Leseprobe Verlieben ist die beste Therapie

Kapitel 1

Meine Hand zitterte, als ich sie nach dem Klingelknopf ausstreckte. Ein Summen ertönte zum Zeichen, dass sich die Eingangstür entriegelt hatte. Zögernd stemmte ich sie auf.

Im Flur blieb ich stehen und musterte die unterschiedlich gestalteten Metallschildchen, die mir mitteilten, dass sich zwei Hausärzte, ein Kinderarzt, eine Versicherungsgesellschaft und – ich schluckte – eine psychotherapeutische Praxis in dem Haus befanden.

Obwohl mein Ziel im dritten Stock lag, wählte ich statt des Aufzugs die Treppe, um das, was mich an diesem eigentlich stinknormalen Donnerstagabend erwartete, noch ein paar Minütchen hinauszuzögern. Das Resultat war lediglich, dass ich schnaufend wie meine eigene Oma oben ankam und unter meinem Herbstmantel unangenehm schwitzte. Oh Gott, hatte ich ein Deo dabei? Mein Selbstbewusstsein war heute ohnehin schon im Keller, auch ohne dass ich durch penetranten Schweißgeruch die falsche Art von Aufmerksamkeit auf mich zog. 

Was würde er von mir denken? 

Mangelnde Körperhygiene, schoss es mir sofort durch den Kopf. Verwahrlosung. 

Bevor sich meine Gedankenspirale verselbstständigte, brachte ich sie mit einem energischen gedanklichen Stopp! zum Stillstand.

„Ich bin keine Patientin“, murmelte ich wie ein Mantra vor mich hin. Dann schlug ich mir entsetzt die Hand vor den Mund und schielte zu der mattierten Glastür, durch die ich in den nächsten fünf Minuten würde gehen müssen. 

Was, wenn er mich gehört hatte?

Selbstgespräche, Einsamkeit, soziale Abschottung. Oder aber Stimmen im Kopf. Psychose!

Ich krallte meine zitternden Finger um das Treppengeländer und zwang mich, ruhig in den Bauch zu atmen, wie ich es meinen eigenen Patienten tausende Male geraten hatte. 

Ein, aus. Ein, aus.

Ich bin keine Patientin, sagte ich mir - diesmal nur in Gedanken. Ich hätte nicht herkommen sollen. Nein, ich hatte hier absolut nichts verloren. Mir ging es gut. Oder zumindest nicht so schlecht, dass ich … ihn brauchte. Ich hätte gegenüber Mira standhaft bleiben sollen, müssen. Aber mit dominanten Persönlichkeiten hatte ich schon immer meine Probleme gehabt. Vielen Dank auch, Mama.

Mein Blick fiel auf das Praxisschild: 

Psychotherapeutische Praxis am Dom. 

Es war größer und wies detailliertere Informationen auf als das, welches unten im Erdgeschoss hing. Und es war blau. Wer, bitteschön, hatte ein blaues Praxisschild? Fast hätte ich gelacht, wäre es nicht zufällig genau diese Farbe, die mir seit Tagen den Schlaf raubte. Wann immer ich etwas Blaues sah, stellte sich dieses Gefühl ein, eine Ahnung, als ob ich etwas Wichtiges vergessen hätte. Das Schlimmste aber waren die Träume. An Albträume war ich gewöhnt, doch diese Träume waren ganz anders, nervtötender, denn sie ließen mich nicht schweißgebadet aus dem Schlaf schrecken, sondern hinterließen vielmehr eine Melancholie, die mich den ganzen Tag begleitete.

Jetzt nicht durchdrehen, sagte ich mir. Ich zwang mich, die alberne Farbe zu ignorieren, und studierte stattdessen, was auf dem Praxisschild stand, um noch ein paar Minuten zu gewinnen. Anscheinend teilten sich mehrere Psychotherapeuten diese Praxis. Er stand an dritter Stelle aufgelistet. Er, mit diesem Namen, der jeder Verhaltenstherapeutin einen Schauer über den Rücken jagte.

René Freud.

Unwillkürlich schüttelte ich mich.

Dahinter stand: Psychologischer Psychotherapeut. Kognitive Verhaltenstherapie.

Erleichtert stieß ich den Atem aus, den ich unbemerkt angehalten hatte. Ich war zu feige gewesen, Mira nach seiner Therapierichtung zu fragen, weil sie nicht denken sollte, dass ich es auch nur in Erwägung zog, diese in Anspruch zu nehmen. Trotzdem beruhigte es mich, dass ich in wenigen Minuten immerhin keinem freud’schen, von meiner Kindheit besessenen Analytiker gegenübersitzen würde, sondern einem Kollegen. Einem Verbündeten im Geiste. Genau. Ich grinste.

„Sie lachen über meinen Namen, richtig?“

Ich fuhr herum. 

Ein Mann stand im Türrahmen, groß, schlank, gutaussehend, viel mehr fiel mir zu seiner Beschreibung nicht ein, dazu schlug mein Herz zu heftig. Wir starrten einander an und ich meinte, einen überraschten Ausdruck in seinem Gesicht zu sehen. 

Schnell wandte ich den Blick ab. 

Konnte ein Mann seines Berufsstandes seine Mimik nicht besser im Griff haben? Aber sicher, es machte Sinn. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass Miras Freundin mit den psychischen Problemen auch äußerlich dem entsprach, was man sich allgemein so vorstellte: eine blasse, ungepflegte Depressive mit stumpfem Blick. 

Mein Gott, was hatte Mira über mich erzählt?

„Ich“, brachte ich hervor und realisierte, dass ich wieder zu Schwitzen angefangen hatte. Wahrscheinlich war ich sogar rot geworden. In den Bauch atmen. Ich straffte die Schultern, hob das Kinn und lächelte, während meine Augen einen willkürlichen Punkt auf seinem beigen, halboffenen Hemd fixierten. „Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, die Wörter Freud und Verhaltenstherapie in derselben Zeile zu lesen“, drückte ich mich so gewählt wie möglich aus, damit er ja gleich wusste, dass er es mit jemandem zu tun hatte, der ihm in Sachen Intellekt und Bildung ebenbürtig war. Endlich traute ich mich auch, ihm wieder ins Gesicht zu sehen. Das war also René Freud. Miras Studienfreund, von Beruf Psychotherapeut. Er konnte nicht viel älter sein als ich, wahrscheinlich knapp über dreißig, mit dunklen Haaren, die ihm in die Stirn fielen, und einem kleinen Grübchen am Kinn. Attraktiv, keine Frage. 

Und die Augen … waren blau. 

Ich spürte, wie mir das Blut, das eben noch dumpf hinter meinen Schläfen gepocht hatte, aus dem Gesicht wich. 

Es war genau dasselbe strahlende Himmelblau wie das des Praxisschilds. Und es war nicht nur die Farbe. René Freuds Augen kamen mir absurderweise unglaublich bekannt vor.

Wir starrten einander an, sein Gesichtsausdruck hatte von Überraschung zu Verwirrtheit gewechselt. 

Dieser Mangel an Professionalität! 

Andererseits verschaffte mir seine Sprachlosigkeit Zeit, meine eigene Verstörtheit zu überspielen. Ich musterte ihn ein zweites Mal, diesmal von Kopf bis Fuß. Unter dem geöffneten beigen Hemd trug er ein dunkles T-Shirt, dazu hellblaue Jeans. Ich kam zu demselben Urteil wie schon wenige Sekunde zuvor: ein attraktiver Mann.

„Haben wir uns schon mal irgendwo getroffen?“, fragte ich schließlich, wobei meine Stimme leicht zitterte. Dabei wusste ich, dass ich ihm noch nie begegnet war. Aber diese Augen …

„Nein“, sagte Freud langsam und nach kurzem Zögern. Er schien mich mit seinem Blick durchbohren zu wollen. 

Doch ich hielt ihm stand, jetzt, wo ich wusste, dass diese verflixten Träume mir nur einen weiteren Streich gespielt hatten, und machte mir noch eine gedankliche Notiz zu dem Mann vor mir: Starrt neue Patientin an.

Dann gab er das Blickduell endlich auf. „Sie sind also Miras Freundin?“, fragte er mit einem Lächeln, das auch seine angenehm tiefe Stimme gleich viel freundlicher klingen ließ. Er streckte mir die Hand entgegen.

„Johanna Heinrich“, stellte ich mich vor. Seine Hand umschloss meine einen Augenblick zu lange und mein Herz setzte einen Schlag aus. Ärgerlich über mich selbst schürzte ich die Lippen.

„Kommen Sie rein.“

Er führte mich durch einen verlassenen Wartebereich in einen ebenso stillen Flur.

„Der Rest der Praxis ist um diese Zeit leer“, erklärte er.

Natürlich war er das. Genau deswegen hatte ich ja darauf bestanden, um 20 Uhr abends herzukommen. 

„Es ist sehr … freundlich von Ihnen, mich außerhalb Ihrer Sprechstunde zu empfangen“, besann ich mich widerstrebend auf meine Manieren. In Wahrheit war das nur ein weiterer Grund, diesem René Freud ein gesundes Maß an Misstrauen entgegenzubringen. Welcher seriöse Therapeut traf sich schon nach Feierabend mit einer potenziellen Patientin – selbst wenn es sich dabei um die Freundin einer Freundin handelte und das Ganze somit ein Freundschaftsdienst war. Entweder litt der Kerl unter einem ungesund ausgeprägten Helfersyndrom oder … nein, ein anderer Grund fiel mir nicht ein.

„Hier, bitte.“ Er hielt die Tür für mich auf, sodass ich mich an ihm vorbeiquetschen musste, um in den Raum zu kommen. Durch das Fenster fiel gerade genug Dämmerlicht herein, um mich erkennen zu lassen, dass die Einrichtung aussah wie die der meisten Therapeuten-Sprechzimmer, die ich bisher gesehen hatte: zwei sich gegenüberstehende Sessel, bequem, aber nicht zu bequem, dazwischen ein kleines Tischchen, auf dem eine Karaffe Wasser sowie zwei Gläser und die obligatorische Packung Kleenex bereitstanden. Rechts ein Schreibtisch mit Laptop und Drucker, links ein Bücherregal mit Fachliteratur.

Während ich nahe der Tür stehengeblieben war, ging Freud sofort hinüber zu den Sesseln und schaltete die Stehlampe an, die daneben stand. 

Der Raum wurde in warmes Licht getaucht und ich erstarrte. Mein fassungsloser Blick huschte von den Wänden zu den Sesseln, zum Beistelltischchen und zuletzt zum Blumentopf der Zimmerpalme, die am Fenster stand. Alles blau.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Freud mit sanfter Stimme.

Ich wollte antworten, brachte jedoch nur ein Krächzen zustande. Also schüttelte ich einfach den Kopf.

„Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.“

Wenn Gespenster blau wären, hätte er sich sicher auch eins in sein Sprechzimmer gestellt.

„Nein.“ Ich räusperte mich. „Alles in Ordnung.“ 

Um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, nahm ich in einem der blauen Sessel Platz. Während der Therapeut sich ebenfalls setzte, rasten meine Gedanken. Das hier würde auf keinen Fall funktionieren. Nur wie machte ich das Freud am besten klar, ohne dass es auf ihn wie der typische Widerstand einer psychisch labilen Patientin wirkte, die einfach nicht einsehen wollte, dass sie Hilfe brauchte?

Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und die Hände im Schoß gefaltet. Mit einem ermutigenden Lächeln sah er mich an. „Also, wieso sind Sie hier?“

Das wusste er natürlich ganz genau. 

Es war typisch Therapeut, dass er mich mein Problem, das ich ja gar nicht hatte, in eigenen Worten zusammenfassen lassen wollte. Nicht, dass ich das nicht auch so machen würde, nur saß ich gerade leider auf der falschen Seite.

„Hören Sie …“, begann ich und hoffte beinahe, dass er mich unterbrechen würde, denn ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich sagen wollte. 

Natürlich tat er nichts dergleichen. 

Mein peinliches Schweigen füllte den Raum.

Freud hob die Augenbrauen und nickte mir lächelnd zu.

Ich stieß lautlos die Luft aus. „Eigentlich … Um ehrlich zu sein …“ Ich seufzte. „Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich gleich für jemanden halten, der die Augen vor seinen Problemen verschließt: Das hier ist keine gute Idee.“

„Welche Probleme?“

„Was?“

„Sie sagten, ich könnte Sie für jemanden halten, der die Augen vor seinen Problemen verschließt. Welche Probleme haben Sie denn Ihrer Meinung nach?“

Verdammt, er war gut! Nach der Palette an Unprofessionalitäten, die er sich in den ersten fünf Minuten geleistet hatte, hätte ich ihm eine solche Raffinesse nicht zugetraut. „Nun, Sie werden mir sicherlich zustimmen, wenn ich sage, dass jeder Mensch so seine Probleme hat“, begann ich vorsichtig.

„Absolut.“

„Und nicht alle Probleme bedürfen der … nun, Behandlung durch einen Spezialisten.“

„Sie meinen einer Therapie.“

„Ja, genau“, sagte ich patzig. Natürlich musste er auf diesem Wort herumreiten. 

Ich erhob mich. „Es tut mir außerordentlich leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe, Herr Freud.“ Ich streckte die Hand aus, doch anstatt ebenfalls aufzustehen, blieb er einfach sitzen, ignorierte meine Hand und sah mir offen ins Gesicht. Mit diesen furchtbar blauen Augen, vor denen ich einfach nur flüchten wollte.

„Wieso sind Sie überhaupt gekommen, wenn Sie das hier für einen Fehler halten?“

Ich ließ meine Hand sinken. „Sie kennen doch Mira.“ Dann stieß ich ein Lachen aus, das locker und beiläufig hatte klingen sollen, das sich aber einfach nur falsch und ein bisschen hysterisch anhörte.

„Sie kann sehr hartnäckig sein“, nickte Freud. Sein Lächeln war verschwunden. „Korrigieren Sie mich ruhig, aber Sie scheinen mir auch kein Mensch zu sein, der sich zu etwas überreden lässt, das Sie absolut nicht wollen.“ 

Bevor ich etwas dazu sagen konnte – und ich hatte eine Menge dazu zu sagen – fuhr er bereits fort: „Sie hatten doch bestimmt auch schon Patienten, die sich freiwillig zu einer Therapie entschlossen haben, aber beim Vorgespräch plötzlich sagten, dass sie eigentlich keine Hilfe bräuchten und wunderbar alleine zurechtkämen.“ Keine Frage, eine Feststellung.

Ich presste die Lippen aufeinander.

„Jetzt sind Sie wütend“, stellte er fest. Und lächelte. Lächelte!

„Überhaupt nicht“, log ich. „Sie schätzen mich nur völlig falsch ein.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich“, gab ich zurück und versuchte, nicht allzu unwirsch zu klingen. „Ich habe eine ziemlich autoritäre Mutter, wissen Sie. Und wenn eine dominante Person wie Mira mich drängt, etwas zu tun, und einfach nicht lockerlässt …“ Ich lächelte ebenfalls, entwaffnend, wie ich hoffte, denn mir war eine Idee gekommen. „… neige ich dazu, nachzugeben. Auch wenn ich eigentlich weiß, dass es falsch ist.“

„Wirklich?“ Sein Lächeln veränderte sich, wurde weicher.

Er hatte den Köder geschluckt, natürlich hatte er das. Therapeuten glaubten Patienten erst, wenn diese mit persönlichen Informationen, am besten solchen über Familie und/oder Kindheit um sich warfen.

Ich nickte und schaute gespielt peinlich berührt zu Boden. „Normalerweise spreche ich nicht darüber.“ Zu dick aufgetragen? Ich schielte in sein Gesicht, doch er blickte immer noch voller Wärme zu mir hoch. „Hören Sie, ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass Sie mir helfen wollen – und das auch noch außerhalb Ihrer Sprechzeiten. Es tut gut, zu wissen, dass es noch solche Menschen gibt. Und wer weiß, vielleicht komme ich eines Tages darauf zurück. Wenn ich tatsächlich mal Probleme habe, die einer … einer Therapie bedürfen.“

Da stand Freud endlich ebenfalls auf.

Ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht triumphierend zu grinsen. Jetzt schnell die Hand schütteln und nichts wie raus hier. Da hatte ich gerade nochmal die Kurve gekriegt! Aber Therapeuten waren eben auch nur Menschen. Ein bisschen Geschmeichel hier, ein paar lobende Worte dort … Wenn ich es mir recht überlegte, war der Umgang mit einem Therapeuten dem mit einem Patienten erschreckend ähnlich. 

„Es war schön, Sie kennenzulernen“, sagte ich herzlich und hielt ihm abermals meine Hand hin.

Diesmal ergriff er sie. Er lächelte mir ins Gesicht, während er sagte: „Und wenn Sie dann mit Ihrem Schauspiel fertig sind, wollen Sie mir vielleicht endlich erzählen, weshalb Sie wirklich hier sind?“

Ich starrte wie hypnotisiert in seine Augen. Und lief rot an, während ich ihm meine vor Scham zitternde Hand entriss.

„Frau Heinrich …“, sagte er sanft. „Sie wissen doch am besten, dass niemand Sie hierzu zwingen kann. Sie hätten sich jederzeit einfach umdrehen und die Praxis verlassen können. Aber da Sie trotz Ihres Widerwillens noch hier sind, drängt sich mir die Frage auf, ob Sie es tief in Ihrem Inneren nicht vielleicht doch versuchen wollen?“

Oh nein, bitte nicht diese Nummer. „Ich weiß genau, was Sie da tun“, presste ich hervor, ohne ihn anzusehen. 

„Was tue ich denn?“

„Obwohl ich Sie verar… reinlegen wollte, geben Sie sich so übertrieben nett und hilfsbereit, dass ich gar nicht guten Gewissens gehen kann.“

„Dann hat es ja bestens funktioniert.“

Ich sah in sein belustigtes Gesicht und konnte nicht anders. Ich musste lächeln.

„Warum setzen Sie sich nicht wieder, ich mache uns einen Tee, und Sie erzählen mir alles von Anfang an?“

Tee, na klar.

„Hat Mira das nicht schon getan?“

„Nein, sie hat nur gesagt, dass es Ihnen nicht gut geht.“

Ich war tatsächlich geneigt, ihm zu glauben. Wie machte er das nur? 

„Schön“, sagte ich. „Aber nur, wenn Sie statt des Tees auch einen Kaffee haben.“

„Natürlich“, sagte Freud, ohne mit der Wimper zu zucken, und verließ das Sprechzimmer. 

Kapitel 2

Alles war in bester Ordnung gewesen, bis zu jenem verhängnisvollen Mittwochabend vor zwei Monaten.

Klassentreffen. Wer dachte sich so was überhaupt aus? Andererseits musste ich mein Leben nicht verstecken, im Gegenteil. Was die Beziehungsseite zu wünschen übrig ließ, machte mein Beruf spielend wett. Wie viele meiner Ex-Schulkameraden von sich wohl dasselbe behaupten konnten? Ich sah beklagenswerte Häufchen von Langzeitstudenten zusammensitzen, sich betrinken und über ihre harte Lebensgeschichte aus abgebrochenen Studiengängen und das Zusammenwohnen mit Mutti lamentieren. Mit diesen Bildern im Kopf stand ich um Punkt acht vor der Sporthalle, in der ich vor zwölf Jahren mein Abizeugnis überreicht bekommen hatte. Der Anblick dieser Halle, die sich in all der Zeit zumindest äußerlich kein bisschen verändert zu haben schien, schaffte es nicht, mir irgendeine emotionale Reaktion zu entlocken. Zu häufig war ich während der letzten Jahre auf dem Schulgelände gewesen, um meine Schwester abzuholen, die seit dem Abschluss ihres Studiums hier als Lehrerin arbeitete. Und die, warum auch immer, sowohl mit ihrer Berufswahl als auch mit ihrem Arbeitsplatz beneidenswert glücklich war.

Draußen an der Doppelglastür der Halle hing ein riesiges weißes Tuch, auf das mit roter Farbe Abijahrgang ’07 geschmiert worden war. Da fühlte man sich doch direkt in die gute alte Zeit zurückversetzt. Auf dem Schulhof hatte jemand ein paar Tische und Bänke platziert, an denen nun Leute in meinem Alter zusammensaßen und sich anscheinend wunderbar amüsierten. Hauptsächlich Raucher, wie mir auffiel, denn eigentlich war die Jahreszeit fürs Draußensitzen vorbei. Ich musterte die Männer in ihren Jeans und farbenfrohen Hemden, die Frauen in Röcken oder teilweise auch in Hosen und Sneakers. Auf den ersten Blick kam mir keiner von ihnen bekannt vor. In der Vorhalle hatte jemand Unmengen von Luftballons mit Schriftzügen wie Willkommen, Happy Reunion und Party! verteilt. Konfetti bedeckte den Boden und laute Musik und Stimmen schallten aus der Turnhalle. Ich öffnete meinen Mantel und schaute verzweifelt an mir hinunter. Ich war absolut overdressed in meinem schwarzen engen Kleid mit den dazu passenden Pumps. Meine hellbraunen, normalerweise glatten Haare hatte ich zu verspielten Wellen gedreht, sodass sie mir nun weich bis auf die Schultern fielen. Ein Aufreißerlook – und ja, verdammt, ich hatte es nötig. Aber wollte ich das ausgerechnet meinen ehemaligen Schulkameraden auf die Nasen binden?

Noch konnte ich einfach wieder gehen, noch hatte mich niemand erkannt. Durch die Glaswand, die die eigentliche Sporthalle vom Vorraum trennte, sah ich Tische mit Büffet und Getränken, und sogar eine Band spielte auf der kleinen Bühne. Auf dieser Bühne hatte ich auch mal gestanden. Das musste in der sechsten Klasse gewesen sein, bei einer Tanzaufführung. Ein eher wenig erinnerungswürdiges Ereignis. Zwar hatte ich die Aufführung ohne Patzer hinter mich gebracht, doch schon von der Bühne aus hatte ich den verkniffenen Ausdruck um den Mund meiner Mutter erspäht. Auf dem Heimweg hatten meine Eltern, wie so oft in jener Zeit, kein Wort miteinander gewechselt.

Ein Brummen begleitet von Vibrationen riss mich aus meiner Erinnerung. Ich verdrehte den Arm, um in meiner Handtasche, die an einem sehr kurzen Riemchen unter meiner Achsel baumelte, nach dem Smartphone zu wühlen, doch als ich es endlich hervorgeangelt hatte, war es natürlich längst wieder verstummt.

Ein Anruf in Abwesenheit. Von Lini, meiner Schwester.

Ich seufzte lautlos. Sie wusste, dass ich heute dieses Klassentreffen hatte. Die Tatsache, dass sie trotzdem anrief, konnte nur eins bedeuten: Stress mit Mama. Und nur weil Lini schon siebenundzwanzig war, hieß das nicht zwangsläufig, dass sie sich gegen Mutter durchsetzen konnte. Das verstand niemand besser als ich.

Mit dem Smartphone in der Hand strebte ich dem Ausgang zu. Sei’s drum, dieser Abend war ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen.

„Hanna?“

Gerade hatte ich die Rückruftaste drücken wollen. Ich fuhr herum und sah einen blonden Mann in meinem Alter in der offenen Tür zur Sporthalle stehen. Als er mein Gesicht sah, wurde sein Grinsen noch breiter. „Du bist es wirklich!“

Er kam auf mich zu, breitete die Arme aus und drückte mich an sich. Er roch nach einem zu süßen Parfüm und Partyschweiß.

Erst als er mich wieder losließ, fiel endlich der Groschen. Sascha! SMS-Beziehung in der neunten Klasse. Danach waren wir uns ein paar Jährchen beschämt aus dem Weg gegangen, bis wir in der Zwölften im selben Deutschleistungskurs gelandet waren und eines Nachts auf einer Party betrunken hinter der Sporthalle geknutscht hatten.

„Hi …“, sagte ich langgezogen und ließ mir Zeit für eine ausführliche Musterung. Die Jahre hatten Sascha nicht geschadet, im Gegenteil. Die damals zur Igelfrisur gegelten Haare trug er jetzt ein bisschen länger, sodass sie ihm sicherlich gewollt unordentlich ins Gesicht fielen. Um den Mund hatten sich ganz kleine, süße Lachfältchen gebildet. Statt Baggy-Hosen trug er jetzt normale Jeans und darüber ein rotes Poloshirt.

Ich lächelte ihn an. Damals, nach unserer Knutscherei, hatte er mir noch wochenlang Blicke zugeworfen, die ich geflissentlich ignoriert hatte. Was wäre wohl gewesen, wenn ich sie erwidert hätte? Wären wir ein Paar geworden? Vielleicht heute immer noch zusammen? Doch mein naives achtzehnjähriges Selbst hatte natürlich nicht ahnen können, dass ich dreizehn Jahre später noch immer nichts Besseres abbekommen hatte.

„Und? Wie geht’s so?“, fragte er.

„Gut, gut. Und selbst?“ Wenn er mir jetzt von seiner glücklichen Ehe und den drei Kindern vorschwärmte, würde ich mich umdrehen und heimfahren, vielleicht auf dem Weg noch irgendwo einen Liter Eiscreme kaufen und mich in mein Bett verkriechen.

„Ach, kann nicht klagen.“ Er machte eine kurze Pause und ein schelmisches Funkeln schlich sich in seine braunen Augen. „Du bist noch hübscher als früher, weißt du das?“

Als sich unsere Blicke trafen, flatterte es in meiner Magengegend.

„Komm mit rein, da sind ein paar aus unserem Deutsch-LK.“

Als ich ihm folgte, formte sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht. Vielleicht war es ja doch genau das Richtige gewesen, heute Abend hierherzukommen. Ich steckte mein Smartphone weg und ignorierte den Stich, den mein Gewissen mir verpasste. 

 

Das alles ließ ich in meinem Kopf Revue passieren, während ich mich an der heißen Kaffeetasse festhielt, den erwartungsvollen Blick aus René Freuds blauen Augen ignorierend. 

Wie vielversprechend der Abend begonnen hatte. Hätte Sascha mich doch bloß gar nicht erst durch die Glastür gesehen oder hätte ich doch nur auf mein schlechtes Gewissen gehört und Lini zurückgerufen, statt mich in die naive Hoffnung zu stürzen, dieser Abend könnte irgendwoanders als in einer totalen Katastrophe enden.

„Fangen Sie doch einfach am Anfang an“, ermunterte mich Freud, in der Hand ebenfalls eine dampfende Tasse, allerdings mit Pfefferminztee.

Schritt 1: Abklärung der Lebens- und Krankengeschichte. Den anderen Punkt, mit dem man in einer kognitiven Verhaltenstherapie, eigentlich in jeder Art von Therapie, begann, nämlich den Aufbau der therapeutischen Beziehung zum Patienten, hatten wir ja schon außerordentlich erfolgreich abgehakt.

Ich sah Freud an, sah direkt in diese blauen Augen, die mich einmal mehr aus dem Konzept brachten. Wie sollte ich gerade diesem Mann meine Geschichte erzählen? 

Mit zittriger Hand zwirbelte ich eine Haarsträhne, dann schnappte ich mir meine Tasche und stand auf. „Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe“, stammelte ich und flüchtete.

 

Was hatte sich Mira nur dabei gedacht? Das fragte ich mich noch immer, als ich wenig später meine Wohnungstür aufschloss. Das alles noch mal durchzukauen machte es doch auch nicht ungeschehen. Und dann ausgerechnet mit einem Mann, der viel eher auf das Titelblatt einer Zeitschrift passte als in ein Therapeuten-Sprechzimmer.

Jedenfalls bereute ich es kein bisschen, das Gespräch mit René Freud abgebrochen zu haben. Im Gegenteil, das war wahrscheinlich sogar die vernünftigste Entscheidung der letzten Wochen gewesen. 

Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen, empfing mich die Leere meiner Single-Wohnung, die gar nicht so sehr davon herrührte, dass ich allein lebte, sondern eher davon, dass ich mich in letzter Zeit viel zu oft hier aufgehalten hatte. 

Nachdem ich meinen Mantel aufgehängt und die Handtasche ordentlich auf dem Beistelltisch an der Wohnungstür platziert hatte, ließ ich mich erschöpft aufs Sofa fallen. Mit den Händen fuhr ich über den beigen Stoff, suchte Halt, den ich nicht fand. Kraftlos ließ ich mich zur Seite fallen, den Kopf auf die Armlehne sinken und schloss die Augen. Wenn ich einfach einschlafen könnte, alles vergessen, einfach bis morgen Mittag durchschlafen, vielleicht sähe die Welt dann schon ganz anders aus. Doch Schlaf war mir in letzter Zeit viel zu selten vergönnt.

Seufzend raffte ich mich vom Sofa auf und ging ins Nebenzimmer, das in dieser Zweizimmerwohnung eigentlich als Schlafzimmer dienen sollte. Doch mein Bett stand mittlerweile im Wohnzimmer. Der Grund – oder vielmehr die dreizehn Gründe – dafür empfingen mich mit aufgeregtem Gequieke, als ich die Tür öffnete. 

Ich bewegte mich routiniert durch das Labyrinth aus selbstgezimmerten Holzställen, kraulte ein Meerschweinchen hier und füllte dort etwas Heu auf. Dann ließ ich mich in der Mitte des Zimmers, von wo aus ich alle Ställe durch ein einfaches Ausstrecken der Hand erreichen konnte, auf den Boden sinken und gab mich ganz der Interaktion mit den Tieren hin. Dreizehn Meerschweinchen in drei Ställen. 

Ich fragte mich, was René Freud wohl dazu sagen würde. Bestimmt, dass ich durch all die Haustiere irgendwas zu kompensieren versuchte. 

Wahrscheinlich das Fehlen eines Partners, der Klassiker. 

Oh, wie gut konnte ich mir diese blauen Augen vorstellen, eine Mischung aus Mitleid und väterlicher Strenge im Blick, während er mir mit seiner ruhigen Stimme erklärte, dass ich versuchte, die durch Einsamkeit verursachte Leere in meinem Inneren durch die Meerschweinchen zu füllen. Dabei war die Erklärung viel naheliegender und enttäuschend banal: Vor zwei Jahren hatte ich drei Meerschweinchen von einer Notfallstation aufgenommen. Damit hätte die Sache auch eigentlich schon erledigt sein sollen. Eine normale Anzahl Haustiere für eine normale, alleinstehende, berufstätige Frau. 

Ein halbes Jahr später fragte die Notfallstation an, ob ich noch drei Meerschweinchen nehmen könnte, nur vorübergehend natürlich, weil sie nicht wussten, wohin mit den Tieren. Wer konnte da schon Nein sagen? Eins von den zwei Weibchen war anscheinend schon vorher schwanger gewesen, das zweite wurde von dem dritten im Bunde, einem Bock, in andere Umstände gebracht, noch bevor mich die Notfallstation ein paar Tage später unter tausend Entschuldigungen anrief, weil sie vergessen hatten, mir zu sagen, dass der Bock nicht kastriert und daher bitte von den Weibchen getrennt zu halten sei. Zwei Monate später waren die sechs erwachsenen Tieren durch die 7 Neugeborenen komplettiert worden. Mittlerweile waren alle Männchen kastriert und ausreichend große Gehege waren gebaut worden, doch eine Vermittlung durch die Notfallstation ließ noch immer auf sich warten. Ich hatte mich damit abgefunden, was blieb mir auch übrig? Und da ohnehin kein Partner in Sicht war …

Die Türklingel schellte und riss mich aus meinen Gedanken. Ich verfrachtete alle Meerschweinchen zurück in ihre Ställe und ging an die Sprechanlage.

„Ich bin’s!“, drang Miras energische Stimme aus dem Hörer und ich drückte auf den Türöffner, ohne etwas zu erwidern. Dann stieß ich einen abgrundtiefen Seufzer aus. Unangemeldete Besuche konnte ich schon aus Prinzip nicht leiden. Wofür gab es schließlich Handys, wenn nicht, um die Welt von der Peinlichkeit dreckigen Geschirrs in der Küche und eines unaufgeräumten Wohnzimmers im Angesicht unerwarteter Gäste zu bewahren? 

Aber ausgerechnet Mira ausgerechnet heute setzte diesem unterirdischen Tag noch die Krone auf. Vielleicht sollte ich ihr einfach ins Gesicht sagen, dass ich wegen ihrer bescheuerten Idee mit René Freud gerade den schlimmsten Tag seit Langem gehabt hatte. 

Gut, ich hätte mich von ihr nicht dazu überreden lassen müssen, sagte die Therapeutin in mir, der es so gar nicht gefiel, wenn jemand die Verantwortung für die eigenen Handlungen so rigoros auf andere abwälzte. Doch selbst dieser Teil von mir musste zugeben, dass gegen Mira kaum bis gar kein Ankommen war.

„Und? Wie war’s?“, trällerte sie, noch bevor sie einen Schritt über die Türschwelle gesetzt hatte.

„Kannst du bitte deine Schuhe ausziehen?“

Mira folgte meiner Aufforderung, ohne ihren durchdringenden Blick auch nur eine Sekunde von mir zu nehmen.

„Möchtest du einen Kaffee? Tee?“

„Pfefferminz, wenn du hast.“

Ich warf ihr einen spöttischen Blick zu, doch die Ungeduld in ihrem Gesicht ließ mich sofort wieder wegschauen. Gleich zwei Pfefferminzteetrinker an einem Tag. Wahrscheinlich hatten Mira und Freud sich so kennengelernt: In der Uni-Cafeteria, beim Pfefferminzteetrinken.

„Wie war’s?“, fragte Mira noch einmal, noch drängender. 

Ich füllte gerade Wasser in den Wasserkocher und hatte dadurch zum Glück allen Grund, ihr den Rücken zuzudrehen.

„Super, wirklich.“ Das hatte eigentlich ironisch klingen sollen, doch nicht einmal dafür hatte ich die Kraft. So konnte meine Antwort durchaus als ernst gemeint durchgehen. Eine Lüge, zwar unbeabsichtigt, aber falls das Mira zufriedenstellte, warum nicht? Ich goss etwas Milch in meinen Kaffee und sog den köstlichen Geruch ein, wohl wissend, dass ich um diese Uhrzeit mit einer weiteren schlaflosen Nacht dafür bezahlen würde.

Ich hielt Mira ihren Tee hin, den sie wortlos entgegennahm. Ihre braunen Augen hatten sich nachdenklich verengt. „Es war ein Reinfall …“, sagte sie schließlich. „Nur verstehe ich nicht, wieso.“

Meine Hand, die die Kaffeetasse hielt, begann zu zittern. Hatte dieser unprofessionelle Mensch, der sich Psychotherapeut schimpfte, Mira tatsächlich alles erzählt! „Frag doch ihn“, presste ich hervor und nahm schnell einen Schluck Kaffee, bevor ich an meiner Wut erstickte.

Mira blinzelte mich überrascht an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. Vor Schreck ließ ich fast meine Tasse fallen.

„Ach, Hanna, du bist mir ja eine! Da steht dir dick und fett auf die Stirn geschrieben, dass das heute komplett nach hinten losgegangen ist, und du denkst, René hätte es mir erzählt? Meinst du, der hat nichts Besseres zu tun, als mich sofort anzurufen und mir brühwarm von seinen Patienten zu berichten?“

„Ich bin keine Patientin“, nuschelte ich.

Mira ignorierte mich. „René nimmt seine berufliche Verantwortung ebenso ernst wie du und ich, Hanna. Klar tauscht man sich hin und wieder über Fälle aus, das kennst du bestimmt aus deiner Zeit in der Gemeinschaftspraxis. Aber er würde mir niemals etwas über eine Person erzählen, die ich kenne!“

Huch, war sie jetzt angefressen? So leidenschaftlich wie sie zur Rettung von Freuds beruflicher Ehre eilte … vielleicht war sie ja doch in ihn verschossen. Ich musterte Mira mit ihren seidig glatten schwarzen Haaren, der makellosen Haut und den großen Augen und stellte sie mir neben René Freud vor. 

Orientalische Schönheit und Männermagazin-Model. 

Aus irgendeinem Grund zog der Gedanke meine Laune noch tiefer in den Keller.

Mira schnalzte mit der Zunge. „So, und jetzt erzähl mir mal, was genau schiefgelaufen ist.“

„Ich bin wirklich müde und wollte eigentlich -“

„Du und ich, wir wissen beide, dass ich nicht gehe, bevor du mir alles erzählt hast“, fiel Mira mir ins Wort. „Es ist ja nur zu deinem Besten.“

Und während ich ihr natürlich doch von meinem Treffen mit Freud erzählte, war ich insgeheim dankbar, nur Miras Freundin und nicht eine ihrer Patientinnen zu sein. 

Nachdem ich geendet hatte, schien Mira sprachlos, ein äußerst seltenes Phänomen bei ihr. Wahrscheinlich angesichts der Unprofessionalität ihres Studienfreundes, begann ich mir gerade einzureden, als Mira langsam den Kopf zu schütteln begann, ganz die enttäuschte Therapeutin, welcher der Sexsüchtige gerade erklärt hatte, dass seine Nacht wieder mal mit einem One-Night-Stand geendet hatte. „Ich muss sagen, ich hätte etwas mehr von dir erwartet.“

„Ich bin nicht deine Patientin, Mira.“

„Aber du führst dich auf, als wärst du’s. Ach was, eigentlich führst du dich noch viel, viel schlimmer auf! Nicht mal eine einzige Stunde, Hanna? Du weißt doch, dass man über Ärzte sagt, sie seien selbst die schlimmsten Patienten. Tja, anscheinend trifft das auch auf Psychotherapeuten zu.“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Ich übertreibe?“

Sie setzte zu einer weiteren Schimpftirade an, doch ich unterbrach sie: „Wieso regst du dich eigentlich so auf?“

Das schien sie einen Moment lang aus dem Konzept zu bringen. „Wieso ich mich so aufrege?“ Sie blinzelte mich verständnislos an. „Weil ich mir Sorgen um dich mache. Ich will dir helfen, verstehst du das denn nicht?“

Ich wollte etwas antworten, doch anscheinend erwartete Mira weder eine Antwort, noch wollte sie eine. „Schon klar, du brauchst meine Hilfe nicht, das wolltest du doch sagen, oder? Und schon gar nicht, wenn diese Hilfe darin besteht, dich dazu zu bringen, mit jemandem über deine Probleme zu sprechen. Aber meinst du nicht, das geht jedem einzelnen Patienten so, der zu uns kommt? Es ist verdammt noch mal nicht leicht, sich einer fremden Person zu öffnen und den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen, das solltest du eigentlich am besten wissen. Und trotzdem geht es den meisten Patienten hinterher besser. Weil sie sich zusammenreißen und Mühe geben, weil sie verstanden haben, dass es von selbst nicht besser wird. Dass sie etwas tun müssen, um sich besser zu fühlen.“

Während Miras Ansprache war ich immer kleiner geworden. 

Ich wollte etwas entgegnen, etwas wie: Mir geht es aber gut, ich brauche wirklich keine Hilfe. 

Aber das würde sie mir nicht glauben. Und das Schlimmste war: Für einen winzigen Moment lang war ich mir nicht sicher, ob ich mir selbst glaubte.

„Schön, dann ruf ihn halt an und mach mir einen neuen Termin, wenn du es für so wichtig hältst.“

Mira lächelte. „Oh nein, meine Liebe. Du weißt doch, was der erste Schritt ist, oder?“

Ich hoffte inständig, dass sie nicht meinte, was ich dachte, was sie meinte.

Doch Mira nickte bestätigend, als sie meine Miene sah. „Zuerst musst du dir selbst eingestehen, dass du Hilfe brauchst. Und dann rufst du René schön selbst an und bittest ihn um einen neuen Termin.“