Leseprobe Mordsplatschari

1.

„Du hast – was?“ Helena starrte völlig entsetzt auf das Handy in ihrer Hand, während die gelassene Stimme ihrer Mutter aus dem Lautsprecher kam.

„Aber du kennst doch die Jenny!“, sagte ihre Mutter gerade. „Wieso regst du dich denn nur so auf?“

„Ich habe Jenny vor ungefähr zehn Jahren zum letzten Mal gesehen! Zehn Jahre, Mama!“ Helena fuhr sich mit den Händen durch ihre Haare und versuchte, sich zu beruhigen.

„Aber sie ist doch deine Cousine. Magst du ihr nicht diesen kleinen Gefallen tun?“

Helena musste laut lachen. „Kleiner Gefallen? Ich soll Jennys Sohn bei mir aufnehmen, und du sprichst von einem kleinen Gefallen?“

„Du übertreibst maßlos, Lenchen. Von Aufnehmen kann gar keine Rede sein. Du sollst ihn lediglich ein paar Wochen bei dir unterbringen, das ist alles.“

„Aufnehmen, unterbringen – also ob da ein Unterschied wäre!“, blaffte Helena verärgert. Ihre Mutter hatte wirklich Nerven! „Außerdem kenne ich den Jungen doch gar nicht!“

„Natürlich kennst du ihn! Bei Großonkel Herberts 80. Geburtstag habt ihr euch gesehen.“

„Großonkel Herbert lebt doch schon ewig nicht mehr, Mama!“

„Ach Lenchen“, schmeichelte ihre Mutter. „Tu es mir zuliebe! Ich habe es Tante Linda versprochen. Sie macht sich solche Sorgen um ihren Enkel, und ihre Tochter Jenny ist auch ganz verzweifelt!“ Ein flehender Unterton lag in der Stimme von Helenas Mutter.

Die junge Kommissarin seufzte. Sie hatte schon immer Schwierigkeiten damit gehabt, ihrer Mutter einen Gefallen abzuschlagen, da die beiden ein äußerst herzliches Verhältnis zueinander hatten. Ihre Mutter war immer für sie da gewesen. Auch als sie nach Augsburg umgezogen war und das Heimweh nach ihrer Hamburger Heimat sie zu übermannen drohte, war es ihre Mutter gewesen, die ihr immer wieder Mut zugesprochen hatte. Ohne sie hätte sie vielleicht die Flinte ins Korn geworfen und wäre jetzt nicht so glücklich in ihrer neuen Heimat. Bei der Augsburger Polizei hatte sie eine herzensgute Partnerin, die zwar zugegebenermaßen ziemlich unkonventionell war, ihr aber in dem halben Jahr, in dem sie nun in der Fuggerstadt weilte, eine richtig gute Freundin geworden war, die sie nicht mehr missen wollte.

„Was weißt du denn über diesen Johannes? Als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, ging er mir ungefähr bis zum Bauchnabel“, hakte Helena nach. Aus der Leitung kam ein erleichtertes Seufzen. Ihre Mutter wusste genau, wann sie gewonnen hatte.

„Er ist ein ganz lieber Junge“, begann sie ihre Ausführungen.

„Na, wenn er so lieb wäre, wie du behauptest, wäre er wohl kaum vom Gymnasium geflogen, wie du mir vorhin erzählt hast“. Diesen gehässigen Kommentar konnte sich Helena nicht verkneifen.

„Daran ist nur sein Freundeskreis schuld, sagte zumindest Tante Linda. Ihre Jenny hat ihr von den sogenannten Freunden von Johannes ausführlich erzählt. Sie haben ihn auf die schiefe Bahn gebracht. Deshalb hofft sie doch so sehr, dass ein Tapetenwechsel dem Jungen hilft.“

„Weißt du denn, warum genau er von der Schule geflogen ist?“

„Soweit ich weiß, waren da Drogen im Spiel. Bei ihm ist wohl ein Joint oder so etwas gefunden worden.“

Helena schluckte. Ein Joint oder so etwas konnte schließlich eine Menge bedeuten.

„Mama, ich habe gar keine Zeit, mich um Johannes zu kümmern“, versuchte sie abermals, den Wunsch ihrer Mutter abzuwehren. „Ich muss doch jeden Tag ins Präsidium.“

„Das ist ja das Gute daran! Du bist doch Polizistin …“ - Helena unterbrach kurz: „Kriminalkommissarin!“ –

„Eben! Kriminalkommissarin“, fuhr ihre Mutter fort. „Da kann der junge Mann lernen, wie leicht man auf die schiefe Bahn gerät und was mit den Menschen passiert, die mit Drogen zu tun haben.“

Helena konnte die Zufriedenheit in der Stimme ihrer Mutter hören, die sich ihrer Sache offenbar sehr sicher war.

„Aber Mama“, setzte Helena noch einmal an. „Wenn ich weg bin, ist der Jung doch alleine daheim. Wer weiß, auf was für Ideen er da kommt.“

„Und genau dafür habe ich auch schon eine Lösung.“

Jetzt war Helena aber gespannt. Ihre Mutter klang so überzeugt, dass Helena sich daher sicher war, dass diese noch einen Trumpf im Ärmel hatte, den sie nun ausspielen würde. Gespannt wartete sie auf das, was nun käme.

„Der Johannes wird bei euch auf dem Präsidium ein Praktikum machen.“

Der Kommissarin blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet!

„Ein Praktikum? Bei uns auf dem Präsidium?“

„Genau. So kannst du ihn immer im Blick behalten. Wer weiß, vielleicht wird ja auch noch ein waschechter Polizeibeamter aus dem Jung?“

Vom Drogi zum Bullen ... Helena musste schmunzeln. Ihre Mutter hatte aber auch eine blühende Fantasie.

„Sag mal, wie stellst du dir das eigentlich vor? Das ist alles nicht so einfach! Erst einmal müsste ich bei Kriminalhauptkommissar Meier die Erlaubnis einholen, bezweifle aber, dass er einen Kleinkriminellen bei uns arbeiten lässt.“

„Das ist ja das Schöne“, sagte ihre Mutter zufrieden. „Das ist alles schon geregelt. Der Jung kann schon am kommenden Montag bei euch anfangen.“

Helena schnappte nach Luft. „Schon geregelt? Aber wie ...?“ Plötzlich schwante ihr Schlimmes.

„Franzi!“, sagten sie und ihre Mutter gleichzeitig.

„Genau, eben die“, lachte ihre Mama. „Franzi war so lieb, Johannes eine Praktikumsstelle bei euch auf dem Präsidium zu besorgen. Ich habe ihr gesagt, dass das eine Überraschung für dich sein soll.“

„Tolle Überraschung“, knurrte Helena. Das hätte sie sich ja denken können, dass ihre Partnerin Franzi die Finger im Spiel hatte. Über Silvester hatte Franzi Helenas Eltern kennengelernt, als die beiden Kommissarinnen einen Kurztrip nach Hamburg unternommen hatten. Franzi und Helenas Mutter hatten sich sofort blendend verstanden. Mit ihrer offenen Art hatte die Augsburger Kommissarin die Hamburger im Sturm erobert. Franzi und Helenas Mutter teilten die Leidenschaft für das Gärtnern und die Kräuterheilkunde miteinander. So saßen sie stundenlang bei einer dampfenden Tasse Kräutertee – natürlich aus selbstgesammelten Kräutern – in der Küche und tauschten sich aus. Helena interessierte sich zwar auch für Kräuter und deren Heilwirkung und hatte mit Franzi zusammen sogar schon wohlduftende Calendulasalbe hergestellt, verfügte aber bei weitem nicht über das Backgroundwissen der beiden. Dass Franzi und ihre Mutter noch miteinander in Kontakt standen, hatte Helena nicht gewusst.

„Also, ist es abgemacht?“, hakte ihre Mutter nach.

Verzweifelt drehte Helena die Augen zur Decke. Wie es aussah, kam sie aus dieser Nummer nicht mehr heraus.

„Und wie lange soll der Johannes bei mir bleiben?“

„Ach, das werden wir dann sehen, Lenchen. Ich bin mir sicher, dass ihr zwei euch blendend verstehen werdet! Immerhin ist er dein Großcousin.“

Kurze Zeit später beendete Helena das Telefonat. Ihre Mutter hatte ihr Jennys Handynummer gegeben, von der sie alle weiteren Informationen erhalten würde. Seufzend stand sie von ihrer bequemen Wohnzimmercouch auf und ging in die Küche. Sie brauchte dringend Koffein. Während sich ihre Einhebelkaffeemaschine langsam erhitzte und mit Zischgeräuschen auf sich aufmerksam zu machen versuchte, starrte Helena gedankenverloren aus dem Fenster, ohne die schöne Umgebung draußen wahrzunehmen. Der Gedanke, für jemanden verantwortlich zu sein, behagte ihr gar nicht. Zumal sie diesen Jemand nicht einmal richtig kannte. Erst als das Zischen der Kaffeemaschine einen bedrohlichen Unterton annahm, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem ursprünglichen Vorhaben zu. Sie nahm die geliebte Espressotasse ihrer Oma aus dem Schrank und stellte sie unter das Ventil. Anschließend drückte sie mit ganzer Kraft auf den Hebel, woraufhin der köstliche Espresso in ihre Tasse träufelte. Tief sog Helena das kräftige Aroma ein. Hmmm, wie das duftete! Vorsichtig balancierte die Kommissarin das heiße Getränk in Richtung Balkon. Da die alte Tasse leider über keinen Henkel mehr verfügte, hielt sie sie vorsichtig oben am Rand, um sich die Finger nicht zu verbrennen. Ein prüfender Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass sich die Wolken, die vormittags noch zuhauf den Augsburger Himmel bedeckt hatten, inzwischen größtenteils verzogen hatten. Es sprach also nichts dagegen, den Espresso draußen auf dem Balkon einzunehmen. Helena öffnete die Balkontür. Sie stellte die Tasse auf dem kleinen Tischchen ab und setzte sich auf einen ihrer quietschgelben Klappstühle, die damals mit ihr von Hamburg nach Augsburg umgezogen waren. Die Uhr der nahegelegenen St. Ulrichsbasilika schlug Elf. Von ihrem Balkon aus konnte sie den hohen Kirchturm gut sehen.

Vorsichtig nippte Helena an ihrem Getränk. Augenblicklich belebten sich ihre Lebensgeister wieder. Wie gut, dass sie sich gleich einen doppelten Espresso gemacht hatte! Entspannt lehnte sie sich zurück. Dies war ihre letzte Urlaubswoche und schon am Montag würde es für sie im Präsidium weitergehen. Zwei Wochen hatte sie Urlaub genommen, da sie schon viel zu viele Überstunden angehäuft hatte. Ihr Chef, Kriminalhauptkommissar Meier, hatte sie freundlich aber energisch dazu gedrängt. Zuerst hatte sie überhaupt keine Lust gehabt, Ende Mai, Anfang Juni Urlaub zu nehmen, war jetzt aber doch froh darüber, dass sie nachgegeben hatte. Das erste halbe Jahr in Augsburg hatte es in sich gehabt. Gemeinsam mit Franzi hatte sie mehrere Fälle bearbeitet und sogar schon zwei Todesfälle aufklären können. Als sie sich an ihren ersten großen Fall hier zurückerinnerte, schüttelte sie unwillkürlich den Kopf. Was für eine irrsinnige Geschichte das gewesen war! Und wie sehr sie anfangs mit dem Augsburger Dialekt zu kämpfen gehabt hatte! Ok, zugegebenermaßen hatte sie das immer noch, aber an manche Dinge hatte sie sich trotzdem schon gewöhnt. Sie würde hier für alle Zeiten der „Saupreiß“ sein und den Dialekt vermutlich nie aussprechen können. Damit hatte sie sich längst abgefunden, aber sie war schon dankbar, mittlerweile wenigstens nicht mehr ganz so unbeholfen dazustehen, wie zu Beginn. Wenn sie wieder mal nur Bahnhof verstand, war ja Franzi da, die für sie dolmetschen konnte.

Franzi hatte die letzten beiden Wochen allein die Stellung im Präsidium gehalten. Sie würde im Sommer einen längeren Urlaub machen und ihre Patentante Lotte in der Pfalz besuchen. Helena hatte ihre Freundin jedes Wochenende getroffen, um von ihr den neuesten Tratsch aus dem Präsidium zu erfahren. Meistens trafen sie sich in einem idyllischen Biergarten direkt an der Wertach. Gerade einmal fünfzehn Minuten brauchte Helena mit dem Fahrrad aus der Stadtmitte dorthin und Franzi, die in den Wertachauen wohnte, war sogar noch schneller dort. Längst hatte sich Helena auch an das bayerische Nationalgetränk gewöhnt. Grundsätzlich war sie eher Weintrinkerin, aber im Biergarten trank man eben Bier, wie der Name schon sagte. Das bayerische Bier war aber auch süffig, wie Helena bereitwillig zugab. Was sie aber nie verstehen würde, war, dass Bayern ihr Bier gerne aus einem Maßkrug tranken. Ein ganzer Liter Bier! Das würde sie nie schaffen. Einmal hatte sie gesehen, wie ein Einheimischer einen Maßkrug auf einen Zug geleert hatte, sehr zur Freude seiner Tischgenossen. Einen Höllenlärm hatten die veranstaltet und ihm sofort ein neues Bier hingestellt. Schließlich verlangte solch heroisches Engagement ja nach einer Belohnung ... Der Held selbst hatte sich grinsend von seinen Kumpels auf die Schulter klopfen lassen und auch mit dem Leeren seiner zweiten Maß keine großen Probleme gehabt, wie Helena erstaunt beobachtet hatte. Wie konnte man nur so viel trinken? Müsste es nicht irgendwann oben wieder herausschäumen?

In dem gemütlichen Biergarten an der Wertach gab es noch dazu leckeres Essen. Nicht nur der übliche Wurstsalat, der dort in riesigen Bergen mit Radieschen garniert und duftenden Brotscheiben serviert wurde, sondern auch außergewöhnlichere Speisen wie Falafelbällchen auf Salat oder Hummus mit Fladenbrot standen dort auf der Speisekarte. Franzi und Helena saßen meist an ihrem Lieblingsplatz, von dem aus sie die träge dahinfließende Wertach beobachten konnten.

Noch vier Tage, dann war der Urlaub vorbei. Helena freute sich auf die Arbeit. Kommissarin war ihr absoluter Traumberuf, obwohl sie auch schon in der ein oder anderen brenzligen Situation gewesen war. In ihrem ersten Fall in Augsburg war sie sogar mit einem Messer bedroht und verletzt worden. Aber was gab es Besseres, als für Recht und Ordnung zu sorgen? Und mit Franzi hatte sie eine zuverlässige Partnerin an der Seite. Franzi ... Helena runzelte die Stirn, als sie an ihre Partnerin dachte. Hatte die doch tatsächlich mit ihrer Mutter gemeinsame Sache gemacht! Am besten rief sie ihre Freundin gleich mal an. Sie holte ihr Handy aus dem Wohnzimmer und wählte Franzis Nummer.

„Ja, grüß di, Lena!“, tönte ihr Franzis Stimme erfreut entgegen. „Schön, dass du mi aus meim trischten Büroalltag rausholsch!“

„Hallo Franzi“, grüßte sie zurück. „Sag mal, was für eine Sache hast du denn da mit meiner Mutter ausgeheckt?“

Glucksendes Lachen ertönte aus dem Hörer. „Ja, des isch ´ne feine Überraschung, geh?“

„Na ja, überrascht bin ich schon“, bemerkte Helena. „Aber eine feine Überraschung ...?“ Ein zweifelnder Unterton schwang in ihrer Stimme mit.

„Jetzt komm scho! Des wird doch a Riesenspaß mit deim Hannes! Wirsch scho sehn“, warf ihre Partnerin fröhlich ein.

„Wie hast du das denn eigentlich hinbekommen, mit dem Praktikum und so?“, wollte Helena es jetzt doch genauer wissen.

Wieder ertönte lautes Lachen aus dem Hörer. „Ganz einfach! Mit dem mir eigenen Charme hab i den Meier so lang bezirzt, dass der mir gar nimmer aus´kommen isch.“

Helena musste grinsen. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, dass der Kriminalhauptkommissar keine Chance gehabt hatte. Was Franzi sich in den Kopf setzte, war so gut wie beschlossene Sache. Ihr Chef tat ihr fast ein klein wenig leid.

„I hab ihn solang g´nervt, bis er ja g´sagt hat“, fuhr Franzi mit ihrer Erklärung fort und bestätigte damit Helenas Vermutung. „Frau Danner“, Franzi ahmte den tiefen Bass von Kriminalhauptkommissar Meier täuschend echt nach, „dann bringen´S den Buben halt in Dreiteufelsnamen mit auf´s Revier, aber lassen´S mich endlich damit zufrieden.“

Helena lachte. Sie sah das genervte Gesicht ihres Chefs förmlich vor sich.

„Aber dass du das hinter meinem Rücken ausgeheckt hast, ist schon allerhand“, schalt sie ihre Partnerin leicht.

„Weißsch, Lena, die Rosi und i ham des halt so ausg´macht. Und was soll denn Schlechtes dran sein, wenn ma sich aushilft? Dem Buben wird´s hier gut gehn. Wirsch scho sehn!“

Die Rosi und sie ... So, so. Die resolute Schwäbin war tatsächlich der einzige Mensch, der Rosi zu Helenas Mutter sagte. Für alle anderen war sie nur Roswitha. Helena hatte gestaunt, dass ihre sonst so korrekte Mutter nur leicht die Augenbrauen gehoben hatte, als sie sich vorgestellt hatte und von Franzi sofort mit „Servus, Rosi“ begrüßt und umarmt worden war. Auch Helena war von Franzi gleich mit dem Spitznamen „Lena“ versehen worden, obwohl sie in Hamburg immer mit ihrem ganzen Vornamen angesprochen worden war. Lediglich ihre Mutter sagte hin und wieder „Lenchen“ zu ihr, vor allem, wenn sie etwas von ihr wollte, so wie vorhin am Telefon.

„Ich kann mir jedenfalls nur schwer vorstellen, auf einmal für ein Kind verantwortlich zu sein“, stöhnte Helena.

„Ein Kind?“ Franzi musste laut lachen. „Helena, der Bub isch doch scho mindeschtens 16 oder 17 Jahre alt!“

Helena musste schlucken. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht! Klar, als sie Johannes das letzte Mal gesehen hatte, war er ein kleiner rotznäsiger Pimpf gewesen, der ständig am Rockzipfel seiner Mutter hing.

„Du wirsch sehn, dass sich alles zum Guten wendet! I bin ja schließlich au no da!“

„Na gut“, lenkte Helena ein. „Was bleibt mir auch anderes übrig? Dann bist du aber mit mir für den jungen Mann verantwortlich, einverstanden?“

„Na klar! Irgendwie bin i ja au mitverantwortlich, dass der Bub jetzt zu dir zieht“, stimmte ihre Kollegin gutmütig zu.

„Zieht? Nein, nein, das ist wirklich ein zu starkes Wort, Franzi. Er besucht mich ja nur!“

„Na gut, dann b´sucht er di halt für´n paar Wochen. Wird scho schiefgehn! Du, Lena, i muss jetzt wieder los. Der Schorsch wollt no was von mir. Pfiat di und bis bald.“

„Bis bald und schöne Grüße an den Schorsch.“ Der Streifenpolizist war ihr im letzten halben Jahr richtig ans Herz gewachsen, obwohl sie ihn am Anfang überhaupt nicht hatte leiden können. Aber bei ihrem ersten Fall hatte er ihr das Leben gerettet, was sie ihm nie vergessen würde. Kopfschüttelnd legte Helena das Handy weg. Franzi und ihre Mutter hatten ihr ja eine schöne Überraschung bereitet!

Um ihren Kopf freizubekommen, beschloss Helena, erstmal joggen zu gehen. Immerhin war herrliches Wetter draußen - nicht zu warm und nicht zu kalt - also ideal für sportliche Betätigung. Sie wählte ihre Lieblingsstrecke in den Rote-Torwall-Anlagen, die sie von ihrer Wohnung in der Innenstadt aus in kürzester Zeit erreichen konnte und trabte gemütlich vor sich hin. Diese Jahreszeit war ihr die Allerliebste. Endlich hatten sich die Bäume wieder in ihr prächtiges Blattwerk gehüllt, das sie stolz zur Schau stellten. Überall blühten die unterschiedlichsten Büsche um die Wette. Der Holunder verwöhnte ihre Sinne mit seinem süßen Aroma. Tief durchatmend lief Helena weiter und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Wie wunderschön es hier war! Ein obligatorischer Abstecher in das Kräutergärtlein durfte natürlich nicht fehlen! Helena staunte, wie sehr die Kräuter seit ihrem letzten Besuch vor einer Woche in die Höhe geschossen waren. Unglaublich, wie viel Kraft in diesen Pflanzen steckte! Helena war ganz allein an diesem ruhigen Örtchen und genoss die Stille. Ganz entfernt nahm sie das Brummen der Autos wahr, konnte es aber problemlos ausblenden. Welch ein Kleinod inmitten in dieser gar nicht mal so kleinen Stadt, die immerhin über 300.000 Einwohner zählte! Diese grüne Oase befand sich im Herzen Augsburgs, inmitten einer weitläufigen Parkanlage, die ihre Bewohner zum Verweilen, Spazierengehen oder Sportmachen einlud. Helena liebte diesen Ort, wo sie sich mit verschiedensten frischen Kräutern eindecken konnte, die sie zum Kochen oder Tee aufbrühen benötigte. Auf ihrem Balkon hatte sie natürlich auch Töpfe mit Schnittlauch und den wichtigsten Küchenkräutern stehen, aber hier entdeckte sie immer wieder neue Arten, die sie in ihren Rezepten ausprobieren konnte. Neuerdings machte sie gerne Eistee aus frischer Pfefferminze und garnierte das erfrischende Getränk mit Eiswürfeln und ein paar Minzblättern. Lecker! Das Rezept hatte sie von Franzi erhalten, die nebenberuflich Kräuterhexe war und ihre Umgebung gerne mit allerlei gesunden Köstlichkeiten verwöhnte.

Helena schnitt sich ein paar Stängel des duftenden Krautes ab, steckte sie in den immer paraten Jutebeutel, um anschließend langsam trabend nach Hause zurückzukehren.

Es war ihr erfolgreich gelungen, den Gedanken an ihren bevorstehenden Besuch zu verdrängen, aber gerade daheim angekommen, überfiel er sie wieder mit voller Wucht. Ihre Wohnung verfügte nicht mal über ein Gästezimmer! Helena zuckte mit den Schultern. Dann würde ihr Gast eben im Wohnzimmer schlafen müssen. Zum Glück war ihre Couch lang genug, sodass sie notfalls als Bett herhalten konnte.

Am besten, sie rief erstmal ihre Cousine Jenny an, um zu erfahren, wann sie mit ihrem ungebetenen Gast rechnen durfte.

Nach kurzem Läuten hob jemand ab.

„Guten Tag, Jenny. Ich bin es, die Helena.“ Keine Antwort. „Hallo? Hörst du mich, Jenny?“

Helena hörte jemanden atmen. Kurz darauf ertönte ein vorsichtiges „Hallo“ aus der Leitung.

„Ich habe gerade erfahren, dass ich deinen Sohn bei mir aufnehmen darf. Kannst du mir vielleicht Näheres dazu sagen?“

Zu ihrer Bestürzung hörte sie, wie Jenny am anderen Ende der Leitung in Tränen ausbrach.

„Min Jung“, schluchzte sie ins Telefon. „Weißt du, mein Johannes hat zurzeit ein paar Probleme ...“ Von Schluchzern geschüttelt, konnte sie nicht weiterreden.

„Ich habe schon gehört, dass er sich den falschen Freundeskreis ausgesucht hat. Jenny, jetzt beruhige dich doch.“ Ihre Cousine konnte aber nicht aufhören zu weinen. „Das wird schon wieder“, versuchte Helena sie zu beruhigen. „Hörst du? Wir kriegen das schon hin!“

Langsam verebbten die Schluchzer. Ein kurzes Rascheln ertönte und Helena hörte, wie ihre Cousine sich die Nase putzte.

„Wirklich?“ Hoffnung schwang in Jennys Stimme mit. „Meinst du wirklich, dass das wieder wird?“ Sie klang so jämmerlich, dass Helena augenblicklich Mitleid mit ihr hatte. Obwohl sie sich alles andere als sicher fühlte, legte sie ihre ganze Überzeugungskraft in ihre Stimme: „Natürlich schaffen wir das! Das wäre ja auch gelacht! Ich bin doch immerhin bei der Kriminalpolizei, da werde ich doch mit so einem Bürschchen wie deinem Sohn mit links fertig!“

„Ach Helena, mir fällt so ein Stein vom Herzen! Ich habe mir solche Sorgen um Johannes gemacht!“, seufzte Jenny erleichtert.

Die junge Frau war alleinerziehende Mutter. Ihr Freund hatte sie verlassen, kaum dass er von der Schwangerschaft erfahren hatte. Sie war gerade einmal siebzehn Jahre alt gewesen, als sie den Jungen zur Welt brachte und war jetzt mit 34 nur ein paar Jahre älter als Helena selbst. Sie hatte es nie leicht gehabt und da sie ihre Ausbildung wegen des Babys nicht hatte beenden können, hielt sie sich und ihren Sohn mit Aushilfsjobs über Wasser.

„Warum ist er denn überhaupt von der Schule geflogen?“, wollte Helena wissen.

„Also, dafür kann er nichts!“ Jennys Stimme klang entrüstet. „Das musst du mir glauben! Die Drogen sind ihm untergeschoben worden!“

„Was für Drogen denn?“, fragte Helena vorsichtig nach.

„Irgendwelche Pillen“, wiegelte ihre Cousine ab. „Mein Johannes hat mir glaubhaft versichert, dass er damit nichts zu tun hat. Und trotzdem haben sie ihn einfach so rausgeworfen, obwohl er doch nächstes Jahr sein Abitur machen sollte.“ Jenny fing wieder an zu weinen. „Was soll denn nun aus ihm werden?“

„Beruhige dich, Jenny, es ist doch noch gar nichts verloren! Sein Abi kann er immer noch machen. Vielleicht tut ihm so eine Auszeit von der Schule ja auch ganz gut.“

Es dauerte eine ganze Weile, ihre Cousine zu beruhigen, aber schließlich schaffte es Helena. Inständig hoffte sie, dass sie Jenny nicht zu viel versprochen hatte. Sie würde sich mit Franzis Hilfe um Johannes kümmern. So schwer konnte das nun wirklich nicht sein! Das wäre doch gelacht, wenn sie mit einem Teenager nicht zurechtkommen würde!

Johannes würde am Samstagabend am Augsburger Hauptbahnhof eintreffen. Jenny hatte ihr die Reisedaten auf das Handy geschickt, damit Helena ihn abholen konnte. Das heißt, ihr blieben neben heute nur noch zwei Tage, um die Wohnung auf ihren Besuch vorzubereiten. Jetzt war es wohl an der Zeit, sich von den Wollmäusen unter dem Bücherregal und unter der Heizung zu trennen. Die Kommissarin seufzte. Eigentlich hatte sie ihren Urlaub nicht mit Putzen ausklingen lassen wollen, aber immerhin hätte sie dann wenigstens ihren Frühjahrsputz endlich erledigt, den sie schon seit Wochen vor sich herschob. Ihr schlechtes Gewissen hob den Zeigefinger und deutete auf den Kalender. Anfang Juni zählte durchaus noch zum Frühling, befand Helena und stand tatkräftig auf, um den Staubsauger zu holen.

Zwei Stunden später beschloss die völlig erschöpfte Kommissarin, das Putzen für heute zu beenden. Es war fast achtzehn Uhr und ihr Magen machte sie lautstark darauf aufmerksam, dass sie seit ihrem späten Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Müde ließ sie sich auf ihre Couch fallen. Eins war sicher, sie war definitiv zu erschöpft, um jetzt noch zu kochen. Kurz entschlossen nahm sie ihr Handy und bestellte sich eine Portion Chicken Tikka Masala mit Nan-Brot bei ihrem Lieblingsinder. Das hatte sie sich jetzt auf alle Fälle verdient!

Eine halbe Stunde später saß Helena genüsslich mampfend auf ihrem Sofa und sah sich einen Film an. Diesmal fiel es ihr schwer, sich auf die Handlung zu konzentrieren. Immer wieder spukte der Gedanke an ihren Besucher in ihrem Kopf herum. Sie fragte sich, wie sie in Zukunft ihre Abende verbringen würde, wenn Johannes auf der Couch nächtigte. Dann war ihr Wohnzimmer wohl erstmal tabu.

Helena ärgerte sich über sich selbst. Das Schwarzsehen sah ihr gar nicht ähnlich und sie würde auf der Stelle damit aufhören! Höchstwahrscheinlich würden sie und Johannes sich wunderbar verstehen und eine schöne Zeit miteinander verbringen. Und sie tat damit sogar noch ihrer Cousine Jenny einen großen Gefallen! Erfolgreich verdrängte sie ihre Sorgen und konnte sich nun doch auf den Film konzentrieren, der sie nach kurzer Zeit fesselte.

 

Am nächsten Morgen nahm Helena erst einmal ein ausführliches Bad. Sie war früh aufgewacht und hatte dank der großen Portion indischen Essens von gestern noch keinen Appetit auf Frühstück. Zwei Tage noch bis zu Johannes Ankunft. Während sie im knisternden Schaum lag, überlegte Helena, was sie noch alles vorbereiten musste. Ein Gang zum Supermarkt war sicherlich notwendig. Was aß so ein Jugendlicher überhaupt? Helena hatte keine Ahnung und beschloss, dass er eben das essen würde, was sie ihm vorsetzte. Dann musste sie noch Bettdecke und Kopfkissen beziehen. Ihr Besuch würde ihre Sommerdecke bekommen, die zwar etwas dünn war, aber für die Jahreszeit durchaus annehmbar. Notfalls konnte er ja noch die kuschelige Sofadecke dazunehmen. Blieb noch die Frage, wo Johannes seine Kleidung verstauen konnte. In ihren Kleiderschrank passte definitiv nichts mehr rein. Nicht mal ihre eigenen Klamotten fanden dort alle Platz, wie ihre auf dem Fensterbrett gestapelten T-Shirts bewiesen. Helena grübelte vor sich hin und plötzlich fiel ihr etwas ein. Wenn sie die alte Truhe ausräumen würde, die in ihrem Wohnzimmer stand und mit den Büchern vollgestopft war, die im Bücherregal keinen Platz mehr gefunden hatten, dann hätte Johannes einen Ort, wo er seine Sachen ordentlich verstauen konnte. Helena schloss zufrieden die Augen und genoss das warme Wasser. Die besten Ideen kamen einem eben immer in der Wanne!

Eine Stunde später, nachdem Helena ihr Bad beendet, sich hergerichtet und doch noch ausgiebig gefrühstückt hatte – der Hunger hatte sich zurückgemeldet – kniete die Kommissarin auf dem Boden ihres Wohnzimmers und räumte eifrig die Bücher aus der Holztruhe in einen Korb. Als er voll war, nahm sie ihn ächzend hoch und hängte ihn sich über die Schulter. Der Boden des Korbes wölbte sich bedenklich nach außen und Helena befürchtete schon ein jähes Ende ihres geliebten Einkaufskorbes, der sie zu zahlreichen Marktbesuchen begleitet hatte. Aber er hielt stand und auch die nächsten drei Gänge, die Helena von ihrer Wohnung über den Aufzug in den Keller vornahm, wo sie ihre Bücher in einem alten Umzugskarton verstaute, machte er brav mit. Beim vierten und letzten Gang passierte es schließlich, als Helena sich gerade in Richtung Aufzug bewegte. Die Bücher fielen laut rumsend auf den Boden und in der Mitte des geflochtenen Korbbodens klaffte ein großer Riss. Helena fluchte undamenhaft und machte sich daran, die Bücher wieder aufzusammeln.

„Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“

Helena fuhr herum. Hinter ihr stand ein großgewachsener junger Mann, der sie freundlich anblickte. Augenblicklich wurde sie rot. Hatte er gehört, wie sie eben lautstark herumgeflucht hatte? Plötzlich wurde Helena bewusst, wie unhöflich sie sich verhielt. Sie sprang auf die Füße, wobei ihr eines der eben eingesammelten Bücher aus dem Arm rutschte und mit einem lauten Knall wieder auf den Boden fiel.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Der Mann bückte sich und hob das Buch auf. Er streckte die Hand aus, um es ihr zu reichen.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, wie unhöflich von mir. Mein Name ist Niclas Beck. Ich bin erst vor kurzem hier eingezogen.“ Er deutete auf die Wohnungstür am Ende des Ganges.

„Ach, in die Wohnung von Frau Friedel“, stellte Helena fest.

„Genau. Frau Friedel ist nach Ulm zu ihrer Tochter gezogen, und ich hatte das Glück und konnte die Wohnung mieten.“ Er musterte seine neue Nachbarin interessiert. Helena brauchte einen Moment, bis sie verstand, dass sie sich nun ebenfalls vorstellen musste. Oh je, der Mann musste sie für total unhöflich halten!

„Hansen“, sie räusperte sich verlegen. Ihre Stimme hörte sich eigentümlich belegt an. „Helena Hansen. Ich wohne da drüben.“ Sie deutete auf ihre Wohnungstür.

„Schön, Sie kennenzulernen, Frau Hansen.“

Niclas Beck lächelte ihr zu. Seine braunen Augen, die perfekt mit seinen kurzgeschnittenen, dunkelblonden Haaren harmonierten, waren auf Helena gerichtet und sie konnte nicht umhin, den athletischen Körperbau ihres Nachbarn zu bewundern. Als ihr bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte, wurde sie ein weiteres Mal rot. Der Mann musste sie wirklich für eine Schwachsinnige halten!

„Wie gesagt, ich würde Ihnen gerne mit den Büchern helfen“, sagte er. Als er lächelte, fielen ihr seine neckischen Grübchen an den Mundwinkeln auf.

„Nein, vielen Dank.“ Helena stotterte leicht. Was sollte denn das jetzt? „Das ist nett von Ihnen, aber ich schaffe das auch so.“

Er sah zweifelnd auf die vielen Bücher, die noch auf dem Boden lagen und den kaputten Korb, widersprach Helena aber nicht.

„Es war jedenfalls schön, Sie kennenzulernen.“ Ihr neuer Nachbar zwinkerte ihr kurz zu, um anschließend beschwingt die Treppe hinunterzulaufen.

Helena blieb alleine im Gang zurück. Was war nur mit ihr los? Sie erkannte sich selbst kaum wieder. Da sprach sie ein netter, zugegebenermaßen gut aussehender Mann an und schon benahm sie sich wie eine Teenagerin! Wie peinlich!

Seufzend wandte sich Helena wieder den Büchern zu und klaubte eins nach dem anderen vom Boden auf. Dann machte sie sich mit ihrer schweren Last auf in den Keller und verstaute die letzten Bücher im Karton. Dessen Deckel konnte sie zwar nicht mehr schließen, was vermutlich daran lag, dass sie die Bücher nicht gerade ordentlich darin verstaut hatte, aber egal. Mission erfüllt.

Zurück in ihrer Wohnung sah sich Helena zufrieden um. Keine Wollmäuse weit und breit mehr zu sehen! Die Truhe im Wohnzimmer wartete darauf, befüllt zu werden, und alles in allem war ihre Wohnung so sauber wie schon lange nicht mehr. Helenas Arme schmerzten von der Schlepperei und in ihren Oberschenkeln machte sich ein leichter Muskelkater vom Joggen bemerkbar, trotzdem beschloss sie, noch einkaufen zu gehen. Bedauernd sah sie den kaputten Korb auf dem Boden, der sie nun nicht mehr würde begleiten können. Zum Glück fiel ihr gleich eine Lösung für dieses Problem ein. Sie hatte erst neulich in einem der Geschäfte auf dem Augsburger Stadtmarkt ähnliche Körbe gesehen. Was lag also näher, als zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? Sie würde auf dem Markt einkaufen gehen und sich gleichzeitig um einen neuen Korb kümmern.

Helena beschloss, bei dem schönen Wetter zum Stadtmarkt zu laufen. Von ihrer Wohnung in der Stadtmitte brauchte sie sowieso nur eine Viertelstunde dorthin. Da lohnte es sich fast nicht, das Fahrrad zu nehmen. Das warme Juniwetter hatte viele Menschen zu einem Stadtbummel verleitet. Überall schlenderten fröhliche Leute in bester Shoppinglaune durch die Fußgängerzone. Die Annastraße war bei den Einheimischen sehr beliebt. Sie führte in einem geschwungenen Bogen durch die Augsburger Innenstadt und durfte nur vormittags von Lieferfahrzeugen befahren werden. Nachmittags gehörte sie ganz den Fußgängern. Zahlreiche Geschäfte fanden sich hier: ein exklusiver Herrenausstatter neben einer Metzgerei, mehrere Handyläden und zahlreiche Klamottenläden, Schmuckläden, der übliche McDonalds, Buchhandlungen ... Für jeden Geschmack war etwas dabei. Die altehrwürdige Annakirche, die bei keiner Stadtführung fehlen durfte, war die Namensgeberin der Einkaufsstraße. Auch Helena hatte die schöne, alte Kirche bei einem Stadtrundgang bereits besucht. Allerdings war sie nicht mit einer der zahlreichen Touristengruppen unterwegs gewesen, sondern mit ihrer Kollegin Franzi, die darauf bestanden hatte, sie persönlich durch ihr geliebtes Augsburg zu führen. Der Rundgang hatte Helena zu zahlreichen Sehenswürdigkeiten geführt, sie aber auch mit einigen kulinarischen Highlights der Stadt vertraut gemacht. Ein großes Glas Spritz mit Blick auf das berühmte Augsburger Rathaus aus der Renaissancezeit war einfach unschlagbar!

Der Stadtmarkt lag direkt an der Annastraße und konnte durch zwei Tore betreten werden. Helena drückte dem Obdachlosen, der immer vor dem Taschengeschäft seine Zeitschrift verkaufte, ein paar Euro in die Hand, verstaute das Blatt und betrat den Markt. Ihr Plan war es, zuerst nach einem neuen Korb Ausschau zu halten, schließlich würde sie ihn zum Transport ihrer Einkäufe brauchen. Nachdem sie ein Lottogeschäft und zwei kleine schnuckelige Cafés passiert hatte, bog sie in eine schmale Gasse ein. Auf der rechten Seite drängten sich dicht an dicht mehrere Stände, die unterschiedlichstes Obst und Gemüse von nah und fern feilboten. Auf der linken Seite schlenderte sie zunächst an zwei Blumenläden vorbei, deren duftende Auslage von ihr ausgiebig bestaunt wurde, bevor sie schließlich zu dem kleinen Geschäft gelangte, das ihr eigentliches Ziel gewesen war. Interessiert besah sich Helena die kunterbunte Ware, die davor aufgebaut war. Was es hier nicht alles gab! Windlichter aus unterschiedlichsten Materialien, Kissenbezüge mit Tiermotiven – das knautschige Mopsgesicht war schon niedlich! - Blumentöpfe mit kunstvoller Bemalung und etliches mehr versuchten Kunden anzulocken. Ein Postkartenständer bot allerlei witzige Postkarten mit frechen Sprüchen an. „Nur net hudln“ stand auf einer der Karte. Helena hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte. „Basst scho“ hingegen verstand sie inzwischen, hatte sie es doch schon oft genug gehört. Aber „Schlawuzi“? Die Kommissarin seufzte. Augschburgerisch – ein Buch mit sieben Siegeln! Zielstrebig setzte sie ihre Suche fort. Körbe konnte sie in dem liebevollen Durcheinander keine entdecken. Forschend sah sich Helena um und betrat den Laden. Der kleine Verkaufsraum war über und über mit allem vollgestopft, was man sich nur wünschen konnte. Aber wo waren nur die Körbe?

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihrem Rücken.

„Ja, gerne. Ich suche einen Korb ...“ Helena drehte sich um. Das Wort blieb ihr im Hals stecken. Vor ihr stand ihr neuer Nachbar, Niclas Beck, und grinste sie an.

„Was machen Sie denn hier?“, entfuhr es ihr überrascht.

„Ich arbeite hier“, erklärte er schmunzelnd. „Meine Tante führt den Laden, aber sie wird langsam alt und hat mich gebeten, ihr auszuhelfen. Ich werde das Geschäft über kurz oder lang übernehmen.“

Helena blieb der Mund offen stehen. Sie hatte die alte Frau, die den Laden führte, schon häufiger gesehen. Tatsächlich hatte sie in letzter Zeit nicht mehr ganz so fit gewirkt.

„Geht es Ihrer Tante denn gut?“, fragte sie besorgt nach.

„Ihr geht es ganz gut, danke der Nachfrage. Seitdem sie öfter mal die Füße hochlegen kann, ist sie eigentlich ganz zufrieden. Sie überlegt sich sogar, sich einen Schrebergarten zuzulegen, um auf ihre alten Tage noch zu gärtnern.“ Er lachte leise. „Tante Lisa in Gummistiefeln ... Das wird ein Anblick!“

Helena musste nun ebenfalls schmunzeln. Die adrette alte Dame, die im Laden immer ein Kostüm trug, in Gummistiefeln zu sehen, wäre wirklich ein ungewohnter Anblick.

„Sie brauchen wohl einen neuen Korb“, wandte sich Niclas Beck wieder dem Grund ihres Besuches zu. „Was ist denn mit dem alten passiert?“ Er zwinkerte ihr zu. Als wüsste er nicht ganz genau, was passiert war. Schließlich war er ja dabei gewesen, als den alten Korb sein unrühmliches Ende ereilt hatte! Helena beschloss daher, seine Frage zu ignorieren.

„Ich suche einen Korb mit langen Henkeln, die man sich über die Schulter hängen kann. Erst letzte Woche habe ich draußen vor dem Geschäft einen gesehen. Er hing über dem grünen Klappstuhl.“ Sie deutete durch das große Schaufenster.

„Leider war das der letzte Korb dieser Art.“ Bedauernd hob Niclas die Hände in die Luft. „Ich habe ihn erst gestern verkauft. Wir haben zwar noch andere Einkaufskörbe“, er zeigte auf bunte Modelle mit modisch gestreiften kurzen Griffen, die an einem Ständer in der Ecke baumelten, „aber eben keine mehr mit langen Henkeln.“

„Oh“, sagte Helena enttäuscht. „Das ist aber schade.“ Sie überlegte, wie sie nun an einen neuen Korb kommen könnte, wusste aber, dass die Art, die sie haben wollte, fast nirgendwo verkauft wurde. Die meisten Körbe hatten kurze Henkel, die man in der Hand trug, wie eben die bunten in der Ecke.

„Ich könnte Ihnen einen Korb bestellen, wenn Sie möchten.“ Niclas Beck sah sie lächelnd an. „In spätestens einer Woche wäre er da.“

„Das wäre ja großartig!“ Helena strahlte. „Nur“, sie zog nachdenklich die Stirn in Falten, „wie krieg ich dann heute meine Einkäufe heim?“

„Wenn es weiter nichts ist ...“ Der junge Mann verschwand kurz hinter der Ladentheke und holte einen Stoffbeutel hervor, auf dem in großen Lettern „I bin Datschiburger und stolz drauf“ prangte. Helena besah sich zweifelnd die Inschrift.

„Den hat mir Tante Lisa zum Geburtstag geschenkt“, ließ sie ihr Gegenüber wissen. „Sie meinte, wenn ich schon nach Augsburg ziehe, müsse ich mich gleich integrieren.“

Helena lachte. „Wo kommen Sie denn her?“, fragte sie neugierig.

„Ich bin aus Potsdam. Ein Preuße, sozusagen.“

Helena freute sich. „Ich bin auch aus dem Norden, aus Hamburg.“

„Ich dachte mir schon, dass Sie nicht aus Augsburg stammen. Die Leute hier sprechen schon etwas ... nun, sagen wir mal … anders als Sie“, er grinste amüsiert, „oder als ich.“

„Wem sagen Sie das?“ Helena seufzte.

„So schlimm?“, fragte ihr Gegenüber amüsiert.

„Schlimmer“, ließ sie ihn wissen.

Nach einer kurzen Gesprächspause vereinbarten Helena und Niclas Beck, dass er sie anrufen würde, wenn ihre Bestellung eingetroffen war. Die Kommissarin bedankte sich und verließ mit ihrem geliehenen Stoffbeutel den Laden. Beschwingt lief sie durch die Gassen und füllte den Beutel nach und nach mit allerlei Köstlichkeiten. Als sie schließlich mit einer gut gefüllten Tasche nach Hause kam, verstaute sie ihre Einkäufe gleich in der Küche. Der Camembert und der würzige Bergkäse, die sie bei einem urigen Käseladen in der Viktualienhalle erstanden hatte, wanderten in den Kühlschrank. Die Auberginen, der Salat, die Zucchini und Karotten wurden sorgfältig ins Gemüsefach geräumt. Der große Laib Brot kam in den tönernen Brottopf. In der Fleischhalle hatte sie etwas Schinken und Salami erstanden, die ins Schubfach im Kühlschrank kamen. Obwohl sie selbst eher selten Wurst aß, würde ihr Gast vielleicht welche wollen. Die Eier von glücklichen Hennen – bei dem Preis mussten die Viecher ja verdammt glücklich sein, wie Helena meinte – wurden ebenfalls im Kühlschrank verstaut.

Helena ließ sich auf einen Stuhl sinken. In Gedanken ging sie nochmal ihre Liste durch, was sie vor dem Besuch ihres Großcousins alles erledigen wollte. Bis auf das Bettzeug war sie fertig. Johannes konnte kommen!

2.

Am Samstag präsentierte sich der Himmel wolkenverhangen, als Helena zum Bahnhof aufbrach. Sie lief die knapp zwei Kilometer zu Fuß, da der Augsburger Hauptbahnhof schon seit einiger Zeit umgebaut wurde und weit und breit keine Parkplätze zur Verfügung standen. Immer wieder warf sie besorgte Blicke auf die tief hängenden Wolken, die langsam und gemächlich über den grauen Himmel zogen. Helena hoffte, dass sie ihre nasse Ladung nicht unbedingt gerade dann entleerten, wenn sie ihren Großcousin abholte. Ausgerechnet heute spielte das Wetter nicht mit! Am gestrigen Abend hatte Helena noch mit Franzi im Biergarten gesessen und die laue Abendluft genossen. Eigentlich hatte sie geplant, Johannes heute Abend ebenfalls in den Biergarten einzuladen, so quasi als Willkommensgeste, aber das konnte sie wohl getrost vergessen! Aber so schlimm war das gar nicht. Sie konnte ihn immer noch in eines der zahlreichen Restaurants in der nahegelegenen Maxstraße einladen!

Schon sah sie die gelben Bahnhofsgebäude vor sich. Der ganze Vorplatz war gesperrt und mit Bauzäunen umstellt, sodass man nur den Seiteneingang benutzen konnte. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte Helena, dass Johannes Zug in Kürze eintreffen würde. Sie beschleunigte ihre Schritte und gelangte bald darauf durch eine lange Unterführung zum richtigen Bahngleis.

Die Anzeigetafel verriet Helena, dass der ICE aus Hamburg pünktlich eintreffen würde. Nervosität machte sich in ihr breit. Würde sie ihren Großcousin erkennen? Ihre Cousine hatte ihr ein leicht verschwommenes Foto ihres Sohnes gemailt, auf dem nicht wirklich viel zu sehen gewesen war, da der Junge auf dem Bild den Kopf gesenkt hielt und nicht in die Kamera schaute. Lediglich seine hellblonden Haare waren deutlich hervorgestochen

So viele Jugendliche mit so auffallend hellen Haaren würden sicher nicht alleine reisen und in Augsburg aussteigen, machte sich Helena Mut. Sie würde Johannes schon nicht verfehlen!

„Der ICE aus Hamburg-Altona über Berlin, Erfurt und Augsburg nach München fährt in Kürze auf Gleis 4 ein. Bitte treten Sie zurück!“, ertönte eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher.

Helena straffte die Schultern und warf ihren Kopf zurück. Noch einmal tief durchatmen, dann konnte sie den ICE schon anrollen sehen. Quietschend hielt der Zug und entließ zischend Luft. Endlich öffneten sich die Türen. Helena reckte sich und schaute nach links und rechts, um nur ja Johannes nicht zu verpassen. Jede Menge Leute stiegen ein und aus und begaben sich mit Koffern beladen zu den Ausgängen. Langsam wurde die Kommissarin unruhig. Wo blieb der Junge nur? Der Bahnsteig leerte sich nach und nach. Vereinzelte Nachzügler hievten noch ihre Koffer aus dem Zug. Die Schaffnerin hob ihre Hand und nahm die Pfeife in den Mund. Gleich würde sie das Signal zum Aufbruch geben. Am hintersten Ende des Zuges stieg noch ein verspäteter Fahrgast aus. Schon ertönte der Pfiff und die Türen schlossen sich. Brummend setzte sich der ICE wieder in Richtung München in Bewegung.

Helena hoffte, dass es sich bei dem verspäteten Fahrgast um ihren Großcousin Johannes handelte. Er stand ganz am anderen Ende des Bahnsteiges. Einen Koffer konnte sie nirgends entdecken. Entschlossen lief sie auf den Reisenden zu. Ein blonder Schopf war nicht zu erkennen. Hoffentlich hatte sie Johannes nicht verpasst und der arme Junge irrte verloren in der Stadt herum! Helena lief schneller. Als sie bei dem großen, jungen Mann ankam, sah sie, dass dieser eine schwarze Beanie Mütze trug.

„Johannes?“

Der Mann rührte sich nicht und da er mit dem Rücken zu ihr stand, konnte er sie auch nicht sehen.

„Johannes?“ Helena lief um den Fahrgast herum und berührte ihn leicht am Arm. Jetzt sah sie auch die Kopfhörer, die er über seiner Mütze trug und die wohl der Grund dafür waren, warum er sie nicht gehört hatte. Der junge Mann hob seine Hand, um ihr mitzuteilen, dass sie kurz warten sollte, dann kramte er sein Handy aus der Jackentasche und stellte die Musik leiser, bevor er sie wieder ansah.

„Johannes?“, wiederholte Helena inzwischen leicht genervt ihre Frage.

„Yup“, kam die knappe Antwort. Abschätzig betrachtete der junge Mann seine Großcousine von oben bis unten.

„Du bist aber alt geworden“, teilte er ihr das Ergebnis seiner Einschätzung großzügig mit.

Helena starrte ihn entgeistert an.

„Na, du bist aber auch nicht gerade jünger geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben! Wie alt warst du da? Fünf, sechs? Und ich war etwa in deinem jetzigen Alter.“

„Wie auch immer.“ Er zog gelangweilt seine Schultern hoch. Helena nahm sich nun auch Zeit, ihren Großcousin näher zu betrachten. Sie sah einen jungen Mann vor sich, der mindestens 1,90m groß und sehr dünn war. Seine braunen Augen konnte sie unter dem Vorhang aus wirren, blonden Strähnen, die ihm unter der Mütze in die Stirn fielen, kaum erkennen. Er trug eine zerlöcherte Jeans, die dringend mal wieder eine Waschmaschine von innen sehen wollte und eine schmuddelige schwarze Lederjacke über einem Slayer-T-Shirt, auf dem Totenköpfe abgedruckt waren. Über der Schulter trug er einen abgenutzten, löcherigen Rucksack, in dem er wohl seine Habseligkeiten transportierte. Viele Klamotten hatte er wohl nicht dabei ...

„Lass uns aufbrechen“, schlug Helena versöhnlich vor. „Du bist sicher erschöpft von der langen Reise!“

Johannes zuckte mit den Schultern und setzte sich hinter Helena in Bewegung, nachdem er die Musik wieder auf laut gestellt hatte. Seine Großcousine fand das extrem unhöflich, war doch so gar keine Unterhaltung mehr möglich. Aber sie wollte ja nicht so sein und die Spießerin raushängen lassen! Der Junge hatte schließlich eine schwere Zeit hinter sich und musste sich erstmal in seiner neuen Umgebung einfinden.

Schweigend liefen die beiden also durch die lange Unterführung und verließen den Hauptbahnhof durch den Seiteneingang. Nachdem sie ein paar Minuten gelaufen waren, blieb Johannes plötzlich stehen.

„Wo is´n dein Auto?“ Fragend zog er die Augenbrauen hoch.

„Ich wohne ganz in der Nähe, darum bin ich zu Fuß hergekommen“, antwortete Helena.

Johannes verdrehte die Augen und zeigte ihr damit deutlich, wie uncool er das fand.

Verärgert lief Helena weiter. Na, das konnte ja heiter werden!

Nach einer knappen Viertelstunde kamen die beiden in Helenas Wohnung an.

„So, da wären wir“, rief Helena gespielt freundlich und warf ihren Schlüssel in das kleine Schälchen auf der Kommode. „Fühl dich ganz wie zu Hause.“

Sie wollte gerade damit anfangen, Johannes ihre Wohnung zu zeigen, als ihr Blick auf seine schmutzverkrusteten Chucks fiel.

„Bitte zieh doch die Schuhe in der Wohnung aus, sei so nett“, bat sie ihn.

„Echt jetzt?“ Entnervt verdrehte der junge Mann wiederum die Augen und ließ seinen Rucksack auf den Boden fallen, bevor er sich daran machte, die Schnürsenkel zu lösen. Ohne große Überraschung bemerkte Helena die zwei großen Löcher in Johannes ehemals weißen Socken, die eine unangenehm gräuliche Färbung angenommen hatten und nicht besonders gut rochen.

„Na komm, dann zeige ich dir jetzt mal meine Wohnung.“ Sie öffnete die erste Tür. „Hier ist das Badezimmer. In der Schublade findest du frische Handtücher und dort in der Ecke ist der Wäschekorb.“ Johannes sah sich ohne großes Interesse um. Helena lief weiter. „Das hier ist die Küche. Du nimmst dir einfach, was du willst. Wenn etwas fehlt, sag mir Bescheid.“ Johannes öffnete den Kühlschrank und besah sich dessen Inhalt.

„Wo is´n die Cola?“ Fragend sah er Helena an.

„Ähm, ich habe leider keine Cola. Tut mir leid! Ich trinke am liebsten Wasser aus der Leitung. Wir haben hier in Augsburg sehr gutes Leitungswasser, musst du wissen.“

Johannes sah sie entsetzt an. „Leitungswasser? Echt jetzt? Ohne mich! Du musst unbedingt Cola kaufen!“

Helena war sprachlos! Was fiel diesem Kerl eigentlich ein? Sie wollte gerade tief Luft holen, um ihm ihre Meinung zu geigen, als ihr das Gespräch mit Jenny wieder einfiel. Sie hatte versprochen, sich zu bemühen!

„Gar nicht weit entfernt ist ein Supermarkt, wo du dir selbst deine Cola kaufen kannst. In der Zwischenzeit wirst du sicherlich nicht verdursten..“ Helena war stolz auf sich. Das hatte sie gut gemeistert, wie sie fand, und in Gedanken klopfte sie sich selbst auf die Schulter.

„Und wo schlafe ich?“, fragte Johannes nach.

„Komm mal mit. Ich zeige es dir.“ Helena lief ihm voraus ins Wohnzimmer. „Hier kannst du schlafen.“ Sie deutete auf die Couch und das bereitgelegte Bettzeug. „Und in dieser Truhe dort drüben ist genug Platz für deine Kleidung.“

„Das ist das Wohnzimmer!“, zischte Johannes verärgert. „Ich schlafe doch nicht in einem Wohnzimmer. Sag mal, geht´s noch!“ Er funkelte Helena wütend an.

„Jetzt hör aber mal zu! Ich habe nur ein Schlafzimmer, und deshalb wirst du wohl oder übel mit dem Wohnzimmer vorlieb nehmen müssen!“, gab Helena gereizt zurück.

„Kommt gar nicht in Frage! Ich brauche meine Privatsphäre! Ich schlafe jedenfalls nicht im Wohnzimmer!“ Wütend starrten sich die beiden an. Was für eine Unverschämtheit! Was bildete sich dieser Bengel eigentlich ein? Helena schäumte vor Wut.

„Bitte, Lenchen. Es ist doch nur für ein paar Wochen“, hörte sie in Gedanken auf einmal die sanfte Stimme ihrer Mutter. Laut seufzend gab sie das Blickduell auf und lenkte ein.

„Na gut, du kannst mein Zimmer haben. Aber zuerst muss ich noch ein wenig umräumen, schließlich sind meine ganzen Klamotten darin.“

Zufrieden nickte Johannes und folgte Helena in deren Schlafzimmer, nachdem er seinen Rucksack aus dem Gang geholt hatte.

„Groß ist es ja nicht gerade, aber es wird schon gehen.“ Der Jugendliche warf seinen Rucksack auf Helenas Satinbettwäsche und wollte sich gerade auf dem Bett niederlassen.

„Nichts da!“

Erstaunt sah Johannes seine Großcousine an.

„Zuerst müssen wir umräumen!“, sagte Helena bestimmt.

Sie scheuchte Johannes ins Wohnzimmer und hieß ihn, das Bettzeug umzuziehen. Dann brachte sie ihre Bettwäsche zur Couch und holte anschließend noch ihre Unterwäsche und andere Klamotten, die sie zähneknirschend in der Truhe im Wohnzimmer verstaute.

„Ich hau mich dann hin“, ließ sie der junge Mann nach getaner Arbeit wissen und verzog sich in „sein“ Zimmer.

Helena ließ sich auf die Couch fallen. Was für ein denkbar schlechter Beginn! Johannes schien derart unnahbar, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie mit ihm umgehen sollte. Und wenn sie ganz ehrlich war, wollte sie das eigentlich auch gar nicht! Nicht, wie er sich eben präsentiert hatte ... In der eigenen Wohnung auf die Couch verbannt! Das war wirklich ein starkes Stück! Na, wenigstens stand ihren geliebten Fernsehabenden jetzt nichts mehr im Weg.

Johannes ließ sich den ganzen Nachmittag nicht mehr blicken. Helena hatte gegen vier Uhr leise an seine Zimmertür geklopft, weil sie ihn fragen wollte, ob er etwas benötige oder ob er Lust auf einen Stadtrundgang mit ihr hätte, hatte aber keine Antwort erhalten. Die lange Zugfahrt hatte ihn sicherlich erschöpft. Immerhin hatte die Fahrt über sieben Stunden gedauert.

Als sich gegen 18 Uhr immer noch nichts regte, beschloss Helena, einen leckeren Salat für sich und Johannes herzurichten. Fleißig schnippelte sie allerlei verschiedene Blattsalate nebst Paprika, Radieschen, Tomaten und Gurken und kochte sogar Eier, mit denen sie die Salate garnierte. Als sie gerade etwas Kresse auf die Eier rieseln ließ, klingelte es an der Wohnungstür. Helena erwartete keinen Besuch und öffnete daher gespannt die Tür.

„Grüß Gott. Ich habe hier die bestellte Familienpizza Salami für Sie. Das macht 16,50€.“ Ein etwas klein geratener Mann mit schütterem Haar und einem knallgelben Polo-Shirt mit der Aufschrift „Pizza Express“ hielt ihr auffordernd einen großen dampfenden Karton entgegen.

Helena starrte ihn entgeistert an. „Ich habe gar keine Pizza bestellt! Sie müssen sich in der Wohnung geirrt haben.“ Sie schüttelte den Kopf und wollte die Tür eben wieder schließen, als der Pizzabote ihr seinen Lieferschein unter die Nase hielt.

„Hier steht´s schwarz auf weiß. Familienpizza Salami auf den Namen Hansen! Hier auf ihrem Klingelschild steht ebenfalls Hansen! Das macht 16,50€, Fräulein.“ Helena wollte vehement protestieren, als ihr siedend heiß einfiel, dass ja neuerdings noch ein Hansen bei ihr wohnte.

„Steht da auch ein Vorname?“, hakte sie nach.

Der Pizzabote hielt sich kurzsichtig den Schein direkt vor die Augen.

„Hier steht nur Jo, mehr nicht. 16,50€, wenn´s recht ist. Ich muss endlich weiter!“

Jo Hansen! Helena nahm die Pizza widerstrebend entgegen und entlohnte den Boten. Danach brachte sie den dampfenden Karton in die Küche. Als ihr Blick auf den liebevoll hergerichteten Salat fiel, übermannte sie der Zorn. Was fiel diesem Halbstarken eigentlich ein? Seit Stunden vergrub er sich in seinem Zimmer – in ihrem Zimmer! – und ließ sich nicht sehen! Sie hatte nicht übel Lust, die Pizza in den Müll zu werfen, um ihm damit eine Lektion zu erteilen! Ihr Blick fiel auf die Rechnung, die auf der Schachtel lag. Familienpizza ... Hmmm ... Helena setzte sich nachdenklich und nahm den Zettel in die Hand. Was war sie nur für ein misstrauischer Mensch! Auf einmal fühlte sie sich richtig schlecht. Der Junge hatte für sich und seine Großcousine eine Pizza bestellt. Wahrscheinlich wollte er ihr nur das Kochen ersparen. Helena musste unwillkürlich lächeln. Wie lieb von dem Jung! Sie stand auf und stellte zwei Teller auf den Tisch, dann lief sie den Gang entlang und klopfte an ihrer – nein, an seiner – Zimmertür.

„Johannes?“ Helena lauschte, konnte aber nichts hören. Sie klopfte etwas vehementer. „Johannes? Hörst du?“ Kein Geräusch. Helena öffnete vorsichtig die Tür und spähte in den Raum. Johannes lag auf ihrem Bett und hörte mit geschlossenen Augen über seine Kopfhörer Musik. Deutlich konnte sie das laute Dröhnen vernehmen. „Johannes!“ Sie rüttelte sanft an seiner Schulter. Er öffnete die Augen und starrte sie entsetzt an.

„Sag mal, geht es eigentlich noch? Du kannst doch nicht einfach in mein Zimmer kommen! Kannst du nicht anklopfen?“

Helena spürte wieder den altbekannten Ärger in sich aufwallen, riss sich aber zusammen. „Zu deiner Information: ich habe mehrfach geklopft, aber du hast mich wegen diesen Dingern nicht gehört.“ Sie deutete auf seine Kopfhörer.

Er sah sie zweifelnd an, ließ es aber dabei bewenden. „Was willst du eigentlich?“ Sein Ton war nicht eben freundlich.

„Die Pizza, die du bestellt hast, ist gekommen.“

Mit einem großen Satz sprang er aus dem Bett. „Sag das doch gleich!“ Er drängte sich an Helena vorbei aus dem Zimmer und lief zur Küche. Seine Großcousine lief schmunzelnd hinter ihm her. Ein hungriger Teenager! Sieh mal einer an! Wenn er hungrig war, konnte der Jung doch tatsächlich schneller laufen. Als sie die Küche fast erreicht hatte, kam ihr Johannes bereits wieder entgegen, den Pizzakarton auf den Armen balancierend. Bevor Helena reagieren konnte, war er schon an ihr vorbei und wieder in seinem Zimmer verschwunden. Die Tür zog er mit seinem Fuß lautstark hinter sich zu. Die Kommissarin stand wie erstarrt in ihrem Flur, in dem der Duft nach leckerer Pizza hing. Was war das denn jetzt? Langsam ging sie in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Das war doch wohl die Höhe! Kopfschüttelnd sah sie auf den gedeckten Tisch und die zwei großzügig gefüllten Salatschüsseln. Sie musste dringend ein ernstes Gespräch mit dem jungen Mann führen! Es hieß, Grundregeln aufzustellen! Vielleicht war es bei ihm daheim erlaubt, aber bei ihr würde er nicht in seinem Zimmer essen, sondern am Esstisch, so wie es sich gehörte!

Morgen! Morgen würde sie das Gespräch mit ihm suchen. Heute war Helena einfach zu platt, um sich mit dem unfreundlichen Jugendlichen auseinanderzusetzen. Sie schnappte sich ihren Salat, aber so richtig genießen konnte sie ihn nicht, bei dem durchdringenden Geruch nach Pizza, der noch in der Küche hing ...

Wenig später ließ sich Helena auf ihre Couch fallen. Wenigstens fernsehen konnte sie! Sie versuchte, das Positive an der Situation zu sehen. Johannes hatte sich nicht mehr sehen lassen, seit er mit der Pizza verschwunden war, und sie bezweifelte, dass er sich mit ihr eine Sendung ansehen wollte. Umso besser! Dann hatte sie wenigstens ihre Ruhe! Zwei Stunden lang versuchte Helena, sich vom Fernseher ablenken zu lassen, doch schließlich gab sie auf und stellte den Apparat ab. Sie machte sich für die Nacht fertig und legte sich schließlich auf die Couch. Sonderlich bequem war sie ja nicht, aber für ein paar Wochen würde es schon gehen. Nach einer weiteren durchgegrübelten Stunde fielen ihr schließlich die Augen zu.

Ein lauter Knall weckte sie. Helena brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Richtig, sie lag ja im Wohnzimmer! Sie hörte lautes Rumoren aus der Küche und schaute auf ihre Uhr. Es war kurz vor vier Uhr morgens! Was ging da nur vor sich? Helena stand auf und lief zur Küche. Die Kühlschranktür war weit geöffnet und das Licht aus dem Inneren beleuchtete die Gestalt, die gerade dabei war, sich durch dessen Inhalt zu wühlen.

„Was machst du da?“, fragte sie mit vom Schlaf noch heiserer Stimme.

Johannes fuhr herum. Er war nur mit Boxershorts bekleidet und hielt eine Flasche Saft in der Hand.

„Ich suche was zu trinken“, ließ er sie schroff wissen, bevor er sich wieder dem Kühlschrankinneren widmete.

„Es ist mitten in der Nacht!“

Johannes zuckte mit den Schultern. „Wenn ich Durst habe, habe ich Durst.“

„Was suchst du eigentlich?“ Helena musste gähnen und hielt sich die Hand vor den Mund.

„Cola oder sowas. Halt was Richtiges!“

„So etwas habe ich nicht. Das habe ich dir doch schon gesagt! Du kannst Saft trinken oder noch besser, Wasser.“

Johannes drehte sich wieder um und starrte seine Großcousine sprachlos an.

„Du hast echt keine Cola?“ Sein Ton sagte deutlich, dass er es nicht fassen konnte, dass jemand ohne Cola auskommen konnte.

Helena fühlte sich auf einmal richtig alt. In ihrer Jugend hatte sie auch gerne mal eine Cola getrunken, aber inzwischen war ihr ein kühles Glas Wasser deutlich lieber.

Johannes öffnete den Saft und trank direkt aus der Flasche. Helena zuckte leicht zusammen und machte eine geistige Notiz, dieses Thema bei ihrem Gespräch auch anzusprechen.

„Dann wirst du wohl welche besorgen müssen“, stellte er fest und machte die Kühlschranktür wieder zu. Er lief zurück zu seinem Zimmer. Nachdem er die Tür laut hinter sich ins Schloss fallen gelassen hatte, ging auch Helena langsam zurück zu ihrem unbequemen Behelfslager. Wieder lag sie lange wach. Erst als die Morgendämmerung durch die großen Wohnzimmerfenster drang, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Wenige Stunden später wachte Helena auf. Ihr Rücken tat ihr weh und sie brauchte ein paar Minuten, um sich ausgiebig zu strecken. Heute war Sonntag, ihr letzter freier Tag, bevor sie morgen wieder in die Arbeit gehen würde. Helena liebte ihren Job, aber der Urlaub hatte ihr gut getan. Bis gestern hatte sie sich richtig gut erholt gefühlt. Der Gedanke an ihren ungewünschten Besuch ließ sie die Stirn runzeln. Entschlossen stand Helena auf. Sie würde sich und Johannes ein schönes Frühstück machen und anschließend ein ernstes Gespräch mit ihm führen. Bestimmt würde das Zusammenleben mit ihm nicht so schlimm werden, wenn er erst mal wusste, wo es langging.

Nach einer ausgiebigen Dusche machte Helena sich fertig und richtete anschließend in der Küche das Frühstück her. Zwei Croissants wurden in den Ofen geschoben und Kräutertee aufgekocht. Der Geruch nach frisch Gebackenem vermischte sich mit dem würzigen Aroma des Tees. Helenas Laune steigerte sich automatisch. Nachdem sie energisch an Johannes Tür geklopft und laut „Frühstück ist fertig!“ gerufen hatte, wartete sie in der Küche auf dessen Erscheinen. Tatsächlich schlurfte der verstrubbelte Teenager kurze Zeit später in die Küche. „Warum schreist du denn in aller Herrgottsfrühe so herum?“ Er gähnte ausgiebig und kratze sich mit der Hand am nackten Bauch.

„Erstens, ist es jetzt bereits 10 Uhr, von aller Herrgottsfrühe kann also keine Rede sein. Zweitens gehst du jetzt zurück in dein Zimmer und ziehst dir was an.“ Streng sah Helena in das verblüffte Gesicht ihres Großcousins, der anscheinend nicht mit so einer strengen Ansage gerechnet hatte. Genervt verdrehte er die Augen, trabte aber gehorsam zurück und kam kurz darauf mit einem verknitterten T-Shirt bekleidet zurück. Helena ignorierte die fehlende Hose und beschloss, seine Boxershorts als Hose gelten zu lassen.

„Ich habe dir eine schöne Tasse Tee gemacht.“ Sie schob die dampfende Tasse über den Tisch auf Johannes zu. Der verzog angeekelt das Gesicht.

„Tee? Igitt! Den trink ich nur, wenn ich krank bin! Hast du keinen Kaffee?“

„Bist du nicht etwas jung für Kaffee?“, konterte Helena mit hochgezogenen Brauen.

„Ich bin 17! Wann hast du denn mit Kaffee trinken angefangen? Mit 30?“

Helena hielt die Luft an. So eine Unverschämtheit! Sie und 30! Sie war gerade mal 29! Was fiel dem denn ein! Helena würdigte ihn keiner Antwort. Aber um ehrlich zu sein, hatte sie Kaffee eigentlich noch nie gemocht. Sie liebte ihre Kräutertees und ihren Espresso, den sie sich hin und wieder gönnte. Seufzend stand sie auf und suchte ihren Kaffeefilter aus Porzellan, den sie mal von ihrer Tante geschenkt bekommen hatte. Anschließend setzte sie ihn auf eine Tasse, gab Kaffeepulver, von dem sich in einer verbeulten Dose zum Glück noch ein Rest fand, in einen Filter und goss kochendes Wasser darüber. Langsam begann der Kaffee durch den Filter in die Tasse zu träufeln.

Johannes griff sich derweil eines der noch warmen Croissants und biss krachend hinein. Helena schob ihm rasch einen Teller hin, in der Hoffnung, einen Großteil der Krümel aufzufangen.

„Möchtest du Butter oder Marmelade dazu?“

Johannes schüttelte den Kopf. Er war ohnehin schon fertig mit seinem Gebäckstück und griff bereits nach dem zweiten Croissant, das Helena eigentlich für sich selbst vorgesehen hatte. Unfassbar, dass der Junge nach dieser Riesenpizza am Abend überhaupt noch Hunger hatte! Sie überließ ihm großzügig ihr Croissant und holte sich eine Müslischale, in die sie Haferflocken und getrocknete Früchte gab. Inzwischen war auch der Kaffee fertig und Helena stellte die heiße Tasse vor Johannes. Sie beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und mit ihm zu sprechen.

„Du, Johannes, ich finde, wir sollten ein paar Regeln festlegen, damit wir beide gut miteinander zurechtkommen“, setzte sie vorsichtig an.

„Regeln? War ja klar!“ Sein demonstratives Augenrollen war ihr inzwischen wohlbekannt.

„Was soll das denn heißen? War ja klar?“, hakte Helena nach.

„Ihr Bullen seid doch immer so scharf auf eure Regeln!“ Sein Tonfall wurde schärfer.

Ihr Bullen? Sag mal, spinnst du? So etwas möchte ich hier überhaupt nicht hören!“, fuhr Helena ihn gereizt an. Auch wenn sie selbst das Wort in Gedanken hin und wieder verwendete, hieß das noch lange nicht, dass dieser Rotzlöffel das auch durfte!

„Immer nur ‚tu dies, tu das!‘ Mich kotzt das vielleicht an!“ Johannes stand auf und funkelte sie wütend an.

„Und auf dieses Scheiß-Praktikum bei deinen Scheiß-Bullen hab ich auch keinen Bock! Dass du es nur weißt!“ Er lief aus der Küche und knallte – Bääähm! – die Tür hinter sich zu.

Wow! Tolles Gespräch! Helena blieb kopfschüttelnd in der Küche zurück und gratulierte sich in Gedanken zu ihren herausragenden Fähigkeiten im Umgang mit Jugendlichen. Tief in Gedanken versunken löffelte sie ihr Müsli und zog sich anschließend mit einer frischen Tasse Tee auf den Balkon zurück. Der Gedanke, alles falsch gemacht zu haben, verursachte ein mieses Gefühl in ihrer Magengegend. So kam sie bei ihm nicht weiter. Unwillkürlich musste sie an Jenny denken. Ihre arme Cousine! Kein Wunder, dass sie bei dem Rotzlöffel den Kürzeren gezogen hatte! Aber nicht mit ihr! Sie würde sich diesen halbstarken Tunichtgut schon noch zurechtstutzen! Immerhin hatte sie es in ihrem Job mit weitaus schlimmeren Gestalten zu tun! Einigermaßen beruhigt trank Helena ihren Tee aus und genoss den Ausblick über die Dächer Augsburgs, die im sanften Sonnenlicht fast golden schimmerten.

Eine halbe Stunde später hatte Helena sich soweit gefangen, dass sie einen weiteren Vorstoß wagte. Sie suchte Johannes in seinem Zimmer auf, um ihn zu einem Stadtrundgang einzuladen. Immerhin war er zum ersten Mal in der schönen Fuggerstadt.

„Nein, danke.“

„Wie jetzt? Einfach nein danke?“ Helena sah Johannes, der wieder mal mit seinen Kopfhörern auf dem Bett lag, entgeistert an.

„Du hast´s erfasst!“ Seine braunen Augen blitzten sie herausfordernd an.

Helena beschloss, sich nicht provozieren zu lassen. „Na komm schon! Ab morgen müssen wir den ganzen Tag ins Präsidium!“ – wofür sie erneutes Augenrollen erntete – „Und heute ist doch so schönes Wetter!“

„Keinen Bock! Geh du doch raus, wenn du unbedingt willst!“ Johannes drehte die Musik lauter, dass es nur so aus den Kopfhörern dröhnte und lehnte sich demonstrativ mit geschlossenen Augen zurück. Die Audienz war offensichtlich beendet.

Dann eben nicht! Genervt schloss Helena die Tür und zog sich wieder auf den Balkon zurück. Auf einen Stadtrundgang mit diesem ewig genervten Teenager hatte sie sowieso keine Lust. Viel lieber ließ sie ihren Urlaub gemütlich ausklingen, indem sie auf dem Balkon ihr Buch zu Ende las. Gesagt, getan. Die nächsten Stunden gelang es Helena tatsächlich, sich von ihrem häuslichen Ärger abzulenken. Das spannende Buch und die gemütliche Atmosphäre ihres Balkons trugen gewaltig dazu bei.

Nach einem schweigsamen Abendessen, bei dem Johannes nur einsilbige Antworten gab, verbrachten die beiden unfreiwilligen Mitbewohner ihren Abend wieder getrennt voneinander, Helena fernsehschauend in ihrem Wohnzimmer, Johannes, wer weiß was tuend, in seinem Zimmer. Helena hatte ihn noch darauf aufmerksam gemacht, dass sie spätestens um halb acht zum Präsidium aufbrechen mussten, um pünktlich zu sein. Als sie um elf Uhr schließlich in ihre Decke gekuschelt auf dem Sofa lag, ließ sie ihren Urlaub nochmal Revue passieren. Die Zeit war schnell vergangen, was zeigte, dass sie sich wirklich gut amüsiert hatte, bei ihren Treffen mit Franzi und den langen Spaziergängen durch den Siebentischwald. Langweilig war es ihr nie geworden, im Gegenteil: Helena hatte die Zeit ausgiebig genutzt, mit ihrer neuen Heimat noch vertrauter zu werden. Je mehr sie von Augsburg sah, umso besser gefiel es ihr und umso wohler fühlte sie sich. Sicherlich, sie vermisste ihre Heimatstadt Hamburg immer noch sehr, aber die Fuggerstadt hatte auch bezaubernde Ecken. Mit diesem schönen Gedanken schlummerte die junge Kommissarin bald darauf ein.