Leseprobe Poppy Dayton und das Rätsel um Arwen Island

6

Als Poppy am nächsten Morgen aufwachte, konnte sie sich an keinen Traum erinnern.

Umso besser, dachte sie. Sie gähnte, streckte sich, schwang sich aus dem Bett und öffnete die Terrassentür weit. Torry blieb auf seinem Kissen liegen und zeigte bis auf ein sich träge öffnendes und schließendes Auge keine weitere Aktivität.

Sie ging zum Geländer. Der Strand tief unter ihr lag noch im Schatten, das Meer war spiegelglatt.

Zwei Apartments weiter sah sie Kyla Webb beim Yoga.

Sie schaute auf die Uhr. Halb sieben – zu früh für Barney? Aber da hatte sie seine Nummer schon gewählt, und er ging nach dem ersten Ton dran.

„Habe ich dich geweckt, Darling?“

„Oh nein, ich hatte bereits ein Videomeeting mit dem Museum in Auckland. Die Neuseeländer wollen das Darwin–Manuskript kaufen, und niemand im Vorstand zuckte, als ich den Preis nannte!“

„Wow! Ich freue mich!“ Das kam aus tiefstem Herzen. Poppy wusste, dass mit den fünfzigtausend Pfund aus dem Verkauf der Originalhandschrift ihre chronischen Geldprobleme auf längere Sicht beseitigt waren. Sie seufzte. „Dann muss ich den Job hier wenigstens nicht wegen des Honorars machen.“

„Was hör ich da denn heraus?“ Barney klang alarmiert. „Ist die Euphorie schon verraucht? Und warum rufst du mich erst jetzt an? Ich habe geträumt, ihr seid ausgerutscht auf dem glitschigen Damm.“

„Ich bin erst einen Tag weg, und du träumst, dass deine Frau ausrutscht?“ Sie schmunzelte. „Keine Angst, du weißt, wie trittsicher ich bin.“

„Auf jedem Parkett!“

„Das wird sich zeigen.“

Poppy erzählte ihm von Flexer und seiner hidden agenda.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, worüber ich mich mehr ärgere: darüber, dass ich mir Hoffnung gemacht hatte, dass Flexer mich vor allem wegen meiner Kunst gebucht hat, oder über die offensichtliche Indiskretion, die sich Dr. Trelawney hinsichtlich meiner besonderen Fähigkeit geleistet hat.“

Barney pfiff durch die Zähne. „Das kann nicht wahr sein. Hat er keine Schweigepflicht?“

„Ich bin ja nicht seine Patientin.“

„Du warst nah dran.“

„Hör auf, daraus eine Krankheit zu machen.“

„Entschuldige, das liegt mir fern. – Aber ich war von Anfang an misstrauisch, warum dieser Flexer plötzlich so heiß auf dich war.“

„In zwei Tagen kommt er mit dem Boot, bis dahin habe ich Bedenkzeit, und die werde ich nutzen.“

„Wofür?“

„Die Insel genießen, mit meinen Künstlern arbeiten – und mich ein wenig umsehen“, sagte sie so beiläufig wie möglich.

Barney stöhnte auf. „Warum ahne ich jetzt schon, wie deine Bedenkzeit ausgehen wird?“

„Mach dir keine Sorgen.“

Schwanzwedelnd tauchte Torry mit der Leine in der Schnauze auf der Terrasse auf.

„Ich habe den besten vierbeinigen Leibwächter der Welt.“

„Warum beruhigt mich das nicht wirklich?“, fragte er ernst. „Versprich mir, nichts zu tun, was ich nicht auch tun würde.“

Vielleicht ließe sich das Spektrum ein klein wenig erweitern? „Versprochen!“, sagte sie laut. „Ich ruf dich heute Abend wieder an. Und jetzt genieße deinen Erfolg. Geh zu Alex und lass dir auf meine Kosten ein kolossales Champagnerfrühstück servieren. Ich liebe dich!“

 

Um diese Zeit war es noch still im Haus, nur aus der Küche war etwas zu hören: Muriel klapperte mit den Töpfen und trällerte ein gälisches Volkslied.

Jenseits des Steinportals musste Poppy wählen: Strand oder Land?

Torry nahm ihr die Entscheidung ab und lief den Hang hinauf in Richtung der Klosterruine. Poppy ärgerte sich, dass sie ihn von der Leine gelassen hatte, denn er hatte sofort einen uneinholbaren Vorsprung.

Auf dem Platz vor den Resten des Westgiebels hielt er kurz an, wartete, bis sie schnaufend aufgeschlossen hatte, nur um wieder zu verschwinden.

Er durchquerte das ehemalige Kirchenschiff, rannte im Slalom durch die Reste des eingestürzten Tonnengewölbes und kam bis zur Chor–Apsis.

Sackgasse, triumphierte Poppy, ich habe dich! Sie freute sich zu früh. Der Hund schlug einen Haken, lief ein Stück zurück und verschwand im Querhaus.

Auch hier standen nur noch Teile der Außenmauern, aber sie waren hoch genug, um unüberwindbar zu sein.

Die Sonne stand noch flach, und das Licht kam nicht hinunter bis aufs löchrige Bodenpflaster. Poppy war gezwungen, ihr Tempo zu verlangsamen und musste aufpassen, wo sie hintrat.

Torry bellte. Es kam von außerhalb der Mauern.

Wie war er da hingekommen?

Sie gelangte ans Ende des Querhauses, wo eine Fensterscharte breit genug war, dass sie hindurchklettern konnte.

„Torry, wo treibst du dich rum? Komm her!“

Sie sah ihn nicht, und das Bellen verstärkte sich noch.

Als unvermittelt Stille einkehrte, stoppte Poppy. Was ist passiert?

 

Trotz des Julitags war es kühl. Auch außerhalb der Ruine war es dämmrig, eine Gruppe hoher Eichen hielt die Morgensonne ab. Nebelfetzen umhüllten die fünf knorrigen Stämme wie ein alter Verband zwischen den Fingern einer verletzten Hand.

Hinter der Baumreihe nahm Poppy Bewegung wahr. Ein Mann?

Torry war immer noch nicht zu sehen, und sie begann, sich Sorgen zu machen.

Die Gestalt bewegte sich in Richtung Norden. Sie war stämmig, breitschultrig, aber zu klein und vierschrötig, um sie mit einem der Menschen in Verbindung zu bringen, die Poppy auf der Insel kannte.

Instinktiv blieb Poppy in Deckung. Warum brachte sie die Begegnung mit Gefahr in Verbindung? Was hatte dieses Gefühl ausgelöst? Poppys Herz schlug heftig. Sie überwand den Fluchtinstinkt und schlich näher heran.

Als sie die Distanz auf etwa zwanzig Meter verkürzt hatte, hörte sie ein Rauschen.

Es muss die Brandung am Nordstrand sein, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte.

Ein paar Meter weiter endete das Buschland abrupt; dafür verdichtete sich der Morgennebel, der von der kühlen Wasseroberfläche die Klippe heraufzog.

Noch einmal sah sie die Silhouette, dann schien sie sich vor dem hellen Horizont aufzulösen.

Poppy stand an der Kliffkante. Unter ihr brachen sich weiß die Wellen.

Hier ging es nicht weiter, und es führte kein Pfad zum Strand hinunter.

Die Gestalt blieb verschwunden.

Ärgerlich über ihr Zögern schüttelte sie den Kopf und gab die Suche auf.

 

Sie musste sich um Torry kümmern und lief den halben Kilometer zurück zur Kirchenruine. Zwischen den hüfthohen Strandrosen und Sanddorn–Büschen ragten kantige Steine aus dem Boden.

Der ehemalige Friedhof des Klosters? Poppy bückte sich, um eine Inschrift zu lesen, als Torry hinter einem der Grabmale auftauchte.

„Wo treibst du dich denn herum?“, rief sie. Der Terrier rannte auf sie zu und präsentierte stolz seine Beute. „Aus!“, rief sie erschrocken.

Ein Knochen.

„Lass das los!“ Sie wollte nach dem länglichen Gegenstand greifen, zog ihre Hand aber rasch zurück. Das Ding stank erbärmlich. Schließlich gehorchte Torry widerwillig und legte es vor ihr ab. Sie musste schlucken, als ein Gedanke sie durchzuckte: Ein menschlicher Oberschenkelknochen? – Nein, eher nicht. – Gab es Tiere in dieser Größe auf der Insel?

Bei der Antwort half ihr Torry. Wie angestochen raste er los, und Poppy verstand, warum er von der Beute abgelassen hatte: Vor ihm bewegte sich der Wall aus Sanddorn, und ein kapitaler Hirsch brach aus den Büschen. In wenigen Sätzen durchquerte er den Friedhof und setzte in elegantem Sprung über die Mauer. Fasziniert blickte ihm Poppy hinterher.

Wie schön du bist! Zum Glück gibt es hier nur Künstler und keine Jäger.

Torry sah das anders. Frustriert jaulend blieb er vor der Mauer stehen, dann trottete er zu seinem Frauchen zurück, nur um die nächste Enttäuschung zu erleben. Poppy hatte den gammeligen Knochen ins Unterholz gekickt. Als Torry die Spur wieder aufnehmen wollte, nahm sie ihn an die Leine.

„Schluss jetzt, alter Freund. Wir gehen frühstücken. Davon hast du mehr als von dem miesen Aas.“

Darüber ließe sich diskutieren, schien er zu denken und trottete mit hängenden Ohren hinterher.

 

Der Frühstückstisch war draußen gedeckt, zwischen Pool und der großen Halle.

Aus der Ferne wirkte es, als ob das Wasser im Becken und das Meer eine unendliche Einheit bildeten.

Poppy ließ den Eindruck auf sich wirken, als ein Schatten von der Seite heranflog und die Harmonie abrupt zerstörte. Das massive Objekt durchschlug die unbewegte Oberfläche und erzeugte eine Wasserfontäne, die bis zum Tisch reichte.

„Torin!“, schrie Juna Reid, duckte sich und rettete ihr Croissant vor dem Spritzwasser.

Dupree tauchte prustend auf, kraulte bis zum Ende des Pools und stemmte sich am Rand hoch. Die gorillahafte Gestalt schüttelte sich.

Konnte das der Mann von der Nordseite sein?, dachte Poppy. Nein, der war kleiner gewesen.

„Zieh dir was an, Torin.“ Junas Missbilligung war deutlich zu hören, trotzdem wandte sie den Blick nicht vom splitternackten Hünen ab. Dupree griff nach einem Handtuch, schlang es um die Hüften und setzte sich zu den anderen an den Tisch. Die Sonne stand jetzt deutlich höher, und die Wassertröpfchen glitzerten auf seinen Schultern.

Nicht alle genossen die warmen Strahlen. Kyla Webb bat Bottrill, einen Sonnenschirm aufzuspannen, erst dann legte sie den Strohhut ab und zog das malvenfarbene Seidentuch von den Schultern.

Ihre Haut war so weiß, dass sie zwischen Fia und Brent, die beide tiefgebräunt waren, wie ein Geist aussah. Auch Tregenna schien das aufzufallen. „Ein bisschen Sonne könnte dir nicht schaden, du bist ja beinahe durchsichtig.“

Sie hob die Augenbrauen. „Weiß ist die neue Urlaubsfarbe, Cailan.“

Poppy war froh, dass Tregenna das nicht kommentierte und der schöne Tag nicht mit neuem Geplänkel begann.

Acht Personen saßen am Tisch, der neunte Platz, an der Stirnseite, war gedeckt, blieb aber unbesetzt.

„Erwarten wir noch jemanden?“, fragte Poppy.

Bottrill schüttelte den Kopf. „Das ist Mr Flexers Platz, wahrscheinlich hat ihn meine Frau einfach mitgedeckt.“

Er schenkte Poppy Kaffee nach, und sie bedankte sich. „Und ich dachte, wir hätten einen weiteren Gast auf der Insel“, sagte sie beiläufig. Ihr entging nicht, wie Tregenna und Bottrill sich ansahen.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Juna und verscheuchte eine Fliege vom Kräuter–Omelett.

„Du bist doch die Herrin der Einladungsliste, oder?“, blaffte Tregenna sie an.

Poppy ignorierte ihn. „Ich dachte, ich hätte heute Morgen jemand gesehen, an der Nordspitze der Insel, kurz nach sieben.“

Alle sahen sich an. „Ich war’s nicht“, ertönte es wie aus einem Munde.

„Nicht meine Zeit.“ Fia kicherte. „Da wurde ich gerade ganz langsam wach.“

Poppy sah, wie Brent Payne rot anlief und Tregenna beiden einen finsteren Blick zuwarf.

Bottrill beendete seine Kaffeerunde. „Das war bestimmt Heinrich der Achte.“ Er ließ die Kanne mehr auf den Tisch fallen, als dass er sie abstellte.

„Ist das auch eines von Flexers Geschöpfen?“, fragte Dupree. „Unter einem König mit sechs Frauen macht er’s wohl nicht.“

„Nein, der Chef kann nichts dafür“, erklärte Muriel lachend und brachte eine Schüssel voll Joghurt mit frischen Früchten. „Das ist ein Tier.“

„Ich habe tatsächlich einen tollen Hirsch getroffen, hinter dem Friedhof, einen Zwölfender.“

„Das war er.“ Bottrill klang erleichtert. „Er hat einen Harem auf beiden Seiten. Nachdem er seine Kühe auf dem Festland beehrt hat, wechselt er zur Herde auf die Insel hinüber und umgekehrt. In der Jagdsaison ist er besonders gern bei uns, weil er sich hier vor nichts fürchten muss.“

„Wie schafft er es nach Arwen Island?“, fragte Poppy.

„Die Tiere sind an Ebbe und Flut gewöhnt und kennen den Weg über den Wall. – Heinrich ist der einzige männliche Hirsch auf dieser Seite. Übernahmeversuche hat er bereits drüben erfolgreich abgewehrt.“

„Von dem kannst du was lernen.“ Dupree feixte in Tregennas Richtung, worauf dieser mit einer Birne nach ihm warf. Torin fing sie auf und zerdrückte sie in seiner riesigen Hand. Der Saft der reifen Frucht spritzte auf seinen Oberkörper.

„Ich spring noch mal rein!“, rief er fröhlich, ließ das Handtuch fallen, wiederholte die Wasserbombe und brachte alle zum Kreischen.

7

Nach dem Frühstück verschwanden die meisten in den Ateliers, und Poppy nutzte die Ruhe am Pool, um selbst ein paar Züge zu schwimmen; Torry beobachtete sie vom Rand aus.

Ursprünglich hatte sie zum Strand gehen wollen, aber bei Ebbe reichte der fast bis zum Horizont, und die Priele und Seegrasbänke sahen nicht einladend aus.

Nach dem Bad kehrten die widerstreitenden Gedanken zurück: Gehen oder bleiben?

Der Ärger über Flexer saß tief, seine unaufrichtige Art nervte sie, und auf das Führungsgerangel mit Tregenna konnte sie ebenfalls verzichten. Auf der anderen Seite verliebte sie sich allmählich in die Insel und ihre geheimnisvolle Aura.

Der morgendliche Spaziergang hatte sie auf den Geschmack gebracht und sie beschloss, die Tour fortzusetzen.

Sie zog sich an, griff nach einer geräumigen Leinentasche, die sie über der Schulter tragen konnte und packte auch ein Handtuch ein. Torry, dem es neben dem Pool langweilig geworden war, lief erwartungsvoll nebenher.

Wieder kletterten sie hinter dem Haus den Hügel hinauf, aber diesmal mieden sie die Ruine.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, steuerte Poppy die höchste Stelle der Insel an, den Monk’s Head.

Sie durchquerten ein Kiefernwäldchen, die Bäume krumm geblasen vom ewigen Westwind. Zufrieden sicherte Poppy die ersten Funde: wie Korkenzieher gewundene Äste und Grimassen, die sie aus Rindenplatten heraus ansahen. Torry beteiligte sich begeistert an der Sammlung. Poppy wollte ihn nicht enttäuschen und legte ein paar von den Kiefernzapfen in den Beutel, die er emsig anschleppte.

Als sie höher stiegen, endete der Baumgürtel. Rund geschliffene Felsen bildeten natürliche Stufen, in den Spalten wuchsen Farne, die in der feuchten Meeresluft gigantische Ausmaße annahmen.

Noch weiter oben war das Felsmassiv mit Flechten überzogen, in Farbschattierungen von Grau bis Violett. Vorsichtig löste Poppy die winzigen Ärmchen, mit denen sie sich auf die steinige Unterlage krallten und bewunderte die komplexe Struktur. Sie überlegte, wie sie die natürliche Buntheit konservieren könnte und bettete sie zwischen Schichten weicher Farnblätter.

Ein Schrei!

Sie war so auf das Sammeln konzentriert, dass der Schreck sie von den Füßen warf und sie sich auf den Hosenboden setzte. Das Herz pochte ihr bis zum Hals.

Torry bellte. Ein schwarzer Schatten stieg auf und schob sich zwischen Poppy und die Sonne. Sie hob die Hand, in Abwehr und um besser sehen zu können.

„Hiiäh!“

Fasziniert schaute sie in zwei bernsteinfarbenen Augen hinter einer schwarzen Zorro–Maske. Ein Habicht? – „Du wirst mich doch nicht attackieren?“

„Gik, gik, gik.“ Das klang schon versöhnlicher. Der Raubvogel breitete die Schwingen aus, das flirrende, grauweiße Muster der Flügel hatte eine fast hypnotische Wirkung. Er umkreiste sie ein letztes Mal und schwebte in Richtung des Eichenwalds davon. War er auf der Jagd? Poppy hätte es nicht gewundert, sie war schon einigen Mäusen begegnet, die sich auf dem warmen Felsen sonnten und in den Ritzen verschwanden, sobald sie näher kam.

Sie blieb auf der Steinplatte sitzen, zog ihre Wasserflasche aus der Tasche, trank einen Schluck und spürte dem Hauch von Limette und Minze nach. Das kühlende Aroma entspannte sie, und ihr Herzschlag beruhigte sich.

 

Muriel hatte für jeden aus der Gruppe eine Trinkflasche vorbereitet.

Poppy dachte an die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren, die wachen, blauen Augen hinter einem Pony versteckt. Sie fand sie sympathischer als Manas. Aber sie wollte nicht zu früh urteilen. Was wusste sie von dem Caretaker–Paar? So gut wie nichts.

Cailan hatte recht. Sie war überstürzt und unvorbereitet in die Sache hineingeschlittert.

Aber Kunst und Cornwall – diese Kombination fand sie unwiderstehlich, und hier oben hatte die Schönheit der Landschaft Überwältigungscharakter.

Sie saß auf dem höchsten Punkt der Insel. Unter ihr legte sich der Baumgürtel wie der Kranz einer Tonsur um den Berg. Jetzt bin ich eine Fliege auf dem kahlen Kopf des Mönchs.

Obwohl Arwen Island keine zwei Kilometer lang und an ihrer schmalsten Stelle nur wenige Hundert Meter breit war, wirkte sie von hier oben größer. Als grüne Sichel lag sie vor der Küste von Mousehole, die Spitzen nach Norden und Süden ausgerichtet, und im Westen die Steilküste, aus ihr wuchs der Verbindungsdamm zum Festland. Die felsige Ostseite, vor der sich eine perfekt geschwungene Bucht mit feinem, weißem Sandstrand erstreckte. Im Süden die Abbey und das Haus, das von hier oben weit weniger futuristisch aussah als aus der Nähe. Nicht nur die Höfe und Terrassen, auch alle Dächer waren begrünt und fügten sich perfekt in die gestufte Felsenkulisse ein. Selbst der Pool sah aus dieser Perspektive aus wie eines der vielen Becken am Meeresgrund, die das zurückflutende Wasser allmählich wieder miteinander verschmelzen ließen.

Poppy packte die Flasche ein. Die Erfrischung war nicht genug, der Strand lockte sie.

Sie hängte sich die Tasche über. Der Abstieg erforderte ihre Aufmerksamkeit, die glatten Felsen boten wenig Halt, und sie knickte ein paarmal um, weil die Ausblicke sie ablenkten.

Auf direktem Weg durchquerte sie das Waldstück und erreichte den Pfad, der zwischen großen Steinbrocken zum Strand führte.

An der schmalen Durchgangsstelle näherte sich Torry schnüffelnd einem Objekt, das mitten auf dem Weg lag. Poppy schloss zu ihm auf – und blieb geschockt stehen.

Eine blutverschmierte Hand.

Sie wagte einen zweiten Blick. Erleichtert sah sie, dass es keine menschliche Hand, sondern aus Stein gehauen war. Die Erkenntnis beruhigte sie kaum.

Sie starrte auf die Hand, deren Zeigefinger in Richtung Strand ausgerichtet war.

War sie Teil einer Statue aus dem Kloster? Wie kam sie hierher? Und die rotbraune Farbe? War es wirklich Blut?

Sie lauschte, hörte und sah niemanden. Auch Torry blieb ruhig und verlor allmählich das Interesse an dem Fundstück.

Poppy presste die Lippen zusammen und streckte ihren rechten Zeigefinger aus. Sie berührte eine Stelle an der Innenfläche. Als sie merkte, dass die dunkle Substanz angetrocknet war, wurde sie mutiger. Sie nahm ein breit gefächertes Ahornblatt und hob damit die Hand hoch. Sie überwand das Ekelgefühl und näherte sich mit ihrer Nase.

Es ist nur schwach, dachte sie, aber eindeutig der Geruch von rostigem Eisen und Kupfer.

Sie suchte den Boden ab. Sonst gab es keine Spur von Blut. Wer oder was auch immer dafür verantwortlich ist, das Ding ist woanders präpariert und dann hier abgelegt worden. Beherzt wickelte Poppy die Hand in eine weitere Schicht Blätter und legte sie in ihren Beutel. 

Es wird niemanden mehr erschrecken.

Kurz dachte sie daran, sie für ihre Installation zu verwenden – und fand es sofort abwegig.

Ich werde morgen damit Flexer überraschen. Sie musste zugeben, dass ihr dieser Gedanke gefiel …

 

Sie liefen weiter zum Strand. Das Meer war wieder zurückgekehrt. Auf der windabgewandten Ostseite zeigten sich noch weniger Wellen als im Westen, und so lag Frenchman’s Cove da wie eine karibische Lagune.

Der weite Bogen von strahlend weißem Sand, das Wasser türkis und zunehmend dunkelblau, in Richtung des Außenriffs. Ein Bach plätscherte in Kaskaden den Hügel hinunter und sammelte sich am Fuß der Klippe in einem felsigen Becken. Torry trank gierig das klare Wasser.

Poppy suchte eine besonders schöne, sandige Stelle für ihr Handtuch aus.

Sie schlüpfte aus den Kleidern und lief ins Wasser. Das kühle, elektrisierende Prickeln stieg an den Beinen empor; dann wusste sie, dass die Temperatur perfekt war, stieß sich ab und schwamm los. Mit kräftigen Kraulschlägen hielt sie auf das Riff zu und erreichte es nach wenigen Minuten.

Sie tauchte unter. Ein Schwarm silbrig glänzender Fische stob vor ihr auseinander.

Im Wasser fühle ich mich wohl, dachte sie, manchmal sogar mehr als an Land. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich hier Gwen besonders nahe fühle. Gemeinsam mit ihrer Schwester und den Eltern hatte sie viele glückliche Ferientage am Meer verbracht. Obwohl ich das Wetttauchen gegen dich immer verloren habe. Sie streckte die Arme aus und suchte ihre Hand. Ein Felsmassiv kam auf sie zu, und Gwens Bild verschwamm.

Fast widerwillig kehrte Poppy zur Oberfläche zurück, in Richtung der hellen Wasserbläschen, die das anbrandende Meer auf der Riffkante erzeugte.

Ihr Kopf durchstieß die Oberfläche, und sie blickte in Richtung Ufer.

Bewegte sich da etwas? Sie glaubte, zwischen den Felsen jemanden stehen zu sehen. Als sie sich das Salzwasser aus den Augen gewischt hatte, lag die Bucht jedoch so verlassen da wie vorher. Auch Torry zeigte keine Regung. Ruhig lag er neben dem Handtuch und behielt gleichzeitig sein Frauchen im Auge. Seit Poppy ihn vor dem Ertrinken gerettet hatte, vermied er das Wasser und war auch nicht begeistert, wenn sie für seinen Geschmack viel zu weit hinausschwamm.

Auf dem Rückweg kraulte Poppy quer über die Riffdurchfahrt und kämpfte gegen die kräftige Strömung an. Sie folgte der Fahrrinne und passierte die Kaianlage. Sie war halb verfallen, und das Wasser strömte glitzernd von braun–grünen Algensträngen, die wie ungepflegte Haare von der Mauer herabhingen.

Poppy hatte immer weniger Lust, dort morgen in ein Boot zu steigen und die Insel zu verlassen.

Nein, sie würde bleiben. Frenchman’s Cove hatte für sie entschieden.

Arwen Island – ich bin genau richtig bei dir. Mal sehen, was du mit mir vorhast.

 

Am Ufer empfing Torry sie begeistert.

Nass, wie sie war, ignorierte Poppy ihr Handtuch und legte sich direkt in den weichen Sand. Die Wassertröpfchen perlten von ihrem Körper ab oder verdunsteten langsam und ließen glitzernde Salzkristalle zurück. Sie liebte es, zu spüren, wie sich eine zarte Hülle aus Salz, Sand und Sonnenwärme um sie herum bildete. Träge blinzelte sie in die Strahlen, die von einer dünnen Dunstschicht gemildert wurden, dann drehte sie sich auf den Bauch. Torry schmiegte sich an ihre Seite.

8

Ohrenbetäubender Lärm erfüllte die Bucht und schallte von den Felsen zurück.

Poppy stemmte sich hoch. Entsetzt registrierte sie, wie ein Stück strandabwärts, Richtung Anlegestelle, das Drama seinen Lauf nahm.

Von einem hölzernen Boot mit zwei Masten, das mit gerefften Segeln in der Bucht ankerte, sprangen Männer ins Wasser und stürmten auf den Strand. Dort wurden sie von einer etwa gleich großen Zahl empfangen, Gestalten in dunkelbraunen Kutten.

Die beiden Gruppen droschen aufeinander ein, mit Schwertern oder bloßen Fäusten, Speere flogen durch die Luft. Wut– und Schmerzensschreie vermischten sich, immer mehr Blut färbte den Sand rosa.

Panisch suchte Poppy Deckung hinter einem Felsen – und fand sich Auge in Auge mit einem Mönch.

 

Sie wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Reflexhaft bedeckte sie ihre Blöße.

„Liebe Frau, hier könnt Ihr nicht bleiben!“

Der Mann berührte sie an der nackten Schulter. Rasch nahm er die Hand zurück und schaute weg.

„Habt keine Furcht. Ich bin Bruder Brios, ich bringe Euch in Sicherheit.“

Er zog sich die braune Kutte über den kahlen Kopf und reichte sie ihr. Poppy starrte auf seine behaarte Brust.

„Zieht das an und folgt mir. Bleibt hinter den Felsen und seid leise!“

Die letzte Anordnung wirkte seltsam bei dem infernalischen Kampfgetöse.

Widerwillig zog sich Poppy den nach Schweiß und Talg stinkenden Mantel über, gleichzeitig war sie dankbar und froh, sich nicht mehr so ausgesetzt zu fühlen.

Beide liefen los, geduckt brachten sie immer mehr Distanz zwischen sich und das Chaos.

Vergeblich – sie wurden entdeckt.

Zwei Piraten lösten sich aus dem Getümmel und verfolgten sie. Poppy hörte, wie das gierige Keuchen der Männer und das Stampfen schwerer Stiefel im Sand immer näher kam.

Gelähmt vor Angst ließ sie sich fallen und bedeckte den Kopf mit beiden Händen.

„Brios, hilf mir!“, schrie sie, als sie etwas an der Schulter berührte. Ihr Atem stockte, und sie machte sich auf den Schlag gefasst.

Nichts geschah.

 

Langsam löste sich die Erstarrung. Zögernd öffnete Poppy die Augen und blinzelte die Sandkörner weg.

Ein Kopf schob sich ins Blickfeld, und sie erkannte die junge Frau in den abgeschnittenen Jeans. Torry hatte nicht gebellt, er leckte ihre ausgestreckte Hand.

„Fia?“ Verwirrt setzte sich Poppy auf. Ihr war schwindelig.

„Du hast im Schlaf gesprochen!“ Fia hielt ihre Hände in die Seiten gestemmt und sah mit zusammengekniffenen Augen auf sie herab. „Ich habe gehört, wie du einen Namen gerufen hast.“

Poppy antwortete nicht gleich. Sie hatte einen seltsamen Geschmack im Mund, leicht ranzig, aber nicht unangenehm. Sie tastete über den Sand neben dem Handtuch, fand ihre Tasche, kramte darin herum, holte die Flasche heraus und trank. Danach verschloss sie den Beutel rasch, damit Fia nicht die Hand sah.

„Ich muss wohl eingeschlafen sein und hatte einen Albtraum.“

„Was hatte der mit Brios zu tun?“

Poppy fasste sich an die Schläfen. „Brios?“, fragte sie irritiert. Nur langsam gewann sie Abstand von dem Überfall. Sie drehte den Kopf in Richtung der Stelle, an der das Boot gelegen hatte. Dort klatschten harmlose kleine Wellen ans Ufer.

„Der junge Mönch. Du hast nach ihm gerufen!“ Fia behielt ihren misstrauischen, beinahe eifersüchtigen Ton bei.

„Ich … ich habe keine Ahnung“, stotterte Poppy. „Ich glaube – er hat mich gerettet.“

„Wovor denn?“, fragte Fia. Neugier schien die Oberhand zu gewinnen. Sie kicherte. „Er hat einiges drauf, der Bruder Brios.“

Poppy starrte sie ungläubig an. „Kennst du ihn etwa?“

„Das wollte ich dich fragen!“

Trotz der Hitze des Nachmittags lief ein Schauer über Poppys Rücken. Sie sah Fia ungläubig an und schüttelte den Kopf. „Nicht schon wieder“, flüsterte sie.

„Was meinst du damit?“ Fias Misstrauen kehrte zurück.

„Setz dich.“ Poppy rutschte zur Seite und deutete auf den Platz neben ihr auf dem Handtuch.

Fia ging auf das Angebot ein; sie zog die Beine an, schlang ihre Arme darum und blieb auf Abstand.

„Eigentlich habe ich gar keine Lust auf Geister.“ Poppy seufzte tief. „Es scheint wieder loszugehen.“

„Was denn?“, fragte Fia unschuldig, aber Poppy erkannte in ihren Augen, dass sie die Antwort wusste.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich ausgerechnet auf dieser Insel jemanden treffen würde, der eine ähnlich verrückte Begabung hat wie ich.“

„Du meinst das Theaterträumen?“

„So nennst du es?“

„Ich glaube, ich habe es von meinem Vater geerbt. Leider lebt er nicht mehr. Dafür begegne ich ihm manchmal. Es wirkt distanziert, irgendwie künstlich – wie auf einer Theaterbühne.“

Poppy nickte. „So geht es mir auch, mit meiner Schwester. Auch sie ist tot. – Doch leider beschränken sich diese Begegnungen nicht nur auf sie …“

„Womit unser Bruder Brios ins Spiel kommt!“ Fia lachte leise. „Mach dir nichts draus – mir passiert das häufiger.“

„Wirklich?“ Poppy blickte Fia von der Seite an. „Dann kann ich vielleicht von dir lernen, damit umzugehen. Außer mit Barney, meinem Mann, traue ich mich nicht so recht, darüber zu sprechen. Ein Arzt hat einmal versucht, es mir zu erklären, er nannte es Shining.“

„Shining? – Der Ausdruck passt, finde ich.“

„Warum?“ Poppy war zunehmend fasziniert von der Unterhaltung. „Was meinst du konkret?“ Der kühle und sachliche Umgang, den Fia mit ihrer Begabung pflegte, beeindruckte sie und hatte etwas Beruhigendes. Es bestärkte sie in dem Gedanken, dem Phänomen systematisch nachzugehen und es nicht nur als unheimlich zu empfinden.

„Manchmal hat es mir geholfen. Shining – es war wie ein Lichtstrahl, auf etwas in die Zukunft. Nur ein kleines Stück. Es half mir dabei, einen Vorsprung zu bekommen.“

„Einen Vorsprung?“

„Das klingt jetzt zu berechnend, aber ich konnte mich auf etwas vorbereiten …“

„Wirklich? So intensiv ist das bei mir nicht ausgeprägt. Zumindest geht es nicht um die Zukunft.“

„Sei froh.“ Fias Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.

„Was ist mit dir?“, fragte Poppy besorgt.

„Es wird etwas geschehen.“

Poppy sah sie fragend an, und sie fuhr fort: „Brios hat mich vor einem Mann gewarnt.“

„Vor welchem Mann?“

„Mehr habe ich noch nicht herausgefunden. Seit ich hier bin, taucht Bruder Brios in meinen Träumen auf, sogar mehrmals pro Nacht. Am liebsten erzählt er mitleidheischend von sich selbst und seinem Schicksal.“ Sie wischte sich übers Gesicht. Die glitzernden Sandkörner sahen auf der gebräunten Haut aus wie silberner Puder. „Ein trauriger Charmeur. Wie er mich ansieht … viel zu anzüglich für einen Mönch, wenn du mich fragst. – Keine Ahnung, warum so ein Typ ins Kloster gegangen ist.“ Versonnen schaute sie Poppy an. „Aber da er dich ja auch zu besuchen scheint …“ – diesmal war der Anflug von Konkurrenz in der Stimme verflogen – „… kannst du ihn selbst danach fragen.“

„Was war mit dem Mann?“ Poppy kam auf ihre letzte Frage zurück. Hoffentlich nicht zu drängend, dachte sie.

„Vielleicht erfahre ich es heute Nacht?“ Erst klang Fia hoffnungsvoll, dann schob sie resignierend nach: „Egal, ich weiß es auch so – es kann nur Flexer sein.“ Sie zog den Kopf zwischen die Schultern.

„Warum er?“

„Der Typ ist fantastisch, ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen mit meiner Kunst. Ich war letztes Jahr für den Turner–Preis nominiert!“

„Das ist doch großartig.“ Poppy freute sich für Fia und unterdrückte gleichzeitig einen Anflug von Neid.

„Ja, nur jetzt bedrängt er mich! Er fordert seinen Preis, und ich habe Angst, dass er auf der Insel … Hier ist er der Allmächtige.“

Poppy seufzte. „Ich verstehe dich gut. Niall ist bekannt für seine Affären. Allerdings kann ich dich für die nächste Zeit beruhigen.“ Sie erzählte ihr von der Journalistin, die morgen mit ihm eintreffen würde und nur darauf wartete, dass er sich etwas zuschulden kommen ließe.

Fia atmete auf. „Poppy, gut, dass wir uns hier begegnet sind.“ Sie strahlte. „Hoffentlich treffe ich Brios heute Nacht wieder – oder wir unternehmen zu dritt etwas im Traum?“ Sie schmunzelte.

„Es ist gut, dass du das alles nicht so schwernimmst, Fia.“

„Das will ich auch nicht! Es ist so herrlich hier, mit dir und den anderen …“

Poppy entging ihr verklärter Ausdruck nicht. „Du meinst niemanden Speziellen? Brent Payne vielleicht?“

Fia wurde rot. „Wie kommst du auf ihn?“

„Euer Tanz auf dem Weg zur Insel …“

„Ich mag ihn. Und ich wollte den sturen Bottrill ärgern und Cailan auch.“

„Was hast du mit dem arroganten Kerl zu tun?“

„Ihr beiden könnt euch nicht leiden, wie?“ Sie grinste. „Tregenna ist nicht verkehrt. Letztes Jahr hatte ich eine kleine Geschichte mit ihm. Aber keine Frau hält es länger als ein paar Wochen mit ihm aus.“

Poppy nickte. Jetzt verstand sie, warum er auf der Überquerung zur Insel so genervt reagiert hatte.

Fia schüttelte sich und schwieg einen Moment. Sie betrachtete Poppys Schultern und pustete sanft darauf. „Du bist schon ganz rot. Pass auf, die Sonne ist heftig, auch wenn es dunstig ist.“

Poppy reckte sich und spürte die Spannung auf ihrer Haut.

„Danke, dass du mich daran erinnerst.“ Was für eine bezaubernde Frau du bist, dachte sie, schön und empathisch. Kein Wunder, dass die Männer verrückt nach dir sind.

Sie stand auf und zog Fia hoch.

Ein Reflex im Sonnenlicht, zwischen den Felsbrocken auf dem Abhang hinter der Bucht. Poppy kniff die Augen zusammen, aber es war nichts mehr zu sehen. Sie zuckte die Schultern. „Lass uns schwimmen gehen. Ich will noch mal in dieses herrliche Wasser tauchen. Dann laufen wir zurück. Ich muss arbeiten.“

„Ich auch“, sagte Fia eifrig. „Ich bin mit Brent verabredet – nein, nicht, was du denkst. Wir arbeiten an einer gemeinsamen Performance. Hast du schon ein Konzept für deine Arbeit, Poppy?“

„Eine Idee vielleicht.“ Sie seufzte. „Ehrlich gesagt, fühle ich mich blockiert.“

„Wegen deiner Doppelrolle hier?“ Wieder beeindruckte Fia Poppy mit ihrer Auffassungsgabe. „Poppy, du weißt bestimmt, dass Cailan hinter deinem Rücken intrigiert. Lass den Idioten machen. Ich kann dir sagen, wir anderen finden es wunderbar, dass wir dich hier haben, und wir sind sehr gespannt, was du am Ende präsentieren wirst. Du bist ja neu in der Galerie.“ Ein schelmisches Grinsen überflog ihr Gesicht. „Wir anderen wissen leider mehr oder weniger, was wir voneinander zu halten haben – sowohl künstlerisch als auch menschlich. Da ist ein neuer Impuls sehr willkommen!“

Sie lief voraus in die Wellen, Poppy hinterher.

Für den letzten Satz könnte ich dich küssen, Fia!, dachte sie glücklich.

9

Am nächsten Morgen wurde Poppy früh von ihrem Smartphone geweckt. Schlaftrunken fegte sie es vom Nachttisch. Fluchend tastete sie auf dem Fußboden herum, fand es und schaute aufs Display.

Flexer? – Um sechs Uhr? Was war jetzt wieder los?

„Poppy! Guten Morgen!“ Sie hielt das Gerät ein Stück vom Ohr weg. „Habe ich dich aus deinen Träumen geholt?“

„Was? Guten Morgen. – Nein, keine Ahnung.“ Tatsächlich konnte sie sich an keinen Traum erinnern, schon gar nicht an einen von Bruder Brios. Sie gähnte. „Ist alles ok?“

„Bestens, meine Liebe! Wir kommen früher. Heute Mittag soll der Wind auf Ost drehen. Der Hafenmeister fährt uns selbst rüber. Carol und ich haben im „Ship Inn“ übernachtet, in Mousehole – alles andere als ein Loch!“ Er lachte über sein Wortspiel. „Wir sind in einer Stunde da.“

„Am Anleger?“

„Wo sonst? Bitte sag Bottrill Bescheid, er soll uns abholen. – Mach dir keinen Stress.“ Nach einer Pause kam zögernd der nächste Satz: „Es sein denn – du hast entschieden, zurückzufahren.“ Poppy ließ sich Zeit mit der Antwort.

Flexer räusperte sich. „Entschuldige, wir müssen los …“ Sie hörte, wie er die knarrende Treppe des „Ship Inn“ herunterlief und genoss es, die Spannung für einen Moment aufrechtzuerhalten.

„Ich habe mich tatsächlich entschieden, obwohl – es ist mir nicht leichtgefallen.“ – Das klingt dramatischer als angemessen, aber warum nicht?, dachte sie.

„Darf ich erfahren, wie …“

Poppy beschloss, ihn zu erlösen. „Du darfst“, sagte sie gnädig. „Ich bleibe. Und dann müssen wir reden.“

Flexer atmete heftig. „Danke, Poppy. Du wirst es nicht bereuen!“ Der anbiedernde Ton wurde geschäftsmäßiger: „Bleib im Haus, weck die Mannschaft – und kocht Kaffee!“ Er legte auf.

Poppy seufzte. Das Ober–Alphatier ist im Anmarsch.

Nachdem sie zuerst Bottrill und dann die anderen informiert hatte, sprang sie unter die Dusche.

Danach überlegte sie kurz, was sie anziehen sollte und entschied sich für ein grünes Jerseykleid von Vivienne Westwood.

Sie wollte eine schnelle Runde mit Torry machen, doch der schien nichts davon zu halten und verschanzte sich in der Kissenburg.

„Schau mich nicht so vorwurfsvoll an. Ich weiß, du bist ein Stadthund und Aufstehen vor neun ist unter deiner Würde.“ Das Halsband klickte und sie zog an der Leine. „Lass mich nicht im Stich, ich habe viel zu tun.“

 

Beim Frühstück, eine Stunde später, waren zum ersten Mal beide Stirnseiten des langen Tisches besetzt: Flexer an der einen, Carol Charteris an der anderen Seite.

Der Galerist unterhielt die Runde mit Anekdoten über den Spleen seiner Sammler, und die Journalistin gab Presseklatsch preis, ohne aufdringlich oder verletzend zu sein.

Poppy war erleichtert, dass sich die Stimmung zusehends entspannte, aber ihr entging Flexers unsteter Blick in ihre Richtung nicht.

 

Kurz zuvor – Flexer war noch unterwegs – kam die Gruppe auf der Terrasse zusammen. Sie war fast komplett – nur Tyra Teague fehlte. Am Telefon hatte sie gesagt, sie sei dabei, wunderte sich Poppy.

Cailan Tregenna stand abseits, die Arme in Feldherrnpose auf dem Rücken verschränkt, den Blick über den Rest erhoben.

Juna und Kyla sprachen leise miteinander.

Torin setzte sich an den Tisch, stand wieder auf, ging umher und knetete die Hände.

Brent und Fia erschienen gemeinsam, mit leicht geröteten Wangen.

Cailan hob sein Kinn noch höher und ignorierte sie. Juna und Kyla stießen sich verstohlen an und kicherten.

Obwohl es nur ein Frühstück und kein Dinner war, hatten sich die meisten herausgeputzt.

Selbst Fia, die Poppy bisher nur barfuß und in abgeschnittenen Jeans gesehen hatte, trug ein hellblaues Seidenkleid. Ziemlich kurz und sehr durchsichtig, dachte sie, tadelte sich aber gleich wegen ihres spießigen Urteils. – Sie kann es einfach tragen.

 

Das Frühstück war fast beendet, als Tyra auftauchte.

„Haben wir noch eine Extrawurst für Mrs Teague?“, fragte Cailan spitz, als sie die Terrasse betrat. Flexer begrüßte sie mit einem belustigten „Hi Ty", dann beachtete er sie nicht weiter, sondern konzentrierte sich auf Fia. Die rückte ein Stück von ihm ab und ließ sich demonstrativ von Brent in den Arm nehmen.

Tyra murmelte eine Entschuldigung und setzte sich an den Tisch.

Muriel servierte ihr ein traditionelles English Breakfast mit Rührei, gebackenen Bohnen, Tomate und Grillwürstchen. Wortlos langte sie zu. Auf Poppy wirkte sie verschwitzt und angestrengt, sie trug eine Jeansjacke mit feuchten Stellen auf den Schultern und abgetretene Sneaker, die ebenfalls durchnässt waren.

Es hat doch nicht geregnet – wo kommst du her? Poppy stellte die Frage nur sich selbst, sie wollte Tyra nicht in der Runde bloßstellen. Sie kam auch nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Flexer stand auf, kam zu ihr und beugte sich hinunter.

„Darf ich dich sprechen, Poppy? In einer Viertelstunde, in meiner Wohnung.“

 

Flexers Reich nahm die Bugspitze des Gebäudes ein. Von außen dominierte, wie im übrigen Haus, die Farbe Weiß. Als Poppy über die Schwelle trat und Flexer die Tür hinter ihr schloss, änderte sich die Umgebung. Holzgetäfelte Wände und Messinglampen erzeugten eine intime, aber für diesen Ort radikaler Modernität erstaunlich altmodische Atmosphäre.

„Wir gehen an Bord der EUNICE.“

Ein Schiff? Stirnrunzelnd folgte ihm Poppy über eine Wendeltreppe in das Geschoss darunter.

Die Wände liefen in spitzem Winkel aufeinander zu, Bullaugen öffneten den Blick aufs Meer.

Die Treppe endete an der Schwelle zu einer Bar.

„Willkommen in Captain Ingram’s Saloon.“

Hinter dem zinkbeschlagenen Tresen aus Teakholz stand ein Schiffsbüfett, mit Spiegeln, einer Messinguhr und üppiger Getränkeauswahl, davor gemütliche, mit grünem Cord bezogene Stühle, die um einen Tisch mit Linoleumplatte standen.

„Hier unten findest du kein einziges modernes Kunstwerk“, erklärte Flexer der verblüfften Poppy. „Die Einrichtung hat mein Urgroßvater gerettet, sie stammt von der EUNICE, einem Handelsschiff, das 1929 verschrottet wurde. Du weißt, dass meine Familie ihr Vermögen mit Stahl gemacht hat. Die alte Kapitänsmesse erinnert mich an die Wurzeln. Es kommen nicht viele Leute hierher, die meisten hätten Probleme, das mit dem hippen Galeristen zu verbinden. Mich erdet es.“ Er stellte sich hinter den Tresen. „Was kann ich dir anbieten, Poppy?“

„Danke, im Moment nichts für mich. Aber vielleicht brauchst du einen Schnaps, Niall.“

Poppy schwang sich auf einen der Barhocker und legte ihre Tasche auf dem Tresen ab.

Sie zog die blutige Hand heraus. In dem durchsichtigen Plastikbeutel und unter der schummrigen Barbeleuchtung sah sie noch erschreckender aus.

 

Flexer schnappte nach Luft. „Ist das …?“

„Sie ist aus Stein. Wahrscheinlich stammt sie aus der Abbey. Aber jemand hat sie mir gestern vor die Füße gelegt, auf dem Weg zur Frenchman’s Cove.“

„Wer sollte das tun? Und warum?“

„Du stellst die entscheidenden Fragen, Niall, und müsstest sie eigentlich beantworten können. Es ist deine Insel, und es gibt nur zwei Handvoll Leute hier, die infrage kommen.“

„Ausgeschlossen. Was hätten sie für ein Motiv? Außerdem lege ich für alle meine Hand ins Feuer.“ Er schmunzelte über seinen Witz.

„Wer kommt sonst infrage? Gestern Morgen dachte ich, dass ich einen Mann gesehen habe, an der Nordspitze.“

„Einen Fremden? Keinen von den Künstlern – oder Bottrill? Kannst du ihn beschreiben?“

„Nein, es war neblig. – Später bin ich einem Hirsch begegnet …“

„Ah, Heinrich der Achte!“

„Imposante Erscheinung.“

„Unbedingt! – Die Hand – hast du jemandem davon erzählt?“

„Die Stimmung ist gut im Team, und ich werde den Teufel tun …“

„Danke, Poppy!“ Flexer atmete auf. „Ich will nur, dass du weiter ein Auge auf alles hast.“

Er legte seine Hand auf ihre, sie war kalt und feucht, und Poppy musste den Reflex unterdrücken, ihre wegzuziehen.

„Wer ist Bruder Brios?“, fragte sie übergangslos.

Flexers Augenbrauen schnellten nach oben. „Brios? – Ein Mönch, soweit ich weiß. Er lebte in der Abbey. Es gibt eine alte Sage, in der er eine tragische Rolle spielt. Ich habe immer vermieden, dass diese Schauergeschichten hier kursieren. Ich will, dass sich meine Künstler auf ihre Kunst konzentrieren können. Das sind alles hochsensible Leute, die lassen sich leicht irritieren. – Nur wie kommst du auf Bruder Brios?“

„Ich habe von ihm geträumt.“

Flexer blickte sie beeindruckt, beinahe ehrfürchtig an. „Also doch … Dr. Trelawney hat mir nicht zu viel versprochen.“

„Es war nur einmal, beim Mittagsschlaf gestern am Strand. Ich bin in eine Art Mittelalter–Show geraten, aus der Brios mich gerettet hat.“

Er runzelte die Stirn. Poppy grinste. „Wenn der alte Doktor nicht so von mir geschwärmt hätte, würdest du jetzt denken, ich spinne.“ Sie seufzte. „Das ist alles, was ich bieten kann. Seitdem ist er nicht mehr aufgetaucht.“

Wieder suchte Flexer ihre Hand, aber sie legte sie in den Schoß.

„Das macht doch nichts. Ich bin nur froh, dass du bleibst.“ Er schielte auf die blutverschmierten Finger unter der Plastikfolie. Dann drehte er sich um, nahm eine Flasche Barbados–Rum aus dem Regal und goss sich einen Doppelten ein.