Leseprobe Rebel Hearts

Kapitel 1 – Im Glanz der Nacht

Hastig blicke ich mich um.

Die Lichter zucken grell, Musik dröhnt in meinen Ohren, und vom Schweiß nass glänzende Körper bewegen sich rhythmisch zu den Klängen aus den Boxen.

„Entspann dich, Samantha. Sie sind nicht hier.“ Amüsiert nippt meine Stiefschwester Theodora am Champagnerglas und stupst mich behutsam in die Seite. „Wir können also ganz in Ruhe feiern.“

Sie hat recht. Weit und breit keine Bodyguards. Normalerweise erkenne ich sie am mürrischen Blick, der aussieht, als gäbe es sieben Tage Regenwetter, und den schlecht sitzenden Jacketts, doch auf der Tanzfläche des New Yorker Klubs sind keine Anzugträger zugegen. Nur Menschen in zu knapper Kleidung, die in diesem viel zu heißen Sommer ein wenig Ablenkung suchen und sich die mit Eiswürfeln gekühlten Drinks gegen die Stirn drücken.

„Er hat Wort gehalten“, flüstere ich mehr zu mir als zu Theodora und lasse mich ein wenig tiefer in den Sessel irgendeines Edeldesigners sinken.

„Natürlich hat er das“, sagt sie empört. „Immerhin ist es dein dreißigster Geburtstag. Da wird dein Vater seine kleine Prinzessin doch mal ohne schwer bewaffnete Leibgarde aus dem Haus lassen.“ Sie zwinkert mir zu und erhebt ihr Glas. „Also, alles Gute, Schwesterherz. Und jetzt genieß deinen Abend.“

Ich stoße mit ihr an. Das helle Klirren geht im wummernden Bass unter. Noch immer kann ich es nicht fassen. Verdammt, ich bin jetzt dreißig! Eben noch saß ich auf Daddys Schultern, während er mich durch unsere Villa getragen hat, und jetzt prangt die böse Drei vorneweg.

Ich streiche mir über das schwarze Kleid, richte meine blonden Haare und lächle meine Stiefschwester an. „Danke, Theodora. Was wäre ich nur ohne dich?“

„Hilflos, und die Firma wäre pleite.“ Sie leert den Champagner in einem Zug und ordert zwei neue Gläser. Als der Kellner den Nachschub zum VIP-Bereich bringt, gibt sie mir eines und zieht mich auf die Füße. „Und jetzt wird getanzt. Der Typ da hinten sieht dich schon die ganze Zeit an.“ Dabei deutet sie verschwörerisch auf einen Mann mit hellblondem, gegeltem Haar, der lässig an der Theke lehnt. Als er meinen Blick bemerkt, prostet er mir zu. Das Erscheinungsbild des Mannes geht stark in Richtung Schwiegermutters Liebling.

„Das ist dein Typ?“, will ich etwas zu pikiert wissen und mustere ihn von oben bis unten.

„Sam, das ist der Typ von jeder Frau!“ Sie lacht auf, schiebt mich aus der Lounge auf die Tanzfläche. Dabei kommt sie ganz nah an mein Ohr. „Tolle Haare, nettes Lächeln, super Figur. Wenn er jetzt noch Arzt oder Anwalt ist, schnappe ich ihn dir weg.“

Ich zucke mit den Schultern und lächle herausfordernd. „Nur zu. Deiner Mutter würde es gefallen, wenn endlich Enkel da wären.“

„Deinem Vater ebenso. Er wünscht sich schon lange jemanden, der das Firmenimperium weiterführen kann, wenn die Tochter schon keine Lust darauf hat“, erwidert sie augenzwinkernd und zieht mich weiter zu dem Mann.

„Ich habe doch dich“, gebe ich zurück und hebe die Augenbrauen. Mir ist nur allzu bewusst, dass Theodora es nicht so meint, aber sie trifft einen wunden Punkt. Auch wenn Vater es sich noch so sehr wünscht, die Führung unserer Firma ist einfach nicht mein Ding. „Du leitest die Mayflower Incorporation besser als jeder andere. Außerdem kann ich mich dann in Ruhe auf mein Studium konzentrieren.“

„Und auf die Partys“, sagt Theodora, in Anspielung darauf, dass ich immer noch keine Ärztin bin, und streckt die Zunge raus.

„Touché, kleine Schwester.“ Wir stoßen an und lachen.

Während wir uns im Rhythmus der Musik bewegen, suche ich den Blick des Mannes. Noch immer steht er allein, fesselt mich mit seinen Augen. Zwei Haarsträhnen fallen ihm ins Gesicht und verleihen ihm etwas Geheimnisvolles. Theodora hat recht – er ist ein äußerst attraktives Exemplar der Gattung Mensch.

„Interesse?“, ruft sie absichtlich laut.

Schon, aber … Trotzdem schüttle ich den Kopf. „Du bist diejenige, die sich ein wenig Spaß gönnen sollte“, antworte ich und lege meine Stirn in Falten. „Immerhin arbeitest du seit Monaten beinahe ununterbrochen.“

„Keine Chance, Sam. Heute ist dein Geburtstag, also lasse ich dir den Vortritt.“ Sie packt mich an der Hüfte und schiebt mich zu dem Unbekannten. Ich stolpere und falle ihm direkt in die Arme. „Gern geschehen“, haucht sie noch, trinkt einen Schluck und ist innerhalb von wenigen Lidschlägen in der tanzenden Menge verschwunden.

Dieses kleine, verschlagene Mistst…

„Wow, ich muss deiner Freundin dankbar sein.“ Der Mann hilft mir vorsichtig auf die Beine. Seine Stimme dringt mühelos durch die Musik und legt sich wohlig in meine Ohren.

„Schwester.“

„Wie bitte?“

„Sie ist meine Stiefschwester. Mein Vater hat ihre Mutter geheiratet und … Ach, ist ja auch egal.“

Der Kerl sieht wirklich nicht schlecht aus, duftet nach süßlichem Parfüm, und seine blauen Augen glänzen so sehr, dass er einem Disney-Film entsprungen sein könnte. Mein ganz persönlicher Prinz Charming. Außerdem flirte ich für mein Leben gern und sollte es genießen, dass sich gerade keine fünf Bodyguards um uns postieren.

„Ich bin übrigens Samantha“, stelle ich mich vor und rücke noch ein Stückchen an ihn heran. Die Wärme seiner Haut löst ein Prickeln in mir aus, das der letzte Schluck Champagner noch verstärkt.

„Nikolas“, entgegnet er und schüttelt mir die Hand. „Darf ich dir einen Drink ausgeben?“

Ich ziehe einen Schmollmund und tue so, als würde ich überlegen, und spiele mit meinen Haaren. „Mhm, mein Vater hat mir verboten, etwas von Fremden anzunehmen.“

„Dein Daddy ist nicht hier“, raunt mir Nikolas zu. „Außerdem bin ich kein Fremder. Richtig, Sam?“ Wieder dieses Lächeln.

Zumindest ist er nicht auf den Mund gefallen. Gefällt mir. „Okay, ein Drink, und dann muss ich wieder zurück.“

Er lacht auf. „Wieso, Aschenputtel? Schlägt dann die Uhr Mitternacht? Ist der Zauber dann vorbei, dein Kleid verwandelt sich, und ich muss die ganzen Königslande absuchen, damit dein gläserner Schuh passt?“, will er wissen und ordert die Getränke.

Ich schüttle den Kopf. „Nein, das nicht. Aber wenn ich erst in den Morgenstunden nach Hause komme, wird mein Dad vielleicht nervös und sendet eine Truppe von Elitesoldaten aus, um mich zu finden.“

„Mir gefallen Frauen, die nicht leicht zu haben sind.“ 

Er hält es für einen Scherz. Gut so. Ich würde mir selbst kaum glauben, wenn die Wahrheit nicht so erschreckend wäre. Wir lachen gemeinsam und stoßen an. Okay, Humor hat er auch. So langsam bin ich Theodora dankbar, dass sie mich, wenn auch auf unsanfte Weise, zu diesem Flirt gezwungen hat.

„Weißt du, mit wem du eine gewisse Ähnlichkeit hast?“

Oh, bitte nicht. Es war gerade so schön.

„Vielleicht mit Beyoncé?“ Nachdenklich lege ich den Zeigefinger an meine Lippen. „Gut, ich habe nicht ihre schönen Locken, kann weder singen noch tanzen und besitze auch keine eigene Fernsehshow, aber ansonsten passt es doch ziemlich gut, oder?“, will ich scherzhaft wissen.

„Nein, nicht wirklich.“ Nikolas kraust angestrengt die Stirn und trinkt einen großen Schluck. Ich kann förmlich hören, wie in seinem Kopf die Zahnräder ineinandergreifen und zu arbeiten beginnen. „Eher mit dieser Mayflower-Prinzessin.“

Mayflower-Prinzessin, pah! Den Groll spüle ich mit Veuve Clicquot herunter und verziehe keine Miene. „Nie gehört.“ Mit ein wenig Glück kann ich ihn noch ablenken. Leicht berühre ich seine Hand und streiche mit den Fingerspitzen den Arm hoch. Auch wenn ich um einiges weniger Erfahrung habe, als mir die Presse andichten will, habe ich das Flirten noch nicht verlernt. Zumindest hoffe ich das.

Inständig.

Seine Bewegungen stocken, als wäre sein Blut zu Eis gefroren, dann fixieren mich seine stahlblauen Augen. „Wirklich nicht? Du kennst nicht die Partyprinzessin des Firmenimperiums? Alleinige Erbin der Mayflower Incorporation? Verlassen von ihrer Mutter im Kindesalter und zu blöd, um die eigene Firma zu führen?“ Er reibt sich über das glatt rasierte Kinn. „Sogar das muss ihre Schwester übernehmen.“

„Stiefschwester.“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts.“

Er sieht mich an, als würde ich von einem anderen Stern kommen. Ich intensiviere meine Berührungen, rücke noch ein Stück an ihn heran und lasse wie zufällig ein Bein gegen seines streifen. Seine Nähe lässt mich erschauern, und ich bin mir sicher, ihm geht es genauso.

Er schaut mir tief in die Augen. Am liebsten würde ich über alles andere reden, nur nicht darüber. Doch Nikolas ist selbst durch meine Zärtlichkeiten nicht davon abzubringen.

„Jeder kennt die Mayflowers und besonders die zickige Samantha, die schon Jahre Medizin studiert, weil sie ja ach so gerne in die Fußstapfen ihres allmächtigen Vaters treten möchte und immer noch keine Ärztin ist.“ Seine Stimme wird leiser und ist durchzogen von beginnender Lust. Trotzdem holt er sein Mobiltelefon hervor. „Ein wenig Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen, aber du siehst um einiges besser aus, und deine Augen strahlen heller als …“ Sein Blick schnellt vom Display zu meinem Gesicht und zurück. „Fuck!“

Es ist immer die gleiche Reaktion, wenn die Menschen erkennen, dass die Figur aus den Klatschgeschichten tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

„Nenn mich einfach Sam“, sage ich und drücke mich an seine Brust. „Noch kannst du abhauen, ohne dass die Presse peinliche Fotos schießt, wie du mit der Partyprinzessin flirtest.“ Die letzten Silben speie ich förmlich aus. Ich hasse diesen Beinamen.

„Und wenn ich das nicht will?“, erwidert Nikolas gedämpft, lässt das Handy in die Tasche gleiten und streicht mir über die Wange. „Du hast heute Geburtstag, wenn ich es richtig gelesen habe.“

Ich nicke. Einige Zeitschriften haben dem Ereignis sogar eine hämische Sonderseite mit meinen größten Verfehlungen und Alkoholeskapaden gewidmet – extrem unvorteilhafte Fotos inklusive.

„Wieso? Hast du ein Geschenk für mich?“, will ich wissen und lasse den Blick über die Tanzfläche schweifen. Noch immer keine Bodyguards in Sicht, und ich fühle mich seit langer Zeit endlich richtig frei.

„Ich kenne den Besitzer des Klubs“, antwortet er schnell und nickt in Richtung einer Tür neben der Theke. „Wenn die Gerüchte in den Zeitungen stimmen, bist du ja eher ein böses Mädchen.“

Soll ich ihn für diese Bemerkung eine Ohrfeige verpassen oder ihn küssen? Beides hätte einen gewissen Reiz. Ich entscheide mich für eine völlig andere Variante und probiere es mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Ein böses Mädchen, das noch nie einen festen Freund hatte.“

„Du verarschst mich!“

„Ich wünschte, es wäre so. Dazu hatte ich leider nicht mal im Ansatz so viel Spaß, wie mir die Journaille andichtet. Und bei Weitem nicht so viele Typen. Aber das verkauft sich natürlich nicht so gut. Deshalb drucken sie auch lieber alte Fotos, auf denen ich betrunken aus einer Limousine steige, mit einem Fremden rumknutsche und einen zu kurzen Rock trage.“ Wieder streiche ich über seine Hand. Mir ist unklar, ob der Alkohol aus mir spricht oder ich so trunken von der unbekannten Freiheit bin, dass es mir zu Kopf steigt, doch plötzlich beginnt mein ganzer Körper, zu kribbeln und sich etwas zu wünschen, was er allzu selten verspüren durfte. „Allerdings ist immer irgendwann das erste Mal.“ Behutsam schmiege ich mich an ihn. „Ich würde mich gerne wieder fallen lassen.“

Er streicht zärtlich über meine Wange und kommt näher. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als wir uns küssen. Gefühlvoll berühren sich unsere Lippen, seine Zunge spielt mit meiner. Ich nehme nichts mehr um mich herum wahr, nur noch seine Zärtlichkeiten. Seine Fingerspitzen fahren über meine Seiten, suchen sich langsam einen Weg zur Hüfte und stoppen erst an der empfindlichen Stelle über meinem Po. Als sich unsere Lippen trennen, ist die Luft wie elektrisiert.

Nikolas’ Berührungen sind wie Federstriche, als er über mein Schlüsselbein streichelt. „Mir scheint, du gehörst zu den Menschen, die bekommen, was sie wollen.“

„Könnte sein.“

„Ich wette, dein Dad hat dir früher auch ein Pferd geschenkt, wenn du eins wolltest.“

„Sogar eine ganze Ranch.“ Ich muss lächeln, wenn ich daran zurückdenke. „Aber ich habe sie dem Tierschutz gespendet.“

Auch seine Mundwinkel ziehen sich bei dem Gedanken nach oben. „Und was möchte die Partyprinzessin jetzt?“

Nun bin ich diejenige, die in die Offensive geht und seine Lippen zärtlich durchbricht, während uns ein Kokon aus Begierde umgibt und mit jedem weiteren Lidschlag an Kraft gewinnt. „Zeig mir den Abstellraum, Nikolas.“

Er zögert keine Sekunde. Gemeinsam verschwinden wir hinter der Tür, lassen das Partyvolk hinter uns. Die Musik dringt nur noch gedämpft an unsere Ohren. Der Geruch von abgestandenem Bier erfüllt den engen, viel zu heißen Raum und wird nur von seinem Parfüm übertroffen. Im schummrigen Licht erkunde ich seinen Körper mit hastigen Berührungen. Ich kann meine Finger nicht mehr bei mir lassen, öffne zwei Knöpfe seines Hemds und streichle über seine Brust. Die hitzigen Küsse brennen auf meiner Haut, und ich spüre die wachsende Lust in seiner Hose. Nikolas fasst behutsam in meine Haare, bündelt sie zu einem Zopf und zieht sie sanft zurück. Meinen frei liegenden Hals bedeckt er mit Küssen, und plötzlich flattern tausend Schmetterlinge in meinem Bauch.

Geschickt öffnet er den Reißverschluss meines Kleids und fängt an, meinen Busen durch den BH zu massieren. Gleichzeitig fahren seine Fingerspitzen über meinen Hals. Dabei hinterlassen seine Berührungen eine brennende Spur, die sich tief in meine Lust frisst. Ich lege den Kopf schief, fahre über seinen durchtrainierten Bauch und schließe die Augen.

Der Raum hat die Hitze der Nacht gespeichert. Ein Tisch, von Spirituosen umrahmt, präsentiert sich perfekt für unsere Zwecke. Schnell drehe ich mich um, entziehe mich seinen Küssen und gehe lasziv auf den Tisch zu. Mit beiden Händen stütze ich mich darauf ab und senke den Kopf. Tief atmend erkenne ich am Rascheln, wie er sich seines Jacketts und des Hemds entledigt. Ich bin wie im Rausch, weiß selbst nicht, was ich tue, und koste dieses unbändige Verlangen in mir aus.

Gerade als ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, spüre ich seine Hände auf meinem Kleid und sein glatt rasiertes Kinn an meinem Nacken. Mir entfährt ein lang gezogenes Seufzen, das sich in einem kurzen Schrei verliert, als er meine Haare grob packt und zu sich zieht. Mein Hals liegt für ihn jetzt frei, und wäre er ein Vampir, wäre ich nun seine wehrlose Beute und in wenigen Augenblicken tot. Als wäre er imstande, meine Gedanken zu lesen, bedeckt er die empfindlichen Seiten meines Halses erst mit Küssen, dann beißt er hinein. Mit jedem kleinen Schmerz, den Nikolas’ Zähne auf meiner Haut hinterlassen, drücke ich meinen Po an sein Becken, um den Druck zu erhöhen. Rücklings schmiege ich mich an seine weichen Lippen und streichle über seinen Hinterkopf. Augenblicklich ballt sich meine Hand zur Faust und fasst sein Haar, sodass ich seine Liebkosungen dirigieren kann. Selbst durch den Stoff unserer Kleidung kann ich spüren, dass sein bestes Stück die volle Größe erreicht haben muss – oder zumindest hoffe ich es. Mit einem rauen Grunzen wirbelt er mich herum und drückt mich auf die Tischplatte. Als seine Hände langsam über die Außenseiten meiner Beine fahren, sich in meinem Po festkrallen und er sein Becken vorschiebt, meine ich, den Verstand zu verlieren. Als hätte jemand die Saite einer Gitarre zu hart aufgezogen und würde mit Gewalt weiter an ihr drehen, spielt er nun mit mir.

Meine Gedanken sind bereits einen Schritt weiter, da reißt mich gleißendes Licht aus den Träumen.

„Samantha Mayflower?“, will eine mir unbekannte Frauenstimme wissen. Die Lady betätigt den Lichtschalter und leuchtet mir zusätzlich mit der Taschenlampe ins Gesicht.

„Ja“, antworte ich unsicher. Ich blinzle ein paarmal, meine Augen müssen sich erst an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Jetzt erkenne ich die Umrisse mehrerer Polizisten. Ich werde grob gepackt und gegen die Wand gedrückt.

„Sie sind verhaftet“, bellt die Stimme. Immer mehr Cops drängen in den Raum. „Hier ist sie! Der Barmann hatte recht.“

Ich seufze theatralisch. „Hören Sie, es tut mir leid, wenn wir hier nicht sein sollten. Nikolas meinte, dass er den Besitzer kenne.“

Unverständnis spricht aus den Augen des weiblichen Cops. Ich muss die Beine spreizen, werde am ganzen Leib abgetastet, während die Beamten mit kalter Mechanik arbeiten. Im gleißenden Licht funkeln Handschellen, dann erfüllt ein metallisches Klicken den Raum, und ich bin gefesselt.

„Darum geht es nicht.“

„Sondern?“

Die Polizistin sieht mich scharf an. „Samantha Mayflower, Sie werden des Mordes beschuldigt.“

Hitze steigt mir ins Gesicht, obwohl meine Glieder eine plötzliche Taubheit überkommen und eiskalt sind. „Wie bitte? Wen soll ich ermordet haben?“

Als die Worte ihre Lippen verlassen, bricht für mich eine Welt zusammen.

„Doktor Adam Mayflower.“ Sie macht eine kurze Pause. „Ihren Vater.“

Kapitel 2 – Andere Welten

Ich wähne mich in einem Albtraum.

Anders kann ich mir das nicht erklären. 

Eng und scharf liegt das kalte Metall der Handschellen um meine Gelenke und schneidet mir unnachgiebig ins Fleisch. Ich sitze auf einer hölzernen Bank, umgeben von Gitterstäben, und blicke auf den verdreckten Boden unter meinen Stilettos. Keine Träne, keine Emotionen sind aus meinem Gesicht zu lesen, nur die bohrende Gewissheit, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.

Noch vor einer halben Stunde war ich die Hauptperson einer bittersüßen Verführung, doch als mich die Cops in Handschellen durch den Klub geführt haben, haben die Menschen ihre Handys gezückt, und ich wurde zu einer weiteren Schlagzeile. Wahrscheinlich sind diverse Internetseiten jetzt schon voll von der Partyprinzessin, die auf der Tanzfläche eines New Yorker Edelschuppens verhaftet wird und ihren eigenen Vater ermordet haben soll. Theodora wurde von den Beamten zurückgehalten, hat mir nachgerufen, dass alles gut werden würde, doch ich weiß, dass es eine Lüge war.

Dad …

Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Er ist tot. Ermordet. Nichts wird ihn zurückbringen.

Und in der Zeit, in der ich in Lower Manhattan im Gebäude des New York Police Department gefesselt auf meine Vernehmung warte, läuft sein Mörder frei herum. Wut mischt sich mit Trauer zu einer grausamen Melange, die kaum auszuhalten ist. Meine Hände formen sich zu Fäusten, bis sie zu kribbeln beginnen. Eben noch war mein Leben in Ordnung – ach, was rede ich, es war wunderschön. Doch jetzt liegt es in Scherben vor mir, während ich im Abendkleid neben gelangweilt wirkenden Ladys sitze, die ihr Geld offensichtlich im horizontalen Gewerbe verdienen, und mich der Typ in der Nachbarzelle fixiert, als wäre ich Freiwild.

„Begleitservice?“ Die Stimme meiner Sitznachbarin reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich will mir übers Gesicht fahren, spüre, wie die Handschellen tiefer in meine Haut schneiden, und lasse die Arme sinken. „Wie bitte?“

„Du kommst doch bestimmt aus dem Escort, oder?“, will die dunkelhäutige Frau mit der Zahnlücke wissen. Ihre blond gefärbten Haare wippen bei jeder Bewegung. „Du weißt schon, High Class. Geschäftsleute aus Japan, schicke Restaurants, teure Hotels, und nach einem kurzen Ritt liegen sie schnaufend in deinen Armen.“ Sie lehnt sich zu mir herüber, sodass ihr Rock in Leopardenmuster spannt. „Kannst du mich da reinbringen? Du weißt schon, in deine Agentur.“ Sie lächelt und mustert mich von oben bis unten. „Wenn ich mir dann auch so einen Fummel leisten kann, bin ich sofort dabei. Aus welchem Schuppen sind die?“

Ich verschweige, dass der Schuppen Chanel heißt, und sehe wieder auf den Boden. Nicht eine Silbe gebe ich von mir. Es ist, als würde es mir das Herz zerreißen, und nur der flammende Zorn lässt mich nicht in Tränen ausbrechen.

„Ich bin übrigens Cassy“, ergänzt die Lady neben mir und rutscht wieder auf ihren Platz. „Natürlich heiße ich nicht so, aber ich werde von allen so genannt.“ Sie massiert ihre viel zu langen, rot lackierten Fingernägel. „Schon komisch, oder? Ich stelle mich gar nicht mehr mit meinem richtigen Namen vor, hab ihn beinahe vergessen. Du weißt schon, mit der Zeit werden wir zu den Masken, die wir uns vorhalten.“

„Wie bitte?“ Die Worte der Frau scheinen einfach keinen Sinn zu ergeben. Wie alles hier.

„O Kindchen, du bist noch nicht lange dabei, oder?“ Sie lehnt sich zu mir und streichelt mit den Fingerspitzen meinen Rücken.

Eigentlich sollte mir die Berührung unangenehm sein, doch aus irgendeinem Grund trösten mich ihre Zärtlichkeiten, und ich schließe die Augen. „Samantha“, sage ich schließlich kaum hörbar. „Aber alle nennen mich Sam.“ Endlich gelingt es mir hochzusehen. Ihr Lächeln schenkt mir einen Funken Trost in meiner dunkelsten Stunde. „Wie ist dein Name? Also, dein richtiger?“

Sie zögert einen Moment. „Patricia.“

„Ein wirklich schöner Name. Du solltest ihn auf keinen Fall vergessen.“ Ich versuche, ihr die Hand zu reichen, doch die Ketten der Handschellen sind zu kurz. „Was passiert jetzt, Patricia?“, will ich zaghaft wissen und betrachte aus dem Augenwinkel den gefesselten Typen in der benachbarten Gewahrsamszelle. Er liegt im Schatten, ich kann nur seine Silhouette erkennen. Die Fußfesseln rasseln ab und zu. Was muss er getan haben, um von den Cops mehrfach gefesselt zu werden? Ich schaue genauer hin. Über ihm sind die Lampen defekt, als wolle das Schicksal sein Gesicht vor mir verbergen. Trotzdem scheint er die Ruhe selbst zu sein, und obwohl ich seine Augen nicht sehen kann, spüre ich, dass er mich beobachtet, einem gefährlichen Raubtier gleich.

„Als Erstes werden sie dich befragen, dann wirst du dem Haftrichter vorgeführt. Mit ein wenig Glück, guten Anwälten oder Geld kommst du hier raus, und es wird Kaution erlassen. Ansonsten buchst du ein One-Way-Ticket ins Staatsgefängnis und verrottest da, weil sich niemand um Huren wie uns kümmert.“ Sie wartet eine Sekunde, tippt mir behutsam auf die Schulter und deutet in Richtung des Mannes. „Von dem solltest du dich fernhalten“, flüstert sie. Offensichtlich hat sie meinen Blick bemerkt.

Ich reiße mich mit aller Willenskraft los, um den Typen nicht weiter zu fixieren. „Warum?“

„Siehst du seine Kutte? Er ist ein Reaper.“

Der Mann bewegt sich. Seine Pranke streichelt die Gitterstäbe, als wären sie seine Geliebte. Ein Ring blitzt aus der Finsternis hervor, und ich bemerke etliche weiße Narben. Stumme Zeugen zahlloser Kämpfe, die er ausgetragen haben muss. Nicht schwer zu erraten, dass ihm Police Departments nicht fremd sind. Eine Tür wird geöffnet, und einen Moment lang dringt ein Lichtstrahl durch den Schatten. Für den Bruchteil einer Sekunde kann ich seine tiefschwarzen Augen sehen. Sie funkeln mich aus tief liegenden Höhlen an, als würde er am liebsten aufspringen wollen, um mir die Kehle zuzudrücken. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. „Was ist ein Reaper?“

Patricia seufzt auf. „Der Reaper MC ist ein Motorradklub. Du weißt schon, Waffen, Immobilien, Schutzgeld. Böse Jungs, bei denen man lieber die Straßenseite wechseln sollte.“ Ihre Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. „Und besonders so Mädchen wie du, die neu im Business sind.“ Sie holt Luft, legt die Stirn in Falten. „Kenne ich dich nicht irgendwoher? Hast du mal an der hundertfünfunddreißigsten Straße in East Harlem gestanden? Dort ist nämlich mein Platz.“

„Nein“, wispere ich kopfschüttelnd und drehe das Gesicht in den Schatten. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist jemand, der mich unter all diesen Leuten erkennt.

Wieder zucke ich zusammen, als die Tür ins Schloss fällt. Kurz darauf öffnen zwei Cops die Gittertür und deuten auf mich. Ich zittere am ganzen Leib.

„Dein Taxi ist da.“ Patricia klopft mir umständlich auf die Schulter. „Wenn du rauskommen solltest, besuch mich mal, Sam.“

Die zwei Polizisten lösen die Handschellen von der Holzbank, packen mich am Unterarm und reißen mich unsanft auf die Füße. Kurz kann ich mich noch zu meiner Sitznachbarin umdrehen. „Das werde ich, Patricia.“

„Und, Kleines“, sie sieht mich aus ihren großen dunklen Augen an, „du weißt schon – durchhalten.“

Gerade noch schaffe ich es, ihr zuzunicken, dann werde ich aus dem Raum gezogen. Kälte legt sich um mein Herz wie eine düstere Vorahnung.

In dem hell erleuchteten Gang sehen mich die Cops an, als wäre ich Aileen Wuornos, die bekannteste Serienmörderin der Welt. Hass und Abscheu schlagen mir entgegen. Nach einer halben Ewigkeit werde ich in einen Raum mit glatt verputzten weißen Wänden und einem riesigen Spiegel geschoben. Sofort schießen mir Tränen in die Augen.

„Marge!“ Ich werfe mich meiner Stiefmutter in die Arme. Seit meinem sechsten Lebensjahr, als uns meine leibliche Mutter von einem auf den anderen Tag ohne Erklärung verlassen hat, wurde Margarete erst zur Freundin und dann zu einer Frau, die einer Mutter schon verdammt nahekommt. Sie und meine Stiefschwester haben sogar unseren Familiennamen angenommen. Ich bin überglücklich, sie zu sehen, und möchte sie gar nicht mehr loslassen.

„Sam, was haben sie nur mit dir gemacht?“

„Stimmt es?“, will ich wissen, unterdessen streichelt sie mir zärtlich über die Wange. „Ist er …?“

Marge nickt traurig. Sekunden verstreichen stumm. Während ich keine Träne vergießen kann, fließt ihre Trauer in Strömen.

„Jemand hat ihn vergiftet.“ Der Ton ihrer Stimme schwankt zwischen Ohnmacht und Wut. Wer könnte es ihr verdenken? „Ausgerechnet in seinem geliebten Arbeitszimmer.“

Wie oft habe ich Daddy als kleines Mädchen dort besucht, wenn er bis spät in die Nacht gearbeitet hat? Wie oft habe ich auf der unbequemen Couch geschlafen, nur um bei ihm zu sein? Dort habe ich meine Liebe zur Medizin entdeckt, habe von ihm gelernt und dabei zugesehen, wie er aus einer mittelgroßen Investmentfirma die riesige Mayflower Incorporation erschaffen hat.

„Vergiftet“, wiederhole ich, ohne es wirklich zu verstehen.

„Das genügt.“ Die Worte des weiblichen Detective unterbrechen uns. Sie kommt auf uns zu, trennt uns und drückt mich grob auf einen Stuhl hinab.

„So können Sie meine Mandantin nicht behandeln.“

Erst jetzt bemerke ich unseren Firmenanwalt Michael Cooper. Wie immer wirkt er so, als würde er gerade auf ein Galadinner gehen. Sein lockerer Scheitel sitzt perfekt, und obwohl er zehn Jahre älter ist, war ich schon als Teenager in ihn verliebt. Jedes Mal, wenn er Vaters Büro mit neuen Ideen betreten hat, habe ich meine Haare gerichtet, in der Hoffnung, dass er mir ein Lächeln schenkt. Er begleitet die Firma schon seit Ewigkeiten und sitzt nun mit Theodora im Vorstand. Schon früher war ich froh, ihn zu sehen.

Heute bin ich überglücklich.

Auch ihn umarme ich kurz. „Michael, was ist passiert?“

„Keine Angst, Sam. Wir holen dich schnell hier raus.“

„Das würde ich nicht sagen.“ Der weibliche Detective bespricht sich kurz mit ihrem Kollegen, dann richtet sie ihre Uniform. „Miss Mayflower, mein Name ist Viola Hicks, ich bin die zuständige Ermittlerin.“

Ich will aufstehen, ihr die Hand reichen, wie man es mir beigebracht hat, doch sie ignoriert sie. Ihr Blick ist von Kälte durchzogen. Schließlich legt Cooper sanft eine Hand auf meinen Arm und bedeutet mir, mich hinzusetzen.

„Sie stehen unter dringendem Mordverdacht“, fährt Detective Hicks fort. „Sie waren die letzte Person, die Ihren Vater lebend gesehen hat, haben ihm immer seinen Tee gebracht, mit dem er am frühen Abend vergiftet wurde, hatten Zugang zu allen Räumlichkeiten und verfügen über das Wissen, so ein Gift zuzubereiten, da Sie kurz vorm Abschluss Ihres Medizinstudiums stehen. Ist das alles korrekt?“

„Ja, aber …“

„Des Weiteren geht das Erbe ganz allein …“, die Frau blättert geschäftig in ihren Unterlagen, „ganz allein an Sie. Glückwunsch, mit einem Schlag sind Sie steinreich.“

Ich meine, mich verhört zu haben. Mir wird heiß und kalt gleichzeitig, und mein Herz schlägt so heftig, als würde es mir aus der Brust springen wollen. „Wie bitte?“

„Sie haben mich ganz genau verstanden, Miss Mayflower.“ Dabei deutet sie auf mein Dekolleté. „Ich bin mir sicher, Sie konnten es nicht abwarten, all die glitzernden Mayflower-Sterne um Ihren hübschen schmalen Hals zu tragen.“

„Das genügt jetzt!“ Energisch schlägt Cooper auf den Tisch.

Auch meine Stiefmutter springt mir bei. „Was sind Sie für ein Mensch!“, stößt sie voller Inbrunst hervor und tupft sich die Tränen von der Wange.

Detective Hicks lehnt sich zufrieden zurück. „Ich mache nur meine Arbeit, und derzeit verhöre ich eine Mordverdächtige.“

Die Stimmen überschlagen sich im Wortgefecht, doch ich höre ihnen gar nicht mehr zu. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen streichen meine Fingerspitzen über den Diamantstein an meinem Hals. Vater hat mir einen der fünf Mayflower-Diamanten geschenkt, nachdem uns meine Mutter verließ. Als Trost, wie er gesagt hat, und damit ich immer daran denke, so stark zu sein, wie es unsere Ahnen waren. Doch ich fühle mich nicht stark, nicht mutig, wie er gehofft hat, sondern schwach und hilflos. Mein Blick gleitet zur Tischplatte.

Unsere Vorfahren hatten nichts außer den Steinen, als sie vor Jahrhunderten das gelobte Land mit einem kaum seetüchtigen Schiff erreichten. Fünf Diamanten, die unzählige Male beliehen wurden und aus denen ein Familienimperium erwuchs, das seinesgleichen sucht. Sie brachten jenen Glück, die den Namen Mayflower trugen, und inständig hoffe ich, dass die Strähne bei mir nicht abreißen möge. Wie viel Leid mussten sie ertragen, wie viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis der stolze Name bei mir ein jähes Ende nehmen wird? Untergegangen in Schande, mit der Partyprinzessin der Upper East Side, die nicht einmal imstande ist, ihr Medizinstudium abzuschließen. Mit jedem Atemzug wird mir klarer, dass ich nicht würdig bin, diesen Namen zu tragen oder auch nur einen Stern der Mayflowers.

Mit zitternden kalten Fingern löse ich den Verschluss der Halskette und möchte sie Marge geben. „Ich weiß nicht, ob ich sie weiter tragen sollte.“

Plötzlich ist es so still, dass jeder Atemzug wie ein Donnergrollen klingt.

„Sei nicht albern, Samantha“, erwidert Marge und legt mir die Kette wieder an. „Er gehört dir, seit du ein kleines Mädchen warst, und du wirst ihn noch ein langes, glückliches Leben tragen und ihn irgendwann an deine Kinder überreichen.“

„Wir werden Ihnen den Klunker ohnehin abnehmen.“ Die Stimme von Detective Hicks schmerzt wie hundert Messerstiche in meinem Herzen. „Mir ist absolut schleierhaft, warum die persönlichen Gegenstände noch nicht in Gewahrsam genommen wurden. Aber das werden wir im Handumdrehen nachholen.“ Sie klappt die Akte zu und blitzt mich aus kalten, abschätzigen Augen an. „War vielleicht der Promibonus, nicht wahr, Miss Mayflower?“

„Das ist ungeheuerlich!“ Cooper ist in seinem Element. „Die Familie Mayflower ist einer der größten Gönner dieser Stadt. Ich verbitte mir, dass Sie auf diese Weise mit meiner Mandantin reden.“

„Tun Sie das, Herr Anwalt?“ Hicks lehnt sich nach vorne. Ihre Dienstwaffe und die Marke blitzen bedrohlich unter dem Jackett hervor. „Wo wir gerade davon reden, Miss Mayflower: Ihr Vater war in der Tat ein äußerst beliebter Spender für karitative Zwecke. Tierschutz, medizinische Versorgung der Unterprivilegierten, Heime für Obdachlose und Waisen, Forschung an Dutzenden Krankheiten. Nicht wenige sagen, dass er mehr an wohltätige Zwecke gespendet hat, als die Mayflower Incorporation einnimmt.“

Cooper schweigt eine Weile und atmet durch. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich Zeit zum Überlegen nehmen muss. „Sehen Sie, Detective, tatsächlich erleben wir ein paar schwere Jahre. Aber dies hat nichts …“

„Ein paar schwere Jahre?“, schleudert ihm Hicks entgegen, während sich ihr Blick in mich hineinbohrt. „Miss Mayflower, kann es nicht sein, dass Sie genug hatten von der Geldverschwendung Ihres Vaters und Ihr Erbe bedroht sahen?“ Sie verfällt in Schweigen, um ihre Worte wirken zu lassen. „Und es gab nur einen Weg, das zu beenden, habe ich recht?“

„Nein!“, rufe ich. „Ich habe ihn nicht umgebracht. Sie müssen mir glauben, ich würde nie … Ich habe ihn doch geliebt.“ Jede Silbe atmet Hass und Schmerz.

Detective Hicks schlägt die Beine übereinander und lächelt. „Das werden wir herausfinden. Verlassen Sie sich drauf. Bis dahin setzen wir unser Gespräch in einem Staatsgefängnis im Hochsicherheitstrakt fort.“ Ihre Augen zucken bedrohlich. „Abführen.“

„Nein!“ Marge erhebt die Stimme. So aufgebracht habe ich sie noch nie erlebt, und erneut bin ich unendlich dankbar, dass sie an meiner Seite ist. „Sie haben die Falsche. Wenn Sie Ihre Arbeit richtig machen würden, wäre der wahre Täter längst hinter Gittern!“

Hicks’ Antwort bekomme ich schon nicht mehr mit. Zu unwirklich scheint dieser Albtraum, zu dunkel sind meine Gedanken. Vorsichtig lehne ich mich zu Cooper hinüber und spüre, wie ein ziehender Schmerz meine Handgelenke durchfährt. „Michael, wie stehen die Chancen, dass ich nach Hause darf?“ Ich sehe ihn an und spüre, wie mein Blick vor Tränen verschwimmt. Wieder wollen sie meine Augen nicht verlassen, als wäre dies ein Eingeständnis, dass mein Dad tatsächlich tot ist. „Ich will nur noch nach Hause.“

Behutsam legt er eine Hand auf mein Knie. „Leider nicht gut. Aber halte durch.“ Aus seinen wasserblauen Augen spricht Hoffnung, die mir zumindest etwas Kraft verleiht. „Nicht mehr lange und alles wird sich aufklären.“ Er ringt sich ein Lächeln ab. Es sieht lächerlich aus, und trotzdem kann es sein attraktives Gesicht nicht entstellen. „Halte durch, Sam. Wir tun alles, was in unserer Macht steht.“

Auch ich versuche zu lächeln. Es misslingt mir vollends. „Danke.“

„Mein Beileid, Sam.“

 

Kapitel 3 – Die Versuchung

Mir bleibt nur wenig Zeit, um mich zu verabschieden, dann werde ich wieder von Cops auf die Füße gehoben. Unter schärfstem Protest von Marge und Cooper, begleiten sie mich aus dem Verhörraum. Auf dem Gang bohren sich die Finger der Cops in meine Oberarme.

„Doktor Mayflower hat den jährlichen Polizeiball gesponsert“, zischt die Beamtin von links in mein Ohr.

„Und das neue Gebäude für die Hundestaffel“, ergänzt der Cop rechts von mir nicht minder aggressiv. „Wir hoffen, du verreckst, Partyprinzessin!“

Ich bin starr vor Angst, mein Geist ist wie gelähmt. Sie schieben mich weiter bis zur Gewahrsamszelle. Von Patricia fehlt jede Spur. Lediglich ein halbes Dutzend ihrer Kolleginnen langweilt sich mit Handschellen an die Holzbank gefesselt und beäugt den Stein um meinen Hals mit wachsendem Interesse.

Die Cops allerdings denken gar nicht daran, mich neben sie zu platzieren. Sofort führen sie mich in die hinterste Ecke der Zelle, direkt beim im Schatten liegenden Biker. Meine Beine versagen den Dienst. Ich falle zurück und werde auf grobe Weise nach vorne gedrückt. Die Cops müssen erheblich Kraft anwenden, um mich auf das Holz zu zwingen und die Handschellen mit der Kette an der Bank zu befestigen.

„Du wirst hinter Gittern sterben, Mörderin“, flüstert die Polizistin.

Der Typ bewegt sich keinen Zoll, als wäre er in einen tiefen Traum versunken. Ich wage nicht aufzusehen. Nur wenige Handbreit trennen unsere Gesichter, lediglich ein paar Eisenstangen bieten die Illusion von Sicherheit. Erst als die Tür hinter den Cops ins Schloss fällt, realisiere ich, dass sein Zeigefinger immer wieder gegen das Metall tippt.

„Schlechten Tag gehabt?“ Seine Stimme ist so dunkel wie der Schatten selbst. Die Worte sind fein akzentuiert. Ich meine, einen britischen Akzent herauszuhören. In meinen Kopf erscheint das Bild eines englischen Edelmanns, der auf seinem Landsitz Kricketturniere und Teegesellschaften abhält, und nicht das eines Verbrechers, der nach Zigarrenrauch und alten Lederklamotten riecht.

Während die Gedanken wie Billardkugeln durch meinen Kopf rasen, bewege ich mich kein Stück. Meine Atmung ist schwer und gepresst. Ich schließe die Augen und will aus diesem Albtraum erwachen. Einige Sekunden warte ich, zähle von zehn herunter und bete, dass diese Tortur bald ein Ende haben möge. Doch als ich die Lider wieder öffne, befinde ich mich immer noch gefesselt in der Zelle des NYPD und spüre die Hitze der Haut eines unbekannten Schwerverbrechers an meiner.

„Ich weiß, wer du bist“, raunt er und wendet sich mir langsam zu.

Sekunden später drehe ich den Kopf und blicke in Augen, die so dunkel sind, als würden sie die Farbe Schwarz neu definieren wollen.

„So?“, zische ich wütend.

Er lehnt sich zu mir. Sein Gesicht ist eingerahmt von Gitterstäben. Nass hängen ihm die dunklen Haare ins Gesicht und verdecken einige der weißlich schimmernden Narben. „Ich nehme an, den Ladys dort drüben ist es noch nicht aufgefallen, ansonsten wäre der Stein um deinen Hals längst weg. Habe ich nicht recht, meine kleine Maiblume?“

Etwas in mir zieht sich zusammen, und ich presse die Zähne aufeinander. Meine kleine Maiblume, meine Mayflower – so hat mich Vater immer genannt, wenn er mich damals ins Bett gebracht und mir anstatt Kinderbüchern die dicken Wälzer der menschlichen Anatomie vorgelesen hat.

Ich blitze den Unbekannten an. „Nenn mich nicht so.“

„Wieso nicht, Samantha?“ Er deutet in die Richtung meiner Mitinsassinnen. „Hast du Angst, dass sie dir zu nahekommen, wenn sie herausfinden, wer du wirklich bist?“

Langsam wende ich mich von ihm ab. Die Frauen beginnen bereits zu tuscheln. Ich greife instinktiv nach der Kette an meinen Hals. Nicht mehr lange, dann wird sie mir abgenommen werden. Wenn ich mich hier schon gegen Habgier schützen muss, wird es im Staatsgefängnis nicht anders sein.

„Richtig.“ Er weist mit der Nasenspitze in Richtung des Sterns. „Den bist du als Erstes los“, flüstert der Mann und dreht sich weiter zu den Gittern. In einer blitzschnellen Bewegung schießen seine gefesselten Hände durch die Stäbe und greifen nach der Kette. „Was ist dir der Klunker wert?“

Meine Finger umkrallen seine Pranken, ich komme so nah an sein Gesicht, dass ich seinen glühenden Atem spüre. Der herbe Duft seines Aftershaves steigt mir in die Nase, als ich ihm meine Fingernägel tiefer in die Haut schlage. Er verzieht keine Miene und lächelt sogar, als wollte er mich verhöhnen.

„Alles“, sage ich zornig. „Es ist ein Geschenk meines Vaters, einer der fünf Sterne der Mayflowers.“ Ich hebe eine Augenbraue. „Vielleicht hast du davon gelesen – wenn du dressierter Affe überhaupt lesen kannst.“ Ich komme noch näher. „Heute ist mein dreißigster Geburtstag, mein Vater wurde vergiftet, und irgendjemand versucht, es mir in die Schuhe zu schieben. Jetzt sitze ich hier und muss mich mit Verbrechern herumschlagen, obwohl ich nichts anderes will, als um meinen Dad zu trauern. Dieser Stein ist das Einzige, was mir von ihm bleibt. Wenn du ihn also haben willst, wirst du mich vorher töten müssen.“ Ich warte einige Sekunden. Mein Hass brennt so stark wie das Höllenfeuer selbst. „Und jetzt nimm deine dreckigen Pfoten weg, sonst werde ich sie dir abbeißen.“

Die Stille legt sich wie ein unsichtbares Tuch über uns. „Ein wenig zickig. Ich mag das.“ Seine Mundwinkel gehen für den Bruchteil einer Sekunde nach oben. Dann nickt er und fällt augenblicklich wieder in den ernsten Ausdruck zurück. Endlich lässt der Druck nach, und er lehnt sich in seiner Zelle zurück. „Mein Beileid.“

„Danke“, flüstere ich, sehe zu Boden und beobachte aus dem Augenwinkel, wie er erneut mit dem Zeigefinger gegen die Gitterstäbe tippt und sich seine Lippen dabei tonlos bewegen.

„Und jetzt?“, will er wissen.

Ich will meine Schläfen massieren, doch die Ketten halten mich zurück. Hinter meiner Stirn wächst der dumpfe Schmerz zu einer fürchterlichen Migräne heran. Durch die Handschellen sind meine Gelenke aufgescheuert und schmerzen. „Was? Und jetzt?“

„Willst du den Mörder deines Vaters finden und zur Strecke bringen?“, fragt er mit tiefer Stimme. „Ich würde es wollen.“

Ich überlege und lehne schließlich den Kopf zurück. „Eigentlich will ich nur nach Hause.“

„Und was erwartet dich dort? Vergebung? Vielleicht die Erkenntnis, dass man allen Menschen verzeihen muss? Auch die andere Wange hinhalten?“ Der Mann beugt sich nach vorne, bis die Hand- und Fußfesseln klirren. „Ich würde meine Rache wollen. Oder zumindest Gerechtigkeit.“

„Gerechtigkeit“, erwidere ich leise. „Das war eins von Daddys Lieblingswörtern. Er hat immer gesagt, dass unser Reichtum recht wäre, aber nicht gerecht, wenn wir ihn nicht mit anderen teilen.“

„Dein Vater war ein kluger Mann.“ Das Tippen gegen die Gitterstäbe wird energischer. „Zu schade, dass du hier keine Gerechtigkeit bekommen wirst. Die Justiz will schnell die Mörderin ihres Wohltäters präsentieren, und für die Presse ist deine Verhaftung gedrucktes Gold.“ Er schnalzt mit der Zunge. „Es gibt nicht viele Leute, die dann noch nach der Wahrheit suchen werden. Glaub mir, ich kenne mich aus.“ Er dreht sich um. „Im Knast wirst du keine Gerechtigkeit bekommen, Maiblümchen, geschweige denn Rache.“

Seine Worte hallen in meinen Ohren. Allmählich sickert die schmerzende Erkenntnis in meinen Verstand: Dieser Verbrecher hat recht. Und ich kann nichts dagegen tun. Rein gar nichts.

Das Tippen wird schneller, zieht meinen Blick hypnotisch an. Meine Wut über mich selbst, die Situation und über die Welt wächst ins Unermessliche.

„Was, zum Teufel, machst du da?“, zische ich viel zu laut. Alle Anwesenden heben die Köpfe.

Der Unbekannte dreht sich ins Licht und lächelt. „Sekunden zählen.“

„Warum?“

Das Grinsen wird breiter, und seine Stimme wird so kratzig, als hätte er Kreide gegessen. „Geh doch bitte in Deckung, Maiblümchen.“

„Du sollst mich nicht so …“ Die letzten Silben gehen in der Explosion unter. Im nächsten Moment zerreißt ohrenbetäubender Lärm jeden Gedanken. Hitze streift meine Haut, als mich die Druckwelle gegen die Wand presst und mein Hinterkopf unsanft gegen den Beton schlägt. Für einen Moment schließe ich die Augen und lasse zu, wie mich die Müdigkeit tief in einen süßen Traum hinabzieht.