Leseprobe Verführt von einem Herzensbrecher

Prolog

 

Oxford, England Dezember 1869

Ein praller Vollmond stand über den hohen Universitätsmauern am Himmel und beleuchtete den Weg des jungen Mannes so hell und klar wie eine Gaslaterne.

Nicht, dass es keine Gaslaternen gegeben hätte. Es gab welche. Aber das Strahlen des runden weißen Mondes machte das gelblich flackernde Gaslicht im Grunde überflüssig. Auch wenn alle Lampen in England erloschen wären, hätten sich Leute, die wie er zu dieser Stunde noch unterwegs waren, im Licht dieses bemerkenswerten Mondes relativ leicht zurechtfinden können.

Oder vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er so betrunken war. Ja, es war durchaus möglich, dass sich dieser Mond in keiner Weise von irgendeinem anderen Mond unterschied, und dass er von all dem Whisky, den er während des Spiels getrunken hatte, noch immer völlig berauscht war, und dass der Grund, warum er sich so mühelos in der mitternächtlichen Finsternis bewegen konnte, nichts mit dem Mondschein zu tun hatte, sondern lediglich mit der schlichten Tatsache, dass er diesen Weg schon so oft zuvor gegangen war.

Er musste nicht einmal darauf achten, wohin er ging. Seine Füße trugen ihn in die richtige Richtung. Betrunken oder nicht, er war imstande, beim Gehen an andere Dinge zu denken, genau wie sonst, und was ihn vor allem beschäftigte – abgesehen von der Kälte, die beträchtlich war -, war die Frage, wie zum Teufel er das Geld auftreiben sollte.

Nicht, dass er sich tatsächlich verpflichtet fühlte, es zurückzuzahlen. Die Karten waren gezinkt gewesen, keine Frage. Wie hätte er sonst in so kurzer Zeit so viel verlieren können? Er war ein exzellenter Kartenspieler. Wirklich exzellent. Die Karten waren mit Sicherheit gezinkt gewesen.

Was angesichts Slaters Überzeugung, dass bei dem Spiel alles mit rechten Dingen zugegangen war, recht seltsam erschien. Slater kannte die besten Kartenrunden in der Stadt. Thomas wusste, dass er von Glück reden konnte, zu dieser überhaupt zugelassen worden zu sein, wenn man bedachte, dass er schließlich nur ein Earl war und noch dazu ein brandneuer. Immerhin, dieser Bursche mit dem Schnurrbart war ein Herzog gewesen. Ein Herzog, verdammt!

Allerdings hatte er sich nicht unbedingt wie einer benommen. Schon gar nicht, als Tommy nach einer weiteren verlustreichen Runde behauptet hatte, dass das Spiel getürkt sei. Statt diese Anschuldigung mit einem Lachen abzutun, wie es ein richtiger Herzog vielleicht getan hätte, hatte dieser hier eine Pistole auf ihn gerichtet. Im Ernst, eine Pistole! Tommy hatte von solchen Sachen zwar schon gehört, aber nie damit gerechnet, dass ihm so etwas passieren könnte.

Zum Glück war Slater da gewesen. Er hatte den Burschen beruhigt und ihm versichert, dass Tommy es nicht ernst gemeint hätte – obwohl Tommy es verdammt ernst gemeint hatte. Aber, wie Slater ihm später, als sie allein waren, erklärte, konnte man unmöglich einen Mann des Falschspiels bezichtigen, ohne dafür handfeste Beweise zu haben. Und Tommys einziges Argument – dass das Muster auf den Kartenrücken eigenartig aussehe und er noch nie so viel verloren habe – war nicht besonders stichhaltig.

Vermutlich konnte er sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Dieser Herzog hatte ausgesehen, als wäre es etwas ganz Alltägliches für ihn, einem Mitspieler eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Obwohl eine Kugel im Kopf möglicherweise dem Problem vorzuziehen war, mit dem sich Tommy nun konfrontiert sah: die tausend Pfund aufzutreiben, die er brauchte, um seine Spielschulden zu zahlen.

Seine Bank konnte er selbstredend nicht darum bitten. Das Vermögen, das ihm sein Vater nach seinem Tod vor einem guten Jahr hinterlassen hatte, war bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag, also noch zwei Jahre, in einem Treuhandfond angelegt. Er kam an das Geld nicht heran. Aber er konnte es beleihen, das wusste er.

Das Problem war, wen er fragen sollte. Nicht die Bank. Man würde nur seine Mutter informieren, und sie würde wissen wollen, wofür er das Geld brauchte, und das konnte er ihr unmöglich sagen.

Seine Schwester wäre eine Möglichkeit. Sie war bereits volljährig und in diesem Monat in den Besitz ihres Vermögens gekommen. Auch sie würde wissen wollen, wozu er das Geld benötigte, aber sie war leicht zu beschwindeln. Wesentlich leichter als ihre Mutter.

Und wenn Tommy ihr eine gute Geschichte auftischte – da seine Schwester sehr weichherzig war, am besten eine, in der es zum Beispiel um arme hungernde Kinder ging oder grausam misshandelte Tiere -, könnte er ihr mit Sicherheit vier- bis fünfhundert Pfund abschwatzen.

Das Problem war, er wollte Caroline nicht belügen. Sie ein wenig zu hänseln, war eine Sache, aber schamlos zu lügen? Das war etwas ganz anderes. Es verletzte sein moralisches Feingefühl, seine Schwester so unverschämt zu hintergehen, selbst wenn es, wie in diesem Fall, bedeutete, seine eigene Haut zu retten. Die Tatsache, dass Caroline ganz sicher lieber seine Schulden bezahlen als ihn verlieren würde, beschwichtigte sein Gewissen nicht im Geringsten. Nein, Tommy wusste, dass er jemand anders finden musste, von dem er die tausend Pfund leihen konnte.

Und während er im Geist die Liste seiner Freunde und Bekannten durchging und sich daran zu erinnern versuchte, ob ihm einer von ihnen einen Gefallen schuldete, trugen ihn seine Füße, die unbeirrt weitergegangen waren, vor das Tor seines Wohnheims und blieben dort stehen. Ohne zu überlegen, was er tat, streckte er eine Hand aus. Er war allerdings keineswegs überrascht, das Tor verschlossen zu finden. Das war es natürlich seit neun Uhr abends, und jetzt war es weit nach Mitternacht.

Wieder setzten sich seine Füße wie von selbst in Bewegung, diesmal um ihn am Tor und der hohen Steinmauer vorbeizuführen, hinter denen die Unterkünfte lagen, die er mit ungefähr zweihundert Kommilitonen teilte. Tommy, der immer noch die Liste mit Freunden durchging, dachte nicht einmal darüber nach, was er gerade tat. Denn das war in den letzten Monaten zu einer Art Gewohnheit geworden: Er würde natürlich über die Mauer klettern, und zwar, sobald er den Spalt in der Mauer erreichte, der seinen Füßen genügend Halt bot.

Keiner seiner Mitstudenten hatte Geld, das wusste er. Sie waren alle in der gleichen Lage wie er, sie warteten auf ihren einundzwanzigsten Geburtstag und ihr Erbe. Einige der Studenten, deren Väter noch lebten, bekamen gelegentlich Geld geschenkt, aber keiner von denen, die er gut genug kannte, hatte in letzter Zeit eine so hohe Summe erhalten.

In dem Moment, als er den Efeu, der an der Mauer wuchs, die er erklimmen wollte, niedergeschlagen beiseiteschob und seine Stiefelspitze in den Spalt zwischen den Steinen stellte, hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Mit einem unterdrückten Fluch wandte er den Kopf. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, dass der Proktor entdeckt hatte, dass der Earl von Bartlett wieder einmal über die Mauer stieg!

Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass es keineswegs der Proktor, sondern dieser verflixte Herzog war. Der Bursche musste ihm von der Schänke, in der die Kartenpartie stattgefunden hatte, gefolgt sein. Man sollte meinen, ein Herzog hätte Besseres zu tun, als einem unbemittelten Earl nachzuschleichen, aber offenbar war dem nicht so.

»Hören Sie«, begann Tommy, während er seinen Fuß ließ, wo er war, und einen Ellbogen auf sein Knie stützte, »Sie bekommen Ihr Geld, Euer Gnaden. Sagte ich das nicht bereits? Nicht sofort, versteht sich, aber bald …«

»Es geht nicht um das Geld«, erwiderte der Herzog. Er sah wirklich nicht unbedingt nach einem Herzog aus. Würde ein Herzog seinen Schnurrbart tatsächlich so aufzwirbeln? Und war diese Weste, wenn auch aus Samt, nicht eine Spur … nun ja, zu bunt?

»Es geht darum, wie Sie mich genannt haben«, erklärte der Herzog, und erst jetzt entdeckte Tommy, dass er etwas in der Hand hielt. Im hellen Mondlicht war Tommy außerdem in der Lage, genau zu erkennen, was es war.

»Wie ich Sie genannt habe?« Auf einmal hoffte Tommy, ihr Gespräch würde belauscht werden. Beinahe inbrünstig betete er, dass dieser idiotische Proktor sie hörte und das Tor öffnete, um eine Erklärung zu verlangen. Es war wesentlich besser, von der Universität verwiesen zu werden, weil er das Gelände außerhalb der erlaubten Zeit verlassen hatte, als eine Kugel in den Bauch zu bekommen – auch wenn ihn diese Kugel vermutlich von seinen Schulden befreien würde.

»Richtig.« Der Herzog hielt den Pistolenlauf unverwandt auf Tommys Brust gerichtet. »Einen Betrüger. So haben Sie mich genannt. Aber der Herzog tut nicht betrügen, verstanden?«

Tommy wurden zwei Dinge gleichzeitig bewusst. Erstens, dass es unwahrscheinlich schien, dass ein Herzog – ein echter Herzog – so fehlerhaft mit seiner Muttersprache umgehen würde.

Zweitens, dass er sterben würde.

»Sagen Sie gute Nacht, Mylord«, befahl der Mann, der kein Herzog war, und zog den Abzug der Waffe, die immer noch auf Tommys Brust zielte.

Und dann verschwand ganz plötzlich das helle Mondlicht und mit ihm Tommys drängendste Sorgen.

Kapitel 1

 

London, Mai 1870

Es brannte kein Licht in dem Zimmer, das nur von den Flammen in dem reich verzierten Marmorkamin erhellt wurde. Das Feuer war schwach, reichte aber aus, um die Silhouette des Pärchens auf dem Diwan deutlich nachzuzeichnen. Caroline konnte die Gesichtszüge erkennen. Sie wusste, wer es war. Sie wusste es sogar sehr gut. Schließlich hatte sie das Lachen ihres Verlobten durch die geschlossene Tür erkannt und nur deshalb die Tür überhaupt geöffnet.

Unglücklicherweise sah es so aus, als hätte sie lieber zuerst anklopfen sollen, da sie augenscheinlich einen Moment größter Intimität störte. Und obwohl sie wusste, dass sie gehen oder sich zumindest bemerkbar machen sollte, musste sie feststellen, dass sie sich nicht von der Stelle rühren konnte. Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte gegen ihren Willen auf Lady Jacquelyn Seldons Brüste, die sich aus dem Mieder ihres Abendkleides befreit hatten und jetzt in einem Rhythmus mit den kräftigen Hüftbewegungen des Mannes, der zwischen Lady Jacquelyns Schenkeln lag, auf und ab hüpften.

Caroline, die sich mit einer behandschuhten Hand an den Türgriff und mit der anderen an den Rahmen klammerte, streifte der Gedanke, dass ihre eigenen Brüste noch nie so wild gehüpft waren. Natürlich waren sie auch nicht annähernd so groß wie die von Lady Jacquelyn.

Was eine Erklärung dafür sein mochte, dass es Lady Jacquelyn und nicht Caroline war, die rittlings auf dem Marquis von Winchilsea saß.

Caroline war sich der Vorliebe ihres Verlobten für vollbusige Frauen bisher nicht bewusst gewesen, aber offensichtlich empfand Lord Winchilsea sie in dieser Hinsicht als unzulänglich und hatte sich deshalb eine Dame gesucht, die seinem Geschmack eher entsprach. Was natürlich sein gutes Recht war. Allerdings konnte Caroline nicht umhin, zu denken, dass er den Anstand hätte haben können, es nicht ausgerechnet während einer Dinnerparty in einem von Lady Ashforth’ Salons zu tun.

Ich glaube, ich falle in Ohnmacht, dachte Caroline und verstärkte ihren Griff um die Türklinke, für den Fall, dass plötzlich der Boden unter ihr nachgab, wie es den Heldinnen in den Romanen so oft passierte, die ihre Zofe manchmal herumliegen ließ und in denen Caroline gelegentlich schmökerte.

Natürlich fiel sie nicht in Ohnmacht. Caroline war noch nie in ihrem Leben in Ohnmacht gefallen, nicht einmal, als sie vom Pferd gestürzt war und sich den Arm an zwei Stellen gebrochen hatte. Sie wünschte beinahe, sie wäre ohnmächtig geworden, weil ihr der Anblick, wie Lady Jacquelyn ihren Finger in Hursts Mund schob, dann erspart geblieben wäre.

Also wirklich, wunderte sich Caroline, warum tut sie das? Fanden Männer Gefallen daran, wenn eine Frau ihnen einen Finger in den Mund steckte?

Offensichtlich war es so, da der Marquis sofort anfing, geräuschvoll daran zu saugen.

Warum hatte das ihr gegenüber nie jemand erwähnt? Wenn der Marquis sich gewünscht hätte, dass Caroline ihren Finger in seinen Mund schob, hätte sie es bestimmt getan, wenn es ihn glücklich machte. Wirklich, es war völlig unnötig von ihm, sich wegen einer solchen Bagatelle an Lady Jacquelyn zu wenden, mit der er kaum bekannt war, geschweige denn verlobt.

Unter Lady Jacquelyn stieß der Marquis von Winchilsea ein Stöhnen aus – ziemlich erstickt, weil ihm ihr Finger im Weg war. Caroline sah, wie sich seine Hand von Lady Jacquelyns Hüfte zu einer ihrer üppigen Brüste schob. Wie sie bemerkte, hatte Hurst weder sein Hemd noch seine Jacke ausgezogen. Nun, vermutlich konnte er sich auf diese Art schneller wieder der Dinnerparty anschließen. Aber so nah am Kaminfeuer – ganz zu schweigen von der Hitze, die Lady Jacquelyns Körper ausstrahlen dürfte – musste ihm reichlich warm sein.

Es schien ihm jedoch nichts auszumachen. Die Hand, die sich um Lady Jacquelyns Brust geschlossen hatte, wanderte zu ihrem schlanken Nacken, wo sich feine Strähnen aus dem aufwendigen Lockentuff auf ihrem Kopf gestohlen hatten. Dann zog Hurst ihr Gesicht an seines, bis ihre Lippen aufeinandertrafen. Lady Jacquelyn musste ihren Finger aus seinem Mund nehmen, um ihn durch ihre Zunge zu ersetzen, die sie stattdessen hineinsteckte.

So, dachte Caroline. Das war’s. Die Hochzeit findet eindeutig nicht statt.

Sie überlegte, ob sie ihren Entschluss hier und jetzt verkünden sollte, ob sie tief Luft holen und die Liebenden bei ihrer Umarmung – falls das die korrekte Bezeichnung war – unterbrechen und eine Szene machen sollte.

Aber dann entschied sie, dass sie einfach nicht imstande war zu ertragen, was unweigerlich folgen würde: die Entschuldigungen, die Selbstanklagen, Hursts gestammelte Erklärungen, dass er sie liebe, Lady Jacquelyns Tränen. Falls Lady Jacquelyn überhaupt weinen konnte, was Caroline stark bezweifelte.

Wirklich, was blieb ihr anderes übrig, als sich umzudrehen und den Raum so leise zu verlassen, wie sie ihn betreten hatte? Mit dem stummen Gebet, Hurst und Lady Jacquelyn mögen zu beschäftigt sein, um das leise Klicken der Klinke zu hören, zog sie die Tür hinter sich zu und stieß erst dann den lange angehaltenen Atem aus.

Was sollte sie jetzt tun?

Im Korridor draußen vor der Tür zum Salon war es dunkel. Dunkel und kühl, ganz im Gegensatz zu dem Rest von Lady Ashforth’ Stadthaus, in dem sich nahezu hundert Gäste und beinahe genauso viele Dienstboten drängten. Hierher würde sich wohl niemand verirren, da Champagner, Speisen und Musik im unteren Stockwerk geboten wurden.

Niemand bis auf eine empörend hintergangene Verlobte wie sie selbst.

Ihre Knie fühlten sich plötzlich ein bisschen wackelig an. Caroline sank auf die dritte und vierte Stufe der schmalen Dienstbotentreppe genau gegenüber der Tür, die sie so leise geschlossen hatte. Sie würde nicht in Ohnmacht fallen, das wusste sie, aber ihr war ein wenig schlecht. Sie brauchte etwas Zeit, um sich zu fassen, bevor sie wieder nach unten ging. Einen Ellbogen auf ihr Knie gestützt, legte Caroline ihr Kinn auf die Hand, betrachtete diese Tür durch die schlanken Streben des Geländers und fragte sich, was sie jetzt machen sollte.

Ihr schien, jedes normale Mädchen würde nun in Tränen ausbrechen. Immerhin hatte sie soeben ihren Verlobten in den Armen – nun, um korrekt zu sein, den Beinen – einer anderen ertappt. Sie müsste weinen und verzweifeln, das wusste sie aus den vielen Romanen, die sie gelesen hatte.

Und sie wollte weinen und verzweifeln. Wirklich. Sie versuchte, ein paar Tränen zu produzieren, aber es kamen keine.

Ich nehme an, dachte Caroline bei sich, dass ich nicht weinen kann, weil ich schrecklich wütend bin. Ja, das muss es sein. Ich bin rasend vor Zorn und kann deshalb nicht weinen. Also wirklich, ich sollte eine Pistole suchen, zurückkommen und Lady Jacquelyn ins Herz schießen. Das sollte ich tun.

Aber bei dem Gedanken fühlte sie sich noch wackeliger als zuvor, und sie war froh, dass sie sich hingesetzt hatte. Sie mochte Schusswaffen nicht und konnte sich nicht vorstellen, jemals auf einen Menschen zu schießen, nicht einmal auf Lady Jacquelyn Seldon, die es durchaus verdient hätte.

Außerdem, sagte sie sich, selbst wenn ich sie erschießen könnte – was ich stark bezweifle -, würde ich es nicht tun. Was für einen Sinn hätte das? Man würde mich verhaften. Caroline entdeckte eine lose Paillette an ihrem Rock und zupfte gedankenverloren daran. Und dann käme ich ins Gefängnis. Caroline wusste über Gefängnisse mehr, als sie je zu erfahren gewünscht hatte, weil ihre beste Freundin Emmy Mitglied der Londoner Vereinigung für die Gleichberechtigung der Frau war und mehrmals verhaftet wurde, weil sie sich an die Wagenräder diverser Parlamentsmitglieder gekettet hatte.

Caroline wollte nicht ins Gefängnis, das Emmy ihr bis ins kleinste grausige Detail geschildert hatte, und genauso wenig wollte sie jemanden erschießen.

Angenommen, man befindet mich für schuldig, dachte sie, dann werde ich gehängt. Und wofür? Dafür, Lady Jacquelyn erschossen zu haben? Das war die Sache wohl kaum wert. Caroline hatte im Grunde nichts gegen Lady Jacquelyn. Sie war immer außerordentlich höflich zu Caroline gewesen.

Nein, entschied sie, wenn sie schon jemanden erschießen musste – was sie mit Sicherheit nicht tun würde –, musste es Hurst sein. Also wirklich, erst vor einer knappen Stunde hatte er ihr ins Ohr geraunt, dass er es bis zu ihrer Hochzeitsnacht, die in nur einem Monat stattfinden würde, kaum noch erwarten könnte.

Nun, offenbar war er so ungeduldig gewesen, dass er sich gezwungen gesehen hatte, jemand ganz anderen zu finden, mit dem er für dieses Ereignis üben konnte.

Mieser Bastard! Caroline versuchte, sich an ein anderes der derben Schimpfwörter zu erinnern, die ihr jüngerer Bruder Thomas und seine Freunde einander an den Kopf warfen. Ach ja! Hurenbock!

Es würde dem miesen Hurenbock und Bastard recht geschehen, wenn ich ihn erschieße!

Und dann hatte sie plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil sie an so etwas auch nur dachte. Denn natürlich war ihr zutiefst bewusst, wie viel sie Hurst schuldete. Und zwar nicht nur für das, was er für Tommy getan hatte, sondern weil er unter all den Mädchen in London sie zu seiner Braut auserwählt hatte. Sie wollte er heiraten, sie sollte die Einzige sein, die in den Genuss seiner langsamen verführerischen Küsse kam.

Oder zumindest hatte sie das bis vor Kurzem geglaubt. Jetzt war ihr klar, dass sie nicht nur weit davon entfernt war, die Einzige zu sein, sondern dass sich die Küsse, die sie von ihm bekommen hatte, deutlich von denen unterschieden, an die Lady Jacquelyn offensichtlich gewöhnt war.

Verflixt! Sie stützte ihren anderen Ellbogen auf und legte ihr Kinn in beide Hände. Was sollte sie tun?

Korrekt wäre natürlich, wenn Hurst die Verlobung lösen würde. Der Marquis war unerschütterlich korrekt in allem, was er tat – na ja, von diesem einen Vorfall natürlich abgesehen – und deshalb glaubte Caroline, berechtigten Grund zu der Hoffnung zu haben, dass er derjenige sein würde, der die Verlobung löste und ihr somit die Verlegenheit ersparte, es selbst zu tun. Liebling, konnte sie ihn förmlich sagen hören, tut mir leid, aber wie es nun einmal ist, habe ich ein Mädchen kennengelernt, das ich sehr viel mehr mag als dich …

Aber nein. Der Marquis von Winchilsea war nichts als höflich. Er würde vermutlich etwas in der Art von sich geben wie: Caroline, mein Schatz, bitte mich nicht, es näher zu erklären, aber ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Sache durchzuziehen. Das verstehst du doch, nicht wahr? Du bist so verständnisvoll …

Und Caroline würde versichern, dass sie es verstand. Denn das tat sie wirklich. Lady Jacquelyn Seldon war eine atemberaubend attraktive Frau, die wundervoll singen und Harfe spielen konnte und ebenso talentiert wie schön war. Sie würde jedem Mann eine perfekte Ehefrau sein, auch wenn sie natürlich kein Geld besaß. Das wusste jeder. Die Seldons – Lady Jacquelyns Vater war der vierzehnte Herzog von Childes gewesen – waren eine alte und sehr angesehene Familie, aber sie besaßen keinen Penny, nur einige Landhäuser und Schlösser.

Dass Hurst, dessen Familie ebenso vornehm, leider aber auch ebenso verarmt war, beschlossen hatte, eine Verbindung mit einer Seldon einzugehen, war nicht weiter überraschend, auch wenn Caroline es nicht für sehr klug von ihm hielt. Was glaubte er eigentlich, wovon er und Lady Jacquelyn leben sollten? Bis auf die Möglichkeit, alle ihre prachtvollen Landsitze an reiche Amerikaner zu vermieten, verfügten sie über keine nennenswerte Einkommensquelle.

Aber was bedeutete schon ein Einkommen für zwei Verliebte? Auf jeden Fall ging es Caroline nichts an, wie sich das Pärchen durchschlagen wollte. Ihr Problem war Folgendes:

Wie sollte sie es ihrer Mutter beibringen?

Die Gräfinwitwe Lady Bartlett würde es nicht gut aufnehmen. Nein, ganz gewiss nicht. Im Gegenteil, die Nachricht war eher dazu angetan, einen ihrer berüchtigten hysterischen Anfälle auszulösen. Sie betete Hurst förmlich an. Und warum auch nicht? Schließlich hatte er ihrem einzigen Sohn das Leben gerettet. Carolines Familie schuldete dem Marquis ungeheuer viel. Indem sie einwilligte, ihn zu heiraten, hatte Caroline gehofft, seine Güte ein klein wenig zu vergelten.

Aber jetzt war klar, dass es für den jungen Marquis keine besondere Herausforderung gewesen war, Carolines Hand zu gewinnen. Wie demütigend!

Und die Einladungen waren bereits verschickt worden. Fünfhundert Stück, um genau zu sein. Fünfhundert Leute – die Crème de la Crème der Londoner Gesellschaft. Caroline nahm an, dass sie ihnen allen würde schreiben müssen. Bei dieser Vorstellung war ihr tatsächlich nach Weinen zumute. Fünfhundert Briefe. Das war ein bisschen viel. Normalerweise bekam sie schon nach zwei bis drei Briefen einen Schreibkrampf.

Hurst sollte die Briefe schreiben, dachte sie rachsüchtig. Immerhin war er es gewesen, der gegen die Regeln verstoßen hatte. Aber Hurst, der lieber seinem Vergnügen nachging, als daran interessiert war, seinen Intellekt zu strapazieren, hatte nie etwas Längeres als einen Scheck geschrieben, daher wusste Caroline, dass es ausgesprochen albern war, sich in dieser Beziehung auf seine Hilfe zu verlassen.

Vielleicht könnte sie einfach eine Annonce in der Zeitung aufgeben. Ja, natürlich, das war es! Eine elegant formulierte Erklärung, dass die Hochzeit von Lady Caroline Victoria Linford, einzige Tochter des ersten Earl von Bartlett und einzige Schwester des zweiten Earl, und Hurst Devenmore Slater, zehnter Marquis von Winchilsea, leider abgesagt werden müsse.

Abgesagt? War das der richtige Ausdruck?

Gott, wie peinlich! Fallen gelassen wegen Lady Jacquelyn Seldon! Was würden ihre ehemaligen Mitschülerinnen dazu sagen?

Nun ja, tröstete sich Caroline. Es könnte schlimmer sein. Sie wusste zwar nicht inwiefern, aber sie nahm es einfach an.

Und ganz plötzlich war es das auch.

Jemand kam. Und zwar nicht aus dem Salon, sondern den Flur entlang. Es war jemand, der nach Lady Jacquelyn Ausschau hielt, stellte Caroline fest, sobald das Licht des Kerzenhalters, den er in Händen hielt, seine Gesichtszüge genügend erhellte, dass sie ihn erkennen konnte.

Und als sie ihn erkannte, blieb ihr das Herz stehen. Davon war sie fest überzeugt. Ihr Herzschlag setzte tatsächlich einen Moment lang aus. Das war nicht geschehen, als sie die Salontür geöffnet und ihren Verlobten in inniger Umarmung mit einer anderen Frau entdeckt hatte. Nein, keineswegs.

Aber jetzt passierte es.

Trotz des Kerzenhalters stieß er an das Bein eines kleinen Tisches, auf dem eine Vase mit getrockneten Blumen stand. Als Braden Granvilles Fuß den Tisch traf, schwankte die Vase hin und her, kippte um und ließ eine Anzahl trockener Blütenblätter auf den Läufer rieseln. Er fluchte halblaut und bückte sich, um die Vase wieder hinzustellen. Caroline, die ihn durch die Stangen des Treppengeländers hindurch beobachtete, fand, dass er erzürnter aussah, als wegen ein paar getrockneter Blumen angebracht zu sein schien.

Er weiß es, dachte sie. Lieber Gott, er weiß es!

Ohne zu überlegen, stand sie auf und sagte: »H-hallo.« Ihre Stimme klang ziemlich atemlos.

Braden Granville blickte abrupt auf. »Wer ist da?«, fragte er.

»Ich bin’s nur«, antwortete Caroline. Was war bloß mit ihrer Stimme los? Sie klang lächerlich hoch und dünn. Sie musste versuchen, sie zu senken. »Caroline Linford. Ich habe letzten Monat bei Lady Chittenhouse’ Dinner neben Ihnen gesessen. Sie werden sich wohl nicht erinnern …«

»Oh. Lady Caroline. Natürlich.«

Die Enttäuschung in seiner Stimme war nicht zu überhören. Noch während sie sprach, hatte er den Kerzenhalter gehoben und sie angeschaut. Sie wusste sehr gut, was er vor sich sah: Eine junge Frau von mittlerer Größe und mittlerem Gewicht, deren Haar weder blond noch brünett, sondern eher sandfarben war und deren Augen weder blau noch grün, sondern schlicht und einfach braun waren. Caroline wusste, dass sie nicht an die atemberaubende dunkle Schönheit einer Lady Jacquelyn Seldon herankam, aber sie wusste ebenfalls – und zwar von ihrem Bruder Thomas, der wie alle Brüder von schonungsloser Offenheit war -, dass sie durchaus ein Mädchen war, dem man einen zweiten Blick gönnte.

Allerdings verschwendete Braden Granville keinen zweiten Blick an sie. Als wäre er selbst besonders ansehnlich, dachte Caroline leicht verstimmt. Eingebildeter Kerl. Schließlich war er nicht annähernd so hübsch wie Hurst. Während der Marquis von Winchilsea mit seinem blonden, lockigen Haar, den blauen Augen, dem hellen Teint und der hochgewachsenen, schlanken Gestalt eine Art goldener Adonis war, war Braden Granville dunkel wie die Hölle und so breit in den Schultern, dass er fast schon massig wirkte, und er sah immer so aus, als bräuchte er eine Rasur, auch, davon war Caroline überzeugt, wenn er sich gerade rasiert hatte.

Braden Granville senkte den Kerzenhalter und erkundigte sich: »Ich nehme an, Sie haben nicht zufällig Lady Jacquelyn Seldon hier in der Nähe gesehen?«

Carolines Blick flog zur Salontür. Sie hatte es nicht vorgehabt. Sie hatte nicht vorgehabt, auch nur in die Richtung dieser Tür zu schauen. Aber ihr Blick wurde davon so unwiderstehlich angezogen wie die Gezeiten vom Mond.

»Lady Jacquelyn?«, echote sie, um Zeit zu gewinnen.

Was würde passieren, fragte sie sich, wenn sie ihm sagte, dass sie Lady Jacquelyn tatsächlich gesehen hatte? Dass sie, um genau zu sein, direkt hinter dieser Tür war?

Nun, Braden Granville würde Hurst ganz bestimmt töten. Thomas hatte ihr alles über den Mann erzählt, von dem er voller Bewunderung als »Granville« sprach. Dass Granville, der in Seven Dials, dem ärmsten und schäbigsten Bezirk Londons, zur Welt gekommen war, ein Vermögen mit der Herstellung von Schusswaffen gemacht hatte. Dass Granville in seinem Privatleben ebenso rücksichtslos war wie in geschäftlichen Dingen. Dass Granville dafür bekannt war, eine Kugel als einfachste Lösung zu betrachten, um Probleme in beiden Bereichen zu lösen, ein Umstand, der durch die Tatsache untermauert wurde, dass er allgemein als Meisterschütze galt.

Nun, Hurst würde mit einer Pistole nicht mal Westminster Abbey treffen, nicht einmal dann, wenn er mit dem blöden Ding danach warf.

»Ja«, antwortete Braden Granville und beäugte sie neugierig. »Lady Jacquelyn Seldon. Sie kennen sie doch sicher.«

»Oh«, murmelte Caroline. »Ja, ich kenne sie …«

»Nun«, sagte er. Die Geduld in seiner Stimme wirkte eher gezwungen. »Haben Sie sie hier vorbeikommen sehen? Mit einem … Herrn vielleicht? Ich habe Grund zu der Annahme, dass sie nicht allein war.«

Caroline schluckte.

Wie unangenehm das war! Für ihn vielleicht noch mehr als für sie. Denn natürlich war da außerdem der Umstand, dass Granville angeblich mit mehr Frauen geschlafen hatte als jeder andere Mann in London. Das war keine Mitteilung, die Carolines Bruder am Frühstückstisch gemacht hatte, sondern etwas, das sie aufgeschnappt hatte, als er sich mit seinen Freunden unterhalten hatte. Laut Thomas hatte Granville ebenso viele Geliebte wie der berüchtigte Don Juan. Thomas und seine Freunde nannten ihn tatsächlich – und noch dazu ganz im Ernst – den Lothario von London, was in England dem Titel Don Juan oder Casanova ungefähr gleichkam.

Erst in letzter Zeit war besagter Lothario gesetzter geworden und hatte der schönsten und kultiviertesten Frau von ganz England, Lady Jacquelyn Seldon, einen Heiratsantrag gemacht. Welche in diesem Moment rittlings auf dem Schoß von Carolines Verlobten, dem Marquis von Winchilsea, saß.

Wie mochte einem stolzen Mann wie Braden Granville, der sich aus eigener Kraft emporgearbeitet hatte und noch dazu überall wegen seiner Erfolge als Liebhaber bewundert wurde, zumute sein, wenn er erfuhr, dass seine Verlobte ihn betrogen hatte? Und noch dazu mit dem Marquis von Winchilsea, der keinen Penny besaß und nur sein hübsches Gesicht hatte, um davon zu leben! Nun ja, Caroline brauchte nur ein Wort zu sagen, nur ein einziges Wort, und sie würde sich den Kopf über den Wortlaut der Annonce für die Times nicht mehr zerbrechen müssen: Ihre Heirat mit dem Marquis von Winchilsea würde aufgrund seines vorzeitigen Ablebens nicht stattfinden können.

Sie gab sich einen Ruck. Lieber Gott, was überlegte sie da bloß? Sie durfte nicht zulassen, dass Braden Granville Hurst erschoss. Hurst, der ihrem Bruder Tommy das Leben gerettet hatte!

»Ich habe sie gesehen«, gab Caroline schließlich zu. Sie zeigte auf das andere Ende des Korridors. »Sie ging dort entlang.«

Braden Granvilles Gesicht verhärtete sich. Er hatte schon von Natur aus, im herkömmlichen Sinne des Wortes, kein hübsches Gesicht, und noch dazu war es vom Leben nicht freundlich behandelt worden – über seiner rechten Augenbraue verlief eine tiefe Narbe, die offenbar von einer Schnittwunde stammte.

Aber als sich sein Gesicht vor Entschlossenheit verspannte, wirkte es beinahe Furcht einflößend – als würde man dem Teufel persönlich ins Gesicht sehen. Was, um alles in der Welt, all die Frauen an ihm gefunden hatten, die mit ihm ins Bett gegangen waren, war Caroline ein Rätsel. Sie wandte den Blick ab und beschwor stattdessen im Geist das Gesicht des Marquis von Winchilsea herauf, das in jeder Beziehung so engelhaft war, wie es das Braden Granvilles … nicht war.

»War jemand bei ihr?«

Caroline warf einen vorsichtigen Blick in seine Richtung. »Wie bitte?«

»Ich fragte …«, er holte tief Luft, als müsste er sich beherrschen, nicht die Geduld zu verlieren, »war jemand bei ihr? Ein Mann?«

Caroline erwiderte: »Aber ja, so ist es.« So, sagte sie sich. Damit sollte sie ihn schnell loswerden – und gleichzeitig verhindern, dass er die Wahrheit entdeckte, die sich nur wenige Schritte entfernt hinter jener Tür verbarg.

Bei dem Lächeln, das Braden Granvilles Lippen kräuselte, als er das hörte, lief es Caroline kalt über den Rücken. So erfreut – so diabolisch erfreut – sah er aus, dass Caroline einen Moment lang der Atem stockte. Der Mann war wirklich ein Teufel!

»Danke, Lady Caroline«, meinte Braden Granville, wobei er weit herzlicher klang als zuvor. Dann ging er den Korridor hinunter und Caroline versuchte, wieder zu atmen.

Und stellte fest, dass es ihr nicht möglich war.

Gelinde gesagt war es bestürzend. Aber sie war entschlossen, Braden Granville nicht merken zu lassen, wie unwohl ihr war. Nein, worauf es ankam, war jetzt nicht, dass sie keine Luft mehr bekam, sondern dass er ging, weit, weit weg, damit Hurst eine Gelegenheit zur Flucht bekam …

Nur schienen ihre Bemühungen, ihr Unwohlsein zu verbergen, nicht sehr wirkungsvoll zu sein, denn gerade als er an der Treppe vorbeiging, auf der Caroline nun stand, drehte sich Braden Granville um und sah sie forschend an.

»Ist Ihnen nicht gut, Lady Caroline?«, fragte er.

Er wusste es, obwohl sie nicht verstand, warum. Sie hatte keinen Laut von sich gegeben. Wie auch? Sie konnte nicht einmal atmen.

Sie schüttelte den Kopf. »Doch, doch«, brachte sie gepresst heraus. »Beeilen Sie sich lieber, sonst verpassen Sie sie.«

Aber Braden Granville beeilte sich nicht. Oh, er sah so aus, als wäre ihm nichts lieber gewesen, doch stattdessen blieb er genau dort, wo er war, und sah sie mit einem Ausdruck an, den sie viel- leicht für Besorgnis gehalten hätte, wenn sie nicht einen kurzen Blick auf dieses boshafte Lächeln erhascht hätte.

Aber jemand mit einem so bösartigen Lächeln konnte sich unmöglich um andere sorgen.

»Ich glaube Ihnen nicht«, erklärte Braden Granville, und Caroline hatte das Gefühl, ihr würde gleich das Herz zerspringen.

Er weiß es!, dachte sie voller Panik. Oh Gott, er weiß es! Und jetzt wird er Hurst umbringen, und alles ist meine Schuld!

Aber dann sagte er: »Es geht Ihnen keineswegs gut. Sie sind kreidebleich im Gesicht und es scheint Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten, Luft zu holen.«

»Unsinn«, keuchte Caroline. Obwohl das natürlich eine glatte Lüge war. Sie sog ungeheure Mengen Luft ein, doch nichts davon schien in ihre Lungen zu gelangen.

»Das ist kein Unsinn.« Braden Granville kam zurück. Als er die Treppe erreichte, auf der Caroline stand, beugte er sich vor und legte eine Hand auf ihren Nacken, genau so, wie es vor wenigen Augenblicken der Marquis von Winchilsea bei Lady Jacquelyn getan hatte.

Carolines Herz, das einen Schlag ausgesetzt hatte, als sie Braden Granville hatte kommen sehen, schlug jetzt so schnell, dass sie überzeugt war, es würde bersten. Lieber Himmel, dachte sie entsetzt. Er wird mich küssen. Er wird alles machen, was er mit den vielen Frauen gemacht hat, mit denen er angeblich geschlafen hat. Und ich werde womöglich nicht imstande sein, ihn daran zu hindern, weil er der Lothario von London ist.

Seltsamerweise fand Caroline die Vorstellung, von Braden Granville geküsst zu werden, nicht im Geringsten beunruhigend.

Nur dass der Lothario von London, statt ihren Kopf zu heben, damit er sie küssen konnte, herrisch sagte: »Setzen Sie sich.«

Caroline war so überrascht, dass sie sich widerspruchslos hinsetzte. Sie nahm an, dass es nicht viele Leute gab, die es wagen würden, einen Befehl zu missachten, der von dem großen Granville gegeben wurde – zweifellos der Grund, warum er als Geschäftsmann so erfolgreich war, ganz zu schweigen als Liebhaber.

Dann verstärkte sich der Druck von Braden Granvilles Hand auf ihrem Nacken und er drückte ihren Kopf so weit nach unten, bis er zwischen ihren Knien war.

»So«, meinte er zufrieden. »Bleiben Sie so, dann geht es Ihnen im Handumdrehen besser.«

Caroline, die auf die Perlenstickerei an ihrem weißen Satinrock starrte, erwiderte mit leicht erstickter Stimme: »Mhm. Danke, Mr. Granville.«

Ihre Enttäuschung, dass er nicht versucht hatte, sie zu küssen oder ihr in irgendeiner Weise zu nahezutreten, war – obwohl sie ihn nicht leiden konnte! - ungeheuer groß. Und bestürzend.

»Nicht der Rede wert«, entgegnete Braden Granville.

Hurenbock!, dachte Caroline bei sich, während sie auf ihren Schoß starrte. Ich bin es wohl nicht wert, verführt zu werden. Wer bin ich denn schon? Nur die Tochter des ersten Earl von Bartlett. Ein Nichts. Ein Niemand. Ich bin keine große Schönheit wie Lady Jacquelyn Seldon. Und ich habe auch keinen Landsitz im Lake District.

Aber etwas habe ich sehr wohl, das Lady Jacquelyn nicht hat: Den Anstand, nicht mit dem Verlobten einer anderen Frau zu schlafen.

Oh, fügte sie im Stillen hinzu. Und natürlich auch ein bisschen Geld.

Sie erwartete, dass er jetzt gehen würde, aber er tat es nicht. Seine starke, überraschend warme Hand blieb auf ihrem Rücken.

»Lächerliche Dinger, diese Korsetts«, fuhr Braden Granville im Plauderton fort. »Sollten verboten werden.«

Caroline, die es schon erstaunte, dass ein Mann von Braden Granvilles Bedeutung auf einem Flur stand und ihren Nacken hielt, war noch erstaunter, als er ein so unschickliches Thema wie ihr Korsett zur Sprache brachte. Sie murmelte in ihren Schoß: »Ich nehme an, manche Leute sind dieser Meinung …«

War das, fragte sie sich, ein geschickter Schachzug, um ihr das Korsett abzunehmen und sie dann – lieber Himmel! - zu verführen?

Aber Braden Granville bemerkte nur: »Es überrascht mich, dass Sie überhaupt eines tragen. Sind Sie nicht mit Lady Emily Stanhope befreundet?«

Das war eine so überraschende Frage, dass Caroline sich selbst sagen hörte: »Sie kennen Emmy?«

»Jeder kennt Lady Emily. Sie ist durch ihren Einsatz für die Frauenbewegung stadtbekannt geworden. Ich hätte gedacht, Sie als Ihre Freundin würden genauso denken.«

»Oh«, murmelte Caroline in ihren Rock. »Das tue ich. Das heißt, ich gehe nicht zu den Aufmärschen oder so. Ich mag Aufmärsche nicht besonders. Es ist viel netter, es sich zu Hause mit einem Buch gemütlich zu machen, als herumzulaufen und sich die Kehle heiser zu schreien und sich an Sachen zu ketten.«

»Wie ich sehe, sind Sie im Herzen eine wahre Freiheitskämpferin, Lady Caroline«, bemerkte Braden Granville trocken.

»Oh«, entfuhr es Caroline, als ihr bewusst wurde, wie albern sie sich für ihn angehört haben musste. »Oh, aber ich unterstütze Emmys Sache, wissen Sie? Allein letzten Monat habe ich zweimal ihre Gerichtsstrafen bezahlt, weil ihr Vater es nicht mehr tut. Und ich trage nur deshalb ein Korsett, weil ich … na ja, ich glaube, ich sehe mit einem Korsett besser aus als ohne.«

»Verstehe.« Er klang belustigt. »Ihr Engagement für die Gleichberechtigung hört da auf, wo Ihre Bequemlichkeit und Ihre Eitelkeit anfangen. Zumindest sind Sie ehrlich genug, es zuzugeben.«

Er machte sich über sie lustig. Das war ihr jetzt klar. Er hatte also nicht vor, sie zu verführen. Caroline wusste nicht viel über Männer, aber sie hatte den starken Verdacht, dass sie kein Interesse daran hatten, ein Mädchen zu verführen, über das sie sich lustig machten. Sie war erleichtert – nahm sie an. Aber ein klein wenig beleidigend war es schon, dass er es nicht einmal versucht hatte. Schließlich verführte er anscheinend jedes andere Mädchen in London. Warum nicht sie? Caroline wusste, dass sie keine mondäne Schönheit war, aber immerhin hatte sie etliche Verehrer, einschließlich eines ihr unbekannten jungen Mannes, eines Wildfremden, der ihr heute Morgen, nachdem sie ihm gehörig die Meinung gesagt hatte, weil er sein Pferd grundlos gepeitscht hatte, beinahe einen ganzen Block gefolgt war, nur um an seinen Hut zu tippen und ihr zu versichern, dass ihr Lächeln genauso strahlend und schön sei, wie ein funkelnagelneuer Penny und dass er nie wieder ein Pferd mit der Peitsche schlagen werde.

Aber Braden Granville hatte ihr Lächeln offensichtlich nicht bemerkt.

Und dann fiel ihr ganz plötzlich wieder der Grund ein, warum es ihr den Atem verschlagen hatte. Die ganze Zeit, die sie hier im Korridor über ihr Korsett plauderten, schwebte Hurst in der tödlichen Gefahr, entdeckt zu werden! Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?

»Sollten Sie nicht lieber gehen, Mr. Granville?«, fragte Caroline, wobei sie sich bemühte, das Drängen in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Wenn Sie Lady Jacquelyn noch finden wollen, meine ich.«

»Ja«, stimmte er zu. Jetzt klang seine Stimme ganz und gar nicht mehr freundlich. »Nun, ich bin sicher, es besteht keine Chance mehr.«

Caroline wollte beunruhigt wissen: »Keine Chance wozu? Sie zu finden? Oh, da irren Sie sich aber. Ich bin sicher, sie ist noch in der Nähe.« Als ihr klar wurde, was sie gesagt hatte, zeigte sie hastig mit dem Finger auf das gegenüberliegende Ende des Gangs. »Ich bin sicher, wenn Sie ihr einfach nachgehen …«

»Sinnlos«, brummte Braden Granville. Dann fügte er mehr zu sich selbst hinzu: »Ich habe jede Chance, sie bei ihrem Spielchen zu erwischen, verloren, als ich vor zehn Minuten die falsche Richtung einschlug und in der Küche landete.«

»Spielchen?«, echote Caroline schwach.

Braden Granville schien sich zu erinnern, wo er war. »Vergessen Sie es«, sagte er brüsk. »Geht es Ihnen jetzt besser?«

Caroline atmete ein. Ihre Schläfen verspannten sich vor einem nahenden Kopfschmerz, aber zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie wieder normal durchatmen konnte.

»Viel besser«, antwortete sie. »Danke.« Und dann, weil sie Angst hatte, er könnte mehr Details über die Untreue seiner Verlobten wissen, als er preisgab – zum Beispiel die Identität ihres heimlichen Liebhabers -, fügte sie hinzu: »Ich bin sicher, Sie irren sich, Mr. Granville. Was Ihre zukünftige Braut angeht. Ich bin überzeugt, sie treibt keineswegs ein … Spielchen. Mit niemandem.«

Das Lachen, das Braden Granville ausstieß, war genauso bösartig wie sein Lächeln, als sie ihm erzählt hatte – oh, warum nur? -, dass sie seine Verlobte mit einem anderen Mann gesehen hätte.

»Sie sind sehr gutmütig, Lady Caroline«, erwiderte er, wobei sein Ton verriet, dass es nicht als Kompliment gemeint war. »Aber erlauben Sie mir die Bemerkung, dass Ihr Vertrauen in Lady Jacquelyn gänzlich unangebracht ist. Und wenn ich den Namen des Burschen herausbekomme, werde ich das gern beweisen, notfalls vor Gericht. Das können Sie ihr gegenüber gern erwähnen, wenn Sie sie das nächste Mal sehen.«

Caroline, die über diese unerwartete Bemerkung ziemlich fassungslos war – und die Unterstellung, Jacquelyn Seldon und sie könnten mehr als nur flüchtige Bekannte sein -, rang nach den richtigen Worten, um darauf zu antworten.

Diese Mühe blieb ihr jedoch erspart, als die Tür zu Dame Ashforth’ Privatsalon aufging und der Marquis von Winchilsea auf den Korridor trat.

»Oh«, murmelte Caroline, die ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Du meine Güte.«

Kapitel 2

 

Caroline hätte nicht entscheiden können, wer von beiden Männern überraschter aussah, der Marquis von Winchilsea, den es zu schockieren schien, dass seine Verlobte auf der Treppe saß und das Gesicht in den Schoß gedrückt bekam, noch dazu von einem Mann, mit dem sie nicht verwandt war, oder Braden Granville, der sofort seine Hand von ihrem Nacken nahm und sagte: »Winchilsea«, in einem Ton, der andeutete, dass Hurst nicht zu seinen Lieblingen zählte.

»Granville.« Hursts Stimme verriet deutlich, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Dann fuhr er in einem ganz anderen Tonfall fort: »Caroline, Liebling, warum in aller Welt sitzt du auf der schmutzigen Dienstbotentreppe?«

Caroline fixierte ihn aus schmalen Augen durch das Treppengeländer. Wie konnte er es wagen, sie »Liebling« zu nennen, wenn …?

Sie riss sich zusammen. Das war nicht der richtige Zeitpunkt.

»Ich …«, stammelte sie. »Ich h-habe dich gesucht. Und wie es aussieht, hatte ich einen leichten Schwächeanfall. Mr. Granville war so freundlich, mir zu helfen.«

Sie konnte es sich nicht verkneifen, hinter Hursts Rücken zu spähen, um zu sehen, ob Lady Jacquelyn ihm nach draußen folgen würde. Bitte, betete sie unwillkürlich. Bitte, bitte, bleiben Sie, wo Sie sind, Lady Jacquelyn.

»Und wie kommt es«, erkundigte Hurst sich liebenswürdig, »dass du einem Schwächeanfall erlegen bist, Caroline?« Er streckte eine behandschuhte Hand nach ihr aus. Caroline nahm sie und ließ zu, dass er sie von den Stufen zog. Sie war außerstande, den Blick von seinem Gesicht zu lösen. Meine Güte, vor nicht allzu langer Zeit war noch Lady Jacquelyn Seldons Zunge in diesem Mund, war alles, was sie denken konnte.

»Im Allgemeinen bist du aus härterem Holz geschnitzt«, stellte Hurst fest. »Das bewundere ich am meisten an dir, weißt du, meine Liebe.«

»Mr Granville meinte, es könnte an meinem Korsett liegen«, murmelte Caroline gedankenlos.

»Ach ja, tatsächlich?« Hurst lachte. Obwohl sein Lachen bar jeder Erheiterung war, nahm es seinen nächsten Worten ein wenig von ihrer Schärfe. »Ich wäre Ihnen dankbar, Granville, wenn Sie Ihre Kommentare über die Unterwäsche meiner Verlobten für sich behalten würden. Und Ihre Hände ebenfalls, wenn wir schon einmal dabei sind.«

Braden Granville antwortete nicht sofort. Er musterte den Marquis mit einem sehr eigenartigen Blick, fand Caroline. Fast … fast, als wüsste er es!

Aber das war ausgeschlossen. Er konnte unmöglich etwas wissen. Es war nicht etwa so, dass Hurst vergessen hätte, sein Hemd in die Hose zu stecken oder sein Halstuch zu richten. Er war durchaus präsentabel. Vielleicht war ein wenig mehr Farbe als sonst auf seinen Wangen, aber das war doch sicher kein Hinweis auf …

»Sehr gern«, gab Braden leichthin zurück. »Wenn Sie so nett wären, mir ebenfalls einen Gefallen zu tun.«

Hurst starrte ihn betroffen an. »Wie bitte?«, entgegnete er. »Wovon reden Sie, Granville?«

Braden deutete mit einer Kopfbewegung auf die geschlossene Tür. »Das ist Lady Ashforth’ Privatsalon, nicht wahr?«

»Ja«, gab Hurst mit unverhohlenem Widerstreben zu. »Und?«

Braden legte eine Hand auf den Türgriff. Ganz plötzlich hatte Caroline wieder Mühe zu atmen. »Nichts«, antwortete er. »Ich suche nur jemanden.«

Mit dem letzten Wort stieß Braden Granville die Tür auf, und Carolines Knie gaben prompt unter ihr nach. Sie sank wieder auf die Treppenstufe und vergrub ihr Gesicht in ihrem Schoß. Atmen, einfach atmen, befahl sie sich, während sie sich gleichzeitig fragte, ob dies das letzte Mal war, dass sie ihren Verlobten lebendig sah …

Und ob sein vorzeitiger Tod tatsächlich so furchtbar schlimm wäre.

Aber nein, natürlich wollte sie Hurst nicht tot sehen. Nicht nach allem, was er für Tommy getan hatte. Verwundet vielleicht, aber niemals tot.

Doch offenbar würde Hurst Devenmore Slater, zehnter Marquis von Winchilsea, seinen Hochzeitstag erleben – auch wenn die Identität seiner zukünftigen Braut gewissermaßen noch infrage stand -, da Caroline hörte, wie Braden Granville mit milder Stimme sagte: »Aber wie ich sehe, habe ich mich getäuscht.«

Caroline hob den Kopf. Lady Jacquelyn musste die Stimmen im Korridor gehört und einen anderen Weg aus dem Zimmer gefunden haben. Welch ein Glücksfall für sie alle.

»So ist es«, erklärte Hurst mit einer Stimme, die viel zu selbstgefällig klang. »Sie haben sich schwer getäuscht, Granville. Meine Liebe.« Er half Caroline wieder beim Aufstehen. »Sollen wir nicht lieber nach unten zu deiner Mutter gehen?«

Carolines Mund fühlte sich an, als wäre er voller Sand. Also wirklich, Hurst sprach mit ihr, als wäre nichts, rein gar nichts passiert. Sie hätte gedacht, dass ein Mann, der beabsichtigte, seine Verlobung zu lösen, seine Verlobte nicht »Liebling« oder »meine Liebe« nennen würde. Und schon gar nicht, fand sie, sollte er seine Hand auf ihren verlängerten Rücken legen. Das war ein bisschen dreist für jemanden, der erst vor wenigen Augenblicken …

Sie wollte nicht daran denken.

Dann fiel ihr Blick zufällig auf Braden Granville, der aus dem Salon gekommen war und gerade die Tür hinter sich schloss. Ach ja, natürlich, das war der Grund. Hurst wollte nicht vor jemand anders eine Szene heraufbeschwören. Schon gar nicht, nahm sie an, vor dem Bräutigam seiner Geliebten. Sicher wollte er warten, bis sie allein waren. Dann würde er ihr erklären, warum sie nicht länger die zukünftige Lady Winchilsea war.

»Natürlich«, erwiderte sie. Wieder sah sie zu Braden Granville und spürte, wie sich gänzlich unerwartet ein winziges Aufflackern von Gefühl in ihr regte. Was mochte das sein?, fragte sie sich. Mitleid war es bestimmt nicht – obwohl nicht zu leugnen war, dass Braden Granville, wenn Lady Jacquelyn ihm nur annähernd so viel bedeutete, wie Caroline an Hurst liegen sollte, sicher leiden würde, wenn er die Wahrheit über die verlogene, hinterhältige und schamlose Dirne herausfand, die er sich zur Frau erwählt hatte.

Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihm etwas an Lady Jacquelyn lag. Nicht nach der Art und Weise zu urteilen, wie er über sie und ihr »Spielchen« gesprochen hatte.

Nein, es war nicht Mitleid, was Caroline empfand, als sie Braden Granville ansah. Aber was dann? Caroline hatte ein weiches Herz, zugegeben, doch normalerweise schlug es nicht für skrupellose Geschäftsleute und herzlose Schürzenjäger.

Sie unterdrückte die unerklärliche Regung. »Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Mr. Granville«, sagte sie und streckte die Hand aus. »Und danke für Ihre freundliche Hilfe.«

Braden Granville musterte leicht überrascht ihre behandschuhte Hand. Caroline hatte ihn anscheinend aus seinen Gedanken gerissen, sehr düsteren Gedanken, nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen. Aber er fing sich sofort, ergriff ihre Hand und zog sie eher zerstreut in die allgemeine Gegend seiner Lippen, ohne sie tatsächlich zu berühren.

»Guten Abend«, entgegnete er, ohne einem von ihnen einen Blick zu gönnen. Dann drehte er sich um und ging den Korridor hinunter.

Sobald er außer Hörweite war, schnaubte Hurst verächtlich und schimpfte: »Unverschämter Patron!«

Caroline sah ihren Verlobten an. Das war nicht unbedingt die Art von Verhalten, die sie von einem Mann erwartet hätte, der drauf und dran war, sich aus den Fesseln einer Verlobung zu befreien. »Was hast du gesagt?«, fragte sie, unsicher, ob sie sich nicht verhört hatte.

»Was für eine Unverfrorenheit, einfach dein Korsett zu erwähnen! Nicht etwa, dass ich bessere Manieren von einem Emporkömmling wie ihm erwarte. Es gibt einen Ort für Männer seiner Sorte. Weißt du, wie er heißt? Amerika.«

»Oh«, murmelte Caroline. »Also, wirklich, Hurst …«

»Nein, ganz im Ernst, Carrie. Ich schätze diese neue Mode nicht, jeden Hinz und Kunz in London auf Gesellschaften einzuladen, die früher durchweg exklusiver und privater Natur waren. Ich meine, ich weiß, dass der Kerl abstoßend reich ist, doch das macht ihn nicht weniger gewöhnlich, als er am Tag seiner Geburt war.«

Mag sein, konnte Caroline sich gerade noch verkneifen zu antworten. Aber wenigstens weiß er, wie man Geld verdienen und auch behalten kann. Das ist eine Fähigkeit, die du dir sicher nie angeeignet hast, Hurst.

Natürlich sprach sie es nicht laut aus. Hurst war sehr empfindlich, was die Tatsache anging, dass seiner Familie kein Geld geblieben war. Als er um ihre Hand angehalten hatte, hatte er sich beinahe dafür entschuldigt. »Ich weiß, dass ich nicht viel habe, Carrie«, hatte er gesagt. »Aber alles, was ich besitze, gebe ich dir gern, wenn du mir nur die Ehre erweist, die Meine zu werden.«

Und Caroline, überglücklich über die Aussicht, einen so hübschen, romantischen und tapferen Mann – hatte er nicht ihrem Bruder das Leben gerettet? - zu bekommen, hatte mit einem lauten »Ja« geantwortet.

Ganz schön dumm von ihr.

»Glaub mir, Carrie«, fuhr Hurst fort, als sie im Korridor standen und Bradens verklingenden Schritten lauschten. »Dieses Vermischen der Klassen kann zu nichts Gutem führen. Intrigante alte Schachteln wie Lady Ashforth mögen es amüsant finden, ich aber lehne es strikt ab.«

Damit nahm er Carolines Arm und führte sie auf dem Korridor in die entgegengesetzte Richtung, in die Braden Granville gegangen war.

Beim Gehen beschäftigten seine Worte Caroline unablässig. Carrie. Er hatte sie Carrie genannt, sein ganz spezieller Kosename für sie. Warum sollte er sie so nennen, wenn er vorhatte, ihre Verlobung zu lösen? Also wirklich, er nannte sie Carrie und Liebling, als wäre nichts passiert. Überhaupt nichts. Und wenn sie von der Damengarderobe aus nicht zufällig in die falsche Richtung gegangen wäre, Hursts Lachen gehört und mit eigenen Augen gesehen hätte, was er tatsächlich machte, seit er sie im Ballsaal zurückgelassen hatte – angeblich, um mit den anderen Herren »eine zu rauchen« – wäre sie nicht in hunderttausend Jahren auf den Gedanken gekommen, er könnte bei einer anderen Frau gewesen sein.

Bei einer anderen Frau? Lieber Himmel, er war mit einer anderen Frau intim gewesen. Und doch benahm er sich, als wäre er nur auf einen Sprung in Lady Ashforth’ Billardsalon gewesen, um in Ruhe zu rauchen!

»Ich hoffe«, bemerkte Hurst, als die festlichen Klänge von unten lauter wurden, »dass er dich nicht beleidigt hat, Caroline. Das hat er doch nicht, oder? Granville, meine ich.«

Caroline, die sich wie in Trance bewegte, fast wie die Heldinnen aus den Büchern ihrer Zofe, nachdem sie eine Leiche im Irrgarten entdeckt hatten, murmelte geistesabwesend: »Wie bitte? Beleidigt? Mich?«

»Nun, es würde mich nicht überraschen, wenn es so wäre. Der Mann hat einen ziemlich schlechten Ruf, musst du wissen. Bei Frauen, meine ich. Er hat dich doch nicht angerührt, oder, Carrie? Irgendwo, wo er es nicht sollte?«

Sie waren wieder in das Menschenmeer eingetaucht, das durch Lady Ashforth’ Ballsaal wogte. Caroline konnte ihre Antwort, ein erstauntes »Nein!«, kaum hören.

Es ging in den Klängen des Orchesters unter, das unvermittelt eine bekannte Melodie anstimmte.

»Ach du lieber Gott«, sagte Hurst und nahm ihre Hand. »Der Sir Roger de Coverley! Ich hatte ganz vergessen, dass er für Punkt Mitternacht angesetzt war. Komm, Carrie, nehmen wir unsere Plätze ein. Du weißt ja, wie Lady Ashforth zum Sir Roger steht.«

Das wusste Caroline in der Tat ganz genau. Nichts, keine marodierenden Zulu-Krieger mit geschwenkten Speeren und vergifteten Pfeilen und schon gar nicht ein Verlobter auf Abwegen, würden sie je bewegen können, den Sir Roger zu verschieben. Die Witwe behauptete zwar, zu alt zu sein, um an dem lebhaften Tanz teilzunehmen, hatte aber großen Spaß daran, wenn die jungen Leute, die sie in ihr Haus lud, ihn vorführten.

Caroline, in deren Kopf es immer noch drunter und drüber ging, nahm ihren Platz in der langen Reihe von Paaren ein. Ihr gegenüber stand Hurst in seiner eleganten Abendkleidung von ungetrübter Eleganz. Sein Halstuch war nicht im Geringsten zerknittert, seine Hose wies eine perfekte Bügelfalte auf. Wie war das möglich? Der Mann hatte sich noch vor einer knappen Viertelstunde in leidenschaftlicher Umarmung – Caroline war sich nicht sicher, ob diese Beschreibung korrekt war, aber es war ein-, zweimal in einem Buch erwähnt worden, das sie gelesen hatte, und sie fand, dass es sich ganz gut anhörte – mit einer schönen Frau befunden, und jetzt stand er da und sah aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Es war einfach unglaublich.

Und dann, als wäre der Abend nicht bizarr genug verlaufen, tauchte plötzlich direkt vor Carolines Augen Lady Jacquelyn Seldon auf. Tatsächlich, da war sie, den schönen Kopf in den Nacken geworfen, und schritt mit einem entzückten Lachen durch die Reihe der Tänzer – an ihrer Seite, mit sehr präzisen Schritten für jemanden, der nicht aus gutem Hause kam, Braden Granville.

Caroline starrte ihn an, bis sie das Gefühl hatte, ihr würden die Augen aus dem Kopf fallen. Er hatte seine Lady Jacquelyn also doch noch gefunden. Und ebenso wie Hurst sah die Dame kein bisschen anders aus als beim Dinner vor ihrem heimlichen Tête-à-Tête. Unglaublich. Schlicht und einfach unglaublich. Wie war es möglich, dass zwei Menschen das machen konnten, was … nun ja, was sie eben gemacht hatten, um dann seelenruhig den Sir Roger de Coverley mit jemand anders zu tanzen?

Es war mehr, als ein Mädchen wie Caroline an einem Abend verdauen konnte. Als der Marquis und sie mit der Promenade an der Reihe waren, bewegte sie sich mit der Anmut eines Automaten und war sich kaum bewusst, was ihre Füße unter ihr anstellten. Hurst schien es allerdings nicht aufzufallen. Er war bester Stimmung und schwenkte sie fröhlich herum, wobei er ihr Koseworte ins Ohr raunte, wann immer ihr Kopf nahe genug an seinem war. Er nannte sie ein hübsches kleines Ding und behauptete wieder, dass er es kaum noch bis zu ihrer Hochzeitsnacht erwarten könne. Caroline hörte, was er sagte, gab aber keine Antwort. Was hätte sie schon erwidern sollen?

Denn sie wusste natürlich, dass es keine Hochzeitsnacht geben würde. Nicht für Hurst und sie. Aus irgendeinem Grund – und Caroline hatte den starken Verdacht, dass es sehr viel mit dem Vermögen zu tun hatte, in dessen Besitz sie vor einiger Zeit gekommen war, und damit, dass Hurst über gar kein Einkommen verfügte – hatte Hurst nicht die Absicht, die Verlobung zu lösen.

Was nur eines bedeuten konnte: Caroline musste es tun.

Es würde natürlich nicht einfach sein. Ihre Mutter würde einen Wutanfall bekommen. Immerhin schuldeten sie ihm … nun ja, alles. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre Tommy in jener kalten Dezembernacht gestorben, vor den Mauern der Universität auf der Straße verblutet.

Aber daran ließ sich nun mal nichts ändern, oder? Wie konnte sie einen Mann heiraten, dessen Küsse ihr monatelang das Gefühl gegeben hatten, das glücklichste Mädchen auf Gottes Erdboden zu sein … nur um dann zu entdecken, dass er seine richtigen Küsse für eine andere aufgehoben hatte?

Nur einmal kam Caroline im Verlauf des schwungvollen Ländlers zu sich, und zwar, als sie sich einen Moment lang mit ihrem Bruder Tommy als Partner wiederfand, der die Gelegenheit nutzte, sie in den Arm zu zwicken und zu mahnen: »Kopf hoch, Schwesterchen! Du machst ein Gesicht, als hätte dir gerade jemand erzählt, dass die Bowle vergiftet ist.«

»Tommy!«, rief Caroline, durch seinen Anblick von ihren unerfreulichen Überlegungen abgelenkt. »Was fällt dir ein, bei diesem Tanz mitzumachen? Du weißt doch, was Doktor Pettigrew gesagt hat …«

»Ach, Doktor Pettigrew«, meinte Thomas geringschätzig. »Der kann mich mal gernhaben.«

Bevor sie Gelegenheit hatte, ihren Bruder zu tadeln, wurde sie ausgerechnet von Braden Granville weitergewirbelt, der beinahe genauso düster dreinsah, wie sie selbst. Caroline presste die Lippen zusammen und sprach kein Wort mehr, bis der Tanz zu Ende war.

Aber falls sie gehofft hatte, ohne weitere Konversation mit Braden Granville entkommen zu können, wurde sie bitter enttäuscht. Zunächst trat ihr Bruder zu ihr und nahm ihren Arm.

»Komm, Schwesterherz«, bat Tommy. »Irgendjemand hat beim Dinner eine Krabbe auf Mas Teller geschmuggelt und jetzt hat sie einen Ausschlag bekommen. Sie wartet in der Kutsche auf uns. Oh, hallo, Sir!«

Selbst wenn sie nicht gerade zufällig in seine Richtung geschaut hätte, hätte Caroline an der ehrfürchtigen Art, mit der Tommy das Wort Sir aussprach, erkannt, dass Braden Granville noch in der Nähe war. Die Tatsache, dass er so nahe war – direkt neben ihr, um genau zu sein -, war geradezu erschreckend, da sie angenommen hatte, er würde seiner Wege gehen, sobald der Tanz vorüber war.

»Guten Abend, Lord Bartlett.« Braden Granville nickte dem jungen Mann zu. Zu Caroline gewandt, bemerkte er: »Lady Caroline. Ich hoffe, Sie haben sich inzwischen erholt.«

Caroline, die spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, versicherte hastig: »Oh ja!« Dann schwor sie sich, kein Wort mehr zu sagen, um in seinen Augen nicht noch dümmer dazustehen, als es vermutlich ohnehin der Fall war …

Bis wie von selbst die Worte »Wie ich sehe, haben Sie Lady Jacquelyn gefunden« von ihren Lippen kamen, beinahe noch, bevor sie selbst merkte, was sie von sich gegeben hatte. Du Schaf, schalt sie sich selbst. Woran lag es bloß, dass ihre Zunge manchmal wie gelähmt und dann wiederum nicht zu bremsen war?

»Ja«, erwiderte Braden Granville und folgte Carolines Blick, der auf seiner Verlobten ruhte. Sie plauderte fröhlich mit Lady Ashforth und wirkte makellos schön, ganz und gar nicht wie eine Frau, die vor nicht allzu langer Zeit in den Armen eines Mannes gelegen hatte. »In der Tat. Anscheinend war sie einen Moment im Lady Ashforth’ Garten, um ein wenig frische Luft zu schnappen.« Als er registrierte, dass Hurst zu ihnen geeilt kam, fügte er hinzu: »Wie ich sehe, sucht man Sie. Ich werde Sie nicht länger aufhalten.«

»Ach«, begann Thomas, »es ist doch nur Slater …«

Sein Einwand kam jedoch zu spät, da Braden Granville wieder in der Gästeschar verschwunden war. Hurst, dessen hübsches Gesicht äußerst aufgebracht wirkte, stürzte zu ihnen.

»Carrie!«, rief er. »Was muss ich hören? Du gehst, und das schon so früh? Davon will ich nichts wissen!«

Thomas, der sich ärgerte, weil die Begegnung mit seinem Abgott unterbrochen worden war, verdrehte die Augen. Caroline warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Manchmal war es kaum vorstellbar, dass ihr Bruder noch vor sechs Monaten auf der Schwelle des Todes gestanden hatte.

»Unsere Mutter fühlt sich nicht wohl, Hurst«, erklärte sie. »Wir müssen gehen. Aber du bleibst selbstverständlich noch.«

Hurst stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wenn du darauf bestehst, mein Schatz. Dann also bis morgen.« Er beugte sich vor, als wollte er sie küssen, und Caroline konnte sich gerade noch beherrschen, nicht das Gesicht abzuwenden. Der Gedanke an diese Lippen, die noch vor Kurzem auf Lady Jacquelyns gelegen hatten, erfüllte sie mit Widerwillen – fast genauso sehr, wie früher am Abend die Vorstellung, von Braden Granville geküsst zu werden, eine unerklärliche Erregung in ihr geweckt hatte.

Aber sie hätte sich nicht zu sorgen brauchen. Hurst machte keine Anstalten, seinen Mund in die Nähe ihrer Lippen zu bringen, sondern küsste sie nur leicht auf die Stirn. Carolines Erleichterung war so enorm, dass es ihr erst auffiel, als sie schon auf halbem Weg die Stufen hinunter war, die von Lady Ashforth’ Stadthaus zu der wartenden Kutsche führten.

»Mein Gott!«, hörte sie ihren Bruder rufen, als ihr gerade einer von Lady Ashforth’ Lakaien in den Wagen half.

Caroline, die annahm, ihr Bruder hätte drinnen etwas vergessen, und der davor graute, auch nur noch eine Minute in diesem Haus zu verbringen, das für sie immer mit sehr hässlichen Erinnerungen verbunden sein würde, setzte sich neben ihre Mutter, bevor sie fragte: »Was ist denn, Tommy?«

»Der Phaeton, der gerade hinter unserem Wagen stehen geblieben ist.« Tommy lehnte sich über sie, um besser sehen zu können, und quetschte Caroline und ihre Mutter dabei rücksichtslos an die Wand. »Das ist Braden Granvilles Phaeton. Schau dir nur das Gespann an, das ihn zieht, Caro. Perfekt aufeinander abgestimmte Kastanienbraune. Pa hätten wir von den beiden nie wegbekommen.«

Trotz ihrer Ungeduld, endlich loszufahren, drehte sich Caroline auf dem Sitz um und schaute hinaus. Ihr Vater war ein großer Pferdefreund gewesen und hatte seine Leidenschaft an Caroline weitergegeben – zum Verdruss ihrer Mutter, da Caroline ebenso wie ihr Vater nicht imstande war, ruhig zu bleiben, wenn ein Pferd von seinem Besitzer schlecht behandelt wurde. Diese Eigenschaft führte zu häufigen und manchmal recht lautstarken Auseinandersetzungen mit den Kutschern von Mietdroschken und Kohlenwagen, und Lady Bartlett verhüllte oft schamhaft ihr Antlitz vor Carolines undamenhaftem Benehmen, wenn ihr ein Gespann mit Hilfszügeln auffiel, eine beliebte Angewohnheit bei den modebewussteren Mitgliedern ihrer Klasse, die Caroline strikt ablehnte.

Braden Granville jedoch hatte sich dieses Vergehens nicht schuldig gemacht, was Caroline bewog, anerkennend zu bemerken: »Sehr schön.« Doch dann fiel ihr ein, dass sie nicht mehr an Braden Granville denken wollte. Sie hätte es beinahe laut ausgesprochen, aber ihre Mutter kam ihr zuvor.

»Braden Granville, Braden Granville, Braden Granville!« Lady Bartlett zupfte gereizt an ihrer Krinoline, die ihr Sohn durch sein Gezappel verschoben hatte, und seufzte unwillig. »Kannst du nicht einmal zur Abwechslung von etwas anderem reden, Thomas? Ich bin es leid, ständig von Braden Granville zu hören.«

»Wie wahr«, murmelte Caroline. Und in diesem Moment meinte sie es auch so.