Leseprobe Right for Love

Kapitel zehn

In dieser Nacht träumte ich zum allerersten Mal von ihm. Es war ein Traum ohne Anfang und ohne Ende. Ich stand auf einer Wiese, auf der die Grashalme so grün leuchteten wie Smaragde. Weit und breit war nichts anderes zu sehen als dieses Grün und der babyblaue wolkenlose Himmel über mir.

Ohne zu wissen warum, begann ich zu lächeln. Ich fühlte, dass dies der Ort meines Herzens war. So sähe es in meiner Seele aus, wäre diese ganz und gar geheilt. Ich streifte eine Weile durch das Gras, völlig ziellos, und nahm nur wahr, wie glücklich mich das machte. Einfach das Gefühl meiner Schritte beobachtend. Egal, ob vor oder zurück. Die Hauptsache war, dass ich mich bewegte. Der Wind spielte mir kleine Knötchen ins Haar, die Luft roch nach Salz und Freiheit.

Ich hatte Raum und Zeit völlig vergessen, als sich vor mir plötzlich das Ende der Wiese abzeichnete und sich dahinter ein in der Sonne wunderschön glitzernder Ozean ausbreitete. Sein Anblick ließ mein Herz weit werden.

Ich beschleunigte meine Schritte, um der See ganz nahe zu sein. Da bemerkte ich, dass jemand hinter mir lief. Es waren sachte, durch das Gras abgedämpfte Schritte, die mir angenehme Schauer über den Rücken jagten. Aus irgendeinem Grund war es mir nicht möglich, mich umzudrehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen, mit der stillen Präsenz in meinem Rücken.

Nach einer Weile genoss ich sie so sehr, dass ich gar nicht mehr wissen musste, wer hinter mir lief. Es genügte, dass er da war. Als ich den Rand der Klippe erreichte, blieb er dicht bei mir stehen, sodass ich ihn aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Er hatte einen muskulösen Körperbau, der sich spielend den scharfen Windböen entgegensetzte, die die Grashalme zu unseren Füßen tanzen ließen.

Immer noch sah ich ihn nicht an. Nun, da er bei mir war, wusste ich, dass wir alle Zeit der Welt hatten. Ich wollte mir diesen kostbaren Moment aufheben. Stattdessen sah ich auf die spiegelglatte See, auf die ich nun in einer Entfernung eine Insel aus dem Wasser ragen sah, deren Fuß so im Nebel lag, dass ich nicht hätte sagen können, wo sie anfing und wo sie endete. Etwas an dieser Insel schien mich zu sich zu rufen. Ich vernahm eine sanfte Melodie. Jedoch nicht mit meinen Ohren, vielmehr schien sie in mir zu klingen.

Da sprach ich ihn an. „Was meinst du, was das für ein Ort ist?“

„Das ist unser Zuhause.“

Da sahen wir einander an. Seine Lippen hießen mich mit einem strahlenden Lächeln willkommen, das mir so vertraut war wie mein eigenes. Der Wind peitschte ihm das rote Haar aus dem Gesicht, sodass die Sonnenstrahlen sich in seinen grauen Augen verfingen, in denen ich mein eigenes Spiegelbild reflektiert sah.

Wir sahen uns nur an und lächelten im stillen Einverständnis. Ja, das war unsere Insel und bald würde sie zu Fuß für uns erreichbar sein.

Mit diesem irritierenden Gedanken erwachte ich.

Kapitel Elf

Kurz vor dem Check-in Donnerstagabend hielt ich es für die richtige Zeit, meine Eltern darüber zu informieren, dass ich vier Tage im Ausland verbringen würde. Während ich die Nummer wählte, sah ich zur Uhr. Sie hatten zehn Minuten Zeit, mich mit einer Million Fragen zu bombardieren.

Es war meine Mutter, die abnahm. „Hallo, Georgie. Sei mir nicht böse, aber kann ich dich zurückrufen? Das Abendessen ist in zehn Minuten fertig.“

Perfektes Timing. Ich grinste. „Mach dir keine Umstände, mein Flieger geht sowieso in zehn Minuten.“

Auf diese Ansage war es solange still am anderen Ende, dass ich den Hörer kurz vom Ohr nahm, um auf dem Display nachzusehen, ob der Anruf abgewürgt worden war. „Alles okay?“

Ein zischendes Pusten war die Antwort, gefolgt von einem zerstreuten: „Wie kommt das denn? Warum hast du uns nicht gesagt, dass du verreist? Mit wem und wohin überhaupt? Ach, Georgie! Das ist toll für dich.“

Ich sah zur Uhr. Ich hatte noch vier Minuten und so rasselte ich schnell herunter: „Es steht erst seit Montag fest. Die letzten Tage hatte ich einigen Packstress. Ich fliege über das Wochenende nach Irland. Allein. Mir ist einfach gerade danach.“

Wieder eine so lange Pause, in der ich sie noch informierte, dass mein Flieger gleich abhob und ich mich deshalb an Bord begeben musste. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Müssen wir uns Sorgen machen?“

„Nein, im Gegenteil. Es geht mir richtig gut. Ich wollte doch schon immer reisen. Jetzt tu ich es endlich.“

„Richtig ja“, erwiderte sie zerstreut. „Das ist gut. Sonntag kommst du wieder, hast du gesagt? Paps holt dich vom Flughafen ab.“

„Ich komme in Berlin an. Dort bin ich im Übrigen auch gerade“, informierte ich sie.

„Wir hätten dich doch gefahren, Georgie! Das ist keine Entfernung, er holt dich gern ab.“

Ich hatte gewusst, dass sie so reagieren würde. Seltsamerweise hatte ich aber das Gefühl gehabt, die Reise zum Flughafen heute allein antreten zu müssen. Allerdings war ich froh zu wissen, dass mein Vater mich am Flughafen erwarten würde und lächelte. „Das ist lieb. Dann komm ich noch kurz vorbei und erzähle euch alles, versprochen. Ich muss jetzt Schluss machen.“

„Du bist mir eine“, seufzte meine Mutter ergeben. „Viel Spaß und komm uns bloß wohlbehalten wieder.“

Ich lächelte vergnügt. Fast dieselben Worte hatte auch Jason gebraucht. „Daran besteht kein Zweifel.“

Erst im Flieger wurde mir bewusst, dass ich im Begriff war, das hier wirklich durchzuziehen. Nervös kramte ich in meinem Rucksack nach meiner Geldbörse und sah zum gefühlt tausendsten Mal nach, ob sich genügend Geld und mein Personalausweis darin befanden. Positiv. Ich steckte alles wieder zurück in meinen Rucksack, der jedes Mal wenn ich den Reißverschluss öffnete, explosionsartig aufsprang. Nur unter großem Gezerre und Gezeter bekam ich ihn zu und schwor mir, ihn nicht wieder zu öffnen, bis ich wirklich etwas daraus brauchte.

Ich steckte mir die Stöpsel meiner Kopfhörer in die Ohren, schaltete Green Lemon auf meinem iPod an und lehnte mich zurück, während ich von meinem Fensterplatz aus beobachtete, wie ich langsam Richtung Wolken startete.

 

Als ich zwei Stunden später aus dem Flieger stieg, wurde mir sofort klar, wovon Jason gesprochen hatte. Selbst hier in Dublin war die Luft frischer und wirkte wie von einem goldenen Film überzogen. Die Straßen waren belebt und laut, dennoch frei vom Krach der Straßenbahnen, der in meiner Heimatstadt allgegenwärtig war und besonders in den eigenen vier Wänden aufs Gemüt schlug.

Da es vom Dubliner Flughafen bis zu der Farm in Woodstown Village ein ganzes Stück war, rief ich mir ein Taxi. Ich hatte Glück, denn zehn Minuten später hielt schon ein Wagen vor mir.

Der Fahrer ließ die Scheibe herunter und fragte in fröhlich irischem Singsang: „Sanger?“

Ich nickte strahlend. „That’s me!“

Er machte der Offenheit der Iren alle Ehre, indem er zu sprechen begann, kaum dass ich mich auf dem Rücksitz niedergelassen hatte. Natürlich identifizierte er mich sofort als Touristin.

„Ziemlich wenig Gepäck“, wunderte er sich auf Englisch.

„Ich bin nur übers Wochenende hier“, erwiderte ich, noch immer strahlend und zeigte auf die Sachen, die ich am Körper trug. „Für wetterfeste Kleidung ist gesorgt.“

„Das ist die Hauptsache. Ein Regenguss dauert zwar nie lange, doch er bricht meist unverhofft über einen herein.“

„Ich bin ehrlich gesagt kein Irland-Experte. Es war eine spontane Entscheidung.“

Wieder so ein tiefes, warmes Lachen. „Mit Spontanität passt du hierher. Mach dir keine Sorgen. Zufällig kenne ich die Woods-Farm und die Leute dort. Die werden dich noch heute Abend in eine waschechte Irin verwandeln.“

Ich lächelte verwundert. „Sind alle Iren so unkompliziert und freundlich?“

Er lächelte mir durch den Rückspiegel zu. „So erzählt man es sich, Miss.“

Fünfundvierzig Minuten später hielten wir am Rande einer alten Schotterstraße, von wo aus nichts zu sehen war bis auf die Ranch und die saftigen grünen Hügel, die sich in alle erdenklichen Himmelsrichtigen zu erstrecken schienen. Es war kaum zu glauben, dass keine dreiviertel Stunde von hier entfernt der Puls Dublins raste. Hier war es so still, dass die Stille bis in mein Herz vordrang und es seltsam anschwellen ließ.

Ich zuckte heftig zusammen, als ich bemerkte, dass der Taxifahrer hinter mir stand. „Bei dem Anblick fällt es einem leicht, alles um sich herum zu vergessen, was?“

„Da haben Sie recht. Hier, der Rest ist für Sie“, sagte ich und überreichte ihm mit einer Hand einen Fünfzigeuroschein, während ich mit der anderen verzweifelt versuchte, mein Haar zu bändigen, das der Wind in alle Himmelsrichtungen riss.

Ich winkte ihm als er mit quietschenden Reifen auf der holprigen Straße davonfuhr. Dann wandte ich mich zu dem Gehöft um und bemerkte die aufkeimende Nervosität in meinem Magen. Ich begab mich schnurstracks Richtung Haupthaus und klopfte an eine alte Tür aus rohem, splittrigem Holz.

Sofort war von drinnen eine Frauenstimme zu hören, gefolgt von aufgeregtem Hundegebell. „Aus, Hermes!“

Einen Augenblick später wurde die Tür von einer hübschen Frau mit kurzem, schwarzem Haar und einem netten Gesicht geöffnet, die ich auf Ende fünfzig schätzte. An ihrer Seite sprang ein Golden Retriever fröhlich auf und ab.

„Du meine Güte, Hermes! Sitz“, sagte sie streng und der Hund ließ sich mit reumütigem Blick auf sein Hinterteil plumpsen. Sie streckte die Hand nach mir aus. „Du musst Georgie sein! Jason hat uns von dir erzählt. Wie schön, dass du da bist. Ich habe dir etwas vom Abendessen übriggelassen.“

Völlig überwältigt von so viel Gastfreundschaft trat ich ein. Eine alte steile Treppe führte direkt neben der Eingangstür ins Obergeschoss. Der Flur war so eng, dass kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten.

Sie führte mich links in die Küche, die von einem großen Holztisch beherrscht wurde, an der eine Frau in meinem Alter saß und Zeitung las, ein Bein lässig auf den Tisch gelegt. „Das ist meine Tochter Myriam. Ach, und ich bin übrigens Moira.“

Myriam war eine natürliche Schönheit mit langem, braunem Haar, das sie lässig in einem unordentlichen Pferdeschwanz trug. Die Sommersprossen auf ihrer Nase verliehen ihr etwas Verwegenes und in ihren grünen Augen blitzte es, als sie mich lächelnd von Kopf bis Fuß musterte. „Du bist also Georgie. Na, dann fühl dich wie zu Hause.“

Das war nicht schwer. Während ich gierig Rührei und Würstchen verschlang, erzählten mir Myriam und Moira von ihrem Leben auf der Farm. Sie bewirtschaften die große Farm mit zehn Kühen, zwanzig Hühnern und fünf Pferden zu dritt mit Myriams Bruder Larkin, da ihr Vater vor einigen Jahren nach langer Krankheit verstorben war. Dennoch wirkten sie geerdet und angekommen in dieser Welt. Ich war stark beeindruckt.

„Aber jetzt erzähl mal etwas über dich“, sagte Moira, doch ehe ich beginnen konnte, ertönten von der alten Holztreppe polternde Schritte und eine tiefe schöne Männerstimme rief verärgert: „Myriam, hängst du wieder den ganzen Abend bei Mom in der Küche rum? Beweg deinen Arsch gefälligst zu den Pferden oder ich werde -“

Als er in die Küche stürmte, hielt er mitten in der Tür wie vom Donner gerührt inne. „Das ist mein lieber Sohn Larkin“, kommentierte Moira seinen Auftritt.

Wir starrten einander für Sekunden stumm an. Er sah Jason zum Verwechseln ähnlich. Das rote Haar, die sonnengebräunte Haut, das Blitzen in den grauen Augen. Nur das Tattoo auf dem Oberarm kannte ich von keinem von Jasons Bildern. Mein Herz saß mir soweit in meiner Kehle, dass es mich sprachlos machte.

Myriam räusperte sich. Endlich durchbrach Larkin das Schweigen. „Na, das ist ja ein toller erster Eindruck. Ich hatte völlig vergessen, dass wir Besuch bekommen.“

„Warum zeigst du Georgie nicht ihr Zimmer?“, schlug seine Schwester vor und sprang auf. „Ich muss zu den Pferden.“

Moira beobachtete lächelnd, wie sie die Küche verließ und wandte sich dann Jason zu. „Eine gute Idee. Georgie, ich muss noch einmal zu den Hühnern. Wenn du noch etwas brauchst, sag Larkin Bescheid. Wir sehen uns Morgen um acht zum Frühstück, wenn du magst. Natürlich kannst du auch ausschlafen, du musst schrecklich müde sein.“

„Oh, es geht“, sagte ich endlich. „Ich werde um acht Uhr hier sein. Danke für alles, Moira. Ich fühle mich jetzt schon herzlich willkommen.“

Ihr Lächeln wurde noch wärmer. „Schlaf gut, Georgie. Morgen beim Frühstück wollen wir etwas über dich erfahren.“

Ich lachte. „Versprochen.“

„Gut, dann wollen wir mal“, murmelte Larkin und führte mich in den engen Flur. Dort war es unmöglich, neben einander herzugehen ohne sich zu berühren. Immer wieder stieß sein Arm an meinen Arm und ließ mir wohltuende Schauer über den Rücken rieseln. Vielleicht hatte ich den Irland-Koller, weil dieses Land so romantisch und die Familie so furchtbar nett war. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass er Jason so ähnelte. Aber ich glaube es hatte auch damit zu tun, dass ich sehr, sehr lange Zeit mit keinem Mann mehr zusammen gewesen war.

Wir kamen vor einer charmanten grünen Holztür zum Stehen. „Hier geht’s nach draußen. Wenn du morgen das Bedürfnis eines Morgenspaziergangs haben solltest, kannst du dich hier rausschleichen. Gegen sechs sind die Felder ein Traum und die Luft ist einmalig, falls du eine Frühaufsteherin bist. Mich findest du jedenfalls ab fünf da draußen.“

„Wow. Ihr scheint sehr energiegeladen zu sein.“

Er grinste auf mich herab und nahm mir jegliche Luft damit. „Das macht die gute Luft. Hier ist dein Zimmer.“

Er öffnete eine Tür zu seiner Linken, die ich bis dahin nicht bemerkt hatte und führte mich in einen Traum eines Zimmers. Im Kamin prasselte ein herrliches Feuer. Eine gemütliche Sitzgruppe lud zum Verweilen ein. Doch der Hingucker war das große einladende Himmelbett mit der wunderschön geblümten Tagesdecke. Überall waren liebevoll kleine Aufmerksamkeiten verteilt wie der Wasserkrug auf den Nachtisch und die Obstschale auf dem kleinen Tisch beim Bücherregal.

„Nebenan hast du dein eigenes Bad. Handtücher liegen bereit. Ich hoffe, du fühlst dich wohl.“

„Es ist unglaublich“, sagte ich. „Einfach sagenhaft! Ich fühle mich wie zu Hause!“

Genau wie seine Mutter lächelte er bei diesen Worten warm. Er beugte sich zu mir herab, küsste mich auf die Wange und sagte rau: „Willkommen in Irland, Georgie-Girl.“

Als er das Zimmer verlassen hatte, starrte ich lange auf die geschlossene Tür, eine Hand auf der Stelle der Wange, die er mit seinen Lippen berührt hatte.

Dann ließ ich mich auf das Bett fallen und sah aus den Fenstern auf die weiten Felder hinaus, über welche die Nacht hereingebrochen war.

 

An meinem ersten Morgen in Irland klingelte mein Wecker Viertel vor sechs. Ich wollte um keinen Preis der Welt auch nur einen Hauch des Zaubers verpassen, von dem Jason mir vorgeschwärmt hatte. Anders als sonst war ich sofort hellwach, was an der eisigen Kälte lag, die durch jede Spalte der alten Fensterrahmen ins Zimmer drang.

Ich wickelte mich fest in die zwei Decken, die mir schon in der Nacht Wärme gespendet hatten und tappte auf Zehenspitzen zu dem kleinen Fenster hinüber. Die Scheiben waren angelaufen, sodass ich mir die Sicht nach draußen mit der Hand frei wischen musste. Der Anblick, der sich mir bot, war wie aus einem Märchen. Dicke Nebelschwaden waberten über die weiten Felder, auf welche die letzten Sterne der Nacht herunter funkelten. Wenn ich die Augen zusammenkniff, fiel es mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie zwischen dem Nebel die Feen tanzten.

Ich schlüpfte in meine Sachen und ging so leise wie möglich die alten knarrenden Holzbohlen entlang, während ich hoffte, niemanden zu wecken. Leise drückte ich die Tür zum Hinterausgang auf, von dem Larkin mir gesagt hatte, dass er direkt aufs weite Feld führte.

Die Luft war nass und eisig. Meine Hände wurden sofort klamm, sodass ich sie schnell in meiner Jackentasche barg. Ich ging so weit in den Nebel hinein, bis ich bald nichts anderes vor mir sehen konnte, als das Gras unter meinen Schuhen und den dichten Dunst um mich herum. Ich war wie verzaubert. Die Natur drängte von allen Seiten auf mich ein. Hatte ich sie bisher als etwas Selbstverständliches wahrgenommen, so war sie nun etwas Zauberhaftes. Ich empfand sie als das Wunder, welches sie war und tiefer Frieden legte sich über mein Herz. Waren es diese Augenblicke der Erkenntnis, die Jason dazu brachten, loszuziehen und die Welt zu entdecken?

Ich breitete die Arme aus und atmete so tief ein, dass ich glaubte, meine Lungen müssten bersten. Kälte durchflutete meine Brust, doch alles in mir glühte. Hier auf diesem weiten Feld war ich so weit entfernt von der unglücklichen Büroangestellten, dass ich sie kaum mehr mit mir identifizieren konnte. Auch das war Jasons Verdienst.

Als ich zum Haus zurückging, wählte ich den Weg über den Hof und erkannte, dass ich vorhin gar nicht hätte leise sein müssen. Alle schienen seit Stunden auf den Beinen zu sein. Myriam führte zwei ihrer Pferde auf die Koppel und winkte mir mit einem schnellen Lächeln zu. Larkin wusch sich in einem großen alten Zinngefäß ungestüm die rauen Hände.

Ich ging lächelnd auf ihn zu. „Guten Morgen. Schlaft ihr eigentlich auch mal?“

Er wandte sich mir mit einem strahlenden Lächeln zu, dass mich sofort bis tief in meine Seele wärmte. „Vier Stunden genügen uns völlig. Du bist auch früh auf den Beinen.“

„Ich war auf dem Feld. Ich möchte keine Sekunde in diesem Land zu viel mit Schlaf verschwenden.“

Er richtete sich auf, sodass ich zu ihm aufsehen musste. „Wenn du willst, machen wir heute zusammen die Kneipen Dublins unsicher.“

Ich strahlte. „Ich wollte in die Temple Bar!“

„Dann gehen wir dorthin.“ Er legte den Kopf schief und sah mich interessiert an. „Auch eine Empfehlung von Jason, vermute ich?“

Da ich nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte, nickte ich nur.

Er beließ es dabei und sagte lächelnd: „Ich freue mich drauf.“

„Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“, wollte ich wissen.

Sein Lächeln wurde breiter. „Die Pferde brauchen Bewegung, wenn ich es mir recht überlege. Wir könnten einen Ausritt unternehmen.“

„Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen“, antwortete ich nervös.

Er stemmte die Hände in die Seiten und sah mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen zu mir herunter. „Willst du mir nun helfen oder nicht?“

Mit jeder Sekunde, die ich ihn besser kennenlernte, erinnerte er mich mehr an Jason. Ich wusste nicht, ob das gesund für mich war. Gleichzeitig war mir klar, dass ich ihm damit nicht mehr entfliehen konnte. „Worauf wartest du dann noch?“

„Geht doch“, sagte er zufrieden.

Ich folgte ihm in die Stallungen, wo es nach frischem Stroh und Tieren roch. Eine für mich kuriose Kombination, die ich allerhöchstens aus dem Leipziger Zoo kannte.

Fasziniert beobachtete ich, wie Larkin gekonnt die Pferde sattelte und ihnen Zaumzeug anlegte. Bei ihm wirkte das wie ein Kinderspiel. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mich dabei selten dämlich anstellen würde, weshalb ich ihm gar nicht erst meine Hilfe anbot.

Keine zwanzig Minuten später waren wir zum Aufbruch bereit. Er führte beide Tiere auf den Hof und deutete auf den Schimmel mit dem gutmütigen Hundeblick. „Das ist Lesley. Ich glaube, sie passt zu dir. Sie wird heute deine Begleitung sein.“

Ich streckte wagemutig die Hand nach ihr aus, um sie zu streicheln. Da schnellte ihr Kopf unverhofft nach vorn und rammte mich sacht in die Brust. Ich wich erschrocken zurück.

Larkin lachte laut und herzlich. „Hey, sie mag dich! Dass du aus einer großen Stadt kommst, ist mir klar. Aber hast du außerhalb vom Fernsehen überhaupt schon einmal ein Tier gesehen?“

„Natürlich habe ich das“, erwiderte ich beleidigt und legte, nur um ihm meinen Mut zu beweisen, eine Hand gegen Lesleys Flanke, woraufhin sie zufrieden schnaubte.

Er lachte wieder. „Komm, ich helfe dir auf.“

Dankbar fasste ich seine ausgestreckte Hand, als er neben der Stute zum Stehen kam. Er legte den anderen Arm fest um meine Hüfte und hob mich mühelos auf den Rücken des Tieres.

Es ging erstaunlich gut. Wieder lernte ich eine völlig neue, freiere Seite an mir kennen, während ich das Prickeln genoss, welches in der Luft zwischen ihm und mir hing. Seine tiefe Stimme und die kleinen Neckereien taten mir gut und stopften das Loch der Sehnsucht in mir für den Moment. Was völlig genügte.

Während wir über die saftig grünen Felder ritten, fragte ich ihn über sein Leben auf der Farm aus und musste mein Interesse dabei nicht einmal heucheln. Alles war neu, magisch und wunderschön. Ich genoss es, dem Klang seiner Stimme zu lauschen, während ich im Gegenzug völlig anonym bleiben durfte.

„Es ist genau das Leben, das zu mir passt“, schloss er und sah mich von der Seite an. „Kennst du dieses Gefühl?“

Die Frage riss mich brutal in meine alte Wirklichkeit zurück und brachte das Glücksgefühl in mir so sehr zum Wanken, dass es ihm gar nicht verborgen bleiben konnte.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte er vorsichtig, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

Ich schüttelte den Kopf und lachte verlegen. „Nein, du hast nur unabsichtlich den Finger auf eine Wunde gelegt. Das ist genau der Grund, aus dem ich eigentlich hier bin, weißt du? Ich kenne das Gefühl nicht, wie es ist, sich aufgehoben in seinem Leben zu fühlen.“

„So kommst du mir nicht vor“, erwiderte er offen.

„Nein, denn seit ich einen Fuß in dieses Land gesetzt habe, fühlt es sich anders an; bin ich ein völlig anderer Mensch“, antwortete ich lächelnd.

Er erwiderte das Lächeln voller Herzlichkeit. „Vielleicht solltest du dann einfach für immer hierbleiben.“

Ich lachte und schüttelte mit dem Kopf, während langsam wieder die Farm in Sichtweite kam. „Nein, ich denke das liegt eher daran, dass ich meinem Weg gefolgt bin, als ich beschlossen habe, herzukommen. In letzter Zeit lerne ich das mehr und mehr. Dadurch lerne ich mich selbst besser kennen.“

„Du bist die interessanteste Frau, der ich je begegnet bin“, erwiderte er lächelnd. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit, doch wenn ich darf, würde ich heute Abend über einem Guinness gern mehr von dir hören. Vielleicht hilft dir auch das, dich weiter kennenzulernen.“

Ich lachte hell auf und fühlte mich mit dem Wind in meinem Haar auf dem Pferderücken wild und unbesiegbar. „Ja, vielleicht.

Kapitel Zwölf

Meinen ersten Tag in Dublin vertrieb ich mit exzessivem Sightseeing. Zuerst bewunderte ich die Bibliothek des Trinity Colleges, die bis oben hin mit vollgestopften alten Bücherregalen gepflastert waren. Danach schlenderte ich ins Wax-Museum und schoss alberne Fotos von mir mit Madonna, die ich an Alex und Sarah schickte. Den Abschluss bildete eine Stadtrundfahrt mit einem der zahlreichen Doppeldeckerbusse, den ich an der Station St. Stephens Green wieder verließ.

Einige Zeit schlenderte ich durch den Park und genoss den Anblick der grünen Bäume. Das Stimmengewirr einer Gruppe  Studenten, die sich auf dem Rasen niedergelassen hatte, begleitete mich.

Auf einer der Bänke unter den Ästen eines großen Baumes legte ich eine Verschnaufpause ein und dachte glücklich und verwundert über den plötzlichen Wandel meines Lebens nach.

Während meines Abiturs hatte ich mir immer geschworen, nach meiner Ausbildung so viel wie möglich zu reisen. Doch alles, was ich getan hatte, war, mir jedes Jahr aufs Neue zu sagen: Nächstes Jahr, nächstes Jahr, nächstes Jahr …

Ein Geräusch in meiner unmittelbaren Umgebung riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah auf und beobachtete das heftige Rascheln im Blattwerk der Hecke mir gegenüber. Als ein Fuchs mitten auf den Weg vor mir sprang, fuhr ich vor Erstaunen zusammen. Er kaute am Rest eines Sandwichs, das er vermutlich aus einem der Mülleimer erbeutet hatte. Einige Kinder lachten und zeigten mit dem Finger auf das Tier. Für mich war dieser Anblick in diesem Moment eines der Wunder des Lebens.

Es waren Kleinigkeiten wie diese Begegnung mit dem Fuchs, die mir seit dem Kennenlernen mit Jason ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Fast schien es, als hätte er mir die Augen für jegliche Schönheit geöffnet.

Ich wünschte, er hätte in diesem Moment bei mir in der Sonne sitzen können, um mir von all den Orten zu erzählen, an denen er schon gewesen war. Als ich mich in diesen Gedanken verlor, spürte ich sofort wieder, wie die mir so vertraute Sehnsucht in mir hochschlug. Nun – da sie einen Katalysator gefunden hatte – war sie nicht mehr ganz so unerträglich.

Die Männer, die an der Bank vorbeikamen, auf der ich saß, drehten ihre Köpfe nach mir um. Der ein oder andere pfiff. Sicher wäre niemand von ihnen auf die Idee gekommen, dass sich die junge Frau mit der wundervollen Goldmähne nach einem Fremden verzehrte, der rein gar nichts von diesen Gefühlen ahnte. Aus einem unerfindlichen Grund brachte mich der Gedanke zum Lächeln.

Warum sollte ich Dinge verfluchen, die einerseits nicht zu ändern waren und sich andererseits so großartig anfühlten? Ich spürte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Das viele Warten hatte mich Geduld gelehrt.

Vielleicht wäre Jason irgendwann einer dieser Männer, die an meiner Parkbank vorbeikamen, wenn ich nur lange genug sitzen blieb und auf ihn wartete.

 

Ich verließ den Park erst, als Regentropfen vom Himmel fielen, die so dick wie Golfbälle waren und Blasen auf den Straßen schlugen. Ich setzte mir die Kapuze meiner Jacke auf und eilte auf der Suche nach der Temple Bar durch die Straßen.

Als ich ankam, war ich nass bis auf die Haut, doch das störte mich nicht weiter, denn im Innern der Bar war es warm wie in einem Ofen. Es war offensichtlich Rushhour. Jeder Platz war besetzt, alle drängten sich dicht an dicht. Unschlüssig blieb ich im Eingang stehen, bis sich die Tür hinter mir öffnete und ich beiseitetreten wollte, um dem Neuankömmling Platz zu machen.

„Das nenne ich perfektes Timing.“ Es war Larkin.

Überrascht riss ich die Augen auf. „Ist es schon so spät?“

Er lachte. „Ich war etwas eher in der Stadt unterwegs.“

„Ich glaube, wir müssen uns anderweitig umsehen. Es scheint alles voll zu sein“, sagte ich mit Blick in den brechend vollen Raum.

„Unsinn. Es ist genug Platz. Jetzt komm erst mal mit, du bist ja ganz nass geworden“, erwiderte er, fasste meine Hand und zog mich durch das Gewühl an Menschen zur Bar.

Dort begrüßte uns eine rothaarige Elfe mit einem strahlenden Lächeln, die mich sofort an Randy erinnerte. „Larkin, wen hast du mir denn heute mitgebracht?“

„Georgie, darf ich vorstellen, meine Schwester Maria. Sie ist die Einzige, die es aus der Familie jenseits der Farm zu etwas gebracht hat.“

Maria lachte hell auf. Ich mochte sie auf Anhieb. „Ich bin Kellnerin!“

„Sag ich doch! Sieh dir Onkel Algy an“, erwiderte Larkin und wandte sich mit theatralischer Miene an mich. „Er zog aus, um Musiker zu werden und bettelt nun unter den Brücken Londons.“

„Setz ihr nicht solche Flausen in den Kopf“, lachte Maria.

„Spaß beiseite. Georgie ist für dieses Wochenende unser Gast. Eine Empfehlung von Jason“, sagte Larkin.

„Hm, was für ein Mann“, summte sie.

„Hast du noch eine Bluse für unseren Gast übrig? Sie wurde vom Regen überrascht“, fragte Larkin seine Schwester.

„Das Wetter hier kann gemein sein, nicht wahr?“, wandte Maria sich mitfühlend an mich. „Komm mit nach hinten, dort kannst du dich umziehen.“

„Danke“, erwiderte ich lächelnd. Wir gingen in einen kleinen Nebenraum hinter der Bar, wo sich in einem Eisenregal zusammengelegte Hemden, Hosen und Schürzen auftürmten.

Maria ging zu einem Stapel, der auf einer Regalfläche lag, auf welcher ihr Name stand und reichte mir eine der weißen Blusen. „Wir müssten in etwa dieselbe Größe haben.“

Ich bedankte mich und schlüpfte eilig aus meinem nassen Shirt. Erst jetzt bemerkte ich, wie unterkühlt sich meine Haut anfühlte und betete, dass ich mir nicht wieder eine Erkältung eingefangen hatte.

„Mein Bruder mag dich“, stellte sie fest, während sie mir schamlos dabei zusah, wie ich die Knöpfe der Bluse schloss.

„Ja?“, fragte ich unbehaglich.

Sie nickte strahlend. „Nicht viele schaffen es, ihn von der Farm zu holen. Gut für ihn, sich mal wieder in der Stadt blicken zu lassen. Mit Jason war er auch zweimal hier.“

Das war mein Stichwort. „Du hast Jason kennengelernt?“

Sie durchschaute mich sofort und lachte warm. „Nicht so wie du denkst, keine Sorge. Gegen dich hatte ich nicht die geringste Chance.“

Weil das hier mein Abend und meine Reise waren, ließ ich diese Aussage kommentarlos stehen und lächelte sie an.

Wieder auf der anderen Seite der Bar angekommen, hatte Larkin uns bereits zwei Hocker organisiert. Auf dem Tresen vor mir wartete ein herrliches Guinness auf mich. Ich strich mir die nassen Locken aus dem Gesicht und strahlte ihn an.

Er klopfte einladend auf den Hocker zu seiner Linken. „Setz dich und fühl dich wie zu Hause. Erzähl, wie war dein Tag! Gefällt dir Dublin?“

„Es ist der Wahnsinn“, sagte ich begeistert und erzählte ihm von meiner Sightseeingtour.

„War das auch alles auf Empfehlung von Jason?“, fragte er lächelnd.

Um Zeit zu gewinnen, nahm ich einen großen Schluck von meinem Guinness und bemerkte überrascht, wie die Süße des Bieres in meinem Mund explodierte.

Als ich das Glas wieder abstellte, erwiderte ich mit geröteten Wangen: „Ja, ich … wahrscheinlich kommt dir das völlig lächerlich vor. Schließlich habe ich ihn nie zuvor getroffen und bereise auf seinen Spuren ein fremdes Land.“ Was er nicht gewusst hätte, hätte ich es ihm nicht in diesem Moment verraten. Die Röte auf meinen Wangen vertiefte sich.

Larkin strich mir tröstend über die Arme. „Er bringt dich ganz schön durcheinander, der gute Jason.“

„Tut mir leid“, erwiderte ich mit einem hilflosen Lachen und fuhr mir zerstreut durchs Haar.

„Da er nicht mit dir hier ist, nehme ich an, dass er nichts von deinen Gefühlen weiß.“ Fragend sah er mich an.

Ich nickte. „Es ist eine dumme, komplizierte Geschichte.“

„Mir kommt sie gelegen“, erwiderte er offen und sah mich an. „Dann fühle ich mich nicht schuldig, wenn ich dir jetzt gestehe, dass ich dich anziehend finde.“

Es durchfuhr mich von Kopf bis Fuß. Der berühmtberüchtigte A-H-Effekt schien in Irland nicht zu greifen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nur eine Touristin war. Somit musste ihm genauso klar sein wie mir, dass aus einem One-Night-Stand mehr nicht werden würde. Das kam mir natürlich sehr gelegen.

Larkins Arm auf der Theke lag so dicht an meinem, dass ich die Haare darauf auf meiner Haut kribbeln spürte. Ein Kribbeln, das schon bald in meinen Bauch wanderte. Ich genoss den tiefen Klang seiner Stimme, den irischen Singsang hinter jedem Wort. Ich genoss es, wie unkompliziert es mit ihm war.

„Wirst du Jason je etwas von deinen Gefühlen erzählen?“, fragte er unvermittelt.

„Ich weiß nicht, ob ich es ertragen könnte, wenn er mich zurückweisen würde“, erwiderte ich leise.

„Warum sollte er das tun? Du bist schön, klug und sehr interessant.“

„Danke“, lächelte ich und fuhr ernster fort: „Ich fürchte mich, weil es mehr ist als nur irgendeine Schwärmerei. Es ist mehr, als es irgendetwas in meinem Leben jemals für mich gewesen ist.“

Er sah mich fassungslos an. „Dennoch riskierst du, dass es einfach so im Sande verläuft? Etwas so Großes? Das kannst du nicht tun!“

Überrascht sah ich ihn an. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“

„Taste dich vor und sieh, wie er darauf reagiert. Willst du ein Beispiel?“ Etwas an seinem Lächeln warnte mich, dass es kein Zurück mehr gäbe, wenn ich dem jetzt zustimmte.

Ich überlegte nur eine Sekunde, ehe ich mich ihm ganz zuwandte. „Ich höre?“

Er lächelte gewinnend. „Heute bei der Arbeit habe ich ein Lied gehört, das mich an dich erinnert hat.“

Ich lachte. „Welches Lied?“

„Galway Girl von Ed Sheeran.“

Ich lachte laut auf. „Dieses Lied würde mich wohl kaum an Jason erinnern. Du sprichst über mich!“

„Wieso sollte ich über Jason sprechen?“, erwiderte er mit einem spitzbübischen Grinsen. „Ich habe nie behauptet, dass das Beispiel frei erfunden ist.“

„Du willst mir eine Anmache erklären, während du sie im selben Moment bei mir anwendest?“, fragte ich und lachte so sehr, dass ich mein Glas abstellen musste, um nicht das ganze Guinness auf meinen Schoß zu kippen.

„Pass bloß auf, Galway Girl. Er ist verdammt gut“, warnte Maria, stellte ihm noch ein Guinness hin und wandte sich von uns ab, ehe sie noch über die Schulter rief. „Müssen die Gene sein!“

„Sehen wir doch einfach, wie erfolgreich ich damit bin“, sagte er mit einem Grinsen, ehe sich das Lächeln vertiefte und seine grauen Augen in tiefe Seen verwandelten. „Ehrlich gesagt, bin ich nur eher in die Stadt gekommen, um dich sehen zu können. Ich genieße jede Sekunde mit dir, Georgie.“

Ich öffnete den Mund, doch er überging mich. „Ich weiß, es gibt nur diesen Moment. Aber das reicht. Es muss nicht immer ein Leben sein, um etwas Besonderes zu sein. Das Bild wie du jetzt vor mir sitzt, wird mich für den Rest meines Lebens begleiten. Das reicht mir voll und ganz. War das zu viel?“ Letzteres fragte er schmunzelnd auf mein betroffenes Schweigen hin.

„Definitiv“, erwiderte ich lachend, aber tief bewegt. „Ich denke, auch mich wird dieser Moment nun ein Leben lang begleiten.“

Sein Lächeln reichte bis in seine Augen. „Wenn Jason ähnlich auf dich reagiert wie du auf mich, hast du es geschafft.“

„Findest du?“, fragte ich zweifelnd. „Es ist doch überhaupt nichts passiert.“

„Ach komm, sei ehrlich. In dir ist eine ganze Menge passiert“, erwiderte er, immer noch lächelnd und ließ mich nicht aus den Augen, während er einen großen Schluck Guinness nahm.

Ich überlegte, auf welch dünnes Eis ich mich mit einer Antwort begeben könnte. Doch als ich mich auf dem gefrorenen Wasser umsah, bemerkte ich, dass die Risse darauf schon zu groß waren, um zurück zum Ufer zu rennen. „Du hast recht. Du bewegst etwas in mir. Du machst, dass diese große Sehnsucht in den Hintergrund tritt und lässt mich fühlen, als hätte ich den richtigen Mann an meiner Seite schon, obwohl du es nicht bist. Du erinnerst mich an ihn. Stört dich das?“

Er stellte entschlossen sein Glas auf den Tresen ab, fasste mein Kinn und zwang mich sanft, ihm in die Augen zu sehen. In diese sturmumwölkten grauen Augen. Jasons Augen. Der Zauber der grünen Insel hatte mich endgültig gepackt. „Wie kann etwas schlecht sein, das sich gut anfühlt? Ich glaube, ich habe ein riesiges Glück, deinem Jason so ähnlich zu sein. Tun wir doch mal so, als wäre ich er. Was würdest du dann jetzt zu mir sagen?“

Es war der Alkohol, der Ort, der Mann, die Musik. „Dass ich dich mehr begehre, als ich jemals einen Mann auf dieser Welt begehrt habe und je begehren werde. Dass ich dich brauche, dich liebe. Weil du der Richtige bist, egal wie verrückt es sich anhört. Ich will dich, und nur dich! Jetzt und immer!“

Während ich das sagte, sah ich nur diese grauen Augen in diesem sommersprossigen Gesicht mit den roten Brauen. Als er mein Gesicht mit seinen Händen umfasste, verschoben sich die Grenzen meiner Realität. Dann war es Jason, der mich so sanft küsste, als wären seine Lippen nur dafür gemacht worden. Ich sank in den Kuss wie in ein warmes Bad nach einem endlos langen Tag. Und fiel tief, tief, tief …

Als wir uns voneinander lösten, flüsterte er lächelnd: „Habe ich dich.“

Ich lächelte nur und beobachtete ihn, während er unsere Getränke bezahlte. Als er aufstand, folgte ich ihm automatisch, um die Bar mit ihm gemeinsam zu verlassen. Ohne zu sprechen stiegen wir in sein Auto und er fuhr los.

Es war egal, wohin er wollte. Es war egal, wohin mich diese Nacht führte. Er fuhr einen großen Umweg und zeigte mir die stürmische See bei Nacht, die nur ab und an ins Licht eines einsamen Leuchtturmes auf den Felsen geriet. Es war aufregende, wilde Romantik. Wir ließen die Fenster offen, damit das Geräusch der Brandung bis ins Wageninnere gelangen konnte. Völlig verzaubert sah ich auf das dunkle Meer hinaus, wo sich tiefschwarze Wellen zu riesigen Bergen auftürmten. Ich konnte es immer noch nicht fassen, wirklich hier zu sein.

Als wir wieder auf dem Hof ankamen, waren bereits alle Lichter hinter den Fenstern erloschen. Wir stiegen aus und gingen Hand in Hand über den dunklen Hof. Der kalte Nachtwind ließ mich frösteln, sodass Larkin mich näher an sich zog.

„Hast du eigentlich Höhenangst?“, fragte er leise, wobei sein Atem warm über mein Haar strich.

„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte ich. Als wir statt zum Haupthaus auf die Stallungen zugingen, sah ich ihn schräg an. „Ist das dein Ernst?“

„Wir werden es nicht in einer Pferdebox tun, wenn du das meinst“, erwiderte er lässig und führte mich zu einer Holzleiter, die unauffällig an dem Gebäude lehnte.

Als ich vor ihm die Leiter erklomm, bemerkte ich bei den letzten Stufen dumpf, dass ich doch unter Höhenangst litt. Eine von vielen neuen Erkenntnissen zu meiner eigenen Person, die ich in diesem Land erlangte. Da er hinter mir war, fühlte ich mich sicher. Ehe die Angst zur Panik auswachsen konnte, hatte ich das Dach bereits erreicht. Vor mir befand sich ein schräges Fenster.

„Einfach den Riegel nach oben schieben“, ertönte Larkins Stimme von unten. Ich tat wie mir geheißen und kletterte durch die Öffnung in einen kleinen Heuboden. Die Decke war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste.

Larkin schloss hinter sich das Fenster und sperrte somit alle Geräusche der Nacht aus. Er schaltete das Licht auf seinem Smartphone ein. „Glaub bloß nicht, dass ich das immer tue. Das ist Premiere.“

Das rührte mich. Und machte mir zeitgleich eine Heidenangst. „Larkin, ich will nicht, dass du …“

„Hör zu“, seufzte er. „Nur weil ich mir Mühe gebe, bin ich noch lange nicht verliebt in dich, also beruhige dich, Georgie. Ich weiß, dass dein Herz Jason gehört. Ich leihe es mir heute Nacht einfach nur aus.“

Ich lächelte erleichtert. „Heute gehört es dir.“ Zufrieden lächelnd zog er eine Decke aus einer Ecke und breitete sie über das Stroh. Dann zog er mich sanft mit sich nach unten.