Leseprobe Santa in Love

Kapitel 1 – Santa liebt dich

„Und bitte sehr, Frau Schmidt, Ihre Briefmarken.“

„Danke, Elly, du bist ein Schatz. Unsere eifrige, weihnachtliche Post-Elfe. Fehlt nur noch die rote Mütze!“

Konzentriert brachte Noelle ihre Mundwinkel dazu, sich ein Stück zu heben. Das hatte sie am Morgen noch vor dem Spiegel geübt. Vorsichtshalber. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Frau Schmidt.“

„Oh, den werde ich haben! Erst werde ich mit meinen Neffen Weihnachtskarten schreiben und dann machen wir den Weihnachtsmarkt unsicher. Punsch für die Kleinen, der Schuss für mich.“ Frau Schmidt lachte herzlich und winkte dann mit den soeben erstandenen Briefmarken. Die darauf abgebildeten Schneemänner grinsten höhnisch zu Elly hinüber. „Fröhliche Weihnachten!“

„Gleichfalls“, gab Elly zurück, lächelte weiter – und atmete erleichtert auf, als die Tür endlich zufiel. Ihr Blick wanderte an dem bis zur Decke reichenden, rot funkelnd geschmückten Weihnachtsbaum vorbei zu den aufgesprühten und schon wieder abblätternden Schneeflocken am Fenster, über den von der Decke hängenden Adventskranz, dessen drei brennende dicke Kerzen schon einen beachtlichen Haufen Wachs an den Boden verloren hatten, bis zu dem kleinen Kalender neben der Eingangstür. Der rote Kreis umrahmte die Achtzehn. Missmutig starrte Elly die zwei verräterischen Ziffern an. Warum konnte jetzt keine gute Fee auftauchen? Oder Hermine Granger? Hauptsache, irgendjemand brachte sie sieben Tage in die Zukunft. Dann wäre der ganze Mist endlich wieder vorbei.

Die rot leuchtenden Ziffern des Radios, das neben dem Kalender an der Wand hing, zeigten ihr, dass sie die Post in fünfzehn Minuten schließen konnte. Gott sei Dank.

Seufzend kam Elly hinter der Verkaufstheke hervor und schloss das angrenzende Lager auf. Wie immer war es teuflisch kalt hier hinten, ihren Chef interessierte die nicht richtig schließende Hintertür seit Jahren nicht. Warum auch? Immerhin fror sie sich hier sechs Tage die Woche den Allerwertesten ab, sobald die Temperaturen die Zehn auf dem Thermometer nur noch sehnsüchtig von unten anhimmelten – und nicht er.

Fröstelnd schlang Elly die Arme um den Körper, während sie an den Regalen entlangging. Päckchen und Pakete stapelten sich hier, bereit zur morgigen Abholung und allesamt versehen mit weihnachtlichen Aufklebern. Die gab es seit letztem Jahr kostenlos dazu, wenn man bei ihr ein Weihnachtsgeschenk verschickte. Merry Christmas oder Santa liebt dich stand auf den meisten von ihnen. Pah, Santa sollte sich um seinen eigenen Kram kümmern.

Am Ende des Lagers angekommen ergriff Noelle die Stange des hintersten Regals und zog es ein Stück nach vorn. Dahinter kam der alte Seesack ihres Vaters zum Vorschein, den sie hier vor drei Jahren zum ersten Mal platziert hatte. Sie zog ihn hervor und warf einen prüfenden Blick auf die darin liegenden Briefe. Etwa siebenhundert dürften es heute gewesen sein, eine fast schon verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu den Montagen. Am Wochenende nahmen sich die meisten Eltern für die Wünsche ihrer Kinder mehr Zeit.

Kurz verharrte Noelles Finger nachdenklich, ja fast schon ein wenig wehmütig, auf den obersten Briefen. Weihnachtliche Familienzeit …

Die im Vorraum ertönende Türklingel ließ sie hochschrecken.

„Hallo? Ist noch jemand da?“

Schnell hievte sie den Seesack in die Mitte des Raumes. „Ich komme sofort!“ Mit geübten Handgriffen zog sie die in den Stoff eingenähte Leine zusammen und wand sie einmal um den wertvollen Inhalt. Dann schob sie das Regal an seinen Platz zurück und zog den Sack bis hinter die Tür.

„Guten Abend. Was kann ich für Sie tun, Herr Markt?“ Von den 523 Einwohnern Himmelpforts musste natürlich ausgerechnet einer der absoluten Weihnachtsfanatiker um diese Zeit hier auftauchen … Gut, zugegeben, die Chance, im Dezember auch nur eine Stunde lang mal nicht auf so jemanden zu treffen, war in Himmelpfort verschwindend gering. Es sei denn, man schloss sich zu Hause ein. Was genau genommen genau das war, was sie heute noch tun wollte. Einfach nach Hause, endlich ins Bett und ein weiteres Vierundzwanzigstel der grässlichsten Zeit des Jahres abhaken können.

„Fröhliche Weihnachten, Elly!“

Wenn sie diese Worte auch nur noch einmal zu hören bekam, würde hier heute eine Person weniger die Post verlassen.

„Was hätten Sie denn gern? Ich wollte eigentlich gleich zumachen“, erwiderte sie und klang dabei hoffentlich so freundlich, wie sie es sich vorstellte. Leider fiel ihr Blick in diesem Moment auf die Unmengen an Tannennadeln, die dieser verdammte Weihnachtsbaum auch heute wieder verloren hatte. Das war ihrem lieben Chef natürlich ebenfalls egal, die weihnachtliche Stimmung musste ja gewahrt werden. Elly macht das schon, Elly räumt den ganzen unsinnigen Mist weg und rettet damit vielleicht dem nächsten Kunden das Leben, der sonst – wie sie heute Morgen – auf dem elenden Grünzeug ausrutschen würde!

„Also, Elly, Sie kennen doch meine beiden Enkel. Tim und Tom haben am ersten Weihnachtsfeiertag Geburtstag, sechs werden die Kleinen dieses Jahr schon, ist das zu fassen?“

„Überhaupt nicht.“

„Ganz meine Meinung! Und wissen Sie, im letzten Jahr, da habe ich den Jungs ein Winterwunderland in unserem Garten gebaut, das war ein Anblick, das sag ich Ihnen. Rudolph hat den Schlitten gezogen, sogar einen Frosty hatten wir, obwohl man den hierzulande ja kaum kennt. Tim war ganz …“

„Entschuldigen Sie, Herr Markt, aber ich muss den Laden wirklich gleich schließen.“ Oder eher dieses elende Weihnachts-Gerede unterbrechen, bevor sie dem Drang, den blöden nadelnden Baum umzuwerfen, noch im Beisein des Kunden nachgab.

„Oh, aber Elly, es ist doch Weihnachten. Die Zeit der Liebe und der Familie!“

Und was war das jetzt bitte für ein Argument? „Das ist ja schön, aber für mich ist es gerade eher die Zeit der Arbeit. Oder eben nicht mehr, denn ich habe Feierabend.“ Zeit der Liebe, ha! Der war gut. Amor machte wahrscheinlich seit Jahren Ferien auf Mallorca, statt sich um ihr Liebesglück zu kümmern. Hm, wobei, vielleicht wäre er eher der Typ für Bali. Auf Mallorca würde er bei seinem Aussehen nicht mal ein Bier kriegen …

„Meine Güte, Elly, welcher Weihnachtself ist dir denn über die Leber gelaufen?“ Herr Markt strahlte sie an, als hätte er gerade den Witz des Jahrhunderts gemacht. „An Weihnachten soll man sich doch Zeit für seine Mitmenschen nehmen, man soll sich näher kennenlernen, sich miteinander freuen …“

„Wissen Sie, was mich jetzt wirklich freuen würde?“, unterbrach sie ihn und ballte unter dem Tresen die Hand zur Faust. „Mich würde es unheimlich glücklich machen, wenn Sie jetzt einfach diese Post verlassen und morgen wiederkommen könnten.“

Seine Augen wurden groß. „Aber ich wollte doch …“

„Und lassen Sie mich mit ihrem Weihnachts-Gerede in Ruhe! Ich kann es nicht mehr hören. Als gäbe es im Dezember gar nichts anderes mehr! Weihnachtsmarkt, Weihnachtslieder, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtswahn, Weihnachtsgans, Weihnachts…schaf!“ Aufgebracht warf sie die Arme in die Luft. „Was auch immer!“

Herr Markt runzelte unsicher die Stirn, trat einen Schritt zurück und hob ebenfalls die Arme. „Mensch, Elly … Du scheinst einen wirklich schlechten Tag zu haben. Das tut mir leid. Dann komme ich einfach morgen noch einmal her, um das Sparkonto für meine Enkel zu eröffnen.“ Er erreichte die Tür, zog sie auf und winkte ihr noch einmal zu. „Vielleicht solltest du dir einen gemütlichen Abend machen, Weihn… ähm, ich meine, ganz normale Kekse essen und … ganz normale Musik hören. Bis morgen! Und fröhliche Weihnachten!“

Puuh. Ganz ruhig, Elly. Einatmen. Ausatmen. Du bist nicht fürs Gefängnis gemacht.

Sie holte die Leiter, löschte die Kerzen des Adventskranzes, fuhr die Computer runter, holte den Seesack aus dem Lager und schloss es hinter sich ab. Zum Glück hatte sie es nicht weit nach Hause, all diese Briefe durchs halbe Dorf zu schleppen, wäre ganz und gar nicht gut für ihren untrainierten Rücken.

Sie stellte den Seesack vor der Tür ab und ging noch einmal hinein, um das Licht und das Radio auszumachen, da gab dieses eine ganz besondere Melodie von sich. Zum x-ten Mal dudelte dieser ganz besondere Refrain vor sich hin. Last Christmas.

„Verdammt noch mal!“ Etwas zu heftig drückte Elly dem alten Ding den Saft ab und stapfte aufgebracht zur Tür zurück.

Sie steckte den Schlüssel in die Tasche, packte den Sack mit den Briefen mit beiden Händen und zog ihn die Straße hinab. Haus eins, Haus zwei, Haus drei – und schon war sie zu Hause.

„Was für ein Tag“, murmelte Elly, als sie sich die Schuhe von den Füßen streifte und ihre Tasche einfach zusammen mit dem Seesack im Flur neben der Haustür liegen ließ. Darum würde sie sich morgen kümmern. Sie ging in die Küche, setzte sich einen Tee auf – Kamille, bloß nichts mit Zimt! – und warf sich aufs Sofa. Jetzt einfach nur irgendeinen Krimi ansehen, in dem zur Abwechslung mal kein Weihnachtsmann umgebracht wurde. Wobei, vielleicht würde zumindest das ihre Laune heben …

Doch noch bevor sie den Fernseher einschalten konnte, klingelte ihr Handy. Seufzend zog sie es aus der Hosentasche und nahm, ohne auf den Namen zu achten, ab. „Sie sind verbunden mit dem Elefantenjagdverein Tötet was trötet, was kann ich für Sie tun?“

„Hallöchen, Elly-Belly, wie ich höre bist du mal wieder super drauf! Den Elefantenjagdverein hatten wir lange nicht mehr. Das Beerdigungsinstitut Flotte Schippe hat mir irgendwie besser gefallen.“

„Hey, Romi“, begrüßte sie ihre beste Freundin und musste zum ersten Mal an diesem Tag aufrichtig lächeln. Seit Romis Bruder Julian seine kleinere Schwester einmal mit einer solchen Telefonansage begrüßt hatte, war dies für Elly und Romi zur Tradition geworden. Erst nur, um Julian zu übertrumpfen, dann zur eigenen Kreativitätsförderung. „Du kennst das doch. War einfach alles ätzend heute.“

„Jaja, das böse Wort mit W, ich weiß.“

„Nein, viel schlimmer: fröhliche W!“

„Oh Gott, wie können sie es wagen?“

„Meine Rede.“

Romis herzliches Lachen ging in ein Kichern über. „Elly-Belly, was hältst du davon, wenn wir uns den Tag schöntrinken?“

„So, wie du dich anhörst, hast du damit längst angefangen.“

„Ach, die zwei Glühwein …“ Erwartungsvolle Stille.

„Nein, Romi, ich komme nicht mit auf den W Markt.“

„Och, komm schon, Elly!“ Quengeln konnte sie schon immer gut. „Sieh es nicht als dickes W. Sieh es als … Sammelstelle für Betrunkene.“

„Für betrunkene Touris.“

„Ist doch egal!“

Seufzend legte Elly den Kopf zurück auf die weichen blauen, unweihnachtlichen Kissen. „Ich bin total erledigt, Romi. Verzeih mir, ja? Ich will nur noch irgendeinen doofen Krimi sehen und dann schlafen gehen.“

„Na gut, Süße. Dann schau du dir an, wie der W Mann abgemurkst wird, und ich such mir für diese Winternacht meinen eigenen W Mann.“

„Ich wünsche dir ganz viel Erfolg dabei, der letzte ist immerhin schon eine Woche lang Geschichte.“

„Erinner mich bloß nicht daran! Der Bart war echt – mehr muss man dazu nicht sagen.“

„Absolut richtig. Aber hey, Romi, unser W Date steht doch noch, oder?“

„Natürlich, Elly. Dieses Jahr feiern nur wir zwei zusammen das große W, machen einen gemütlichen Abend zu Hause ohne Geschenke und lassen es uns so richtig gut gehen. Ich denke daran, einen Masseur zu bestellen.“

„Da wäre ich voll dabei.“

„Klasse. Wir reden morgen weiter, hier kommt ein potentieller Kandidat …“

„Ich drück dir die Daumen. Bis morgen.“

Gähnend griff Elly nach ihrem Tee und wollte gerade den Fernseher anstellen, als sich etwas in ihre Gedanken schlich. Und sich dort festsetzte.

Last Christmas …

Das nahm sie als Zeichen. Etwas zu heftig stellte sie die Teetasse zurück auf den Tisch und rauschte in Richtung Schlafzimmer. Mit diesem Ohrwurm konnte auch ein toter Santa den Abend nicht mehr retten.

Kapitel 2 – Deutschland macht immer Probleme!

Es schneite.

Natürlich schneite es. Er hatte ja nicht schon genug zu tun, ohne dass er den Schlitten freischaufeln oder sich von den Elfen vorhalten lassen musste, er würde ihnen die Drecksarbeit andrehen. CJ spürte seinen Stresslevel steigen und wandte hastig das Gesicht vom Fenster ab, an dem Eiskristalle ihm die Sicht auf die verdammte Winterwunderlandschaft da draußen verschleierten. Er atmete tief durch. Niemand hatte behauptet, es würde einfach werden. Weihnachten war eben kein Zuckerschlecken. Also, nicht nur.

Ihm war bewusst gewesen, dass der Job seines Vaters herausfordernd und anstrengend war, und jetzt ging es schließlich in die heiße Phase – was wirklich ein ironischer Ausdruck war, wenn man bedachte, dass die Außentemperatur zurzeit minus achtunddreißig Grad betrug.

In sechs Tagen war Heiligabend, die Rentiere wurden unruhig, weil sie zu lange keinen Ausflug mehr unternommen hatten, die Elfen warteten nur darauf, dass er einen Fehler machte, und wo waren seine Eltern? Auf Bali, Strand statt Schnee genießen, Cocktails statt Milch schlürfen und Sonnen- statt Gefrierbrand riskieren.

Kein schlechter Deal, fand er, und einen Urlaub hatte sein Vater ohnehin bitter nötig gehabt. Vielleicht war es auch mal gut, den alten Herrn von all den Keksen fernzuhalten. Der Mann hatte einfach keine Selbstdisziplin. Etwas, das CJ hingegen perfektioniert hatte. Denn er wusste, welche Ausmaße seine genpoolbedingten Probleme sonst annehmen würden. Wortwörtlich.

Er betrachtete die Stapel an Briefen auf seinem Schreibtisch, die sich seit heute Morgen verhundertfacht hatten. Zischend stieß er die Luft aus. Er war siebenundzwanzig und hatte seit Jahren auf den Moment gewartet, in dem er seinem Vater endlich beweisen konnte, dass er bereit war, die Firma zu übernehmen. Dieser Moment war jetzt, und er würde ihn sich nicht durch so etwas Unbedeutendes wie fundierte Panik versauen lassen. Versagen war keine Option.

Er fuhr sich mit der Hand durch seine dunkelbraunen Haare, die ihm zu allen Seiten abstanden, und kratzte sich das stopplige Kinn. Sein Vater hatte vorgeschlagen, er solle sich seinen Bart wachsen lassen, so sei es schließlich Tradition. CJ hatte ihm ein unweihnachtliches Schnauben als Antwort gegeben und sich den Kommentar verkniffen, dass sich seit dreißig Jahren aus purer Faulheit den Bart nicht zu rasieren, noch lange keine Tradition war. Nur weil neumodische Kultfiguren wie Gandalf und Dumbledore weiße Rauschebärte trugen, machte es das noch lange nicht modisch wertvoll.

CJ griff nach dem ersten Stapel Briefe und fing an, die vorsortierten Nachrichten auf seinem extrabreiten Schreibtisch alphabetisch nach Ländern aufzureihen. So würde er sie später schneller ins System eingeben können. Das sollte die letzte Fuhre sein. Die anderen hunderttausend von heute waren bereits von Elfen bearbeitet und registriert worden. Aber die letzten Briefe des Jahres waren Chefsache. Waren es schon immer gewesen.

Er begann mit den Briefen aus Afghanistan, stapelte sie neben denen aus Ägypten, Äthiopien und Australien. Es folgten die von den Bahamas und aus Burundi. Dann sortierte er die relativ übersichtlichen Cs und Ds. Chile, China, die Cookinseln, Costa Rica. Dänemark, Dominica, Dominikanische Republik und … Moment.

Stirnrunzelnd fuhr er mit dem Zeigefinger die Briefreihe zurück und blieb auf der Stelle zwischen Dänemark und Dominica liegen. Man konnte vieles über ihn sagen: Angefangen damit, dass Klimmzüge auf seiner Prioritätenliste etwas zu hoch angesiedelt waren, bis dahin, dass er sein Leben vielleicht ein bisschen zu ernst nahm – aber dass er das Alphabet nicht beherrschte, war ihm noch nie vorgeworfen worden.

„Merry!“, rief er laut. „Merry, komm her!“

Er suchte mit dem Blick die anderen Briefstapel nach einem übersehenen D ab, doch er fand nichts dergleichen. Das durfte doch nicht wahr sein!

Sein linkes Augenlid fing an zu zucken, und eigentlich hätte er in diesem Moment einen Karton Spekulatius dringender gebraucht als den nächsten Atemzug, doch ein Zuckerschock würde niemandem helfen.

„Bin da. Was ist los, Temporärchef? Ich hoffe, es ist dringend, ich habe noch unheimlich viel zu tun.“

Eine kleine, vollkommen in Grün gekleidete Elfe mit einem roten Lockenkopf, der ihr noch vor einiger Zeit einen Platz auf dem Scheiterhaufen garantiert hätte, wuselte durch die offenstehende Tür. Der Rahmen war mit einer Unzahl an Mistel- und Tannenzweigen überladen, und wieder einmal wurde CJ daran erinnert, dass er unbedingt jemanden anweisen musste, den Mistel-Tannenzweig-Enthusiasmus zurückzuschrauben. Er hatte nicht vor, in nächster Zeit irgendwen zu küssen und er würde es sehr begrüßen, wenn seine Stirn nicht jedes Mal von den Tannennadeln zerkratzt würde, sobald er durch eine Tür ging. Aber wichtigere Dinge zuerst.

„Natürlich ist es dringend! Deswegen auch der dringliche Tonfall. Sind das alle Briefe?“ Er machte eine ausschweifende Armbewegung zu dem Schlachtfeld auf seinem Schreibtisch.

„Mhm.“ Merry runzelte angestrengt die Stirn, so als hätte er sie gefragt, was zuerst dagewesen sei: Der Weihnachtsmann oder die Coca Cola. „Ich glaube schon.“

„Du glaubst, oder du weißt?“, fragte er ungeduldig. „Ich glaube nämlich, dass ich demnächst an die Decke gehen werde, aber genau wissen kann ich das nicht. Für dich wäre es allerdings sehr wichtig, diesbezüglich Gewissheit zu haben.“

„Ich weiß, dass es alle Briefe sind“, sagte sie mit zusammengepressten Lippen, während sie das Kinn herausfordernd vorschob.

„Warum fehlen dann die aus Deutschland?“

Sie machte eine abwinkende Handbewegung. „Deutschland macht immer Probleme, das weiß doch jeder. Es ist nicht das erste Mal.“

Ungläubig stand er aus seinem Sessel auf. „Was meinst du damit? Wie viele Briefe fehlen denn noch?“

„Na, alle.“

„Alle Briefe aus Deutschland fehlen und niemand denkt daran, mir Bescheid zu sagen?“

„So wichtig ist das nicht. Die kommen schon seit ein paar Jahren nicht mehr hier an. Santa kann sich doch nicht um alles kümmern.“

„Seit Jahren?“ CJ fühlte sich mittlerweile ziemlich dämlich, weil er zu nichts anderem in der Lage zu sein schien, als Merrys Worte zu wiederholen, aber sein Sprachzentrum wurde momentan von seinem Wutzentrum an seiner Funktion gehindert. „Seit Jahren? Und mein Vater hat nichts dagegen unternommen?“

Und da sagte man den Deutschen noch nach, sie seien pünktlich und überkorrekt! Die Klischees sollten definitiv noch mal überdacht werden.

„Wenn Deutschland die Briefe nicht weiterleitet, ist das deren Entscheidung. Wäre ja noch schöner, wenn wir die überall auf der Welt abholen müssten. Deutschland hält sich raus, weniger Arbeit für uns, und Santa akzeptiert die offensichtliche Entscheidung des Landes.“ Merry nickte bestätigend.

CJ schnaubte. Nein, Akzeptanz lag nicht in seiner Natur. Unter seiner Aufsicht wurde sich nicht rausgehalten. Jetzt war er der Boss, und jedes Kind, das einen Brief an ihn schrieb, hatte eine Antwort verdient. Deutschland würde da nicht aus der Reihe tanzen!

„Ich flieg hin“, sagte er und griff sich seinen Mantel. „Welche Poststelle ist für die Briefe an den Weihnachtsmann zuständig?“

„Himmelpfort in …“ Merry sah auf die Weltkarte an der rechten Bürowand, auf der alle Poststellen mit einem gelben Fähnchen markiert waren. „Da!“ Sie deutete auf den Norden von Brandenburg. „Ich wollte der Ursache auch schon auf den Grund gehen, denn wir haben bis vor drei Jahren immer Post von denen bekommen. Darf ich dieses Jahr gucken, was da los ist, CJ? Biiitte.“ Sie klimperte mit den Wimpern.

„Nein“, sagte er grimmig.

„Aber ich kann das! Ich will dir helfen, und weil ich das wirklich möchte, sage ich dir, dass die Post heute schon geschlossen hat und du dir den Weg sparen kannst, Chef.“

Er ließ seinen Mantel wieder fallen. „Nein, das mach ich selbst. Ich kann mir keine Fehler leisten. Ich werde direkt morgen früh vorbeischauen, sobald die Post aufmacht. Du kannst gehen.“ Er winkte sie raus, und die Elfe tat ihm den Gefallen.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Ein Land, das sich plötzlich entschlossen hatte, nicht mehr mit dem Weihnachtsmann zu kooperieren. Wer tat so etwas? Aber darum würde er sich schon kümmern – und sei es nur, um seinem Vater zu beweisen, dass er den Job nicht nur gut, sondern vielleicht noch einen Tick besser machte als er selbst. Sein alter Herr hatte mehr als deutlich gemacht, dass er unsicher war, ob CJ schon für die Art von Verantwortung bereit wäre. Hätte seine Mutter nicht auf den Urlaub bestanden, hätte er CJ nie freiwillig allein gelassen.

Seufzend stand er auf und strich sich sein rotes Hemd glatt. Er brauchte Zimtkaffee. Das würde eine lange Nacht werden.

Bedacht darauf, keinen der Briefstapel umzuwerfen, ging er um seinen Schreibtisch herum und durch die Tür. Automatisch zuckte er zusammen, als die Tannennadeln sich in seinem Haar verfingen und seine Stirn attackierten.

Dieser Ort war einfach nicht für Menschen gemacht, die doppelt so groß wie der Normalelf waren.

Er rieb sich mit den Fingern über seine gereizte Haut und verzog das Gesicht, als er hörte, dass schon wieder Last Christmas in der Werkstatt gespielt wurde.

CJ liebte Weihnachten. Liebte die Gerüche, das Gewusel, das Essen, den Umstand, dass Familien zusammenfanden und alles in eine weiche Schicht aus Schnee gehüllt wurde. Aber das hinderte ihn nicht daran, den nächsten Elfen, der Wham! einschaltete, in Geschenkpapier zu wickeln und an den Südpol zu schicken.

Er war gestresst, sein Geduldsfaden hatte die Länge seines kleinen Fingers und die Worte seines Vaters saßen ihm im Nacken. „Das ist deine Chance, zu zeigen, dass du für dieses Geschäft geeignet bist. Vermassle es nicht.“

Wenn sie alle hier nicht aufpassten, würde das dieses Jahr ein verdammt frostiges Weihnachten werden.