Leseprobe Tod nach Regie

Kapitel 1

Ob ich mich an irgendetwas aus dieser Zeit erinnere? So klar, als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem sie mich zum ersten Mal bemerkte. Das war bei Johnny Morgans Abschiedsparty. Er war gerade den Royal Welch Fusiliers beigetreten und sollte nach Frankreich entsendet werden. Er schien sich in seiner Uniform für etwas Besseres zu halten. Und die jungen Frauen sahen das ähnlich. Sie drängten sich um ihn, gaben ihm ihre Adressen und versprachen, ihm zu schreiben. Dann kam sie ins Zimmer. Ich erkannte sie zuerst nicht. Dann sagte jemand: „Mwfanwy? Das ist nie im Leben Mwfanwy Davies.“

Und sie lachte und sagte: „Du hast recht. Ich bin nicht Mwfanwy Davies. Von heute an heiße ich Ginger, Schätzchen. Ginger, wie Ginger Rogers.“ Dabei legte sie einen ziemlich guten amerikanischen Akzent auf.

All die jungen Frauen drängten sich zu ihr. „Deine Mutter wird dich umbringen“, sagte Gwynneth Morgan.

„Das hat sie schon versucht, aber sie kann nicht viel dagegen tun, oder?“ Sie hob eine Hand zu ihrem platinblonden Haar. „Das kann ich wohl kaum rausbleichen. Sie wird warten müssen, bis es rauswächst. Und überhaupt, mir gefällt es und sie kann mir nicht sagen, was ich mit meinem eigenen Haar machen soll.“ Sie schob sich durch den Ring aus jungen Frauen und ging zur Bowle hinüber. „Wartet nur ab, bis ich es nach Hollywood schaffe, dann wird es ihr leidtun, nicht wahr?“

„Wie willst du denn nach Hollywood kommen?“, fragte einer der Jungen. „Ich glaube nicht, dass aus Blenau ein Zug dorthin fährt.“

Ein paar der anderen Kinder lachten, aber Ginger sah ihn kühl an. „Ich schaffe es schon“, sagte sie. „So oder so. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde es schaffen.“

Dann sah sie mich an. Sie hatte unglaublich klare, blaue Augen, die strahlten, wenn sie lächelte. „Trefor, Schatz, holst du mir eine Zigarette?“

Ich war zu jung zum Rauchen, aber ich rannte den ganzen Weg bis zum Laden an der Ecke und kaufte mit den letzten Resten meines Wochenlohns eine Schachtel Woodbines. Ich hatte gerade als Lehrling in der Mine angefangen und bekam nur ein paar Shillings die Woche. Ich habe nur genug fürs Kino und ein oder zwei Bier behalten. Der Rest ging direkt an meine Mutter.

Dann rannte ich den ganzen Weg vom Laden zurück. Bis ich wieder dort ankam, saß Mwfanwy mit Johnny Morgan auf dem Sofa, rauchte eine seiner Zigaretten und hatte mich völlig vergessen.

So lief es mit Ginger. Ich wusste, dass ich auf Abstand bleiben sollte, aber es war zu spät. Ich hatte mich längst in sie verliebt.

Trefor Thomas, Tonaufnahmen seiner Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

 

„Ist es das?“ Grantley Smith räkelte sich auf dem Rücksitz und streckte den Kopf zwischen den beiden Insassen auf den Vordersitzen hindurch, als der Land Rover langsamer wurde. Regen trommelte so heftig auf die Windschutzscheibe, dass die Scheibenwischer nicht damit fertig wurden, aber ihr verzweifeltes Wischen erlaubte kurze Blicke auf eine steile, schmale Straße, die von Cottages aus grauem Stein gesäumt war. Einige tropfnasse Schafe weideten am Ufer des Baches, als der Land Rover eine bucklige Steinbrücke überquerte. Es war früher Abend und das Licht schwand rasch, doch aus den Fenstern drangen keine einladenden Lichter. Tatsächlich wirkte das Dorf, als habe es zum Winter dicht gemacht.

„Das ist es“, sagte der Fahrer, ohne sich umzublicken. „Auf dem Schild stand ‚Llanfair‘.“

„Du scherzt“, spottete Grantley Smith mit einer Stimme, die schon mit der des jungen Larry Olivier verglichen worden war. Er wandte sich zu der jungen Frau neben ihm auf dem Rücksitz. „Du musst uns eine falsche Wegbeschreibung gegeben haben, Sandie. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, die Beschreibung aus dem Internet auszudrucken. Das kann nicht richtig sein.“

„Ich habe einen Ausdruck, ganz ehrlich, Grantley“, sagte die junge Frau und sah ihn aus großen Augen mit flehendem Blick an. „Wir müssen richtig sein. Wir sind die ganze Zeit genau den Anweisungen gefolgt, während du geschlafen hast.“

„Wir müssen irgendwo falsch abgebogen sein“, beharrte Grantley. „Ich meine, ich weiß, dass wir ein Gefühl für den Ort bekommen sollen, weil wir hier oben drehen werden, aber das heißt nicht, dass ich mich nach einem gemeinsamen Bad mit den Schiefer-Kumpel vor dem Küchenfeuer sehne ...“

Falls er Gelächter erwartet hatte, wurde er enttäuscht. Die anderen Fahrzeuginsassen hatten sich im strömenden Regen von London aus am Steuer abgewechselt, während Grantley auf der Rückbank ausgestreckt geschlafen hatte.

„Wenn die Stelle hier oben ist, hat es keinen Sinn, irgendwo in der Nähe zu übernachten“, sagte der Fahrer mit abgehackter Stimme. Im Gegensatz zu Grantley, der dafür arbeitete, lebhaft und gepflegt auszusehen wie ein junger Lord Byron, wirkte Edward Ferrers mit seiner roten Farbe und kräftigen Statur wie eine übergroße Putte. „Die einzigen großen Hotels stehen an der Küste, und du willst doch nicht jeden Tag diesen Pass hier hochpendeln, oder? Ich muss vor Ort sein, um die Bergungs-Crew im Auge zu behalten. Ich will nicht, dass irgendetwas angefasst wird, wenn ich nicht dabei bin.“

„Edward und sein kostbares Flugzeug“, murmelte Grantley. „Keiner fasst mein Spielzeug an!“ Er holte eine Schachtel Gitanes heraus und füllte den Wagen mit beißendem, würzigem Rauch. Edward sah genervt nach hinten, als der Rauch zu ihm waberte.

„Mensch, Grantley, dann ist das hier oben eben nicht Beverly Hills“, sagte der Passagier auf dem Beifahrersitz in einem schleppenden Tonfall, der eine Herkunft von jenseits des Atlantiks verriet. „Ich glaube einfach nicht, dass du in einem dieser Hotels an der Küste eine bessere Unterkunft gesehen hättest.“ Er war ein älterer Mann, in kariertem Hemd, alter Jeans, Wildlederweste und einer ausgeblichenen Baskenmütze. Wenn er auf dem Rücken einen Aufdruck mit dem Wort „Filmregisseur“ getragen hätte, wäre sein Beruf dadurch nicht offensichtlicher geworden. „Die Unterkunft hier sollte in Ordnung sein.“

„Howard, wir wissen alle, dass du hier der Unerschütterliche bist.“ Grantley stützte seine Ellenbogen auf den Vordersitzen ab, sodass sein Gesicht sich jetzt zwischen ihnen befand. „Deine Definition von ganz in Ordnung entspricht einer Nacht in der afrikanischen Steppe, solange die Hyänen dir nicht die Zehen abkauen. Ein Häuschen mit fließendem Wasser fällt für dich wahrscheinlich schon unter Luxus.“

„Es wird in Ordnung sein, Grantley. Halt einfach die Klappe“, sagte Edward knapp. „Ich habe die Reservierung gemacht, und wenn es dir nicht gefällt, kannst du dir morgen etwas anderes suchen, okay?“

„Ruhig Blut, Edward“, sagte Grantley. „Wenn ihr zwei dieses Schmuckstück ausfindig gemacht habt, ist es ganz sicher perfekt. Ich frage mich nur: Wo zum Teufel ist es? Wir sind schon fast wieder aus dem Dorf raus.“ Er rutschte zum Seitenfenster hinüber und wischte mit der Hand einen Kreis in das Kondenswasser. „Es sieht nicht so aus, als würde ein vernünftiger Mensch hier ein Luxushotel hinstellen. Wartet ... da links ist irgendein Schild. Vor diesem großen, weißen Gebäude ...“

Das Schild schwang wild im Wind und sie brauchten eine Weile, um den roten Drachen darauf zu erkennen.

„Das ist nur der örtliche Pub“, sagte Edward.

„Gott sei Dank! Das Gebäude sah echt miserabel aus.“ Grantley seufzte tief und dramatisch. „Eigentlich sieht hier alles miserabel aus. Schaut euch die Läden dort an. R. Evans. G. Evans ... man muss offensichtlich Evans heißen, um hier zu leben, und was zum Teufel heißt ‚Cigydd‘?“

„Im Schaufenster liegt jede Menge Fleisch, Grantley. Ich glaube, das kannst sogar du herausbekommen“, murmelte Howard, aber Grantley fuhr fort: „Das hier ist verdammtes Ausland! Wessen verrückte Idee war es überhaupt, mitten im Winter nach Wales zu kommen?“

„Du warst begeistert, als ich dir davon erzählt habe“, sagte Edward. „Du warst derjenige, der meinte, das würde eine tolle Dokumentation abgeben.“

Howard legte eine Hand auf Edwards Arm. „Lass uns anhalten und jemanden fragen.“

Edward lachte. „Und wen? Der Ort pulsiert nicht gerade vor Leben.“

Wie aufs Stichwort öffnete sich eine Tür, ein Lichtschein fiel auf die Straße und ein junger Mann in Uniform erschien. Er trug einen marineblauen Regenmantel und als er den starken Regen bemerkte, blieb er im Eingang stehen und schlug den Kragen hoch, eher er auf die Straße hinaustrat.

Grantley lachte erfreut. „Unglaublich, sie haben an diesem gottverlassenen Ort sogar einen Polizisten. Lass ihn nicht entkommen, Edward“, sagte er, weil der Polizist offensichtlich drauf und dran war, loszurennen, um sich irgendwo unterzustellen. „Lasst uns beten, dass er Englisch spricht. Man spricht hier doch Englisch, oder, Edward?“

„Wir sind nicht in Kasachstan, Grantley, sondern in Wales“, sagte Edward. „Ich gehe davon aus, dass sie dich verstehen werden, wenn du ausreichend mit den Armen wedelst, wie du es üblicherweise in Frankreich tust.“

„Mein Französisch ist verdammt gut“, sagte Grantley. „Los, hol ihn ein.“

Sie stoppten neben dem Polizisten, der gehorsam anhielt. Der Regen hatte ihm sein dunkles Haar ins Gesicht gekleistert. Er war ein junger Mann, breitschultrig, mit einem knabenhaften Lächeln. „Kann ich Ihnen helfen, Gentlemen?“, fragte er. In seiner Stimme schwang nur ein Hauch des walisischen, trällernden Tonfalls mit.

„Wir suchen ein Hotel namens Everest Inn.“ Howard lehnte sich über Edward. „Es soll hier in der Gegend sein, aber wir müssen es wohl irgendwie verpasst haben.“

Der Polizist deutete nach links. „Es ist direkt die Straße rauf, hinter dem Dorf. Sie kommen zu großen, steinernen Torpfosten. Biegen Sie da ab und rechts sehen Sie es dann schon. Sie können es eigentlich gar nicht verfehlen.“

„Ist es gut? Ein anständiger Laden?“ Grantley lehnte sich vom Rücksitz nach vorne.

„Ich habe selbst noch nie dort übernachtet, wissen Sie, aber es ist sehr schick“, sagte der Constable. „Soweit ich weiß, hat es fünf Sterne.“

„Na dann, vielen Dank, Officer“, sagte Edward. „Wir halten Sie nicht länger auf. Sie werden ganz nass.“

„Oh, an so etwas sind wir hier gewöhnt, Sir“, sagte der Constable. „Es regnet recht viel.“

Er grinste ihnen freundlich zu und überquerte dann hinter dem Auto die Straße.

„Da habt ihr es. Die ganze Panik für nichts“, sagte Edward, als sie weiterfuhren.

„Panik? Wer war denn hier panisch? Es war nur eine aus Erschöpfung entstandene Sorge.“ Grantley sank wieder in seinen Sitz und zog erneut an seiner Zigarette.

„Das gefällt mir. Du hast die ganze Fahrt über geschlafen.“ Howard lachte trocken.

„Nun, aber wir können nicht alle deine Ausdauer haben, Howard“, sagte Grantley ruhig. „Dieses Durchhaltevermögen, das dir die nächtlichen Märsche durch den Dschungel eingebracht haben, während du Kolibakterien und Cholera trotztest und vermeiden musstest, dass Banden von Kindersoldaten dich mit Macheten zu Tode hacken.“

„Eines Tages gehst du noch zu weit, Grantley“, sagte Howard.

„Oh, das glaube ich nicht“, sagte Grantley. „Ich glaube nicht einen Augenblick daran.“ Er lehnte sich wieder vor und stützte sich auf ihre Schultern, während er durch die Windschutzscheibe blickte. „Schaut mal, da ist es!“

Rechts von ihnen ragte der Umriss eines großen Gebäudes im Regen auf, Lichter funkelten auf dem nassen Asphalt des Parkplatzes. „Ich hatte also offensichtlich recht. Ihr seid irgendwo falsch abgebogen. Wir sind in der verdammten Schweiz gelandet!“

Das Gebäude stellte sich als übergroßes Chalet aus Holz und Stein heraus, mitsamt geschnitzten Holzbalkonen, an denen Kästen mit spätblühenden Geranien prangten.

„Entweder die Schweiz oder Disneyland, da bin ich mir noch nicht sicher“, fuhr er fort und kicherte wie ein Schuljunge. „Es ist erfreulich monströs, oder? Wisst ihr, ich glaube, es wird doch ganz witzig.“

Howard Bauer und Edward Ferres wechselten einen kurzen Blick, den Grantley, der immer noch zur Fassade hinaufblickte, nicht bemerkte.

Kapitel 2

Constable Evan Evans bedauerte häufig, dass das einzige Fenster seiner kleinen Polizei-Nebenstelle auf die Berge blickte und nicht auf die Straße. Erstens konnte er von seinem Schreibtisch aus nicht sehen, was im Dorf vor sich ging – ein Versäumnis, das er bereits mehr als einmal seinen Vorgesetzten gemeldet hatte – und zweitens war es eine ständige Quelle der Ablenkung, zu seinen geliebten Bergen hinaufblicken zu können, wenn er wie heute in Papierkram versank.

Seine vierteljährliche Spesenabrechnung stand aus. Er wusste schon jetzt, dass er eine Rüge dafür erhalten würde, schon Mitte Oktober die Heizung anzustellen, aber seine Vorgesetzten unten in Caernarfon oder im Hauptquartier in Colwyn Bay hatten keine Ahnung, wie kalt es gut dreihundert Meter höher an der Flanke des Mount Snowdon werden konnte. Er blickte aus dem Fenster auf die Berghänge und seufzte. Es war ein strahlend blauer Tag nach fast einer ganzen Woche Regen. Neu entsprungene Bäche stürzten in hellen, parallelen Bändern die Steilhänge hinab. Auf den flacheren Hängen weiter unten leuchtete smaragdgrünes Gras, auf dem Regentropfen wie Diamanten funkelten. Die Schafe sahen aus, als würden sie für ein Bleichmittel werben. Selbst die Felswände leuchteten warm im sanften Novemberlicht.

Ein perfekter Tag zum Wandern oder Klettern, und er saß in seinem Büro fest. Es hatte das ganze Wochenende lang geregnet, sodass er drinnen eingesperrt gewesen war. Er hatte im Fernsehen Rugby geschaut und mit Bronwen Scrabble gespielt. Letzteres war keine schöne Erfahrung gewesen; sie war zu belesen, um ein fairer Gegner für ihn zu sein.

Kaum, dass Bronwen in seine Gedanken trat, glitt sein Blick zu den Mauern des zerstörten Cottages hinauf, das hoch oben über dem Dorf lag. Es hatte einem englischen Paar gehört, bis es von Brandstiftern angezündet worden war. War es ein vergeblicher Traum, zu glauben, dass er es vielleicht wiederaufbauen könnte, um endlich ein eigenes Haus zu haben? Er war sich sicher, dass die englischen Besitzer die Versicherungssumme eingestrichen hatten, und vermutlich nicht mehr zurückkommen würden. Sie wären bestimmt zufrieden damit, es für einen Spottpreis zu verkaufen, aber er bräuchte immer noch die Erlaubnis der Nationalpark-Verwaltung, um es wiederaufzubauen. Dort war man sehr streng, wenn es um Baugenehmigungen ging, aber einen Versuch war es wert. Er zeichnete den Umriss eines Cottages an den Rand seines Notizblockes – mit soliden Mauern und Rauch, der aus dem Schornstein aufstieg –, bis das Klingeln des Telefons ihn zusammenzucken ließ.

„Constable Evans?“ Eine Frauenstimme. „Police Constable Jones hier, aus dem Hauptquartier. Chief Inspector Meredith möchte Sie umgehend sehen.“

„Verdammt“, murmelte Evan beim Aufstehen. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn der Alte ihn umgehend sehen wollte. Als er in seinen Wagen stieg und durch Llanfair, den Pass hinunter und Richtung Caernarfon fuhr, versuchte er herauszubekommen, was er wohl dieses Mal falsch gemacht hatte. Ihm fiel allerdings nichts ein. Der Chief hatte sich bislang eigentlich nur beschwert, wenn er seine Nase in Mordermittlungen gesteckt hatte. Und selbst da konnte er keinen großen Aufstand machen, weil Evan elementar zur Aufklärung mehrerer Schwerverbrechen beigetragen hatte.

Es hatte Zeiten gegeben, dass seine Vorgesetzten ihm nahegelegt hatten, eine Versetzung zu den Zivilfahndern zu beantragen. Doch als er endlich den Sprung gewagt und seinen Antrag eingereicht hatte, war er abgelehnt worden. Oh, sie hatten es ihm sehr freundlich beigebracht. Es habe nichts mit seinen Fähigkeiten oder einem Mangel derselben zu tun, hatte man ihm gesagt. Aber aus Colwyn Bay sei die Anweisung gekommen, mehr weibliche Detectives einzustellen, ehe wieder Männer in Betracht gezogen würden.

Er bog mit seinem Wagen auf den Parkplatz der Polizeistation in Caernarfon ein und atmete tief durch. Er brachte das Ganze besser so schnell wie möglich hinter sich. Gerade als er sich der Tür näherte, trat ein schmächtiger Mann mit sandfarbenem Haar in einem beigefarbenen Regenmantel heraus.

„Hallo, Junge, schön Sie zu sehen“, rief Sergeant Watkins Evan entgegen. „Sagen Sie mir nicht, dass Sie schon wieder eine Leiche gefunden haben – ich habe mein ruhiges Leben der vergangenen Wochen genossen.“

Evan grinste. „Keine Leiche, Sarge. Mein Chief will mich sprechen.“

„Waren Sie wieder ein böser Junge, ja? Haben Sie bei der Spesenabrechnung geschwindelt?“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Evan. „Ich gehe besser rein und finde es heraus. Die Spannung bringt mich um.“

„Und ich muss zu meiner spannenden Observierung bei Tesco’s zurück.“

Tesco’s? Plant jemand, Supermärkte zu überfallen?“

„Nichts so Glanzvolles. Jemand hat wiederholt Weihnachtspudding und Geschenkpapier mitgehen lassen – unverderbliche Sachen, die eine Woche später an Marktständen aufgetaucht sind. Wir glauben, dass es die hiesige Gang ist, aber sie stellen sich ganz gut an. Die Überwachungskameras haben sie noch nicht erwischt.“ Er rollte mit den Augen. „Manchmal glaube ich, das ruhige Leben ist überbewertet.“

Evan betrat das Gebäude und war überrascht von der angenehmen Wärme. Die Heizung lief hier auf jeden Fall, da konnten sie ihm doch kaum seinen kleinen Gasofen missgönnen.

Chief Inspector Meredith war ein dicker, rotgesichtiger Mann mit Hängebacken und hochgerollten Hemdsärmeln. Er sah auf, als Evan in sein Büro trat. „Ah, Evans. Guter Mann. Schön, dass Sie so schnell hergekommen sind.“ Er deutete auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich.“

„Stimmt etwas nicht, Sir?“ Die Frage konnte Evan sich nicht verkneifen.

„Nichts dergleichen. Ich habe Sie hierher bestellt, weil ich einen kleinen Auftrag für Sie habe, streng geheim fürs Erste.“ Er lehnte sich vertraulich nach vorne, obwohl sie in dem Zimmer alleine waren. „Das Verteidigungsministerium hat mich um polizeiliche Unterstützung gebeten.“

„Oh, ist das so, Sir?“ Evans Gedanken rasten. Terroristen der IRA oder Libyer könnten just in diesem Moment über die Berge einsickern und er war gerufen worden, um bei ihrer Ergreifung zu helfen ...

„Soweit ich weiß, hat es etwas mit der Bergung eines deutschen Bombers aus dem Llyn Llydaw zu tun.“

„Ein deutscher Bomber, Sir?“ Evan war sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte. „Sie meinen ein Flugzeug?“

„Natürlich meine ich ein Flugzeug. Ein deutscher Bomber, der im Zweiten Weltkrieg in den See gestürzt ist. Wie ich hörte, versucht man, ihn zu bergen. Fragen Sie mich nicht, wie man nach all der Zeit darauf kommt. Ich vermute, es ist mal wieder eine verdammte Verschwendung von Steuergeldern. Oh, und eine Filmcrew wird die ganze Sache begleiten, die wollen natürlich nicht, dass ihnen Einheimische in die Quere kommen.“ Er hielt inne. „Ihre Aufgabe wird es sein, die Gaffer fernzuhalten, und dafür zu sorgen, dass bei der Crew alles glatt läuft. Verstanden?“

„Ja, Sir.“ Evan war ernüchtert. Auf einen Schlag vom Terroristenjäger zum Sicherheitsmann degradiert.

„Die Crew wohnt oben im Everest Inn“, fuhr der Chief Inspector fort. „Sie wünschen, dass Sie sich mit ihnen in Verbindung setzen.“

„Ich habe sie schon kennengelernt, Sir“, sagte Evan.

„Wie zum Teufel haben Sie das hinbekommen? Wie ich hörte, haben sie sich ohne großes Tamtam eingeschlichen. Der verdammte Buschfunk von Llanfair, nehme ich an.“

„Nein, reiner Zufall“, sagte Evan. „Sie hielten vor ein paar Tagen an, um mich nach dem Weg zu fragen. Sie sahen wie Leute vom Film aus. Einer trug sogar eine Baskenmütze.“

„Sehr aufmerksam, Constable.“ Der Chief Inspector lächelte Evan herablassend an. Evan erwiderte das Lächeln mit zusammengebissenen Zähnen.

Er stand auf. „Wäre das alles, Sir?“

„Ja, ich denke schon. Gehen Sie zu ihnen, stellen Sie sich vor und bieten Sie Ihre Unterstützung an, wenn sie von Nöten sein sollte. Ich sagte ihnen, dass Sie die Gegend wie Ihre Westentasche kennen. Sie sollten ihnen vielleicht den besten Weg zum See zeigen, sie haben schwere Ausrüstung zu transportieren.“

„Ich hoffe, dass sie gut in Form sind, Sir“, sagte Evan trocken. „Es ist ein recht steiler Aufstieg.“

„Ich denke, sie werden dort hochfahren – mit Land Rovers oder so. Es wird ja wohl irgendeine Strecke geben, über die man mit einem Fahrzeug hinaufkommt, oder?“

„Ich würde da nicht hochfahren wollen“, sagte Evan. „Aber ich schätze, es wäre möglich.“

Der Chief Inspector lächelte Evan an. „Geben Sie Ihr Bestes, Constable. Wir wollen keine Beschwerden hören. Ich hörte, das seien hochkarätige Leute, und Menschen vom Film können temperamentvoll sein.“

„Sehr wohl, Sir“, sagte Evan. „Werden Sie eine Vertretung schicken, die sich um das Dorf kümmert, wenn ich den ganzen Tag in den Bergen unterwegs bin?“

„Ich werde ab und zu einen Streifenwagen vorbeischicken“, sagte der Inspector. „Ich glaube kaum, dass es in Llanfair genug Verbrechen gibt, um dort oben eine zweite Vollzeitstelle zu rechtfertigen.“ Er blickte auf seine Unterlagen. „Ab mit Ihnen.“

Rausgeschickt – wie ein Schüler aus dem Büro des Direktors. „Sehr aufmerksam, Constable.“ Die Worte hallten durch seine Gedanken.

Er ging den Flur entlang und dachte nur daran, in sein Auto zu steigen und so schnell wie möglich nach Llanfair zurückzufahren.

„Sprechen Sie jetzt nicht mehr mit mir, Constable Evans?“

Evan drehte sich zu ihrer Stimme um. „Oh, hallo Glynis, oder sollte ich Detective Constable Davies sagen?“ Sie sah sogar anders aus. Ihr rotes Haar war zu einem glatten Bob geschnitten und sie trug einen sehr maskulinen, grauen Nadelstreifenanzug, der an ihr doch irgendwie weiblich wirkte. „Was machen Sie hier? Ich dachte, Sie wären noch zur Ausbildung im Hauptquartier.“

„Oh, das bin ich auch.“ Sie schenkte ihm ein fröhliches Lächeln. „Ich folge diese Woche Detective Inspector Johnson, und er hat einen Fall, den er mit unserem Detective Inspector Hughes besprechen möchte. Es ist schön, wieder in meinem alten Revier zu sein. Ich hoffe, dass man mich hier einsetzen wird, wenn ich die Ausbildung beendet habe.“

„Dann haben Sie Spaß?“, fragte er.

„Absolut.“ Ein weiteres, breites Lächeln. „Ich hatte die Sorge, dass man sich daran stören würde, dass ich eine Frau bin, aber bisher waren alle sehr hilfsbereit. Sie sind alle unglaublich nett zu mir.“

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass du mit dem Neffen des Chief Constables ausgehst, dachte Evan.

„Nun, schön Sie wiederzusehen, Glynis“, fügte er hinzu. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit.“

„Dieser Detective-Kram macht wirklich Spaß, Evan“, rief sie ihm nach. „Sie sollten sich bewerben. Sie wären gut darin.“

Er hatte den Anstand, sich mit einem leichten Lächeln zu ihr zu wenden, als er die Tür öffnete. Ihre Worte hallten durch seinen Kopf, als er die Passstraße wieder hinauffuhr. Und sie hatte ihn Constable Evans genannt. Er dachte daran, dass er mal geglaubt hatte, sie würde auf ihn stehen. Er war verdammt noch mal zu naiv, das war sein Problem.

Es war nicht ihre Schuld, sagte er sich, als er ruhiger wurde. Sie war zu gut, um lange ein besseres Büromädchen zu bleiben. Sie war intelligent, oder nicht? Sie kam von der Universität und war clever im Umgang mit Computern. Sie würde vermutlich einen verdammt guten Detective abgeben. Und es war nicht ihre Schuld, dass sie umwerfend aussah.

Die Straße wurde steiler, als das Dorf Llanberis mit seinem langgezogenen, funkelnden See zu seiner Linken vorüberzog. Er kurbelte das Fenster herunter und kühle Bergluft strömte ihm entgegen. Sie roch nach dem frischen Grün wachsender Pflanzen. Ein Möwenschwarm ließ sich herabsinken, um auf dem See zu landen. Der Wind trug das entfernte Blöken der Schafe herüber.

Er hatte Bronwen, rief er sich ins Gedächtnis. Er war ein glücklicher Mann. Auch sie war schlau und gutaussehend. Was könnte ein Kerl mehr wollen? Er wusste die Antwort sofort – er wollte ihr mehr bieten können als nur ein bescheidener Streifenpolizist zu sein. Na ja, es hatte keinen Zweck, sich länger damit aufzuhalten. Er hatte seine Chancen bekommen, und er hatte sie abgelehnt. Er sorgte besser dafür, dass er seine Arbeit machte, und zwar verdammt gut.