Leseprobe Tödlicher Coup

1

Joe fühlte sich schrecklich. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, wie er auf dem Rücksitz eines aufgemotzten BMW saß, der tief über dem Boden hing. Die Felgen drehten sich und die Musik wummerte, als die drei Kids der chinesischen Gang

aus Flushing mit ihm im Dunkel der Nacht über die leere Verrazzano-Brücke fuhren. Weit über ihm, wie die Kuppel einer Kathedrale, stützten die Bögen der Brücke den dunklen Himmel. Die Kabel waren mit Sternen besetzt. Er wachte auf dem Parkplatz eines Diners irgendwo im Nirgendwo auf. Der Sommerhimmel strahlte nun bläulich, die Sterne waren blass, die pinke Morgendämmerung gerade noch am Horizont zu erkennen.

„Guten Morgen, Sonnenschein.“ Der Fahrer, Cash, grinste ihn im Rückspiegel an. Die anderen beiden Kids – die sich als Blackie, vorne, und Feather, auf der Rückbank neben Joe, vorstellten – fingen an zu lachen. Sie alle trugen schwarze oder rote Tanktops, Baggy Jeans, Nikes, goldene Ketten und einen Haufen Tattoos. Außerdem hatten sie alle den gleichen Haarschnitt: oben etwas länger, die Seiten kurz geschoren. Außer Cash, der komplett kurz rasierte Haare hatte. Joe war blass und unrasiert, seine Haare ungekämmt. Er trug ein schlichtes, schwarzes T-Shirt, alte Jeans und schwarze Converse High-Tops. Er war ein Dutzend oder mehr Jahre älter als sie. Doch heute fühlte es sich eher an wie eintausend. Er hatte ein blaues Auge, das noch immer schmerzte und frisch getrocknetes Blut an seinen Handknöcheln, einiges davon sein eigenes.

„Boxenstopp, Boss“, sagte Feather. „Willst du aufstehen und den Typen treffen? Oder weiterschnarchen?“

„Du bist lauter als die Anlage“, sagte Blackie. „Wenn wir nicht deine Hilfe bräuchten, hätten wir dich schon längst erstickt.“

Joe ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen auf das Knacken in seinem Nacken, wenn er gähnte.

„Wir holen uns was zu essen, wenn wir schon hier sind“, sagte Cash und schaltete den Motor ab. „Möchtest du etwas frühstücken?“

Joe nickte. „Vier Aspirin.“

Feather lachte. „Immerhin hast du Appetit. Willst du etwas zu trinken dazu?“

„Ja“, sagte Joe. „Eine Flasche Vomex.“

Die Jungs lachten, während Joe aus dem Auto stieg und sich langsam auffaltete, als hätte man ihn vor dem Versand schlecht verpackt. Er streckte sich und sah sich um.

„Wo sind wir überhaupt?“, fragte er und trottete ihnen hinterher. Cash sprach über seine Schulter.

„Irgendwo in Süd-Jersey“, sagte er. „Weit weg von Zuhause.“ Zuhause war Queens, New York. Sie waren auf dem Weg nach Cumberland County, New Jersey, um einen Mann umzubringen.

 

Die drei jüngeren Männer – Cash, Feather und Blackie – arbeiteten für einen chinesischen Verbrecherboss namens Onkel Chen. Joe arbeitete als Türsteher in einem Club, der seinem Freund aus Kindheitstagen gehörte: Gio Caprisi, welcher das Geschäft seines Vaters übernommen hatte – ein Mafiaboss. Bevor er Türsteher wurde, war Joe Elitesoldat, ein Black Ops „Specialist“ – seine Spezialität war es, Leute zu töten – und er war sehr gut darin, bis ein kleines Opiumproblem, welches er in Afghanistan entwickelte, zu einer nicht allzu ehrenhaften Entlassung aus dem Militär und dementsprechend zur Anstellung bei Gio führte. Es war Gios Idee, Joe zum Sheriff zu machen.

Er war natürlich kein richtiger Sheriff. Als jedoch herauskam, dass Terroristen planten, ein Virus zu verbreiten, das tödlich genug war, ein Yankee-Stadion-großes Stück der Bevölkerung auszulöschen, entschlossen sich Gio, Onkel Chen und all die anderen Bosse von New York – die CEOs der Unterwelt – teils unter Druck von der Regierung, teils als Patrioten und New Yorker, sich zusammenzuschließen und jeden einzelnen Terroristen unter ihnen auszurotten. Sie hatten Joe nicht nur für seine einzigartigen Fähigkeiten rekrutiert, sondern ihn auch autorisiert, sich im Zuge seiner Arbeit frei in ihren Territorien zu bewegen und ihm Hilfe und Unterstützung zugesichert. In der normalen Welt rief man bei Problemen die Polizei. In dieser Welt rief man Joe.

Joe hatte den Job erledigt, den sie ihm gaben. Das Ergebnis waren vier tote Terroristen und zwei tote Verbrecher. Doch Onkel Chens Neffe Derek, ein talentierter junger Autodieb, wurde ebenfalls in der Hitze des Gefechts getötet, als er und Joe auf einer illegalen Waffenmesse ein paar Hinterwäldlern aus dem Süden – „Rednecks“, wie man sie hier in New York nannte – über den Weg liefen. Zuerst gab Onkel Chen Joe die Schuld. Dann stellte sich heraus, dass die Kugel, die Derek umgebracht hatte, aus der Waffe von einem der Rednecks stammte, ein Rechtsextremer namens Jonesy Grables. Doch aufgrund mangelnder Augenzeugen und dem generellen Chaos, das sich am Tatort abspielte, konnte sein Anwalt das Urteil auf fahrlässige Tötung begrenzen und ihn auf Kaution rausholen. Jonesy verschwand daraufhin. Jetzt hatte ihn jedoch eine von Onkel Chens Quellen lokalisiert und er hat seine Männer losgeschickt, um die offene Rechnung zu begleichen. Joe hat sich zögerlich angeschlossen.

Für Gio, die anderen Bosse, die Behörden und die ganze herrlich ignorante zivile Bevölkerung der Stadt war das Leben in New York wieder beim Alten, jetzt, wo die Terroristen ausgeschaltet waren. Nicht aber für Joe.

Nicht, dass er es nicht versucht hätte. Er ging nach Hause zu dem Apartment seiner Großmutter, wo sie ihn großgezogen hatte, nachdem seine Eltern, beide kriminell, jung gestorben waren, und nahm seine Arbeit als Türsteher im Club Rendezvous wieder auf. Doch als Joe erneut eine Waffe in die Hand nahm, kamen auch seine Albträume, Flashbacks und Panikattacken zusammen mit dem Verlangen nach Alkohol und Dope, um sie zu kontrollieren, zurück. Und sobald dieser böse Geist erst einmal aus der Flasche war, wurde er ihn nicht ohne Weiteres wieder los.

2

Die Probleme fingen an, als er zurück im Club war. Ein Türsteher zu sein, erfordert Stärke, Geschick und schnelle Reflexe, doch vor allem erfordert es Geduld. Betrunkene zu beruhigen, Grapscher zu beseitigen und Kämpfe zu schlichten – all das, ohne die zahlende Kundschaft zu verängstigen –, hat genau so viel, wenn nicht sogar mehr, mit einer ruhigen Stimme und lockerem Auftreten zu tun wie mit Fäusten. Doch jetzt war Joe empfindlich. Verkatert bei der Arbeit, weil er die Nacht zuvor zu lange gefeiert hatte oder schon angetrunken, bevor der Club öffnete, weil er zu früh angefangen hatte. Er verlor schnell die Fassung bei Arschlöchern oder, noch schlimmer, verhielt sich selbst ab und zu wie ein Arschloch. Er hatte ein großes Maul und verschärfte Situationen, anstatt sie zu schlichten. Genau so entstand auch der Streit mit dem Gangster Rap-Mogul, ungefähr eine Woche, nachdem Joe zurück bei der Arbeit war und der Goldesel Nummer eins des Moguls, ein kleiner weißer Rapper, in den Club kam.

Yelena Noylaskya war eine erfahrene Tresorknackerin, Einbrecherin, Arschtreterin und, den tätowierten kriminellen Symbolen, die ihren Körper zierten und die sie sich in Russland verdient hatte, nach anzunehmen, eiskalter Killer. Sie und Joe lernten sich bei ihrem letzten Job kennen; arbeiteten und kämpften und zu guter Letzt schliefen Seite an Seite. Als Joe Yelena das letzte Mal sah, war sie verwundet. Eine Kugel der Terroristen hatte ihren Arm gestreift, als sie ihn tötete, um Joe Deckung zu geben, während der geradewegs auf ein heranrasendes Auto zurannte und durch die Windschutzscheibe schoss. Er verfolgte sein Ziel – der Terrorist Adrian Kaan – durch das Gebäude bis aufs Dach, wo er ihn mit einer einzigen Kugel zwischen den Augen zurückließ. Kaans Frau und Partnerin Heather war geflohen. Yelena war ebenfalls verschwunden, irgendwo in den russischen Gegenden von Brooklyn, und mit ihr die Tasche voller Geld.

 

Joe kannte Yelenas Adresse nicht. Er war sich nicht einmal sicher, wie man ihren Nachnamen buchstabierte. Doch da es kaum ein Gesetz gab, das sie noch nicht gebrochen hatte, lebte sie nach einem spezifischen Code und zehn Tage nach der Schießerei, Joe und seine Großmutter Gladys saßen gerade zusammen, um Jeopardy! zu schauen, wie sie es fünf Abende die Woche tat, klingelte es an der Tür.

„Wer ist das?“, fragte Gladys und schaute auf ihre Armbanduhr. Zehn vor Jeopardy!.

„Woher soll ich das wissen?“ Joe stand in der langen, schmalen Küche und wusch Geschirr ab. „Bestimmt eins von deinen Mädels.“

Mit einem Seufzen erhob sie sich aus ihrem Fernsehsessel und ging in das kleine Foyer, um durch den Spion zu gucken. „Sieht eher nach einem von deinen aus“, rief sie zu ihm und als Joe aus der Küche kam, stand Yelena neben ihr. Sie war chic und sah gesund aus in ihren dunkelblauen Jeans und der Bluse, die die Umrisse ihrer Tattoos durchschimmern ließ. Sie hatte ihren Pony etwas gekürzt und sah generell gut aus, als ob sie genug Schlaf und Wasser bekommen hatte. Sogar der Verband um ihren Oberarm, wo die Kugel durch ihr Fleisch geschnitten hatte, war frisch und weiß und irgendwie chic wie ein Armband.

„Hallo, Yelena.“ Joe lächelte. „Kennst du schon meine Großmutter Gladys?“

„Freut mich“, sagte Yelena in ihrem leichten russischen Akzent und küsste Gladys auf die Wange, „die wichtigste Frau in Joes Leben kennenzulernen.“ Sie holte eine Flasche Wodka und eine Dose Kaviar aus ihrer Handtasche und gab sie Gladys. „Das ist für Sie.“

„Ha! Danke, Kleines“, sagte sie. „Ich hole uns etwas Eis.“

„Und das ist für dich, Joe.“ Yelena übergab ihm einen dicken Briefumschlag.

„Danke“, erwiderte Joe. „Aber eigentlich ist das auch für dich“, sagte er zu Gladys, gab ihr den Umschlag und nahm ihr gleichzeitig die Flasche aus der Hand. „Ich gehe und hole das Eis.“ Er ging in die Küche und Yelena folgte ihm.

„Bring gleich eine Limonade mit, Joey, wenn du schon in die Küche gehst“, rief Gladys und setzte sich, um das Geld in dem Umschlag zu zählen.

Yelena sprach leise, während Joe Gläser und Eis herausholte. „Der Großteil des Geldes war nichts wert. Koreanisches Falschgeld. Nach Ausgaben blieben noch fünfzehntausend für jeden; dich, Juno und mich.“

Joe goss den Wodka über das Eis in den Gläsern. „Za zdorovie“, sagte er und sie stießen an und tranken.

„Du trinkst also noch, Joe?“, fragte sie.

Joe füllte nach. „Ich dachte, du wolltest, dass ich mit dir trinke wie die russischen Männer, die du hattest.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Klar, aber die sind fast alle tot.“ Sie streichelte seinen Unterarm, folgte einer dicken Vene. „Und das?“, fragte sie.

„Es geht los“, rief Gladys aus dem anderen Zimmer. „Wo ist meine Limonade?“

Joe lächelte und tätschelte ihre Hand. „Siehst du? Ich habe schon eine Großmutter.“ Er nahm die Limonade und ein weiteres Glas mit Eis und ging zurück ins Wohnzimmer, während Yelena ihm mit dem Wodka folgte.

„Nur bis über das Eis, Kleines“, wies Gladys Yelena an, als sie den Wodka eingoss, „ich fülle den Rest mit Limonade auf.“ Der Umschlag war mittlerweile verschwunden. Gladys’ Augen klebten am Bildschirm und das vertraute Lied aus dem Intro spielte.

„Komm, lass uns in mein Zimmer gehen“, sagte Joe und nahm Yelena an der Hand. „Während Jeopardy! darf nicht geredet werden.“

Eine Stunde später, als sie nackt nebeneinanderlagen, die Klimaanlage auf höchster Stufe, um ihren Schweiß zu trocknen, schaute Joe auf seine Uhr und setzte sich auf.

„Ich muss zur Arbeit“, sagte er.

„Du hast einen Job?“, fragte Yelena. „Ich komme mit.“

Joe lächelte. „Nicht diese Art von Job. Aber klar, komm mit, wenn du willst.“

Sie duschten zügig und zogen sich an. Dann nahm er sie mit in den Club Rendezvous.

3

Es war Yelena, die im Club in eine Schlägerei geraten war – es ging um Crystal, eine halb schwarze, halb kolumbianische Stripperin aus Philly, die tagsüber Rechnungswesen studierte –, aber es war der kleine weiße Rapper-Typ, der angefangen hatte. Joe war mehr oder weniger im Dienst, doch er tauschte gelegentlich den schwarzen Kaffee gegen Shots, die Yelena ihm bringen ließ. Yelena saß vorne in der Mitte an einem der VIP-Tische direkt vor der Bühne, schmiss mit Geldscheinen um sich und bestellte Lapdances und Getränke für die Kellnerin und den Barkeeper.

Wenn eine hübsche Frau in einen Stripclub marschiert, sind die Reaktionen der Angestellten gemischt. Einerseits sind die Tänzerinnen neugierig und wenn die Frau vom anderen Ufer ist, glücklich. Es macht Spaß, ausnahmsweise mal für jemanden zu tanzen, den man heiß findet, sich an weicher, süßlich duftender Haut zu reiben anstatt einem weiteren stinkenden Typen. Am Anfang neigen die Mädchen dazu, sich der Frau hinzugeben. Es ist lustig für alle Beteiligten. Andererseits sind die Stripperinnen nicht hier, um Spaß zu haben, sondern um Geld zu verdienen. Für sie ist eine heiße Kundin wie eine Geburtstagstorte im Büro: Alle versammeln sich im Konferenzraum für ein Stück vom Kuchen, freuen sich auf etwas Abwechslung zwischen all der Routine, aber letztendlich bezahlt niemand im Büro damit seine Miete. Dafür müssen sie sich nämlich zurück an ihren Schreibtisch setzen und ackern. Kuchen ist Kuchen, das täglich Brot einer Stripperin ist jedoch der aufgegeilte aber letztendlich gefügige Durchschnittstyp, der Nerd oder Arbeiter, der die ganze Nacht vor ihnen sitzt und einen Zwanziger nach dem anderen ausspuckt und im Anschluss nach Hause geht. Pleite und allein, aber mit einem Lächeln. Keine attraktive Frau würde so etwas tun.

Ein anderer auf den ersten Blick vielversprechender Typ von Kunde, der problematischer ist, als er Geld wert ist, ist ein Kerl, der sich für einen Player hält: der Prominente oder Athlet. Er mag vielleicht mit einem fetten Batzen Geld herumwedeln, aber da er erwartet, dass sich Frauen ihm an den Hals werfen und er öfters von den verschiedensten Stars eingeladen wird, neigt er dazu, geizig zu sein, denn er denkt, dass er dem Mädchen einen Gefallen tut, wenn sie ihm ihre Titten ins Gesicht drücken darf. Oder er geht zu weit, weil er glaubt, dass die Glückliche es kaum abwarten kann, es mit einem Star wie ihm zu treiben. Bei Typen wie ihm ist es auch wahrscheinlicher, dass sie ausrasten oder respektlos werden, wenn sie von einer Frau zurückgewiesen werden.

Genau das ist auch mit Lil’ Whitey passiert. Ein schmächtiger, kleiner weißer Rapper aus Long Island, der vor Kurzem mit seinem Song Cookies and Cream einen Hit gelandet hatte. Er tauchte mit seiner Entourage im Club auf, bestehend aus einem Grasdealer, einem weniger bekannten Rapper, einem aufstrebenden MMA-Kämpfer, der sich selbst Flex nannte, und seinen Bodyguards, zwei Stiere in Trainingsanzügen. Nach ihrem Auftritt rief Lil’ Whitey Crystal zu sich herüber und bestellte einen Lapdance. Das Stripclub-Protokoll hat klare Regeln: Sie fasst dich an, aber du sie nicht, es sei denn, sie erlaubt es dir oder platziert deine Hände auf einer Stelle ihrer Wahl. Whitey vergaß – oder nahm an, dass diese Regeln nicht für ihn galten – und platzierte seine Hand an der Stelle, die Crystal am wenigsten mochte. Sie sprang auf und als er sie packte und an sich riss, klatschte sie ihm eine. Yelena, die in der Nähe saß, beobachtete, wie sich die Situation entwickelte und als Whitey ausholte, um Crystal ebenfalls eine zu verpassen, schritt sie ein. Blitzschnell verdrehte sie seine Hand hinter seinem Rücken, das Handgelenk verrenkt und die Schulter kurz vorm Auskugeln.

Die Bodyguards packten Yelena, die sich befreite und einen von ihnen auf den Tisch beförderte. Crystal kreischte und schlug dem anderen eine Flasche über den Kopf. Der Grasdealer machte sich aus dem Staub, weil er Stoff dabeihatte und der zweite Rapper versuchte einzugreifen, doch bekam den Ellenbogen des Türstehers auf die Nase, als dieser sich umdrehte, um Crystal wegzustoßen. Dann machte Joe sich an die Arbeit.

Als Türsteher war es Joes Aufgabe (1) die Angestellten zu beschützen, (2) Ärger rasch zu schlichten, ohne die Kunden zu stören und, wenn nötig, (3) die Unruhestifter zu entfernen. All das mit minimaler Gewaltanwendung. In Rage von dem Anblick, wie Yelena und Crystal von den Bodyguards angegangen wurden, und selbst einen oder zwei Drinks zu viel intus vergaß Joe für einen Moment die letzte Klausel bezüglich minimaler Gewaltanwendung. Er sprang mitten ins Geschehen und schleuderte Bodyguard Nummer eins mit dem Gesicht zuerst in den Eimer mit Eis und versetzte Bodyguard Nummer zwei einen Schlag in die Niere. Anschließend rammte er seine Faust in Whiteys Solarplexus, woraufhin dieser nach Luft rang. Mittlerweile waren die beiden Barkeeper, ein großer, attraktiver, dunkelhäutiger Typ, der Schauspiel studierte, aber auf dem College Football gespielt hatte, und ein stämmiger, junger Mexikaner, herübergekommen. Während sie zusammen mit einem Bodyguard rauften und Yelena den anderen auseinandernahm, zerrte Joe Whitey in Richtung Ausgang, wo eine Kellnerin die Tür aufhielt. Die Keilerei verlagerte sich daraufhin nach draußen. In diesem Moment mischte sich Flex ein.

Mit mehreren Siegen in Folge und seinem bevorstehenden ersten Kampf im Fernsehen sah sich Flex als professionellen Athleten und nicht als Schläger. Er hatte kein Interesse daran, verletzt zu werden oder andere zu verletzen, ohne dafür bezahlt zu werden. Doch an Whiteys Seite Zugang zu Clubs und Events zu bekommen und den berühmten Rapper bei seinen Kämpfen am Ring stehen zu haben, war eine berufliche Angelegenheit und als er sah, wie sein Glücksbringer im hohen Bogen auf den Bürgersteig vorm Club befördert wurde, wie ein Müllsack bereit zur Abholung, schritt er ein. Als Profi war ihm sofort klar, dass niemand außer ihm dort mit Joe fertig werden würde.

Als Erstes erledigte er einen der Barkeeper, der zwar kräftig und flink, aber kein trainierter Kämpfer war, und ließ ihn stöhnend am Boden zurück. Der zweite Barkeeper ließ sich davon nicht einschüchtern und teilte einen kräftigen Schlag aus, doch auch er war unterlegen: Flex wich seinem Schlag mit Leichtigkeit aus und schlug ihm mit dem Unterarm auf die Nase, wodurch er das Gleichgewicht verlor. Dann ging er auf Joe los. Er packte ihn an den Beinen und warf ihn über seinen Rücken. Joe flog kopfüber auf den Boden zu, doch rollte sich im richtigen Moment ab und griff Flex dabei an den Knöcheln und brachte ihn ebenfalls zu Boden. Beide sprangen auf und standen sich gegenüber. Flex musterte Joe mit demselben irren Blick, den er auch im Ring hatte und zeigte auf die Tattoos auf seiner Brust: YOLO auf der rechten, FLEX auf der linken. „Du weißt, was das heißt, oder?“, fragte er und spannte sie an.

Joe dachte einen Moment nach. „Du magst wirklich gerne Joghurt?“

Flex wurde wütend. „Du meinst Froyo, du Wichser. Das hier heißt, ich bin völlig irre und gebe einen Fick. Du hast gerade den schlimmsten Fehler deines Lebens begangen.“

Joe grinste. „Ich befürchte, dass das noch nicht einmal der schlimmste des Tages ist.“

In Rage ging Flex auf ihn los und Joe versuchte, seine Tritte und Schläge zu parieren. Yelena war mit den beiden Bodyguards beschäftigt. Sie trat dem einen so hart in die Eier, dass er sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte, doch dann verpasste ihr der andere eine Faust direkt gegen das Kinn. Sie taumelte zurück, grinste und leckte das Blut von ihren Lippen, bevor sie wieder auf ihn zustürmte. Dann, kurz bevor es ernsthaft zu eskalieren drohte, trafen die Obrigkeiten ein. Die Obrigkeiten waren in diesem Falle ein großer Range Rover voll beladen mit großen, schwarzen Typen und ein großer, breiter Denali, voll beladen mit großen, breiten weißen Typen.

In einer Welt, in der niemand jemals die Bullen ruft, neigen die Menschen in Krisensituationen dazu, jemanden etwas höher in der Befehlskette zu rufen. Whiteys Grasdealer und Handlanger hatte, sobald er in Sicherheit war, Ernest „Cold Daddy“ Collins gerufen, dem nicht nur Lil’ Whiteys Plattenlabel, sondern auch das Fitnessstudio, in dem Flex trainierte, und ein Unternehmen im Showbusiness gehörte. Der Manager des Club Rendezvous rief Gio, der wiederum Nero und ein paar andere Jungs losschickte, bevor er sich selbst in sein Auto setzte und hinterherfuhr.

Als Cold eintraf und sah, wie Joe Schläge mit Flex austauschte, welcher stark aus der Nase blutete und Whitey stöhnend am Boden lag, sah er rot und stürmte an seinen Männern vorbei, um Joe am Hals zu packen. Joe drehte sich instinktiv um und schlug Cold in den Magen, woraufhin dieser vornüber klappte. Beide von Colds Männern zogen daraufhin ihre Waffen und richteten sie auf Joe. Nero und seine Jungs stiegen gerade aus dem Auto, als sie dies sahen und zogen ebenfalls ihre Waffen und richteten sie auf Colds Leute. Yelena, die gerade einen der Bodyguards verprügelte, blickte auf und zog sofort ihren kleinen Revolver, den sie um ihren Knöchel geschnallt hatte und hielt ihn Whitey an den Kopf. Er fing an zu wimmern – kein Geräusch, das auf einem seiner Tracks zu hören war.

„Was zur Hölle ist hier los?“, schrie Nero. „Wer seid ihr?“

„Wer ich bin?“, rief Cold zurück. „Für wen hältst du dich, mich das zu fragen, du Wichser?“

„Legt die Waffen weg und dann reden wir“, sagte Nero.

„Ihr legt die Scheißwaffen weg und dann reden wir.“

Es war eine Sackgasse. Jeder guckte sich an, doch niemand bewegte sich. Dann traf Gio ein. Er stieg aus seinem Audi und ging unbewaffnet direkt in die Mitte der Party.

„Nero. Joe.“ Er nickte den anderen zu. „Leute, was soll das hier werden? Ich weiß, dass keiner von euch dumm genug ist, irgendjemanden in meinem Club zu töten.“

 

Nachdem Cold Daddy Collins und seine Leute zusammen mit Whitey und Flex abgezogen waren, ist auch Nero wieder verschwunden, nachdem er einen seiner Leute an der Tür des Clubs als Vertretung positioniert hatte. Die beiden Barkeeper erholten sich schnell mit etwas Eis für ihre Wunden und etwas Geld für ihre Hilfe und gingen zurück an die Arbeit. Gio setzte sich gegenüber von Joe und Yelena in eine Sitzecke, die dauerhaft reserviert war. Joe drückte ein Glas mit Eis auf sein geschwollenes Auge. Yelena hielt zwischen den Schlucken ein kaltes Bier an ihre zerschrammte Wange und geplatzte Lippe.

„Sorry, Gio“, sagte Joe. „Das ist alles meine Schuld. Ich hatte einen schlechten Abend.“

Gio zuckte mit den Schultern. „Du hast Glück, dass ich sowieso schon auf dem Weg hierher war, um dich zu sehen. Aber du weißt hoffentlich, dass Collins noch nicht mit dir fertig ist. Du hast ihn vor den Augen seiner Leute umgehauen und seinen großmäuligen Rapper zum Heulen gebracht.“

„Ehrlich gesagt, war das Yelena und er hat es verdient.“

„Tut mir leid, Gio“, sagte sie. „Nächstes Mal bringe ich ihn vorher aus dem Club.“

„Ist schon in Ordnung, Kleines. Ich würde sagen, du hattest genug Spaß für heute? Ich muss etwas mit deinem kleinen Freund hier besprechen.“

Joe drehte sich zu ihr. „Wenn du willst, kann dir Eddie vorne an der Tür ein Taxi bestellen.“

„Schon okay.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Crystal hat mir schon angeboten, mich nach Hause zu bringen.“

Joe lächelte. „Richte ihr von mir aus, dass sie sich gut um dich kümmern soll.“ Sie winkte Gio zu und ging zu Crystal herüber, die bereits in ihren Freizeitklamotten an der Tür wartete. Die beiden Männer schauten ihnen nach, wie sie Arm in Arm den Club verließen.

„Vergiss den Rest dieser Arschlöcher“, observierte Gio. „Das Mädchen ist diejenige, die dir noch richtig Ärger bereiten wird.“

„Sie hat mich auch schon vor einigem Ärger bewahrt.“

Gio seufzte. „Wenn du das sagst. Jetzt solltest du dich aber erst mal auf Klo frisch machen. Onkel Chen hat angerufen. Einer seiner Waffenlieferanten hat diesen gottverdammten Redneck aufgespürt, der seinen Neffen erschossen hat und wegen dem er uns dauernd auf den Sack geht. Er hält sich gerade in irgend so einem White Power Ferienlager auf, irgendwo weit draußen in Jersey. Er schickt seine Leute vorbei, um dich abzuholen.“

„Ich weiß nicht, Gio. Ich mochte Derek. Aber Rache ist nicht so mein Ding.“

„Ich weiß. Ich habe gesagt, dass du nur mitkommst, um den Typen zu identifizieren. Nur in beratender Funktion quasi. Er war ihr Freund, also drücken sie auch den Abzug. Danach bist du im Reinen mit Chen. Dann können wir uns überlegen, was wir wegen deiner neuen Feinde machen.“