Leseprobe Speck zu Gold

Prolog

»Du wirst sie mit deinem Busenshake k.o. tanzen, Baby, viel Spaß!« Ich nicke Nadine zu und gehe entlang des schwarzen Stoffes der Vorhanggasse, bis ich einen Teil der erleuchteten Rampe sehe. Es riecht nach Parfüm, Puder und Talkum.

Ingrid rauscht an mir vorbei in den Backstagebereich. Sie blickt starr auf den Boden. Die Umbaumusik ist zu laut, um sich unterhalten zu können, aber an ihrem halb abgewandten Gesicht kann ich ablesen, dass an ihrer perfekten Nummer irgendetwas gehakt hat. Vermutlich Öse Numero drei.

Die Nächste auf der Bühne bin ich. Als ich ins Freie trete und mich das Scheinwerferlicht überflutet, stellt sich eine unglaubliche Ruhe ein. Das Licht umfließt mich wie Wasser und verwandelt meinen Körper, meinen Atem und meine Seele in einen wendigen Fisch. Die Blicke des Publikums vermengen sich mit dem gleißenden Hell.

Ich beherrsche meinen Körper.

Ich beherrsche das Geschehen.

Alles was hinter mir liegt, ist vergessen.

Kapitel 1

Man nennt mich Ulla, Urs oder Ulli. Je nachdem, wer mich gerade anspricht. Mein vollständiger Name lautet Ursula Maschke. Im Moment jedoch bin ich Schwester Uschi, trage einen lindgrünen Kittel und lächle, obwohl ich vor Wut platzen könnte. Es ist Mittagszeit im Seniorenheim Colette.

»Der Pudding gehört aber dem Herrn Kahl!«

Ungehalten lasse ich meine rechte Hand ein paar Sekunden lang über der Süßspeise des Siebenundachtzigjährigen schweben. Dann knallt sie auf die Tischplatte. Das dritte Mal bereits. Völlig kontraproduktiv, denn Frau Penkwitz hat ihr Hörgerät abgeschaltet. Stattdessen fährt Herr Kahl zusammen, beginnt zu zittern und wird die nächsten zehn Minuten nicht mehr in der Lage sein, einen Löffel anzufassen. Gegenüber am Tisch weist Herr Domke Frau Schneider zurecht. Sie streiten schon eine ganze Weile, und zu allem Überfluss steht in der Mitte der langen Tafel ein Glas Organgensaft in einer riesigen Pfütze.

»Wie ist das denn passiert?«, frage ich schrill.

»Frau Schneider war das!«, erwidert Herr Domke und lehnt sich selbstgefällig zurück.

Frau Schneider schließt ihre Augen, faltet die Hände im Schoß zusammen und erklärt ungerührt: »Das will ich gar nicht wissen!« Eine kleine Weile herrscht eisiges Schweigen. Dann stößt Frau Schneider mit kräftigen Tippelschritten ihren Stuhl zurück, hebt die Beine an und legt die winzigen Füße auf ihren Rollator.

»Wir sind bei Tisch! Ich will das nicht sehen!«, empört sich Herr Domke.

»Ich aber!«, erwidert Frau Schneider.

Und nun haut Herr Domke mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Für Herrn Kahl ist jetzt alles zu spät. Sein Gesicht läuft hochrot an und er scheint eine Atemblockade zu bekommen.

»Reißen Sie sich bitte zusammen«, raunze ich Herrn Domke an. »So schlimm ist das doch nun auch nicht!«
Wortlos erhebt sich der alte Herr, greift nach seinem Gehstock und verlässt uns; mit in die Luft gestrecktem Kinn, zusammengekniffenen Lippen und einem Türknallen.

Mist, Mist, Mist!, fluche ich innerlich. Reiß dich doch selbst zusammen, Ursula!

Wie so oft in der letzten Zeit habe ich vergessen, meine Ungeduld im Umkleideraum zu lassen. Ebenso meine Herrschsucht, mein allzu großes Mitleid, meine Launenhaftigkeit und den Satz: »Ich will nicht mehr!«

All das und noch einiges andere hat selbstredend im hinteren Trakt dieses Hauses zu bleiben, bis schließlich nur noch ein blankes, asexuelles Wesen übrigbleibt: ich, Schwester Uschi. Ein Geschöpf, das, in lindgrüne Baumwolle gekleidet, den Korridor betritt und für acht Stunden zur kompletten Hingabe fähig ist. Ein Wesen, das sich in der Lage sieht, ein Dutzend Menschen jenseits der Siebzig zu wecken, zu waschen, zu nähren, erneut zu waschen, auszufahren, weitere dreimal zu nähren, wieder zu waschen und abschließend ins Bett zu befördern. Toilettengänge inbegriffen. Meist bin ich bereits beim Eintreffen in Hektik, vergesse wichtige Teile von mir im Personalraum abzulegen und schleppe sie weiter mit mir herum. Wie meine Ungeduld jetzt. Fazit? Es dauert noch länger, denn ehe Herr Kahl wieder in der Lage sein wird, einen Bissen zu sich zu nehmen, ist die Mittagsruhe vorbei. Im Moment stehe ich vor der Entscheidung, den alten Mann aufessen oder ausschlafen zu lassen. Der Zwiespalt zerreißt mich fast, denn dies ist eine ganz unpopuläre Entscheidung, die meinen Disziplin-Akku gefährlich anzapfen wird. Kurzentschlossen schnappe ich mir den Rollstuhl mit Frau Penkwitz, lasse Herrn Kahl am Tisch zurück und schiebe das »Entweder-Oder« noch ein wenig vor mir her.

»Pia! Lissy!«, töne ich in den Korridor, aber es hallt zurück, ohne dass sich jemand meldet. Unsere beiden Auszubildenden sind nirgends zu entdecken. Hatten wir nicht gestern erst vereinbart, dass sie ihre Mittagspause erst dann machen dürfen, wenn der Tisch abgeräumt und das Geschirr im Spüler verstaut ist? Ungehalten fahre ich den Rollstuhl mit Frau Penkwitz den Gang entlang. Er eiert. Luftmangel im linken Reifen! Später werde ich ihn aufpumpen, nehme ich mir vor und hoffe, dass es im Mittagsraum ein paar Minuten friedlich bleibt. Pia und Lissy haben keine Ahnung davon, wie schnell sich harmlose Dinge in Waffen oder Spielzeuge verwandeln können. Wenn im Gehirn durch Alterungsprozesse erst einmal die Schranken fallen, bricht die lebenslang eingesperrte Kreativität ungehindert aus wie ein Kind. Würde ich den Zeitdruck ignorieren, könnte ich mich sicher daran erfreuen, wie mit erkalteten Spaghetti und zwei Löffelstielen Strickversuche unternommen werden.

Kann ich aber nicht.

Hier im Seniorenheim Colette herrscht Kronos, der strenge Zeitgott. Als Reliefbild hängt er unter der Uhr im Stationszimmer und gibt so ziemlich alles vor: wann es Zeit ist zu erwachen, wann man zu singen, zu malen, zu schlafen und Gymnastik auszuüben hat.

Ich würde mich bestimmt nicht für griechische Götter interessieren, wenn meine Oma mir nicht ständig von ihnen erzählt hätte. Als Kind gruselte ich mich, wenn sie davon sprach, dass Kronos sogar seine eigenen Kinder fraß. Heute ahne ich, was sie eigentlich damit meinte. Mein Blick auf die Uhr bestätigt es. Fünfzehn Minuten hinter dem Plan. Frau Penkwitz ist inzwischen in ihrem Rollstuhl eingeschlafen. Ich hetze durch den Gang. Die schwarzen Zeiger sind Schlagstöcke. Sie treiben mich an, verfolgen mich. Nach Feierabend fühle ich mich jedes Mal, als hätte mich auch jemand gefressen und zu Hause wieder ausgespuckt.

Das hat Kronos übrigens auch getan: seine eigenen Kinder erbrochen. Meine Oma sprach gern von den verrückten Göttern des Olymps. Aber nicht alle führten sich so auf wie der Zeitgott. Ich liebte Kairos, den Gott des günstigen Zeitpunktes, obwohl ich als Kind noch nicht genau wusste, was mit günstig gemeint war. Auf den Abbildungen, die meine Oma mir zeigte, sah er einfach viel netter und entspannter aus. Sogar hier im Colette weiß inzwischen jede von uns, wie viel Zeit wir einsparen könnten, wenn wir endlich auf Kronos pfeifen und stattdessen auf Kairos setzen würden; wenn ich Herrn Kahl einfach drei Stunden essen und Frau Penkwitz einmal ausschlafen lassen dürfte. Ich hetze weiter.

Punkt acht. Feierabend. Kraftlos sinke ich auf die schmale Bank in der Umkleide. Ständig muss ich gegen den Willen der Bewohner anarbeiten. Ich kann nicht mehr. Mein Disziplin-Akku hat den Dienst bereits vor anderthalb Stunden quittiert und ihn an das Notstromaggregat im Keller meiner Seele abgegeben. Dieser Akku hatte nichts gegen eine Tafel Kokosschokolade, denn schließlich dient das der Basisversorgung. Als ich endlich umgezogen bin und nach meinem Fahrradschlüssel suche, zupft mich zaghaft jemand von hinten am Ärmel.

Pia.

»T’schuldigung, können Sie ganz kurz zu Herrn Wiechmann reingehen?« Ihre Stimme fleht und ihr Blick schwimmt wie ein dünner Zitteraal durch mich hindurch. Sofort bin ich elektrisiert. »Doro ist doch jetzt da oder etwa nicht?«, erwidere ich barsch.

Eine rein rhetorische Frage, denn Doro und ich haben unsere Dienstübergabe vor fünf Minuten im Telegrammstil absolviert.

»Ja, aber …« Pia läuft puterrot an, senkt den Kopf und schüttet ihre dünnen Zitteraale auf dem Fußboden aus. Als sie wieder zu mir aufschaut, blicke ich schleunigst zur Seite.

»Schwester Dorothea sagt, ich soll mich nicht so anstellen. Das gehört auch dazu. Ich müsse das lernen.«

»Da hat sie nicht ganz Unrecht.«

»Herr Wiechmann ist aber schwierig.«

»Ich weiß«, brumme ich.

Pia hat recht. Herr Wiechmann ist eine männliche Diva. Ich mag ihn sehr. Er ist lustig, launisch und vor allen Dingen noch höchst lebendig. Im Heim Colette wohnt er, weil er eine leichte Form der Demenz hat, die sich in Schüben verstärkt.

»Er will Sex.«

Auch das ist mir bekannt. Seine Vitalität schließt das nun mal mit ein. Innerlich verfluche ich Doro, weil sie Pia mit ihm allein lässt und seufze.

»Er redet nur davon Pia, hab keine Angst. Er kann es nicht mehr.« Jetzt weint sie fast. Innerlich fluche ich noch mehr. Dorothea! – Aber was will ich erwarten von einer Frau, deren Name »Gottesgeschenk« bedeutet und die den ersten Teil ihres Namens so ernst nimmt, dass ich immer noch nicht glauben kann, jemanden mit so einer fraglosen Frömmigkeit zu kennen. Die Vokabel »Sex« kommt in Doros Wortschatz einfach nicht vor. Das Farbspektrum ihres Liebeslebens ist unvollständig. In Doros Regenbogen fehlt die Farbe Rot, genau wie in ihrem Gesicht. Begibt sich Schwester Doro zu Herrn Wiechmann, überhört sie beflissen seine Avancen. Sie sind für Doro einfach nicht existent. Unter ihrer Oberfläche aber brodelt es. Ich bin mir ganz sicher und es ist ein deutliches Zeichen, dass Pia mit ihrer Bitte diese kühle Oberfläche durchdrungen hat. Wenn Schwester Doro schon sagt: »Das gehört auch dazu«, hat sie zumindest den Umstand benannt, dass es das, was immer auch damit gemeint sei, tatsächlich gibt.

»Gut, Mädel. Hör auf zu heulen. Ich mach’s. Geh, räum solange die Spülmaschine aus.«

»Danke«, haucht Pia. Noch eine Spur röter im Gesicht, huscht das Mädchen aus der Personalumkleide hinaus und ich höre ihre leichten, flüchtigen Schritte auf dem versiegelten Korkparkett. Seufzend werfe ich mir den lindgrünen Kittel über und begebe mich in die Höhle des alten Löwen.

»Herr Wiechmann, ich ziehe Sie jetzt aus und dann gehen wir ins Bett.« Herr Wiechmann freut sich. Ich freue mich auch. Auf komplikationslose zehn Minuten und den wohlverdienten Feierabend. »Das Hemd schaffen Sie ja problemlos alleine. Bei der Hose schau ich noch mal rein.« Mit diesen Worten gehe ich zurück auf den Flur und von dort aus in unser Kabuff, um die zweite Hälfte meiner Kokosschokolade zu verputzen. Kakaobefriedigt schlendere ich nach einigen Minuten zurück. Herr Wiechmann erschien mir, entgegen Pias Aussage, überraschend ausgeglichen und ihre Furcht völlig unangemessen. Reine Vorpanik. Doch kaum, dass ich das Zimmer betrete, sehe ich: Der alte Charmeur hat heute wieder »seinen Tag«. Was mich empfängt, ist ein entrückter Blick, elektrisiertes Haar und ein greises Strahlen, während seine Handinnenflächen UFO-Landung auf den Brustwarzen spielen.

Bitte nicht, denke ich leise aufstöhnend. Das hier kann dauern, sagt meine Erfahrung. Unmutig werfe ich wieder die Schwester Uschi in mir an, lächle freundlich und befehle sanft: »Die Hose, Herr Wiechmann, ziehen Sie doch bitte noch die Hose aus.«

»Ja«, erwidert er.

»Ich lasse Sie jetzt allein. Wenn Sie dann fertig sind, komme ich wieder.« Meine Stimme ist weich aber bestimmt.

Sein Keuchen lässt den ersehnten Feierabend in eine weite Ferne rücken. Ich schließe die Tür und warte. Damit wäre Pia wohl doch überfordert gewesen. Es ist bereits zwanzig Uhr fünfzehn und ich rechne: Zwölf Minuten reichen im Durchschnitt, plus fünf – Herr Wiechmann ist fast neunzig. Ich werde also bis zwanzig Uhr dreißig warten. Im Flur ist es still und Pia längst unterwegs. Es zieht. Ich begebe mich in die Garderobe, trete ein, schließe die Tür hinter mir und lehne mich an meinen Spind. Der alte Mann tut mir leid. Es ist immer vertrackt, Zeugin von etwas zu werden, das nicht für meine Augen bestimmt ist. Aber Herr Wiechmann hat offenbar das Kapitel »Scham« für sich abgeschlossen. Glücklich ist, wer vergisst. Nur, dass ich nicht vergessen kann. Die überraschende Einsicht in die intimsten Verrichtungen dieses Herren machen aus mir, einer gestandenen Mittvierzigerin, jedes Mal aufs Neue ein verzagtes Wesen, das seine Tränen bekämpfen muss, weil das Ende eines Lebens doch nicht so wie in Zimmer 14 aussehen darf.

Zwanzig Uhr dreißig. Ich verlasse die Umkleide abermals, gehe zu seiner Tür und klopfe zaghaft. Nichts. Ich öffne die Tür und trete ein. Es ist still. Kein Geräusch, kein Atmen. Herr Wiechmann strahlt. Dieses Mal ohne Hose, eine Handvoll zu tun, zielgerichtet auf die Tür, in der ich stehe. Ich wende mich ab, drücke die Anwesenheitsleuchte wieder aus und gleite ein drittes Mal auf den Flur. Doro läuft geschäftig an mir vorbei. Ihr Blick ist ein gestärktes Laken. Sie fragt mich gar nicht, was ich immer noch hier treibe.

Zwanzig Uhr achtunddreißig: Gummibehandschuht und eine Küchentuchrolle unter dem Arm trete ich ein. Wieder Stille. Sein resigniertes Lächeln. Kein Fleck. Nirgends. Nicht auf dem Boden. Nicht an der Tür.

»Ich bringe Sie jetzt ins Bett, Sie sind müde«, seufze ich erleichtert. Mein Tonfall ist brüchig und sein Blick zerrt an mir wie zehn bettelnde Kinder.

»Können Sie es nicht einmal versuchen?«, fragt er leise.

»Ohne Gebiss kann ich Sie nicht verstehen. Was möchten Sie mir sagen?«, frage ich zaghaft, obwohl ich die Antwort kenne.

Er deutet auf seinen Schwanz. Ich erstarre kurz, obwohl es nicht das erste Mal ist, dass er mich darum bittet.

»Nein, Herr Wiechmann«, sage ich ebenso leise zu ihm, »das müssen Sie schon selber tun.«

Zwanzig bettelnde Kinder in seinen Augen.

»Er wird aber nicht steif.« Tonlos formen seine Lippen diese Worte.

»Ich habe jetzt Feierabend«, erkläre ich schnell, bevor mich die Sentimentalität überwältigt und verschließe die Klebestreifen der Windel über seinen Lenden. Mit einem tapferen Lächeln drücke ich den großen, traurigen Mann in das viel zu kleine Bett.

Zwanzig Minuten später trete ich noch immer wie wild in die Pedalen meines Rades. Der frische Wind tut mir gut. Während die Bäume des Stadtwaldes an mir vorüberflitzen und vom feuchten Boden die würzigen Düfte von Brennnessel und Löwenzahn aufsteigen, denke ich, dass es vielleicht Gregor Wiechmanns letzter Sommer ist. Für ihn gibt es nichts mehr zu verlieren.

Je tiefer ich in den Wald radele, umso mehr duftet die Erde. Ich bremse und steige ab. Das gleichmäßige Gehen beruhigt mich. Meine Hände auf dem Lenker des alten Hollandrades, schlendere ich den Weg entlang. Mein Rad ist mir so vertraut, als schöbe ich einen uralten Gefährten neben mir her. Die untergehende Sonne glüht in schmalen Streifen zwischen den Bäumen. An der nächsten Gabelung biege ich rechts ab. Das Glühen wird langsam dunkelrot, fast purpur, und während ich schaue, joggen drei Frauen an mir vorbei. Es duftet stärker. Ich kann nicht unterscheiden, ob es der Geruch der Linden oder der Duft ihrer Deos ist. In diesem Moment bleibe ich stehen. Das Licht verschwindet hinter den Stämmen der Bäume und löscht die Silhouetten der Äste. Ihre Schattenumrisse vermischen sich langsam mit der aufkommenden Dunkelheit und entgleiten meinem Blick.

Wie viele Sommer bleiben mir wohl noch?