Leseprobe Tod auf der Olympic

Kapitel Eins

Das metallische Ächzen, mit dem der Ozeandampfer vom Dock in Southampton ablegte, wurde beinahe von den frenetischen Rufen am Deck des Schiffes und am Ufer übertönt. Überall um uns herum wurden fröhlich weiße Taschentücher geschwenkt – kleine Flaggen der Unterwerfung derjenigen, die sich der Reise ergaben – und lange, bunte Wimpelbänder zierten die Reling und den Himmel über unseren Köpfen. Am Ufer sah ich die stämmige Gestalt meiner Tante Millie neben ihrem adretten Verlobten, Lord Hughes, und ihrer gemeinsamen Tochter Lillian. Millie hatte sich nur flüchtig an den Gesten beteiligt, ehe sie des Rituals überdrüssig geworden war, doch Hughes und Lillian winkten immer noch überschwänglich, während wir uns vom Ufer entfernten.

Redvers und ich standen in einer gesitteten Menge auf dem Deck der ersten Klasse und winkten noch ein wenig meiner Cousine und ihrem Vater zu, ehe wir die Hände sinken ließen. Ich betrachtete die wohlhabenden Reisenden, die uns umgaben, und gab mein Bestes, um dieses Interesse zwanglos wirken zu lassen.

„Ich frage mich, wie ein Spion wohl aussieht.“ Ich murmelte den Satz leise vor mich hin.

Redvers lehnte an der Teakholzreling, hatte einen Fuß auf die unterste Querstrebe gesetzt und warf mir lediglich einen amüsierten Blick zu. In seinem dunkelgrauen Wollmantel und der Tweedkappe sah er attraktiv aus – etwas zu leger, aber mir fiel auf, dass viele der männlichen Passagiere ähnliche Kleidung trugen. Statt schwärmerisch die breiten Schultern des Mannes zu betrachten, zog ich meinen Kragen etwas höher, um mich vor dem kalten Wasser zu schützen, und blickte über die Reling auf das Gedränge auf den Decks der zweiten und dritten Klasse hinunter. Ich hatte mir sagen lassen, dass man sie nicht länger als „Zwischendecks“ bezeichnete, auch wenn das lediglich eine Verbesserung der Terminologie, nicht aber der Unterbringung bedeutete. Nur dank der Großzügigkeit der britischen Regierung reiste ich bei dieser Überfahrt erster Klasse, sonst hätte ich mich auch in dem Chaos unter uns wiedergefunden. Und ich war fest entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen – was bedeutete, nach einem deutschen Agenten Ausschau zu halten.

Ich drehte mich wieder zu den wohlhabenden Passagieren um, die mich umgaben, und betrachtete unsere Mitreisenden. Eine große Frau in einem luxuriösen Pelzmantel vom Silberfuchs zog meinen Blick auf sich. Ich erschauderte ein wenig – ich verspürte stets Mitleid mit den Tieren, auch wenn der Mantel noch so schön war. Sie stand ebenfalls an der Reling, und nur wenige Personen trennten uns von ihr. So konnte ich erkennen, dass ihre Züge ein wenig zu scharfkantig waren, um dem traditionellen Schönheitsideal zu entsprechen, doch ihr Make-up war kunstvoll aufgetragen und ihre leuchtend grünen Augen wurden eindrucksvoll von ihrem dunkelroten Haar betont. Sie hielt sich am Arm eines bärtigen Mannes fest, dem sie in Größe um nichts nachstand. So wie sie aneinanderhingen und sich gegenseitig Dinge ins Ohr flüsterten, vermutete ich, dass sie noch in der frühen Phase einer frischen Beziehung steckten. Der Mann sah geschniegelt aus, wenngleich seine Hose ein Stück zu kurz war und seine Schuhe eine Politur vertragen konnten. Er drehte den Kopf leicht in meine Richtung, sodass ich ihn besser sehen konnte – ich machte mir normalerweise nichts aus männlicher Gesichtsbehaarung, doch sein Bart war kurz geschnitten und passte zu seinen kraftvollen, düsteren Zügen. Als die öffentlichen Liebesbekundungen der beiden zu intim wurden, drehte ich mich wieder zu Redvers um.

„Wollen wir uns zu unserem Quartier begeben, Mrs. Wunderly?“ Redvers bot mir seinen Arm an und ich hielt kurz inne, ehe ich mich einhakte. Das Schiff hatte sich so weit vom Kai entfernt, dass sich die Passagiere langsam von der Reling verstreuten und ihren eigenen Plänen nachgingen. Es war an der Zeit, dass wir uns der Lebenssituation auf dieser bevorstehenden Reise stellten. Wir liefen das lange Promenadendeck hinunter, bis wir durch eine Tür eine völlig andere Welt betraten. Im Schiffsinneren konnte man leicht vergessen, dass man im Grunde in einer schwimmenden Stadt reiste – es glich einem prächtigen Herrenhaus, mit wunderschöner Eichenvertäfelung an den Wänden und luxuriösem Teppichboden unter unseren Füßen. Wir liefen auf das reich verzierte Treppenhaus der ersten Klasse am vorderen Ende des Schiffes zu – eines von zwei solcher Treppenhäuser – und mein Blick wurde sofort nach oben gezogen, zu der Glaskuppel, die sich über unsere Köpfe spannte und mit dem einfallenden Licht den Bereich erhellte. Die prächtigen Holzbalustraden, die den Bereich einrahmten, waren mit aufwändigen Verzierungen aus Bronze und Eisen besetzt, und das schwere Eichengeländer fühlte sich glatt an, als wir zum Deck B hinabstiegen. Es standen auch drei Aufzüge zur Verfügung, um die Passagiere zu den unteren Decks zu bringen, doch ich ging nicht davon aus, dass ich sie benutzen würde. Ich zog es vor, das wunderschöne Dekor auf mich wirken zu lassen – wie die formschöne Uhr an der gegenüberliegenden Wand, die von hübsch geschnitzter Vertäfelung umgeben war.

Wir hatten es nicht weit bis zu unserer Kabine, wo Redvers den Schlüssel herausholte und die Tür zu unserer Suite öffnete. Durch die Verbindungstür konnte ich sehen, dass unsere Reisetruhen schon hergebracht und im angrenzenden Schlafzimmer bereitgestellt worden waren.

Ich hielt in der Tür inne und ließ die Pracht des Raumes auf mich wirken. Ein kleiner Schreibtisch nahm eine Ecke ein, direkt neben einem Kamin, der nicht echt sein konnte. Über dem mit Schnitzarbeiten versehenen Kaminsims hing ein ovaler Spiegel. Ich musterte den Spiegel kritisch – ich hoffte, er war gut an der Wand befestigt, da er in einem Sturm schrecklichen Schaden anrichten konnte, wenn sich jemand im Raum befand. Zwei Fenster mit grauen Seidenvorhängen flankierten den Kamin und ließen mehr Licht ein, als ich an Bord eines Schiffes für möglich gehalten hätte. Ein schlichter Tisch mit mehreren Stühlen stand an der Seite und der übrige Platz wurde von zwei gemütlichen Polsterstühlen eingenommen. Auf der geschmackvollen Eichenvertäfelung an den Wänden bildeten Zierleisten kleine Rahmen. Alles in allem war es eine kleine Kabine, doch jeder Zentimeter war gut genutzt und sie war weitaus größer, als ich erwartet hatte.

Mein Blick huschte zum Schlafzimmer und erst jetzt, da wir allein in unserer Kabine waren – zusammen –, dämmerte mir die Realität unserer Reiseumstände. „Ähm. Bist du dir absolut sicher, dass wir als Ehepaar reisen müssen?“

Redvers’ Augen funkelten neckend. „Ist die Vorstellung, mit mir allein zu sein, so abstoßend?“ Er wusste sehr gut, dass das nicht der Fall war, doch ich war froh, dass er nicht auf das Thema Ehe eingegangen war – selbst ein vorgeblicher Ehebund war für mich ein empfindliches Thema, aufgrund meiner desaströsen Ehe mit dem verstorbenen Grant Stanley.

„Nun, mir wird bei dem Gedanken zwar nicht übel, aber das sind hier recht beengte Verhältnisse.“

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, doch er unterdrückte es. „Es ist ein wenig zu spät, um es sich noch anders zu überlegen. Und es wäre wirklich einfacher, wenn wir an Bord das verheiratete Paar spielen. So wird man weniger Fragen stellen, wenn wir viel Zeit zusammen verbringen.“

Damit hatte er zumindest recht. Wir hatten die Situation ausgiebig diskutiert, als ich zugestimmt hatte, Redvers bei dieser Ermittlung zu helfen. Schließlich hatte ich eingewilligt, da ein reisendes Ehepaar sehr viel weniger auffällig war als ein alleinstehender Mann auf Reisen. Oder eine alleinstehende Frau, wenn wir schon dabei waren. Natürlich hatten wir die ganze Angelegenheit vor meiner Tante geheim gehalten, da sie immer noch glaubte, wir würden für diese Reise getrennte Kabinen beziehen. Was Millie nicht wusste, würde sie auch nicht stören.

Redvers räusperte sich und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Und ich werde hier draußen im Wohnzimmer schlafen, also musst du dir darum keine Sorgen machen.“

„Oh“, war alles, was ich herausbekam. Ich musterte die beiden Polsterstühle und blickte dann wieder zu Redvers. Ich fragte mich, wie er das machen wollte – der Mann war viel zu groß und würde hier nur auf dem Boden schlafen können. Damit überkam mich ein schlechtes Gewissen. Er versuchte, mich zu beschützen und sich als Gentleman zu beweisen, doch es war nicht unbedingt Redvers, um den ich mir Sorgen machte. Je mehr Zeit ich allein mit ihm verbrachte, desto mehr hinterfragte ich meine harte Haltung zu einer erneuten Heirat; trotz meiner Vergangenheit. Außerdem war der Mann ein himmlischer Küsser.

Nein, es war nicht Redvers, um den ich mir Sorgen machen musste.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach uns, und Redvers empfing den Schiffskellner, der gekommen war, um sich vorzustellen. Während sie sich unterhielten, lief ich herum und inspizierte den Rest der Suite, die man uns zugewiesen hatte. Das Schlafzimmer ging direkt von unserem Wohnzimmer ab. An einer Wand stand ein Doppelbett und darüber hing ein Wandleuchter aus Bronze als Leselicht. Die Ecke am Fenster wurde von einem kleinen Tisch und einem Stuhl eingenommen, und eine weitere Tür führte zu unserem privaten Badezimmer. Die Wände des Schlafzimmers waren mit feiner Damastseide tapeziert, die von dekorativen Holzintarsien in kleine Paneele unterteilt wurde. Als ich nach oben blickte, fiel mir der aufwändig gestaltete Stuck auf, der ein kreisrundes Muster bildete – bei dem Versuch, eine luxuriöse Atmosphäre zu schaffen, schien kein Detail übersehen worden zu sein.

Ich warf einen Blick ins Badezimmer und fand an einer Wand eine Wanne mit Duschkopf vor. Ich trat ein und betrachtete die verschiedenen Drehknäufe und Hähne, mit denen das Teil bedient wurde. Ich hoffte, dass es nicht so kompliziert sein würde, wie es auf den ersten Blick aussah. Ein Marmorwaschbecken mit großem Spiegel schmückte die gegenüberliegende Wand. Ich schlenderte hinüber und nahm die Vinolia-Otto-Seife in die Hand, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, atmete den leichten Duft von Rose und Zitrone ein und legte sie wieder in die Seifenschale.

„Jane?“ Redvers’ tiefe Stimme drang aus dem Wohnzimmer zu mir. Ich durchquerte erneut das Schlafzimmer und stieß zu den beiden Männern. Redvers deutete auf den Schiffskellner in seiner schicken, blauen Uniform. Goldene Knöpfe bildeten eine ordentliche Linie an der Vorderseite des Jacketts im militärischen Stil. „Das ist unser Schiffskellner, Francis Dobbins. Er wird mit uns zusammenarbeiten.“

Ich warf Redvers einen fragenden Blick zu und er nickte. Ich wusste nicht, wie sie das machten, aber anscheinend hatte Ihre Majestät überall ihre Kontaktleute. Ich würde später fragen, ob der Mann bereits auf dem Schiff angestellt gewesen und als Unterstützung angeworben worden war, oder ob einer von Redvers’ Vorgesetzten ihn eingeschleust hatte; wenn auch nur, um meine eigene Neugier zu befriedigen. Natürlich würde es nützlich sein, einen Kontakt auf dem Schiff zu haben, ganz egal, wie er an Bord gekommen war. Ich streckte den Arm aus, schüttelte die zarte Hand des Mannes und war kurz besorgt, ich könnte ihm mit meinem festen Händedruck wehtun. Er war jung und den Babyspeck in seinem runden Gesicht noch nicht losgeworden – es war so rund wie der Rest von ihm.

Redvers lud den Schiffskellner ein, sich zu setzen, während wir die Angelegenheit besprachen, doch Dobbins lehnte ab und blieb mit hinter dem Rücken verschränkten Händen stehen.

„Wir vermuten, dass sich ein deutscher Spion an Bord dieses Schiffes befindet. Unsere Quellen konnten seine Anwesenheit bestätigen, jedoch nicht seine Identität. Wir haben das Feld auf drei mögliche Verdächtige eingeengt“, sagte Redvers.

Ich war ganz Ohr. Ich war zum ersten Mal ganz offiziell an einem von Redvers’ Fällen beteiligt und würde mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich bei seinen Vorgesetzten zu beweisen. Wer immer sie auch waren. Was das anging, war er nie besonders eindeutig gewesen.

Dobbins ergriff das Wort. „Einer der Männer ist ein Passagier. Heinz Naumann. Er hat die Kabine C48 bezogen und ich habe arrangiert, dass Mrs. Wunderly der Liegestuhl neben seinem zugewiesen wurde.“

Ich hob eine Augenbraue und sah Redvers an. Es verwirrte mich, dass wir augenscheinlich unter meinem Namen reisten, statt unter Redvers’ – der Dibble lautete –, wenngleich ich wusste, dass er seinen Nachnamen so selten wie möglich erwähnte. „Redvers Dibble“ klang nicht gerade respekteinflößend, daher verstand ich die zurückhaltende Verwendung des Namens, doch ich vermutete, dass auch noch persönlichere Gründe im Spiel waren.

„Passagiere der ersten Klasse lassen sich häufig Liegestühle reservieren. Wir haben arrangiert, dass für Sie die Liege neben Mr. Naumann reserviert wurde, damit Sie ihn ansprechen können.“ Redvers wandte sich wieder zu dem Schiffskellner mit der leisen Stimme um. „Ausgezeichnete Arbeit, Dobbins.“

„Soll ich Sie zum Abendessen an seinem Tisch platzieren?“, fragte Dobbins.

Redvers schüttelte den Kopf. „Ich glaube, das wäre zu auffällig. Das ist bereits ein exzellenter Start. Zumindest was unseren ersten Verdächtigen angeht. Was ist mit den beiden anderen?“

„Sie arbeiten beide an Bord des Schiffes. Der Dirigent der Schiffsband, Keith Brubacher, und der Mann, der das Fotostudio betreibt, Edwin Banks.“

„Haben Sie irgendetwas über die beiden herausfinden können?“

Dobbins schüttelte den Kopf. „Dazu hatte ich noch keine Gelegenheit, Sir. Ich habe gerade erst ihre Namen erfahren. Allerdings weiß ich, dass sie beide auf dieser Überfahrt zum ersten Mal an Bord sind.“

Redvers nickte und ich fragte mich, ob er die Namen gerade zum ersten Mal gehört hatte, oder sich lediglich über Dobbins’ Vorarbeit erkundigte.

„Wir werden uns die beiden umgehend näher ansehen“, sagte Redvers.

Dobbins neigte den Kopf. „Ich verlasse Sie, damit Sie sich zum Abendessen umziehen können. Es beginnt pünktlich um sechs, aber Sie sollten vorher auch noch das Signalhorn hören.“

Dobbins verließ das Zimmer, schloss leise die Tür hinter sich und ich wandte mich zu Redvers um. Ein leichtes, aufgeregtes Kribbeln kroch über meine Haut – ich konnte es kaum erwarten, mit dieser Ermittlung anzufangen. Es war eine erfrischende Neuerung, mal zu Rate gezogen, statt immer bis zum letzten Moment im Dunkeln gelassen zu werden. „Dann haben wir also drei Verdächtige.“ Redvers hatte mir, bevor wir an Bord kamen, nur erzählt, dass wir nach jemandem suchten, der Informationen an die deutsche Regierung weiterleitete, doch weitergehende Details hatte er nicht mit mir geteilt. Ich war mir nicht einmal sicher, ob wir nach einem deutschen Staatsbürger suchten, oder lediglich nach jemandem, der für sie arbeitete. „Wen wollen wir zuerst unter die Lupe nehmen?“

Mein Eifer schien Redvers zu amüsieren. „Ich glaube, unser erster Schritt besteht schlicht darin, dass du dich mit Naumann anfreundest, während ich mir die beiden anderen Männer ansehe.“

Ich spürte, dass ich vor Verärgerung die Stirn in Falten legte, doch das ließ ich rasch wieder sein. Wir hatten etwas über eine Woche, bis wir New York erreichen würden, und ich würde mich von meiner charmantesten Seite zeigen.

Heinz Naumann hatte keine Chance. Und die anderen beiden natürlich auch nicht, sobald ich mich ihnen widmen könnte.

Kapitel Zwei

Als es an der Zeit war, sich fürs Abendessen zurechtzumachen, schloss ich mich im Schlafzimmer ein und legte ein Abendkleid aus waldgrüner Seide an, und dazu meine Lieblingsschuhe – ein Paar silberner Schuhe mit Kitten-Heel-Absätzen. Mir war für diese Reise eine ganze Auswahl wunderschöner Abend- und Tageskleider zur Verfügung gestellt worden, da ich wie eine Passagierin der ersten Klasse aussehen musste. Keines meiner eigenen Kleider war so fein, und ich fragte mich kurz, wer die Rechnung für den Inhalt meiner Reisetruhe beglichen hatte. Ich zuckte mit den Schultern und zog neben einer ägyptischen Skarabäusbrosche ein schwarzes, mit Perlen verziertes Tuch heraus, um mein Erscheinungsbild abzurunden. Selbst wenn wir nicht auf Deck gingen, würde ich in manchen Bereichen des Schiffes wohl eine zusätzliche Stoffschicht brauchen, und die Brosche war eine schöne Erinnerung an den Ort, wo Redvers und ich uns kennengelernt hatten.

Ich hielt für einen Moment an der Schlafzimmertür inne und versuchte zu hören, ob Redvers sich immer noch seine Abendgarderobe anzog, doch ich konnte nichts als das sanfte Surren der Schiffsmotoren unter uns vernehmen. Redvers hatte seine Reisetruhe ins Wohnzimmer gezogen, kaum dass Dobbins verschwunden war; glücklicherweise wusste unser Schiffskellner über unsere Situation Bescheid, sonst hätte das ungewöhnliche Arrangement in unserer Suite gewiss Fragen aufgeworfen.

Ich klopfte von innen an die Schlafzimmertür. „Bist du fertig?“

Redvers’ tiefe, rumpelnde Stimme antwortete mir: „Bin bereit.“ Ich betrat das Wohnzimmer und bekam einen trockenen Mund. Der Mann sah in seinem schlichten, schwarzen Smoking mit farblich passender Krawatte und gestärktem, weißem Hemd einfach umwerfend aus. Die Smoking-Jacke betonte seine breiten Schultern und das dunkle Haar. Mir entging beinahe die Bewunderung in seinen schokoladenbraunen Augen, doch sein Blick funkelte, als er mich empfing.

„Du siehst entzückend aus.“

„Vielen Dank.“

Wir standen für einen Moment betreten da und spürten die Anspannung, jetzt, da wir uns selbst überlassen waren, ohne dass sich meine Tante einmischte oder andere Familienmitglieder uns unterbrachen.

Zumindest spürte ich diese Anspannung. Ich konnte mir nicht sicher sein, warum Redvers so verlegen war.

Nachdem unser Schweigen einen Moment zu lange angedauert hatte, räusperte sich Redvers und ich sah eine leichte Rötung an seinem Hals, die sich krass von seinem leuchtend weißen Hemd abhob. „Wollen wir?“ Ich nickte und verbarg mein Lächeln, während ich auf ihn zuging und den Arm nahm, den er mir anbot.

Redvers schloss unsere Suite ab und wir begaben uns zum Speisesaal, zwei Stockwerke weiter unten auf Deck D, wobei wir uns einem Strom gut gekleideter Passagierinnen und Passagieren anschlossen, die ebenfalls dorthin unterwegs waren. Noch ehe wir den Salon erreicht hatten, erregte eine erhobene Frauenstimme meine Aufmerksamkeit und ich hielt an. Ich neigte den Kopf und zog Redvers dann am Arm in Richtung des Ganges, aus dem die Stimme kam.

„Es sollte doch wohl möglich sein, dass Ihre Leute nach ihm suchen.“ Die Stimme der Frau war hoch und schneidend, doch das lag wahrscheinlich eher an der offensichtlich angespannten Situation, als an ihrer normalen Sprechstimme.

„Madam, ich bin mir sicher, dass ihr Ehemann in einer Stunde wieder aufgetaucht sein wird. Kein Grund zur Besorgnis.“ Der Mann wollte mit seiner Stimmlage offensichtlich beruhigend klingen, doch er wirkte eher herablassend.

Ich warf einen Blick um die Ecke und erkannte die große rothaarige Frau, die beim Ablegen mit uns auf dem Deck gestanden hatte. Sie trug jetzt nicht mehr ihren Pelzmantel, doch es handelte sich unverkennbar um dieselbe Frau. Sie sprach mit einem Schiffsoffizier, der an seiner schicken Mütze und der makellosen Uniform mit Goldstreifen an den Manschetten offensichtlich zu erkennen war. Neben den beiden stand ein weiterer Mann in Uniform. Er hatte sich die Mütze unter den Arm geklemmt und während ich sie beobachtete, wechselten die Männer einen vielsagenden Blick.

Die Frau knurrte jetzt regelrecht. „Ich weiß, dass Sie glauben, er wäre mit irgendeinem Prinzesschen verschwunden, aber ich versichere Ihnen, dass das nicht der Fall ist. Wir sind frischverheiratet und mein Ehemann ist kein Schuft. Wir wollten uns auf einen Drink treffen, doch er ist nicht aufgetaucht.“

Der Offizier schien sich unbehaglich zu fühlen. Es war offensichtlich, wo er den Ehemann dieser Frau vermutete, und ihr Argument rüttelte nicht an seiner Überzeugung. „Vielleicht sollten Sie noch einmal in den Aufenthaltsräumen nachsehen. Oder einen Schiffskellner in die Gentlemen’s Lounge schicken. Es ist gut möglich, dass er bloß in ein Gespräch vertieft ist.“ Er kicherte gezwungen. „Und Sie müssen wissen, dass dort schon einige Ehemänner bei einem Kartenspiel ‚verloren‘ gingen – vielleicht hat er nur die Zeit vergessen.“

Die Frau schnaubte, machte ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrt und kam in unsere Richtung gelaufen. Ich drehte mich rasch zu Redvers um, der geduldig darauf wartete, dass ich vom Lauschen genug hatte, und nahm seinen Arm. „Wollen wir?“ Wir liefen gerade in Richtung Speisesaal los, als die rothaarige Frau um die Ecke kam und an uns vorbeistürmte. Das wütende Klappern ihrer Absätze hallte den Gang entlang. Binnen weniger Augenblicke war sie wieder außer Sicht.

„Neugier ist der Katze Tod, weißt du?“ Redvers’ Augen funkelten und ich versetzte ihm einen sanften Stoß in die Rippen.

„Ich habe sie wiedererkannt. Sie stand heute Morgen an Deck.“

„Ach ja?“ Redvers zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, sie ist mir nicht aufgefallen. Ich habe den jungen Mann mit seiner Kamera beobachtet.“

Dieses Individuum war mir völlig entgangen. „Ich schätze, dann sind wir quitt.“

***

Unten auf Deck D hatte die Olympic einen Empfangsbereich, in dem sich die Gäste treffen und etwas trinken konnten, ehe sie sich zum Abendessen in den Speisesaal begaben. Die weiße Vertäfelung hier war filigran, aber genau so reich verziert wie überall sonst auf dem Schiff, und auch hier fiel mir der Stuck an der Decke auf, ein Muster aus abwechselnden Quadraten und Wirbeln. Kleine Sitzgruppen aus kleinen Tischen und Korbstühlen mit gemütlichen Kissen standen überall verteilt und die gelegentliche Topfpalme verlieh dem vollen Raum etwas Wärme. Am Eingang hing direkt gegenüber der Treppe ein riesiger Wandteppich, dessen zahlreichen Details und bunte Farben den Blick auf sich zogen. Ich hielt an und stellte mich an die Seite, um die Szenerie auf mich wirken zu lassen, während Redvers mit dem Schiffskellner am Eingang zum Speisesaal sprach.

„Mr. und Mrs. Wunderly, ausgezeichnet. Wenn Sie mir zu Ihrem Tisch folgen würden, ich glaube, Ihre Tischnachbarn haben bereits mit dem Essen angefangen, aber das sollte kein Problem sein.“ Er bedeutete uns, ihm zu folgen, und wir liefen hinter ihm her.

Der Speisesaal war enorm. Er erstreckte sich beinahe über die gesamte Breite des Schiffes, und obwohl er nur ein Stockwerk einnahm, verliehen ihm die hohen Decken eine gewisse Weitläufigkeit. Das Deckenmuster aus dem Empfangsbereich wurde hier wieder aufgenommen, und mitten durch den Raum verlief eine Reihe dekorativer Holzpfeiler. So weit das Auge reichte, waren perfekt gedeckte Tische und elegant gekleidete Passagierinnen und Passagiere zu sehen. Wir saßen zentral und hatten einen guten Blick in beide Richtungen – was gewiss kein Zufall war. Redvers würde von hier aus unauffällig den gesamten Raum im Auge behalten können. Ich richtete meinen Blick auf unseren Tisch und stellte fest, dass dort bereits drei Personen Platz genommen hatten. Der Schiffskellner lächelte entschuldigend, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und davoneilte. Ich fragte mich kurz, wofür er sich entschuldigen wollte.

„Nun, Sie sind ein wenig spät dran, aber setzen Sie sich doch.“ Die Stimme gehörte einer vollbusigen Frau in einem Kleid, das vollständig mit silbernen Pailletten besetzt war. Darin spiegelte sich das Deckenlicht und blendete mich beinahe. Sie erhob sich halb, als wir näher kamen, um sich aufrechter hinzusetzen, und ich konnte sehen, dass sie beinahe so hoch wie breit war. Wir schafften es gerade so, uns vorzustellen und Platz zu nehmen, ehe die Frau in derselben Lautstärke fortfuhr, obwohl wir mittlerweile zusammen am Tisch saßen: „Ich bin Miss Eloise Baumann und das ist meine Schwester, Margret Gould.“ Sie deutete auf die schmale Frau am Tisch, die schweigend an ihrem Wasserglas nippte. Dann drehte sie sich zu dem Gentleman, der bei unserem Eintreffen aufgestanden war und jetzt zur Linken Margrets saß. „Und das ist Douglas Gould.“ Ihre Lippe kräuselte sich ein wenig, als Douglas uns nur knapp zunickte und sich dann wieder seiner Suppe widmete. Douglas schien sich entschlossen zu haben, jegliche weitere Unterbrechung seines Mahls zu ignorieren.

„Woher kommen Sie beide?“ Eloise wartete nicht auf eine Antwort, ehe sie fortfuhr: „Wir kommen aus New York und haben gerade einen kleinen Urlaub in England verbracht. Nun, zumindest diese beiden. Ich habe mich bei einigen Organisationen vorgestellt, die in Übersee missionarisch tätig sind. Wir müssen Gottes Wort zu den Wilden dort draußen bringen, wissen Sie? Und da England jetzt in Indien ist, scheint es ein guter Zeitpunkt zu sein, um diese Reise anzutreten.“

Ich versuchte, nicht den Mund zu verziehen, als sie die Bewohner Indiens als „Wilde“ bezeichnete, denn ich wusste bestens, dass sie nichts dergleichen waren. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass sich Redvers’ Augenbraue immer weiter in die Höhe zog, je länger die Frau sprach. Es war ein regelrechter Sturzbach von Informationen, und jedes Mal, wenn ich den Mund öffnete, um eine Frage zu beantworten, sprach sie weitere aus, ehe ich auch nur einen Ton von mir geben konnte.

Die Kellnerinnen und Kellner brachten rasch unsere Suppe und eilten ebenso rasch wieder davon. Ich nahm an, dass sie schnell herausgefunden hatten, diesen Tisch am besten so gut wie möglich zu meiden. Ich konnte es ihnen nicht zum Vorwurf machen. Während wir unsere Suppe aßen, sprach Eloise durchgehend – ich stellte beeindruckt fest, dass sie es dabei irgendwie geschafft hatte, ihre eigene Suppe zu essen, wenngleich ich mir nicht erklären konnte, wann sie dafür Zeit gefunden hatte. Ihr ununterbrochener Monolog behandelte die Qualität des Essens an Bord, die Ausstattung ihrer Suite, bis hin zu Mr. Goulds Beruf – er war Verwaltungsleiter eines Krankenhauses.

„Ich lebe bei meiner lieben Schwester und Mr. Gould, und ich muss sagen, dass ich nicht weiß, was sie ohne mich tun würden.“ Diese dreiste Aussage entlockte Margret eine Reaktion. Sie blickte gen Himmel, widmete sich aber schnell wieder dem Entree, das mittlerweile vor ihr stand. Ich seufzte, als ich begriff, dass weder Mrs. Gould noch ihr Ehemann Erlösung bringen würden, wobei ich mich fragte, ob nicht einmal ihre Verwandten sie überhaupt stoppen konnten. Ich blickte mich kurz um und stellte fest, dass auch die umliegenden Tische in Hörweite von unserer Peinigerin in Beschlag genommen wurden und überall Schweigen herrschte. „Ich meine, es ist so ein großes Haus, und von den Bediensteten wird man nur ausgenommen, wenn man sie nicht mit harter Hand führt. Und das war noch nie Margrets Stärke.“

„Dann haben Sie nie geheiratet, Miss Baumann?“ Ich schaffte es endlich, eine Frage zu stellen, während die Frau sich ein großes Stück Steak in den Mund schob. Redvers warf mir einen bösen Blick zu, doch ich zuckte bloß mit den Schultern. Wenn sie ohnehin ununterbrochen reden würde, könnte sie sich dabei auch Themen widmen, die mich interessierten.

„Himmel, nein. Ich konnte nie jemanden finden, der unserem lieben Vater, Walter, das Wasser reichen konnte. Und als er starb, zog ich zu Margret, um ihr zu helfen.“

„Ich frage mich, ob Walter nur starb, um mal etwas Ruhe zu haben“, flüsterte Redvers und ich musste ein Kichern unterdrücken.

„Was war das?“ Eloise warf Redvers einen stechenden Blick zu und der hustete einmal.

„Ich fragte mich nur, was Walter beruflich machte.“ Redvers wirkte völlig unschuldig, während er diese Lüge spann. „Sie sprechen in hohen Tönen von ihm.“

Eloise schien befriedigt zu sein und ich versetzte Redvers unter dem Tisch einen leichten Tritt gegen das Bein. Er versteckte sein Grinsen hinter seinem Weinglas.

„Nun, wissen Sie, unser Vater war Anstreicher. Doch Sie sollen nicht glauben, dass er von niederer Klasse war. Nein, er ermöglichte sich eine Schulbildung und wurde außerordentlicher Professor an einer respektablen Universität.“

An diesem Punkt schaltete ich ab und nickte nur noch gelegentlich in ihre Richtung, während ich den Raum hinter ihr beobachtete. Ich suchte die Tische ab, konnte aber nirgends die rothaarige Frau oder ihren Ehemann entdecken.

„Siehst du ihn irgendwo?“, fragte Redvers flüsternd. Ich fragte mich, woher er wusste, dass ich immer noch an den vermissten Ehemann dachte.

„Was war das? Sie müssen lauter sprechen.“ Eloise musste auf die Siebzig zugehen, doch ihr Gehör funktionierte bestens.

Redvers lächelte höflich. „Ich habe Jane nur gefragt, ob sie alte Freunde von uns entdeckt hat.“

„Es ist wundervoll, alte Freunde wiederzusehen, nicht wahr? Ich habe kürzlich meiner Freundin Ethel geschrieben – ihr Ehemann ist blind, müssen Sie wissen, deshalb liest sie ihm meine Briefe vor. Es bereitet ihm Freude, von mir zu hören, und das ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich kenne sie seit, nun, mindestens seit 1899, ja, so lange ist es schon her …“

Ich wünschte Ethel alles Gute, in Gedanken natürlich, da ich keine Gelegenheit hatte, so etwas laut zu äußern, doch es stellte sich mir die Frage, wie begeistert diese Frau wirklich von ihrer ausschweifenden Freundin Eloise war.

Sobald unsere Dessertteller abgeräumt waren, nahm Redvers meinen Arm und entschuldigte sich vom Tisch. Mr. Gould schien das für eine ausgezeichnete Idee zu halten und erhob sich ebenfalls.

„Gehen Sie in die Raucherlounge, Mr. Wunderly?“

„Ich wollte eigentlich nicht …“ Der plötzlich sehr enthusiastische Gould unterbrach Redvers.

„Nun, dann begleite ich Sie dorthin. Die Damen, wir sehen uns später.“

Margret durchbohrte ihren Ehemann mit ihrem Blick, doch Eloise verdrehte lediglich die Augen. Soweit es sie anging, schien ihr Schwager für ihr abendliches Vergnügen nicht vonnöten zu sein. „Mrs. Wunderly, wollen Sie sich uns anschließen? Wir werden in den Empfangssalon gehen. Ich kenne einige herrliche Arien, die ich zum Besten geben kann. Natürlich nur, wenn sie einen Pianisten haben, der etwas taugt …“

Ich lächelte bloß, schüttelte den Kopf und täuschte Bedauern vor, während ich mich von Redvers wegführen ließ. „Es war schön, Sie kennenzulernen“, rief ich über die Schulter. Das war zwar eine Lüge, doch eine wohlgemeinte.

Mr. Gould war plötzlich Mr. Kongenial, jetzt, da wir seine Schwägerin zurückgelassen hatten. „Gütiger Herr, diese Frau hört nie auf zu reden.“ Er schüttelte den Kopf, hielt aber nicht in seiner raschen Bewegung inne, bis wir den Speisesaal verlassen hatten und oben auf dem nächsten Deck angekommen waren. „Vielen Dank für die Gelegenheit zur Flucht, Redvers.“

„Sehr gern. Doch ich muss gestehen, dass ich vorhabe, meine Frau in die Lounge zu begleiten.“

Mein Magen rumorte, als Redvers von mir als seiner Frau sprach. Ich wusste, dass das die Rolle war, die wir spielten, doch bislang war es nie laut ausgesprochen worden, und ich spürte, dass mir warm im Gesicht wurde. Ich kam auch nicht umhin, mich zu fragen, wie es wohl wäre, wenn das der Wahrheit entspräche. Wie wäre der geheimniskrämerische Mann neben mir wohl als Ehemann? Gewiss um Längen besser als mein letzter.

Gould hielt in seiner Flucht inne, schlug Redvers auf den Rücken und unterbrach damit erfolgreich meine abwegigen Gedanken. „Oh, das ist in Ordnung, völlig in Ordnung. Ich bin nur froh, dass ich mich losreißen konnte.“ Der Mann wünschte uns eine gute Nacht und war im nächsten Augenblick verschwunden.

„So habe ich mir den Verlauf dieses Abends wirklich nicht vorgestellt.“

Ich hielt inne und betrachtete ihn. „Und was genau hattest du für diesen Abend vor?“

Redvers zwinkerte mir zu, sagte aber nichts, sondern manövrierte mich nur sanft in Richtung Lounge.

Kapitel Drei

Wir öffneten die schwere, doppelflügelige Eichentür und liefen auf den großen Kamin zu, der eine Wand der Lounge dominierte. Die beeindruckende Eichenvertäfelung, die den prächtigen, grauen Marmor zu beiden Seiten flankierte, war mit verschnörkelten Blumenmustern dekoriert. Über dem mächtigen Kaminsims hing ein großer Spiegel. Ich konnte sehen, dass auf dem Feuerrost bereits ein Kohlenfeuer vorbereitet worden war, das nur darauf wartete, entzündet zu werden, und war erstaunt, dass es an Bord eines Schiffes tatsächlich einen funktionierenden Kamin gab. Meine Absätze sanken in den samtenen Teppich ein, während wir zum leisen Summen der Gespräche und dem zur Decke steigenden Zigarettenqualm den Raum durchquerten. Der gesamte Raum war mit geschnitzter Eiche vertäfelt und verbreitete mit den überall verteilten Couches und Sesseln eine deutlich französische Atmosphäre.

Als sich in der Nähe ein Paar erhob und damit einen kleinen Tisch frei machte, deutete Redvers auf die Sitzgelegenheit. „Wollen wir?“ Wir setzten uns in die luxuriösen Sessel und ich betrachtete die Gäste. Auch hier sah ich die rothaarige Frau nicht und konnte auch ihren Ehemann nicht ausmachen. Ich wünschte, ich wüsste, wie Heinz Naumann aussah, doch ohne eine detaillierte Beschreibung hatte ich keine Ahnung, wie ich ihn zwischen all den Menschen ausmachen sollte. Bei Banks und Brubacher kannten wir wenigstens ihre Rolle auf dem Schiff. Damit würden wir sie leichter identifizieren und im Auge behalten können.

In einem plötzlichen Anflug von Panik suchte ich den Raum nach einem Klavier ab und atmete erleichtert auf, als ich feststellte, dass es hier keines gab.

„Was ist los?“
„Ich hatte mir kurz Sorgen gemacht, dass es hier ein Klavier geben könnte und wir Gesellschaft von unserer neuen Freundin Eloise bekommen würden.“

Redvers kicherte und winkte einem Kellner. „Nein, hier gibt es keines. Ich glaube, in dem Empfangsbereich, wo wir gerade waren, steht ein Klavier, und möglicherweise in der Lounge unten auf Deck D. Achtern.“

Ich hatte keine Ahnung, in welcher Richtung das lag. Ich wusste nur, dass ich diesen Bereich meiden würde.

Der Kellner eilte auf Redvers’ Signal hin durch den Raum und wir bestellten Drinks – einen Gin Rickey für mich und einen Whiskey pur für Redvers. Während wir warteten, musterte ich weiter die Passagierinnen und Passagiere der ersten Klasse, die uns umgaben, doch Redvers richtete seine Aufmerksamkeit auf mich.

„Weißt du, die Ermittlung kann bis zum Morgen warten.“

Ich sah ihn überrascht an. „Sollten wir nicht sofort anfangen?“ Er zuckte sorglos mit den Schultern. Da ich zum ersten Mal tatsächlich an einer Mission beteiligt war, wollte ich es nicht vermasseln – ich wollte beweisen, dass ich sein Vertrauen und das seiner Vorgesetzten verdient hatte. Und wenn ich ehrlich zu mir war, wollte ich mich auch hervortun. Denn wenn ich das schaffte, würde ich vielleicht auch in zukünftige Missionen einbezogen werden. Nicht dass ich bereit gewesen wäre, das laut auszusprechen. Doch nichts brachte mein Blut so in Wallung, wie mich in eine Ermittlung zu stürzen.

Nun, abgesehen von dem Mann, der mir gegenübersaß.

„Was wirst du tun, wenn du wieder in Boston bist?“ Unsere Drinks kamen und Redvers trank einen Schluck.

„Meinen Vater besuchen“, antwortete ich. „Ich habe ihn seit einigen Monaten nicht mehr gesehen.“
„Und er kann ohne dich nicht leben?“

„Oh doch, kann er, doch seit meine Mutter gestorben ist, versuche ich, ein Auge auf ihn zu haben. Ich will nur sicherstellen, dass er das Haus nicht niedergebrannt hat, solche Dinge eben. Er ist recht zerstreut.“ Ich kicherte. „Bei meinem letzten Besuch in der Heimat habe ich seine Brille im Eiskasten gefunden.“

„Die ist bestimmt schwer zu finden, wenn man ohne nicht gut sehen kann.“

„Ich weiß nicht einmal, ob ihm aufgefallen ist, dass sie verschwunden war.“ Ich lächelte angesichts dieser Erinnerung und neigte dann den Kopf. „Wie lange hast du vor, in den Staaten zu bleiben?“ Ich fragte mich, ob Redvers je die Gelegenheit haben würde, meinen Vater persönlich kennenzulernen.

Sein Lächeln wurde breiter, sodass sich kleine Fältchen an seinen dunklen Augen bildeten. „Ich schätze, das kommt drauf an.“

„Worauf?“ Ich hielt den Atem an und wusste nicht, was ich hören wollte.

Er hielt inne und ließ den Blick beiläufig durch den Raum streifen. „Willst du eine Zigarette?“

Ich presste verärgert die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. „Was für eine stümperhafte Ablenkung. Du weißt genau, dass ich nicht rauche.“

Er kicherte. Er quälte mich und genoss es auch noch. „Es hängt davon ab, was während dieser Ermittlung geschieht. Und bei einigen anderen Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss.“ Er hielt meinen Blick mit seinen dunklen Augen.

„Will ich wissen, was das für Angelegenheiten sind?“

„Ich glaube, im Moment ist es besser, wenn sie geheim bleiben.“

Mein Herz flatterte und ich betrachtete für einige Augenblicke den letzten Rest meines Drinks. Ich merkte, dass ich mir von Herzen wünschte, eine dieser Angelegenheiten zu sein. Ich dachte an unser beengtes Quartier und war mir plötzlich nicht mehr sicher, wie unser Abend enden würde und wie wir mit den unvermeidlichen Peinlichkeiten umgehen würden, wenn wir uns zur Nacht zurückzogen. So wohl ich mich bei diesem Mann auch fühlte, das, was hinter verschlossenen Türen geschehen würde, bereitete mir immer noch ein kleines bisschen Unbehagen. Und ich wusste noch immer nicht, was nach meinen Wünschen passieren sollte.

„Weißt du, ich glaube, ich könnte einen weiteren Drink vertragen.“

Redvers wirkte, als verstünde er etwas zu genau, während er die Hand hob und den Kellner heranwinkte.

***

Die eventuellen Peinlichkeiten gerieten schnell in Vergessenheit, als unser Kellner die zweite Runde Drinks brachte und Redvers mir zahlreiche Fragen über mein Leben in Boston stellte.

„Was ist mit deiner Mutter?“

„Was soll mit ihr sein?“

Redvers sah mich nachdrücklich an. „Was für ein Mensch war sie?“

Ich trank einen Schluck und dachte über die Antwort nach. „In England war sie eine der ersten Suffragetten. Sie glaubte fest an die Unabhängigkeit der Frau.“ Mich überkam ein schlechtes Gewissen, als ich daran dachte, wie enttäuscht sie über meine erste Wahl eines Ehemannes gewesen wäre. „Sie starb, als ich noch recht jung war – sie hat es nicht mehr erlebt, selbst wählen zu dürfen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, meine Erinnerungen an sie verblassen bereits.“

Redvers berührte meine Hand und ließ mir einen Moment, ehe er das Gespräch auf leichtere Themen lenkte. Bald lachte und plauderte ich und erst als wir wieder vor der Tür zu unserer Suite standen, erinnerte ich mich an meine vorherige Beklommenheit bezüglich unserer nächtlichen Situation.

„Ich komme mir schlecht vor, wenn ich dich hier auf dem Boden schlafen lasse“, sagte ich, sobald er die Tür hinter uns geschlossen hatte. Ich sah, dass Dobbins bereits zusätzliche Decken und Kissen für ihn besorgt hatte, die sich ordentlich auf dem Stuhl an der gegenüberliegenden Wand stapelten, doch es kam mir so vor, als wäre das immer noch nicht genug.

Er kicherte. „Keine Sorge. Ich habe schon unter deutlich raueren Bedingungen geschlafen.“ Er deutete auf den Deckenstapel. „Und Dobbins hat für reichlich weiche Unterlagen gesorgt.“

Ich trat von einem Fuß auf den anderen. „Nun, ich bin schrecklich müde. Der Tag hat sehr früh angefangen. Ich werde versuchen, etwas Schlaf zu finden.“ Doch ich blieb stehen, wo ich war.

Redvers unterdrückte ein Gähnen und setzte sich auf die Kante eines der Polsterstühle. „Ich bin auch geschafft.“ Er lockerte seine Krawatte und mein Blick huschte im Zimmer umher, eher er wieder auf seinen Händen zu ruhen kam.

„Ähm … musst du das Badezimmer benutzen?“

Seine Augen funkelten. „Heute Abend sollte ich zurechtkommen.“ Er zog die Krawatte aus, faltete sie fein säuberlich und legte sie auf den niedrigen Tisch an seinem Ellbogen. Dann machte er sich daran, die Schuhe auszuziehen.

Ich räusperte mich. „Also … dann … Gute Nacht, Redvers.“

„Gute Nacht, Jane.“ Ich drehte mich rasch um und verschwand im Schlafzimmer. Ehe ich leise die Tür schloss, warf ich noch einen letzten Blick auf meinen attraktiven Begleiter.

Und verbrachte eine recht ruhelose Nacht.

Kapitel Vier

Irgendwann in der Nacht war unser Schiff in stürmische See geraten und während ich mich in meinem unruhigen Schlaf umherwarf, erwachte ich einmal und merkte, dass es merklich ins Rollen geraten war. Nicht stark genug, um mich aus dem Bett zu werfen, aber doch so stark, dass ich mir Sorgen um die Stabilität des Schiffes machte. Es waren seitdem viele Jahre vergangen, doch ich erinnerte mich daran, dass die Olympic das Schwesterschiff der so glücklosen Titanic war, und wenngleich ich bezweifelte, dass wir das gleiche Schicksal erleiden würden, kam ich nicht um eine leichte Nervosität umhin. Besonders, da mein Magen jetzt im Dunkeln hin und her geworfen wurde.

Obwohl mir die stürmische See auf den Magen schlug und ich mich mit meinen Sorgen quälte, schaffte ich es, kurz nach der Morgendämmerung noch einige Stunden zu schlafen, und erwachte so deutlich später als geplant. Ich beeilte mich mit meiner Morgenroutine und klopfte in der Erwartung an die Tür zum Wohnzimmer, dass Redvers bereits fort war.

„Komm rein.“ Redvers klang gut gelaunt.

Als ich ins Zimmer trat, sah ich, dass er bereits vollständig angezogen war und sich ein Toast schmierte. Auf dem niedrigen Tisch vor ihm stand ein voll beladenes Frühstückstablett.

„Ich dachte, du würdest gern hier in der Kabine frühstücken, ehe du aufs Deck rausgehst.“ Er runzelte ein wenig die Stirn und deutete mit einer Neigung des Kopfes zum Fenster. „Wobei das Wetter in der Nacht umgeschlagen ist und es draußen ein wenig ungemütlich sein könnte.“

„Danke. Das war sehr aufmerksam.“ Ich wusste es zu schätzen, mich noch nicht einem Speisesaal voller Menschen stellen zu müssen. Ich war zudem dankbar, dass Redvers nicht erwähnte, wie lange ich geschlafen hatte. „Ich komme schon zurecht.“ Ich blickte zum Fenster. Es fiel ein wenig Licht ein, was hoffentlich bedeutete, dass die stürmische See nicht von Regen begleitet wurde.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, goss Redvers ein wenig Sahne in eine Tasse und füllte dann mit schwarzem Kaffee auf, ehe er sie mir reichte. Ich sog den köstlichen Duft ein und murmelte meinen Dank. Es war mir nicht entgangen, dass er sich genau daran erinnerte, wie ich meinen Kaffee trank – oder auch daran, dass ich ihn am Morgen einem Tee vorzog. An diesen Lebensstil könnte ich mich problemlos gewöhnen.

 

Nach dem Frühstück begleitete Redvers mich bis zum Oberdeck, hauptsächlich um sicherzustellen, dass das Wetter wirklich gut genug war, um draußen zu sitzen, doch ich war auch dankbar für die Hilfe bei der Orientierung im Schiff. Ich hatte immer noch Probleme damit, mich auf diesem Giganten zurechtzufinden – jeder Gang schien dem vorherigen zu gleichen. Als wir an Deck angekommen waren, blickten wir über die Reling auf die weiße Gischt hinaus, die rings um uns brodelte.

„Ich hab schon Schlimmeres gesehen“, sagte Redvers.

Ich schluckte bei dem Gedanken, setzte aber einen tapferen Gesichtsausdruck auf. Es war wirklich nicht so schlimm, besonders dann, wenn sich der Körper erst mal an das ständige Rollen gewöhnt hatte. Es war nicht ganz leicht, in einer geraden Linie zu laufen – besonders weil die Gänge voller Passagierinnen und Passagiere waren, die aussahen, als hätten sie einige Cocktails zu viel intus. Doch hier oben an der frischen Seeluft konnte ich den Blick auf den auf und ab wippenden Horizont richten. Ich nickte entschieden. „Ich komme zurecht.“ Es wehte eine steife Brise und der Himmel war bewölkt, doch dankbarerweise war es trocken geblieben.

Redvers sah mich an und nickte dann ebenfalls, eher er mich zu der Stelle führte, wo Dobbins auf uns wartete. Redvers verschwand wieder die Treppe hinunter, während der Schiffskellner übernahm und mich zu meinem Liegestuhl geleitete. Ich hatte in weiser Voraussicht ein Buch mitgenommen, nur für den Fall, dass unser Verdächtiger nicht zur selben Zeit an die frische Luft wollte, doch ich war mir nicht sicher, ob ich mit den Bewegungen des Schiffes überhaupt würde lesen können.

Der Wind war kühl und wehte mir die Haarspitzen ins Gesicht. Ich war froh, dass ich meinen Hut gut festgesteckt hatte, obwohl ich mir selbst mit den Hutnadeln Sorgen machte, dass ich ihn an eine starke Bö verlieren könnte. Dobbins gab mir eine dicke, warme Pelzdecke, und ich deckte mich damit zu, während ich mich auf eine lange Wartezeit einstellte und die Wellen beobachtete. Wir hatten die Küste Englands längst hinter uns gelassen und die endlose Weite aus Ozean und Himmel breitete sich vor mir aus. Der Anblick ließ mich erschaudern; mir gefiel das Gefühl nicht, so isoliert mitten auf einem Weltmeer zu treiben. Davon war ich einigermaßen überrascht, hatte es mir doch großen Spaß gemacht, Flugstunden zu nehmen und in den Himmel emporzusteigen. Doch selbst ohne den stärkeren Wellengang fühlte sich das hier irgendwie gefährlicher an – vielleicht weil ich keine Kontrolle über das Schiff hatte, oder über das Wasser, das uns trug.

Ich war so von der überwältigenden Aussicht abgelenkt, dass mir beinahe entging, wie sich jemand auf den Platzt neben mir setzte, und ich zuckte beinahe zusammen, als ich angesprochen wurde.

Guten Morgen.“ Ein attraktiver Mann mit Pomade im zurückgekämmten Haar und verblüffend blauen Augen begrüßte mich, während er sich auf seinen Liegestuhl setzte und seine eigene Decke über die Beine zog. Wenn dieser Mann kein Eindringling war, der sich den Liegestuhl eines anderen schnappte, sah ich mich Heinz Naumann gegenüber.

„Guten Morgen! Entschuldigen Sie, ich habe gerade die Aussicht bewundert.“ Mein Herz schlug etwas schneller, weil er mich überrascht hatte, und weil es mir unbehaglich war, mit einem fremden Mann allein zu sein. Zum Glück bestätigte mir ein rasches Umsehen, dass wir bei Weitem nicht allein waren – etliche Passagiere und Passagierinnen befanden sich in Rufweite.

„Recht überwältigend, nicht wahr?“ Naumann blickte über die Reling auf die aufgewühlte See und wiederholte exakt meine Gedanken, ehe er sich wieder mir zuwandte. „Ist es Ihre erste Seefahrt, Mrs. …“

War es nicht, doch als wir den Atlantik zum ersten Mal überquert hatten, war das Wetter deutlich schöner gewesen, und unser Weg hatte uns gen Süden nach Ägypten geführt. Es war eine ganz andere Erfahrung gewesen als diese stürmische Überfahrt.

„Wunderly. Jane Wunderly.“ Naumann stellte sich ebenfalls vor und bestätigte damit meine ursprüngliche Annahme zu seiner Identität. Da wir uns nun bekannt gemacht hatten, beantwortete ich seine Frage: „Und es ist nicht mein erstes Mal auf See, doch das erste Mal, dass ich diese spezielle Überfahrt antrete. Sie ist … rauer als erwartet.“

Heinz lachte. „Das stimmt. Ich bin sehr dankbar für diese warmen Decken. Und noch dankbarer über Wärme von innen.“ Er zog einen Flachmann aus der Manteltasche und goss etwas in die Tasse Tee, die er auf dem Tisch zwischen uns abgestellt hatte. Er hielt mir den Flachmann als Angebot hin, doch als ich den Kopf schüttelte, neigte er seinen als Zeichen des Verstehens, ehe er den kleinen, silbernen Behälter verschloss und wieder in seiner Tasche verschwinden ließ. Seine Augen glänzten. „Ich finde, ein wenig Brandy beruhigt den Magen. Ein gutes Mittel gegen all die Wellen.“

Ich lächelte und fragte mich kurz, ob das tatsächlich funktionierte. Allerdings hatte ich das Glück, dass mein Magen noch nicht gegen die andauernde Bewegung revoltierte.

Wir unterhielten uns ungezwungen; plauderten über das Buch, das ich las, und Romane im Allgemeinen. Ich hatte im Hinterkopf, dass ich mich bei diesem Mann einschmeicheln musste, doch ich hatte nicht erwartet, dass ich ihn tatsächlich mögen würde. Er war charmant und freundlich, ganz und gar nicht das, was ich von einem feindlichen Spion erwartet hätte. In mir wuchs die Hoffnung, dass einer der beiden anderen Verdächtigen unser Ziel war.

„Ich sollte wirklich zu meinem Ehemann zurückkehren“, sagte ich nach einiger Zeit. Meine Wangen waren kalt und ich wollte nicht auffallen, indem ich darauf wartete, dass er sich selbst entschuldigte – es war weitaus besser, wenn ich zuerst ging. Außerdem fühlte es sich so an, als hätte ich bereits große Fortschritte gemacht beim Versuch, mich mit dem Mann anzufreunden.

„Wenn Ihr Ehemann auch nur einen Funken Verstand hat, wird er Sie vermissen.“ Heinz’ Augen leuchteten. „Es war mir eine Freude, Mrs. Wunderly. Ich hoffe, wir können uns bald wieder unterhalten.“

„Das hoffe ich auch, Mr. Naumann.“ Ich faltete meine Decke zusammen und kehrte zur Schiffsmitte zurück, wobei ich mich so weit wie möglich von der Reling entfernt hielt. Ich wusste, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass ich über Bord gehen würde, doch das wogende Wasser und mein unregelmäßiger Gang bereiteten mir Unbehagen. Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Ich hatte beinahe die Tür erreicht, die ins Schiffsinnere führte, als Redvers ebendiese Tür von innen öffnete.

„Erfolgreich?“

„Ich denke, schon.“

Er bot mir seinen Arm an und wir liefen zum Treppenhaus, doch Redvers hielt inne.

„Es ist beinahe Zeit fürs Mittagessen. Sollen wir zum Speisesaal gehen? Oder möchtest du lieber im À-la-carte-Restaurant essen?“

Mein Bauch grummelte und mir wurde bewusst, dass ich deutlich mehr Zeit an Deck verbracht hatte als gedacht. Doch die Aussicht, wieder einen Tisch mit Eloise Baumann und ihrer ausgenutzten Verwandtschaft zu teilen, ließ mich andere Orte in Betracht ziehen.

„Nehmen wir das À-la-carte.“

Redvers führte mich die Treppe zum nächsten Deck hinunter, und wenngleich ich wissen wollte, was er erreicht hatte, während ich mit Naumann beschäftigt gewesen war, hielt ich den Mund. Dafür wäre später noch Zeit, hinter verschlossenen Türen. Es hatte keinen Zweck, unsere Unterhaltung über die Ermittlung an Orten zu führen, wo uns jeder hören konnte.

Wir näherten uns dem Eingang des Restaurants, als wir drei Personen begegneten, die den Gang blockierten. Ich erkannte augenblicklich die reiche, rothaarige Frau vom Vortag, wenngleich sie ihren Fuchsfellmantel gegen eine kleinere Nerzstola und ein elegantes, graues Kostüm getauscht hatte. Sie funkelte mit ihren grünen Augen wütend den Schiffskapitän und einen weiteren Mann in Uniform an.

„Ich bin nicht verrückt. Ich habe einen Ehemann und er war bei mir, als wir gestern an Bord gingen. Sie haben sich gestern Abend geweigert, nach ihm zu suchen, und jetzt sind auch noch seine Sachen verschwunden.“