Leseprobe Royal Kisses

Der Tod steht mir gut

Alisa

Wenn man den Körper des verstorbenen besten Freundes vor sich auf dem Tisch liegen hat, kann das: Verbittern, verhärmt machen, innerlich töten.

Julian war alles für mich gewesen. Mein bester Freund. Meine Familie. Soll ich Ihnen sagen, wie er war? Stellen Sie sich den unkompliziertesten und treuesten Menschen vor. Machen Sie das gerade? Dann wissen Sie, wie er war. Ich habe aber nicht nur einen ganz besonderen Menschen verloren. Nein. Ich habe auch den richtigen Zeitpunkt verpasst. Den richtigen Moment, um ihm zu sagen: Dass ich ihn auch geliebt habe. Jetzt kann ich nur noch fassungslos auf ihn herabblicken und denken, dass ich ihn noch immer liebe. Das Leid ist unbeschreiblich. Der Schmerz unsterblich.

 

Acht Monate später

„… der Tod hat dich einfach fest im Griff“, knurrt mein Kollege Lenius und holt mich damit erfolgreich in das Hier und Jetzt zurück. Ich stürze meinen Frühstückskaffee hinunter und sehe Lenius fragend an. „Entschuldige, was meintest du?“

Lenius sieht mich tadelnd an, kippt den letzten Tropfen Red Bull hinunter, denn Energydrinks bedeuten für ihn ein ausreichendes Frühstück, und schimpft: „Ich kann dir sagen, warum sich deine Dates nicht in Beziehungen verwandeln: Weil du die Männer mit deinen Schauergeschichten von Toten, Leichenflecken und in welche Körperöffnungen du Tamponagen stecken musst, von Anfang an in die Flucht schlägst.“

Amen.

Ich schweige.

Am besten hört ihr alle auf, mich zu verkuppeln, dann kann ich auch keinen Mann mehr in die Flucht schlagen.

Mit mürrischem Gesichtsausdruck erhebe ich mich, was mir ebenfalls einen missbilligenden Blick von Lenius einbringt. „Du solltest mehr essen. Dein Blazer-Anzug schlabbert an dir herum, als hättest du überhaupt keine Figur mehr.“

Verstimmt richte ich meine Arbeitskleidung und muss feststellen, dass Hawkeye recht hat. Den Spitznamen habe ich ihm verpasst, weil er mich an Hawkeye von den Avengers erinnert. Süß wie Jeremy Renner ist er ja, aber natürlich verheiratet.

Hey, so dünn war ich noch nie: Der Tod steht mir gut. Er macht schlank.

Stumm will ich den Pausenraum verlassen, da hält Lenius mich milder gestimmt am Arm zurück.

„Alisa. Du hast die Regel gebrochen. Wir übernehmen nie die Versorgung an unseren verstorbenen Verwandten, Bekannten oder Freunden. Du hättest uns sagen müssen, dass Du ihn kanntest. Dann hätte ich den Leichnam von Herrn Kamp … Julian … deinem Kumpel, abgeholt und für die Bestattung vorbereitet.“ Mit kühler Gelassenheit sehe ich Lenius in die Augen, aber mein Inneres schreit: Julian war kein Kumpel, sondern der beste Freund auf Erden.

„Mach kein Drama daraus. Sein Tod ist acht Monate her.“ Will ich ihn und mich selbst überzeugen.

Lenius sieht mich enttäuscht an, weil er weiß, dass ich ihn und mich selbst belüge. „Du solltest dir dringend freinehmen. Du arbeitest ununterbrochen, anstatt die Trauer an dich heranzulassen. Nimm dir Zeit, damit du ins Leben zurückfinden kannst. Deine Existenz kann sich doch nicht nur um den Tod drehen.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln. „Ich bin halt eine Vollblut-Bestattungsfachkraft und hier unentbehrlich.“

Damit lasse ich ihn stehen und gehe ins ansehnliche Foyer. Regale mit Urnen in den verschiedensten Farben zieren zur Ansicht den Empfangsbereich. Wir sind ein nobles Bestattungsinstitut mit sündhaft teurer Einrichtung, komfortablen schwarzen Ledersitzgruppen, einem aufwändig gestalteten Trauersaal und geschmackvoll eingerichtetem Verabschiedungsraum, wo die Trauernden am offenen Sarg letzte, intime Selbstgespräche beim Verstorbenen führen können. Ich habe weiß Gott wie viele Gespräche mit Julian im Behandlungsraum geführt, als er vor acht Monaten seinen Verletzungen erlag. Solche Gespräche sind heilsam, auch wenn der geliebte Mensch nichts erwidern kann.

Ich stutze. Der Empfangstresen ist nicht besetzt und ein Neukunde steht geduldig vor den Urnenregalen. Er hat mir den Rücken zugewandt.

Du grüne Neune! Aus welchem Jahrhundert stammt der Kerl denn? Und verflucht nochmal, wo steckt Claudia?

„Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“, begrüße und mustere ich den edelgekleideten Mann, der aus dem 19. Jahrhundert entsprungen zu sein scheint. Er trägt einen altmodischen Spazierstock mit einem silbernen Knauf, in Form einer Rose. Er hat schulterlanges, schwarzes Haar und beim ersten Tonfall meiner Stimme dreht er sich langsam zu mir um. Seine eindrucksvollen dunkelbraunen Augen treffen mich und ich muss mich zusammenreißen, um nicht hörbar Luft zu holen. Dieser Mann ist Ausländer und seine geheimnisvolle, dunkle sowie anziehende Aura kann sogar solch einen Eisklotz wie mich sekundenlang aus dem Konzept bringen. Seine gebräunte Haut verrät ihn als Italiener, Portugiesen oder was auch immer. Er unterzieht mich einer gründlichen Musterung, was mich irgendwie ärgert, obwohl ich dasselbe bei ihm tue, und macht zwei Schritte auf mich zu. Seine ganze Haltung strahlt Autorität und eine gewisse aristokratische Eleganz aus.

Ok. Wow. Solch einem faszinierenden Mann bin ich noch nie über den Weg gelaufen. Ich bin beeindruckt. Mehr wird er von mir aber nicht kriegen.

„Guten Morgen. Ich erbitte ein Informationsgespräch. Meine Tante liegt im Sterben und die Ärzte geben ihr nur noch einige Tage.“ Die Stimme des Fremden huscht mir unter die Haut. Tatsache. Er ist kein Deutscher, was mir sein faszinierender Akzent nun bestätigt.

„Das tut mir leid. Lassen Sie uns das in Ruhe besprechen.“

Ich weise ihn an, mir zu folgen, und spüre seinen prüfenden Blick auf mir. Meine Kollegin Claudia, die eigentlich am Empfang hätte sein sollen, eilt von den Toilettenräumen auf uns zu und sieht elendig aus. Lenius betritt ebenfalls das Foyer, erkennt die Lage und nimmt sich ihrer an. Sie gehört definitiv nach Hause aufs Sofa.

Ich geleite den Herrn in unseren schönsten Besprechungsraum, der in dezenten Farben gehalten ist. Pflanzen in großen Gefäßen, einem hochwertigen palisanderfarbenen Bürotisch und einer Ohrensessel-Sitzgruppe aus dunklem Leder vervollständigen den Raum. Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und biete ihm etwas zu trinken an, was er ablehnt, also setze ich mich ihm gegenüber.

„Mein Name ist Alisa Cossmann. Ich vertrete Herrn Colmer, den Inhaber von Bestattungen Colmer.“

„Ich bin Leandro Luengo Álvarez, Herzog von Aurelio.“

Ooookaayyy, und das Ganze bitte noch einmal zum Mitschreiben.

„Darf ich fragen, woher Sie kommen?“

Ein stolzes Lächeln breitet sich auf seinen schönen Lippen aus: „Ich stamme aus einer sehr alten spanischen Familie. Aus dem Hause Aurelio, König von Asturien, was heute als Fürstentum Asturien im Nordwesten Spaniens liegt.“

Oh, noch nie von gehört. Klingt nett.

„Sie sind also ein richtiger Thronfolger?“

„Nein. Im 10. Jahrhundert wäre ich es gewesen. Heute ist Asturien, wie bereits gesagt, ein Fürstentum und kein Königreich mehr. Nur der Thronfolger von Spanien darf den Titel Fürst von Asturien tragen. Aber genug von mir.“ Leandro Luengo kehrt zügig zum eigentlichen Thema zurück: „Wie ich bereits erwähnte, liegt meine Tante Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz im Sterben. Sie hat mich gebeten, Vorkehrungen für ihre Beisetzung zu treffen.“

„Mein tiefes Mitgefühl. Das ehrt uns sehr, dass Sie mit ihrem Anliegen zu uns kommen. Wir kümmern uns um alles, damit die Angehörigen trauern können. Wir bieten Erd- oder Feuerbestattung, Beisetzung auf allen Friedhöfen und Seebestattungen an. Wir kümmern uns selbstverständlich auch um internationale Überführungen, falls Sie das benötigen. Sie werden von uns umfassend während und nach der Bestattung betreut.“

Hört der Álvarez Soundso mir überhaupt zu? Oder gafft er mich nur an?

„Wir regeln für Sie die Beantragung und Abholung von Sterbeurkunden. Kommt für Sie eine Überführung ins Ausland infrage?“

„Nein. Meine Tante möchte hier bei ihrem deutschen Gatten beerdigt werden.“

Ah, interessant. Deshalb trägt sie in ihrem langen Namen den deutschen Nachnamen Lorenz.

„Wissen Sie schon, auf welchem Friedhof Frau Zapatero beerdigt werden soll?“

„Baronesa Alma Álvarez Zapatero Lorenz“, berichtigt mich der Herzog-Schnösel. Ich verdrehe innerlich die Augen.

Ist ja gut. Entschuldigen Sie bitte, Herr Hochwohlgeboren.

Herzog Sowieso schaut ziellos in den Raum, als kreisen seine Gedanken weit fort von hier.

„Um ehrlich zu sein … meine Tante hat den Wunsch geäußert, in ihrem privaten Garten im Schloss Callareich beigesetzt zu werden.“

Ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu.

„Das geht leider nicht. Tut mir leid. Das ist in Deutschland verboten, da kann ich nichts machen.“

Mit einem süffisanten Blick beugt sich der faszinierende Herzog ein Stück nach vorne. „Sagen Sie niemals nie, Frau Cossmann. Es gibt immer Mittel und Wege. Bieten Sie der Kommune in meinem Namen Schloss Callareich an. Das wäre bestimmt eine Bereicherung der Stadt. Als Museum umfunktioniert wäre das Schloss eine prima Einnahmequelle.“

Überrascht über solch einen Vorschlag, suche ich in seinen Gesichtszügen nach der Aufrichtigkeit seiner Worte. Mit seinem überheblichen Blick könnte er glatt die Rolle als Loki in den Thor-Filmen von Marvel übernehmen. Dessen Schönheit besitzt er ebenfalls.

Ich räuspere mich. „Haben Sie die Befugnis, eine solche Schenkung an die Kommune zu erteilen?“

Herzog Blablabla erhebt sich, verschränkt die Hände auf dem Rücken und geht mit arroganten Gesichtszügen durch das Besprechungszimmer.

„Selbstverständlich bin ich befugt, Frau Cossmann. Ich bin der alleinige Erbe von Schloss Callareich. Meine Tante ist kinderlos.“

Ich lehne mich zurück, schlage meine Beine übereinander und gebe mir Mühe, nicht genervt zu klingen. Bei aufgeplusterten Schnöseln fällt es mir meist schwer, mich zusammenzureißen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich ihn interessant oder nervig finde.

„Ich kann gerne der Stadt ihren Wunsch unterbreiten, aber machen Sie sich nicht allzu viele Hoffnungen.“

Herzog Leandro Luengo und so weiter und so weiter kehrt galant an seinen Platz zurück, setzt sich hin und sieht mich unverwandt an. Vor seinen ausdrucksvollen Lippen verschränkt er seine Hände ineinander und blickt mich an, als könne er bis tief in meine Seele schauen. Ich halte kurz den Atem an, weil ich nicht weiß, was dieser Blick soll, dann schaue ich weg. Aus dem Augenwinkel kann ich ein Grinsen auf seinem Mund ausmachen und mir kommt der Wunsch auf: Er solle endlich verschwinden. Ich mag es ganz und gar nicht, wenn man mich so tiefgründig beobachtet. Außerdem mag ich keine wilden Hengste, die um ihre Wirkung auf Frauen wissen.

„Frau Cossmann, entschuldigen Sie bitte meine direkte Unverschämtheit, aber darf ich fragen, was das für ein seltsames kleines Loch an ihrem Halsanfang ist?“

Wie auf Knopfdruck fühlen meine Finger über mein Weizenkorn-großes Loch in der Haut. Mein Makel. Mein besonderes Kennzeichen, wie Mama immer sagt.

„Das ist eine Fistel. Sie kann sich zu einer Röhrenfistel weiter vergrößern. Es handelt sich um eine epitheliale Auskleidung, kann daher, sobald es gefährlich wird, nicht ohne völlige Ausschneidung heilen, was am Hals nicht gerade spaßig sein wird. Aber bis jetzt hatte ich keine Probleme damit. Es ist einfach ein kleines Loch in der Haut.“

Der Herzog hört mir aufmerksam zu und nickt ernst.

Schweigen.

Nun starren Sie doch nicht so auf mein Loch.

Herzog Leandro bemerkt meinen Unmut und räuspert sich.

„Wer wird meine Tante reinigen, ankleiden und frisieren?“ Selbstsicher schaue ich ihn wieder an. „Das mache ich.“ Überrascht zieht er die Augenbrauen hoch. Damit hat er wohl nicht gerechnet und er sagt: „Keine einfache Aufgabe. Wollen Sie das für den Rest ihres Lebens machen?“

Verständnislos schaue ich ihn an. „Das ist mein Job.“

Abrupt steht er auf und geht zur Tür, um sich mir dann noch einmal zuzuwenden. Seine Stimme erklingt auf einmal ganz sanft, ohne eine Spur von Arroganz: „Die vielen Toten haben Ihnen traurige Augen geschenkt, Alisa.“

Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß. Wüsste nicht, wann ich Ihnen das Du angeboten habe.

„Mir geht es gut“, sage ich tonlos und vergrabe den Schlüssel zu meinen weggesperrten Gefühlen noch tiefer in mir. Dieser Mann kommt mir mit seiner durchdringenden Art mich anzusehen irgendwie zu nah.

„Sie werden von mir hören. Adiós, Frau Cossmann.“

Verblüfft darüber, wie schnell er einfach so verschwindet, schaffe ich es nicht einmal, mich zu erheben, um ihm die Hand zum Abschied zu reichen.

Siegel

Alisa

Am darauffolgenden Arbeitstag habe ich den Vorfall mit dem adeligen Spanier schon vergessen, wäre da nicht die Post gekommen. Ein Briefkuvert aus feinstem Büttenpapier in pastelligem Apricot mit sage und schreibe Siegelwachs in Form einer Rose und einem Schwert, das sich um ein Kreuz schlingt, und einer Krone. Adressiert an: Señora Alisa Cossmann.

Auffälliger ging wohl nicht.

Mit dem aufwändigen Brief, der irgendwie blumig riecht, verschwinde ich in meinem spärlich möblierten, pflanzenlosen, weißgestrichenen Arbeitszimmer. Ein klitzekleines bisschen Ehrfurcht packt mich, während ich vorsichtig das Siegel breche. Ich ziehe das edle Briefpapier, welches umgarnt wird vom Seidenpapier des Kuverts, heraus und falte den Brief auf. Eine schwungvolle Handschrift ziert das duftende Papier.

Sehr geehrte Señora Cossmann,

ich lade Sie herzlich zum Abendessen ein, um die Frisur von Baronesa Alma Àlvarez Zapatero Lorenz zu besprechen. Ein Wagen wird sie um 17 Uhr vom Bestattungsinstitut Colmer abholen.

Meine Hochachtung

Leandro Luengo Àlvarez, Herzog von Aurelio

Pfff, ich bin doch kein Beauty Salon. Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Tja, Kunde ist König beziehungsweise Herzog oder Baronesa.

Pünktlich um 17 Uhr fährt ein Wagen vor, welcher Lenius zum Stöhnen und Pfeifen bringt. Ich geselle mich zu ihm an die Tür und bin nicht minder überrascht. „Grundgütiger! Was ist das?“

Bei Lenius verträumter Stimme sehe ich vor meinem inneren Auge, wie er den Lack des Wagens abschleckt.

„Das ist ein Bugatti Typ 101 Baujahr 1951. Mann, ich werd verrückt. Der schwarze Lack glänzt, als käme das Auto gerade erst aus der Produktion. Überlass mir diesen Auftrag, ja? Ich will zu gerne mit dem Auto mitfahren.“

Am liebsten hätte ich Lenius mit einer Handtasche, wenn ich denn eine hätte – bin kein Handtaschen-Typ – eins über den Schädel gezogen, um ihn auf den Boden zurück zu bekommen. Der Sabber seiner Begeisterung über dieses Stahlungetüm sammelt sich schon auf dem Granitboden. Ein waschechter Chauffeur, wie man ihn aus Filmen kennt, steigt aus, nickt mir höflich zu und öffnet mir die hintere Wagentür. „Frau Cossmann, darf ich bitten?“

Zum Abschied ramme ich Lenius spielerisch meinen Ellbogen in die Seite und steige in den Wagen. Mein klopfendes Herz und meine innere Aufregung auf das, was mich erwartet, nerven mich und ich ermahne mich zu Ruhe und Gelassenheit. Während der Fahrt schweifen meine Augen über die schöne Landschaft Oberwesels. Schloss Callareich thront auf einer Bergkuppe mit viel Baumbestand und gewährt bestimmt einen fantastischen Blick auf den Rhein. Das Schloss habe ich noch nie von Nahem gesehen, da es im Privatbesitz und von hohen Pflanzen umgeben ist. Als wir uns dem gigantischen Eisentor nähern, krampft mein Magen sich von Adrenalin gepeinigt zusammen. Normalsterbliche wie ich setzen wohl selten einen Fuß auf dieses riesen Grundstück. Hinter unzähligen Eiben, Rhododendron, Blutbuche und Rosskastanie taucht der Anblick des romantisch aussehenden Lustschlosses auf, welches dem Baustil von Schloss Favorit Ludwigsburg ähnelt. Wie nicht anders zu erwarten, ziert die Blume Calla in den schönsten Farben das Anwesen: Weiß und Dunkellila. Eine hinreißende Parkanlage mit Teich und Sandsteinfiguren heißt mich willkommen. Wir fahren um einen beeindruckenden Springbrunnen und halten vor einer gigantischen Steintreppe an. Der Chauffeur steigt aus und öffnet mir die Tür. Als er mir noch die Hand reicht, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein, erröte ich peinlich berührt. Wer ist solch ein Tamtam schon gewöhnt? Ich fühle mich wie Cinderella auf ihrem Weg zum königlichen Ball, obwohl meine Leidenschaft für Märchen schon vor Jahren Tschüss gesagt hat. Ich sehe noch mal schnell an mir hinab, ob auch alles sitzt, und bin froh, einen frischen Blazer-Anzug mitsamt Bluse angezogen zu haben. Immerhin trete ich gleich einer Baronesa entgegen. Mein schulterlanges Haar glänzt dunkelbraun und verspielte Löckchen tummeln sich um mein ovales Gesicht. Doch. Ich bin mir sicher, passabel auszusehen, damit ich meinem Chef keine Schande bereite. Ich presse sanft die Lippen aufeinander, um den dezenten Lipgloss zu verteilen, und starre auf die eindrucksvolle, doppelflügelige Eingangstür.

Will mich der Chauffeur-Guru nun hineingeleiten oder soll ich allein gehen?

Da spüre ich einen intensiven Blick auf mir und schaue zur Balustrade hinauf. Herzog Sowieso steht an der Brüstung und sieht amüsiert zu mir hinab.

Musste der mich jetzt beim Lipgloss abchecken beobachten?

Irgendwie ist meine gute Laune schon wieder dahin. Wie schafft der Kerl das nur, dass meine Stimmung wechselt wie Aprilwetter? Gelassen fährt er mit seiner Hand über die Brüstung und steigt langsam die Stufen zu mir hinab. Zügig setze ich meine professionelle Miene auf, reiche ihm höflich die Hand und schenke ihm ein Profilächeln. Zu meiner Überraschung schüttelt er mir nicht die Hand, sondern drückt mir einen galanten Kuss auf den Handrücken und sieht mir dabei verführerisch in die Augen. Ich beiße die Zähne aufeinander. Die Genugtuung, entzückt von ihm zu sein, werde ich ihm nicht geben. Das wäre doch gelacht, wenn ich diesem Lustmolch von einem Spanier nicht widerstehen kann.

„Reizend, dass Sie es einrichten konnten zu kommen, Frau Cossmann.“

Pfff, bei dem Befehlston im Brief?

Er hakt sich meinen Arm unter und führt mich in das prachtvolle Anwesen. Die Empfangshalle ist ein Meisterwerk der Schlösserkunst. Mit gigantischen Treppen links und rechts von mir. Himmlische Deckenmalerei mit Engeln. Statuen und Gemälde von Vorfahren zieren die Halle. Ich bin kein romantisch veranlagter Typ, aber faszinierend ist dieses Schloss allemal, und ich freue mich, es besichtigen zu dürfen. Leandro beobachtet mich, wie ich sein Erbe bestaune. Fröhlich lächelnd zieht er mich zum rosa Salon, wie er mir erzählt. Für meinen Geschmack ein wenig zu rosa. Auf einer antiken Chaiselongue liegt eine alte, edel gekleidete Dame. Ihre Krebserkrankung sehe ich ihr sofort an. Berufserfahrung würde ich sagen. Zwei kostbar aussehende Sessel stehen vor ihr, damit wir uns setzen können. Gemälde aus Baronesa Almas Jugend hängen im Salon. Ohne Neid muss ich sagen, dass sie eine sehr schöne Frau gewesen ist. Ihre aristokratisch-spanischen Züge sind ihr noch immer anzusehen. Auf einem Gemälde fällt ihr wallendes, langes Haar wie schwarzes Gold über ein herrliches Kleid. Auf einem anderen trägt sie eine romantische Hochsteckfrisur und sündhaft teuren Schmuck. Von der Pracht ist nichts übrig, die Haare der Dame auf dem Sofa sind schlohweiß. Ich reiße mich von den Bildern los, lasse mich von Leandro zu meinem Platz geleiten und schenke der alten Dame meine volle Aufmerksamkeit. Sie hebt schwach ihre Hand, welche ich ergreife und sanft zum Gruß drücke. Der Krebs hat sie fürchterlich gezeichnet, es ist nichts mehr von der Schönheit, die sie einst besaß, an ihr zu erkennen.

„Ich freue mich sehr, Sie begrüßen zu können, Frau Cossmann. Vielleicht erscheint es Ihnen seltsam, dass ich Sie herbat, aber ich wollte den Menschen, der mich als letztes und vor allem sehr persönlich berühren wird, kennenlernen.“

Touché. Für mich ist es auch ergreifend, manche Kunden lebend kennengelernt und dann plötzlich leblos auf meinem Arbeitstisch zu haben. Da musste ich lernen, Gefühle abzuschalten.

Ich schenke ihr ein verständnisvolles Lächeln. „Ich danke Ihnen für die freundliche Einladung, Baronesa. Ich fühle mich geehrt, hier sein zu dürfen.“

Baronesa hustet, Leandro richtet ihr das Kissen und gibt ihr Wasser zu trinken.

Hui. Wie fürsorglich der arrogante Schnösel sein kann. Das macht ihn ein wenig sympathisch.

Ich erwische mich dabei, wie ich nun die Beobachterin spiele. In seinen sonst so überheblichen Gesichtszügen ist nichts mehr von seinem Hochmut zu sehen. Sorge, Mitgefühl und … Liebe zeichnet sich in seinem gemeißelten Engelsgesicht ab. Solch eine bedingungslose Zuneigung direkt vor Augen zu haben, habe ich so noch nie beobachtet. Ich muss gestehen, das macht mich traurig. Diese Situation führt mir vor Augen, wie Recht Lenius hat. Ich habe mich nur noch für die Toten interessiert. Liebe hat seit Julians Tod keinen Platz mehr in mir gehabt. Natürlich liebe ich meine Eltern. Da sie auf Sylt leben, sehe ich sie aber nur selten. Daher hatte das Ohnmachtsgefühl leichtes Spiel mit mir, um sich schleichend in mir auszubreiten.

„Also, was halten Sie davon, wenn ich mich wie Elizabeth Taylor stylen lasse?“

Ihren Humor scheint der Krebs noch nicht gefressen zu haben. „Was Ihnen beliebt. Ich mache, was man mir aufträgt.“ Baronesa Alma dreht sich ihrem Neffen zu und grinst: „Hörst du das, mein Junge? Sie macht, was man will.“ Dabei zwinkert sie mir zu und ich rechtfertige mich schnell: „Nur beruflich. Privat sieht das schon ganz anders aus.“ Verschwörerisch beugt sie sich mir zu. „Mein Neffe ist noch Single.“

War klar, dass sie darauf hinaus wollte. Sehe ich so aus, als ob ich dringend was zwischen die Beine bräuchte?

Ich rolle innerlich mit den Augen. Ich hoffe, sie hat mich jetzt nicht wirklich hierher gelotst, um mich zu verkuppeln.

Alma tätschelt ihrem Neffen müde die Hand und meint: „Sei so lieb und führe unseren Gast ein wenig herum. Ich muss ein Schläfchen halten. Vergiss nicht, ihr den Rosengarten zu zeigen.“

Leandro küsst ihr lächelnd die Hand. „Wie Ihr befehlt, mi Princesa.“

Leandro führt mich aus dem Salon in den barock angelegten Park. Bei dieser Schlossbesichtigung mit all seinen Sehenswürdigkeiten muss man eine ordentliche Portion Ah’s und Oh’s dabei haben. Ist die kleine Parkanlage vor dem Schloss schon ein Hingucker, übertrifft der Park hinter diesem Palast meine Vorstellung bei weitem. Und ich muss feststellen, dass meine Tüte, die meine Ah’s und Oh’s beinhaltet, zu klein ist. Die Baronesa muss unglaublich vermögend sein, um solch eine Anlage bewältigen zu können. Leandro hat seinen Stolz wieder ausgepackt und zeigt selbstgefällig die kunstvollen Sitzbänke aus Stein, die Statuen, Skulpturen, verspielten Springbrunnen mit Lichtattraktionen und den Rosengarten mit hübschen Gartenlauben. Ich setze mich in eine der Lauben und kann verstehen, warum die Baronesa hier begraben werden möchte. Die Blumen sind eine Augenweide und eine Pracht, aber für mich sind Blumen nichts. Ich töte sie immer versehentlich, weil ich nicht ans Gießen denke. Ich sehe Leandro einige Minuten an und frage: „Sie und Ihre Tante stehen sich sehr nahe, nicht wahr?“

„Sie ist wie eine Mutter für mich. Ich habe viele Jahre bei ihr gelebt, weil ich mich in meiner Jugend nicht besonders gut mit meinen Eltern verstanden habe.“

„Deshalb sprechen Sie so gut Deutsch.“ Stelle ich mehr für mich fest. Leandro lächelt und nähert sich den edlen Baccara-Rosen und schnuppert daran. Ich kann mir nicht helfen; einerseits finde ich es seltsam, wenn ein attraktiver Mann seine Nase in Rosenblüten steckt, und andererseits finde ich das faszinierend und er bekommt wieder einen Pluspunkt zu seinen zahlreichen Minuspunkten. Auf einmal bricht er eine schöne Rose ab, wendet sich mir zu, schiebt quälend langsam mein Haar über die Schulter und steckt mir die duftende Blume hinters Ohr.

Du meine Güte! Habe ich gerade kurz die Augen geschlossen, als seine Hand mich berührte? Wie peinlich. Ich bin wegen eines traurigen Anlasses hier und nicht zum Verlieben.

Herzog Leandros Handrücken streift meine Wange. Sein Blick?

Geheimnisvoll. Die dunklen Augen bahnen sich ihren Weg über meine Haut bis tief in mein Innerstes. Prallen jedoch an einem unüberwindbaren Torwächter vor meinem Herzen ab. Meine Augen flehen ihn an, nicht tiefer in mich zu dringen. Mein Puls verrät meine Sehnsucht nach Zuneigung.

Sein ernster und aufrichtiger Gesichtsausdruck verwandelt sich in ein süffisantes Lächeln. Ich werde nicht schlau aus diesem faszinierenden Mann, der mir teils unter die Haut und andererseits auf die Nerven geht.

Du willst nicht, dass er dir unter die Haut geht, flüstert mir eine böse innere Stimme zu.

Mit aller Kraft löse ich mich von seinem ausdrucksstarken Blick, doch sein Daumen streift abrupt über meine halb geöffneten Lippen und erneut hält mich sein magischer Blick gefangen.

„Ich sollte langsam heimkehren“, sage ich rasch und unterbreche somit den Zauber. Bevor ich abhauen kann, zieht er meinen Arm unter seinem hindurch und geleitet mich zum Schloss zurück.

„Aber nicht ehe wir gegessen haben. Immerhin seid Ihr zum Essen eingeladen.“

Das Essen überrascht mich völlig und ich falle aus allen Wolken. Auf meinem feinsten Porzellanteller werden Pommes, Currywurst, Hähnchen Nuggets und ein Burger nett arrangiert. Fragend schaue ich zur Baronesa, die sich erschöpft kaum auf ihrem Stuhl halten kann. Dennoch schafft sie es, mich triumphierend anzulächeln.

Was für eine Kämpferin.

Sie beißt in ihren Burger und sagt genüsslich kauend: „Wundern Sie sich nicht, Kind. Das ist meine Henkersmahlzeit. Diesen Aristokraten-Fraß habe ich eh noch nie gemocht. Außerdem habe ich mich stets bemüht, mit Klischees zu brechen. Vielleicht haben die mich deshalb aus den spanischen Adelskreisen rausgeschmissen.“ Sie zwinkert mir zu.

Die alte Dame ist mir sehr sympathisch.

Nie wieder

Alisa

Nach dem Essen besteht die Baronesa darauf, dass ich sie mit Leandro zusammen zu Bett bringe. Verblüfft schüttele ich leicht den Kopf und sage diplomatisch: „Das sind Eure Privaträume, da sollte ich nicht sein, verehrte Baronesa.“ „Papperlapapp. Ich liege bald nackig bei Ihnen auf dem kalten Stahltisch, da werden Sie mehr von mir sehen, als wenn ich gleich mit Schlafanzug im Bett liege.“

Tja, wer kann da schon widersprechen?

Unbeholfen stehe ich im prachtvollen Schlafgemach und sehe zu, wie rührend Leandro seine Tante entkleidet, notdürftig wäscht und das – natürlich mit Rosen bedruckte – Nachthemd überzieht.

Ich habe beinahe täglich ein Dutzend toter Menschen vor mir liegen. Persönlicher geht es ja wohl nicht, aber diese alte Dame zieht mich, obwohl ich für sie eine Fremde bin, so dermaßen vertrauensvoll in ihr Privatleben, dass mir echt die Spucke wegbleibt.

Als sie sich in ihre Kissen gekuschelt hat, streckt sie mir ihre Hand entgegen. „Kommen Sie, mein Kind. Beim Essen haben wir nur über mich geplaudert. Erzählen Sie mal, was machen Sie so in Ihrer Freizeit?“

Ich setze mich unsicher zu ihr ans Bett und stammele vor mich hin: „Tja, ähm … also. Eigentlich nichts.“

„Wie? Nichts? Gehen Sie ins Kino, Theater, schick Essen, haben Sie einen netten Freund?“

Herzog Leandro hat Erbarmen mit mir und tadelt seine Tante: „Das geht uns nichts an.“

Alma ignoriert ihn einfach und plappert weiter: „Wohnen Sie mit Ihren Eltern zusammen?“

„Nein, sie leben auf Sylt und betreiben dort eine Pension.“

„Geschwister?“, hakt die Baronesa nach.

„Einen großen Bruder, Mike. Er lebt mit seiner Frau in North Carolina.“

„Das hört sich wunderbar an. North Carolina ist fantastisch. Ich war zweimal dort. Haben Sie Hobbys?“

„Ich bin früher Bogenschießen gegangen. Aber in letzter Zeit widme ich mich voll und ganz meiner Arbeit.“

Alma sieht nachdenklich aus und nimmt ihren Tee von ihrem Nachtschränkchen und riecht daran. Nach der Geruchsprobe öffnet sie ihr Schränkchen und kippt sich einen ordentlichen Schuss Whisky hinein. Ich versuche ein Grinsen zu unterdrücken, was mir misslingt.

Die Dame gefällt mir, bis auf die Fragen, immer mehr und ich kann verstehen, weshalb Leandro sich bei ihr als Jugendlicher wohlgefühlt hat.

Nach einem großen Schluck Whisky-Tee, sieht sie mich unverwandt an und sagt: „Ich gebe Ihnen jetzt mal einen alten und bekannten Rat: Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Man geht arbeiten, um leben zu können, man lebt nicht um zu arbeiten. Sie sind jung und hübsch. Vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht. Eines Tages liegen Sie so wie ich im Sterbebett und wünschen sich die verpasste Zeit zurück. Glauben Sie mir, ich liege hier und weiß, was ich sage. Verstehen Sie mich?“

Ich kann nur schüchtern nicken. Zufrieden trinkt Alma ihre Tasse aus, stellt sie fort und legt sich auf die Seite.

„So, Gute Nacht, ihr Lieben.“

Ich erhebe mich schnell, sage Gute Nacht und verschwinde eiligst aus dem grandiosen Schlafgemach. An der Tür drehe ich mich noch einmal um, um zu sehen, ob der Herzog mir folgt.

Leandro streichelt seiner Tante über die Stirn, küsst ihr auf die Wange und kommt dann zu mir. Ich starre im Flur auf die Teppiche, Stofftapeten und Gemälde. So alt und krank die alte Dame auch ist, ihr Herz und ihr Verstand sind die eines quirligen, lebhaften, jungen Mädchens. Die wenigen Stunden, die ich mit ihr verbringen durfte, erwecken in mir den Wunsch, sie näher kennenlernen zu dürfen, was nun zu spät ist. Schweigend gesellt Leandro sich zu mir. Meine Augen streifen über die Kerzenhalter, deren Flammen sich höchstwahrscheinlich fantastisch in ihnen widerspiegeln.

„Sie ist eine großartige Frau“, wispere ich.

„Ja, das ist sie“, pflichtet er mir bei und der Schmerz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Er fasst sich zügig und setzt wieder seine überhebliche Maske auf.

„Ich bringe Sie jetzt nach Hause, Frau Cossmann.“

In romantisches Kerzenlicht gehüllt erstrahlt das Schloss in seiner lieblichen Pracht, was selbst mein nüchternes Herz weichkocht. Auf dem Hof vor dem verspielten Springbrunnen in Form von sich aufbäumenden Pferden sehe ich mich noch einmal um. Solch ein großes Gebäude für eine einsame, nette, alte Dame. Ihre Einsamkeit war nicht zu übersehen. Mag sein, dass ich sie heute zum letzten Mal lebend sah. Ein wahrhaftig bedrückendes Gefühl, was mir früher nichts ausgemacht hat. Der kurze, angenehme aber auch traurige Aufenthalt auf Schloss Callareich könnte Spuren in mir hinterlassen, wovor ich mich immer abgeschottet habe. Und dieser Umstand missfällt mir.

Ich entdecke Leandros Blick, der auf mir ruht. Scheinbar fragt er sich gerade, was mir durch das Köpfchen geht. Ein roségold-metallic-farbener Wiesmann MF5 Roadster fährt vor, der Chauffeur lässt den Motor an, steigt aus und geht schweigend ins Schloss. Ein bombastisches Auto, doch mein Blick interessiert sich nicht für die glänzende Blechmaschine und ich gedenke noch nicht einzusteigen. Mich interessiert nur eines, und nun bin ich es, die Leandro intensiv anschaut: „Warum haben Sie mich wirklich hergebracht?“

Von meiner Frage überrumpelt, erlebe ich den Herzog von Aurelio zum ersten Mal unsicher, ertappt und kurz sprachlos. Nachdem er seine Verunsicherung überwunden hat, beginnt er mich zu umrunden.

„Ihr mögt es sehr direkt, mi Corazón.“

„Ich bin nicht Euer Croissant“, sage ich schnippisch, doch Leandro lacht und fährt fort zu erzählen: „Eure traurigen Augen waren der Grund, warum ich Euch einlud. Ich finde es schön zu sehen, wenn Eure Augen beim Anblick der herrlichen Blumen, der Skulpturen und den Gemälden aufleuchten und glänzen, wie der kostbarste Smaragd. Ich war der Meinung, Ihr musstet dringend einmal etwas anderes sehen, als Tamponagen, Ligatur, Livoris und Rigor Mortis.“ Ich schnappe nach Luft und frage gereizt: „Woher wisst Ihr die Fachbegriffe von der Verschließung der Körperöffnungen, Totenflecken und der Totenstarre?“ Leandro kommt mir gefährlich nahe und wispert mir ins Ohr: „Ich habe mich ein wenig in das Thema eingelesen, um herauszufinden, was Sie so den ganzen Tag machen, bis auf Leichen abholen, Trauergespräche führen und Tote zu waschen.“

„Ihr habt meinen Beruf wahrlich gut recherchiert, Herzog.“ Meine Stimme klingt eine Spur zu böse, was ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Bevor seine Lippen meine Wange berühren können, rücke ich ein Stück von ihm ab und frage herausfordernd: „Was habt Ihr denn sonst noch so recherchiert?“

Leandro wirft mir ein überlegenes Lächeln zu und fährt fort, mich weiter wie ein General zu umrunden.

„Ihr wohnt in einer achtzig Quadratmeter großen Eigentumswohnung mit Dachterrasse, inklusive einem herrlichen Blick auf die Liebfrauenkirche am Martinsberg nähe Koblenzer Straße. Eine norwegische Waldkatze namens Diamond ist Euer einziges Haustier, welche Ihr über alle Maßen verwöhnt. Sie fahren einen blauen Toyota Auris, bevorzugen aber das Fahrrad. Sie lesen gerne Romane von Sebastian Fitzek, Marcus Johanus, Axel Hollmann und Lisa Jackson. Sie mögen …“

„Woher zum Teufel wissen Sie das alles?“, unterbreche ich ihn barsch.

Leandro zuckt entschuldigend die Achseln.

„Die Damen in ihrem Stadtteil sind überaus gesprächig, wenn ein ansehnlicher Mann das Plaudern beginnt. Und da gibt es noch interessante Facebook-Einträge und LovelyBooks, wo es Romanrezensionen von Ihnen gibt.“

Verärgert drehe ich mich um und gehe Richtung Ausfahrt.

Und wenn mich der Fußmarsch über eine Stunde kostet: In sein protziges Auto setze ich mich nicht mehr.

Ich höre, wie Herzog Leandro mir folgt und amüsiert lacht. Ich würdige ihn keines Blickes und sage stur geradeaus: „Wenn Sie auf einen passenden Moment gewartet haben, um mich für sich zu gewinnen, dann haben Sie den gerade in die Tonne getreten.“

„Mag sein, aber da ich Sie äußerst faszinierend finde, werde ich bestimmt eines Tages eine andere Gelegenheit erhalten.“

Nie im Leben, du arroganter Träumer.

„Wie können Sie es wagen, in meinem Leben herumzuschnüffeln? Das steht Ihnen nicht zu. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe! Und überhaupt, brauchen Sie an mir rein gar nichts faszinierend zu finden, denn ich finde auch nichts Anziehendes an Ihnen.“

Leandro hält mich am Arm fest und wir bleiben stehen. „Dafür, dass Sie so aufrichtig und direkt sind, lügen Sie jetzt erbärmlich, Alisa.“

Wütend entziehe ich ihm meinen Arm und werfe ihm zornige Blicke zu. „Mein verehrter Herzog von-was-auch-immer, nur weil Sie es gewöhnt sind, das Ihnen alle Frauenherzen zu Füßen liegen, heißt das noch lange nicht, dass ich mich vor Ihnen zu Boden schmeiße. Sie sollten sich mal mit dem Gedanken anfreunden, dass nicht jede Frau auf Sie steht und Ihrem Charme erliegt.“

Schlagartig reißt er mich an sich, küsst mich abrupt, erst fordernd und dann sanfter. Perplex lasse ich es geschehen, um mich Sekunden darauf ruckartig von ihm zu lösen. Ich sehe ihm tief in die Augen und flüstere: „Bitte tun Sie das nie wieder.“

Mit zusammengepressten Zähnen sieht er mich an. Dann nickt er mit verdunkeltem Blick und sagt: „Ok. Ich werde Sie erst wieder küssen, wenn ich im Sterben liege und das mein letzter Wunsch sein wird. Das verspreche ich Ihnen.“

Damit lässt er mich los, verschwindet in die Dunkelheit und ich bleibe mit meinem rasenden Herzen alleine zurück.