfund schuldete.

Grace war dabei, als die Heimleitung mir mit spitzen Fingern Omas Endabrechnung präsentierte. Ich hatte Mühe, nicht umzukippen. Fassungslos hielt ich das Blatt Papier umkrallt, und die Zahlen verschwammen vor meinen Augen.

Fünfundzwanzigtausend Pfund.

Grace legte ihre Hand auf meine. »Ich frage mich, ob du mir einen Gefallen tun würdest, Jess.«

Ehrlich gesagt, war ich nicht in Stimmung, jemandem einen Gefallen zu tun – vielmehr sah ich mein Leben vor mir, ein Leben voller Schulden, ständig abgebrannt. Natürlich sagte ich ihr das nicht, sondern lächelte nur. »Klar.«

Und dann sagte Grace: »Ich frage mich, ob ich vielleicht das Begräbnis deiner Großmutter bezahlen dürfte. Das würde mich wirklich glücklich machen.«

Natürlich lehnte ich ab, aber sie hatte so eine Art, ein Nein nicht gelten zu lassen. Mir war vollkommen klar, dass sie damit in Wahrheit mir einen Gefallen tat, aber sie bestand darauf, dass es umgekehrt sei.

Die Beerdigung war sehr schön – viel schöner, als sie geworden wäre, wenn ich mich darum gekümmert hätte. Oma mochte strikte Presbyterianerin gewesen sein, aber Grace gelang es, die karge Kirche in einen wunderschönen Ort und den ernsten Trauergottesdienst in eine Feier zu Ehren von Oma zu verwandeln. Sie erschien in einem blassrosa Kostüm, lächelte und sagte, dass niemand bei einem Begräbnis Schwarz tragen sollte. Sie hielt die ganze Zeit über meine Hand und reichte mir ein Taschentuch, als ich zu meinem Erstaunen in Tränen ausbrach. »Sie hat dich geliebt«, flüsterte Grace, als der Sarg mit Omas sterblichen Überresten in das offene Grab hinuntergelassen wurde. »Wenn du nicht da warst, hat sie ununterbrochen von dir geredet. Sie war so stolz auf dich.«

Ich war zwar nicht sicher, ob das stimmte, aber es war so nett zu hören.

Natürlich bot ich Grace an, die Schulden zurückzuzahlen. Aber sie lehnte immer ab. Geld spiele keine Rolle, sagte sie. Das Einzige, was zähle, seien die Menschen, ihre Gesellschaft, gemeinsam lachen zu können und die Liebe. Und sie betonte, wie schön sie es fände, wenn ich sie ab und zu besuchen käme, sofern ich nicht zu beschäftigt wäre. Also beteuerte ich, dass ich natürlich nicht zu beschäftigt wäre und gern käme.

Das war auch der Grund, weshalb ich nur wenige Tage nach Omas Begräbnis nach Sunnymead fuhr. Und in der Woche darauf ebenfalls.

Sie müssen wissen, dass Grace ganz anders war als Oma und ich einen Besuch bei ihr keineswegs als lästige Pflicht empfand, sondern eher als einen Abstecher, um eine Freundin zu sehen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich mich darauf freute, durch die Flure in Sunnymead zu gehen, neben Grace zu sitzen und fernzusehen, gemeinsam mit ihr eine Zeitschrift durchzublättern oder über ihre Lieblingsbücher zu plaudern. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit – von Sudbury Grange, dem Haus, in dem sie aufgewachsen war und das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Es war ein weitläufiges Anwesen auf dem Land, erzählte sie, voll enger Flure und Nischen und von einem riesigen Garten umgeben, wo sie und ihre Brüder im Sommer immer spielten.

Ich lauschte gespannt und fragte mich, wie es gewesen sein mochte, an einem solchen Ort zu leben, mit Brüdern und Hunden und Freunden, mit Versteckenspielen und Bäumen, auf die man klettern konnte. Selbst ohne Opa war Omas Haus klein und eng gewesen (Opa verschwand eine Woche nach meinem Einzug – er hatte eine Affäre, erzählte Oma mir später bei seinem Begräbnis. Gerade mal ein Jahr hätte er ohne sie gelebt, betonte sie spitz, sodass es klang, als hätte er seine Krebserkrankung selbst heraufbeschworen, aber mein Eintreffen hätte ihn endgültig vergrault). Meine wenigen Spielsachen durfte ich nicht aus dem Kinderzimmer nehmen, damit sie den wenigen Platz nicht mit Beschlag belegten. Dies sei kein Haus für ein Kind, erklärte Oma stets in einer Art, die mir unmissverständlich klarmachte, dass ich ein Eindringling war. Es war kein Haus, in dem Platz für schallendes Gelächter, Freudenschreie, Spiele oder laute Musik war. Omas Haus war ein Ort zum Nachdenken, zum Stillsitzen. Stille, sagte Oma immer, sei etwas überaus Wertvolles. Freunden könne man nicht über den Weg trauen, Männer ließen einen sowieso nur im Stich, aber auf sich selbst könne man jederzeit zählen. Wenn man sich selbst genug sei, garantiere dies ein zufriedenes Leben. Und Zufriedenheit sei ein guter Daseinszustand, fügte sie hinzu. Zufriedenheit, mehr könne man sich nicht erhoffen vom Leben.

Grace hingegen hatte mit Einsamkeit nichts am Hut. Sie liebte Menschen, Trubel und Klatsch. Und ich entwickelte im Lauf der Zeit ein Gefühl liebevoller Vertrautheit für sie. Wann immer ich sie besuchte, war ich ein wenig glücklicher, fühlte mich ein wenig wohler in meiner Haut. Sie schien sich sehr dafür zu interessieren, was ich zu sagen hatte, erinnerte sich an Dinge, die ich in der Vorwoche erzählt hatte, und gab mir nie das Gefühl, ich sei unmöglich oder eine Versagerin. Stattdessen vermittelte sie mir das Gefühl, dass alles grundsätzlich möglich ist. Sie war die geborene Optimistin – ganz im Gegensatz zu Oma, die stets davon ausging, dass alles ein Misserfolg war. Und auch wenn Grace ein wenig zu fixiert auf mein Liebesleben (beziehungsweise den Mangel daran) sein mochte, war das nicht weiter schlimm. Dachte ich zumindest.

Normalerweise zeigte sich Graces Fixierung etwa nach der ersten Hälfte meines Besuchs, wenn sie fragte, ob es jemand Bestimmtes in meinem Leben gäbe. Dann zauberte ich ein leicht ungläubiges Lächeln auf mein Gesicht, ehe ich rasch das Thema wechselte, weil ich sie nicht mit einer Bemerkung, ein Mann sei im Moment so ziemlich das Letzte, was ich brauchte, in Sorge versetzen wollte. Nicht, dass ich etwas gegen Männer hatte. Ich fand sie prima, solange sie blieben, wo sie waren. Romantik war für meine Begriffe eine gefährliche Droge, die vernünftige, unabhängige Frauen in liebeskranke, sabbernde Teenager verwandelte – etwas, was mir ganz bestimmt nicht passieren würde. Nicht wenn ich es verhindern konnte jedenfalls. Ich hatte keine Lust, ständig über irgendeinen Kerl nachzudenken, der mich am Ende sowieso nur hängen lassen würde. Dass Männer sich nur sehr selten mit mir verabredeten – oder überhaupt Interesse an meiner Person zeigten –, war eine überaus praktische Tatsache.

Aber Grace ließ nicht locker. Für sie war die Suche nach Mr Right das Einzige, was wirklich zählte. Wann immer ich sie besuchen kam, nahm sie meine Hand und wollte wissen, ob mein netter Boss denn schon gefragt habe, ob ich mit ihm ausgehen wolle (in ihren Lieblingsromanen lief es immer so ab, dass die Sekretärinnen irgendwann aufgefordert wurden, ihren Haarknoten zu lösen und ihre Brille abzunehmen, bevor ihr Chef sie in die Arme nahm und ihnen seine unsterbliche Liebe gestand). Ich verdrehte dann nur die Augen, weil es dazu natürlich nie im Leben kommen würde. Ich fühlte mich wohl als Single. Sogar mehr als das. Der Zustand gefiel mir.

Und so gerieten wir in eine Sackgasse. Wenn Grace mich nach meinem Liebesleben ausfragte, erzählte ich ihr von einem neuen Projekt bei der Arbeit. Wenn sie wissen wollte, ob mein Boss immer noch Single sei, fing ich von der Kaffeemaschine an, die Helen und ich erstanden hatten, um so das Geld für die vielen Milchkaffees zum Mitnehmen zu sparen (nur fürs Protokoll: Lassen Sie es bleiben. Die Dinger kosten ein Vermögen, und trotzdem kaufen wir jeden Morgen noch unseren Kaffee auf dem Weg ins Büro). Bei einem Besuch war es mir gelungen, Grace fast die gesamten zwei Stunden von einer Kampagne zu erzählen, an der ich gerade arbeitete, und als ich fertig war, fixierte sie mich mit ihren leuchtenden Augen und sagte: »Also, Jess, jetzt sag schon, wie läuft es mit der Männerjagd? Hat dich der Wunderknabe der Werbung schon bemerkt?«

Ich hatte immer angenommen, dass sie das Thema irgendwann langweilen würde, dass sie aufgeben und akzeptieren würde, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte – aber weit gefehlt. Stattdessen setzte Grace jedes Mal noch eins drauf, quetschte mich nach jedem männlichen Single im Büro aus und unterzog ihn einer Prüfung hinsichtlich seiner Qualitäten als potenzieller Ehemann.

Und dann, nachdem ich monatelang ausgewichen war, das Thema gewechselt, ungläubig die Brauen hochgezogen und entschlossen mit den Achseln gezuckt hatte, tat ich etwas, worauf ich alles andere als stolz bin. Ich erfand einen Freund.

Okay, mir ist klar, wie mies das klingt. Einen Freund erfindet man sich, wenn man dreizehn ist. Aber Sie müssen mir glauben, wenn ich sage, dass ich keine andere Wahl hatte. Und wenn ich eine hatte, erkannte ich sie in diesem Moment jedenfalls nicht.

Also gut, die meisten hätten sich etwas anderes einfallen lassen. Aber andere Mädchen hätten wahrscheinlich sowieso einen Freund gehabt, also spielt das jetzt keine Rolle.

Zurück zu meiner Geschichte: Es war ein sehr warmer, sonniger Tag, und ich kam ein wenig früher zum Sunnymead Retirement Home als sonst. Grace wurde gerade untersucht, also wartete ich vor der Tür, weil mir Ärzte mit ihren Stethoskopen und ihren ernsten Gesichtern immer ein bisschen Angst machen. Jedenfalls stand ich auf dem Korridor vor Graces Tür und hörte einen von ihnen sagen: »Tut mir leid, Grace, das sieht nicht besonders gut aus. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends.«

Ich hatte keine Ahnung, welcher Zustand sich verschlechterte und was genau nicht sonderlich gut aussah, aber wenn Ärzte solche Worte in den Mund nehmen, sind die Details auch nicht so wichtig, oder? Ich erschrak fürchterlich und war auf einmal panisch, weil ich nicht wollte, dass Grace etwas passierte. Nach einer Weile zogen die Ärzte ab, und ich zwang mich, ein breites Grinsen aufzusetzen, weil ich dachte, dass sie bestimmt ein wenig Aufmunterung gebrauchen könnte. Sie strahlte, als sie mich sah, und ich wollte unbedingt, dass dieser fröhliche Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb und nicht von Angst, Verzweiflung oder sonst etwas Schlimmem vertrieben wurde.

»Und, Jess, wie geht es dir?«, war das Erste, was sie fragte.

»Gibt es aufregende Neuigkeiten? Irgendwelche netten Männer, die mit dir ausgehen wollen?«

Gerade, als ich antworten wollte: Nein, natürlich nicht, sah ich den winzigen Hoffnungsschimmer in ihren Augen. In diesem Moment wusste ich, dass ich sie nicht schon wieder enttäuschen konnte. Nicht jetzt.

Also sagte ich stattdessen: »Allerdings! Stell dir vor – ich habe ein Rendezvous.«

Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen. Es war, als ginge die Sonne auf – ihre Augen leuchteten, ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln und trotz meines schlechten Gewissens konnte ich nicht anders, als mich darüber zu freuen, sie so glücklich gemacht zu haben.

»Mit wem?«, fragte sie. Ich durchforstete mein Gehirn nach einem Namen, nach irgendeinem, aber unter Druck ist mein Kopf grundsätzlich wie leer gefegt – also lächelte ich nur verlegen, worauf Grace verschmitzt grinste. »Doch nicht etwa dein attraktiver Boss, oder? Anthony? Oh, bitte sag, dass es Anthony Milton ist. Bitte!«

Rückblickend betrachtet wäre es ganz einfach gewesen, Nein zu sagen. Als ich mir die Szene später noch einmal durch den Kopf gehen ließ, wurde mir klar, dass ich eine Million andere Dinge hätte sagen können, die unendlich viel klüger gewesen wären, aber ich stand einfach vollkommen neben mir. »Anthony Milton?«, hörte ich mich sagen. »Äh … Ja, genau. Mit dem gehe ich aus.«

Wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ein Rendezvous mit Anthony Milton etwa so wahrscheinlich war wie eines mit Prince William. Oder mit Justin Timberlake. Oder mit James Bond. Anthony Milton war, wie gesagt, der Inhaber und Geschäftsführer von Milton Advertising. Und, auch das hatte ich bereits erwähnt, er war groß, blond, attraktiv, erfolgreich und bei allen beliebt. Es verging keine Woche, in der er nicht in Advertising Weekly abgelichtet wurde, und kein Jahr ohne eine Nominierung für irgendeinen Werber-Preis – vorwiegend deshalb, weil seine Anwesenheit ein Garant dafür war, dass alles, was in der Branche Rang und Namen hatte, zu dem Event kommen würde. Und es verging kein Tag, an dem er nicht von sämtlichen Frauen im Umkreis von vier Meilen angeschwärmt wurde.

Er hatte das Vorstellungsgespräch bei Milton Advertising mit mir geführt – gemeinsam mit Max, seinem Stellvertreter, der mich mit Fragen bombardierte, während Anthony mir mit einem gewinnenden Lächeln versicherte, wie toll die Agentur sei (worauf ich prompt mehrmals den Faden verlor). Als ich aufstand, blieb mein Blick an Max hängen, der mich angrinste, und ehe ich michs versah, lief ich geradewegs in eine Glasscheibe. Wenn ich sage, geradewegs in eine Glasscheibe, meine ich das auch genau so – inklusive fürchterlichem Knall und einer Platzwunde, das ganze Programm eben. Zum Glück sah Anthony das Ganze mit Humor und bot mir den Job trotzdem an. Freundlicherweise wies Helen mich darauf hin, dass er wahrscheinlich Angst gehabt hatte, ich würde ihn sonst wegen Fahrlässigkeit anzeigen und auf Schmerzensgeld wegen körperlicher und seelischer Qualen verklagen.

Natürlich verbreitete sich die Neuigkeit in Windeseile, und als ich schließlich bei Milton Advertising anfing, war ich schon als das Mädchen-das-in-die-Scheibe-gelaufen-ist bekannt. Das störte mich jedoch nicht weiter. Nachdem ich jahrelang in der Datenverarbeitung gearbeitet hatte (Oma rieb mir regelmäßig unter die Nase, dass ich froh sein könnte, überhaupt einen Job zu haben, und wie egoistisch es sei zu jammern, während andere Menschen nicht einmal halb so viele Chancen im Leben hätten wie ich), hatte ich endlich einen Job mit Zukunftsperspektive gefunden. Und mit einem halbwegs anständigen Gehalt noch dazu. Anthony hatte mir eine Chance gegeben, und ich würde sie mit beiden Händen packen, selbst wenn ich mich gleich als Einstieg zur Lachnummer gemacht hatte.

Aber ich greife voraus. Der Punkt war, dass ich nicht nur nicht in Anthonys Liga spielte, sondern dass er sich sozusagen in einer anderen Stratosphäre befand. Selbst wenn ich an ihm interessiert gewesen wäre, hätte nichts aus uns werden können. Was ich aber nicht war.

»Anthony Milton?« Sie zwinkerte. »Ich wusste es! Ich wusste es in dem Augenblick, als du mir erzählt hast, du seist in diese Glaswand gelaufen.«

So fing also alles an. Als harmloses Date, als kleine Geschichte, um Grace aufzumuntern. Ich wollte keine Lawine lostreten. Und ich wollte auf keinen Fall, dass sich das Ganze verselbstständigte. Aber genau das passierte. Irgendwie lief die Situation aus dem Ruder, erst ein klein wenig, dann immer mehr, Stück für Stück, bis es kein Zurück mehr gab.

Nicht, dass je die Möglichkeit bestanden hätte zurückzupaddeln. Ich meine, ich konnte doch nicht in der nächsten Woche ankommen und behaupten, das Date sei ins Wasser gefallen. Es hätte ihr das Herz gebrochen, oder sie hätte einen Rückfall erlitten, und ich wäre schuld gewesen. Also schilderte ich ihr unser erstes Date haarklein. Na ja, in Wahrheit erzählte ich ihr von Helens Date mit dem Direktor einer Plattenfirma und tauschte einfach unsere Namen aus – bloß dass unser Abend nicht mit Sex in seinem Büro endete, sondern mit einem scheuen Kuss vor meiner Haustür. Anthony, so stellte sich heraus, war ein Ehrenmann, interessant, und, was noch viel wichtiger war, völlig verrückt nach mir. Mir ist klar, wie idiotisch das jetzt klingt, und es ist mir auch wahnsinnig peinlich, das zuzugeben (insbesondere weil ich Menschen verachte, die ihre ganze Freizeit auf Männerjagd sind), aber ich genoss es in gewisser Weise, Grace davon zu erzählen. Befreit von den Fesseln der Realität, war es das beste Date, das ich je erlebt hatte. Es war sogar so gut, dass ich es nicht ertragen hätte, wenn er sich anschließend nicht mehr gemeldet hätte. Aber er tat es. Zwei Tage später – genau wie Helens Platten-Typ. Doch während Helen zuhörte, wie er eine sehnsüchtige Nachricht nach der anderen auf den Anrufbeantworter hinterließ, sagte ich für das zweite Date zu. Zumindest im übertragenen Sinne.

Falls ich damals irgendwelche Zweifel gehabt hatte, gelang es mir, sie zu unterdrücken und mir einzureden, es sei doch alles nur ein harmloser Spaß. Nichts als alberne Geschichten, um Graces Sehnsucht nach Romantik zu stillen. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich meinen Spaß daran hatte. Ich meine, natürlich wusste ich, dass es lächerlich war. Meine rationale, bodenständige Seite wusste, dass meine Dates nicht mehr Realitätsbezug als Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Aschenputtel hatten, aber genau das macht ein Märchen doch aus – es ist hübsch und nett, es gibt ein Happy End, und auch wenn einem klar ist, dass das Leben nicht so läuft, macht es trotzdem Spaß, alle seine Vorbehalte über Bord zu werfen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Und wenn es nur für eine kurze Weile ist.

Grace hätte nicht aufgeregter sein können. Sie hätte ein gutes Gefühl bei dieser Sache, behauptete sie ständig. So gut, dass sie es kaum erwarten konnte, dass ich sie beim nächsten Besuch auf den neuesten Stand brachte. Meine Liebesgeschichte hielte sie bei der Stange, meinte sie.

Bei der Stange halten. Wie sollte ich ihr da sagen, dass alles nur erfunden war?

Bei jedem Besuch wappnete ich mich innerlich, war entschlossen, Grace die Wahrheit zu sagen, zuzugeben, dass ich mir alles nur ausgedacht hatte. Aber jedes Mal begannen ihre Augen zu leuchten, sobald ich ihr Zimmer betrat, und sie bettelte: »Und? Erzähl! Erzähl mir alles!« So verkniff ich mir mein Geständnis also einmal mehr, sagte mir, die Wahrheit könne ruhig noch ein wenig warten, zumal jetzt auch kein guter Zeitpunkt sei, und außerdem sei die Wahrheit nicht wichtig, solange ich Grace mit meinen Geschichten glücklich machen könnte.

Als ich ihr erzählte, dass wir gemeinsam in Urlaub fahren würden (in Wahrheit nahm ich an einem einwöchigen Seminar mit dem Titel »Wie werten Sie Ihr Aufgabengebiet auf und bekommen so die Beförderung, die Sie verdienen«), sah Grace mich mit strahlenden Augen an. »Du weißt, was er im Schilde führt, oder?«, meinte sie, worauf ich die Stirn runzelte und verneinte. Sie lächelte. »Er wird dich fragen, ob du ihn heiraten willst.«

Natürlich blieb mir die Spucke weg. Und natürlich merkte ich in diesem Augenblick, dass die Dinge gerade ein wenig außer Kontrolle gerieten. Bei der Vorstellung, zu heiraten, und selbst wenn es nur im Märchenland war, brach mir der kalte Schweiß aus. Aber ich hatte Grace noch nie so begeistert gesehen. Sie bebte regelrecht in freudiger Erregung.

Also verdrehte ich die Augen. »Oh, das bezweifle ich.«

»Ich nicht«, erklärte Grace versonnen, ehe sie sich seufzend eine Träne aus dem Augenwinkel wischte und meine Hand nahm. »Jess, ich möchte, dass du mir etwas versprichst.«

»Ja?«, fragte ich argwöhnisch. »Was denn?«

»Bitte versprich mir, dass du es auch annehmen wirst, wenn dir jemand alles vor die Füße legt, was er zu geben hat.«

»Was?« Ich hob die Brauen. »Was meinst du damit? Ich will gar nicht alles, was Anthony zu geben hat.«

Grace lächelte traurig. »Jess, ich weiß, dass du sehr stark und unabhängig bist. Aber weise niemanden ab, der dir helfen will, nur weil du glaubst, du brauchst es nicht. Wir alle brauchen Hilfe, wir alle brauchen Liebe, wir alle … Versprich es mir einfach, ja?«

Wieder legte ich die Stirn in Falten. »Okay, geht klar.«

»Nein«, sagte Grace kopfschüttelnd. »Ich meine es ernst, Jess. Ich will, dass du es mir versprichst.«

Ich sah sie unsicher an. »Versprechen?«

»Versprechen.« Grace nickte. »Versprich mir, dass du nicht davonläufst. Dass du nicht sofort Nein sagst.«

»Wozu Nein sagen?«, fragte ich verblüfft. »Ich verstehe nicht ganz, was du mich hier versprechen lässt.«

»Das wirst du schon noch«, erklärte Grace mit dem Anflug eines Lächelns, »das wirst du schon.«

»Gut«, erwiderte ich in der Annahme, es sei nicht weiter wichtig, denn was ich versprach, bezog sich in Wirklichkeit auf etwas, was ohnehin nicht existierte. »Dann verspreche ich es.«

»Wunderbar«, meinte Grace. »Und jetzt warten wir ab, was im Urlaub passieren wird.«

Er machte mir natürlich einen Antrag. Klar. Grace war so begeistert, dass sie sich in der fraglichen Woche sogar das Handy einer Schwester ausborgte und mir eine SMS schickte, um herauszufinden »wie es so läuft«. Wenn ich ohne einen Heiratsantrag zurückgekommen wäre, hätte es ihr das Herz gebrochen. Und der Sprung vom imaginären Freund zum imaginären Verlobten war nicht allzu groß. Er machte mir also einen Heiratsantrag am Strand. Ein fürchterliches Klischee, ich weiß, aber mir fiel nichts Besseres ein. Er hatte den Ring bereits gekauft – einen perfekten viereckigen Bril lanten, wunderschön und ganz zart (ich kaufte selbstredend Modeschmuck. Es war ziemlich deprimierend, sich seinen eigenen Verlobungsring zu kaufen, aber ich erstand ihn im Internet, sodass ich mir keine allzu großen Gedanken darüber zu machen brauchte, welche Blicke ich von einem echten Verkäufer ernten würde. Und Grace fand, es sei der schönste Ring, den sie je gesehen hätte.)

Der Mond stand voll und rund am Himmel, und nach einem köstlichen Essen, gefolgt von einem Strandspaziergang, hielt er um meine Hand an. Er könnte immer noch nicht glauben, was für ein Glück er gehabt hatte, mir begegnet zu sein, sagte er.

Nein, nein, ich sei der Glückspilz von uns beiden, beteuerte ich natürlich, und dann kniete Anthony sich vor mich und fragte mich, ob ich seine Frau werden wollte. Und ich konnte nur nicken, weil ich keinen Ton herausbrachte.

In Wahrheit hatte ich die Geschichte aus einem billigen Schundblatt abgekupfert, das mir beim Zahnarzt in die Hände gefallen war. Irgendwann fragte ich mich zwar, ob ich nicht ein bisschen zu weit ging und Grace diesen abgedroschenen Unsinn tatsächlich glaubte – aber sie tat es. Ihr kamen sogar die Tränen. Ich sei nicht der einzige Mensch auf der Welt, der kaum glücklicher sein könne, meinte sie. Seit sie mich kenne, hätte sie auf diesen Moment gehofft und dafür gebetet. Ich verdiene genau das und noch viel mehr, und sie wünsche mir – und ihm – so viel Glück, wie sie in ihrem Leben gehabt hätte. Und, ja, ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Ja, mein Magen verkrampfte sich ein bisschen. Aber ich sagte mir, dass ich das Richtige tat, selbst wenn es sich weiß Gott nicht so anfühlte.

Am Ende brannten wir einfach durch. Das schien mir die einfachste Lösung. Grace war natürlich entsetzt – sie hatte zur Hochzeit kommen wollen –, änderte aber ihre Mei nung, als ich ihr erzählte, es sei Anthonys Idee gewesen, keine große Hochzeit zu feiern und das Geld stattdessen zu spenden, und dass unsere kleine Zeremonie auf dem Standesamt genau das gewesen sei, was wir uns gewünscht hätten – intim, privat und bescheiden.

In der Woche darauf ging ich wieder ins Internet und kaufte mir einen Trauring (Silber, fünfundzwanzig Pfund), und immer, wenn ich Grace besuchen ging, steckte ich ihn und meinen Verlobungsring an und erfand irgendwelche Geschichten über meine Ehe mit dem Traumprinzen.

Und jetzt war sie fort. Wie alles andere auch.

Kapitel 3

Ich erfuhr von Graces Anwalt, dass sie gestorben war. Er tauchte eines Sonntags unangemeldet auf, um mir die Nachricht zu überbringen. Es war genau an diesem einen Sonntag passiert, als ich sie wegen einer Deadline in der Agentur nicht hatte besuchen können. Er erzählte mir, sie sei morgens gestorben, was bedeutete, dass ich ohnehin zu spät gekommen wäre. Trotzdem war es hart.

Ich kam an diesem Abend um sechs nach Hause und fand Helen im Wohnzimmer vor dem Fernseher, wo sie sich eine Folge Deal or No Deal ansah. Als ich den Kopf zur Tür hereinsteckte, hob sie eine Hand, um mir zu signalisieren, ich solle den Mund halten. »No deal«, schrie sie den Fernseher an. »No deal

Helen und ich hatten uns als Erstsemester im Studentenwohnheim kennengelernt, wo wir Tür an Tür gewohnt hatten. Vorher hatte ich noch nie eine beste Freundin gehabt – ich redete mir immer ein, dass ich keine Zeit gehabt hätte. Aber in Wahrheit hatte Oma meine Chancen auf Mädchenfreundschaften im Keim erstickt, indem sie mich nie hatte fernsehen lassen, mich in extrem uncoole Klamotten gesteckt und für acht Uhr abends strikten Zapfenstreich angeordnet hatte, sodass ich für jedes Mädchen, das versuchsweise Anstalten machte, sich mit mir anzufreunden, oberpeinlich war. Oma erklärte mir ständig, dass es ein großer Fehler gewesen sei, meiner Mutter allzu viele Freiheiten einzuräumen. Das habe nämlich dazu geführt, dass sie nur Kleider, Schminke, Jungs und Fernsehen im Kopf gehabt hätte. Bei mir würde ihr das aber nicht noch einmal passieren, schwor sie.

Als ich auf die Uni kam, betrachtete ich diese Erziehungsmethode sogar kurzfristig als Vorteil: Sie bedeutete, dass ich mehr Zeit zum Lernen hatte und mehr Einsen schreiben konnte.

Aber Helen war nicht wie andere Menschen, stellte ich bald fest. Sie war auch nicht wie ich. Ehrlich gesagt, war sie in nahezu jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir – sie war schön, reich, impulsiv und gesellig –, aber aus irgendeinem Grund lehnte sie mich nicht von vornherein ab oder freundete sich nur mit mir an, um mich ein paar Wochen später abzuservieren. Stattdessen kam sie regelmäßig in mein Zimmer gestürmt, um mir von ihrer jüngsten Eroberung oder einem Essay zu erzählen, der (wie immer) längst überfällig war. Sie fand es witzig, wenn ich die Augen verdrehte und meinte, ich hätte von den Bands, von denen sie schwärmte, noch nie gehört. Sie organisierte ein Friends-DVD-Wochenende, obwohl ich meinte, ich hätte noch nie eine Folge gesehen, und sie schien sich auch nicht daran zu stören, wenn ich Partys früh verließ, weil ich lernen wollte. Wir waren ein ziemlich seltsames Gespann, aber obwohl ich alles daransetzte, ihr zu zeigen, was für eine unpassende Freundin ich war, standen wir uns nach all den Jahren doch immer noch sehr nahe. Und nicht nur das – wir teilten uns sogar eine Wohnung. Helen arbeitete als Researcherin beim Fernsehen, was bedeutete, dass sie über mehrere Wochen intensiv bei der Planung einer bestimmten Sendung beschäftigt wurde, ehe sie eine mehrwöchige »Ruhephase« hatte, bis das nächste Projekt anlief. Neuerdings schien ihre »Ruhephase« länger zu dauern als sonst, was bedeutete, dass ihre einzigen Einnahmen aus meiner Miete bestanden (die Wohnung war ein »Geschenk« ihres Vaters), was ihre Lebenshaltungskosten allerdings nicht einmal annähernd deckte. Aber während ich mir Sorgen machte, schien sie dieser Zustand nicht weiter zu kümmern. Helen hielt es vielmehr für ihre Pflicht, so viel fernzusehen, wie sie konnte, damit sie auf dem Laufenden war, wenn der nächste Auftrag kam.

»Deal«, sagte der Kandidat, worauf Helen entsetzt die Arme hochriss. »Idiot!«, schrie sie und sprang auf. »Ich ertrage es nicht«, sagte sie dann kopfschüttelnd in meine Richtung. »Ich kann mir diese Leute nicht anschauen. Und was läuft bei dir?«

Ich bekam nicht einmal die Gelegenheit, ihr zu antworten, da es in diesem Moment an der Tür läutete.

»Jessica Milton?«, fragte eine Männerstimme durch die Gegensprechanlage. Ich zuckte zusammen.

»Äh, wer ist da?«, fragte ich zögerlich. Normalerweise bekam ich nicht oft Besuch. Zumindest nicht von Männern. Und nicht sonntagabends. Und schon gar nicht von Männern, die mich mit »Milton« ansprachen.

»Mein Name ist Taylor. Ich bin Grace Hamptons Anwalt. Ich habe schlechte Nachrichten, fürchte ich, und würde Sie gern sprechen.«

»Grace Hampton?«, wiederholte ich neugierig, während mir die Röte ins Gesicht schoss. Sie hatte das mit Anthony herausgefunden! Sie hatte herausgefunden, dass nichts davon stimmte, schoss es mir durch den Kopf. Doch dann rief ich mich zur Ordnung. Bestimmt würde sie mir keinen Anwalt auf den Hals hetzen, selbst wenn sie mir auf die Schliche gekommen wäre. »Äh, kommen Sie herauf.«

Als er durch die Tür trat, lief gerade der Abspann von Deal or No Deal. Helen verließ das Wohnzimmer und meinte, sie koche Chili zum Abendessen. Mit einem dankbaren Lächeln winkte ich Mr Taylor herein.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich eilig, »bitte, setzen Sie sich doch.«

Mr Taylor sah mich traurig an. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Mrs Hampton … verstorben ist.«

Ich brauchte fast eine Minute, um die Nachricht zu verdauen. »Verstorben«, stieß ich schließlich mit weit aufgerissenen Augen hervor.

»Heute am frühen Morgen. Im Schlaf. Es tut mir sehr leid.«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, doch dann wurde ich stocksteif. »Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor«, sagte ich schnell. »Grace geht es gut. Ich habe sie doch erst letzte Woche besucht.«

Er sah mich mitfühlend an. »Tut mir leid«, sagte er noch einmal.

»Leid?« Meine Kehle wurde eng. »Das sollte es auch. Weil das hier nicht passiert.« Ich wandte mich ab wie ein trotziger Teenager. Ständig starben Menschen um mich herum – meine Mutter, meine Großmutter, mein Großvater (obwohl ich ihn nicht gekannt hatte, war ich doch auf seinem Begräbnis gewesen, deshalb zählte ich ihn mit), und ich würde nicht zulassen, dass auch Grace mich jetzt verließ. Ausgeschlossen.

Er nickte traurig. »Ich fürchte, doch. Soweit ich weiß, ging es mit ihrer Gesundheit sehr schnell und drastisch bergab.«

»Drastisch bergab?« Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Sie ist tot, und Sie reden von drastisch bergab?« Ich bereute das Wort tot, sowie es über meine Lippen kam, als würde es erst dadurch real. Ich spürte, wie Tränen in meinen Augen brannten. Tränen der Empörung, der Wut, der Trauer. Und Tränen des schlechten Gewissens. Weil ich bei Omas Tod nicht dasselbe empfunden hatte. Damals hatte ich die Nachricht ihres Todes mit einem Gefühl der Resignation aufgenommen, hatte mit leiser, getragener Stimme gesprochen, weil man das in solchen Situationen eben so macht. Aber ich hatte nicht das Gefühl gehabt, als breche meine Welt zusammen, hatte nicht die Zeit zurückdrehen wollen, um alles ungeschehen zu machen.

»Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«, erkundigte sich Mr Taylor.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich will kein Wasser. Ich will Grace.« Ich lief ans Telefon und rief in Sunnymead an. »Ja. Grace Hampton, bitte. Ich möchte Grace Hampton sprechen.«

»Grace Hampton?« Die Stimme am Telefon klang leicht unsicher, als wappnete sich die Frau, mir die schlimme Nachricht zu überbringen.

»Ja, Grace Hampton«, wiederholte ich ungeduldig. »Ich möchte sie bitte sprechen.«

Es entstand eine Pause. »Ich … ich fürchte, ich muss Ihnen sagen, dass Grace …«

Ich legte auf, bevor die Frau zu Ende sprechen, wiederholen konnte, was Mr Taylor bereits gesagt hatte.

Grace war tot.

Ich würde sie nie wieder sehen. Nie wieder.

Ich schlurfte zu meinem Sessel zurück, setzte mich und zog die Beine an.

»Soweit ich weiß, standen Sie beide sich sehr nahe. Ich bedaure außerordentlich, der Überbringer so schlechter Nachrichten zu sein«, sagte Mr Taylor.

»Ja, wir standen uns sehr nahe«, bestätigte ich. Mit einem Mal war ich wütend. Wütend auf diesen Mann, der an einem Sonntagabend einfach in meine Wohnung platzte, um mir zu sagen, dass es keine weiteren Plauderstündchen bei Tee und Keksen mit Grace, keine Besuche in Sunnymead mehr geben würde. Und keine Fantasieliebesgeschichte. Von jetzt an war ich ganz allein.

»Sehr nahe.« Wieder spürte ich Tränen in mir aufsteigen und wischte sie abwesend ab. »Ich hätte da sein sollen«, hörte ich mich sagen, während meine Wut einem Gefühl tiefer Traurigkeit und unendlicher Leere wich. »Ich hätte es wissen müssen.«

»Es tut mir sehr leid.« Der Anwalt schien nicht zu wissen, was er sonst sagen sollte. Erst jetzt fiel mir auf, wie schlecht ich mich eigentlich benahm. Er konnte doch nichts dafür. Nichts von all dem war seine Schuld.

»Nein, mir tut es leid«, brachte ich mühsam hervor. »Es ist nur … na ja, ein ziemlicher Schock.«

»Allerdings.« Mr Taylor nickte wissend.

Ein Bild schob sich vor mein geistiges Auge: Grace, wie sie im Bett lag, so wie Oma, als sie gestorben war, die Haut hell und durchscheinend, während ihre Seele sich verflüchtigte. Ich sah vor mir, wie sie hinausgebracht und wie ihre Sachen gepackt wurden, wie jemand anderes ihren Platz einnahm, als hätte sie nie existiert. Ich zwang mich, das Bild beiseitezuschieben.

»Wissen Sie … Wissen Sie schon, wann die Beerdigung stattfindet?«, fragte ich. »Brauchen Sie Hilfe? Ich meine, ich kenne ihre Lieblingsblumen, wenn Ihnen das hilft. Und sie hat I Vow to Thee My Country geliebt. Nur falls Sie sich fragen, welches Lied Sie …« Meine Stimme versagte.

»Danke, Mrs Milton. Ich meine, Jessica. Das ist sehr nett von Ihnen. Mrs Hampton hatte in der Tat sehr … spezielle Vorstellungen im Hinblick auf ihr Begräbnis. Sie hat alles schriftlich festgehalten. Da gibt es nicht viel Spielraum.«

Die Vorstellung, dass Grace ihre Wünsche wie eine Einkaufsliste zu Papier gebracht hatte, entlockte mir ein gequäl tes Lächeln. Sie hatte eine wunderbare Art gehabt, Menschen dazu zu bringen, dass sie genau das taten, was sie wollte, ohne den Eindruck zu hinterlassen, als hätte sie ihnen ihren Willen aufgezwungen – die Schwestern gaben ihr nicht nur einfache Teebeutel, sondern English Breakfast von Twinings, und ich brachte ihr keine gewöhnlichen Äpfel mit, sondern English Coxes, und auch nur während der Saison.

»Okay«, sagte ich und nickte verlegen, weil ich nicht recht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Ich wollte nur noch allein sein. Wollte wütend sein und trauern, ohne dass mir jemand dabei zusah. »Tja, danke, dass Sie gekommen sind und es mir gesagt haben. Und Sie lassen mich wissen, wo und wann, ja? Und wenn Sie Hilfe brauchen …«

Ich wartete darauf, dass er aufstand, doch stattdessen erschien ein seltsames Lächeln auf seinem Gesicht.

»Na ja, es gibt tatsächlich etwas.« Er räusperte sich. »Da ist noch Mrs Hamptons letzter Wille.«

»Letzter Wille? Oh. Ja.« Mit einem stummen Seufzer setzte ich mich wieder hin. Mit Testamenten kannte ich mich aus. Omas Testament war zwei Tage nach ihrem Tod verlesen worden.

»Mrs Milton«, sagte Mr Taylor mit ernster Miene, zog einen Hefter heraus und reichte ihn mir. »Sie sind die Hauptbegünstigte von Graces Testament und kommen in den Genuss ihrer Hinterlassenschaft. Ich kann Ihnen jetzt gleich die Details erklären, wenn Sie wollen, oder Sie kommen irgendwann nächste Woche zu mir, dann kümmern wir uns um den ganzen Papierkram.«

Ich legte den Hefter beiseite. »Okay. Ich meine, ich sehe mir das hier später an, wenn das möglich ist. Wenn ich … besser … Sie wissen schon.«

»Sie sind also nicht am Inhalt der Hinterlassenschaft interessiert?«

Ich sah auf. »Inhalt. Doch, natürlich. Sie meinen ihre persönlichen Habseligkeiten.« Ich schniefte und versuchte, mich zu konzentrieren. Sie hatte nicht viel in ihrem Zimmer gehabt – ein paar Fotos, eine Handvoll Bücher. Trotzdem wäre es nett, etwas als Erinnerung an sie zu haben.

»Ah. Ja, die wohl auch«, erwiderte Mr Taylor vage. »Aber das Haus bildet den Hauptteil.«

»Das Haus?«, wiederholte ich und starrte ihn ausdruckslos an.

Mr Taylor lächelte mich an, als wäre ich ein Kleinkind.

»Das Haus befindet sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie. Ich weiß, wie wichtig ihr war, dass Sie es bekommen.« Er reichte mir die Fotografie eines leicht zerbröckelten Steinhauses. Ich sage Haus, dabei war es ein riesiges Anwesen inmitten eines gewaltigen Grundstücks. Und mit einem Mal wusste ich, was ich da vor mir hatte. Ich sah Grace als kleines Mädchen, wie sie mit ihren Brüdern durch die Gänge und hinaus in den Garten lief.

»Sudbury Grange?«, japste ich. »Sie hat mir Sudbury Grange hinterlassen?«

»Dann kennen Sie das Haus also? Oh, das ist gut.« Der Anwalt nickte. »Zusätzlich zum Haus gibt es einige nicht unbeträchtliche Anlagen, dazu Gemälde, Schmuck und so weiter. Bestimmt machen Sie sich Sorgen wegen der Erbschaftssteuer, aber ich darf Ihnen versichern, dass Grace auch in dieser Hinsicht vorgesorgt hat. Sie hat einen Treuhandfonds in Höhe von einer Million Pfund eingerichtet, der zu Deckung der Steuerschulden ausreichen sollte.«

Meine Augen weiteten sich, und ich lächelte. »Oh, das war ein Scherz. Einen Moment lang dachte ich wirklich, Sie meinen es ernst. Eine Million Pfund für die Steuern. Das ist gut. Wirklich sehr gut.«

Mr Taylor lächelte nicht, sondern räusperte sich verlegen.

»Dank einiger Anlagen konnte die Steuerlast gemindert werden«, erklärte er. »Ohne sie wäre die Summe noch höher, fürchte ich.«

»Noch höher?«, wiederholte ich stumpf. Ich spürte, wie meine Haut zu prickeln begann und mir plötzlich warm wurde.

»Grace hatte eine sehr hohe Meinung von Ihnen«, sagte der Anwalt, noch immer wohlwollend lächelnd, als hätte er ein Kleinkind vor sich sitzen. »Da sie selbst … keine eigene Familie hatte, waren Sie so etwas wie eine Angehörige für sie.«

»Das war sie für mich auch«, sagte ich, »trotzdem muss hier ein Missverständnis vorliegen. Sie würde mir niemals das Haus hinterlassen. Nie.«

»Oh, aber sie hat es getan.« Wieder lächelte Mr Taylor.

»Sie wissen ja selbst, wie Grace Hampton war, oder?«

Ich musterte ihn ungeduldig. »Natürlich weiß ich, wie sie war. Ich habe sie seit fast zwei Jahren regelmäßig besucht.« Er sah erleichtert aus. »Also, dann zum Anwesen«, fuhr er ernst fort, zog ein paar Unterlagen aus seinem Aktenkoffer und reichte mir ein Foto. »Es gibt da ein Ehepaar, das sich im Moment darum kümmert und in einem der Nebengebäude wohnt. Soweit ich informiert bin, würden sie auch weiterhin gern dort beschäftigt bleiben, wenn es Ihnen recht ist. Außerdem gibt es mehrere Gärtner, einen Koch und zwei Putz frauen, die auf Abruf zur Verfügung stehen.«

Ich starrte das Foto an. Es war sogar noch eindrucksvoller als nach Graces Beschreibungen – Efeu, der sich an den Mauern emporrankte, ein riesiges Grundstück mit lauschigen Gärten, Nebengebäuden und Verstecken, in denen einen keine Menschenseele jemals finden würde. Als ich bei meiner Großmutter in ihrem kleinen Reihenhaus in Ipswich gewohnt hatte, hatte ich mir immer ausgemalt, dass mei ne Mutter gar nicht gestorben sei, sondern irgendwo anders lebte – in einem zerfallenen Haus wie diesem hier (nur eben wesentlich kleiner), und dass sie eines Tages vorbeikommen würde, um mich abzuholen. Nicht, dass sie das je getan hätte. Und ich wusste auch, dass es nur ein Traum war. Aber dieses Haus auf dem Foto war absolut real. Und jetzt gehörte es tatsächlich mir?

»Es ist … sehr groß«, sagte ich zögerlich.

»Ja, das ist es allerdings«, bestätigte Mr Taylor nickend.

»Ich habe alle Informationen hier, ebenso wie die Details über die Einrichtung. Es bleibt alles mit Lady Hamptons persönlichen Sachen im Haus, sodass Sie es sich in Ruhe durchsehen können.«

»Lady … Lady Hampton?«, wiederholte ich krächzend.

»Wussten Sie das nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte ich sie ja doch nicht so gut gekannt, wie ich immer dachte.

»Dann hatten Sie auch keine Ahnung, dass sich die Gesamtsumme ihres Erbes auf rund vier Millionen Pfund beläuft?«

»Vier Millionen?« Mit einem Mal begann sich die Welt, um mich zu drehen, sodass ich Mühe hatte, noch klar zu sehen.

Mr Taylor wollte seinen Aktenkoffer öffnen, doch ich hob die Hand. »Tut mir leid«, sagte ich mit einer Stimme, die mehrere Oktaven höher war als sonst. »Könnten wir noch mal kurz … ich dachte, Sie reden davon, dass Grace mir ein paar Bücher vermacht hat oder so. Ich wusste nicht … ich meine, ein Anwesen? Ich … Und sie war eine Lady? Das hat sie mir nie erzählt. Aber ich will ihr Geld doch gar nicht. Das ist nicht … Ich meine …«

»Grace lag es sehr am Herzen, dass jemand das Anwesen bekommt, dem sie vertraut«, erklärte der Anwalt sanft. »Je mand, der sich liebevoll darum kümmert, der vielleicht eine Familie dort gründet. Jemand, dem sie ihre Besitztümer anvertrauen kann«, erklärte er. »Grace war eine … Frau, die ein sehr zurückgezogenes Leben geführt hat. Als Sie sie kennenlernte, wurde ihr eine große Last von den Schultern genommen, weil sie wusste, dass Sie eine gute und vertrauenswürdige Erbin sein würden. Grace wusste, dass sie ihr Anwesen schützen würde, indem sie es Ihnen vermachte. Ich weiß, dass sie diese Gewissheit sehr glücklich gemacht hat. Sehr glücklich sogar.«

»Aber … aber …«, stammelte ich. »Gibt es denn sonst niemanden? Familie? Jemanden außer mir?«

Der Anwalt nickte. »Lady Hampton hatte tatsächlich einen Sohn. Hat einen Sohn. Aber sie stehen einander nicht sonderlich nahe. Sie … hat ihn vor vielen Jahren enterbt. Er ist mit achtzehn von zu Hause weggegangen.«

Ich riss die Augen auf. »Sie hatte einen Sohn? Sie hat nie einen Sohn erwähnt.«

»Sie hat es nicht so gesehen, dass sie noch einen Sohn hatte.« Mr Taylor runzelte kaum merklich die Stirn. »Sie … Vater und Sohn hatten Streit, soweit ich weiß. Nachdem er mit achtzehn weggegangen war, hatten sie, meines Wissens nach, keinerlei Kontakt mehr.«

»Aber will er das Geld denn nicht? Das Haus?«

Mr Taylor schüttelte den Kopf. »Soweit ich informiert bin, ist er ins Ausland gegangen. Ich versichere Ihnen, dass er keinerlei Ansprüche an dem Testament geltend machen wird.« Er richtete den Blick auf einen Punkt ein Stück rechts von mir, als könne er sich nicht überwinden, mir in die Augen zu sehen.

»Aha.« Ich nickte. Mir schwirrte der Kopf. Grace hatte nie einen Sohn erwähnt. Andererseits hatte sie auch die vier Millionen Pfund nie erwähnt. Oder das Anwesen.

 

»Mrs Milton, Sie werden bald eine sehr reiche Frau sein«, erklärte der Anwalt. »Und mit dem Reichtum kommt auch eine gewisse Verantwortung auf Sie zu. Es ist ziemlich viel auf einmal, deshalb schlage ich vor, Sie besprechen das Ganze vielleicht mit Ihrem Ehemann und denken in Ruhe darüber nach, was Sie tun möchten.«

»Tun?«, krächzte ich. Ich hatte Mühe, die Flut an Informationen zu verarbeiten, die auf mich einprasselte. Ich würde reich sein. Und zwar richtig reich. Was bedeutete: keine Schulden mehr. Kein ängstliches Schielen auf den Kontostand, der sich zum Monatsende gefährlich dem Überziehungslimit näherte. Ich hatte nie damit gerechnet, reich zu werden. Hatte nie darauf gehofft. Und ich konnte nicht glauben, dass Grace mir allen Ernstes alles hinterlassen wollte.

»Ob Sie in das Anwesen ziehen möchten, oder … es veräußern.«

»Verkaufen?«, fragte ich ungläubig. Der Anwalt zuckte mit den Achseln.

»Das Anwesen verkaufen, das Grace mir explizit vererbt hat, damit ich mich darum kümmere?«

Mr Taylor lächelte. »Ich bin froh, dass Sie das so sehen«, sagte er. »Grace hat sich immer gerühmt, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen. Trotzdem werde ich diese Unterlagen bei Ihnen lassen, wenn ich darf, und vielleicht kommen Sie ja zu mir ins Büro, damit wir die Übereignung besprechen können … sagen wir, nächste Woche?«

Ich nickte, während sich meine Gedanken weiter überschlugen.

»Wieso war sie in Sunnymead?«, fragte ich. »Ich meine, sie war reich. Hätte sie sich nicht von einem Ärztestab und einer Armee Schwestern in ihrem Anwesen pflegen lassen können?«

Der Anwalt sah mich einen Moment nachdenklich an.

»Sie war einsam«, sagte er dann. »Grace hatte immer gern andere Leute um sich. Und nach dem Tod ihres Mannes wollte sie nicht länger in Sudbury Grange bleiben. Das Haus sei so leer und gleichzeitig so voller Erinnerungen, hat sie immer gesagt.«

»Und sie hat mir wirklich ernsthaft alles hinterlassen?«

»Sie sagte, Sie seien die Tochter, die sie nie gehabt hätte. Oder die Enkelin, die sie sich immer gewünscht hat. Ich weiß, dass es ihr sehr wichtig war, dass gerade Sie das Haus erben. Sonst wäre es an den Staat gegangen und von irgendwelchen Immobilienhaien kaputt gemacht worden, die es zu einem potthässlichen Konferenzzentrum umbauen würden.«

Er lächelte erneut, diesmal ein wenig verschlagen, und ich musste ebenfalls grinsen. Genau das war einer der typischen Grace-Sprüche.

»Wie gesagt«, fuhr Mr Taylor fort, »bestimmt kommen Sie gern bei mir im Büro vorbei, damit wir den Papierkram erledigen können. Dann besprechen wir auch die Details zum Anwesen und die finanziellen Arrangements.«

»Papierkram«, wiederholte ich vage.

»Nichts Großartiges. Nur ein Identitätsnachweis, Unterschriften, solche Dinge.« Er lächelte. »Es gibt eine seltsame, aber sehr wichtige Klausel in dem Testament, die besagt, dass das Erbe innerhalb von fünfzig Tagen angetreten werden muss, sonst verfällt es.«

Ich runzelte die Stirn. »Verfallen?«

Mr Taylor nickte. »Das ist eine Besonderheit der Hamptons – alle Testamente der Familie enthalten diese Klausel. Sie wurde eingeführt, um Familienquerelen zu vermeiden. Wenn jemand ein Testament nach Ablauf dieser Frist anficht, geht das gesamte Erbe verloren. Ist übrigens eine sehr wirksame Vorgehensweise.«

»Fünfzig Tage.« Wieder nickte ich, und meine Stimme drohte zu versagen. »Das klingt … okay.«

»Das ist alles ziemlich viel auf einmal, nicht?«, sagte Mr Taylor freundlich, worauf ich nickte und ihn anlächelte, damit er mich nicht für unhöflich hielt.

»Ich kann es immer noch nicht glauben«, hörte ich mich sagen. Es war, als stünde ich neben mir und beobachtete mich.

»Tja, das sollten Sie aber, Mrs Milton, denn Sie werden bald eine schwerreiche Frau sein.«

Mr Taylor stand auf und reichte mir die Hand. »Ich freue mich, von Ihnen zu hören. Danke für Ihre Zeit. Ich werde mich schon bald wegen des Begräbnisses melden. Es findet in London statt. In Kensington. Irgendwann nächste Woche. Vielleicht möchten Sie ja gern Ihren Ehemann mitbringen?«

»Meinen Ehemann?« Ich sah ihn irritiert an, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. »O ja, meinen Mann, natürlich. Tja, ja. Ich meine, wenn er Zeit hat. Er ist immer sehr, sehr beschäftigt, wissen Sie.«

Mr Taylor nickte. Ich schüttelte ihm die Hand – unter Aufbietung all meiner Willenskraft, ruhig zu bleiben und nicht aufzuspringen und vor Freude laut zu schreien, sondern so zu tun, als sei eine Erbschaft von vier Millionen Pfund ein Klacks. Innerlich jedoch schrie ich aber begeistert, brüllte, tobte und tanzte. Ich würde reich sein. Reicher, als ich es mir in meinen wildesten Träumen ausgemalt hatte. Ich konnte nicht fassen, dass Grace nie ein Wort hatte verlauten lassen, mir nie einen Hinweis gegeben hatte.

Und dann kam mir auf einmal ein Gedanke. Einer, bei dem sich mir ziemlich abrupt der Magen umdrehte.

»Äh, gut, das Testament«, sagte ich, um einen beiläufigen Tonfall bemüht. »Grace hat alles Jessica Milton hinterlassen, richtig? Ich meine, mir. Auf meinen Ehenamen.«

»In den Papieren ist eine Mrs Jessica Milton angegeben, ja.«

Ich nickte und schaffte es irgendwie, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern, als mich das dringende Bedürfnis überfiel, mich hinzusetzen. »Es ist nur …« Ich hielt inne. Meine Gedanken überschlugen sich. »Na ja, in Wahrheit habe ich meinen Namen gar nicht geändert. Ich bin immer noch Jessica Wild. Zumindest offiziell. Ist das … ist das okay?«

»Das ist völlig in Ordnung«, antwortete Mr Taylor, und ich spürte, wie mich ein Gefühl der Erleichterung durchströmte. »Ich brauche nur ein Ausweispapier, aus dem Ihr Geburtsname hervorgeht, sprich einen Pass oder eine Geburtsurkunde. Dann mache ich mir noch eine Kopie der Heiratsurkunde, damit ich die Papiere ändern kann.«

»Heiratsurkunde?«

»Genau. Irgendwann nächste Woche reicht aus, Mrs Milton. Rufen Sie einfach mein Büro an, meine Sekretärin gibt Ihnen einen Termin. Und entschuldigen Sie bitte nochmals, wenn ich Sie und Ihre …« Er sah vage in Richtung Küche.

»… Köchin gestört habe«, fügte er hinzu, und ich ertappte mich dabei, dass ich nickte. »Ich bedauere es wirklich sehr, Sie an einem Sonntagabend zu belästigen. Bitte grüßen Sie Ihren Mann von mir, der natürlich jederzeit an der Besprechung in meinem Büro teilnehmen kann. Nochmals danke. Ich finde schon hinaus. Oh, und könnten Sie mir vielleicht Ihre Nummer geben oder …«

Ich starrte ihn ausdruckslos an. »Ja. Sie lautet null-zwei-null-sieben-sechs-null …« Ich runzelte die Stirn. Null-zwei-null-sieben-sechs-null-drei. Nein, vier … sieben-sechs-null-vier …« Ich lächelte schwach. So weit war es also schon mit mir gekommen. Ich konnte mich nicht einmal mehr an meine eigene Telefonnummer erinnern. Leicht schwitzend zog ich eine Visitenkarte aus meiner Handtasche. »Bitte«, sagte ich, »meine Nummer steht hier drauf.«

»Danke.« Er nahm die Karte und verabschiedete sich. Zwei Sekunden später stand Helen in der Tür.

»Und?«, fragte sie. »Was wollte dieser Typ? Und wieso hat er gerade zu mir gesagt, dass er sich auch jemanden wie mich zu Hause wünschen würde?«

Ich lächelte nervös, unsicher, ob ich einen Ton herausbringen würde. Doch dann riss ich mich zusammen.

»Nichts«, sagte ich schließlich. »Er ist nur … er ist nur gekommen, um mir zu sagen, dass Grace gestorben ist.«

»Grace? Oh, du Ärmste. Oh, Jess, das tut mir so leid.« Helen eilte zu mir und nahm mich in die Arme. »Oh, das sind aber traurige Neuigkeiten.«

»Traurig?«, wiederholte ich vorsichtig, weil ich meiner Stimme immer noch nicht recht über den Weg traute.

»Traurig trifft es nicht einmal ansatzweise.«