Leseprobe Ruf meines Herzens

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Vivian Darcy war unzweifelhaft eine interessante Erscheinung. Sie war nicht schön, doch die Lebendigkeit ihres Gesichts glich kleine Unregelmäßigkeiten aus. Für ein klassisches Profil war ihr Kinn zu ausgeprägt, ihr Mund zu eigensinnig, und auch die Sommersprossen auf ihrer geraden Nase entsprachen nicht dem herrschenden Schönheitsideal. Umso ausdrucksvoller waren ihre braunen, von dichten Wimpern umrandeten Augen, die einen reizvollen Kontrast zu ihrem goldblonden Haar bildeten. Das Haar fiel ihr in vollen Locken über die Schultern, die von einem weißen Tuch bedeckt wurden. Vivian hatte eine gute Figur. Sie wusste es und war stolz darauf, und obwohl sie nur ein Kleid aus billigem Leinen trug, wirkte sie doch elegant, da sie sich äußerst gerade und aufrecht hielt. Vivians schmale Taille wurde betont durch den perfekten Sitz des Mieders und den sich weit bauschenden Rock. Nach der herrschenden englischen Mode geschneidert, war der Rock nur knöchellang und ließ kleine schwarze Schnallenschuhe an Vivians Füßen erkennen. Geraffte Stoffpartien sorgten hinten für die nötige Fülle.

Vivian lebte jetzt, im Juni 1779, seit zwei Jahren bei ihrem Onkel, Sir William Bannister, auf dessen Landsitz Oakfield in Hertfordshire, England. Als sie an diesem Abend nach dem Dinner ihrem Onkel in seinem Arbeitszimmer gegenüberstand, funkelten ihre dunklen Augen vor Erregung. Sie bemühte sich, möglichst gleichgültig zu erscheinen, doch dies gelang ihr nicht.

„Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass du ausgerechnet jetzt nach Amerika fährst!“, tobte Sir William. „Dir ist wohl nicht klar, dass dort drüben Krieg herrscht?“

„Natürlich ist mir das klar“, entgegnete Vivian mit trotzig vorgerecktem Kinn. „Aber dieser Krieg war schon längst in Gange, als Tante Sophie und ich damals Charleston verließen, um nach England zu segeln. Die Schiffsreise verlief völlig glatt, und ich weiß nicht, warum es jetzt nicht gut gehen sollte.“

Sir William hielt in seinem Auf- und Abgehen inne und warf seiner Nichte einen finsteren Blick zu. Nachdenklich strich er mit einer Hand durch die trotz seines Alters bemerkenswert dichten grauen Haare, die er zu einem Zopf im Nacken zurückgekämmt hatte. Seine Haarpracht war bei weitem das Attraktivste an ihrem Onkel, fand Vivian, denn mit einem rundlichen Gesicht, hellblauen, wässrigen Augen und einer leicht vorgebeugten Haltung wirkte er ansonsten eher durchschnittlich.

„Du weißt genau, dass ich als Familienoberhaupt die Verantwortung für unsere Familie trage!“, grollte Sir William. „Und als Kind meiner verstorbenen jüngsten Schwester gehörst du dazu, ob du willst oder nicht! Deine Tante Sophie hat ganz recht daran getan, dich nach dem Tode deines Vaters heim nach England zu bringen!“

„England ist nicht meine Heimat!“, begehrte Vivian mit blitzenden Augen auf. „Und wenn ich hundertmal zur Familie gehöre!“

„Du bist die Enkelin und Nichte eines Baronets!“, beharrte Sir William. „Dein Platz ist in der englischen Gesellschaft!“

„Ich gehöre nach Charleston! Mein Vater war Amerikaner!“

Sir William schnaubte verächtlich, und sein großer, untersetzter Körper bebte vor unterdrücktem Zorn. „Zum Donnerwetter, Vivian, ich habe genug davon! Es kommt nicht in Frage, dass du in diese Rebellenhochburg zurückkehrst! Die Bannisters waren stets treue Untertanen des Königs. Wir haben immer unsere Pflicht dem Vaterland gegenüber getan!“

Vivian biss sich nervös auf die Lippen. „Ich weiß, wie pflichtbewusst du bist, Onkel William. Und ob du es glaubst oder nicht, ich weiß es zu schätzen, dass du mich ohne zu zögern aufgenommen hast, als Tante Sophie mich hierherbrachte. Aber trotzdem wünschte ich, du würdest 

„Ganz recht, ich habe dich aufgenommen! Und du kannst mir glauben, es war mehr eine Last als ein Vergnügen, plötzlich die Verantwortung für ein junges, achtzehnjähriges Mädchen zu tragen!“

Vivian straffte den Rücken. „Das ist mir vollkommen klar! Und gerade darum dachte ich, du würdest froh sein, wenn ich 

„Ich sollte froh sein, wenn du gehen willst, aber ich bins nicht!“, murrte Sir William.

Vivian blinzelte verblüfft. „Das tut mir leid, Onkel William. Wirklich, ich dachte, du hättest nicht viel für mich übrig.“

„Papperlapapp! Deine Mutter war meine Lieblingsschwester, und du bist ihr sehr ähnlich. Aber das tut im Grunde nicht das Geringste zur Sache. Eine Bannister gehört nicht in die Kolonien!“

Vivians Temperament flammte erneut auf. „Ich bin keine Bannister, sondern eine Darcy! Und sobald ich volljährig bin, werde ich ein Schiff finden, das mich nach Hause nach Charleston bringt!“

Sir William schüttelte tadelnd den Kopf und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Wie so oft versuchte er, seiner Aussage mehr Gewicht zu verleihen, indem er mit einer Erwiderung zögerte. Vivian fand das höchst albern. Sie wusste, dass ihr Onkel dieses Getue einigen Parlamentsmitgliedern, deren Reden er sich regelmäßig anhörte, abgeguckt hatte.

„Mein liebes Kind, du wirst kaum ein Schiff finden, das dich sicher nach Amerika bringt“, versetzte Sir William schließlich mit einem selbstzufriedenen Lächeln, das seine ausgeprägten Hamsterbacken noch zusätzlich betonte. „Du weißt doch bestimmt, dass keine Handelsschiffe mehr nach drüben fahren? Nur Kriegsschiffe laufen noch amerikanische Häfen an, um unsere kämpfenden Truppen mit Nachschub zu versorgen. Selbst dir müsste klar sein, dass kein Reeder so verrückt sein wird, noch Schiffe zu diesem Unruheherd zu entsenden. Die Handelsgesellschaften könnten nicht einmal mehr ihre Waren absetzen, da diese amerikanischen Rebellen alles boykottieren, was englisch ist. Außerdem ist der Handel mit den Kolonien verboten.“

„Das weiß ich alles, Onkel William. Ann hat alles in ihrem letzten Brief aus Charleston, der vorige Woche ankam, ausführlich beschrieben. Und genau das ist der Grund, weshalb ich endlich fortwill! Je länger ich warte, desto schwieriger wird es!“

„Es kann nicht schwieriger werden, als es schon ist. Es ist nämlich schlichtweg unmöglich!“

„Nein, das ist es nicht!“, widersprach Vivian heftig. „Ann schreibt, man müsste lediglich über Jamaika reisen, denn Jamaika ist englisch, was bedeutet, dass der Schiffsverkehr dorthin reibungslos abläuft.“

„Was, zum Teufel, willst du auf Jamaika?“, polterte Sir William.

„Ann schreibt, dass man von dort aus wahrscheinlich weiterreisen könnte nach Martinique oder Saint Domingue. Diese beiden Inseln sind französische Kolonien und betreiben regen Handel mit amerikanischen Gesellschaften, genau wie einige der Inseln, die in niederländischem Besitz sind. Ann schreibt, viele Amerikaner sind trotz des Krieges reich genug, sich Luxuswaren wie Seide, Porzellan und andere teure Dinge leisten zu können. Es lohnt sich daher für amerikanische Schiffe, die Blockade der Engländer zu durchbrechen, um zu den Westindischen Inseln zu segeln und von dort teure Güter in die amerikanischen Kolonien zu bringen. Bestimmt würde mich eines dieser Schiffe mitnehmen.“

„Blockadebrecher!“, ätzte Sir William. „Die bringen nicht nur Luxuswaren, sondern vor allem Waffen in die aufständischen Kolonien! Dieses Halunkenpack hat es nicht anders verdient, als von unserer Royal Navy versenkt zu werden! Es kommt nicht in Frage, dass du auf einem Blockadebrecher mitfährst!“

Vivian reckte das Kinn vor. „Dann werde ich eine andere Lösung finden. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, hat mein Vater immer gesagt.“

„Das werden wir ja noch sehen! Außerdem weiß ich sowieso nicht, warum du dich unbedingt diesen Aufständischen anschließen willst. Wie ich schon sagte, bisher hat unsere Familie ihre Pflichten als Untertanen gegenüber dem König von England stets erfüllt. Deine Haltung ist daher nicht bloß unverständlich, sondern im höchsten Maße skandalös.“

Vivian schluckte einen empörten Kommentar herunter und entgegnete halbwegs versöhnlich: „Onkel William, ich weiß, wie sehr du dem König ergeben bist, und mir ist klar, wie wenig dir meine Einstellung gefällt. Aber ich glaube, dass ich ein Recht habe, selbst zu entscheiden, was ich tue. Die Familie meines Vaters hat seit mehr als einhundert Jahren in Amerika gelebt. Ich denke, es ist daher nur natürlich, dass ich mich als Amerikanerin und nicht als Engländerin fühle.“

„Ein Recht zu entscheiden!“, höhnte Sir William. „Gütiger Himmel, Kind, du bist noch nicht einmal volljährig! Und selbst wenn du es wärst  keine unverheiratete englische Lady trifft ihre eigenen Entscheidungen! Dafür ist ihre Familie da!“

Lieber Himmel, wann würde ihr Onkel endlich begreifen, dass sie keine englische Lady, sondern Amerikanerin war?, fragte sich Vivian mit einem Anflug von Verzweiflung. Sie atmete tief durch. „Bitte, Onkel William, lass mich gehen! Ich würde bestimmt ein Schiff finden, mit dem ich reisen könnte! Immerhin fahren noch genügend Schiffe zu den Westindischen Inseln, und von dort aus ist es nicht mehr weit nach Amerika.“

„Amerika, Amerika! Ich habe allmählich genug von deinem Amerika!“, tobte Sir William. „Am besten gehst du jetzt zu Bett! Wenn du erst einmal darüber geschlafen hast, wirst du schon zur Vernunft kommen.“

Vivian warf ihrem Onkel einen resignierten Blick zu. „Du irrst dich, Onkel William. Ich werde meine Meinung nicht ändern. Aber wenn du es wünschst, ziehe ich mich jetzt zurück auf mein Zimmer.“

„Ja, und zwar sofort“, stimmte Sir William energisch zu. „Es ist ohnehin schon spät genug.“

„Wie du meinst, Onkel William“, seufzte Vivian und machte sich auf den Weg zur Tür. „Dann wünsche ich dir eine gute Nacht.“

Sir William nickte geistesabwesend. „Ja, danke. Und – Vivian: Lord Wimsey kommt morgen Vormittag und bringt einen Gast mit. Du wirst daher keinen Ton von diesem Rebellengefasele laut werden lassen, sonst schicke ich dich sofort auf dein Zimmer, dass das klar ist! Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass Lord Wimsey dem König ebenso treu ergeben ist wie unsere eigene Familie. Es wäre also äußerst peinlich, wenn du deinen Mund nicht halten kannst!“

Vivian unterdrückte den Impuls, heftig zu widersprechen, und schlug die Augenlider nieder. „Wie du meinst, Onkel William.“

Sir William warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Du wirst nicht von den Kolonien reden?“

Sie legte die Hand auf die Klinke und atmete tief durch. „Nein, Onkel William.“

„Dann geh jetzt zu Bett.“

„Jawohl, Onkel William.“

Sir Williams wütender Ausbruch ließ sie zusammenfahren: „Herrgott nochmal, kannst du nichts anderes mehr sagen als `jawohl Onkel William, nein Onkel William´?“

Vivian spürte, wie ihr eine unangenehme Röte in die Wangen schoss. „Verzeihung, Onkel William, ich wollte nicht 

„Schon gut, schon gut“, winkte Sir William ungeduldig ab. „Sieh zu, dass du ins Bett kommst!“

Vivian stammelte hastig einen weiteren Gutenachtgruß und eilte zur Tür hinaus.

Augenblicke später war sie in ihrem eigenen Zimmer, dem einzigen Ort im Haus, wo sie sich einigermaßen wohlfühlte und entspannen konnte. Anders als die meisten Räume des alten Anwesens, deren Düsterheit Vivian bedrückte, war ihr Zimmer hell und freundlich eingerichtet. Vor den bodentiefen Fenstern hingen zartgelbe Vorhänge aus fließender Seide, und der Himmel über ihrem Bett war im gleichen Farbton bespannt. Vivians Mutter hatte dieses Zimmer als junges Mädchen bewohnt, und Vivian dankte ihr im Stillen für die geschmackvolle Einrichtung und die heitere Atmosphäre, die der Raum ausstrahlte.

Eigentlich war es noch nicht spät, und sie war nicht wirklich müde. So setzte sie sich für eine Weile auf die Kante ihres Bettes und versuchte nachzudenken. Das Gespräch mit ihrem Onkel ging ihr nicht aus dem Kopf. Sein Verhalten hatte sie überrascht. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren, ihn so aufregen würde. Eigentlich hätte er froh sein müssen, sie loszuwerden, überlegte sie verwundert. Doch vielleicht hatte ihr Onkel nach zwei Jahren des Zusammenlebens nach und nach doch den Schock überwunden, sich um diese plötzlich aus der Fremde aufgetauchte Nichte kümmern zu müssen. Ihr Plan, nach Amerika zurückzukehren, gefiel ihm jedenfalls gar nicht, soviel stand fest.

Gedankenverloren griff sie nach ihrer auf dem Nachtschrank liegenden Bürste und fuhr damit energisch über ihre dichten, goldblonden Locken. Sie würde sich nicht von ihrem Onkel daran hindern lassen zurückzukehren! Er hatte kein Recht, sie an ihrer Heimkehr zu hindern! Doch noch während sie sich dies einzureden versuchte, wusste sie schon, dass das nicht stimmte. Ihr Onkel konnte sie daran hindern abzureisen, genau wie ihre Tante sie zwei Jahre zuvor daran hatte hindern können, in Charleston zu bleiben. Solange sie nicht volljährig war, konnten ihre Verwandten entscheiden, was mit ihr geschah, ganz egal, ob es ihr gefiel oder nicht. Frustriert ließ sie die Bürste sinken und starrte missmutig ihr Spiegelbild an.

Schließlich seufzte sie und beschloss, am nächsten Tag weiter nachzudenken. Inzwischen doch ein wenig müde, machte sie sich für die Nacht zurecht. Sobald sie ihr Batistnachthemd übergezogen hatte, schlüpfte sie unter die Daunendecke, denn in ihrem Zimmer war es trotz des warmen Juniwetters empfindlich kühl. Solange die Sonne schien, waren die Temperaturen recht angenehm, doch sobald die wärmenden Strahlen bei Sonnenuntergang verschwanden, ließen die dicken Mauern des alten Landsitzes kaum noch Wärme ins Zimmer. Noch ein paar Augenblicke blieb Vivian wach, nachdem die Kerze ausgeblasen war und Dunkelheit sie einhüllte. Nur der Mond, der durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen zu sehen war, spendete noch ein wenig Licht. Vivian fragte sich, wie viele Meilen er wohl entfernt sein mochte. Doch wie groß die Entfernung auch war, es erschien ihr vor dem Einschlafen leichter, den Mond zu erreichen als ihre Heimat.

Als Vivian am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne in ihr Zimmer. Der Schlaf hatte ihr gutgetan, und der ihr angeborene Optimismus war zurückgekehrt. Noch im Nachthemd zog Vivian die Vorhänge auf. Das schöne Wetter verlangte geradezu nach guter Laune.

Beschwingt ging sie eine halbe Stunde später zum Frühstück hinunter. Sir William war noch nicht heruntergekommen, er stand für gewöhnlich nicht vor zehn Uhr morgens auf. Vivian war froh darüber, ermöglichte es ihr doch, nur schnell etwas zu essen und dann einen Spaziergang durch den Park zu machen. Wenn sie mit ihrem Onkel gemeinsam frühstückte, musste sie oft auf ihren Spaziergang verzichten, da ihr Onkel es nicht guthieß, wenn sie bei kühlen Temperaturen aus dem Haus ging.

Heute war es so herrlich warm, dass Vivian ihren Spaziergang keine Minute länger aufschieben wollte. Doch gerade, als sie sich erhob, ging die Tür auf und Sir William trat in das Frühstückszimmer.

Vivian warf ihm einen verblüfften Blick zu. „Guten Morgen, Onkel William. Das ist ja eine Überraschung, dass du schon auf den Beinen bist. Du stehst doch sonst nicht so früh auf!“

„Es ist wohl meine Sache, wann ich aufstehe“, brummte Sir William. „Geh du lieber in den Park, als schon am frühen Morgen vorlaute Reden zu führen!“

Ach du liebe Güte, dachte Vivian, ihr Onkel war ihr offenbar immer noch böse! Unter diesen Umständen war es wohl besser, wenn sie ihn sich selbst überließ. Eilig schritt sie zur Tür.

„Wenn du zurückkommst, zieh dich bitte um. Um zehn Uhr wird Lord Wimsey hier sein. Er will mit dir reden.“

Vivian wandte sich verblüfft um. „Mit mir? Warum denn das?“

„Das wird er dir selbst sagen. Geh jetzt. Ich brauche noch einen Augenblick Ruhe.“

Vivian hätte gern noch weitere Fragen gestellt, doch wenn ihr Onkel in einer Stimmung war wie dieser, war es klüger zu gehorchen. Sie legte sich ihr Schultertuch um und verließ den Raum. Durch einen langen, dunklen Flur gelangte sie zur Eingangshalle und zur Haustür.

Endlich im Park atmete Vivian erleichtert die saubere Luft ein. Der Duft von Frühlingsblumen lag in der Luft, Flieder- und Rhododendronbüsche säumten die Parkwege, und auf den Blumenbeeten blühten die ersten Rosen. In den Wipfeln einzelner Buchen zwitscherten ein paar Vögel, und von irgendwoher war das Klopfen eines Spechts zu hören. Vivian liebte diese friedliche Stimmung am frühen Morgen, doch heute hatte sie keinen Sinn dafür, denn zu sehr beschäftigte sie die Frage, weshalb Lord Wimsey mit ihr reden wollte. Er war zwar mit Sir William eng befreundet, doch mit Vivian hatte er sich noch nie lange unterhalten. Unablässig kreisten daher ihre Gedanken um seinen bevorstehenden Besuch. Gleichzeitig versuchte sie sich einzureden, dass gar kein Grund zur Aufregung bestünde, denn gleichgültig, was Lord Wimsey ihr zu sagen wünschte, es konnte nichts von Bedeutung sein.

Sie war noch vollkommen in ihre Gedanken versunken, als eines der Hausmädchen erschien, um ihr mitzuteilen, dass Lord Wimsey angekommen sei und Vivian in einer halben Stunde im Salon erwartet werde. Vivian war sich gar nicht bewusst, dass sie schon länger als eine Stunde die breiten Parkwege entlangspaziert war. Erschrocken, wie schnell die Zeit verstrichen war, eilte sie auf ihr Zimmer. Rasch erfrischte sie sich und wechselte kurz das grobe Leinenkleid, das für einen Spaziergang im Park genau richtig gewesen war, gegen ein luftiges Kleid aus zartgelbem Musselin, das für den Empfang von Besuchern besser geeignet war. Vor dem Hinausgehen warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ja, sie sah adrett und ordentlich aus, ihr Onkel würde sich ihrer nicht zu schämen brauchen.

Noch bevor Vivian die Tür zum Arbeitszimmer ihres Onkels öffnete, drangen Sir Williams und Lord Wimseys Stimmen an ihr Ohr. Auch wenn sie die Worte nicht verstehen konnte, hatte sie den Eindruck, dass die Herren erregt debattierten. Sie überlegte kurz, ob sie an der Tür lauschen sollte, um vielleicht schon im Voraus etwas von dem zu erfahren, was Lord Wimsey ihr zu sagen hatte. Sie widerstand der Versuchung, legte die Hand auf die Türklinke und drückte sie resolut hinunter. Schwungvoll trat sie ein, nur um sofort darauf überrascht stehenzubleiben.

Im Arbeitszimmer saßen drei Männer: Sir William, Lord Wimsey und ein Vivian unbekannter Mann. Erst jetzt erinnerte Vivian sich, dass ihr Onkel von einem weiteren Gast gesprochen hatte, den Lord Wimsey hatte mitbringen wollen. Wie hatte sie das nur vergessen können! Immerhin kam es selten genug vor, dass sich Gäste nach Oakfield verirrten! Ein wenig überrumpelt von der Anwesenheit des Fremden blinzelte Vivian kurz, doch dann sammelte sie ihre Sinne und musterte den Besucher umso aufmerksamer.

Der Mann mochte etwa Mitte bis Ende zwanzig sein. Da er saß, konnte Vivian nicht genau erkennen, wie groß er war, doch schätzte sie ihn auf mindestens einen Meter fünfundachtzig. Er war elegant gekleidet, wirkte aber weder übertrieben stutzerhaft noch affektiert. Unter einem dunkelblauen Gehrock blitzte ein strahlend weißer Kragen hervor, und seine langen Beine steckten in enganliegenden, hellgrauen Breeches und hohen, blankpolierten Reiterstiefeln. Er war schlank und hatte herrlich breite Schultern. Dunkle, zu einem gepflegten Zopf zurückgebundene Haare umrahmten ein markant geschnittenes, schmales Gesicht, aus dem strahlend blaue Augen hervorleuchteten. Eine dunkle Augenbraue war leicht hochgezogen, und ein schwaches Lächeln umspielte feingeschwungene Lippen. Voller Gelassenheit musterte der junge Mann Vivian von Kopf bis Fuß. Belustigung sprach aus seinem Blick, doch auch Bewunderung.

Errötend wurde ihr bewusst, dass sie den Fremden eingehender betrachtet hatte, als es sich für eine junge Dame gehörte. Sie riskierte einen Seitenblick auf ihren Onkel, um zu sehen, ob er etwas mitbekommen hatte. Doch Sir William war viel zu vertieft in sein Gespräch mit Lord Wimsey. Augenscheinlich hatte er nicht einmal bemerkt, dass seine Nichte den Raum betreten hatte. Der Einzige, dem ihre Anwesenheit auffiel, war der fremde Gast, der Anstalten machte, sich zu erheben. Vivian wusste, wie ungehalten ihr Onkel darauf reagierte, wenn er in einer Unterhaltung gestört wurde, sodass sie eilig den Kopf schüttelte. Rasch nahm sie auf einem Stuhl neben der Tür Platz und enthob damit die anwesenden Herren der Notwendigkeit aufzustehen, solange sie als Dame stand. Wiederum war es einzig der Fremde, der von ihrem Verhalten Notiz nahm und sich mit einem vergnügten Funkeln in den Augen und einem kurzen Nicken entspannt zurücklehnte.

Daraufhin wandte Vivian ihre Aufmerksamkeit dem Gespräch zu, das sich wieder einmal um den Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner zu drehen schien. Bei diesem Thema konnten sich sowohl ihr Onkel als auch Lord Wimsey immer wieder ereifern, doch auch der Unbekannte mischte sich nun mit einer wohlklingenden, tiefen Stimme in das Gespräch ein:

„Sie sollten den Kampfgeist der Amerikaner nicht zu gering einschätzen, Lord Wimsey“, kommentierte er eine abfällige Bemerkung Lord Wimseys über die Bevölkerung der amerikanischen Kolonien. „Immerhin haben die Amerikaner vor nicht allzu langer Zeit schon einen bedeutenden Krieg gewonnen.“

„Ich wüsste nicht, welchen Sie meinen könnten“, schnaubte Lord Wimsey verächtlich.

„Wirklich nicht?“ Der Fremde verzog spöttisch den Mund. „Sollte es Ihnen entgangen sein, dass die Amerikaner im Jahre 1759 den Krieg gegen die Franzosen gewonnen haben? Anderenfalls hieße Pittsburgh heute immer noch Fort Duquesne, und kein Engländer könnte noch irgendeinen Anspruch auf dieses Gebiet erheben.“

„Das ist zweifellos richtig“, gab Lord Wimsey widerstrebend zu. „Doch scheint es nun wiederum Ihnen entgangen zu sein, dass dieser Sieg einzig und allein Sir Pitt zu verdanken ist. Und der ist immerhin Engländer. Ohne englische Führung wären die Kolonisten niemals imstande gewesen, die Franzosen zu schlagen. Genauso wenig werden sie es jetzt schaffen, derartig zusammenzuhalten.“

Der Fremde wirkte nicht sehr überzeugt, wie Vivian an seiner hochgezogenen Augenbraue zu erkennen glaubte. Unwillkürlich fragte sie sich, wer er sein mochte, dass er so gut über die amerikanischen Kolonien Bescheid wusste. Ihre anfängliche Vermutung, er wäre ein vornehmes Mitglied der englischen Oberschicht, hatte sie schon nach seinen ersten Worten verworfen. Nicht nur fehlte der für Engländer typische Akzent, über den sie sich insgeheim so gerne lustig machte. Auch sprach ein echter Brite – diese Erfahrung hatte sie gemacht – niemals von den Engländern, sondern benutzte stets das stolze `Wir´. Doch so sehr sie auch rätselte, allein an seiner Sprache und an seinem Äußeren ließ sich seine Herkunft nicht ableiten.

Zu ihrer Enttäuschung ließ darüber hinaus offenbar auch sein Interesse für das Gesprächsthema bereits nach, denn unvermittelt stand er auf und lenkte achselzuckend ein:

„Wie Sie meinen, meine Herren, ich will Ihnen nicht weiter widersprechen. Aber da hier schon seit geraumer Zeit eine junge Dame anwesend ist, wäre ich dankbar, wenn Sie mich vorstellen könnten.“

Sir William räusperte sich, unangenehm davon berührt, Vivians Eintreten nicht bemerkt zu haben, und erhob sich schwerfällig von seinem Sessel. „Hm, ja, vorstellen“, brummte er, „selbstverständlich. – Vivian, darf ich dich mit Captain Dupont bekannt machen. Captain Dupont, meine Nichte Vivian Darcy.“

Aha, Dupont, dachte Vivian, während sie dem Captain lächelnd entgegentrat. Das klang französisch! Und Captain war er, wie interessant! Aber war das nun ein militärischer Titel, oder war der Mann gar ein Schiffskapitän? Natürlich war ihr klar, dass sie nicht einfach neugierige Fragen stellen durfte. Und dennoch: Was machte ein französischer Captain, gleich welcher Art, in Kriegszeiten in England?

Captain Dupont verbeugte sich unterdessen formvollendet, ergriff ihre ausgestreckten Finger und deutete einen Handkuss an. „Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Darcy.“

„Ganz meinerseits, Captain Dupont“, murmelte Vivian, während ihr bei seiner Berührung unvermittelt ein warmes Prickeln über den Rücken lief. Die Geste des Captains, die eigentlich nichts weiter war als ein Zeichen von Höflichkeit, brachte sie völlig überraschend aus der Fassung, und sie spürte zu ihrer Verlegenheit, dass sie errötete. Sie schob es der Tatsache zu, dass sie bisher nur selten als vornehme Lady behandelt worden war und daher übertrieben heftig auf die galante Art des Captains reagierte. Jedoch überwand sie ihre Verlegenheit schnell und begann sich darüber zu amüsieren, wie überzeugt dieser Mann von sich zu sein schien. Das Lächeln, das seine Lippen umspielte, schien Bände zu sprechen von seinen vielen Eroberungen, genau wie das Leuchten seiner blauen Augen. Doch obwohl sie überzeugt war, es hier mit einem ausgesprochenen Schürzenjäger zu tun zu haben, glaubte Vivian, auch echtes Interesse in dem Blick des Mannes zu entdecken, was ihre eigene Neugier nur verstärkte.

Gern hätte sie ein paar Worte mit dem jungen Captain gewechselt, doch die formelle Vorstellung war kaum vorüber, als Sir William auch schon vorschlug, Vivian solle Lord Wimsey in den Garten begleiten, und er selbst werde sich um Captain Dupont kümmern. Es blieb Vivian nichts anderes übrig, als den Wünschen ihres Onkels Folge zu leisten, zumal sie wusste, dass er Lord Wimsey die Gelegenheit geben wollte, ungestört mit ihr zu reden.

Captain Dupont deutete eine weitere Verbeugung an, als Vivian an Lord Wimseys Arm zur Zimmertür schritt. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er überraschend ernst, doch dann blitzten seine blauen Augen erneut voller Belustigung. Mit einem Anflug von Verwunderung blinzelte sie und fragte sich, ob sie sich die flüchtige Nachdenklichkeit in seiner Miene nur eingebildet hatte. Ohne eine Antwort auf diese Frage zu finden, nickte sie im Hinausgehen noch einmal freundlich, ehe Lord Wimsey die Tür hinter sich zuzog.

Sobald sie mit Lord Wimsey im Garten angelangt war, begann Vivian sich erneut zu fragen, was der langjährige Freund ihres Onkels von ihr wollen könnte. Doch Lord Wimsey schwieg beharrlich und schritt gedankenverloren neben ihr her. Je weiter sie sich vom Haus entfernten, desto angespannter fühlte Vivian sich. Sie wunderte sich, warum es Lord Wimsey so schwerzufallen schien, die passenden Worte zu finden.

„Nun, Miss Darcy, Ihr Onkel wird Ihnen sicher gesagt haben, dass ich mit Ihnen zu reden wünsche“, leitete er sein Anliegen endlich wenig einfallsreich ein.

Als Vivian dieses bestätigte, fuhr Lord Wimsey kopfnickend fort: „Sie wissen vielleicht, dass ich Ihre von mir sehr verehrte Tante Sophie in Vermögensfragen berate. – Oh, ich verstehe, Sie wissen das nicht?  Nun, das spielt keine Rolle, denn wie dem auch sei, Ihre Tante hat mich beauftragt, Sie, Miss Vivian, über Ihre eigene finanzielle Lage in Kenntnis zu setzen.“

„Meine finanzielle Lage?“, fragte Vivian verwundert.

Lord Wimsey zog bedeutungsvoll die buschigen Augenbrauen hoch. „Sie wissen sicher selbst am besten, Miss Darcy, dass das wenige Geld, das Sie nach dem Tode Ihres Vaters erbten, gerade zur Deckung Ihrer Reisekosten reichte, als Sie Amerika verließen, um nach England zu kommen. Da Sie somit bei genauerer Betrachtung mittellos sind, wenn man von Ihrem geerbten Stadthaus in Charleston einmal absieht, hat Ihre Tante Sie als Erbin ihres eigenen bescheidenen Vermögens eingesetzt. Sie wissen ja, dass Ihre Tante Sophie kinderlos ist. Außerdem wird Ihnen künftig ein monatlicher Betrag von zwanzig Pfund ausgehändigt werden.“

Vivian blinzelte verblüfft. „Oh. Das ist … sehr großzügig von Tante Sophie.“

„Ich muss Sie nichtsdestotrotz darauf hinweisen, Miss Darcy, dass die Erbschaft an die Bedingung geknüpft ist, dass sie beim Ableben Ihrer Tante in England leben. Anderenfalls geht das Erbe an die anderen Nichten und Neffen Ihrer Tante. Auch die monatlichen Zahlungen würden sofort eingestellt werden, sollten Sie England verlassen. Haben Sie das verstanden?“

„Selbstverständlich. Meine Tante weiß genau, wie sehr ich mich nach Amerika sehne! Offenbar versucht sie, mich mit der Aussicht auf eine Erbschaft dazu zu bringen, in England zu bleiben.“ Vivian reckte das Kinn vor und holte tief Luft. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Mylord, ich weiß die Großzügigkeit meiner Tante wohl zu schätzen. Aber ich werde mich nicht von ihr bestechen lassen!“

„Sie sollten sich das in Ruhe überlegen“, gab Lord Wimsey sehr ernst zurück. „Ihrer Tante Sophie liegt nur an Ihrem Wohlergehen.“

„Davon bin ich überzeugt“, gab Vivian widerstrebend zu. „Allerdings verstehe ich nicht, weshalb Tante Sophie so viel daran liegt, dass ich in England bleibe. Meine Tante und ich sehen uns nur noch selten, seit ich bei Onkel William lebe. Auch wenn ich meine Tante sehr gern habe, beschränkt sich unser Kontakt fast ausschließlich auf Briefe. Und die kann ich auch von Charleston aus schreiben.“

„Gewiss, Miss Darcy. Aber, wie gesagt, Sie sollten in Ruhe darüber nachdenken. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, bleiben Sie in England. Was wollen Sie schließlich in diesem fremden Land voller Wilder und Aufständischer?“

„Es ist meine Heimat!“, begehrte Vivian verärgert auf. Doch dann besann sie sich und setzte ruhiger hinzu: „Wie auch immer, Lord Wimsey, ich danke Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mir die Wünsche meiner Tante zu übermitteln.“

Lord Wimsey nickte. „Wie gesagt, Ihre Tante will nur Ihr Bestes. Was die Zahlungen betrifft, so erhalten Sie die ersten zwanzig Pfund im nächsten Monat. Ich nehme doch an, dass Sie dann noch im Lande sind?“

„Ich fürchte, ja.“

Ein Lächeln huschte über Lord Wimseys zerknautschtes Gesicht. „Nehmen Sie es nicht so schwer, liebes Kind. Sie werden sehen, wenn Sie erst einmal lang genug hier sind, werden Sie feststellen, dass es sich in England viel angenehmer leben lässt als in Ihrer Wildnis.“

Vivian ersparte sich einen weiteren Widerspruch und lächelte pflichtschuldigst.

Sie ließ Lord Wimsey allein ins Haus zurückkehren. Mit Sicherheit hatte Lord Wimsey auch ihrem Onkel von Tante Sophies Verfügungen erzählt. Sie scheute davor zurück, sich mit Sir William darüber auseinandersetzen zu müssen. Andererseits war es meistens besser, unangenehme Dinge hinter sich zu bringen. Mit einem Seufzer wandte sie sich daher um und machte sich, ihren Gedanken nachhängend, auf den Weg zurück zum Haus.

Zu ihrer Überraschung begegnete sie auf dem Weg zum Eingang dem fremden Captain, der gerade aus der Tür trat. Sie konnte nicht umhin festzustellen, dass er unter freiem Himmel nahezu verheerend attraktiv wirkte. Sein schmales, gutgeschnittenes Gesicht war braungebrannt, und seine dunklen Haare glänzten in der Sonne. Noch dazu war seine Körpergröße tatsächlich beeindruckend, obgleich er schlank und muskulös war. Seinen Bewegungen haftete etwas sehr Bestimmtes, Energisches an, als er mit weit ausholenden Schritten auf sie zukam. Der Titel eines Captains passte zu ihm, überlegte Vivian. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, wie dieser Mann Befehle gab. Erneut fragte sie sich, ob er dies als Schiffskapitän oder als Offizier beim Militär tat.

„Was für ein netter Zufall“, lächelte Captain Dupont, als er bei ihr angelangt war und vor ihr stehenblieb. „Ich wollte gerade in den Garten hinaus. Würden Sie mir die Freude machen und noch ein paar Schritte mit mir gehen, Miss Darcy?“

„Gern“, stimmte Vivian strahlend zu, erinnerte sich verspätet daran, dass von englischen Ladys etwas mehr Zurückhaltung erwartet wurde, und ergänzte schnell: „Aber nur ein paar Schritte.“

„Hervorragend!“, freute sich Captain Dupont, und sie setzten sich gemeinsam in Bewegung.

Vivian legte den Kopf schief und lächelte den Mann an ihrer Seite verlegen an. „Sie müssen entschuldigen, Captain Dupont, dass ich vorhin so plötzlich in Ihr Gespräch mit meinem Onkel und Lord Wimsey hineingeplatzt bin. Mein Onkel hatte zwar erwähnt, dass er einen Gast erwartet, aber ich hatte es völlig vergessen. Sie müssen mich für sehr unhöflich halten.“

Er warf ihr einen belustigten Blick von der Seite zu. „Nicht im Geringsten. Das Gespräch nahm sowieso gerade eine etwas … nun, ungeplante Wendung. Ihre Unterbrechung kam gerade recht.“

„Wirklich? Ich hatte eher den Eindruck, dass Sie an dem Thema sehr interessiert waren!“

Er zuckte die Achseln. „Nicht mehr als an anderen Themen auch.“ Enttäuscht blinzelte sie, doch da setzte er schon hinzu: „Andererseits habe ich gehört, dass Sie aus den Kolonien stammen. Insofern ist das Thema vielleicht doch interessanter, als ich vorhin dachte.“

Sie hatte das Gefühl, sie würde bis zu den Fußspitzen erröten. „Es wundert mich, dass mein Onkel Ihnen erzählt hat, wo ich herkomme. Normalerweise ist es ihm nämlich eher peinlich, und er versucht, es zu verheimlichen.“

„Ein Engländer, wie er im Buche steht!“, lachte Captain Dupont. „Aber wenn es Sie beruhigt: Es war nicht Ihr Onkel, der mir erzählt hat, wo Sie herkommen.“

Überrascht blieb sie stehen und sah ihn mit großen Augen an. „Nicht mein Onkel?“

„Nein, nicht Ihr Onkel.“

„Und wer dann, wenn ich fragen darf?“

Er zögerte mit der Antwort. Vivian hatte den Eindruck, dass er aus einem unerfindlichen Grund verärgert war. Jedoch hatte sie das Gefühl, dass sich sein Ärger nicht gegen sie richtete. Schließlich zuckte er die Achseln. „Um ehrlich zu sein, ich erinnere mich nicht so genau. Ich glaube, ich habs mal irgendwo aufgeschnappt.“

„Aufgeschnappt! Wie kommen Sie dazu, sich mit irgendjemandem über mich zu unterhalten?“

„Sie wissen doch, wie das so ist in der Gesellschaft. Es wird immer wieder gern über den ein oder anderen geklatscht.“ Er registrierte ihre Empörung und lachte leise. „Aber es besteht wirklich kein Grund zur Aufregung, Vivian. Ich habe nur Gutes über Sie gehört. Nebenbei gefragt, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie hin und wieder Vivian nenne?“

„Nein“, entfuhr es Vivian, ehe sie sich bremsen konnte. Im selben Augenblick war sie erstaunt über sich selbst. Vor einer halben Stunde erst hatte sie diesen Mann kennengelernt, und schon war sie bereit, sich von ihm vertraulich anreden zu lassen. Lieber Himmel, dachte sie, wenn ich nicht aufpasse, hat der mich bald um den kleinen Finger gewickelt!

„Nein“, wiederholte sie daher etwas zögerlicher und setzte sich langsam wieder in Bewegung. „Aber finden Sie es passend, diese Frage schon bei unserer ersten Begegnung zu stellen?“

„Nicht unbedingt, doch spielt das eigentlich kaum eine Rolle, solange Sie nichts dagegen haben“, entgegnete er mit einem fröhlichen Grinsen und schlenderte gemächlich neben ihr her. „Außerdem lässt Ihre spontane Antwort darauf schließen, dass Ihnen Ehrlichkeit wichtiger ist als heuchlerische Höflichkeit und Etikette.“

Sie warf ihm einen skeptischen Blick unter den Wimpern zu. „Woher wollen Sie das wissen? Sie kennen mich doch gar nicht!“

Seine blauen Augen blitzten. „Vermutlich nicht. Und dennoch scheint mir Ihr Temperament geeignet, Sie das, was Sie denken, auch sagen zu lassen.“

Verwirrt blinzelte sie. „Nun, ich weiß zwar nicht, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen, aber … Sie haben recht: Verlogenes Getue mag ich tatsächlich nicht.“

Captain Dupont hob vielsagend eine Braue. „Sehen Sie.“

Sie konnte nicht anders, sie musste lachen. „Oh ja, ich sehe! Und vor allem sehe ich, dass Sie mich gerade sehr erfolgreich manipulieren. Ich sollte Ihnen jetzt eigentlich sagen, dass es sich für eine englische Lady nicht gehört, sich von einem fremden Gentleman schon nach so kurzer Bekanntschaft vertraulich anreden zu lassen!“

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Ist es das, als was Sie sich fühlen? Als englische Lady?“

„Was für eine seltsame Frage“, merkte Vivian irritiert an. „Wollen Sie etwa sagen, ich wäre keine Lady?“

„Gott bewahre!“, stöhnte Captain Dupont lachend auf. „Für wie ungalant halten Sie mich! Ich wollte lediglich feststellen, wo Ihre Sympathien liegen. Beim englischen König – oder auf Seiten der amerikanischen Rebellen?“

„Warum wollen Sie das wissen?“, fragte sie verwundert.

„Reine Neugier“, entgegnete er mit einem Augenzwinkern.

Vivian schüttelte ratlos den Kopf. Doch da sie nicht wusste, was sie erwidern sollte, kam sie zurück auf ihr ursprüngliches Thema: „Also gut, Sie dürfen mich Vivian nennen, auch wenn es sich eigentlich nicht gehört. Aber im Gegenzug müssen Sie mir dann auch Ihren Vornamen verraten.“

„Gérard. Mein Vorname ist Gérard.“

Vivian warf ihm einen scharfen Blick zu. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass für den Bruchteil einer Sekunde das selbstsichere Lächeln aus seinen Augen gewichen und ein Schatten über sein Gesicht gehuscht war. „Gefällt Ihnen Ihr Vorname nicht?“, fragte sie verblüfft.

„Wie kommen Sie denn darauf?“

„Weil Sie kurz gezögert haben, ehe Sie ihn aussprachen.“

Seine Augenbraue zuckte in die Höhe, und er musterte sie mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. „Sie sind eine bemerkenswert scharfe Beobachterin.“

„Also stimmt es? Ihnen gefällt Ihr eigener Name nicht?“

Er zuckte scheinbar gleichmütig die Achseln. „Wer kann sich seinen Namen schon aussuchen.  Wissen Sie eigentlich, dass Sie wunderschönes Haar haben?“

Aus der Fassung gebracht, vergaß Vivian kurz, was sie eigentlich hatte erwidern wollen. Mühsam sammelte sie ihre sieben Sinne. „Gérard Dupont“, murmelte sie und sah ihn forschend an. „Das klingt sehr französisch. Sind Sie Franzose? Und was machen Sie in England, wenn Sie es sind?“

„Oh, ich bin gewissermaßen geschäftlich hier“, entgegnete er ausweichend. „Haben Sie Ihre goldenen Haare eigentlich von Ihrer Mutter geerbt, oder sind Sie als Einzige in Ihrer Familie mit dieser Pracht ausgestattet?“

„Captain Dupont, Sie versuchen, vom Thema abzulenken!“, schalt Vivian mit einem verlegenen Lachen in der Stimme.

„Und wollen Sie mich dafür etwa tadeln?“, grinste er. „Sie müssen zugeben, dass Sie wunderschöne Haare haben. Ich kenne zwar in meiner Heimat viele hübsche Mädchen, aber keines hat so prachtvolle Haare wie Sie.“

„Du meine Güte! Flirten Sie mit jedem Mädchen, das Ihnen begegnet, gleich so heftig?“

Er lachte leise. „Sie glauben, ich flirte?“

„Allerdings. Und wenn ich es nicht glauben soll, müsste ich denken, dass Sie sehr hartnäckig versuchen, irgendwelchen Fragen von mir auszuweichen!“

Seine Braue zuckte erneut hoch. „Warum sollte ich das tun? Es wäre albern, oder etwa nicht? Und davon abgesehen: Ich möchte den Mann sehen, der beim Anblick Ihrer goldenen Locken nicht ins Schwärmen gerät. Also, haben Sie diese herrlichen Haare von Ihrer Mutter?“

„Oh, Sie sind unmöglich“, lachte Vivian.

„Dann beantworten Sie mir eine andere Frage“, lächelte er. „Warum leben Sie hier auf diesem abgelegenen Landsitz? Sollte eine junge Lady Ihres Standes nicht eigentlich die Londoner Saison genießen, um sich einen passenden Ehemann zu angeln?“

„Finden Sie diese Frage nicht ein wenig indiskret?“

„Absolut. Aber da wir vorhin festgestellt haben, dass Ihnen Verlogenheit zuwider ist, kann ich doch nicht so tun, als würden Sie mich nicht interessieren!“

Sprachlos starrte sie ihn an. Dann schüttelte sie lachend den Kopf. „Captain Dupont, ich glaube wirklich, Sie sind der dreisteste Mann, der mir je begegnet ist!“

In seinen Augen funkelte es belustigt. „Wie Sie meinen. Trotzdem interessiert es mich, warum Sie hier leben.“

Sie seufzte. „Es hat sich so ergeben. Obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht sonderlich glücklich darüber bin. Aber ich glaube, ich sollte Sie besser nicht mit meiner Lebensgeschichte langweilen.“

„Warum nicht?“, fragte er ruhig.

Sie blinzelte verblüfft. „Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, dass es Sie wirklich interessiert, warum ich bei meinem Onkel lebe?“

„Doch, das tut es. Wenn ich genauer darüber nachdenke, würde ich sogar sagen, dass ich Ihre Lebensgeschichte ausgesprochen gern hören würde.“

„Das meinen Sie nicht ernst!“, lachte Vivian.

„Oh doch, und ob.“ Augenzwinkernd setzte er hinzu: „Schließlich kann ich nicht auf mir sitzenlassen, dass ich nur dreiste Fragen stellen kann. Glauben Sie mir, ich bin ein ebenso guter Zuhörer wie Fragesteller.“

„Ach, ich weiß nicht“, entgegnete Vivian zögernd.

„Und warum nicht?“

„Ich kenne Sie doch gar nicht!“

„Das ist wahr, und ich kenne Sie nicht. Aber ich würde Sie gern besser kennenlernen. Da wäre Ihre Lebensgeschichte sicher sehr hilfreich. Außerdem wäre es mir ein Vergnügen, Ihrer sanften Stimme zu lauschen.“

Sie lachte. „In London gibt es bestimmt sehr viele Ladys, deren sanften Stimmen Sie lauschen könnten!“

Seine Augen blitzten amüsiert auf. „Gewiss. Trotzdem kann ich Ihnen versichern, dass mich Ihre Geschichte vielmehr interessiert als die irgendeiner Dame der Londoner Gesellschaft.“

„Die Londoner Ladys sind bestimmt sehr hübsch und anmutig.“

„Nicht so hübsch wie Sie“, lächelte er.

Sie blinzelte verlegen und versuchte, das Thema zu wechseln. „Erzählen Sie mir von London. Ich bin erst ein einziges Mal da gewesen, wissen Sie. Onkel William hält nicht viel von Ausflügen in die Stadt.“

„Das würde ich gern tun, aber ich kenne mich selbst nicht allzu gut in London aus. Was interessiert Sie denn?“

„Ich dachte, Sie kämen aus London?“, stellte sie überrascht fest.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nur zu Besuch dort.“

„Dann leben Sie auf dem Land?“

„Wenn ich zuhause bin schon. Leider war ich lange nicht mehr dort.“

„Warum nicht? Fühlen Sie sich zuhause nicht wohl?“

„Ich fühle mich zuhause sogar sehr wohl“, widersprach er achselzuckend. „Nichtsdestotrotz bin ich seit längerem nicht mehr da gewesen.“

„Und warum nicht?“, wiederholte sie ihre Frage. „Was machen Sie denn, dass Sie so lange von zuhause fort sein müssen?“

„Nichts Besonderes.“ Er blickte ausdruckslos in die Ferne. „Die Umstände erfordern es nun einmal, dass ich oft auf Reisen gehen muss. Auch wenn ich gern öfter zuhause wäre.“

„Wo sind Sie denn zuhause? In Frankreich?“

Mit einem breiten Grinsen schüttelte er den Kopf: „Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit, aber wir wollten eigentlich von Ihnen reden. Kommen Sie, diese Bank hier sieht doch sehr einladend aus. Setzen wir uns, und dann erzählen Sie mir von sich und Ihrer Familie.“

Widerstrebend nahm Vivian auf der schmiedeeisernen Gartenbank im Schatten einer hohen Kastanie Platz. Captain Dupont setzte sich mit ein wenig Abstand daneben und ließ den Blick nachdenklich in die parkartige Landschaft gleiten. Verlegen glättete sie ihre Röcke und überlegte, ob sie ihm wirklich Einblick in ihr früheres Leben gewähren sollte. Der Captain selbst war offenbar nicht bereit, viel von sich preiszugeben, was sie ein klein wenig ärgerte.

Unvermittelt wandte er ihr den Blick zu und sah sie sekundenlang forschend an. Mit einer Ernsthaftigkeit, die sie ihm gar nicht zugetraut hätte, bemerkte er ruhig: „Ich würde wirklich gern mehr über Sie erfahren, Vivian. Aber wenn es Ihnen widerstrebt, sich mir anzuvertrauen, können wir das Thema auch lassen. Sie müssen mir nichts erzählen, wenn Sie nicht wollen. Es war absolut nicht meine Absicht, aufdringlich und neugierig zu sein. Ich hatte lediglich gedacht, Sie würden vielleicht gern von Ihrer Heimat reden.“

Sie blinzelte, überrascht von seinem Einfühlungsvermögen. „Ehrlich gesagt, eigentlich gibt es nichts, was ich lieber täte, als Ihnen von meiner Heimat zu erzählen! Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Sehnsucht ich nach Hause habe. Aber niemand hier in England will irgendetwas von Amerika hören! Ich wäre so froh, wenn ich einmal von Charleston und meinem Leben reden könnte. Aber ich will Sie wirklich nicht langweilen.“

„Warum sind Sie so überzeugt, dass Sie mich langweilen würden? Warum lassen Sie es nicht einfach drauf ankommen?“

„Wenn Sie wirklich meinen …“, willigte sie mit einem Anflug von Nervosität in der Stimme ein.

„Ganz bestimmt“, versicherte er nachdrücklich.

Vivian lachte und sah ihn skeptisch an. Captain Dupont seinerseits lehnte sich entspannt zurück, streckte die langen Beine aus und blickte sie erwartungsvoll an.

„Nun gut“, seufzte Vivian. „Eigentlich gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Ich bin in Charleston geboren worden, wissen Sie. Mein Vater arbeitete dort als Anwalt. Vorher hat er in England studiert. Mein Onkel James, Onkel Williams jüngerer Bruder, war ein Studienfreund von ihm. Irgendwann brachte Onkel James meinen Vater zu Besuch mit nach Oakfield. So lernte mein Vater meine Mutter kennen. Soweit ich gehört habe, war es Liebe auf den ersten Blick.“

„Klingt romantisch“, lächelte Captain Dupont.

„Das muss es wohl auch gewesen sein“, stimmte Vivian gedankenvoll zu. „Allerdings war die Familie meiner Mutter zunächst wohl nicht sehr begeistert von der Idee, dass sie einen Amerikaner heiraten wollte. Sehen Sie, meine Mutter war das Nesthäkchen der Familie und der Liebling ihrer Geschwister. Onkel William behauptet sogar, sie wäre seine Lieblingsschwester gewesen. Und meine Tante Sophie soll tagelang geweint haben, als meine Mutter schließlich nach dem Studienabschluss meines Vaters und der Hochzeit mit meinem Vater nach Charleston zog. Aber da meine Mutter mit meinem Vater glücklich war, haben sich schließlich wohl alle damit abgefunden. Bis meine Mutter dann drei Jahre später bei der Geburt meiner beiden Brüder starb.“

„Brüder?“, fragte Dupont verblüfft, sodass Vivian verwundert die Stirn runzelte.

„Zusammen mit meiner Mutter starben sie bei der Geburt“, erklärte sie traurig. „Es waren Zwillinge.“

„Das tut mir sehr leid.“

Vivian atmete tief durch. „Meine Mutter hatte in ihren wenigen Jahren in Charleston Freundschaft mit einer anderen jungen Frau geschlossen. Ihr Name ist Ann Welsey. Sie ist für mich nach dem Tod meiner Mutter zu so etwas wie einer Ersatzmutter geworden. Sie war es auch, die meinen Vater nach dem Tod meiner Mutter aus seiner Lethargie gerissen hat. Verstehen Sie, er hat meine Mutter sehr geliebt. Für ihn muss eine Welt zusammengebrochen sein, als sie starb. Aber er fing sich und sorgte sehr gut für mich.“

„Mit Ann Welseys Hilfe?“, bemerkte Dupont fragend an.

„Ja, mit ihrer Hilfe und der ihrer Familie. Sie hat einen wunderbaren Mann und drei großartige Söhne, wissen Sie. Die drei Jungs sind für mich beinahe so etwas wie richtige Brüder.“

Dupont lächelte, und sie fuhr seufzend fort: „Dann tauchte plötzlich Tante Sophie in Charleston auf. Nachdem sie vom Tod meiner Mutter erfahren hatte, wollte sie für mich sorgen. Ihre ursprüngliche Absicht war es wohl, mich nach England zu holen, aber davon wollte natürlich mein Vater nichts wissen.“

„Also blieb Ihre Tante in Charleston?“

„Ja, ganz recht. Es fiel ihr nicht leicht, glaube ich. Aber mit der Zeit lebte sie sich ganz gut ein und führte meinem Vater den Haushalt. Sogar mit Ann kam sie später halbwegs zurecht und ließ sich von ihr manchen Ratschlag auf dem Gebiet der Kindererziehung geben. So kam es, dass ich trotz des frühen Todes meiner Mutter sehr wohlbehütet aufwuchs. Unter Anns Anleitung lernte ich Lesen und Schreiben. Tante Sophie brachte mir das Nähen und Sticken bei und manch andere Kunst, die eine junge Dame ihrer Meinung nach beherrschen musste. Um meine Fertigkeiten zu vervollkommnen, wurde ich dann im Alter von vierzehn Jahren auf eine erstklassige Schule für Mädchen aus besserer Gesellschaft geschickt.“

Captain Dupont zwinkerte ihr zu. „Wo Sie lernten, eine wohlerzogene, junge Lady zu werden?“

Sie lächelte unterdrückt. „Nun ja, vermutlich nicht ganz erfolgreich. Sehen Sie, ich ging sehr gern zur Schule, aber noch mehr freute ich mich, wenn die Ferien kamen und ich nach Hause fahren konnte. Dann ritt ich mit Anns Söhnen um die Wette, kletterte auf Bäume und missachtete zu Tante Sophies Entsetzen so ziemlich alles, was ich an gutem Benehmen gelernt hatte. Sie können sich nicht vorstellen, wie schockiert meine Tante war, wenn ich Treppen hinunterstürmte, statt hinabzuschreiten, oder mit den Jungen die Gegend erkundete, statt mit anderen jungen Mädchen meines Alters beim Tee zu sitzen.“

„Das klingt, als hätten Sie eine sehr glückliche Kindheit gehabt“, lächelte der Captain.

„Oh ja, und wie“, seufzte Vivian. „Meine Tante fand mein Benehmen zwar ungeheuerlich, aber mein Vater war sehr verständnisvoll. Und zum Glück hat Ann ihn in seiner Haltung immer unterstützt.“

„Diese Ann – Sie haben Sie sehr gern, oder?“

„Ja. Die Welseys waren immer meine zweite Familie, verstehen Sie. Ich wäre nach dem Tod meines Vaters so gern bei ihnen geblieben. Ich habe Tante Sophie angefleht und gebettelt – aber es hat alles nichts genützt. Sie brachte mich hierher zu Onkel William.“

„Wieso hat sie sich nicht selbst weiter um Sie gekümmert?“, wunderte sich Captain Dupont. „Ich meine, wenn sie Sie schon aus Ihrer vertrauten Umgebung und Ihrer Heimat gerissen hat. …“

„Tante Sophie ist in Charleston nie ganz heimisch geworden. Und angesichts der Umstände, unter denen mein Vater starb …“

Dupont hob fragend eine Braue.

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles erzählen sollte“, zögerte Vivian.

„Wenn ich Sie recht verstehe, starb Ihr Vater keines natürlichen Todes“, überging er ihren Einwand.

Vivian atmete tief durch und entschloss sich, ihm auch die restliche Geschichte zu erzählen. „Als ich siebzehn Jahre alt war, starb überraschend der ältere Bruder meines Vaters. Er war kinderlos, sodass mein Vater die Familienplantage erbte, die sein Bruder bewirtschaftet hatte. Sie lag nicht weit von Charleston entfernt am Ashley River. Beim Tode meines Großvaters fünfzehn Jahre zuvor soll es eine gut gehende Baumwollplantage gewesen sein. Doch mein Onkel hatte es in wenigen Jahren geschafft, sie vollkommen herunterzuwirtschaften. Mein Vater beschloss daher, als er von der Erbschaft erfuhr, Tante Sophie und mich in Charleston zurückzulassen und die Plantage erst einmal in Augenschein zu nehmen. Kurz nach seiner Ankunft auf Summerville schrieb er uns einen Brief. Offenbar übertrafen die Zustände auf der Plantage noch seine schlimmsten Befürchtungen. Die Felder waren überschwemmt, das Haus baufällig, Vieh war überhaupt keines mehr vorhanden. Auch die Diener waren alle fort. Mein Vater schrieb uns, dass er in ein paar Tagen nach Charleston zurückkehren würde, um notwendige Materialien für die Instandsetzung zu besorgen. Doch bevor er wieder abreiste, wurde er ermordet.“

Sichtlich erschüttert, murmelte der Captain: „Das tut mir sehr leid. Möchten Sie weiterreden? Oder tut es Ihnen zu sehr weh?“

Vivian schluckte. „Wir haben nie genau erfahren, was wirklich in den Tagen passiert ist, die mein Vater noch auf Summerville blieb. Dem Bericht der Behörden zufolge war mein Vater noch auf der Plantage, als zwei Landstreicher in die Ställe eindrangen. Mein Vater hat sie vermutlich dabei überrascht und wurde von den Landstreichern erschlagen. Er … er muss sofort tot gewesen sein, wurde uns gesagt.“

Ihr standen Tränen in den Augen, und sie konnte nicht weitersprechen. Captain Dupont langte zu ihr herüber und drückte ihre Hand. Sie war sich der Unschicklichkeit seiner Geste bewusst, und doch war sie seltsam tröstlich. Mit zitternder Stimme fuhr sie fort: „Wir machten uns damals größte Sorgen, als wir tagelang nichts mehr von meinem Vater hörten. Später erfuhren wir, dass seine Leiche erst nach einigen Tagen entdeckt worden war, weil Summerville abseits von allen Hauptstraßen und Wegen lag. Erst als der Notar, der meinem Vater noch einige Unterlagen wegen der Erbschaft vorbeibringen wollte, nach ein paar Tagen auf Summerville eintraf, fand er meinen Vater und verständigte die örtlichen Behörden. Die Beamten erinnerten sich daraufhin an zwei Landstreicher, die sich seit einigen Wochen in der Gegend herumtrieben und schon auf verschiedenen Anwesen eingebrochen hatten. Zwei Wochen nach dem Überfall auf Summerville wurden sie bei einem anderen Einbruch gefasst.“

„Haben die Landstreicher den Mord an Ihrem Vater gestanden?“

Sie nickte. „Ja, und sie wurden dafür gehängt. Aber das macht meinen Vater auch nicht wieder lebendig.“

„Sie vermissen ihn sehr, nehme ich an?“, fragte Captain Dupont, und in seiner Stimme schwang aufrichtiges Mitgefühl mit.

„Ich … ich kann noch nicht einmal sein Grab besuchen. Er ist in Charleston beerdigt. Tante Sophie hätte mich nicht fortbringen dürfen.“

„Sie wollte sicher nur Ihr Bestes“, versuchte er zu trösten.

„Ich weiß“, seufzte Vivian. „Ich wünschte trotzdem, sie hätte mich in Charleston bei Ann bleiben lassen.“

„Vielleicht glaubte sie, Sie würden in einer fremden Umgebung schneller über den Tod Ihres Vaters hinwegkommen.“

„Ja, vermutlich“, stimmte Vivian nachdenklich zu. „Aber da irrt sie sich. Dennoch verstehe ich meine Tante, auch wenn sie es vermutlich nicht glaubt. Ich weiß, dass sie nach dem Tode meines Vaters keinen Grund mehr für sich sah, in Amerika zu bleiben. Sie hatte schon seit langem unter heftigem Heimweh gelitten und hielt nach Vaters Tod die Zeit für gekommen, mit mir nach England zurückzukehren. Ich weiß, dass Vaters Tod sie sehr bekümmerte. Und obendrein hatte sie fürchterliche Angst.“

„Angst? Wovor?“

„Nun, sehen Sie, die amerikanischen Kolonien hatten sich inzwischen von England losgesagt. Meine Tante fürchtete, wegen des Krieges irgendwann nicht mehr nach England zurückkehren zu können. Charleston war zwar noch nicht blockiert, aber das konnte ja noch kommen. Meine Tante hielt es daher für zwingend nötig, so schnell wie möglich abzureisen. Vielleicht hätte sie es sogar ohne Vaters Tod getan, nur dass ich dann hätte bleiben können. Meine Tante fühlte sich nämlich schon lange nicht mehr wohl in den Kolonien. Genauer gesagt, seit amerikanische Rebellentruppen die englischen Truppen bei Lexington und Concord angegriffen hatten.“

Dupont nickte gedankenverloren. „Ja, das Land war danach in ständiger Unruhe. Kein Wunder, dass Ihre Tante besorgt war.“

Vivian wunderte sich kurz, woher er das wusste, fuhr aber fort: „Meine Tante sagte immer, der Revolutionsgeist würde sich ausbreiten wie eine Seuche. Mit der offiziellen Lossagung von England kam sie nie klar. Das Herz meiner Tante schlägt für England, und jeder in Charleston wusste das. Sie hatte immer Angst, man würde ihr das irgendwann übelnehmen. Vor allem, nachdem der Versuch englischer Schiffe, Fort Moultry zu nehmen, jämmerlich gescheitert war.“

„Weil dadurch Charleston fest in Rebellenhand geriet?“

„Ja, ganz recht. Sie wissen offenbar gut Bescheid.“

Er zuckte die Achseln. „Nur, was jeder so weiß.“

Sie warf ihm einen verwunderten Blick zu. „Nun, wie auch immer. Meine Tante fürchtete ständig, dass die Rebellen auch Angriffe auf ihre Person starten könnten. Es half nichts, dass wir ihr alle wieder und wieder erklärten, dass der Anteil der Königstreuen in den südlichen Landesteilen relativ groß war. Sie fühlte sich trotzdem immer mehr wie eine Aussätzige und glaubte es nur Vaters patriotischer Gesinnung und seinem öffentlichen Bekenntnis zu den Rebellen zu verdanken, dass ihr noch nichts geschehen war. Mit seinem Tod änderte sich ihrer Meinung nach ihre Lage daher dramatisch.“

„Weshalb sie mit Ihnen nach England heimkehrte“, nickte er.

„Ja. Es war nicht ganz einfach. Von Charleston aus fuhren keine Schiffe mehr nach England, und ich hoffte schon, dass wir bleiben würden. Doch unter großen Mühen fand meine Tante jemanden, der uns nach Norden brachte, von wo aus wir in See stechen konnten. Drei Monate nach Vaters Tod war ich in England.“

„Wo Ihre Tante Sie bei Ihrem Onkel abgeliefert hat.“

Vivian lachte kurz. „Ja, aber daran ist nur ihr Gerechtigkeitssinn schuld!“

„Was hat das mit Gerechtigkeit zu tun?“, wunderte er sich.

„Nun, es ist nicht etwa so, dass meine Tante mich plötzlich weniger gerngehabt hätte, glaube ich. Sie war nur einfach überzeugt, dass es Onkel William guttun würde, wenn jemand bei ihm lebt. Sehen Sie, mein Onkel lebt im Allgemeinen sehr zurückgezogen. Meine Tante fürchtete, er wäre einsam.“

Mit zuckenden Mundwinkeln fragte er: „Und was hat Ihr Onkel zu dieser gutgemeinten Beglückung gesagt?“

Seine gute Laune wirkte ansteckend, und sie lachte. „Ich glaube, er wäre dieser Beglückung lieber entgangen. Doch seine Versuche, meine Tante davon zu überzeugen, dass ich bei ihr besser aufgehoben wäre, schlugen in jeder Hinsicht fehl. Meine Tante war felsenfest davon überzeugt, dass ihm ein wenig weibliche Gesellschaft guttun würde. Sie beschwichtigte ihn zunächst damit, dass ich nur ein paar Wochen bleiben sollte, solange, bis sie ein geeignetes Stadthaus für uns beide gefunden hätte. Doch wie es sich zeigte, war meine Tante äußerst wählerisch. War ihr das eine Haus zu klein, war ihr das nächste zu groß. Kein Haus hielt ihrem prüfenden Auge stand. Schließlich nistete sie sich im Hause meines Onkels James ein, ihres jüngeren Bruders, der in London lebt und dort ein angesehener Anwalt ist.“

„Und für Sie war kein Platz bei Ihrem Onkel James?“

„Ich weiß es nicht genau. Tante Sophie behauptet, sie hätte mich gern nachgeholt, aber ich weiß nicht, ob sie das ernst meinte. Ich glaube eher, sie ist ganz zufrieden, dass ich jetzt bei Onkel William lebe. Und Onkel James hat immerhin vier fast erwachsene Kinder. Ich nehme an, da ist kein Zimmer frei, das er mir hätte geben können.“

Vivian atmete tief durch und erhob sich. Auch Captain Dupont verließ seinen Platz auf der Bank, und sie setzten sich gemeinsam schlendernd in Bewegung. „Sie sehen also“, schloss sie, „dass ich nicht freiwillig hier in England bin. Doch solange ich nicht volljährig bin, kann ich nicht fort, weil mein Onkel mich nicht gehen lassen will.“

„Sie meinen also, Sie würden nach Amerika zurückgehen, wenn Sie könnten?“

„Natürlich würde ich zurückgehen“, entgegnete Vivian energisch. Sie hielt kurz inne und betrachtete sinnend die roten und gelben Rosen, den schlichten, mit vielen Rasenflächen angelegten Park und die bunten Blumenbeete. „Sie ahnen ja nicht, wie sehr ich mich zurücksehne! Nach den Baumwoll- und Reisfeldern, dem Geruch nach dumpfen Sümpfen und den weiten unberührten Landflächen.“ Sie bemerkte den nachdenklichen Ausdruck in Captain Duponts Augen und versuchte ihm zu erklären, was sie empfand: „England ist schön. Aber es ist so ganz anders als Amerika. Hier ist alles ordentlich, jedes Feld hat seinen Eigentümer. Wenn man innerhalb Englands reist, weiß man immer, dass man bald auf die nächste Ortschaft oder zumindest ein bewohntes Haus stoßen wird. Das ist in Amerika ganz anders. Dort kann man tagelang reisen, ob in einer Kutsche oder auf einem Boot, ohne dass man einen Menschen trifft. Das ganze Land ist wild. – Und dann Charleston! In Charleston spürt man das pulsierende Leben. Der salzige Geruch des Meeres, das Glockengeläut von Sankt Michael, das zu Charleston gehört, solange ich denken kann – all das ist wundervoll.“ Sie merkte, wie die Begeisterung mit ihr durchging, und lächelte den Captain entschuldigend an. „Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können, wenn Sie Charleston nicht kennen. Aber für mich ist es einfach die schönste Stadt auf Erden.“

Captain Dupont hatte Vivian lächelnd zugehört. Seine langen, schmalen Finger spielten mit einem Lindenblatt, das er gepflückt hatte. Vivian fiel auf, wie sonnengebräunt und kräftig seine Hand wirkte. „Ich denke schon, dass ich Sie verstehe“, entgegnete er gedehnt. „Dort, wo man geboren wurde, ist es immer am schönsten.“

„Vielleicht“, pflichtete Vivian ihm niedergeschlagen bei.

Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Kopf hoch, Vivian! Sie werden eines Tages zurückkehren.“

„Nett, dass Sie mir Mut machen wollen, aber … wieso sind Sie da so sicher?“

„Weil aus jedem Ihrer Worte eine solche Sehnsucht spricht, dass Sie gar nicht anders können, als irgendwann zurückzukehren.“

Sie blinzelte verblüfft. Jeder, dem sie in den letzten zwei Jahren von ihrem Wunsch nach einer Rückkehr nach Charleston und Amerika erzählt hatte, hatte das als vorübergehende Träumerei abgetan und ihr versucht einzureden, dass sie in England viel besser aufgehoben wäre. Und nun stand hier dieser nahezu wildfremde Mann und vermittelte ihr zum ersten Mal das Gefühl, verstanden zu werden!

Sie hob den Kopf und begegnete Duponts Blick, der gedankenverloren auf ihr ruhte. Er wirkte so ganz anders als am Anfang ihres Gesprächs, als er ihr mehr oder weniger als unverbesserlicher Schürzenjäger erschienen war. Eigentlich gefiel ihr diese ernste Seite an ihm beinahe noch besser. Zaghaft lächelte sie ihn an.

Der Captain erwiderte ihr Lächeln mit einer herzlichen Wärme in den Augen. Instinktiv machte Vivian einen Schritt auf ihn zu, sodass sie sehr dicht vor ihm stand, als sie leise fragte: „Und was ist mit Ihnen? Sehnen Sie sich auch nach Hause, wo auch immer es ist?“

„Ja, manchmal.“

Vivian entging nicht sein jäh unwilliger Tonfall, und sie fragte sich, warum es ihm so widerstrebte, über seine Heimat zu sprechen. Sie war kurz davor, ihn genau das zu fragen, doch unvermittelt änderte sich sein Gesichtsausdruck erneut, und er schlug mit einem Bedauern in der Stimme vor: „Lassen Sie uns zum Haus zurückkehren, Miss Darcy. Ihr Onkel und Lord Wimsey werden sich bestimmt schon fragen, was wir hier draußen so lange treiben. Außerdem habe ich noch einige Dinge zu erledigen, so gern ich auch weiter Ihre nette Gesellschaft genießen würde.“

Leicht verwundert, dass er ihre Unterhaltung so abrupt beendete, nickte sie und fragte sich dabei, was ein Fremder in dieser Gegend schon zu erledigen haben könnte. Dupont schien ihre Gedanken zu erraten, denn er lachte noch einmal auf und erklärte: „Ich muss Briefe schreiben, kleines Fräulein Neugier. Und mein Pferd braucht Bewegung.“

Verblüfft runzelte Vivian die Stirn. „Sie sind nicht mit Lord Wimsey in der Kutsche gekommen?“ Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass sie das `Fräulein Neugier´ protestlos auf sich sitzenließ. Denn schließlich hatte der Captain bisher weit mehr über sie erfahren als sie über ihn.

„Ich lass mir lieber auf dem Rücken eines Pferdes den Wind um die Nase wehen“, erklärte er mit einem unterdrückten Lächeln. „In der Kutsche hätte ich mich nur gelangweilt.“

„Oh. Nun – das verstehe ich“, räumte Vivian ein. „Ich reite selbst sehr gern.“ Doch auch wenn sie vorgab, ihn zu verstehen, war sie doch verblüfft. Captain Dupont war heute Morgen erst angekommen. Wieso brauchte sein Pferd da Bewegung? Die Frage brannte ihr auf der Zunge, aber sie schluckte sie hinunter, um ihm nicht noch einmal Anlass zu geben, sie für neugierig zu halten.

Dupont gab sich den Anschein, ihre Verwirrung nicht zu bemerken, und bot ihr augenzwinkernd seinen Arm. „Darf ich Sie dann also ins Haus geleiten, Miss Darcy?“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Nein, gehen Sie nur allein. Ich würde lieber noch etwas länger durch den Garten streifen.“

„Wie Sie wünschen, Miss Darcy. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern.“

„Captain Dupont!“, hielt sie ihn noch einmal auf, als er eine Verbeugung andeutete und sich abwenden wollte. „Sehen wir uns wieder?“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort und ließ seinen Blick noch einmal in aller Ruhe bewundernd über ihre schlanke Gestalt gleiten. Schließlich lächelte er, mit einem seltsamen, undeutbaren Ausdruck in den glitzernden Augen. „Ich nehme an, wir sehen uns beim Dinner, Miss Darcy.“

Das war es nicht, was sie gemeint hatte. Und sie war sich sicher, dass der Captain das ganz genau wusste! Doch offenbar wollte er ihre Frage nicht beantworten. „Nun, dann … dann bis zum Dinner, Captain Dupont.“

Er nickte kurz, dann wandte er sich ab und machte sich mit energischen, federnden Schritten auf den Weg zurück ins Haus.

Im Schatten einer großen Eiche stehend, betrachtete Vivian gedankenverloren die sich entfernende Gestalt. Sie war noch nie einem so virilen und gleichzeitig so viel Gelassenheit ausstrahlenden Menschen begegnet. Mit einer bemerkenswerten Mischung aus Humor und Einfühlungsvermögen hatte Captain Dupont es geschafft, dass sie sich in seiner Gegenwart so gelöst und lebendig wie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Noch dazu war es dem Mann gelungen, jeder ihrer Fragen auszuweichen, während sie ihm bereits ihre gesamte Lebensgeschichte anvertraut hatte. Kopfschüttelnd fragte sie sich, woran es lag, dass sie ihm so schnell ihr Vertrauen geschenkt hatte. Widerstrebend gestand sie sich ein, dass sie sich stärker zu ihm hingezogen fühlte, als vermutlich klug war. Captain Dupont war bei weitem der interessanteste, humorvollste und faszinierendste Mann, der ihr in ihren jungen Jahren bisher begegnet war, und das nicht nur, weil sie ihn geradezu umwerfend attraktiv fand. Doch er war mit Abstand auch der rätselhafteste Mensch, den sie kannte.

Seufzend machte sie sich nach ein paar Minuten dann doch auf den Weg ins Haus. Es war einfach albern und lächerlich, zu viele Gedanken an einen Mann zu verschwenden, dem sie aller Wahrscheinlichkeit nach so bald nicht wieder begegnen würde, wenn er erst abgereist war. Dass er der Beantwortung der Frage, ob sie sich wiedersehen würden, ausgewichen war, war immerhin aufschlussreich genug. Obendrein hatte sie im Laufe ihrer Unterhaltung den Eindruck gewonnen, dass Dupont keineswegs ein Bekannter ihres Onkels war, was einen weiteren Besuch des Captains auf Oakfield eher zweifelhaft erscheinen ließ. Unwillkürlich fragte sie sich, warum er überhaupt nach Oakfield gekommen sein mochte. Er hatte erwähnt, dass er häufig geschäftlich unterwegs wäre. Aber was für Geschäfte sollte ein Captain mit Sir William machen, der sich für nichts anderes als seine Ländereien und Politik interessierte?

Sie erreichte das Haus und öffnete sehr nachdenklich die Tür. Mit einem kurzen Blick auf die große Standuhr in der Halle stellte sie erschrocken fest, dass es schon beinahe Zeit für das Mittagessen war und sie sich umziehen musste. Der Besuch des Captains hatte ihren Tagesablauf auf Oakfield auf angenehme Art durcheinandergebracht, und sein persönliches Interesse an ihr hatte sie überrascht. Sie war gespannt, ob die Zukunft noch mehr Überraschungen bereithalten würde. Beinahe hoffte sie, dass es so wäre.

Der Gegenstand von Vivians geistigen Betrachtungen saß derweil an einem schweren Schreibtisch aus alter Eiche in einem der zahlreichen Gästezimmer von Oakfield und ließ seinen Blick in Gedanken versunken aus dem halbhohen Fenster hinter dem Schreibtisch schweifen. Doch sein Blick blieb nicht an der lieblichen Schönheit der englischen Landschaft mit ihren Feldern und Hecken hängen, die sich vor seinen Augen erstreckte, sondern an der schlanken, eleganten Gestalt, die sich gerade mit zögernden Schritten dem Hauseingang näherte. Offensichtlich, überlegte er mit einem Lächeln, hatte die entzückende Miss Darcy ihre Pläne geändert und verzichtete nun doch darauf, noch länger durch den Garten zu streifen.

Mit einem unterdrückten Grinsen fragte er sich, ob die junge Dame gerade ebenso viele Gedanken an ihn verschwendete wie er an sie. Doch dann schüttelte er über seine eigene Dummheit den Kopf. Statt nämlich den Brief zu schreiben, den er dringend nach Frankreich abschicken musste, saß er da und träumte vor sich hin! Dabei war es kompletter Irrsinn, in seiner augenblicklichen Lage auch nur einen einzigen Gedanken an ein mögliches Wiedersehen mit einer zumindest zur Hälfte englischen Lady zu verschwenden! Und selbst wenn sie nicht die Nichte eines britischen Baronets wäre, blieb trotzdem die Tatsache, dass ihn bald die Weite des Ozeans von ihr trennen würde. Ganz davon abgesehen, dass er wirklich wichtigere Dinge zu tun hatte, als ein Techtelmechtel mit der kleinen Lady einzugehen, mochte er sie auch noch so reizvoll finden.

Gedankenverloren ließ er die Schreibfeder sinken, als Vivian beim Öffnen der Haustür aus seinem Sichtfeld verschwand. Zu dumm, dass Vivian Darcy und er sich nicht unter anderen Umständen begegnet waren, überlegte er mit einem bedauernden Kopfschütteln. Wäre er ihr zuhause in der Heimat vorgestellt worden, hätte er ihr den Hof machen können. Aber wie die Dinge lagen, war daran nicht einmal im Traum zu denken!

Er unterdrückte kurz ein spöttisches Lachen. Bei Gott, er kannte wirklich genug hübsche Frauen in seiner Heimat! Warum, um alles in der Welt, fing er jetzt an, sich von dem Gedanken niederdrücken zu lassen, dass er Vivian Darcy vermutlich so schnell nicht wiedersehen würde? Sie war noch nicht einmal im klassischen Sinne schön! Aber sie war auf verwirrende, fesselnde Art hübsch und lebendig und obendrein von einer impulsiven, warmherzigen Natur, die ihn faszinierte. Zumal sie auch noch gebildet und intelligent wirkte, was er durchaus zu schätzen wusste. Tatsache war jedenfalls, dass er sich noch nie so stark zu einer Frau hingezogen gefühlt hatte wie zu ihr. Vermutlich lag es nur an dem enthaltsamen Leben, das er zurzeit führte, versuchte er sich zu beruhigen. Und dennoch: Als er sich von Lord Wimsey nach Oakfield hatte mitnehmen lassen, um einem Freund einen Gefallen zu tun, hätte er um nichts in der Welt damit gerechnet, dass der jungenhafte Wildfang, als der ihm Sir Williams Nichte beschrieben worden war, als betörend hübsche Lady entpuppte! Wildfang – das war ja vielleicht noch vorstellbar, aber jungenhaft? Bei Gott, Vivians weibliche Rundungen waren verführerisch genug, um selbst einen Mönch in Versuchung zu führen! Und dann die Leidenschaft und Begeisterung, mit der sie von ihrem Leben in Charleston sprach – ob sie die auch aufbrachte, wenn sie 

Der Federkiel in seiner Hand schnappte mit einem Knacken entzwei, und er zuckte zusammen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er auf den dicken Tintenfleck, der die Schrift auf dem halbfertigen Brief unleserlich machte. Zum Teufel auch, er konnte mit dem Schreiben von vorne anfangen, und das nur, weil er drauf und dran war, sich den Kopf verdrehen zu lassen! Er musste wirklich völlig den Verstand verloren haben! Es war so schon riskant genug, was er hier trieb, auch ohne weitere Komplikationen!

Kopfschüttelnd langte er nach einem neuen Blatt Pergament, nahm sich eine andere Feder und tunkte sie in das Tintenfass. Nun gut, es war nicht zu ändern: Miss Vivian Darcy war reizend und attraktiv, und wenn die Umstände anders wären, würde er sie vielleicht wiedersehen wollen. Aber die Umstände waren nun einmal nicht anders. Es wurde also Zeit, dass er sich Miss Darcy aus dem Kopf schlug und endlich den Brief schrieb, von dem nicht nur sein eigenes Schicksal abhing, sondern indirekt auch der Erfolg oder Misserfolg seines Auftrags. Auch wenn seine niederen Instinkte das anders sahen, gebot die Stimme der Vernunft, dass er sich seiner Aufgabe, deren Misslingen ihn möglicherweise gar in Lebensgefahr bringen könnte, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und jeglicher Energie widmete. So scheuchte er mit eiserner Willenskraft das Bild von zwei lachenden braunen Augen und goldblonden Locken aus seinem Kopf, beugte sich über den Schreibtisch und fing an zu schreiben.