Leseprobe Paris Affair

§ 1 – Unvereinbarkeit von Soll und Ist

§ 1 (1) Jeanne

Wie Jengasteine stapeln sich die Akten auf meinem Schreibtisch und als mein Chef noch eine weitere obenauf packt, sehe ich den Turm vor meinem geistigen Auge schon wackeln, einstürzen und mich unter sich begraben. Wie lange es wohl dauern würde, bis mich jemand findet?

Bedeutungsschwanger klopft Monsieur Dupond zweimal auf den schwarzen Ordner. „Bis Montag früh brauche ich in dieser Sache den Entwurf eines Geschäftsanteilskaufvertrags, Mademoiselle Marron.“

Ich versuche mich an einem Lächeln, obwohl mir eigentlich nach Heulen zumute ist. Dennoch antworte ich gefasst: „Gerne. Allerdings habe ich noch drei andere Aufträge von Ihnen und für Monsieur Leroux muss die Klageschrift in der Sache Bonville vorbereitet werden – alles ebenfalls bis Montag. Welche Prioritäten soll ich setzen?“

Dupont sieht mich einen sehr langen Moment an, dann lächelt er dieses Anwaltshaifischlächeln – es soll zwar freundlich sein, aber man gruselt sich. „Sie haben nur eine Priorität: alles zu erledigen. Bis Montagfrüh.“

„Selbstverständlich“, fange ich wieder an, doch Dupont dreht mir schon den Rücken zu und hat den Empfang abgestellt. Um von diesem Silberrücken jetzt noch wahrgenommen zu werden, muss ich – verbal zumindest – mit Exkrementen nach ihm werfen. Also nutze ich das einzige Argument, das hier noch helfen kann: „Allerdings findet heute die Weihnachtsfeier statt und deshalb müsste ich rechtzeitig gehen …“

Es funktioniert. Dupont dreht sich um und schenkt mir wieder seine volle Aufmerksamkeit. „Das ist doch kein Problem, Mademoiselle Marron. Sie gehen jetzt nach Hause, machen sich hübsch“, sein Zeigefinger fährt bei diesen Worten vor meinem Gesicht einen Kreis in der Luft, während sein Lächeln einen fast bösartigen Zug annimmt, „und amüsieren sich auf der Feier, die diese Kanzlei ausrichtet und bezahlt. Danach haben Sie das ganze Wochenende Zeit, um Ihre Arbeit zu erledigen. Bestimmt sind auch ein paar Ihrer Kollegen im Büro, dann wird es fast so lustig wie ein Campingausflug. Es gibt also keinen Grund, sich wegen Überstunden zu beschweren.“

Jetzt lächelt er nicht einmal mehr und ich weiß, dass es besser ist, den Mund zu halten. Aber als er geht, rufe ich ihm mit einem frustrierten Seufzen doch noch „Ich heiße Monnet und nicht Marron“ hinterher. Natürlich reagiert er nicht mehr. Dafür bin ich zu unwichtig.

Als ich mich für den Anwaltsberuf entschied, stellte ich mir ein spannendes Leben vor, in dem mein umfassendes juristisches Wissen die Schicksale von Menschen in die richtigen Bahnen lenkt. Momentan jedoch sitze ich mit zwanzig anderen Arbeitsameisen in einem Großraumbüro und beschäftige ich mich zum größten Teil mit der Ausarbeitung von Texten zu Gesellschafteranteilen, Aufsichtsratspflichten und Verschwiegenheitsklauseln. Was ungefähr genauso öde ist, wie es sich anhört, aber dieser Job bei Dupont & Leroux ist meine erste Anstellung als ausgebildete Anwältin und ich muss mir meine Sporen erst noch verdienen. Doch irgendwann wird es besser, da bin ich mir sicher. Irgendwann werde ich als menschliches Wesen wahrgenommen werden statt lediglich als juristisches Wissen absondernde Nichtigkeit. Bis dahin sollte ich der Einfachheit halber auf den Namen Marron hören und am Wochenende keine Termine machen. Was gibt es in Montpellier auch großartig zu unternehmen? Wenn man die Ausflüge an den Strand, die herrliche Altstadt, Museen, Theater, Märkte und Cafés abzieht, bleibt da nicht mehr viel übrig. Ich muss mir das nur lange genug einreden, dann glaube ich es irgendwann.

Nachdem ich mich also damit abgefunden habe, mein Wochenende in der Kanzlei zu verbringen, fahre ich den Computer herunter und packe meine Handtasche. Ich will unbedingt zu dieser Weihnachtsfeier! Solche Veranstaltungen sind einer der wenigen Gründe, in einer Großkanzlei zu arbeiten, denn bei diesen Events wird nie an Geld gespart: Es gibt eine schicke Location, Champagner im Überfluss und leckeres Fingerfood. Man zieht atemberaubende Kleider an, in denen man leichtfüßig wie eine Seiltänzerin auf dem Grat zwischen ‚Ich will dich in Marmor verewigen!‘ und ‚Wie viel nimmst du für einen Blowjob?‘ wandelt, und trifft interessante Kollegen, mit denen man sich auf intellektueller und fachlicher Ebene austauschen kann.

Die letzten Gedanken lassen mich wehmütig lächeln. Ich sollte mir nichts vormachen, über juristische Themen kann ich mich im Büro von morgens bis abends austauschen. Woran es mir mangelt, und das schon seit vier Jahren, ist Romantik und alles, was dazugehört.

Manchmal braucht es eben nur eine schlechte Entscheidung, um das ganze Leben in Schieflage zu bringen. In meinem Fall handelt es sich um einen einmaligen und überaus bedauerlichen, dafür aber unglaublich heißen Fehltritt. Davor war ich eine Jurastudentin in einer glücklichen Beziehung, die ihren Abschluss machen, arbeiten, heiraten und Kinder kriegen wollte. Hinterher mutierte ich zu einer Singlefrau, die kein Interesse mehr an Männern hatte und all ihre Energie daransetzte, eine toughe, erfolgreiche Anwältin zu werden.

Dazwischen gab es Luc Bronnard.

Aber vielleicht ist es langsam an der Zeit, das Vergangene hinter mir zu lassen, um neu und vor allem glücklicher durchzustarten, denn so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt – overworked and underfucked. Heute Abend jedoch wird sich das Blatt wenden und in meinem scharfen schwarzen Cocktailkleid und meinen eleganten neuen Schuhen werde ich das Parkett der Jurisprudenz zum Beben bringen!

Bei dieser Aussicht stiehlt sich ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen.

***

Eine Stunde vor Beginn der Feier stehe ich vor meinem Kleiderschrank und betrachte mich skeptisch im Spiegel. Im Laden war ich noch felsenfest davon überzeugt, dass dieses Kleid perfekt ist, aber nun, wo ich es anhabe, finde ich es langweilig und altmodisch – und das, obwohl es kurz ist. Sehr kurz. Wenn ich mich bücke, kann man sogar erkennen, dass ich halterlose Strümpfe trage.

Schnell schicke ich eine Notiz an mein Kleinhirn: Besser nicht nach vorne beugen!

Aber es ist nicht nur das Kleid. Mittlerweile bezweifele ich auch, dass diese silbernen, extravaganten High Heels aus dem Onlineversand eine gute Idee waren. Sie glitzern wie Feenstaub, wenn Licht darauffällt, und ich bin nicht sicher, ob das ein Minus- oder ein Pluspunkt ist. Geht es anderen Frauen eigentlich auch so, dass sie sich ständig unsicher fühlen und nie hundertprozentig dem trauen, für das sie sich entschieden haben, oder ist das einzig und allein mein Problem?

Während all dieser Gedanken drehe ich mich unzufrieden vor dem Spiegel hin und her. Zumindest sehe ich in den Schuhen richtig heiß aus … vorausgesetzt, ich bewege mich nicht. Dann nämlich ähnele ich einer Dreijährigen, die versucht, auf Murmeln das Gleichgewicht zu halten.

Addendum zur Notiz an mein Kleinhirn: Nicht nur nicht nach vorne beugen, sondern auch nicht laufen. Und tanzen schon gar nicht. Wenn ich es mir recht überlege, sollte ich den Abend über sitzen bleiben oder mich adrett gegen eine Wand lehnen. Wenn ich Glück habe, kommt vielleicht ab und an ein Kollege vorbei und unterhält sich mit mir. Oder wenigstens einer der Kellner. Allerdings habe ich keine große Begabung für Small Talk … Letzten Endes bin ich eben doch nur eine unbedeutende Landpomeranze.

Ich schüttele den Kopf, um die negativen Gedanken zu vertreiben, und raffe mich zusammen. Das reicht jetzt! Wenig elegant streife ich mir die High Heels von den Füßen und lasse mich aufs Sofa fallen. Zugegeben, ich bin noch nicht da, wo ich hinwill, aber immerhin auf dem Weg und der ist ja bekanntlich das Ziel, wie man so schön sagt. Irgendwann – vielleicht nach zehn, zwölf Weihnachtsfeiern – wird mir aus dem Spiegel Maître Jeanne Monnet, Großstadtjuristin, entgegensehen, da bin ich sicher. Mit Haaren auf den Zähnen und einem erstklassigen modischen Gespür. Schlagfertig, fällegewinnend und komplett umwerfend!

Neu motiviert stehe ich auf, schminke mich und bürste meine Haare. Sie zu verführerischen Locken aufzustylen, habe ich mangels Erfolges schon vor langer Zeit aufgegeben. Zu guter Letzt schlüpfe ich wieder in meine Feenstaubschuhe und werfe meinen Mantel über.

Als ich einen weiteren Blick in den Spiegel werden, bin ich mit dem Endergebnis meiner Bemühungen doch recht zufrieden. Wer mich sieht, hält mich vielleicht schon jetzt für die selbstbewusste, elegante Anwältin, die ich so gerne wäre.

Ich schnappe meine Handtasche und verlasse meine Wohnung. Weihnachtsfeier – ich komme!

§ 1 (2) Luc

Der Konferenzraum des Hotels Massenet ist ein Dekorationsalbtraum in Grün, Rot und Gold. Jede Tischdecke, jede Serviette und sogar jede Girlande schreit „Weihnachten, Weihnachten!“. Stumm bete ich um die Gnade der Farbenblindheit.

Der als Santa Claus verkleidete DJ, der am anderen Ende des Raums an seinem Mischpult steht, spielt einen langweiligen Feiertagshit nach dem anderen, weshalb momentan Let it snow aus den Boxen schallt, die überall an den Wänden hängen. Aber auch Dean Martin wird es nicht gelingen, dem Wettergott ein paar Schneeflocken für Montpellier abzuschmeicheln.

Nachdem ich einen kurzen Blick auf die stetig anwachsende Menge an Gästen geworfen habe, ziehe ich mich hinter einen der Pfeiler neben der Garderobe zurück. Offiziell tue ich dies, weil ich auf Francois warte, der zuvor einen anderen Termin wahrnehmen musste und mich so schneller finden kann. Inoffiziell entziehe ich mich auf diese Weise noch für ein paar Momente dem „Schön, Sie mal wieder zu sehen“, dem „Was machen die Geschäfte?“ und dem „Hier ist meine Karte“. Ich hasse Smalltalk!

Das Rumoren meines Smartphones reißt mich aus meinen Gedanken – eine Nachricht von Villiers.

Melden Sie sich, Bronnard. Ich will das weitere Vorgehen noch in diesem Jahr besprechen.

Warum sind die einträglichsten Mandanten nur so häufig die unangenehmsten? Ich atme gegen den aufkommenden Ärger an und beschließe, Villiers bis Montag früh zu ignorieren.

Gerade als ich das Smartphone wieder einstecke, vibriert es abermals. Doch bevor mir ein gotteslästerlicher Fluch über die Lippen kommt, sehe ich, dass diese Nachricht von Anais ist. Sie hat mir ein Foto ihrer Brüste geschickt, die Knospen von Weihnachtsmannstickern verdeckt, und dazu die Nachricht:

Wenn du wieder hier bist, darfst du mich abschmücken.

Ich seufze entnervt. Vor ein paar Tagen hatten wir zum ersten Mal Sex – und es soll das letzte Mal bleiben. Nicht, dass es nicht gut war, aber Anais ist eine sehr fähige Assistentin und ich will ihre professionelle Leistung nicht wegen ihrer körperlichen aufs Spiel setzen. Also steht mir nach meiner Rückkehr ein Lass-uns-Freunde-und-Kollegen-bleiben-Gespräch bevor. Großartig!

Erst einmal jedoch schicke ich ihr ein „LOL“, um sie und ihre Brüste nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich komme mir dabei vor wie ein Idiot, werde jedoch im nächsten Moment von einer jungen Frau abgelenkt, sodass ich Anais schnell ins hinterste Eck meiner Gedanken verdränge. Die Frau steht so nah bei mir, dass ich ihr blumiges Parfum riechen kann, da sie mir aber den Rücken zuwendet und sich bückt, um die verrutschten Fersenriemchen ihrer silbernen High Heels hochzuziehen, kann ich ihr Gesicht nicht sehen.

Dafür streckt sich mir ihr Hintern entgegen. Ihr schwarzes Kleid ist so knapp, dass es den Blick auf das Spitzenband ihrer halterlosen Strümpfe freigibt, und am liebsten würde ich den Stoff noch weiter nach oben schieben, um auch ihre wohlgeformten Pobacken freizulegen. Leider richtet sie sich schnell wieder auf, streicht ihre braunen Haare zurück und dreht sich anschließend ein wenig, als würde sie sichergehen wollen, dass niemand sie gesehen hat.

Die Zartheit ihres Profils ruft eine schemenhafte Erinnerung in mir wach, die ich nicht richtig fassen, nicht benennen kann, aber ich weiß, dass ich diese Frau schon einmal hatte.

Mit unsicheren Schritten – ganz offensichtlich ist sie es nicht gewohnt, auf so hohen Absätzen zu laufen – betritt sie den Saal und verschwindet in der Menschenmenge, worauf mich ein Hauch Bedauern anweht. Ich hoffe, mir fällt noch ein, woher ich sie kenne. Dann werde ich auch wissen, ob ich sie ansprechen kann oder es besser bleiben lassen sollte.

„Du sondierst das Terrain?“

Francois’ belustigte Stimme holt mich zurück in die Gegenwart. Wir haben uns fast ein Jahr lang nicht gesehen, aber er hat sich überhaupt nicht verändert. Er ist noch immer das genaue Gegenteil von mir: blond und aristokratisch.

Einen Moment stehen wir etwas verlegen voreinander herum, bis ich ihn schließlich kurz an mich ziehe. „Mann! Es ist ewig her. Wie geht es dir?“

„Gut. Und dir?“, erwidert Francois und klopft mir in der Umarmung auf den Rücken.

„Was soll ich sagen? Attraktiv und erfolgreich.“ Noch während ich die Worte spreche, schlage ich mir mental die Hand vor den Kopf. Himmel, ich rede manchmal so einen Scheiß!

Francois grinst nur. Ihm kann ich nichts vormachen. Als ich nach dem Tod meiner Mutter in seine Familie kam, wurde aus dem Sohn entfernter Verwandter ein Freund.

„Was meinst du, wollen wir von hier abhauen und in irgendeiner Kaschemme versumpfen?“, frage ich, in der Hoffnung, dass er mich von meinem gesellschaftlichen Leid erlösen wird.

„Aber nicht doch. Wir sind seriös und erfolgreich, werden entsprechend auftreten und trotzdem unseren Spaß haben. Vielleicht triffst du ja die junge Frau wieder, der du gerade hinterhergestarrt hast.“ Mit einem Grinsen legt er seine Hand an meine Schulter und leitet mich so an, loszugehen.

Statt einer Antwort ziehe ich nur die Augenbrauen hoch und kurz darauf betreten wir das kunterbunte Winterwunderland. Nach einem schnellen Blick durch den Saal lassen wir uns in Loungesesseln nieder.

„Wie läuft die Kanzlei?“, unterbricht Francois das Schweigen, das nach der ersten Freude über unser Wiedersehen entstanden ist.

„Ganz okay“, erwidere ich, dankbar über diesen Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. „Manchmal ist es schwierig mit Suzanne und Leonie. Auf der einen Seite die kaltschnäuzige Menschenfreundin und auf der anderen die drollige Ausbeuterin.“

Francois lacht. „Und dann noch du als selbstgefälliges Alphamännchen.“

„Glaub mir, bei den beiden ist es sehr schwer, sich als Alpha zu behaupten.“

Francois kennt meine Kanzleipartnerinnen noch von früher. Leonie war eine Kommilitonin von uns und Suzanne lernten wir als Dozentin eines Workshops zum Thema Stiftungsrecht kennen.

Während wir danach in einer Kneipe versackten – wobei Suzanne uns gnadenlos unter den Tisch soff –, kam das erste Mal der Gedanke auf, gemeinsam eine Kanzlei zu gründen. Allerdings nahm Francois dann lieber die gut dotierte Stelle als Syndikus eines internationalen Pharmaunternehmens in Monaco an, während Suzanne und ich unseren Plan zusammen mit Leonie verwirklichten. Deshalb sitze ich jetzt als Quotenmann zwischen Skylla und Charybdis, wie ich meine Partnerinnen liebevoll und im Geheimen nenne. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich mir noch einreden kann, dass von uns beiden ich die bessere Wahl traf.

In der Zwischenzeit hat sich der Saal gut gefüllt, Menschentrauben bilden sich an den Buffetstationen und die Getränkekellner sind ständig dabei, das Verdursten der Gäste zu verhindern. Wir lassen uns von ihnen zwei Whiskey bringen. Das Zeug schmeckt zwar nicht besonders gut, aber immerhin macht man einen weltmännischen Eindruck, wenn man ein Glas davon in der Hand hält. Außerdem mag ich das Brennen, mit dem es die Kehle hinunterrinnt.

Nachdem wir versorgt sind, proste ich Francois zu und wir nehmen beide einen Schluck, bevor ich frage: „Alles in Ordnung mit dir und …?“

„Marianne“, hilft er mir auf die Sprünge. Natürlich weiß ich, wie seine Verlobte heißt, und ich freue mich für ihn, dass er die Richtige gefunden hat. Trotzdem tue ich gerne so, als wäre es mir egal. Mag daran liegen, dass meine eigene Ehe vor vier Jahren in die Brüche gegangen ist.

„Ja, bei uns läuft alles großartig. Die Hochzeit findet nächstes Jahr im Mai statt. Du weißt schon – der Frühling kommt, die Kirschen blühen …“

Ich bedenke ihn mit einem abschätzigen Blick. „Meine Güte, nimmst du Hormone?“

„Spotte du nur. Es ist wunderbar, jemanden an seiner Seite zu haben, der einem sagt, was man mag.“

Es dauert einen Moment, bis ich seine Bemerkung verstehe, und dann müssen wir beide lachen – so albern und ununterdrückbar, als wären wir wieder Kinder. Es war Francois, mit dem ich zum ersten Mal nach dem Tod meiner Mutter wieder so lachen konnte. Ich weiß noch genau, wie wir uns schweratmend nach einem hastenden Sprint hinter einem Gebüsch versteckten, jeder mit einem gestohlenen Eis am Stiel in der Hand, und vor Freude und Erleichterung über unseren gelungenen Coup aus dem Kichern nicht mehr herauskamen. Und noch immer erinnere ich mich an den übersüßten Erdbeergeschmack unserer Beute.

„Und bei dir?“

Ich schrecke aus meinen Gedanken. „Bei mir was?“

„Gibt es jemand Besonderen in deinem Leben?“

„Wie definierst du ‚besonders‘? Letzte Woche habe ich meine Assistentin gevögelt.“

„Keine gute Idee. Oder ist es dir ernst mit ihr?“, fragt Francois mit skeptischem Blick.

Ich schüttele den Kopf. „Sobald ich Montag in der Kanzlei bin, werde ich unser Verhältnis wieder auf die berufliche Ebene transponieren.“

Er prostet mir grinsend zu. „Viel Glück dabei. Du bringst dich gern in unangenehme Situationen, stimmt’s?“

„Die Situation letzte Woche war in keiner Weise unangenehm“, erwidere ich, während ich ebenfalls mein Glas erhebe.

„Glaub mir, die in der nächsten Woche wird es.“

Damit hat er leider so sehr recht, dass ich seine Bemerkung unerwidert im Raum stehen lasse und trinke. Danach schweigen wir wieder, doch dieses Mal ist es kein unbehagliches Schweigen, sondern ein gutes.

§ 2 – Altverbindlichkeiten

§ 2 (1) Jeanne

Der Saal ist wunderschön dekoriert und gefüllt mit Stimmengewirr sowie herrlich altmodischer Weihnachtsmusik. Der DJ versteht sein Handwerk.

Während ich mich umblicke, läuft Monsieur Dupond an mir vorbei. Rasch drehe ich mich zur Seite, damit er mich nicht sieht und mich nicht auch noch hier mit Arbeitsanweisungen überschüttet, aber wahrscheinlich erkennt er mich nicht mal, wenn ich nicht hinter meinem Schreibtisch sitze.

Als er sich in einer Gruppe Männer, die so wie er in dunkle Anzüge gekleidet sind, förmlich auflöst, will ich mich gerade erleichtert von ihm abwenden, als mein Blick auf ihn fällt und ich mich an der Wand festhalten muss.

Diese Augen würde ich überall wiedererkennen. Das kann nicht wahr sein. Das darf nicht wahr sein! Von allen Weihnachtsfeiern der Welt kommt er ausgerechnet auf diese?

Und doch sitzt er da, seelenruhig und entspannt.

Luc Bronnard.

Der Mann, mit dem ich meinen damaligen Freund Noah betrogen habe. Der mich verführt und benutzt und danach liegen gelassen hat wie dieses letzte Stück Pizza, das man beim besten Willen nicht mehr hinunterkriegt.

Ja, ich kann wütend sein und trotzdem an Essen denken.

Luc Bronnard. Allein sein Name lässt meinen Blutdruck steigen.

Mein erster Impuls treibt mich aus dem Saal, um still und heimlich nach Hause zu gehen, aber dann … kehre ich wieder um. Seit diesem Vorfall sind vier Jahre vergangen und ich bin nicht mehr die kleine Referendarin Jeanne Monnet. Ich bin Anwältin und eine fachliche Koryphäe – so in zehn, zwanzig Jahren zumindest. Ich bleibe hier. Ich werde feiern und Spaß haben und keinen Gedanken an den Mistkerl Bronnard verschwenden.

Ich greife mir ein Glas Champagner vom Tablett eines livrierten Kellners, nehme einen Schluck und es schüttelt mich. Das Zeug ist viel zu sauer. Allerdings servieren sie hier nur das Beste, also sollte es mir eigentlich schmecken. An so etwas muss ich mich als zukünftige Großstadtjuristin wohl gewöhnen.

Ein paar Meter von Bronnard entfernt finde ich hinter einem überschwänglich dekorierten Pfeiler versteckt einen freien Sessel. So kann ich ihn im Auge behalten, während ich angelegentlich die Luftbläschen in meinem Glas betrachte.

Er trinkt Whiskey und unterhält sich mit dem Mann neben ihm. Sie machen einen vertrauten Eindruck. Möglicherweise sind sie Freunde oder, was wahrscheinlicher ist, Kollegen, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand mit Bronnard befreundet sein will.

Sein Anblick ruft Erinnerungen wach. An die Jeanne Monnet, die ich damals war: zweiundzwanzig Jahre alt, unerfahren und bis zur Verblödung eingeschüchtert.

***

Es war während meines ersten Rechtsreferendariats und ich durfte an der Verhandlung einer außergerichtlichen Scheidungsvereinbarung teilnehmen. Unser Mandant, ein beliebter Lokalpolitiker, wollte sich von seiner Frau trennen, scheute aber, verständlicherweise, die Schlammschlacht eines Gerichtsprozesses wie der Teufel das Weihwasser. Drei unserer Anwälte – darunter der Kanzleigründer höchstpersönlich – traten an, um die Angelegenheit für ihn zu regeln. Bronnard vertrat die Gegenseite.

Er war allein gekommen und schien mir erstaunlich jung zu sein, gerade Ende zwanzig, dennoch trat er sehr selbstsicher auf. Alles an diesem Mann erschien mir wie eine Provokation: der feste Händedruck, mit dem er mich begrüßte, das Lächeln, das er dabei kurz aufscheinen ließ, sogar die dunkle Stimme, mit der er mir einen guten Tag wünschte. Und sein herber, männlicher Geruch, der sich mit seinem holzigen Aftershave vermischte.

Meine Aufgabe während der Verhandlung war es, „zu lauschen und zu lernen“, wie mein damaliger Chef sagte, aber ich achtete nur auf Bronnard. Das Herz schlug mir bis in den Hals, wenn sich während der Gespräche immer wieder ein Blick aus seinen dunkelgrauen Augen zu mir verirrte, und mein Atem ging flacher, wenn er etwas sagte. Das alles empfand ich als eindeutige Zeichen seiner Bedrohlichkeit.

Die Nervosität, die sein Anblick bei mir verursachte, erklärte ich mir mit seiner negativen Ausstrahlung. Und das leichte Prickeln in meinem Schoß ignorierte ich bewusst.

***

Während ich Bronnard beobachte, ein Glas prickelnden Champagners in der Hand, spüre ich einen leisen Widerhall meiner damaligen Verwirrung. Dabei ist er nicht einmal besonders attraktiv, eher so ein kantiger, grober Typ, der in seinem gut sitzenden Anzug wie verkleidet aussieht. Seine Haare sind pechschwarz und so weich, dass man die Finger nicht mehr herausnehmen will, wenn man sie einmal darin vergräbt.

Unvermittelt steht er auf und geht Richtung Büffet. Als er sich dabei meinem Sessel nähert, rutsche ich tief in die Polster, öffne meine Handtasche und tue, als würde ich eifrig etwas darin suchen. Meine Hektik ist wahrscheinlich unnötig. Er weiß bestimmt nicht mehr, wer ich bin – wohingegen ich noch jede Sekunde unserer Begegnung vor Augen habe. Aber falls er sich doch erinnert, falls er mich anspricht, wie soll ich dann reagieren?

Meine Hände werden schweißnass, doch meine Sorge ist umsonst. Zielstrebig geht er an mir vorbei und kommt nach ein paar Minuten mit einem gut gefüllten Teller zurück. Nicht ein einziges Mal verirrt sich sein Blick in meine Richtung.

Natürlich nehme ich ihm das übel, ich würde ihm jede Reaktion übel nehmen. Was mich angeht, so hat Bronnard keine Chance. Zumindest mittlerweile. Damals war das leider anders.

***

Die Verhandlung zog sich deutlich länger als geplant, denn Bronnard feilschte um jedes noch so kleine Stück Hausrat. Er zeigte sich weder beeindruckt vom Bekanntheitsgrad unseres Mandanten noch von dem Triumvirat erfahrener Juristen, das ihm am Konferenztisch gegenübersaß. Rücksichtslos nutzte er die Tatsache aus, dass wir schlechte Publicity unbedingt vermeiden wollten. Tatsächlich habe ich nie wieder einen Anwalt so für seinen Mandanten kämpfen sehen. Da sein Mandant aber nicht unser Mandant war, empfand ich sein Auftreten selbstverständlich als absolut unverschämt.

Nachdem seit Beginn der Besprechung schon über vier Stunden vergangen waren, berief mein Chef eine Pause ein und ließ Sandwiches liefern. Ich sah den Männern zu, wie sie sich daran labten, doch obwohl mir mein Magen bis in die Kniekehlen hing, wagte ich es nicht, selbst zuzugreifen. Stattdessen stellte ich mich in eine Ecke, trank in kleinen Schlucken Mineralwasser und hoffte, dass das Hungergefühl irgendwann vergehen würde.

Als Bronnard während dieser Pause auf mich zukam, eine Serviette mit zwei Sandwiches in der Hand, wollte ich mich eigentlich auf den Flur verdrücken. Aber das Essen zog mich genauso sehr an, wie er mich abstieß.

Bei mir angekommen, reichte er mir eins der Brote. „Hier, nehmen Sie.“

Doch ich schüttelte den Kopf und lehnte ab. „Ich will nichts essen.“

„Bullshit. Natürlich wollen Sie. Sie sind nur zu eingeschüchtert von uns Anzugträgern.“

Noch immer griff ich nicht zu. Es wäre mir wie eine Fraternisierung vorgekommen.

„Jetzt machen Sie schon! Man hört Ihr Magenknurren im ganzen Raum“, forderte Bronnard langsam ungeduldig.

Eine entsetzliche Vorstellung. Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Wirklich?“

Da sah ich zum ersten Mal sein ganz spezielles Lächeln. Eines, bei dem sich nur der rechte Mundwinkel hebt. Überheblich, selbstsicher und arrogant.

„Meine Güte, sind Sie leichtgläubig. Also, was ist nun? Ich will Sie nicht füttern müssen wie ein Küken.“

Ich hatte nicht genug Widerstandskraft, um mich gegen ihn durchzusetzen, deshalb griff ich zu.

Als sich meine Zähne durch das weiche Toast in saftige Tomate und zartes Hähnchenfleisch gruben, glaubte ich irrtümlicherweise, dass dies das Atemberaubendste sei, was ich an diesem Tag erleben würde.

Grinsend biss Bronnard in das andere Sandwich und eine Weile standen wir in schweigendem und genießendem Einvernehmen.

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er schließlich. „Sie haben mir Ihren Namen zwar genannt, aber ich habe ihn wieder vergessen. Sie sind …?“

Ich zupfte an meiner Bluse, brachte schließlich „Jeanne Monnet“ hervor.

„Jeanne Monnet.“ Er lächelte, diesmal freundlicher, dann fuhr er mit dem Zeigefinger über meine Wange, ganz dicht an meinem Mundwinkel.

Ich erstarrte zu Eis, doch gleichzeitig floss Wärme durch meinen ganzen Körper.

„Ein Krümel. Sie sollten sich uns Anzugträgern gegenüber besser keine Blöße geben. Wir sind unerbittlich“, erklärte Bronnard und ging zurück zu seinem Platz.

Für den Rest der Besprechung spürte ich seine Berührung auf meinem Gesicht. Seine Arroganz, sein Lächeln und die Leichtigkeit, mit der er mich durchschaute, flößten mir Unbehagen und Abscheu ein. Trotzdem presste ich meine Oberschenkel aneinander, denn die heiße Unruhe, die er in mir hervorgerufen hatte, fühlte sich verdammt gut an.

Nachdem die Einigung endlich geglückt war – irgendwann gegen 21.00 Uhr –, machten sich die beteiligten Anwälte auf den Weg in eine nahe gelegene Bar, um die ausgefochtene Schlacht zu begießen. Juristen finden immer einen Grund zum Feiern. Ich schloss mich der Gruppe selbstverständlich nicht an, sondern suchte die während der Verhandlung gemachten Notizen zusammen.

Gerade als ich mich nach einigen Zetteln bückte, die auf dem Boden gelandet waren, kam Bronnard zurück, mit der Begründung, dass er sein Smartphone vergessen habe.

Ich fuhr so hastig hoch, dass ich mir den Kopf an der Tischplatte stieß. Ich verkniff mir einen Schmerzenslaut und grüßte ihn mit einem Nicken. Meine Hoffnung, er möge sofort wieder verschwinden und den Abend mit den anderen bei einem Glas Scotch ausklingen lassen, erfüllte sich nicht.

„Sagen Sie, Jeanne, finden Sie es nicht auch seltsam, was aus der Liebe wird?“, fragte er stattdessen.

Irritiert wandte ich mich ihm zu. „Ich verstehe nicht?“

„Die Verhandlung. Sie waren doch dabei. Ein Ehepaar, über fünfzehn Jahre verheiratet, zwei gemeinsame Kinder. Man denkt doch, hinter alldem stünde etwas Größeres, etwas, das nicht zerstört werden kann. Doch am Ende läuft alles auf einen Stellvertreterkrieg der Anwälte hinaus, bei dem um jeden Cent und jedes Möbelstück gefeilscht wird. Und währenddessen streift er sein altes Leben so hastig ab, als wäre es ein kratzendes Hemd, und sie lässt sich vom Gärtner trösten. Was denken Sie darüber?“

Angesichts dieser unerwarteten Thematik schien mein Gehirn abgestürzt zu sein, aber irgendwann brachte ich hervor: „Vom Gärtner? Wirklich?“

Er lachte laut und bemühte sich nicht einmal zu verbergen, wie sehr ihn meine Dummheit amüsierte. „Sie haben ein Auge für die wesentlichen Details, Jeanne. Das ist sehr wichtig als Juristin. Wie lange sind sie hier schon Referendarin?“

„Im zweiten Monat.“

„Und schon bei so einer Verhandlung?“, erwiderte er überrascht. „Ihr Chef muss große Stücke auf Sie halten. Oder haben Sie eine Affäre mit ihm?“

Ich weiß noch genau, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf ging. Es war eine Mischung aus „Bitte lass mich ohnmächtig werden“ und „Ich will diesem Kerl in die Eier treten“.

Dennoch setzte sich keiner dieser Impulse durch. Stattdessen sagte ich wie eine puritanische Gouvernante des vorvorigen Jahrhunderts: „Ich muss doch sehr bitten!“

Er lächelte, trat dicht an mich heran und fuhr mit dem Daumen über mein Kinn. „Nein, eigentlich musst du mich überhaupt nicht bitten.“

***

„Darf ich bitten?“

Ich bin so in meine Erinnerungen versunken, dass ich zusammenzucke und ein wenig von meinem Sekt verschütte, als ich angesprochen werde. Claude steht vor mir, unser IT-Gott. Der einzige Mann hier, der keinen Anzug trägt, sondern ein T-Shirt, das mit einer Weste und einer Krawatte bedruckt ist.

„Was?“

Auffordernd streckt er mir seine Hand entgegen. „Tanzen.“

Einen Moment zögere ich bei dem Gedanken an meine Schuhe, dann jedoch stelle ich mein Glas ab, ergreife seine Finger und lasse mich durch die Menschenmassen hindurch auf die Tanzfläche ziehen.

Als ich dabei an Bronnards Sessel vorbeikomme, streift meine Hüfte seine Schulter. Er sieht hoch, sieht mich und seine Augen weiten sich. Erkenntnis blitzt darin auf. Und dann lächelt er. Ich hasse dieses Lächeln. Es ist nicht offen, nicht freundlich, sondern siegesbewusst. Es zeigt mir, dass er noch genau weiß, welche Wirkung er auf mich hatte.

Ich gehe so souverän, wie es mir nur möglich ist, an ihm vorbei und schmiege mich beim Tanzen viel dichter an Claude, als unsere Kollegenbeziehung es eigentlich erlaubt. Aber Claude ist Gott sei Dank schwul, weshalb Missverständnisse nicht zu erwarten sind.

Er legt seine Arme um mich und flüstert in mein Ohr: „Der Typ ist echt heiß. Stehst du auf ihn?“

Obwohl ich genau weiß, auf wen er anspielt, tue ich unwissend. „Wen meinst du?“

„Komm schon, Jeanne, verkauf mich nicht für blöd. Der große Dunkelhaarige. Du hast ihn die ganze Zeit angestarrt. Ich verstehe das. Er hat so etwas Animalisches.“

Übertrieben erschauert er in meiner Umarmung und ich muss lachen. „Nein, Claude, ich kenne ihn nur von früher.“

„Hmm“, schnurrt er und grinst dabei. „Alte Liebe rostet nicht. Willst du ihn eifersüchtig machen?“

Bevor ich noch widersprechen kann, legt Claude eine Hand provokativ nah an meinen Hintern und drückt mich so fest an sich, dass kein Blatt Papier mehr zwischen uns passt. Ich lasse es zu. Tatsächlich erfüllt es mich sogar mit Genugtuung. Bronnard führt sicherlich langweilige Fachgespräche, während ich mich mit einem jungen Mann auf der Tanzfläche amüsiere. Nimm das, du Mistkerl!

§ 2 (2) Luc

Die Frau mit den silbernen High Heels ist wieder da. Ich sehe sie, als sie dicht an mir vorbeigeht und mir dabei einen dieser Blicke zuwirft, den nur Frauen draufhaben und der geradezu schreit: „Bemerke mich gefälligst!“

Als ich allerdings in ihre großen braunen Augen sehe, fällt mir schlagartig wieder ein, woher ich sie kenne, und Bilder drängen sich in meinen Kopf. Bilder, wie sie mich damals angesehen hat, mit ihrem scheuen, wimpernverhangenen Blick, in dem ein wenig Angst stand. Und sehr viel Lust.

Dann erinnere ich mich an ihre Küsse, bei denen ich das Gefühl hatte, sie würde von ihrer eigenen Leidenschaft überrumpelt. Vor allem jedoch – und bei dem Gedanken schlage ich meine Beine übereinander, denn ich reagiere sofort –, vor allem erinnere ich mich an ihre rosige Fotze mit diesem wunderbaren Geschmack einer geilen Frau. Und erst jetzt fällt mir ihr Name wieder ein: Jeanne. Jeanne Monnet.

Nach meiner Scheidung damals genoss ich jede Ablenkung, die ich nur kriegen konnte, und Jeanne lief genau in meine Schusslinie. Auf diese Monate bin ich nicht besonders stolz. Nein, überhaupt nicht.

„Ist das nicht die Frau von vorhin?“ Francois stößt mich mit dem Ellenbogen an. „Die, der du an der Garderobe nachgestarrt hast?“

„Ja.“

„Und? Jetzt komm schon, Luc. Ihr kennt euch doch, oder? Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“

„Es war nichts. Im Ozean meiner erotischen Begegnungen nur ein Tropfen.“

Francois lacht. „Gott, bist du eitel!“

Ich muss selbst grinsen. Die Metapher ist einfach zu bescheuert.

„Aber Geschmack hast du. Sie ist süß. Wie eine Elfe.“

Jeannes Tanzpartner, der höchstwahrscheinlich schwul ist, wie mich sein strähnchenblondierter Undercut vermuten lässt, wirbelt sie so heftig herum, dass sie sich lachend und stolpernd an ihm festhält. Francois hat recht. Sie ist süß wie eine Elfe. Ein Fabelwesen mit halterlosen Strümpfen. Eines, das sich zu mir dreht und dessen Blicke mich wie Dartpfeile treffen. Ganz offensichtlich hat Jeanne Monnet nichts von dem vergessen, was mir nach und nach wieder einfällt. Wie sie mit durchgebogenem Oberkörper vor mir auf dem Konferenztisch lag, das Gesicht vor Lust beinahe schmerzverzerrt. Ob sie auch gerade daran denkt?

§ 2 (3) Jeanne

Claude dreht mich zu Sinatras Have yourself a merry little Christmas wagemutig im Kreis. In seinem Atem schwingt der Geruch von Rumpunsch mit. Das erklärt, warum er heute so aus sich herausgeht und von einem lieben Arbeitskollegen zu einer Art Fred Astaire wird. Alkohol löst vielleicht keine Probleme, aber definitiv Verklemmungen. Ich sollte mehr trinken.

„Er schaut zu uns herüber“, flüstert er mir ins Ohr. „Und wie er schaut, dein geheimnisvoller, dunkler Bekannter!“

Bei der nächsten Drehung wage ich einen Blick in Bronnards Richtung. Er unterhält sich nach wie vor mit seinem Kollegen, sein Blick aber fixiert tatsächlich mich. Seine Aufmerksamkeit lässt mich provokativ werden.

„Na los, Claude, pack mich richtig an, dann bringe ich dir am Montag einen Wochenvorrat Madeleines mit.“

Kaum habe ich das gesagt, spüre ich auch schon Claudes Hand fest auf meinem Hintern. Lachend drücke ich ihm einen Kuss auf die Wange.

Schau ruhig hin, Bronnard. Beobachte mich. Mehr wirst du von mir nicht mehr bekommen!

***

„Du hast mich die ganze Zeit beobachtet“, sagte Bronnard.

„Das habe ich nicht“, entgegnete ich und fühlte mich wie eine Maus in der Falle.

„Doch. Die ganze Zeit. Warum?“

„Ich werde dann jetzt gehen.“ Was ich hätte tun können, aber doch nicht tat. Ich wich nur zurück, bis ich die Wand des Konferenzraums hinter meinem Rücken spürte, und blieb dann stehen.

Er streckte seinen Arm aus und legte seine Hand an die Wand, wodurch er mir den Weg abschnitt. Als ich versuchte, über die andere Seite zu flüchten, verbaute er mir dort ebenfalls den Rückzug und stand wie ein Berg vor mir.

„Ich schreie um Hilfe!“, sagte ich, im hilflosen Versuch, ihm Angst zu machen.

„Okay. Schrei.“

Ich weiß nicht, was mich davon abhielt. Vielleicht die Angst, Aufsehen zu erregen, selbst wenn es nur bei der Dame vom Abendempfang wäre. Vielleicht aber auch das Flirren in meinem Magen.

„Was wollen Sie?“

„Ich will wissen, weshalb du mich beobachtet hast. Und sag besser die Wahrheit. Ich erkenne eine Lüge, wenn ich sie höre.“

Mein Mund war trocken wie eine Wüste, nur mit Mühe konnte ich meine Worte formen. „Ich finde, Sie sind sehr unsympathisch. Sie scheinen ein schlechter Mensch zu sein.“

Ich erwartete, dass er zornig würde und dass er mich durch Aggressivität endlich dazu brächte, laut um Hilfe zu rufen. Stattdessen nahm er die Arme herunter und richtete sich auf. Ein Lächeln erschien erst in seinen Augen und dann auch auf seinen Lippen. In meinem Körper breitete sich Wärme aus. Diese leichte Erregung, die ich verspürte, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte, wuchs zu einem verdammt aufdringlichen Kribbeln an.

„Du bist sehr ehrlich“, sagte er und berührte mit dem Handrücken sanft meine Wange.

Ich schloss die Augen – wie ein Kind hoffte ich, er würde verschwinden, wenn ich ihn nicht mehr sähe.Aber stattdessen spürte ich ihn, spürte seinen Daumen, der über meinen Mund strich. Ich öffnete meine Lippen ein wenig und hielt seine Fingerspitze damit fest. Schmeckte seine Haut an meiner Zunge. Eigentlich wollte ich das nicht, aber es war, als hätte mein Verstand die Kontrolle über mich abgegeben, direkt in Bronnards Hände.

„Ich will dich, Jeanne“, flüsterte er. „Während dieser öden Verhandlung musste ich immer wieder daran denken, wie es wäre, dich … Ich hatte ziemliche Probleme, mich zu konzentrieren.“

Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, aber doch war ich nicht in der Lage, einen davon zu fassen. Immer neue bunte Bilder formten sich wie in einem Kaleidoskop – dass ich seit mehr als drei Jahren mit Noah zusammen war. Dass wir heiraten und Kinder haben würden. Dass ich genau wusste, was ich von meinem Leben wollte. Und dass all das überhaupt nicht mehr zählte, als Bronnards Finger meinen Hals hinabglitten, um Knopf um Knopf meine Bluse und anschließend meinen BH zu öffnen.

Seine warme Hand umschloss meine rechte Brust und knetete sie. Bebend stöhnte ich auf, als er meine harte Knospe zwischen Daumen und Zeigefinger rollte, aber noch immer hielt ich die Augen geschlossen. So konnte ich mir einreden, ich sei in einem Traum gefangen und das, was geschah, würde keine Konsequenzen haben. Mit einer Hand an meinem Hinterkopf hielt er mich fest und küsste mich so fordernd, wie ich es noch nie erlebt hatte.

In diesem Moment erkannte ich die Realität. Ich stand hier mit einem Mann, einem Fremden, der mir vom ersten Moment an unsympathisch gewesen war, und ließ zu, dass er mich küsste.

Ich legte meine Hände an seine Brust, um ihn wegzudrücken, aber genauso gut hätte ich versuchen können, einen Baum umzusetzen. Von dem Selbstverteidigungskurs, den ich an der Uni gemacht hatte, fiel mir nichts mehr ein. Und dann, als wäre das die einzig logische Konsequenz, gab ich meinen halbherzigen Widerstand auf und schlang meine Arme um seinen Nacken.

Meine Finger in seinen weichen Haaren vergraben, stürzte ich mich förmlich in diesen Kuss wie eine wagemutige Schwimmerin vom Zehnmeterbrett und fühlte meinen Schoß weich werden, als seine Zunge gegen meine drängte. Der Griff, mit dem er mich hielt, wurde fester. Er drückte mich so dicht an sich, dass ich nicht nur meine, sondern auch seine Erregung spürte.

Als wir uns für einen Moment lösten, um Luft zu holen, funkelte es in seinen Augen wie Sonnenstrahlen hinter einer Regenwolke.

„Du bist ja doch eine Lügnerin, Jeanne“, sagte er atemlos. „Du tust so schüchtern und zurückhaltend, dabei brennst du.“

Statt einer Antwort, die es sowieso nicht gab, küsste ich ihn wieder und wieder und mit jedem Spiel unserer Lippen wurde ich gieriger. Meine moralischen Grenzen standen sperrangelweit offen und ich hatte weder Mittel noch Willen, sie wieder zu schließen.

Dann hob Bronnard mich hoch, als wäre es gar nichts, und setzte mich auf dem Konferenztisch wieder ab. Mit einer raschen Bewegung stieß er meinen Oberkörper zurück und zog mich nach vorne, bis ich mit den Hüften am Rand des Tisches zu liegen kam. Ich hielt mir eine Hand vor die Augen, während mein Atem hastete, und mein ganzer Körper prickelte, als hätte ich zu viel Sauerstoff in den Adern.

Bronnard setzte hungrige Küsse auf meinen Hals, meine Brüste, und als seine Zungenspitze in meinen Bauchnabel drang, war es, als würde eine Schleuse in mir geöffnet. Zitternd spürte ich mich nass und heiß. Selbst als er meinen Rock über meine Hüften schob und meinen Venushügel mit Küssen, zart wie Schmetterlingsflügel, bedeckte, selbst da war mir egal, dass ich mich einem völlig Fremden anbot. Noch dazu diesem Fremden. Der jetzt den Steg meines Slips zur Seite zog.

Elektrisierend strichen seine Finger über meine Spalte und ich drückte mich ihnen entgegen.

„So jemanden wie dich“, sagte er heiser und kniete sich vor mir nieder, „esse ich normalerweise zum Frühstück.“

***

„Was ist los? Du sackst ja fast in dich zusammen. Alles in Ordnung?“ Claude holt mich mit seinen Worten aus meinen Gedanken und hält mich vorsichtig an den Schultern fest.

Ich nicke bedächtig. „Ich brauche nur eine Pause. Etwas zu essen.“

„Soll ich dir etwas bringen?“

Der besorgte Ausdruck in Claudes Gesicht lässt mich lächeln. „Nein, wirklich, alles gut. Kümmere dich lieber um den hübschen jungen Mann, der bei Santa DJ steht und sich schon die ganze Zeit den Kopf nach dir verdreht.“

„Wer?“ Ohne jeden Versuch, seine Neugier zu verbergen, starrt Claude in die angegebene Richtung. „Der süße Brünette mit Brille?“

„Genau der.“

Claude grinst und tut so, als würde er seine aufgedruckte Krawatte gerade ziehen. „Dann ab auf die Pirsch.“

„Waidmannsheil.“

Während Claude in Richtung Mischpult geht, verlasse ich die Tanzfläche in die andere. Der saure Champagner und meine Erinnerungen haben mich wirklich hungrig gemacht.

Am Buffet packe ich mir drei Lachs-Canapés, zwei Gemüsespieße und einen Cupcake auf den Teller.

„Interessante Mischung, Jeanne.“

Die Härchen in meinem Nacken richten sich auf, als ich Lucs dunkle Stimme hinter mir höre. Dann ist also jetzt der Moment gekommen, um ihm zu zeigen, wie wenig er mich noch beeindruckt. Nachlässig werfe ich einen Blick über die Schulter. Er hat sich kaum verändert, lediglich seine Haare sind ein wenig grau geworden an den Schläfen – und, verdammt, das steht ihm richtig gut!

„Verzeihung, aber müsste ich Sie kennen?“, frage ich mit bemüht neutralem Gesichtsausdruck.

Jetzt lacht er lauthals. Es überdröhnt sogar die Musik. „Schade, dass du mich vergessen hast. Aber um deine Erinnerung aufzufrischen, wir haben vor ein paar Jahren –“

„Ist ja gut“, unterbreche ich ihn hastig und drehe mich jetzt ganz zu ihm um. „Wir sollten das nicht weiter vertiefen. Das war dumm von mir.“

Bronnard nähert sich mir. Nicht so sehr, dass es aufdringlich wäre, aber doch genug, um mich seine Gegenwart intensiv spüren zu lassen. Ich drücke meine Fingernägel in die Handflächen und der leichte Schmerz lenkt mich ab.

„Du bist also noch immer eine Lügnerin, Jeanne.“

Mit erhobenem Kinn versuche ich, möglichst hochnäsig zu wirken. „Ich bin Anwältin. Da gehört der flexible Umgang mit Fakten zum Berufsbild. Gerade Sie sollten das wissen.“

Bronnards Miene bleibt unverändert, nur seine linke Augenbraue zieht sich ein Stück weit nach oben. „Wann habe ich dir je die Unwahrheit gesagt?“

Auch wenn mir eine spitze Bemerkung hinsichtlich eines möglichen altersbedingten Gedächtnisverlustes auf der Zunge liegt, so muss ich ihm doch recht geben. Tatsächlich hat er mich damals nicht angelogen, aber das macht sein Verhalten nicht besser.

Geh nicht weiter auf ihn ein, Jeanne. Pack noch ein paar Macarons auf deinen Teller und dann verschwinde. Karamell ist meistens eine Enttäuschung, also nimm Himbeere, Pistazie und Schoko.

Bronnard greift an mir vorbei nach einem Karamell-Macaron und isst es mit einem Bissen. „Hmm, lecker.“

Innerlich verdrehe ich die Augen. Na klar, du Süßigkeiten-Loser!

Rasch führt er seinen Zeigefinger an die Lippen und leckt einen Hauch Cremefüllung ab. Die Bewegung scheint unbewusst, nicht so, als wolle er mich damit anmachen, aber es funktioniert trotzdem.

***

Bronnard hatte schon längst gewonnen. Wahrscheinlich schon, als ich ihn vor ein paar Stunden das erste Mal gesehen hatte und mein Herz einen Moment lang aussetzte. Aber jetzt, als er mich zärtlich leckte, da konnte ich seinen Sieg nicht länger vor ihm verheimlichen.

Stöhnend ergab ich mich den sanften Berührungen seiner Zunge, die spielerisch über mein empfindliches Inneres tänzelte, in mich eindrang, mich liebkoste und stieß. Ich grub meine Finger in seine weichen Haare und schob ihm voller Begierde mein Becken entgegen, damit er jede zarte Stelle finden und verwöhnen konnte. Er aß mich und ich ließ mich verzehren. Noah hatte mir immer gesagt, dass mir Cunnilingus bestimmt nicht gefallen würde, und ich hatte es ihm einfach geglaubt, aber er hatte sich verdammt geirrt! Ich genoss jede Sekunde.

Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete ich, wie Bronnard mich mit zwei Fingern öffnete und seine Zunge über meine geschwollene Perle glitt. Allein der Anblick ließ mich fast kommen. Als er dann seine Lippen darum schloss und heftig daran sog, wurde mir schwarz vor Augen und ich stöhnte meinen Orgasmus hinaus. Bronnard umklammerte meine Hüften, presste seine Zunge in mich, leckte meinen Lustsaft, als könne er nicht genug davon bekommen.

Schließlich stand er wieder auf, stellte sich an den Tischrand und zog mich noch dichter an sich heran. Auf seinem Gesicht lag dieses arrogante, siegessichere Lächeln. Ich hatte ihm genau das gegeben, was er von mir hatte haben wollen. Na ja, noch nicht ganz.

***

„Ich sehe dir gerne beim Tanzen zu, Jeanne“, sagt Bronnard.

Meine Gedanken fixieren sich wieder in der Gegenwart und ich antworte mit einem kühlen „Tatsächlich?“.

„Ja. Du wirkst dabei so ausgelassen. Und dein schwuler Bekannter ist ein guter Tänzer.“

So viel zu Claudes tollem Plan, Bronnard eifersüchtig zu machen. Zur Närrin habe ich mich gemacht. Wieder einmal!

„Es geht mir auch gut. Ganz hervorragend sogar.“ Möglichst gelassen greife ich mir drei Macarons von der farbenprächtigen Pyramide, zu der sie geschichtet sind, und lege sie auf meinen Teller.

„Ach ja?“

„Sicher. Ich habe mein Studium mit Bestnoten abgeschlossen, habe eine großartige Stelle in einer angesehenen Kanzlei und meine Freunde sind intelligent, witzig und in jeder Lebenssituation für mich da.“

„Großartig.“ Es gelingt ihm tatsächlich, mit einem einzigen Wort Spott und Herablassung auszudrücken. Ich hasse diesen Mann. Trotzdem stehe ich noch hier.

„Dann verläuft dein Leben also vollkommen befriedigend.“

Von wegen, denke ich. Die Arbeit in der Kanzlei ist unglaublich öde und mein Freundeskreis besteht aus den Nerds der Big Bang Theory. Und vollkommen befriedigt wurde ich schon lange nicht mehr. Und es ist unverschämt von ihm, darauf herumzureiten. Und außerdem ist es deprimierend, dass allein wegen des Wortes „reiten“ und aufgrund von Bronnards Nähe meine Knospen hart gegen den Stoff meines Kleides pressen.

„Sie können damit aufhören.“

„Womit?“

Die Unschuld, die er vortäuscht, kaufe ich ihm definitiv nicht ab. „Mit Ihren plumpen Anspielungen. Die beeindrucken mich weit weniger, als Sie glauben, und lassen Sie viel lächerlicher erscheinen, als Sie ahnen.“

„Jeanne!“, erwidert er nun mit einem Lachen. „Du bist ja gar nicht mehr so schüchtern und wortkarg wie früher. Das gefällt mir. Es macht Spaß, eine selbstbewusste Frau zu erobern“, sagt er mit einem Lachen.

Ich packe noch einen Garnelenspieß auf meinen Teller, der allmählich übervoll ist. „Hier wird niemand erobert. Wir sind nicht im Krieg. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“

„Danke.“ Damit greift er meinen Cupcake, beißt ein Stück ab und legt den Rest zurück.

„Sie nehmen sich immer, was Sie wollen, oder?“

„Selbstverständlich.“

Ich bleibe zurück wie eine dumme Schülerin. Aber es stimmt. Er nimmt es sich und bekommt es. Zumindest von mir.

***

Er beugte sich über mich und küsste mich drängend. Ich schmeckte meine eigene Lust, strich mit meiner Zunge durch seinen Mund, liebkoste seine Lippen und vergaß dabei die Zeit, vergaß alles.

Seine Hände umfassten erneut meine Brüste und massierten sie mit einer Bestimmtheit, die mich weich und gefügig machte. Das musste ein Traum sein. So etwas passierte nicht im wirklichen Leben. Man traf nicht einfach einen Mann und gab sich ihm hin. Zumindest nicht in meinem wirklichen Leben.

Er strich mir den Slip vom Körper und trotz meines zitternden Keuchens hörte ich, wie er den Reißverschluss seiner Hose öffnete. Nur quälend langsam strich seine Eichel durch meine nasse Spalte. Um die Intensität der Berührung zu erhöhen, bewegte ich mich ihm entgegen und öffnete die Lider. Ich konnte kaum unterdrückte Gier in seinen Augen lesen. Was er wohl in meinen sah?

„Bitte“, flehte ich schließlich, als ich es nicht länger aushielt. „Ich kann nicht mehr warten.“

Ohne die Augen von mir zu nehmen, griff er in seine Hosentasche, zog ein Kondom daraus hervor und streifte es sich über. Dann erst drang er ganz vorsichtig in mich ein, hielt dabei immer wieder inne, als wolle er diesen allerersten Moment unendlich auskosten – und ich wollte das auch. Ihn immer weiter, immer tiefer in mir spüren.

Ich streckte mich ihm entgegen und schlang meine Beine um seine Hüften, wodurch meine Schuhe von meinen Füßen rutschten. Unsere Finger verwoben sich ineinander, als Bronnard mich langsam und genussvoll nahm. Ich hatte noch nie etwas so Unglaubliches gefühlt wie seine Härte in meinem Schoß.

Bronnards warmer Atem strich über meine Haut, wurde immer unregelmäßiger, und als ich ihn das erste Mal stöhnen hörte – tief und laut –, fühlte ich mich noch weicher werden, noch hingebungsvoller. Noch mehr bereit für ihn.

Allmählich wurde er schneller und nahm mich härter. Mein Stöhnen klang, als käme es von einer anderen Person – rau, kehlig, völlig hemmungslos. In diesem Moment hätte ich alles gegeben für ein Wort von ihm. Eines, an dem ich mich festhalten konnte, während er mir alle Grenzen nahm.

Als er sich in mir ergoss, kam ich so heftig, wie ich es noch nie erlebt hatte. Die Orgasmen, zu denen Noah mich ab und zu gestreichelt hatte, kamen mir im Vergleich zu dem Gewitter, das mich jetzt durchbebte, wie eine sanfte Windböe vor. Ich wusste gar nichts mehr, außer, dass ich das hier wollte. Das oder gar nichts. Und genau das stöhnte ich in sein Ohr, als er auf mir lag und mich in seinen Armen hielt.

Noch bevor ich wieder ganz bei Besinnung war, löste er sich von mir und schloss seine Hose. Nachdem ich mich aufgesetzt hatte, sah ihm dabei zu, wie er seinen Abgang vorbereitete und seine Kleidung richtete. Ich fühlte mich verloren und benutzt. Ich hatte gerade etwas erlebt, dass ich nie für möglich gehalten hatte, aber er schien nur Interesse daran zu haben, dass seine Krawatte wieder gerade saß. Und noch immer sagte er kein Wort.

„Warum hast du das getan?“, fragte ich, als ich mich meiner Stimme wieder sicher fühlte.

Er sah mich nicht an, als er antwortete und dabei sein Jackett zuknöpfte. „Warum ich dich gefickt habe? Weil es sich anbot.“

Ich weiß nicht, welche Antwort ich erwartet hatte – diese auf jeden Fall nicht.

„Das also bin ich für dich? Ein günstiges Angebot?“

Er wandte sich mir zu und betrachtete mich mit einem Blick, der nichts mehr von der Leidenschaft zeigte, die ihn noch vor Kurzem hatte leuchten lassen.

„Was erwartest du denn? Dass das hier der Beginn von etwas Großem und Romantischen wird? Wir sind doch nicht in einer Kinoschnulze. Wir wollten Sex, wir hatten Sex. Red dir nicht ein, dass es etwas anderes war – weder zum Guten noch zum Schlechten.“

Hatte mein Körper gerade noch vor Hitze geglüht, so durchzog mich nach seinen Worten Eiseskälte. „Verschwinde“, stieß ich hervor und kreuzte die Arme vor meinen entblößten Brüsten. „Hau ab!“

Er zuckte mit den Schultern. „Das war meine Absicht. Aber vielleicht überlegst du dir in einer ruhigen Minute, warum du das hier getan hast.“

Damit ging er. Eine ganze Weile blieb ich benommen auf diesem Tisch hocken, bevor ich schließlich wie ferngesteuert aufstand und meine Kleidung richtete. Meinen schwarzen Slip auf dem anthrazitfarbenen Teppichboden zu finden, war eine Herausforderung und während ich mich auf den Weg von der Kanzlei zu meiner Wohnung machte, spürte ich Bronnard noch immer in mir, spürte seine Hände noch immer auf meinem Körper.

***

Am Tag darauf versuchte ich im Büro, alles über Bronnard in Erfahrung zu bringen, was nur möglich war. Er führte zusammen mit zwei Kolleginnen eine Kanzlei in Paris und hatte sich auf Wirtschafts- und Familienrecht spezialisiert. Auf seinem Profilfoto blickte er lächelnd in die Kamera, vertrauenerweckend und freundlich. Ich speicherte das Bild auf meinem Computer ab, um nie zu vergessen, wie sehr sich Menschen verstellen können.

Die beiden Artikel über spezielle Unterhaltsproblematiken, die ich von ihm fand und die er im Jahr zuvor veröffentlicht hatte, waren nicht so schlecht, wie ich es mir gewünscht hätte, und über vorsichtige Erkundigungen fand ich heraus, dass wenige Wochen vor unserer Begegnung Bronnards Ehe geschieden worden war. Dabei überraschte mich nicht das Scheitern der Verbindung, sondern die Tatsache, dass überhaupt eine Frau Ja zu ihm gesagt hatte.

Am Abend besuchte ich Noah in seinem Zimmer im Studentenwohnheim und erzählte ihm, dass ich ihn betrogen hatte. Das Desinteresse, mit dem er meine Beichte aufnahm, brachte mich dazu, die zweitwichtigsten drei Worte einer Beziehung auszusprechen: „Ich verlasse dich.“

Als ich die Tür kurz darauf hinter mir zuzog, hörte ich Noah noch rufen „Echt jetzt?“, aber weder hielt er mich auf, noch lief er mir nach. Damit endeten drei Jahre Beziehung und mit ihr all die Pläne, die ich mir für meine Zukunft mit ihm gemacht hatte. Stattdessen konzentrierte ich meine ganze Energie auf das Studium, ließ mich auf keine Beziehung mehr ein und hatte keinen Sex – außer mit meinen Fingern und einem pinkfarbenen Silikonhasen. Und auch wenn ich meinem kleinen vibrierenden Freund, den ich Monsieur Chouchou getauft habe, sehr dankbar bin, kommt das, was er mir beschert, nicht einmal ansatzweise an das heran, was ich mit Bronnard erlebt habe.

Ich bilde mir gerne ein, diesen Mann in das hinterste Eck meines Bewusstseins verdrängt zu haben, aus dem er nur ab und zu in Träumen auftaucht. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann hat so gut wie alles, was ich seit unserer Begegnung vor vier Jahren tue, mit ihm zu tun. Das wird mir erst jetzt richtig klar, als ich einen Bissen von meinem halben Cupcake nehme und mich der Gedanke, dass seine Lippen diese Cholesterolbombe berührt haben, feucht werden lässt.

§ 8 – Nachlässe

§ 8 (1) Luc

Die Martins sind ein sehr altes, sehr vermögendes Ehepaar, das seine Testamente aufsetzen möchte. Bisher kenne ich sie nur von einem ersten Telefonat, in dem Monsieur Martin herumdruckste, dass es familiäre Probleme hinsichtlich ihres letzten Willens gäbe, und Madame Martin immer wieder dazwischenkrähte, ob der Herr Anwalt bei seinem Besuch Kaffee oder Tee wolle.

Mit einem unguten Gefühl im Bauch mache ich mich auf den Weg zu ihnen. Testamente sind nicht mein Lieblingsgang im juristischen Menü. Sie haben immer mit Tod zu.

„Was wollte Jeanne von dir?“

Fast hätte ich vergessen, dass Anais neben mir sitzt, und mit ihrer Frage bringt sie sich mir wieder in Erinnerung. „Ich hatte keine Zeit für ein Gespräch mit ihr.“

Obwohl es mich schon interessiert hätte.

„Sie ist eine Süße, findest du nicht?“ Anais’ Tonfall gibt ihrer Aussage noch eine zusätzlich indiskrete Note, aber nachdem ich sie letztens über meinen Schreibtisch gezogen und ihr den Hintern versohlt habe, gibt es wohl keine Möglichkeit mehr, Distanz von ihr einzufordern.

„Sie ist eine Kollegin.“

Dann beugt sich Anais plötzlich zu mir herüber und haucht die Worte „Wollen wir jetzt wirklich über Jeanne reden?“ in mein Ohr.

„Du hast damit angefangen.“

Ihre Zunge bohrt sich nass und kitzelnd in meinen Gehörgang, gleich darauf fasst Anais mich so unvorbereitet in den Schritt, dass ich das Auto kurz nach links verziehe.

„Um Himmels willen! Hör auf damit!“

Doch sie ignoriert meine Worte, öffnet stattdessen Knopf und Reißverschluss meiner Hose und gleitet mit ihrer Hand unter meine Boxershorts.

„Lass das! Ich kann so nicht für unsere Sicherheit garantieren.“ Ein Verkehrserzieher für Vorschüler könnte nicht eindringlicher klingen als ich in diesem Moment, aber er hätte bestimmt mehr Erfolg mit seiner Ermahnung. Anais denkt zumindest nicht daran, ihre Finger zurückzuziehen.

„Es gibt für nichts im Leben eine Garantie, Luc. Aber wenn du mehr Sicherheit möchtest, halte doch an. Es ist dunkel, die Straße ist leer.“ Während sie spricht, massiert sie meinen Schwanz.

Natürlich werde ich hart. Und natürlich fahre ich rechts ran. Anais macht das gut, nicht zu fest, nicht zu lasch. Wenn ich hinterher ordentlich Gas gebe, könnte ich sie einfach machen lassen und käme trotzdem noch pünktlich zu den Martins. Eine kleine Belohnung dafür, dass ich mich mit Testamentsangelegenheiten herumschlagen muss.

„Willst du einen Blowjob? Ich würde dich schrecklich gerne schmecken.“ Ihre Augen glänzen und in ihren Mundwinkeln spielt ein Lächeln. Ich wüsste nicht, warum ich ihr den Gefallen nicht tun sollte. Jeden Tag eine gute Tat.

Anais beugt sich hinunter, um mich ohne Umschweife zwischen ihre prallen, rot geschminkten Lippen zu saugen. Während ich die Wärme genieße, die Nässe, das Spiel ihrer Zunge, schließe ich die Augen und stelle mir vor, sie wäre jemand anders. Es dauert nicht lange, bis es mir kommt – und ich dabei Jeannes Namen stöhne.

Anais hebt den Kopf und sieht mich grinsend an. Mit geübten Bewegungen wischt sie sich mit einem Taschentuch über Lippen und Kinn. „Keine Bange“, sagt sie. „Ich verrate es ihr nicht.“

Peinlich berührt gebe ich einen seltsamen Laut von mir und richte meine Kleidung. Ohne weiter darauf einzugehen, starte ich den Wage wieder und erreiche mit großer Erleichterung keine zehn Minuten später ihre Wohnung.

„Holst du mich morgen früh ab?“, fragt sie beim Aussteigen.

Ich würde gerne verneinen, aber das kann ich nun wirklich nicht bringen. Auch ich habe meine Prinzipien. „Ich komme um acht.“

„Oder“, sagt sie und steckt ihren Kopf durch die geöffnete Autotür, „du kommst schon um sieben und fickst mich für einen guten, gesunden Start in den Tag.“

Gibt es so etwas wie eine postorgasmische Ehrlichkeit? Wenn ja, dann ergreift sie in diesem Moment von mir Besitz. „Ist es das, was du willst? Einen Mann, der sich auf dir abreagiert, während er an eine andere denkt?“

Ihr Gesicht verliert den offensiv-verführerischen Ausdruck, den sie üblicherweise darauf spazieren trägt, und für einen Augenblick sehe ich eine erstaunlich ernste Anais.

„Ich will Befriedigung. Die können mir nicht viele Männer verschaffen. Du bist einer davon. Außerdem riechst du gut und ich mag es, dass du immer so aussiehst, als wärst du unzufrieden – selbst, wenn du gerade einen Blowjob bekommen hast. Also, sehen wir uns morgen um sieben?“

Ich bin versucht nachzugeben, bis mir einfällt, dass in dieser Angelegenheit nicht nur sie zu entscheiden hat. Schon dieser Blowjob war ein Fehler und ich werde keinen zweiten hinzufügen. „Ich komme um acht. Sei pünktlich, ich warte nicht gerne.“

Sie nimmt meine Absage ohne Murren hin und wirft mir eine Kusshand zu. „Es ist heiß, wenn du den Boss gibst.“

Sie zu fragen, ob sie Jeanne erzählt hat, dass wir Sex auf meinem Schreibtisch hatten, verkneife ich mir. Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass sie so indiskret ist, und zweitens würde diese Frage nur noch mehr von dem Gefühlschaos preisgeben, in das Jeanne mich stürzt. Ihren Namen zu stöhnen, als ich in Anais’ Mund gekommen bin, stellt für einen Tag genug Blöße dar.

***

Auf die Minute genau fahre ich bei meinen neuen Mandanten vor. Ihr „kleines Häuschen“, wie Monsieur Martin es am Telefon nannte und um das es im Testament unter anderem gehen soll, entpuppt sich als Villa im mediterranen Stil, die von einer Parkanlage umgeben ist. Es überrascht mich, dass mir statt eines Butlers eine grauhaarige Dame öffnet, die sich als die Herrin des Hauses vorstellt.

Sie führt mich in einen Raum, der mit zierlichen Antiquitäten möbliert ist: vier Stühle, ein Beistelltisch, zwei Kommoden. Ölgemälde hängen in vergoldeten Rahmen an den Wänden. Sie sind riesig und wenig geschmackvoll, wenngleich sicher teuer. Ihr Anblick übersättigt das Auge so sehr, dass ich befürchte, Sehnervadipositas zu bekommen.

„Und“, ertönt hinter mir eine sonore Altherrenstimme, „gefallen Ihnen meine Schätze, Monsieur Bronnard?“

Ich drehe mich um. Monsieur Martin steht senkrecht wie ein Lotblei im Türrahmen, gut gekleidet in braunem Tweed. Hinter ihm wartet seine Frau mit einem Tablett in der Hand und neben den beiden liegt eine zerschlissene Nackenrolle auf dem Boden. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es sich um einen uralten Dackel handelt. Er passt zu den beiden, die die Siebzig bestimmt schon weit überschritten haben.

„Nehmen Sie doch Platz.“ Monsieur Martin weist auf einen der Stühle, die um den Beistelltisch aus Kirschholz gruppiert sind. Ich zögere und er deutet das ganz richtig. „Keine Bange, der Stuhl sieht fragil aus, aber er trägt auch einen Mann wie Sie problemlos. Die Schreiner des Louis-Seize verstanden ihr Handwerk.“

Vorsichtig setze ich mich auf das türkisfarbene Polster. Der Stuhl knarrt zwar, aber er hält.

Während Madame Martin das Tablett auf dem Tisch platziert und jedem von uns eine Tasse Grüntee einschenkt, erklärt mir mein Gastgeber die Symbolik in einem der großformatigen Stillleben. Ein paar Fliegen sowie ein fleckiger Apfel sollen auf die Vergänglichkeit alles Irdischen hinweisen.

Der Dackel hat inzwischen schwer atmend die zwei Meter bis zu mir zurückgelegt und leckt meine Hand. Seine irdische Vergänglichkeit ist nur allzu offensichtlich.

„Oh, er mag Sie!“, jubiliert Madame Martin. „Unser Martin mag Sie!“

„Ihr Hund heißt Martin?“

Der Hausherr lacht mit dem ganzen Stolz eines Tierbesitzers. „Darf ich vorstellen? Martin Martin oder auch Martin junior.“

Ich entziehe der Dackelzunge meine Hand, streichele den Kopf des Tieres und bemühe mich, den Anblick seiner milchigen Augen nicht unangenehm zu finden. Als ich wieder aufschaue, betrachten mich meine Mandanten mit glücklichem Lächeln.

„Sie sind unser Mann, Monsieur Bronnard. Sie lieben Hunde. Sie werden die Problematik verstehen.“

„Die da wäre?“

Hausherr und Hausherrin wechseln einen kurzen Blick, bevor Monsieur Martin es auf den Punkt bringt: „Es ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass wir recht vermögend sind. Mit dem Haus, den Antiquitäten und einigen Aktienfonds liegen wir bei ungefähr 50 Millionen Euro. Und wir haben einen Sohn.“

„Adoptivsohn“, wirft Madame Martin ein. Es klingt wie „Mängelexemplar“.

Ihr Mann nickt zustimmend und sein Gesicht verdunkelt sich. „Er soll jedoch nichts von unserem Geld bekommen. Keinen einzigen Cent. Es soll alles an Martin junior gehen.“

Ich bin mir nicht im Klaren, welche der Aussagen mich mehr durcheinanderbringt: die Höhe der Summe, über die wir hier reden, die Tatsache, dass der Sohn vollständig enterbt werden soll, oder der Umstand, dass ein nahezu toter Köter als Alleinerbe auserkoren ist.

„Selbstverständlich wissen wir, dass Kinder – auch Adoptivkinder – Anspruch auf einen Pflichtanteil haben. Und dafür brauchen wir Sie, Monsieur Bronnard. Helfen Sie uns, Philippe zur Gänze aus dem Testament zu streichen.“

Ich runzle die Stirn. Ein solch rigoroses Vorgehen ist ungewöhnlich und wenig Erfolg versprechend. Mit meiner Antwort versuche ich, dem Ehepaar dies aufzuzeigen.

„Nun, da gibt es natürlich Möglichkeiten. Hat ihr Sohn zum Beispiel versucht, sie umzubringen?“

Madame Martin nickt so heftig, dass ihre sorgfältig gelegten Löckchen in Unordnung geraten. „O ja! Und nicht nur einmal.“

„Bitte?“ Darauf war ich nicht vorbereitet.

„Er hat uns nur Kummer bereitet. Als Jugendlicher war er immerzu aggressiv, hat sich geprügelt und die Schule abgebrochen. Außerdem hat er Drogen genommen. Eine Ausbildung hat er ebenfalls nicht und an ein Studium war aufgrund seiner intellektuellen Minderleistung gar nicht erst zu denken. Mit einundzwanzig ging er fort, ohne ein Wort zu sagen, und erst drei Jahre später erfuhren wir, dass er überhaupt noch lebt. Wir sind vor Sorge schon hundert Tode gestorben, Monsieur Bronnard. Martin junior hat uns nie so enttäuscht.“

Ich blicke wieder auf den Hundesenior, der sich auf den Rücken geworfen hat und mit seinen Stummelbeinchen die Luft tritt. Mehr aus Verlegenheit streichele ich seinen kahlen Bauch. Dass die Argumente seines Frauchens absolut haltlos sind, brauche ich ihm nicht zu erzählen. Allerdings sind die Wünsche des Mandanten stets ernst zu nehmen – vor allem, wenn sich die Erfüllung dieser Wünsche für die Kanzlei derart lohnen kann wie bei den Martins.

„Um nutzbringend für Sie tätig werden zu können, brauche ich einen genauen Einblick in ihre Finanzen, aber auch in einige höchst private Lebensbereiche Ihrer Familie. Sind Sie bereit dafür? Wenn nicht, sollten wir das Ganze an dieser Stelle beenden.“

Monsieur Martin tauscht mit seiner Frau wieder einen kurzen Blick, dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück. „Wie viel Zeit haben Sie mitgebracht?“

„So viel wie nötig“, erwidere ich und ziehe aus meinem Aktenkoffer zwei Mandatsvollmachten sowie eine Honorarvereinbarung. „Lassen Sie uns zuerst die Formalien regeln.“

***

Nachdem ich am nächsten Tag meinen beiden Partnerinnen einen kurzen Abriss des gestrigen Gesprächs gegeben habe, führt Leonie eine Art indianischen Kriegstanz auf, bevor sie mir um den Hals fällt. Kein Wunder, denn die Martins haben einem Anwaltshonorar in Höhe von 5 % des infrage stehenden Vermögenswerts zugestimmt und das beläuft sich auf gut 2,5 Millionen Euro. Diese Summe gibt es natürlich nur im Erfolgsfall, das heißt, wenn die Martins tot sind und eine Anfechtungsklage des Sohnes erfolglos geblieben ist. Auch wenn sich das zu einem juristischen Schaulaufen über mehrere Jahre entwickeln kann.

Vorab erhalten wir für unsere Bemühungen pauschal eine Viertelmillion, abrechenbar nach der notariellen Beurkundung des Testaments. Die Martins lassen es sich etwas kosten, ihrem Sohn nichts zu geben. Die beiden wissen, dass finanzielle Anreize der beste Weg sind, gute Arbeit zu erhalten.

Problematisch könnte werden – und darauf habe ich meine beiden Partnerinnen natürlich hingewiesen –, dass es verdammt schwer ist, vor Gericht einen vollständigen Erbausschluss seiner Kinder durchzuboxen.

„Du schaffst das schon“, jubelt Leonie. „Lüg und betrüg. Tu es für die Kohle.“

Sanft, aber bestimmt löse ich ihre Hände von meinem Nacken. „Natürlich tue ich das. Ich bin Anwalt.“

Suzanne lächelt schmallippig und missbilligend. „Wie gedenkst du vorzugehen, Luc?“

Ich hasse es, wenn sie mich wie eine Lehrerin abfragt, und reagiere jedes Mal wieder wie ein trotziger Schüler darauf.

„Erfolg versprechend“, erwidere ich. Ihr Lächeln wird noch dünner, also gebe ich nach. Zumindest ein wenig. „Das Wichtigste sind jetzt erst einmal Präzedenzfälle aus der jüngeren Vergangenheit. Ich werde Pascal bitten, mir einen Überblick zusammenzustellen.“

„Pascal ist ausgelastet.“

„Dann Victor.“

„Warum nicht Jeanne? Immerhin warst du es, der sie unbedingt als neue Mitarbeiterin wollte, und im Gegensatz zu den anderen hat sie noch Kapazitäten frei.“

Ein vernünftiger Vorschlag, hätte Jeanne nicht so gelassen reagiert, als ich ihr klarmachte, dass wir zukünftig nur Kollegen sind. Ich hätte mir ein bisschen mehr Enttäuschung gewünscht.

„Ich denke, sie hat genug zu tun mit dieser Scheidungssache.“

Mein Hilfe suchender Blick wird von Leonie leider nicht verstanden.

„Die ist so gut wie abgeschlossen. Jeanne hat das Ehepaar davon überzeugt, das infrage stehende Gemälde dem Musée d’Orsay als Dauerleihgabe zu überlassen. Im Gegenzug haben die beiden dort lebenslang freies Besuchsrecht. Sie können es jederzeit sehen, kommen sich aber nicht in die Quere. Eine salomonische Idee, findest du nicht?“

Leonie wirkt beeindruckt und ich muss ihr zustimmen. Jeanne ist nicht nur süß, sondern auch klug – was sie nur noch begehrenswerter macht.

„Außerdem erstellt sie das Villiers-Gutachten“, suche ich nach einer weiteren Ausflucht.

„Und jetzt wird sie dir auch noch in dieser Angelegenheit helfen. Das hier ist kein Sanatorium, Luc.“

Verdammt. Mir fällt keine Möglichkeit ein, mich herauszureden, ohne mich verdächtig zu machen. Gerade Suzanne beäugt mich wegen der Affäre mit Anais sowieso schon misstrauisch.

„Gut, ich bespreche es mit ihr“, gebe ich deshalb, mental die Zähne knirschend, nach.

Suzanne nickt, dann verlassen meine Partnerinnen mein Büro. Ich richte meine Krawatte und atme tief durch. Also dann! Auf zu Mademoiselle Smart, Sexy und Uninteressiert.

§ 8 (2) Jeanne

Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, als Luc lässig gegen die Wand gelehnt in meinem Büro steht, das Jackett offen. Eine lockige Strähne hängt ihm in die Stirn. Wenn ich von meinem Stuhl aufstünde und die paar Schritte auf ihn zuginge, könnte ich sie mit einem Finger zurückstreichen. Und wenn ich schon mal da wäre, könnte ich auch sein Hemd aufknöpfen, mit den Lippen über die warme Haut streichen, die dabei zum Vorschein käme, und vielleicht hätte er auch nichts dagegen, wenn ich mich ganz dicht an ihn presse …

„Hörst du mir überhaupt zu, Jeanne?“

Ich starre ihn an. Mein Schoß ist feucht, meine Wangen sicherlich knallrot. „Natürlich. Ich soll dir ein paar Urteile heraussuchen.“

Er lächelt skeptisch. „Schon mal nicht ganz falsch. Aber um präzise zu sein, geht es mir um Fälle, in denen es Eltern gelang, ihre Kinder zur Gänze zu enterben. Alles, was du aus den letzten zwei Jahren zu Erb- oder Pflichtteilsunwürdigkeit findest.“

Ich nicke. „Okay.“

„Und schreib mir zu jedem Fall eine kurze Zusammenfassung. Außerdem deine Meinung dazu.“

„Meine Meinung? Geht das auch genauer?“

Eine schier unendliche Weile sieht er mich ohne jegliche Regung an. Wahrscheinlich verlässt er jetzt das Zimmer und lässt mich mit meiner Aufgabe allein. Oder – und der Gedanke entlockt mir ein leises Seufzen – er ist so verärgert, dass er mich vom Stuhl hochzieht, packt und für einen Moment innehält, weil er nicht weiß, was er tun soll. Und mich dann wild und leidenschaftlich küsst, während er mir die Bluse vom Leib reißt … gleich hier im Büro, ganz egal, ob uns jemand hört.

Luc kommt einen Schritt auf mich zu und ich richte mich schlagartig auf. Himmel, es passiert tatsächlich!

Er greift sich meinen Besucherstuhl und setzt sich neben mich. Nicht ganz das, was mich mir vorgestellt habe, aber er könnte mich immer noch küssen. Wir müssten nur ein wenig die Hälse strecken …

Doch nicht. Er lehnt sich zurück und streicht sich durch die Haare. Die Strähne verschwindet zwischen all den anderen. „Mich interessiert dein Blick auf die Dinge. Nicht nur juristisch, auch dein … wie soll ich es nennen … dein Bauchgefühl, was zur Entscheidung des Gerichts geführt hat.“

O Gott, mein momentanes Bauchgefühl lässt sich in ein paar Worte fassen.

„Und auf wessen Seite stehen wir? Du musst mir von diesem Fall erzählen, Luc, wenn meine Arbeit von Nutzen sein soll.“

Er nickt und erzählt mir dann von seinem Mandantentreffen am gestrigen Abend. Zehn Minuten später bin ich informiert – und deprimiert.

„Was sagst du dazu?“, fragt Luc.

Ich kann nur mit den Schultern zucken. „Es ist traurig, dass es Eltern gibt, denen ein Tier mehr bedeutet als das eigene Kind. Und das Vorenthalten von Geld ist der schlussendliche Liebesentzug. Was ist da schiefgelaufen? Was sind das für Leute? Haben sie den Jungen nur adoptiert, um mit ihrer Großherzigkeit anzugeben? Vielleicht ist es in dieser Sache falsch, ausschließlich als Anwalt zu handeln.“

„Das heißt?“

„Du solltest den Martins sagen, dass es auch einen anderen Weg gibt. Und dann musst du diesen Sohn aufsuchen. Mit ihm reden. Wenn es die Möglichkeit gibt, dass beide Seiten wieder ins Gespräch kommen –“

„Ich bin nicht Mary Poppins, die, Simsalabim, alles wiedergutmacht“, unterbricht er mich. „Das ist nicht meine Aufgabe und wird auch nicht von mir erwartet. Wenn du zu einem Bäcker gehst und Baguette bestellst, willst du zu Hause schließlich auch kein Blasenpflaster in der Tüte finden.“

Seine zynische Ablehnung lässt mich die Arme vor der Brust verschränken. „Du hast nach meiner Meinung gefragt, also höre sie dir auch an. Und ich habe immer noch die Hoffnung, als Anwältin mehr zu sein als nur eine stupide Erfüllungsgehilfin. Ich will das Leben der Menschen verbessern, auch wenn du das albern und unrealistisch findest.“

Amüsiert lachend steht Luc auf. „Du bist so jung, Jeanne.“

Ein schönes Sinnbild, wie er jetzt auf mich hinabsieht. Der Welterfahrene und die Naive.

Ich erhebe mich ebenfalls, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein – was schwerfällt, angesichts der Tatsache, dass er mich um gut zwanzig Zentimeter überragt. Eigentlich sollte ich die Ruhe bewahren und mich durch seine Äußerungen nicht so provozieren lassen, aber ich fühle mich betrogen. Erst lockt er mich hierher, lässt mich alle Brücken abbrechen, nur um mir dann eine lange Nase zu drehen. Ätsch, bätsch, reingefallen. Dumme Jeanne. Die angestaute Wut über die Situation bricht aus mir heraus.

„Ich bin jung, aber nicht dumm“, fauche ich.

„Das behauptet auch keiner“, antwortet er und seine Ruhe macht mich nur noch ärgerlicher.

„Ach ja? Gerade eben klang das noch ganz anders.“

„Ich habe dich in einen Fall eingebunden, was ich wohl kaum machen würde, wenn ich dich für dumm hielte.“

„Dann behandele mich gefälligst auch nicht so!“

Eine tiefe Falte gräbt sich zwischen seine Augenbrauen. „Haben wir ein Problem miteinander? Wenn ja, dann sag es. Ich schätze klare Worte.“

„Selbstverständlich. Du bist schließlich der Meister der klaren Worte.“

„Was soll der Bullshit?“

Ich starre ihn wütend an, er starrt wütend zurück. Die Luft zwischen uns ist so hart und kalt, dass ich das Gefühl habe, sie könnte splittern.

„Du kommst anscheinend doch nicht damit klar“, sagt er nach einigen Augenblicken des angespannten Schweigens. Auf mein Stirnrunzeln erläutert er: „Mit mir zu arbeiten, nachdem … Fühlst du dich vernachlässigt, Jeanne? Erwartest du mehr Aufmerksamkeit von mir?“

„O Gott!“ Ich lache laut und erschrecke darüber, wie gekünstelt es klingt. „Bild dir bloß keine Dummheiten ein! Das mit uns, das ist so lange her, ich kann mich kaum noch daran erinnern. Und andere Männer hatte ich in der Zwischenzeit auch schon. Viele. Einen nach dem anderen. Sehr gute Liebhaber.“

Ich habe keine Ahnung, woher ich diese Lüge nehme, aber der Blick, mit dem er mich danach betrachtet, ist eindringlich wie ein Seziermesser. „Wenn das so ist, dann sollte es keine Schwierigkeiten geben zwischen uns.“

Ich strecke mein Kinn hoch. „Ganz genau.“

Warum kann er sich nicht einfach umdrehen und gehen? Stattdessen reicht er mir seine Hand. „Ein Neuanfang?“

Die Ruhe, die er jetzt ausstrahlt, lässt auch mich wieder vernünftig werden. Einen Moment nur zögere ich, bevor ich seinen Handschlag annehme. Sein Griff ist fest und er hält ihn länger aufrecht als nötig wäre. Mit dem Daumen streicht er hauchzart über meinen Handrücken, die Berührung vibriert durch meinen ganzen Körper.

Es liegt mir auf der Zunge, dass ich ihn vermisse – jede Nacht. Dass ich keine Sekunde unseres Beisammenseins vergessen habe und gar nicht wüsste, was ich mit einem anderen Mann machen sollte. Dass er mein Problem ist.

Glücklicherweise bleibt es mir erspart, das auszusprechen, denn eine Frauenstimme durchbricht die Situation.

„Hallo, Luc.“

Blitzartig lässt er meine Hand los, dreht sich zu der Sprecherin um und baut sich wie eine Mauer aus Fleisch und Blut vor mir auf.

„Was machst du denn hier, Estelle?“

„Ich wollte nur mal schauen, ob du noch lebst.“

„Ja, tue ich. Enttäuscht?“

„Nicht doch. Schließlich bräuchte ich ein wenig Hilfe von dir, mein Lieber.“

Lucs Stimme nimmt einen sarkastischen Tonfall an. „Dir zu helfen, gibt meinem Leben einen Sinn.“

Wer zum Henker ist das? Um mehr zu sehen als nur Lucs Rücken, stelle ich mich neben ihn. Beeindruckt starre ich die Frau, Estelle, an, die vor uns steht. Sie könnte eine Schauspielerin sein. Kinnlange rote Haare, hohe Wangenknochen, grüne Katzenaugen. Ihre Wahnsinnsfigur zeigt sie in einem luftigen, bunten Hosenanzug, der an einer anderen als ihr wie ein Pyjama aussehen würde.

Ich drängele mich nach vorne. Dies hier ist schließlich mein Büro und das noch immer in mir zirkulierende Adrenalin von unserem Streit lässt mich mutig werden. „Wir kennen uns noch nicht. Mein Name ist Jeanne Monnet.“

„Estelle Oran. Sie sind neu dabei?“

„Seit letzter Woche.“

„Mein Beileid. Luc ist als Boss nicht leicht zu ertragen.“ Ihr Ton ist fröhlich, ihre Worte sind es nicht.

„Haben Sie auch für ihn gearbeitet?“, frage ich vorsichtig.

„Schlimmer!“ Vertraulich beugt sie sich mir entgegen und flüstert: „Ich war mit ihm verheiratet.“

„Großartig, Estelle.“ Luc klingt sehr übellaunig. „Deine Diskretion habe ich immer ganz besonders an dir geschätzt. Komm mit.“ Er legt seine Hand auf ihre Schulter und zieht sie mit sich hinaus. Ihr Parfum, eine Mischung aus Vanille und Amber, schwebt durch die Luft wie ein pudriges Echo.

Das ist also seine Frau, das Trophy Wife, von dem er gesprochen hatte und von dem er sich wenige Wochen, bevor ich ihn das erste Mal traf, hatte scheiden lassen. Warum, um Himmels willen, verlässt man so jemanden? Vielleicht, weil an der nächsten Ecke eine Geliebte wie Anais wartet. Und für den kleinen Hunger zwischendurch knabbert man an Landpomeranze Monnet.

Allmählich fügen sich die Puzzlesteine zu einem vollständigen Bild von Lucs Liebesleben und ich wünschte, ich könnte die Zeit bis zu jener Weihnachtsfeier zurückdrehen. Bevor ich die Entscheidung traf, ihn auf seinem Zimmer zu besuchen, und stattdessen nach Hause hätte gehen können. Lieber würde ich für den Rest meines Lebens diesen unterschwelligen Zorn auf ihn mit mir herumtragen, als mich noch einmal so klein, unzulänglich und dämlich wie jetzt zu fühlen.

Nachdem ich noch eine Weile auf meine Tür gestarrt habe, raffe ich mich auf und setze mich zurück an meinen Schreibtisch. Ich arbeite bis in die Nacht, um seinen Auftrag zu erfüllen, und lege ihm meine Ausarbeitung für den nächsten Morgen auf den Tisch.

Nur drei Fälle habe ich gefunden, in denen der vollumfängliche Erbausschluss erfolgte, und die Hintergründe jeder einzelnen Geschichte sind entsetzlich. Kein Vergleich mit dem, was die Martins gegen ihren Sohn ins Feld führen. Meiner Meinung nach stehen wir in diesem Fall auf verlorenem Posten und genau das schreibe ich als mein Fazit.

Am nächsten Tag kommt Luc zu mir, bedankt sich für meine Arbeit und lobt sie als strukturiert und hilfreich. Wie um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, legt er mir einen Moment lang die Hand auf die Schulter. Warm und schwer spüre ich sie durch den Stoff meiner Bluse und mein Herz surrt wie eine Biene. Den Plan, den ich während der letzten Stunden immer wieder in meinen Gedanken gewälzt habe – meine Koffer zu packen und zu verschwinden –, verschiebe ich in die Wiedervorlagenmappe, Datum unbestimmt.