Leseprobe Sünderblut

Sonntagmorgen

1

Die Frau hockte am Bordstein und keifte, er habe sie den ganzen Abend beobachtet. Er sei ihr mit seinem Blick regelrecht auf die Pelle gerückt. Sebastian hatte keine Ahnung, wie er in diese Situation geraten war. Offenbar glaubten die beiden Männer, die Ehre der Frau verteidigen zu müssen.

»Was hast du gemacht?«, fragte der Riese.

»Gar nichts, wirklich nicht.«

»Denkst du, sie lügt uns an?«

Der Riese hielt ihn am Kragen, während ihn der deutlich kleinere Mann gegen die Mauer drückte. Die muskulösen Oberarme des Größeren zeichneten sich unter seinen Pullover ab, jede seiner Bewegungen strotzte vor Kraft.

»Ich frag dich ein letztes Mal«, drohte der Riese. »Was hast du gemacht?«

»Angegrabscht hat er mich«, schrie die Frau.

»Du Schwein«, brüllte der Zwerg. »Du perverses Schwein, du.«

Allmählich verdampfte in Sebastian die Wirkung des Alkohols. Er sehnte sich nach seinem Bett, nach einem Sonntag auf der Couch. Erst ausschlafen, dann bei einer Folge X-Factor die Reste aus dem Kühlschrank plündern. In einem Anflug von Trotz sagte er:

»Ich hab’s nicht nötig, so eine Schlampe anzumachen.«

Eine Faust traf Sebastian am Kinn, woraufhin sein Gesicht gegen die Mauer klatschte. Dann packte ihn der Riese an den Haaren, zog seinen Kopf zurück und stieß ihn gegen den Beton. Schwarze Flügel zerschnitten Sebastians Blick, als stünde er inmitten einer Schar Krähen. Er kniff die Augen zusammen, doch das Geflatter wollte nicht enden. Die Arme schützend über den Kopf gehoben, rutschte er zu Boden.

»Niemand nennt Vanessa eine Schlampe«, sagte der Riese.

»Ja ja«, stöhnte Sebastian, »ich hab’s kapiert.«

»Das kannst du deiner Mutter erzählen.«

»Ehrlich, ich nehme alles zurück.«

Einen Moment lang klärte das Adrenalin Sebastians Blick. Er sah den Riesen mit dem Fuß Schwung holen, sah einen Turnschuh, der plötzlich das Licht aus seinen Augen riss. Als ihm das Jochbein brach, zerstob auch der letzte Gedanke an einen gemütlichen Sonntag. Jetzt lenkten ihn nur noch Angst und Schmerzen. Er hatte den Wunsch, sich zu entschuldigen, wollte um Nachsicht betteln, wollte sagen, dass es ihm leidtue. Aber sein Mund brachte nur Gestammel hervor. Gleichzeitig prasselte eine Triole des Jähzorns auf ihn nieder:

»Er hat mich eine Schlampe genannt.«

»Das wird ihm eine Lehre sein.«

»Du perverses Schwein, du.«

Sebastian sackte seitwärts, wandte sein Gesicht zur Mauer, krümmte sich zusammen. Schwere Tritte trafen ihn am Hinterkopf, und er verlor für Sekunden das Bewusstsein.

Sobald er wieder aufgewachte, spürte er eine warme Flüssigkeit über seine Lippen rinnen. Blut, Speichel, vielleicht Urin. Seine Zunge fühlte sich taub an, unter seiner Nase zerplatzten blutige Bläschen. Dann aus der Ferne eine Stimme:

»Scheiße, ich hab mich dreckig gemacht.«

2

Zwei Straßen weiter verabschiedete sich die Frau von den Männern. Der größere machte Anstalten, sie zu begleiten. Er umschlang ihre Hüfte, hauchte ihr Liebesschwüre ins Ohr. Als sie ihn wegschubste, brüllte er, sie solle sich nicht so haben, früher sei sie gern mit ihm in die Kiste gesprungen. Erst recht betrunken.

Der kleinere Mann fasste ihn bei den Schultern und versuchte, ihn in eine andere Richtung zu zerren. Daraufhin schnauzte ihn der größere an. Sie gerieten in ein halbherziges Gerangel, bis sie bemerkten, dass die Frau fort war. Das gefiel dem Großen nicht. Er verpasste seinem Begleiter eine Schelle, was der Kleinere mit einem affektierten Lachen quittierte. Nach etwa zehn Minuten Fußweg schlugen auch die Männer getrennte Wege ein.

Den größeren umhüllte das Morgengrauen wie ein störrisches Fell. Er ballte die Fäuste und zuckte unkontrolliert mit den Schultern. Ohne sich umzuschauen, wechselte er die Straßenseite, trat einen Mülleimer vom Laternenmast und kickte ihn über den Bordstein.

Im Eingangsbereich eines Zehngeschossers verharrte er vor dem Klingelschild, als würde ihm jeden Moment geöffnet werden. Anscheinend erwartete ihn niemand: keine Familie, keine Freunde, kein neues Opfer. Selbst die Frau, die er hatte beschützen wollen, schlief lieber in ihrem eigenen Bett. Der Gewaltausbruch hatte ihn erschöpft, den Rest besorgte der Alkohol. Er brauchte eine Viertelstunde ins 8. Stockwerk hinauf, danach eine Ewigkeit, um die Tür zu öffnen. Er furzte und lachte und sagte:

»Du blöde Schlampe.«

Noch bevor er über die Schwelle war, öffnete sich hinter ihm die Tür zum Treppenhaus. In seinem Rausch nahm er weder den Durchzug noch das Klappen der Tür wahr. Er merkte nicht einmal, dass ein anderer für ihn die Wohnung schloss.

Geräuschlos. Und von innen.