Leseprobe Sündenspiel

Samstag

Caroline Meyer wollte all ihren Zorn in die Pedale treten, wollte ihrem Liebeskummer davonradeln, als würde die Welt nach wenigen Kilometern Hoffnung und Zuversicht bieten, eine Welt, die es möglich machte, einen Ben Schilling in die Arme zu schließen.

Es war Samstag, der 7. November. Die Straße war so dunkel wie Carolines Gemüt. Neben dem Liebeskummer plagte sie Übelkeit. Sie bremste, stieg ab und ließ das Fahrrad zu Boden sinken.

Auf wackligen Beinen trat sie an den Zaun eines Schrebergartens. Kein Mensch weit und breit. Nicht im November, nicht um diese Uhrzeit. Gegen Schwindel und Brechreiz ankämpfend, versuchte sie sich aufrecht zu halten. Ihre Finger krallten sich in den Maschendrahtzaun, doch der Alkohol drückte sie nieder. Sie hatte zu viel getrunken, hatte nach den Gläsern anderer Gäste gegriffen wie Schneewittchen nach fremden Tellern. Schloss Thalstein lag jetzt mehrere Hundert Meter hinter ihr, am Fuß eines Bergs, inmitten grauer Finsternis. Ben Schilling, der Grund für ihren Liebeskummer, hob dort sein Glas und präsentierte aller Welt sein schönes Lächeln.

Caroline blinzelte durch den Zaun auf die kargen Grundstücke. In der Stille vernahm sie das Klirren von Flaschen. Von einem Baum hing das primitive Windspiel eines primitiven Gärtners. Sie durfte in dieser Einöde nicht ohnmächtig werden. Der Gedanke an finstere Gestalten, die sich hier herumtrieben, ließ sie ihre letzten Kraftreserven mobilisieren. Sie wankte zurück und rutschte wieder auf den Sattel. Nur mit größter Mühe bekam sie das Fahrrad in Bewegung.

Beim Treten spürte sie kaum noch ihre Beine. Allein die Straße zu erkennen, fiel ihr schwer. Keine Minute später bremste sie erneut und stieg ab. Die Angst vor einer jähen Ohnmacht war zu groß. Sie zog ihr Telefon hervor und rief bei sich zu Hause an.

Der Anrufbeantworter empfing sie mit einem lauten Piepen. Sie probierte es auf dem Handy ihres Vaters. Als sich nur die Mailbox meldete, sagte sie, es gehe ihr kotzübel. Irgendwas stimme nicht mit ihr. Dann – und sie wusste nicht, warum – bat sie ihren Vater um Verzeihung. Dafür, dass sie eine schlechte Tochter sei, dafür, dass sie schwach und nutzlos und krank im Kopf sei. Ihr Vater war einer der einflussreichsten Männer der Stadt. Dr. Rufus Meyer bekleidete seit Jahren das Amt des Oberbürgermeisters. Mit seiner Macht ließ sich alles regulieren, nur nicht das Herz eines anderen Mannes. Ihr kam die Idee, ihr Vater könnte Ben der Stadt verweisen. Bestimmt ist er dazu imstande, dachte sie irrsinnig vor Liebeskummer. Sobald sie aufgelegt hatte, kehrten die Selbstzweifel zurück. Schlechten Töchtern tat niemand einen Gefallen, weder der Bürgermeister noch irgendwer sonst. Schlechte Töchter verliebten sich in die falschen Männer und fuhren betrunken Fahrrad.

Caroline fuhr im Schlingerkurs die Straße Am Erlkönig entlang, und als sie das Leuchten der ersten Laternen sah, glaubte sie, es geschafft zu haben. Die Karl-Liebknecht-Straße. Der Beginn der Zivilisation. Endlich.

Mit bleiernen Waden nahm sie den letzten Anstieg und schoss geradewegs auf die Kreuzung zu. Dann ein grelles Licht und das Hupen eines Autos und ein Schreck, der so erschütternd war, dass er selbst den Aufprall ihrer Wahrnehmung entriss.

Montag

1

Lennart Mikowski hockte am Bordstein und inspizierte die Fahrbahn. Zu seiner Rechten die Straße Am Erlkönig, zu seiner Linken die Karl-Liebknecht-Straße. Vor zwei Tagen war eine Frau auf dieser Kreuzung von einem Auto erfasst worden.

»Laut Protokoll traf der Rettungswagen um 22:40 Uhr ein.« Henry Kilmer ging neben seinem Kollegen in die Hocke und öffnete sein Notizbuch. »Das Opfer, Caroline Meyer, dreiundzwanzig Jahre alt, hat ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die Ärzte haben sie in Langzeitnarkose versetzt.«

»Du meinst, ins künstliche Koma?«, hakte Lennart nach.

»Ja. Um ihren Körper zu schonen.«

»Ich nehme an, eine Befragung ist ausgeschlossen.«

Henry nickte. Er blätterte zurück und ergänzte, der Fahrer des Unfallwagens habe den Notarzt alarmiert. Dessen Aussage zufolge sei Caroline Meyer ohne Licht gefahren, sie sei quasi aus dem Nichts aufgetaucht. Er deutete mit dem Notizbuch auf die Straße, die direkt zum Schloss Thalstein führte.

»Kein Fußweg«, bemerkte Lennart. »Und nirgends Licht.«

»Genau. Nur die Laternen an der Kreuzung.«

»Das heißt, der Fahrer hatte keine Chance zum Bremsen gehabt.«

»Vermutlich.« Henry zupfte einen Hefter aus seiner Umhängetasche, um Lennart die Fotos vom Unfallwagen zu zeigen. Ein Ford Escort, Baujahr 1986. Bis auf einen Schaden an der Frontschürze war das Auto intakt geblieben.

Henry hielt Lennart den Hefter hin, der winkte lässig ab. Er meinte, die Fotos könne er auch im Büro begutachten, streifte sich die Kapuze seines Pullovers über und rappelte sich hoch.

Mit dem Hoodie und den abgelatschten Turnschuhen glich er einem Sozialarbeiter, jener vertraute Typus, der an einen älteren Bruder denken ließ. Auf der Vorderseite seines Pullis klebte ein Bügelbild von Dana Scully und Fox Mulder, darunter stand in ausgefransten Buchstaben Trust no one. Er verschränkte die Arme und fragte Henry, wann das Opfer zu Hause angerufen habe.

»Um 22:06 Uhr.«

»Also kurz vor dem Unfall.«

»Genau.« Henry klappte den Hefter zu und kam ebenfalls aus der Hocke. »Ohne den Anruf hätte man wohl kaum eine toxikologische Untersuchung veranlasst.«

»Das glaubst aber auch nur du.«

»Sie hat gemeint, ihr sei furchtbar übel.«

»Das passiert, wenn man zu viel trinkt.«

»Und der Schwindel und die Atemnot?«

Lennart schüttelte argwöhnisch den Kopf, und Henry wurde das Gefühl nicht los, seinem Kollegen drückte irgendwo der Schuh. Er verstaute den Hefter in der Tasche und bedachte ihn mit einer fragenden Miene.

Nicht ohne ein Seufzen, als würde Henry ihm eine Antwort abnötigen, sagte er: »Wäre sie nicht die Tochter unseres lieben Bürgermeisters, würden wir nicht hier sein.« Lennart schob beide Hände in die Bauchtasche. »Was denkst du denn, weshalb Linda ihren Urlaub abbricht?«

Henry versuchte, den Vorwurf der Naivität zu ignorieren, und zuckte unschlüssig mit den Schultern. Er blickte zunächst Richtung Innenstadt, dann die Straße Am Erlkönig hinunter. Auf der einen Seite führten die Schienen der Tram in eine moderne Großstadt, auf der anderen dehnte sich das wilde Auenland gen Norden. Ihm war, als stünden er und Lennart zwischen zwei Welten und Caroline Meyer wäre ausgerechnet beim Überqueren der Demarkationslinie verunfallt.

Er wollte den Gedanken festhalten und tastete in seinem Jackett nach dem Notizbuch. Da stieß ihn Lennart gegen den Oberarm und meinte, dass sein Magen furchtbar knurre. Er schlug ein zweites Frühstück vor, und sie begaben sich zum Wagen.

 

Lennart parkte seinen Fiat Bravo in der Karl-Liebknecht-Straße vor einer Bäckerei. Er entschied sich für zwei Croissants und einen Kaffee. Mit Blick auf Henrys einsamen Becher Schwarztee schob er ihm eines der Croissants über den Tisch. Henry lehnte dankend ab.

Nach zwei Minuten entfernte er den Teebeutel aus der Tasse, legte ihn auf einen Löffel und presste ihn mithilfe des Schnürchens zusammen. Während sich so die letzten Tropfen lösten, dachte er an Caroline Meyer. Die junge Frau wurde gerade über eine Magensonde versorgt. Plastikschläuche transportierten flüssige Nahrung in den Körper, was wiederum Magen und Darm in Bewegung hielt. Er riss ein schmales Alupäckchen auf und träufelte Zitronensaft in den Becher. Binnen Sekunden erhielt der Tee die Färbung, die Henry so mochte: einen goldgelben Ton wie der von Bernstein.

»Du gehst doch regelmäßig joggen, oder?«, fragte Lennart.

»Woher weißt du das?«

»Hat mir Linda erzählt.«

Henry nippte an seinem Tee.

»Hast du nicht Bock auf ’nen Urbanian Run?«

»Was soll das sein?«

Lennart schnippte einen Krümel vom Tisch. »Das ist ein Stadtlauf mit Hindernissen. Du musst über Mauern klettern oder unter Lkws hindurch kriechen.«

»Puh, das klingt gefährlich.«

»Nee, ist ganz harmlos. Wirklich.«

»Ich weiß nicht.«

»Wie, du weißt nicht?«

»Ich laufe immer bloß vorwärts.«

»Ach, Kilmer. Der nächste findet sogar in Berlin statt.«

»Heimat«, murmelte Henry hinter seiner Tasse. »Das verheißt nichts Gutes.«

Henry und Lennart arbeiteten das erste Mal allein zusammen. Im letzten Jahr waren sie beide Teil einer Mordkommission gewesen. Einem Mann war die Kehle durchtrennt worden, ein anderer nicht mehr aus dem Koma erwacht. Henry tat sich schwer mit Bindungen außerhalb der Arbeit, und wenn dieser Fall ihm nicht alles abverlangt hätte, wären er und Linda sich wohl kaum so nahe. Er öffnete sein Notizbuch und schrieb demonstrativ auf die letzte Seite: Urbanian Run. Lennart Mikowski. Sein Kollege lächelte breit, während Henrys Blick den Spruch auf dessen Pullover streifte. Traue niemanden.

2

Alina Wagner stellte sich ans Fenster, prüfte ihr Telefon auf Nachrichten – noch immer nichts von ihm, kein Wort, kein Zeichen, nichts – und schaute hinaus. Draußen schien ebenso alles beim Alten. Auf dem Rabenstieg glomm das orangefarbene Licht der Laternen, und die Nachbarn hatten entweder die Gardinen vorgezogen oder die Jalousien heruntergelassen. Die Siedlung am Hausberg wirkte so lebhaft wie ein penibel gepflegtes Grab.

Alina kroch selten vor Mitternacht unter die Bettdecke. Meist vertiefte sie sich stundenlang in einen Roman oder lernte Texte fürs Theater auswendig. Ihr war bewusst, dass nur wenige Teenager ihre Hobbys mit einer solchen Hingabe pflegten. Im Grunde empfand sie schon den Begriff Hobby als Herabwürdigung. Fußball war ein Hobby oder Computerspielen, vielleicht sogar, sich beim Tanzen zu filmen und die Videos anschließend auf TikTok hochzuladen. Alina trieb dagegen Leidenschaft um, echte, brennende Leidenschaft, wofür sie bereitwillig Blut und Wasser schwitzte.

Sie schaute erneut auf ihr Telefon – wieder keine Nachricht – und ließ nach einem letzten Blick zur Straße hinaus die Jalousie abwärts. Der Zustand ihres Betts hob ihre Laune nicht. Auf der Tagesdecke lagen der Deutschhefter, ihre Federtasche und ein Haufen Materialien zum Leben von Ludwig Tieck. Sämtliche Schüler der 9b sollten zur nächsten Deutschstunde einen Text über das Leben des Romantikers verfassen. Wann geboren, wann gestorben? In welchem Jahr er was veröffentlicht hatte. Eine bloße Aneinanderreihung von Zahlen, nichts anderes als würde sie die binomische Formel anwenden. Bisher hatte sie nicht einen Stichpunkt zu Papier gebracht. Obendrein hatte sie ihrer Freundin versprochen, den fertigen Aufsatz zu fotografieren und ihr zuzusenden. Heute Abend, hatte sie Sarah auf dem Schulweg versichert. Hundertprozentig.

Alina rutschte aufs Bett, steckte sich das Haar mit einer Spange hoch und warf sich eine Strickjacke über. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass das Display jetzt aufleuchten und eine Nachricht von ihm anzeigen würde. Aber es blieb schwarz und spiegelte allein einen Teil ihres Zimmers und ihrer Gestalt wider. Eigentlich war ihr die Jacke mehrere Nummern zu groß, und wenn sie die Knöpfe schloss, sah sie darin aus wie eine Magersüchtige. Sie raffte die Ärmel über ihre Hände und vergrub die Finger in den Stoff. Dann schob sie die unerledigten Hausaufgaben beiseite, bog die Beine in den Schneidersitz und betrachtete das Deckblatt des Theaterstücks. Morella, stand darauf. Stückfassung Ben Schilling. Zur Generalprobe am Mittwoch wollte sie den ganzen Text auswendig hersagen können, nicht nur ihren Text, sondern auch den der anderen.

»Morellas Gelehrsamkeit war unergründlich«, flüsterte Alina in die Stille des Zimmers hinein. »Ihre vielseitige Begabung war geradezu übernatürlich.«

Sieben Mädchen sollten Morella, die Heldin des neuen Stücks, abwechselnd darstellen. Als Ben ihr den schwierigsten Part aller sieben Rollen gegeben hatte, hatte sie es zuerst nicht glauben wollen. Ausgerechnet sie. Ausgerechnet die Anfängerin. Daraufhin las Alina die Originalgeschichte von Edgar Allan Poe wieder und wieder, doch vieles blieb ihr unergründlich. Sie fragte sich, inwieweit die Geschichte überhaupt einen Sinn ergab. Oder was der Name Morella zu bedeuten hatte. Ben hatte es ihr nach der letzten Probe erklärt, als ihre Mitspielerinnen bereits auf dem Heimweg gewesen waren. Ihr Blick strebte von dem Text zum Telefon. Keine neue Nachricht.

Alina raffte die Strickjacke übers Kinn und schubberte die Unterlippe am Kragen. Sie drehte das Handy um und verließ das Zimmer, um sich ein Glas Wasser zu holen.

Auf dem Weg in die Küche schmulte sie ins Wohnzimmer. Wie sie nicht anders erwartet hatte, war ihre Mutter auf der Couch eingeschlafen. In ihrem Gesicht das Fernsehgeflimmer, auf dem Kissen ein Speichelfleck und unterm Tisch eine Flasche Schnaps. Morgen früh würde Alina nichts von alldem vorfinden. So zeitig ihre Mutter zwischen den Sofakissen versank, so früh war sie wieder auf den Beinen. Der Schnaps würde im Schrank versteckt sein, ihr Atem nach Eukalyptus riechen und das Frühstück auf dem Küchentisch stehen. Alina schlich zurück ins Zimmer, und als sie das Leuchten ihres Handys bemerkte, hätte sie beinahe das Glas Wasser fallen gelassen.

Sie stürmte zum Bett und schnappte sich das Telefon. Sarah hatte ein neues Video auf TikTok hochgeladen. Mit einem Gefühl der Enttäuschung schaute sich Alina ihre weinende Freundin an. Das Ganze hatte Sarah mit einem Song von Helene Fischer garniert. Sarahs melodramatisches Video war noch nicht zu Ende, da erreichte Alina eine Nachricht.

Hast du die HA fertig?

Alina war nicht in der Lage zu antworten. Sie schob das Telefon unters Kissen und hörte das Piepen, das eine neue Nachricht signalisierte. Einmal, zweimal, ohne Frage Sarah, die wissen wollte, wie es um die Hausaufgaben stand.

»Morella«, zitierte Alina aus dem Gedächtnis, »wo bist du? – Hier bin ich. – Oh, mein Kind, mein Liebling. – Höre! Ich werde sterben.«

3

Als am Abend das Telefon klingelte, lag Henry ausgestreckt auf der Couch im Büro. Unter seinem Nacken ein Kissen, in den Händen ein Buch. Geliebte im Blutrausch ein Tatsachenbericht über die zweifache Mörderin Mary Pearcey. Die Frau, die man 1890 durch den Strang hingerichtet hatte, war zeitweise verdächtigt worden, die berühmten Whitechapel-Morde verübt zu haben. Jill the Ripper – ein Mythos so faszinierend wie unwahr. Henry legte das Buch beiseite und schaute auf sein Handy.

Es war Linda Liedke, seine Kollegin und Partnerin. Er fragte sich, weshalb sie so spät anrief. Eigentlich hatte sie frei, und einer ihrer Grundsätze lautete: Dienst ist Dienst und Freizeit eben Freizeit. Henry stemmte sich in die Senkrechte und nahm ab.

»Wenzel hat sich bei mir gemeldet«, sagte sie, ohne dass er hatte fragen müssen.

Henry waren die Bande zwischen Linda und seinem Chef ein Rätsel. Er vermutete, dass sie bereits einiges durchgemacht hatten. Feierlich wurde gern behauptet, die Polizeiarbeit würde die Kolleginnen und Kollegen zusammenschweißen. Aber Henry wusste, dass es mitnichten an der Polizeiarbeit lag. Verantwortlich war vielmehr das Grauen, das einem begegnete. Die Babyleichen in Mülltüten. Die erfrorenen Obdachlosen. Die ungezählten Suizidanten. Ohne Linda an seiner Seite hätte er nach den Ereignissen des letzten Jahres womöglich den Dienst quittiert.

»Und wie waren deine Ferien?«, erkundigte er sich.

»Stefan und Leonie sind noch an der Ostsee.«

»Allein?«

»Die kommen wunderbar ohne mich zurecht.«

Mit dem Telefon in der Hand erhob sich Henry und schlurfte zu seinem Arbeitsplatz. Er schaute über seinen und Lindas Schreibtisch hinweg und überflog die Fotos an ihrer Wand. Schnappschüsse von ihren Urlauben. Stefan, ihr Mann, Leonie, ihre Tochter, und Linda mittenmang. Dazwischen viel Sand, viel Meer. Viel Paradies. Er wandte sich um und rutschte mit dem Hintern auf seinen Tisch.

Abrupt wechselte Linda das Thema. Sie wollte über den aktuellen Fall aufgeklärt werden, und Henry berührte die Tastatur seines Laptops. Er berichtete ihr, dass die Ärzte in Caroline Meyers Urin Spuren von Gamma-Butyrolacton entdeckt hatten.

»Sind das diese K.-o.-Tropfen?«

»Ja, eine Variante. GBL wird erst im Körper zu GHB umgewandelt.«

»Ich verstehe nur Bahnhof.«

»GHB oder Liquid Ecstasy ist verboten, GBL findest du dagegen in Reinigungsmitteln.«

»Okay, und Caroline Meyer war auf einer Party gewesen?«

»Im Schloss Thalstein wurde das Probenende für das neue Stück gefeiert.«

»Gehört sie zum Ensemble?«

»Sie arbeitet dort als Regieassistentin. Zurzeit studiert sie in Leipzig.«

Henry hörte durchs Telefon, wie Linda eine Flasche Wein entkorkte.

»Waren denn viele auf der Feier?«

»Neben den Angestellten etwa fünfzig Besucher.«

»Das klingt nach Klinkenputzen.«

»Einige der Schauspieler sind minderjährig, waren also mit ihren Eltern da.«

Er öffnete per Mausklick ein Dokument und sandte einen Befehl an den Drucker. Dann aktivierte er die Freisprechfunktion am Telefon, und während er seine Wand des Büros betrachtete, lauschte er Lindas Vorfreude aufs Klinkenputzen. Wie das Kratzen einer oft gehörten Schallplatte drang ihre Stimme in sein Ohr. Der Klang beruhigte ihn. Er zupfte den ausgedruckten Bogen aus dem Drucker und zwei Pinnnadeln aus einem Schälchen.

»Und was treibst du gerade?«, fragte sie unvermittelt.

»Bloß das Übliche.«

»Also zu Hause vor der Glotze abhängen?«

Er lachte. »Ja, so ungefähr.«

»Dir würde ich zutrauen, dass du noch im Büro bist.«

»Dienst ist Dienst und Freizeit eben Freizeit.«

»Oh, seit wann zitierst du mich?«

Er sparte sich eine Antwort und pinnte den Bogen Papier an die Wand hinter seinem Schreibtisch. Es war der Abend des 9. November, und Henry Kilmer starrte auf das Foto einer Beinahetoten.