Leseprobe Tod im Theater

ERSTER AKT

Für uns und unsre Vorstellung

Mit untertänger Huldigung

Ersuchen wir Genehmigung.

(Hamlet, Akt III, 2. Szene)

1. Szene

Ein schwacher, glutroter Lichtschimmer ergoss sich über die grausame Szene und meißelte die Umrisse grotesk verdrehter Glieder aus der Dunkelheit. Gespenstische Stille breitete sich aus, und Agnes wagte kaum, zu atmen. In der beklemmenden Schwärze tastete sie nach Andrews Hand. Eine Geigenmelodie, dünn und fragil wie ein einzelner Spinnenfaden, kroch in die Stille. Agnes kannte die Melodie. Es war ein Choral, der häufig auf Beerdigungen gespielt wurde. Das Stück, das angeblich den Untergang der Titanic begleitete: Nearer, My God, to Thee! Doch die dünne Melodie verlor sich bald, bis das brachiale Stakkato einer Maschinengewehrsalve die eingetretene Stille zerfetzte.

Der Vorhang fiel.

Für einen kurzen Moment regte sich nichts, dann brandete Beifall durch die Zuschauerreihen. Begeisterte Pfiffe mischten sich vereinzelt unter das Klatschen. Agnes hielt es nicht mehr auf ihrem Sitz.

»Bravo!«, rief sie wild begeistert. »Bravo!«

Immer mehr Zuschauer erhoben sich. Als der Vorhang sich wieder öffnete und den Blick auf die Darsteller freigab, schwoll der Applaus zu einem Donnergrollen an, das Agnes in der Magengrube spüren konnte. Sich an den Händen haltend verbeugten sich die Schauspieler, trennten ihre Reihe in der Mitte und liefen zu beiden Seiten der Bühne hinaus. Der Applaus hielt sich, wurde lediglich etwas leiser und schwoll wieder an, als die Darsteller einzeln bis zur Mitte der Bühne liefen und sich verbeugten.

Agnes konnte ihre Begeisterung kaum im Zaum halten, als Iain Stewart, der die Titelrolle gespielt hatte, auf die Bühne lief. Zwischen Daumen und Zeigefinger stieß sie einen schrillen Pfiff aus, der klang wie der eines Bauarbeiters, der einer Frau hinterherpfiff. Sie spürte Andrews Ellenbogen in der Seite, der sie sanft anstieß.

»Was denn!«, zischte sie. »Er war großartig! Findest du nicht? Bravo!«, rief sie noch einmal und ließ einen weiteren Pfiff durchs Publikum gellen, nun schon allein aus Trotz.

Die Schauspieler mussten wiederholt hinaus auf die Bühne, bis der Applaus schließlich abebbte und die Zuschauer den Ausgängen zustrebten.

»Sieht er nicht fantastisch aus?«, fragte Agnes, als sie etwas später in der Schlange vor der Garderobe standen. »Er hat etwas von diesem Dings, wie heißt er noch? Na, du weißt schon. Auch ein extrem gut aussehender Mann. Er hat damals in diesem Film, in dem es um Genmanipulation ging, einen Querschnittsgelähmten gespielt. Und der andere hat seine DNA benutzt, um in ein Raumfahrtprogramm zu kommen. Erinnerst du dich?«

»Nein«, entgegnete Andrew trocken. »Ich merke mir nie die Namen von irgendwelchen Schauspielern.«

»Doch. Den kennst du«, beharrte Agnes. »Ganz bestimmt. Der war doch mal mit dieser … Sierra Dingens – ach, ich weiß nicht mehr. Jedenfalls war er mit der verlobt und dann ist er mit dem Kindermädchen fremdgegangen.«

»Aha.« Andrew lachte. »Natürlich weiß ich jetzt genau, von wem du sprichst. Wie könnte ich auch den Verlobten von Sierra Dingens vergessen! Du liest eindeutig zu viele Klatschblätter, wenn du zum Friseur gehst.«

»Mach dich nur lustig über mich.« Agnes war fest entschlossen, sich ihre Hochstimmung von Andrews Sticheleien nicht vermiesen zu lassen. »Immerhin hat der Friseur bei mir noch etwas zu tun.« Zärtlich zerzauste sie die verbliebenen Haare in Andrews lichtem Haarkranz.

»Punkt für dich.« Er schob lachend ihre Hand zur Seite.

»Wie fandest du das Stück?«, fragte sie, während sie anstanden. »Es war grandios, nicht wahr?«

»Hm«, brummte Andrew. »Ich weiß nicht. Ich kann mit diesen modernen Adaptationen klassischer Stücke nichts anfangen. Warum kann man die Klassiker nicht einfach für sich sprechen lassen? Hamlet und organisiertes Verbrechen!« Er schüttelte den Kopf. »Und warum kann man heutzutage kein Stück mehr aufführen, ohne dass nicht mindestens ein Nackter auf der Bühne herumspringt und geflucht wird wie nichts Gutes?«

»Ach, du bist ein alter Kulturbanause!« Agnes grinste und schlug ihm mit einer wegwerfenden Geste leicht auf den Arm.

»Nein, bin ich nicht. Ich bin einfach nur altmodisch«, widersprach Andrew. »Und hoffnungslos nostalgisch.«

»Und genau das liebe ich an dir.« Agnes hakte sich bei ihm unter, schmiegte sich an seine Schulter und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber du bist mein Fels in der Brandung.«

Andrew lächelte und drückte ihren Arm.

Inzwischen hatten sie den Garderobentresen erreicht, und Agnes legte ihre Marke darauf. Eigentlich hätte sie überhaupt keine gebraucht, denn ihre maisgelbe Spenzerjacke im Military-Stil war weithin sichtbar als einziger Farbtupfer zwischen lauter Schwarz, Marineblau und Beige. Schon eben im Zuschauersaal hatte sie mit einer gewissen Genugtuung festgestellt, dass sie mit ihrem leuchtend kobaltblauen Jumpsuit die einzige Dame jenseits der fünfzig war, die sich nicht in gedeckte Farben gehüllt hatte. Sie hasste Schwarz, diese Unfarbe, die gierig das Licht verschluckte. Mit Ausnahme einer Motorradlederjacke und eines Hosenanzugs, den sie sich im letzten Jahr für Neils Beerdigung gekauft hatte, gab es in ihrem Schrank kein einziges schwarzes Kleidungsstück. Darauf war Agnes ein klein wenig stolz, und sie hätte sich gewünscht, auch Andrew hätte bisweilen etwas mehr Mut zur Farbe. Immerhin trug er heute das weinrote Oxfordhemd, das sie gestern bei einer kleinen Boutique am Grassmarket für ihn erstanden hatten. Fürs Erste erschöpfte sich Andrews Experimentierfreude allerdings in Weinrot und Taubenblau.

Ungeduldig angelte Agnes ihre Jacke vom Tresen und zog Andrew am Arm Richtung Ausgang. »Komm, wir müssen uns beeilen, an die Stage Door zu kommen, sonst ist er nachher schon weg.«

»Nun hetz doch nicht so. Du bist ja schlimmer als ein Teenager.«

»Es kommt ja auch nicht alle Tage vor, dass man einen preisgekrönten Schauspieler persönlich kennt«, entgegnete Agnes ungerührt und griff nach Andrews Hand, um ihn hinter sich herzuziehen wie einen unfolgsamen Dreijährigen. »Ich sehe ihn noch vor mir mit Krawatte und Schulblazer. Was für ein Flegel! Große Klappe und stinkend faul und schon damals ein Mädchenschwarm. Tja, aber dann ist ja doch noch etwas aus ihm geworden.«

»Woher willst du wissen, dass er nicht immer noch ein Riesenflegel ist?«

»Das werden wir ja gleich sehen«, entgegnete Agnes. »Hm. Wir sind wohl nicht die Ersten.«

Tatsächlich hatten sich am Bühnenausgang bereits weitere Besucher der Vorstellung eingefunden, viele mit Blumen und kleinen Stofftieren bewaffnet.

»Mir scheint, die sind etwas besser vorbereitet«, sagte sie und gesellte sich zu den Wartenden. »Jude Law«, sagte sie an Andrew gewandt, der sie daraufhin stirnrunzelnd ansah.

»Eben kam ich nicht auf den Namen. Er hat etwas von Jude Law.«

»Nicht wahr?«, pflichtete eine hübsche Dunkelhaarige von vielleicht fünfunddreißig bei, die neben ihnen stand. »Das machen die Augen. Und diese Lippen! Hach, er ist einfach nur sexy! Jude Law mit dem Körper von Chris Hemsworth.«

Aus dem Augenwinkel sah Agnes, wie Andrew verständnislos den Kopf schüttelte.

Immer, wenn sich der hintere Bühnenausgang öffnete, ging ein Ruck durch die Wartenden. Hälse reckten sich, alle versuchten zu sehen, wer das Theater verließ, und gleich bildete sich eine Traube Fans um die jeweiligen Darsteller.

Endlich erschien auch Iain. Agnes, für die es eine neue Erfahrung war, als Fan auf einen Künstler zu warten, reagierte nicht schnell genug und wurde von anderen abgedrängt, die Iain umringten. Geduldig wartete sie, während er Autogramme schrieb und für Fotos posierte.

Als sich die Gruppe nach und nach auflöste, gelang es ihr, nach vorn zu kommen.

Iain Stewart sah von dem Autogramm auf, das er eben geschrieben hatte, und entdeckte Agnes zwischen den Fans, die ihn umringten. Zunächst sah er sie einen Augenblick stirnrunzelnd an, dann spiegelte sich Erkennen in seinem Ausdruck.

»Mrs M.!«, rief er. Der Spitzname aus Schultagen, den ihre Schülerinnen und Schüler ihr verpasst hatten, erinnerte Agnes angenehm an alte Zeiten. »Das gibt es ja gar nicht! Wie schön, Sie zu sehen.«

Sie spürte, wie ihre Wangen sich erhitzten, als sich ihr daraufhin etliche neugierige Blicke zuwandten.

Iain übergab das Autogramm und drängte sich durch die Wartenden, um Agnes herzlich die Hand zu schütteln.

»Wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Sie haben sich kein Stück verändert!« Er lächelte und sah für einen Augenblick fragend zu Andrew. Dann streckte er auch ihm die Hand hin. »Reverend Fletcher! Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gleich erkannt. Ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal bei Ihnen in der Kirche war.« Ein schelmisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht, das ihm etwas Lausbübisches gab und ihn noch attraktiver wirken ließ.

Wenn er auch früher bereits ein hübsches Kerlchen gewesen war, jetzt, mit Anfang dreißig, war er einfach nur umwerfend. Er strahlte eine Gelassenheit und Selbstsicherheit aus, die er als Jugendlicher nicht besessen hatte, möglicherweise ein Ergebnis seiner Schauspielausbildung. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zuflogen.

»Als ich von deinem Theaterpreis gelesen habe, musste ich herkommen, um dir persönlich zu gratulieren und mir das Stück anzusehen«, erklärte Agnes.

»Hat es Ihnen gefallen?« Etwas in Iains Blick ließ Agnes glauben, er lege auf ihre Anerkennung besonderen Wert.

»Sehr«, entgegnete sie. »Der Theaterpreis ist mehr als verdient. Aber auch deine Kolleginnen und Kollegen waren hervorragend.«

»Hat es Ihnen auch gefallen, Reverend Fletcher?«

Andrew nickte höflich und murmelte eine kurze Bestätigung.

»Sie sind aber nicht extra von Mull angereist, um mich zu sehen, oder? Ich fühle mich extrem geschmeichelt.«

»Nicht ganz«, entgegnete Agnes. »Ich habe bis vor Kurzem noch hier in Edinburgh gewohnt und bin erst vor einigen Monaten zurück nach Mull gezogen. Nun hat es sich als Glücksfall erwiesen, dass ich mich von meiner Wohnung hier noch nicht vollständig trennen konnte. Während des Festivals hätten Andrew und ich sicher Schwierigkeiten gehabt, spontan noch eine Unterkunft zu finden.«

»Da könnten Sie recht haben«, bestätigte Iain. »Jedenfalls freue ich mich irrsinnig, Sie einmal wiederzusehen. Sie waren immer meine Lieblingslehrerin. Und Sie hatten es gewiss nicht leicht mit mir.«

»Das kann man wohl sagen.« Agnes lächelte. Iain verdankte sie gewiss das eine oder andere graue Haar. Er war nicht der Typ, der es sich und anderen leicht machte. »Aber ich will dich deinen Fans nicht länger vorenthalten«, fügte Sie mit einem Seitenblick auf die Wartenden hinzu. »Ich wollte nur schnell Hallo sagen, dir zu deinem Preis gratulieren und dir einen schönen Abend wünschen.«

Iain schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, Mrs M.! Sie können jetzt nicht einfach so verschwinden. Oder haben Sie es eilig?«

»Nein, nicht direkt«, entgegnete Agnes vergnügt. »Aber ich fürchte, wir machen uns gerade unbeliebt.«

Iain sah sich um und senkte die Stimme, offenbar um zu verhindern, dass die Umstehenden es mitbekamen. »Wir gehen meistens nach dem Auftritt noch kurz ins Brass Monkey. Warum gehen Sie und Reverend Fletcher nicht schon einmal vor und wir treffen uns dort?« Iain sah auf die Uhr. »Wenn Sie sich beeilen, bekommen Sie auch noch etwas zu essen. Die Küche schließt um zehn. Die haben tolle Burger, aber auch jede Menge vegetarische und vegane Gerichte.«

»Ein ausgezeichneter Vorschlag«, rief Andrew enthusiastisch. »Ich könnte sehr gut noch einen Happen vertragen.«

»Prima. Dann treffen wir uns dort.«

»Ich fürchte, wir heben den Altersschnitt um ein Beträchtliches«, stellte Andrew fest, als sie die Kneipe betraten. Das Lokal mit seinen zusammengewürfelten Möbeln, Sofas und Sitzkissen verströmte Wohnzimmeratmosphäre und den verlotterten Charme einer Studentenkneipe. Filmplakate und Schwarz-Weiß-Bilder großer Schauspieler aus Hollywoods goldenem Zeitalter zierten die Wände.

»Ja, man könnte sagen, wir stechen etwas heraus«, stellte Agnes amüsiert fest. »Aber es sieht gemütlich aus.«

Andrew warf einen Blick auf die Uhr. »Und wir sind noch rechtzeitig, um etwas zu essen zu bestellen.«

Während Andrew einen Chorizo-Burger mit Salsa wählte, wollte Agnes ein veganes Curry probieren. Bewaffnet mit je einem Pint Lager suchten sie sich einen Platz an einem der Tische im Barbereich.

Noch bevor das Essen fertig war, sahen sie Iain mit einigen der übrigen Schauspieler durch die Tür kommen. Agnes winkte sie herüber. Sie erkannte die Darstellerin, die Hamlets Mutter Trudy gespielt und die ihr außerordentlich gut gefallen hatte. Dahinter folgte der ältere Schauspieler, der den Claudio gegeben hatte. Außerdem entdeckte sie den jungen Mann, der im Stück den Leonardo verkörpert hatte und von der hübschen Rothaarigen begleitet wurde, die Agnes als die Darstellerin von Margie Guildencrantz erkannte. Besonders fiel Agnes ein schmächtiger junger Mann mit etlichen Piercings und Tätowierungen auf, den sie auf Anhieb keiner Rolle zuordnen konnte.

»Das ist also die berühmte Mrs Munro!«, rief die Trudy-Darstellerin mit den wilden schwarzen Locken und dem ansteckenden Lachen und streckte Agnes eine Hand mit leuchtend rot lackierten Fingernägeln hin. »Mandisa Bhele. Nett, Sie kennenzulernen. Iain hat uns gerade von Ihnen vorgeschwärmt und was für eine tolle Lehrerin sie waren.«

»Oje, ich werde ja ganz rot. Sie waren auch toll als Trudy!«, gab Agnes zurück und stellte Andrew vor.

Der Darsteller des Leonardo setzte sich nicht zu ihnen, sondern steuerte einen Tisch schräg gegenüber an. Die rothaarige Frau, offenbar seine Freundin, folgte ihm. Der ältere Schauspieler, der den Claudio gespielt hatte, gesellte sich zu Agnes, Andrew, Mandisa und Iain. Er stellte sich als Douglas Biggerstaff vor. »Aber alle nennen mich Dougie«, ergänzte er, wobei er es schottisch, also duh-gi, sprach. Agnes kam sein Gesicht vage bekannt vor. Möglicherweise hatte sie ihn schon einmal in einem Theaterstück gesehen. Mit den dunklen, bereits deutlich angegrauten Haaren und dem Vollbart wirkte er würdevoll und schien so überhaupt nicht zu dem etwas wild aussehenden jungen Mann mit den Piercings und Tattoos zu passen, der neben ihm Platz genommen hatte und den Iain als Tommy Cox vorstellte. Er war zuständig für Requisite und Pyrotechnik, was erklärte, dass Agnes ihn nicht hatte einordnen können.

»Wollen Geraldine und Kenny sich nicht zu uns setzen?«, fragte Mandisa mit einem verwunderten Blick auf die beiden Kollegen.

»Offenbar nicht«, meinte Tommy und verdrehte die Augen. »Monsieur Kenny geruhen wohl, heute nicht mit dem Pöbel zu trinken. Erklär mir einer, was Geraldine an dieser Zecke findet.«

»Komm, lass gut sein, Tommy«, bremste ihn Iain. »Wir haben heute einen Pfarrer unter uns, also benimm dich.«

»Ist doch wahr«, beharrte Tommy, grinste dann aber entschuldigend in Andrews Richtung und zuckte mit den Schultern. »Sorry, Reverend.«

»Schon gut«, entgegnete Andrew lachend und nahm einen herzhaften Bissen von seinem Burger.

»Er nimmt es dir noch immer krumm, dass Daniel dir den Hamlet gegeben hat«, mutmaßte Douglas. »Aber für mich ist es eine ganz klare Sache: Er war im Casting einfach schlechter vorbereitet. Du hast die Rolle und den Preis vollkommen verdient bekommen.«

»Möglich«, murmelte Iain abwiegelnd. »Aber wir wollen doch Mrs Munro und Reverend Fletcher nicht mit unseren internen Querelen langweilen. Schließlich sind die beiden extra von Mull gekommen, um unser Stück zu sehen.«

»Und Sie waren dort Iains Kunstlehrerin?«, wandte sich Mandisa mit neugierigem Blick an Agnes. »Wie war er denn so als Schüler? War er frech oder so ein ganz Braver?«

»Sagen Sie nichts, Mrs M.!«, rief Iain spaßhaft. »Gibt es nicht so etwas wie eine Schweigepflicht für Lehrer?«

»Er war sehr talentiert. Und äußerst beliebt bei den Mädchen«, entgegnete Agnes diplomatisch.

Mandisa schnalzte mit der Zunge. »Na, das kann ich mir vorstellen.«

Iain grinste und stand auf, er wirkte verlegen.

»Ich bestelle uns mal zwei von diesen Dip-Platten, bevor die Küche schließt. Sonst noch etwas?«

Bald waren alle mit Essen und Getränken versorgt und das gefräßige Schweigen wurde von munterem Small Talk unterbrochen.

»Und Sie haben hier in Edinburgh gewohnt? Das hätte ich wissen sollen, dann hätte ich Sie mal besucht.« Iain rupfte ein Stück Fladenbrot ab und tauchte es in den Hummus.

»Die letzten zehn Jahre hab ich hier gewohnt und im Internat unterrichtet.«

»Und jetzt sind Sie zurück in Tobermory? Hatten Sie Sehnsucht?«

Agnes lächelte bedeutsam und warf einen kurzen Seitenblick auf Andrew. »Sagen wir, ich hatte gute Gründe.«

Iain war ihrem Blick gefolgt und schien zu verstehen. »Es ist schön, dass Sie wieder jemanden gefunden haben. War sicher eine schwere Zeit, als Ihr Mann gestorben ist. Großartiger Mann. Der Bücherbus war seine Idee, nicht wahr? Ich wäre gern zur Beerdigung gekommen, aber ich brauchte Abstand von Mull. Sie wissen ja.« Er machte eine vage Geste. »Hab der Insel für immer den Rücken gekehrt, und das ist auch gut so.«

»Du warst seit dem Schulabschluss nie mehr dort?«

Iain schüttelte den Kopf.

»Und deine Eltern? Hast du überhaupt keinen Kontakt mehr?«

Wieder schüttelte er nur den Kopf.

»Glaubst du nicht, dass ihr vielleicht irgendwann …«

»Nein, Mrs M.!« Iain reckte entschlossen das Kinn vor. »Lassen Sie uns bitte über etwas Erfreulicheres reden, ja? Ich habe keine Lust, mir und Ihnen die Laune zu verderben.«

»Okay.« Agnes nickte. Sie konnte Iain verstehen. Das Verhältnis zu seinen Eltern war stets ein schwieriges gewesen. Sie hatte damals versucht zu vermitteln, aber Fred Stewart war ein Sturkopf, wie er im Buche stand, und hatte sich von ihren wohlgemeinten Ratschlägen wenig angenommen. Mr Stewart hielt nicht viel von ihr, das wusste Agnes. Sie passte nicht zu seinem Bild von einer guten Lehrerin. Überhaupt hielt er die musischen Fächer für Zeit- und Geldverschwendung. Iains Mutter war etwas zugänglicher gewesen, aber zu schwach, sich ihrem Sohn zuliebe aufzurichten und dem dominanten Vater die Stirn zu bieten. Für sie tat es Agnes leid, denn sie war überzeugt, dass Mary Anne ihren Sohn liebte. Doch durch ihre unverbrüchliche Loyalität zu ihrem Ehemann hatte sie ihn verloren. Agnes waren die Stewarts wie ein vergessenes Fossil aus den Fünfzigerjahren erschienen, und sie konnte nur zu gut nachvollziehen, dass Iain den Kontakt abgebrochen hatte. Zu lange hatte er sich unter der Last ihrer hohen Erwartungen und strengen Grenzen aufgerieben.

»Dann reden wir doch lieber darüber, dass du mich endlich Agnes nennen solltest. Wir sind schließlich nicht mehr in der Schule. Ich komme mir noch älter vor, als ich ohnehin schon bin.«

»Sie sind doch nicht … ich meine, du bist doch nicht alt! Mann, das ist ungewohnt.« Iain lächelte verlegen. »Du siehst spitze aus, noch genau so, wie ich dich in Erinnerung habe. Kein Stück leiser geworden, nehme ich an.«

»Ein bisschen schon, denke ich. Der Zahn der Zeit nagt.« Agnes lächelte. »Allerdings bin ich froh, dass es mir gesundheitlich gut geht. Johns schwere Krankheit hat mich in der Hinsicht dankbarer und bescheidener gemacht. Aber meine kleinen Marotten lasse ich mir nicht austreiben.«

»Und wie gefällt es Ihnen … äh, dir in der alten Heimat? Arbeitest du noch an der Schule?«

»Nicht doch!«, protestierte Agnes scherzhaft. »Seit dem letzten Jahr bin ich offiziell in Pension, und ich beginne gerade, es zu genießen. Was Mull angeht … ich hatte schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu der Insel. Nach fünfundzwanzig Jahren dort ist es wohl ein Ding der Unmöglichkeit, dass sie einem nicht irgendwie ans Herz wächst. Und gerade jetzt im Alter weiß ich die Ruhe und Abgeschiedenheit und die einzigartige Natur tatsächlich noch etwas mehr zu schätzen. Aber du kennst mich, ich brauche immer etwas Action. In den vergangenen zehn Jahren habe ich mich sehr an das kulturelle Angebot und das bunte Leben hier in Edinburgh gewöhnt. Das vermisse ich natürlich.«

Iain nickte. »Kann ich nachvollziehen. Mich zieht es nicht zurück. Jedenfalls nicht dauerhaft. Vielleicht würde ich sogar mal drüben Urlaub machen, aber ich hab einfach keine Lust – Na ja, du weißt schon.«

Ein plötzlicher Gedanke durchfuhr Agnes. »Das ist es überhaupt!«, rief sie und stieß Andrew an, der in ein Gespräch mit Mandisa und Dougie vertieft war. »Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt … Mir kam gerade eine geniale Idee, Andrew.«

Er sah argwöhnisch aus, denn er kannte ihren spontanen Aktionismus nur zu gut. »Schieß los, was hat es mit dieser genialen Idee auf sich?«, fragte er mit einem süffisanten Lächeln, das seine skeptische Haltung verriet.

Sie wandte sich an die Runde: »Wie wäre es, wenn ihr ein Gastspiel im Mull Theatre gebt? Natürlich sind die Möglichkeiten dort bescheidener als auf einer großen Bühne, aber vielleicht ist gerade das einmal reizvoll? Ich bin sicher, dass der Gemeinderat, die Künstlergemeinschaft und der Community Trust Gelder für so etwas lockermachen würden. Ich könnte mich darum kümmern und alles einstielen. Ich habe ja jetzt Zeit. Was meint ihr?«

»Die Idee finde ich gar nicht mal so schlecht«, befand Andrew und erntete einen Rippenstoß von Agnes. »Na danke.«

Iain hatte die Stirn in Falten gelegt. »Ich weiß nicht. Mull? Du kennst doch meine Haltung dazu.«

»Worum geht es?«, schaltete sich Mandisa ein.

»Ich hatte den Vorschlag gemacht, Sie könnten …«

»Ihr könntet«, verbesserte Mandisa. »Wir sind hier alle per Du, oder?« Ihr Lachen ließ ihre Augen strahlen, und Agnes musste einfach zurücklächeln. Mandisa war ihr auf Anhieb sympathisch.

»Ihr könntet doch ein Gastspiel auf Mull geben. Ich bin sicher, ich könnte da etwas arrangieren.«

»Hört sich gut an. Mull soll sehr schön sein. Wir kämen mal eine Weile raus. Also, ich fänd’s nicht schlecht. Hey! Dougie! Gastspiel auf Mull? Hast du ne Meinung dazu?«, rief sie über den Tisch.

»Mull? Gibt es da überhaupt ein Theater?«

»Gibt es. Es ist nicht sehr groß, aber ausreichend. Wir haben eine sehr engagierte Künstlergruppe, die sich darum kümmert«, entgegnete Agnes. »Fantastische Leute. Die Aufführungen können sich ehrlich sehen lassen.«

»Klingt spannend. Also, ich wäre dabei. Wäre bestimmt mal eine Abwechslung, so ein kleiner bezahlter Urlaub.«

»Na komm schon, Iain. Du musst deine Eltern ja nicht treffen. Du gehst ihnen einfach aus dem Weg.« Mandisa sah ihn mit ihren großen, sirupbraunen Augen an und legte den Kopf schief wie ein bettelnder Hund. »Bitte. Ich war noch nie auf einer der Inseln. Das wird bestimmt genial. Hey! Kenny! Gerry! Kommt doch mal rüber.«

Der junge Mann wandte den Kopf. Dann nahm er seinen Drink und bedeutete seiner Freundin mit einer vagen Kopfbewegung, ihm zu folgen. Er sah gut aus. Groß, schlank, das nussbraune Haar zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden. Seine Körpersprache verriet allerdings auch, dass er sich dessen bewusst war.

»Hey! Dougie! Der Whisky schmeckt heute wieder. Isle of Islay, im Rotweinfass gereift. Torfig, fruchtig, rauchig. Du glaubst, du bist gestorben und im Himmel. Hab mir gleich nen doppelten bestellt. Auch einen?« Er schwenkte das Glas unter Dougies Nase.

Der ältere Schauspieler würdigte ihn keiner Antwort. Stattdessen schob er lediglich mit stoischer Ruhe den Arm des anderen beiseite.

»Na? Nur so einen kleinen feinen, Dougie. Nur zum Anfeuchten. Wirklich nicht?« Kenny grinste. »Ach ja, ich vergaß, ist ja nur für echte Männer, die damit umgehen können und nicht für abgehalfterte …«

»Lass ihn in Ruhe, Kenny!«, knurrte Tommy und baute sich vor dem wesentlich größeren Mann auf.

»Was willst du denn, du Witzfigur?« Kenny feixte und sah auf Tommy herab. »Mir in die Nippel beißen?«

»Deine arrogante Fresse kann ich dir schon noch polieren«, grollte Tommy und stieß kräftig gegen Kennys Brust, sodass dieser ein paar Schritte zurücktaumelte.

»He! Was fällt dir ein, du Sack? Jetzt hab ich den teuren Whisky verschüttet. Ich zimmer dir gleich …«

Agnes betrachtete nervös die Gesichter der anderen. Sie wirkten nicht sonderlich beunruhigt. Im Gegenteil, sie kamen ihr beinahe gelangweilt vor, wie Eltern, die sich Mühe gaben, die Zornesausbrüche ihres Kleinkinds in der Trotzphase mit Nichtachtung zu strafen. Sie konnte spüren, wie sich auch Andrew neben ihr anspannte.

Schließlich drängte sich allerdings Geraldine, Kennys rothaarige Freundin, mit ausgestreckten Armen zwischen die Streitenden. »Halt!«, rief sie und wirkte dabei wie eine Verkehrspolizistin. »Hört sofort mit diesem Testosteronscheiß auf. Euer Gezänk geht mir unsäglich auf die Nerven.« Sie wandte sich zu ihrem Freund um, nahm ihm das Glas aus der Hand und kippte den verbliebenen Whisky in einem Zug hinunter. »Du hast genug für heute.«

»Nänänäaaa!« Kenny mimte ein ungezogenes Kind. Er legte den Arm um Geraldines Taille und zog sie an seine Seite. »Gut, das Weib hat gesprochen, der Spaß ist vorbei.« Mit dem Fuß angelte er nach einem Stuhl und zog ihn heran. »Was gibt’s denn?«

Agnes tauschte bedeutsame Blicke mit Andrew. Sie empfand die Atmosphäre als nahezu beklemmend und war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie ihren Vorschlag bereuen sollte. Anscheinend war tatsächlich etwas faul im Staate Dänemark. Es schockierte sie, wie offen und selbstverständlich hier interne Konflikte ausgetragen wurden und wie wenig Rücksicht sie dabei auf die Tatsache nahmen, dass zwei Fremde mit am Tisch saßen. Jedenfalls war innerhalb der Truppe offenbar nicht gerade alles eitel Sonnenschein und sie fragte sich, ob sie sich das wirklich antun wollte.

Doch die Aggression legte sich ebenso schnell, wie sie aufgeflammt war, und die Truppe verhielt sich, als ob nichts geschehen wäre. Selbst Kenneth Bell und Tommy Cox, die eben noch gewirkt hatten, als wollten sie jeden Augenblick aufeinander losgehen, saßen nun einträchtig am Tisch und taten so, als hegten sie keinerlei Groll mehr.

Agnes fragte sich, ob solche Temperamentsausbrüche vielleicht an der Tagesordnung waren. Möglicherweise hatte Kenneth Bell lediglich einen eigenartigen Sinn für Humor, und der normale Umgangston der Gruppe war rau, aber herzlich. Auf Außenstehende wirkte so etwas schließlich oft drastischer, als es letztlich war. Dennoch blieb ein unsicheres Gefühl.

»Also, ich fänd’s prima!«, kommentierte Geraldine, als Mandisa den beiden erklärt hatte, worum es ging. »Es täte bestimmt gut, ein paar Tage aus allem rauszukommen. Nicht die schlechteste Idee nach allem. Dann hab ich eine Weile Ruhe vor dem Telefonterror und dem Scheiß.«

»Ich verstehe nicht, warum du damit nicht zur Polizei gehst«, meinte Mandisa. »Mir wäre das unheimlich.«

Geraldine blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ach, Quatsch. Solange nichts Schlimmes passiert, machen die doch eh nichts! Wahrscheinlich ist es auch total harmlos.«

Iain schien den fragenden Blick bemerkt zu haben, mit dem ihn Agnes bedachte. »Geraldine bekommt seit einiger Zeit merkwürdige Anrufe und Drohbriefe.«

»Wirklich? Damit ist aber nicht zu spaßen«, stimmte Agnes zu. »Ich bin Mandisas Meinung. Das solltest du der Polizei melden.«

»Ach was!«, wehrte Geraldine ab. »Es ist ja nichts Schlimmes. Irgendein gestörtes Muttersöhnchen, das nichts Besseres zu tun hat, als Buchstaben aus Zeitschriften zu schnipseln wie in einem schlechten Film. Wahrscheinlich ein ganz armes Würstchen. Ich würde ihm ein paar passende Worte sagen, aber er legt ja immer direkt wieder auf. Hab mir jetzt ne Trillerpfeife danebengelegt. Kranker Typ.«

Es erstaunte Agnes, wie lässig Geraldine diese Sache hinnahm. Sie selbst hätte so etwas nicht so locker weggesteckt, aber die junge Frau war offenbar aus härterem Holz geschnitzt.

»Außerdem bin ich ja auch noch da«, warf Kenny ein. »Der lässt besser seine fiesen Wichsgriffel von Gerry, sonst kann er seine Zähne einzeln mit gebrochenen Fingern aus einer Blutlache aufsammeln.« Mit einem selbstgefälligen Lächeln warf er einen kurzen Seitenblick auf Tommy. »Das gilt übrigens auch für dich, Alter. Glaub nicht, ich peile es nicht, dass du spitz auf sie bist.«

Geraldine verdrehte die Augen. »Geht das schon wieder los! Du brauchst dich nicht aufzuführen wie ein Gorilla, Ken. Ich bin nicht dein Eigentum und kann auch ganz gut selbst auf mich aufpassen. Manchmal bist du einfach ein totales Ekelpaket.«

»Aber das liebst du doch an mir.« Kenny grinste. »Langweilig kann jeder. Ich bin eben ein Original.«

Geraldine schüttelt den Kopf und rollte abermals mit den Augen. »Ein bisschen weniger Originalität täte es manchmal aber auch.«

»Okay, ich werde mich bemühen.« Kenny legte lachend den Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Gibt ja nichts, was ich nicht für dich tun würde. Also, wo waren wir? Gastspiel auf Mull? Ich wär dafür. Ein bisschen Ruhe und Natur kann uns allen nicht schaden, meint ihr nicht?«

Er strahlte in die Runde, und Agnes bekam den Hauch einer Ahnung, warum Geraldine den Kerl mochte. Abgesehen von seinem attraktiven Äußeren verfügte er über diese faszinierende Aura eines Rebellen, der sich um nichts und niemanden scherte, diese schnoddrig-lässige Attitüde, die auch Rockstars für viele so anziehend machte. Agnes vermutete, dass Kenny äußerst charmant sein konnte, wenn er wollte, um im nächsten Moment einen Schlag unterhalb der Gürtellinie zu platzieren, wenn ihm der Sinn danach stand. Allerdings war sich Agnes auch sicher, dass Geraldine ihn zu bändigen wusste. Ein solches demonstrativ nach außen getragenes Selbstbewusstsein konnte durchaus seinen Reiz haben, das wusste Agnes aus eigener Erfahrung. In ihrer Jugend hatten solche »bösen Jungs« sie auch auf ungute Weise fasziniert, bis sie schließlich John getroffen hatte. Dieser sanfte, unheimlich gescheite Künstlertyp, der sie oft besser gekannt und verstanden hatte, als sie sich selbst, hatte es nicht nötig gehabt, den wilden Mann zu markieren. Heute wusste Agnes, dass echte Stärke und Autorität von innen strahlten und solcher Kraftmeierei nicht bedurften. Unter dem Tisch schob sie ihre Hand in Andrews und lächelte, als er sie sanft drückte.

»Sieht so aus, als würde ich überstimmt«, sagte Iain schließlich. »Okay, wir werden mit den anderen darüber sprechen, und du meldest dich, wenn du organisatorisch abgeklopft hast, ob das Ganze überhaupt funktioniert.«

Agnes winkte ab. »Ach, das klappt schon. Ich kann schließlich sehr überzeugend sein. Nicht, Andrew? Ich würde mich riesig freuen. Endlich kommt wieder etwas Leben und Trubel auf die Insel.«

2. Szene

»War ja doch noch ein netter Abend gestern, oder nicht?« Agnes legte sorgfältig ihr Nachthemd zusammen und verstaute es im Koffer. »Es sind aber schon ein paar Charaktere bei! Mein lieber Schwan!« Bei der Erinnerung musste sie lächeln.

»Künstler eben. Die sind alle ein bisschen komisch.« Andrew grinste frech, aber Agnes beschloss, die Bemerkung zu ignorieren. Er zog sie gerne damit auf, aber im Grunde liebte er sie für ihre Extravaganzen.

»Denkst du nicht, du hast dir ein bisschen viel auf den Teller geladen mit dieser Einladung? Willst du dir das wirklich antun? Da gibt es eine ganze Menge zu organisieren.«

»Ach, du hast doch nur Angst, dass du zu kurz kommst«, entgegnete sie und küsste ihn auf die Wange. »Keine Sorge, ich mach das schon.« Sie sah sich noch einmal suchend im Zimmer um.

»Ich glaube, jetzt habe ich alles. Bist du auch so weit? Vielleicht kannst du schon mal die Koffer ins Auto bringen, dann werfe ich den Schlüssel noch schnell bei Susan ein.«

Andrew sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Ich finde, langsam, wäre es an der Zeit, die Wohnung aufzugeben.«

»Gib es zu. Jetzt war es ein großes Glück, dass wir kein Hotel suchen mussten. So kurzfristig hätten wir bestimmt nichts mehr gefunden. Jedenfalls nicht zu einem halbwegs anständigen Preis.«

»Für das Geld, das du für die doppelte Miete einsparen würdest, könnten wir uns die Flitterwochensuite im Waldorf Astoria leisten«, konterte Andrew. »Warum tust du dich damit so schwer? Ich bekomme das Gefühl, dich wie eine Geisel gegen deinen Willen auf der Insel festzuhalten.«

»Unsinn!«, widersprach Agnes. »Ich bin gern dort und ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich brauche eben noch ein bisschen Zeit.«

Andrew schüttelte den Kopf und setzte sich auf die Bettkante. »Sei ehrlich. Du möchtest dir ein Hintertürchen offen lassen. Innerlich hältst du dich noch immer bereit zur Flucht und nimmst es in Kauf, dass die doppelte Miete dein Erspartes auffrisst. Wie lange möchtest du noch monatlich über tausend Pfund dafür hinblättern, ab und zu ein Wochenende hier zu verbringen und deine Zimmerpflanzen unterzustellen? Du weißt, ich liebe dich für deine Eigenheiten, aber diese wird über kurz oder lang dein gesamtes Erspartes auffressen. Schließlich zahlst du auch noch die Miete für das Atelier.«

Agnes ließ sich neben ihm nieder und legte sanft ihre Hand auf sein Bein. »Möglich«, gab sie zu. »Aber ich bin noch nicht bereit, die Wohnung aufzugeben. Sei mir nicht böse.«

»Du weißt genau, dass ich dir ohnehin nicht böse sein kann.« Andrew bedeckte ihre Hand mit seiner.

»Lass mir noch bis zum Jahresende Zeit, ja? Dann werde ich mich darum kümmern, dass ich einen Nachmieter finde. Versprochen. Und was die Finanzen angeht … dafür hätte ich eventuell eine Lösung.«

Andrew zog die Brauen hoch. »Ach ja? Ich höre …«

»Henry McNiven hat mir neulich ein interessantes Angebot gemacht.«

»Henry McNiven macht dir Angebote?« Er versuchte sich an einem ernsten Gesichtsausdruck.

Agnes musste lachen. »Nicht so ein Angebot! Es geht um das neue Apartmenthotel. Nachdem er sich mit der Bürgerinitiative geeinigt hat, die Pläne für den Hotelneubau am Loch Frisa aufzugeben, hat er die alte McFadden-Farm aufgekauft und lässt sie instand setzen.«

»Und was hat das mit dir und deinen Finanzen zu tun?«

»Wir sprachen neulich von meiner Wohnsituation und meinen Plänen, wieder dauerhaft auf Mull zu wohnen. Und da erzählte er, dass er vorhat, mehrere kleine Wohneinheiten im Hauptgebäude einzurichten, eine große Gemeinschaftsküche, einen Aufenthaltsraum und so weiter. Angedacht ist, dass die Gäste wählen können, ob sie sich in der Küche selbst versorgen oder Bed and Breakfast buchen möchten. Dafür braucht Henry noch jemanden, der den Gästen Frühstück macht und ein wenig nach dem Rechten sieht.«

»Und das sollst du sein? Muss ich dich daran erinnern, wie ungern du putzt?« Andrew grinste.

»Das ist ja das Schöne. Ich muss mich nur ums Frühstück kümmern und die Gäste ein bisschen bei Laune halten. Das Housekeeping übernimmt eine Reinigungsfirma. Ich glaube, Henry hat noch immer das Gefühl, dass er mir etwas schuldig ist wegen der Sache mit Hazel im letzten Jahr. Schließlich war er kurzzeitig der Hauptverdächtige.«

»Aha. Und was zahlt er dir dafür?«

»Ich kann mietfrei in dem Cottage wohnen, das zur Farm gehört. Henry lässt es gerade renovieren. Es ist ganz zauberhaft! Klein, aber fein, genau richtig für mich. Und ein Garten ist auch dabei. Oh, und Henry sagte, ich könnte mir noch etwas dazuverdienen, indem ich Töpfer- oder Malkurse für die Gäste anbiete. Also, ich finde, das klingt nach einem hervorragenden Arrangement, du nicht?«

Andrew stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. »Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, wir könnten vielleicht –« Er kratzte sich im Nacken. »Na ja, ich weiß, es ist noch frisch. Aber im Pfarrhaus ist jede Menge Platz. Du könntest einfach zu mir ziehen.«

»Und Phyllis?«

»Die würde den Haushalt führen wie bisher. Du müsstest dich um nichts kümmern.«

»Ich weiß nicht.« Agnes lehnte den Kopf an seine Schulter. »Es hat nichts mit dir zu tun, das ist dir hoffentlich klar. Ich liebe dich und bin gerne mit dir zusammen, aber ins Pfarrhaus ziehen? Das wäre wirklich nichts für mich. Ich brauche meinen Freiraum.«

Sie spürte, wie Andrew die Schulter sinken ließ.

»Na ja, ich fänd es einfach ganz schön, morgens zusammen aufzuwachen und den Tag gemeinsam zu beginnen.«

»Das können wir doch auch so. Immer, wenn uns danach ist.« Sie drückte seine Hand. »Und jetzt komm, wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Sonst verpassen wir in Oban die Fähre. Vielleicht könntest du schon einmal die Koffer ins Auto bringen, dann gehe ich noch schnell zu Susan und gebe ihr den Schlüssel.«

Agnes hatte den Eindruck, dass Andrew noch etwas sagen wollte, es aber zurückhielt. Das Gespräch hinterließ bei ihr ein ungutes Gefühl. Es war bestimmt nicht das letzte Mal, dass dieses Thema für Probleme sorgen würde.

3. Szene

Sie hatten das letzte der sechs Gästezimmer im Obergeschoss des renovierten Farmhauses erreicht. Wie die übrigen war der Raum schlicht und geschmackvoll eingerichtet. Ein Doppelbett, das sich bei Bedarf auseinanderschieben ließ, eine zartblaue Tagesdecke, hübsche cremefarbene Kissen mit Blütenmuster und Vorhänge im selben Stoff. Ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl und ein geräumiger Kleiderschrank sowie eine Kommode, auf der ein Tablett mit einem Wasserkocher und allerlei Zubehör zum Zubereiten von Tee und Kaffee stand. Der Blick aus dem Fenster ging seitlich zum Garten hinaus. Durch die Zweige der Bäume konnte man in der Ferne aber noch einen Streifen Wasser erkennen. Das Apartmenthotel lag auf einer Anhöhe über der Bucht von Tobermory, ganz in der Nähe des Crown & Thistle Hotels, das ebenfalls McNiven gehörte, und des Golfplatzes. Eine traumhafte Lage, die nach vorn heraus einen unbezahlbaren Panoramablick über die gesamte Bucht bis zu den Hügeln von Morvern bot. Die Zimmerpreise würden astronomisch werden. Umso dankbarer war Agnes für Henrys Angebot, die Mad Bad Thespians für die Dauer ihres Gastspiels zum Freundschaftspreis hier unterzubringen.

»Es ist fantastisch geworden! Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, dass Iain und seine Truppe hier wohnen dürfen. Der Preis ist ein Witz, Henry. Sind Sie sicher, dass Sie sich damit nicht ruinieren?«

Mit einer Handbewegung wischte er ihren Einwand weg. »Unsinn. Das Hotel ist ja noch nicht offiziell eröffnet. Eine Neueröffnung im Herbst finde ich wenig sinnvoll, und auf die Weise steht es nicht leer, bis wir im Frühling mit dem Betrieb starten. Ich nehme es als Testlauf. Wollen wir gleich zur Hauptattraktion schreiten? Sind Sie bereit, Ihr neues Zuhause zu begutachten?«

»Absolut!«, rief Agnes aufgeregt, rückte den kleinen smaragdgrünen Fascinator-Kamm mit der Blüte zurecht, mit dem sie zu diesem feierlichen Anlass ihr aschblondes Haar hochgesteckt hatte, und zupfte noch einmal an ihrem Rocksaum. »Die Frisur sitzt auch, es kann losgehen.«

Das winzige Cottage aus grobem Sandstein lag, vom Hauptgebäude halb verdeckt, am hinteren Ende des Gartens, in dem zwischen Sonnenblumen, Goldrute und Herbstkrokussen noch die letzten Rosen und Hortensien blühten. Haustür und Fensterläden waren im selben kräftigen Grün gestrichen. Efeu und wilder Knöterich rankten über die geweißte Fassade bis zum Dach, und in den hölzernen Blumenkästen unter den Fenstern blühten Herbstastern und Chrysanthemen.

»Wie hübsch! Das ist ja ein richtiges Hexenhäuschen!«, rief Agnes begeistert und folgte Henry über den Rasen und durch den Eingang.

Von einem kleinen Vorraum führten zwei Türen rechts zur Küche und links zum Wohnzimmer. Die Einrichtung war modern und zweckmäßig und überwiegend in Cremeweiß gehalten, die Möbel waren aus hellem Holz. Schlicht und praktisch ließen sie genug Raum, um mit entsprechenden Dekorationsobjekten einen individuellen Touch zu verleihen. Im Kopf machte Agnes bereits Pläne. Das Wohnzimmer verfügte sogar über einen kleinen Kaminofen und ein Erkerfenster, das zum Garten hinausging. Im Schlafzimmer gab es ein breites Doppelbett, sodass Übernachtungsbesuchen von Andrew nichts im Wege stand. Kurzum, es war einfach perfekt.

»Gefällt es Ihnen?«

»Gefallen ist überhaupt kein Ausdruck, Henry! Es ist traumhaft. Kneifen Sie mich mal.«

Es war Henry anzusehen, dass er mit ihrer Reaktion äußerst zufrieden war. Lächelnd hielt er ein Schlüsselbund hoch, an dem drei Schlüssel hingen.

»Das hier ist die Haustür vom Cottage, das ist der Briefkasten und der hier ist der Generalschlüssel für drüben. Er passt sowohl in die Haustür als auch für sämtliche Zimmertüren. Ich gebe Ihnen gleich auch noch den Schlüssel für den Gartenschuppen. Das Gewächshaus ist nicht verschlossen. Wir nutzen es, um darin Pflanzen zu überwintern und vorzuziehen. Aber um den Garten müssen Sie sich nicht kümmern. Der Gärtner kommt einmal die Woche zum Rasenmähen und sieht dann, was noch so ansteht. Sie können die Beete hier am Cottage natürlich gern selbst bepflanzen.«

»Gärtner, Reinigungsdienst … als hätte ich das Internat nie verlassen. Hervorragend. Und ich soll wirklich nur Frühstück machen?« Agnes dachte daran, dass Andrews Wunschtraum von einem gemeinsamen Leben im Pfarrhaus in noch weitere Ferne gerückt war. Hier würde sie so schnell nicht wieder ausziehen wollen.

»Richtig, zumindest für die Gäste, die sich nicht selbst verpflegen. Und es wäre eben schön, wenn Sie dafür sorgen, dass sie sich hier heimisch fühlen. Wenn sie sich hin und wieder mit in den Gemeinschaftsraum setzen und ein wenig plaudern oder den Gästen Tipps geben, was sie sich ansehen können und so weiter und so fort. So als gute Seele im Haus.«

»Gute Seele. Das kriege ich hin.« Agnes grinste.

»Ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser geeignet wäre«, bestätigte Henry. »Wann reisen Ihre Theaterleute denn an? Schaffen Sie es bis dahin rechtzeitig mit dem Umzug?«

»Anfang Oktober, in vier Wochen. Für den Umzug werde ich nicht lange brauchen. Der Großteil meiner Sachen ist ja noch in Edinburgh geblieben. Es ist hauptsächlich Kleidung. Der Kleiderschrank wird allerdings nicht reichen, fürchte ich.« Sie zwinkerte und fuhr mit den Händen an ihrer Silhouette entlang, als ob sie ihr Outfit einem Publikum präsentierte. »Irgendein Laster haben wir wohl alle. Aber das ist kein Problem. Die Frühjahrs- und Sommergarderobe werde ich im Atelier unterbringen.«

»Wenn Sie noch Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid. Sie bekommen ja bald eine Menge zu tun, nicht wahr?«

»Richtig. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue. Endlich kommt hier mal wieder ein bisschen Schwung auf die Insel.«

4. Szene

»Iain! Wie schön, dich wiederzusehen. Am besten, ihr stellt die Koffer erst einmal hier ab und geht durch in die Küche. Ich habe Tee gemacht.« Agnes begrüßte ihren ehemaligen Schüler mit zwei angedeuteten Küsschen auf die Wange. »Dann kannst du mir alle vorstellen und wir können die Zimmeraufteilung besprechen. Die Schlüssel habe ich heute Morgen schon im Crown & Thistle abgeholt.«

Agnes hatte in den letzten Tagen die Unterkunft für den Besuch aus Edinburgh vorbereitet. Gerade heute Morgen war sie noch einmal durch alle Zimmer gegangen und hatte überprüft, ob alles in Ordnung war. Lediglich die Schubladen der Nachttische klemmten ein wenig, ansonsten war alles tipptopp und wartete nur darauf, dass ihre Gäste einziehen würden.

Nachdem alle ihr Gepäck in der Eingangshalle abgestellt hatten, saß die bunte Truppe schließlich um den langen Esstisch in der geräumigen Gemeinschaftsküche und ließ sich Tee und Früchtebrot schmecken, während Iain die anderen vorstellte. Agnes hatte arrangiert, dass in Craignure zwei Mietwagen auf die Truppe warteten. Darin hatten jeweils sechs Personen Platz, sodass die Gäste mobil waren und problemlos zum Theater kommen konnten.

»Mandisa, Kenny, Geraldine, Tommy und Dougie kennst du ja bereits. Das dort drüben ist Daniel Phan, unser Regisseur und Mädchen für alles« Er deutete auf einen Mann mit schwarzen Haaren und mandelförmigen braunen Augen, den Agnes auf etwa vierzig schätzte. Die Haare hatte er mit Gel zu einem kurzen, strengen Zopf zusammengefasst und ein ordentlich gestutzter Vollbart bedeckte seine untere Gesichtshälfte.

Agnes nannte ebenfalls ihren Namen und schüttelte der Reihe nach die Hände der Personen, die Iain vorstellte. Direkt neben Daniel saß ein rundlicher Mann mit rotblonden Haaren und einer Menge Sommersprossen, in dem Agnes den Darsteller des Antonio Poloni erkannte und den Iain als Robert Cruickshank vorstellte. Die sehr attraktive junge Frau mit den glänzenden schwarzen Haaren, die neben ihm saß, hatte auf der Bühne die Ophelia gegeben und hieß im wahren Leben Mishti Gupta. Daneben saß eine rundliche Blondine mit traumhaften Ringellocken, die ihr an der Stirn tief in die Augen fielen und Agnes an einen dieser wuscheligen Hirtenhunde denken ließen. Agnes konnte sie spontan keiner Rolle zuordnen, was sich bald erklärte, als Iain sie vorstellte. Blythe Donaldson war bei den Mad Bad Thespians für Maske und Kostüme zuständig.

»Puh! Ich werde eine Weile brauchen, bis ich mir alle Namen gemerkt habe«, kommentierte Agnes. »Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Anreise, und ich freue mich riesig, dass es so spontan mit dem Gastspiel geklappt hat. Ich habe auch ordentlich die Werbetrommel gerührt. Alle Vorstellungen sind bereits seit zwei Wochen ausverkauft.«

»Wow! Damit hätte ich nicht gerechnet.« Kenny Bell nickte anerkennend. »Ich dachte, das wäre hier eher was für launiges Provinztheater.«

»Es gibt hier eine sehr aktive Kunst- und Kulturszene. Natürlich nicht zu vergleichen mit Edinburgh«, erklärte Agnes, »aber durchaus nicht zu verachten.« Sie schnitt den Rest Früchtebrot auf und legte ihn auf den Teller.

»Das ist wirklich lecker«, lobte Geraldine und nahm noch eine Scheibe.

»Freut mich, dass es euch schmeckt. Lasst mich schnell etwas zu den Zimmern sagen. Es gibt sechs Gästezimmer mit jeweils zwei Betten. Es müssen also immer zwei zusammen auf ein Zimmer. Ich dachte mir, das teilt ihr am besten selbst ein. Wenn sich also immer zwei zusammenfinden, gebe ich euch den Schlüssel und die Zimmernummer. Vier Zimmer befinden sich im oberen Stockwerk, zwei hier unten. Oben gibt es ein großes Badezimmer mit Dusche und Badewanne und ein WC und hier unten noch einmal ein kleines Duschbad mit WC. Später zeige ich euch noch den Gemeinschaftsraum. Morgen früh fahren wir dann raus zum Theater. Es liegt etwa drei Meilen außerhalb an der Straße nach Salen.«

»Vielen Dank, Agnes. Du bist ein Schatz!«, rief Mandisa. »Du hast dir so viel Mühe gegeben. Können wir noch irgendetwas helfen?«

Wieder einmal dachte Agnes, wie umwerfend schön und charismatisch sie Mandisa fand. Außerdem war sie Agnes, was die Vorliebe für kräftige Farben anging, nicht ganz unähnlich. Heute trug sie ein figurbetontes Strickkleid in Limettengrün, das im Kontrast zu der dunklen Haut noch kräftiger leuchtete und ihr ausgezeichnet stand.

»Nein, danke. Ihr richtet euch erst einmal in aller Ruhe ein und erholt euch von der Fahrt, und ich kümmere mich in der Zeit um das Abendessen. Für morgen Abend habe ich im Macgochans für uns reserviert. Das ist ein gemütlicher Pub am anderen Ende der Bucht. Von hier sind es etwa fünfzehn Minuten Fußweg, wunderschön am Hafen entlang, es wird euch gefallen und das Essen ist wirklich lecker. Tolle Burger, aber auch Vegetarisches und Veganes.«

»Das klingt ausgezeichnet«, sagte Douglas. »Ich sehe schon, verhungern werden wir hier nicht.«

»Nein, das ganz bestimmt nicht.« Agnes freute sich, dass ihr Vorschlag Anklang fand. »Nicht, wenn ich es verhindern kann. Ich habe euch dieses Gastspiel eingebrockt und fühle mich dafür verantwortlich, euren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.«

Nachdem Agnes den Gästen die Räumlichkeiten gezeigt hatte, wurden die Zimmer aufgeteilt, und alle machten sich daran, sich in ihrem temporären Zuhause einzurichten. Derweil kümmerte sich Agnes um das Essen.

Durch das geöffnete Küchenfenster hörte sie Stimmen und sah auf. Tommy Cox, der Requisiteur, Kenny Bell, dessen Freundin Geraldine und Robert Cruickshank hatten sich draußen an dem kleinen Picknicktisch eingefunden, auf dem für die Raucher ein Aschenbecher bereitstand.

»Das Essen braucht noch eine Weile«, rief sie hinaus, und legte den Deckel auf den Topf, in dem die Kürbissuppe leise vor sich hin köchelte. Sie drehte die Kochplatte auf die niedrigste Stufe, dann streifte sie die Hände an der Schürze ab und gesellte sich zu den Gästen nach draußen. »Ich hoffe, ihr seid mit den Zimmern so weit zufrieden und habt alles gefunden?«, fragte sie.

»Danke, alles bestens. Die Zimmer sind gemütlich«, entgegnete Robert. »Ich hoffe bloß, Iain schnarcht nicht.«

»Wie eine Horde besoffener Russen«, warf Tommy ein, zog eine Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie an. Kenny fingerte ebenfalls in seiner Jackentasche, kramte ein flaches, schwarzes Metalletui mit einem roten Adlerkopf hervor, nahm einen Zigarillo und steckte ihn zwischen die Lippen. Dann holte er ein Benzinfeuerzeug heraus, ließ es mit einer Hand aufschnappen und schnipste mit den Fingern der anderen gegen das Rädchen, bis die Flamme aufflackerte.

»Verfluchter Poser«, murmelte Tommy mit einem amüsierten Ausdruck und beobachtete Kenny aufmerksam, während der den Zigarillo an die Flamme brachte und zu ziehen begann.

Agnes schrie auf und riss instinktiv die Hände über den Kopf, als es plötzlich blitzte und laut krachte.

Sie brauchte eine Weile, um sich zu orientieren und zu begreifen, was passiert war. Auch die anderen hatten sich instinktiv weggeduckt und sahen entgeistert in die Runde.

Kenny hatte den Zigarillo fallen lassen und starrte eine Schrecksekunde lang auf seine Hände, während Tommy in lautes Lachen ausbrach.

Die Schadenfreude währte allerdings nicht lang, denn Kenny stürzte vor und packte den schmächtigen Tommy am Ausschnitt seines T-Shirts. »Das. Ist. Nicht. Witzig«, presste er hervor, wobei er jedes einzelne Wort betonte. »Du Arschloch! Ich hätte blind sein können oder weiß der Geier. Du hast doch wohl nicht mehr alle Latten am Zaun.« Heftig stieß er den Requisiteur nach hinten, sodass dieser strauchelte und zu Boden ging.

Tommy brauchte eine Weile, um sich zu berappeln, lachte dann aber weiter. »Alter! Dein Gesicht hättest du sehen müssen.«

»Nicht! Witzig!«, wiederholte Kenny. Seine Stimme rutschte bedrohlich eine halbe Oktave tiefer, und er machte mit erhobener Faust einen Schritt auf den am Boden sitzenden Tommy zu.

Der hob beschwichtigend die Hände. »Hey! Ruhig, Brauner. Chill deine Nippel. Das war nur ein winziger Knallfrosch, vollkommen harmlos. Ich weiß, was ich tue, ich bin Profi.«

»Profi. Von wegen. Ein Wichser bist du! Und vollkommen irre. Mach so einen Scheiß nie wieder, sonst polier ich dir deine blöde Fresse, dass dich deine Mutter nicht wiedererkennt.« Kenny zog das Etui mit den Zigarillos aus der Jackentasche und schleuderte sie in Tommys Richtung. »Hier, die kannst du selber rauchen, du Idiot!«

Tommy konnte sich gerade noch zur Seite wegducken, sodass die Dose scheppernd zu Boden fiel.

»Das war wirklich nicht besonders lustig, Tommy«, mischte sich nun Robert ein. »Das hätte auch ins Auge gehen können, im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Hätte es nicht. Es war vollkommen harmlos. Das knallt, blitzt und stinkt ein bisschen. Puff, peng, zisch, mehr nicht.« Tommy rappelte sich hoch und klopfte den Dreck von der Hose.

»Ihr seid einfach nur peinlich«, schimpfte Geraldine. »Werdet endlich erwachsen und hört mit diesem Platzhirschgehabe auf.« Sie verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und stapfte in Richtung Haustür davon.

»Da muss ich Geraldine recht geben«, sagte Agnes in ihrem besten Lehrerinnenton. »Das ist nicht nur kindisch, sondern obendrein gefährlich, und ich bin nicht bereit …«

»Okay, schon gut. Wird nicht wieder vorkommen, versprochen. Dieses Mal habe ich mit meinen Tricks vielleicht wirklich ein bisschen übertrieben. Ich wollte dem alten Wichtigtuer bloß mal einen Dämpfer verpassen.« Tommy streckte Kenny die Hand hin. »Tut mir leid, Mann. Ich kauf dir ne neue Packung.«

»Nein, danke«, knurrte Kenny, ergriff dann aber die Hand und drückte sie.

Offenbar etwas zu kräftig, denn Tommy zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Aaah! Verdammt! Du musst sie mir nicht gleich brechen.« Er lachte und klopfte Kenny auf die Schulter. »Nichts für ungut, du Sack. Wir sind okay?«

»Wir sind okay«, grummelte Kenny. »Aber an deiner Stelle würd ich nur noch mit offenen Augen schlafen. Verdammt, du Penner!«

Beide lachten.

»Wie die Kinder!« Agnes sah die beiden streng an.

»Gib’s zu, du bist bloß immer noch sauer, dass ich mir Geraldine klargemacht habe.«

»Fang doch nicht wieder mit dem Scheiß an. Das sind alte Kamellen.« Tommy klopfte eine Zigarette aus seinem Päckchen und hielt sie Kenny hin.

»Nee, Junge, lass mal!« Kenny grinste. »Für heute reicht es mir. Ich geh rein.« Damit drehte er sich um und folgte Geraldine ins Haus.

»Siehst du? Ich tu noch was für deine Gesundheit«, rief Tommy ihm hinterher.

»Ich werde wohl auch mal besser nach der Suppe sehen«, sagte Agnes. Ein Spruch ihrer Mutter fiel ihr ein. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Kopfschüttelnd ging sie ins Haus.

Agnes stellte die Spülmaschine an und wischte noch einmal über die Arbeitsfläche. Mandisa, Dougie und Robert hatten ihr beim Abräumen geholfen, und sie hatte die drei hinausgeschickt, um den Rest allein zu erledigen. Schließlich hatte sie es sich zum Ziel gemacht, dass die Thespians ihren Aufenthalt auf der Insel genießen sollten.

Agnes schloss die Küchentür und steckte den Kopf durch die Tür in den Gemeinschaftsraum. »Braucht ihr noch etwas?«

»Nein danke, Agnes. Wir sind wunschlos glücklich«, entgegnete Mandisa und schwenkte zur Unterstreichung ein Glas Rotwein in der Hand.

»Prima. Dann gehe ich schnell noch einmal raus. Iain hat meine Nummer, falls etwas sein sollte.«

»Kein Problem, wir kommen schon klar«, meinte Kenny, der sich in dem altmodischen Ohrensessel in der Ecke herumlümmelte und in einer Zeitschrift blätterte.

»Dann schlaft später gut«, wünschte Agnes. Sie kam sich vor, als machte sie ihre Abendrunde im Internat, und musste schmunzeln. Schließlich handelte es sich bei ihren Gästen – zumindest theoretisch – um Erwachsene.

In der Eingangshalle traf sie auf Geraldine. Sie stand mitten im Raum und betrachtete die zwei großformatigen Landschaftsaufnahmen in Schwarz-Weiß, die über dem Sideboard hingen.

»Die sind wahnsinnig schön«, sagte sie, als sie Agnes bemerkte. »Sind die von hier?«

»Ja, das hier ist drüben in der Salen Bay aufgenommen und das andere in Calgary. Bella McAulay hat sie gemacht, sie hat eine Galerie unten am Hafen. Direkt an der Hauptstraße. Da solltest du unbedingt einmal reinschauen.«

»Das werde ich. Die sind toll. Sie hat wohl ein Händchen für Licht und Schatten. Gehst du noch raus?«

»Ja, ich wollte noch bei Andrew vorbeischauen. Er fühlt sich sonst noch vernachlässigt.«

Geraldine pustete geräuschvoll eine Haarsträhne aus der Stirn. »Kerle! Wir nehmen viel zu viel Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten. Immer soll sich alles nach ihnen richten, und wenn nicht, sind sie beleidigt.«

»O nein, nein.« Sie winkte abwehrend ab. »Andrew ist nicht so. Er ist wirklich … aufmerksam und verständnisvoll.« Sie wunderte sich selbst, warum die Worte so zögerlich über ihre Lippen kamen. »Es läuft gerade nicht so gut zwischen dir und Kenny, nicht?«, fragte sie.

Geraldine zog die Schultern hoch. »Kenny ist eben Kenny.« Leiser, beinahe mehr zu sich selbst, setzte sie hinzu: »Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse.« Als sie sich zu Agnes umwandte, lächelte sie. »Mach dir keine Gedanken. Es ist alles in Ordnung. Wir raufen uns immer wieder zusammen. Das ist so eine dieser Beziehungen, weißt du? Je leidenschaftlicher man liebt, desto tiefer kann man einander verletzen.«

»Ich weiß, was du meinst«, Agnes nickte. »Ich mach mich dann jetzt auf den Weg.«

»Mach das. Schönen Abend. Grüß Andrew von mir und erzähl ihm nicht, dass ich gelästert habe.«

»Bestimmt nicht.«

Agnes trat vor die Tür. Für Anfang Oktober war es tagsüber noch erstaunlich warm. Jetzt am Abend, als die Sonne verschwunden war und der Wind auffrischte, war sie allerdings froh, dass sie den gefütterten Mantel angezogen hatte. Sie wandte sich von der Küste ab nach Westen und lief an den Tennisplätzen und gepflegten kleinen Gärtchen entlang, bis sie in die Erray Road abbog.

Am anderen Ende der Straße lag die kleine Polizeiwache, in der Matthew Jarvis und Fiona McKinnon über die Sicherheit der Bürger wachten. Im vergangenen Jahr hatte sie diesen Weg öfter angetreten, als ihr lieb gewesen war. Noch immer steckten ihr die Ereignisse in den Knochen, und sie musste an Effy denken. Sie konnte ihre Freundin nur bewundern. Beide Kinder kurz hintereinander auf so tragische Weise zu verlieren, hätte Agnes um den Verstand gebracht. Es war erstaunlich, wie tapfer sich Effy und Charlie gemeinsam zurück ins Leben kämpften.

Sie passierte die modernen weißen Häuser mit ihren geometrisch akkurat angelegten Gärten, die für sie perfekt die kleinbürgerliche Spießigkeit illustrierten, die sie davon abgehalten hatte, ihr Herz vollends an die Insel zu verlieren. Doch das Gefühl verflog gleich wieder, als die Straße einen Knick machte und den Blick auf die Bucht freigab, über der gerade noch der allerletzte Schimmer Abendsonne zu erkennen war, der sich in unzähligen Schattierungen von Pink und Orange über das Schwarzblau des Meeres ergoss. Silbergrau schimmernde Wolken, von unten rötlich angestrahlt, segelten über den Nachthimmel, in dessen kräftigem Tintenblau schon einige Sterne blinkten.

Sie blieb einen Augenblick stehen und ließ die Szene auf sich wirken. In solchen Momenten war es schwer, sich nicht in die überwältigende Schönheit der kleinen Küstenstadt mit ihrem Bilderbuchcharme, den Spielzeughäuschen und wippenden Fischerbooten auf der Bucht zu verlieben. Sie musste an ihr kurzes Gespräch mit Geraldine denken. Hatte sie recht? Passten Frauen sich in Beziehungen nur allzu bereitwillig ihren Partnern an? Natürlich drängte Andrew sie nicht, ebenso wenig wie John sie gedrängt hatte. Und doch fand sie sich nun zum zweiten Mal in ihrem Leben hier in Tobermory, der Liebe wegen. Sie musste an das Gespräch in Edinburgh wegen der Wohnung denken. Sie wusste, dass es zu seiner Vorstellung von gemeinsamem Glück gehörte, unter einem Dach zu leben und alles miteinander zu teilen. Jedoch war sie dazu nicht bereit, so gern sie ihn auch hatte. Edinburgh zu verlassen, um hier zu leben, war ihr Kompromiss. Mehr war sie nicht in der Lage zu geben. Das wurde ihr in diesem Augenblick klar, und sie fürchtete sich ein wenig davor, es Andrew beibringen zu müssen. Nicht jetzt. Nicht heute Abend, dachte sie und schob die Gedanken beiseite.

Sie passierte die Tobermory High School, ihre ehemalige Wirkungsstätte, und lief vorbei am Tobar Arts Centre auf das kleine Pfarrhaus zu, das in der Nähe der Tobermory Parish Church lag.

»Agnes!«

Der leise Groll, der sich eben noch in ihr geregt hatte, verflog augenblicklich, als sie Andrews erfreuten Ausdruck sah und er sie zur Begrüßung in den Arm nahm und küsste.

»Ich hatte heute überhaupt nicht mit dir gerechnet. Ich dachte, du hast sicher alle Hände voll zu tun mit deinen Gästen.«

»Ich wollte nur kurz vorbeischauen«, entgegnete sie und strich ihn sanft über den Rücken.

Andrew sah hinaus und zog die Augenbrauen zusammen. »Ich fahr dich später schnell mit dem Morris rüber.«

»Ach was, das kurze Stück kann ich laufen. Ich habe extra die Taschenlampe eingesteckt. Dafür müssen wir doch nicht die Umwelt verpesten.«

»Mir wäre es aber lieber, wenn du nicht allein durch die Nacht läufst.«

»Andrew! Das ist Tobermory, nicht Tollcross. Hier passiert nie et…« Sie unterbrach sich selbst. »Na ja, es ist unwahrscheinlich, dass in so kurzer Zeit noch einmal so etwas Schreckliches geschieht.« Die Erinnerung an Hazel Thorburns Ermordung und die dramatischen Ereignisse des letzten Jahres hatte sie wieder einmal eingeholt. Es war, als hätte das beschauliche Küstenstädtchen, das als Kulisse für eine zuckergussbunte TV-Kinderserie diente, ein Stück seiner Unschuld eingebüßt.

»Statistisch betrachtet dürfte so schnell kein schlimmes Verbrechen mehr passieren«, wiederholte sie, jedoch mit weniger innerer Überzeugung. »Gut, dann fahr mich später rum.«

Als Agnes sich eine Stunde später von Andrew verabschiedete und aus dem Wagen stieg, brannte nur noch im oberen Stockwerk der Farmhouse Apartments Licht. Offenbar hatten die Gäste sich bereits auf ihre Zimmer zurückgezogen.

Als sie sich ihrem Cottage näherte, sah sie das Display eines Handys aufleuchten. Anscheinend saß jemand auf der Gartenbank beim Schuppen. Sie knipste die Taschenlampe an. »Hallo?«, fragte sie leise in die Dunkelheit.

»Ich bins, Iain. Ich kann noch nicht schlafen.«

Mit der Taschenlampe leuchtete Agnes sich den Weg und nahm neben Iain auf der Bank Platz.

»Ist ein komisches Gefühl, wieder hier zu sein.« Iain ließ das Handy in seine Jackentasche gleiten. »Ich kann die Nummer noch auswendig.«

»Du hast deine Eltern angerufen?«

»Nein. Ich habe kurz überlegt, ob ich es tun soll«, entgegnete Iain. »Mum zuliebe. Aber was soll das bringen? Es würde nichts ändern.«

»Sie ist immer noch deine Mutter«, gab Agnes zu bedenken. »Weißt du, ich würde vielleicht anders darüber denken, wenn nicht … Hast du von Neil und Hazel Thorburn gehört?«

»Ja, ich hab übers Internet noch ab und zu Kontakt zu ein paar Leuten aus der Schule. Ich konnte es überhaupt nicht glauben. Erst Neils Autounfall und dann … Ermordet! Krass.«

»Effy und Charly hatten zu Neil auch nicht immer das beste Verhältnis. Was Effy am meisten bereut ist, dass sie Neil viel zu selten gesagt hat, wie sehr sie ihn liebt und wie stolz sie auf ihn war. Weißt du, ich hatte immer den Eindruck, dass deine Mum dich auch sehr liebt.«

»Nicht genug, um bei meinem Alten mal den Rücken gerade zu machen. Sie hat sich all die Jahre von ihm tyrannisieren lassen und zugelassen, dass er dasselbe mit mir tut. Nein, Agnes, ich bin fertig mit der Geschichte.«

»Schmeiß die Tür noch nicht zu, Iain«, riet Agnes. »Überlege es dir noch einmal.« Sie strich ihm kurz aufmunternd über den Unterarm. »Aber nicht mehr heute Abend. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Agnes.«