Leseprobe New York Passion

Prolog

Er ließ die Fingerspitzen federleicht über ihre nackte Haut gleiten, die im Leuchten der Stadt golden glänzte. Mit einem wohligen Laut, der wie das Schnurren einer Katze klang, bog sie sich ihm entgegen. Er umkreiste zärtlich ihre Brustwarzen, die sich unter dieser Berührung sofort verhärteten und sich im verlangend entgegenstreckten. Dann senkte er den Kopf und umschloss eine Spitze mit seinen warmen, weichen Lippen, um daran zu saugen.

Natascha hatte das Gefühl, als würden kleine Stromschläge durch ihren Körper fließen, die sich prickelnd über ihre Haut ausbreiteten. Ein lustvoller Schauer ließ sie erzittern. Sein Saugen wurde heftiger, sodass sie vor Verlangen aufkeuchte und ihre Finger in seine Schultern krallte. Hitze breitete sich in ihr aus, die ihr pulsierend zwischen ihre Schenkel strömte.

Als er seine Lippen von ihr löste, spürte sie die kühle Luft über ihre Brustwarze streichen, und erschauerte erneut.

»Weißt du eigentlich, wie herrlich weich sich deine Haut anfühlt und wie gut du schmeckst?« Seine Stimme klang heiser vor Erregung und sein warmer Atem strich über ihre Haut. »Ich kann nicht genug von dir bekommen.«

Wieder ließ er seine Fingerspitzen an ihr hinabgleiten, über ihren Bauch bis zu ihren Schenkeln, die sich wie von selbst unter seiner Berührung öffneten. Natascha konnte sein leises Lachen hören. »Dein Körper weiß schon vor dir, was er will.«

Federleicht glitt er mit der Fingerspitze über ihre Spalte und ließ sie mit sanftem Druck über den Kitzler reiben.

Sie schloss die Augen und genoss die Empfindungen, die er in ihr auslöste. Sie hörte, wie er nach unten rutschte, und wenig später legte er seine warmen, feuchten Lippen um ihren Lustpunkt, die gleich darauf seiner Zungenspitze Platz machten. Sein genussvolles Aufseufzen löste ein wohliges Glücksgefühl in ihr aus, das jedoch sofort von Schauern der Lust abgelöst wurde.

Er leckte sie mit einer Hingabe, die einen Vulkan in ihr entfachte. Ihr ganzer Unterleib zog sich vor Erregung zusammen, und die pochende Hitze, die sich in ihr ausbreitete, war fast nicht mehr zu ertragen. Als er mit der Zunge in sie eindrang, um dort ihren Tanz fortzuführen, keuchte sie auf. Ihre Finger krallten sich in sein Haar. Mit einem Aufschrei bog sie ihren Rücken durch, und der Orgasmus durchfuhr sie so heftig, dass ihr ganzer Unterleib pulsierend zuckte und bebte. Anschließend breitete sich eine angenehme Trägheit in ihr aus.

Natascha spürte, wie er sich neben sie legte und sie in seine Arme zog. Zärtlich strich er ihr die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht, dann breitete er eine dünne Decke über sie beide aus.

»Aber was ist mit dir?« Natascha blickte fragend zu ihm auf.

»Heute wollte ich nur dich verwöhnen, Baby.« Er legte ihr den Zeigefinger unters Kinn und drehte es ein wenig in seine Richtung. Sie roch seinen Duft, den sie so sehr liebte, diese Mischung aus Zedernholz und seinem eigenen Körpergeruch. Dann spürte sie seine warmen Lippen weich auf den ihren, die sie zärtlich liebkosten. Er erforschte knabbernd und saugend ihren Mund – es war, als würde er immer wieder aufs Neue von ihr kosten. Als er sich wieder von ihr löste, bettete er ihren Kopf an seine Schulter und zog sie fest an sich, als wollte er sie nie wieder loslassen.

Mit einem Mal stiegen Tränen in ihr auf, die sich in den Augenwinkeln sammelten, um schließlich langsam über ihre Wangen zu laufen. Tränen des Glücks. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. Sie hatte das Gefühl, vor Glück überzufließen, als sei ihr Körper zu klein und als würde ihr Herz vor Freude zerspringen.

Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sie geglaubt, dass sie sich niemals wieder frei und gleichzeitig geborgen fühlen würde. Und doch war sie jetzt hier, in New York, und lag in den Armen des Mannes, der sie so liebte, wie sie war.

Neue Pfade

1

Ein Jahr zuvor, Baden bei Wien

Natascha saß heulend am Rand der Badewanne und fuhr sich durch das Haar. Sie zwirbelte sich eine Strähne um den Finger, die von den Tränen bereits tiefschwarz glänzte. Sie hatte sich ins Badezimmer geflüchtet, weil sie den Anblick ihres Mannes nicht mehr hatte ertragen können. Wie er teilnahmslos auf der Ledercouch lag und sie mit glasigen Augen ansah. Umgeben von einem Meer aus leeren Flaschen – Schnaps, Bier, Wein, die gesamte Palette. Von dem penetranten Geruch nach Alkohol, der wie eine Dunstglocke im Wohnzimmer hing, war ihr speiübel geworden. Ging das jetzt schon wieder von vorne los? Hatte das denn nie ein Ende?

Vor zwei Monaten hatte sie ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert. Das Fest ergab sich spontan. Sie versuchte Spaß zu haben und war schließlich völlig überdreht gewesen. An diesem Tag hatte sie den Gedanken an ihr ganzes Elend weit von sich geschoben. Es zählten nur die Musik und ihr Tanz, das Gefühl der Verbundenheit, wie ihr Herzschlag im Takt des Beats klopfte. Der Moment des Glücks, das in ihr aufstieg, dieses herrliche Kribbeln, ließ sie immer wilder werden. Völlig ausgelassen hatte sie bis zur Erschöpfung getanzt. Im Verdrängen war sie schließlich Weltmeister.

Natascha lachte bitter auf und verzog entmutigt die Mundwinkel. Sie beugte sich vor, riss ein Stück Klopapier von der Rolle ab und schnäuzte geräuschvoll hinein. Ihr Blick fiel dabei in den Spiegel. Ihr ebenmäßiges schmales Gesicht war von Flecken überzogen, ihre sonst so strahlend grünen Augen waren rot und aufgequollen. Dreißig! Das bedeutete, dass sie seit fast zehn Jahren in diesem Sumpf steckte. Ein neuerliches Aufschluchzen ließ sie erbeben.

Sie konnte nicht mehr. Sie konnte einfach nicht mehr mit ansehen, wie er sich zu Tode soff und all ihre Träume von einem glücklichen Leben dabei mitnahm. Warum war sie nicht schon längst gegangen? Was hielt sie solange bei ihm?

Nagte das Gefühl an ihr, mitschuldig zu sein? Versagt zu haben, da alle ihre Anstrengungen vergebens waren? Oder war es die Angst, das Haus zu verlieren, an dem ihr Herz hing, und auf dem noch jede Menge Schulden lasteten?

Scheißegal, was es für Gründe waren, sie hatte das Gefühl, innerlich tot zu sein – und das schon seit Jahren. Das war nicht das Leben, das sie sich gewünscht hatte. Und doch war sie schleichend hineingeraten.

Anfangs waren es ab und zu am Wochenende einige Bier zu viel gewesen. Das hatte sich dann über die Jahre langsam zu dem jetzigen Desaster gesteigert. Tagelanges Komatrinken. Tage, an denen er Urlaub nehmen musste oder krankgeschrieben war. So hatten sie es bisher geschafft, es vor allen zu verheimlichen. Vor seiner Firma und ihren Freunden, sogar vor ihrer Familie. Ihr Mann hatte keine Familie mehr. Er war ein Einzelkind und seine Eltern waren schon vor Jahren bei einem Autounfall gestorben.

Ihren Bruder und ihre Schwester wollte sie nicht mit diesem Problem belasten. Steven waren momentan nur zwei Sachen wichtig: der Spaß mit seinen Freunden und dass er genug zu essen bekam. Trotzdem hatte er seinen Geschwistern gegenüber einen ausgesprochenen Beschützerinstinkt, obwohl er gerade mal zwanzig war. Vanessa, ihre 19-jährige Schwester, war extrem mitfühlend und würde sich große Sorgen um sie machen. Die Einmischung und Sorge der beiden würde sie momentan nicht auch noch zusätzlich aushalten.

Außerdem schämte sie sich für ihr Versagen. Dafür, dass sie ihn nicht vom Alkohol wegbrachte, ihn sogar noch unterstützte, weil sie ihm half, es zu vertuschen. Sie entsorgte stillschweigend die leeren Flaschen, rief in der Firma an, um ihn zu entschuldigen, und holte vom Arzt die Krankmeldung, wenn er selbst dazu nicht mehr in der Lage war. Niemand sollte wissen, dass er trank. Es war bequemer, den Deckmantel des Schweigens darüber zu halten. Nach außen hin hielten sie beide die Fassade des glücklichen Ehepaares aufrecht. Aber glücklich waren sie schon lange nicht mehr.

In den längeren Perioden, in denen er nicht trank und das Leben normal weiterging, war jedes Mal erneut ein Hoffnungsschimmer in ihr aufgekeimt. Würde er es diesmal endlich schaffen? Doch dann war das Pflänzchen Hoffnung mit dem nächsten Glas Schnaps abermals niedergewalzt worden.

Natascha hielt sich den schmerzenden Kopf. Durch die Heulerei hatte sie das Gefühl, er würde gleich platzen.

Jedes Mal, wenn sie in ihrer Not den Krankenwagen gerufen hatte, um ihn in die Entzugsanstalt einliefern zu lassen, warf er ihr nachträglich vor, ihn im Stich gelassen zu haben. Was bitte schön sollte sie denn sonst tun? Ihn verrecken lassen? Viel fehlte nie. Er hatte keine Ahnung, was sie jedes Mal durchmachte. Welche Sorgen und Ängste sie dabei quälten. Wie hilflos sie sich fühlte, so alleingelassen.

Alles drehte sich stets nur um ihn und seine Probleme. Wie oft sie versucht hatte, mit ihm darüber zu sprechen. Doch er schaffte es jedes Mal, ihr das Gefühl zu geben, Ursache seiner Trinkerei zu sein. Weil sie ihr Leben meisterte, während er Angst vor der Verantwortung für sein Tun hatte, Angst, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, Angst, zu seiner Sucht zu stehen.

Sie hatte das Gefühl, in dieser Beziehung zu ersticken. Als würde sich eine eiskalte Hand um ihre Kehle legen und langsam zudrücken. Das Empfinden der eigenen Wertlosigkeit ließ sie verzweifeln. Sie steckte eingemauert in einer Betonschicht, die keine eigenen Wünsche mehr zuließ. Zum Glück hatten sie keine Kinder. Bei dem Gedanken rann ihr ein eiskalter Schauder über den Rücken.

Niemand ahnte etwas, niemandem vertraute sie sich an. Gott, wie schämte sie sich für ihre Lebenssituation, für ihre private Hilflosigkeit, die in so krassem Gegensatz zu ihrem beruflichen Erfolg als Sozialarbeiterin stand. Während sie in ihrem Beruf erfolgreich war, versagte sie bei ihrem Mann gänzlich. Sie zog sich immer mehr zurück, hatte den Kontakt zu ihren Freunden fast völlig abgebrochen und war daher ganz überrascht gewesen, als so viele zu ihrer Geburtstagsfeier erschienen waren.

Sie schnäuzte sich so heftig, dass ihr die Ohren klingelten.

Wie verliebt waren sie doch im ersten Jahr gewesen … Voller Stolz hatten sie beim Aufbau des Fertigteilhauses zugesehen, Hand in Hand.

Nein, mit Liebe hatte ihre Beziehung nichts mehr zu tun, eher mit Mitleid. Jetzt ertrug sie nicht einmal mehr seine Berührungen. Keine Ahnung, wie lange sie schon keinen Sex mehr gehabt hatte. Drei Jahre? Vier? Mit einem Partner, der immer wieder stank wie eine Schnapsbrennerei? Allein bei dem Gedanken daran stieg erneut ein Brechreiz in ihr hoch, der ihr den kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Sie umklammerte so fest den Rand der Badewanne, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Ihre eigenen Bedürfnisse packte sie unter eine zentimeterdicke Betonschicht, Tag für Tag.

Natascha stand auf und schaute aus dem Badezimmerfenster. Nebelschwaden hingen tief zwischen den Häusern am Stadtrand von Baden bei Wien. Der Winter war nicht mehr weit. Die düstere Landschaft vor ihr passte genau zu ihrer Stimmung. Es sah nicht so aus, als würde sich der Nebel bald lichten.

Natascha wandte sich mit hängenden Schultern der Tür zu. Sie konnte sich nicht ewig hier drinnen verstecken.

2

Drei Monate später, Baden bei Wien

Die Sonne brannte mit aller Kraft vom strahlendblauen Himmel herab. Obwohl es erst Anfang Juli war, kündigte sich bereits einer der heißesten Sommer seit Jahren an. Die Landschaft lag still und verlassen da, die Hitze flimmerte. Ein Specht trommelte laut hörbar in unmittelbarer Nähe. Ab und zu ließ ein warmer Wind die Blätter der Birken leise rascheln. Der Duft des Sommerflieders aus den umliegenden Gärten lag schwer und betörend in der Luft.

Natascha ließ sich von den knapp dreißig Grad nicht abschrecken, ganz im Gegenteil. Sie genoss die Sonnenstrahlen auf der Haut. Die Wärme hüllte sie ein und schenkte ihr Geborgenheit. Wie beinahe jeden Tag war sie auf ihrer Wanderung durch den Kurpark. Heute ging es erneut zur Theresienwarte. Diese lag am Südostrand des Wienerwalds und bot einen guten Blick auf Baden und das südliche Wiener Becken. In der Ferne konnte man sogar den Schneeberg sehen. Während dieser Spaziergänge konnte sie in Ruhe nachdenken, Gedanken zulassen, vor denen sie sich daheim verschloss.

Auf der Aussichtsplattform stützte sie sich mit den Ellbogen auf dem Geländer ab und sah gedankenverloren auf Baden herab.

Im Januar war sie in der Firma zusammengebrochen – die Betonschicht zwischen Kopf und Seele hatte einen Riss bekommen und war explodiert wie ein Druckkochtopf. Zu lange hatte sie darunter ihre Gefühle und Bedürfnisse begraben.

Die Diagnose war mehr als eindeutig: Burnout. Krankschreibung, Verordnung einer wöchentlichen Psychotherapie und Serotonin als Antidepressiva. Seit dem Tag, an dem sie den Befund erhalten hatte, hatte sie sich völlig abgekapselt, nichts interessierte sie mehr, weder ihr Umfeld noch ihr Äußeres. Sie ließ das Handy klingeln, ohne ranzugehen, der Staub blieb liegen, ihr heißgeliebter Garten verwahrloste und sie lief tagelang in den gleichen Klamotten herum, was zuvor ein absolutes No-Go gewesen wäre.

Sie verbrachte Stunden mit ihrem Laptop, spielte Computerspiele und lebte in einer anderen Welt. Hier spielte sie die Hauptrolle, hier baute sie sich ihr kleines Zuhause, in dem nur sie allein wohnte. Hier hatte sie Spaß am Leben und lernte neue Menschen kennen, auch einen Mann, der sie auf Händen trug und sie wertschätzte.

Ganz am Anfang fragte ihre Therapeutin, was ihr guttun würde – sie konnte ihr darauf keine Antwort geben. Zwei Monate danach begann sie wieder Musik zu hören. Seitdem waren Handy und Kopfhörer ihre ständigen Begleiter. Sie holte ihre Gitarre vom Dachboden, um täglich stundenlang zu spielen und zu singen, genauso wie auf dem Klavier. Jahrelang hatte sie diese Talente brach liegen lassen. Es war wie eine Wiedergeburt, als wäre sie von den Toten auferstanden. Musik war für sie Leben, reines pures Leben. Sie ging ganz darin auf.

Natascha starrte auf die Baumwipfel, die unter ihr lagen und sich sacht hin und her bewegten. Die Sicht verschwamm ihr vor den Augen, wie so oft in letzter Zeit. Seit diese Sehnsucht in ihr brannte. Die verzweifelte Sehnsucht nach einem Partner, nach einem richtigen Partner, nach Liebe, nach diesem Geben und Nehmen, danach, es wert zu sein, um ihrer selbst willen. Sie wollte dieses Kribbeln des Glücks in ihrem Bauch spüren und sie wollte wieder Sex haben, richtig geilen Sex. Tränen tropften auf ihre Unterarme. Sie zog die Nase hoch. Ob sie das je wieder erleben würde?

Bisher hatte sie vermieden, über ihre Ehe nachzudenken, wohl wissend, dass sie schon vor langer Zeit einen Schlussstrich hätte ziehen sollen. Sie hatte so viele Jahre vergeudet. Das Leben war an ihr vorbeigezogen.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen, junge Frau?«

Erschrocken blickte sie auf, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust. Eine ältere Dame sah sie mit gerunzelter Stirn besorgt an. Natascha hatte nicht bemerkt, dass sie nicht allein war. Sie scheute derzeit den Kontakt zu anderen Menschen, allein deren Anwesenheit löste Unruhe in ihr aus.

»Ja, danke, es geht schon wieder.« Sie quälte sich ein Lächeln ab und nickte ihr noch grüßend zu, bevor sie die Aussichtsplattform fluchtartig verließ.

Auf dem Weg die Treppen hinunter fragte sie sich, wie es mit ihrer Ehe weitergehen sollte. Sie musste endlich eine Entscheidung treffen. Natascha wanderte ein Stück durch den Park und atmete tief die warme Sommerluft ein. Sogar hier oben war noch der Flieder zu riechen. Sie ließ sich schließlich mit einem Seufzer auf eine Bank am Rande des Waldweges fallen.

Ihre Beine, die in weißen Shorts steckten, streckte sie weit von sich. Das Einzige, das sie in den letzten Monaten von ihrem alten Leben beibehalten hatte, waren ihre regelmäßigen Besuche im Fitnessstudio. Das Training und die viele Bewegung im Freien waren wie eine Befreiung, als würden dabei eiserne Ketten gesprengt, die sie sonst fest umklammerten. Durch die täglichen Spaziergänge an der frischen Luft hatte ihre Haut einen schönen Braunton angenommen.

Der Wind war mittlerweile etwas aufgefrischt und wehte ihr immer wieder die langen Haare ins Gesicht. Sie strich sie sich abwesend hinter die Ohren. Obwohl sie in letzter Zeit wieder Appetit bekommen hatte, war sie schmal geworden. Zu schmal für ihre eins achtzig. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Sie hatte in einem Monat Geburtstag, im August, und spätestens da wollte sie neu durchstarten. Die Frage war nur wie.

Ihre Psychiaterin hatte für sie einen sechswöchigen Reha-Aufenthalt in Wangen beantragt. Das war eine Klinik im Allgäu, in Deutschland. Hoffentlich klappte es noch in diesem Jahr.

Das Problem mit ihrer Ehe wollte sie jedoch schon vorher lösen, so konnte es schließlich nicht weitergehen. Sie lebte nur noch neben ihm her, ging jeder Unterhaltung aus dem Weg und sprach nur das Notwendigste mit ihm.

Seit dem Tag ihres Zusammenbruchs hatte ihr Mann allerdings keinen Tropfen mehr getrunken und sich sogar in Therapie begeben. Er saugte regelmäßig Staub, kochte und kümmerte sich sogar um den verwilderten Garten. Zuerst hatte sie es gar nicht bemerkt, da sie so mit sich selbst beschäftigt gewesen war und ihre Außenwelt gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Erst als sie aus ihrer Computerwelt aufgetaucht war, hatte sie bemerkt, wie sauber das Haus war, obwohl sie seit einer Ewigkeit nichts getan hatte. Ihr erster Besuch seit langem im Garten ließ sie vor Überraschung tief Luft holen. Anstatt der erwarteten Wildnis war alles perfekt gejätet und geschnitten. Es sah so aus, als würde er es diesmal wirklich ernst meinen.

Immerhin wusste sie, was sie nicht wollte: Sie würde nie mehr dabei zusehen, wie er sich besinnungslos besoff, nie mehr seinen Gestank nach Alkohol ertragen, sich nie mehr wegen seiner Sauferei schuldig fühlen. Vor allem nie, nie mehr so unglücklich sein.

Die Frage war, wollte sie mit ihm einen Neuanfang?

Ihr Herz begann zu rasen und sie schnappte panisch nach Luft. Nein … nein … nein! Niemals! Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung, ein … und aus … bis sich ihr Pulsschlag wieder beruhigte.

Da war es, das Eingeständnis. Sie war aus den falschen Gründen so lange bei ihm geblieben, aus Mitleid, Verantwortungsgefühl und Schuld. Jahrelang war sie für ihn stark gewesen, jetzt wollte sie es für sich sein, nur für sich. Sie musste sich von ihm trennen, um wieder leben zu können, um wieder zu sich zu finden.

Ein Felsbrocken fiel ihr vom Herzen. Ein Glücksgefühl durchfloss sie wie ein warmer Energiestrom. Wie lange hatte sie so etwas schon nicht mehr gespürt? Voller Kraft sprang sie auf. Sie würde noch heute mit ihm sprechen. Egal, wie schwer es werden würde, sie würde es durchziehen.

3

Natascha

Wien im Oktober.

Draußen war es nebelig und eisig. Es war noch nicht einmal achtzehn Uhr und bereits dunkel. Durch die grauen Straßen liefen vermummte Menschen. Um vorwärtszukommen, mussten sie sich gegen den in Böen blasenden Wind stemmen. Trotz zwei Grad plus hatte es gefühlte Minusgrade. Es begann leicht zu nieseln. Die schönen alten Gebäude der Wiener Innenstadt, die sonst in ihrem ganzen Prunk protzten, sahen an einem Tag wie diesem farblos und unscheinbar aus. Trotzdem waren vereinzelt Touristengruppen zu sehen, die sich dem Wetter standhaft zu widersetzen schienen.

In einer Seitengasse der Rotenturmstraße stieg Natascha aus einem knallroten Mini Cooper. Fröstelnd zog sie den Kopf ein, um der eisigen Kälte zu entkommen. Sie sah Andi zu, wie er seine dunkelblaue Daunenjacke vom Rücksitz holte und das Auto abschloss. Dann beugte er sich zum Seitenspiegel und fuhr sich durch das grau melierte Haar. Er war fast zwanzig Jahre älter und ein wenig eitel, wie sie innerlich grinsend feststellte. Als ihren Partner konnte sie ihn sich nicht vorstellen, und zum Glück hatte er auch keine Absichten in diese Richtung. Das hier war kein Date, sondern ein rein freundschaftliches Treffen. Sie verstanden sich einfach gut.

Mit raschen Schritten gingen sie zum Hard Rock Café.

Sie schloss schnell die Tür des Lokals hinter sich und schüttelte sich vor Kälte. Es spielte Rockmusik im Hintergrund, »Hells Bells« von AC/DC. Natascha sang leise den Refrain mit. Sie sah sich interessiert um. Es war eine Weile her, dass sie hier gewesen war. An den Wänden hingen Erinnerungen an diverse Stars, wie die Dobro-Resonator-Gitarre von Bon Jovi, ein Mantel von Mick Jagger im Military Style und Katy Perrys pinkfarbenes Kleid. Kellner liefen mit voll beladenen Tabletts die Stufen zum Essbereich hinauf, geschickt den entgegenkommenden Gästen ausweichend. Lachen und das Klappern von Geschirr drangen von oben herab. Natascha umwehte der Geruch von gegrilltem Fleisch und panierten Zwiebelringen. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Auf der rechten Seite, gegenüber der langen Bar, standen einige Tische. Sie deutete auf einen in der Nähe des Tresens.

»Komm, Andi, lass uns etwas essen.«

Sie hängten ihre Jacken an die Garderobe und setzten sich. Der Kellner brachte die Speisekarten.

»Bestellen wir heute jeder die kleine Auswahl, Nats?«

Natascha lachte auf. »Jeder die kleine Auswahl? Ist das dein Ernst? Die schaffen wir doch nur zu zweit!« Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte sich nur zu gut an die großen Portionen beim letzten Mal erinnern.

»Klar schaffen wir das. Ich freue mich schon den ganzen Tag darauf.«

Andi bestellte ihnen zweimal die kleine Auswahl, und während sie auf ihr Essen warteten, quatschten sie über dies und jenes, denn sie haten sich eine Weile nicht gesehen und es gab viel zu erzählen.

4

Joe

Die Schwingtür schlug hinter Joe zu, der mit seinem Freund Mike das Lokal betrat. Das Wasser lief ihm von der Lederjacke, da der Nieselregen mittlerweile in eine Art Eisregen übergegangen war. Er blieb stehen und pustete sich eine feuchte Haarsträhne seiner schulterlangen braunen Haare aus dem Gesicht. Der Dreitagebart fühlte sich unangenehm feucht an. Sein Blick fiel in den Spiegel. Trotz der dreiundvierzig Jahre konnte er ganz zufrieden mit sich sein. Die Jeans saß gut und betonte seine große durchtrainierte Statur. Sein Blick wanderte weiter zu Mike, seinem drei Jahre jüngeren Kollegen, der einen Kopf kleiner war als er. Mit den schwarzen, kurz geschnittenen Haaren, den strahlend blauen Augen und dem glatt rasierten, ebenmäßigen Gesicht war er beinahe zu perfekt. Er sah wie ein Schönling aus, und es fehlte ihm an männlicher Ausstrahlung. Keine gute Voraussetzung für einen Cop in New York City.

Joe runzelte die Stirn. Der Vortrag, den sie heute bei der Wiener Polizei gehalten hatten, war wie immer nach dem gleichen Schema abgelaufen. Durch sein Äußeres hatte Mike auch bei seinen österreichischen Kollegen einen schweren Start und war zu Beginn nicht ernstgenommen worden. Doch seine offene Art und sein solides und umfassendes Wissen hatten die anfänglichen Zweifel schnell in Bewunderung umgeschlagen lassen. Das zu beobachten, faszinierte Joe immer wieder.

Mike bedeutete Joe, ihm zu folgen. Während sie auf die Bar zugingen, musterte Joe interessiert eine Frau, die an einem der Tische saß. Sie hatte die langen schlanken Beine weit von sich gestreckt, die hüftlangen schwarzen Haare umschmeichelten ihr attraktives Gesicht. Sie bemerkte ihn nicht, da sie gerade genüsslich in einen panierten Zwiebelring biss.

Er nahm mit seinem Freund an der Bar Platz, den Blick unverwandt auf die Schönheit gerichtet.

»Hey, Joe, die hat es dir wohl angetan, was?« Mike sah ihn grinsend an, und Joe erwachte seufzend aus seiner Trance.

»Das kannst du laut sagen. Jedoch nicht nur optisch. Sieh nur, mit welchem Appetit sie isst.«

Er sah ihr dabei zu, wie sie die Hand zum Mund führte, abbiss, langsam kaute und genussvoll die Augen schloss. Fasziniert beobachtete er sie, und ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Ob sie alles mit solchem Genuss …?

Abrupt wandte er sich wieder seinem Freund zu. »Wie es aussieht, sind die zwei ein Paar.«

Als er sie lachen hörte, drehte er sich erneut zu ihr um. Sie war vom Tisch aufgestanden und posierte wie ein Model. Joes Deutsch war nicht gut, aber er verstand, was sie zu ihrem Freund sagte.

»Ich weiß, dass du Hosen nicht magst, bei denen der Schritt fast bis zu den Knien hängt, doch ich liebe sie. Ich musste sie einfach anziehen.« Lachend drehte sie sich im Kreis. »Andi, wenn Blicke töten könnten!«, scherzte sie, setzte sich und widmete sich erneut ihren Zwiebelringen.

Joes Augen waren bewundernd ihren Drehbewegungen gefolgt, seine Gedanken verselbstständigten sich, und im nächsten Moment war ihre Kleidung verschwunden, sie stand in Spitzenunterwäsche vor ihm und …

Ihm wurde heiß.