Leseprobe Kontrolle

Prolog

12. November 1994

80 km nordöstlich von Berlin

Es war eine dunkle, wolkenverhangene Nacht, und das russische Militärflugzeug des Typs Iljuschin IL-76, NATO-Codename Candid, das sich im tiefen Anflug auf einen ehemaligen sowjetischen Luftwaffenstützpunkt befand, war kaum mehr als ein kleiner, verschwommener Fleck am Himmel über den dichten Tannen- und Kiefernwäldern der Uckermark

»Sinken auf 2000 Fuß, Rechtskurve auf Steuerkurs 090«, instruierte Oberstleutnant Jegor Sorokin seinen Befehlshaber, den Piloten Major Michail Orlow.

»Verstanden. Sinken auf 2000 Fuß, Steuerkurs 090.« Orlow nahm die entsprechenden Kurs- und Höhenkorrekturen vor und nutzte den Moment, um einen kurzen Blick aus dem seitlichen Fenster zu werfen. Die dichten Nadelwälder, die sie seit etwa fünfzehn Minuten überflogen, erinnerten ihn an seine Heimat, die Taiga, und an das Haus seiner Eltern, das seit Jahrzehnten den rauen Bedingungen in den borealen Wäldern rund um Novosibirsk trotzte. Er war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen — wer war das nicht in der ehemaligen Sowjetunion —, hatte es aber nie bedauert. Es hatte ihn zu dem gemacht, der er heute war: Ein Major der russischen Luftstreitkräfte — einer der wenigen, der nicht im Zuge der Umgestaltung der Streitkräfte entlassen worden war.  

Mütterchen Russland hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert. Seit Gorbatschows Forderung nach Glasnost und Perestroika weitreichende Reformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nach sich gezogen hatte, war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Und das war ein Umstand, den Orlow sehr wohl bedauerte. Mit den neuen Zuständen konnte er sich nicht recht anfreunden, und vor allem damit nicht, dass der Kalte Krieg nun zu Ende sein sollte. Was kam als nächstes? Die Amerikaner als Verbündete? Orlow schüttelte missbilligend den Kopf, während sich ein schiefes Lächeln in seine Züge stahl.

Sorokin musterte seinen Vorgesetzten verstohlen von der Seite. Orlow lächelte sonst nie, doch auch jetzt wirkte der Ausdruck auf seinem Gesicht mehr melancholisch als glücklich. Es war der Ausdruck alter Männer, die vergangener Zeiten gedachten. Nur war Orlow kein alter Mann, nicht einmal vierzig. Aber oft waren es nicht die Gene, die einen altern ließen, sondern die Dinge, die man erlebt hatte. Etwas, das Jegor Sorokin, wohlbehütet in den Randbezirken von Moskau aufgewachsen und Elite-Absolvent der Allgemeinen Militärakademie, nicht verstanden hätte. Er war gerade erst vierundzwanzig geworden und hatte eine steile Kariere hinter sich. Eine Karriere, die allerdings nicht viel Wert war; ansonsten hätte er sich nie freiwillig für diesen Einsatz gemeldet. Fakt war, dass der Sold der russischen Soldaten, ob beim Heer, der Marine oder Luftwaffe, kaum zum Überleben ausreichte. Viele litten Hunger und verscherbelten nebenbei Militäreigentum, um über die Runden zu kommen. Orlow und Sorokin erledigten andere Dinge, gefährlichere Dinge, von denen die Regierung oft nichts wusste. Aber jeder war sich nun einmal selbst der Nächste.

Sorokin lehnte sich vor, um die Checkliste vor der Landung durchzugehen. Er nickte zufrieden und verstaute das speckige Ringbuch wieder in der Seitentasche. »Landekurssender auf 109,10Mhz.«

»Positiv«, bestätigte Orlow. »Wir befinden uns auf einem guten Gleitpfad. Fahrwerk raus!«

»Fahrwerk ist draußen«, sagte Sorokin und warf einen prüfenden Blick auf den Höhenmesser, als würde er den Anzeigen nicht vertrauen. »Dass die Luftwaffe hier tatsächlich ein Instrumentallandesystem installiert hat …«

»JK-789«, wie der Codename des Stützpunkts lautete, »war früher einer der größten Umschlagplätze in der DDR«, erklärte Orlow. »Ich war schon ein paar Mal hier.«

»Dann sollte die Landung ja kein Problem werden.«

Beide Männer lachten, doch man hörte die Nervosität aus ihren Stimmen heraus. Sie machten sich keine Sorgen um die technischen Aspekte der Landung, dafür waren sie viel zu routiniert, sondern vielmehr um die Fracht, oder, genauer gesagt, wie die Fracht auf die Landung reagieren würde. Schon beim Start hatten sie Blut und Wasser geschwitzt, denn obwohl sie den genauen Inhalt der Frachtcontainer nicht kannten, wussten sie doch, dass er höchst instabil war. Was sie transportierten, erfuhren Orlow und Sorokin nie, sie bekamen nur Anweisungen, wie die Fracht zu sichern war. Aber auf den Containern im Frachtraum klebten gleich mehrere, beunruhigende Gefahrstoffkennzeichnungen. Was immer dort mit ihnen flog, sollte besser nicht beschädigt werden.

Orlow drosselte den Schub und fuhr die Landeklappen aus. Die Landescheinwerfer schaltete er erst im letzten Moment ein, damit sie so wenig Aufmerksamkeit wie nötig erregten. Die umliegenden Dörfer waren zwar noch aus DDR-Zeiten an den ständigen Flugverkehr gewöhnt, doch seit der Wiedervereinigung gab es ein Nachtflugverbot. Orlow hatte deshalb vorgeschlagen, den Flug auf den nächsten Tag zu verschieben, doch seine Auftraggeber waren in diesem Punkt unnachgiebig geblieben, obwohl sie ebenso darauf bestanden hatten, dass der Transport mit der größtmöglichen Diskretion vonstattenging. Die Entlohnung war jedoch äußerst großzügig.

»Fünfzig, vierzig, dreißig, zwanzig, zehn …«, zählte Sorokin die verbleibenden Meter bis zum Bodenkontakt herunter. Zwei Sekunden später setzte die Iljuschin IL-76 sanft auf der Landebahn aus alten Betonplatten auf und wurde schnell langsamer. Orlow atmete erleichtert auf. Sie hatten es geschafft!

Der Tower instruierte sie über Funk, auf Rollbahn 2 zu schwenken und direkt bis zum Hangar vorzufahren, wo die Fracht entladen werden würde. Orlow folgte den Anweisungen und steuerte die Maschine auf die Rollbahn, vorbei an zwei Militärjeeps, neben denen rauchende Soldaten standen, die neugierige Blicke ins Cockpit warfen. Die Kalaschnikows hatten sie geschultert, aber griffbereit. Wahrscheinlich standen sie dort nur, weil es sonst nichts zu tun gab – bis auf wenige verbleibende Wachmannschaften war der Stützpunkt verlassen –, aber es war auch möglich, dass der Kommandant sie zur Sicherheit dort postiert hatte. Orlow und Sorokin waren solche Begrüßungskommandos gewöhnt; wohin sie auch kamen, man begegnete ihnen mit Misstrauen. Die meisten russischen Militärs waren käuflich und sahen, wenn die Summe stimmte, bereitwillig weg, doch dumm waren sie nicht. Beim ersten Anzeichen von Gefahr würde der Kommandant seinen Männern befehlen, das Feuer zu eröffnen, daran bestand für Orlow kein Zweifel. Er versuchte den Gedanken abzuschütteln und brachte das Flugzeug vor den geöffneten Hangar-Toren zum Stehen.

Draußen, in der kalten, windigen Herbstluft warteten mehrere Männer in schwarzen Wollmänteln. Sie rauchten und hatten die Hände tief in die Taschen gesteckt. Es war einer ebenjener November, die so unerbittlich wie ein sibirischer Winter sein konnten, und erst als Orlow die Turbinen herunterfuhr, kamen die Männer langsam näher. Einer von ihnen, ein großer, wettergegerbter, grauhaariger Mittfünfziger, der einen dunkelbraunen Aktenkoffer bei sich trug, trat vor und bedeutete Orlow, die Tür zu öffnen.

Sorokin wollte schon den Hebel betätigen, als ihn Orlow zurückhielt. Irgendetwas an dem Verhalten der Männer kam ihm merkwürdig vor und seine Intuition riet ihm, Vorsicht walten zu lassen.

»Wir müssen sichergehen, dass sie wirklich unsere Kontaktleute sind.«

Sorokin nickte und verschwand wieder im Cockpit, wo er auf einem schmierigen Blatt Papier in großen Druckbuchstaben das Wort „Parole?“ notierte und es an die Fensterscheibe hielt. Der Grauhaariger, der Orlow ein wenig an Zar Peter den Großen erinnerte, lächelte. Dann streckte er den freien Arm aus und deutete auf die linke Tragfläche.

»Sie sind es«, sagte Sorokin, öffnete die Tür und ließ die kleine Leiter herunter. Kalte, schneidende Luft wehte herein und ließ Orlow frösteln. Es roch nach Kerosin und feuchter, moorastiger Erde. Sie befanden sich mitten in einem tiefen, von Seen und Tümpeln durchzogenen Waldabschnitt. Bevor Orlow das Flugzeug verließ, betätigte er noch den Schalter, der die Luke zum Frachtraum absenkte und schlüpfte in seine Fliegerjacke.

»Major Orlow«, begrüßte ihn der Grauhaarige, ohne dass sein Gesicht eine Gemütsregung verraten hätte. »Sie sind spät dran. Sind Sie unterwegs in Schwierigkeiten geraten?«

Orlow widerstand dem Impuls, auf seine Uhr zu schauen, und fuhr sich stattdessen durch den kurzen, dunkelblonden Bart.

»Nein, alles verlief komplikationslos.« Wenn sie zu spät dran waren, dann höchstens zwei, drei Minuten. Die Anspielung des Mannes entbehrte jeglicher Grundlage, es sei denn, er hegte irgendeinen Groll gegen Orlow, von dem dieser nichts wusste.

»Die Fracht ist unversehrt?«, fragte ein anderer Mann aus der Gruppe, der die Augen nach allen Seiten offenzuhalten schien. Unter dem Stoff seines Mantels zeichneten sich deutlich die Konturen einer Waffe ab – der Größe nach zu urteilen entweder eine Maschinenpistole oder ein großkalibriger Revolver.

»Das müssen Sie beurteilen«, gab Orlow zurück. »Vom Cockpit aus haben wir keinen Zugang zum Frachtraum. Aber wären wir noch am Leben, wenn nicht?«

Der Kommentar entlockte dem Ebenbild Peter des Großen ein kurzes Lachen. »Wahrscheinlich nicht. Dimitri, Pavel, seht nach!« Dann wandte er sich wieder Orlow zu. »Major, kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Oberstleutnant?« Er nickte Sorokin fragend zu. »Wir haben Wodka da; nicht der Beste, aber frisch aus der Heimat.«

»Danke«, sagten Orlow und Sorokin gleichzeitig. Nur raus aus der Kälte.

Während der Fremde sie zu einem kleinen Nebenhaus führte, hinter dessen Fenster schwachgelbes Licht flackerte, ließ Orlow seinen Blick schweifen. Viel hatte sich nicht verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war; nur dass jetzt alles in einem fahlen, unheilvollen Halbdunkeln lag. Der Stützpunkt erstreckte sich über mehrere Quadratkilometer, und zu seinen Hochzeiten waren hier mehr als ein- bis zweitausend Soldaten stationiert gewesen. Jetzt zeugten davon nur noch die leerstehenden Kasernen, Hangars und Aufenthaltsräume. Alles wirkte heruntergekommen und dreckig, wahrscheinlich weil sich niemand mehr die Mühe machte, die Anlage in standzuhalten. Ein Sinnbild des neuen Russlands!

Bevor sie das Wachhäuschen betraten, drehte sich Orlow noch einmal um. Die Männer in den schwarzen Wollmänteln waren gerade dabei, mithilfe einiger Lagerarbeiter in grauen Overalls und einem Schwerlastgabelstapler die Frachtcontainer zu entladen – große, weißgestreifte Ungetüme, auf denen die leuchtenden, gelb-schwarzen Hinweisschilder besonders unheimlich aussahen. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Orlows Brust breit, und er sah sich hilfesuchend nach Sorokin um. Zum ersten Mal in seiner Karriere als „Transporteur“ regten sich Zweifel in ihm, ob er das Richtige getan hatte, und es war auch das erste Mal, dass er sich ernsthaft fragte, was er da transportiert hatte. Denn was immer es auch war, es flößte ihm Angst ein.

Die Männer waren nun von Nebel und den Ausdünstungen der abkühlenden Triebwerke eingehüllt. Niemand sagte ein Wort, nur das leise, hydraulische Summen des Gabelstaplers wehte klagend zu Orlow herüber, der sich nur mühsam von dem Anblick losreißen konnte. Dann wandte er entschieden den Blick ab, zog die Jacke enger und folgte Sorokin in das Wachhäuschen.

Drinnen war es warm und stickig. Ein Radiator gurgelte leise in der Ecke vor sich hin, und neben einem Tisch mit zwei Stühlen gab es noch ein altes Radio und ein paar Kleiderhaken, an denen Ponchos und alte, ausgeblichene Armeejacken hingen.

»Die Getränke und etwas zur Stärkung finden Sie im Nebenraum, meine Herren. Bitte, bedienen Sie sich!«, sagte der Grauhaarige und deutete mit einem freundlichen Nicken auf eine weitere Tür. »Ach, warten Sie. Das hier ist für Ihre gute Arbeit. Sehen Sie es als kleinen Bonus.« Er reichte Sorokin und Orlow jeweils einen Umschlag mit 50000 Rubel, umgerechnet 2000 DM. »Wir wissen Ihre … Diskretion zu schätzen.

Sorokin und Orlow nahmen die Umschläge entgegen und quittierten den Empfang mit einem kurzen Nicken. In ihrem Geschäft war es ratsam, sich Überraschungen, so positiv sie auch sein mochten, nicht anmerken zu lassen.

Mit dem Geld in den Händen gingen sie hinüber in den Nebenraum, wo auf der rechten Seite ein kleines Büffet mit belegten Brötchen, heißer Suppe, Tee aus einem Samowar und zwei Flaschen Wodka aufgebaut war. Beide nahmen sich ein Brötchen und einen Becher Tee und machten es sich in den Korbstühlen gemütlich.

»Hast du eine Idee, was ich Mascha zum Geburtstag schenken könnte?«, fragte Sorokin, während er an seinem Tee nippte.

»Bei deinem Gehalt: ein hübsches Kleid aus Sackleinen?«

Sorokin warf ihm einen belustigten Blick zu. »Nein, dieser nette kleine Bonus hier wird mich zum Ehemann des Jahres machen.«

»Du kannst dich wirklich glücklich schätzen, eine Frau wie Mascha zu haben«, meinte Orlow mit einem Anflug von Bedauern. Er selbst hatte nie das Glück gehabt, die Frau fürs Leben zu finden.

»Aber lass sie keinen Verdacht schöpfen. Sie würde es nicht verstehen.«

»Ja, so ein rechtschaffenes, ehrliches Ding, meine Mascha.« Noch während er das sagte, krümmte sich Sorokin zusammen. Krämpfe, von seinem Unterleib ausgehend, wanden sich seinen Brustkorb hinauf, und auch das Atmen fiel ihm plötzlich schwer.

»Ich glaube, … ich brauche frische Luft«, stöhnte er. »Mir ist nicht gut. So schwindelig!« Sein Kopf war hochrot angelaufen und Schweiß rann ihm von der Stirn.

Beunruhigt musterte Orlow seinen Kollegen. »Bleib lieber sitzen, wenn dir schwindelig ist. Ich werde nachsehen, ob wir noch Schmerztabletten dahaben.«

»Nein, ich muss hier raus!«, brüllte Sorokin. Aus seinen Augen und Ohren lief nun Blut, und er stürzte mit letzter Kraft zur Tür, die vor seiner Nase zugeschlagen und arretiert wurde. Der russische Kampfpilot wurde zurückgeworfen und fiel auf den Boden, wo er zuckend und Blut spuckend liegenblieb.

Jegor ist vergiftet worden, kam Orlow die schreckliche Erkenntnis, doch bevor der Schock darüber einsetzen konnte, wurde auch er von einer Welle des Schmerzes durchgeschüttelt – heiße, sengende Schmerzen, die wie Lava durch seine Blutgefäße rauschten. Es fühlte sich an, als stünde jede Zelle seines Körpers in Flammen, und er fing instinktiv an zu schreien. Er würde sterben, wie Jegor, der sich mittlerweile nicht mehr rührte. In einem letzten Anflug von Verzweiflung steckte sich Orlow den Finger in den Hals und erbrach sich, doch als er all das hellrote Blut sah, wusste er, dass es zu spät war. Diese verdammten Bastarde! Seine Verzweiflung schlug in Wut um, und mit blutgetrübten Augen schaffte er es, mit allerletzter Kraft auf die Tür zuzustürmen und sich dagegen zu werfen. Ihm war bewusst, dass auf der anderen Seite weder Rettung noch Erlösung auf ihn warteten, aber er wollte, dass sie sahen, was sie ihnen angetan hatten.

Das alte, dünne Holz splitterte und Orlows todgeweihter Körper brach neben dem Radiator zusammen. Vor ihm standen der Grauhaarige und zwei seiner Männer. Weder Mitgefühl noch Erstaunen war in ihren Augen zu lesen, nur kaltes, nüchternes Interesse.

»Es ist nichts Persönliches, mein Freund«, sagte der Grauhaarige und beugte sich zu Orlow herunter. In der Hand hielt er eine 9mm Makarow. Bevor Orlow seinen letzten Atemzug tun konnte, hielt er sie ihm an die Schläfe und drückte zweimal ab.

Kapitel 1

Gegenwart, 4. April

Die Praxis von Dr. Elizabeth Carmichael befand sich in der Heidelberger Altstadt, einem Ort, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwoben waren. Ricarda Neumann parkte ihren dunkelbraunen SUV auf einem schattigen Platz hinter der alten Gründerzeitvilla, klemmte sich den Ordner mit Maries Befunden unter den Arm und half ihrer Tochter aus dem Fond des Wagens.

Es war ein sonniger, windumwehter Donnerstag und der Geruch von Krokussen und frisch gemähtem Rasen hing in der Luft. Ein Tag, der zum Verweilen im Park oder im Garten eingeladen hätte, doch für Ricarda und ihre Familie gehörten solche Tage der Vergangenheit an. Seit Marie sie auf eine Odyssee des Schicksals, eine Reise über die höchsten Berge und durch die tiefsten Täler menschlichen Daseins, mitgenommen hatte, existierte die Welt um sie herum nur noch als bloßes Gefüge, dessen Zahnräder zwar ineinandergriffen, jedoch nie die Wirkung erzielten, die früher einmal den Reiz des Lebens ausgemacht hatte. Die Welt war um ihre Einzigartigkeit beraubt, ihren Zauber, der allen Dingen innewohnte. Jetzt drehte sie sich einzig und allein um den nächsten Arztbesuch, den nächsten verzweifelten Versuch, Marie das lang verlorene Lächeln wiederzuschenken und eine scheiternde Ehe vor dem Aus zu bewahren.

Im Hausflur, einem langen, gefliesten Gang, der zu einer verschnörkelten Holztreppe mit breiten, an den Rändern rund zulaufenden Stufen führte, schlug ihnen ein Hauch arabischer Kräuter und Gewürze entgegen.

Marie begann zu quengeln, doch Ricarda schob sie weiter vorwärts, bis sie die Praxisräume im ersten Stockwerk erreicht hatten. Eine junge Sprechstundenhilfe öffnete ihnen die Tür und brachte sie ins Wartezimmer, wo sich Ricarda aufmerksam und ein wenig irritiert umsah. Bis auf die drei Korbstühle, die sich harmonisch in den lichtdurchfluteten Raum mit einem Bücherregal, einer großen Zierpalme und einer antiken Büste einfügten, erinnerte nichts an ein gewöhnliches Wartezimmer, und es war auch das erste Mal, dass Ricarda keinen überflüssigen Fragebogen ausfüllen oder sich wegen ihres Privatpatienten-Status‘ ausweisen musste. Dr. Carmichael schien die Dinge anders anzugehen.

Ricarda erlaubte sich, einen Moment die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Die vielen schlaflosen Nächte, in denen Marie weinend im Bett lag, nicht ansprechbar, als würde sie mit aller Gewalt in der Traumwelt festgehalten werden, forderten ihren Tribut. Seit Tagen fiel es ihr schwer, konzentriert und wach zu bleiben. Sie dachte an Maries erste Lebensjahre. Wie schön es damals gewesen war, wie harmonisch und ruhig. Es kam ihr so lange her vor … eine Ewigkeit.

»Frau Neumann, Dr. Carmichael empfängt Sie und Ihre Tochter jetzt.«

Ricarda fuhr erschrocken hoch, bemühte sich um ein freundliches Lächeln und bedeutete der Arzthelferin, ihr einen Moment zu geben. Marie hatte sich wieder einmal in die hinterste Ecke des Raums zurückgezogen, wo sie, die Beine mit den Armen fest umschlungen, vor und zurück wippte.

»Komm Schatz, Frau Doktor wartet.«

Marie reagierte nicht. Ihr Blick war auf etwas geheftet, das sich anderen entzog, etwas, das nur in ihr selbst zu existieren schien. Ricarda hätte ihr Leben gegeben, wenn sie dadurch in ihre Tochter hätte hineinschauen können. Aber das, was sie dann vielleicht sehen würde, ängstigte sie umso mehr. Vorsichtig nahm sie eines der dünnen Ärmchen in ihre Hände und half ihrer Tochter beim Aufstehen.

Das Behandlungszimmer war genauso, wie Ricarda es sich nach ihrem ersten Eindruck der Praxis vorgestellt hatte: ein großer, heller Raum mit einem auf die Straße hinausgehenden Erker, in dem eine Gitarre und andere Musikinstrumente standen. Stuck an den Wänden, Eichenparkett und ein langer, geschwungener Mahagonischreibtisch. Alles zeugte von Stilempfinden und Erlesenheit, ohne dabei aufgesetzt oder übertrieben zur Schau stellend zu wirken. Es war die Art, wie Dr. Elizabeth Carmichael auch privat lebte, und die Ärztin selbst fügte sich so harmonisch in das Zimmer, dass sie damit verschmolzen zu sein schien.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte Dr. Carmichael zur Begrüßung und deutete auf einen Stuhl. An Marie gewandt fügte sie hinzu: »Möchtest du es dir da vorne in dem Sitz-Sack bequem machen?«

Marie nickte schüchtern, was Ricarda mit Zuversicht erfüllte. Nicht vielen Menschen gelang es, zu Marie durchzudringen, und wenn einer davon eine Ärztin war, konnte das nur ein gutes Zeichen sein.

Dr. Carmichael beugte sich langsam vor und korrigierte den Sitz ihrer halbmondförmigen Gleitsichtbrille. Sie war eine attraktive, schlanke Frau Mitte fünfzig mit graumelierten Haaren, hohen Wangenknochen und einer Haut wie dunkler Wüstensand. Sie stammte aus dem Libanon, war in Großbritannien aufgewachsen und hatte an der Oxford University Medizin studiert, bevor sie in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen war, um dort eine eigene Praxis zu eröffnen. Zumindest stand das in der Broschüre, die Ricarda im Wartezimmer gelesen hatte und die Dr. Carmichael darüber hinaus als angesehene Expertin auf dem Gebiet der Genetik auswies. Doch das war nicht der Grund, weshalb Ricarda sie aufgesucht hatte. Dr. Carmichael widmete sich noch einem anderen, weniger angesehenen Zweig, der sogenannten Alternativmedizin, und betrieb grenzwissenschaftliche Forschungen: Autovaccin-Therapie, Kinesiologie und Homöosiniatrie waren nur drei der verwirrenden Begriffe, an die sich Ricarda erinnern konnte. Doch in Internet-Foren hatte sie gelesen, dass vielen Menschen dadurch geholfen worden war, und wenn es um die Gesundheit ihrer Tochter ging, wollte sie nichts unversucht lassen.

»Sie sind wegen Ihrer Tochter hier, richtig?«, fragte Dr. Carmichael, nachdem sie Ricarda einige Sekunden gemustert hatte.

Ricarda nickte. »Ja, wegen Marie. Es ist so, dass …«

»Bevor Sie weitersprechen«, unterbrach sie Dr. Carmichael mit ruhiger, einfühlsamer Stimme, »würde ich gerne, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, ein kleines Spiel mit Ihrer Tochter spielen.«

Ricarda nickte zögerlich, doch tief in ihrem Inneren regte sich Widerwillen gegen dieses unorthodoxe Vorgehen. Vielleicht war das Ganze doch keine so gute Idee gewesen.

»Ich kann Ihre Bedenken verstehen«, sagte die Ärztin, als hätte sie Ricardas Gedanken vorausgeahnt, »aber seien Sie unbesorgt. Was ich mit Ihrer Tochter vorhabe, ist ein harmloses, diagnostisches Verfahren, das seit über zweitausend Jahren Anwendung findet.«

»Ich fürchte nur, dass sie es nicht verstehen wird«, meinte Ricarda.

Dr. Carmichael bedachte sie mit einem Blick, in dem sowohl Weisheit als auch Wärme lagen, und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm. »Das ist kein Spiel, das Verständnis voraussetzt.«

Sie führte Marie zu einer Behandlungsliege, bedeutete ihr, sich mit dem Rücken darauf legen, deckte sie mit einer azurblauen Samtdecke zu und bat sie, einen ihrer Arme zu heben, sodass er senkrecht in der Luft stand.

»Wenn ich dich etwas frage, drückst du gegen meine Hand. Ja, genau so …«

Dr. Carmichael schloss die Augen. »Wie heißt du?«

»Marie.«

Der Arm blieb standhaft.

»Wie alt bist du?«

»Neun.«

Noch immer veränderte sich nichts. »Das ist ein ‚Ja‘ und das ist ein ‚Nein‘«, murmelte Dr. Carmichael vor sich hin, während sie Marie etwas ins Ohr flüsterte.

Ricarda beobachtete die beiden von ihrem Stuhl aus und rutschte unruhig darauf hin und her. Der Raum war nun von einer hellen, fast schon greifbaren spirituellen Aura erfüllt. Dr. Carmichael hatte ein Räucherstäbchen angezündet, und der Duft von Weihrauch und Myrrhe verteilte sich in kleinen Wölkchen im Raum, die mal auf- und ab schwebten, im Licht funkelten und sich schließlich langsam auflösten.

»Sprich mir jetzt bitte genau nach, Marie. Mein Körper ist frei von schädlichen Einflüssen, mein Körper ist gesund …«

Der Arm des kleinen Mädchens zitterte und klappte zur Seite, als wäre ihm sämtliche Kraft genommen worden. Ricarda atmete hörbar auf. Sie wusste nicht, ob sie erstaunt oder empört sein sollte. Wie ausschlaggebend konnte ein solches diagnostisches Verfahren schon sein? Und welchen Einfluss würde es auf Marie haben?

»Der Schmerz und die Beschwerden, die mir innewohnen, sind Ausdruck meiner Seele.«

Erneut zitterte der Arm und sackte ab. Dr. Carmichael legte die Stirn in Falten, als hätte sie nicht mit dieser Reaktion gerechnet, fuhr aber unbeirrt fort: »Es gab ein Ereignis, das den Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, ausgelöst hat.«

Dr. Carmichael nickte zufrieden, als der Arm an Ort und Stelle blieb und begann erneut zu flüstern. Sie raunte etwas über in der Zeit vor- und zurückgehen und von Reaktionen der Organe, doch Ricarda konnte den genauen Wortlaut nicht verstehen. In ihr erhärtete sich immer mehr der Verdacht, den Bogen mit diesem zugegebenermaßen verzweifelten Versuch überspannt zu haben. Was, wenn diese Heilerin – von Medizin wollte sie in diesem Fall nicht mehr sprechen – mehr Schaden anrichtete, als sie Gutes vollbrachte? Andererseits spürte Ricarda, auch wenn sie es sich nicht erklären konnte, die Kraft und die energetische Aura, die von der Libanesin ausgingen. Die Schulmedizin hatte ihrer Tochter nicht geholfen, warum also sollte sie etwas verurteilen, dessen Nutzen oder Schaden sich noch nicht herausgestellt hatte und das ihr nur Angst einflößte, weil es fremd war? Ricarda beschloss, sich nicht von ihren Vorurteilen leiten zu lassen und den Ausgang dieser Sitzung abzuwarten, bevor sie sich ein Urteil bildete.

Die Ärztin war in der Zwischenzeit dazu übergegangen, kleine, mit verschiedenen Stoffen gefüllte Glasfläschchen – darunter Pulver, Metallstücke, Flüssigkeiten und Nahrungsmittel – an Maries Körper entlangzuführen und sich die körperlichen Reaktionen zu notieren. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich dabei zusehends. Schließlich legte sie ihren Notizblock beiseite, half Marie sich aufzurichten und ging mit ihr zur Tür, wo sie ein paar Worte mit ihrer Sprechstundenhilfe wechselte und sie bat, im Nebenzimmer mit dem kleinen Mädchen zu warten. Dann kehrte sie zu ihrem Platz hinter dem Schreibtisch zurück und ging ihre Aufzeichnungen durch, bevor sie sich Ricarda zuwandte.

»Ich denke, es ist besser, wenn wir dieses Gespräch unter vier Augen führen. Ihre Tochter ist sehr schwach, und ich habe eine große seelische Belastung bei ihr gespürt. Es bekommt ihr nicht gut, immer wieder mit ihrer Krankheit konfrontiert zu werden. Sie wirkt nicht, als würde sie es verstehen, doch in ihr weilt ein reger Verstand und sie ist sich ihrer Umwelt sehr wohl bewusst.«

»Was waren das für Tests, die Sie durchgeführt haben?«, fragte Ricarda, die mit ihrer Neugier nicht mehr länger hinterm Berg halten konnte.

»Muskeltests«, antwortete Dr. Carmichael knapp. »In der Kinesiologie arbeiten wir nach dem Biofeedback-Prinzip. Sie müssen sich das so vorstellen: Die Meridiane und Organe unseres Körpers stehen mit bestimmten Muskelgruppen in Verbindung, und über die Reaktionen dieser Muskelgruppen auf äußere Reize wie zum Beispiel die Stoffe in den Glasfläschchen, erhalten wir Aufschluss über den körperlichen Zustand des Patienten. Die Muskelspannung, oder genauer gesagt die muskulären Reaktionen, werden vom autonomen Nervensystem gesteuert, weshalb der Körper, bildlich ausgedrückt, auf die ihm gestellten Fragen antwortet. Es ist ein binäres System. Das bedeutet, dass dem Körper nur Fragen mit entgegengesetzten bzw. divergenten Antwortmöglichkeiten gestellt werden: Ja oder Nein; wahr oder falsch; schwach oder stark …«

»Und was genau haben Sie herausgefunden?«

»Zu diesem Zeitpunkt ist noch keine eindeutige Aussage möglich. Die Ergebnisse müssen zunächst mit den anamnestischen Erhebungen in Verbindung gesetzt werden, um ein ganzheitliches Bild zu erhalten. Deswegen würde ich Sie nun bitten, mir Maries Krankengeschichte so detailliert wie möglich zu schildern. Und bitte, lassen Sie sich Zeit. In der ganzheitlichen Medizin, und insbesondere in der Kinesiologie beziehungsweise der Psychokinesiologie, stehen die auslösenden Faktoren und deren ‚Bereinigung‘, und nicht die Behandlung der Symptome, im Vordergrund. Es ist deshalb unerlässlich, dass Sie sowohl auf körperliche Symptome als auch auf Gefühle und Veränderungen eingehen, die nicht unbedingt objektiv erfassbar sind.«

Für Ricarda waren Dr. Carmichaels Worte wie ein Startschuss und es sprudelte nur so aus ihr heraus. Andere Ärzte verloren nach wenigen Minuten das Interesse, doch nicht so die Libanesin – je tiefer Ricarda ins Detail ging, desto konzentrierter wurde ihr Blick und desto tiefer auch die Furchen auf ihrer Stirn. Ricarda ließ nichts aus, erzählte ihr, wie alles im letzten Spätsommer begonnen und sich im Herbst immer mehr zugespitzt hatte. Noch im August war Marie ein fröhliches Kind gewesen. Die Schule hatte gerade begonnen und sie verbrachte die Nachmittage im Freien an der frischen Luft. Dann, eines Abends, als sie vom Spielen hereinkam, klagte sie über Kopfschmerzen. Binnen Minuten war sie kaum noch in der Lage, auf den Beinen zu stehen, und schrie immerzu, dass ihre Augen platzen würden. Ricarda und ihr Mann fuhren mit ihr sofort in die Notaufnahme, doch schon am nächsten Tag wurde Marie wieder entlassen, nachdem eine Gehirnbeteiligung, ein akutes Glaukom und andere internistisch-neurologische Notfälle ausgeschlossen worden waren. Es hieß, sie habe Migräne, aber Ricarda spürte schon damals, dass das nicht alles sein konnte. Spätestens als Marie wenige Tage darauf ihren ersten Hörsturz erlitt und überzeugt war, im Haus würde ein altes Radio knistern und seltsame Töne ausspucken, wurde den Neumanns die Tragweite von Maries Beschwerden bewusst. Sie wollte nicht mehr zur Schule gehen, nicht mehr essen und trinken … die meiste Zeit des Tages saß sie in ihrem Zimmer und starrte mit abwesendem Blick aus dem Fenster. Und die Anfälle wiederholten sich, immer und immer wieder, bis ihrer aller Nerven blank lagen.

»Dieser Tinnitus, den Ihre Tochter beschreibt, wie äußert er sich?«, forschte Dr. Carmichael nach. »Hört sie ihn unterunterbrochen oder gibt es Intervalle?«

»Das ist ja das Eigenartige«, sagte Ricarda. »Sie sagt, die Geräusche würden urplötzlich aufhören und später wieder anfangen.«

»Die Geräusche? Hört sie mehrere Töne?«

»So wie ich es verstanden habe, hört sie niemals das Gleiche – immer irgendwelche Variationen oder skurrilen Melodien. Wie bei einem alten Radio, wo die Frequenz des Senders nicht richtig eingestellt ist. Wir haben ein solches Röhrengerät im Keller; deswegen war sie auch davon überzeugt, dass wir vergessen hätten, es auszuschalten. Wir waren mit ihr beim Facharzt, doch der konnte keine Ursache für den Tinnitus feststellen und hat uns zu einem Kinder- und Jugendpsychiater überwiesen, der den Verdacht einer seltenen Form der präadoleszenten Schizophrenie äußerte. Vor allem wegen ihrer Schlafprobleme. Ich habe mich damals gefühlt, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.« Nur mit Mühe konnte Ricarda die aufsteigenden Tränen unterdrücken. »Meine Tochter war ein gesundes, normales Kind, und es gab nie irgendwelche Anzeichen, dass ihre Entwicklung gestört sein könnte.«

»Machen Sie sich darüber bitte keine Gedanken«, sagte Dr. Carmichael beruhigend und reichte Ricarda ein Taschentuch. »Ich habe bei Ihrer Tochter keinerlei Anzeichen für eine Psychose wahrnehmen können oder irgendetwas anderes, das auf eine Form der gestörten Wahrnehmung schließen ließe. Ärzte neigen leider dazu, die Ursachen für das, was sie nicht verstehen, in der menschlichen Psyche zu suchen. Ihre Tochter befindet sich zweifelsohne in einer schwierigen und emotional belastenden Situation, doch ich bin mir sicher, dass ihre Beschwerden nicht daher rühren. Was hat es mit den Schlafproblemen auf sich, die Sie eben erwähnt haben?«

Mit dem Taschentuch trocknete sich Ricarda die tränenden Augen und knüllte es dann in einer entschlossenen Geste zusammen. »Die Schlafprobleme haben im Oktober begonnen. Ich hörte etwas im Flur rumpeln und bin zusammen mit meinem Mann nachsehen gegangen. Marie ist uns dann auf halbem Weg entgegengekommen; sie war völlig aufgelöst und die Panik stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hat am ganzen Leib gezittert und ihre Augen waren weit aufgerissen. Dann hat sie versucht zu sprechen, doch es sind immer nur Wortfragmente oder unzusammenhängende Sätze herausgekommen.«

»Ist damals eine Epilepsie ausgeschlossen worden?«, fragte Dr. Carmichael, deren Gesicht im Laufe der letzten zwanzig Minuten um Jahre gealtert zu sein schien. Daran konnte Ricarda erkennen, dass echtes Mitgefühl und Sorge aus ihr sprachen.

»Ja, EEG und Schlaf-EEG waren ohne Befund. Der Neurologe meinte, dass es sich bei diesen Episoden wohl um einen Pavor Nocturnus handeln würde.«

Die Libanesin runzelte skeptisch die Stirn. Sie teilte die Auffassung ihres Kollegen offensichtlich nicht. »Leidet sie denn unter Amnesie nach diesen nächtlichen Zwischenfällen? Schläft sie einfach wieder ein, als ob nichts gewesen wäre?«

»Nein«, antwortete Ricarda. »Sie kann sich sogar bis ins kleinste Detail daran erinnern. Auch dass sie versucht hat, uns von ihrem Erlebnis zu erzählen, es aber nicht gekonnt hat.«

»Ein klassischer Pavor Nocturnus sieht immer so aus, dass die Kinder schreien, sich durch nichts beruhigen lassen und dann wieder einschlafen, ohne sich am nächsten Tag an das Geschehene erinnern zu können.« Dr. Carmichael griff nach einem dicken Wälzer in ihrem Regal und schlug zur Bestätigung den Begriff nach.

»Das habe ich auch gelesen«, meinte Ricarda. »Aber was Marie erlebt, ist etwas völlig anderes. Sie sagt, dass sie in der Sekunde des Hochschreckens immer ein bestimmtes Bild vor Augen hat, ein Geräusch oder eine Stimme hört. Einmal hat sie uns erzählt, dass sie oft nachts aufwacht und einfach daliegt, ohne sich bewegen zu können, als würde irgendjemand- oder etwas sie daran hindern.«

»Und wenn sie das nur träumt«, warf Dr. Carmichael ein, doch Ricarda schüttelte energisch den Kopf.

»Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und mich fast zu Tode erschrocken. Sie schlägt die Augen auf und starrt an die Decke. Es ist … besorgniserregend. Als würde irgendetwas die Kontrolle über sie übernehmen …«

Kaum hatte Ricarda ihre unterbewusste Befürchtung ausgesprochen, spürte sie auch schon, wie sich die warme, angenehme Atmosphäre des Raums merklich abkühlte und einer drückenden Beklommenheit Platz machte, die unausgesprochen zwischen ihnen schwebte. Wie Ricarda im Laufe des Gesprächs herausgehört zu haben meinte, war Dr. Carmichael dem Paranormalen nicht ganz abgeneigt, doch jetzt schüttelte die Ärztin vehement den Kopf.

»An so etwas dürfen Sie gar nicht erst denken, Frau Neumann. Ich weiß, dass uns ausweglose Umstände manchmal dazu verleiten, das Übersinnliche zu akzeptieren und als Erklärung heranzuziehen, aber das ist niemals eine Lösung. Der menschliche Körper ist eines der geheimnisvollsten Dinge auf diesem Planeten, und so erschreckend und unverständlich einem manche Entdeckungen auch vorkommen mögen, so folgt doch alles kausalen Prinzipien – Ursache und Wirkung bedingen einander. Ich will ganz offen zu Ihnen sein, weil ich denke, dass Sie nicht ohne Grund zu mir gekommen sind. Sie haben eine ernüchternde Odyssee hinter sich und erhoffen sich, dass ich sie beende. Das ist nur verständlich, aber ich kann keine Wunder versprechen oder gar vollbringen. In dem Körper ihrer Tochter ist einiges aus dem Lot geraten; ich spüre, wie sie dagegen ankämpft, aber sie ist auch sehr schwach.«

Jetzt konnte Ricarda die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie hatte gebangt, gehofft, gezweifelt, aber niemals den Mut verloren. Nun drohte ihre Welt aus den Fugen zu geraten; das Konstrukt aus Hoffnung und Kampfeswille, an das sie sich in den letzten Monaten geklammert hatte, geriet ins Wanken. Aber was konnte sie auch anderes erwarten? Ihre Hoffnungen bauten auf einem brüchigen Fundament.

Dr. Carmichael, der ihre Verzweiflung nicht entgangen war, eilte ihr zu Hilfe und nahm sie tröstend in den Arm.

»Kindchen, ich will damit doch nicht sagen, dass alles vergeblich ist. Nein, ich werde versuchen, Ihrer Tochter zu helfen, nur dürfen Sie keine Wunder erwarten.«

Ricarda schniefte überwältigt und ganz verlegen zugleich. So viel menschliche Wärme und Nähe hatte ihr noch kein Fremder entgegengebracht, und schon gar kein Arzt!

»Aber was könnte ihr denn nur fehlen?«, fragte sie verzweifelt, woraufhin Dr. Carmichael für einen kurzen Moment den Mund aufmachte, ihn aber sofort wieder schloss, als wäre der richtige Zeitpunkt für das, was sie hatte sagen wollen, noch nicht gekommen. Sie lehnte sich gegen ihren Schreibtisch, faltete die Hände vor dem Bauch und schloss tief durchatmend die Augen.

»Während der Testung habe ich etwas … gespürt: Ein fernes Echo, das möglicherweise mit Maries Beschwerden in Zusammenhang stehen könnte.«

»Ein fernes Echo?«, wiederholte Ricarda fragend. Sie strich sich eine Strähne ihres dunkelblonden Haars aus dem Gesicht und sah die Ärztin erwartungsvoll an.

 »Ich weiß, das hört sich sehr spiritistisch an«, sagte diese, »aber ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben sollte. Die Kinesiologie ist keine exakte Wissenschaft. Ich werde weitere Tests durchführen müssen, bevor ich Genaueres sagen kann. Aber ich habe eine konkrete Vermutung, was Ihre Tochter krankmachen könnte.«

Dr. Carmichael fuhr fort, über die Erfolge und Wirkungsweisen der Kinesiologie zu referieren, doch Ricarda hörte längst nicht mehr zu. Ihr hallten immerfort die letzten Worte der Libanesin durch den Kopf: Was Ihre Tochter krank machen könnte … Hatte sie das wörtlich gemeint? Gab es etwas, das Marie vergiftete? Oder war das die spiritistische Art der Ärztin gewesen, von einem Krankheitserreger oder einer Funktionsstörung zu sprechen? Ricarda konnte darüber nur Vermutungen anstellen, doch die Art und Weise, wie Dr. Carmichael ihren Verdacht geäußert hatte, war alles andere als beruhigend gewesen.

»Wenn Sie einverstanden sind, nehme ich Ihrer Tochter jetzt etwas Blut ab«, sagte Dr. Carmichael, während sie auf Ricarda zuging und die junge Frau damit aus ihren Gedanken riss. »Wir können dann Anfang nächster Woche einen Termin ausmachen, um alles Weitere zu besprechen. Ich verspreche Ihnen: Wir finden eine Lösung.«

»Ja, natürlich«, kam es Ricarda ganz automatisch über die Lippen. In Gedanken war sie jedoch immer noch bei Marie und den Konsequenzen dieses außergewöhnlichen Nachmittags. Sie spürte, dass Dr. Carmichael während der Sitzung auf etwas gestoßen war. Ihr Verhalten hatte das widergespiegelt. Und es musste etwas sein, das sie selbst noch nicht richtig einschätzen konnte, denn ansonsten hätte sie nicht so ausweichend auf die Frage geantwortet, was Marie fehlen könnte. Ricarda versuchte darin kein böses Omen zu sehen, aber als sie sich von der Ärztin verabschiedete, konnte sie die Verstörtheit in ihren Augen sehen und förmlich spüren, wie die Gedanken hinter ihrer Stirn rotierten. Sie versuchte, ihre Gefühle hinter einer Maske aus Zuversicht und Aufmunterung zu verstecken, aber ganz verbergen konnte sie sie nicht – da waren unterschwellige Veränderungen in der Mimik, die nur jemandem auffielen, der durch monatelanges Beobachten dafür sensibilisiert war. Ricarda konnte den nächsten Termin kaum erwarten. Dann würde das Bangen um ihre Tochter vielleicht endlich ein Ende haben.

Kapitel 2

Ein Jahr zuvor …

Iran, Teheran

In dem Apartment war es dunkel und stickig. Kein Lufthauch drang durch die dicken, zugezogenen Vorhänge. Nur durch einen schmalen Spalt unterhalb der Gardinenstange fiel fahles Mondlicht herein.

Jemand atmete – ein unterdrücktes, stoßweises Inhalieren. Der Geruch von Angst lag in der Luft. Dann waren leise, raschelnde Geräusche zu hören: Vorsichtige Schritte, die sich dem Schreibtisch am anderen Ende des Raums näherten. Zeit, zuzuschlagen …

Nein, noch nicht … Plötzlich herrschte absolute Stille. Atem und Schritte waren verklungen, das Apartment nunmehr ein Vakuum, in dem einzig das unheilvolle Gefühl schwebte, dass gleich etwas Schlimmes geschehen würde.

Witterte der Eindringling etwa die Gefahr? In der Dunkelheit war das schwer zu sagen. Abwarten … Nach etwa zwanzig Sekunden setzte sich der Schemen wieder in Bewegung und schlich um das Sofa herum an der offenen Küche vorbei auf die Arbeitsecke zu. Bevor seine Hand jedoch nach dem Lichtschalter der Schreibtischlampe greifen konnte, wurde er nach hinten gerissen, und ein heißer, sengender Schmerz jagte durch seinen Körper, gefolgt von dem erschreckenden Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Irgendetwas gurgelte in seiner Kehle, und in einem Anflug von Verzweiflung realisierte der Eindringling, dass das sein eigenes Blut war. Panisch versuchte er, um sich zu schlagen, um Hilfe zu rufen, doch die vorgehaltene Hand seines Mörders dämpfte den erstickten Schrei. Sein Herz, das mittlerweile raste, um den Blutverlust zu kompensieren, stolperte und setzte schließlich aus. Doch noch war es nicht zu Ende. Noch immer wurde sein Gehirn mit Sauerstoff versorgt, sodass er auch die letzten, qualvollen Sekunden bei vollem Bewusstsein miterleben musste. Erst, als er auch das letzte bisschen Licht im Raum nicht mehr wahrnehmen konnte, weil Schwärze sich über ihn senkte, ließen auch die Schmerzen nach. Bevor der Hirntod eintrat, schoss ihm noch ein letzter, verzweifelter Gedanke durch die überreizten Synapsen: Sie wird es herausfinden! Aber das lag nun nicht mehr in seiner Hand …

 

***

Cora zog das Kampfmesser langsam aus dem Hals ihres Opfers und wischte die blutige Klinge an einem Tuch ab. Ihre Hände fühlten sich warm und feucht an von dem frischen Blut, das darüber gelaufen war. Die angstgeweiteten Augen des Mannes, in denen sich das Mondlicht brach, starrten sie noch immer anklagend an. Warum hatte er auch versuchen müssen, sie zu hintergehen? Sie hatte von Anfang an gespürt, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dass er etwas vor ihr verheimlichte. Sie bedauerte, ihn nicht überwältigt zu haben, um ihn verhören zu können, aber das war ein Luxus, den sie sich angesichts des schmalen Zeitfensters nicht erlauben konnte. Sie musste noch heute Nacht zuschlagen, wenn sie ihren Auftrag erfolgreich abschließen wollte.   

Sie zerrte den Leichnam des ehemaligen Informanten hinter das Sofa und deckte die Blutspuren vor dem Sekretär notdürftig mit der Schreibtischstuhlunterlage ab. Irgendwann würden die Behörden die Leiche entdecken, doch bis dahin wäre sie längst außer Landes. Außerdem störte sie der Anblick, und bis zum Aufbruch blieben ihr noch einige Stunden.

Sie ging in das kleine Bad – ein Kabuff, in dem sich mehr abgeblätterte Farbe auf dem Boden verteilte, als an der Wand klebte –, um sich das Gesicht und die Hände zu waschen. Nervös ging sie vor dem Waschbecken auf und ab. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis warmes Wasser aus dem Hahn strömte. Und dabei war sie für die Zeit ihres Aufenthalts sogar in einer der überwachten Appartementanlagen untergebracht worden, die vornehmlich von europäischen und amerikanischen Geschäftskunden gebucht wurden.

Als das Wasser endlich eine angenehme Temperatur erreicht hatte, tauchte sie die Hände in den schwachen Strahl und sah zu, wie das Blut abgespült wurde. Es wirkte surreal, wie es sich mit dem Wasser vermengte und sich in kleinen, vom Neonlicht verfärbten Rinnsalen um den Abfluss wand. Eben noch war es durch den Körper eines jungen Mannes gerauscht, hatte ihn am Leben gehalten! Nicht daran denken … Entschlossen drehte Cora den Wasserhahn zu und strich sich eine Strähne ihres rabenschwarzen Haars aus der Stirn. Dabei berührten ihre Fingerspitzen eine der Narben, die unter dem Haaransatz verborgen waren, und sie zuckte innerlich zusammen. Es gab Momente, da konnte sie die Flut von Bildern und Gedanken einfach nicht zurückhalten. Sie waren zu mächtig, drängten immerzu an die Oberfläche. Das war der Preis, den sie bezahlen musste, der Fluch ihrer Vergangenheit.

Im Schlafzimmer zog sie sich ein frisches Top und einen schwarzen Rollkragenpullover über, bevor sie sich eine Dose Cola-Light aus dem Kühlschrank holte, die Gardinen beiseiteschob und auf den Balkon trat.

Es war eine milde Frühlingsnacht, und der Wind wehte von Nordwest, brachte frische, salzige Luft vom Kaspischen Meer mit sich. In der Ferne erhob sich das Elburs-Gebirge über den Ausläufern des Stadtteils Shahrak-e Gharb und warf seinen blassen Schatten auf die Hochhäuser, Parks und Straßenschluchten Teherans. Cora lehnte sich über die Balustrade. Zu spüren, wie die klare, warme Nachtluft über ihr Gesicht strich, beruhigte sie. Faruk war zwar nur ein unbedeutender Informant gewesen, aber die Tatsache, dass es ihm gelungen war, sie erfolgreich zu täuschen, beunruhigte sie. Der Erfolg ihrer Mission hing maßgeblich davon ab, dass ihre Tarnidentität aufrechterhalten blieb, und sie konnte nicht wissen, wie viel Faruk vor seinem Tod noch über sie und ihren Auftrag herausgefunden hatte. Viel wichtiger noch erschien ihr jedoch die Frage, für wen er gearbeitet hatte. Unter anderen Umständen wären die Möglichkeiten schier unbegrenzt gewesen – CIA, FBI, NSA, FSB, SIS oder sogar das MSS, das chinesische Ministerium für Staatssicherheit –, doch dieser Fall lag anders. Faruk war ihr von einer vertrauenswürdigen Quelle zugeteilt worden. Dass er gegen ihre Interessen gehandelt haben könnte, war praktisch ausgeschlossen. Und doch lag seine Leiche jetzt unter ihrem Schreibtisch …

Cora trank den letzten Schluck Cola, zerquetschte die Dose mit einer Hand und warf sie über das Geländer. Müll war wirklich das Letzte, worüber man sich im Iran Gedanken machte. Sie kehrte dem nächtlichen Teheran den Rücken und ging zurück ins Appartement, um die letzten Vorbereitungen für den Einsatz zu treffen. Wenn der Morgen graute, würde sie in einem Flugzeug auf dem Weg nach Hause sitzen.

 

***

Es hieß, der iranische Straßenverkehr sei der gefährlichste der Welt; nach Mitternacht, wenn sich die Straßen und Kreuzungen allmählich lichteten, war davon allerdings nicht mehr viel zu spüren. Cora hatte Teheran in ihrem gemieteten Samand LX verlassen, und in den Randbezirken floss der Verkehr träge und geordnet vor sich hin. Tagsüber herrschte Hektik. Ob auf den Feldern, dem Basar oder im Büro, jeder hatte es eilig, an seinen Bestimmungsort zu gelangen. Aber abends, wenn das Tagwerk verrichtet war und die Zikaden ihre grellen Gesänge anstimmten, kehrten die Iraner ihre gelassene, das Leben bejahende Mentalität heraus. In einem Land, wo weite Teile der Bevölkerung ihr Dasein im Elend fristeten, glich das schon einer Kunstform. Doch je weniger die Menschen hier besaßen, desto glücklicher schienen sie zu sein, natürlich vorausgesetzt, ihnen blieb genug zum Überleben. Aber eben dieses Fehlen alles Materiellen erlaubte es ihnen, sich auf die naturgegebenen Freuden des Lebens zu konzentrieren. Eine Einstellung, die in den Ländern der westlichen Zivilisation zusehends verloren ging. Welchen Wert besaßen Geld und Wohlstand, wenn man verlernt hatte, den Sonnenuntergang oder das Rauschen des Meeres zu genießen? Wenn Wind und Regen nur noch als schlechtes Wetter wahrgenommen wurden und nicht als das, was sie wirklich waren: Voraussetzung dafür, dass die Saat auf den Äckern gedeihen und heranwachsen konnte. Es waren kaum zwei Monate gewesen, die Cora in dieser ihr fremden Welt gelebt hatte, der Einfluss auf ihr Denken, Fühlen, ja auf ihr Handeln war jedoch nicht mehr zu leugnen. Eine Erfahrung, an der sie nicht nur intellektuell, sondern auch emotional reifte.

Sie wechselte auf die Überholspur und zog an einigen alten Pickups vorbei, auf deren Ladeflächen sich Saatgut und landwirtschaftliches Gerät stapelten. Die Bauern waren auf dem Weg zu den fruchtbaren Ackerflächen am Fuße des Elbur-Gebirges, wo sie noch vor Sonnenaufgang mit dem Bestellen der Felder beginnen würden. Denn tagsüber kletterten die Temperaturen auch im Frühjahr weit über die Dreißiggradmarke.

Coras Ziel lag ebenfalls im Elburs, doch ihr Weg führte sie an den grünen Hängen und Feldern vorbei ins Hochgebirge, wo die Vegetation nur spärlich gedieh und kalte Winde durch die Schluchten und um die zerklüfteten Berghänge pfiffen.

Nach einer Weile kam sie immer mühsamer voran. Links und rechts des Weges türmte sich Geröll, und mit jedem Höhenmeter, den sie zurücklegte, löste sich der Straßenbelag mehr und mehr auf, bis nur von Schlaglöchern aufgewühlter Schotter übrig blieb. Der Samand jaulte auf, als sie an einem Steilhang in den ersten Gang schalten musste, und die Schürze schrammte polternd über den Boden. Noch ein, zwei Zentimeter und der Wagen würde endgültig aufsetzen.

»Verdammt!« In Amerika und Europa konnte man sich vor SUVs und Geländewagen auf den Straßen kaum retten … hier, wo sie wirklich gebraucht wurden, waren sie Mangelware.

Cora stoppte, zog die Handbremse und versuchte im Außenspiegel zu erkennen, wie viel Platz sie noch hatte. Ihr stockte der Atem, als sie anstatt der Straße die vom Mondlicht beschienenen Ausläufer des Tals sah. Das rechte Vorderrad des Samands ragte über den Abgrund und dahinter ging es fünfhundert Meter steil in die Tiefe. Die Straße, oder das, was noch davon übrig war, führte an der Schlucht entlang um ein Gesteinsmassiv herum. Verlor eines der Räder den Halt, würde der Wagen in die Tiefe gerissen werden. Und sie mit ihm! Fieberhaft ging Cora ihre Möglichkeiten durch: Sie konnte entweder den Versuch wagen, das Massiv zu umrunden, oder zu Fuß weitergehen. Ihren Berechnungen zufolge war die Anlage der Regierung noch drei bis vier Kilometer entfernt, was in einem Gebirge wie diesem einen halben Tagesmarsch bedeuten konnte. Zeit, die ihr nicht blieb. Alles war genau durchkalkuliert. Dazu kam, dass sie den Wagen nicht zurücklassen konnte, wenn sie von hier wieder verschwinden wollte.

Entschlossen drückte sie das Gaspedal durch. Die Handbremse löste sie erst im letzten Augenblick, damit der Wagen nicht zurückrollte. Trotzdem schien der Samand nicht vorwärts zu kommen, und wie zur Bestätigung knirschte es ohrenbetäubend im Getriebe. Cora brach der Schweiß aus. Wenn die Zacken des Getriebes abbrachen, konnte sie das Fahrzeug gleich eigenhändig in die Schlucht schieben. Sie nahm Druck von der Kupplung und versuchte es erneut. Diesmal machte der Samand einen Satz vorwärts. Auf dem lockeren Schotter drehten die Reifen jedoch durch und die Limousine brach zur Seite aus. Das rechte Hinterrad rutschte über den Abgrund.

Für Cora schien die Zeit stehenzubleiben. Die Sekunde, in der der Wagen in der Schwebe hing, dehnte sich zur Ewigkeit. Erst der Ruck, als der Rahmen auf dem Boden aufschlug, holte sie wieder in die Realität zurück. Panisch trat sie in einem Wechselspiel aus Gas und Bremse in die Pedale und tat damit das einzig Richtige. Langsam arbeitete sich die iranische Limousine wie ein gestrandeter Wal auf die Straße zurück und schließlich, als Cora meinte, die Pedale keine Sekunde länger unter Kontrolle halten zu können, rutschte das Hinterrad wieder über die Kante.

Die Erleichterung stand der jungen Agentin ins Gesicht geschrieben, und mit einem Ruck riss sie sich das Kopftuch herunter. Ausländischen Frauen war es zwar nicht explizit verboten, sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit zu zeigen, doch die iranischen Behörden und auch die Bevölkerung schätzten die Geste. Für Cora war mit dem Tragen des Tuchs noch ein anderer Vorteil verbunden: Anonymität – mit ihrem dunklen Teint und den tiefbraunen, von langen, schwarzen Wimpern eingerahmten Augen wirkte sie wie eine Einheimische. Ein Fremder müsste sie schon lange und eingehend mustern, bevor ihm der Unterschied auffiel. Jetzt war sie jedoch nicht mehr auf die Tarnung angewiesen. Bei dem, was sie vorhatte, war ihre Herkunft ohne Belang. Wenn sie entdeckt wurde, würde sie am Strick baumeln, bevor die ersten Strahlen der Sonne den Horizont dunkelviolett färbten. Auf Spionage stand im Iran die Todesstrafe.

Langsam, im Schritttempo, folgte Cora dem Gebirgspfad, und nach zehn Minuten erreichte sie ohne weitere Zwischenfälle den Aussichtspunkt, von dem aus sie ihre Mission beginnen würde. Sie parkte den Samand in einer breiten Felsnische, legte ihren Kampfanzug mit den taktischen Ausrüstungsgegenständen an und trat an die Spitze des Aussichtspunkts, den sie in einer alten Karte der Region ausgemacht hatte. In dem GPS gestützten Kartenmaterial ihrer Organisation war er nicht verzeichnet gewesen, weswegen Faruk auch nichts davon gewusst haben konnte. Anderenfalls hätte sie auf eine andere Stelle ausweichen müssen. Die Gefahr wäre zu groß gewesen, dass seine Hintermänner ihr auflauerten. Allein, dass er der Organisation gegenüber nicht loyal gewesen war, stellte ein immenses Risiko für die Mission dar.

Cora nahm ihr taktisches Fernglas aus dem Rucksack, schaltete die Nachtsichtfunktion ein und suchte die Umgebung systematisch nach potenziellen Gefahrenquellen ab. Es würde nicht leicht werden, die Anlage zu infiltrieren. Mehrere Wachmannschaften mit Hunden patrouillierten in dem schwer einsehbaren Gebiet außerhalb der Umfriedung, und auch die Forschungsanlage selbst wurde streng bewacht. Neben Containern, in denen die Soldaten untergebracht waren, Treibstofftanks und Parabolantennen konnte Cora Wachtürme, Luftabwehrgeschütze und einen Fuhrpark mit schweren militärischen Einsatzfahrzeugen ausmachen. Die iranische Regierung fuhr offensichtlich schweres Geschütz auf, um das Gelände vor fremdem Zugriff zu sichern. Einer der Gründe, warum die Organisation darauf aufmerksam geworden war. Sattelitenbildaufnahmen hatten gezeigt, dass die Anlage seit 2010 ständig erweitert worden war. Welche Ausmaße das Projekt mittlerweile angenommen hatte, war jedoch schwer abzuschätzen, da sich ein Großteil des Geschehens unter Tage abspielte. Das äußere Areal machte nur einen kleinen Teil des gewaltigen Komplexes aus, der sich unterhalb der Oberfläche erstreckte, und aufgrund der hohen Vorkommen von mineralischen Erzen im Fels war er gegen jedwede Form von Sattelitenaufklärung abgeschirmt.        

Cora verstaute das Fernglas wieder in ihrem Rucksack, glitt über die Kante des Aussichtspunkts und machte sich im Schutz der Dunkelheit an den Abstieg. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit arbeitete sie sich von Vorsprung zu Vorsprung, hangelte an Kanten entlang und ließ sich schließlich über zwei Meter in die Tiefe fallen, wo sie sich auf dem Boden nahezu lautlos abrollte. Hinter einem kargen Strauch suchte sie Deckung, um sich einen Überblick zu verschaffen, bevor sie sich weiter vorarbeitete. Hier war sie ganz in ihrem Element. Aufgewachsen in den Bergen von Utah, hatte sie Fähigkeiten wie Klettern und Schleichen in freiem Gelände über die Jahre perfektioniert. Wenn ihr Großvater sie auf die Jagd mitnahm, übten sie sich oft tagelang im Schweigen und lautlosen Fortbewegen. Fähigkeiten, die ihr jetzt das Leben retten konnten, doch daran dachte sie nicht, während sie sich durch Engstellen zwängte, über aus dem Boden aufragende Felsen hinwegsetzte und unter umgestürzten Schieferblöcken hinwegtauchte. Sie war hochkonzentriert. Jeder Fehler konnte die sofortige Entdeckung nach sich ziehen. Der Zaun war nun kaum noch einen Steinwurf entfernt, und sie nutzte die spärliche Vegetation, um sich unbemerkt zu nähern. Nichts deutete darauf hin, dass der Maschendraht unter Strom stand, doch sie ging kein Risiko ein. Mit einem Strommessgerät, das in ihre schwarzen Handschuhe integriert war, prüfte sie die einzelnen Drähte. Nichts!

Der Augenblick war günstig. Die Wachen hielten sich in der Nähe ihres Postens auf und machten keine Anstalten, das Gelände abzusuchen. Sie wirkten entspannt, rauchten, lachten. Cora war das nur recht.

Sie machte sich daran, eine Lücke in den Zaun zu schneiden, die groß genug war, damit sie hindurch schlüpfen konnte. Doch bevor sie ihre Arbeit beenden konnte, vernahm sie laute Stimmen und Schritte, die in ihre Richtung kamen. Taschenlampen wurden geschwenkt, und das zähnefletschende Knurren von Hunden war zu hören.

Verdammte Mistköter! Was die Soldaten an Dummheit und Langweile mitbrachten, glichen die Hunde mit ihrem Spürsinn und Instinkt wieder aus. Vorsichtig zog sich Cora zurück. Wenn die Hunde tatsächlich ihre Witterung aufgenommen hatten und nicht irgendeinem Hasen hinterherjagten, musste sie einen Weg finden, sie abzuschütteln. Am besten, indem sie falsche Fährten legte, die ins Nichts führten. Wasser hätte sich dafür angeboten, doch hier oben war der Boden so trocken, dass er stellenweise aufplatzte. Sie brauchte eine andere Lösung … und das schnell.

Die Soldaten kamen näher. Sie hatten die Stelle, an der sich Cora am Zaun zu schaffen gemacht hatte, fast erreicht. Die Hunde zogen sie jedoch von dort weg in die Felswüste. Cora lächelte zufrieden und ließ den wilden Oleander fallen. Erst hatte sie so viele Stellen wie möglich mit ihren bloßen Händen berührt, um die Hunde dorthin zu locken und ihren Körpergeruch dann mit dem Oleander übertüncht. Sie presste sich mit dem Rücken gegen einen Felsblock und hoffte, dass die Soldaten bald aufgeben und wieder abziehen würden. Doch anstatt das Anschlagen der Hunde als Fehlalarm zu interpretieren, begannen sie damit, die Umgebung genauer abzusuchen. Cora spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Langsam wurde die Situation brenzlig. Mit so viel Widerstand hatte sie nicht gerechnet. Zumindest nicht vor dem Betreten der Anlage.

Die Männer unterhielten sich nun aufgeregt. Sie waren zu dritt, und einer von ihnen ging direkt auf das Loch im Zaun zu, das zwar von den Büschen verdeckt wurde, einer genaueren Überprüfung aber nicht standhalten würde. Cora musste etwas unternehmen. Wenn die Soldaten Alarm schlugen, konnte sie die Mission abblasen. Monatelange Vorbereitungen wären umsonst gewesen. Wütend biss sie sich auf die Unterlippe. Schlechter hätte es nicht laufen können.

Sie schlich um zwei Felsblöcke herum, drückte sich in eine dunkle Nische und zog ihre schallgedämpfte Pistole. Von ihrer Position aus hatte sie den Wachtrupp und die beiden Hunde bestens im Blick, doch alle nacheinander auszuschalten, ohne das einem die Flucht gelang, war praktisch unmöglich.

Cora blieb keine weitere Zeit zum Überlegen. Der Soldat, der sich vom Trupp entfernt hatte, leuchtete mit seiner Taschenlampe auf das Loch im Zaun. Für einen Moment schien es, als würde er es übersehen, doch dann versteifte er sich und seine Lippen formten sich zu einem lauten Schrei. Cora feuerte. Die Teilmantelgeschosse schlugen im Kopf des Mannes ein, zertrümmerten seinen Schädelknochen und drangen tief ins Gehirn. Für einen kurzen Augenblick hielt er sich noch auf den Beinen, als wäre ihm nur schwindelig, dann kippte er vornüber. Cora nutzte die wertvollen Sekunden, um auf die beiden anderen anzulegen. Den zweiten Soldaten schickte sie mit zwei Kugeln in die Brust ins Jenseits. Keuchend, mit blutigem Schaum vor dem Mund, brach er zusammen.

Die Hunde reagierten umgehend und preschten vor, ließen Cora keine Wahl, als zurückzuweichen und ihr Kampfmesser zu ziehen. Der größere von beiden, ein deutscher Schäferhund, setzte zum Sprung an. Cora duckte sich unter ihm hinweg, schnitt ihm im Flug die Flanke auf, und ein schrilles Jaulen zerriss die Nacht. Der andere Hund schien instinktiv zu spüren, dass ihm Gefahr drohte, jagte jedoch im Kreis um Cora herum.

Was dem dritten Soldaten Zeit verschaffte. Cora sah, wie er anstatt zur Waffe zum Funkgerät griff. In den nächsten ein, zwei Sekunden würde sich ihr Schicksal entscheiden. Aber noch hatte sie eine Chance, einen Versuch, den Fehlschlag zu bereinigen. Den Kampfhund ignorierend, stürzte sie vor, machte einen Hechtsprung, rollte sich vor den Füßen des bärtigen Mannes ab und warf ihn mit ausgebreiteten Armen zu Boden. Sie kamen ins Rangeln, doch kaum hatte Cora die Oberhand gewonnen, fraßen sich die spitzen Fangzähne des Dobermanns in ihren Unterschenkel. Der Schmerz ließ sie für einen kurzen Moment ihren Griff lockern, und der Soldat befreite sich. Aber Cora reagierte blitzschnell. Mit einer Beinschere brachte sie ihn erneut zu Fall, drehte sich über die Hüfte herum und warf den Hund mit einem gezielten Tritt in die Schnauze zurück. Hinter ihr klickte es. Der Wachposten hatte sein Sturmgewehr in Anschlag gebracht und brüllte etwas. Doch Cora dachte nicht daran, sich zu ergeben. Wie eine Turnerin schnellte sie hoch, machte einen Radschlag rückwärts und trieb dem Soldaten ihr Kampfmesser in die Brust, während sie wieder auf die Füße kam. In der Hocke verharrend, wartete sie, dass der Mann hinter ihrem Rücken einknickte.

Stille senkte sich über das Areal. Nicht einmal ein Windhauch ließ die dürren Sträucher erzittern. Cora verharrte noch immer, darauf gefasst, jeden Moment das schrille Heulen von Alarmsirenen losbrechen zu hören. Doch nichts dergleichen geschah. Es blieb still. Erleichtert atmete sie auf und erhob sich. Jetzt würde sich herausstellen, woran die Iraner in dieser geheimen Anlage arbeiteten.

Kapitel 3

Gegenwart, 13. April

Deutschland

Über Heidelberg hatten sich dichte Wolken zusammengezogen und hüllten die Stadt in ein tristes, graues Gewand. Regen lief an den Fensterscheiben von Dr. Elizabeth Carmichaels‘ Praxis herunter, und die Straßenlaternen warfen ihr fahles, schmutzig-weißes Licht herein. Die Ärztin hatte die Innenbeleuchtung gedimmt, und Ricarda Neumann spürte nur noch wenig von der Behaglichkeit, die diesen Räumen das letzte Mal innegewohnt hatte. Die Atmosphäre war gedrückt, wenn nicht zu sagen hoffnungslos.

Dr. Carmichael hatte ihre halbmondförmige Lesebrille abgesetzt und starrte an Ricarda vorbei in den wolkenverhangenen Himmel.

»Wussten Sie, dass Regen ein Symbol für den Neuanfang ist?«

Ricarda schüttelte den Kopf. Obwohl sie kaum geschlafen hatte und vor Nervosität am liebsten die Wände hochgegangen wäre, versuchte sie, gelassen zu wirken. Dr. Carmichael hatte ihr am Telefon gesagt, dass Maries Tests ausgewertet seien und sie die Ergebnisse nun gerne persönlich mit ihr besprechen würde. Ricarda hatte zugestimmt und war in die Praxis gefahren; Marie hatte sie diesmal zu Hause bei ihrem Mann gelassen.

Wenn er wüsste, was ich jetzt tue! Ricarda versuchte den Gedanken daran zu verdrängen. Sie hatte immer geglaubt, in Adrian einen Seelenverwandten gefunden zu haben, einen Menschen, der ihr manchmal näher war als sie selbst. Er war charmant, bisweilen zuvorkommend, überaus gutaussehend mit seinen vollen, hellbraunen Haaren … der Typ Mann, von dem man meinen würde, ihn auf einer Vernissage oder einer dieser High-Society Veranstaltungen kennenzulernen, wo Kodizes wie „no brown after six“ tatsächlich immer noch hochgehalten wurden. Aber Adrian war anders gewesen, ausgeglichener. Ruhige Abende und ausgesuchte Konzerte zog er dem Society-Trubel vor. Ein Mann, mit dem man nicht nur Lachen, sondern auch tiefgründige Gespräche führen konnte. Vom ersten Augenblick an, seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, im Theater, während einer der miserabelsten Aufführungen von Mac Beth, die je dargeboten worden war, war Ricarda von ihm fasziniert gewesen. Von der Selbstverständlichkeit, mit der er das Leben anging, als wäre die Frage nach dem Sinn und dem Sein nur ein Ausdruck zweifelhafter Natur. Adrian war Mysterium und offenes Buch zugleich. Zwar liebten sie sich trotz der familiären Schwierigkeiten noch immer – beide bedauerten, was sie einander im Streit an den Kopf warfen –, doch wurden die Differenzen zwischen ihnen mit jedem Tag schwerer beizulegen. Wenn es um Maries Wohl ging, vertraten sie völlig verschiedene Standpunkte. So hatte Adrian aus seiner Antipathie gegenüber Homöopathie und anderen alternativmedizinischen Verfahren auch nie einen Hehl gemacht. Er war in dieser Hinsicht sehr konservativ, was nicht zuletzt auf seine Tätigkeit als Biochemiker zurückzuführen war. Für ihn zählte nur, was wissenschaftlich belegt werden konnte. Seine Sturheit verdankte er seinen britischen Wurzeln. Hineingeboren in ein altes englisches Adelsgeschlecht, war es unvermeidbar gewesen, dass er sich gewisse, nun ja, aristokratische Züge aneignete und gelegentlich auch solche Verhaltensmuster an den Tag legte. Wozu auch gehörte, mit stoischer, teils überheblicher Gelassenheit alles abzustreiten, was nicht in sein Weltbild passte. Aber manche Dinge waren eben größer, größer als die Wissenschaft. Ricarda war bereit, daran zu glauben, die Existenz des Unerklärlichen zu akzeptieren. Wieso sollte es ausgeschlossen sein, dass es Dinge gab, die der Mensch einfach nicht verstehen konnte, die über das hinausgingen, was ein menschliches Gehirn im Stande war, zu begreifen? Deswegen musste es doch noch lange nicht übernatürlich sein.

Dr. Carmichael atmete tief ein, als wollte sie den nun folgenden Worten mehr Bedeutung verleihen oder sich dafür wappnen.

»Ich habe bei unserem letzten Termin angedeutet, dass ich eine Vermutung habe, was Ihrer Tochter fehlen könnte«, sagte sie verschwörerisch und lehnte sich vor, sodass sie Ricarda direkt in die Augen schauen konnte. »Aber bevor ich mit Ihnen darüber spreche, muss ich wissen, ob Sie bereit sind, mir zuzuhören. Wirklich zuzuhören. Denn das, was ich die letzten Jahre über beobachtet habe, und was meiner Meinung nach mit Maries Zustand in Zusammenhang stehen könnte, ist nicht nur äußerst beunruhigend, sondern auch ein Thema, das lange unter Verschluss gehalten wurde und auch jetzt, trotz seiner Brisanz, kaum Erwähnung in der Öffentlichkeit findet. Es scheint, als wären die Regierungen sehr darauf bedacht, keine Gerüchte aufkommen zu lassen. Die wenigen medialen Berichte, die es über dieses Thema gibt, wirken, als wären sie zensiert worden und …«

»Bitte, Frau Dr.«, unterbrach Ricarda die Ärztin, »ich habe mich an Sie gewandt, weil ich mir keinen Rat mehr wusste. Wenn ich nicht offen für Ihre Methoden wäre, wäre ich jetzt nicht hier.«

Dr. Carmichael nickte wenig überzeugt; ob aus schlechten Erfahrungen oder Misstrauen, konnte Ricarda nicht sagen, aber ihre Versicherung musste der Ärztin wohl oder übel genügen. »Gut. Sagt Ihnen der Begriff Chemtrails etwas?«, fragte die Libanesin.

Ricarda schüttelte den Kopf. Chemtrails … Das Wort klang seltsam fremd und bedrohlich in ihren Ohren – wie ein chemischer Kampfstoff. Sofort musste sie an Marie und ihren kritischen Zustand denken. Sollte es tatsächlich etwas geben, das ihre Tochter krank machte? War für ihren Zustand womöglich kein Gebrechen, sondern etwas Anderes verantwortlich? Ricarda musste an die vielen umstrittenen Experimente und Vorgänge denken, die in den letzten Jahrzehnten an die Öffentlichkeit gedrungen waren: Der Contergan-Skandal in den 1960er Jahren, genmanipulierte Lebensmittel, in Laboren gezüchtete, hoch mutagene Krankheitserreger, sogenannte Superviren, Enthüllungen von Geheimdienstaffären … Ricarda glaubte schon lange nicht mehr an das, was die Regierung den Menschen weismachen wollte. Immerzu war die Rede von wirtschaftlichem Wachstum, Frieden und Weltgesundheit, doch wie glaubwürdig war eine Regierung, die Frieden propagierte, aber ihre Staatskassen noch immer mit den Einnahmen aus Rüstungsexporten füllte? Oder abstritt, von der Überwachung durch fremde Geheimdienste gewusst zu haben? Bevor Ricarda jedoch weiter darüber nachdenken konnte, erhob Dr. Carmichael erneut die Stimme. »Chemtrails oder auch Giftwolken sind Phänomene, die erstmals Anfang der 90er Jahre beschrieben wurden. Es handelt sich um Kondensstreifen von Flugzeugen, die sich im Gegensatz zu normalen, anthropogenen Wolken, die entstehen, wenn die heißen Abgase der Düsenjets auf kalte Luft treffen, nicht innerhalb kurzer Zeit auflösen und verblassen, sondern sich stattdessen am Himmel ausbreiten und sogar in verschiedenen, diffusen Farben das Sonnenlicht reflektieren. Heute ist ein schlechter Tag dafür, aber ansonsten würde ich Sie jetzt bitten, einmal aus dem Fenster zu schauen«, sagte die Ärztin und deutete in den Himmel. »Das Heimtückische an diesen skurrilen Wolkengebilden ist, dass sie von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen werden, weil sie für das ungeübte Auge so unscheinbar sind. Erst wenn man andere darauf aufmerksam macht, bemerken sie den Unterschied zu normalen Kondensstreifen. Als man mir zum ersten Mal davon erzählte, war ich zunächst auch skeptisch – verständlicherweise –, doch dann habe ich mich an einem freien Nachmittag in den Park gelegt und den Himmel beobachtet. Und tatsächlich … man konnte sehen, welche Flugzeuge eine Spur hinter sich herzogen und welche nicht. Welche sprühten!«

»Sprühten?«

»Ja, man geht davon aus, dass über spezielle Sprühvorrichtungen an den Tragflächen einzelne Chemikalien oder ganze Chemikalien-Cocktails in die Atmosphäre eingebracht werden. So wie normale Flugzeuge Kondensstreifen hinter sich herziehen, ziehen diese dann mit Chemikalien angereicherte Kondensstreifen hinter sich her. Daher auch der Name: Chemtrails.«

»Aber zu welchem Zweck? Warum sollte irgendjemand so etwas tun?«             

»Geo-Engineering, Agrarumweltmaßnahmen, die flächendeckende Verbreitung von Impfstoffen oder Krankheitserregern …«, die Ärztin zuckte mit den Schultern, »es gibt viele Vermutungen und Theorien, warum Chemtrails eingesetzt werden. Manche sind mehr, manche weniger glaubwürdig, aber Fakt ist, dass es stattfindet. Die Behörden wollen uns glauben machen, dass keine derartigen Projekte existieren, dass es sich bei den vermeintlichen Streifen nur um eine Verschwörungstheorie handelt, ins Leben gerufen von antidemokratischen Splittergruppen, die die Angst der Menschen ausnutzen, um ihre Machtpositionen zu stärken. Aber wenn das wirklich so sein sollte, wieso wird dann jede objektive Berichterstattung oder Auseinandersetzung mit dem Thema unterbunden? Verschwörungstheorien kann man zwar nicht widerlegen, aber ein Thema einfach von der Bildfläche verschwinden zu lassen, scheint mir keine angemessene Reaktion. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, worüber tagtäglich in den Medien berichtet wird. Die Menschen dürfen erfahren, dass sie jahrelang von fremden Geheimdiensten ausspioniert wurden, aber wenn die Sprache auf Chemtrails kommt, halten sich auf einmal alle bedeckt! Sie müssen zugeben, dass das alles andere als nachvollziehbar ist. Außerdem gibt es Beweise, dass es wirklich geschieht. Einen davon halte ich hier in der Hand.«

Ricarda horchte augenblicklich auf. In der Hand hielt Dr. Carmichael noch immer Maries Untersuchungsergebnisse.

»Meinem Verdacht folgend, habe ich Ihre Tochter auf eine Schwermetallintoxikation hin untersucht, und die Blut- und Urinwerte haben meine Vermutung bestätigt. Das Ergebnis ist erstaunlich. Alle elf Schwermetalle, die ich während der kinesiologischen Diagnostik, also mithilfe der Muskeltests, feststellen konnte, fallen auch in der Labordiagnostik auf. Die Werte sind deutlich erhöht. Wir sprechen hier von mehreren pathologischen Schwermetallvergiftungen, darunter Blei, Kupfer, Arsen, Quecksilber und Thallium.«

»Das ist ja schrecklich«, brachte Ricarda unter Tränen heraus, und es war, als zerbräche etwas in ihr. Warum? Warum Marie? Das war einfach nicht fair. Hatten sie nicht alles getan, um ihre Tochter zu beschützen, ihr ein glückliches und gesundes Leben zu ermöglichen? Hatten sie nicht immer nach ökologischen Maßstäben gelebt, Bio-Lebensmittel, umweltverträgliche Putzmittel und schadstofffreies Spielzeug gekauft … was hätten sie denn noch tun können?

Etwas in Ricarda sträubte sich dagegen, die Erklärung der Ärztin unreflektiert zu akzeptieren. Mit fast allem hatte sie gerechnet – Geschichten über Seelen, die nicht mit sich selbst im Einklang waren, falsch gepolte, bioenergetische Felder, ja selbst mit unverarbeiteten Traumata aus vorherigen Leben –, aber das …! Selbst für eine so verzweifelte Frau wie sie war die Existenz von Chemikalien versprühenden Flugzeugen schwer zu akzeptieren.

»Könnte es denn nicht noch andere Erklärungen für diese Werte geben?«, wollte sie wissen. »Vielleicht ist unser Trinkwasser kontaminiert.«

»Dann hätten sich auch bei Ihnen oder Ihrem Mann Symptome gezeigt«, hielt Dr. Carmichael dagegen. »Ich weiß, das Ganze muss sehr verwirrend für Sie sein und wahrscheinlich denken Sie auch, ich würde Ihnen nur davon erzählen, weil ich auf Ihr Geld aus bin – ich bin diese Vorurteile gewohnt –, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich in die Erforschung und Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten weit mehr investiert habe, als ich jemals damit verdienen werde. Alle Untersuchungen finanziere ich aus eigener Tasche – auch die Ihrer Tochter.«

»Tut mir leid, ich verstehe nicht, warum Sie das tun. Was haben Sie davon?«

»Warum denken immer alle Menschen, es ginge nur um den Profit? Materielle oder finanzielle Aspekte spielen bei dem Ganzen keine Rolle. Ich folge meiner Bestimmung, und in dem Land, aus dem ich stamme, messen wir der Bestimmung eines Menschen große Bedeutung bei. Ich bin nicht nur Ärztin geworden, weil ich Krankheiten heilen wollte, sondern vor allem, um Menschen zu helfen. Wozu auch gehört, sie manchmal vor sich selbst zu schützen. Sie müssen wissen, unsere Zivilisation, die Geschichte und Kultur des Libanons, ist sehr, sehr alt. Die jüngsten Zeugen unserer Vergangenheit, die Tempel und Bauwerke unserer Ahnen, standen schon auf dieser Erde, als andere Landstriche noch brachlagen; die Lehren unserer Weisen und Priester gingen um die Welt, lange bevor sich in Europa eine Zivilisation entwickelte. Und eine der ältesten Überlieferungen der Lehren unserer Vorfahren ist die Heilkunst. Ich folge einer alten, wenn auch in der westlichen Welt wenig bekannten und beachteten Tradition. Das ist es, was mich antreibt. Ich kann nicht tatenlos zusehen, während über unseren Köpfen Gift versprüht wird. Ich folge dem Pfad, wo immer er mich auch hinführt.«

Ricarda nickte, denn obwohl sie noch immer misstrauisch war, dass so etwas wie Chemtrails tatsächlich existierte, spürte sie doch, dass Dr. Carmichael die Wahrheit sagte. Die Heilkunst war fest in ihrem Leben verankert und sie würde Marie niemals schaden; im Gegenteil: alles daran setzen, ihr zu helfen. Und letztendlich spielte es auch keine Rolle, was ihre kleine Tochter krank machte, solange sie nur wieder gesund wurde. Und Ricarda traute der Libanesin zu, genau das zu erreichen. Ihre Theorien mochten umstritten sein, vielleicht abwegig, aber eine Gabe wie die Heilkunst war auch nicht davon abhängig. Trotzdem: Etwas von Dr. Carmichaels‘ Besorgnis war auch auf Ricarda übergegangen. Wer wusste schon, was wirklich hoch oben über ihrer aller Köpfe vor sich ging? War es wirklich so abwegig, dass Flugzeuge Chemikalien versprühten, wenn man dagegen hielt, dass in Deutschland noch immer zig Atomsprengköpfe gelagert wurden? Oder dass Energieunternehmen giftige Chemikaliencocktails in die Erde pumpten, um an tieflagernde Schiefergasvorkommen zu gelangen? Wenn die Verseuchung des Grundwassers bereitwillig geduldet wurde, was sollte dann dagegen sprechen, dass auch die Atmosphäre manipuliert wurde? Ricarda spürte, dass diese Überlegungen sie an einen dunklen Ort führten. In was für einer Welt lebten sie? Angesehene Ärztinnen, die vor den Gefahren von Chemtrails warnten, wurden belächelt, während in aller Öffentlichkeit über die Vor- und Nachteile von Fracking diskutiert wurde. Ricarda musste sich eingestehen, dass Dr. Carmichaels‘ Argumente nicht einer gewissen Logik entbehrten.

»Sorgen bereitet mir in der Tat das Thallium«, sagte die Ärztin plötzlich und riss Ricarda aus ihren Gedanken. »Seit letztem Frühjahr kommen immer mehr Patienten mit ähnlichen Symptomen wie bei ihrer Tochter zu mir, und bei allen konnte ich eine deutlich erhöhte Konzentration von Thallium feststellen. Das Metall lagert sich vor allem im Gehirn und in der Leber an und führt unter anderem zu teils irreparablen Nervenschädigungen. Aber ihrer Tochter ist jung; sie wird sich wieder erholen, wenn ich die Schwermetalle ausgeleitet habe.«

»Aber sagen Sie, wenn diese Chemtrails flächendeckend versprüht werden, warum trifft es dann nur Marie und nicht mich und meinen Mann oder die Nachbarschaft?«

»Oh, ich bin mir sicher, dass sich auch bei Ihnen und Ihrem Mann erhöhte Konzentrationen von Thallium und anderen Schwermetallen nachweisen lassen. Aber jeder Mensch besitzt eine andere Konstitution. Bei manchen zeigen sich die Symptome früher, bei manchen später. Das hängt auch davon ab, wie hoch die Dosen sind, denen man täglich ausgesetzt ist. Außerdem ist unsere Leber zu einem gewissen Teil in der Lage, die Giftstoffe abzutransportieren. Deswegen kann es sein, dass viele Menschen nur geringe oder gar keine Beschwerden haben, während andere schwer unter den Folgen der Intoxikation leiden. Wenn die Leber geschwächt ist und man zusätzlich hohe Dosen dieser Schwermetalle aufnimmt – was übrigens zu einem großen Teil über die Haut geschieht –, dann kann es passieren, dass die Giftstoffe sich überall im Körper anlagern und es zu massiven Vergiftungserscheinungen kommt. Und wie aus den Unterlagen hervorgeht, die Sie mir freundlicherweise mitgebracht haben, leidet Ihre Tochter unter dem NASH-Syndrom. Was für sich genommen nicht unbedingt gefährlich ist, in Kombination mit den Schwermetallen jedoch zu einer genau solchen Symptomkonstellation führen kann.«

»Und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?«

Dr. Carmichael öffnete ihre Schreibtischschublade und holte mehrere Broschüren heraus, die sie Ricarda über den Tisch hinweg reichte. »Ich werde bei Ihrer Tochter ein ausleitendes Verfahren anwenden, das nicht nur die festsitzenden Schwermetalleinlagerungen langsam abbaut, sondern gleichzeitig auch stabilisierend auf das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte des Körpers wirkt. Die anderen Broschüren sind zu Ihrer Information. Seit einigen Jahren arbeite ich mit einigen Bürgerinitiativen zusammen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Bevölkerung über das, was da am Himmel vor sich geht, aufzuklären. Ich denke, einiges dürften Sie sehr aufschlussreich finden, und ich kann Ihnen nur raten, einmal bei gutem Wetter einen Blick in den Himmel zu riskieren. Je mehr Menschen darauf aufmerksam werden und sich an die Behörden wenden, desto ernster muss uns die Regierung nehmen. Wir haben schließlich ein Anrecht darauf, zu erfahren, was über unseren Köpfen versprüht wird.«

Dr. Carmichael stand auf, ging um den Tisch herum und reichte Ricarda die Hand. Sie unterhielten sich noch einen Moment über die Behandlung und die Erfolgsaussichten, dann verabschiedete sich Ricarda, machte am Empfangstresen einen Termin für Marie aus und verließ die Praxis.

Draußen atmete sie erleichtert auf. Es regnete noch immer in Strömen, doch die Luft war klar und frisch, kühlte ihre vor Anspannung geröteten Wangen. Ein Flugzeug zog über die Stadt hinweg. Blau und rot blinkten die Signalleuchten – zwei kleine Leuchtfeuer am tristen, grauen Himmelszelt. Instinktiv zog sich Ricarda die Kapuze ihrer Regenjacke tiefer ins Gesicht. Sie wollte nicht wissen, was da mit dem Regen auf sie niederprasselte! 

Kapitel 4

Ein Jahr zuvor …

Iran, Teheran

Das Poltern der Taschenlampe, die beim Fallen gegen die kalten Betonwände schlug, verhallte in der Tiefe.

Verdammt …

Cora verzog das Gesicht, spannte die Bauchmuskeln an und richtete sich auf, um ihre Ersatzlampe aus der Hüfttasche zu befreien. Sie hing kopfüber im Fahrstuhlschacht, um sie herum nichts als Schwärze. Ein kalter Luftzug wehte ihr entgegen – die Abluft der Klimaanlagen.

Sie bekam die zweite Stirnlampe zu fassen, schnallte sie sich fest um den Kopf und begann, sich langsam abzuseilen, immer nach einer Nische Ausschau haltend, in die sie sich notfalls pressen konnte, sollte sich der Fahrstuhl wider Erwarten in Bewegung setzen.

So arbeitete sie sich vor, bis sie die erste Ausstiegsmöglichkeit erreicht hatte. Dort verlagerte sie ihr Gewicht, stieß sich mit den Füßen von der Wand ab und schwang zu einem schmalen Vorsprung, der links und rechts neben den Aufzugtüren aus der Wand ragte. Dort hockend, setzte sie ihre Ausrüstung zusammen: eine kleine Endoskop-Kamera, die sie durch den Türspalt schob, um unbemerkt einen Blick dahinter werfen zu können.

Als sich die Linse an die Lichtverhältnisse auf der anderen Seite angepasst hatte, sah Cora einen langen, breiten Gang aus weiß gestrichenem Beton. Wohin er führte oder ob Zimmer davon abgingen, konnte sie auf dem kleinen Monitor nicht erkennen, doch die Wärmebildfunktion verriet ihr, dass sich keine Menschen in der unmittelbaren Umgebung aufhielten. Ein idealer Ort, um einzusteigen und mit der Suche zu beginnen. Tiefer in die Anlage konnte sie immer noch vordringen, wenn sie auf dieser Ebene nicht fündig wurde, denn ihr Auftrag lautete, herauszufinden, woran die Iraner arbeiteten, damit die Organisation darauf reagieren konnte. Vorsichtig stemmte Cora die äußeren Türen des Fahrstuhlschachts einen Spalt breit auf und schlüpfte hindurch.

Geblendet kniff sie die Augen zusammen. Das hellweiße Licht der Neonröhren brannte ihr in den Augen, nachdem sie die letzte halbe Stunde in fast völliger Dunkelheit verbracht hatte. Doch ihr blieb keine Zeit, sich daran zu gewöhnen. Jeden Moment konnte ein Wachposten vorbeikommen und sie entdecken, denn in der Nähe gab es nichts, wo sie sich hätte verstecken können. Sie musste einen geschützten Bereich finden, von wo aus sie sich einen Überblick verschaffen konnte, oder noch besser einen Lageplan der Ebene.

Sie streifte ein Schuhnetz über ihre Einsatzstiefel – auf dem blanken PVC-Boden und im Licht der Neonröhren würden ihre staubigen Abdrücke sonst wie mit Luminol vermischtes Blut strahlen –, verstaute die Endoskop-Kamera und lief mit schnellen Schritten den Korridor entlang.

 Alles wirkte neu und steril, wie in einem gerade eröffneten Krankenhaus: Einem gigantischen, bombensicheren Krankenhaus, das auf einem Fundament aus tonnenschwerem, jahrtausendealtem Gestein ruhte. Der Bau musste Unsummen an Staatsgeldern verschluckt haben. Aber Länder wie der Iran waren nun einmal dafür bekannt, ihre Gelder lieber in Rüstungsprojekte zu investieren als in die Menschen, die in ihnen lebten und darbten. Cora konnte nur hoffen, dass hier unten nicht das produziert wurde, was sie befürchtete. Doch je tiefer sie in das Herz der Anlage vordrang, desto düsterer wurde die Vorahnung, die seit Betreten des Areals wie eine dunkle Wolke über ihr schwebte. Irgendetwas stimmte hier nicht …

Nach etwa achtzig Metern machte der Korridor plötzlich einen scharfen Knick nach links, und Cora spähte mit dem Rücken zur Wand um die Ecke.

Direkt in die Augen eines überraschten jungen Mannes in weißem Kittel!

Bevor er jedoch reagieren und losschreien konnte, packte sie ihn an der Krawatte, riss ihn um die Ecke und versetzte ihm mit der Handkante einen Schlag gegen die Schläfe. Er brach augenblicklich zusammen. Sein schlaffer Körper rutschte in Coras Arme, und sie hatte Schwierigkeiten, den 80-Kilo-Mann lautlos zu Boden gleiten zu lassen.

Während sie ihn auf die Seite drehte, um sich zu vergewissern, dass er noch atmete, fiel ihr seine ungewöhnlich helle Hautfarbe auf. Er konnte unmöglich aus dem Iran oder einem anderen arabischen Land stammen. Aber was hatte er dann hier zu suchen? Kauften die Iraner nun fremde Wissenschaftler ein? Für eine Nation, die dem Westen zumindest in wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht den Krieg erklärt hatte, war das alarmierend. Es hieß, dass sie an etwas Großem arbeiteten. Einem Projekt, das sie nicht ohne die Hilfe außenstehender, hochqualifizierter Mitarbeiter bewältigen konnten. Und wo solche Hilfskräfte beschäftigt waren, waren Konflikte vorprogrammiert.    

Nachdem Cora den Wissenschaftler gefesselt und geknebelt hatte, schleifte sie ihn zu einer Abstellkammer, an der sie auf dem Hinweg vorbeigekommen war, und warf ihn in einen Wäschecontainer. Für die nächsten ein, zwei Stunden würde ihn dort zwischen den Laken und Handtüchern wohl niemand vermuten. Seine Schlüsselkarte hängte sie sich um den Hals.

Wieder an der Stelle, wo der Korridor einen Knick machte, ging Cora in die Knie. In die Wände waren nun große Panoramasichtfenster eingelassen, die den Blick auf dahinterliegende Labore freigaben, und in den Ecken hingen Überwachungskameras. Geduckt huschte sie unterhalb der ersten Scheibe entlang und quetschte sich in eine schmale Nische, wo die Augen der Kameras nicht hinreichten. Von dort aus konnte sie einen Teil des Raumes neben ihr überblicken. 

Das Labor war leer und hell erleuchtet. Ein diffuses, blau flackerndes Licht ging davon aus. Doch dieser Umstand erregte nur zum Teil Coras Aufmerksamkeit, denn seit sie die Ebene betreten hatte, nahm sie ein hochfrequentes Pfeifen und Sirren wie von einem Zahnarztbohrer wahr, das offensichtlich aus diesem Labor zu stammen schien. Und wenn sie nicht alles täuschte, rührte das Geräusch von einem Röntgenlaser her. Röntgenlaser, oder auch Freie-Elektronen-Laser, erzeugten ultrafeingebündelte Synchrotronstrahlung und kamen hauptsächlich in der Teilchenphysik und in der Molekularbiologie zum Einsatz, wo sie genutzt wurden, um atomare und subatomare Teilchen darzustellen. Vor allem in der Medizin und in der Molekularbiologie ließen sich aufgrund der hohen Brillanz und des breiten Lichtspektrums spektakuläre Durchbrüche erzielen. So sprachen Experten bereits von einer neuen Ära der Krankheitsbekämpfung. Doch Cora bezweifelte, dass hier an einem Heilmittel für AIDS gearbeitet wurde!

Sie stellte ihren Tablet-Computer so ein, dass er ein Störsignal aussandte, das alle Kameras im Umkreis von mindestens zehn Metern vorübergehend einfrieren ließ, und betrat dann die Bioschleuse.

Als sich die Türen öffneten, schrie sie instinktiv auf. Das Sirren, das sie bereits die ganze Zeit über wahrgenommen hatte, war nun so laut und intensiv, dass es sich anfühlte, als würden ihr kleine, heiße Nadeln durch die Trommelfelle stechen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte Cora, sich die Ohren zuzuhalten, doch das Geräusch war zu hochfrequent, als dass dieser verzweifelte Versuch geholfen hätte. Innerhalb von wenigen Sekunden übermannten sie Schwindel und Übelkeit und ihr Blick begann sich zu trüben. Sie war so desorientiert, dass sie nicht einmal den Schalter fand, mit dem sie die Schleuse wieder hätte öffnen können. In Panik griff sie wild um sich, kratzte mit ihren Fingernägeln über die Verschalung der Schleuse. Es musste doch irgendetwas geben, dass sie als Hörschutz verwenden konnte!

Und dann, gerade als sie meinte, die Besinnung zu verlieren, schlossen sich ihre Finger um ein paar Kopfhörer. Sie hatten die ganze Zeit neben ihr gehangen, direkt neben der Schleuse …

Die Hände auf die Kopfhörer gepresst, wankte Cora vorwärts, bis sich ihr Blick wieder klärte und sie sich umsehen konnte.

 Das Labor war riesig, viel größer, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Es maß etwa dreißig mal fünfzig Meter, wovon ein großer Teil von dem Freie-Elektronen-Laser eingenommen wurde, der im Vergleich zu einem herkömmlichen Laser in der Produktion mehr wie eine wild zusammengewürfelte Anhäufung aus Stahlrohren, isolierten Leitungen, Ventilen und offenen Magnetspulen wirkte, die sich über mehrere Quadratmeter erstreckte. Auf der rechten Seite des Raums befanden sich ferner eine digitale Workstation, ein Digestor – eine Abzugshaube, unter der mit flüchtigen und hochgiftigen Substanzen gearbeitet werden konnte – sowie mehrere Kühltruhen und Zentrifugen mit Probenbehältern. Cora warf einen kurzen Blick darauf, doch die Etiketten auf den Reagenzgläsern ließen keine Rückschlüsse auf den Inhalt zu. Es waren lediglich Zahlen- und Buchstabenkolonnen: ein gängiges Verfahren, um Prototypen zu kennzeichnen. Doch was verbarg sich hinter diesen Nummern? Cora würde auf den Zentralcomputer zugreifen müssen, wenn sie eine Antwort darauf erhalten wollte.

Sie ging zu der Workstation und stellte eine Verbindung mit ihrem Tablet her, das nicht nur über erweiterte Rechenleistung und einen größeren Speicher verfügte, sondern auch mit modernster Entschlüsselungssoftware ausgestattet war, die es Cora erlaubte, fast jedes Passwort innerhalb weniger Minuten zu knacken. Ein grauer Balken auf dem Bildschirm informierte sie über den Fortschritt. 2:30 Minuten, so lange würde das Programm noch brauchen, bis es die Algorithmen auseinanderdividiert hätte. Cora nutzte die Zeit, um sich den Freie-Elektronen-Laser genauer anzusehen. Im Gegensatz zu dem, mit dem sie während ihres Studiums gearbeitet hatte, war dieser klein und kompakt – ein Modell neuester Generation. Wobei kompakt immer noch eine Länge von fast vierzig Metern bei einer Breite von über zehn Metern bedeutete!

Auf der linken Seite des Stahlkolosses befand sich eine Kontrolltafel, von der aus Cora auf die Funktionen und Aufzeichnungen des Lasers zugreifen konnte. Vor ihr auf dem Monitor erschienen nun Bilder komplexer Moleküle und chemische Strukturformeln.

Mein Gott … sind das Makrophagen? Cora lief es kalt den Rücken herunter. Sie begann, sich durch die Aufzeichnungen der letzten Tage und Stunden zu scrollen. Und mit jedem Bild, das auf dem Monitor erschien, wuchs ihre Beunruhigung. Woran auch immer hier geforscht wurde, verhieß nichts Gutes! Neben kristallinen Strukturen wie denen von Salzen erkannte sie unter anderem Biopolymere, Makrophagen, Viroide und andere Krankheitserreger. Es existierte sogar eine Filmaufnahme, auf der die Phagozytose, der Teil der Immunabwehr, bei der Makrophagen Mikroorganismen aus dem Blutkreislauf filterten, zu sehen war. Doch die einzelnen Aufnahmen schienen in keinem direkten Zusammenhang zu stehen. Und auch die Krankheitserreger, die Cora auf den ersten Blick erkannt gehabt zu haben glaubte, entpuppten sich beim genaueren Hinsehen als eigenartige Mutationen, die nur noch wenig mit den Erregern gemein hatten, für die Cora sie gehalten hatte. Trotzdem befürchtete sie, dass die Iraner an der Entwicklung eines neuen, hochvirulenten biologischen Kampfstoffes arbeiteten.

Um ihre Theorie später überprüfen zu können, schoss sie so viele Beweisbilder wie möglich, bevor sie damit begann, die Bereiche des Zentralcomputers zu durchforsten, die von der Workstation aus zugänglich waren. Leider war der Zugang jedoch äußerst beschränkt. Lediglich auf einige Versuchsprotokolle und Datenbanken hatte sie von hier aus Zugriff. Nicht genug, um die UN-Abrüstungskommission von der Notwendigkeit zu überzeugen, Waffeninspektoren zu entsenden.

Ernüchtert loggte sich Cora aus. Das Flugzeug, das sie aus dem Iran bringen sollte, ging in sieben Stunden! Der Zeitplan war so straff gewählt worden, um zu verhindern, dass die Behörden, falls sie entdeckt werden sollte, die Flughäfen sperrten. Jetzt drohte er jedoch das Scheitern der Mission heraufzubeschwören. Cora musste abwägen: Entweder sie ging das Risiko ein, die Mission zu Ende zu bringen, und bestieg dann die zweite Maschine, die morgen um 8:00 Uhr gehen würde, oder sie brach jetzt ab. Der Gedanke an die Aufnahmen des Röntgenlasers verhalf ihr zu einer schnellen Entscheidung. Sie konnte nicht zulassen, dass diese Forschungen unbehelligt weitergeführt wurden, wenn unter Umständen Monate vergingen, bis die Organisation eine neue Mission startete.

Bevor Cora sich zum Gehen wandte, drehte sie sich noch einmal um und ließ ihren Blick über das Labor schweifen. Am hinteren Ende, verdeckt durch den Freie-Elektronen-Laser, gab es noch eine weitere Schleuse, und das Symbol an der Decke verriet, dass sich dahinter ein Aufzug verbarg. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler wahrscheinlich zwischen den einzelnen Ebenen und Labors hin und her wechseln, ohne den Quarantäne-Bereich verlassen zu müssen. Für Cora war es eine Möglichkeit, ihren Auftrag doch noch bis zum Morgengrauen abzuschließen.

Im Fahrstuhl, einer kleinen, futuristisch anmutenden Kabine aus weißem Kunststoff, war eine Ebene besonders hervorgehoben. Cora drückte auf den grün unterlegten Knopf, und der Aufzug setzte sich summend in Bewegung. Schnell kletterte Cora bis zur Decke, indem sie die Haltegriffe zu Hilfe nahm und sich dann mit beiden Beinen an den Wänden abstützte. In dieser Haltung blieb sie, bis sich die Türen öffneten. Das war der kritische Moment! Entweder, sie hatte Glück und die Ankunft des Aufzugs war unbemerkt geblieben, oder jemand kam, um nachzusehen. Cora zählte: Einundzwanzig … zweiundzwanzig … dreiundzwanzig …

Als dann noch immer keine Schritte oder anderweitigen Geräusche zu hören waren, die auf die Anwesenheit einer Person hingedeutet hätten, und die Türen sich wieder schlossen, ließ sie sich fallen. Laut der Anzeige befand sie sich auf ebene „Acht–Grün“. Wie groß war dieser Komplex nur?

Cora betrat die Bioschleuse. Durch die schmalen Fenster konnte sie einen Blick nach draußen werfen, und ihr stockte der Atem.

Die Halle besaß gigantische Ausmaße, ein Fußballfeld hätte darin Platz gefunden. Und erst die Deckenhöhe, sie betrug mindestens zehn, fünfzehn Meter! Förderbänder stiegen in die Höhe und durchliefen verschiedene Stationen, während Gabelstapler auf markierten Wegen auf und ab fuhren. Das war eine Produktionshalle! Und es herrschte reger Betrieb. Cora konnte mindestens zwanzig Personen ausmachen, die mit Hydraulikschraubern vorgefertigte Metallteile zusammensetzten oder Nähte schweißten.

Die Bioschleuse war an dieser Stelle in zwei Bereiche unterteilt: In die Dekontaminationskammer und einen Raum mit Spinden, wo sich die Mitarbeiter umziehen konnten. Cora griff sich einen weißen Kittel und ein Haarnetz und verließ in ihrer neuen Verkleidung die Schleuse.

In der Halle war es kühl und hell, ein Hauch von Ozon lag in der Luft. Aus einiger Entfernung hörte sie das charakteristische Zischen und Knistern eines Schweißbrenners, doch von ihrer Position aus konnte sie nicht erkennen, wozu die Einzelteile auf den Förderbändern zusammengesetzt wurden. Der Form und dem Material nach zu urteilen handelte es sich jedoch nicht um Teile, die üblicherweise für die Produktion von Raketen, Torpedos oder Bomben verwendet wurden. Dafür war das Metall viel zu dünn und die Konstruktionen zu fragil.    

Cora sah sich aufmerksam um. Ein Netz von Metalltreppen- und Stegen verband die einzelnen Abschnitte in der Halle miteinander. Außerdem befand sich oberhalb der Förderbänder eine Art Kontrollzentrum, wo sich Wissenschaftler und Männer in grauen Anzügen aufhielten und die Produktion überwachten. Von dort oben hätte sie uneingeschränkte Sicht, und die Chancen standen gut, dass sie sich unbemerkt in das System einklinken konnte.

Auf dem Weg nach oben begegneten ihr einige iranische Wissenschaftler, doch niemand schien Notiz von ihr zu nehmen oder Verdacht zu schöpfen, so selbstverständlich wie sie sich durch das Gedränge bewegte. Diese Eigenschaft war bei Infiltrationen ebenso unabdingbar wie sich lautlos in den Schatten fortbewegen zu können, denn nicht immer gab es einen Weg, der um das Geschehen herumführte. Manchmal führte der sicherste Weg direkt durch die Reihen des Feindes. Dann schüttelte Cora alle Bedenken ab, schluckte ihre Angst herunter und verschmolz mit der Umgebung. Das Geheimnis lag darin, so natürlich wie möglich zu wirken. Nur, wer sich auch wie ein Teil der Umgebung fühlte, konnte diese Aura der Unangreifbarkeit ausstrahlen.

Ein lautes Zischen ließ sie auffahren, und sie wurde in eine Wolke aus Dampf gehüllt. Unter ihr tauchte soeben eine hauchdünne Goldfolie in ein heißes Bad aus Wasserdampf. Techniker falteten die Folie unter den wachsamen Augen einer jungen Frau mit blonden Haaren zusammen und verklebten sie im Inneren eines sechseckigen Gehäuses. Auch von außen war der Kasten mit Gold beschichtet. Irgendetwas daran kam Cora bekannt vor. Woher kannte sie dieses Verfahren?

Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Die Goldbeschichtungen, die antennenförmigen Einzelteile … in dieser Anlage wurden Satelliten gefertigt. Aber warum hielt die Regierung dieses Programm geheim? In den letzten Jahren hatte der Iran bereits zwei Satelliten in den Weltraum geschossen. Die Produktion dennoch geheim zu halten, erlaubte nur eine Schlussfolgerung, und beunruhigte Cora zutiefst, denn die Regierung würde ein Raumfahrtprogramm nur dann vor dem Westen abschirmen, wenn es gegen Auflagen der UNO verstieß. In Zusammenhang mit den molekularbiologischen Forschungen, auf die sie auf Ebene „Vier–Blau“ gestoßen war, konnte das nur auf einen bevorstehenden internationalen Konflikt hindeuten. Sie musste unbedingt herausfinden, wofür die Satelliten eingesetzt werden sollten, und die Baupläne beschaffen, damit sie gegebenenfalls unschädlich gemacht werden konnten.

Cora spürte, wie sich ihr Schritt unwillkürlich beschleunigte, doch sie durfte sich ihre Aufregung jetzt unter keinen Umständen anmerken lassen. Wenn ihre Vermutungen zutrafen, entschied der Ausgang dieser Mission über Krieg und Frieden auf der östlichen Hemisphäre.

Sie erreichte das Kontrollzentrum und huschte in einem günstigen Moment durch die offene Tür. Noch immer reagierte niemand auf ihre Anwesenheit. Im vorderen Teil schienen sich die Kontrolltafeln für die einzelnen Produktionsabschnitte sowie die Umweltkontrollsteuerung zu befinden, während im hinteren Teil, getrennt durch einen Betonabsatz und ein Geländer, die Wissenschaftsstationen untergebracht waren. Dort hockten einige junge Frauen und Männer und brüteten über ihren Monitoren.

Cora zog sich einen Stuhl heran und gab vor, die Daten vor ihr auf dem Bildschirm zu studieren, während sie unter dem Tisch ihren Tablet-Computer bediente. Das System im Kontrollraum war jedoch gegen jede Form drahtlosen Zugangs geschützt. Wahrscheinlich um zu verhindern, dass die Mitarbeiter Daten auf ihre Smartphones luden und aus der Anlage schmuggelten. Für Cora stellte das ein ernst zu nehmendes Problem dar, denn ohne Drahtlosschnittstelle war es unmöglich, an die Baupläne zu gelangen. Und von einem anderen geschützten Ort, zum Beispiel aus dem Serverraum, auf das Netzwerk zuzugreifen, kam nicht infrage. Das Risiko, entdeckt zu werden, war viel zu hoch. Nein, sie musste einen Weg finden, es hier und jetzt über die Bühne zu bringen …