Leseprobe Spiegel des Herzens

Kapitel 2: Dunvegan - Gestern und Heute

In mein Zimmer auf Dunvegan zu treten, weckte einen unangenehmen Schauer. Es war, als stürme die Vergangenheit auf mich ein. Finlay, Mairead, selbst der schreckliche Duke of Skye und der furchtbare Leutnant Carstairs tanzten in meinem Kopf herum und hielten mich zum Narren. Ich drehte mich, halb erwartend, eben jener englische Soldat träte in mein Zimmer, um mich erneut zu befragen und mich zu drängen, Finlay zu belasten, und sei es mit einer an den Haaren herbeigezogenen Lüge. Wann war ich?

Statt Carstairs stand Vanessa in der Tür, die Hände wringend und mich zögerlich anlächelnd. „Da sind wir.“

Mein Blick wanderte weiter, um mich von der Nervosität meiner Schwester abzulenken, deren Ursache mir nur zu bewusst war. Meine Geschichte hatte sie wortlos aufgenommen, aber ich hatte ihr von der Nase ablesen können, wie sie darüber dachte. Immerhin hatte sie mich nicht für verrückt erklärt und mich auch nicht beim Krankenhauspersonal angeschwärzt, sonst hätte man mich sicherlich nicht entlassen. Ich konzentrierte mich notgedrungen auf die Gegenwart.

Die Vorhänge um das große Himmelbett waren zurückgebunden. Waren sie heller, als ich sie in Erinnerung hatte, oder einfach nur ausgeblichen? Das Fenster war der einzige Unterschied, der sofort ins Auge fiel, denn nun gab es eine moderne Verglasung. Der Kamin war nicht angeheizt, was auch nicht nötig war, schließlich war es Sommer, aber einige Holzscheite lagen malerisch bereit. Nur zur Dekoration, denn es gab eine elektrische Heizung, die sich hinter Holzvertäfelung verbarg. Der Raum roch eine Spur muffig, was bei den klimatischen Bedingungen hier oben nicht verwunderlich war. Selbst im Sommer war es nass und kalt, nicht nur im Herbst und Winter, und die 20 Grad von heute waren eher die Ausnahme. Außerdem war es ein altes Gebäude und die feuchte Luft zog durch die Steinmauern, wie bereits seit hunderten von Jahren.

Ich ließ meine Tasche fallen und schob sie unter das Fußende.

„Ruh dich aus“, schlug Vanessa vor. „Gewöhn dich ein. Wir können später …“

„Ich bin ausgeruht, Vanessa“, unterbrach ich sie rüde. Peinlich berührt, weil ich erneut in mein altes Verhaltensmuster zurückfiel, presste ich die Lippen zusammen und murmelte eine Entschuldigung. „Sorry, ich bin aufgekratzt. Nach drei Tagen eingepfercht in einem Krankenhauszimmer fühle ich mich wie ein Springteufel.“

Vanessas Erschrecken war köstlich. Sie schlug die Hände vor den Mund und drehte sich zum Gang. „Äh …“

„Komm runter, Vanessa.“

„Ich versprach Ian, ihm im Pool Gesellschaft zu leisten.“

Ich stieß den Atem aus. Es ging ihr also nicht darum, mir auszuweichen, weil sie nicht wusste, wie sie mit meiner Geschichte umgehen sollte.

„Ähm …“ Vanessa sah zu mir zurück. „Natürlich kann ich das verschieben.“ Der Vorschlag machte sie aber nicht glücklich. Sie zwang ihre Lippen in ein Lächeln. „Also sollen wir den Tee einnehmen?“

 „Geh zu deinem Ian, ich werde spazieren gehen, oder so.“ Das war mir ohnehin lieber. Wenn ich bedachte, die nächste Stunde mit einer angespannten Schwester in einem Raum zu verbringen, wurde mir ganz anders. Besser war es, erst einmal meine Gedanken zu ordnen und einen Schlachtplan zu entwickeln. Zudem gefiel mir die Idee eines Spaziergangs. Ich wollte rennen, bis mir die Luft fehlte.

„Echt?“ Vanessa starrte mich verblüfft an.

„Klar. Keine Sorge, ich …“ Ich wollte sagen, dass ich mein Handy mitnahm und damit jederzeit erreichbar war. „Oh.“ Bisher hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich kein Mobiltelefon mehr besaß. Ich hatte mich wohl daran gewöhnt, eben nicht erreichbar zu sein. „Das hatte ich völlig vergessen! Mein Handy! Meine Schlüssel …“

Vanessa streckte die Hand nach mir aus und strich über meinen Oberarm. „Keiner von uns hat an deine Tasche gedacht, ich fürchte, sie ist mit dem Fluss auf und davon. Aber keine Sorge, Ian kümmert sich um einen Termin bei der Botschaft und in Nullkommanichts hast du einen neuen Ausweis. Wir können dir auch ein Telefon besorgen und von den Schlüsseln deiner Wohnung in Deutschland wird es Ersatzexemplare geben.“

Nichts davon hatte Priorität für mich, dennoch stimmte ich zu. „In Ordnung.“ Mein Lächeln war zittrig, deshalb wandte ich mich ab und sah mich um. Das Zimmer blieb surreal, teils wie ich es aus meiner Reise in die Vergangenheit in Erinnerung hatte, aber zum Teil auch, wie es nun war  in der Gegenwart. Es weckte einen Schauer, der unangenehm prickelnd über meinen Körper glitt.

„Also, ich sollte los.“ Meine Stimme schwankte, aber meine Schritte waren sicher.

„Warte.“ Vanessa schnappte nach dem Zipfel meiner Jacke und hielt mich zurück. „Es ist leicht, sich hier oben zu verlaufen. In den Highlands sieht alles gleich aus, schließlich gibt es hier nicht mehr als Gestein, Gras und Wasser.“ Es war so typisch Vanessa, dass mir innerlich ganz warm wurde. Wir waren weit nördlich auf einer Insel in den schottischen Highlands und damit weit weg von meinem üblichen Umfeld. Zudem war ich alles andere als ein Naturbursche und konnte mich nicht anhand der Sterne orientieren, oder wie Pfadfinder es sonst tun mochten. „Aber wir besitzen ein GPS-Gerät. Unsere Koordinaten sind eingegeben und es hat auch einen Tracer, falls du verloren gehen solltest.“ Vanessa rang die Hände. „Ich kann dich auch gerne begleiten, allerdings bin ich auch nicht gerade ortskundig.“

„Nein.“ Es kam einem Pistolenschuss gleich aus meinem Mund, noch bevor ich auch nur darüber nachdenken konnte. „Ich nehme das GPS-Ding, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich werde nur ein paar Runden durch den Garten drehen.“ Mein Lächeln beruhigte sie. „Um den Kopf frei zu bekommen. Da ist Begleitung nur hinderlich.“

„Also gut.“ Sie klang zu erleichtert. „Du brauchst festes Schuhwerk und einen warmen Mantel. Das Wetter wird sich nicht halten“, prophezeite sie. „Komm, ich kann dir aushelfen.“ Sie winkte mich aus dem Raum und den Gang hinunter. Wir durchquerten den gesamten Flügel zu den Zimmern im anderen Turm, der dem Meer zugewandt und damit einer der sichersten vor Angreifern war. In ihm befanden sich die Räume des Dukes, weshalb ich nie zuvor hier gewesen war.

„Du kannst den Weg durch die Küche nehmen, er führt in den Burghof. Halte dich rechts bis zur Garage, dort gibt es ein Tor.“

„Wird die Tür nicht verschlossen? Ihr seid hier zwar mitten im Nirgendwo, aber ist es nicht gewagt, die Tür offen zu lassen?“ Das Schloss lag von der Straße aus gesehen hinter einem breiten Gürtel aus gepflegten, aber dennoch wilden Gärten. An beiden Seiten schlossen sich Wälder an und so war das Gebäude von allen Seiten gegen Blicke abgeschirmt. Die einzigen Zufahrten waren jene zum Haupttor, die von der Familie nicht genutzt wurde, sondern als Attraktion für Touristen offenstand, und jene, die versteckter und privater war. So erklärte sich auch die ellenlange Anfahrt durch menschenleeres Gebiet, denn das Schloss lag fußläufig von dem nach ihm benannten Dorf Dunvegan.

„Sie ist alarmgesichert, aber ich gebe dir den Code.“ Sie stieß die Doppeltür auf, ohne ihre Geschwindigkeit zu drosseln und segelte weiter. Ich folgte ihr, wurde aber langsamer, sobald ich den Innenraum sehen konnte. Vanessa durchquerte ein Zimmer, das das gesamte Erdgeschoß des Turms einzunehmen schien. Aus allen Richtungen fiel Licht hinein, das von den mächtigen Kristalllüstern, die von der Decke hingen, reflektiert wurden. Es war einfach atemberaubend, wie die Farbsprenkel auf die dunklen Oberflächen der Möbel flogen, es hatte etwas verzauberndes, mystisches, das etwas in mir zum Klingen brachte. Ich stockte in der Tür, um meine Umgebung voll auf mich wirken zu lassen. Das Glitzern wurde intensiver, umhüllte mich. Es wurde zu schnellen Bildern, die ineinander verschwammen und ein Gefühl in mir weckte, dass einer nahenden Ohnmacht ähnelte.

„Kati?“ Vanessas Stimme glich einem hohen Schwirren. Erst als sie mich berührte, die Hände fest um meine Oberarme schloss, spürte ich, wie kalt ich im Vergleich zu ihr war. Sie verbrannte mich regelrecht. „Katharina.“

Ich befreite mich schnell und torkelte zurück, dabei rieb ich über die von ihr berührten Stellen, die deutlich wärmer waren, als der Rest von mir.

„Was denn?“, stieß ich hervor, eine Ablenkung, schließlich war ich völlig durcheinander, fast noch gefangen in dem wilden Treiben des spiegelnden Lichts.

„Du bist bleich und eiskalt!“ Wieder streckte sie die Hände nach mir aus und ich wich schnell zurück.

„Alles gut“, behauptete ich, wobei ich ein Grinsen auf meine Lippen zwängte. „Ich werde nur langsam klaustrophobisch.“

Sie blieb skeptisch. Ihr Blick fokussierte sich auf mein Gesicht, als stände dort alles geschrieben, was sie wissen musste, also grinste ich betont lebendig.

„Und? Dieses GPS-Gerät, wo versteckt es sich?“ Ich drängelte mich an ihr vorbei, bemüht, das Farbenspiel des Lichts nicht auf mich wirken zu lassen. Sie führte mich in einen lächerlich unterbenutzten, begehbaren Kleiderschrank, zog eine Jacke vom Bügel und reichte sie mir, ohne zu mir zu sehen, bevor sie sich hinkniete und eine Lade aufzog.

„Wanderschuhe oder Gummistiefel?“

 „Ersteres, bitte.“ Ich nahm ihr die Schuhe ab. „Danke.“

„Noch einen Schal, nicht dass du dich noch erkältest.“

Da ich tatsächlich keine verstopfte Nase und kratzenden Rachen brauchte, nahm ich auch den entgegen und schlang ihn mir umständlich um den Hals. Das Wetter hier war schließlich nicht beständig zu nennen und am Morgen war es recht kalt gewesen.

„Der Tracer?“

„Klar. Du kannst auch mein Handy mitnehmen, wenn du möchtest.“ Sie zog das GPS-Gerät aus einer Schublade und reichte es mir.

„Ich gewöhne mich gerade daran, nicht erreichbar zu sein.“ Es war als Witz gedacht, aber es trug mehr Wahrheit in sich, als erwartet. Auch wenn es für sie nur wenige Minuten gewesen waren zwischen meinem Fall und dem Moment, in dem ich in Vanessas Armen aufgewacht war, waren für mich mehrere Monate vergangen, in denen ich gelernt hatte, auch ohne ständige Erreichbarkeit existieren zu können. Oder Fernsehen, Radio, Musik  Wow, unglaublich, dass man auch so leben konnte!

„Dann bist du hier genau richtig.“ Sie schnaubte. „Hier oben ist Erreichbarkeit Luxus!“

„Okay, danke. Ich bin dann mal weg.“ Ich schlüpfte in die Jacke und steckte die Geräte tief in die Taschen. „Wann ist Abendessen?“

„Um sechs. Wir warten aber auf dich.“

„Ach, Quatsch. Ich finde sicher eine Fastfood-Kette auf dem Weg und …“

Vanessa brach in wildes Gelächter aus und es klang ungewohnt locker und heiter. „Solltest du eine finden, bist du zu weit gelaufen!“

„Danke für die Warnung.“ Meine Umarmung überraschte uns beide zu gleichen Teilen. „Bis später.“

Ich ließ sie stehen, sie stammelte noch eine Verabschiedung, aber die bekam ich nur am Rande mit. Der Weg hinaus war nicht schwer zu finden, ich kannte den Weg zur Küche aus meiner Reise in die Vergangenheit und konnte ihn mühelos schlafend abschreiten. Dort wurde bereits eifrig die nächste Mahlzeit vorbereitet, die ich zu verpassen plante.

„Miss, kann ich Ihnen helfen?“

„Nay, tabadh leibh.“

Die tellerrunden Augen überging ich. Ich hatte diese Worte so oft verwendet, dass ich keinen Zweifel an ihrer Aussprache hatte, also musste die Verblüffung der Köchin einen anderen Grund haben. Da es für mich nicht von Bedeutung war, beließ ich es dabei. Ich wollte aus dem Gebäude raus und nicht ein Schwätzchen mit Einheimischen halten.

„Ich muss hier nur durch.“ Dampfschwaden hingen in der Luft, rochen nach frischer Pasta und Tomaten. Die Tür zum Hof stand offen, um für Durchlüftung zu sorgen. Die Sonne blendete mich, selbst als ich die Hand hob, um sie zu blocken.

So rege es hinter mir zuging, so ruhig war es vor mir. Abgesehen von dem sachten Wind, der jedes noch so fein gestutzte Grashälmchen in Bewegung setzte. Kein Mensch, kein Tier, soweit das Auge reichte. Nur pure Natur, durchzogen von gekiesten Pfaden. Tiefdurchatmend marschierte ich los. Eine Weile setzte ich nur einen Fuß vor den Nächsten, ließ mich ebenso treiben, wie meine Gedanken. Meine Füße bogen ab, traten nun auf feuchtes Gras, bis ich am Ufer der Bucht stand, die dem Schloss seinen Namen gab. Loch Dunvegan. Als es zu mühsam wurde, über das steinige Ufer zu kraxeln, lenkte ich meine Schritte wieder landeinwärts. Irgendwann hob ich den Blick. Meine Finger schlossen sich in der Tasche der Jacke um den Tracer und einen Moment wallte Furcht in mir auf. Verlaufen. Aber darum ging es mir auch, ich wollte mich verlaufen, zumindest für eine Weile.

Vor mir erstreckte sich das raue Hochland, saftiges Grün, grauer Fels und ein Meer an Blumen. Lila, so weit das Auge reichte. Herrlich. Obwohl mich mein Marsch angestrengt hatte, spürte ich, wie mich der Ausblick beruhigte. Der Wind spielte mit meinem Haar, schlug es mir sanft ins Gesicht. Strähnen tanzten vor mir und um mich herum. Alles war wild, ungezähmt und urtümlich. Es sah genauso urtümlich aus, wie während meiner Reise in die Vergangenheit, und Sehnsucht zerquetschte mein Innerstes. Finlay. Tränen stürmten meine Augen, rollten mir in Sturzbächen über die Wangen und tropften in den staubigen Grund vor meinen Füßen.

Ich hatte es geschafft, ich war unbeschadet wieder in meiner Zeit gelandet, aber nicht wie geplant mit Finlay. Was war aus ihm geworden?

Furcht gesellte sich zu dem immensen Schmerz in meiner Brust. Ich musste mich setzen, rutschte von dem Felsen, den ich mir dazu ausgesucht hatte, und landete im Heidegras. An den Anblick erinnerte ich mich noch lebhaft und er fachte meine dringliche Frage an: Wie konnte ich herausfinden, was mit Finlay geschehen war?

 

 Etwas zog mich nahezu zurück. Das Dorf Dunvegan war laut GPS Meilen entfernt und von dort gab es kaum eine Möglichkeit, sich zu verlaufen. Die Hauptstraße hinauf und dann in den Privatweg abgebogen, dessen Tor mit einer Gegensprechanlage gesichert war. Es dauerte, bis man mich einließ und zwei Männer eskortierten mich zurück. Albern, wenn man bedachte, dass man über das Ufer problemlos auf das Grundstück gelangte. Erst am Eingang ließ man mich allein weitergehen.

Ich nahm den langen Weg über die Haupttreppe, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich joggte die Stufen hinauf, riss die Tür auf. Und blieb stehen. Im ersten noch verschwommenen Moment sah das Zimmer aus wie in meiner Erinnerung  der aus der Vergangenheit. Herrje, von den Spitzfindigkeiten bekam ich noch Kopfschmerzen. Die Strahlen der untergehenden Sonne tauchten es in funkelndes Licht, wie ich es am Vormittag in Vanessas Schlafzimmer gesehen hatte. Mein Körper reagierte, ließ mich schwindeln und in kaltem Schweiß ausbrechen. Ich stürzte, schaffte es nicht bis zum Bett und schlug auf dem flauschigen Teppich auf, der den Platz zwischen Bett, Tür und Kamin einnahm. Meine Lider schlossen sich flatternd, aber die Lichtblitze verschwanden nicht.

„Halte deinen dreckigen Mund, Schottenhure!“, keifte es in meinen Ohren und versetzte mich zurück an eine der weniger erfreulichen Erinnerungen aus dem Jahr 1746. Wir waren draußen in der Heide von Soldaten gefangen genommen worden, die auf Finlay einprügelten und dabei nicht mit Beleidigungen sparten.

„Katharina“, keuchte Finlay, wobei er meinen Blick gesucht hatte, um mir eine Warnung zu übermitteln, die mich hatte frösteln lassen. Ich hatte nicht glauben wollen, in Gefahr zu sein, hatte meine Situation arroganterweise falsch eingeschätzt und war in eine weitere wirklich haarige Situation geraten.

„Vielleicht, wenn wir das Mädchen …“, hatte der junge Soldat mit einem Blick vorgeschlagen, der seine Gedanken verraten hatte, weshalb ich mich auf einen physischen Kampf eingestellt hatte.

Der Ältere hatte seinen Blick ebenfalls lüstern an mir herabgleiten lassen, bevor er gegrunzt hatte: „Will sicher der Hauptmann einreiten.“

Als der junge Kerl nach mir gegriffen hatte, war ich demnach vorbereitet gewesen und hatte ihn ohne große Mühe auf die Matte geschickt. Finlay hatte sich um den zweiten Soldaten gekümmert und wir waren gemeinsam entwischt.

Ein blendender Feuerblitz beendete die Reminiszenz und ließ mich mit heftigen Kopfschmerzen zurück. Meine Finger krallten sich in den Teppich, während ich verzweifelt nach Luft schnappte. Tränen brannten in meinen Augen.

Was war das denn gewesen?

Es klopfte. Da ich überrascht zusammenzuckte, schoss eine Welle des Schmerzes durch meinen Körper und ich konnte kein Wort hervorbringen. Auch nicht, als es wieder an der Tür pochte.

„Miss?“

„Moment.“ Es war sicher nicht ratsam, dem Personal meiner Schwester am Boden liegend zu begegnen. Sicher wurde ihr oder ihrem Mann alles Ungewöhnliche gemeldet, wie zum Beispiel eine Familienangehörige, die sich vor Schmerz am Boden wand.

Ich rappelte mich auf und schleppte mich zum Bett, um dort niederzusinken und das Bein anzuziehen. Es sollte wirken, als hätte ich Mühe, mir die Schuhe auszuziehen und nichts weiter.

„Kommen Sie rein“, rief ich auf Gälisch, wobei ich an meinen Schnüren des linken Fußes herumnestelte. Eine junge Frau trat ein, erfasste den gesamten Raum mit einem schnellen Rundumblick und knickste dann leicht vor mir.

„Das ist unnötig“, sagte ich.

„Wie meinen?“ Ihre Irritation zeigte sich in dem Verlust ihrer Maske. Für einen kleinen Moment war sie völlig verwirrt, dann fasste sie sich mit einem Strecken der schmalen Schultern. „Miss, lassen Sie mich Ihnen mit ihren Stiefeln behilflich sein.“

„Tabadh leibh, aber lassen Sie dieses Geknickse.“

„Aye, Madam.“

„Katharina“, korrigierte ich. „Oder Miss Hagedorn, aber keine Madam oder sowas.“

Die Frau sah erschrocken zu mir auf.

„Probleme mit dem Schuh?“, fragte ich betont arglos, wobei ich mir ein Lächeln verkniff. Zweihundertfünfzig Jahre und die Leute hier waren immer noch durcheinanderzubringen, indem man außerhalb ihres Rollendenkens agierte.

„Nay, Miss.“ Sie zog den Linken von meinem Fuß und stellte ihn bedacht neben dem Bett ab. Der Zweite folgte.

„Wie heißen Sie?“ Zwar hatte ich das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, aber zuordnen konnte ich sie nicht.

„Rona, Miss.“ Sie verschränkte die Hände vor dem Bauch ineinander. „Ihre Gnaden erbittet Ihre Anwesenheit.“

Mein Seufzen ließ sich nicht unterdrücken.

„Beim Dinner. Es wird in zwanzig Minuten serviert und ihre Gnaden schickt mich, um Ihnen behilflich zu sein.“

Die Frage wobei erübrigte sich wohl. Kein Jahr war Vanessa nun verheiratet, aber die Gepflogenheiten der Adligen hatte sie bereits übernommen. „Danke, Rona, aber ich bin in der Lage, mich eigenständig anzuziehen.“ Zumindest hob es meine Stimmung, lenkte meine Gedanken von dem Vorfall ab, über den ich gar nicht weiter nachdenken wollte. Die Ohnmacht, die Reminiszenz und dieses bohrende Gefühl der Sehnsucht, die mich noch in den Wahnsinn trieb.

„Wenn Sie wünschen, bügle ich Ihnen ihr Gewand auf, oder richte Ihr Haar …“

„Danke, aber …“

„Ihre Gnaden lässt ausrichten: Bitte.“

Ich klappte den Mund zu. Traute mir Vanessa nicht zu, mich selbstständig präsentabel zu machen? Mein erster Impuls war, Rona wegzuschicken. Allerdings hielt mich etwas zurück. Ein Gefühl von Schuld und Reue. Wenn ich auf Finlay gehört hätte, oder auf Mairead, dann hätte ich womöglich nicht fliehen müssen. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, das Tor durch die Zeit zu nutzen, um in die Gegenwart zu kommen, und Finlay wäre gesund und munter. Ein eisiger Schauer rieselte über meinen Rücken und ich schlang die Arme um mich, um über die Oberarme zu reiben.

„Ja, danke“, stotterte ich, ohne das Lächeln auf die Lippen zu bekommen, das ich als Maske tragen wollte.

Rona übernahm es, mich dinnerfertig zu machen. Sie wählte mein Kleid aus und entschied auch, welche Frisur ich trug. Anschließend dirigierte sie mich durch das Haus, obwohl ich mich auf Dunvegan bestens auskannte. Selbst mit verbundenen Augen eckte ich nicht an. Nichts hatte sich hier geändert, kein Möbelstück war verrückt, nicht einmal neue Bilder zierten die Wände. Dieselben Ölschinken, Gemälde von Landschaften von längst toten, namhaften Künstlern.

Die riesige Halle im Anschluss der Treppe wurde von Buntglasfenstern erhellt. Es warf Lichtspiele auf jeden Meter, den ich zurücklegte. Mein Kopf schwirrte, als ich in den Gang abbog. Eine Ohnmacht in Begleitung einer Angestellten meiner Schwester war das Letzte, was ich mir leisten konnte, also biss ich die Zähne aufeinander und ging mit geschlossenen Augen weiter. Zehn Schritte, Tür zur Rechten, zwei weitere, Tür zur Linken. Fenster. Halb den Gang hinunter befand sich der Speiseraum. Gegenüber die Tür zu einem Salon, in dem sich die Familie bereits versammelt hatte. Vanessa saß auf dem Zweisitzer, die Arme um sich geschlungen und mit gequältem Gesichtsausdruck, aber sie versuchte, heiter zu wirken. Ian genehmigte sich einen Drink, während die Duchess lamentierte. Auf Gälisch und viele der Worte sagten mir nichts, andere wiederum konnte ich sehr wohl zuordnen. Sie lästerte. Sie sparte mit Namen, aber es klang, als spräche sie von einem Familienangehörigen. Als sie mich gewahrte, verzog sich ihr Mund, wodurch sie einen Moment still war. Nicht für lang, und das Geschnatter setzte wieder ein. Die Stimme noch schriller, die Worte hässlicher.

Ich hätte sie als typisch McDermitt klassifiziert, wenn sie nicht angeheiratet wäre. Aber sie passte, sie erinnerte mich stark an Rourke.

„Màthair!“, donnerte Ian. Er presste zwei Finger an die Schläfe, mit der Hand, die das Glas hielt. „Sguir dheth. Halt einfach endlich deinen Mund.“

Ich erwartete, dass die Duchess ausbrach wie ein eruptiver Vulkan, aber sie starrte ihren Sohn lediglich mit eisigem Blick an.

„Ah!“ Vanessa sprang auf und kam auf mich zu. „Da bist du ja!“ Ihre Stimme war ungewöhnlich hoch und zeugte von ihrer Anspannung. „Wie war denn dein Spaziergang?“ Sie fiel mir um den Hals. „Ich war ganz hibbelig.“

Sie war es noch. Lag es etwa nicht an ihrer nörgelnden Schwiegermutter?

„Ich habe den Weg mühelos gefunden, Vanessa. Weißt du, ich bin kein Idiot.“

„Wie bitte?“ Sie starrte mich an, den Mund offen, die Augen kullerten nahezu aus ihr heraus. Ian pfiff.

„Du sprichst Gälisch?“

Und merkte es nicht einmal. „Äh.“ Es war offensichtlich, aber wie sollte ich es erklären, ohne von Finlay zu sprechen. „Ja.“

„Wie ist das passiert?“, hauchte meine Schwester. „Wann?“ Ihre Miene entgleiste, als ich sie ansah. Sie verstand, was ich nicht aussprechen wollte. Ihr Mund klappte erneut auf.

„Sprachen interessieren mich eben.“

„Klar“, wisperte Vanessa. „Ich wünschte, ich hätte dein Talent.“

„Du hast andere Talente.“ Weg von diesem verfänglichen Thema. „Herrje, ist es nicht endlich sechs Uhr? Ich muss gestehen, dass mir eine Mahlzeit mehr als recht wäre.“

„Stimmt!“ Vanessa hüpfte überdreht zur Tür. „Ich verhungere!“

„Mit welch gewöhnlichen Kreaturen muss ich mich umgeben!“, lamentierte die Duchess spitz, wobei ihr Blick meiner Schwester verfolgte.

„Màthair, tàmh.“

Vanessa zog mich aus dem Salon. „Warum dauert es heute so lange?“ Im Gang kam uns einer der Diener entgegen und verbeugte sich vor meiner Schwester.

„Euer Gnaden, das Essen kann nun serviert werden.“

„Hervorragend!“ Die Erleichterung war nicht schwer herauszuhören. Vanessa zog mich eilig weiter. Der Tisch war für vier gedeckt, bezeichnend war die Verteilung der Teller. Einer am hiesigen Ende des langen Tisches, drei am anderen, unter dem Wappen des Hauses  der Platz des Duke of Skye. Wie häufig hatte ich an dieser Tafel platzgenommen und einen anderen Duke am Kopfende sitzen sehen?

„Wann hast du Gälisch gelernt“, fragte Ian mich, als alle saßen und die Diener die Wagen mit den Gerichten hereinrollten.

„Kati war den halben Tag unterwegs“, flötete Vanessa. „Ganz allein. Sag, was hast du gesehen?“

„Blumen“, ging ich schnell auf sie ein, auch wenn meine Stimme meine Worte nicht trugen. „Ein Meer an Blumen. Diese lila-grünen, haarigen Dinger …“

Ian lachte schnaufend. „Das sind Disteln. Die erste Nichtschottin, die sie nicht als Unkraut bezeichnet.“ Immerhin war er abgelenkt von meinen überraschenden Sprachkenntnissen.

„Sie zählen zum überwiegenden Bewuchs, oder?“ Konnte man sich eine Mahlzeit lang über Disteln unterhalten? Sicher eine Herausforderung. „Und sie passen hervorragend hierher. Wunderschön und doch wild.“

Wieder lachte Ian. „Eine Schottin im Herzen, a ghràidh, was hast du mir noch alles nicht über deine Schwester erzählt?“

„Oh, da gibt es einiges“, grummelte Vanessa, den Blick auf ihren Teller gesenkt. Ich fand es merkwürdig, wie sie dort zusammengesunken hockte. Die Hände unter dem Tisch und nicht einmal aufsehend, als der Diener ihr Wein einschenkte. Apathisch, genau so, wie ich sie von früher kannte.

„Geht es dir gut?“

Vanessa zuckte zusammen. Es war deutlich, dass ich mit ihr sprach, war ich doch in unsere Muttersprache Deutsch zurückgefallen. Eigentlich fand ich es unhöflich, schließlich war ich zu oft diejenige gewesen, die nicht verstand, was um sie herum gesprochen worden war. Aber in diesem Fall war Privatsphäre wichtiger.

„Du nimmst doch deine Medikamente noch?“ Ich erreichte, dass sie zu mir rübersah, verblüfft, aber immerhin wieder aktiv im Jetzt.

„Was …?“

„Du siehst deprimiert aus.“ War es so? Die Verknüpfung war vielleicht etwas weit hergeholt, traurig passte sicher, aber war es gleich diese bleierne Variante, die ich nie hatte verstehen können, so oft sie es auch erklärte?

Etwas in mir drückte mich selbst unaufhörlich Richtung Boden. Nicht die Schwerkraft, es sei denn, sie hatte sich in den letzten Tagen verdoppelt, es war eher etwas in mir. Gewichte. Ich hatte Ballast zugenommen, auch wenn die Waage keine Änderung zeigte.

„A ghràidh.“ Ian griff nach Vanessas Hand und beugte sich zu ihr. Er machte den Anschein, unser Gespräch verstanden zu haben, aber dann wären seine Deutschkenntnisse besser, als ich bisher angenommen hatte. „Fühlst du dich nicht wohl?“

Süß, leider erinnerte es mich an Finlay und es zerquetschte mich. Einen Augenblick lang konnte ich nicht einmal atmen. Es war, als befände ich mich kilometertief unter Wasser und der Druck verhinderte, dass ich meine Lungen mit Luft füllen konnte. Panik wallte in mir auf. Mit einem Japsen durchbrach ich den Bann, auch wenn ich ihn immer noch um mich fühlte.

„Mir geht es gut. Entschuldige“, wisperte sie. Während ich es nicht einordnen konnte  wofür bat sie um Verzeihung  machte Ian den Eindruck, es genau zu verstehen. Ein Lächeln flackerte auf, hob seine Mundwinkel um genau die nötigen Millimeter, dass es zu einem zärtlichen, nachsichtigen Lächeln wurde, was mir fast das Herz brach.

„Dummkopf“, flüsterte Ian, womit er meine Vorstellung von einem perfekten Mann ruinierte, auch wenn Vanessa ihn immer noch ansah, als wäre er der Traumprinz schlechthin.

„A ghràidh agam ort.“

Vanessa strahlte, von ihrer vorherigenNiedergeschlagenheit war nichts mehr zu sehen. Witzig.

„Ich liebe dich auch, Ian.“

„Mein Magen entleert sich jeden Moment.“ Ordinär für eine Duchess. „Können wir uns auf etwas Anstand einigen?“

„Gefühle auszudrücken, entbehrt keinen Anstand, màthair.“ Ian küsste die Hand seiner Frau und legte sie mit seiner verschränkt auf dem Tisch ab. „Im Gegenteil.“

„Du vergisst, wer du bist!“

„Es reicht, màthair. Noch ein Wort und du kannst den Rest deines Lebens auf deinem Witwensitz verbringen. Und ich glaube nicht, dass du dort sehr viel Gesellschaft bekommen wirst.“

Auch diesen Zug kannte ich von den McDermitts, diese unterschwellige Gemeinheit.

„Damit drohst du mir gern, nicht wahr, mein Sohn?“ Die Duchess wollte sich nicht einschüchtern lassen, auch wenn sie sich deutlich mäßigte.

„Ich erkenne langsam, was dir daran so viel Vergnügen bereitet.“ Er grinste diabolisch. Vanessa legte ihre Hand auf ihre gemeinsam verschränkten.

„Ian.“

Er reagierte umgehend. Er wandte sich ihr zu und sein kaltes Grinsen wärmte sich auf. „Entschuldige, a ghràidh, sie reizt mich.“

„Ich weiß.“

„Nun, vielleicht ist es an der Zeit, unsere Bürde zu teilen?“

Vanessa schnaubte. „Willst du das deinen Geschwistern antun?“

Er zuckte die Achseln. Seine Haltung war locker und entspannt, als wäre der vorherige Moment nie dagewesen. Er grinste und war wieder der süßeste Kerl in ganz Britannien.

„Wir haben uns etwas Ruhe verdient und man kann sie nicht aus den Augen lassen.“

Misstrauen kannte ich auch zur Genüge. Es musste den McDermitts in den Genen stecken, warum sonst erkannte ich all diese Eigenschaften von Rourke und seinem Vater, dem Duke of Skye vor 260 Jahren, wieder?

„Das widerspricht sich.“ Ich biss mir auf die Lippe. Eigentlich hatte ich mich raushalten wollen, schließlich ging mich das hier nichts an, aber mein Mundwerk hatte seinen eigenen Willen.

„Wie meinen?“

„Jetzt mischen sich bereits Bürgerliche in unsere Familiendiskussionen?“

Die Duchess konzentrierte ihren Groll auf mich, was mir egal war. Sie mochte mich als Ventil sehen, auf dem sie ungestraft herumhacken konnte, sie vergaß nur, dass es für mich ebenfalls galt. Es gab keine Schranken für mich, keinen Grund mich zurückzuhalten.

„Màthair.“

„Familie“, hielt ich dagegen. Der Aufwind, der durch mich hindurchging, hob meine Laune. Ein Scharmützel war genau das, was ich nun brauchte  eine Ablenkung von meinen eigenen Problemen.

„Nur Familie.“

Sie wollte widersprechen, hob auch schon dazu an, verwarf es dann aber zugunsten eines hohen Lachens. „Oh ja, jetzt zählen mehr Bürgerliche zur Familie als uns guttut.“

„Das ist deine Meinung, màthair.“

„Ich stimme zu.“

„Kati!“

Ich zuckte die Achseln. „Niemand will sich in einer Schlangengrube wiederfinden.“

Ian lachte. „Das hört sich sehr nach Liny an.

Lachlans Frau hat etwas ganz Ähnliches gesagt, als mein Bruder sie bat, ihn zu heiraten.“

Vanessa hatte mir erzählt, dass Lachlan Ians Zwillingsbruder war, der ebenfalls vor zwei Jahren eine Bürgerliche aus Deutschland geheiratet hatte.

„Aber natürlich“, spottete die Duchess mit glimmenden Augen und verzogener Miene. „Als genüge die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben nicht, um sich einen Mann an den Hals zu werfen!“

„Na, Sie müssen es ja wissen.“ Ich spielte auf die Frechheit-siegt-Karte und war verblüfft, als sie sich auszahlte. Die Duchess verlor an Farbe. Gut, sie saß weit genug von uns entfernt, dass es auch eine optische Täuschung sein konnte, aber dass sie den Mund hielt, sprach für sich.

Ian räusperte sich. „Vielleicht können wir uns darauf einigen, zu den Mahlzeiten unsere Streitigkeiten ruhen zu lassen.“

„Sie ist impertinent“, zischte die Duchess, wobei sie den Stuhl zurückstieß und schwankend auf die Füße kam. „Als genüge es nicht, dass du unseren Namen in den Dreck ziehst, indem du erneut eine Bürgerliche heiratest, nein, du gestattest ihr und ihren Anhängseln auch noch, mich zu demütigen!“

So auszurasten wegen einiger flapsiger Worte deutete darauf hin, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. Ihre eigene Ehe mit dem verstorbenen Sheamus McDermitt, die ihr erst den Titel der Duchess of Skye eingebracht hatte, schien keine glückliche gewesen zu sein. Kein Wunder, ich fragte mich, wie der Duke es mit dieser Frau ausgehalten hatte.

Ian presste die Lippen aufeinander. Er rang mit sich, oder wusste er einfach nicht, wie er sich gekonnt aus der Situation ziehen konnte?

„Wenn es Sie beruhigt, ich hatte nicht vor, Sie zu demütigen. Soll ich mich entschuldigen?“

Ich hätte mich wohl besser nicht eingemischt, denn die Duchess durchbohrte mich mit ihrem giftigen Blick, bevor sie abrupt aufstand und aus dem Saal davonrauschte.

Wir blickten ihr hinterher.

„Ich weiß nicht genau, was ich Falsches gesagt habe.“

Vanessa seufzte schwer.

„Ich fürchte, es ist der Widerspruch an sich, Katharina. Ich entschuldige mich für die Angriffe meiner Mutter und ihrer übertriebenen Dramatik.“ Ian schüttelte den Kopf, wobei er noch immer zu Tür sah, durch die die Duchess entschwunden war.

„Dann sollte ich lieber den Mund halten?“, bot ich an. Vanessa griff den Vorschlag mit einem Schnauben auf.

„Du und den Mund halten? Das will ich erleben.“

Sie wäre verblüfft, wenn sie wüsste, wie gut ich mir mittlerweile auf die Zunge beißen konnte, wenn es vonnöten war.

„Ich bin lernfähig, liebe Schwester.“

„Offenbar“, mischte Ian sich ein. „Wann hast du nun Gälisch gelernt? Dein Akzent ist kaum hörbar.“

„Tabadh leat.“ Dafür hatte Mairead mich auch nur mit einer Millionen Wiederholungen gequält. Ich musste grinsen, obwohl es mir damals wie reine Folter vorgekommen war, schließlich war ich der Meinung gewesen, es exakt so ausgesprochen zu haben, wie ich es hörte.

„Raus mit der Sprache!“, forderte Ian erneut. Er nahm einen Schluck von seinem Wein und bedeutete den Bediensteten, uns aufzutischen.

„So zwischendurch“, wich ich aus. „Ein Sprachführer auf dem Flug …“ Hanebüchener Unsinn, aber mit der Wahrheit sollte ich vorsichtig sein. Mir spukten Horrorgeschichten über britische Irrenhäuser im Kopf herum. Gut, wahrscheinlich eher Amerikanische und genährt von der Horrorserie, die mein Ex so geliebt hatte, aber letztlich wollte ich nirgends eingewiesen werden, weil man an meinem Verstand zweifelte.

Da das Thema unglücklich war, suchte ich nach einer Ablenkung. „Dürfen wir uns auf Nachtisch freuen?“ Zwar glaubte ich nicht, auch nur einen Bissen herunterzubekommen, aber alles war mir recht, wenn ich nur der Befragung entkommen konnte.

„Oh, bitte Scones!“, rief Vanessa aufgeregt. Sie griff über den breiten Tisch und streckte die Finger dann in meine Richtung aus. „Du wirst sie lieben!“

„Die Makronen sind ebenfalls zu empfehlen.“ Ian grinste nachsichtig und gab dem Bediensteten einen Wink. „Ich nehme an, wir überspringen den nächsten Gang und beschleunigen das Abendessen. A ghràidh?“

Vanessas Lächeln war zu viel für mich. Ich senkte den Blick auf meinen Platzteller und atmete tief durch. Finlay fehlte mir so sehr. Tränen brannten in meinen Augen, aber das Schluchzen zurückzuhalten, war wesentlich schlimmer. Es blockierte meinen Hals.

„Wenn es dir auch recht ist, Katharina.“

Ich konnte nicht aufsehen, nicht antworten, nicht einmal die Finger lösen, die sich von mir unbemerkt um die Lehnen meines Stuhls geklammert hatten.

„Kati?“

Ein Krächzen entwich mir.

„Oh Gott!“ Meine Schwester sprang auf und kam um den Tisch herum, um sich neben mich zu knien. Ihre Hand bebte, als sie mich berührte. „Du brauchst einen Arzt!“

„Nein“, brachte ich mühsam hervor. Meine Stimme klang so gar nicht nach meiner. „Mein Spaziergang“, fuhr ich hektisch fort und stolperte über meine Worte. „Nur etwas … zu anstrengend.“

Vanessa war nicht überzeugt. Sie musterte mich, durchleuchtete mich mit ihrem Blick. „Wir sollten Doktor Cameron verständigen.“

Den Impuls, es Vanessa schnell auszureden, schluckte ich mühsam herunter. „Wenn du meinst“, murmelte ich stattdessen, „aber ich halte es für unnötig. Ich bin erschöpft, nichts weiter.“

Es ersparte mir nicht den Besuch des Arztes.

 

Kapitel 3: Die Fairy Pools

Es war nicht schwer, den Durchgang zur Plattform der Fairy Pools zu finden, auch wenn mein Fahrer mich nicht dort abgesetzt hatte, wo ich beim letzten Mal mit Vanessa ausgestiegen war. Mir schwindelte, als ich den Pfad emporkraxelte, Bilder überlagerten sich. Ich war diesen Weg einmal mit meiner Schwester gegangen und einmal mit Finlay, momentan konnte ich die Erinnerungen nicht auseinanderhalten, sie verschwammen ineinander. Menschen kamen uns entgegen und auch wieder nicht. Jemand rief uns an, stehenzubleiben, aber gleichzeitig herrschte ein reges Geschnatter der Touristen  und absolute Stille. Denn im Jetzt und Hier war ich völlig allein. Es wunderte mich nicht genug, um mich aus der Verwirrung zu reißen, es fiel mir nur auf, irgendwo im Unterbewussten.

Wie ich die Ebene überquerte, wusste ich nicht, denn urplötzlich stand ich am Abhang und starrte in die aufpeitschende Gischt des Wasserfalls, der nun unter mir lag. Die Sonne brach sich in Myriaden von Wassertropfen. Obwohl ich die Augen schloss, ließen die Lichtblitze sich nicht vertreiben, mir schwindelte und ich suchte nach Halt.

„Kommt.“ Finlay half mir auf, und schob mich in Richtung des tosenden Wasserfalls. Das Wasser legte sich wie ein Umschlag um mich, obwohl es nur aufgepeitschte Tropfen waren. Es war soweit. Mein Herz schlug zum Zerspringen. Furcht und Freude rangen miteinander, als ich an den Rand trat und hinunter in den Pool sah. Nur die weiße Gischt war auszumachen.

Ein Schuss riss mich aus meiner Zufriedenheit. Ich fuhr herum und rutschte ab. „Finlay!“ Panisch suchte ich nach ihm, das durfte nicht sein. Ich durfte ihn nicht verlieren, nicht jetzt! Ein weiterer Schuss durchbrach die Nacht, und endlich konnte ich Finlay ausmachen. Er torkelte über die Klippe, als ich im Wasser aufschlug. Ruhe legte sich über mich. Ich sank und schloss mit einem breiten Grinsen die Augen. Es war gut so. Ich brauchte keine Technik, kein immer erreichbar sein und auch meine Bekannten und Familie vermisste ich nicht so sehr wie Finlay.

Ich wollte nur eines: Bei ihm sein. Der Sauerstoff ging mir aus. Unwillkürlich öffnete ich den Mund und schluckte Wasser. Panik ließ mich spucken. War ich beim letzten Mal auch fast ertrunken?

Ich sank wie ein Stein, obwohl ich mir sagte, Wassertreten zu müssen. Meine Glieder gehorchten mir nicht, genauso wenig wie meine Arme. Schwärze knabberte an meinem Verstand, übernahm mein Sichtfeld und engte es immer mehr ein. Ich ertrank, aber die Erkenntnis änderte nichts. Ich blieb erstarrt, ging unter, als wäre ich aus Beton, und war darüber nicht einmal beunruhigt.

Ein Arm schlang sich um meine Mitte und zerrte mich hoch. Trotzdem dauerte es, bis ich durch die Oberfläche brach und nach Atem japsen konnte. Bedauerlicherweise gab es keinen Sandstrand, das Ufer bestand aus einem Sammelsurium an Steinen. Einer riss mein Hosenbein auf. Ich wurde abgelegt und eine Silhouette, die mir bekannt vorkam und meinen Puls in die Höhe schießen ließ, beugte sich über mich. Meine Lider klappten zu.

Finlay.

Es folgte kein Kuss, der auch eher in meine romantische Vorstellung gepasst hätte als in die Realität. Stattdessen wurde mein Hals überstreckt, Lippen pressten sich auf meine, und Luft wurde in mich hineingepumpt. Raus kam aber ein Schwall Wasser. Ich kämpfte mich hoch, um nicht an dem Hochgewürgten zu ersticken und spuckte keuchend.

„Ganz ruhig atmen.“

„Amadain.“ Was glaubte er wohl, was ich hier angestrengt versuchte?

Ich erwartete, dass er lachte, das tat er häufig, wenn ich ihn beleidigte, und war irritiert, als er die Hand zurückzog.

„Wie bitte?“

Hatte ich mich geirrt? Gehörte die Stimme gar nicht Finlay? Ich verschluckte mich an meinem Versuch, Luft zu holen und sie gleichzeitig anzuhalten, und bellte einige Male. Er klopfte mir auf den Rücken, wobei er mir erneut riet, es langsam anzugehen.

So sicher ich mir war, dass es Finlays Stimme war, so sicher war ich mir auch, dass die Wortwahl absolut untypisch für ihn war. Also drehte ich mich um, sobald ich mich einigermaßen gefangen hatte. Und landete hart auf dem Po, denn sein Anblick raubte mir die Balance. Ja und Nein.

„Sie brauchen Hilfe.“ Sorge beherrschte sein kantiges Gesicht. War es nicht schärfer geschnitten? Und die Brauen, waren sie nicht weniger buschig?

„Miss?“ Mr McInnes berührte meinen Arm, weil ich ihn nur stumm anstarrte. „Katharina, nicht wahr? Geht es Ihnen gut?“

Nein. Absolut nicht. Ganz und gar nicht.

„Danke“, krächzte ich, schließlich war ich mir nicht sicher, welche Art von Hilfe er meinte. Körperlich ging es mir gut, wenn man den Schock ignorierte, der auf mein seelisches Befinden zurückzuführen war. Bei dem sah es anders aus.

„Ja, alles bestens.“

Er presste kurz die Lippen aufeinander, nur ganz kurz, dann lächelte er beruhigend. „Sie sollten sich dennoch durchchecken lassen.“

„Nay, mir geht es gut.“ Um es zu demonstrieren, wollte ich auf die Füße kommen. Dadurch strafte ich meine Worte leider Lügen. Ich kam nicht einmal hoch, so weich waren meine Arme und Knie. „Okay“, räumte ich schnell ein. „Etwas schummrig.“

Sofort war Mr McInnes bei mir und stützte mich. Hundertprozentig Finlay, das trieb mir die Tränen in die Augen.

„Lassen Sie mich sehen, ob Sie sich verletzt haben.“

Er wartete meine Zustimmung ab, was wiederum so gar nicht meinem Finlay entsprach und mich schluchzen ließ. Ich hatte erwartet, ihn zu sehen und nicht diese neuzeitliche Kopie. McInnes war zwar groß, stark, muskulös und einiges an seiner Mimik glich Finlay, aber sein Haar war kurz, er steckte in Jeans und Turnschuhen und unter seinem weißen Shirt, das ihm am Körper klebte, war der Umriss eines Tattoos zu erkennen.

„Nein“, wisperte ich. „Alles gut.“

Ich wollte nicht von ihm angefasst werden, das ertrüge ich nicht.

„Katharina, das Wasser ist hier nicht sonderlich tief. Wahrscheinlich haben Sie sich wieder den Kopf gestoßen und mit Gehirnerschütterungen ist nicht zu spaßen.“

Automatisch hob ich die Hand zu meiner Stirn, als wolle ich sie nach Blut oder Beulen absuchen, ließ sie aber gleich wieder sinken. Ich hatte keine Kopfschmerzen und das sagte ich ihm auch.

Er presste sekundenlang die Lippen aufeinander, ein Mikroausdruck, der mir verriet, dass ihm meine Reaktion nicht gefiel.

„Also schön.“ Er sah sich um. „Sind Sie allein?“

„Ja.“ Die Feststellung ließ den Damm brechen und ich konnte die Schluchzer nicht mehr zurückhalten. Ich war allein, völlig und absolut. Mein Heulkrampf wurde noch intensiver und ich klammerte mich an meinen Retter.

Er hielt mich, zögerlich, aber doch bestimmend. Es war Finlay so ähnlich, dass ich ihn gleichzeitig wegstoßen und umklammern wollte.

„Was auch immer Ihnen momentan Sorge bereitet, es wird sich legen.“

Sollte mich das beruhigen? An seinen Tröster-Qualitäten musste er noch arbeiten.

„Es hilft, darüber zu sprechen. Vertrauen Sie sich ihrer Schwester an. Es gibt Einrichtungen, die Ihnen Unterstützung anbieten werden. Es gibt nichts, was nicht behoben werden kann, glauben Sie mir.“

„Das stimmt nicht.“ Eigentlich hatte ich gar nichts sagen wollen, aber mein altes Ich setzte sich wieder durch. „Darüber zu sprechen hilft gar nicht. Kein bisschen!“

Im Gegenteil, mein Geständnis an Vanessa hatte mich fühlen lassen, als wäre ich der größte Idiot im Umkreis von tausend Meilen.

„Versuchen Sie es“, riet er eindringlich. „Lassen Sie sich Medikamente verschreiben. Die helfen, glauben Sie mir, und dann besprechen Sie mit ihrem Therapeuten, was Sie bedrückt.“

Meine Tränen stoppten augenblicklich und ich stieß ihn von mir. Er hielt mich für verrückt! Genau wie Vanessa, nur war es tausendmal schmerzhafter. Er war nicht der Mann, den ich liebte, aber es mir vorzuhalten, dämmte nicht meinen Schmerz.

Er hob die Hände. Er war mir so nah, dass ich leichte Sommersprossen auf seinem Nasenrücken ausmachen konnte. „Alles ist gut.“

„Ich …“ Meine Verteidigung kam mir nicht über die Lippen, schließlich wäre ich bin nicht gesprungen eine Lüge. Zwar war ich eher gekippt, aber es war mir völlig recht gewesen. Erschrocken klappte mir der Mund auf. Galt das nun als lebensmüde? War ich ein Fall für die Klapsmühle?

„Ich meine …“, haspelte ich schnell, aber mir wollte kein passender Grund einfallen, warum ich dieses Mal über die Klippe gegangen war und irgendwie erschien mir die Wahrheit, also dass mir durch den Anblick des im Wasser funkelnden Sonnenlichts schwindlig geworden war, nicht hilfreich. „Mir war schummrig“, rutschte mir trotzdem heraus. Erschrocken riss ich die Augen auf.

„Hm“, brummte er. „Leiden Sie häufig an Schwindelanfällen?“

Erst bekam ich den Mund nicht auf, meine Gedanken wirbelten durcheinander und ich wusste nicht, wie ich mich herausreden sollte. Ich wollte lügen, wollte mich schützen, aber meine Worte machten sich einfach selbstständig. „Ja, in letzter Zeit ist mir häufig komisch zumute. Schwindel. Sehstörungen …“ Ich biss mir auf die Lippe. „Ich sollte gehen.“ Dieses Mal kam ich auf die Füße, auch wenn die Welt sich um mich drehte.

„Sind Sie mit dem Wagen hier?“

Ich konnte nicht einmal mit dem Kopf schütteln, so diesig war mir. Schön, es ging mir nicht gut und ich sollte dringend einen Arzt sprechen.

„Verflixt.“ Er fing mich ab, was mir aber erst bewusst wurde, als er mich auf den Arm hob und meine Wange auf seiner Schulter zu liegen kam. „Mein Auto steht zwei Meilen entfernt und Dunvegan ist von hier aus …“

Noch viel weiter, dessen war ich mir bewusst.

„Dann die Hütte. Es sind ur ein paar Meter.“ Er wartete nicht auf meine Bestätigung, sondern stampfte los.

„Es geht gleich wieder“, wisperte ich. „Bestimmt.“

Er brummte etwas. Jeder seiner Schritte schüttelte mich durch. Trotzdem war ich enttäuscht, als eine Tür knarrte und ich die Augen öffnete. Ich starrte ins Dunkel, wusste aber instinktiv, dass dies die Hütte war, von der Vanessa mir erzählt hatte. Jene, nach der ich gesucht hatte, als ich beim letzten Mal aus den Fairy Pools gestiegen und nach Hilfe gesucht hatte. Hier wohnte eine alte Frau, ganz ohne Strom und fließend Wasser. Er trat trotzdem ein und durchquerte den kleinen Raum, um mich auf einem engen Bett abzulegen.

„Bleiben Sie liegen, ich schaue Mal, ob meine Mutter Kaffee da hat. Schokolade mag sie nicht und andere Süßigkeiten finden sich hier auch selten.“

Ich kam in die Senkrechte. „Mutter?“

Obwohl ich gegen das Licht sah, konnte ich sagen, dass er sich umdrehte.

„Ja. Gibt es ein Problem?“

Da hatte er noch mehr als angenommen mit meinem Finlay gemeinsam, sie waren beide Neandertaler. Vorsichtig legte ich mich zurück. „Nein, ich kann mir nur schwer vorstellen …“

„Hier aufzuwachsen?“ Bei Finlay hatte die knurrige Tonlage mich amüsiert, aber diesen Mann kannte ich gar nicht und ich war auch nicht in der Lage, mich zu wehren, sollte er handgreiflich werden. Der Gedanke belustigte mich und ließ mich seufzen.

„Ziemlich überheblich finden Sie nicht?“

„Stimmt.“ Über mir schwang etwas an der Decke. „Licht gibt es hier keines, oder?“

„Gedulden Sie sich.“

Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Sichtverhältnisse und ich meinte, getrocknete Blumen an der Decke erkennen zu können, und zwar nicht nur über dem Bett. Sie hingen in der ganzen Hütte von den Dachzargen.

„Warum?“

„Weil ich nicht alles auf einmal machen kann.“

Ich musste schmunzeln. Er hantierte am Ofen, hatte ihn angefacht und stellte eine eiserne Teekanne darauf ab.

„Warum lebt Ihre Mutter hier?“

„Sie ist gerne für sich.“ Seine Antwort erreichte mich von der Tür her, die er weit offen schob. Dann verschwand er nach draußen. Das Fenster neben der Tür wurde geöffnet und ließ nicht nur Sonne herein, sondern auch einen Schwall frischer Luft, die durch die aufgehängten Blumen strich. Ein Hauch Lavendel stieg mir in die Nase. Also ein antiquierter Luft-Erfrischer? Ich sah mich um. Neben dem schmalen Bett gab es einen Tisch mit zwei Hockern, einen Kamin und den Herd, der mindestens hundert Jahre auf dem Buckel hatte. Holzscheite stapelten sich an der Wand zwischen Ofen und Tür. Mir gegenüber befand sich der Tisch und dahinter ein Regal mit Geschirr, Besteck, Einmachgläsern.

Es gab zwei weitere Fenster, eines am Fußende des Bettes und eines an der Wand gegenüber der Tür. Der Wind ließ die Blätter der getrockneten Pflanzen rascheln und etwas rutschte über den dreckigen Boden. Ein Stück Papier, das er aufklaubte, als er zurück in die Hütte kam.

„Es ist nur Tee da.“

„Ich mache das Bett nass.“ Trotzdem blieb ich liegen. „Wird Ihre Mutter nicht Schwierigkeiten haben, es trocken zu bekommen?“

„Vermutlich.“

„Das tut mir leid.“

„Sie wird es verstehen.“ Porzellan klapperte. Ich sah zu ihm. Die Tasse wirkte winzig in seinen großen Händen und albern dazu. Ein bekanntes Bild, das mich beruhigte, aber auch vor Sehnsucht vergehen ließ.

„Ich wollte sie abholen. Es ist typisch für meine Mutter, dass sie einfach weg ist.“ Er kam mit zwei Tassen zu mir rüber und setzte sich auf die Bettkante. „Es gab nur die Auswahl zwischen Kräutertee aus eigenem Anbau oder Darjeeling. Der Schwarztee sollte Ihren Geist beleben.“

„Danke.“ Ich setzte mich auf, um die Tasse entgegennehmen zu können.

„Nutzen wir die Zeit doch. Was lässt Sie denken, der einzige Ausweg sei, sich von den Klippen zu werfen?“

Mein Tee schwappte, weil ich zusammenzuckte. Erschrocken sah ich zu ihm und schüttelte den Kopf. „So ist das gar nicht.“ Aber wie dann? „Ich hatte etwas verloren  meine Handtasche  und dachte …“ Toll, jetzt klang ich wie ein Volltrottel.

„Letzte Woche? Die Strömung wird sie längst mit sich gerissen haben.“

„Wahrscheinlich“, hauchte ich und senkte den Blick wieder.

„Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, dass Sie sie nicht wiederbekommen.“

Mein Hals zog sich zu. Wie sollte das funktionieren? Wie sollte ich mich daran gewöhnen, dass ein Teil von mir fehlte?

Ich blinzelte die Tränen fort, die nicht durch den Verlust meiner Handtasche heraufbeschworen wurden, sondern durch die Möglichkeit, Finlay tatsächlich für immer verloren zu haben.

„Ich weiß.“ Meine Stimme brach. Schnell senkte ich meinen Blick auf die ölig schimmernde Oberfläche meines Getränks.

„Versprechen Sie mir, es nicht wieder zu versuchen? Es ist gefährlich, von der Aussichtsplattform zu springen.“

„Ja.“ Aber ich sah es nicht als Versprechen. Ich wollte lediglich, dass das Thema ruhen gelassen wurde.

„Katharina, es ist wirklich verdammt gefährlich!“

Ich sah nur auf, weil in seinem Ton eine ungewohnte Eindringlichkeit lag. Sie spiegelte sich in seinen Augen. In Finlays Augen. Das war nicht fair!

„Ich habe verstanden.“ Ich klang dagegen völlig tonlos. Ich hätte mir nicht einmal selbst geglaubt und konnte ihm kein Vorwurf machen, dass er es nicht tat. „Es ist gefährlich und ich finde nicht wieder, was ich verloren habe. Ich habe es verstanden.“

Auch wenn ich mich weigerte, es zu glauben. Nein, es war keine Verweigerung, es war Unvermögen.

Ich schloss die bleischweren Lider. „Ich bin erschöpft, das war alles. Mein Kreislauf versagte und ich war einfach zu nah …“

„Hm“, brummte er nach langen Augenblicken des Schweigens. „Ich bringe Sie nach Dunvegan, sobald Sie sich etwas erholt haben.“

„Danke.“ Mehr blieb nicht zu sagen und so schlürften wir unseren Tee in absoluter Stille.

„Ich dimme das Feuer und schließe die Läden“, brummte er, nach einer Weile und nahm mir meine leere Tasse ab. „Bleiben Sie ruhig sitzen.“

„Warten wir nicht auf Ihre Mutter?“ Zugegeben, ich war neugierig. Laut Vanessa war sie eine alte verschrobene Frau, aber ihr Sohn konnte nicht älter sein als dreißig.

„Nein.“

„Dann wären Sie ganz umsonst hergekommen.“

„Was nicht das erste Mal wäre.“ Er verschwand aus der Tür.

„Waren Sie letztens auch hier, um Ihre Mutter zu besuchen?“ Welch Zufall, dass wir zwei Mal aus dem gleichen Grund zusammenstießen und das mitten im Nirgendwo.

„Nein. Ich habe einer Reisegruppe die Fairy Pools gezeigt. Jetzt sind sie gesperrt.“

Das Fenster neben der Tür wurde verriegelt und ich hörte ihn um das Haus herumkommen. „Der Ansturm war auch nicht mehr lustig.“

„Fand Ihre Mutter?“

Beim nächsten Fenster klappten die Laden zu. „Fand ich. Bei einer bloßen Absperrung mit Kordeln war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas passierte.“

„Warum gibt es nur Kordeln?“

Als er die letzten Fensterläden zuklappte, saß ich im Dunkeln. Ich rutschte aus dem Bett und blieb auf der Kante sitzen.

„Es hat niemand mit so vielen Touristen gerechnet, nehme ich mal an.“ Er zuckte die Achseln, als er durch die Tür kam. „Sind Sie so weit?“

„Ja.“

Er zog die Tür hinter mir zu. Die Sonne blendete mich, also hob ich die Hand, um sie zu blocken. Der Pool lag vor mir, der Fluss plätscherte an uns vorbei. Das Wasser hatte eine ungewöhnliche Färbung, es schillerte pink und Türkis und über dem Wasserfall hing ein Regenbogen, auch wenn er nur sehr schemenhaft zu erkennen war.

Irgendwie konnte ich verstehen, warum man hierher zog, nur ein kurzer Blick auf diese malerische Natur und der Sturm in mir legte sich.

„Kommen Sie.“

Obwohl ich gar nicht wollte, setzte ich mich in Bewegung und folgte ihm in Richtung des Wasserfalls.

„Wir werden nicht klettern, oder?“, fragte ich resigniert, ich war an genügend schottischen Felsen herumgekraxelt für den Rest meines Lebens.

„Ein wenig. Der Weg um den Berg herum ist eine Wanderung von mehreren Stunden, wenn wir meine Abkürzung nehmen, sind wir in zwanzig Minuten bei meinem Wagen.“

Nur sah ich keine moderate Abkürzung, sondern lediglich Felsen.

„Ich helfe Ihnen. Es sieht schwieriger aus, als es ist.“

Mir blieb nur zu seufzen. Die erste Hürde nahm ich selbstständig, auch wenn der Felsvorsprung ziemlich hoch lag. Trotzdem spürte ich seine Hände über mir schweben und sah über die Schulter zurück.

„Keine Sorge, ich fange Sie ab, sollten Sie abrutschen.“

Noch ein Seufzer und ich kletterte weiter. Es konnte noch zu einem Hobby werden, denn wenn ich nicht nach unten sah, sondern nach oben, weckte es einen gewissen Ehrgeiz. Hoch kam ich recht gut, aber als es runter ging, drückte ich mich gegen den Fels und schloss die Augen. Mein Herz schlug gegen meine Rippen und pumpte das Adrenalin nur so durch meine Adern. Es half nicht, Ruhe zu bewahren.

„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, versicherte er, wobei er sich an mir vorbeischob und den ersten Schritt unternahm. Er hielt mir die Hände entgegen.

„Kommen Sie. Es ist sicher.“

Das Dumme war, dass ich es ihm glaubte, und zwar bloß, weil ich ihm in die Augen sah. Ich glitt in seine Arme.

„Hoppla“, murmelte er, nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Sein Atem streifte meine Wange und sandte einen süßen Schauer über meinen Rücken.

Dummerweise konnte ich nicht einmal ausweichen und musste mit meiner Reaktion auf seine Nähe leben. Und damit, dass es ihm auffiel.

„Bieten Sie auch Kletterexkursionen an oder nur Sightseeing?“ Meine Stimme schwankte, obwohl ich bemüht war, gleichgültig und sicher zu klingen. Peinlich, dass jedes Quäntchen von mir mich so im Stich ließ.

„Womöglich eine Marktlücke“, murmelte er noch immer ganz nah bei mir. „Kletterpartien anstatt bloßes Ablaufen der Sehenswürdigkeiten. Ich sehe schon Horden von McDermitt-Fans über die Fairy Pools klettern.“

„Warum nicht?“

„Erwähnte ich, dass meine Mutter sich hierher zurückzieht, um allein zu sein?“ Endlich rückte er von mir ab und kletterte eine Etage tiefer, nur um mir wieder die Hände hinzuhalten. Das würde ein sehr langer Abstieg werden, wenn ich ihm jedes Mal so nahe kommen musste. Natürlich nur, weil ich Schwierigkeiten hatte, nicht Finlay in ihm zu sehen. Ich war nicht scharf auf ihn. Ich sehnte mich einzig nach Finlay und er hatte eine so erdrückende Ähnlichkeit mit ihm, dass mein Körper auf ihn reagierte.

Dumm.

„Ähm, ja.“

„Ganz abgesehen davon, dass es bessere Orte für Kletterpartien gibt.“

„Hm. Weit weg nehme ich an.“

Er lachte leise. „Ja und Nein.“

„Was ist so außergewöhnlich an diesem Platz, dass er so überlaufen ist? Ich meine, die Aussicht ist nett, aber … Es ist nicht der Eiffelturm oder die Freiheitsstatue und doch hatte ich Angst gehabt, von dem Menschenandrang erdrückt zu werden.“

Erneut musste ich seine Hilfe in Anspruch nehmen und sah zu ihm auf. Ein leichtes Runzeln lag auf seiner Stirn. Hatte ich ihn mit meiner Ignoranz verärgert?

„Warum waren Sie dort?“

Ich hasste es, wenn man auf eine Frage mit einer Gegenfrage antwortete. Es war frustrierend und ich fand es nicht nett, schließlich war ich gezwungen erneut zu fragen.

„Wegen meiner Schwester. Also? Was ist so besonders?“

„Hat sie Ihnen keinen Grund genannt, warum sie die Fairy Pools besichtigen müssen?“

Schon wieder!

„Wegen der Aussicht.“ Aber das war nur die halbe Geschichte. „Ach, und sie wollte mir zeigen, wo ihre Schwiegermutter sie bei der Beerdigung des Dukes ausgesetzt hatte, damit sie sich verlief und Ian glaubte, sie hätte ihn verlassen.“

Seine Augen wurden groß. „Wow, das passt zu ihr.“

„Sie kennen die Duchess …?“, setzte ich irritiert an.

„Nur vom Hören.“ Er wandte sich ab und rutschte die nächsten Felsen hinunter. Ich sah ihm nach, bis er aufblickte. „Kommen Sie.“

Ich hatte noch immer keine Antwort bekommen. „Warum sollte man unbedingt die Fairy Pools besichtigen, wenn man auf Skye ist?“, fragte ich also erneut, ohne mich vom Fleck zu rühren. Er musste mich hier schon stehenlassen, wenn er mir die Antwort weiterhin schuldig bleiben wollte.

„Wegen des Ausblicks.“

„Und der Mythen vermutlich. Kommen Sie.“

„Wie bitte?“ „Catriona McDermitt hat mit ihrem Roman die alten Mythen angeheizt, die sich um die Fairy Pools ranken. Nun glaubt die halbe Welt, es gäbe hier tatsächlich Feen, die Wünsche erfüllen.“ Er verdrehte die Augen. „Obwohl es streng verboten ist, werden trotzdem Münzen in den Wasserfall geworfen. Das wiederum zieht Glücksritter an, die das Geld herausholen wollen und denen es egal ist, dass sie mit ihren Landrovern die Natur zerstören.“

„Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich jemand wünscht, dass es aufhört“, grummelte ich, als ich mich auf den Po setzte und den Fels hinunterrutschte, bis ich bei ihm angelangte.

„Das sagte ich meiner Mutter auch und als Nächstes muss ich in den Pool springen, um unvernünftige Damen herauszufischen. Zweimal.“

Ich schnaubte und kletterte weiter. „Meine Schwester versucht seit zwanzig Jahren mir ein schlechtes Gewissen einzureden, glauben Sie, da werden Sie eher Erfolg haben?“

„Was stellen Sie sonst noch an, dass Ihre Schwester so auf Sie einwirken muss?“ Er folgte mir auf dem Fuß.

„Oh, die Liste ist lang: Ich bin keine gute Tochter, keine gute Schwester, keine gute Schülerin und so weiter.“ Wobei Vanessa in vielen Punkten recht hatte, das wollte ich gar nicht leugnen.

„Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf? Ich hatte nicht das Gefühl, es mit einem Schulkind zu tun zu haben.“

Ich sah zu ihm zurück. Wenn es als Kompliment gedacht war, musste er an sich arbeiten, denn es war sehr doppeldeutig.

„Ich studiere. Ich bin auch keine gute Studentin.“ Wie alt ich war, verriet ich ihm nicht.

„Und was studieren Sie?“

Ihn störte mein Ausweichen bedeutend weniger, als mich seines zuvor genervt hatte. Er kletterte weiter und erreichte meine Position.

„Rechtswissenschaften.“ Aber es fühlte sich falsch an. Völlig falsch. Mein Studium gefiel mir schon lange nicht mehr. Ich runzelte die Stirn und warf einen Blick nach unten. Es war noch ein Stück. „Sagten Sie nicht, wir wären in zwanzig Minuten an Ihrem Auto?“ Da war er sehr optimistisch gewesen, oder ich einfach schrecklich langsam.

„Wir sind gleich da. Ich hätte in Ihnen keine Anwältin gesehen, oder beabsichtigen Sie, zu unterrichten?“

„Weder noch“, gestand ich ein. Es auszusprechen war, wie zu einer Entscheidung zu gelangen. „Ich lasse das Studium sausen.“ Vanessa wäre hellauf begeistert  natürlich nicht!

„Um was zu tun?“

„Weiß nicht.“ Aber die Frage war gut. Wie sollte es mit mir weitergehen? Was wollte ich?

Die Frage beantwortete mein Herz mit einem schmerzlichen Aufschrei: Finlay!

Ich musste mich räuspern und schnell weiterklettern, um mich abzulenken.

„Also, Feen erfüllen hier Wünsche, wenn man Geld ins Wasser wirft?“

Er stöhnte hinter mir. „Das ist dummes Gewäsch, Katharina, warum sollten Feen sich für unsere egoistische Wünsche interessieren oder für unser Geld?“

Gute Frage.

„Aber wie kommen die Leute dann darauf?“

„Catriona McDermitts Roman“, rief er mir ins Gedächtnis. „Es ist so etwas wie eine Anleitung zur Kommunikation mit dem Feenreich.“ Er klang genervt. „Vermutlich war es nett gemeint, aber ich wünschte, sie konzentrierte sich mit ihren Geschichten auf ihre eigene Heimat.“

„Dann gehört diese Catriona McDermitt nicht zu den hier ansässigen McDermitts?“ Zu denen meine Schwester nun zählte.

„Doch, sie ist die Schwester von Ian und Lachlan“, murrte er. „Aber sie lebt nicht hier, sondern in Inverness. Soll sie doch ihre eigene Burg zum mystischen Ort erklären und ihre Fans dann ihren Vorgarten niedertrampeln.“

 

Ich musste lachen. „Schon mal drüber nachgedacht …?“

„Die Feen darum zu bitten?“, übernahm er die zweite Hälfte meines Satzes. Seine Lippen bogen sich. „Was wäre, wenn der Preis keine Münzen sind, sondern etwas Persönlicheres?“

„Das Erstgeborene?“, schlug ich lachend vor. Ich kannte Geschichten von Wesen, die ihre Kinder gegen die von Menschen austauschten, war mir aber nicht sicher, ob es sich dabei um Feen handelte.

„Zum Beispiel.“

Glaubte er daran? Wieder sah ich zu ihm zurück.

„Vermutlich eine Frage der Relation. Vanessa hätte gerne Kinder, wenn der Preis eines davon wäre …“ Ich wiegte den Kopf. „Besser, als gar keine zu haben.“

„Finden Sie?“

„Sie nicht?“ Das letzte Stück lag vor mir und ich suchte nach einer Spalte, in der ich meinen Fuß setzen konnte, um nicht einen ganzen Meter herab springen zu müssen.

„Nein.“ Er kam an mir vorbei und ließ sich fallen. Er kam geschmeidig auf und drehte sich, um mir die Arme entgegenzustrecken. „Kommen Sie, ich fange Sie auf.“

Der Wind spielte mit einer seiner Haarsträhnen, auch wenn sie zu kurz waren, um in sein Gesicht zu fallen.

„Ich lasse Sie nicht fallen.“

Das war es nicht, was mich zurückhielt. Ich hatte nur das Gefühl, das meine Zeit auslief. Wenn ich sprang, war ich in wenigen Minuten beim Auto und erst einmal auf der Burg gab es keinen Grund mehr für ihn, mir Gesellschaft zu leisten. Albern. Er war nicht Finlay.