Leseprobe Nell Sweeney und der dunkle Verdacht

1. KAPITEL

 

Boston, September 1868

 

"Wir hatten letzten März einen Streit …", sagte Nell Sweeney mit brummig tiefer Stimme, die angereichert war um einen im Wahnsinn erbebenden Unterton. Während sie mit einer Hand den riesigen Zylinder aus Pappmaschee festhielt, der ihr ständig vom Kopf rutschen wollte, fuhr sie fort: "… kurz bevor der da verrückt wurde. Da gab nämlich die Herzkönigin ein …"

 "Zeigen! Zeigen!" Gracie Hewitt sprang von ihrem goldenen Stühlchen am Kopf des niedrigen Teetisches auf. "Du musst mit deinem Löffel auf den Märzhasen zeigen!"

 "Ach ja." Wie konnte Nell das nur vergessen, nachdem sie schon Dutzende Male Gracies Lieblingsstellen aus Alice im Wunderland hatte vorlesen müssen – und seit Neuestem auch aufführen musste. Sie nahm den winzigen Silberlöffel, der neben der ebenso winzigen goldumrandeten Porzellantasse lag. "Wenn du dich hinsetzt wie eine richtige junge Dame, mache ich weiter."

 Das kleine Mädchen setzte sich wieder und bauschte seine weiße Schürze um sich her. Die Schürze war ganz genau der nachempfunden, die Alice auf den Illustrationen des Buches trug, und sie war Gracies erste eigene Näharbeit – ausgeführt mit den kleinen unbeholfenen Händen einer Vierjährigen unter der umsichtigen Anweisung Nells. Die Stiche waren krumm und schief, die Nähte hielten kaum zusammen, der Saum kräuselte sich. Aber Gracie trug sie in ihrer kindlichen Unschuld mit demselben Vergnügen wie ein Modell aus dem Hause Worth.

 "Wir hatten letzten März einen Streit – kurz bevor der da verrückt wurde." Nell zeigte mit ihrem Teelöffel über den Tisch hinweg auf Albert, das liebevoll zerzauste ausgestopfte Kaninchen, das in der heutigen Morgenvorstellung den Märzhasen spielen durfte. Verstohlen schaute sie in das Buch, das aufgeschlagen vor ihr an der Teekanne lehnte. "Da gab nämlich die Herzkönigin ein Festkonzert, und ich musste das Lied vortragen …", sie räusperte sich theatralisch, "… 'Husch, husch, kleine Fledermaus, warum fliegst du denn so kraus?' Kennst du es vielleicht?"

 "Es kommt mir bekannt vor." Gracie wusste den Text nicht nur auswendig, sie sprach ihn auch in einem bemerkenswert überzeugenden Tonfall britischer Oberschicht – eine getreue Nachahmung ihrer geliebten "Nana" Viola Hewitt. Nell fühlte sich jedoch weniger an Viola erinnert als vielmehr an Violas ältesten Sohn William. Die Ähnlichkeit war schier unheimlich: dasselbe schwarze Haar, dieselben wachsamen Augen und das feine wissende Lächeln … Und wenn Gracie so sprach – ihr Akzent zwar weniger ausgeprägt als der von Will, der in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war, aber doch sehr ähnlich –, lief es Nell heiß und kalt den Rücken hinab.

 "Wir werden uns wiedersehen, Nell", hatte er an jenem Tag auf dem Mount Auburn Cemetery zu ihr gesagt, bevor er in der bleichen Morgensonne davongegangen war. Das war nun fünf Monate her, und natürlich hatte sie ihn seitdem nicht mehr gesehen. Sehr außergewöhnliche Umstände hatten sie letzten Winter für wenige Wochen zusammengeführt, und sie konnte sich nicht vorstellen, auf welche Weise sich ihre Wege noch einmal kreuzen sollten. Dr. William Hewitt war trotz seines medizinischen Titels ein professioneller Spieler und den Drogen verfallen. Nell schien es, als habe er sich wie Opiumrauch in Luft aufgelöst, verschwunden in den engen Gassen Shanghais, und ward nie wieder gesehen.

 Der Gedanke erfüllte sie mit einer wundersamen Mischung aus Verzweiflung und Erleichterung. Es sollte sie freuen, ihn los zu sein, hatte er es doch bestens verstanden, ihre längst begraben geglaubte Vergangenheit wieder aufzuwühlen. Sie sollte Gott danken, dass er fort war, und darum beten, dass er niemals zurückkehrte.

 Ja, das sollte sie.

 "Miss Sweeney!" Gracie hopste auf ihrem Stuhl herum und schlug ungeduldig mit den Händen auf das Damasttischtuch. "Du musst das Lied zu Ende singen, damit ich meinen Satz sagen kann!" Damit meinte sie ihre Lieblingsstelle. "Ich habe gesagt, 'Es kommt mir bekannt vor', und du musst jetzt sagen …"

 "Ja, ich weiß." Abermals mit der Stimme des Hutmachers sagte Nell: "Es geht, wie du weißt, so weiter: Kommst in einem hohen Bogen wie ein Teetablett geflogen …"

 Ein lautes Klopfen an der Tür des Spielzimmers ließ sie beide zusammenfahren. Hart schlugen die Knöchel zweimal kurz hintereinander auf das Holz – eins! zwei! – und hallten in der darauffolgenden Stille nach.

 Gracie schnitt eine Grimasse. Auch sie kannte mittlerweile das unerbittliche Klopfen von Mrs. Mott – der schon recht betagten Haushälterin, die aber immer noch ein despotisches Regiment im Stadthaus der Hewitts an der Tremont Street führte –, wenngleich deren Besuche im Kinderzimmer glücklicherweise recht selten waren.

 Nell wollte gerade ihren Hutmacherzylinder absetzen, zögerte aber einen Moment und ließ ihn dann verwegen schief auf. Gracie jauchzte leise. Wie Mrs. Mott wohl reagieren würde! Es war ein aberwitzig hoher Hut, den berühmten Illustrationen John Tenniels nachempfunden, mitsamt dem großen Preisschild. Nell und Gracie hatten ihn gemeinsam an einem glücklichen, verregneten Nachmittag gebastelt – aus Mehlkleister, Kaninchendraht und einem in kleine Stücke gerissenen Daily Advertiser – und ihn dann blau und gelb angemalt.

 Schwungvoll öffnete Nell die Tür, eine Hand an der Krempe ihres Hutes, damit er ihr nicht vom Kopf fiel. "Mrs. Mott, welch seltenes Vergnügen. Treten Sie ein."

 Ganz steif stand die Haushälterin in ihrem schwarzen Kleid da, ihre Lippen blass und schmal wie die Narbe einer alten Schnittwunde, als ihr Blick auf Nells Kopfbedeckung fiel. Mit betont regloser Miene sah sie beiseite. "Ihre Anwesenheit wird im Roten Salon erwünscht." Ihre Anwesenheit wird erwünscht statt Mrs. Hewitt lässt fragen, ob Sie nicht bitte zu ihr in den Roten Salon kommen könnten, wie – da war Nell sich sicher – ihre Dienstherrin es gewiss gesagt hatte.

 "Ich komme gleich nach unten."

 "Sofort, wenn ich bitten darf."

 Die Worte ärgerten Nell, da Mrs. Mott damit den Eindruck erweckte, sie hätte das Recht, Nell Befehle zu erteilen. Als Gracies Gouvernante – und eigentlich auch Violas Gesellschafterin – war Nell weder Dienerin noch Dame von Stand, sondern eine jener wenigen Frauen, die mit respektabler Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienten. Sie unterstand nicht Mrs. Mott, wie die Hausbediensteten, sondern Viola Hewitt, die ihr bei der Ausübung ihrer Pflichten erfreulich viele Freiheiten ließ.

 Mrs. Mott ließ ihren Blick durch das Kinderzimmer schweifen, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie einen Raum betrat – wie ein Habicht, der nach etwas ausspähte, worauf er sich stürzen konnte. Es war ein geräumiges Zimmer, von Gracies großzügiger Nana so eingerichtet, dass es einem Salon in Versailles ähnelte, mit einer reich mit Stuck verzierten und mit pausbackigen Engeln geschmückten Decke, gravierten goldgerahmten Spiegeln und Unmengen geblümten Damaststoffes in schimmerndem Elfenbein, Muschelrosa und Meergrün. Nell konnte sich schon denken, was die grimmige alte Haushälterin sich dachte: All diese Pracht für das uneheliche Balg eines Zimmermädchens!

 Als Viola Hewitt sich nach Gracies Geburt entschieden hatte, das Kind als ihr eigenes aufzuziehen, schlug ihr von allen Seiten Ablehnung entgegen. Niemand hatte diese Entscheidung jedoch so sehr missbilligt wie Evelyn Mott. Seit drei Generationen stand ihre Familie nun schon den Hewitts zu Diensten, und sie selbst kniete gläubig nieder vor dem Altar guter Erziehung – und der damit einhergehenden Tugend tadellosen Betragens. Bei den Bediensteten duldete sie keinerlei Verfehlungen, und schier hätte sie der Schlag getroffen, als sich herausstellte, dass Annie McIntyre ein Kind erwartete, denn besagtes Zimmermädchen war zwar verheiratet, doch ihr Gatte befand sich zum Zeitpunkt von Gracies Empfängnis im Krieg. Sehr zum Verdruss von Mrs. Mott hatte Violas beherztes Eingreifen jedoch sowohl Annies Ruf als auch ihre Stellung zu retten vermocht – gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete sie jetzt gar für die Astors in New York. Und Gracie hatte es davor bewahrt, im Armenhaus zu enden, wo sie – wie Nell leider nur allzu gut wusste – von Glück hätte sagen können, ihren ersten Geburtstag zu erleben.

 Durch ihre winzige Brille musterte Mrs. Mott das Mädchen, dessen Existenz ihrem straff und sorgsam geführten Haushalt Schande bereitete. Ob sie wusste, wer Gracies Vater war? Das Kind sah Will mit jedem Tag ähnlicher, zumal es nun auch anfing, in die Höhe zu schießen – schon jetzt war es so groß wie manche der Sechs- und Siebenjährigen, mit denen es jeden Nachmittag auf dem Common und im Public Garden spielte. Gewiss ahnte Mrs. Mott, dass Viola das Kind auch deshalb adoptiert hatte, weil ihr ältester Sohn der Vater war. Ein Umstand, der die Abneigung der Haushälterin gegen den kleinen Eindringling keineswegs minderte – eher im Gegenteil.

 "Sie sollten dem Kind beibringen, Erwachsene nicht so anzustarren", bemerkte Mrs. Mott. Bevor Nell sie unklugerweise daran erinnern konnte, dass Gracie sie nur deshalb anstarrte, weil sie von ihr angestarrt wurde, fuhr die Haushälterin auch schon fort: "Und Sie könnten ihr auch etwas Vorzeigbares anziehen, bevor Sie mit ihr runterkommen. Mrs. Hewitt hat Besuch."

 Gracie runzelte verwirrt die Stirn und betrachtete verwundert ihre liebevoll genähte Schürze. Nell hoffte, dass sie die Bemerkung nicht verstanden hatte – und auch nicht um eine Erklärung bitten würde.

 "Wer sind die Besucher?", fragte Nell rasch.

 "Ein Mann und eine Frau, ziemlich gewöhnliche Leute, klingen wie Iren. Ich habe mich schon gefragt, ob es wohl Verwandte von Ihnen sind – Ihre Eltern vielleicht?"

 "Meine Eltern leben nicht mehr." Ihre Mutter zumindest, und vielleicht ja auch ihr Vater, wer wusste das schon. "Und sonst habe ich niemanden."

 "Ach nein?", erwiderte Mrs. Mott vielsagend.

 Damit hatte Nell nicht gerechnet. Verzweifelt suchte sie nach einer Antwort. Bitte lass sie nicht von Duncan erfahren haben! Alles, nur das nicht.

 Die Haushälterin ließ ein paar Sekunden verstreichen, als hoffe sie inmitten des Schweigens auf eine dramatische Enthüllung. Nell kannte diesen Trick und hielt den Mund.

 "Ich kann mich erinnern, dass Mrs. Hewitt einmal einen Bruder erwähnt hatte", meinte Mrs. Mott schließlich. "Oder hatte ich mich da verhört?"

 Nell atmete unmerklich auf. "Sie haben sich nicht verhört. Ich habe einen Bruder, James. Jamie. Aber ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Was lässt Sie glauben, die Besucher seien mit mir verwandt? Es gibt sehr viele Iren in Boston."

 "Allerdings." Mrs. Mott rümpfte die Nase, als rieche sie etwas sehr Unangenehmes. "Aber die wenigsten sind so dreist, bei einem Haus wie diesem an die Vordertür zu klopfen, statt zur Hintertür zu kommen. Und noch weniger schaffen es, dass man ihnen sogar Tee im Roten Salon serviert." Schon im Gehen setzte sie hinzu: "Trödeln Sie nicht."

 "Was heißt vorzeigbar?", fragte Gracie, nachdem die Haushälterin verschwunden war. "Ist das so was wie zeigen?"

 "So ähnlich", erwiderte Nell. "Sie hat gemeint, dass du ein hübsches Kleid anziehen sollst. Aber deine Schürze ist so schön, und Nana freut sich immer, dich damit zu sehen. Deshalb bleibst du am besten so, wie du bist." Es war Violas Idee gewesen, dass Gracie sie "Nana" nennen solle – in der Öffentlichkeit hätten sich gewiss zu viele Augenbrauen argwöhnisch gehoben, wenn ein so kleines Kind eine Dame fortgeschrittenen Alters "Mama" nannte.

 Der Vorschlag schien Gracie zu gefallen, denn sie sprang sofort auf und ließ sich von Nell die Haare ordentlich flechten. "Weiß Mrs. Mott nicht, wie ich heiße?", fragte sie weiter.

 "Doch." Nell strich einige störrische Strähnen glatt.

 "Warum nennt sie mich dann immer 'das Kind'?"

 Aus demselben Grund, weswegen sie Nell immer "die Sweeney" nannte und Mrs. Hewitts Krankenschwester Gabrielle Bouchard "die Negerin". Einen Menschen nicht beim Namen zu nennen, sprach ihm zugleich auch seine Würde ab. "Sie ist schon alt", erklärte Nell Gracie und band ihr die blaue Schleife wieder ins Haar. "Alte Leute vergessen viel."

 "Du bist auch alt und vergisst aber nichts."

 "Ich bin sechsundzwanzig. Mrs. Mott ist … mmh …" Doppelt so alt? Dreimal so alt? "… viel älter."

 "Nein! Nein!", erhob Gracie heftig Einspruch, als Nell ihren Zylinder absetzen wollte. "Wir sind noch nicht fertig."

 "Butterblümchen, Nana wartet unten auf uns …"

 "Nur noch bis zu meinem Satz", bettelte Gracie und setzte sich an den Tisch.

 "Also gut. Wo waren wir …" Nell rückte sich den albernen Hut zurecht, setzte sich wieder und begann zu singen. "Kommst in einem hohen Bogen wie ein Teetablett geflogen. Husch, husch …"

 Vom Stuhl neben sich nahm Gracie die Haselmaus, gespielt von dem mausförmigen schmiedeeisernen Türstopper, und bewegte sie sachte hin und her. Mit schläfriger Mausestimme säuselte sie: "Husch, husch, husch, husch …"

 "Tja, und ich war noch kaum mit der ersten Strophe fertig", fuhr Nell fort, "da brüllte die Königin schon: 'Er schlägt ja nur die Zeit tot! Runter mit seinem Kopf!'"

 Und nun endlich kam Gracies Lieblingsstelle, vorgetragen mit jener blasierten Unerschütterlichkeit, die einer ehrenwerten Dame aus Bostons oberster Schicht würdig war: "Wie schrecklich grausam!", rief sie aus.

 

Violas privater Salon im Hause der Hewitts – einer imposanten Stadtresidenz, gelegen an jenem als "Colonnade Row" bekannten Teil der Tremont Street, die an den Boston Common grenzte – war ein exotisch anmutender Rückzugsort mit Antiquitäten, seidenen Stoffen und Behängen in allen erdenklichen Rottönen von Karmin und Magenta bis zu dunklem Zinnober. Die südliche Wand wurde fast gänzlich von einem japanischen Wandschirm aus dem siebzehnten Jahrhundert eingenommen, der einen schwarzen Greifvogel im Schnee zeigte, darüber einen rot unterlegten Himmel aus Blattgold. Davor saß Viola Lindleigh Hewitt auf einem ebenfalls japanischen Sitzmöbel mit prächtig geschnitzten Lehnen, das Nell wegen der hölzernen Löwenköpfe darauf nur den "Löwensessel" nannte und Gracie den "Thron".

 Viola, eine hochgewachsene hagere Dame mit markanten Zügen und leicht ergrautem schwarzem Haar, war eine jener Frauen, die gern als "gut aussehend" bezeichnet wurden. Sie trug ein Tageskleid aus bronzefarbener Seide – wie immer ohne Krinoline – und unzählige elfenbeinerne Armreifen. Wie sie so in ihrem majestätischen Stuhl gelehnt saß, wäre man niemals auf den Gedanken gekommen, dass die Beine ihr seit einem Anfall von Kinderlähmung vor zehn Jahren den Dienst versagten. Nur die beiden faltbaren Gehstöcke mit den Griffen aus Elfenbein, die über der Rückenlehne hingen, mochten auf ihre Gebrechlichkeit hindeuten.

 "Nana!", jauchzte Gracie beglückt, als Nell sie in den Roten Salon führte, und kletterte sogleich mitsamt ihren mitgebrachten Puppen auf Violas Schoß, wo sie stets willkommen war und eine herzliche Umarmung nie missen musste.

 Die Besucher waren ein Paar in mittleren Jahren, dessen ärmliche Kleidung einen auffallenden Gegensatz zu dem opulenten Samtsofa bot, auf dem es saß. Unter der abgetragenen Haube der Frau schauten einige rostfarbene Haarsträhnen hervor. Auch ihre Nase schimmerte rötlich, ihre Augen waren rot gerändert. In der Hand hielt sie ein zerknülltes lavendelfarbenes Taschentuch, das Nell als eines von Violas erkannte.

 Sie gab dem Mann neben sich einen Stups, woraufhin der Tee in seiner Tasse auf den Unterteller schwappte. Er warf ihr einen verärgerten Blick zu. Sie schaute zu Nell hinüber und deutete mit dem Kinn auf sie, sodass (?) er sich umwandte, aufsprang und den Kopf zu einer sichtlich ungeübten Verbeugung neigte. Unverkennbar ein Ire, schwarzhaarig, mit pockennarbigen Wangen und viel zu groß geratenen Ohren. Nell erwiderte seinen Gruß mit einem Nicken und lächelte ihm beruhigend zu. Er sah seine Frau fragend an – es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass die beiden ein Ehepaar waren –, und die bedeutete ihm, sich wieder zu setzen.

 "Was für ein allerliebstes Mädchen", bemerkte die Frau. Nur noch schwach, von den Jahren geglättet, und doch unüberhörbar war der leicht singende Tonfall. "Ihre Enkelin, Ma'am?"

 "Eigentlich habe ich sie adoptiert", erwiderte Viola mit ihrer angenehmen, etwas rauen Stimme und ihrem sehr britischen Akzent. Eine mit Bedacht gewählte Antwort, schließlich war Gracie letztlich wirklich ihre Enkelin. "Ich hatte mir schon immer eine Tochter gewünscht – nur verständlich bei vier Söhnen –, und als ich mich schon mit meinem Schicksal abgefunden hatte, kam Gracie. Einer der glücklichsten Tage meines Lebens."

 "Ah ja." Das unsichere Lächeln der Besucherin verriet ihre Überraschung darüber, dass eine Dame von Stand wie Viola Hewitt ein Kind adoptierte, denn die richtige familiäre Abstammung und eine lange Ahnenreihe bedeuteten bekanntermaßen alles in der Bostoner Gesellschaft.

 Sanft schob Viola die Kleine von ihrem Schoß und wandte sie den Besuchern zu. "Gracie, das sind Mr. und Mrs. Fallon."

 "Sehr angenehm. Wie geht es Ihnen?", sagte das Kind artig, das erst kürzlich seine Schüchternheit Fremden gegenüber abgelegt hatte.

 Mrs. Fallon lächelte und zeigte ihre schief stehenden Zähne. "Du bist aber ein süßes kleines Mädchen!" Fast verwundert fügte sie hinzu: "Was für gute Manieren sie hat."

 "Miss Sweeney sei es gedankt." Viola deutete auf den Sessel neben sich, und als Nell dort Platz nahm, sah sie sich von Mrs. Fallon über den Rand ihrer Teetasse hinweg gemustert. Nells Garderobe – ausgewählt und bezahlt von Viola – war von schlichter Eleganz, wie das modisch schlank geschnittene taubengraue Kleid, das sie heute trug. Einziger Schmuck war Nells Kette mit dem goldenen Uhrmedaillon. Ihr üppiges rotbraunes Haar hatte sie mit zwei perlmuttbesetzten Spangen, die Viola ihr vor einem Monat zum Geburtstag geschenkt hatte, zu einem Chignon aufgesteckt.

 Mrs. Fallon schien nicht recht zu wissen, was sie von einer jungen Frau mit irischem Namen halten sollte, die so elegant gekleidet war und eine Stellung innehatte, die eigentlich nur Töchtern aus guter Familie – also wohlhabend und protestantisch – offenstand, so sie sich in finanziell bedrängter Lage befanden. Nell indes war derlei Blicke gewohnt und hatte sich angewöhnt, sie eher belustigend als ärgerlich zu finden.

 "Mrs. Fallon", sagte Viola, sobald Gracie es sich zu ihren Füßen bequem gemacht hatte und dort mit ihren Puppen spielte, "warum erzählen Sie Nell nicht einfach, was Sie mir gerade erzählt haben?"

 Die Fallons starrten Nell an, offenbar ebenso verwundert, warum sie herbeigebeten wurde, wie Nell selbst. "Es ist wegen unseres Mädchens", begann Mrs. Fallon. "Bridie, unsere Tochter. Na ja, eigentlich Bridget, aber wir nennen sie Bridie."

 "Ihre Tochter", wandte Mr. Fallon ein und nickte mit dem Kopf zu seiner Frau hinüber. Bei ihm kam der irische Tonfall stärker durch als bei ihr. "Meine Stieftochter."

 Leise und sichtlich beherrscht sagte Mrs. Fallon: "Wo, um Gottes willen, ist da der Unterschied, Liam?"

 Beschwichtigend hob er die Hände. "Wollt' ich nur mal klarstellen."

 "Dann eben meine Tochter. Sie ist seit drei Tagen verschwunden … seit Sonntag. Die von der Polizei glauben, dass sie mit ihrem Freund durchgebrannt ist, aber ich weiß, dass sie sich nicht einfach so davonmachen würde – nicht meine Bridie, niemals."

 Ihr Mann hob skeptisch eine Braue. Nell sah zu Gracie hinunter und fragte sich, wie viel sie wohl von dem verstand, was gesprochen wurde. Doch das kleine Mädchen schien ganz darin vertieft, seine Lieblingspuppe mit einer winzigen Nuckelflasche zu füttern.

 Mrs. Fallon warf ihrem Mann einen strengen Blick zu, ehe sie fortfuhr: "Die Polizei wollte nichts unternehmen, und da sind wir dann zu Mr. Harry, weil wir dachten, sie helfen uns, wenn er es ihnen sagt, aber er hat gemeint (?), dass ihn das nichts angeht."

 Harry? Nell schaute Viola verwundert an. Harry Hewitt war der zweitälteste ihrer drei noch verbliebenen Söhne. Martin, der jüngste, studierte Theologie an der Harvard University und lebte noch zu Hause. Der zweitjüngste war Robbie, der vor vier Jahren in Andersonville, dem berüchtigten Gefangenenlager in Georgia, umgekommen war. Violas ältester Sohn Will, das schwarze Schaf der Familie, hatte nach seinem Aufenthalt in Andersonville ebenfalls als tot gegolten, bis er dann im vergangenen Winter kurz aus der Versenkung aufgetaucht war, als eine Mordanklage ihn fast den Kopf gekostet hätte.

 So blieb nur noch Harry, mittlerer Sohn mit ausschweifendem Lebenswandel, um seinen Vater dabei zu unterstützen – und sei es nur auf dem Papier –, die beiden einträglichen Familienunternehmen zu führen. Harry fungierte als Geschäftsführer der großen Tuchfabrik Hewitt Mill & Dye Works, die nördlich des Flusses in Charlestown gelegen war, doch Nell hätte es sehr überrascht, wenn er vom Färben und Weben auch nur einen Deut mehr verstand als sie. Die Geschäfte der Reederei Hewitt Shipping führte denn auch wohlweislich sein Vater August Hewitt.

 "Mr. und Mrs. Fallon leben in Charlestown, und Bridie arbeitet in der Fabrik", erklärte Viola. "Deswegen hofften sie, Harry könne ihnen helfen."

 Können wahrscheinlich schon. Aber wollen? Harry Hewitt kümmerte sich eigentlich nur um die Belange von Harry Hewitt. Gerne bekannte er sich dazu, dass es wenig im Leben gab, das er der Mühe wert befand, außer der Befriedigung elementarer Bedürfnisse. Diese schlichte, doch grundlegende Wahrheit zu verstehen, hatte er Nell vergangenen Winter wissen lassen, sei sehr befreiend. Die Regeln, die einen bislang kurzgehalten hatten, hören auf zu existieren – was auch gut so sei, waren sie doch von vornherein willkürlich gesetzte Regeln, deren Beliebigkeit sie einem entbehrlich machte. Sobald man sich von ihnen befreite, sei einem alles möglich, alle moralischen Grenzen gefallen.

 "Wir waren in Mr. Harrys Büro in der Fabrik", berichtete Mrs. Fallon, "aber wie ich sagte, er wüsste nicht, was ihn das angehen sollte. Er sagte, wenn die Polizei meint, dass sie mit Virgil durchgebrannt wär, dann wird's wohl so sein."

 "Virgil?", fragte Nell.

 "Hines." Mrs. Fallon verzog das Gesicht. "Gut aussehender Kerl, aber zu nichts nutze. Letzten Mai aus dem Gefängnis gekommen, und keinen Monat später waren er und Bridie unzertrennlich. Ich weiß beim besten Willen nicht, was sie an ihm findet."

 "Das Staatsgefängnis in Charlestown?", fragte Nell nach.

 Mrs. Fallon nickte, und ihr Mann fügte hinzu: "Gleich hinter der Fabrik die Straße runter."

 "Warum fragen Sie?", erkundigte Viola sich bei Nell.

 Weil Duncan dort ist. Nell strich ihr Kleid glatt und hörte den Brief in der Rocktasche rascheln, der letzten Freitag erst von Duncan gekommen war. "Nur so."

 "Weiß ja wirklich nicht, was du an dem gut aussehend findest", warf Mr. Fallon ein, "der mit seinen komischen Sternen auf der Stirn."

 "Sterne?" Nell horchte auf.

 "Während des Krieges war er in der Marine", erklärte Mrs. Fallon. "Hat sich da eins von diesen Dingern machen lassen … wie heißen sie doch, wo man sich in die Haut stechen lässt …"

 "Eine Tätowierung", meinte Viola. "Seeleute lassen sich oft so etwas machen."

 "Ja schon, aber auf der Stirn?", fragte Nell verständnislos.

 Mrs. Fallon zuckte die Achseln. "Wie gesagt, ich weiß auch nicht, was sie an dem fand."

 "Wie alt ist sie?", wollte Nell wissen.

 "Einundzwanzig."

 "Und sie lebt bei Ihnen?"

 "Ja", sagte Mrs. Fallon. "Nein", meinte Mr. Fallon.

 Nell legte den Kopf schräg, als wolle sie fragen: Ja, was denn nun?

 Nach einem kurzen Seitenblick auf ihren Mann sagte Mrs. Fallon: "Sie hat eine Weile in Boston gelebt, im North End, aber den ganzen Sommer über war sie wieder zu Hause."

 "Um in der Nähe von Mr. Hines zu sein?", fragte Nell.

 "Denk ich mal", erwiderte Mrs. Fallon nach kurzem Zögern.

 "Da die Polizei vermutet, sie sei mit Mr. Hines durchgebrannt, ist er wohl auch verschwunden", meinte Nell.

 "In den letzten Tagen hat ihn zumindest niemand mehr in Charlestown gesehen", erwiderte Mrs. Fallon, "aber das heißt noch lange nicht, dass Bridie mit ihm davon ist – jedenfalls (?) nicht aus freien Stücken. So ist sie nicht. Im Grunde ihres Herzens ist sie ein gutes Mädchen."

 Woraufhin sich von Liam Fallon ein leises Schnauben vernehmen ließ. Doch seine Frau beachtete es nicht – oder war zu durcheinander, um es zu bemerken – und fuhr unbeirrt fort: "Meine Bridie hat die schönsten roten Haare, die Sie sich vorstellen können. Wie sie in der Sonne leuchten … Große grüne Augen hat sie und rosige Wangen. Wenn ihr etwas geschehen ist …" Sie senkte den Kopf und hob ihr in der Hand zerknülltes Taschentuch an die Augen. Ihre Schultern zuckten.

 Ihr Mann fischte sich ein Sandwich aus dem Stapel auf dem Teller vor ihm, klappte es auf und beäugte argwöhnisch den Belag.

 Gerade als Nell aufstehen wollte, um die arme Frau zu trösten, sagte Gracie auf einmal: "Warum weinst du denn?" Mit ihrer Puppe im Schlepptau ging sie zu Mrs. Fallon hinüber. "Nicht weinen. Schau, willst du mal Hortense halten?"

 Sie hielt der weinenden Frau ihre Puppe hin, die sie instinktiv nahm und auf jene mütterliche Weise, die manchen Frauen eigen ist, sogleich an ihre Schulter legte und mit der Hand das Köpfchen stützte. "Genauso hat sich meine kleine Bridie angefühlt", meinte sie mit zitternder Stimme. "Meine anderen Kinder waren alle schwach und kränklich. Keins hat lange überlebt. Nur meine Bridie, die war gesund und munter und hat sich nicht unterkriegen lassen."

 "Gut gemacht", flüsterte Nell Gracie kaum hörbar zu, als die Kleine sich wieder zu ihren anderen Puppen setzte.

 "Als den Fallons klar wurde, dass Harry ihnen nicht helfen würde", erklärte Viola Nell, "beschlossen sie, zu Mr. Hewitt persönlich zu gehen."

 "Wir sind zu seinem Büro an der India Wharf gegangen", sagte Mrs. Fallon, während sie der Puppe den Rücken tätschelte, "aber er wollte uns nicht empfangen. Hat so einen Kerl rausgeschickt, der uns verscheuchen sollte. Der meinte, wenn Mr. Harry findet, dass da nix zu machen wär, dann wär da auch nix zu machen. Ich hab ihn gefragt, was Mr. Hewitt denn machen würde, wenn sein Kind verschwunden wäre, und da meinte er, jetzt würde ich aber … was war es noch mal, was ich werden würde?"

 "Imposant", brummelte ihr Mann mit dem Mund voller Sandwich.

 "Impertinent?", schlug Viola vor.

 "Das war's, ganz genau. Ich würde impertinent werden, hat er gesagt und uns vor die Tür gesetzt und gesagt, wir bräuchten nicht wiederzukommen."

 "Wie schrecklich grausam", sagte Gracie.

 Alle Blicke richteten sich auf sie.

 "Komm mal her, Butterblümchen", meinte Nell. Gracie kletterte auf den Schoß ihrer Gouvernante, die ihr ins Ohr flüsterte: "Es ist schrecklich grausam, aber du sollst nicht dazwischenplappern, wenn Erwachsene sich unterhalten."

 "Mrs. Fallon hat gehofft, wenn sie zu mir käme und von Mutter zu Mutter spräche, würde sie eher Gehör finden", meinte Viola.

 Ganz offensichtlich war diese Hoffnung nicht enttäuscht worden.

 "Haben Sie die Freunde und Bekannten Ihrer Tochter gefragt, wo sie sein könnte?", erkundigte sich Nell.

 Mrs. Fallon streichelte noch immer die Puppe und nickte. "Ich hab bestimmt mit jedem in Charlestown gesprochen, oder es wenigstens versucht. Manche, also zum Beispiel die Mädchen, mit denen sie in der Fabrik arbeitet, haben mich kaum eines Blickes gewürdigt. Andere waren ganz gesprächig, wussten aber auch nicht viel. Einfach verschwunden, von einem Tag auf den andern. Samstag ist sie zur Arbeit gegangen und seitdem nicht mehr nach Hause gekommen."

 "Sagten Sie nicht, sie wäre seit Sonntag verschwunden?", fragte Nell verwundert.

 Mrs. Fallon errötete. "Na ja, sie ist … äh …"

 "Sie ist samstags nie nach Hause gekommen", sprang ihr Mann ein. "Dieser Virgil hat sie von der Arbeit abgeholt, und dann sind die beiden irgendwohin hin, wo sie … na ja …"

 "Ich verstehe", meinte Nell. "Aber den Tag darauf kommt sie sonst nach Hause?"

 "Jeden Sonntagabend um sechs Uhr", bestätigte Mrs. Fallon, "denn zu der Zeit muss Virgil den Pferdewagen zu Ollie Fuller zurückbringen."

 "Ollie ist ja Kohlenhändler in Charlestown", erklärte ihr Mann, "aber weil er am Sonntag nicht arbeitet, vermietet er sein Fuhrwerk von Samstagabend bis Sonntagabend an Virgil."

 "Wo fahren sie denn hin?", wollte Nell wissen.

 Mrs. Fallon schüttelte den Kopf. "Bridie mochte nicht mit mir darüber reden. Sie wusste, was ich davon hielt. Hochwürden Dunne, der Priester in der Kirche zur Unbefleckten Empfängnis, fragt uns immer, warum sie sonntags nie zur Messe kommt. Und was soll ich ihm denn da sagen?"

 "Ich glaub ja doch, dass der Jimmy was wissen könnte", meinte Mr. Fallon zu seiner Frau. "Wenn du sie finden willst, fragst du am besten …"

 "Ich habe gesagt, dass ich reden würde", zischte sie ihn an. "Habe ich das nicht gesagt?"

 "Jimmy?", hakte Nell nach.

 "Der ist nicht weiter wichtig", entgegnete Mrs. Fallon geschwind.

 "Er ist Bridies Ehemann", sagte Mr. Fallon.