Leseprobe Nell Sweeney und die eiskalte Sünde

1. KAPITEL

Juli 1870

„Noch ein wenig Tee, Lady Higginbotton?“, fragte Nell Sweeney. Sie saß im Schneidersitz unter einem Bettlaken, das über vier zierliche goldene Stühle drapiert worden war.

„Nun, ich hätte gewiss nichts dagegen“, erwiderte Gracie und gab sich alle Mühe, wie eine feine englische Dame zu klingen. Sie streckte die winzige Tasse vor, damit ihre Gouvernante, die eine kleine Porzellankanne mit Goldrand in der Hand hielt, ihr noch ein wenig imaginären Tee nachschenken konnte. „Und vielleicht auch noch etwas Sahne, wenn ich bitten darf.“

„Für Sie auch, Lady Wigglesworth?“, fragte Nell und wandte sich an Eileen Tierney, ihre junge Assistentin.

„Ach, eigentlich sollte ich ja nicht, aber ein kleines Schlückchen wird schon nicht schaden“, sagte die schlaksige, blonde Eileen und streckte gleichfalls ihre Tasse vor. Ihr Versuch, wie eine englische Adelige zu klingen, war weit weniger erfolgreich als jener der fünfjährigen Gracie, was vor allem an ihrem breiten irischen Akzent lag, den sie wohl nie ganz würde ablegen können. „Und wirklich, einen wunderschönen Morgen haben wir uns ausgesucht für unsere kleine Teegesellschaft. Doch, doch, ich muss schon sagen, wirklich wunderschön. Na, dann mal zum Wohl allesamt.“

„Auch noch ein kleines Schlückchen, Lord Hubble-Bubble?“ Nell hielt die Teekanne Gracies kleinem rotbraunen Pudel Clancy hin, der neugierig daran schnupperte, als sie die Tülle über seine Tasse neigte.

„Sagen Sie mal, Hitchens, haben Sie irgendwo die Sweeney gesehen?“

Die Frage – vorgetragen in einem knappen, unduldsamen Tonfall – war deutlich in dem improvisierten Zelt zu vernehmen. Sowie sie die wohlbekannte Stimme hörten, verzogen Nells Teegäste gequält das Gesicht. Sogar Clancy stieß einen leisen, leidgeprüften Seufzer aus.

„Mrs. Mott“, sagte Gracie lautlos, doch mit einer bühnenreifen Miene des Abscheus.

So nah schon klang die Stimme der Haushälterin, dass sie wohl wieder ganz leise und unbemerkt hinauf in den zweiten Stock gehuscht war, dachte Nell. Mrs. Mott hatte ein Talent dafür, sich so lautlos wie der Tod an einen heranzuschleichen. Edward Hitchens, Mr. Hewitts Kammerdiener und auch stets auf leisen Sohlen unterwegs, war ihr vermutlich draußen auf dem Korridor begegnet.

Nell wollte ihre Anwesenheit gerade zu erkennen geben, als Mrs. Mott noch mit bedeutungsvoll gesenkter Stimme hinzufügte: „Unten wartet nämlich ein Polizist, der nach ihr gefragt hat.“

Hitchens kommentierte dies mit einem vielsagenden Schnauben. Seine Genugtuung angesichts dieser Neuigkeit war unüberhörbar. Hatten sie es nicht von Anfang an gewusst? Der stocksteife Kammerdiener war unter den Bediensteten der Einzige, mit dem Mrs. Mott auf annähernd freundlichem Fuße stand. Und wie auch die gestrenge alte Haushälterin billigte Hitchens es keineswegs, dass "die Sweeney" sich höchst arglistig, wie sie glaubten, das Wohlwollen der exzentrischen Viola Hewitt erschlichen hatte. Er beäugte es nach wie vor mit Misstrauen, dass seine Herrin Nell erst als Gracies Kindermädchen angestellt hatte und nun als deren Gouvernante beschäftigte – trotz ihrer bescheidenen Herkunft, über die man nur dunkel etwas erahnen konnte, und schlimmer noch, obwohl sie Irin war. Ja, es empörte ihn geradezu, Nell Sweeney hier im Haus zu wissen. Da machte es gar nichts, dass Nell sich tadellos in die privilegierte Welt der Bostoner Oberschicht einfügte, in der sie seit nunmehr sechs Jahren lebte und arbeitete. Sie kleidete sich so, sie sprach so und sie wusste sich so zu benehmen, wie es sich gehörte. Von einem leichten kupferroten Schimmer ihrer braunen Locken abgesehen war nichts an ihrem Äußeren, das ihre Herkunft verraten hätte. Und doch würde sie immer Irin bleiben, fremdes Gesindel in den Augen der meisten Bostoner, die sich darin über alle Schichten hinweg einig waren.

„Ein Polizist?“, raunte Hitchens vernehmlich. „Gütiger Gott. Er wird doch hoffentlich nicht zur Vordertür gekommen sein?“

„Doch, genau das ist er. Unglaublich, diese Dreistigkeit.“

„Was sollen nur die Nachbarn denken?“

Mit einem verächtlichen Schnauben meinte Mrs. Mott: „Was sollen sie schon denken? Dasselbe, was sie seit sechs Jahren denken – seit die Sweeney tagein, tagaus mit diesem Kind über die Colonnade Row spaziert und gerade so tut, als würden die beiden hierher gehören. Ich habe Mrs. Hewitt ja immer gesagt, dass sich dergleichen nicht schickt, aber Sie wissen ja, wie sie ist – macht immer, was sie will. Ohne Rücksicht auf das, was die Leute sagen werden oder ob Mr. Hewitts Ansehen dadurch Schaden nehmen könnte.“

„Schlimm genug, dass sie das Kind überhaupt aufgenommen hat“, meinte Hitchens verdrießlich, „aber dann auch noch so zu tun, als gehörte das Balg zur Familie und diese irische Aufsteigerin einzustellen, statt einer richtigen Gouvernante ...“

„Nun, das Kind dürfte einer richtigen Gouvernante wohl kaum würdig sein und wenn man es von Anfang an so behandelt hätte, wie es sich gehört, wäre es längst im Arbeitshaus, statt uns hier andauernd vor die Füße zu laufen. Es ist mir völlig egal, dass sie von einem Hewitt gezeugt worden ist – der Bastard eines Zimmermädchens hat in diesem Haus nichts verloren. Stolziert hier rum wie eine kleine Prinzessin und das unter dem Dach einer der besten ...“

„Mrs. Mott, sind Sie das?“, rief Nell, der nach einem kurzen Blick in die verwirrten Gesichter von Gracie und Eileen etwas zu spät einfiel, dass die beiden schon viel mehr zu hören bekommen hatten, als sie eigentlich hören sollten. Wäre sie nicht so schrecklich müde – sie war schon vor Tagesanbruch aufgestanden, um Gracies und ihr Gepäck zu packen –, würde sie die Unterhaltung der beiden Dienstboten unterbunden haben, sowie sie merkte, auf welch heikles Terrain sie zusteuerten.

Nell schlug das Laken zurück, stand auf und strich sich ihr nun schon etwas zerknittertes Reisekleid aus brauner Sommerwolle glatt. „Ah, und Mr. Hitchens erweist uns auch die Ehre. Wie reizend von Ihnen, uns einen kleinen Besuch abzustatten – ein wahrlich seltenes Vergnügen. Möchten Sie sich vielleicht zu uns setzen und ein Tässchen trinken?“, fragte sie und hielt die kleine Teekanne hoch.

Haushälterin und Kammerdiener standen an der Tür zum Kinderzimmer und blinzelten ungläubig. Nachdem er noch kurz seinen missbilligenden Blick hatte schweifen lassen – das mit kleinen Kindermöbeln im Rokokostil eingerichtete Zimmer war seit gestern mit schneeweißen Leinenlaken verhängt, die indes keinen Zweifel an seiner ausgesuchten Pracht ließen –, wandte Hitchens sich mit regloser Miene um und schritt schweigend davon. So blieb es Mrs. Mott überlassen, Gracie und Eileen mit grimmigem Missfallen zu bedenken, als die beiden aus ihrem Bettlakenzelt hervorgekrochen kamen und sich artig aufstellten.

Die betagte Haushälterin straffte die Schultern und hielt sich kerzengerade, die Hände vor dem Bauch gefaltet, als sie Nell kühl mitteilte: „Sie werden unten erwünscht. Im Musikzimmer wartet ein Constable Skinner, der Sie sprechen möchte.“

Skinner. Dieses furchtbare kleine Frettchen. Was um alles in der Welt könnte er von ihr wollen?

Nell konnte sich schon denken, weshalb Mrs. Mott den ungebetenen Gast in das Musikzimmer abgeschoben hatte, anstatt ihn im vorderen Salon warten zu lassen, wie es eigentlich üblich war. Der Salon ging nämlich auf die Prachtstraße hinaus – jenen vornehmen Abschnitt der Tremont Street, der auch als Colonnade Row bekannt war – und hatte große, hohe Fenster, die an einem so schwülwarmen Sommermorgen wie diesem weit offen stehen dürften. Das Musikzimmer dagegen ging auf eine nur wenig frequentierte Seitenstraße hinaus. Selbst wenn auch dort die Vorhänge zurückgezogen wären, so würden wohl nur wenige Passanten vorbeikommen und den Polizisten bemerken, der den ehrwürdigen Hewitts zu so früher Stunde einen Besuch abstattete.

„Ich komme gleich herunter“, sagte Nell.

„Sehen Sie zu, dass Sie sich beeilen mit diesem ... Gentleman“, sagte Mrs. Mott. „Es wurde ausdrücklich darum gebeten, dass wir alle um Punkt zehn zur Abreise bereit sind. Ihnen bliebe also nicht mal mehr eine ganze Stunde, um ...“

„Aber ja doch, unser Gepäck steht schon längst in der Eingangshalle bereit“, unterbrach sie Nell. „Nur wollten wir vor der langen Reise noch ein wenig Tee trinken.“

Gracie hob ihre winzig kleine Tasse, als wolle sie der Haushälterin zuprosten, und setzte sie dann teedurstig an ihre Lippen. Mrs. Mott bedachte das kleine Mädchen mit einem durchdringenden Blick. Ihre Nasenflügel bebten lautlos, bevor sie sich umdrehte und davonstolzierte.

„Miss Sweeney“, fragte Gracie, während sie sich bückte, um Clancy hochzuheben, „was ist ein Bastard?“

Eileen schaute Nell an und biss sich verlegen auf die Unterlippe, denn sie wusste natürlich sehr wohl, was ein Bastard war. Allerdings dürfte ihr bislang nicht bekannt gewesen sein, dass Viola Hewitts Adoptivtochter das illegitime Kind eines ihrer Hausmädchen war – und noch dazu das illegitime Kind eines Hewitt! Viola hatte den Bediensteten von Anfang an verboten, über Gracies Herkunft zu sprechen, doch Mrs. Mott und Hitchens standen ganz eindeutig über derlei Beschränkungen. Und Gracie glaubte bislang, dass ihre Nana sie sich ausgesucht hatte, weil Gracie etwas ganz Besonderes war und ihre Nana sich nach vier Söhnen endlich eine kleine Tochter gewünscht hatte.

„Also, ein Bastard ...“, setzte Nell zögerlich an. Während sie überlegte, strich sie über Gracies zu Zöpfen geflochtenes Haar, das ebenso schwarz glänzte wie das ihres Vaters. „Das ist einfach nur so ein dummes Wort für ein kleines Kind. Eigentlich bedeutet es gar nichts.“

Das Mädchen nickte wenig überzeugt und schmiegte seine Nase in das Fell des kleinen Hundes, der eifrig versuchte, es am Kinn zu lecken. „Und was ist ein Arbeitshaus?“ Gracie war mittlerweile in einem Alter, wo der Fragen kein Ende war, wenn sie erst einmal begonnen hatten.

Eileen sah Nell mit bangem Blick an, als wundere sie sich, wie sie das wohl beantworten wolle.

„Oh, das“, sagte Nell. „Das ist ein großes Haus auf einer Insel namens Deer Island, in dem ganz viele Leute leben.“ Ein Haus für Arme, für Waisen und Verrückte, für die Kranken und Gescheiterten – ganz ähnlich wie es das Armenhaus von Barnstable County gewesen war, wo Nell einen Großteil ihrer meist wenig erfreulichen Jugend verbracht hatte.

„Auf einer Insel?“, fragte Gracie und sprang dabei auf und ab, wie sie es immer tat, wenn sie ganz aufgeregt war. „Können wir da auch leben, wenn du und Onkel Will geheiratet habt?“

„Tja ...“

Nells vermeintliche Verlobung mit William, dem ältesten Sohn der Hewitts, war indes reine Fassade – eine kleine, schickliche Lüge, die es ihm ermöglichen sollte, Zeit mit ihr und Gracie zu verbringen, ohne dass es gleich zu allerlei ungehörigen Gerüchten führen würde. Will hatte ihr diese Taktik letzten Sommer vorgeschlagen, um Mutmaßungen aus der Welt zu schaffen, dass Nell, die tadellos tugendhafte Gouvernante, ein heimliches Verhältnis mit William Hewitt unterhalte – dem berüchtigten Glücksspieler, ehemals Arzt und seit jeher das schwarze Schaf der Familie. Galten sie hingegen als inoffiziell verlobt, so Wills Überlegung, würde niemand ihre Freundschaft infrage stellen.

Allerdings war es eine Freundschaft, aus der nie mehr würde werden können, da Miss Nell Sweeney schon verheiratet war, und zwar mit einem Insassen des Staatsgefängnisses in Charlestown. Duncan, den sie seit nun zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte, hatte gerade die ersten zehn Jahre einer dreißigjährigen Haftstrafe abgesessen, die er sich mit einem bewaffneten Raubüberfall und damit einhergehender schwerer Körperverletzung eingehandelt hatte. Niemand in Boston wusste über ihn oder den Rest von Nells fragwürdiger Vergangenheit Bescheid, außer Will und Pater Gorman von St. Stephen, der ihr Beichtvater war. Und die beiden waren auch die Einzigen, die jemals davon wissen durften, denn sonst wäre es aus mit dem wunderbaren, sorglosen Leben, das sie so zu schätzen gelernt hatte. Ganz abgesehen davon, dass sie dann auch das Kind verlieren würde, das sie liebte, als wäre es das ihre, und dieser Gedanke war ihr unerträglich.

Besagtes Kind schaute sie nun mit großen unschuldigen Augen an und wartete darauf zu erfahren, ob es eines Tages dem Paar, das es lange schon insgeheim als seine Ersatzeltern betrachtete, eine richtige Tochter sein könnte. Es war eine Frage, die Gracie ihnen schon einige Male gestellt hatte, seit sie erfahren hatte – zweifelsohne dank der gedankenlosen Bemerkungen der Dienstboten –, dass Nell und Will wohl heiraten würden. Der Wunsch, die Familie solle dann zusammen ins Armenhaus, das große Haus auf der Insel ziehen, war indes neu.

„Wir können aber nicht im Arbeitshaus wohnen, Butterblümchen“, erwiderte ihr Nell und umschiffte damit geschickt die eigentliche Frage. „Dort leben nur Leute, die gar kein eigenes Zuhause haben. Und du bist doch hier bei deiner Nana zu Hause.“

„Aber Nanas Beine können doch nicht mehr laufen! Deshalb braucht sie dich und du darfst nicht einfach weggehen.“ Clancy fest an ihre Brust gedrückt, schaute die Kleine mit einem Blick so tiefer Ergriffenheit zu Nell auf, dass sie einer Schauspielerin in einem Melodrama alle Ehre gemacht hätte. „Und ich brauche dich auch, Miss Sweeney. Wer kümmert sich denn um mich, wenn du nicht mehr da bist?“

„Wie wäre es denn mit Miss Tierney?“, schlug Nell vor.

„Ja, genau, wie wäre es denn mit mir?“, fragte Eileen mit gespielter Strenge und zog Gracie an einem ihrer Zöpfe.

„Sie könnte dann doch auch mitkommen, oder? Bitte, Miss Sweeney!“, bettelte das Kind und drückte den armen Hund noch fester an sich. „Bitte!“

Nell hockte sich hin, damit sie mit Gracie auf Augenhöhe war, und sagte ihr, was sie ihr bei dieser Gelegenheit immer zu sagen pflegte. „Verlobungen können sehr, sehr lange dauern, mein Schatz. Es können noch Jahre vergehen, ehe Onkel Will und ich heiraten.“

„Aber wenn ihr heiratet, dann kann ich ...“

„Das sehen wir dann, wenn es so weit ist.“

„Aber ...“

„Ich habe jetzt keine Zeit, das ausführlicher mit dir zu besprechen.“ Nell gab Gracie einen Kuss auf die Stirn und meinte: „Unten wartet doch ein Polizist, der mich sprechen will, und einen Polizisten lässt man lieber nicht warten. Warum schaust du nicht noch mal mit Miss Tierney, dass du auch nichts vergessen hast, was du nach Cape Cod mitnehmen willst? Ich bin auch so rasch wie möglich zurück.“

Als sie davonging, hörte Nell, wie Gracie Eileen fragte: „Miss Tierney, was heißt denn ‚gezeugt‘?“

„Ähm ...“

„‚Von einem Hewitt gezeugt‘“, beharrte Gracie. „Was heißt das?“

Herrje. An der Tür blieb Nell kurz stehen und drehte sich um. „Das erkläre ich dir später“, versprach sie Gracie, wenngleich sie keine Ahnung hatte, wie sie sich diesmal unverfänglich aus der Affäre ziehen sollte.

 

Als Nell die Tür des Musikzimmers öffnete, stand Charlie Skinner mit dem Rücken zu ihr. Offenbar hatten die zahlreichen Familienporträts, die sich entlang der mit Rosenholzpaneel getäfelten Wände reihten und bereits vorsorglich für den Sommer verhüllt worden waren, seine Neugier geweckt. Gerade hob er das Laken hoch, um ein kolossales Ganzkörper-Bildnis von August Hewitt zu betrachten, welches von seiner Frau Viola gemalt worden war.

„Sie wollten mich sprechen?“, fragte Nell und schloss die Tür hinter sich. Solange sie nicht wusste, was Skinner von ihr wollte, dürfte es besser sein, wenn niemand ihr Gespräch mit anhörte.

Skinner drehte sich um, ließ das Laken fallen und bedachte sie mit jenem Blick unbestimmt belustigter Verachtung, der ausschließlich ihr vorbehalten schien. Seit sie ihn im vorigen Jahr zuletzt gesehen hatte, hatte er sich kaum verändert – noch immer war er von schmächtiger Gestalt, mit dem Gesicht eines kleines Nagetiers, doch sein schon vorzeitig von den ersten grauen Strähnen durchzogenes Haar war sichtlich noch stärker ergraut.

Mit unverhohlener Herablassung ließ er seinen Blick über sie schweifen. „Miss Sweeney.“ Dass er ihren irischen Namen derart betonte, dürfte als Beleidigung gedacht sein.

Da sie ihm in dieser Hinsicht nicht nachstehen wollte, ließ auch Nell eine Weile ihren Blick spöttisch auf Skinner ruhen, auf der dunkelblauen Uniform eines einfachen Wachtmeisters der Bostoner Polizei. An seinem Gürtel hingen ein Paar Handschellen, Schlagstock und Pistolenhalfter. Sein Polizeihelm lag auf dem unter weißen Leinen verhüllten Konzertflügel.

„Constable“, grüßte sie ihn mit einem feinen, kühlen Lächeln. „Es ist doch wieder ‚Constable‘ und nicht mehr ‚Detective‘, oder?“

Skinner presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, bevor er sich ein wenig erfreuliches Grinsen abrang. Als Nell ihn zuletzt gesehen hatte, hatte er im Dienst noch einen Anzug getragen und eine der bunt karierten Westen, für die er unerklärlicherweise eine große Vorliebe zu haben schien. Damals war er aber auch noch einer der sieben Polizisten gewesen, die man dem neu geschaffenen Kriminaldezernat zugeordnet hatte, mit einem eigenen Büro im Bostoner Rathaus. Im Februar jedoch, nachdem Beschwerden über die weitverbreitete Korruption bei der Polizei zu endlos langen Anhörungen geführt hatten, war die Kriminalbehörde wieder aufgelöst worden. Die betroffenen Beamten waren, bis auf eine Ausnahme – denn nur einer der Kriminalpolizisten war keiner größeren Vergehen für schuldig befunden worden –, entlassen oder zum Rang eines einfachen Wachtmeisters degradiert worden. Wie es schien, war es auch Skinner gelungen, auf diese Weise im Dienst zu bleiben, doch die Herabstufung kratzte sichtlich an seiner Ehre.

Dumpfes Poltern drang herein, als draußen in der Eingangshalle etwas auf den Marmorboden fiel, gefolgt von einem wütenden, bis in das Musikzimmer zu vernehmenden: „Verfluchter Mist!“

„In diesem Haus hütest du gefälligst deine Zunge, junger Mann.“ Das war unverkennbar Mrs. Mott, die den ungehobelten jungen Gehilfen in bester Despotenmanier zurechtwies. „Los, ihr beiden, hebt den Koffer auf. Und ein bisschen schnell, wenn ich bitten darf.“ Sie verpasste den beiden je eine schallende Ohrfeige. „Ihr seid nicht eingestellt worden, um hier dumm herumzustehen.“

„Da draußen ist der Teufel los“, bemerkte Skinner kopfschüttelnd.

Tatsächlich herrschte im prächtigen, an einen Palazzo der italienischen Renaissance erinnernden Stadthaus der Hewitts bereits seit den frühen Morgenstunden ein heilloses Durcheinander. Immerhin waren zwanzig Dienstboten mithilfe einer ganzen Horde zusätzlich angeheuerter Fuhrmänner damit beschäftigt, einen Großteil des Haushalts zu der langen Reihe von Fuhrwerken und Pferdekarren zu befördern, die hinten im Hof und längs des Gehsteigs bereitstanden.

„Die Hewitts verbringen den Juli und August zumeist in Falconwood, dem Sommerhaus der Familie auf Cape Cod“, erklärte Nell das chaotische Treiben. „Wir wollen heute Vormittag abreisen.“

Wir? Etwa auch die Dienstboten?“, fragte er süffisant.

Natürlich entging Nell keineswegs, dass Skinner sie eben mit den Hausmädchen und den Lakaien auf eine Stufe gestellt hatte. Und dabei war es so, dass sie sich dank ihrer Stellung als Gouvernante in einer sozial eher unbestimmten Grauzone zwischen den einfachen Dienstboten und der Familie befand – eine kleine, feine Unterscheidung, die gewiss auch dem Constable bekannt sein dürfte, die er aber geflissentlich ignorierte.

„Die gesamte Dienerschaft wird mit der Familie reisen“, erwiderte sie. „Das Haus wird erst wieder Ende August bezogen.“

Skinner sah sich in übertriebener Manier um. „Dieses große, schicke Haus wird einfach so leer stehen? Ganze sechs Wochen lang, oder sogar acht? Haben die Hewitts denn keine Angst, dass eingebrochen wird und Diebe sich mit all dem teuren Kram davonmachen?“ Er zog an einem der Laken und enthüllte Violas geschätzte Vase aus Limosiner Emaille, die auf dem Flügel stand.

„Vor ein paar Jahren ist das tatsächlich passiert“, sagte Nell. „Danach hat Mr. Hewitt jedoch neue Schlösser an den Türen anbringen lassen.“

„Wenn man was davon versteht, bekommt man jedes Schloss auf“, beschied Skinner. Bei seinen Worten musste Nell daran denken, wie Will einst Virgil Hines‘ Briefpult im Handumdrehen mit einer von Nells Haarnadeln geöffnet hatte. „Sie haben recht viele verwerfliche Talente“, hatte sie damals zu ihm gemeint.

„Jede Wette, dass ich jedes Schloss in diesem Haus in weniger als einer Minute geknackt hätte“, brüstete sich der Constable.

„Daran hege ich nicht den geringsten Zweifel“, sagte Nell, wusste sie doch, dass Einbrüche mit zu den zahlreichen Gesetzesverstößen gehörten, der die vom Dienst enthobenen Polizisten für schuldig befunden worden waren – dazu kamen zudem Nötigung und Vergewaltigungen, Bestechlichkeit und Bestechungen, Erpressung und Auftragsmord sowie die unverhältnismäßige und ungerechtfertigte Züchtigung von Iren und Negern. „Sind Sie eigentlich nur gekommen, um ein wenig mit mir zu plaudern, Constable, oder dient Ihr Besuch einem bestimmten Zweck?“

Skinner schlenderte zu dem Konsolentisch bei der Tür hinüber, wobei er wie beiläufig ein Paar venezianischer Lampen enthüllte, die sehr alt, wertvoll und zerbrechlich waren. „Im North End gab es einen Mord. Johnny Cassidy, ein kleiner Ganove aus dem Viertel, hat gestern Abend in einem Saloon namens Nabby‘s Inferno eine Kugel in den Schädel gejagt bekommen.“

Er hob eine der Lampen hoch, drehte und wendete sie, um zu schauen, wie das feine blaue Glas im Sonnenlicht aufleuchtete, das durch die weit geöffneten Fenster hereinfiel.

Vorsichtshalber nahm Nell ihm die Lampe aus der Hand, stellte sie zurück auf den Tisch und verhüllte sie wieder mit dem Laken. „Was im North End vor sich geht, interessiert mich herzlich wenig, Constable.“ Mal abgesehen von der Tatsache, dass Zehntausende Iren in dem Hafenviertel lebten, dicht zusammengepfercht in schändlich heruntergekommenen Häusern.

So meinte Skinner dann auch mit einem belustigten Schnauben: „Ja, klar, interessiert Sie nicht. Sie sind ja jetzt auch was Besseres und sich mittlerweile wohl zu schade für das Rattennest, was? Nur ist mir ganz zufällig zu Ohren gekommen, dass Sie in den letzten Jahren nicht ein einziges Mal die Sonntagsmesse in St. Stephen versäumt haben. Sie wissen schon, die Kirche an der Hanover Street.“

Zutiefst erschrocken, doch ebenso bemüht, sich nichts davon anmerken zu lassen, meinte Nell: „Haben Sie mir etwa hinterherspioniert, Constable?“

Skinner spähte unter eines der Laken, das über einen der beiden fast zwei Meter hohen Obelisken drapiert war, welche die Tür zum Roten Salon – Violas privatem Rückzugsort – flankierten. „Das North End ist mein Revier und ich habe nun mal gern ein Auge auf Leute, die Probleme machen könnten.“

„Ich verstehe leider immer noch nicht, was ich mit dem Mord an einem mir völlig Unbekannten zu tun haben soll.“

„Was es mit Ihnen zu tun hat“, sagte Skinner, während er gemächlich durch das Zimmer schlenderte und ausführlich die Konturen der verhüllten Kostbarkeiten begutachtete, „ist die Tatsache, dass der Mörder zufälligerweise ein alter Freund von Ihnen ist.“ Mit süffisantem Grinsen sah er sie an. „Colin Cook.“