Leseprobe Verlieben will gelernt sein

Kapitel 1

 

PROJEKT: HOCHZEIT

 

Produkt: Jessica Wild

Jetzt bin ich also schon ein Produkt?

Noch mal zum Mitschreiben: Entweder wir ziehen das auf meine Art durch, oder wir lassen es ganz bleiben.

Na gut. Dann bin ich eben ein Produkt. Von mir aus …

 

Mission: Dem Produkt ein neues Image verpassen, damit es für Zielgruppe unwiderstehlich wird, sodass Zielgruppe dem Produkt auf der Stelle seine unsterbliche Liebe gestehen und Heiratsantrag machen muss.

 

Zeitfenster: fünfzig Tage

 

Zielgruppe: Anthony Milton (Chef des Produkts und toll aussehender Werber der Top­Kategorie)

 

Markenziele:

1.) Attraktiv für Anthony Milton sein.

2.) So attraktiv, dass er mit Produkt ausgehen will.

3.) Und Produkt schlussendlich bittet, ihn zu heiraten.

4.) Oh, und das Ganze innerhalb von fünfzig Tagen. Einschließlich Hochzeit.

 

5.) Das ist das dämlichste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Und das lukrativste. Vergiss nicht, wir reden hier von vier Millionen Pfund, einer Summe, bei der wohl keiner die Nase rümpft.

Tue ich ja auch gar nicht. Ich überlege nur, was ich machen soll, wenn es in die Hose geht.

Wird es aber nicht.

Du hast leicht reden. Du musst es schließlich nicht tun.

 

Hauptmerkmale (positive) des Produkts: Äh …

Schlanke Taille. Hübsche Beine. Manchmal ein wenig zu ernst. Und in puncto Männer Versagerin auf der ganzen Linie.

Schönen Dank auch.

Gern geschehen.

 

Probleme beim Rebranding/zu überwindende Hindernisse:

1.) Zielobjekt zeigt bislang keinerlei Interesse an Produkt.

2.) Produkt ist ebenfalls nicht mal ansatzweise an Zielobjekt interessiert.

 

Anthony Milton? Dieses Sahneschnittchen? Ich bitte dich. Du musst doch wenigstens ein bisschen interessiert sein.

Überhaupt nicht. Er ist nicht mein Typ.

Du hast einen Typ? Du gehst noch nicht mal auf die Piste. Wie kannst du da einen Typ haben?

Ich habe ja auch keinen bestimmten Typ. Ich weiß nur, wenn einer nicht mein Typ ist.

In diesem Fall also Männer im Allgemeinen …

 

Das Ganze ist eine Schnapsidee. Vielleicht sollten wir lieber überlegen …

O nein, das wirst du hübsch bleiben lassen. Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen.

Doch, kann ich.

Nein, kannst du nicht. Außerdem hast du sowieso keine andere Wahl. Wir haben die Alternativen x-mal durchgekaut und festgestellt, dass es keine gibt.

Danke, dass du mir das noch mal unter die Nase reibst.

 

Strategien:

☞ Könnte ich das delegieren? Zum Beispiel ein Supermodel engagieren, das Anthony an meiner Stelle heiratet?

Geht ein bisschen am Thema vorbei, was? Also, so schwierig ist das doch gar nicht. Du brauchst nur einen neuen Haarschnitt. Ein paar neue Klamotten. Dann musst du lernen, wie man nett lächelt. Und dich ein bisschen in der Kunst der Verführung fit machen.

☞ Ich mag meine Klamotten. Und die Kunst der Verführung interessiert mich nicht.

Das wird es aber, wenn ich erst mit dir fertig bin.

☞ Wenn du mit mir fertig bist? Ist das ein Versprechen?

 

Helen, meine Mitbewohnerin, rümpfte die Nase. »Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass du das Ganze nicht richtig ernst nimmst?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich unschuldig. »Ich nehme es nämlich sehr ernst. Ich überlege sogar, ob ich nicht in die Bibliothek gehen soll, um mich mit Material über das Heiraten in den letzten zweitausend Jahren einzudecken. Die besten Tipps sammeln, du weißt schon.«

Helen verdrehte die Augen. »Bitte, Jess, das ist kein Witz. Ziehen wir das jetzt durch oder nicht?«

Ich seufzte. »Okay, aber vielleicht haben wir das alles ja auch nicht richtig durchdacht. Ich könnte doch einfach den Anwalt anrufen? Und die Sache klarstellen? Mich entschuldigen und dann die ganze alberne Idee vergessen.«

»Ehrlich? Willst du das wirklich?«, fragte Helen.

Ich wurde rot und schüttelte den Kopf. Nie im Leben würde ich den Anwalt anrufen und die Wahrheit sagen. Das wäre doch viel zu peinlich. Ausgeschlossen.

Helen zuckte mit den Achseln. »Dann sag mir doch mal genau, was du zu verlieren hast, Jess. Ganz im Ernst.«

»Meine Würde«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Meine Unabhängigkeit. Meine …«

»Schulden?«, schlug Helen vor. »Dein nicht existentes Sozialleben? Komm schon, Jess, wann warst du das letzte Mal auf der Piste?«

»Ich will nicht auf die Piste gehen. Das wird doch völlig überbewertet. Genauso wie die Heiraterei und Beziehungskisten.«

»Woher willst du das denn wissen? Du hattest doch überhaupt noch keine einzige Beziehung. Außerdem geht es hier nicht um eine Beziehung, sondern um ein geschäftliches Arrangement.«

Ich biss mir auf die Lippe. »Aber das weiß Anthony nicht. Du behauptest, du könntest dafür sorgen, dass er sich in mich verliebt, aber das wird nie im Leben passieren. Dieses ganze Projekt ist reine Zeitverschwendung.«

Helen kniff die Augen zusammen. »Du kriegst doch nicht plötzlich kalte Füße, oder?«

»Nein!«, stritt ich ab. »Natürlich nicht. Ich finde die Idee nur verrückt.«

»Ich glaube dir kein Wort.« Helen schüttelte den Kopf.

»Du hast die Hosen voll. Jessica Wild, Miss Ehehasserin, hat Angst vor Zurückweisung. Gib’s zu.«

Genervt verdrehte ich die Augen. »Ich habe keine Angst vor Zurückweisung«, erklärte ich spitz. »Ich weiß nur, dass dieses … dieses Projekt bei Anthony nie im Leben funktionieren wird. Genauso wenig wie bei mir. Und, ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Ich kann Besseres mit meiner Zeit anfangen, als irgendeinem Weiberhelden hinterherzuhecheln.«

»Auch etwas Besseres, als vier Millionen Pfund zu erben? Mach dich nicht lächerlich. Außerdem täte es dir bestimmt gut, eine feste Beziehung zu haben.«

»Dass du das denkst, glaube ich gern. Aber ich fürchte, das spielt hier keine Rolle. Im Gegensatz zu dir finde ich nämlich nicht, dass Männer die Antwort auf alles sind. Ich will keine feste Beziehung. Ich brauche niemanden, damit ich mich gut fühle. Ich bin auch allein sehr glücklich.« Die Worte hatte ich schon so oft ausgesprochen, dass sie wie ein Mantra klangen. Und ich glaubte, was ich sagte: Die Ehe war eine Primasache für hübsche junge Dinger, die sich gern von einem Mann abhängig machten, aber nicht für mich. Ich wusste es besser.

»Allein und pleite, meinst du wohl. Na schön, du bist auch ohne Beziehung glücklich. Aber wenn das hier klappt, kriegst du nicht nur einen tollen Ehemann, sondern auch noch vier Millionen Pfund. Also bitte. Das ist doch einen Versuch wert, oder?«

Unbehaglich zuckte ich mit den Achseln. Das war ein Argument. Vier Millionen waren eine Menge Geld. Eine Summe, mit der sich mein ganzes Leben auf einen Schlag ändern würde. »Trotzdem wäre ich dann aber verheiratet.«

»Du kannst dich doch wieder scheiden lassen.«

Ich runzelte die Stirn. Klar, ich glaubte nicht an die Ehe, aber ebenso wenig gefiel mir die Vorstellung, mich scheiden zu lassen. Das roch nach Versagen und nach einer schlechten Wahl. Vielleicht könnten Anthony und ich uns ja einfach so trennen – bei diesem Gedanken verpasste ich mir innerlich einen Tritt. Allmählich ließ ich mich tatsächlich von Helens Euphorie anstecken. Aber ich würde mich nicht scheiden lassen oder trennen, weil ich nämlich gar nicht erst heiraten würde. Mochte sein, dass ich Helen damit in gute Laune versetzte, aber das Projekt Hochzeit würde nie im Leben funktionieren. »Könnte ich.«

Helen lächelte. »Also tust du’s? Du versuchst es?«

»Ich versuche es«, erwiderte ich zögernd. »Aber ich werde nichts tun, wobei ich mich nicht wohlfühle. Außerdem glaube ich trotz allem, dass es nicht funktioniert.«

»Tja, wenn es nicht klappt, kannst du ganz unbesorgt sein«, fügte Helen hinzu. »Oder?«

Ich seufzte. »Du findest das alles wahnsinnig lustig, oder?«, fragte ich vorwurfsvoll. »Für dich ist es eben nur ein Spiel.«

»Ist es doch auch.« Helen grinste. »Eine Gameshow. Und der Preis ist wahnsinnig hoch. Los, Jess, Kopf hoch.«

Ich sah sie an und runzelte die Stirn. Ich wollte nicht. Wollte, dass es aufhörte. Obwohl mir klar war, dass es das nicht tun würde. Also zuckte ich mit den Achseln. Ich wusste, wann ich verloren hatte.

»Jippiiie!« Helen klatschte in die Hände. »Also, los geht’s. Verpassen wir dir einen neuen Haarschnitt.« Sie gab mir meinen Mantel. »Bevor du es dir anders überlegst.«

 

 

Kapitel 2

Als Erstes sollte ich wohl erklären, was es mit Projekt Hochzeit auf sich hat. Und mit den vier Millionen Pfund. Und dem Anwalt. Sie haben doch bestimmt einige Fragen. Versprechen Sie mir bitte nur, dass Sie mich nicht vorschnell verurteilen, bevor Sie sich nicht ein Bild von der Gesamtsituation gemacht haben. Und auch dann wäre ich sehr froh, wenn Sie nachsichtig mit mir wären.

Die Geschichte fing schon vor langer, langer Zeit an, ganz in der Tradition der guten alten Märchen – allerdings nicht in so grauen Vorzeiten, als noch Kobolde auf der Erde unterwegs gewesen wären, aber immerhin liegen ihre Anfänge lange genug zurück, um ein wenig aus dem Ruder laufen zu können. Um genau zu sein, begann alles vor zwei Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen.

Es fing an dem Tag an, als Oma starb. Also gut, nicht exakt am Tag ihres Todes, sondern vielmehr, als sie in ein Altersheim zog, weil sich ja, wie sie zu sagen pflegte, sonst niemand – damit war natürlich ich gemeint – anständig um sie kümmern würde. Oma und ich verstanden uns nicht sonderlich gut. Ich war mit zwei Jahren zu ihr gezogen, nachdem meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Und Oma, wie sie mir ebenfalls regelmäßig unter die Nase rieb, hätte liebend gern darauf verzichtet, in ihrem Alter noch ein Kind großzuziehen. Als ich schließlich groß war, bemühte ich mich nach Kräften, mich angemessen dankbar zu zeigen, sie regelmäßig zu besuchen und dafür zu sorgen, dass alles gut lief, aber bei jedem Besuch fand sie irgendetwas Neues, woran sie herummäkeln konnte – mein Haarschnitt, mein Job, meine Freunde, mein Auto … ich meine, klar, ich war an die Nörgeleien gewöhnt, immerhin war ich in ihrer Obhut aufgewachsen, aber als sie mit der Idee ankam, in ein Altersheim zu ziehen, fand ich das, ehrlich gesagt, ziemlich klasse.

Und auch ihr schien es gelegen zu kommen. Auf diese Weise hatte sie neue Leute um sich, an denen sie herumkritteln, und neue Dinge, über die sie sich beschweren konnte. Die Angestellten hassten sie, die anderen Heimbewohner hatten Angst vor ihr, und ihre Verachtung für sie bescherte uns tatsächlich so etwas wie Gesprächsstoff, sodass sich die eine oder andere Unterhaltung tatsächlich nicht um meine Unzulänglichkeiten drehte, was ziemlich ungewohnt und unglaublich angenehm war.

Aber das ist nicht der Beginn der Geschichte. Alles fing an, als Grace Hampton, Omas Zimmernachbarin, zufällig vorbeikam, als ich zu Besuch war. Ich erzählte Oma gerade, dass ich einen neuen Job bei Milton Advertising angenommen hatte und nun für Anthony Milton, den Superstar der Werbebranche, arbeiten würde. In diesem Augenblick tauchte Grace auf und bot uns eine Tasse Tee an. Was ziemlich überraschend war, weil Oma nur Schlechtes über ihre lebhafte Zimmernachbarin zu erzählen hatte, die »alberne« Liebesromane las und viel zu viel fernsah (Oma bevorzugte dicke, schwülstige Wälzer, von denen sie Kopfschmerzen bekam). Grace schien Omas Verblüffung ebenso wenig zu bemerken wie ihren leicht spröden Tonfall. Sie stellte die drei Tassen ab, setzte sich neben mich aufs Sofa und fragte mich über meinen neuen Job aus. Für eine reizende alte Lady hatte sie ein erstaunlich dickes Fell, und ehe ich michs versah, saß sie jedes Mal da, wenn ich Oma besuchen kam, lächelte mich erwartungsvoll an und wollte alles über mein Leben erfahren, als hätte sie aufrichtiges Interesse daran.

Ein paar Monate später starb Oma, und mit einem Schlag war alles anders. Plötzlich war ich frei. Auf mich allein gestellt. Und mit der Verpflichtung am Hals, ein Begräbnis auf die Beine stellen zu müssen. Für das ich auch noch würde bezahlen müssen. Und das war nicht das Einzige, wofür ich bezahlen musste. Es stellte sich heraus, dass Oma nicht daran gedacht hatte, mir von ihrem schwachen Herzen zu erzählen. Sie hatte ebenfalls nicht daran gedacht, dass sie völlig pleite war und Sunnymead, dem Altersheim, noch mehrere tausend Pfund schuldete.

Grace war dabei, als die Heimleitung mir mit spitzen Fingern Omas Endabrechnung präsentierte. Ich hatte Mühe, nicht umzukippen. Fassungslos hielt ich das Blatt Papier umkrallt, und die Zahlen verschwammen vor meinen Augen.

Fünfundzwanzigtausend Pfund.

Grace legte ihre Hand auf meine. »Ich frage mich, ob du mir einen Gefallen tun würdest, Jess.«

Ehrlich gesagt, war ich nicht in Stimmung, jemandem einen Gefallen zu tun – vielmehr sah ich mein Leben vor mir, ein Leben voller Schulden, ständig abgebrannt. Natürlich sagte ich ihr das nicht, sondern lächelte nur. »Klar.«

Und dann sagte Grace: »Ich frage mich, ob ich vielleicht das Begräbnis deiner Großmutter bezahlen dürfte. Das würde mich wirklich glücklich machen.«

Natürlich lehnte ich ab, aber sie hatte so eine Art, ein Nein nicht gelten zu lassen. Mir war vollkommen klar, dass sie damit in Wahrheit mir einen Gefallen tat, aber sie bestand darauf, dass es umgekehrt sei.

Die Beerdigung war sehr schön – viel schöner, als sie geworden wäre, wenn ich mich darum gekümmert hätte. Oma mochte strikte Presbyterianerin gewesen sein, aber Grace gelang es, die karge Kirche in einen wunderschönen Ort und den ernsten Trauergottesdienst in eine Feier zu Ehren von Oma zu verwandeln. Sie erschien in einem blassrosa Kostüm, lächelte und sagte, dass niemand bei einem Begräbnis Schwarz tragen sollte. Sie hielt die ganze Zeit über meine Hand und reichte mir ein Taschentuch, als ich zu meinem Erstaunen in Tränen ausbrach. »Sie hat dich geliebt«, flüsterte Grace, als der Sarg mit Omas sterblichen Überresten in das offene Grab hinuntergelassen wurde. »Wenn du nicht da warst, hat sie ununterbrochen von dir geredet. Sie war so stolz auf dich.«

Ich war zwar nicht sicher, ob das stimmte, aber es war so nett zu hören.

Natürlich bot ich Grace an, die Schulden zurückzuzahlen. Aber sie lehnte immer ab. Geld spiele keine Rolle, sagte sie. Das Einzige, was zähle, seien die Menschen, ihre Gesellschaft, gemeinsam lachen zu können und die Liebe. Und sie betonte, wie schön sie es fände, wenn ich sie ab und zu besuchen käme, sofern ich nicht zu beschäftigt wäre. Also beteuerte ich, dass ich natürlich nicht zu beschäftigt wäre und gern käme.

Das war auch der Grund, weshalb ich nur wenige Tage nach Omas Begräbnis nach Sunnymead fuhr. Und in der Woche darauf ebenfalls.

 

Sie müssen wissen, dass Grace ganz anders war als Oma und ich einen Besuch bei ihr keineswegs als lästige Pflicht empfand, sondern eher als einen Abstecher, um eine Freundin zu sehen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich mich darauf freute, durch die Flure in Sunnymead zu gehen, neben Grace zu sitzen und fernzusehen, gemeinsam mit ihr eine Zeitschrift durchzublättern oder über ihre Lieblingsbücher zu plaudern. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit – von Sudbury Grange, dem Haus, in dem sie aufgewachsen war und das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Es war ein weitläufiges Anwesen auf dem Land, erzählte sie, voll enger Flure und Nischen und von einem riesigen Garten umgeben, wo sie und ihre Brüder im Sommer immer spielten.

Ich lauschte gespannt und fragte mich, wie es gewesen sein mochte, an einem solchen Ort zu leben, mit Brüdern und Hunden und Freunden, mit Versteckenspielen und Bäumen, auf die man klettern konnte. Selbst ohne Opa war Omas Haus klein und eng gewesen (Opa verschwand eine Woche nach meinem Einzug – er hatte eine Affäre, erzählte Oma mir später bei seinem Begräbnis. Gerade mal ein Jahr hätte er ohne sie gelebt, betonte sie spitz, sodass es klang, als hätte er seine Krebserkrankung selbst heraufbeschworen, aber mein Eintreffen hätte ihn endgültig vergrault). Meine wenigen Spielsachen durfte ich nicht aus dem Kinderzimmer nehmen, damit sie den wenigen Platz nicht mit Beschlag belegten. Dies sei kein Haus für ein Kind, erklärte Oma stets in einer Art, die mir unmissverständlich klarmachte, dass ich ein Eindringling war. Es war kein Haus, in dem Platz für schallendes Gelächter, Freudenschreie, Spiele oder laute Musik war. Omas Haus war ein Ort zum Nachdenken, zum Stillsitzen. Stille, sagte Oma immer, sei etwas überaus Wertvolles. Freunden könne man nicht über den Weg trauen, Männer ließen einen sowieso nur im Stich, aber auf sich selbst könne man jederzeit zählen. Wenn man sich selbst genug sei, garantiere dies ein zufriedenes Leben. Und Zufriedenheit sei ein guter Daseinszustand, fügte sie hinzu. Zufriedenheit, mehr könne man sich nicht erhoffen vom Leben.

Grace hingegen hatte mit Einsamkeit nichts am Hut. Sie

 

liebte Menschen, Trubel und Klatsch. Und ich entwickelte im Lauf der Zeit ein Gefühl liebevoller Vertrautheit für sie. Wann immer ich sie besuchte, war ich ein wenig glücklicher, fühlte mich ein wenig wohler in meiner Haut. Sie schien sich sehr dafür zu interessieren, was ich zu sagen hatte, erinnerte sich an Dinge, die ich in der Vorwoche erzählt hatte, und gab mir nie das Gefühl, ich sei unmöglich oder eine Versagerin. Stattdessen vermittelte sie mir das Gefühl, dass alles grundsätzlich möglich ist. Sie war die geborene Optimistin – ganz im Gegensatz zu Oma, die stets davon ausging, dass alles ein Misserfolg war. Und auch wenn Grace ein wenig zu fixiert auf mein Liebesleben (beziehungsweise den Mangel daran) sein mochte, war das nicht weiter schlimm. Dachte ich zumindest.

Normalerweise zeigte sich Graces Fixierung etwa nach der ersten Hälfte meines Besuchs, wenn sie fragte, ob es jemand Bestimmtes in meinem Leben gäbe. Dann zauberte ich ein leicht ungläubiges Lächeln auf mein Gesicht, ehe ich rasch das Thema wechselte, weil ich sie nicht mit einer Bemerkung, ein Mann sei im Moment so ziemlich das Letzte, was ich brauchte, in Sorge versetzen wollte. Nicht, dass ich etwas gegen Männer hatte. Ich fand sie prima, solange sie blieben, wo sie waren. Romantik war für meine Begriffe eine gefährliche Droge, die vernünftige, unabhängige Frauen in liebeskranke, sabbernde Teenager verwandelte – etwas, was mir ganz bestimmt nicht passieren würde. Nicht wenn ich es verhindern konnte jedenfalls. Ich hatte keine Lust, ständig über irgendeinen Kerl nachzudenken, der mich am Ende sowieso nur hängen lassen würde. Dass Männer sich nur sehr selten mit mir verabredeten – oder überhaupt Interesse an meiner Person zeigten –, war eine überaus praktische Tatsache.

Aber Grace ließ nicht locker. Für sie war die Suche nach Mr Right das Einzige, was wirklich zählte. Wann immer ich sie besuchen kam, nahm sie meine Hand und wollte wissen, ob mein netter Boss denn schon gefragt habe, ob ich mit ihm ausgehen wolle (in ihren Lieblingsromanen lief es immer so ab, dass die Sekretärinnen irgendwann aufgefordert wurden, ihren Haarknoten zu lösen und ihre Brille abzunehmen, bevor ihr Chef sie in die Arme nahm und ihnen seine unsterbliche Liebe gestand). Ich verdrehte dann nur die Augen, weil es dazu natürlich nie im Leben kommen würde. Ich fühlte mich wohl als Single. Sogar mehr als das. Der Zustand gefiel mir.

Und so gerieten wir in eine Sackgasse. Wenn Grace mich nach meinem Liebesleben ausfragte, erzählte ich ihr von einem neuen Projekt bei der Arbeit. Wenn sie wissen wollte, ob mein Boss immer noch Single sei, fing ich von der Kaffeemaschine an, die Helen und ich erstanden hatten, um so das Geld für die vielen Milchkaffees zum Mitnehmen zu sparen (nur fürs Protokoll: Lassen Sie es bleiben. Die Dinger kosten ein Vermögen, und trotzdem kaufen wir jeden Morgen noch unseren Kaffee auf dem Weg ins Büro). Bei einem Besuch war es mir gelungen, Grace fast die gesamten zwei Stunden von einer Kampagne zu erzählen, an der ich gerade arbeitete, und als ich fertig war, fixierte sie mich mit ihren leuchtenden Augen und sagte: »Also, Jess, jetzt sag schon, wie läuft es mit der Männerjagd? Hat dich der Wunderknabe der Werbung schon bemerkt?«

Ich hatte immer angenommen, dass sie das Thema irgendwann langweilen würde, dass sie aufgeben und akzeptieren würde, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte – aber weit gefehlt. Stattdessen setzte Grace jedes Mal noch eins drauf, quetschte mich nach jedem männlichen Single im Büro aus und unterzog ihn einer Prüfung hinsichtlich seiner Qualitäten als potenzieller Ehemann.

 

Und dann, nachdem ich monatelang ausgewichen war, das Thema gewechselt, ungläubig die Brauen hochgezogen und entschlossen die Achseln gezuckt hatte, tat ich etwas, worauf ich alles andere als stolz bin. Ich erfand einen Freund.

Okay, mir ist klar, wie mies das klingt. Einen Freund erfindet man sich, wenn man dreizehn ist. Aber Sie müssen mir glauben, wenn ich sage, dass ich keine andere Wahl hatte. Und wenn ich eine hatte, erkannte ich sie in diesem Moment jedenfalls nicht.

Also gut, die meisten hätten sich etwas anderes einfallen lassen. Aber andere Mädchen hätten wahrscheinlich sowieso einen Freund gehabt, also spielt das jetzt keine Rolle.

Zurück zu meiner Geschichte: Es war ein sehr warmer, sonniger Tag, und ich kam ein wenig früher zum Sunnymead Retirement Home als sonst. Grace wurde gerade untersucht, also wartete ich vor der Tür, weil mir Ärzte mit ihren Stethoskopen und ihren ernsten Gesichtern immer ein bisschen Angst machen. Jedenfalls stand ich auf dem Korridor vor Graces Tür und hörte einen von ihnen sagen: »Tut mir leid, Grace, das sieht nicht besonders gut aus. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends.«

Ich hatte keine Ahnung, welcher Zustand sich verschlechterte und was genau nicht sonderlich gut aussah, aber wenn Ärzte solche Worte in den Mund nehmen, sind die Details auch nicht so wichtig, oder? Ich erschrak fürchterlich und war auf einmal panisch, weil ich nicht wollte, dass Grace etwas passierte. Nach einer Weile zogen die Ärzte ab, und ich zwang mich, ein breites Grinsen aufzusetzen, weil ich dachte, dass sie bestimmt ein wenig Aufmunterung gebrauchen könnte. Sie strahlte, als sie mich sah, und ich wollte unbedingt, dass dieser fröhliche Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb und nicht von Angst, Verzweiflung oder sonst etwas Schlimmem vertrieben wurde.

 

»Und, Jess, wie geht es dir?«, war das Erste, was sie fragte.

»Gibt es aufregende Neuigkeiten? Irgendwelche netten Männer, die mit dir ausgehen wollen?«

Gerade, als ich antworten wollte: Nein, natürlich nicht, sah ich den winzigen Hoffnungsschimmer in ihren Augen. In diesem Moment wusste ich, dass ich sie nicht schon wieder enttäuschen konnte. Nicht jetzt.

Also sagte ich stattdessen: »Allerdings! Stell dir vor – ich habe ein Rendezvous.«

Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen. Es war, als ginge die Sonne auf – ihre Augen leuchteten, ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln und trotz meines schlechten Gewissens konnte ich nicht anders, als mich darüber zu freuen, sie so glücklich gemacht zu haben.

»Mit wem?«, fragte sie. Ich durchforstete mein Gehirn nach einem Namen, nach irgendeinem, aber unter Druck ist mein Kopf grundsätzlich wie leer gefegt – also lächelte ich nur verlegen, worauf Grace verschmitzt grinste. »Doch nicht etwa dein attraktiver Boss, oder? Anthony? Oh, bitte sag, dass es Anthony Milton ist. Bitte!«

Rückblickend betrachtet wäre es ganz einfach gewesen, Nein zu sagen. Als ich mir die Szene später noch einmal durch den Kopf gehen ließ, wurde mir klar, dass ich eine Million andere Dinge hätte sagen können, die unendlich viel klüger gewesen wären, aber ich stand einfach vollkommen neben mir. »Anthony Milton?«, hörte ich mich sagen. »Äh … Ja, genau. Mit dem gehe ich aus.«

Wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ein Rendezvous mit Anthony Milton etwa so wahrscheinlich war wie eines mit Prince William. Oder mit Justin Timberlake. Oder mit James Bond. Anthony Milton war, wie gesagt, der Inhaber und Geschäftsführer von Milton Advertising. Und, auch das hatte ich bereits erwähnt, er war groß, blond, attraktiv, erfolgreich und bei allen beliebt. Es verging keine Woche, in der er nicht in Advertising Weekly abgelichtet wurde, und kein Jahr ohne eine Nominierung für irgendeinen Werber-Preis – vorwiegend deshalb, weil seine Anwesenheit ein Garant dafür war, dass alles, was in der Branche Rang und Namen hatte, zu dem Event kommen würde. Und es verging kein Tag, an dem er nicht von sämtlichen Frauen im Umkreis von vier Meilen angeschwärmt wurde.

Er hatte das Vorstellungsgespräch bei Milton Advertising mit mir geführt – gemeinsam mit Max, seinem Stellvertreter, der mich mit Fragen bombardierte, während Anthony mir mit einem gewinnenden Lächeln versicherte, wie toll die Agentur sei (worauf ich prompt mehrmals den Faden verlor). Als ich aufstand, blieb mein Blick an Max hängen, der mich angrinste, und ehe ich michs versah, lief ich geradewegs in eine Glasscheibe. Wenn ich sage, geradewegs in eine Glasscheibe, meine ich das auch genau so – inklusive fürchterlichem Knall und einer Platzwunde, das ganze Programm eben. Zum Glück sah Anthony das Ganze mit Humor und bot mir den Job trotzdem an. Freundlicherweise wies Helen mich darauf hin, dass er wahrscheinlich Angst gehabt hatte, ich würde ihn sonst wegen Fahrlässigkeit anzeigen und auf Schmerzensgeld wegen körperlicher und seelischer Qualen verklagen.

Natürlich verbreitete sich die Neuigkeit in Windeseile, und als ich schließlich bei Milton Advertising anfing, war ich schon als das Mädchen-das-in-die-Scheibe-gelaufen-ist bekannt. Das störte mich jedoch nicht weiter. Nachdem ich jahrelang in der Datenverarbeitung gearbeitet hatte (Oma rieb mir regelmäßig unter die Nase, dass ich froh sein könnte, überhaupt einen Job zu haben, und wie egoistisch es sei zu jammern, während andere Menschen nicht einmal halb so viele Chancen im Leben hätten wie ich), hatte ich endlich einen Job mit Zukunftsperspektive gefunden. Und mit einem halbwegs anständigen Gehalt noch dazu. Anthony hatte mir eine Chance gegeben, und ich würde sie mit beiden Händen packen, selbst wenn ich mich gleich als Einstieg zur Lachnummer gemacht hatte.

Aber ich greife voraus. Der Punkt war, dass ich nicht nur nicht in Anthonys Liga spielte, sondern dass er sich sozusagen in einer anderen Stratosphäre befand. Selbst wenn ich an ihm interessiert gewesen wäre, hätte nichts aus uns werden können. Was ich aber nicht war.

»Anthony Milton?« Sie zwinkerte. »Ich wusste es! Ich wusste es in dem Augenblick, als du mir erzählt hast, du seist in diese Glaswand gelaufen.«

 

So fing also alles an. Als harmloses Date, als kleine Geschichte, um Grace aufzumuntern. Ich wollte keine Lawine lostreten. Und ich wollte auf keinen Fall, dass sich das Ganze verselbstständigte. Aber genau das passierte. Irgendwie lief die Situation aus dem Ruder, erst ein klein wenig, dann immer mehr, Stück für Stück, bis es kein Zurück mehr gab.

Nicht, dass je die Möglichkeit bestanden hätte zurückzupaddeln. Ich meine, ich konnte doch nicht in der nächsten Woche ankommen und behaupten, das Date sei ins Wasser gefallen. Es hätte ihr das Herz gebrochen, oder sie hätte einen Rückfall erlitten, und ich wäre schuld gewesen. Also schilderte ich ihr unser erstes Date haarklein. Na ja, in Wahrheit erzählte ich ihr von Helens Date mit dem Direktor einer Plattenfirma und tauschte einfach unsere Namen aus – bloß dass unser Abend nicht mit Sex in seinem Büro endete, sondern mit einem scheuen Kuss vor meiner Haustür. Anthony, so stellte sich heraus, war ein Ehrenmann, interessant, und, was noch viel wichtiger war, völlig verrückt nach mir. Mir ist klar, wie idiotisch das jetzt klingt, und es ist mir auch wahnsinnig peinlich, das zuzugeben (insbesondere weil ich Menschen verachte, die ihre ganze Freizeit auf Männerjagd sind), aber ich genoss es in gewisser Weise, Grace davon zu erzählen. Befreit von den Fesseln der Realität, war es das beste Date, das ich je erlebt hatte. Es war sogar so gut, dass ich es nicht ertragen hätte, wenn er sich anschließend nicht mehr gemeldet hätte. Aber er tat es. Zwei Tage später – genau wie Helens Platten-Typ. Doch während Helen zuhörte, wie er eine sehnsüchtige Nachricht nach der anderen auf den Anrufbeantworter hinterließ, sagte ich für das zweite Date zu. Zumindest im übertragenen Sinne.

Falls ich damals irgendwelche Zweifel gehabt hatte, gelang es mir, sie zu unterdrücken und mir einzureden, es sei doch alles nur ein harmloser Spaß. Nichts als alberne Geschichten, um Graces Sehnsucht nach Romantik zu stillen. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich meinen Spaß daran hatte. Ich meine, natürlich wusste ich, dass es lächerlich war. Meine rationale, bodenständige Seite wusste, dass meine Dates nicht mehr Realitätsbezug als Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Aschenputtel hatten, aber genau das macht ein Märchen doch aus – es ist hübsch und nett, es gibt ein Happy End, und auch wenn einem klar ist, dass das Leben nicht so läuft, macht es trotzdem Spaß, alle seine Vorbehalte über Bord zu werfen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Und wenn es nur für eine kurze Weile ist.

Grace hätte nicht aufgeregter sein können. Sie hätte ein gutes Gefühl bei dieser Sache, behauptete sie ständig. So gut, dass sie es kaum erwarten konnte, dass ich sie beim nächsten Besuch auf den neuesten Stand brachte. Meine Liebesgeschichte hielte sie bei der Stange, meinte sie.

Bei der Stange halten. Wie sollte ich ihr da sagen, dass alles nur erfunden war?

 

Bei jedem Besuch wappnete ich mich innerlich, war entschlossen, Grace die Wahrheit zu sagen, zuzugeben, dass ich mir alles nur ausgedacht hatte. Aber jedes Mal begannen ihre Augen zu leuchten, sobald ich ihr Zimmer betrat, und sie bettelte: »Und? Erzähl! Erzähl mir alles!« So verkniff ich mir mein Geständnis also einmal mehr, sagte mir, die Wahrheit könne ruhig noch ein wenig warten, zumal jetzt auch kein guter Zeitpunkt sei, und außerdem sei die Wahrheit nicht wichtig, solange ich Grace mit meinen Geschichten glücklich machen könnte.

Als ich ihr erzählte, dass wir gemeinsam in Urlaub fahren würden (in Wahrheit nahm ich an einem einwöchigen Seminar mit dem Titel »Wie werten Sie Ihr Aufgabengebiet auf und bekommen so die Beförderung, die Sie verdienen«), sah Grace mich mit strahlenden Augen an. »Du weißt, was er im Schilde führt, oder?«, meinte sie, worauf ich die Stirn runzelte und verneinte. Sie lächelte. »Er wird dich fragen, ob du ihn heiraten willst.«

Natürlich blieb mir die Spucke weg. Und natürlich merkte ich in diesem Augenblick, dass die Dinge gerade ein wenig außer Kontrolle gerieten. Bei der Vorstellung, zu heiraten, und selbst wenn es nur im Märchenland war, brach mir der kalte Schweiß aus. Aber ich hatte Grace noch nie so begeistert gesehen. Sie bebte regelrecht in freudiger Erregung.

Also verdrehte ich die Augen. »Oh, das bezweifle ich.«

»Ich nicht«, erklärte Grace versonnen, ehe sie sich seufzend eine Träne aus dem Augenwinkel wischte und meine Hand nahm. »Jess, ich möchte, dass du mir etwas versprichst.«

»Ja?«, fragte ich argwöhnisch. »Was denn?«

»Bitte versprich mir, dass du es auch annehmen wirst, wenn dir jemand alles vor die Füße legt, was er zu geben hat.«

 

»Was?« Ich hob die Brauen. »Was meinst du damit? Ich will gar nicht alles, was Anthony zu geben hat.«

Grace lächelte traurig. »Jess, ich weiß, dass du sehr stark und unabhängig bist. Aber weise niemanden ab, der dir helfen will, nur weil du glaubst, du brauchst es nicht. Wir alle brauchen Hilfe, wir alle brauchen Liebe, wir alle … Versprich es mir einfach, ja?«

Wieder legte ich die Stirn in Falten. »Okay, geht klar.«

»Nein«, sagte Grace kopfschüttelnd. »Ich meine es ernst, Jess. Ich will, dass du es mir versprichst.«

Ich sah sie unsicher an. »Versprechen?«

»Versprechen.« Grace nickte. »Versprich mir, dass du nicht davonläufst. Dass du nicht sofort Nein sagst.«

»Wozu Nein sagen?«, fragte ich verblüfft. »Ich verstehe nicht ganz, was du mich hier versprechen lässt.«

»Das wirst du schon noch«, erklärte Grace mit dem Anflug eines Lächelns, »das wirst du schon.«

»Gut«, erwiderte ich in der Annahme, es sei nicht weiter wichtig, denn was ich versprach, bezog sich in Wirklichkeit auf etwas, was ohnehin nicht existierte. »Dann verspreche ich es.«

»Wunderbar«, meinte Grace. »Und jetzt warten wir ab, was im Urlaub passieren wird.«

Er machte mir natürlich einen Antrag. Klar. Grace war so begeistert, dass sie sich in der fraglichen Woche sogar das Handy einer Schwester ausborgte und mir eine SMS schickte, um herauszufinden »wie es so läuft«. Wenn ich ohne einen Heiratsantrag zurückgekommen wäre, hätte es ihr das Herz gebrochen. Und der Sprung vom imaginären Freund zum imaginären Verlobten war nicht allzu groß. Er machte mir also einen Heiratsantrag am Strand. Ein fürchterliches Klischee, ich weiß, aber mir fiel nichts Besseres ein. Er hatte den Ring bereits gekauft – einen perfekten viereckigen Brillanten, wunderschön und ganz zart (ich kaufte selbstredend Modeschmuck. Es war ziemlich deprimierend, sich seinen eigenen Verlobungsring zu kaufen, aber ich erstand ihn im Internet, sodass ich mir keine allzu großen Gedanken darüber zu machen brauchte, welche Blicke ich von einem echten Verkäufer ernten würde. Und Grace fand, es sei der schönste Ring, den sie je gesehen hätte.)

Der Mond stand voll und rund am Himmel, und nach einem köstlichen Essen, gefolgt von einem Strandspaziergang, hielt er um meine Hand an. Er könnte immer noch nicht glauben, was für ein Glück er gehabt hatte, mir begegnet zu sein, sagte er.

Nein, nein, ich sei der Glückspilz von uns beiden, beteuerte ich natürlich, und dann kniete Anthony sich vor mich und fragte mich, ob ich seine Frau werden wollte. Und ich konnte nur nicken, weil ich keinen Ton herausbrachte.

In Wahrheit hatte ich die Geschichte aus einem billigen Schundblatt abgekupfert, das mir beim Zahnarzt in die Hände gefallen war. Irgendwann fragte ich mich zwar, ob ich nicht ein bisschen zu weit ging und Grace diesen abgedroschenen Unsinn tatsächlich glaubte – aber sie tat es. Ihr kamen sogar die Tränen. Ich sei nicht der einzige Mensch auf der Welt, der kaum glücklicher sein könne, meinte sie. Seit sie mich kenne, hätte sie auf diesen Moment gehofft und dafür gebetet. Ich verdiene genau das und noch viel mehr, und sie wünsche mir – und ihm – so viel Glück, wie sie in ihrem Leben gehabt hätte. Und, ja, ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Ja, mein Magen verkrampfte sich ein bisschen. Aber ich sagte mir, dass ich das Richtige tat, selbst wenn es sich weiß Gott nicht so anfühlte.

Am Ende brannten wir einfach durch. Das schien mir die einfachste Lösung. Grace war natürlich entsetzt – sie hatte zur Hochzeit kommen wollen –, änderte aber ihre Meinung, als ich ihr erzählte, es sei Anthonys Idee gewesen, keine große Hochzeit zu feiern und das Geld stattdessen zu spenden, und dass unsere kleine Zeremonie auf dem Standesamt genau das gewesen sei, was wir uns gewünscht hätten – intim, privat und bescheiden.

In der Woche darauf ging ich wieder ins Internet und kaufte mir einen Trauring (Silber, fünfundzwanzig Pfund), und immer, wenn ich Grace besuchen ging, steckte ich ihn und meinen Verlobungsring an und erfand irgendwelche Geschichten über meine Ehe mit dem Traumprinzen.

Und jetzt war sie fort. Wie alles andere auch.