Leseprobe Rockstar oder Traummann?

1. Kapitel

Über dem Grand Hotel schien zum ersten Mal seit einigen Wochen die Sonne und taute die letzten Schneereste weg, als Sarah Förster aus dem Fenster ihres kleinen Büros schaute. Es wurde Zeit, sich darum zu kümmern, dass für den heutigen Tag alles vorbereitet und perfekt war. Ein letzter Blick in den Spiegel. Sie strahlte sich selbst an, um sich Mut zu machen. Dann holte sie noch einmal tief Luft und trat aus dem Büro.

Sie traf auf Bernhard, der seinerseits auf dem Weg in das Büro war. „Hallo, Sarah, viel Spaß heute! Ist ganz schön was los da unten.“ Sarah lächelte ihn an und wünschte ihm einen schönen Tag. Sie mochte Bernhard, der, obwohl er als Hotelmanager zu jeder Tageszeit voll beschäftigt war, eigentlich immer freundlich grüßte und ein paar nette Worte für sie fand.

Auf ihrem Weg nach unten ins Erdgeschoss traf sie noch einige andere Mitarbeiter des Hotels. Alle grüßten freundlich mit beinahe identischen Worten: viel los heute. Ja, das konnte man so sagen.

Das Grand Hotel hatte für die nächsten fünf Tage eine der größten Musikveranstaltungen des ganzen Landes geplant. Direkt ans Hotel angeschlossen befand sich die Musikhalle, eine der modernsten und größten Konzerthallen der Neuzeit, und hier sollte die World of Music, eine Art Musikmesse stattfinden. Einige der größten Musiker und Bands würden hier auftreten. Seit fünf Jahren gab es diese Veranstaltung nun schon und sie wurde jedes Jahr größer. Und Sarah hatte als Eventmanagerin die ehrenvolle Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Das hieß im Vorfeld vor allem viel Planung und Organisation, aber jetzt, so kurz vor Beginn, ging es vor allem darum, die Hauptakteure zufriedenzustellen.

Da es sich ausschließlich um Musiker handelte, war das keine so leichte Aufgabe; Künstler hatten oft genug recht ausgefallene Wünsche. Außerdem verstanden viele dieser Musiker unter „zufriedenstellen“, dass sie mit ihnen ins Bett steigen sollte. Sarah war mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch ziemlich jung und nicht unbedingt hässlich. Das reichte den meisten schon, um sie als Beute zu betrachten. Und auch, wenn bei dem einen oder anderen die Verlockung groß sein würde, musste sie auf jeden Fall widerstehen. Würde Sarah sich nur mit einem von ihnen einlassen und würde das irgendwie publik werden, könnte sie ihren Job vergessen. Sie würde fortan von allen nur noch als Freiwild betrachtet und jeder müsste sich und dem Rest der Welt beweisen, dass auch er es schaffen würde, sie ins Bett zu bekommen. An vernünftiges Arbeiten wäre nicht mehr zu denken. Außerdem war Sarah in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind, auch wenn das zu ihrem Glück fast niemand wusste. Diese Geschichte blieb ihr Geheimnis.

Ihr Job war ihr wichtig. Es war der Ausgleich zu ihrem Privatleben mit ihrer kleinen Tochter Lilly. Sie liebte das Mädchen über alles und genoss jeden Moment mit ihr. Das konnte sie auch deshalb, weil sie neben Lilly noch ein erfülltes Arbeitsleben hatte, jenseits aller Mutterpflichten. Und natürlich spielte auch die finanzielle Seite eine Rolle.

 

***

 

Vom Erdgeschoss aus fuhr sie mit dem Fahrstuhl hinunter in den Aufenthaltsraum der VIPs, auch einfach Bar genannt, denn beherrscht wurde der Raum von einer riesigen Theke, um die sternförmig mehrere gemütliche Sitzgruppen arrangiert waren. Zu dieser Zeit war hier noch nichts los. Zwei junge Männer saßen an einem Tisch in der Ecke und hatten jeweils ein Bier vor sich stehen. Toni, der Barmann, polierte Gläser. Sarah besprach kurz mit ihm, wie viele Gäste sie heute erwarteten, ob alle Getränke vorhanden waren und diverse andere Kleinigkeiten. Danach wollte sie ein letztes Mal durch die Suiten gehen, um sicher zu sein, dass alles zu ihrer Zufriedenheit vorbereitet war. Das Grand Hotel hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Deshalb störte sich normalerweise auch niemand daran, wenn sie die Arbeit der Zimmermädchen noch einmal überprüfte. Also nahm sie wieder den Fahrstuhl nach oben zur Rezeption, um sich dort die entsprechenden Zimmerschlüssel aushändigen zu lassen.

Ein Blick zum Empfangstresen zeigte ihr, was Bernhard und die anderen gemeint hatten. Normalerweise hielten sich um diese Uhrzeit nur wenige Gäste im Bereich der Rezeption und der Lobby auf. Doch heute lungerten diverse Grüppchen von Männern und Frauen, oft mit Musikinstrumenten, auf den Sofas im Eingangsbereich oder standen vor dem Empfangstresen. Dabei war heute noch nicht mal der Hauptanreisetag. Sarah sollte sich also beeilen, wenn sie die Zimmer noch kontrollieren wollte.

Sie musste sich regelrecht bis zur Rezeption durchkämpfen, um die Schlüssel zu bekommen.

Gerade versuchte sie, möglichst unbemerkt durch eine Gruppe von Männern hindurchzuschlüpfen, als es sie plötzlich wie ein Blitz traf. Der Mann, der da lässig seine Arme auf den Empfangstresen gelegt hatte und scheinbar heftig mit Laura flirtete, kam Sarah mehr als nur bekannt vor. Seine blonden Haare waren etwas kürzer als damals, dennoch war sie sich sicher, dass sie ihn kannte.

Sarahs Herz schlug so heftig, dass sie Angst hatte, jemand könnte es hören. Schon so oft hatte sie sich eingebildet, ihn irgendwo zu sehen. Jedes Mal hatte es sich als Trugbild herausgestellt. So oft hatte sie sich überlegt, wie sie reagieren würde, wenn es dann doch einmal passierte. Doch momentan war ihr Kopf wie leergefegt. Sie konnte es Laura nicht übelnehmen, dass diese sich wie ein verliebtes Schulmädchen aufführte. Ihr war es damals nicht anders ergangen.

Plötzlich wurde Sarah bewusst, dass es besser wäre, wenn sie ihm nicht hier vor allen Leuten begegnen würde und so wich sie schnell zurück. Sie rempelte dabei ein paar Leute an, aber das war ihr egal. Wie von Furien gehetzt, rannte sie zur Treppe. Toni kam ihr entgegen. Seinen verwunderten Ausruf „Wolltest du nicht hoch zu den Zimmern?“ bekam sie nur am Rande mit. Sie murmelte etwas von „vergessen“ und rannte nach unten. Direkt hinter der Treppe gab es einen Zugang zu den Heizräumen, die nur im Notfall betreten wurden. Ein ideales Versteck, um erst mal wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

 

***

 

Er war hier! Alexsi Nicolas Morgan, genannt Alex. Deutsche Mutter, Vater Amerikaner mit finnischen Wurzeln. Aufgewachsen in New Jersey. Schulverweis mit sechzehn, seinen Abschluss hatte er später an der Abendschule nachgeholt. Seine Karriere begann er mit fünfzehn, sie war der Grund für seinen Schulverweis, aber auch für seine Entscheidung, den Abschluss später nachzuholen. Er hätte das nicht nötig gehabt. Nach ein paar fruchtlosen Jahren war plötzlich der große Erfolg gekommen, der bis heute anhielt. Ein Ende nicht in Sicht. Vierunddreißig Jahre alt und Schwarm aller Frauen.

Sarah wusste nicht viel über ihn, nicht mehr als alle anderen, die über sein Leben in der Zeitung gelesen hatten. Sie hätte wissen müssen, dass er hier sein würde. Doch sie hatte den Namen der Band, die als Hauptact auftreten sollte, nicht mit ihm in Verbindung gebracht. Irgendwie hatte sie in den letzten Jahren erfolgreich jeden Gedanken an Alex aus ihrem Leben verdrängt. Dabei verband sie viel mit ihm.

Mehr als er selbst ahnen konnte.

 

***

 

Es war jetzt ein bisschen über sechs Jahre her. Damals studierte Sarah noch und verdiente sich nebenher ein bisschen Geld, indem sie für eine an ein Hotel angegliederte Eventagentur kellnerte. Eddi, ihr damaliger Chef, merkte jedoch schnell, wie gut sie bei den Gästen ankam, vor allem bei den Prominenten. Sie erstarrte weder vor Ehrfurcht noch brach sie in wildes Kichern aus, wenn sie sie ansprachen, so wie das bei den meisten ihrer Kolleginnen der Fall war. Im Gegenteil, schlagfertig konnte sie jeder Anzüglichkeit mit einem gezielten Konter die Schärfe nehmen. Außerdem sah sie mit ihren langen braunen Locken und den grünen Augen nicht allzu schlecht aus.

Also setzte Eddi Sarah ziemlich bald als „Mädchen für alles“ bei den großen Stars ein. So bekam sie einen ersten Eindruck von dieser Welt und vor allem von den Aufgaben einer Eventagentur, die sich wirklich um alles kümmern musste. Von den besonderen Wünschen, über die Behandlung von Wehwehchen, bis hin zu beinahe magischen Fähigkeiten, wenn es darum ging, Skandale zu vermeiden, indem so wenig Informationen wie möglich über alles was im Hotel passierte, an die Öffentlichkeit gerieten. Gerade letzteres erwies sich oft als die größte Schwierigkeit, denn die Stars selbst taten alles, um ihrem guten Ruf Schaden zuzufügen.

Beinahe täglich mahnte Eddi Sarah, den privaten Kontakt zu ihnen um jeden Preis zu vermeiden. Sie sollte also die geheimsten und komischsten Wünsche erfüllen, ohne je das Gefühl aufkommen zu lassen, sie würde diese Leute kennen. Sie sollte nett sein und zuvorkommend, aber ihnen niemals zu nahe kommen. Er schärfte es ihr dermaßen ein, dass sie im Leben nie gedacht hätte, ihr könnte einmal ein solcher Fehler unterlaufen. Eigentlich hatte sie auch keine Bedenken deswegen, denn sie bekam ja Tag für Tag vor Augen geführt, was mit den Mädchen geschah, die nicht so vorsichtig waren.

Sie blieben mit gebrochenem Herzen auf der Strecke.

Manchmal hatte Sarah tagelang nur damit zu kämpfen, die sexuellen Eskapaden ihrer Gäste um jeden Preis geheim zu halten. Und das, während diese selbst mit ihren Erlebnissen prahlten und sich in aller Öffentlichkeit mit ihrem jeweiligen Betthäschen zeigten. Zum Glück beschränkten sie sich dabei meistens auf das Hotel und die nähere Umgebung.

Wenn man also die Hotelangestellten einigermaßen im Griff hatte, ließen sich Skandale weitgehend vermeiden. Ein paar Mal hatte sie versucht, die Mädchen zu warnen, aber wie sich herausstellte, wollten sie solche Warnungen gar nicht hören. Diese dummen Puten, dachte Sarah immer. Warum also sollte sie auch so sein wollen? Doch Eddi war offenbar der Meinung, man könnte Sarah gar nicht genug warnen.

Als er also eines Morgens seine typische Gardinenpredigt hielt, weil mal wieder eine Band da war, deren Frontmann wohl zu der übelsten Sorte Schürzenjäger gehörte, verdrehte Sarah nur die Augen und ließ seine Worte an sich vorbeirauschen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es sich bei diesen Musikern oft um ganz normale Typen mit besonders dreisten und schlechten Manieren handelte, also was sollte sie an denen finden? Außerdem hatte sie einen festen Freund. Zumindest bildete sie sich das ein, denn sie hatte Jens nun schon ein paar Mal geküsst und sie waren schon seit sechs Wochen regelmäßig ausgegangen. Die vielgerühmten Schmetterlinge fehlten zwar, aber so konnte Sarah zumindest rational und vernünftig an die Sache herangehen, wie es ihrem Naturell entsprach. Auch für diesen Abend nach der Arbeit war sie mit Jens verabredet. Sie wollten erst zum Italiener und dann ins Kino. Beschwingt von der Aussicht auf einen netten Abend stürzte Sarah sich in ihre Arbeit.

Womit sie allerdings niemals gerechnet hätte, war, dass dieser Typ, den sie heute betreuen sollte, sie so dermaßen umhauen würde. Als sie das erste Mal in seine blauen Augen blickte, durchfuhr sie sprichwörtlich ein Blitz. Ihre Atmung beschleunigte sich und überall in ihr begann es zu kribbeln, als wäre sie elektrisch aufgeladen. Das hatte sie noch nie zuvor erlebt. Es fiel ihr mehr als schwer, sich darauf zu konzentrieren, was sie sagen, was sie tun sollte. Sie zwang sich, wegzuschauen, murmelte eine knappe Entschuldigung und flüchtete beinahe ins Nebenzimmer, um erst einmal tief durchzuatmen.

Was war nur los? Vielleicht war sie krank? Es konnte unmöglich an diesem Typen liegen, den sie heute zum ersten Mal gesehen hatte. So etwas war einfach nicht ihre Art. So eine starke körperliche Reaktion hatte sie noch nie zuvor erlebt.

Sie atmete tief ein und aus und zwang sich, wieder klar zu denken und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ein paar Minuten später hatte sie sich soweit beruhigt, dass sie einen zweiten Anlauf wagen wollte. Ein bisschen musste sie sogar über sich selbst lachen. Was hatte der Typ wohl gedacht, als sie reinkam, ihn nur anstarren konnte und dann rausgerannt war?

Na ja, vermutlich war er diese Reaktion auch gewöhnt.

Diesmal klappte es besser. Sie hielt sich einigermaßen aufrecht und brachte vernünftige Sätze zustande. Sie hatte sogar die Gelegenheit, ihn ein bisschen zu mustern, ohne gleich Gefahr zu laufen, in Ohnmacht zu fallen. Eigentlich war er nichts Besonderes. Groß, muskulöse Statur und blond. Seine Haare hingen ihm wild in die Stirn, so dass man das Bedürfnis hatte, sie ihm ein wenig zurückzustreifen. Aber all das war nichts, was sie normalerweise vom Hocker hauen konnte. Umso lächerlicher kam Sarah plötzlich ihre Reaktion vor.

Wahrscheinlich war es eher eine Art allergischer Schock gegen was auch immer. Während sie ihn in sein Zimmer begleitete, um ihm alles zu erklären und weitere Wünsche von ihm zu besprechen, ärgerte sie sich über sich selbst. Ihre Hände hatten noch immer nicht aufgehört zu zittern und auch in ihrer Stimme war noch ein leichtes Beben zu hören. Deshalb schwieg Sarah lieber und sie fuhren die vier Stockwerke nach oben; schweigend.

Anscheinend hing er seinen eigenen Gedanken nach oder er war an sich ein eher wortkarger Mensch. Das war allerdings eher untypisch für einen, der die Mädels angeblich reihenweise um den Finger wickelte.

Als sie ihm oben alles erklärte und zeigte, hatte sie das Gefühl, dass er ihr nur mit halbem Ohr zuhörte. Das fand sie ziemlich unhöflich. Zusammen mit ihrer Anspannung verursachte ihr das eine unnatürlich schlechte Laune.

Also war sie bestimmt nicht so nett und zuvorkommend wie sonst, als sie sich nach seinen Wünschen erkundigte, eher vielleicht ein bisschen pampig. Da überraschte er sie plötzlich mit einem Lächeln und einem weiteren Blick aus seinen tiefblauen Augen. Sofort wurden ihr die Knie weich und ihr versagte die Stimme. Was war nur heute los? Schnell wandte sie sich ab und sortierte die bereits akkurat platzierten Getränke neu. Erleichtert darüber, dass er keine besonderen Wünsche hatte, verließ sie den Raum so schnell es ging wieder.

Nach diesem Erlebnis war sie dermaßen angespannt, dass nichts mehr richtig klappen wollte. Sie warf eine Vase zu Boden, so dass sie in tausend Stücke zerbrach, rannte beinahe eine Gruppe älterer Frauen über den Haufen und fegte aus Versehen einen Stapel loser Blätter vom Empfangstresen. Als dann noch Eddi kam und sie bat, länger zu bleiben, wäre sie beinahe ausgerastet. Wirklich den Rest gab ihr allerdings, dass Jens auf ihre Absage sehr gelassen, fast erleichtert reagierte.

In der Pause ging Sarah erst einmal zur Bar und ließ sich einen Weißwein einschenken. Eigentlich trank sie höchstens nach der Arbeit mal einen Schluck, aber heute brauchte sie das, um ihre angespannten Nerven zu beruhigen. Nach dem ersten Glas fühlte sie sich auch schon viel besser. Zur Sicherheit ließ sie sich noch ein zweites Glas einschenken.

Plötzlich sagte eine tiefe Stimme mit leichtem Akzent direkt in Sarahs Ohr: „Ich glaube auch, jetzt ist die passende Gelegenheit, sich zu betrinken.“ Dann bestellte er sich einen Wodka auf Eis. Neben ihr auf dem Barhocker saß dieser blonde Typ von vorhin und grinste sie an. Sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Noch nie in ihrem ganzen Leben war ihr etwas so peinlich gewesen. Sie wollte sofort aufspringen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Du hast vorhin gesagt, dass du dafür da bist, dich um mich zu kümmern. Und jetzt brauche ich gerade Gesellschaft.“ Erneut schenkte er ihr sein entwaffnendes Lächeln. Zusammen mit seinem undefinierbaren Akzent, der seine ohnehin sexy tiefe Stimme noch unwiderstehlicher machte, brachte sie das zum Nachgeben. Resigniert seufzte Sarah auf, nahm ihr Glas und hob es ihm hin zum Anstoßen. Der Wein hatte sie etwas lockerer gemacht, so dass sie ihn nach einer Weile fragen konnte, wo denn der Pulk an Mädchen blieb, die angeblich immer in seiner Nähe zu finden waren. Er sah sie verwundert an, anscheinend war ihm diese Information neu.

So ganz falsch konnte sie aber auch nicht liegen, denn plötzlich lachte er und sagte: „Warum? Du bist doch da!“ Sarah war sich nicht ganz sicher, ob sie das jetzt als Beleidigung auffassen sollte, doch angesichts der wirklich irren Situation entschied sie sich dagegen. Dann fing er an, sie auszufragen. Über ihre Arbeit, ihre Hobbies, ihr Privatleben und so weiter. Sie erzählte alles, ließ aber aus, dass sie sich in festen Händen befand. Falls man das überhaupt so bezeichnen konnte, nach Jens’ Reaktion war sie sich da nicht mehr so sicher. Warum sie ihm nichts von ihrem Freund erzählte, wusste sie selbst nicht so genau. Genauso wenig wusste sie, warum es sie nicht störte, beinahe ihr ganzes Leben vor ihm auszubreiten, wo er doch fast nichts über sich preisgab. Sie erfuhr lediglich, dass er Alex genannt wurde, achtundzwanzig Jahre alt war und die letzten Monate seines Lebens auf Tour verbracht hatte.

Nebenher tranken sie auf alle möglichen Anlässe, so dass sein Glas mindestens noch fünfmal, Sarahs wenigstens noch ein drittes Mal nachgefüllt wurde. Sie amüsierte sich wie schon ewig nicht mehr. Ihre Unsicherheiten von vorhin waren wie weggefegt, auch wenn es nach wie vor in ihr kribbelte, wann immer er ihr in die Augen sah. Er fühlte sich vertraut an, fast wie ein bester Freund, den sie schon jahrelang kannte. Nur manchmal erwischte sie sich dabei, wie sie seine Hände, seine starken Arme oder seine Lippen begehrlich musterte.

Als Sarahs Hand zufällig seine berührte, wollte sie sie wieder wegziehen und darüber lachen, doch er hielt ihre Hand fest und zog sie zu sich. Das Lachen blieb ihr im Halse stecken, als sie sah, dass er ernst geworden war. Sein Blick war beinahe hypnotisch. Wie von selbst bewegten sie sich aufeinander zu. Der Kuss selbst überraschte sie nicht mehr. Es war sehr schön, beinahe zu schön. Für eine kurze Zeit vergaß sie alles um sich herum. Doch dann wurde sie mit einem Mal schlagartig in die Wirklichkeit zurückkatapultiert. Was machte sie hier? Das ging nicht. Sie stieß Alex beinahe grob von sich.

„Entschuldige“, stammelte Sarah.

Er zog die Augenbrauen fragend hoch. „Wofür?“

„Weil ich … du … mein Job …“ Oh Gott, was war nur mit ihr los? Sie brachte schon wieder keinen klaren Satz zustande.

„Mein Job ist es, für deine Zufriedenheit zu sorgen“, brachte sie schließlich heraus.

„Und das tust du!“, erwiderte er mit einem kleinen Lächeln.

„Aber doch nicht so!“, schrie sie fast. Dann sprang sie auf, so ruckartig, dass sie den Barhocker fast umwarf. „Ich muss los.“

Sie wollte wegstürmen, doch wie zuvor hielt er sie fest. Erst jetzt bemerkte sie, dass er noch immer ihre Hand hielt. Er räusperte sich und fuhr sich mit der anderen Hand durch die Haare, was seine an sich schon strubbelige Frisur noch etwas unordentlicher hinterließ.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen“, begann er mit seiner tiefen Stimme, die so sexy klang, dass Sarah die Knie weich wurden, „weil ich dich anscheinend so in Verlegenheit bringe. Das tut mir leid. Es ist auch sonst nicht meine Art, fremde Frauen an der Bar zu küssen …“ Sarah lachte auf; da hatte sie aber ganz anderes gehört.

„Aber irgendwie ist es schwer, dir zu widerstehen!“ Wieder hatte seine Stimme diesen rauen Klang. Dazu blickte er Sarah tief in die Augen, fast schon in ihre Seele. Sie schmolz buchstäblich dahin.

„Lass uns einfach weiter reden, ja?“, bat sie.

Er nickte und setzte sich demonstrativ so hin, dass er beide Arme auf die Bar legen konnte. Dann griff er nach seinem Glas, warf es aber um. Instinktiv wollte Sarah es auffangen und riss dabei ihr eigenes Glas mit, so dass sich auf der Bar vor ihnen jetzt Wodka mit Weißwein vermischte. Nachdem der Barmann alles aufgewischt hatte und neue Gläser vor ihnen standen, saßen beide schweigend vor ihrem Glas, nebeneinander an der Theke. Ihre Finger zitterten, aber auch er trommelte unruhig mit den Daumen auf der Platte herum. Dann fluchte er auf einmal. Sie drehte sich fragend zu ihm hin und gleichzeitig drehte auch er sich um. Dann ging alles ganz schnell. Er rutschte vom Barhocker herunter, nahm sie in die Arme und küsste sie erneut, diesmal intensiver. Kurz dachte Sarah an die Konsequenzen ihres Tuns, aber irgendwie wollten die Warnungen von Eddi nicht so recht in ihr Bewusstsein vordringen. Also schlug sie alle Bedenken in den Wind und gab sich voll dem Gefühl hin, dass das was sie hier tat, nur richtig sein konnte. Sie lösten sich nur kurz voneinander, um zum Aufzug zu gehen und in sein Zimmer zu fahren. Zum Glück begegneten sie unterwegs niemandem. Zumindest hoffte Sarah das, denn, um bei der Wahrheit zu bleiben, sie bekam nicht mehr viel von ihrer Umwelt mit.

Alex war ein wunderbarer Liebhaber, rücksichtsvoll aber nicht zurückhaltend. Alles fühlte sich total richtig an.

Jedenfalls bis zu dem Moment am nächsten Morgen, als Sarah neben ihm im Bett aufwachte und ihr mit voller Wucht bewusst wurde, dass sie all ihre Prinzipien verraten hatte. Jetzt fielen ihr auch wieder die Warnungen von Eddi ein und die Konsequenzen, mit denen er immer gedroht hatte. Würde sie jetzt ihren Job verlieren? Und vielleicht nie mehr in dieser Branche arbeiten können? Sie konnte nur hoffen, dass niemand etwas mitbekommen hatte. Es war ihr jedoch klar, dass zumindest Eddi sich wohl fragte, wo sie gestern geblieben war.

Schnell suchte Sarah ihre Sachen zusammen, die überall verstreut lagen und warf noch einen Blick auf den schlafenden Alex. Hoffentlich würde er nicht überall damit prahlen, sie ins Bett bekommen zu haben. Eigentlich schätzte sie ihn so nicht ein.

Und wenn doch, würde sie einfach alles abstreiten.

So leise wie möglich zog Sarah sich an. Ein letzter Blick auf Alex, der sogar im Schlaf noch unwiderstehlich aussah, dann verließ sie leise das Zimmer. Obwohl ihr auf dem Weg nach unten mehrere Hotelangestellte begegneten, sprach niemand sie an.

Sie hoffte schon, es unbehelligt nach Hause zu schaffen, als plötzlich Eddi vor ihr auftauchte. Er musterte sie wortlos von oben bis unten und schüttelte leicht den Kopf. Dabei sah er so enttäuscht aus, dass Sarah die Tränen in die Augen schossen. Ihr wurde bewusst, wie sie auf ihn wirken musste, in den Klamotten vom Vortag, total zerknittert und ungeschminkt. Ihm war sicher sofort klar, was passiert war. Seine nächsten Worte bestätigten ihre Vermutung.

„Oh Mädchen, meinst du, dass das klug war?“ Dann bugsierte er sie sanft in Richtung Ausgang. „Vielleicht wäre es besser, du nimmst dir die nächsten Tage frei.“ Mit diesen Worten schickte er sie weg.

 

***

 

Und so kam es, dass sie Alex nie wieder sah.

Eine knappe Woche später war sie zurück im Hotel, aber da war Alex natürlich schon lange nicht mehr da. Anscheinend hatte er das Geschehene auch für sich behalten, denn sie hörte an keiner Stelle davon, obwohl sie sich in den nächsten Wochen jede Zeitschrift kaufte, die irgendetwas von ihm brachte. Sarah konnte hoffen, dass ihr Fauxpas unbemerkt geblieben war und keine Auswirkungen auf ihr weiteres Leben haben würde.

Knapp vier Wochen später war klar, dass sie doch nicht so ungeschoren davonkommen würde: sie war schwanger. Sie hatten zwar verhütet, aber anscheinend war keine Verhütung zu einhundert Prozent sicher.

Mit Tränen in den Augen berichtete Sarah Eddi was passiert war. Obwohl er nicht begeistert war, durfte sie weiter für ihn arbeiten, wenn auch in einem anderen Bereich ohne allzu viel Kontakt zu den Gästen.

Irgendwann kam der Tag, an dem sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie musste eine Entscheidung treffen. Für ihr Kind hatte sie sich schon lange vorher entschieden, aber jetzt wusste sie, dass sie einen völlig anderen Weg gehen musste, als sie immer für sich geplant hatte. Sie brach ihr Studium ab, bekam Lilly und ging wieder arbeiten, sobald Lilly ein Jahr alt war. Sie hatte Glück, dass Eddi sie auch weiterhin beschäftigen wollte, diesmal allerdings als Zimmermädchen.

Lilly sah ihrem Vater ziemlich ähnlich. Sie hatte seine blonden Haare und blauen Augen geerbt. Da jedoch niemand außer Eddi einen Verdacht hatte und Sarah auch nie ein Wort darüber verlor, wusste niemand, wer Lillys Vater war. Es gab Mutmaßungen und Gerüchte, aber niemand kam auch nur in die Nähe der Wahrheit und Eddi plauderte sein Wissen nie aus.

Diese Erfahrung, wie stark eine einzige falsche Entscheidung ein ganzes Leben verändern konnte, hatte Sarah mehr als alles andere gelehrt, niemals ihre Gefühle entscheiden zu lassen, wenn es um ihren Job ging. Sie arbeitete sich hoch, absolvierte nebenher ein Fernstudium und gründete schließlich ihre eigene Eventagentur, als Eddi sich zur Ruhe setzen wollte. Ihre Welt hätte nicht schon wieder aus den Fugen geraten müssen, doch offensichtlich hatte das Schicksal andere Pläne.

 

***

 

Die Frage war, ob Sarah Alex von Lilly erzählen sollte oder nicht. Doch diese Frage würde sich nicht im Heizungsraum beantworten lassen. Also fasste Sarah einen Entschluss. Sie würde sich ihm stellen und sehen, ob er es verdient hätte, die Wahrheit zu erfahren. Sie konnte ihm sowieso schlecht aus dem Weg gehen, da sie als Eventmanagerin immer Wert darauf gelegt hatte, sich persönlich von der Zufriedenheit aller wichtigen Gäste zu überzeugen. Da Sakrileg, Alex’ Band, der Hauptact der Musikmesse war, konnte und wollte sie bei ihm keine Ausnahme machen.

„Vermutlich wird er mich sowieso nicht erkennen.“ Mit diesem Gedanken machte sie sich auf den Weg nach oben. Wie erwartet stand er noch immer bei Laura an der Rezeption. Diese hatte strikte Anweisungen von Sarah, niemanden in sein Zimmer zu lassen, bevor sie es nicht persönlich kontrolliert hatte. Also holte sie tief Luft und drängte sich an ein paar Jungs vorbei, bis sie direkt neben Alex am Empfangstresen stand. Seine Nähe raubte ihr fast den Verstand, sie war nicht fähig, Laura um die Zimmerschlüssel zu bitten. Doch Gott sei Dank war Laura trotz ihres Flirts mit Alex geistesgegenwärtig genug, Sarah die Schlüssel auszuhändigen.

„Warum bekommt sie ihren Schlüssel und ich nicht?“, hörte Sarah plötzlich Alex direkt neben sich fragen. Dann schien sein Blick sie förmlich zu durchbohren. Sarah schnappte sich die Schlüssel und verschwand so schnell, dass sie Lauras Antwort nicht mehr mitbekam. Sie hörte nur noch wie Alex „Moment mal“ rief, dann war sie schon außer Hörweite.

Oben überzeugte sie sich schnell davon, dass alles in Ordnung war, dann fuhr sie wieder runter. Sie holte ein paar Mal tief Luft.

Jetzt war es soweit. Sie würde sich ihm stellen. Ihre nächste Aufgabe bestand nämlich darin, die Musiker in ihre Räume zu führen und mit ihnen den Ablauf der nächsten Tage noch einmal durchzugehen. Es waren noch nicht viele ihrer Gäste da und leider war Alex’ Band die erste und wichtigste, um die sie sich kümmern musste. Je schneller sie es hinter sich brachte, desto besser.

Laura hielt Alex und seine Freunde noch immer bei Laune, das hörte Sarah an ihrem lauten Lachen. Erleichtert ging sie näher und war umso überraschter über den spürbaren Stimmungsumschwung, als sie Alex’ Aufmerksamkeit auf sich lenkte und ihn und seine Bandkollegen aufforderte, ihr zu folgen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die Temperatur im Raum plötzlich um ein paar Grade sank. Er musterte sie langsam von oben bis unten. Sein Lächeln verschwand und seine Augen sahen aus wie zwei kalte Gletscherseen. War er wütend auf sie? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Vielleicht lag hier ein Missverständnis vor.

 

***

 

Wenig später standen sie gemeinsam in der für Sakrileg vorgesehenen Suite und gingen den geplanten Ablauf der nächsten Tage durch. Mehr als einmal ertappte sie sich dabei, sich darüber zu wundern, dass sie Alex blaue Augen bei ihrer letzten Begegnung für warm gehalten hatte. Vermutlich bin ich damals einem Hormonschub erlegen, dachte sie. Er war mit Sicherheit ein sehr attraktiver Mann, wahrscheinlich noch mehr als damals. Aber anders als früher spürte sie eine Art Barriere zwischen sich.

„Morgen Abend findet euer Akustikkonzert statt. Der Soundcheck dafür wird gegen Nachmittag sein. Da bringt euch jemand hin.“ Sarah las die Informationen von ihrem Notizzettel ab, obwohl sie den geplanten Ablauf schon lange auswendig kannte, doch nur so war es möglich, Alex’ bohrenden Blicken auszuweichen.

Lieber schaute sie die anderen an. „Die folgenden Termine stehen in der Infomappe. Da ist auch meine Nummer. Falls euch etwas unklar ist, könnt ihr mich jederzeit erreichen.“

„Bist du sicher, dass du wirklich immer erreichbar bist?“, fragte Alex mit schneidender Stimme. Die anderen blickten ihn irritiert an.  

Sarah versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie zwang sich zu lächeln und ihn direkt anzusehen. „Ja, natürlich! Es ist mein Job, mich persönlich um meine Gäste zu kümmern.“

Bei dieser Aussage lachte Alex plötzlich zynisch auf. „Ich bin mir sicher, dass du diese Aufgabe ganz besonders ernst nimmst!“

Einer der anderen, Sarah glaubte zu wissen, dass es sich um Rick, den Gitarristen handelte, stieß seinem Freund den Ellenbogen in die Seite und sah ihn böse an. Dann wandte er sich entschuldigend an Sarah. „Das wird schon alles gut klappen. Bitte entschuldige meinen Kumpel, er hat heute wohl seine Manieren vergessen.“ Sie nickte in der Hoffnung, dass er recht hatte.

Noch nie war Sarah so erleichtert gewesen, die Infomappe übergeben und gehen zu können.

 

***

 

Der restliche Tag war unheimlich anstrengend. Es gab wahnsinnig viel zu organisieren und umzuorganisieren. Erst am Morgen hatten sie einen Anruf bekommen. Eine der Bands vom letzten Tag würde nicht kommen können. Sie hatten sich wohl alle gegenseitig mit dem Norovirus angesteckt und waren im Krankenhaus. Eine andere Band steckte wegen eines Streiks am Flughafen in Rom fest ohne Aussicht, in absehbarer Zeit dort wegzukommen. Dazu schlug Sarah den ganzen Tag Alex’ abwehrende Haltung auf den Magen. Nach ihrer Begegnung am Vormittag hatte sie ihn zwar nicht mehr gesehen, doch sie zerbrach sich den Kopf darüber, warum er ihr gegenüber so unfreundlich war.

Als sie spätabends nach Hause kam, fühlte sie sich wie gerädert. Wie immer sah sie zuerst nach Lilly, die bereits seit ein paar Stunden fest schlief. Die Kleine sah so friedlich aus. Jedes Mal, wenn Sarah Lilly anblickte, überkam sie ein warmes Gefühl der Liebe. Ihre süße Tochter war einfach anbetungswürdig. Jeder, der sie sah, verfiel ihrem natürlichen Charme augenblicklich. Dazu ihre hellblonden Haare und ihre wunderbaren tiefblauen Augen. Sie hatte eindeutig viel von ihrem Vater geerbt. Dennoch war Sarah stolz behaupten zu können, dass Lillys bescheidene und freundliche Art, die die meisten an ihr lobten, eher eine Erbschaft mütterlicherseits war.

Mira, ihr Au-pair-Mädchen, das sich in Sarahs Abwesenheit um Lilly kümmerte, schlief ebenfalls schon. Jedenfalls war aus ihrem Zimmer kein Laut mehr zu hören. Sarah ging leise ins Wohnzimmer, machte sich noch einen Tee, setzte sich auf ihr Sofa und schloss die Augen, um einfach die Stille zu genießen. Sie musste sich seelisch und moralisch auf die nächsten Tage vorbereiten.

Die Tagespläne sagten ihr, dass sie in dieser Zeit sehr oft auf Alex – den neuen, ablehnenden Alex – treffen würde. Da seine Band mittlerweile zu den erfolgreichsten gehörte, konnte sie ihre Aufgabe auch nicht einem ihrer Mitarbeiter zuschieben, die nebenbei gesagt genug um die Ohren hatten. Als der Tee ausgetrunken war, wusste Sarah noch immer nicht, wie sie die nächsten Tage überstehen sollte, aber zumindest war sie jetzt müde genug, um schlafen zu gehen.