Leseprobe Tödliche Melodie

Kapitel 1

Er wusste, dass er nicht Klavier spielen sollte, doch er konnte nicht anders. Sein letzter Arzt im Krankenhaus hatte ihm nahegelegt, dass es in diesem Gemütszustand nicht weise war, und die alte Kuh von nebenan hatte klargemacht, dass sie den Krach nach neun Uhr nicht hören wollte. Doch es rief nach ihm, zog ihn zu sich, so unausweichlich als wäre er ein Fisch am Haken. Er musste das kühle Elfenbein unter seinen Fingern spüren und den Raum mit Musik erfüllen, um die Finsternis zu verdrängen.
Er öffnete die Tür und tastete nach dem Lichtschalter. Der Flügel nahm beinahe das gesamte Wohnzimmer ein. Es war ein prachtvolles Instrument und verdiente es, einen ganzen Raum nur für sich zu haben. Es aufzugeben war unvorstellbar. Was machte es da schon aus, dass das andere Zimmer im Erdgeschoss vollgestopft war - es war ja nicht so, als würde er Besuch empfangen.
Er wühlte in der Klavierbank herum und holte das erste Notenbuch heraus, das seine Finger zu fassen bekamen. Chopin, Ausgewählte Pianoforte-Werke. Die technisch herausforderndsten Stücke seiner Notensammlung. Er schlug das Buch an einer zufälligen Stelle auf und spielte. Er kannte das Stück gut und spielte es mühelos vom Blatt. Die Klänge von Sehnsucht und Leidenschaft hingen noch in der Luft, nachdem er die Etüde bereits beendet hatte. Dann blätterte er um und zuckte zusammen, als er sah, was er vor sich hatte. Die Nocturne in Fis-Dur, geschrieben von einem Virtuosen, der sein eigenes Talent zur Schau stellen wollte. Er ging das Stück trotzdem an. Durch den langsamen Teil konnte er sich hindurchmogeln, indem er mit falschem Fingersatz spielte. Jetzt zwang er seine Finger zum Gehorsam und sie flogen über die Tasten, bis sich eine Lücke auftat, wo sein Ringfinger sein sollte. Ein falscher Ton erklang. Er schmetterte den Klavierdeckel zu und brach in Tränen aus.

„War das alles, Evan bach?“ Charlie Hopkins setzte die Kiste auf dem Plattenweg vor der Tür des Cottages ab und richtete sich wieder auf. Er hatte eine Hand auf seine Brust gelegt und atmete schwer. Es musste einiges geschehen, damit Charlie Hopkins außer Puste kam, selbst mit seinen zweiundsiebzig Jahren, aber an einem heißen Nachmittag zum zehnten Mal den Berghang zu erklimmen, war zu viel.
„Ich glaube, das war’s, Charlie“, sagte Evan Evans, der ebenfalls schwer atmete, obwohl er nur halb so alt wie Charlie und gut in Form war. „Ich kann Ihnen gar nicht genug für Ihre Hilfe danken. Mir war nicht ganz klar, was für ein anstrengender Marsch das werden würde.“
„Was soll man sonst erwarten, wenn man sich dafür entscheidet, fast oben am verdammten Gipfel zu wohnen?“, wollte Charlie wissen. Er holte ein großes Taschentuch heraus und wischte sich über die Stirn.
Evan lächelte. „Bronwen wollte eine Umzugsfirma engagieren.“
Charlie schnaubte. „Mit einem Umzugswagen kommt man hier nie im Leben hoch. Ich wüsste gerne, welche Umzugsfirma sie gefunden hätte, um die Möbel so wie wir hier heraufzutragen. Da hätten Sie es eher mit einem Streik zu tun bekommen.“
„Das habe ich ihr auch gesagt“, sagte Evan. Er hob mit einem Grunzen eine Kiste an und stieß mit dem Fuß die Haustür auf. Charlie folgte ihm mit der zweiten Kiste.
„Wo soll ich das hier hinstellen?“, fragte er. Sein Blick wanderte durch das kleine Wohnzimmer, in dem sich bereits Möbel und Kisten stapelten.
„Irgendwo auf den Boden, vielen Dank“, sagte Evan und stellte seine eigene Kiste zu einigen anderen. „Wie kann eine einzige Frau so viele Dinge besitzen?“
„Das gehört alles ihr?“
„Ja. Sie muss diese Woche aus dem Schulhaus ausziehen.“
Charlie Hopkins sog Luft zwischen seinen Zähnen hindurch. „Ah, dann ist es also wahr. Man wird die Schule schließen.“
„So ist es. Man hat Bron eine Stelle in der neuen Grundschule an der Straße nach Caernarfon angeboten. Fünfhundert Schüler werden auf diese Schule gehen. Ein ganz modernes Glasgebäude. Ich schätze, für die Kinder aus dem Dorf wird das ein Schock.“
„Ich verstehe nicht, warum sie alles ändern mussten“, sagte Charlie. „Diese Schule war gut genug für mich und für meine Jungs.“
„Ich bin mir sicher, dass mit einer Lehrerin wie Bronwen alles gut lief“, sagte Evan. „Aber ich kann verstehen, dass sie einer schlauen Zehnjährigen und einem langsamen Sechsjährigen nicht die individuelle Aufmerksamkeit schenken kann, die sie verdient hätten.“
Charlie nickte. „Vielleicht haben Sie recht. Der Unterricht ist heute anders. Als ich zur Schule ging, haben wir noch für jeden Fehler im Diktat Stockschläge auf die Finger bekommen.“
Evan lachte. „Dann ist Ihre Rechtschreibung bestimmt tadellos.“
„Ist sie auch.“ Charlie lächelte und entblößte mehrere Lücken in seinen Zahnreihen. „Dann hat Ihre Bronwen ja Glück, dass sie heiraten und zusammen hier einziehen. Sonst müsste sie auf Wohnungssuche gehen.“
„Bei Ihnen klingt das so, als würde sie mich nur heiraten, weil sie das Schulhaus verliert.“
Charlie kicherte. „Nein, ich schätze, sie hätte es schlechter treffen können. Dann geben Sie auch das Cottage auf, das Sie von Mrs. Howells gemietet haben?“
„Erst nach der Hochzeit. Bronwen findet es nicht richtig, dass ich schon mit ihr hier einziehe. Besonders, weil meine Mutter zu Besuch kommen wird. Sie ist in diesen Dingen recht altmodisch.“
Charlie grinste erneut. „Richtig so. Keine Techtelmechtel. Die Hochzeit wird eine große Feier, oder? Ich hörte, Sie lassen sich nicht in der Kapelle trauen.“ Er folgte Evan in die leichte Nachmittagsbrise hinaus, die vom Ozean heraufwehte.
Evan wuchtete eine weitere Kiste mit Küchenutensilien hoch und schwankte damit zurück ins Cottage. „Bron und ich wollten es, aber ihre Mutter hat den Aufstand geprobt. Sie müssen wissen, dass sie als Mitglied der Church of Wales aufgezogen wurde, wie alle vornehmen Leute. Ihre Mutter konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass ihre Tochter in einer nichtanglikanischen Kapelle heiratet.“ Er stieg auf einen Küchenstuhl und kämpfte darum, das Gleichgewicht zu behalten. „Wenn es nach mir ginge, würde ich mit ihr durchbrennen und in einem Standesamt heiraten, aber Hochzeiten scheinen für Frauen eine große Sache zu sein. Und Bronwen hat beim letzten Mal schon keine anständige Hochzeit gehabt.“
„Sie war schon mal verheiratet? Das wusste ich nicht.“
„Na ja, sie hat es nicht gerade an die große Glocke gehängt, was? Sie heiratete gleich nachdem sie die Universität abgeschlossen hatte.“
„Moment mal – wie könnt ihr dann in einer Kirche heiraten?“
„Weil ihre erste Ehe annulliert wurde. Ihr Ehemann war ... nicht besonders zufriedenstellend.“ Er spürte, dass er rot wurde.
Charlie grinste angesichts seines Unbehagens. „Dieses Mal wird sie in der Hinsicht wohl keine Beschwerden haben.“
Evan wandte den Blick ab. „Wir werden sehen“, sagte er. „Aber auf jeden Fall will sie dieses Mal eine richtige Hochzeit mit allem Drum und Dran.“
„Das wollen die meisten Frauen.“
„Evan schüttelte den Kopf. „Das war mir nicht bewusst. Plötzlich finde ich mich in Diskussionen um Sträuße und Champagnermarken wieder. Wie hoch soll die mehrstöckige Torte werden, wie groß das Festzelt?“
„Escob annwyl! Sagen Sie bloß, dass Sie ein Festzelt haben werden.“ Charlie wirkte beeindruckt.
„Auf dem Rasen neben der Kirche. Ihre Eltern bestehen darauf, die Kosten zu übernehmen, und machen eine große Sache daraus. Mittlerweile wünschte ich, wir hätten im kleinen Rahmen geheiratet und ihnen erst im Nachhinein davon erzählt.“
„Willkommen in der wundervollen Welt der Schwiegereltern, Junge. Das ist erst der Anfang.“
„Zum Glück wohnen sie weit weg.“ Evan sah mit einem Grinsen auf. „Und meine Mutter auch. Über ihren Besuch freue ich mich auch nicht besonders.“
„Wird sie bei Ihnen wohnen?“
„Ich habe ja nur ein einziges Bett. Deshalb bringe ich sie bei Mrs. Williams unter. Sie werden viel Spaß haben, sich über meine Fehler unterhalten und auf Walisisch plaudern. In Swansea hat sie nicht sehr viele Leute, mit denen sie Walisisch sprechen kann.“
„Stell sich das einer vor. Dann bin ich froh, hier oben zu leben.“ Er folgte Evan mit der letzten Kiste ins Cottage. „Wenn das alles war, mache ich mich besser wieder an den Abstieg, Evan bach. Meine Frau wird schon mit dem Abendessen auf mich warten, und sie kann es nicht leiden, wenn es kalt wird.“
„Natürlich. Dann machen Sie sich auf den Weg, Charlie, und noch mal vielen Dank für Ihre Hilfe. Allein hätte ich das nicht geschafft.“
„Wir wollen ja nicht, dass Sie vor der Hochzeit völlig geschlaucht sind, was?“ Charlie stieß ihm seinen Ellenbogen in die Seite und lachte keuchend. Dann trat er aus dem Cottage, blinzelte in das helle Sonnenlicht, stand einen Moment lang da und genoss mit einem zufriedenen Seufzen die Aussicht. Es war einer dieser perfekten Sommertage, die in diesem Teil von Wales so selten sind. Der Himmel war eine klare, blaue Glaskuppel über der Berglandschaft mit leuchtend violettem Heidekraut, glitzernden Bächen und tiefen Tälern. Das Dorf Llanfair aalte sich unter ihnen in der Nachmittagssonne und sah mit seiner Reihe weiß getünchter Cottages wie ein Puppendorf aus. Möwen zogen über ihnen ihre Kreise und Schafe blökten auf den Hochweiden. Die Luft war erfüllt vom Geruch des blühenden Heidekrautes und einem Hauch von Meeresduft.
„Wenn man so darüber nachdenkt“, sagte Charlie langsam, „kann man verstehen, warum Sie hier wohnen wollen. Diesen Ausblick könnte man selbst für eine Million Pfund nicht kaufen, oder?“
Evan nickte. „Das finden wir auch. Die beste Aussicht der Welt.“
„Vielleicht denken Sie anders darüber, wenn der Winter kommt“, sagte Charlie. „Sehen wir uns heute Abend im Red Dragon, Junge? Dann können Sie mich für meine Dienste auf ein Pint einladen.“
„Das werde ich tun, Charlie“, sagte Evan. „Vorausgesetzt, wir kommen rechtzeitig zurück. Ich treffe Bronwen am Nachmittag in Caernarfon. Wir haben einen Termin beim Bankdirektor, um ein gemeinsames Konto einzurichten, und wollen noch in den Antiquitätenladen. Bronwen liegt viel daran, das Haus mit Antiquitäten einzurichten, und sie hat eine passende Anrichte mit Tellerbord für die Küche gefunden.“ Evan verzog das Gesicht als Charlie lachte.
„Verabschieden Sie sich von Ihrer Freiheit und den Abenden im Pub, Junge“, sagte er.
„Sie gehen doch auch jeden Abend in den Pub“, merkte Evan an.
„Nun, ich hatte fünfzig Jahre Zeit, um sie zu formen, nicht wahr?“, sagte er. „Wenn Sie einen Rat wollen: Sie müssen eine Ehe unter den richtigen Voraussetzungen beginnen. Zeigen Sie ihr, wer der Chef ist und wie es laufen wird. Nicht dieser sensible Mist, den man dieser Tage ständig im Fernsehen sieht. Männer sind nicht dafür gemacht, Häuser zu dekorieren und Vorhänge auszuwählen. Wir sind Jäger, Junge. Die Frauen sollen die verdammten Sammlerinnen sein.“
Evan lachte und schob sich seine dunklen Locken aus dem Gesicht. „Ich fürchte, die Zeiten haben sich geändert, Charlie. Und wenn es Bronwen glücklich macht, das Haus einzurichten, dann helfe ich ihr gerne.“
Charlie schüttelte den Kopf. „Als nächstes laufen Sie in einer Schürze rum. Lassen Sie sich das gesagt sein, Junge.“
„Nein, ich glaube, wir sind uns einig, dass Bronwen das Kochen übernehmen sollte. Ich bin da ein hoffnungsloser Fall. Diolch yn fawr. Nochmals danke, Charlie.“ Er schüttelte dem alten Mann die Hand und beobachtete, wie Charlie über den steilen Pfad ins Dorf hinabstieg. Wie alle Männer, die in den Bergen aufgewachsen sind, lief er die Hänge hinauf und hinunter, als seien es flache Ebenen. Wenige Minuten später war er zwischen den ersten Häusern des Dorfes verschwunden. Evan wandte sich um und ging ins Cottage zurück.
Innen fühlte es sich dunkel an und er fragte sich, ob er versuchen sollte, die Fenster zu vergrößern. Ich bin schon ganz im Heimwerker-Modus, dachte er alarmiert und empfand einen Anflug von Sehnsucht nach dem freien, unbelasteten Leben, in dem er seine Wochenenden mit Wandern und Klettern verbracht und die Abende im Red Dragon genossen hatte. Er dachte darüber nach, einige der Kisten ins Schlafzimmer zu tragen, dann sagte er sich, dass er keine Ahnung hatte, wo Bronwen welche Sachen haben wollte. Es wäre besser, auf sie zu warten.
Als er wieder ins Sonnenlicht hinaustrat, stand er überraschend einem Mann gegenüber, der direkt vor seiner Haustür wartete.
„Oh ... hallo“, stammelte Evan. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich hoffe es.“ Sein Gegenüber war ein schlanker, knochiger, junger Mann mit ordentlichem Scheitel und Drahtgestellbrille. Sein jungenhaftes Gesicht wirkte angespannt. „Sie sind der Polizist, oder? Im Dorf hieß es, dass ich Sie hier finden würde.“
„Ich bin Detective Constable Evans, aber ich bin heute eigentlich nicht im Dienst. Was ist denn los?“
„Es geht um meine Freundin, sie ist verschwunden.“ Der junge Mann klang als sei er den Tränen nah. Sein Akzent ließ auf Manchester schließen, vielleicht auch Liverpool. Auf jeden Fall war er kein Waliser.
„Verschwunden. Wo?“
„Irgendwo da oben.“ Er deutete auf die Bergkette, die sich auf der anderen Seite des Tals erhob und deren höchsten Gipfel der Snowdon bildete.
„Am Snowdon, meinen Sie?“
Der junge Mann nickte. „Genau. Wir sind von unserer Jugendherberge aus dem Wanderweg gefolgt. Dann haben wir mit Aussicht auf einen kleinen See Mittagspause gemacht.“
„Der Pyg Track, und der See müsste der Glaslyn sein.“ Evan nickte.
„Auf dem Rückweg wurden wir getrennt, daher dachte ich, wir würden uns am Ausgangspunkt des Weges wiedersehen. Aber ich wartete und wartete und sie kam nicht. Ich ging wieder hinauf, um nach ihr zu suchen. Dann kehrte ich zur Jugendherberge zurück, um zu sehen, ob sie vielleicht auf einem anderen Weg zurückgekehrt war oder sich mitnehmen ließ, aber dort war sie auch nicht. Ich befürchte, dass ihr etwas zugestoßen ist.“
„Wie lange ist das her?“, fragte Evan.
„Wir hatten zum Mittag ein Picknick gemacht“, sagte der junge Mann. „Dann haben wir zusammengepackt und uns an den Abstieg gemacht. Wie spät ist es jetzt?“
Evan warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Viertel vor vier.“ Er zuckte zusammen. Er musste um Viertel nach vier bei dem Termin mit dem Bankdirektor sein. Er würde sofort vom Berg absteigen und die verschwitzten Klamotten ablegen müssen. Dann fiel ihm wieder ein, was er Bronwen schon so häufig gesagt hatte: Ein Polizist arbeitet vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
„Dann ist sie seit drei Stunden verschwunden.“
„Hat sie ein Handy dabei?“, fragte Evan.
„Ja, hat sie. Das ist ja so seltsam. Warum hat sie nicht angerufen, wenn sie sich verlaufen hat?“
„Der Empfang ist hier oben nicht immer der beste“, sagte Evan. „Also, ich kann noch nicht viel tun, solange keine Gefahr im Verzug ist. Vielleicht ist sie auf einem anderen Weg abgestiegen und muss sich erst zurechtfinden.“
„Aber was, wenn sie gestürzt ist und sich ein Bein gebrochen hat oder so?“ Der junge Mann klang verzweifelt.
„Sie sagten, Sie seien den Weg noch mal zurückgegangen und hätten sie gesucht, ja?“
„Genau, aber Sie meinten, sie könnte fälschlicherweise einen falschen Weg eingeschlagen haben.“
Evan legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. „Wie heißen Sie?“
„Paul. Paul Upwood. Meine Freundin heißt Shannon – Shannon Parkinson.“
„Alles klar, Paul“, sagte Evan. „Kommen Sie mit. Wir gehen runter ins Dorf. Dann werde ich im Hauptquartier anrufen und durchgeben, dass wir hier oben möglicherweise ein Problem haben. So kann ein Einsatzteam der Bergrettung auf Abruf gehalten werden. Wenn die Dämmerung einsetzt und sie noch nicht aufgetaucht ist, wird man die Suche starten.“
Der junge Mann biss sich auf die Lippe. „Wenn die Dämmerung einsetzt?“
„Wir können nicht jedes Mal einen Suchtrupp losschicken, wenn sich jemand um eine oder zwei Stunden verspätet. Da würden wir die Hälfte unseres Lebens oben auf dem Berg verbringen.“
Der junge Mann nickte und versuchte diese vernünftige Information zu akzeptieren.
Evan klopfte ihm auf die Schulter. „Das Wetter ist gut. Und es sind viele Wanderer unterwegs. Vielleicht wurde sie längst gefunden und jemand fährt sie gerade zur Jugendherberge zurück.“
„Oh, das hoffe ich.“
Er fasste neben Evan tritt und sie stiegen vom Berg ab. Evans Gewissen verlangte von ihm, Bronwen anzurufen und sich sofort mit Paul Upwood auf die Suche nach dessen Freundin zu machen. Er wusste noch, wie verzweifelt er gewesen war, als er mal Bronwen verloren hatte. Doch er musste sich in Erinnerung rufen, dass das nicht mehr seine Aufgabe war. Er war jetzt Zivilfahnder. Wenn die uniformierten Kollegen ihn anforderten, wäre er zur Stelle. Sonst würde er nur wieder jemandem auf die Füße treten und das hatte er eindeutig schon zur Genüge getan, seit er der Truppe beigetreten war.
„Wie wurden Sie getrennt?“ Evan stellte die Frage, die ihn schon eine Weile beschäftigte. Wenn man mit nur einer weiteren Person wandern ging, verlor man sich nicht so einfach aus den Augen. Besonders nicht auf einem kargen, exponierten Berg wie dem Snowdon.
Das Gesicht des jungen Mannes lief hochrot an. „Wir hatten einen kleinen Streit. Sie wandert nicht viel und ich sagte ihr, sie wäre zu langsam. Sie hatte Angst beim Abstieg. Ich fand, dass sie übervorsichtig war. Sie sagte: ‚Schön. Dann geh vor. Warte nicht auf mich.‘ Wir warfen uns gegenseitig ein paar dumme Dinge an den Kopf, dass wir egoistisch seien zum Beispiel, dann ging ich wütend weiter. Nun, ich beruhigte mich recht schnell wieder und bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so behandelt hatte. Also wartete ich auf sie. Als sie nicht auftauchte, ging ich zurück.“
Kein Wunder, dass er so aufgebracht wirkte, dachte Evan. Er hatte nicht nur mit der Sorge um seine Freundin, sondern auch mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen. Er nickte mitfühlend. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Vielleicht kann ich jemanden schicken, der nach ihr sucht. Ich hoffe, Sie haben ihre Lektion gelernt, was das Zusammenbleiben draußen in der Wildnis angeht.“
„Oh, das habe ich“, sagte der junge Mann. „Ich fühle mich schrecklich. Ich habe ihrer Mutter versprochen, gut auf sie aufzupassen. Sie war von Anfang an dagegen, uns diesen Urlaub machen zu lassen.“
„Wie alt ist Shannon?“
„Siebzehn.“
„Na, das ist doch eine gute Nachricht“, sagte Evan. „Sie ist noch minderjährig. Das macht es leichter, sofort einen Suchtrupp loszuschicken.“
Sie erreichten den Fuß des Hanges und traten auf die Hauptstraße von Llanfair – eigentlich die einzige Straße von Llanfair.
„Wo haben Sie Ihren Wagen geparkt?“, fragte Evan.
„Ich habe keinen Wagen. Wir sind mit dem kleinen Sherpa-Bus zur Jugendherberge gefahren.“
„Dann kommen Sie besser mit zu mir“, sagte er. „Ich werde für Sie im Hauptquartier anrufen, dann wird man einen Streifenwagen schicken.“
„Zu Ihnen?“, Paul wirkte verwirrt. „Dann leben sie gar nicht da oben?“ Sein Blick wanderte hinauf zu dem grauen Steincottage, das auf halber Höhe am Berghang stand.
„Noch nicht. Ich heirate und wir werden dort einziehen.“
„Lieber Sie als ich, Mann“, sagte Paul Upwood. „Ich bin gerne draußen, aber ich hätte keine Lust, jeden Tag nach Feierabend diese Klettertour zu absolvieren.“
Das schien die allgemeine Meinung über das Schäfer-Cottage zu sein, das er und Bronwen gekauft hatten. Ihm schien es ein sehr romantischer Wohnort zu sein, mit der atemberaubenden Aussicht und den soliden Steinmauern. Als Evan jetzt hinaufblickte, hoffte er, sich damit nicht übernommen zu haben.
„Kommen Sie“, sagte er und schob den Gedanken beiseite. „Lassen Sie uns diesen Anruf erledigen, ja?“