Leseprobe Once upon a Millionaire

Kapitel eins

„Mein Zimmer ist ein totales Drecksloch. Wie sieht‘s bei dir aus?“

Ich schaute mich in dem kleinen Zimmer um. Trotz des hellen Sonnenlichts von Athen an einem Spätnachmittag im Frühling fühlte sich das Zimmer seltsam düster an. Der Glanz lange vergangener Tage hing in dem Raum, trotzdem mochte ich ihn.

„Es ist in Ordnung“, rief ich durch die Verbindungstür zu Maggies Zimmer. „Nicht überwältigend, aber die Online-Bewertungen sagten, dass die Besitzer sehr bemüht sind, das Hostel sauber zu halten. Und es ist günstig.“

Maggie erschien in der Tür, nur in Unterwäsche gekleidet, ihr Gesicht spiegelte sowohl Traurigkeit als auch Enttäuschung, die mich fühlen ließen wie einen Schuft. „Ich weiß, du hast dein Bestes gegeben, aber ich wünschte wirklich, du hättest für uns etwas Schöneres finden können, Thyra.“

„Schöner kostet mehr Geld.“ Ich verdrängte die Schuld und schüttelte das goldfarbene Cocktailkleid aus Spitze zurecht, das meiner Mutter gehört hatte, dankbar dafür, dass Vintagekleider wieder in Mode waren. „Und davon habe ich keines.“

Maggie ließ ein kleines Schnauben hören, bevor sie sich wieder in ihr Zimmer zurückzog und die Tür offenließ, sodass wir uns unterhalten konnten. „Ich dachte, die Zeitschrift bezahlt dich?“

„Nur einen Vorschuss“, erinnerte ich sie.

„Na und? Das ist immer noch Geld und wir könnten irgendwo übernachten, wo es weniger nach zweitklassiger Jugendherberge stinkt.“

„Der Vorschuss ist schon ausgegeben. Das ist alles, was ich mir leisten kann. Wenn du woanders übernachten möchtest, kannst du das gerne tun, aber ich habe einfach kein Geld dafür, das zu bezahlen.“ Ich hoffte, dass das den steten Strom ihrer leisen Beschwerden aufhalten würde, der seit der letzten Stunde in meine Richtung gedriftet war, was ungefähr die gesamte Zeit war, in der wir in Athen waren. Das war unser erstes gemeinsames Projekt und ich bereute schon, ihrem Plan zugestimmt zu haben. Verdammt, das passiert, wenn man sich auf andere Leute verlässt. Deshalb ist es besser, Sachen einfach alleine zu erledigen, anstatt sich auf andere zu verlassen.

„Wofür hast du es denn ausgegeben?“ Etwas, das für mich nach Verärgerung klang, schimmerte in ihrem Tonfall durch. Ich war ein bisschen überrascht - Maggie war immer eine solche Stütze in der Vergangenheit gewesen, dass ihr Unglücklichsein mich jetzt wie Nadeln stach. „Es kann nicht für Klamotten gewesen sein.“

„Die Fahrt zum Flughafen, Flugtickets für zwei von London nach Athen, die Fahrt vom Flughafen und zwei Zimmer in diesem Hotel für vier Tage“, sagte ich und schälte mich aus meinem T-Shirt, das mir verschwitzt an meinem Rücken klebte. Obwohl keines unserer billigen Hotelzimmer ein eigenes Badezimmer hatte, hatten wir jeder ein Waschbecken und ich wusch mich schnell, um das Schlimmste vom Schweiß und Dreck der Reise loszuwerden. „Darin nicht eingerechnet Essen und die Nebenkosten, die du wolltest.“

„Und das waren 500 Euro? Irgendetwas stimmt da nicht.“

„Also, das waren sie und wir sind hier.“ Ich schaute aus dem Fenster und die Aufregung vertrieb die plötzlichen Sorgen und Zweifel über meine Cousine. „Wir sind in Athen, Maggie! Im großartigen, exotischen Athen! Mit unserem ersten Job! Bist du nicht aufgeregt?“

„Ich wäre aufgeregter, wenn ich in einem richtigen Hotel wäre. Eine Prinzessin sollte nicht in einem billigen Hotel übernachten. Eine Prinzessin übernachtet an glamourösen Orten mit Zimmerservice und frischen Handtüchern und Schokolade auf dem Kissen.“

„Ich kaufe einen Schokoriegel und lege ihn dir heute Nacht aufs Kissen“, versprach ich und umklammerte mich selbst vor Freude, die mich erfüllte, entschlossen, die Zeit zu genießen, obwohl Maggies Unglücklichsein ein bisschen belastend war. Auch wenn ich nicht viel von Athen gesehen hatte während der Busfahrt, juckte es mich in den Fingern, als Tourist loszuziehen.

Aber zuerst musste ich die Ereignisse des Abends durchstehen, von denen Maggie behauptete, dass sie nötig wären. Ich grub mich durch meine wenigen Habseligkeiten in meinem Koffer und für einen Moment glaubte ich, ich hätte meine Geldbörse verloren. „Hast du noch meine Tasche?“

„Die schwarze, die nicht in dein kleines Handgepäck gepasst hat? Ja, die ist in meinem Koffer eingeschlossen. Brauchst du sie jetzt?“

„Naja, da ist mein Pass drin, obwohl ich nicht glaube, dass ich den für eine Cocktailparty brauche“, sagte ich und zog mir das goldene Spitzenkleid über den Kopf, und sofort verfingen sich meine Haare an Haken und Ösen. „Aua, au, au.“

„Was um Himmels willen ist … oh.“ Maggie eilte in mein Zimmer, während ich mich im Kreis drehte mit den Händen über meinem Kopf, die Arme auf dem halben Weg durch das Kleid, und hilflos mit den Armen ruderte, während ich versuchte, den Haken aus meinem Haar zu befreien.

„Also ehrlich, Thyra, du bist die einzige Frau, die ich kenne, deren Haar absichtlich Dinge tut, um die Sache schwierig zu machen. Nein, hör auf, dich zu wehren – ich sehe, wo du festhängst … So.“

„Es liegt einfach daran, dass ich so viel davon habe“, sagte ich und zog mir das jetzt freie Kleid über meine Brust, bevor ich mir die Stelle am Kopf rieb, wo Maggie mir unabsichtlich ein paar Haare ausgerissen hatte, um mich zu entwirren.

„Mama sagte immer, dass widerspenstige Haare der Fluch der Patoisefamilie sind, aber dein Haar scheint niemals so auf die Barrikaden zu gehen wie meines.“

Sie schüttelte ihr schulterlanges, goldfarbenes Haar, das perfekt so lag, um ihr Gesicht einzurahmen. „Vielleicht haben du und Tante Sunny ein paar schlechte Haargene von Großvater Patoise abgekriegt, aber Mama und ich nicht. Bist du fertig?“

„Ich glaube schon“, sagte ich und nahm den kleinen, paillettenbesetzten Münzbeutel, den ich bei solch seltenen Gelegenheiten benutzte, wenn ich für eine Abendveranstaltung ausging, und stopfte die Gesamtheit meiner Euroscheine hinein – weniger als 100 Euro. Nach einem kleinen Moment nahm ich die Hälfte davon wieder heraus und versteckte den Rest in meinem BH unter einer meiner Brüste.

Maggie hatte sich selbst im kleinen Spiegel über meinem Waschbecken bewundert, drehte sich jetzt um und tat einen großen Seufzer. „Das steht einer Prinzessin einfach nicht zu“, sagte sie mir.

„Das mag zwar nicht der Fall sein, aber es ist das, was wir uns leisten können. Also lass uns aufhören, uns auf das Negative zu konzentrieren, und unsere Zeit genießen, während wir hier sind. Bist du sicher, dass du mich heute Nacht brauchst? Ich wäre zufrieden damit, durch die Stadt zu streunen, während du als ungebetener Gast auf der Party auftauchst.“

„Man ist kein ungebetener Gast, wenn man von der Party weiß“, sagte sie und warf mir ein Lächeln zu, bevor sie mich aus dem engen Zimmer scheuchte.

„Ist man doch, wenn man nicht eingeladen ist, und das sind wir nicht“, stellte ich klar.

„Ach Mensch. Das wären wir, wenn die Leute wüssten, dass Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Juliane von Sonderburg-Beck in der Stadt ist.“ Maggie eilte voraus und verpasste vollständig mein Augenrollen.

„Es liegt nur daran, dass … Also, du weißt, wie es mir auf Partys so geht.“ Ich folgte ihr die engen Steinstufen hinab und trat in einen kleinen, aber sauberen Empfangsraum, in dem gerade zwei junge Männer mit Rucksack eincheckten. Ich winkte Nita zu, dem Mitbesitzer, der uns zuvor begrüßt hatte, und eilte hinter meiner Cousine her, während sie durch die Tür trat und stehen blieb, um die belebte Straße auf und ab zu blicken.

„Ich weiß, du bist introvertiert, ja.“

„Ich bin nicht introvertiert!“, protestierte ich und holte sie währenddessen ein.

„Ach nein?“ Sie legte ihren Kopf schief, um mich anzuschauen. „Wie viele Freunde hast du?“

„Das ist eine dumme Frage. Ich habe Freunde“, sagte ich, das Kinn erhoben in dem Versuch, sie entlang meiner Nase niederzustarren. Das war etwas, was nie funktionierte, hauptsächlich deshalb, weil sie größer war als ich, aber auch, weil ich immer durch meine Brille sehen musste, um sie überhaupt zu erkennen.

„Wie viele?“, wiederholte sie und zog eine Augenbraue hoch.

„Ich habe vier Mitbewohner …“ begann ich aufzuzählen.

„Das sind Mitbewohner, keine Freunde“, sagte sie und wischte sie mit einer Handbewegung weg. „Du verbringst mit denen keine Zeit zum Spaß, oder?“

„Also …“ Ich wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen, weil ich das schreckliche Gefühl hatte, dass sie Recht hatte.

„Aha. Welche Freunde – abgesehen von der seltsamen Gruppe von Computernerds, mit denen du zusammenlebst – hast du denn?“

„Also, natürlich Chris …“

„Chris ist dein Bruder“, unterbrach sie, „abgesehen von Familienmitgliedern und deinen Mitbewohnern, wen würdest du als Freund einschätzen?“

Ich dachte für einen Moment nach und fluchte leise, bevor ich vage mit der Hand wedelte.

„Ich verstehe nicht, was du meinst. Okay, ich bin wählerisch dahingehend, wie viele Leute ich als meine Freunde betrachte. Aber das macht mich nicht als Person aus.“

„Nein, aber die Tatsache, dass du niemanden in deine Nähe lässt, schon.“ Sie milderte ihre Worte ab, indem sie kurz meinen Arm drückte. „Ich versuche dich nicht auseinanderzunehmen, Thyra, wirklich nicht, aber jenseits von der Familie solltest du die Leute dein wahres Ich sehen lassen. Ich will nur, dass du siehst, was die anderen und ich sehen.“

„Die anderen? Welche anderen?“, fragte ich und verengte meine Augen. Mir war in dieser Unterhaltung extrem unwohl und ich hätte gerne das Thema gewechselt, wenn ich gedacht hätte, dass sie das zulassen würde. „Mit wem redest du über mich?“

Sie schwieg, schaute weg und ihr Blick blieb an den Autos hängen, die an uns vorbeifuhren.

Mir kam ein schrecklicher Gedanke. „Maggie, das hast du nicht getan.“

„Habe ich. Er hat mich angerufen. Er macht sich sehr große Sorgen um dich.“

Ich stöhnte laut auf. „Ich habe keine Ahnung, warum, weil er doch alles unternimmt, um mein Leben zur Hölle zu machen.“

„Kardom?“ Sie wirbelte herum, damit ich ihr kleines Stirnrunzeln erkennen konnte. „Bist du verrückt? Er ist von dir besessen. Warum würde er versuchen, dich unglücklich zu machen?“

„Weil er der Platzhirsch in Beck sein will und er alles in seiner Macht Stehende unternimmt, damit das passiert. Nein, sag mir nicht, dass du auf den Mist, den er verbreitet, reinfällst. Ich will nicht darüber reden. Ich will nur Athen genießen und dieses Interview gut hinkriegen. Wenn es der Zeitschrift gefällt, dann könnte das zu anderen Aufträgen zusätzlich zur Kolumne führen.“

„Das gefällt mir!“ Sie schlug mir auf den Arm. „Du kannst solche Bomben platzen lassen, wie die, dass dein Cousin Kardom dich aufs Kreuz legen will, und dann verbietest du mir, darüber zu reden? Das ist genau das, was ich meine, Thyra – du grenzt dich von allen anderen ab.“

Ich holte tief Luft und erinnerte mich daran, dass ich den Abend nicht mit Streit verbringen wollte. „Ich habe viele Gründe dafür, mich zu schützen, wie du sehr wohl weißt, aber ich gebe zu, dass ich es damit vielleicht ab und zu übertreibe. Wenn du damit fertig bist, meine Psyche auseinander zu nehmen, können wir dann gehen?“

„Ja, aber vergiss nicht, dass ich alles über dich weiß, auch, wie du tickst. Du kannst nicht hochnäsig und der Welt entrückt sein, wenn du die Sekretärin einer Prinzessin sein willst.“

„Persönliche Assistentin“, korrigierte ich und ergab mich einem Abend, den ich in der Hölle der Introvertierten verbringen würde – einer Cocktailparty. Danach, versprach ich mir, würde ich einen dieser kostenlosen Rundgänge mitmachen, die in der Stadt angeboten wurden. Es sollte doch welche geben, die nachts stattfanden. Vielleicht eine Geistertour … „Ich will nicht darauf herumreiten, aber ich denke, königliche Assistentinnen sollten hochnäsig und der Welt entrückt sein. Es ist Teil der Jobbeschreibung.“

Maggie ließ ein damenhaftes Schnauben vernehmen und fragte dann: „Wo sind die ganzen Taxis?“

„Ist es das, wonach du Ausschau gehalten hast?“ Ich schüttelte meinen Kopf und schubste sie ein bisschen in die Richtung der Adresse, die sie mir am Tag vorher mitgeteilt hatte. Ich hatte sie in der Bibliothek nachgeschlagen und auswendig gelernt. „Wir haben kein Geld für ein Taxi. Komm schon, es sind doch nur zwölf Häuserblöcke.“

„Zwölf Häuserblöcke!“ Sie schnappte nach Luft und schaute entsetzt drein, aber sie eilte mir nach, als ich ein ordentliches Tempo vorlegte. „Ich werde Blasen bekommen, wenn ich so weit laufen muss.“

„Sei nicht albern. Zwölf Häuserblöcke sind gar nichts an einem so schönen Abend wie diesem. Es hat abgekühlt und es sind sehr viele Leute auf den Straßen und … mhmm, riech nur die ganzen leckeren Gerüche aus den Restaurants. Du hast gesagt, auf der Party würde es auch etwas zu essen geben, richtig?“

„Natürlich wird es etwas zu essen geben, etwas Angemessenes für eine Cocktailparty. Kleine Häppchen von diesem und jenem, aber, Thyra, versprich mir, dass du keine riesigen Teller voll Häppchen herunterschlingen wirst.“

„Ich habe seit dem Morgen nichts mehr gegessen, also, wenn es etwas zu essen gibt, dann werde ich zuschlagen, aber ich verspreche, ich werde niemanden zusehen lassen, wie ich fresse wie ein Schwein.“

Sie plauderte fast für die gesamte Länge der zwölf Häuserblocks und erzählte mir, wie viel Spaß sie auf der Party haben würde, wie sehr sie es genießen würde, eine Prinzessin zu sein, und wenn ich mich nicht wohl fühlte, dann könnte ich ein stilles Eckchen finden, um mich hinzusetzen. Sie beendete ihre Ansprache mit der Ermahnung, dass ich einfach daran denken solle, dass diese Leute sehr beeindruckt davon sein würden, eine Prinzessin in ihrer Mitte zu haben.

Dabei verzog ich das Gesicht. „Vorausgesetzt, sie haben jemals von Sonderburg-Beck gehört, was bei den meisten Leuten auf der Welt nicht der Fall ist.“

Sie schlug mir wieder auf den Arm. „Das ist ein Titel, der völlig in Ordnung ist. Er ist nur ein bisschen …“

„Veraltet?“

„Nein.“

„Irrelevant?“

„Natürlich nicht.“

„Landlos, wertlos, unmöglich damit umzugehen?“

„Wer ist jetzt negativ eingestellt?“, fragte sie und schenkte mir ein schnelles Grinsen.

„Denk nur daran, wenn diese Party so exklusiv ist, wie man dir erzählt hat, dann kann es sein, dass es dort einige echte gekrönte Häupter gibt, wie einen dieser Prinzen aus dem mittleren Osten, die in all den Klatschzeitschriften zu sehen sind. Wenn du meinen Rat willst, halte dich fern von all denen, die wichtig aussehen“, ermahnte ich sie. „Oh, ich glaube, das Hotel ist im nächsten Häuserblock.“

„Verdammt“, sagte sie und blieb stehen, um sich aufzublasen. „Ich hasse es, einfach darauf zuzumarschieren. Schau dir die ganzen Limousinen und die teuren kleinen Sportautos an. Welche Art von Prinzessin kommt zu Fuß zu einem Hotel wie diesem?“

„Eine, die total abgebrannt ist.“ Ich warf einen Blick in eine Seitenstraße und mir fiel ein kleiner, weniger gut besuchter Eingang auf. „Lass uns den Seiteneingang nehmen. Auf diese Art und Weise werden wir im Hotel sein, bevor du deinen großen Auftritt hinlegst.“

„In Ordnung, aber ich wünschte wirklich, wir hätten ein Auto gehabt. Das Auftreten ist so wichtig.“

Ich brachte es fertig, dazu nichts zu sagen, aber es war knapp. Gerade, als ich auf den dunklen Eingang eines offensichtlich geschlossenen Geschäftes zusteuerte, tauchte plötzlich ein Mädchen von zehn oder elf Jahren auf und hielt einen großen Pappkarton in ihren Armen.

„Ich habe Sie sprechen hören. Sind Sie eine englische Dame?“, fragte sie mich, ihre Augen rot, als ob sie geweint hätte.

„Oh, hallo. Ja, ich lebe dort.“ Ich hoffte, Maggie würde Halt machen, um mir mit dem verzweifelten Kind zu helfen, aber sie marschierte weiter und hatte das Mädchen offensichtlich nicht bemerkt.

„Mögen Sie Katzen?“

Ich schaute ihren Pappkarton an.

„Äh … Sicher, aber …“

„Ich gebe Ihnen diese Katze. Papa sagt, Valentino muss verschwinden, aber er wird auf der Straße sterben. Leute aus England mögen Tiere, ich hab es im Fernsehen gesehen, das wir in der Schule geschaut haben. Nehmen Sie ihn. Ich liebe ihn. Vielleicht lieben Sie ihn ja auch?“

Ihre dunklen Augen füllten sich mit Tränen, die überliefen, und verursachten ein unangenehmes Prickeln in meinen eigenen Augen.

„Warte, ich kann keine Katze nehmen …“

„Er ist eine sehr gut erzogene Katze. Sie sehen aus wie eine nette Dame. Sie werden ihn lieben und ihn gut behandeln und dann wird er ein besseres Leben haben als mit mir, genau wie in den englischen Fernsehsendungen“, sagte sie mit einem herzzerreißenden Schluchzen, drehte sich um und rannte die Straße hinunter.

„Hey, ich kann nicht – ich bin nicht geeignet – ach verdammt.“

Niemand sonst war auf dieser Seite der Straße unterwegs, ganz sicher niemand, der aussah, als würde er ein geeignetes Zuhause für eine ungewollte Katze zur Verfügung stellen. Ich hob den Deckel des Kartons an, um einen orangefarbenen Kater zu sehen, der sich auf einer abgewetzten Decke mit Bugs-Bunny-Motiv darauf zusammengerollt hatte. Er hob den Kopf, um mir einen langen, nachdenklichen Blick zuzuwerfen. Ein schwarzer Punkt bedeckte ein gesamtes Ohr und breitete sich ein wenig auf seinem Kopf aus. Er trug ein Geschirr und in der Box waren auch eine Plastiktüte mit Trockenfutter, zwei kleine Dosen, die aussahen wie Thunfisch, und ein paar abgeliebte Spielsachen.

„Oh Gott“, sagte ich zu der Katze und mein Herz brach bei dem Gedanken, dass ein kleines Mädchen in Verzweiflung versucht hatte, ein Zuhause für ihren geliebten Kater zu finden. Dann dachte ich daran, was es bedeutete, sich richtig um eine Katze zu kümmern, und mein Herz brach noch ein bisschen mehr, weil ich wusste, dass ich das nicht fertigbringen würde. Ich hatte weder die Zeit noch die Lebensumstände noch das Geld. „Ich kann nicht, Valentino. Ich kann einfach nicht. Sag mir, dass du das verstehst.“

Die Katze stand auf, streckte sich und schnüffelte dann an meinen Fingern, die sich um das Loch im Karton geklammert hatten, bevor sie ihnen eine kleine Kopfnuss gab.

Mein Herz schmolz bei dieser Geste. Ich hatte immer eine Katze gewollt, konnte mir aber nie eine leisten … Und mit einer Kopfnuss von diesem seltsamen Katzenkopf war ich verloren und wir wussten es beide.

Trotzdem, wie sollte ich mir eine Katze leisten? Futter musste bezahlt werden und Katzenstreu und Besuche beim Tierarzt und Spielsachen. Ich verbrachte einen Moment damit, mir vorzustellen, wie ich die Katze in einem Tierheim in Athen abgab, und zuckte fast zusammen bei dem Blick in Valentinos Augen.

„Du hast keine Vorstellung davon, wie sehr du gerade mein Leben verkompliziert hast, Kleiner. Oh, hör auf, mich so anzusehen, als wäre ich ein Geizkragen. Ich nehme an, ich werde einfach Ramennudeln für einen Monat essen, aber du musst auch mithelfen. Du musst gesund bleiben und kein teures Futter verlangen“, erklärte ich ihm. „Ich hoffe, das Geschirr bedeutet, dass es dir nichts ausmacht, spazieren zu gehen, denn ich kann keinen Pappkarton mit auf eine Cocktailparty bringen, und ich kann dich sicher nicht irgendwo zurücklassen. Nicht, wenn du sowieso schon traumatisiert bist davon, dass du von deinem kleinen Mädchen getrennt bist.“

Der kleine Kater warf mir nur einen weiteren nachdenklichen Blick zu und blinzelte langsam mit den Augen.

„Was machst du da?“, rief Maggie, die Hände in die Hüften gestemmt, als ich hinter ihr hereilte. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich von Ungeduld zu Ungläubigkeit, als sie sah, was in dem Pappkarton war, den ich festhielt. „Eine Katze? Wo um Himmels willen hast du die her?“

„Es ist ein Kater. Ein kleines Mädchen hat ihn mir gegeben. Sie sagte, ihr Vater würde ihn aussetzen, und du siehst ja, wie die Leute hier Auto fahren. Das Kätzchen hätte keine fünf Minuten überlebt.“

Maggie gaffte mich an. „Machst du Witze? Laut der Website, die du mir vorgelesen hast, gibt es in Athen ein ganzes Viertel, das von Katzen bewohnt ist.“

„Ja, aber das ist nicht hier.“ Ich umklammerte die Box fester. Alle meine bisher unbekannten Beschützerinstinkte meldeten sich vehement zu Wort. Ich wäre verdammt, wenn ich etwas so Schäbiges täte wie diese arme Katze, die ein gebrochenes Herz hatte, zurückzulassen.

„Du kannst keine Katze halten!“, beharrte Maggie.

Valentinos und mein Blick trafen sich und wieder schmolz ich unter diesem Effekt dahin. „Warum nicht? Jede Menge Leute haben Katzen.“

„Wie willst du das deinen Mitbewohnern erklären?“, entgegnete sie und ich musste zugeben, dass sie Recht hatte.

„Ich weiß nicht, was ich sagen werde, aber ich kann ihn nicht hier zurücklassen. Das wäre unmenschlich.“ Ich konnte genauso stur sein wie sie.

„Er sieht gesund aus. Er wird alleine zurechtkommen.“ Sie drehte sich um und lief schnell in den Eingang des Hotels hinein.

Ich schaute wieder die Katze an, die sich eingerollt hatte, die Vorderfüße unter der Brust gekreuzt. „Sie hat Recht in dem Punkt, dass ich keine Ahnung habe, was ich mit dir machen werde, wenn ich nach Hause komme. Ich nehme nicht an, dass, wenn ich dich absetze, du hier ein Plätzchen findest, wo du leben kannst?“

Er blinzelte mich wieder an. Ich seufzte. Es gab keine weitere Auseinandersetzung und wir wussten das beide. „In Ordnung, aber wenn du mir auch nur das kleinste Problem machst, werde ich das nächste griechische Tierheim finden und dich da abgeben.“ Ich nahm ihn aus der Box und setzte ihn auf den Boden. Sein Schwanz ging nach oben, als er zuerst meine Füße beschnüffelte und dann die Fußmatte am Eingang des Hotels und dann zu mir aufschaute und eindeutig darauf wartete, dass ich die Türe öffnete.

„Bist du sicher? In Ordnung, aber es wird nirgendwohin gepinkelt.“ Mit dem Karton in der einen Hand und der Katzenleine um die andere gewickelt, öffnete ich die Tür und er schritt hinein, genauso ruhig, als hätte er das jeden Tag seines Lebens bisher getan. Maggie stand direkt hinter der Tür und beobachtete offensichtlich die Umgebung, um sicherzustellen, dass niemand gesehen hatte, wie sie zu Fuß ankam. Sie drehte sich um und sagte: „Die Luft ist rein – oh, um Gottes willen! Du kannst das doch nicht behalten!“

„Du willst, dass ich mich an die reiche Elite Athens anpasse“, sagte ich ihr, mein Kinn erhoben, und schob die Brille weiter die Nase hinauf. „Die haben alle Chihuahuas und Möpse und andere kleine Hunde, die sie in Handtaschen herumtragen.“

„Das ist Los Angeles und das ist kein Chihuahua, der in eine Teetasse passt. Egal. Wenn sich jemand beschwert, wirst du es loswerden müssen.“

Ich runzelte die Stirn, denn ich war nicht auf den hochmütigen Tonfall gefasst, den sie anschlug. Ich wusste, sie war nicht sonderlich begeistert von Katzen, aber das war kein Grund, um so herzlos zu dem armen obdachlosen Kätzchen zu sein. Ich ließ die Box mit all ihrem Inhalt beim Concierge zurück, der aussah, als wäre sie mit Fäkalien gefüllt, und eilte meiner Cousine hinterher.

„Denk dran“, sagte Maggie leise, als sie mit verführerischem Hüftwackeln den Flur hinunter ging, der zu verschiedenen Räumlichkeiten führte, in denen Veranstaltungen abgehalten wurden. „Diese Leute sind die Crème de la Crème. Erwähne nichts in Sachen Geld.“

„Oder den Mangel davon“, flüsterte ich Valentino zu. Sein Schwanz war am oberen Ende eingerollt, sodass er aussah wie ein Schäferstock. Mein Herz schmolz noch ein bisschen mehr, als er so gut erzogen neben mir herging.

„Vergiss nicht, jedem zu sagen, der fragt, dass du meine persönliche Assistentin bist und dass ich für die Zeitschrift Noblesse International arbeite. Wenn sie fragen, worüber ich hier schreibe, dann sagst du, dass du nichts erzählen darfst. Das sollte ihr Interesse anstacheln und vielleicht werden wir auf weitere Partys eingeladen.“

„Wir werden nur einige Tage hier sein“, erinnerte ich sie.

Sie hielt an der Tür inne, an der ein Schild hing, auf dem in Griechisch und Englisch zu lesen war: Kunststiftung Georgio.

„Ja, und ich erwarte, jede Minute zu nutzen, die wir hier sind, um wertvolle Kontakte zu knüpfen. Okay, Showtime! Oh, und denk daran, mich mit Ihre Königliche Hoheit anzusprechen.“

Ich war nah dran, zum dritten Mal die Augen zu rollen. „Ich weiß, Mags.“

Mit einem tiefen Atemzug riss sie die Tür auf und schritt langsam und mit übertriebenem Hüftschwung in den Saal.

Ich schaute Valentino an. Er schaute mich an. „Wenn wir das durchziehen wollen, dann sollten wir es mit Stil tun“, sagte ich, nahm ihn auf den Arm und klemmte ihn zwischen meine Seite und meinen Arm. Ich gab ihm einen Moment, um zu protestieren, aber er wickelte nur seinen Schwanz unter meinen Arm und nahm einen königlichen Gesichtsausdruck an.

„Das ist das, was ich meine.“ Ich nickte ihm zu und versuchte, mich anders zu bewegen als mein übliches Watscheln, zielte auf Raffinesse und Eleganz, die bei mir immer daneben gingen.

Der Saal war voll von der Art von Tischen, die man in Vinotheken sehen konnte, ohne Stühle, dekoriert mit Kerzen und eleganten Blumenarrangements. Etwa 120 Leute verteilten sich zwischen den Tischen, plauderten, lachten, riefen einander zu und taten generell das, was man allgemein unter Cocktailparty-Gehabe verstehen konnte. Sie hatten alle Formen, Farben und Größen, aber jeder einzelne der Herren trug einen Anzug, während die Damen in eleganten kurzen Cocktailkleidern lange, gebräunte Beine zur Schau stellten oder im Falle der älteren Damen, die offensichtlich nicht mehr so viel Haut zeigen wollten, seidene Stoffe trugen, die in einer leichten Brise um sie herumflatterten, die von den geöffneten Patio-Türen kam.

Vor mir hielt Maggie inne und warf sich in Pose. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, sie sei eine Fremde. „Also wirklich“, flüsterte ich dem Kater zu, „ich hatte keine Ahnung, dass sie eine so gute Schauspielerin ist.“

Valentino sah unbeeindruckt aus. Maggie hob eine Hand, um jemandem auf der anderen Seite des Saals zuzuwinken, während sie tirilierendes Gelächter hören ließ. „Siehst du jemanden, den du kennst?“, zischte ich hinter ihr und Panik machte sich in meinem Bauch breit. Sie hatte geschworen, dass sie keine Bekannten hätte, die sich hier unter die Leute mischten, aber meine größte Angst war, dass jemand unsere Täuschung offenlegen könnte.

„Nein, sei nicht albern. Ich lasse nur alle denken, dass das so wäre. Liebling!“ Sie lachte wieder und ging vorwärts, um mit einer Frau zu kollidieren, die anscheinend in ihren Sechzigern war und sich mit zwei Männern unterhielt. „Oh, das tut mir leid. Ich habe nur gerade einem alten Freund zugewunken, als meine persönliche Assistentin in mich hineingerasselt ist. Habe ich Sie verletzt? Nein? Ich bin so froh. Ich könnte mir nicht vergeben, wenn ihre Ungeschicklichkeit darin resultiert hätte, dass Sie verletzt wären. Aber Sie sehen vertraut aus. Haben wir uns auf Bunnys Party letztes Jahr getroffen?“

„Ich kenne niemanden, der Bunny heißt“, sagte die Frau mit einigem Misstrauen und beäugte zuerst Maggie, dann mich und schließlich den Kater. Sie schürzte ihre Lippen. „Und ich kenne Sie nicht.“

„Natürlich nicht und dann hätte meine persönliche Assistentin mich fast dazu gebracht, Sie zu überrennen. Thyra.“ Maggie gestikulierte in die Richtung der zwei Männer und der Frau, die offensichtlich ablehnend eingestellt war, und wartete darauf, dass ich meinen Teil unseres Plans durchzog.

Mein Magen verkrampfte sich und für einen Moment dachte ich daran, die ganze Sache auffliegen zu lassen, aber das Gewicht der Katze auf meinem Arm erinnerte mich daran, dass ich das Geld unbedingt brauchte, das für den Artikel ausgesetzt war. Ich würde bei meinen Mitbewohnern meine Mietschulden begleichen können und ich könnte ein wenig in meinen nicht existierenden Sparplan stecken. Ich wäre in der Lage, Futter und Katzenstreu für die Katze zu bezahlen. Ich könnte vielleicht sogar woanders einkaufen als in Secondhandläden. Und überhaupt könnte ich mein Anliegen in Beck vortragen.

„Guten Abend. Darf ich Ihnen Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Juliane von Sonderburg-Beck vorstellen“, murmelte ich und mit einem Blick auf Maggie, von dem ich hoffte, dass er jede Menge sagen würde, trat ich zurück. Die beiden Männer – einer war älter, der andere wahrscheinlich in seinen frühen Fünfzigern – murmelten höflich und küssten ihr die Hand.

Maggie lächelte verführerisch den Jüngeren an, der ihr etwas ins Ohr flüsterte, was sie dazu brachte, ihren Kopf nach hinten zu werfen und wieder tirilierendes Lachen hören zu lassen.

„Oh, du lieber Himmel“, murmelte ich dem Kater zu. Mit einem schnellen Blick durch den Raum eilte ich dort hinüber, wo ich die Kellner auftauchen sah, die durch eine Tür Tabletts brachten, die mit Häppchen beladen waren. Mein Mund füllte sich mit Speichel in dem Moment, als mein Magen vernehmlich zu knurren anfing.

Ein Kellner hielt inne, ein gutaussehender, dunkeläugiger Casanova in einem einfachen weißen Hemd und mit schwarzen Hosen, um mir eine Champagner-Flöte anzubieten. „Nein, vielen Dank“, murmelte ich und brachte Valentino in Position, sodass er den Kellner anstarren konnte, als er versuchte, mir in mein Kleid zu spähen. Als Besitzerin von substantieller Oberweite war es mir nichts Neues, wenn Männer das versuchten, was der Grund war, warum das alte Kleid meiner Mutter so perfekt war. Es ließ meine Schultern frei, aber der Gummizug über der Brust machte es fast narrensicher vor ungewollten Blicken.

Ich erspähte einen freien Tisch, auf dem ein Tablett mit Snacks stand, nahe des Eingangs für die Kellner, und eilte hinüber, all das Geplauder um mich herum ignorierend. „Lecker, Valentino. Die sehen wirklich verführerisch aus. Ich hoffe, dass niemand auf sie drauf geniest oder sonst irgendetwas gemacht hat, um sie aus dem Rennen zu nehmen.“ Ich untersuchte die Häppchen sorgfältig, aber sie sahen aus, als seien sie in Ordnung, und ich verschluckte hastig drei Phyllo-Röhrchen, die mit Ziegenkäse und Kräutern gefüllt waren, und stöhnte leise bei mir. „Oh Himmel, davon könnte ich ein ganzes Tablett essen. Aber ich sollte wahrscheinlich auch etwas suchen, was du essen kannst. Lass mal sehen … Das sieht scharf aus.“ Ich probierte eine kleine Samosa und murmelte mit vollem Mund: „Jep, scharf. Das sieht aus wie eine Schildkröte. Lass uns das Fleisch rausmachen und schauen, ob es dir schmeckt.“

Valentino, der hochmütiges Interesse zur Schau gestellt hatte, als ich angefangen hatte, mich vollzustopfen, schnüffelte an dem kleinen Klecks, von dem ich annahm, dass es Lamm war, bevor er es von meinen Fingern leckte. Mit einem schnellen Blick um mich herum nahm ich den Teller und trug ihn hinüber zu ein paar Stühlen, die offensichtlich in einer Ecke vergessen worden waren. Die Ecke war teilweise von einer Tür verdeckt, die zu den Tiefen des Hotels führte, was für meine Zwecke gerade richtig war. Ich drehte den Rücken zum Raum und nahm schnell das Fleisch von drei weiteren Häppchen herunter, um es an den Kater zu verfüttern.

Ein kurzer Windstoß brachte den Rock dazu, um mich herum zu flattern, und wurde gefolgt von einem Rippenstoß, der mich gegen die Wand beförderte. „Verdammt noch mal!“ Ich stieß mir den Kopf an der Rückenlehne eines der Stühle, als ich in sie hineinstolperte, und hielt den Kater an meiner Seite, damit er nicht zerdrückt wurde, als ich halb auf den Stuhl fiel.

„Himmel! Das tut mir leid, ich habe Sie nicht hinter der Tür stehen sehen – sind Sie verletzt?“

Ich rutschte von dem Stuhl auf den Boden und nutzte meine Hand, um mir die Stirn zu reiben, während ich Valentino absetzte und seine Leine festhielt. „Nicht ernsthaft, nein. Und es ist nicht Ihre Schuld. Ich sollte nicht hier sein. Ich habe gerade den Kater gefüttert … äh …“ Ich schaute auf, als der Mann, der gesprochen hatte, neben mir in die Hocke ging, und die Worte vertrockneten auf meiner Zunge, als ich ihn ansah. Er sah aus, als sei er Ende dreißig, und hatte kurze, dunkle Locken und olivgrüne Augen und er hätte sehr leicht die Titelseite der Zeitschrift zieren können, für die ich versprochen hatte, das Interview mit einem begehrenswerten Junggesellen durchzuführen. Seine Wangenknochen waren gerade so hoch, dass sein Kiefer zu einem leicht kantigen Kinn auslief – genau auf die Art, dass mir zuerst heiß und dann kalt wurde.

„Ihren Kater?“, beendete er meinen Satz und lächelte, als er Valentino kurz über den Kopf streichelte. Valentino beäugte ihn mit seinen gelben Augen für ein paar Sekunden, kam dann herüber und beschnüffelte vorsichtig seine Schuhe.

Ich starrte den gutaussehenden Mann ein paar Sekunden an und meine Aufmerksamkeit wurde von zwei Vertiefungen gefesselt, die auf beiden Seiten seiner Wange sichtbar wurden, wenn er lächelte. Es waren nicht genau Grübchen, aber sie waren süß genug, um mich daran zu erinnern, dass ich keinen Kellner anstarren sollte.

„Meinen was? Oh, Valentino. Ja, er gehört nun wohl zu mir. Ein kleines Mädchen hat ihn mir draußen vor dem Hotel gegeben“, sagte ich und versuchte mich so weit unter Kontrolle zu bringen, dass der Mann mir aufhelfen konnte. Ich stand auf, wischte über meinen Spitzenrock und hoffte, dass der Reifrock, den ich darunter trug, um ihn in Form zu halten, nicht in meiner Unterwäsche steckte oder sonst irgendetwas Peinliches. „Ich wollte ihm gerade ein bisschen Fleisch geben. Ich glaube, er hat Hunger.“

Der Mann schaute zuerst den Kater an, dann mich. „Jemand hat ihn Ihnen gegeben?“

„Ein kleines Mädchen. Es war herzzerreißend, aber ich schätze, er ist nun in meiner Verantwortung.“

„Wie rücksichtsvoll von Ihnen. Sie haben die erstaunlichsten Augen, die ich jemals gesehen habe.“

Ich war ein bisschen überrascht von diesem abrupten Themenwechsel, aber als ich wieder den Kiefer und die Fast-Grübchen des Mannes anstarrte, dämmerte mir, dass ich mich wohl kaum beschweren konnte. „Habe ich?“

„Sie sind bernsteinfarben. Ich habe noch nie bernsteinfarbene Augen gesehen. Und nun habe ich Sie beleidigt.“ Er lächelte wieder und ich hatte das Gefühl, als ob die Klimaanlage ein paar Grad kühler eingestellt werden müsste.

„Haben Sie wirklich nicht, obwohl ich immer gedacht habe, dass meine Augen ein langweiliges hellbraun wären. Ihre sind auch sehr schön. Sie sind ein wenig olivgrün.“

„Das habe ich meiner Mutter zu verdanken. Sie war Irin. Sind sie zufälligerweise Amerikanerin?“

Valentino versuchte, die Schuhe des Mannes zu beschnuppern, und hüpfte auf einen Stuhl, um das Tablett mit den Häppchen zu begutachten. Ich zog ihn zurück und gab ihm das letzte bisschen Fleisch. „Nein, obwohl ich in Ottawa aufgewachsen bin. Zumindest, bis meine Eltern starben.“

„Aha, das würde erklären, warum Sie sich anhören wie die Frauen meiner Cousins.“ Er lächelte wieder und hielt mir eine Hand hin. „Ich bin Dmitri.“

„Hallo Dmitri. Ich heiße Thyra. Und das ist Valentino.“

„So sieht er auch aus. Äh … Teer-ah?“ fragte er und schaute zögerlich drein, als er vorsichtig meinen Namen aussprach.

„Ja, das ist ein sonderbarer Name, nicht wahr?“ Ich buchstabierte ihn für ihn. „Es ist ein Name, der in unserer Familie schon Tradition hat. Meine Eltern bestanden darauf, dass ich ihn trage. Ich habe tatsächlich vier weitere Vornamen, aber das ist der beste von allen, also könnte es schlimmer sein.“

Er lachte. „Mein Vater bestand darauf, dass ich nach ihm benannt würde, also kann ich das verstehen. Glücklicherweise lässt mich meine Familie Dmitri benutzen – meinen zweiten Namen. Nachdem ich Sie nun fast mit der Tür erschlagen hätte und wir die Namensgeheimnisse ausgetauscht haben, denke ich, dass wir zu dem Punkt vordringen könnten, an dem ich Sie frage, ob Sie etwas zu trinken möchten. Vielleicht etwas für den Kater? Ein Glas Wein? Eine Schüssel mit Wasser? Ein Stück Papier, sodass ich Ihnen meine Nummer geben kann?“

Ich starrte ihn für einen Moment an. „Sind Sie verrückt?“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte er und seine Wangen zeigten die Beinahe-Grübchen schon wieder.

„Nur ein Moment … Ich muss das nur wissen, denn das passiert mir nicht sehr oft … Flirten Sie mit mir? Oh Gott. Sie haben nicht mit mir geflirtet, nicht wahr? Sie waren einfach nur witzig und weil ich Ihre Augen mag und Sie diese Fast-Grübchen haben, dachte ich mir, Sie würden mit mir flirten, aber das haben Sie nicht, und jetzt will ich einfach nur sterben. Und jetzt redet mein Mund einfach weiter und erzählt all die Dinge, die ich denke. Argh! Bitte gehen Sie weg, damit ich vor Scham hier in dieser Ecke ganz alleine sterben kann. Naja, mit Valentino, denn er hat sonst niemanden, der sich um ihn kümmert.“

„Ich habe definitiv mit Ihnen geflirtet“, antwortete er und sein Lächeln wurde zu einem ausgewachsenen Grinsen. Mir gefiel, was das mit seinem Gesicht machte. Es sorgte dafür, dass kleine Lachfältchen sich von seinen Augenwinkeln aus entfalteten. „Obwohl ich in Zweifel ziehe, dass das nicht so häufig passiert.“

„Ich bin klein, trage eine Brille und bin vermutlich die introvertierteste, sozial unbeholfenste Person, die Ihnen je begegnen wird“, sagte ich und warf ihm ein schiefes Lächeln zu. „Glauben Sie mir, Männer werfen mir nicht oft einen zweiten Blick zu.“ Ich zögerte, wollte ihn nicht anlügen. Er schien so nett, so freundlich, dass es einfach falsch war. „Keine, die keine Hintergedanken haben.“

Er schwieg für einen Moment. „Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich will Ihnen sehr gerne ein Kompliment machen und Ihnen sagen, dass Sie nicht klein sind, dass Ihre Brille sehr charmant wirkt und dass ich nicht den Eindruck habe, dass Sie sozial unbeholfen sind oder etwas in der Art, aber ich nehme an, dass Sie das nicht so aufnehmen würden, wie es gemeint war, also frage ich Sie einfach, ob Sie mir Ihre Nummer geben würden, damit wir diese Unterhaltung ein andermal fortsetzen können. Vielleicht morgen? Vielleicht bei einem Kaffee? Mittagessen?“

„Das würde mir gefallen“, sagte ich, bevor ich mich daran erinnerte, dass ich es mir nicht leisten konnte, Geld für Mahlzeiten auszugeben. Und außerdem gab es noch das Interview. Wir sollten den griechischen Playboy am nächsten Abend treffen. Jedoch … Nach einem Moment des Nachdenkens entschied ich mich, in Anbetracht von Maggies Haltung, dass mir auch ein bisschen Spaß zustand, bevor ich wieder nach ihrer Pfeife tanzen würde für das Interview. „Ich hatte aber vor, morgen etwas zu besichtigen. Ich habe nur ein paar Tage in Athen und ich will wirklich alles sehen.“

„Das passt perfekt!“, sagte er mit einem weiteren Lachfältchen-Fast-Grübchen-Lächeln. Etwas in mir fühlte sich mädchenhaft und kieksig an, ein Blitz von Aufregung durchzuckte mich trotz der Unbeholfenheit auf der Party.

„Ich bin berühmt dafür, dass ich gut durch Athen führen kann, wenn Sie mich als Touristenführer haben wollen.“

Ich schaute auf die Tür hinter ihm, die sich öffnete, damit zwei weitere Kellner mit Tabletts mit frischen Häppchen erscheinen konnten. „Das wäre großartig. Wenn Sie wirklich frei haben?“

„Ich glaube, das lässt sich arrangieren.“ Er zückte sein Handy. „Wollen Sie mir Ihre Nummer geben?“

Ich schüttelte den Kopf „Ich habe kein Handy. Aber wenn Sie mir Ihre Nummer geben, dann kann ich mir das Telefon meiner Cousine leihen.“

Er zögerte, hielt aber sein Handy hoch, damit ich die Telefon-Infos ablesen konnte. „Ich schreibe es Ihnen auf.“

„Nein, das ist nicht nötig. Mein Bruder und ich haben dieses seltsame Talent mit Zahlen – er kann verrückte Matheprobleme im Kopf lösen und ich kann eine Serie von Zahlen memorieren.“

„Das muss er praktisch sein. Ist Ihr Bruder hier in Athen?“

„Nein, er ist ein Kriminalermittler in Schottland“, sagte ich und zuckte ein bisschen zusammen beim Stolz in meiner Stimme. „Entschuldigung, das hörte sich selbstgerecht an, nicht wahr? Ich wollte nicht implizieren, dass sein Job besser ist als der anderer Leute, obwohl ich sehr stolz auf ihn bin. Er ist … glücklich.“

„Sie sind es nicht?“ Das Lachen verschwand aus seinen grünen Augen.

Ich zögerte, zerrissen zwischen den Optionen, diesem gutaussehenden Fremden alles zu erzählen und gleichzeitig zu wissen, dass er gute Umgangsformen hatte und ich ihn mochte, aber es nicht klug war, meine Seele zu offenbaren, wenn ich nichts von ihm wusste. „Mein Leben ist ein bisschen kompliziert im Moment.“

„Dann hoffe ich, dass die Besichtigung von Athen Ihnen morgen Vergnügen macht“, sagte er und streichelte Valentino wieder über den Kopf. „In welchem Hotel übernachten Sie? Ich kann Sie dort treffen … Sagen wir um neun?“

„Äh …“, ich dachte schnell nach. Ich hätte ihm fast erzählt, dass ich in diesem Hotel übernachtete, aber ich wollte ihn nicht anlügen. „Es ist sehr klein, Sie werden es wahrscheinlich nicht kennen. Wie wäre es, wenn wir uns hier treffen?“

„Wie Sie möchten“, antwortete er und seine Stimme war glatt, aber ich fühlte, dass er sich mir gerade ein bisschen verschlossen hatte. Ich realisierte mit plötzlichem schlechtem Gewissen, dass er wahrscheinlich dachte, dass ich ihm nicht traute, und bevor ich mir eine Art Entschuldigung ausdenken konnte, um ihm den Hotelnamen nicht verraten zu müssen, fügte er hinzu: „Ich sollte zurückgehen. Es tut mir leid, dass ich in Sie hineingelaufen bin, aber es hatte auch etwas Gutes: So bin ich Ihnen begegne. Ich freue mich darauf, Sie morgen zu sehen.“

„Gleichfalls“, sagte ich lahm und fühlte mich gleich noch ein bisschen unbeholfener, als er mir zunickte und dann in den Saal ging, wahrscheinlich, um irgendwelche leeren Gläser einzusammeln, die auf Tischen zurückgelassen worden waren.

Es war, als wäre die Sonne hinter einer Wolke verschwunden, und meine Freude war ein bisschen getrübt. Ich wollte dringend verschwinden, damit ich mich hinsetzen und über Dmitri nachdenken konnte und mich an die Wärme in seinen Augen erinnern konnte, wenn er lächelte, aber ich wusste, dass Maggie erwartete, dass ich auf Abruf für sie zur Verfügung stehen würde, wie es einer Prinzessin zukam.

„Ach, verdammt“, sagte ich nach einigen Momenten von innerem Kampf und machte mich auf die Suche nach ihr. Ich fand sie in der Mitte des Saals umgeben von Leuten, ihr Gesicht leuchtete vor Freude. Das Vergnügen in ihren Augen versetzte mir ein schlechtes Gewissen in der Magengegend, aber ich konnte nun nichts mehr gegen meine Reue tun.

„Kann ich ein Wort mit dir wechseln?“, fragte ich leise, als Valentino und ich es geschafft hatten, ein paar Männer in teuren Anzügen aus dem Weg zu schubsen, um an ihre Seite zu kommen.

Maggie warf mir einen Blick zu, aus dem die Warnung nur so tropfte. „Jemand am Telefon für mich?“, fragte sie und ließ wieder ein tirilierendes Lachen hören, dann sagte sie mit einem breiten Lächeln zu dem Kreis von Männern und Frauen, die offensichtlich an jedem ihrer Worte hingen: „Wenn es nicht seine Königliche Hoheit ist – mein Bruder, der Kronprinz, wissen Sie – dann will ich nicht gestört werden.“

Ich knirschte mit den Zähnen für einige Sekunden und schaffte es, mir all das zu verkneifen, was ich sagen wollte, um ihr ins Ohr zu murmeln: „Ich bin hier fertig.“

„Thyra, nein!“ In ihren Augen war eine Bitte zu lesen, die mich wie einen Schuft fühlen ließ. „Du kannst jetzt nicht aufhören. Ich habe gerade erst losgelegt und du hast gesagt, wir haben mehrere Tage. Es ist unfair von dir zu erwarten, dass ich jetzt gehe, wenn ich doch so viel Spaß habe!“

„Ich denke nicht, dass du auch gehen musst. Ich nehme den Kater und kaufe ihm ein Katzenklo und ein bisschen Futter und dann gehen wir zurück zum Hotel. Du brauchst mich hier nicht. Denk bloß bitte an Beck und tu nichts, was ihnen gefallen würde.“

Sie warf mir ein strahlendes Lächeln zu, das die halbe Stadt hätte erleuchten können. „Ich werde nichts tun, was du nicht auch tun würdest“, antwortete sie, bevor sie sich der Gruppe von schönen Menschen wieder zuwandte. „Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Thyra ist eine hervorragende persönliche Assistentin, aber so launig. Ich glaube, sie ist einfach ein bisschen überwältigt.“

„Oh ja“, sagte ich leise und hob den Kater etwas höher, als ich aus dem Saal marschierte, und mein Temperament gewann den Kampf. „Ich bin so überwältigt davon, dass du vorgibst, ich zu sein. Wie um Himmels willen werde ich das vier weitere Tage aushalten, Valentino? Wie werde ich das überstehen, ohne zu platzen oder Maggie anzuschreien, damit aufzuhören so zu tun, als sei sie so viel besser als alle anderen? Was, wenn Beck davon erfährt, wie sie sich benimmt, und das nur Öl auf das Feuer gießt, das Kardom versucht anzuzünden?“

Der Kater hatte keine Antwort. Ich seufzte, fühlte eine Seelenverwandtschaft in dieser Hinsicht und brachte uns beide aus dem Hotel, bevor es zu spät wurde, um ein Tierfachgeschäft zu besuchen.