Leseprobe Um die Liebe zu ändern

Prolog

„Ich werde nicht ruhen, bis du mein bist. Ich werde einen Weg finden, dich zu ändern. Ich. Werde. Einen. Weg. Finden. Um. Deine. Liebe. Zu. Ändern.“

Fürst Rades von Manka, im Verlies von Salamanka

1

Im Verlies

Jaislyn

Unsere Hochzeit liegt nun schon einige Wochen zurück. Lorana hat sich völlig in ihr Privatleben zurückgezogen, mit Nasto an ihrer Seite, was für Lorius nicht überraschend kam. Der arme Lydo hat täglich Mühe, mit Mayleens Temperament mitzuhalten. Reesa ist eben Reesa. Eine Soldatin und Seherin bis aufs Blut. Etwas anderes kommt für sie nicht infrage.

Zu schade. Ich hätte gerne einmal eine verliebte Reesa zu Gesicht bekommen.

Und Lorius? Er unterstützt mich hervorragend in meiner Mammutaufgabe, ein Land zu regieren, Lorana natürlich auch. Schließlich fehlt mir unglaublich viel an Wissen, um ein ganzes Volk und deren Reich zu leiten. Es kommt öfter vor, dass ich mich verloren fühle und mich frage, wie ich das alles schaffen soll. Aber wenn ich inkognito und allein durch die romantische Altstadt gehe und ein aufmunterndes Schulterklopfen von einer alten Dame oder einem alten Herrn bekomme, die mich doch erkannt haben, gibt mir das wieder neue Kraft und Zuversicht. Jedoch taucht in mir jedes Mal bei solch geheimen Spaziergängen eine bedeutende Frage auf: Was wird aus meiner Prominenz im Verlies?

Redawinn. Rades. Dieser Mann geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Kann er uns noch gefährlich werden, obwohl er im Kerker schmachtet? Seit den Vorfällen in Ägypten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er müsste mit unbändig schlechter Laune und einem gewaltig langen Bart in seiner Zelle schmoren. Meine Hand wandert zu der Narbe in Form eines Wasserzeichens auf meinem Brustansatz, die mich an den Kampf am Hatschepsut-Tempel erinnert. Beinahe wäre es Rades gelungen zu siegen. Was geht nun in ihm vor?

Ob ich ihm einen Besuch abstatten sollte?

„Das solltest du besser nicht tun.“ Lorius taucht neben mir auf. Er sitzt auf einem dunkelbraunen Hengst.

Hm, ein Pferd steht ihm gar nicht schlecht.

„Hast du mich gesucht oder vermisst?“, frage ich und grinse schelmisch.

Lorius beugt sich hinab, legt seinen Arm um meine Taille und zieht mich zu sich auf den Sattel. „Beides, mein Schatz.“

Verliebt wende ich ihm mein Gesicht zu.

Verliert seine Stimme eigentlich nie diese Prise Witz, ummantelt von einem koketten Lächeln?

Zur Beantwortung meiner geheimsten Gedankenfragen erhellt ein typisches Lorius-Lächeln seine Augen. „Ich wollte dich zu einem romantischen Abendessen einladen.“

Amüsiert sitze ich vor ihm und liebkose mit den Fingerspitzen seinen Arm. „Haben wir das nicht jeden Abend?“

Lorius’ Lippen wandern sachte an mein Ohr, und er flüstert: „Davon kann man nie genug bekommen.“

Da ist es wieder! Dieses süße Grinsen, das in seiner Stimme mitschwingt.

Wir reiten langsam über die Pflastersteine, und ich bewundere diese kleinen, gepflegten Stadtvillen mit ihren verspielten Brunnen, offenen Fenstern, Rundbögen und Säulen. Die Balkone sind mit den farbenprächtigsten Callablumen und Chrysanthemen geschmückt. Viel lieber würde ich in solch einem Haus wohnen als in unserem überdimensionalen Palast, wo man sich eine Woche lang verlaufen könnte. So bald wie möglich werde ich den ganzen Protz und Glanz minimieren und lieber durch Blumen ersetzen. Ich brauche keine Goldstatuen, goldgerahmte Bilder, goldenes Geschirr und dergleichen. Vielleicht kann ich Lorius überreden, in ein einfaches Haus umzuziehen, und den Palast zum Arbeitsplatz umfunktionieren. In unnötig leer stehenden Räumen könnte man vielleicht Schul- und Studierzimmer errichten. Ich fühle mich im Palast teilweise wie in einem Museum, nicht wie in einem gemütlichen Zuhause.

„In deinem hübschen Köpfchen rattert es wieder mal ordentlich. Komm doch heute zur Ruh und genieß den Abend.“

„Eigentlich müssen meine Gedanken ein regelrechter Schock für dich sein. Alles, was für dich seit über dreihundert Jahren völlig normal und selbstverständlich war, will ich komplett umkrempeln.“

Lorius antwortet nicht, sondern küsst mir verständnisvoll das Haar. Mein unkomplizierter Mann.

Es ist spät, und mein heißer Typ ist schon auf der Chaiselongue eingeschlummert. Ich stehe neben ihm auf unserem Balkon und bekomme meine Gedanken nicht ruhig. Rastlos düsen sie durch meinen Kopf. Der Anblick des Himmels mit seinem funkelnden Sternenstaub und den anderen Planeten, die schemenhaft zu erahnen sind, kann mich dieses Mal nicht ablenken. Meine rechte Hand zerdrückt förmlich ein wichtiges Schriftstück, das mir Nasto mit allergrößter Dringlichkeit vom Gericht mitgebracht hat.

Ein Todesurteil.

Das Einzige, was noch fehlt, ist meine Unterschrift. Aber kann ich das? Kann ich so etwas tun? Mit einer Unterschrift würde ich das Ende eines Menschen besiegeln, der Böses vollbrachte. Soll ich Gleiches mit Gleichem vergelten? Wer gibt mir das Recht, so etwas zu entscheiden? Nur weil ich den Status und den Titel einer Königin trage, finde ich nicht, dass mir das zusteht.

Wahrscheinlich mache ich jetzt einen gewaltigen Fehler, aber mein Entschluss steht fest: Ich werde ins Verlies gehen. Ich will dem Mann Auge in Auge gegenübertreten, der so viel Leid und Probleme verursacht hat.

Der Weg ins Gefängnis fällt mir erstaunlich leicht. Warum zögere ich nicht? Wo ist die Furcht geblieben? Kann es sein, dass mich die Neugierde vorantreibt? Das Verlangen nach Antworten?

Und siehe da, man gewährt mir ohne Wenn und Aber Zutritt. Ich hätte erwartet, dass die Wachen ihre Bedenken äußern, sie lassen mich jedoch ohne Worte eintreten und neigen respektvoll den Kopf. Mein Herz klopft gewaltig, und der Schweiß läuft mir über den Rücken. Die Hände sind zu schmerzhaften Fäusten geballt, und ich befürchte, dass man das Schriftstück kaum noch lesen kann. Die kleine Schleppe meines Kleides zieht höchstwahrscheinlich eine nette Ansammlung von Unrat hinter mir her. Ich schiebe mir mit dem Handrücken die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht und nehme all meinen Mut zusammen.

„Wie nett, dass du mich besuchst.“ Rades’ Stimme lässt mich zusammenzucken. Wie konnte er wissen, dass ich es bin? Ich bin für ihn noch gar nicht zu sehen. Langsam gehe ich durch den trostlosen, nur spärlich erhellten Flur auf seine mittelalterliche Zelle zu.

Der Anblick, der sich mir bietet, überrascht mich. Die Zelle ist sauber und ordentlich. Es befinden sich Regale mit Büchern an den Steinwänden, es gibt einen kleinen abgetrennten Bereich für die Privatsphäre, und auf dem Stahlbett sitzt Rades mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und schaut mich aus seinen dunklen Augen an. Zu meiner Verblüffung ist er sehr gepflegt und sieht gut aus mit seinem sauber zurechtgestutzten Jack-Sparrow-Bart – ohne die Ziegenbartzöpfchen wohlgemerkt. In voller Bekleidung eines Adeligen und mit schwarzen Stulpenstiefeln steht Rades auf und nähert sich beinahe anmutig dem Gitter. Seine schlanke und stattliche Gestalt hat sich trotz mangelndem Freiraum jedoch kaum verändert. Das lange, dunkle Haar fällt ihm über die Schultern, und sein Gesicht ziert ein amüsiertes Lächeln. Kurz schließt er die Augen und saugt hörbar die muffige Luft ein.

„Dein Geruch ist göttlich, und hübsch siehst du aus mit der kleinen Tiara im Haar. Du bist das Beste, was ich seit Langem zu Gesicht bekomme.“

Schleimer.

Mein Blick verfinstert sich, offenbar hat er noch immer nichts von seiner Arroganz, Selbstgefälligkeit und seinem Hang, eine grandiose Rolle zu spielen, verloren. Doch bevor ich etwas sagen kann, schrillt mir ein Schwall voller Schimpftiraden aus der Nebenzelle entgegen. Redawinn springt mit zerzausten Haaren an ihr Gitter und sieht aus wie eine wilde Irre. Richtig verstehen, was sie da von sich gibt, kann ich nicht. Ist wohl eine Mischung aus „elende Hure“ und „verrecke“ sowie „Throndiebin!“.

Ja, ich glaube, so in etwa.

Ich fackel nicht lange, sondern betätige einen auffällig schimmernden Stein, der sich im Gemäuer neben ihrem Gitter befindet. Sogleich schiebt sich eine versteckte Wand aus dicken Glasscheiben vor ihre Gitterstäbe. Schnell sage ich zu Redawinn, bevor sie mich aufgrund der schalldichten Glaswand nicht mehr hören kann: „Benimm dich. Sonst lasse ich die lieben Tierchen frei.“

Redawinn springt vor Schrecken und Graus zurück. Die lieben Tierchen, die ich meine, sitzen nämlich in dieser Glaswand und kriechen und krabbeln eifrig auf und ab. Nette Geschöpfe, die den widerlichsten Spinnen und anderem Krabbelgetier ähneln. Redawinn schreit und brüllt und flüchtet sich in ihr Bett. Die Glaswand rastet vor den Gitterstäben ein und erstickt jegliche Geräusche aus ihrer Zelle. Nun kann ich erneut meine volle Aufmerksamkeit Rades widmen, der an seinem Gitter lehnt und so beiläufig wie möglich sagt: „Hättet ihr mir diese Ruhe nicht schon eher bescheren können?“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und ziehe eine Augenbraue hoch. „Du musstest ja mit ihr gemeinsame Sache machen, also büße auch dafür.“

Seufzend fährt sich Rades mit der Hand durch das Haar und tritt ein Stück beiseite. Mein Blick fällt auf interessante Zeichnungen, die an den freien Flächen der Zellwände hängen. Fassungslos und fasziniert erkenne ich, dass Rades mich por¬t-rä¬tie¬rt hat. Was aber völlig kurios ist: Mein langes Haar scheint sich auf der Zeichnung zu bewegen. Als würde es von einer Brise verweht.

Wie zum Teufel hat er das gemacht?

Rades erkennt den Grund meiner plötzlichen Unaufmerksamkeit und tritt wieder vor das Gitter. Sein überheblicher Blick bringt mich innerlich zur Weißglut. Süffisant lächelt er mich an, lehnt den Ellenbogen ans Gitter und bettet seinen Kopf etwas schräg angewinkelt in seine Hand. „Nicht zu fassen. Meine Königin steht vor mir und ist hingerissen von meinem Zeitvertreib.“

Wie oft noch mal habe ich mir gewünscht, ihm eine reinzuhauen?

Doch abrupt kühlt die Stimmung ab. Er deutet auf das zerknüllte Stück Pergamentpapier und sagt ironisch: „Hast du mir ebenfalls eine Zeichnung mitgebracht?“

Ich sehe auf meine Hand, hebe sie an und öffne sie ein wenig. Verbittert richte ich erneut meine Augen Richtung Zelle und presse die Lippen aufeinander, bis ich sagen kann: „Du weißt, was das ist.“

Rades gleitet mit den Fingerspitzen über die Gitterstäbe, als wollte er Harfe spielen. „Und bist du nur gekommen, um damit vor meinen Augen herumzuwedeln und anzugeben?“

Langsam macht mich der Kerl echt sauer.

Ich beschließe, ihm fest und selbstsicher in die Augen zu schauen. „Bist du der Meinung, ich sollte den Cousin meines Mannes hinrichten lassen?“

Rades wirft mir ein schlaues Lächeln zu. „Ich bin nicht einmal Lorius’ Cousin dritten Grades. Ich bin eher deiner. Zwar nicht blutsverwandt, aber trotzdem gehöre ich zu deiner Familie.“

Ich gehe auf sein Rumgeplänkel nicht ein, sondern trete ein Stück näher und formuliere meine Frage anders: „Meinst du, ich sollte Gleiches mit Gleichem vergelten? Schließlich hast du mein früheres Ich sterben lassen.“

Rades umfasst nun mit beiden Händen die Gitterstäbe und schaut mich intensiv an. „Schon verrückt, das Ganze mit der Wiedergeburt, nicht wahr? Ich wusste schon von dir und deiner Rückkehr, da warst du noch nicht einmal geboren. Meine Mutter hatte es in ihrer Zauberkugel gesehen, weißt du? Zu dumm nur, dass Marisa die Zwillingskugel besaß und es ebenfalls erfuhr. In Reesas Händen scheint die Kugel jedoch nicht zu funktionieren, daher verstaubt sie womöglich schon seit Jahrzehnten in Antarias Palast oder in Reesas Kemenate. Aber unsere Bekanntschaft auf der Erde habe ich völlig vermasselt, obwohl ich sehr lange darauf gewartet hatte. Den Fehler mache ich gewiss nicht noch einmal.“

„Es wird wohl kaum noch mal eine Gelegenheit dafür geben.“

Rades schürzt seltsam ruhig die Lippen. „Sag niemals nie, meine Liebe.“

Böse funkele ich ihn an und zische ihm zu: „Ich bin nicht deine Liebe!“

Er übergeht meinen Einwand einfach. „Es gibt immer Mittel und Wege, und ich bin ein sehr geduldiger Mann.“

Dem weiß ich nichts entgegenzusetzen.

Führt er etwas im Schilde?

Unverhofft verfinstert sich sein Gesicht, und seine sexy dunklen Augen brennen sich in mein Innerstes. „Ich rate dir: Unterschreib es.“

Erschrocken trete ich ein paar Schritte zurück. Es ist, als hätten mich seine Worte kühl gestreift.

„Ich werde nicht ruhen, bis du mein bist. Ich werde einen Weg finden, dich zu ändern. Ich. Werde. Einen. Weg. Finden. Um. Deine. Liebe. Zu. Ändern.“ Durch seine Magie schleichen seine Sätze förmlich über meine Haut, was mich frösteln lässt, zugleich aber elektrisiert. Adrenalin jagt durch mein Herz. Seine Drohung hat ganze Arbeit geleistet. Ein Teil von mir möchte ihn mögen, weil er mich auf eine gewisse Art und Weise anzieht und fasziniert. Aber ein stärkerer Teil lässt alle Alarmglocken schrillen und verabscheut ihn nur noch mehr.

Wie sind solch widersprüchliche Gefühle nur möglich?

2

Eine Überraschung

Jaislyn

Am darauffolgenden Tag verbarrikadiere ich mich in meiner gewollten Einsamkeit. Rades’ Worte haben sich in mein Hirn gebrannt.

Bestimmt will er mir Angst einjagen und wartet nur darauf, dass ich einen Fehler mache.

Ich sitze in Loranas altem Arbeitszimmer, das sie dankend an uns abgetreten hat. Den prunkvollen Schreibtisch aus Gold rauszuschmeißen, war meine erste Entscheidung, die ich traf, als ich diesen Raum betrat. So viel Reichtum und Protz wird nie mein Ding sein. Und das ärmere Volk kann es dringender gebrauchen als ich, daher habe ich den Tisch gespendet, um viele hungernde Menschen satt zu bekommen. Auf meinem neuen Arbeitstisch, der aus Holz gefertigt ist mit eingeschnitzten Wellenmustern, da Wasser hier hoch geschätzt wird, liegt ein altes Buch.

Ich sehe davon auf und reibe mir die müden Augen. Mein Blick fällt auf die vielen Holzregale, die um mich herum stehen und sich schon von ihrer Bücherlast biegen. Mein Wissensdurst könnte nicht größer sein, und somit ackere ich mich in jeder freien Minute durch all diese Wälzer. Mein ellenlanges schwarzes Haar ruht zu einem Zopf geflochten auf meinem Rücken. Ein königliches Gewand aus smaragdgrünem Samt schmiegt sich an meine Haut, und die langen Trompetenärmel gleiten über die Literaturseiten dahin, sobald ich umblättere. Diese Seiten sind aber arg schwer, da der Schmöker aus Kupfer angefertigt wurde. Wunderschöne Schriften, Runen und Symbole wurden auf diese Seiten geschliffen.

Sämtliche Bücher sind wahre Schätze und aus kostbaren Metallen hergestellt. Ich habe Nachschlagewerke entdeckt, die aus Gold, Silber, Obsidian oder Opal gefertigt wurden. Mit Sicherheit sind noch mehr beeindruckende Bücher dabei, deren Material ich nicht einmal kenne. Ich greife nach meinem Glas Met, gehe an das Regal zu meiner Linken und fahre bewundernd, beinahe ehrfürchtig mit den Fingerspitzen über die Buchrücken.

Mein Kopf brummt von den vielen Informationen über die Generationen von Menschen, die in diesem Reich bedeutend waren. Ab und an klirrt mein silberfarbener Kordelgürtel an mein Glas, ansonsten herrscht absolut herrliche Stille. Ein wenig von der Wärme geplagt, gehe ich zum Fenster und öffne es. Meine Lippen verziehen sich zu einem Schmunzeln, da mein Blick auf meine besten Freundinnen Mayleen und Reesa fällt, die im Hof einige Kampftechniken üben, wobei meine süße Mayli immer wieder auf ihrem Hosenboden landet. Im Gegensatz zu mir hat Mayli die Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel erfolgreich abgeschlossen. Danach hat sie ihrer Familie vorgeflunkert, sie sei auf Rucksacktour durch Skandinavien, und weilt nun überglücklich und bis über beide Ohren verliebt bei uns.

„Wo finde ich dich? Wie immer auf der Jagd nach Antworten.“ Ein liebevolles Lächeln schwingt in Lorius’ Stimme mit, und ich drehe mich zur Tür um. Ich will gerade etwas sagen, da klappt meine Kinnlade eine Etage tiefer. Lorius steht in einem champagnerfarbenen Anzug mitsamt Krawatte vor mir. Dazu bändigt ein Haarband sein langes dunkelblondes Haar, und sein sexy Dreitagebart wurde stylish gestutzt. Sein von der Sonne gebräuntes Gesicht strahlt mich an. So erdtauglich habe ich ihn noch nie gesehen. Ich kenne ihn nur in seinem Kampfanzug oder königlichen Gewändern.

Ich reiche Lorius meine Hände, und er zieht mich zum Kuss an seine harte Brust. Nachdem ich meine Stimme wiedergefunden habe und innerlich endlich aufhöre zu sabbern, lächele ich meinen Traummann bewundernd an. „Du siehst fantastisch aus. Wo solls denn hingehen?“

Lorius umfasst meine Taille und schürzt die Lippen. „Eine Überraschung, da ich glaube, ein bisschen Freigang täte dir gut.“

„Freigang? Wovon denn?“

Gut gelaunt dreht Lorius mich in einem verspielten Tanz über den Steinfußboden, der voller eingemeißelter Szenen aus dem Alltag am Hofe ist. „Du wirkst überarbeitet und müde, und ich befürchte, dir fehlt ein wenig deine Heimat. Also machen wir einen Ausflug in eine Großstadt, wo dich niemand erkennt, da du auf der Erde noch immer als vermisst giltst. Vielleicht besuchen wir deine Mutter noch unbemerkt auf dem Rückweg.“

Ich streiche mir den Schweiß von der Stirn und freue mich über seine Überraschung. „Das klingt toll. Und Mama freut sich sicher, uns zu sehen, obwohl sie alle Hände voll zu tun hat mit der Räumung des Hauses.“

„Ach, hat sie schon einen Käufer gefunden?“

„Ja. Zumindest sagte sie es mir heute früh, als sie mir im Waschwasser erschien. Mama findet die Essenz irrsinnig toll, die du ihr gegeben hast, aber ich bin langsam genervt, dass sie beinahe in jedem Springbrunnen, Teich, Bach oder Sonstigem erscheint, den ich passiere.“

Lorius unterdrückt ein Lachen, was in einem Schmunzeln endet.

„Na ja. Jedenfalls … Hoffentlich springt der Käufer vom Vertrag nicht wieder ab. Ich finde es klasse, dass sie hierherzieht. So kann sie Papa immer ganz nah sein.“ Bei diesem Gedanken legt sich jedes Mal ein Schatten über meine Seele, weil ich mich insgeheim immer noch verantwortlich für seinen Tod fühle, auch wenn mir jeder versichert, dass ich keine Schuld trage.

Aber diese traurige Geschichte steht auf einem anderen Blatt, und ich möchte Lorius seine Überraschung nicht trüben, denn den Fehler habe ich schon einmal gemacht, als er mich in den faszinierenden Wasserpalast einlud und ich die Stimmung kaputtmachte mit meiner Furcht, schwanger zu sein. Lorius hilft mir, den schweren Wälzer zurück in das Regal zu stellen, und hält danach kurz inne. Interessiert beobachte ich, wie er suchend über die Buchrücken schaut. Letztendlich zieht er das Silberne heraus, legt es behutsam auf den Tisch und beugt sich darüber. „Hast du in dieses schon hineingeschaut?“

Ich schüttele nur den Kopf, lehne mich an ihn und blicke über seine Schulter.

Lorius presst die linke Hand auf den Tisch und öffnet mit seiner rechten den schweren Buchdeckel. Ich falle aus allen Wolken. Es ist, als würde mich ein kleines bewegliches Weltall anfunkeln. Lorius freut sich immer wieder aufs Neue, wenn er mir etwas Fantastisches aus seiner Welt offenbaren kann. Langsam blättert er die harte Seite um und zeigt mir eine beeindruckende Karte von Salamanka mit den Provinzen. Der Ort Neseiya, wo mein früheres Ich, Nailah, aufwuchs, trägt ein Sonnensymbol, das uns hell anleuchtet. Rades’ Heimat, die Provinz Manka, hat einen schwarzen Geier als Symbol, der im Buch seine Schwingen bewegt.

Warum wundert mich das nicht? Wahrscheinlich alles Aasgeier dort.

„Gibt es von Manka eigene Literatur?“

Lorius dreht sich schweigend zum Regal um und holt den Wälzer aus Obsidian hervor.

War ja klar. Ein dunkles Buch. Überrascht mich auch nicht. Geierkrallen halten das Buch geschlossen, und Lorius hat ein wenig Mühe, es zu öffnen, da die metallischen Vogelkrallen immer wieder zuschnappen, als wollten sie ihn daran hindern, es zu lesen. Schlussendlich findet Lorius einen kleinen versteckten Schlüssel eingelassen zwischen den Krallen und kann es aufschließen. Die Geierkrallen springen zurück, und der Buchdeckel klappt abrupt und scheppernd auf. Erschrocken zucke ich zusammen, da mir ein widerliches Geierkreischen entgegentönt. Lorius schlägt es lachend wieder zu und nimmt mich bei der Hand. „Na komm. Meine Überraschung wartet.“

In einem eleganten rosafarbenen Neckholder-Cocktailkleid mit Diamantenbesatz und in schlichten rosa Pumps hake ich mich an Lorius’ dargebotenem Arm ein. Aus unseren Räumlichkeiten gehen wir durch den von Säulen verzierten Flur zu unserem privaten Raum der Reise.

Zusammen steigen wir die Stufen in dieses altrömische Bassin hinab, das ebenfalls von Säulen umringt wird. Einige Seerosen schwimmen auf der Oberfläche und laden zu einem romantischen Bad zu zweit ein, was wir allerdings nicht vorhaben. Ich finde diese Wasserreisen, wie ich sie nenne, einfach nur unbeschreiblich.

Weder Kälte noch Nässe fühle ich. Ein prickelndes Gefühl gleitet über meine Haut mit einem Hauch von Wärme und Aufregung. Ein irisierender Anblick von den unglaublichsten Blau- und Türkistönen und einer Spur von Mint lässt mein Herz schneller schlagen. Es wundert mich, dass dieses Mal kein einziges Wort Lorius’ Lippen verlässt. Eigentlich muss er das Reiseziel nennen, damit wir dort ankommen. Wir gleiten in das Wasser, tauchen unter und – Wusch! – geht es auf die aufregende Reise. Die einzige Möglichkeit, die mir logisch erscheint, ist, dass er den Zielort still in Gedanken gesprochen hat.

Es ist bereits dunkel, und wir steigen trocken aus einem Fluss auf der Erde. Ich fühle über mein Haar. Nichts verwuschelt. Es sitzt perfekt. Drei Wetter Taft, was?

Ich muss über meinen eigenen Scherz ein klein wenig schmunzeln. Diese Wasserreisen wären eine perfekte Werbung für Heidi Klum und ihre Haarsprays. Aber ich sollte lieber bei der Sache bleiben, anstatt herumzualbern.

Wo sind wir hier gelandet?

Lorius, der meine Gedanken lesen kann, lächelt stumm vor sich hin und dirigiert mich zu einer schwarzen Limousine, die in der Nähe des Flusses auf uns wartet. Keine Menschenseele zu sehen. Wie es der Wagen in dieses Wäldchen über den Trampelpfad geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Je näher ich dem Auto komme, desto mehr erhasche ich die Lackschäden, die garantiert von den Sträuchern herrühren.

Wer zum Teufel fährt dieses feine Fahrzeug und lädiert es so ignorant?

„Mykros?! Du kannst Auto fahren?“, sage ich, während wir einsteigen.

Mykros, ein terminatorähnlicher, bulliger Freund und Krieger von Lorius, sitzt zusammengequetscht hinterm Steuer. Er grinst mich über die Schulter an und braust danach los. „Crashkurs! Klappt schon! Kein Problem!“

Stimmt mich nicht gerade ruhig. Auweia! Er kommt in Salamanka kaum mit einem Pferd zurecht!

Hilfe suchend blicke ich Lorius an, der das alles anscheinend höchst amüsant findet, während ich um unser Leben bange. Hat er noch nie was von schlimmen Verkehrsunfällen gehört? Ich trommle Lorius verstimmt auf den muskulösen Oberarm. Er ignoriert meine kleinen Fäuste und hebt mit Daumen und Zeigefinger mein Kinn an, um mir intensiv in die verängstigten Augen zu schauen. Damit Mykros uns nicht hört, spricht Lorius in meinen Gedanken zu mir: „Hab keine Angst. Ein Schutzzauber wacht über uns. Mykros wird vernünftig fahren.“

Ein Schutzzauber? Seit wann kannst du zaubern?

Lorius löst meinen Gurt, zieht mich auf seinen Schoß und flüstert mir ins Ohr, an dem zierliche Tropfen aus Diamanten hängen: „Nicht nur du studierst Bücher. Ich habe von Reesa und Antaria die magische Literatur meiner Mutter bekommen.“

Es ist immer noch nicht ganz zu fassen, dass Lorius und Reesa Geschwister sind. Über dreihundert Jahre hatte Lorius gedacht, er wäre der Sohn von Lorana und Mendaris, der Thronfolger des magischen Reiches Salamanka, was Rades jedoch erfolgreich revidieren konnte anhand von Beweisen, die es nur noch auf der Erde im Hatschepsut-Tempel in Ägypten gibt.

Lorius ist der Sohn von Marisa, einer magischen Seherin, die leider schon verstarb. Reesa hat die Fähigkeiten einer Seherin erhalten und Lorius die des Gedankenlesens. Nun scheint er seine Kräfte weiter zu erforschen. Es gibt sicher noch eine Menge für ihn zu lernen.

Langsam nähern wir uns unserem Ziel, und ich erhasche ein Straßenschild, auf dem ich auf die Schnelle nur ein Wort erkenne.

„Regensburg? Wir sind in Regensburg?“

Lorius schweigt weiter.

Was hat dieser Kerl schon wieder ausgeheckt? Aber gut, wir sind über fünfhundert Kilometer entfernt von meinem alten Zuhause.

Lorius’ geheimnisvolles Lächeln vertieft sich immer mehr. Jaja, ist ja gut! Ich kann nichts für mich behalten. Meine Gedanken sind wie ein offenes Buch für dich! Hmpf.

Leise grummle und schimpfe ich vor mich hin, bis wir uns einem beeindruckenden Gebäude nähern. Mein Gesicht klebt an der Scheibe, damit ich ja nichts verpasse. Der Wagen hält, und Mykros öffnet mir so galant, wie er nur kann, die Tür.

Mykros im schwarzen Smoking. Unfassbar.

Lorius ist schon bei ihm und nimmt zärtlich meine Hand, um mir aus der Limousine zu helfen.

„Willkommen auf Schloss St. Emmeram.“

Mir bleibt die Spucke weg. Wirklich eindrucksvoll, dieser Ort. Als wären wir VIPs, schreiten wir über einen roten Teppich zum Schloss, vor dem eine gewaltige Bühne errichtet ist.

Mein Gott! Zum Glück gibt es hier keine Presseleute, oder? Sonst war es das mit inkognito. Obwohl mit Sicherheit irgendein anderer Gast Handybilder und Videos macht, die auf Youtube und Co. landen. Dann brechen eventuell Spekulationen über die Ähnlichkeit von mir mit dem verschwundenen Mädchen aus der Kleinstadt los. Ich hätte mir mal einen albernen Hut mit Schleier aufsetzen sollen.

Lorius muss bei der Vorstellung erneut vor sich hin schmunzeln. Heute scheint er aus seinem Amüsement nicht herauszukommen, und seine gute Laune steckt wirklich an. Einige Leute starren uns lange hinterher. Kein Wunder! Wir geben schließlich ein staunenswertes Paar ab. Vor allem mit solch einem sexy Typ an meiner Seite, da vereinen sich die Sabberspuren der Damen um uns herum.

Lorius geleitet mich zu unseren Plätzen auf der Tribüne, und gespannt warte ich ab, was passiert. Gut eine halbe Stunde später geht es los. Eine fantastische Lichtershow beginnt auf der Bühne, und Musik erklingt. Moment! Das kenne ich doch!

Das Intro Prélude erkenne ich sofort, da ich es in meinem früheren Zuhause mehrere Male gehört habe. Dann folgt schon mein absolutes Highlight: Halt mich fest, wobei Mayli vor Graus die Augen zukneifen würde, aber ich finde die Musik hinreißend. Diese Mischung aus Pop und Klassik ist grandios. Mir stehen die Härchen auf den Armen gen Himmel, so sehr kribbelt alles an mir – hervorgerufen durch diese irdisch schöne Musik.

Lorius’ Überraschung: ein Adoro-Konzert an einem eindrucksvollen Schloss. Ich bin hellauf begeistert und rundum glücklich. Gibt es etwas, was dieser Mann, mein Mann, nicht möglich machen kann? Wann finde ich endlich einen richtigen Fehler an ihm? Seinen Gentleman-Charakter, seine Gutmütigkeit, Loyalität und herzensgute Seele kann man wohl kaum als Fehler betrachten. Das einzig Nervige an ihm ist wohl seine ständige Angst um mich, dass mir etwas zustoßen oder er mich erneut verlieren könnte. Manchmal ein wenig zu klammernd, der Gute, ich sollte ihm den Spitznamen „Mein Klammeräffchen“ verpassen. Die Wahrheit ist höchstwahrscheinlich, dass ich mir einrede, Lorius habe keine Fehler, weil ich zu blind vor Liebe bin, um sie zu sehen.

Da fällt mir ein: Wie bezahlt er eigentlich solche Aktivitäten hier auf der Erde? Also frage ich ihn leise in der Pause ganz unverblümt.

Lorius lächelt ein listiges Lächeln. „Die Antiquitätenhändler freuen sich jedes Mal, wenn ich wieder etwas Interessantes vorbeibringe.“

Ich runzle die Stirn.

Oh, gut. Und das wäre?

„Skulpturen, Bilder und Ähnliches. All die Dinge aus Gold, die du rausgeschmissen hast.“ Seine Stimme klingt wieder fröhlich, und stolz fügt Lorius hinzu: „Dank dir haben wir beinahe gänzlich die Armut in Salamanka bekämpft. Und da bleibt sogar etwas übrig, um mit dir die Erde zu besuchen. Mendaris würde ausflippen, wenn er sehen müsste, was aus seinen angehäuften Reichtümern geworden ist.“

„Schade, dass Lorana nicht schon eher damit begonnen hatte.“

Lorius’ Miene zieht sich nachdenklich zusammen, schließlich stimmt er mir zu: „Sie war in ihrer eigenen Welt voller Melancholie gefangen. Deshalb brauchte das Reich dringend eine frische Brise der Veränderung.“

Sprich: Tapeten- und Generationswechsel.

Nach dem atemberaubenden Konzert machen wir noch einen kleinen Spaziergang zum Schloss Emmeram Park. „Wirklich schade, dass es schon zu spät ist für eine Schlossführung. Das Innere des Gebäudes hätte mich wirklich sehr interessiert.“

„Wir kommen sicher mal wieder hierher“, sagt Lorius.

„Für einen Besuch bei meiner Mama ist es sicher auch zu spät.“

„Hm, ja, das befürchte ich auch.“

Während Lorius den ganzen Nachmittag und Abend heiter und vergnügt war, kommt er mir nun still und nachdenklich vor. Zärtlich haucht er mir einen Kuss auf die Hand und zieht sie durch seinen Arm.

„War dein Besuch im Verlies erfolgreich?“

Aha. Sag du es mir.

Lorius seufzt und bleibt stehen. Besorgt legt er die Hände auf meine Schultern und sucht meinen Blick. „Du bist ziemlich aufgewühlt wegen Rades, und du hast wegen deines nächtlichen Besuchs bei ihm, um es milde auszudrücken, miserabel geschlafen. Die wildesten Gedanken gingen dir durch den Kopf und … seltsame … Gefühle.“

Sein letzter Satz ist noch nicht ganz ausgesprochen, da tritt schlagartig ein Ausdruck von innerem Schmerz in sein Gesicht. Ein wenig entrüstet und perplex schiebe ich ihn von mir. „Lorius. Du bist jetzt nicht wirklich eifersüchtig, oder? Zweifelst du an meinen Gefühlen zu dir?“

Er schaut mich ernst und mit einer Spur Melancholie an. „Ich traue dir, aber nicht ihm. Seine Mutter war eine Hexe. Wer weiß, wozu er fähig ist?“

3

Der Alte

Rades

Ihr Besuch hat mich kaum schlafen lassen. Immer wieder sehe ich ihr Gesicht, ihr langes Haar und diese bildhübschen Augen vor mir. Was kann ich also anderes tun, als sie ein weiteres Mal zu por¬t¬rä¬tie¬ren, um mich in ihrem Anblick zu verlieren. Denn jetzt ist die Erinnerung noch frisch und lässt sich besser zu Papier bringen.

Ich habe viel Geduld bewiesen. Aber diese Geduld, diese ewige Zeit und meine grausamen Taten lassen mich mehr und mehr leiden, und es zerhackt mich von innen. Auch wenn Mendaris’ Befehl unmissverständlich klar gewesen war, Nailah damals töten zu lassen, hätte ich mich dem widersetzen müssen. Ich hätte sie retten müssen, dann wäre aus ihrer Dankbarkeit eines Tages vielleicht Liebe entstanden. Meine Suche und Begegnung mit ihrer Reinkarnation habe ich so wunderbar vermasselt, dass ich nun hier drin sitze. Der einzige Vorteil an dieser Zelle ist die viele Zeit zum Nachdenken.

Eines ist mir klar geworden: Meine Arroganz hat all meine Ziele vernichtet. Daran gilt es dringend zu arbeiten, obwohl ‒ wenn bald der Henker kommt, wird alles ein Ende nehmen. Vielleicht ist es besser so. Verdient habe ich es allemal. Allerdings geht mir eines nicht aus dem Kopf: Jaislyns Besuch hatte sicher einen Grund. Sie würde es nie zugeben, aber auf eine Art und Weise bedeute ich ihr doch etwas. Ansonsten hätte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, mein Todesurteil unterzeichnet. Sie hat es nicht getan. Noch nicht. Doch all meine Feinde werden sie dazu drängen. Verdammt! Ich muss hier raus. Koste es, was es wolle.

Mein Stuhl kippt scheppernd um, weil ich so heftig aufspringe. Redawinns Schimpftiraden über den Krach bleiben aus, da die Wache gefallen daran gefunden hat, die Glaswand die meiste Zeit geschlossen zu halten. Nur bei der Essensausgabe wird sie geöffnet. Redawinns Flüche und Geschrei sind allerdings in diesen Momenten dreifach so schlimm.

Ich betrachte meine neue Zeichnung und hauche ihr ein wenig Leben ein. Ihr Haar beginnt zu wehen, und ihre Augen funkeln mich liebevoll an. Zärtlich streiche ich über Jaislyns gemaltes Gesicht und wünschte, sie würde mich in Wirklichkeit so ansehen.

„Schon ein dolles Ding, unsere junge Königin.“

Wie eine Katze auf der Lauer drehe ich mich zu der Person um, die mich angesprochen hat. Ein älterer, etwas zerlumpter Mann lehnt sich mit den schmutzigen Händen auf einen Wischmopp und grinst mich mit verfaulenden Zähnen an. „Ihr seid doch dieser berühmte Fürst, von dem alle reden.“

Am liebsten würde ich allen Spott und Hohn in meine Stimme legen, ich halte mich allerdings zurück. „Ach, erzählt man sich das, ja?“

Der alte Mann lächelt und widmet sich wieder vor sich hin murmelnd seiner Arbeit. „Der reiche Fürst von Manka, der tief gefallen ist! Ich kannte Eure Eltern, mein adeliger Freund.“

Bedrohlich gehe ich auf die Gitterstäbe zu. „Tatsächlich?“

„Waren nicht sehr freundlich zu mir, muss ich sagen. Hab damals für Eure Mutter gearbeitet, wisst Ihr? Hab sauber gemacht, wirklich gut sauber gemacht. Ein nettes Danke gab es nie.“

Da ich im Moment nichts Wichtiges vorhabe, lausche ich dem Geschwafel des Alten, lehne mich an die Gitterstäbe und betrachte meine Fingernägel.

„Aber Ihr seid doch nett zu mir, nicht wahr?“

„Natürlich, mein Guter.“

Verschwörerisch kommt der Alte näher, fängt an, wild mit dem Mopp zu gestikulieren, und flüstert mir zu: „Ich kann Euch helfen, wenn Ihr wollt.“

„Sieh an, dann bitte öffne doch diese Tür, ja?“

Abrupt verändert sich seine Miene eines netten Mannes von nebenan in eine zornige Maske mit gefletschten Zähnen. „Hör mir genau zu, mein Freund. Ich verlange drei viertel deines gesamten Vermögens, dafür besorge ich dir den Schlüssel zur Freiheit. Habe damals einige sehr kostbare und wichtige Utensilien deiner hexerischen Mutter gestohlen. Wenn ich dir die bringe, bist du frei.“

Eine befehlsgewaltige Stimme dröhnt durch den Flur. „Zurück! Es wird nicht mit den Gefangenen gesprochen!“

Die Reinigungskraft nimmt wieder eine unterwürfige Haltung ein, gehorcht dem Aufseher und wischt weiter den Flur hinunter. Ich trete zurück an meine Regale und tue beschäftigt. Als der schmierige Kerl nach getaner Arbeit zurückkommt, werfe ich ihm nur einen unmissverständlichen Blick zu, der Zustimmung ausdrückt. Die Augen des Alten blitzen vor Freude auf, und er verschwindet.

Wie lange wird es dauern, bis er zurückkommt? Und was wird er mir mitbringen, was mir zur Freiheit verhelfen kann? Nur das Tor zu öffnen, wird mir nichts nützen. Ich sitze im sichersten Verlies aller Zeiten. Keine Chance, hier ohne eine Armee hinauszuspazieren. Zu schade, dass meine Mutter früh starb, ansonsten hätte ich weiter einen guten Hexenlehrling abgegeben und wäre mit Sicherheit nie hier drin gelandet.

Dieser Tag ist so öde wie jeder andere. Die Putzkraft war eine erfrischende Abwechslung, und ich hoffe, sie behält recht. Eigentlich tut mir der Alte leid. Ich kann ihm versprechen, unterschreiben oder übertragen, was er will, wenn jedoch all meine Reichtümer konfisziert wurden, wie es bei Redawinn der Fall ist, wird ihm meine Unterschrift nichts nützen. Pech gehabt, du Schmierlappen.